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Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene (1928)

Oskar Maria Grafs "Wir sind Gefangene", 1927 erschienen im Drei Masken Verlag, hier das Buchcover von 1928 beim Verlag Büchergilde Gutenberg
Oskar Maria Grafs „Wir sind Gefangene“, 1927 erschienen im Drei Masken Verlag, hier das Buchcover von 1928 beim Verlag Büchergilde Gutenberg

Im Jahre 1922 wurde erstmalig das Werk „Frühzeit“ im Malik-Verlag als Band V der Roten-Roman-Serie veröffentlicht. 1927 erschien das Werk „Wir sind Gefangene“, in dem Oskar Maria Graf „Frühzeit“ erweitert und ein weiterer Teil mit dem Titel „Schritt für Schritt“ hinzufügt.
An dieser Stelle soll zunächst das Werk „Frühzeit“ in seiner ersten Fassung aus dem Jahre 1922 thematisiert werden.
Oskar Maria Graf schildert in „Frühzeit“ Jugenderlebnisse, die die Zeit von seinem 11. bis zu seinem 23. Lebensjahr umfassen. Die Aufzeichnungen beginnen 1905 und enden im Jahre 1917. In einer Vorbemerkung versichert Graf, dass es sich bei dem Werk um ein Dokument der Zeit handle, welches ausschließlich die Wahrheit und nichts Erfundenes beinhalte.
„Frühzeit“ ist in 19 Abschnitte gegliedert, in denen chronologisch die Jugenderlebnisse des Hauptprotagonisten Oskars thematisiert werden.
Oskar ist ein kritischer Geist – auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens. Ausgangspunkt der Erzählung ist ein kleines Dorf, in dem Oskar mit den Eltern und seinen acht Geschwistern lebt. Der Familie gehört ein kleines Haus und eine eigene Bäckerei. Oskars Vater ist schwerkrank und stirbt bereits am Anfang des Werkes. Max, der Älteste unter den Geschwistern übernimmt die Leitung der Bäckerei und die Führung der Familie als Ersatzvater. Oskar und seine Geschwister leiden unter der Brutalität ihres älteren Bruders – einige Ältere verlassen das Dorf, die Zurückgebliebenen müssen sich in ihre eigenen Welten retten. Oskar und seine jüngere Schwester Anna flüchten in die Welt der Literatur. Sie bestellen sich Bücher und lesen selbige heimlich – mit viel Freude und Neugier. Beide entwickeln eine regelrechte Sucht nach neuen Werken.
Oskar beschließt Schriftsteller zu werden. Da Max vehement gegen dieses Vorhaben ist, lässt Oskar zunächst von seinen Plänen ab und widmet sich den Aufgaben in der Bäckerei. Die Vorliebe für Literatur bewahrt er stets – für geheime Momente allein oder mit seiner Schwester Anna.
Oskar wird beeinflusst und eingeengt von den familiären Verhältnissen. Die Arbeit in der Bäckerei, der brutale Bruder und die überforderte Mutter, hindern ihn daran seine Individualität auszuleben. Er geriet in Perspektivlosigkeit – sein einziger Sinn ist die Literatur und das Schreiben. Nachdem  das Geheimnis von Oskar und Anna auffliegt, reagiert Max mit heftiger Prügel.
Oskar ist entschlossen, zu fliehen und zieht nach München. Dort angekommen, muss er als Landkind mit den neuen Gegebenheiten in der Stadt zurechtkommen. Oskar mietet sich ein Zimmer und beginnt zu schreiben – er versendet seine Werke an unzählige Verleger, doch niemand erkennt sein Talent. Das Geld wird immer knapper, bis schließlich Theres – eine ältere Schwester, sich seiner annimmt. Sie fordert ihn auf, einer soliden Beschäftigung nachzugehen. Oskar beginnt als Liftfahrer in einem Geschäftshaus zu arbeiten. Diese Tätigkeit macht ihn krank – nach kurzer Zeit wirft er alles hin, verschanzt sich mehr als zuvor in seiner Wohnung, geriet als Fremder unter Fremden in Einsamkeit und widmet sich vollends schriftstellerischer Tätigkeiten.
Oskar lernt die Anarchisten-Gruppe „Tat“ kennen und erhält eine Beschäftigung innerhalb dieser Organisation. Zum ersten Mal fühlt er sich gebraucht und in seinem Talent verstanden. Graf arbeitet hier mit Klischees über Anarchisten, die er von seinem Hauptprotagonisten in kindlicher Naivität verbalisieren und entblößen lässt. Oskar hat ungeheure Vorstellungen von diesen sonderbaren Menschen und ist enttäuscht, als sich herausstellt, dass ein geheimes Anarchisten-Treffen lediglich eine Versammlung von kritischen Geistern ist, bei der über verschiedenste Themen der Gesellschaft und Politik philosophiert wird.
Oskar lernt Franz Jung kennen, der ihn in das Münchner Boheme-Leben der Zeit zerrt. Es geht ihm schlecht – Geld, um den Lebensunterhalt zu finanzieren, verdient er nicht, er hungert und flüchtet sich in Saufgelage mit Jung. Wieder ist es eines seiner Familienmitglieder, welches ihn aus dem finanziellen und seelischen Loch, herauszuholen scheint. Eugen, sein älterer Bruder kommt nach München und verschafft ihm eine Anstellung in einer Mühle. Auch diese Beschäftigung kann Oskar nicht ertragen – er flüchtet gemeinsam mit Georg Schrimpf in die Schweiz. Als erste Freiheit betrachtet, muss Oskar auch dort feststellen, dass die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben gewisse Zwänge und Pflichten birgt, die für niemanden zu umgehen sind – er flieht erneut.
In dem Zustand der Unzufriedenheit – dem Drang Schriftsteller zu werden und den Barrieren der Gesellschaft, bricht der erste Weltkrieg aus. Zunächst irritiert von steigender Euphorie für den Krieg und dem plötzlich aufkommenden „Wir-Gefühl“ der Deutschen, meldet schließlich auch er sich freiwillig für den Kriegsdienst. Eine düstere Phase im Leben des Protagonisten beginnt. Nicht verstanden und orientierungslos, wie er bereits zuvor durchs Leben strich, muss er nun feststellen, dass seine Unangepasstheit und sein stetiger Widerstand zwangsweise zu Ausschluss und Bestrafung führen. Er geriet in Auseinandersetzungen mit seinen Vorgesetzten und flüchtet erneut. Gefangen im Militärapparat, findet er andere Wege seiner Umgebung zu entkommen. So überspielt er zu Beginn sein Unbehagen gegenüber Befehlen, durch spottendes Lachen – er verfällt in regelrechte Lachanfälle, die ihn in den Arrest bringen. Die zweite Stufe seiner Flucht ist das Hungern während einer seiner Aufenthalte im Arrest. Oskar verweigert die Nahrungsaufnahme – wenn er krepieren müsse, dann durch sich selber und nicht durch die Abartigkeit des Krieges bzw. des Militärs. Der Höhepunkt seiner selbstgesteuerten Isolation ist das Verstummen.
Schließlich wird Oskar als Irrer in die Heilanstalt eingeliefert und unehrenhaft aus dem Militär entlassen – für ihn keine Tragödie, sondern vielmehr ein lang ersehntes Ziel.
Graf schafft es durch die Nähe seines Hauptprotagonisten, die Maschinerie des Krieges kritisch zu betrachten. Angefangen bei plötzlichem Patriotismus, der zuvor bestandene Zwistigkeiten nichtig erscheinen lässt – „Wir für Deutschland“. Bis hin zu ausbleibender Skepsis gegenüber dem Krieg an sich bzw. seiner Akteure.

