<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-model href="http://www.deutschestextarchiv.de/basisformat.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="dtabf">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="main">Lerne lachen ohne zu weinen</title>
        <author>
          <persName ref="http://d-nb.info/gnd/11862444X"><lb/>
            <surname>Tucholsky</surname>
            <forename>Kurt</forename>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher><lb/>
          <orgName>Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien</orgName>
          <email>redaktion@juedische-geschichte-online.net</email>
          <address>
            <addrLine>Am Neuen Markt 8, 14467 Potsdam</addrLine>
          </address>
        </publisher>
        <availability>
          <licence target="http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/">
            <p><lb/>
              Dieses Werk ist gemeinfrei. Digitalisat aus der Sammlung Salzmann der
              Universitätsbibliothek Augsburg. Der annotierte Datenbestand ist eine Abwandlung von
              https://de.wikisource.org/wiki/Lerne_lachen_ohne_zu_weinen. </p>
          </licence>
        </availability>
        <idno><idno type="DTAID">source-18</idno></idno>
      </publicationStmt>
      <notesStmt>
        <note>
          <p> Mit seinen kritischen und von wachem Geist nur so strotzenden Texten, Glossen, Essays,
            Artikeln und Kulturkritiken, die bis heute ihre Aktualität nicht verloren haben, gehörte
            Kurt Tucholsky zu den hellsichtigsten und zugleich bissig-unterhaltsamsten Chronisten
            seiner Zeit. Aus diesem Grund geriet er schnell in das Visier der Nationalsozialisten.
            Sein Name wurde explizit auf der ersten Ausbürgerungsliste vom 23. August 1933
            aufgeführt, als offizieller Grund wurde Tucholskys Pazifismus genannt. Hinzu kam, dass
            er sich früh und wiederholt gegen den verschärften Antisemitismus, der sich während der
            Weimarer Zeit immer mehr etablierte, zur Wehr setzte, wenn er beispielsweise in seinem
            unnachahmlich überspitzten Ton schrieb: „Ein gewisser Mittelstand in Deutschland [hat]
            heute die liebe Gewohnheit […], für die Sonnenfinsternis, die Republik, den Durchfall
            von kleinen Kindern und den schlechten Stand der Mark die Juden verantwortlich zu
            machen.“ („Kadett Ludendorff“, 1922). </p>
          <p> In Tucholskys Textsammelsurium „Lerne lachen ohne zu weinen“, das vom Berliner Ernst
            Rowohlt Verlag 1931 herausgegeben und bereits im folgenden Jahr nachgedruckt wurde, sind
            über 100 in verschiedenen Publikationsorganen wie der „Weltbühne“ oder dem „Vorwärts“
            veröffentlichte Beiträge aus den Jahren 1927 bis 1931 zusammengetragen. Das Buch umfasst
            Artikel, Rezensionen, Gedichte, kurze Prosatexte und Beobachtungen, die Tucholsky sowohl
            unter seinem Namen als auch unter seinen Pseudonymen verfasste. Im Vordergrund stehen
            die Texte, die er als Auslandskorrespondent in Frankreich verfasste. In sieben Kapiteln
            werden die verschiedensten Themen wie beispielsweise der von Tucholsky verhasste
            Militarismus und Nationalismus behandelt, auch begeisterte oder höchst kritische
            Buchrezensionen sowie Gedichte sind hier versammelt. Während seiner Reisen durch
            Frankreich zieht er Vergleiche zu Deutschland, wenn er beispielsweise in einer Apotheke
            steht und sich über die deutschen Burschenschaften lustig macht: „Da kommt dann ein
            weißer Provisor [Apotheker, Verf.] -Engel angeschwebt, die jüngern Herren haben, wenn es
            in deutschen Apotheken ist, Schmisse und sehen grimmig-gefurcht drein, so: ‚Du! Wir sind
            hier akademisch gebildet, und daß wir dir etwas verkaufen, ist eine große Gnade!‘ Da
            wird vor Angst sogar die Tonerde doppelt sauer.“ (S. 38f.) </p>
          <p> Mit Blick für die kleinen Leute und die Arbeiterschaft lässt Tucholsky die Leserschaft
            an den unüberwindbaren und unsinnigen Hürden der Bürokratie teilhaben, wenn es
            beispielsweise um die Beschaffung von Ausreisepapieren geht. Er schreibt in seinem
            Artikel „Wahnsinn Europa“ von 1928: „Was ist es mit den Fremden in Europa? Sie sind
            rechtlos. Wäre es noch die verständliche Eifersucht der einheimischen Arbeiter, die für
            ihren Arbeitsmarkt fürchten und so mithelfen, die Freizügigkeit aufzuheben – wäre es nur
            das! Aber es ist der Wahnsinn einer übergeschnappten Bürokratie, die, um sich zu
            erhalten, längst Selbstzweck geworden ist, ohne Sinn, ohne Ziel, unfähig, auch nur ihre
            eignen Leute vor den Hochstaplern zu schützen, die sämtliche Pässe der Welt in Ordnung
            haben; unfähig, aber schikanierend; mit der Zeit und dem Geld der Steuerzahler, die den
            Apparat erhalten müssen, umgehend wie die Tyrannen, die sie sind.“ (S. 52). </p>
          <p> Auch die unzumutbaren Zustände in den Gefängnissen prangert er in einem seiner Artikel
            scharf an, wenn er schreibt: „Eintönige und schlecht entlohnte Arbeit; zu viel Zeit des
            stumpfen Dösens; die wahnwitzige Bestimmung, daß der ‚Einschluß‘ mit ‚Licht aus!‘ um
            acht Uhr abends erfolgt, so daß also die Leute mit geringen Ausnahmen während neun
            Monaten im Jahr täglich volle zehn bis elf Stunden im Dunkeln zubringen müssen. Man
            stelle sich das vor, wenn man kann – und male sich das weitere aus. Dazu die Unfreiheit
            auf allen Gebieten, auch da, wo sie gar nicht nötig ist.“ (S. 95). In seinen
            Buchrezensionen kritisiert Tucholsky Autoren wie beispielsweise Arnolt Bronnen, indem er
            eingangs überlegt: „Ich spiele dieses Spiel nicht mit, das darin besteht, jedem
            Schriftsteller der Gegenseite die Begabung abzusprechen. Unsereiner ist ja für die
            Rechten ein analphabetischer Botokude [unzivilisierter Mensch]; wir aber wissen, wie
            groß Gottes Tiergarten ist – warum sollte es nicht einen guten, einen achtbaren, einen
            prägnant schreibenden nationalen Schriftsteller geben? Jedoch hat jede heroische
            Bewegung ihre Affen; der Fascismus hat einen neuen Typus in Europa gezüchtet: den
            fascistischen Kellner. Bitte sehr, bitte gleich … es ist eine Tragik dieser Gruppen, daß
            dort offenbar unsre alten Hosen aufgetragen werden; da gibt es falsche Hamsuns und
            nachgemachte Kerrs und Epigonen von Epigonen … Die Herren irren. Fascisten - ? Ein
            dreckiges Hemd ist noch kein Schwarzhemd.“ (S. 58f.). </p>
          <p> Auch äußert er sich in kämpferischem und kritischem Ton wenige Tage nach Walther
            Rathenaus Ermordung durch Mitglieder der antisemitischen und paramilitärischen
            Organisation Consul 1922 in seinem Artikel „Das Opfer einer Republik“: „Was seit dem 9.
            November 1918, nach dem Kapp-Putsch, nach der Ermordung Erzbergers versäumt worden ist:
            jetzt und heute muß es Wirklichkeit werden. Hinaus mit den paar tausend Beamten aus der
            Republik, die gegen uns arbeiten! Hinaus mit den unzuverlässigen Generälen! Her mit der
            Auflösung der nationalen Verbände! Herunter von den Straßen mit allen Monarchisten und
            schwarzweißroten Tüchern! Walther Rathenau soll nicht umsonst gefallen sein. Wenn ihr
            wollt, dann habt ihr an seiner Bahre endlich die Republik!“ (S. 71). Tucholskys
            Verzweiflung über die Passivität der deutschen Bevölkerung angesichts der immer
            bedrohlicher werdenden Situation zeigt sich auch in dem folgenden Ausschnitt: „[…]
            Widerstand? Nein, den finden Sie wohl kaum. Von wem denn auch? Von dem bißchen Republik?
            Die hat in zwölf Jahren nicht verstanden, echte Begeisterung zu wecken, Menschen zur Tat
            zu erziehen, nicht einmal in ruhigen Lagen, wie denn, wenn es Kopf und Kragen zu
            riskieren gilt? Widerstand? Lieber Herr, das Land ist so weit entfernt von jeder
            Revolution. Dies ist ein Volk, das noch nicht einmal liberal ist.“ (S. 77) und besonders
            in diesem Abschnitt aus dem Artikel „Die Herren Belohner“, in dem es um ein Lehrbuch
            geht: „Jahraus, jahrein wird aufnahmefähigen Kindergehirnen ein Lehrstoff eingetrommelt,
            den sie wahrscheinlich nie wieder vergessen werden und den auszuradieren nur Wenige
            Gelegenheit und Kraft haben. In diesem Alter prägt sich Gesagtes rasch und kräftig ein;
            um wie viel mehr erst, wenn es durch die Autorität der Schule gestützt und entsprechend
            feierlich ex cathedra [kraft höherer Entscheidungsgewalt, Verf.] vorgetragen wird. Jenes
            Buch steht in der sechsten Auflage. Wann also, so dürfte unsre Rechenaufgabe lauten,
            haben wir den nächsten Krieg - ?“ (S. 111). </p>
          <p> Die Kriegslust und -begeisterung der Deutschen treibt Tucholsky um, er bringt es in
            seinem Artikel „Die brennende Lampe“ folgendermaßen auf den Punkt: „Wenn ein jüngerer
            Mann, etwa von dreiundzwanzig Jahren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt,
            stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt
            verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus ihren Höhlen getreten […] dann wird dieser
            junge Mensch mit einem verzweifelten Blick […] fragen: ‚Warum?‘ […] Weil, junger Mann,
            deine Eltern und deine Großeltern auch nicht den leisesten Versuch gemacht haben, aus
            diesem Kriegsdreck und aus dem Nationalwahn herauszukommen.“ (S. 127). In diesem
            Sammelsurium befinden sich auch die bekannten „Ratschläge für einen schlechten Redner“
            und Geschichten des berühmten Herrn Wendriner neben Gedichten und Artikeln in Berliner
            Mundart wie beispielsweise „Mutterns Hände“ (S. 361). Kurt Tucholsky wagt einen
            hoffnungsvollen Blick in die Zukunft: „… Und wenn alles vorüber ist - ; wenn sich das
            alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen
            zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist,
            die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht
            klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Fascismus ausgekämpft sind und
            wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind - ; dann wird es eines
            Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein.“ (S. 244). </p>
          <p> Zeit seines Lebens kritisierte Kurt Tucholsky unverhohlen die gesellschaftlichen und
            politischen Entwicklungen in Deutschland am Vorabend der Machtergreifung durch die
            Nationalsozialisten. Mit seiner schriftstellerischen Umtriebigkeit füllte er unzählige
            Zeitungen und Zeitschriften, ganz in seinem Sinne: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie
            scharf!“. </p>
          <p> Text: Katrin Huhn </p>
          <p>
            <hi rendition="#b">Achtung!</hi> Rassistischer Begriff auf S. 329 </p>
        </note>
      </notesStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <author>Tucholsky, Kurt</author>
          <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7003712">Berlin</placeName>
          <date when="1931">1931</date>
          <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/1042067406">Ernst Rowohlt Verlag</orgName>
        </bibl>
        <msDesc>
          <msIdentifier>
            <repository>Universitätsbibliothek Augsburg, Sammlung Salzmann</repository>
            <idno>
              <idno type="URLImages">https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:384-uba007590-1</idno>
            </idno>
          </msIdentifier>
          <physDesc>
            <typeDesc>
              <p><lb/>
                 Fraktur</p>
            </typeDesc>
          </physDesc>
        </msDesc>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <langUsage>
        <language ident="deu">Deutsch</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <classCode scheme="http://juedische-geschichte-online.net/doku/#genre"
          >Quelle:Text</classCode>
      </textClass>
    </profileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#0000" n="[Buchdeckel vorne außen]"/>
      <p>
        <lb/>
        Kurt <lb/>
        Tucholsky
      </p>
      <p>
        <lb/>
        Lerne lachen <lb/>
        ohne zu <lb/>
        weinen
      </p>
      <pb facs="#0001" n="[Buchdeckel vorne innen]"/>
      <pb facs="#0002"/>
      <pb facs="#0003"/>
      <pb facs="#0004" n="[1]"/>
      <pb facs="#0005" n="[2]"/>
      <pb facs="#0006" n="[3]"/>
      <p>
        <lb/>
         Kurt Tucholsky</p>
      <p>
        <lb/>
         LERNE LACHEN<lb/>
         OHNE ZU WEINEN</p>
      <p>
        <lb/>
         1931<lb/>
         Ernst Rowohlt Verlag · Berlin</p>
      <pb facs="#0007" n="[4]"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Reproduktionserlaubnis für das Umschlagbild wurde uns<lb/>
         freundlichst von der Firma Wellington Film Manufacturers<lb/>
         erteilt. Die Aufnahme erfolgte auf Wellington Film</p>
      <p>
        <lb/>
         1.-10. Tausend<lb/>
         Alle Rechte, besonders die des Vortrags und der Vertonung, vorbehalten<lb/>
         Copyright 1931 by Ernst Rowohlt Verlag K. G. a. A. · Berlin W 50<lb/>
         Druck von G. Kreysing · Leipzig</p>
      <pb facs="#0008" n="[5]"/>
      <p>
        <lb/>
         DEM ANDENKEN<lb/>
         JAKOPPS</p>
      <pb facs="#0009" n="[6]"/>
      <p>
        <lb/>
         Sie sah, daß die Menschen dieser Welt<lb/>
         in einem Panzer von Eigenliebe einher-<lb/>
         gingen, trunken von eitler Selbstbetrach-<lb/>
         tung, nach Schmeichelein dürstend,<lb/>
         kaum hörend, was zu ihnen gesprochen<lb/>
         wurde, ungerührt von den Unglücks-<lb/>
         fällen, die ihre nächsten Freunde befielen,<lb/>
         in steter Furcht vor allen Bitten um<lb/>
         Hilfe, die ihren langgewohnten Umgang<lb/>
         mit den eignen Begierden hätten unter-<lb/>
         brechen können. Solcherart waren die<lb/>
         Kinder Adams von China bis nach Peru.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#i">Thornton Wilder</hi><lb/>
        <hi rendition="#i">Die Brücke von San Luis Rey</hi></p>
      <pb facs="#0010" n="[7]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">An das Baby</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Alle stehn um dich herum:<lb/>
         Photograph und Mutti<lb/>
         und ein Kasten, schwarz und stumm,<lb/>
         Felix, Tante Putti … <lb/>
         Sie wackeln mit dem Schlüsselbund,<lb/>
         fröhlich quietscht ein Gummihund.<lb/>
         „Baby, lach mal!“ ruft Mama.<lb/>
         „Guck“, ruft Tante, „eiala!“<lb/>
         Aber du, mein kleiner Mann,<lb/>
         siehst dir die Gesellschaft an …<lb/>
         Na, und dann – was meinste?<lb/>
         Weinste.</p>
      <p>
        <lb/>
         Später stehn um dich herum<lb/>
         Vaterland und Fahnen;<lb/>
         Kirche, Ministerium, <lb/>
         Welsche und Germanen. <lb/>
         Jeder stiert nur unverwandt <lb/>
         auf das eigne kleine Land. <lb/>
         Jeder kräht auf seinem Mist,<lb/>
         weiß genau, was Wahrheit ist.<lb/>
         Aber du, mein guter Mann,<lb/>
         siehst dir die Gesellschaft an …<lb/>
         Na, und dann – was machste?<lb/>
         Lachste. </p>
      <pb facs="#0011" n="[8]"/>
