Franz Kafka

1883  Am 3. Juli wird Franz Kafka in Prag geboren. Er ist das erste von insgesamt 6 Kindern von Hermann Kafka und seiner Frau Julie, geb. Löwy. Die jüdischen Eltern führen ein Geschäft mit Galanteriewaren im Kinski – Palais, einer der besten Adressen der Stadt. In der Familie wird überwiegend deutsch gesprochen, mit Bediensteten aber auch tschechisch. Der als übermächtig empfundene Vater war um ökonomische und nationale Assimilierung bemüht, ohne Verständnis für die Begabung seines Sohnes.

Die deutsche Minderheit machte 7% der Stadtbevölkerung aus.

1885-1888  Geburt zweier Brüder, die schon als Kleinkinder sterben.

1889-1892  Geburt der Schwestern Gabriele, Valerie und Ottilie.

1889-1893  Besuch der Deutschen Volks- und Bürgerschule.

1893-1901  Besuch des Altstädter Deutschen Gymnasiums. Abitur.

1901  Beginn des Jura-Studiums an der Prager Deutschen Universität.

1902  Oktober: Erste Begegnung mit Max Brod. Beginn der lebenslangen Freundschaft. Brod ermutigte K. zum Schreiben, drängte ihn gegen seine Selbstzweifel zur Veröffentlichung und vernichtete schließlich Kafkas Nachlass nicht, wie der testamentarische Wille lautete, sondern rettete ihn vor den Nationalsozialisten nach Jerusalem.

1904  Beginn der Arbeit an der 1. Fassung von Beschreibung eines Kampfes. Erste Begegnung mit Oskar Baum

1906  Juni: Promotion. Oktober: Beginn des einjährigen Rechtspraktikums am Landes- und am Strafgericht.

1907  Beginn der Arbeit an der 1. Fassung von Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande. August: Ferien beim Siegfried Löwy in Triesch (Mähren), einem Bruder von Julie Kafka. Begegnung mit Hedwig Weiler. Oktober: Anstellung als Hilfskraft bei der Versicherungsgesellschaft ›Assicurazioni Generali‹. Er stieg bis zum Obersekretär auf. Kafkas berufliche Aufgabe bestand darin, Ersatzforderungen der durch Arbeitsunfälle Geschädigten möglichst gering zu halten. Er kannte also die sozialen u. wirtschaftlichen Verhältnisse im böhmischen Industriegebiet sehr genau und verfasste mehrere Schriften zur Unfallverhütung.

1908  März: Erste Veröffentlichung: kleine Prosastücke unter dem Titel Betrachtung in der Zeitschrift ›Hyperion‹.

30. Juli: Eintritt in die halbstaatliche ›Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag‹.

1909  Beginn der erhaltenen Tagebucheintragungen. Erste Begegnung mit Franz Werfel. September: Reise mit Max Brod und dessen Bruder Otto nach Norditalien. Ausflug zu einem Flugmeeting, das Kafka in seinem Text Die Aeroplane in Brescia beschreibt. Herbst: Arbeit an der 2. Fassung von Beschreibung eines Kampfes.

1910  Oktober: Reise mit Otto und Max Brod nach Paris.

1911  August/September: Reise mit Max Brod in die Schweiz, nach Norditalien und Paris. Danach im Sanatorium Erlenbach bei Zürich.

Oktober: Bekanntschaft mit einer ostjüdischen Theatertruppe, die Kafka stark beeindruckt. Besuch zahlreicher Vorstellungen in jiddischer Sprache. Freundschaft mit dem Schauspieler Jizchak Löwy, der vom Vater vehement abgelehnt wird.  Kafka und sein Schwager Karl Hermann gründen die ›Erste Prager Asbest-Fabrik‹.

1912  Arbeit an der 1. Fassung des Romans Der Verschollene, die Kafka später vernichtet. Juni/Juli: Reise mit Max Brod nach Leipzig und Weimar. Begegnung mit den Verlegern Kurt Wolff und Ernst Rowohlt, die Kafka zur Einsendung eines Manuskripts auffordern. Aufenthalt im Naturheilsanatorium ›Jungborn‹ bei Stapelburg im Harz.

August: Erste Begegnung mit Felice Bauer.

September: Beginn des intensiven Briefwechsels mit Felice Bauer, der Frau, um die er einen fünf Jahre währenden Kampf - Verlobung, Entlobung und erneute Verlobung, Bruch führen sollte. Das Urteil entsteht innerhalb einer Nacht. Tägliche Arbeit an der 2. Fassung von Der Verschollene.

Dezember: Die Verwandlung entsteht. Der Verleger Kurt Wolff veröffentlicht die Kurzprosa Betrachtung als Buch.

1913  Januar: Abbruch der Arbeit an Der Verschollene.

März: In Berlin erstes Wiedersehen mit Felice Bauer.