Warum wurde „Frühzeit“ anfänglich verschont und letztendlich doch verbrannt?

Am 10. Mai 1933 wurde Grafs Werk „Frühzeit“ bei der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten verschont. Zwei Tage später am 12. Mai 1933 reagiert Graf mit seinem Protestartikel. „Verbrennt mich!“ wird in der Münchner Arbeiter-Zeitung veröffentlicht.

„(…) Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch schon gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer „Geistigen“ zu beanspruchen, mich auf ihre sogenannte weiße Liste zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann! Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen! (…)“1

Nach dieser Protestaktion wurden seine Bücher in der Münchner Universität verbrannt.
Warum wurden seine Werke anfänglich nicht auf die sogenannte „schwarze Liste“ gesetzt? Als ein Erklärungsansatz kann die tiefe Verwurzelung Grafs mit der deutschen – vor allem bayerischen Kultur angesehen werden. Graf ist 1894 in Berg, eine kleine Gemeinde am Starnberger See im Herzen Bayerns geboren worden und sieht sich dem tradtionsbewussten Leben verpflichtet. Folgende Werke können als Auswahl von Publikationen verstanden werden, die sich der bayerischen Kultur annehmen:

1924 „Bayerisches Leserbücherl Weißblaue Kulturbilder“ im Albert Langen Verlag, München

1928 „Das bayerische Dekameron“ im Verlag für Kulturforschung, Wien
1929 „Kalendergeschichten“ mit dem Anhang „Kleiner bayerischer Dialektspiegel“ im Drei-Masken Verlag, München
1935 „Der harte Handel. Ein bayerischer Bauernroman“ im Querido Verlag, Amsterdam

Außerdem gründete Graf 1926 den „Jung-Münchner-Kulturbund“ und organisierte kulturpolitische und politische Veranstaltungen.