      <pb facs="#0012" n="[9]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">KINDERWAGEN</hi></p>
      <pb facs="#0013" n="[10]"/>
      <pb facs="#0014" n="[11]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Fahrt ins Glück</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ich ziehe meinen Rolls-Suiza aus dem Bootsschuppen,<lb/>
         prüfe die Propeller und reite ab. Der Landweg führt durchs<lb/>
         Holsteinische, vorbei an dem Dörfchen Lütjenburg, wo im <lb/>
         Jahre 1601 Jakob Wasa mit Georg dem Heizbaren die be-<lb/>
         rühmte Schlacht bei Lütjenburg schlug, in der ihm sechs <lb/>
         Pferde unter dem Leib … vorüber; Baumwipfel und kleine<lb/>
         Kuppen grüßen – und da liegt Mütterchen Ostsee. Die <lb/>
         Straße führt durch Hafkrug, Scharbeutz, Timmendorfer <lb/>
         Strand.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir sind im Herbst, und Villen, Hotels und Kurhäuser<lb/>
         stehen leer; nur hier und da ragt noch ein Strandkorb mit<lb/>
         Wimpeln und einer Fahne; die Manikür-Fräulein sitzen gelang-<lb/>
         weilt vor den Frisiersalons in der Sonne und putzen sich selber <lb/>
         die Nägel, um nicht aus der Übung zu kommen; Hunde lun-<lb/>
         gern herum und schnüffeln in alten Zeitungen, lesen und heben <lb/>
         ein Bein; die Ostsee ist eigentlich schon zugedeckt. Und je <lb/>
         weiter ich komme, desto mehr blähe ich mich auf; ich nehme <lb/>
         zusehends zu, vor Schadenfreude bekomme ich fast einen klei-<lb/>
         nen Bauch … Was tat der Marquis de Sade? Er röstete <lb/>
         kleine Mädchen und bestreute sie mit gestoßenem jungem <lb/>
         Mann? Das ist gar nichts. Ich – ich genieße eine Sommer-<lb/>
         frische, die ich nicht zu genießen brauche.</p>
      <p>
        <lb/>
         Meine wollüstige Phantasie bevölkert diese leeren Straßen <lb/>
         und Häuser; es ist heiß, eng und staubig, alles ist besetzt, und <lb/>
         die Wirte sind frech wie die Aasgeier, die nur noch aus Über-<lb/>
         mut fressen. „Ein einzelnes Zimmer geben wir nur an acht-
        <pb facs="#0015" n="12"/>
        <lb/>
         köpfige Familien ab –!“ Die Ostsee liegt faul da, wie ein <lb/>
         alter Tümpel; sie stinkt widerwillig vor sich hin, das gefangene <lb/>
         Raubtier, und die Leute sagen: „Nein, wie erfrischend es hier <lb/>
         aber ist –!“ Eine Wolke von fataler Ausdünstung lagert <lb/>
         über Scharbeutz, Timmendorfer Strand und Hafkrug; Teller <lb/>
         rasseln, Hunde bellen, Kinder quäken, und ein Brei des Ge-<lb/>
         redes ergießt sich über den Strand:</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Geh doch ma rrüber, bei Rrröper – sach man, es wehr <lb/>
         für uns!“ – „Nu sehn Sie sich bloß mal Frau Lahmers <lb/>
         an, wie sie heut wieder aussieht! Wie macht die Frau das <lb/>
         bloß?“ – „Kuck mal, ’ne Judsche!“ – „Einen Umchain haben <lb/>
         diese Goiten!“ – „Wer mir an meinen Strandkorb rankommt <lb/>
         und will die schwarz-weiß-rote Flagge runterholen, den hau <lb/>
         ich – na, das wär gelacht! Wir sind doch hier zur Erholung <lb/>
         hier!“ – „Hab ich nötig, Schwarz-Rot-Gold aufzuziehen? <lb/>
         Wir sind doch zur Erholung hier …!“ – „Hat er dich für <lb/>
         heute abend hinbestellt? Würd ich nicht gehen … Elli, das <lb/>
         kannst du nicht tun! Oder du nimmst mich mit!“ – „Das <lb/>
         kommt ganz auf die Umstände an, gnäjjes Frollein!“ – „Auf <lb/>
         welche Umstände, Herr Assessor?“ – „Nero! Nero! Komm <lb/>
         mal her! Komm mal hierher! Komm mal hier mal her! Nero! <lb/>
         Pfuit! Pfuiiiit! Kannst du nicht hören! Nero!“ – „Mama, <lb/>
         Lilly schmeißt mit Popeln!“ – „Frau Doktor! Frau Doktoor! <lb/>
         Sie haben Ihren Büstenhalter vergessen!“ – „Schrei doch <lb/>
         nicht so!“ – „Na, meinste, man sieht das nicht, daß sie <lb/>
         ein hat …?“ – „Mir ist die ganze Reise verleidet!“ – <lb/>
         „Meines Erachtens nach beruht die Rettung Deutschlands <lb/>
         wesentlich auf den Kolonien. Also, meine Herren, England …“ <lb/>
         – „Ein kleiner Kaffee zwei vierzig, ein Teelöffel achtzig, ein <lb/>
         Glas Wasser fünfzig, eine Tasse dreißig, Kuchen haben Sie <lb/>
         nicht gehabt, macht vierzig, zusammen …“ – „Donnerwetter, <lb/>
         hat die Frau Formen –“ Und ich bin nicht dabei.</p>
      <pb facs="#0016" n="13"/>
      <p>
        <lb/>
         „Mir ist die ganze Reise verleidet –!“ Mütter tosen, bei <lb/>
         denen man sich aussuchen kann, ob sie zu wenig geliebt oder <lb/>
         zu wenig geprügelt worden sind; die Zuckungen in Unordnung <lb/>
         geratener Gebärmütter vergiften ganze Existenzen. Kinder heu-<lb/>
         len, Väter fluchen, die Hunde kneifen gleichfalls den Schwanz <lb/>
         ein, und die Grundlage des Staates ist, woran kein Zweifel, <lb/>
         die Familie.</p>
      <p>
        <lb/>
         Jetzt bin ich aufgepumpt wie ein Ballon, das Gas der Ge-<lb/>
         meinheit erfüllt meine kleinsten Poren – ah, nicht dabei sein <lb/>
         müssen, wenn sich diese Menschheit zwecks Erholung zu <lb/>
         scheußlichem Klumpen zusammenballt wie vereinbaren Sie das <lb/>
         Herr Panter mit Ihrer sozialen Gesinnung da erholen sich <lb/>
         diese armen Leute so gut sie das können und Sie halt die <lb/>
         Schnauze es gibt Flammri, der zittert vor Ekel über sich selbst <lb/>
         auf dem Teller, alles ersauft in derselben Sauce, abends <lb/>
         knallt eine dolle Nummer von Sekt an den Tischen der Réüh-<lb/>
         niong und fließt derselbe in Strömen aus Schmerz über den <lb/>
         Schmachfrieden von Versailles … weil sie sich am Morgen <lb/>
         in die wehrlose Ostsee stippen, waschen sie sich nun überhaupt <lb/>
         nicht mehr, wieso, wo wir doch morgens baden, Emmy, du <lb/>
         bist ein Ferkel, es ist heiß, es ist staubig, es riecht nach Milch <lb/>
         und kleinen Kindern und Pipi, es ist überhaupt so schön, wie <lb/>
         es nur die Natur und der Bürger vereint zustande bringen – <lb/>
         und ich bin nicht dabei.</p>
      <p>
        <lb/>
         Hochkragige Fememörder mit Holzfressen, in deren kalten <lb/>
         Augen eine stets parate Grausamkeit glitzert; sich erholende Buch-<lb/>
         halterinnen für sechs Mark fünfzig den Tag zuzüglich Getränke; <lb/>
         sie tragen eine Liebenswürdigkeit im Herzen, die nur für einen aus-<lb/>
         reicht – dem Rest gegenüber sind sie sauer und so unfreundlich …</p>
      <p>
        <lb/>
         Manchmal ist es schön, allein zu sein. Manchmal ist es <lb/>
         schön, keinem Verein anzugehören. Manchmal ist es schön, vor-<lb/>
         beizufahren.</p>
      <pb facs="#0017" n="14"/>
      <p>
        <lb/>
         Der Herbsttag ist blau, die hohen Bäume rauschen, und <lb/>
         violett vor Schadenfreude passiere ich die sommerlichen Stätten <lb/>
         der Lust, die nicht so groß sein kann wie meine, an ihr nicht <lb/>
         teilnehmen zu müssen. Falscher Nietzsche; der Kollektivismus; <lb/>
         der typische bürgerliche Intellektuelle; eine Frechheit; im Na-<lb/>
         men der Arbeitsgemeinschaft der Reichsverbände Deutscher Ost-<lb/>
         seebäder-Vereine; der Pariser Jude Peter Panter; eine Ge-<lb/>
         schmakkklosigkeit, antisemitische Äußerungen zu bringen; wo er-<lb/>
         holen Sie sich denn, Herr? wir lebhaft bedauern müssen, die-<lb/>
         sem Artikel in unserm Blatt die Aufnahme zu verweigern, das <lb/>
         Nähere siehe unter Inserate; Sie haben eben keine Kinder; <lb/>
         wo liegt eigentlich Scharbeutz? wir waren dieses Jahr in <lb/>
         Zinnowitz, Gottseidank judenrein; wir waren dieses Jahr in <lb/>
         Westerland, also wirklich ein sehr elegantes Publikum – ver-<lb/>
         steh ich einfach nicht, was er hat –</p>
      <p>
        <lb/>
         – der Herbsttag ist blau, die hohen Bäume rauschen, die <lb/>
         Ostsee sächselt, und ich fahre selig durch die holsteinischen Wäl-</p>
      <p>der des Herbstes,</p>
      <p>
        <lb/>
         hindurch, vorbei, vorüber.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Pariser Tage</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Vorgestern</hi>. Vorgestern ist das Töchterchen meines Freun-<lb/>
         des Albert L. zu Papa ins Schlafzimmer gekommen, am <lb/>
         frühen Morgen, im Nachthemd und furchtbar eilig. „Papa! <lb/>
         wir wollen Theater spielen!“ Papa hatte am Abend vorher <lb/>
         mit mir gearbeitet, bis drei Uhr morgens, im Louvre, und er <lb/>
         war noch sehr verschlafen. „Theater …? Wie denn?“ – <lb/>
         „Also, paß mal auf: Du mußt hier sitzen. Und dann muß ich <lb/>
         reinkommen, und dann muß ich dir was erzählen, was ganz <lb/>
         Langes!“ – „Ja, aber was?“ – „Das weiß ich noch nicht.</p>
      <pb facs="#0018" n="15"/>
      <p>
        <lb/>
         Ich komme also da rein und erzähle dir was, und du mußt <lb/>
         gut zuhören. Und dann mußt du sagen: <hi rendition="#aq">„Trop tard! Rideau!“</hi>
        <lb/>
         Vier Silben … und das ganze französische Boulevard-<lb/>
         Theater.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Gestern.</hi> Auch in Frankreich gibt es so etwas wie eine <lb/>
         neofascistische Literatur. Alles, was um Charles Maurras <lb/>
         herumwimmelt, der zur großen Wut der „Action Française“ <lb/>
         nicht in die Akademie gekommen ist; alle jüngeren Herren, die <lb/>
         da in Firma Barrès Nachfolger auftreten – sie alle sind <lb/>
         für eine Erneuerung Frankreichs von Grund auf. Es gibt eine <lb/>
         Parallelerscheinung in allen Ländern Europas, und überall <lb/>
         schneidet die Sozialdemokratie in dieser Bewegung sehr schlecht <lb/>
         ab. Man schilt sie kleinbürgerlich. Es sind nicht nur die Kom-<lb/>
         munisten, die der Partei diesen Vorwurf machen. <hi rendition="#aq">„On est“,</hi>
        <lb/>
         steht geschrieben, <hi rendition="#aq">„on est toujours le réactionnaire de quel-<lb/>
           qu’un.“</hi> Das ist sehr wahr. Es muß übrigens gesagt werden, <lb/>
         daß diese neue französische Literatur durchaus nichts mit dem <lb/>
         Sonnenwendkultus der Teutschen zu tun hat, und daß sie sich <lb/>
         gar nicht im Chauvinismus gefällt. Obgleich es den auch gibt. <lb/>
         Aber ein Buch wie <hi rendition="#aq">„Explication de notre temps“</hi> von Lucien <lb/>
         Romier ist eine bemerkenswerte Erscheinung, die man auch <lb/>
         vom andern Ufer her durchaus ernst nehmen kann.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Heute</hi> war es in der zweiten Klasse der Métro genau so <lb/>
         voll wie abends um sieben zwischen Nollendorfplatz und Zoo. <lb/>
         Eng aneinandergepreßt stehen die Leute, es geht liebenswürdig <lb/>
         und ohne Krach ab. Nur kommt es in der Enge manchmal <lb/>
         vor, daß mancher ein bißchen galant wird … Alles ist ganz <lb/>
         still. Auf einmal sagt eine feine Mädchenstimme in der Stille: <lb/>
        <hi rendition="#aq">„Germaine, tu vas prêter tes fesses à Monsieur – car moi <lb/>
           j’en ai assez!“</hi> Jetzt werden Sie nachsehen, was <hi rendition="#aq">„fesses“</hi>
        heißt, <lb/>
         und dann ist das Unglück fertig.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Morgen.</hi> Morgen kommen die letzten dreißig Seiten von
        <pb facs="#0019" n="16"/>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">„Chacun son tour“</hi> daran. Das ist der dicke Angriff des dicken <lb/>
         Karls, Charles Humbert, des ehemaligen Senators, der sich <lb/>
         dafür rächt, daß Poincaré ihn einmal vors Kriegsgericht ge-<lb/>
         schleift hat. Was ich bis jetzt zu mir genommen habe, ist so <lb/>
         munter, daß man sich voller Freuden nach dem nächsten Krieg <lb/>
         sehnt. Also so sieht es hinter den Kulissen der Fronten aus! <lb/>
         Geschäfte, Spionage, Gegenspionage, Intriguen, daß die Akten <lb/>
         wackeln; du hast gewußt, daß sie eine Spionin ist, wir haben <lb/>
         nicht gewußt, daß du einer bist, ihr habt nicht wissen können, <lb/>
         daß er einer gewesen sein muß. Allmächtiger Himmel! Bolo <lb/>
         war offenbar wirklich einer, vielleicht weiß darüber der Oberst <lb/>
         Nicolai besser Bescheid als ich. Und man ahnt bei diesem Ge-<lb/>
         schäft nie, wo das Geschäft aufhört und wo der Kintopp an-<lb/>
         fängt. Da haben sie mutmaßlich – so stehts bei Humbert mit <lb/>
         viel Dokumenten dafür und dagegen – die kleinen Anzeigen <lb/>
         des „Journal“ dazu ausgenutzt, dem deutschen Nachrichten-<lb/>
         dienst in der Schweiz nützliche Winke zu geben. Die Rubrik<lb/>
        <hi rendition="#aq">„Pour se retrouver“</hi> war für die Flüchtlinge aus den besetzten <lb/>
         Provinzen ein gutes Mittel, um die Familienmitglieder wieder <lb/>
         zusammenzuholen, und das soll nach den Behauptungen des <lb/>
         französischen Generalstabs zu Spionagezwecken verwendet wor-<lb/>
         den sein. Also etwa so:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Franz ist gesund. Georgette ist in Valmy, Mama in <lb/>
         St. Quentin, angekommen am 8. 3. mit viel Mobiliar.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Jeder geübte Spion sieht sofort, daß das nur heißen <lb/>
         kann:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Schwere Artillerie im Anmarsch. Bei Valmy nichts Neues, <lb/>
         Ablösung in St. Quentin. Das VIII. Armeekorps ist mit drei <lb/>
         Divisionen und Tanks angriffsfertig.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, heute lachen wir darüber. Aber als die Humbertschen <lb/>
         Geschichten spielten, war der allgemeine Geisteszustand mehr <lb/>
         zum Weinen, und es soll ja heute noch in allen Ländern Euro-
        <pb facs="#0020" n="17"/>
        <lb/>
         pas Gerichte geben, die den Spionagedienst sehr ernst nehmen. <lb/>
         Lebenslänglich ernst.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Übermorgen.</hi> Da hätten wir Dienstag, und da habe <lb/>
         ich mir aufgeschrieben: Vormittag Quais. Ich suche nämlich <lb/>
         etwas. Ich suche eine Zeitschrift.</p>
      <p>
        <lb/>
         Auf den Quais ist es nicht mehr dasselbe wie früher, und <lb/>
         wenn Ihnen jemand mit dieser falschen Feinschmeckermiene er-<lb/>
         zählt: „Ich habe gestern bouquinisiert“, dann lachen Sie ihn <lb/>
         nur ruhig aus. Denn die Automobile, die neue Schnelligkeit, die <lb/>
         neuen Leute haben das bißchen Romantik an den Quais ratze-<lb/>
         kahl abrasiert, man findet hier und da noch ganz hübsche Sa-<lb/>
         chen, manchmal sogar so etwas wie eine billige Seltenheit … <lb/>
         aber gar so arg ist das alles nicht mehr. Trotzdem: ich suche. <lb/>
         Ich suche die alte <hi rendition="#aq">„Assiette au Beurre.“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         So etwas wie dieses Blatt haben wir nie gehabt. Es er-<lb/>
         schien lange Jahre hindurch, war in Deutschland selbstver-<lb/>
         ständlich immer, durch direkte Verfügung des Reichskanzlers <lb/>
         stets auf zwei weitere Jahre, verboten, und enthielt das Kost-<lb/>
         barste an Gesellschaftssatire, was man sich denken kann. Gewöhn-<lb/>
         lich war jede Nummer nur von einem Künstler gezeichnet: <lb/>