Mai: Der Heizer (das 1. Kapitel von Der Verschollene) erscheint im Kurt Wolff Verlag.

Juni: Das Urteil erscheint im Jahrbuch Arkadia (hrsg. von Max Brod). Beginn der Freundschaft mit dem Schriftsteller Ernst Weiß.

September/Oktober: Reise allein nach Wien, Venedig, Gardasee. Sanatorium Dr. von Hartungen in Riva.

Oktober: Erste Zusammenkunft mit Grete Bloch, die zwischen Kafka und Felice Bauer vermitteln will. Beginn eines intensiven Briefwechsels mit ihr.

1914  1. Juni: Verlobung mit Felice Bauer.

12. Juli: Bei einer von Kafka als »Gerichtshof« empfundenen Auseinandersetzung in Berlin wird die Verlobung aufgelöst. Reise über Lübeck nach Marielyst (Dänemark).

Zögernd löste Kafka sich aus dem Bannkreis der Familie: erst 1914 (31jährig) bezog er ein Zimmer außerhalb der elterlichen Wohnung

28. Juli: Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg (Beginn des Ersten Weltkriegs). August: Beginn der Arbeit am Roman Der Process. Oktober: In der Strafkolonie entsteht. Dezember: Das Fragment Der Dorfschullehrer entsteht.

1915  Januar: Kafka gibt die Arbeit an Der Process auf. Erneute Annäherung an Felice Bauer. April: Reise nach Ungarn. Juli: In einem Sanatorium in Rumburg (Rumburk) in Nordböhmen. Oktober: Die Verwandlung erscheint bei Kurt Wolff. Carl Sternheim gibt die Preissumme des ihm verliehenen Fontane-Preises an Kafka weiter.

1916  Juni: Kafka wird (gegen seinen Willen) aus beruflichen Gründen vom Militärdienst freigestellt.

Juli: In Marienbad erster und einziger gemeinsamer Urlaub mit Felice Bauer. Neuerlicher Entschluss zur Heirat.

November: Kafka liest in München In der Strafkolonie (einzige Lesung außerhalb Prags). Er beginnt, ein Häuschen in der Alchimistengasse auf dem Hradschin zum Schreiben zu nutzen. Im folgenden Winter entstehen dort zahlreiche kürzere Erzählungen und Fragmente, darunter Ein Landarzt, Schakale und Araber, Beim Bau der chinesischen Mauer und Auf der Galerie.

1917  April: Ein Bericht für die Akademie entsteht. Sommer: Kafka beginnt, Hebräisch zu lernen.

11. August: Lungenblutsturz.

September: Kafka bittet wegen der diagnostizierten Tuberkulose um Pensionierung, was jedoch abgelehnt wird. Er übersiedelt zu seiner Schwester Ottla, die im nordböhmischen Zürau (Siřem) einen kleinen Hof bewirtschaftet.

Oktober: Kafka beginnt, aphorismenartige Texte zu schreiben.

Ende Dezember: Endgültige Trennung von Felice Bauer.

1918  Mai: Ende der Beurlaubung.

Oktober: Sturz der österreichisch-ungarischen Monarchie. Proklamation der Tschechoslowakei als Republik. Die Amtssprache in Prag, auch in Kafkas Versicherungsanstalt, ist fortan Tschechisch. Kafka erkrankt an der Spanischen Grippe. Ende November: Kafka fährt nach Schelesen nördlich von Prag, wo er (mit Unterbrechung) bis März in einer Pension lebt.

11.11.1918:  Beendigung des Ersten Weltkriegs durch Waffenstillstandsvertrag

1919  Ende Januar: In Schelesen Begegnung mit der Prager Angestellten Julie Wohryzek. Sommer: Verlobung mit Julie Wohryzek, die Kafkas Vater zuvor zu verhindern versuchte. In Kafkas Erzählung Das Urteil (1912) wird dies bereits prophetisch vorweggenommen.

Oktober: In der Strafkolonie erscheint bei Kurt Wolff. Die geplante Heirat mit Julie Wohryzek wird abgesagt, weil das Paar keine Wohnung findet.

November: In Schelesen schreibt Kafka den umfangreichen Brief an den Vater, der jedoch nie zu seinem Adressaten gelangt.

1920  März: Ernennung zum »Anstaltssekretär«.

April: Kafka fährt für drei Monate zur Kur nach Meran. Beginn des Briefwechsels mit Milena Jesenská.  Die Briefe an sie, die Übersetzerin seiner Texte ins Tschechische, sind Zeugnis einer leidenschaftlichen, Konflikte erzeugenden Liebe. Ihr als einziger gab Kafka seine Tagebücher und den Brief an den Vater, sein Lebensresümee, zu lesen.

