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            Alfred Kerr war seit jeher ein vehementer Gegner des Krieges und er machte daraus auch keinen Hehl. Er setzte sich in seinen literarisch vielfältigen Ausdrucksformen neben den Themen der Theaterkünste auch mit den zeitgenössischen, literarischen und politischen Belangen auseinander, auf eine sehr direkte und zuweilen angenehm bissige Art und Weise. Bereits früh äußerte sich Kerr konsequent warnend in seinen Texten vor dem aufkommenden Nationalsozialismus, sein Name stand auf der ersten offiziellen Ausbürgerungs-Liste vom 23. August 1933, neben Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und anderen. 
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            Alfred Kerrs Reisebericht- und Textsammlung „Es sei wie es wolle, es war doch so schön!“, die 1928 im S. Fischer Verlag erschien, gliedert sich in drei Teile. Der erste umfasst Reisen, die er in den 1920er Jahren nach Europa, aber auch in Teile Deutschlands unternimmt, im zweiten und dritten Teil nimmt er seine Leserschaft mit durch das Berlin der Jahrhundertwende. Die beiden letzten Abschnitte sind sehr persönlicher, autobiografischer Natur. Im Vorwort macht Kerr deutlich, worum es ihm bei seinen kurzen Reisebeobachtungen geht: „Dies Buch enthält Quittungen für Erlebtes. Es ist ein Dank an das Glück; ein Gruß an den Schmerz. […] Der Kern: Sichtbare Beschwörung irdischen Bestands. […] Sonst zweierlei: Ein Sterblicher im Verhältnis zu öffentlichen Dingen seiner Zeit – und in der eigenen Entwicklung als Junggesell. […] Fast alles entstand auf der ursprünglichen Grundlage von Tagebüchern.“ (S. 7). 
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            Die Sammlung vereint kurze Prosatexte, auch kleine Anekdoten in der jeweiligen Mundart und auf den Reisen vor Ort gemachte Beobachtungen. Zu seinen Stationen gehören Orte in Italien, Frankreich, Spanien, England, der Schweiz und Polen. Kerr wandert durch die Berge, unterhält sich mit den Ortsansässigen und macht sich seine Notizen über kleine und große Begebenheiten, währenddessen entstehen auch Gedichte wie bspw. „Nachdenklichkeit“ von 1926: „[…] II. Ich lese still, von Luft umschwirrt, Und sinne … was aus Deutschland wird. Die Welt ist grün, die Welt ist groß; Man grübelt hier am Rande: Man hofft: jetzt geht die Wendung los [.] Im fernen Vaterlande. Dann liest man in den Spalten: ’s ist alles noch beim alten. […]“ (S. 32 f.). Kerr durchquert die Pyrenäen, liest die letzten Briefe Oscar Wildes und verfasst für den jüdischen Dramatiker und Lyriker Richard Beer-Hofmann ein Gedicht zu seinem sechzigsten Geburtstag. Als er den Wallfahrtsort Lourdes erreicht, notiert er kurz folgendes: „In einem pyrenäischen Teil, welcher der Steiermark als Anblick nahe kommt, ruht Lourdes, Wallfahrtsort. Ich habe vergessen, was Emile Zolas Roman darüber spricht. Sogar den Eindruck fast vergessen, den ich selber dort gehabt vor dem Krieg. […] Vergessen … Nur ist mir, als wäre die Zahl der Heilungen geringer jetzt, nach der großen Menschenschlacht. (Vermutlich, weil zwölf Millionen Erdbewohner der Heilung nicht mehr bedürfen.)“ (S. 67).              
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          <p>
            An der italienischen Küste sinnt er über den sich ausbreitenden Nationalismus und notiert: „Die Sekte wächst zum europäischen ‚…ismus‘ – der in Bulgarien mit Blut schreibt, in Italien als Gegenmacht Herren Mussolini erfand, in Persien umgeht, in Deutschland Todesurteile weckt, in Japan Überraschungen zeugt, in Washington Abwehr gebiert, eine sich schon halb sozialistisch glaubende Welt ins Schwanken bringt. Wieviel andre Weltbewegungen kreuzen sich, knoten sich – und im Grunde geht es um … Verteilung. Alles das dauert noch, unter Brüdern, hundert Jahre. Den Abschluss seh’ ich nicht – du auch nicht. Keiner, der heut atmet.“ (S. 91). Den Teil seiner Mittelmeer-Wanderung leitet Kerr mit den folgenden Gedanken ein: „Das Beste, was uns die Geschichte gibt, ist die Begeisterung – sagt Goethe? Hm. Die hält sich in gewissen Grenzen.“ (S. 101).  