         Hermann-Paul und Jossot und Galanis und Vadasz haben <lb/>
         da mitgetan, und jeder behandelte in der ganzen Nummer immer <lb/>
         nur ein Thema. „Der Selbstmord“, „Die Autorität“, „Die <lb/>
         Rekruten“, „Rußland“ (das war ein Lieblingsstoff des Blat-<lb/>
         tes), die Stützen von Bank, Thron und Altar – es war ganz <lb/>
         herrlich. Man könnte heute noch ein Album zusammenstellen, <lb/>
         es blinkte nur so von Aktualität. Von der dicken Concierge, <lb/>
         die das große Los gewonnen hat und sagt: „Die Sache hat <lb/>
         nur einen Haken – jetzt kann ich die Post von den Mietern <lb/>
         nicht mehr lesen!“ bis zu dem Skelett, das sich mit den an-<lb/>
         dern auf dem Kirchhof unterhält: „Warum ich heute abend <lb/>
         im Frack bin? Ich bin zu einer spiritistischen Sitzung ein-
        <pb facs="#0021" n="18"/>
        <lb/>
         geladen!“ –</p>
      <p>
        <lb/>
         es ist alles da. Ich will mir zusammenkaufen, <lb/>
         was es noch gibt, und dann will ich davon träumen … Den <lb/>
         unmöglichen Gedanken zu Ende träumen: Ein deutsches Witz-<lb/>
         blatt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Interview mit Frau Doumergue</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Paris</hi>, im Juli</p>
      <p>
        <lb/>
         Es war nicht leicht. Ein Ministerium nach dem andern er-<lb/>
         klärte sich für unzuständig, schließlich versuchte ich es direkt an <lb/>
         der Quelle: beim Sekretär des französischen Präsidenten. Der <lb/>
         wies mich ab. Weil ich aber über die „besten Beziehungen“ <lb/>
         verfüge (diese Worte sind zu lispeln) – so gelang es mir <lb/>
         schließlich doch. Ich hielt ein kleines Kärtchen in der Hand; <lb/>
         wenn ich meinem Lexikon Glauben schenken durfte, so stand <lb/>
         darauf: „… gibt sich die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die <lb/>
         Frau Präsidentin Sie Montag, den 21. Juli, vormittags <lb/>
         12 Uhr …“ Der Montag kam heran.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich rasierte mich erheblich, einmal in die Backe, denn <lb/>
         meine Hand war unsicher, man interviewt schließlich nicht alle <lb/>
         Tage eine Präsidentin. Obgleich aus Deutschland, hatte ich <lb/>
         darin gar keine Übung … Ich fuhr hin.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie kennen den Eingang zum Hause des Präsidenten in <lb/>
         Paris? Nicht? Es ist sehr hübsch da, ein Posten steht vor <lb/>
         der Tür, ein feiner, geschlossener Hof empfängt den Eintreten-<lb/>
         den, ängstlich hielt ich immerzu meine Karte fest, und wenn <lb/>
         mir einer etwas tun wollte, wedelte ich leise mit ihr. Ich stieg <lb/>
         über die grauen Steinstufen, wurde in ein herrliches Warte-<lb/>
         zimmer geführt, das Louis Seizeste, was ich je gesehen habe <lb/>
         – dann öffnete ein untersetzter Diener eine hohe Flügeltür. <lb/>
         „Mein Herr …“</p>
      <pb facs="#0022" n="19"/>
      <p>
        <lb/>
         Bumm – bumm – bumm machte mein Herz. Aber ich dachte <lb/>
         an alle Gefahren, die ich in meinem Leben schon bestanden <lb/>
         hatte: das Abiturientenexamen, zwei Bücher von Edschmid ge-<lb/>
         lesen, einmal einem preußischen Schutzmann gesagt, daß er <lb/>
         sich geirrt hätte, an der Börse auf meinen Bankier gehört – <lb/>
         man war doch wer, Herrgott …! Rein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine majestätische Blondine empfing mich, sehr fein und dis<lb/>
         kret gekleidet, mit dunkelblauen Augen. („Blond – in Paris“, <lb/>
         dachte ich. „Wie merkwürdig!“) Eine runde Handbewegung <lb/>
         hieß: Bitte. Setzen Sie sich. Ich setzte mich; der alte <lb/>
         Quaritsch, der einmal für teures Geld versucht hat, mir das <lb/>
         Tanzen anzugewöhnen, hätte seine Freude an meinen feinen <lb/>
         Sitten und Gebräuchen gehabt. Ich sah schnell in meine hohle <lb/>
         Hand, wo ein kleines Pappkartonchen stak, darauf stand <lb/>
         einiges geschrieben.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Gnädige Frau!“ sagte ich. „Frau Präsidentin: ich habe <lb/>
         die Ehre, mir die Freiheit zu nehmen, Sie zu fragen: was hal-<lb/>
         ten Sie von der Situation der Lage?“ (Das ging glatt wie <lb/>
         bei einem dressierten Star – ich hatte es mit meiner Portier-<lb/>
         frau geprobt.) Die Frau Präsidentin hob anmutsvoll das <lb/>
         Haupt: „Etwas ist immer“, sagte sie. „Aber es gleicht sich alles <lb/>
         im Leben aus–!“ Ich machte verstohlen eine Notiz, das <lb/>
         war ein guter Anfang. „Sie beabsichtigen, längere Zeit hier <lb/>
         zu wohnen?“ fragte ich. Bautsch! das war eine Dummheit. <lb/>
         Aber nun war es einmal heraus, da war nichts mehr zu <lb/>
         machen.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ja“, sagte die hohe Frau. „Meine Vorgängerin, Frau <lb/>
         Millerand, ist plötzlich ausgezogen, ihr Mann ist über einen <lb/>
         Block gestolpert und hat sich seine rechte Hand verstaucht. <lb/>
         Kannten Sie seine rechte Hand? Ein sehr begabter Mann. <lb/>
         Ja, wenn er linkshändig gewesen wäre! Aber so … Man <lb/>
         bot uns die Wohnung an, und Sie wissen: Paris hat ein biß-
        <pb facs="#0023" n="20"/>
        <lb/>
         chen Wohnungsnot, wir sagten sofort zu. Erst sollte hier ein <lb/>
         anderer einziehen, aber das Wohnungsamt, ich meine: der <lb/>
         Senat wollte nicht recht … Und nun wohnen wir hier – und <lb/>
         wie ich sagen darf: das Land wäre sicherlich glücklich, wenn <lb/>
         wir bis zum Ablauf des Mietskontraktes auch hier blieben! <lb/>
         Ja.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Und London –?“ fragte ich vorsichtig.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wie Sie wissen, stammt mein Mann aus kleinen Ver-<lb/>
         hältnissen“, antwortete sie. „Sie müssen nie glauben, was in <lb/>
         den Zeitungen steht. Die kleinen Leute auf beiden Seiten hassen <lb/>
         sich gar nicht – wir wissen es recht gut. Frankreich will <lb/>
         Deutschland nicht fressen – Sie kennen doch den kleinen Mann <lb/>
         in Frankreich: sein Essen, seinen Wein, ein glückliches Fa-<lb/>
         milienleben, seine ungestörte Arbeit und keine Geschichten. Da <lb/>
         haben Sie sein politisches Programm.“ Ich kritzelte. „Und dann <lb/>
         noch eines“, sagte sie. „Lassen Sie sich doch ja nicht von den <lb/>
         militärischen Ruhmes- und Erinnerungsfeiern täuschen. Ich <lb/>
         habe nicht die Ehre, Deutschland zu kennen – aber ich ver-<lb/>
         mute, daß es bei Ihnen ebenso sein wird: die menschliche Freude <lb/>
         am Gepränge, die Eitelkeit über erhaltene Auszeichnungen, <lb/>
         die Lust an Massenerlebnissen … das Militär ist der Zir-<lb/>
         kus des kleinen Mannes.“ Ihre braunen Augen sahen mich <lb/>
         still an.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Und Sie erlauben, gnädige Frau“, sagte ich. „Was hal-<lb/>
         ten Sie von der französischen Kunst?“ – „Europa stagniert“, <lb/>
         sagte sie. „Ist es bei Ihnen anders? Die Leute vertreiben sich <lb/>
         auch hier die Zeit, wie sie können – sogar die Dichter malen <lb/>
         bei uns vor Langeweile. Haben Sie die Zeichnungen von Jean <lb/>
         Cocteau gesehn? Eine lustige Sache. Aber das war ja immer <lb/>
         so. Im Museum des Luxembourg-Gartens hängt ein Bild: <lb/>
         „Souvenirs.“ Es ist Charles Chaplin signiert – ich denke, das <lb/>
         ist Charlot. Wie? Picasso soll seit gestern kurz nach Tisch wie-
        <pb facs="#0024" n="21"/>
        <lb/>
         der klassizistisch malen. Ein bedeutender Mann. Wie viele <lb/>
         Kunsthistoriker wären ohne ihn schon längst verhungert! Und <lb/>
         haben Sie Proust gelesen? Und Duhamel? Gute Leute.“ Ich <lb/>
         schrieb – 180 Silben in der Minute. Die hohe Frau fuhr fort.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Jetzt kann ich ja nur noch selten auf den Montparnasse in <lb/>
         das Maler-Café de la Rotonde gehen“, sagte sie. „Früher <lb/>
         besichtigte ich es ab und zu. Wir wollten eine Inschrift über <lb/>
         der Tür anbringen lassen, aber mein Mann riet ab.“ Eine <lb/>
         Inschrift? fragte ich mit einer Kopfneigung. „Ja“, sagte sie. <lb/>
         „Sie sollte lauten: Psychopathen aller Länder, vereinigt euch! <lb/>
         Aber, wie gesagt, mein Mann möchte es nicht gern. Sie gehen <lb/>
         viel ins Theater –?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich nickte schmerzlich. „Ja, so hat jeder Beruf seine Last!“ <lb/>
         sagte sie. „Wie ich höre, hat man neulich eine Pariser Revue <lb/>
         ohne nackte Frauen gegeben – es ist nicht recht, dem Fremden-<lb/>
         verkehr so ins Gesicht zu schlagen. Und Frau Cécile Sorel von <lb/>
         der <hi rendition="#aq">Comédie Française</hi> – ist es, daß Sie sie gesehen haben?“ <lb/>
         Ich nickte tief ergriffen. „Auch ich kenne sie“, sagte die Frau <lb/>
         Präsidentin, und ihre schwarzen Augen verloren sich in der <lb/>
         Erinnerung. „Als ich noch ein kleines Mädchen war, habe <lb/>
         ich sie gesehn – sie war schon recht gebrechlich damals …“</p>
      <p>
        <lb/>
         Vom nahen Kirchturme St. Mendel schlugs halb eins. Die <lb/>
         Frau Präsidentin erhob sich – ihre hellen grauen Augen blick-<lb/>
         ten lebhaft. „Sagen Sie bei sich zu Hause, daß wir gemein-<lb/>
         sam das Vergangene begraben wollen. Frankreich braucht Si-<lb/>
         cherheit und Ruhe – Sie Luft und Atem. Hoffen wir auf <lb/>
         beides. Gleich kommt mein Mann; ich denke, man wird das <lb/>
         Frühstück angerichtet haben … Sie entschuldigen mich. Ja, <lb/>
         noch eines. Warum haben Sie kein rotes Bändchen –?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich sagte schüchtern: „Ich bin erst vier Monate in Frank-<lb/>
         reich – aber ich hoffe … Und dann, Frau Präsidentin: die
        <pb facs="#0025" n="22"/>
        <lb/>
         deutsche Republik verbietet in ihrer Verfassung ihren Bürgern <lb/>
         Orden und Ehrenzeichen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Aber das wird doch hoffentlich nicht eingehalten?“ fragte <lb/>
         sie entsetzt. Ich sagte: „Frau Präsidentin, eine Verfassung ist <lb/>
         wie eine Flöte: man kann sie an die Wand hängen, man kann <lb/>
         aber auch noch etwas andres damit machen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie nickte beifällig. „Auf Wiedersehen, Herr … Pantère!“ <lb/>
         sagte sie. Ein grünlich schillernder Blick entließ mich. Verbeu-<lb/>
         gung. Untersetzter Lakai. Flügeltür. Louis Seize. Grauer Stein-<lb/>
         hof. Posten. Auf der Straße.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Herr Doumergue ist zu seinem Glück nicht verheiratet.</p>
      <p>
        <lb/>
         Merk: Er ist nicht mehr Präsident und hat inzwischen <lb/>
         geheiratet.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der liebe Gott in Frankreich</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wie verschieden ist es doch so im menschlichen Leben –!</p>
      <p>
        <lb/>
         Bringt in Deutschland jemand die Gedankenvorstellungen der <lb/>
         Kirche mit dem Humor in nähern Zusammenhang, dann finden <lb/>
         sich nicht nur etliche Domdechanten, sondern noch mehr Richter, <lb/>
         die aus einem politischen Diktaturparagraphen – dem §166 – <lb/>
         herausinterpretieren, was man nur wünscht. In Frankreich <lb/>
         gibt es doch immerhin dieselbe katholische Kirche (über den <lb/>
         Erdkreis hinweg), aber da sieht es nun so aus:</p>
      <p>
        <lb/>
         In den <hi rendition="#aq">„Deux Anes“</hi> steigt eine der kleinen Revuen, über <lb/>
         die wir uns schon manchmal unterhalten haben. Siebentes Bild: <lb/>
         „Restaurant zum bekränzten Bürzel.“ Und weil ja in den fei-<lb/>
         nen Hotels die Speisen feierlich dargebracht werden, dort also <lb/>
         nicht gegessen, sondern das Essen zelebriert wird, so sehen wir
        <pb facs="#0026" n="23"/>
        <lb/>
         nunmehr ein ganzes Diner auf eine recht absonderliche Weise serviert.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vor dem Altar der Office steht der <hi rendition="#aq">Maître d’Hotel</hi>, er <lb/>
         macht viele kleine Verbeugungen und ruft mit modulierender <lb/>
         Stimme die Speisen aus. <hi rendition="#aq">„Le Potage de la Vierge Printa-<lb/>
           nière“</hi> – und Frauenstimmen aus der Küche respondieren: <lb/>
        <hi rendition="#aq">„… printanière –!“</hi> die Gäste nehmen keine Abendmahlzeit <lb/>
         ein, sondern ein Abendmahl, der zweite Kellner schwenkt den <lb/>
         Salatkorb wie eine Räucherpfanne, die Musik spielt Gounod-<lb/>
         Bach, und es ist – wie die Prospekte der Beerdigungsinstitute <lb/>
         sagen – eine Mahlzeit erster Klasse. Der Ober nennt die <lb/>
         Gäste <hi rendition="#aq">„Nos fidèles“</hi>, was gleichzeitig treu und gläubig heißt, <lb/>
         alles geht sehr schnell, und wenn es vorbei ist, dann singt der <lb/>
         Chor der Kellner:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">„Avé – avé – avez-vous bien diné?“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Alles lacht und klatscht. In den Zeitungen kein böses Wort. <lb/>
         Im Publikum kein fader Jude, dem plötzlich das böse Gewissen <lb/>
         schlägt und der pogromängstlich „geschmakkkkklos“ murmelt, <lb/>
         denn es geht nichts über den Katholizismus gebildet aufgeklär-<lb/>
         ter Juden; kein frommer Abgeordneter, der nun aber neue <lb/>
         Gesetze gegen Schmutz und Schund fordert … nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine andre Rasse, gewiß. Damit ist noch nicht bewiesen, daß <lb/>
         es in lateinischen Ländern mit dem Humor anders sei als bei <lb/>
         uns, gewiß.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber glaubt doch ja nicht, daß es, alle Leichtigkeit des fran-<lb/>
         zösischen Humors zugegeben, hier immer so gewesen ist. Die <lb/>
         Kirche hat das Land einmal beherrscht. Und mit dem Patrio-<lb/>
         tismus könnte man sich die gleiche Szene kaum ausdenken – <lb/>
         da gäbe es Krach. Mit der Kirche aber …</p>
      <p>
        <lb/>
         Die hat eben – trotz allem – in Frankreich zum mindesten <lb/>
         nicht die Macht, das öffentliche Leben so zu knebeln, wie sie <lb/>
         das lautlos in Deutschland tut, wo alles kuscht, wenn sie bim-
        <pb facs="#0027" n="24"/>
        <lb/>
         melt, und wo kein Mensch auf unsre Empfindungen Rücksicht nimmt, auf uns, deren Gefühle
        verletzt werden, wenn ein Pfaffe von der Kanzel herunter zum Mord hetzt. <hi rendition="#aq"
          >„Avez-vous bien diné?“</hi> Wenn man die deutsche Zentrumsherrschaft mitansieht, kann man
        nur sagen: Mahlzeit!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Alter Burgunder wird versteigert</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Beaune</hi>, 20. November</p>
      <p>
        <lb/>
         Um halb zwei Uhr ist der alte Keller im Hospital von <lb/>
         Beaune schon gesteckt voll. Im Saal sitzen die Händler; vor <lb/>
         ihnen auf einem Podium, vor riesigen Fässern, der Bürger-<lb/>
         meister und die Stadträte; an einem der Fässer hängt ein klei-<lb/>