Themen für die Betrachtung im schulischen Rahmen

Der Stadt-Land-Gegensatz spielt für den Hauptprotagonisten in „Frühzeit“ eine bedeutende Rolle. Ursprünglich in einem kleinen Dorf mit seiner Familie lebend, scheint er während seines ersten Aufenthalts in München den städtischen Gegenbenheiten kaum gewachsen. Die Verhältnisse auf dem Land engen ihn ein und hindern ihn an der Ausbildung seiner Individualität. Das generationsübergreifende Zusammenleben und die Verankerung beruflicher Tätigkeit im familiären Bäckerbetrieb beeinflussen die Persönlichkeitsentwicklung Oskars – er sehnt sich nach Vielfalt und Kreativität, nach freier Entscheidungsgewalt über eigene Ziele und berufliche Orientierungen. Für sein Bestreben Schriftsteller zu werden, sieht er innnerhalb seiner Familie und dem Landleben keine Möglichkeiten. Inwiefern Gegebenheiten des Umfeldes, Einfluss auf die Entwicklung eines Individuums nehmen – welche Umstände hinderlich bzw. fördernd wirken, könnte in einer Diskussion erörtert werden.
Die Thematik des 1. Weltkrieges bietet die Möglichkeit einer fächerübergreifenden Betrachtung. Möglich wäre die zeitgleiche Einbettung von „Frühzeit“ im Deutschunterricht und der Behandlung des 1. Weltkrieges im Geschichtsunterricht. Kenntnisse über die Historie des 1. Weltkrieges sind für das Verständnis einiger Schilderungen Oskars bei Kriegsausbruch und den Eindrücken als Soldat während der Kämpfe sehr hilfreich. Neben den historischen Gegebenheiten an sich, könnten weitere Aspekte thematisiert werden. Wie hat Graf die Kriegsthematik literarisch verarbeitet? Vergleiche zu anderen Autoren bzw. Werken bieten sich an und verdeutlichen, wie Erlebnisse während des Krieges literarisiert werden – zu unterschiedlichen Zeiten, von verschiedenen Individuen und in spezifischen Weisen. Auch der Prozess der Meinungsbildung spielt im Rahmen der Kriegsthematik eine wesentliche Rolle. Graf lässt seinen Hauptprotagonisten diesen Prozess in verschiedener Hinsicht durchleben. Oskar versucht sich zu finden – sich eine Meinung über das eigene Ich zu bilden. Dieser Prozess kann nicht ausschließlich individuell erfolgen – Anreize und Impulse von außen sind zwangsläufig einflussgebend. Die Einstellung zum Krieg kann dementsprechend nicht isoliert von Propaganda, von mehrheitlichen Tendenzen oder von dem Einfluss aus dem unmittelbaren Umfeld gewonnen werden. Oskar wird beeinflusst – er schließt sich der allgemeinen Euphorie, wenn auch nach zunächst skeptisch an und dient ebenfalls, wie viele andere, der Kriegsmaschinerie. Im Rahmen des Unterrichts könnte selbige Situation durchgespielt werden: Wie würdet ihr euch verhalten, wenn Freunde und Bekannte in den Krieg ziehen und behaupten, es sei das Richtige? Würdet ihr als einiger unter vielen, anders denken und handeln, wohlmöglich sogar die Isolation akzeptieren – aus Überzeugung?

Ein weiteres wesentliches Thema in „Frühzeit“ ist der Selbstfindungsprozess eines Heranwachsenden. Graf zeigt, wie problematisch die Einbettung von Individualität in familiäre, gesellschaftliche und historische Gegebenheiten, für die Herausbildung einer Persönlichkeit sein kann. Oskar ist stets gefangen. Beeinflusst von der eigenen Ungewissheit darüber, wohin die Reise des Lebens gehen soll. Eingeengt von den Verhältnissen in seiner Familie. Gebremst von gesellschaftlichen Zwängen, die es ihm abverlangen, einer soliden Beschäftigung nachzugehen, um schließlich im ewigen Kreislauf des Alltags nicht unterzugehen. Oskar ist hin- und hergerissen – zwischen der Welt der Kinder und der Erwachsenenwelt. Er variiert in seinem Verhalten zwischen einer derart kindlichen Naivität bis hin zu einer überzeugten Gegenwehr in Zeiten des Krieges, die von Reife und Entschlossenheit zeugt. Den Prozess des Heranwachsens und der Selbstfindung erleben Heranwachsende zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Schüler zu Wort kommen zu lassen, nach Meinungen zur eigenen Entwicklung bzw. zu eigenen Konflikten mit dem Umfeld zu fragen, kann eine rege Auseinandersetzung erzielen.

1 Graf, Oskar Maria: Verbrennt mich! Wiener Arbeiter-Zeitung, Nr.130, 46.                  Jahrgang, 12.Mai 1933.

AutorIn: unbekannt