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            Als ein großer Bewunderer Heinrich Heines wandelt er in Lucca auf dessen Spuren und vergleicht die Beschreibungen Heines in „Die Bäder von Lucca“ mit seinen (Gegen)Beobachtungen: „Die Ausgabe her!! – ‚Es war schon Nacht, als ich die Stadt Lucca erreichte.‘ Die Häuser der Stadt nennt er ‚hoch und trüb‘. Nein: heute wirken sie vornehm – verschollen … und edel-sauber. Die Ausgabe her!! ‚Vor einem alten Palazzo lag ein schlafender Bettler mit ausgestreckter Hand.‘ Der sitzt noch da; seit 1828 … Möcht’ er den Mussolini bald überleben!“ (S. 124). Im Anschluss kann man die Rede Kerrs zur Einweihung des Heine-Denkmals in Hamburg 1926 lesen. Auf San Lazzaro trifft Kerr auf einen armenischen Geistlichen, die Insel wird seit dem 18. Jahrhundert von armenischen Mönchen bewohnt. „Es war der Pater Aucher (armenisch Awkjer), der auf diplomatischen Reisen zu Beginn des Krieges nach Deutschland fuhr – und zu Matthias Erzberger ging. Mit dem war er befreundet. Der Pater sprach ihm von dem grausigen Massenmord unter Armeniern. Erzberger wollte sein Bestes dawider tun – dann jedoch schrieb er, die Nachrichten über das Gemetzel seien übertrieben … Sie waren aber nicht übertrieben. […] Ist es Deutschland gewesen, das die schmierigen Greuel der Türken geduldet hat? – Nein. Bloß ein Teil des deutschen Militarismus. Awkjer, so leid es ihm war, verhehlte nicht, daß deutsche Offiziere keineswegs nur zugeschaut; sondern an den Schlächtereien mitgetan. Warum? Weil im Kriege sich das Tier entfesselt […]“ (S. 135 f.). 
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            Auf seinen Reisen setzt Alfred Kerr den von ihm verehrten Autoren wie Heine, Frank Wedekind und Gerhart Hauptmann Denkmäler. In Breslau schreibt er 1922: „Eine Stadt ist auf den Beinen … für die Kunst. Für einen Landsmann, der nicht nur Bewohnern dieser väterisch-herrlichen Ecke Deutschlands etwas geworden ist – sondern ferne Träumer andrer Kontinente durch sein gestaltendes Wort erbeben ließ; ihre Herzen, trotz dem fremden Sprachklang, aufrührt; und Menschen besser macht. Das ist es: einer, der mit seinem Werk die Menge nicht nur sättigt, sondern sittigt. Ein Schlesier.“ (S. 168). Im folgenden Berlin-Teil versammelt Kerr sämtliche Beobachtungen und Kuriositäten, die sich im Berlin der Jahrhundertwende zugetragen haben. Die kleinen Prosastücke und Gedichte quillen über vor Lokalkolorit, Dialekten, Skurrilitäten und lassen ein lebendiges, buntes und lautes Stadtbild entstehen, sozusagen eine Momentaufnahme, die sich äußerst spannend liest. Kerr beschreibt die Menschen, das Geschehen auf den Theaterbühnen, in den Feuilletons, auf den Straßen, am Tag und in der Nacht.
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            Keinen Hehl macht er daraus, dass er von Otto von Bismarck, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner nicht viel hält, indem er wissen lässt: „Ja, die Deutschen haben der Welt die neue Musik gegeben, die neue Politik, die neue Philosophie. Und wenn man die drei Vertreter betrachtet, Wagner, Bismarck, Nietzsche, hier nach dem Gemeinsamen forscht – so läßt sich leider nicht verhehlen, daß ein Zug ihnen gemeinsam ist: dem Wagner, dem Bismarck, dem Nietzsche. Ein Zug, der sie nicht bloß etwa von der stillen Größe einer goethischen Tassowelt (oh nein, das ist schöne Treibhausluft): sondern von umfassend-moderner Menschenkultur überhaupt trennt. […] Vor solchem Finale, dessen Melodie in der Ferne stärker schon erbraust, verstummen schließlich drei Idealgötzen dieses seltsam großen, seltsam wilden, seltsam irrenden Jahrhunderts: der choralschwache Übermensch; der musizierende Nationalspekulant; der Blut- und Eisenherr […]“ (S. 291 f.). 