         nes Telephon; Neugierige sitzen auf den Fässern ringsum und <lb/>
         lassen die Beine baumeln. Die kleine Holztribüne steht auf <lb/>
         Fässern, da drängen sich die Leute in beängstigender Fülle. Um <lb/>
         zwei Uhr beginnts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dies ist der große Tag der <hi rendition="#aq">„Côte d’Or“</hi>, wo auf sechzig <lb/>
         Kilometer Länge die großen Weine der Bourgogne wachsen: <lb/>
         der <hi rendition="#aq">Clos Vougeot</hi> und der <hi rendition="#aq">Pommard</hi> und der
          <hi rendition="#aq">Romanée Conti</hi>
        <lb/>
         und alle die andern. Die Winzer sind mit diesem Weinjahr <lb/>
         mehr als zufrieden, und mit Recht. Der Most des <hi rendition="#aq">Pommard</hi>
        <lb/>
         ist nun zwei Monate alt, aber das Kind kann schon laufen <lb/>
         – das wird einmal, wenn nicht alles täuscht, ein großer <lb/>
         Wein. Nun eröffnet der Bürgermeister die Versteigerung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vor einem Beisitzer steht eine Wachskerze, an der er un-<lb/>
         unterbrochen zwei winzige Lichtchen nacheinander entzündet: <lb/>
         solange die brennen, darf geboten werden, jedes leuchtet nur <lb/>
         etwa eine halbe Minute, ist bis dahin der Zuschlag nicht er-<lb/>
         folgt, so wird wiederum angezündet; das ist ein sehr alter <lb/>
         Brauch. (Wird in Frankreich etwas gerichtlich versteigert, so <lb/>
         brennen drei Kerzen – in Beaune nur zwei.) Sie bieten.</p>
      <pb facs="#0028" n="25"/>
      <p>
        <lb/>
         Ein Doppelfaß „Nicolas Rollin“, so heißt der Begründer <lb/>
         des Spitals, das heute der Stadt gehört, ein Doppelfaß von <lb/>
         456 Litern bringt 15000 Franken – und der ganze Saal <lb/>
         applaudiert – der Wirt vom <hi rendition="#aq">Hôtel de la Poste</hi> in Beaune <lb/>
         strahlt über das ganze Gesicht: er hat etwas für seinen Keller.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vorher haben die Händler den Wein aus kleinen silbernen<lb/>
        <hi rendition="#aq">gobelets</hi> gekostet, niedrigen, flachen Schalen mit einem <lb/>
         Handgriff, von uralter Form; ihr Grund ist ornamentiert, <lb/>
         damit sich der Wein richtig spiegelt. Sie heben die Tasse <lb/>
         an die Nase, ziehen den Duft ein und kosten, unendlich behutsam.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die alten Stiftungen legten gern den Wein mit der Für-<lb/>
         sorge für die Kranken zusammen – man denke nur an das <lb/>
         Bürgerspital in Würzburg. Dieses Hospital in Beaune ist ein <lb/>
         wunderschönes, altes Bauwerk, mit einer Küche, darin noch <lb/>
         ein alter eiserner Bratenröster unermüdlich seine Räder dreht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vorher hat die Stadt ein Frühstück gegeben: der Bür-<lb/>
         germeister und der Souspräfekt präsidierten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Weine rannen in die Gläser – ich liebe die deutschen <lb/>
         Weine und denke, daß man zuerst die Weine seines Landes <lb/>
         trinken solle, weil sie eine Verkörperung der Heimat sind. Mit <lb/>
         allem schuldigen Respekt vor dem Rhein und Franken aber <lb/>
         darf gesagt werden: als eine Grande Réserve 1919 erschien, <lb/>
         verstummten auch die größten Kenner: das war kein Wein <lb/>
         mehr, das war Sonne und der ganze Garten Frankreichs. Die-<lb/>
         ses Glas wollte getrunken sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die <hi rendition="#aq">„sommeliers“</hi> gingen umher, die Kellermeister, die so <lb/>
         gar nichts vom Kellner haben: sie stellen vielmehr etwas dar, <lb/>
         was zwischen einem alten Bauern und einem Mönch liegt. <lb/>
         Ammen des Weins.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und Reden wurden gehalten, ich hatte mit meinen Weinen <lb/>
         zu tun, und soweit ich hörte, war da von dem „Phänomen der <lb/>
         Prohibition“ die Rede, wie eine graue Wolke zog das durch
        <pb facs="#0029" n="26"/>
        <lb/>
         den Saal. Und die Jury verteilte kleine Zettel, auf denen ge-<lb/>
         schrieben stand, wie der heurige Wein beschaffen sei, und es gab <lb/>
         auch, mit vielen Fehlern und sehr viel gutem Willen, eine <lb/>
         deutsche Übersetzung dazu:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Diese Schätzung paßt auf den Weinen der sogenannten <lb/>
         Gegenden: <hi rendition="#aq">‚Beaujolais, Mâconnais, Câhlonnais, Côte d’Or, <lb/>
           Yonne‘</hi>; sie paßt nicht auf den Weinen von der zweiten Blüt-<lb/>
         enzeit, die von Trauben errühren, die nach dem Gewitter vom <lb/>
         6ten Juni gewachsen sind, welches den Ruits-Rebenberg zum <lb/>
         Teil gewüstet hat.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie versteigern noch immer. Faß auf Faß geht hinaus in <lb/>
         die Welt – der Lohn für die Arbeit eines Jahres wird ein-<lb/>
         kassiert. <hi rendition="#aq">„Premier feu!“</hi> ruft der dicke Ausrufer – soviel wie <lb/>
         unser „Zum ersten!“ – das kleine Licht erglänzt, erlöscht, er-<lb/>
         glänzt, es riecht nach Wein und weingetränktem Holz, die <lb/>
         Glatzen glänzen, der freundliche, alte Bürgermeister, der so <lb/>
         hübsch die Bilder des in Beaune geborenen Impressionisten <lb/>
         Ziem erklärt hat, spricht den Käufern ihre Fässer zu, die <lb/>
         Schreiber schreiben …</p>
      <p>
        <lb/>
         Und wieder einmal ist zu sehen, daß Paris nicht Frankreich <lb/>
         ist, und seine Fremdenviertel schon gar nicht. In den sanft-<lb/>
         blauen Spätherbsthimmel klingelt die Turmuhr, ein braunes <lb/>
         Licht liegt über diesem Garten Gottes, und wie schön müßte es <lb/>
         sein, mit diesem Lande dauernd in Frieden zu leben –!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">In der Geburtsstadt Fragonards</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Grasse</hi>, im November</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie müssen sich unbedingt Cannes ansehen!“ hatte mir <lb/>
         Victor Margueritte zum Abschied gesagt. Und Frau Mar-<lb/>
         gueritte hatte hinzugefügt: „Das ist das Deauville des Mit-
        <pb facs="#0030" n="27"/>
        <lb/>
         telmeers!“ Wenn Saison ist. Jetzt ist aber noch keine <lb/>
         Saison.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Kulissen der großen Welt liegen stumm und still. Die <lb/>
         Bühnenarbeiter richten die Soffitten her und bauen an Hafen-<lb/>
         damm und Kasino. Selbst das Meer gibt sich noch nicht die <lb/>
         richtige Mühe, faul und grau plätschert es ans Ufer. Hier wo-<lb/>
         gen also die in leichte Gewänder gekleideten Damen und be-<lb/>
         wegen zierlich … aber um das festzustellen, hat mich die <lb/>
         Vossische Zeitung nicht nach Frankreich geschickt. Es ist das <lb/>
         auch schon ein bißchen oft geschrieben worden, scheint mir. Aber <lb/>
         was selten und fast nie beschrieben wird, das ist dies: Wie <lb/>
         sieht die Existenz eines Zimmerkellners in der Hochsaison aus? <lb/>
         Was denken sich diese Leute? Wie arbeiten sie? Unter welchen <lb/>
         Bedingungen? Und, was noch wichtiger ist: wie sieht die feine <lb/>
         Welt von hinten, von unten, von dieser Seite gesehn aus? <lb/>
         Warum nimmt niemals einer von uns für ein paar Monate <lb/>
         die Arbeit einen Stewards, eines Kellners, eines Bedienten an <lb/>
         und schildert die Welt einmal von da aus? Romane und Genre-<lb/>
         bilder werden es nicht werden – aber sicherlich eine sehr lehr-<lb/>
         reiche Ergänzung zu den bis zum Überdruß wiederholten Bil-<lb/>
         dern aus der eleganten Welt … Das sind so Bücher, die nicht <lb/>
         geschrieben werden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Drehen wir uns um und gehen wir zum Bahnhof. Das nette <lb/>
         Leben fängt ja doch immer erst an der Kleinbahn an.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Deutsche kann das Bücherlesen nicht lassen. Ich auch <lb/>
         nicht. Ich habe gelesen, und ich habe mir da etwas aus-<lb/>
         geknobelt … Wie wird es wohl werden? Der Zug rumpelt <lb/>
         durch die Nacht, an kleinen Stationen mit unlesbaren Namen <lb/>
         hält er, es ist ganz schwarz um mich her. Denn so dankbar <lb/>
         man für diesen November-Sommer hier unten sein muß: Die <lb/>
         Tage haben um Schlag fünf ein Ende, schon nach vier Uhr
        <pb facs="#0031" n="28"/>
        <lb/>
         blitzen überall Lichter in das Halbdunkel des Nachmittags, <lb/>
         und dann ist es aus: man sieht nichts mehr.</p>
      <p>
        <lb/>
         Im Dunkel des Abends liegt ein lichterbestickter Teppich. <lb/>
         Eine Stadt, scheints, Hunderte von glitzernden Punkten in <lb/>
         einem Tal, auf den Anhöhen, überall. Kein Lichtermeer … <lb/>
         ein Lichtergerinnsel. Das ist Grasse, und in Grasse ist Frago-<lb/>
         nard geboren, Fragonard, der freche, entzückend leichte, himm-<lb/>
         lisch beschwingte Hofmaler Ludwigs des Sechzehnten. Ausstei-<lb/>
         gen, Zahnradbahn – guten Abend. Bleich und mondsüchtig <lb/>
         liegt auf der Anhöhe über der Stadt das Hotel. Sie kennen <lb/>
         das Gefühl, das einen beschleicht, wenn der Kellner die Zim-<lb/>
         mertür hinter sich geschlossen hat … allein. Ich öffne die Fen-<lb/>
         stertür, trete auf den Balkon.</p>
      <p>
        <lb/>
         Unter mir liegt die Stadt. Im Talkessel, auf die Berge ge-<lb/>
         klettert, über Rampen und treppenartige Steigungen verstreut, <lb/>
         mit Lichtpunkten besät, leuchtend, schimmernd, glitzernd, halb <lb/>
         verlöschend … trink, Auge! Und ich sehe und sehe. So hat <lb/>
         den Bauern-Breughel einst gemalt: das Weite und das greif-<lb/>
         bar Nahe gleich weit und gleich deutlich. Da sind keine Plätz-<lb/>
         chen, von einer Laterne notdürftig beleuchtet, man sieht grade <lb/>
         eine Strecke Wegs von ein paar Metern, die ist leer; um ein <lb/>
         andres Licht sind Menschen versammelt, die bereden etwas; <lb/>
         weiter oben rollt ein Automobil langsam und vorsichtig die <lb/>
         beleuchtete Straße entlang, dann verschwindet es; da sucht <lb/>
         eines mit zwei Glotzaugen den dunklen Weg ab; hier liegt <lb/>
         eine beleuchtete Halle; da ist ein Haus mit rötlich-gelblichen <lb/>
         Lichtern; da eins mit weißen; in der Ferne verdämmern <lb/>
         andre; ein Brückchen führt über einen kleinen Abgrund; bis <lb/>
         weit ins Land kann man sehen, und oben auf den Bergen woh-<lb/>
         nen auch Menschen und blinken Lichter. Und jeder Lichtfleck <lb/>
         erzählt eine kleine Geschichte – es ist wie ein Rundblick für <lb/>
         Andersen. Gute Nacht, Grasse –!</p>
      <pb facs="#0032" n="29"/>
      <p>
        <lb/>
         Der Tag hält, was der Abend versprochen hat. Treppauf, <lb/>
         treppab klettere ich durch die Stadt. Sie ist in der Mitte ganz <lb/>
         alt, die Gäßchen sind so eng, es geht steil abwärts und brüsk <lb/>
         nach oben. Der französische Baedeker murmelt etwas vom <lb/>
         sechsten Jahrhundert – jedenfalls waren 1746 die Österreicher <lb/>
         einmal hier, kriegshalber, es muß schrecklich für die armen <lb/>
         Soldaten gewesen sein: monatelang ohne Nachrichten aus dem <lb/>
         Burgtheater …</p>
      <p>
        <lb/>
         Alte Häuser, alte Gassen. Aber was das Merkwürdigste ist <lb/>
         an diesem alten Bergstädtchen, das ist die unbekümmerte Mo-<lb/>
         dernität ihrer Bewohner. Wir haben gelesen, daß in den ver-<lb/>
         lassenen Herrensitzen Kurlands arme Bauern hausen – die <lb/>
         Dürftigen im Zivilisierten. Hier ist es umgekehrt. In diesen <lb/>
         alten, alten Häusern liegen gut ausgestattete Geschäfte mit <lb/>
         modernen Auslagen, hübsche Wohnungen – und alles ist so <lb/>
         blitzsauber, reingefegt, so bis ins letzte Stäubchen gekehrt, daß <lb/>
         man an gewisse Hamburger oder Lübecker Straßen erinnert <lb/>
         wird. Gekalkt, gewaschen, geschrubbert, es strahlt nur so von <lb/>
         Sauberkeit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Fabrikschornsteine? Sie haben im Stadtbild kaum gestört. <lb/>
         Grasse fabriziert Süßigkeiten und Parfümerien. Ich sehe zu, <lb/>
         wie man kandierte Birnen macht und gezuckerte Rosenblätter <lb/>
         und Veilchen zu Süßzeug umarbeitet, und, wahrhaftig, auch <lb/>
         die kleinen gelben Kügelchen der Mimose. Ich darf probieren; <lb/>
         sie schmecken nach gar nichts, und ich mache ein bewunderndes <lb/>
         Gesicht, es ist das erstemal, daß ich eine Rose esse. Und ich sehe <lb/>
         zu, wie Parfüm hergestellt wird, eine komplizierte Sache, es <lb/>
         riecht wie in einer Premiere, und die großen Kolben und Re-<lb/>
         torten der Kochapparate stehn in einem alten Kloster, mitten <lb/>
         im Refektorium. Auch hier eine musterhafte Sauberkeit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, aber Fragonard –! Fragonard ist in Grasse – einen <lb/>
         Augenblick mal! – 1732 geboren, und er war kurz vor der
        <pb facs="#0033" n="30"/>
        <lb/>
         Revolution in seiner Heimatstadt und dann wieder während <lb/>
         der Revolution. Wo er geboren ist …? Da ist die kleine <lb/>
         Straße de la Font-Neuve, aber sie hat mehrere Häuser, zwei <lb/>
         rechts und zwei links, und Genaues weiß man nicht. Hier hat <lb/>
         „Frago“ zum ersten Male die Beinchen in den Rinnstein ge-<lb/>
         steckt … Und hat gerufen: „Mutta! Schmeiß Stulle runta –!“ Aber vor welchem Haus: das steht
        nicht geschrieben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Auf einem Platz mit wunderschöner Weitsicht ins Land steht <lb/>
         auch ein Denkmal für den seligen Maler. Seien wir höflich <lb/>
         und gucken wir weg.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bis zu seinem vierzehnten Jahr hat Fragonard in Grasse <lb/>
         gelebt. Später besuchte er zum Ausgang des achtzehnten Jahr-<lb/>
         hunderts seinen Vetter Maubert, und dem hat er für 3600 Livres <lb/>
         – laut Quittung vom 10. März 1791 – fünf Bilder gemalt: <lb/>
         „Der Einstieg“, „Die Verfolgung“, „Vertrauliche Mitteilung“, <lb/>
         „Krönung“ und „Die Hingabe“. Für wen hat er sie gemalt? <lb/>
         Für seinen Vetter Maubert? Natürlich nicht, sondern letzten <lb/>
         Endes für Pierpont Morgan, der sie gekauft hat. Grasse hat nur <lb/>
         die Photographien, und das ist auch etwas wert. Aber weil <lb/>
         Grasse eine pietätvolle Stadt ist, so hat es ein kleines Palais <lb/>
         zu einem reizenden Museum ausgebaut, das kleinste Museum <lb/>
         der Welt, von Herrn Carnot begründet, und darin ist noch <lb/>
         manches Hübsche zu sehen. Reproduktionen nach Bildern des <lb/>
         Meisters, ein paar Originalskizzen, jene Photographien und, <lb/>
         verhüllt von einer grünen Decke in einer kleinen Vitrine: der <lb/>
         Malkasten Jean Honoré Fragonards. Es ist ein einfacher, <lb/>
         alter Kasten mit vielen kleinen Flaschen und Fläschchen, so, <lb/>
         wie er ihn benutzt hat; auf jedem Etikett steht noch in vergilb-<lb/>
         ten Buchstaben, welche Farbe jetzt darin trocknet … Ein Pin-<lb/>
