Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg

27.01.1891 (Kiew) - 31.08.1967 (Moskau)

russischer Romancier, Publizist und Lyriker

In seiner Kindheit lernte Ehrenburg als Sohn einer bürgerlichen jüdischen Familie sowohl das traditionelle Leben der russischen Provinz kennen als auch die Ausbeutung des arbeitenden Menschen, die er in der Bierbrauerei, in der sein Vater arbeitete, beobachten konnte. In Moskau, wo er das Gymnasium besuchte, erlebte er die revolutionären Kämpfe, die der Revolution des Jahres 1905 vorangingen, und die Revolution selbst. Er schloss sich einer in der Schule gegründeten geheimen revolutionären Organisation an, verteilte Propagandamaterial, sammelte Geld  für Revolutionäre einer antizaristischen Schülerzeitschrift. Er wurde verhaftet und nach einer fünfmonatigen Haft, der eine strenge Aufenthaltsbeschränkung folgte, entlassen.
1908 emigrierte er nach Paris. Hier lernte er Lenin als Agitator auf Versammlungen und auch persönlich kennen. Ungeachtet der vorangegangenen Teilnahme an revolutionären Aktionen erwies sich die Weltanschauung des jungen Ehrenburg als ungefestigt. Er geriet in Paris unter den Einfluss der Bohème und löste sich vom politischen Leben. […]
Die Geschehnisse des ersten Weltkriegs, das menschliche Leid, das er unmittelbar als Korrespondent an der französisch-deutschen Front erlebte, führten Ehrenburg in die Wirklichkeit zurück […] die künstlerische Umsetzung der Ereignisse zeigt aber, dass Ehrenburg die klassenmäßigen, politischen und sozialen Hintergründe und Ursachen des Krieges nicht verstand, nicht jene Kräfte erkannte, die die Menschen aus der Not herausführen konnten. […]
Im Februar 1917 kehrte E. in die Heimat zurück. Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre vollzieht sich im Denken und Schaffen Ehrenburgs eine entscheidende Wende. In seinen Skizzen […] 10 loschadinych sil, 1930 (dt. Das Leben der Autos, 1932, 1960), zum Teil als literarische Montage angelegt, erklingt deutlich die Überzeugung, dass der Fortschritt siegen wird. E. bezeichnet das Jahr 1931 als das entscheidende Jahr, in dem er verstanden hatte, dass es Zeit sei, „seinen Platz in der Kampfordnung“ einzunehmen. […]
Während des Krieges gehörte E. zu den herausragenden Publizisten und Agitatoren. Seine Artikel und Aufsätze, die er in Frontzeitungen und Zeitschriften veröffentlichte, entlarvten den Feind und riefen zum Kampf. […] Auch nach dem Kriege widmete E. einen großen Teil seiner Kraft dem Kampf um die Erhaltung des Friedens. Als Publizist und aktives Mitglied der Weltfriedensbewegung entlarvte er die Propagandisten des kalten Krieges und verteidigte die politische und geistige Freiheit des Menschen. […] Sein letztes größeres episches Werk sind die Memoiren Ljudi, gody, shisn, 1961-1965 (dt. Menschen, Jahre, Leben, 1.Teil 1962). E. schuf ein bewegtes Bild des historischen, geistigen und kulturellen Prozesses dessen Augenzeuge er geworden war, den er allerdings sehr subjektiv sieht, deutet und wertet.
Am 7. August 1967, erlitt Ehrenburg einen Herzinfarkt, weigerte sich jedoch ein Krankenhaus aufzusuchen und verstarb wenig später am 31. August in Moskau. Der siebente und letzte Teil von Ljudi, gody, shisn blieb unvollendet.

Literatur

Ludwig (Hrsg.) Nadescha (1976): "Handbuch der Sowjetliteratur (1917 - 1972)"