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            Als es am Abend mal ein schweres Gewitter gibt, sinniert Alfred Kerr über sein Ende und befindet: „In dieser Spanne, mittendrin: vor dem Einfrieren des Erdsterns, aber nach dem zehntausendjährigen Hitzgewitter, - zwischendurch bin und denk’ ich hier; ein Fristchen lang … und schreibe. Soll etwan auch mein Geschreib’ jemals untergehn? … Eli, - das, das, das kannst du nicht wollen. Versprich …! Gut. Erlauchter Familienchef vom Sinai! Bei allen meinen Vettern, den Erzengeln: ich traue dir. Immerhin zur Sicherheit: ich habe gelebt und –.“ (S. 417).
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            Text: Katrin Huhn
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         VII.</p>
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         Von den Heuwocken, den Stecken, darum das Heu <lb/>
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         der See. Dichtwild alles davor durcheinandergewachsen; <lb/>
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         Weggeholt ist es heute. Sie dürfen es nicht behalten! <lb/>
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         Südtirol den Italienern zu lassen. Er war also nicht ein <lb/>
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         Mit Speck fängt man Mäuse. Nein, man fängt sie <lb/>
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         Sondern die Kuh hat in Chiusa zu stürzen. </p>
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         Kurz: Welt-Entwicklung. Aufstieg. Europa-Kultur. </p>
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         VI. (Der wirklich schönste Abend) </p>
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         Und jetzt kam das Merkwürdige. Freilich war es ein <lb/>
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         (Rede vom Februar 1926) </p>
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         Wenn einer Tuba, einer Flöte bläst. <lb/>
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         unter ins Meer. Mit Laubwipfeln und Pelzgebüsch, <lb/>
         (Mit Laubwipfeln und Pelzgebüsch.) </p>
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         Die Gäste waren deshalb schon weg — und einsam <lb/>
         im Mittagslicht glomm die altrömische Inschrift: </p>
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         Überreste vom Konsulat des Cajus Tullius Piccadilly. </p>
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         III. </p>
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         Nur acht Familien, hitzfest, klammern sich noch an <lb/>
         den träumerischesten der Gasthöfe. (Mit Blumen- <lb/>
         zauber — auf ansteigendem Gefild.) </p>
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         Zum Dank für den Mut werden sie nun ein Raub der <lb/>
         Kälte; — sowie Knospen im Grunewald von schein- <lb/>
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         durch einen preußischen Frost hernach zu krepieren. </p>
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         Gnadenfrist rang, weckte die Villa Zirio beklommenes
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         Die deutsche Bezeichnung „Kursaal“ steht noch am <lb/>
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         lico, schloß ich auf der Straße Bekanntschaft. Noch in <lb/>
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         (Lest lieber Carduccis Übertragung.) </p>
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         Der ungebesserte Wahn ... mit vertauschtem Inhalt. </p>
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         Soll die Entwicklung immer nur eine Wippe sein? </p>
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         Wer macht die Wippe wagrecht fest? </p>
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         dahin obdachlosen) H. Heine ... doch jenseits davon, <lb/>
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         mäler. Geplattete Plätze. Versteinte Straßen. Kurz: <lb/>
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         Der Alte kommt wieder vorbei; sie ruft strahlend: <lb/>
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         Es wird auch zuviel umgegraben; Erika ausgerottet; <lb/>
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         Von verwehten, irren Seligkeiten...“ </p>
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         verhallt in der Luft. Dann ... still. </p>
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         Stiege nach dem Treppenhaus. Er klomm voran. </p>
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         In allen Gesprächen lügt sie mit großer Kälte. Herrn <lb/>
         Amtmann Buff; auch den Doktor Goethe verleugnet <lb/>
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         Es geht wider „den“ Chinesen. Mit Waldersee ... <lb/>
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         lings-Anfang. Doch etwas ist verändert. </p>
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         Es blühen aber Magnolien und Begonien; die ersten <lb/>
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         Ich bekam sie jeden Tag. Aus jedem Nest. Es lag <lb/>
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