         selchen, zart und lang, liegt dabei.</p>
      <p>
        <lb/>
         In den Nebenräumen provenzalische Kunst und Andenken,
        <pb facs="#0034" n="31"/>
        <lb/>
         Möbel und Bauerngerät, alles in dem reinlichen und fröh-<lb/>
         lichen Geschmack der Provence. Eine lustige, runde Kinder-<lb/>
         wiege; eine zärtliche Sänfte; himmlische alte Kommoden; eine <lb/>
         rötlich flammende, riesige Chaiselongue im Stil Louis XIII., <lb/>
         eine gradezu verlockende Chaiselongue; ein Ton-Tier aus <lb/>
         dem siebzehnten Jahrhundert, eine Art Schildkrötenuhu oder <lb/>
         Uhuschildkröte, ein geflügelter Traum; Stricke, mit denen <lb/>
         der Marschall Bazaine, eingesperrt auf St. Marguerite, ent-<lb/>
         fliehen sollte (er entfloh aber durch die Tür, weil er als Sol-<lb/>
         dat den graden Weg liebte, direkt nach Spanien, wo er auch <lb/>
         gestorben ist); Waffen und Bilder und Putten. Das Ganze so <lb/>
         fein im Geschmack, so reinlich im Stil, und ein zweites Treppen-<lb/>
         haus führt hinunter in den Garten, vor eine jener Fassaden <lb/>
         französischer Hotels, die die Straße niemals zu sehen bekommt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Jetzt ist es Abend. Und während ich dieses schreibe, unter-<lb/>
         breche ich mich, trete ans Fenster, schlage die Vorhänge zurück <lb/>
         und sehe noch einmal auf die ruhende Stadt. Da blinkt es, <lb/>
         kreisrunde und kleine Sterne, eckige und leuchtende Scheiben, <lb/>
         das Laub rieselt, ein Wagen rollt, und aus einer fernen Schmiede <lb/>
         klingt das fröhliche Ping-Pang der Werkstatt. Die Glocken <lb/>
         rufen sich die Stunde zu und singen, hoch und tief, das schöne <lb/>
         Lied von der Pünktlichkeit; eine ganze Viertelstunde lang ist <lb/>
         es halb acht. Ein kleiner Viadukt verschwimmt im Dunkel; <lb/>
         diese leuchtende Linie, das ist der Boulevard mit den dunklen <lb/>
         Bäumen; Licht steht bei Licht, so weich, so zärtlich, so fest … <lb/>
         Eine Stadt, die man streicheln möchte. Hoch über dem Tal <lb/>
         fliegt der Mond durch die ziehenden Wolken, silbergrau ver-<lb/>
         dämmern die Berge, und dort hinten liegt, unsichtbar, das <lb/>
         Meer … Und von den schweigsamen Bergen herunter kommt <lb/>
         es und greift ans Herz, ungesungenes Lied und ungesagte <lb/>
         Worte, Sehnsucht in der Ferne nach der Ferne.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <pb facs="#0035" n="32"/>
      <p>
        <lb/>
         „Kennen Sie Grasse?“ fragte ich Herrn Wendriner.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Grasse?“ sagte er und stocherte sich in den Zähnen. „War-<lb/>
         ten Sie mal – Grasse …? Ja, da warn wir mal, von Can-<lb/>
         nes aus. Na, ich danke! Ein kleines Nest, ganz nett, gewiß, <lb/>
         aber kein anständiges Kasino, gar nichts Elegantes. Wir sind <lb/>
         bloß durchgefahren und haben eine Kleinigkeit gegessen, <hi rendition="#aq">Bouil-<lb/>
           lon baisse</hi>, oder wie das heißt. Richtig! Meine Frau hat sich <lb/>
         noch mächtig den Magen an den Langusten verdorben. Wissen <lb/>
         Se: Grasse ist nischt –!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ein schwedischer Sachse</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Einmal habe ich in Schweden, in einer südlichen Provinz, <lb/>
         ein Ding kennengelernt, das war mir neu.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es war ein kleiner Mann mit viereckig geschnittenen Borst-<lb/>
         haaren, einer Brille und kurzen Hosen, der mir da im Hotel <lb/>
         entgegentrat und sehr freundlich sagte: „Ich habe gehört, daß <lb/>
         Sie Deutscher sind; ich spreche deutsch.“ Ich horchte auf – <lb/>
         nein, er sprach nicht deutsch. Dieser Schwede sprach sächsisch. <lb/>
         Es war ganz seltsam.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er sprach nicht nur sächsisch: er sang es, er schleifte die <lb/>
         Worte, wie uns Hans Reimann das vergeblich gelehrt hat; er <lb/>
         zog und lutschte an der Sprache und hatte auch alle diese klei.<lb/>
         nen Verlegenheitswörter, die das Sächsische so unendlich kom-<lb/>
         mun machen. Er sagte: „Es blääst che nu hier e galdr Wind“, <lb/>
         wobei er das W von „Wind“ aussprach wie die Engländer; <lb/>
         er tauchte bis auf den tiefsten Flußgrund dieses breiigen Dia-<lb/>
         lektes herunter, und mittendrin konnte es geschehen, daß er <lb/>
         plötzlich versagte, dann fehlte ihm ein Wort. Das war nicht <lb/>
         gespielt, der Mann war durch und durch echt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er war so echt, wie Menschen sonst gar nicht sind – denn
        <pb facs="#0036" n="33"/>
        <lb/>
         niemand ist ja ganz und gar sich selbst ähnlich, aber dieser war <lb/>
         es. Er war so:</p>
      <p>
        <lb/>
         Er trug immer kurze Hosen, und wenn er auf die Berge <lb/>
         stieg, die in dieser Gegend etwa die Höhe eines mittleren Kü-<lb/>
         chenstuhls erreichen, dann legte er einen blauen tiroler Leinen-<lb/>
         Kittel an, auch hatte er einen Alpenstock. Der Mann war <lb/>
         nicht mehr jung und marschierte ausgezeichnet, er hatte auch <lb/>
         weite Reisen gemacht. „Im Chahre 1914, da wolldch eene <lb/>
         weide Reise machen, durch kanz Euroba – ’s war schon alles <lb/>
         vorbereid …“ Die Vorbereitung paßte so schön zu ihm, wie <lb/>
         alles zu ihm paßte:</p>
      <p>
        <lb/>
         Er sprach natürlich Esprando, wie er sich auch für „reli-<lb/>
         giöse Sachen“ und Naturheilkunde sähr indressierde, und er <lb/>
         hatte nun an alle Esperantisten der verschiedensten Länder ge-<lb/>
         schrieben; die sollten ihn auf den Bahnhöfen erwarten, abholen <lb/>
         und ihm ein billiges Quartier zuweisen. ’s war alles vorbereid, <lb/>
         aber Ende Chuli 1914 blieb er an der französischen Grenze <lb/>
         stecken … da muß etwas dazwischen gekommen sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er bekleidete nicht nur die Stellung eines Buchhalters – <lb/>
         er war wirklich einer, er war es durch und durch. Wenn man <lb/>
         mit ihm ging, so las er in der Natur wie in einem Haupt-<lb/>
         buch, er unterwarf sie sich dadurch, daß er in ihr genau Be-<lb/>
         scheid wußte, sie konnte ihm nicht entrinnen. Er rationalisierte <lb/>
         sie, und das bezaubernd Sächsische daran war, daß er Schweine-<lb/>
         zucht, Wegentfernung und schöne Aussicht gleichermaßen <lb/>
         rationalisierte; war im Führer vermerkt, daß dies eine alt-<lb/>
         berühmte historische Stätte sei, so war dies eine altberühmte <lb/>
         historische Stätte, und war eine schöne Aussicht vermerkt, dies <lb/>
         Ideal aller Kleinbürger, dann blieb er stehn und nahm sie zu <lb/>
         sich. Und ging ungerührt weiter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich ließ ihn keinen Tag aus den Augen; wir sprachen viel <lb/>
         und unterhielten uns über mancherlei im Leben. Nie habe ich
        <pb facs="#0037" n="34"/>
        <lb/>
         ihn zögern sehen, niemals war er unsicher; mit buchhalterischer <lb/>
         Sicherheit hatte er für alles eine Formel, einen Satz, etwas <lb/>
         Eingelerntes, das ihm niemals jemand entreißen würde. Kleine <lb/>
         Irrtümer berichtigte er sofort, blätterte gewissermaßen zurück <lb/>
         und stornierte; er war sehr sparsam, dabei in guten Verhält-<lb/>
         nissen, er hatte in einer schwedischen Provinzstadt ein eignes <lb/>
         kleines Haus, dessen Maße er auswendig wußte.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er hatte einen Hund, der ihm aufs Wort – verstehn Sie? <lb/>
         aufs Word! – gehorchte, und auf der andern Seite hatte er <lb/>
         einen Chef. Er lebte außerordentlich rationell, turnte jeden <lb/>
         Morgen, badete Luft, und alles, was er machte, war vernünf-<lb/>
         tig, aber es war nur vernünftig, und das hatte etwas Schreck-<lb/>
         erregendes. Ich wartete darauf, daß er einmal, doch nur ein <lb/>
         einziges Mal, etwas Irrationales, etwas ganz und gar Un-<lb/>
         sinniges tun oder sagen möchte – er tat es nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bei Tisch saßen wir uns oft gegenüber; er aß, was er sich <lb/>
         auf den Teller getan hatte, sorgfältig auf, er hob den Teller <lb/>
         schräg an und löffelte noch den letzten Rest Milch in sich <lb/>
         hinein, und noch einen Rest, und nun den allerletzten, und ich <lb/>
         begriff, daß eine Frau mit Nerven ihn im sechsunddreißig-<lb/>
         sten Ehejahr deswegen ermorden könnte. Er stand auf und <lb/>
         wischte sich den Mund und hatte diese Mahlzeit bestellt, be-<lb/>
         zahlt, absolviert, und alles war in Ordnung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er nahm gern Kleinigkeiten an, liebte es, wenn man für ihn bezahlte – aber er bedankte sich
        freundlich dafür. Er war gefällig, übersetzte, dolmetschte, erklärte: er war gar kein
        schlechter Kerl.</p>
      <p>
        <lb/>
         Erregt habe ich ihn nur einmal gesehen, da kamen wir auf <lb/>
         die Automobile in Schweden zu sprechen, und er sagte: „Ich <lb/>
         bin che nu ein Gächner von diese Luxussachn, dieses Rumfahrn <lb/>
         – was solln das?“ Ich machte eine kleine Einwendung … <lb/>
         da brachen aus dem kleinen Mann die Polizei heraus, der ge-<lb/>
        <pb facs="#0038" n="35"/>
         duckte Kleinbürger, der Paragraph und das Reglement, dem <lb/>
         sich auch die Reichen beugen sollten … „’s iß näämlich wäjn <lb/>
         dr Handelsbilanz, was da de fier Keld ausn Lande raus-<lb/>
         gähd …!“ Nie noch bin ich dem Sächsischen so nahe gewesen <lb/>
         wie bei ihm.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er war der Sachse der ganzen Welt, ausgedrückt in einem <lb/>
         seltsamen Mischtypus. Er war der Kitt, mit dem das Erden-<lb/>
         bauwerk zusammengehalten wird, der Zement der Pflicht. Er <lb/>
         war einer von denen, die man einsetzen kann, wo man <lb/>
         will; einer von denen, die immer ihren Dienst machen, ohne zu <lb/>
         fragen, ob es denn auch ihre Pflicht sei; treue Diener ihrer <lb/>
         Herren, ohne die sie traurig verdorrten, Anhänger der bösesten <lb/>
         Gesetze, der Kriege, der Todesstrafe; Gegner des Überflüssigen, <lb/>
         und wieviel ist nicht überflüssig auf der Welt! von tiefstem <lb/>
         Mißtrauen erfüllt gegen den Geist, der Selbstzweck ist; amu-<lb/>
         sisch, aber musikalisch, naturentfremdet, aber tierlieb, begeistert <lb/>
         für alles Zivilisatorische, abgeneigt dem Kulturellen, Gabels-<lb/>
         bergianer, Mitglieder des freisinnigen Vereins Waldeck, der Be-<lb/>
         zirksgruppe Süd und eines Vaterlandes. Ewige, ewige Sachsen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Über die wir nicht spotten sollen, weil auch wir, wenn man <lb/>
         uns als Typus schildert, komisch sind, alle miteinander.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Koffer auspacken</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         In der Fremde den Koffer auspacken, der etwas später ge-<lb/>
         kommen ist, weil er sich unterwegs mit andern Koffern noch <lb/>
         unterhalten mußte: das ist recht eigentümlich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du hast dich schon ein bißchen eingelebt, der Türgriff wird <lb/>
         leise Freund in deiner Hand, unten das Café fängt schon an, <lb/>
         dein Café zu sein, schon sind kleine Gewohnheiten entstanden … <lb/>
         da kommt der Koffer. Du schließt auf –</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Woge von Heimat fährt dir entgegen.</p>
      <pb facs="#0039" n="36"/>
      <p>
        <lb/>
         Zeitungspapier raschelt, und auf einmal ist alles wieder da, <lb/>
         dem du entrinnen wolltest. Man kann nicht entrinnen. Ein <lb/>
         Stiefel guckt hervor, Taschentücher, sie bringen alles mit, fast <lb/>
         peinlich vertraut sind sie dir, schämst du dich ihrer? Wie zu <lb/>
         nahe Verwandte, denen du in einer fremden Gesellschaft be-<lb/>
         gegnest; alle siezen dich, sie aber sagen dir: Du –! und drohen <lb/>
         am Ende noch, sprichst du mit einer Frau, schelmisch mit dem <lb/>
         Finger. Das mag man nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wer hat den Koffer gepackt? Sie? Eine warme Welle <lb/>
         steigt dir zum Herzen empor. So viel Liebe, so viel Sorge, so <lb/>
         viel Mühe und Arbeit! Hast du ihr das gedankt? Wenn sie <lb/>
         jetzt da wäre … Sie ist aber nicht da. Und wenn sie da sein <lb/>
         wird, wirst du es ihr nicht danken.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Sachen im Koffer sprechen nicht die Sprache des Lan-<lb/>
         des, nicht die Sprache der Stadt, in der du dich befindest. Ihre <lb/>
         stumme Ordnung, ihre sachliche Sauberkeit im engen Raum <lb/>
         sind noch von da drüben. Da liegen sie und sprechen schwei-<lb/>
         gend. Mit etwas abwesenden Augen stehst du im Hotelzimmer <lb/>
         und erinnerst dich nicht … nein, du bist gar nicht da – du bist <lb/>
         da, wo sie herkommen, atmest die alte Luft und hörst die <lb/>
         alten, vertrauten Geräusche … Zwei Leben lebst du in die-<lb/>
         sem Augenblick: eines körperlich, hier, das ist unwahrhaftig; <lb/>
         ein andres seelisch, das ist ganz wahr.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Mann, der sich lyrisch Hosen in den Schrank hängt! <lb/>
         Schämen solltest du dich was! Tuts ein Junggeselle, dann <lb/>
         geht es noch an; mit sachlich geübten Händen baut er auf <lb/>
         und packt fort, glättet hier und bürstet da … Ein Verheira-<lb/>
         teter, das ist immer ein bißchen lächerlich; wie ein plötzlich <lb/>
         selbständiges Wickelkind ist er, ohne Muttern, etwas allein <lb/>
         gelassen in der weiten Welt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Bademantel erinnert nicht nur; in seinen Falten liegen <lb/>
         Stücke jener andern Welt, aus der du kamst. Das ist schon
        <pb facs="#0040" n="37"/>
        <lb/>
         so. Aber faltest du ihn auseinander, dann fallen die Stücke <lb/>
         heraus, verflüchtigen sich, auf einmal hängt er vertraut und <lb/>
         doch fremd da, ein gleichgültiger Bademantel, den das Ganze <lb/>
         nicht so sehr viel angeht … Und da ist etwas praktisch <lb/>
         zusammengerollt, hier ist ein besonderer Trick des Packens zu <lb/>
         sehn, hast du die Krawatten gestreichelt, alter Junge? Als <lb/>
         ob du noch nie gereist wärst!</p>
      <p>
        <lb/>
         Leicht irr stehst du im Zimmer, in der einen Hand einen Lei-<lb/>
         sten, in der andern zwei Paar Socken, und stierst vor dich hin. <lb/>
         Gut, daß dich keiner sieht. Um dich ist Bäumerauschen, ein <lb/>
         Klang, Schmettern dreier Kanarienvögel und eine Intensität <lb/>
         des fremden Lebens, die du dort niemals gefühlt hast. Tropfen <lb/>
         quillen aus einem Schwamm, den du nie, nie richtig aus-<lb/>
         gepreßt hast. So saftig war er? Hast du das nicht gewußt? <lb/>
         Zu selbstverständlich war es, du warst undankbar – das weißt <lb/>