Mai: Bei Kurt Wolff erscheint Ein Landarzt. Kleine Erzählungen.

 Juli: Kafka verbringt in Wien einige Tage mit Milena. Nach seiner Rückkehr nach Prag löst er die Verlobung mit Julie Wohryzek auf.

Dezember: Beginn eines achtmonatigen Kuraufenthalts in Matliary in der Hohen Tatra.

1921  Februar: Beginn der Freundschaft mit dem Medizinstudenten Robert Klopstock. August: Kafka tritt zum letzten Mal seinen Bürodienst an; nach acht Wochen wird er erneut krankgeschrieben.

1922  Januar: Beginn der Arbeit an dem Roman Das Schloss.

Februar: Kuraufenthalt in Spindelmühle (Špindlerův Mlýn) im Riesengebirge.

Frühjahr: Ein Hungerkünstler entsteht.

Juni: Forschungen eines Hundes entsteht. Kafka fährt für etwa drei Monate nach Planá in Südböhmen.

1. Juli: »Vorübergehende« Pensionierung.

August: Abbruch der Arbeit an Das Schloss.

1923  Juni: Letzte erhaltene Tagebucheintragung. Juli: Kafka fährt für etwa vier Wochen nach Müritz an der Ostsee, wo er Dora Diamant kennenlernt.

August: Für vier Wochen nach Schelesen.

September: Kafka übersiedelt nach Berlin-Steglitz. Wechselnde gemeinsame Wohnungen mit Dora Diamant. Sie leiden unter der Hyperinflation.

November/Dezember: Eine kleine Frau und Der Bau entstehen. Rapide Verschlechterung von Kafkas Gesundheitszustand.

1924  März: Rückkehr nach Prag. Josefine, die Sängerin entsteht.

April: Kafka reist in das Sanatorium ›Wiener Wald‹ in Ortmann, Niederösterreich. Diagnose der Kehlkopftuberkulose. Überführung in die Universitätsklinik Wien, dann in das Sanatorium Dr. Hugo Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg. Dora Diamant und Robert Klopstock pflegen Kafka, der kaum mehr schlucken kann und sich einer Schweigekur unterziehen muss.

3. Juni: Kafka stirbt gegen Mittag.

11. Juni: Bestattung auf dem jüdischen Friedhof in Prag-Straschnitz.

Post mortem

  • lediglich 2 Nichten überleben den nationalsozialistischen Rassenwahn
  • Kafkas Werk erlangte in den 30er Jahren in den USA und Frankreich Bekanntheit, in Deutschland erst in den 50er Jahren populär.
  • viele Autoren beziehen sich ausdrücklich auf ihn, z.B. Milan Kundera, Gabriel Garcia Marquez, Leslie Kaplan oder Elias Canetti

Aspekte zu Kafka

  • Warum wollte Kafka seine Bücher verbrennen lassen?

Ø  „Kafka war Perfektionist, hielt sein eigenes Werk nicht für Weltliteratur. Dazu zählten damals nur abgeschlossene Arbeiten – Kafkas Romane wie Das Schloss und Der Prozess blieben aber unvollendet.“(Kafka – Biograf Dr. Reiner Stach)

Ø  zu Lebzeiten verbrannte Kafka noch einen Großteil seiner Arbeiten, etwa das Zehnfache von dem, was erhalten blieb

  • Beispiele für Kafkas Antizipationen

Ø  In der Erzählung Das Urteil (1912) nimmt Kafka die Bemühungen seines Vaters vorweg, die geplante Heirat  mit Julie Wohryzek zu verhindern

Ø  Das Prosastück Ein Hungerkünstler (1922) erscheint wie eine Vorausdeutung des eigenen Todes zwei Jahre später

Ø  In der Strafkolonie (1914) antizipiert erzählerisch die Unmenschlichkeit des Ersten Weltkrieges

  •  Kafkas Verhältnis zur Religion

Ø  sein Verhältnis zum Judentum ist schwer zu bestimmen, er wusste sich der Religion seiner Väter fern, war aber zeit seines Lebens an Erscheinungen des Judentums interessiert: am jiddischen Theater (Rede über die jiddische Sprache. 1912), an der Zionistenbewegung, an jüdischen Brauchtum und Sozialeinrichtungen, an der hebräischen Sprache, die er zu erlernen suchte. Spuren dieses Interesses in seinem Werk sind rar und verschlüsselt. Andererseits finden sich Motive christlichen Denkens in seinen Texten, die sich auf Schuld, Opfer und Erlösung beziehen: »Ich bin nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben geführt worden wie Kierkegaard und habe nicht den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetmantels noch gefangen wie die Zionisten. Ich bin Ende oder Anfang«.  Brod hat in mehreren Büchern eine theologische Deutung von Kafkas Werk versucht. (Walter Killy)