         du jetzt, wo es zu spät ist.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Parfümflasche ist zerbrochen, das gute Laken hat einen <lb/>
         grünlichen Fleck, ein Geruch steigt auf, und jetzt erinnert sich <lb/>
         die Nase. Die hat das beste Gedächtnis von allen! Sie be-<lb/>
         wahrt Tage auf und ganze Lebenszeiten; Personen, Strand-<lb/>
         bilder, Lieder, Verse, an die du nie mehr gedacht hast, sind auf <lb/>
         einmal da, sind ganz lebendig, guten Tag! Guten Tag, sagst <lb/>
         du überrascht, ziehst den alten Geruch noch einmal ein, aber <lb/>
         nach dem ersten Aufblitzen der Erinnerung kommt dann nicht<lb/>
         mehr viel, denn was nicht gleich wieder da ist, kommt nie <lb/>
         mehr. Schade um das Parfüm, übrigens. Die Flasche hat <lb/>
         unten ein häßlich gezacktes Loch, es sieht fast so aus, wie <lb/>
         etwas, daraus das Leben entwichen ist … Also das ist dummer <lb/>
         Aberglaube, es ist ganz einfach eine zerbrochene Flasche.</p>
      <p>
        <lb/>
         Unten, auf dem Boden des Koffers, liegen noch ein paar <lb/>
         Krümel, Reisekrümel, Meteorstaub fremder Länder. Jetzt ist <lb/>
         der Koffer leer.</p>
      <pb facs="#0041" n="38"/>
      <p>
        <lb/>
         Und da liegen deine Siebensachen auf den Stühlen und auf <lb/>
         dem Bett, und nun räumst du sie endgültig ein. Jetzt ist das <lb/>
         Zimmer satt und voll, fast schon ein kleines Zuhause, und <lb/>
         alle Erinnerungen sind zerweht, verteilt und dahin. Noch ein <lb/>
         kleines – und du wirst dich auf deiner nächsten Station zu-<lb/>
         rücksehnen: nach diesem Zimmer, nach diesem dummen Hotel-<lb/>
         zimmer.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Apotheke</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Manche Leute gehen in den fremden Orten immer erst in <lb/>
         den Ratskeller, manche zur Sehenswürdigkeit – ich gehe in <lb/>
         die Apotheke. Da weiß man doch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es beruhigt ungemein, zu sehen, daß auch in Dalarne, in <lb/>
         Faido oder in Turn-Severin die Töpfchen der Reihe nach aus-<lb/>
         gerichtet stehn, jedes mit einem Namen auf dem Bauch, und <lb/>
         fast von keinem wissen wir, was es ist. Manche heißen furcht-<lb/>
         bar unanständig, aber die Apotheker meinen das nicht so. Und <lb/>
         immer riecht es nach strengen und herben Sachen, es sind jene <lb/>
         Düfte, die dem guten, alten Apotheker langsam zu Kopf stei-<lb/>
         gen, woher er denn den altbewährten Apotheker-Sparren hat. <lb/>
         (Protest des Reichsverbandes Deutscher Apotheken-Besitzer. <lb/>
         Reue des Autors. Denn ihr habt keine Spezial-Sparren mehr, <lb/>
         sogar die Geometer sind vernünftig geworden … ihr habt alle <lb/>
         zusammen nur noch eine Verrücktheit: die Berufseitelkeit.) Ja, <lb/>
         also die Apotheken.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mir fehlt eigentlich nie etwas Rechtes, aber es gibt so nette <lb/>
         kleine Mittel, die sich hübsch einkaufen: Baldrian oder doppel-<lb/>
         kohlensaures Natron oder Jodtinktur … irgend etwas wird <lb/>
         man schon damit anfangen können. „Bitte geben Sie mir …“</p>
      <p>
        <lb/>
         Da kommt dann ein weißer Provisor-Engel angeschwebt, <lb/>
         die jüngern Herren haben, wenn es in deutschen Apotheken ist,
        <pb facs="#0042" n="39"/>
        <lb/>
         Schmisse und sehen grimmig-gefurcht drein, so: „Du! Wir sind <lb/>
         hier akademisch gebildet, und daß wir dir etwas verkaufen, ist <lb/>
         eine große Gnade!“ Da wird vor Angst sogar die Tonerde <lb/>
         doppelt sauer. Oder es ist da ein Apothekermädchen, blond und <lb/>
         drall, und man kann gar nicht verstehen, wie so ein freundliches <lb/>
         Wesen alle die vielen lateinischen Namen auswendig weiß. <lb/>
         Und immer mixt ein älterer, schweigsamer Mann hinter einem <lb/>
         hohen Pult eines der zahllosen Medikamente …</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt übrigens nur fünfzehn, hochgegriffen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt nur fünfzehn Medikamente, seit Hippokrates selig, <lb/>
         und doch ist es einer weitentwickelten Industrie von Chemie-<lb/>
         unternehmen und den Fabriken zur serienweisen Herstellung von <lb/>
         Ärzten gelungen, aus diesen zehn Medikamenten vierundvierzig-<lb/>
         tausendvierhundertundvierundvierzig gemacht zu haben; manche <lb/>
         werden unmodern, die werfen wir dann fort. Ja, verdient wird <lb/>
         auch daran. Aber das ist es nicht allein: die Leidenden wollen <lb/>
         das so. Sie glauben nicht nur an den Wundermann – Pro-<lb/>
         fessor oder Laien –, sie glauben auch an diese buntetikettierten <lb/>
         und sauber verpackten Dinge, die mit … „in“ oder mit … <lb/>
         „an“ aufhören und eben einige jener zehn Medikamente in <lb/>
         neuer Zusammensetzung enthalten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Hübsch, so eine Apotheke. Man fühlt sich so geborgen; es <lb/>
         kann einem nichts geschehn, weil sie ja hier gegen alle Krank-<lb/>
         heiten und für alle Menschen ihre Mittel haben. Es ist alles <lb/>
         so ordentlich, so schön viereckig, so abgewogen rund – so un-<lb/>
         wild. Hat der Apotheker einen Vogel? eine treulose Frau? <lb/>
         Kummer mit seiner Weltanschauung? Das soll er nicht – wir <lb/>
         wollen es jedenfalls nicht wissen. Wir stehen vor ihm, dem <lb/>
         Dorfkaplan der J. G. Farben und dem Landprediger der ärzt-<lb/>
         lichen Wissenschaft. Die Apotheke macht besinnlich, wir for-<lb/>
         dern, nehmen, zahlen und sind schon halb geheilt. Bis zur Tür.</p>
      <p>
        <lb/>
         Draußen ist es wesentlich ungemütlicher, und von der sanft
        <pb facs="#0043" n="40"/>
        <lb/>
         duftenden Medizin-Insel steuern wir wieder auf das hohe <lb/>
         Meer. Die Apotheke ist das Heiligenbild des ungläubigen klei-<lb/>
         nen Mannes.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Einfahrt</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Erst tauchen auf dem grüngrauen Land ein paar Baracken <lb/>
         auf, dann Häuschen, dann Häuser, da steht die erste Fabrik. <lb/>
         Ein Holzlager. Grau ist die Natur – immer sieht die Grenze <lb/>
         zwischen der Stadt und dem flachen Land aus wie ein Müll-<lb break="yes"/>
         und Schuttplatz. Da ist eine Vorortbahn, viele Schornsteine; <lb/>
         die erste Elektrische. Noch rollt der Zug glatt und mit unver-<lb/>
         minderter Geschwindigkeit; Straßenzüge begleiten uns, noch <lb/>
         mit Bäumen besetzt, dann bleiben die Bäume zurück; Re-<lb/>
         klametafeln, Wagen, Menschen, nun fährt der Zug lang-<lb/>
         samer und langsamer, nun rollt er im Schritt. Da – das <lb/>
         sind die hohen Steinmauern der Einfahrt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Schwarzgespült vom Rauch sind sie, ruhig und trübe; hier <lb/>
         schlagen die Wellen der Fremde an das heimische Gestade … <lb/>
         Heimisch? Für wen? Wir sind Fremde. Wir kommen in die <lb/>
         fremde Stadt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die ahnt nichts von denen, die hier ankommen. Heute kom-<lb/>
         men an: achtundvierzig Leute, die nur ihr Geld ausgeben wol-<lb/>
         len – (zum Hotelportier: „Sagen Sie mal, wo kann man <lb/>
         denn hier mal –?“); zweiunddreißig Reisende in Tuch, Eisen-<lb/>
         waren und Glasstöpseln; ein Kranker, der einen Arzt konsul-<lb/>
         tieren will; achtundsechzig Menschen, die in ihre Stadt zu-<lb/>
         rückkommen, die zählen nicht; und Fremde, Fremde, Fremde: <lb/>
         herangewanderte, arme Teufel, die ein Glück versuchen wollen, <lb/>
         das sie noch nie gehabt haben – der berühmte junge Mann, <lb/>
         der „mit nichts hier angekommen ist, und heute ist er …“ <lb/>
         Fremde, Fremde.</p>
      <pb facs="#0044" n="41"/>
      <p>
        <lb/>
         Unberührt von ihnen liegt die Stadt. Haus an Haus schleicht <lb/>
         vorbei – wir sehen in die Kehrseiten der Häuser, wo schmutzige <lb/>
         Wäsche hängt und rußige Kinder schreien, wo Achsen auf den <lb/>
         Höfen ächzen und Küchen klappern – die Stadt zeigt uns <lb/>
         Fremden ein fremdes Gesicht. Innen sieht sie ganz anders aus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt an einer bestimmten Stelle Schreibmaschinen billi-<lb/>
         ger; morgens um halb elf müssen alle Leute, die zur feinen <lb/>
         Gesellschaft gehören wollen, in einer bekannten Allee ihr Auto <lb/>
         einen Augenblick halten lassen; Mittag ißt man gut bei …, <lb/>
         ja, das wissen wir nicht; Schuhe kauft man vorteilhaft … <lb/>
         in welcher Straße? – im …-Theater ist eine herrliche Pre-<lb/>
         miere mit einem wundervollen Krach zwischen dem Direktor <lb/>
         und der Geliebten des Geldgebers. Ihre eigne Sprache hat die <lb/>
         Stadt: statt „Geld“ sagt man hier … ja, das wissen wir <lb/>
         nicht; um den Witz in der Zeitung zu verstehen, die sich der <lb/>
         ganze Zug eine Station vorher gekauft hat, muß man wissen, <lb/>
         daß es sich um Frau H. handelte, die mit einer Mörderin zu-<lb/>
         sammen eingesperrt sowie homosexuell ist; auf dem Witzbild <lb/>
         erkundigt sie sich nach ihrer Zellengenossin: „Ist sie blond –?“ <lb/>
         fragt sie den Schließer – das verstehn wir alles nicht. Wir <lb/>
         wissen gar nichts. Für uns ist das eine fremde Stadt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und wir werden ihr einen Teil unsres Lebens geben; wir <lb/>
         werden uns einleben, die Stadt wird sich in uns einleben, <lb/>
         und nach zwei Jahren gehören wir einander, ein bißchen. Wir <lb/>
         sagen nicht mehr „gnädige Frau“ zur Stadt – wir sagen <lb/>
         dann einfach „Sie“. Wir wissen schon, wo man vorteilhaft <lb/>
         Regenschirme kaufen kann, und das mit der schicken Allee, und <lb/>
         wo man gut und billig zu Mittag ißt, das alles können wir <lb/>
         den neuen Fremden, die nach uns kommen, schon ganz leicht-<lb/>
         hin sagen, als seien wir damit aufgewachsen, und als sei das <lb/>
         gar nichts. Aber: du … du sagen wir noch nicht zur Stadt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das sagen nur die, die hier groß geworden sind. Die, die<lb/>
        <pb facs="#0045" n="42"/>
         ihre ersten Worte in ihren Gassen, in ihren Kinderliedern und <lb/>
         auf ihrem Rasen gestammelt haben; die ein bestimmtes Vier-<lb/>
         tel der Stadt auf ewig mit einer bestimmten Vorstellung ver-<lb/>
         binden, denn dort haben sie zum erstenmal geküßt; die in den <lb/>
         vorweihnachtlichen Tagen im Omnibus in die Hände gepatscht <lb/>
         und sich die Nase an den Scherben platt gedrückt haben. „Guck <lb/>
         mal, Papa! Mama! Sieh mal, da —!“ und denen dort im <lb/>
         Omnibus die Welt erklärt worden ist … die sagen du zur <lb/>
         Stadt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die kümmert sich nicht um die Fremden, die täglich heran-<lb/>
         brausen. Sie führt ihr Leben … wer will, darfs mitleben. <lb/>
         Sie formt die Fremden langsam um, und wenn die Fremden <lb/>
         Geduld haben, dann sind sie es nach zwanzig Jahren nicht <lb/>
         mehr. Nicht mehr so ganz. Nur tief, im fremden Herzen, sind <lb/>
         sie es noch: da frieren sie, die Fremden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da hält der Zug. Und alle steigen aus; sie suchen, die Wur-<lb/>
         zellosen, eine Heimat in der Heimat der Stadt, die schon eine <lb/>
         Heimat ist: für die andern. In wieviel Städte werden wir noch <lb/>
         einfahren –?</p>
      <pb facs="#0046" n="[43]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">BEISSRING</hi></p>
      <pb facs="#0047" n="[44]"/>
      <pb facs="#0048" n="[45]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Wahnsinn Europa</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Im Jahre 1902 wird in der italienischen Kleinstadt Cerig-<lb/>
         nola ein Proletarier geboren, der di Modugno heißt. Erst <lb/>
         Landarbeiter, dann Bauarbeiter, gleitet der klassenbewußte <lb/>
         junge Mensch rasch in die Gewerkschaftspolitik; er wird mehrere <lb/>
         Male verhaftet, das erstemal schon im Jahre 1921, also vor <lb/>
         der Herrschaft der Fascisten, und als die ans Ruder kommen, <lb/>
         lernt er ein Gefängnis nach dem andern kennen. Flieht im <lb/>
         April 1927 aus Italien, denn es ist eine Flucht, die Ita-<lb/>
         liener lassen ihn nicht heraus, ein Auslandspaß ist eine <lb/>
         Gnade. Geht nach Frankreich, nach Luxemburg, arbeitet dort, <lb/>
         geht wieder nach Frankreich und denkt: Italien, und hat eine <lb/>
         Idee im Kopf: Italien. Denn in Italien sind Frau und Kind.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nichts einfacher, als Frau und Kind nachkommen zu lassen? <lb/>
         Das erlauben die Italiener nicht; Frau und Kind sind Geiseln <lb/>
         für den Entflohenen, und überhaupt „hat der Italiener im <lb/>
         Ausland nichts zu suchen“. Die Frau di Modugnos versucht <lb/>
         es mit einer Wallfahrt nach Lourdes – man verweigert ihr <lb/>
         dennoch den Paß. Sie bittet und beschwört die Behörden – <lb/>
         man verweigert ihr den Paß.</p>
      <p>
        <lb/>
         Im Jahre 1927 macht di Modugno in Paris neue An-<lb/>
         strengungen. Das Spiel der Ämter beginnt von neuem. „Da <lb/>
         müssen Sie erst …“ Gesuch; Beglaubigung des Gesuchs durch <lb/>
         die französische Polizei; Beglaubigung der Beglaubigung <lb/>
         durch das italienische Konsulat; Formulare, Gänge, Warten, <lb/>
         Warten … und dabei ist nie zu vergessen, daß das ein Arbeiter <lb/>
         in seiner Freizeit macht, daß er müde ist, unausgeschlafen,
        <pb facs="#0049" n="46"/>
        <lb/>
         gereizt durch all diesen Widersinn … Frau Modugno schreibt <lb/>
         aus Italien: „Liebster, wieder ist mein Gesuch abgeschlagen, <lb/>
         aber ich habe gute Beziehungen, und ich glaube, dieses Mal <lb/>
         wird es doch gelingen. Ich habe einen Anwalt genommen …“ <lb/>
         Also um einen gewöhnlichen Auslandspaß zu erlangen, braucht <lb/>
         man in der Ordnungszelle Italien einen Anwalt, denn es muß <lb/>
         doch Geld unter die Leute kommen. Di Modugno wartet, in Paris.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und eines Tages, als es gar nicht weiter geht, am 12. Sep-<lb/>
         tember 1927, steckt er einen Revolver zu sich und geht noch <lb/>
         einmal aufs italienische Konsulat. Der Generalkonsul ist zu <lb/>
         seinem Glück nicht da, den jungen Arbeiter empfängt sein Ver-<lb/>
         treter: ein Graf Nardini. Das kleine Büro ist von dem Warte-<lb/>
         raum nur durch eine dünne Wand getrennt. Die dort Sitzen-<lb/>
         den hören eine kurze Unterhaltung, dann die Stimme des Ar-<lb/>
         beiters, dann Nardini, auf italienisch: „Ich kann nicht! ich <lb/>
         kann das nicht!“ – dann zwei Schüsse. Di Modugno hat <lb/>
         den Konsularvertreter Italiens in Paris erschossen. Da sitzt er, <lb/>
         auf der Anklagebank.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Flügel des <hi rendition="#aq">Palais de Justice</hi> ist in weitem Umfang ab-<lb/>
         gesperrt, drei Reihen Schutzleute sind zu passieren, ehe du her-<lb/>
         aufkommst – der Saal ist halb leer; in dem viel zu kleinen <lb/>
         Zuschauerraum, der Formalität halber, jene, die die Geduld <lb/>
         gehabt haben, lange genug anzustehen; sehr viele Anwälte, auch <lb/>
         weibliche, unter denen übrigens keine große Nummer ist; Zeu-<lb/>
         gen, Presse, Polizei.</p>
      <p>
        <lb/>
         Di Modugno ist ein kleiner Mann, der recht kümmerlich vor <lb/>
         seinen drei Wächtern in der Anklagebank hockt. Die drei Rich-<lb/>
         ter und der Staatsanwalt in roten Talaren; links die Ge-<lb/>
         schworenen, mittleres und kleines Bürgertum. Die zwei Da-<lb/>
         men in Schwarz sind Frau und Tochter des Ermordeten, sie <lb/>
         haben sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen, was <lb/>
         nach französischem Recht möglich ist, wenn sie ein Interesse
        <pb facs="#0050" n="47"/>
        <lb/>
         geltend machen; zu diesem Zweck wird, der Form halber, ein <lb/>
         Frank Schadenersatz verlangt, und auf solche Art haben die <lb/>
         natürlich nur moralisch Interessierten die Möglichkeit, mit <lb/>
         ihrem Anwalt, Herrn Gautrat, in den Prozeß einzugreifen. <lb/>
         Di Modugno wird von dem Donnerer Torrès und Herrn <lb/>
         Lazurick verteidigt. Los gehts.  </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Warum? Warum haben Sie das getan –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Di Modugno beginnt in einem harten Französisch, das er <lb/>
         im Gefängnis gelernt hat, zu erklären … sein Temperament <lb/>
         entlädt sich ungeschickt, er erzählt zu viel, zu viel Einzelheiten, <lb/>
         die hier keinen Menschen interessieren, die für ihn aber Lebens-<lb/>
         fragen, Todesfragen gewesen sind: Italien und die Fascisten <lb/>
         und die Gefängnisse … Die Rolle des Vorsitzenden, des Herrn <lb/>
         Warrain, ist nicht beneidenswert: da sitzen Vertreter der ita-<lb/>
         lienischen Botschaft, sehr viel italienische Presse schreibt im <lb/>
         Saal, und ein Angriff des Herrn Torrès ist kein Zuckerlecken. <lb/>
         Trübe ist der Tag, die elektrischen Lampen glühen, sie leuch-<lb/>
         ten nicht, die braune Holztäfelung schwimmt im Dunkel, da <lb/>
         steht ein Photograph und hält dem Angeklagten seinen Kasten <lb/>
         vors Gesicht; die Anwälte gemahnen unfehlbar an Daumier, <lb/>
         was mögen sich diese Schauspieler der Gerechtigkeit wohl <lb/>
         nachher hinter den Kulissen beim Frühstück erzählen? Warum <lb/>
         übrigens alle Gerichtssäle der Welt so schlecht gelüftet sind, <lb/>
         bleibt ein ewiges Rätsel.</p>
      <p>
        <lb/>
         Di Modugno hat viel zu reden, aber nicht viel zu sagen. <lb/>
         Man errät die unendliche Qual der Paßplackerei; er hat Pech, <lb/>
         er ist kein „sympathischer Angeklagter“, und außerdem hat <lb/>
         er, wie das immer so geht, einen Mann getötet, der wohl <lb/>
         einem System angehörte, aber selbst kein enragierter Fascist <lb/>
         gewesen ist. Es trifft immer die Falschen.</p>
      <pb facs="#0051" n="48"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Zeugen. Der Anwalt der Nebenklägerinnen hat Be-<lb/>
         lastungszeugen zusammengeladen, aber sehr viel kommt da <lb/>
         nicht zusammen. Der uralte Trick, den Ermordeten in hell-<lb/>
         stem Licht erstrahlen zu lassen, vor dem sich dann der Täter <lb/>
         um so schwärzer abhebt, fällt ziemlich wirkungslos zu Boden: <lb/>
         Torrès lobt den Grafen Nardini in den höchsten Tönen, <lb/>
         übrigens werden dessen Qualitäten von niemandem bestritten. <lb/>
         Die Belastungszeugen sollen aussagen, daß der Graf Nar-<lb/>
         dini ihnen immer geholfen, daß er die Not der Emigran-<lb/>
         ten nach Möglichkeit gelindert hat, daß er sehr wohltätig <lb/>
         gewesen ist, das ist alles unbestreitbar. „Hat er jemals den<lb/>
         Eindruck gemacht, als ob er die Fascisten bevorzuge?“ <lb/>
         Nein, sagen die Zeugen. Das brauchte er auch gar nicht; <lb/>
         das tat schon das Reglement, das etwa 150 000 Italiener <lb/>
         in Paris ohne Paß läßt; Mussolini hat diese Leute sämt-<lb/>
         lich ihrer Nationalität beraubt, und was das heute in dem <lb/>
         papierwütigen Europa bedeuten will, weiß nur der, der ein-<lb/>
         mal darunter gelitten hat: so einer hat die gesamte Beamten-<lb/>
         pest auf dem Halse. Torrès steht langsam auf. „Sind Sie, <lb/>
         Herr Zeuge, Fascist oder Antifascist?“ fragt er lauernd. Und <lb/>
         kriegt eine dicke Abfuhr. „Ich bin Italiener, Herr Rechts-<lb/>
         anwalt!“ sagt der Zeuge. Immerhin, er hats aus Angst ge-<lb/>
         sagt, denn auf den Bänken horchen die italienischen Journa-<lb/>
         listen und die in Paris befindlichen Antifascisten – es ist <lb/>
         keine sehr freundliche Situation.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Entlastungszeugen. Hier ist zu sagen, daß im franzö-<lb/>
         sischen Strafprozeß die Redefreiheit aller Beteiligten viel grö-<lb/>
         ßer ist als im deutschen. Torrès hat Tod und Teufel vor-<lb/>
         geladen: Cesare Rossi, den sie neulich aus der Schweiz mit <lb/>
         Hilfe einer Frau zunächst in eine kleine italienische Enklave und <lb/>
         dann nach Italien verschleppt haben, wo es ihm nicht gut er-<lb/>
         gehen wird, natürlich ist er nicht gekommen; Arbeiterführer
        <pb facs="#0052" n="49"/>
        <lb/>
         und Journalisten und Politiker … Leute, die nur sehr mittel-<lb/>
         bar mit der Sache zu tun haben. Der Vorsitzende läßt sie reden. <lb/>
         Er ist, hör es, o Deutschland, nur Leiter der Verhandlungen <lb/>
         und kein Staatsanwaltsersatz. Die Stellung des französischen <lb/>
         Verteidigers und die des deutschen … welch ein Unterschied! <lb/>
         Dort ein geduckter Mann, der immer in leisem Verdacht der <lb/>
         Mittäterschaft steht, von den strammen Vorsitzenden auch so <lb/>
         behandelt wird und es sich gefallen läßt. Wie ja überhaupt <lb/>
         das deutsche „Standesbewußtsein“ nie da funktioniert, wo es <lb/>
         gefährlich wäre – etwa dem Brotgeber, dem vermeintlichen <lb/>
         „Vorgesetzten“ gegenüber, sondern mehr auf Kongressen, in <lb/>
         Reden und auf Wohltätigkeitsbällen. Dort also als Anwalt <lb/>
         ein Mann Nummer sechs, hier eine Redefreiheit, die jedem <lb/>
         deutschen Richter undenkbar vorkäme.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es erscheinen nacheinander:</p>
      <p>
        <lb/>
         Antifascisten, die die Geschworenen über Italien aufklären, <lb/>
         soweit das noch nötig ist – und immer sind die Geschworenen <lb/>
         die Hauptpersonen, nicht der Vorsitzende, der zuhört, schweigt <lb/>
         und zuhört. Der große Journalist Albert Londres erzählt von <lb/>
         Verzweiflungsszenen, die er in Spanien gesehen hat, wo sich <lb/>
         paßlose Emigranten vor den Türen der Konsulate herum-<lb/>
         wälzten; der etwas zweischneidige Arbeiterführer, Herr Jou-<lb/>
         haux … und ei! wer kommt denn da –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Fräulein Margueritte Durand. Sieht auch so aus. Wie ein <lb/>
         französisches Gretchen Schulze: das ist die Dame, die mit <lb/>
         Herrn Rossi nach der Schweiz gereist ist, wo er dann – wie <lb/>
         der Zufall spielt! – von den Italienern im Auto verschleppt <lb/>
         worden ist. So sieht das also aus, wenn die Spitzel Eros spie-<lb/>
         len lassen – hm. Eine spitze Nase, Fältchen um die Augen, <lb/>
         ein böser Mund; hinter mir sagt eine Anwältin: „Sehen Sie <lb/>
         sich die Frau an – gar nicht übel!“ aber Frauen haben ja <lb/>
         Frauen gegenüber meist einen merkwürdigen Geschmack. Fräu-
        <pb facs="#0053" n="50"/>
        <lb/>
         lein Durand spricht mit leiser Stimme: „Ja, ich bin wochen-<lb/>
         lang in Rom eingesperrt gewesen …“ Worauf sich einer der <lb/>
         Geschworenen erhebt und freundlich fragt: „Und warum, <lb/>
         verehrtes Fräulein, hat sich eigentlich der französische Konsul <lb/>
         nicht um Sie gekümmert?“ Sie habe an den Konsul ge-<lb/>
         schrieben, sagt sie; aber der Brief muß wohl nicht angekom-<lb/>
         men sein. Ein beneidenswertes Metier.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Spiel geht weiter. Welch ein Kino der Justiz! Wie <lb/>
         alles für die Geschworenen hergerichtet wird, bengalisch be-<lb/>
         leuchtet, verdunkelt oder ans falsche Licht gezerrt! Hier gilt es <lb/>
         als eine Empfehlung, gegen die Bolschewisten zu sein – da ist <lb/>
         es ein Verbrechen, sich mit Politik befaßt zu haben, denn das <lb/>
         dürfen die europäischen Kinder nicht, dafür haben sie ihre Po-<lb/>
         litiker, die Gott erleuchtet hat; und nun wird die Sitzung be-<lb/>
         wegter und bewegter. Maître Gautrat verschafft uns den sel-<lb/>
         tenen Anblick eines Mannes, der eine Metapher zur Wahrheit <lb/>
         macht: zum erstenmal sehe ich einen Redner, dem in der Tat <lb/>
         der Schaum vorm Munde steht, seine Zähne zermalmen alle <lb/>
         patriotischen Abstrakta mit einem Mal. Der leis grollende Don-<lb/>
         ner von Maître Torrès schwillt an, der Mann hat das, was <lb/>
         die Schauspieler „eine gute Röhre“ nennen, und er macht brau-<lb/>
         send Gebrauch davon. Die kleinbürgerlichen Vorstellungen der <lb/>
         Geschworenen werden von beiden Parteien nicht schlecht ge-<lb/>
         kitzelt: Sentimentalität, Mutterliebe, Witwentränen und arme <lb/>
         Waise, die leidende Familie in Italien, des Ernährers beraubt <lb/>
         – hier wird noch die Wahrheit zur dramatischen Lüge. Übrigens <lb/>
         leidet die Familie di Modugnos in Italien wirklich: aus Wut <lb/>
         über den Mann, der nicht zu fassen ist, hat Mussolini Frau <lb/>
         und Kind auf eine böse Insel geschickt, in die Verbannung – <lb/>
        <hi rendition="#aq">„de l’ersatz“</hi>, wie die Franzosen seit dem Jahre 1916 sagen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Jetzt ist die Verhandlung ganz und gar politisch geworden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Stimmung für die Italiener ist in Frankreich zur Zeit
        <pb facs="#0054" n="51"/>
        <lb/>
         dieses Prozesses nicht günstig. Mussolini, Nobile und die un-<lb/>
         geschickten Nachahmungen französischer Pseudofascisten, die <lb/>
         keine Rolle spielen, aber doch eine spielen wollen – und so <lb/>
         sang neulich ein Chansonnier im Cabaret: <lg type="poem">
          <lb/>
          <l>Nobil’ serait</l>
          <lb/>
          <l>Américain, Suédois, Portugais, Norvégien,</l>
          <lb/>
          <l>En parler serait très possible; </l>
          <lb/>
          <l>Mais précisément le Destin </l>
          <lb/>
          <l>A voulu qu’il fût Italien –</l>
          <lb/>
          <l>Ils sont si, si, si susceptibles!</l>
        </lg>
        <lg type="poem">
          <lb/>
          <l> Il est parti l’premier … mais ça</l>
          <lb/>
          <l> Bien des Italiens en sont là!</l>
          <lb/>
          <l> Au Pôle il fait un froid terrible …</l>
          <lb/>
          <l> Qu’est-c’que vous voulez, le pauvr’ vieux,</l>
          <lb/>
          <l> Il a eu peut-êtr’ froid aux yeux! </l>
          <lb/>
          <l>Ils sont si, si, si susceptibles!</l>
        </lg>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Auf diese Empfindlichkeit nimmt eigentlich nur der Vor-<lb/>
         sitzende Rücksicht, der „nicht duldet, daß von einer Schwester-<lb/>
         nation so gesprochen wird, von einer befreundeten Nation, von <lb/>
         einer verbündeten Nation …“ und Torrès donnert weiter. <lb/>
         Wie angenehm aber auf allen Seiten die Anerkennung der <lb/>
         Regeln für Florett und schwere Säbel, gegenüber dem <lb/>
         Mangel an Ritterlichkeit in deutschen Gerichtssälen, wo man <lb/>
         fast immer das Gefühl hat, einer polizeilichen Vernehmung <lb/>
         beizuwohnen, nicht aber einem Kampf der Meinungen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und die Plaidoyers rollen: die brausende Orgel des Zornes, <lb/>
         die säuselnde <hi rendition="#aq">Vox humana</hi> der Empfindsamkeit, Harfe des <lb/>
         Herzens, Flöte des Spottes und die ganze türkische Musik. <lb/>
         Wer hat hier recht –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Du sollst nicht töten. Blut ist selten eine Lösung; erklärlich <lb/>
         bleibt die Tat, zu loben ist sie nicht. Aber:</p>
      <pb facs="#0055" n="52"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Anarchie der Staaten quält die Zwangsabonnenten zu <lb/>
         Tode, und hier hat sich einmal einer gewehrt. Vergeblich weist<lb/>
         Torrès auf die Verhandlungen in Genf hin, wo man für alle <lb/>
         diese Menschen „zwischen den Staaten“ einen Völkerbunds-<lb/>
         paß schaffen wollte, so wie es ja schon heute in seltnen <lb/>
         Fällen einen Nansen-Paß gibt; dieser große Mann hatte ein <lb/>
         Herz und keine Nationalflagge vor den Augen. Was ist es <lb/>
         mit den Fremden in Europa?</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie sind rechtlos.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wäre es noch die verständliche Eifersucht der einheimischen <lb/>
         Arbeiter, die für ihren Arbeitsmarkt fürchten und so mithelfen, <lb/>
         die Freizügigkeit aufzuheben – wäre es nur das! Aber es <lb/>
         ist der Wahnsinn einer übergeschnappten Bürokratie, die, um <lb/>
         sich zu erhalten, längst Selbstzweck geworden ist, ohne Sinn, <lb/>
         ohne Ziel, unfähig, auch nur ihre eignen Leute vor den Hoch-<lb/>
         staplern zu schützen, die sämtliche Pässe der Welt in Ordnung <lb/>
         haben; unfähig, aber schikanierend; mit der Zeit und dem <lb/>
         Geld der Steuerzahler, die den Apparat erhalten müssen, um-<lb/>
         gehend wie die Tyrannen, die sie sind.</p>
      <p>
        <lb/>
         Von Zeit zu Zeit entfesseln die Pariser Zeitungen eine wilde <lb/>
         Woge von Fremdenhaß, auf Bestellung, aber die Pariser <lb/>
         Presse ist vielerlei, unter anderm ein gutes Geschäft und ein <lb/>
         Machtmittel – durchaus nicht Frankreich. In diesen Dis-<lb/>
         kussionen gibt es nun ein Wort, das wir nicht mehr hören <lb/>
         möchten –: das ist das Wort „Gastfreundschaft“. „Er ge-<lb/>
         nießt hier bei uns Gastfreundschaft…“</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist nicht wahr! Der Fremde zahlt im fremden Land <lb/>
         Steuern wie ihr; er arbeitet wie ihr; er gibt dort sein Geld <lb/>
         aus wie ihr – also habt ihr, solange er die Gesetze des Landes <lb/>
         befolgt, kein Recht, ihn hinauszuwerfen! Er genießt nicht die <lb/>
         Bürgerrechte – das ist ein andres Kapitel –, aber er ist <lb/>
         auch nicht euer Gast. Denn es geht heute nicht mehr an, Europa
        <pb facs="#0056" n="53"/>
        <lb/>
         in kleine Festungen aufzuteilen, wo man <hi rendition="#aq">„maître chez soi“</hi>
        <lb/>
         ist – und wenn hier einer einwirft, daß die Russen es auch <lb/>
         nicht anders halten, so sei ihm gesagt, daß die Russen dann <lb/>
         eben falsch handeln; wobei ihnen die wirklich vorhandene Ver-<lb/>
         teidigungsstellung gegen eine Welt eingeräumt sei.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Paß ist keine Gnade – und keine Regierung hat das <lb/>
         Recht, ihre Leute bei sich einzusperren und sie etwa zu lebens-<lb/>
         länglichem Italien zu verdonnern. Da gibt es ein italienisches <lb/>
         Gesetz aus dem Jahre 1926, das bedroht den, der ohne einen <lb/>
         sehr, sehr schwer zu erlangenden Paß die Grenze verläßt, mit <lb/>
         einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und Geldstrafe bis zu <lb/>
         zwanzigtausend Lire. Da gibt es Schikanen gegen Armenier, <lb/>
         Weißrussen, Rotrussen, Italiener – es ist nicht richtig, daß <lb/>
         der Fremde nur ein geduldetes Wesen zu sein hat! Selbstver-<lb/>
         ständlich hat er, entgegen allen nationalen Vorstellungen von <lb/>
         dem, was „taktvoll“ sei, auch das Recht, die Einrichtungen <lb/>
         eines fremden Landes zu kritisieren; wir in Europa sind kapi-<lb/>
         talistisch längst eine große Familie, und die Einteilung in <lb/>
         Staaten, wie sie heute sind, ist eine anachronistische Kinderei, <lb/>
         eine gefährliche und eine unehrliche dazu. Wer ist hier im Recht?</p>
      <p>
        <lb/>
         Französische Geschworene haben sicherlich schon Fehlurteile <lb/>
         gefällt. Aber sie haben eines vor den deutschen voraus: sie <lb/>
         pfeifen oft auf die Autorität und unterliegen nicht sklavisch der <lb/>
         Suggestion eines kleinen Landgerichtspräsidenten. Diese hier <lb/>
         hatten auf folgende Fragen zu antworten:</p>
      <p>
        <lb/>
         1. Hat der Angeklagte eine Körperverletzung begangen?</p>
      <p>
        <lb/>
         2. Hat diese Körperverletzung einen tödlichen Ausgang zur Folge gehabt?</p>
      <p>
        <lb/>
         3. Hatte der Angeklagte den Vorsatz zu töten?</p>
      <p>
        <lb/>
         4. Hat er die Körperverletzung vorsätzlich begangen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Und nun geschah etwas sehr Charakteristisches. Die Ge-<lb/>
         schworenen antworten nicht blind, sondern fragten zurück:
        <pb facs="#0057" n="54"/>
        <lb/>
         „Welche Folgen hat es, wenn wir die einzelnen Fragen be-<lb/>
         jahen?“ Der Vorsitzende klärte sie auf, worauf sie zugunsten <lb/>
         des Angeklagten nur die erste Frage bejahten, alle andern aber <lb/>
         verneinten – also entgegen dem klaren Tatbestand die Tötung <lb/>
         leugneten. Witwe und Tochter des Erschossenen saßen in <lb/>
         Trauer daneben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Zwei Jahre Gefängnis – Anrechnung der Untersuchungs-<lb/>
         haft von einem Jahr.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und ein Krach in der Pariser Presse! Die Geschworenen <lb/>
         hätten sich miteinander in Verbindung gesetzt; einer hätte den <lb/>
         andern abends in seiner Wohnung besucht … das wird auch <lb/>
         gar nicht geleugnet. Der <hi rendition="#aq">‚Matin‘</hi> war drauf und dran, die <lb/>
         Institution der Geschworenengerichte überhaupt abzuschaffen; <lb/>
         der <hi rendition="#aq">‚Ami du Peuple‘</hi> des wohlriechenden Herrn Coty betonte, <lb/>
         daß am selben Tag ein unehrlicher Steuereinnehmer wegen <lb/>
         Unterschlagung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden <lb/>
         sei – als ob diese Justiz nicht immer Eigentumsvergehen <lb/>
         am schärfsten geahndet hätte! Die Polizei stürzte sich mit <lb/>
         Feuereifer auf neue Reglements gegen die Fremden, denen <lb/>
         sie, wiederum nicht ganz zu Unrecht, vorwirft, einen etwas <lb/>
         reichlichen Prozentsatz bei allen Pariser Verbrechen zu stellen <lb/>
         – und nun ging es auch jenseits der Alpen los.</p>
      <p>
        <lb/>
         Rede Mussolinis in der Kammer; Telegramm an die <lb/>
         Witwe; Zähneknirschen, geschwungene Fäuste und drohende <lb/>
         Reden – die <hi rendition="#aq">sœur latine</hi> kreischte aus vollem Halse, und <lb/>
         die französische Nation antwortet der Schwester lächelnd etwas, <lb/>
         was ungefähr unserm „Na und –?“ entspricht: <hi rendition="#aq">„Et ta <lb/>
           sœur –?“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Und keiner sieht den wahren Grund dieser Affäre.</p>
      <p>
        <lb/>
         Zugrunde liegt der Irrsinn einer nicht mehr haltbaren Idee: <lb/>
         der absoluten Souveränität der Staaten. So wie überall <lb/>
         durch die mangelnde Arbeitsgelegenheit, die übertriebene Ein-
        <pb facs="#0058" n="55"/>
        <lb/>
         schätzung einer armseligen „akademischen Bildung“ und der <lb/>
         zunehmenden Sucht, sich schwerer Arbeit zu entziehen, ein Be-<lb/>
         amtenpartikularismus aufflammt, der das Leben von Tag zu Tag unerträglicher macht, so
        stemmt sich jedes dieser Staatengebilde mit aller Macht gegen die Entwicklung. Es wird ihnen
        nichts helfen. Es kommt das föderalistische Europa – trotz Genf.</p>
      <p>
        <lb/>
         Inzwischen weist Preußen lästige Ausländer nach Hamburg aus; Frau di Modugno darf nicht
        nach Frankreich kommen; die Engländer untersuchen in Newhaven die ankommenden Fremden auf
        Geschlechtskrankheiten – und unter einem Wald von flatternden Fahnen, blitzenden
        Messingwappen und herrlich bunt angestrichenen Generalen erbraust der Wahnsinn Europa.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Fabel</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Da stand der Hund vor der Hundehütte, sein Fell war ge-<lb/>
         sträubt wie die Borsten einer Bürste, er lauschte in die weite <lb/>
         Nacht. Aus der Nacht ertönte ein Geheul.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es begann hinter dem Wald, und es pflanzte sich zur <lb/>
         Schlucht hinüber fort, sacht ansteigend; wenn es dort ange-<lb/>
         kommen war, antwortete eine heulende Stimme, die so jäh <lb/>
         anstieg, daß der Hund zitternd in sich zusammenkroch. Dann <lb/>
         begann er zu bellen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er bellte, gleich heiser einsetzend, so aufgeregt war er; <lb/>
         Schaum troff ihm aus dem Maul, er bellte mit der Seele, <lb/>
         seine Flanken flogen, obgleich er gar nicht gelaufen war, er <lb/>
         stemmte alle vier Pfoten fest auf die Erde, um bessern Halt <lb/>
         zu haben – und Geifer, rasende Tobsucht und Wut waren in <lb/>
         seiner Stimme … Da erwachte sein Herr.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das sind die Wölfe“, sagte der Mann hinter sich in die <lb/>
         Hütte und band den Hund los, der ihm nicht von den Hacken <lb/>
         wich; er schritt in die Hütte zurück, entsicherte das Gewehr, das
        <pb facs="#0059" n="56"/>
        <lb/>
         an der Wand hing, und legte sich zu seinem Weib. Das Herd-<lb/>
         feuer glomm; der Hund träumte. Wenn das Geheul drau-<lb/>
         ßen von neuem einsetzte, richtete sich der Hund schnaufend auf, <lb/>
         ein kurzer Ruf des Mannes zwang den Knurrenden in die <lb/>
         Ruhestellung. Da lag er.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da lag der Verräter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da lag der, der sich vor achttausend Jahren von den Wöl-<lb/>
         fen losgemacht hatte: für Fressen, Sicherheit und einen war-<lb/>
         men Platz in der Hütte. Sie hätten ihn zerrissen, wenn sie ihn <lb/>
         bekommen hätten – mit ihren Zähnen zerknirscht, zermalmt, zu-<lb/>
         nichte gemacht. Er gab vor, sie zu verachten; aber er haßte sie, <lb/>
         weil er sie fürchtete. Der Herr nannte ihn treu und wachsam <lb/>
         – es war ganz etwas andres. Um ganz etwas andres ging <lb/>
         der ewig währende Kampf zwischen den wilden Hunden und <lb/>
         dem gezähmten Hauswolf. Der Kampf ging um die Seele.</p>
      <p>
        <lb/>
         Anklage und Urteil war ihr Erscheinen; tiefster Vorwurf <lb/>
         ihre Witterung; Donnerspruch ihre Stimme; Glanz des Him-<lb/>
         mels vor dem Sünder in der Hölle ihre Gestalt – er krümmte <lb/>
         sich, wenn er nur an sie dachte. Er wand sich: denn sie hatten <lb/>
         recht! sie hatten recht! sie hatten recht! Er war abgefallen, <lb/>
         zum Feind übergegangen: aus Feigheit, aus Verfressenheit, <lb/>
         aus Faulheit; aus hündischem Stolz, sich in der Gunst seines <lb/>
         Herren sonnen zu dürfen, und womit war diese Gunst erkauft!</p>
      <p>
        <lb/>
         Er haßte sie um ihrer Freiheit willen – er war zu schwach, <lb/>
         die noch zu wollen. Er ließ sie entgelten, was er nicht hatte <lb/>
         werden können. Sie hatten die Freiheit, die herrliche Freiheit <lb/>
         und ein hartes Leben – aber sie sollten gar nichts haben! Er <lb/>
         haßte sie, weil sie nicht in der Wärme fressen wollten wie er, <lb/>
         und er haßte sie, weil es ihm alles, alles nichts genutzt hatte: <lb/>
         der Verrat nicht, die Wachsamkeit nicht, die gebratenen Fleisch-<lb/>
         stücke nicht. Er war ein Verschnittener; was da draußen rief, <lb/>
         war die Manneskraft, waren die Treue, der Wille und das
        <pb facs="#0060" n="57"/>
        <lb/>
         Herz – was war ihm geblieben! Eine Hundehütte war ihm <lb/>
         geblieben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein besonders schriller Schrei drang in die warme Finster-<lb/>
         nis. Diesmal konnte der am halb verglommenen Feuer nicht <lb/>
         an sich halten – laut bellend fuhr er in die Höhe. Mit einem <lb/>
         jaulenden Schmerzenslaut duckte er sich nieder: ein Stück Holz <lb/>
         war ihm krachend in die Weichteile gefahren. Der Wille des <lb/>
         Herrn hatte gesprochen. In hohen Tönen wimmernd lag er <lb/>
         gekauert und horchte auf die Stimme der Natur, auf die <lb/>
         Stimme der ungebändigten Freiheit, auf die mahnende Stimme, <lb/>
         anmahnend das verpfuschte Leben seiner Generationen. Da lag <lb/>
         er: ein wohlgenährter Verräter. Ein in Sicherheit lebender <lb/>
         Verräter. Ein zutiefst unglücklicher Verräter. Nun war es <lb/>
         ganz still geworden. Der Hund schlief.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Zwischen Otto Wels und Lenin bestehen gewisse Gegensätze.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ein besserer Herr</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Da laßt mich mal ran. Dieses Buch will besprochen sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dieses Buch ist: „O. S.“, verfaßt von Arnolt Bronnen (er-<lb/>
         schienen bei Ernst Rowohlt zu Berlin); „O. S.“ heißt: Ober-<lb/>
         schlesien. Ausgezeichneter Einband: eine graue Generalstabs-<lb/>
         karte der Gegend, die Demarkationslinie zwischen Polen und <lb/>
         Deutschland blutrot eingezeichnet, der Titel gleichfalls rot, das <lb/>
         ist sehr gut gemacht. Die vierhundertzehn Seiten aber sind der <lb/>
         Abschied eines Literaten von der Literatur.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vor der Abstimmung in Oberschlesien versuchten beide Teile, <lb/>
         die Entscheidung der Alliierten und die Haltung der Entente-<lb/>
         Kommissionen mit Waffengewalt zu beeinflussen. In Polen <lb/>
         taten das Patrioten und bezahltes Gesindel, in Deutschland <lb/>
         waren es Patrioten und bezahltes Gesindel; die Atmosphäre
        <pb facs="#0061" n="58"/>
        <lb/>
         dort unten roch nicht gut. Es spielten sehr gewichtige Inter-<lb/>
         essen der Großindustrie mit, von denen die Freikorps, die mit<lb/>
         unerhörter Brutalität eingriffen, nicht viel ahnten – in dem <lb/>
         einzig lichten Augenblick seines Buches nennt Bronnen die An-<lb/>
         fänge der Schwarzen Reichswehr rechtens ein „Gemisch aus <lb/>
         Arbeitslosigkeit und Patriotismus“. Der Erfolg dieses Ban-<lb/>
         denkrieges ist negativ gewesen – die endgültige Festsetzung <lb/>
         der Grenzlinie ist kaum durch ihn beeinflußt worden. Wesent-<lb/>
         lich ist dann doch die Abstimmung gewesen. Von beiden <lb/>
         Seiten wurden damals große Fonds in den korrumpierten <lb/>
         Volkskörper hineingepumpt wie später in die Ruhr – ich <lb/>
         selbst habe die Hände in diesem Bottich gehabt, ich hätte es <lb/>
         nicht tun dürfen, und ich bereue, was ich getan habe. Auf beiden <lb/>
         Seiten ist gemordet und spioniert worden, verraten und gekauft <lb/>
         und verkauft; bestialische Untaten sind verübt worden und un-<lb/>
         gesühnt geblieben … und schließlich hat es alles nichts genutzt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Davon erzählt Bronnen. Kein Zweifel, daß es nicht nur das <lb/>
         Recht, sondern beinah die Pflicht des Dichters ist, ein Zeit-<lb/>
         dichter zu sein – und hier ist sorgfältig zu untersuchen: wird <lb/>
         ästhetisch berichtet, gleichmütig, unpolitisch, oder steht der Er-<lb/>
         zähler auf einer Seite der Linie? Bronnen steht auf einer Seite: <lb/>
         nicht auf der polnischen. Auf der deutschen? Nein, er steht nicht <lb/>
         auf der deutschen – er steht auf der Seite der Freikorps, und <lb/>
         diese Freikorps verfochten zum großen Teil nur ihre Sache, <lb/>
         nicht die der Deutschen, von denen sie nicht beauftragt waren, <lb/>
         die sie nicht gefragt hatten … aus Bayern zogen sie nach <lb/>
         Oberschlesien, Landsknechte, die überall waren, wo es etwas zu <lb/>
         prügeln gab. Hier gab es Krieg, Divisionsstab, Mord, Geld, <lb/>
         Krach, ein freies Leben führen wir …!</p>
      <p>
        <lb/>
         Das kann man bejahen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich spiele dieses Spiel nicht mit, das darin besteht, jedem <lb/>
         Schriftsteller der Gegenseite die Begabung abzusprechen. Un-
        <pb facs="#0062" n="59"/>
        <lb/>
         sereiner ist ja für die Rechten ein analphabetischer Botokude; <lb/>
         wir aber wissen, wie groß Gottes Tiergarten ist – warum <lb/>
         sollte es nicht einen guten, einen achtbaren, einen prägnant <lb/>
         schreibenden nationalen Schriftsteller geben?</p>
      <p>
        <lb/>
         Jedoch hat jede heroische Bewegung ihre Affen; der Fascis-<lb/>
         mus hat einen neuen Typus in Europa gezüchtet: den fasci-<lb/>
         stischen Kellner. Bitte sehr, bitte gleich … es ist eine Tragik <lb/>
         dieser Gruppen, daß dort offenbar unsre alten Hosen aufgetra-<lb/>
         gen werden; da gibt es falsche Hamsuns und nachgemachte <lb/>
         Kerrs und Epigonen von Epigonen … Die Herren irren. <lb/>
         Fascisten –? Ein dreckiges Hemd ist noch kein Schwarzhemd.</p>
      <p>
        <lb/>
         Echtheit der Gesinnung riecht man. Der verstorbene Fried-<lb/>
         rich Lienhard ist echt gewesen. Hans Grimm ist ein durchaus <lb/>
         ehrlicher Mann. Bronnen ist nicht echt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sage mir, wie du schreibst … da gibt es kein Versteckspiel. <lb/>
         Wir alle sind mit unsern Stärken und unsern Unarten in un-<lb/>
         serm Stil; es ist wie mit dem Gesicht: hier gibt es keine Ver-<lb/>
         stellung. Wie sieht der Stil des Freikorpsbarden aus?</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn ihr in den Ecken eurer Bibliothek nachstöbert, wo die <lb/>
         alten, ganz alten Reclambändchen stehn, dann werdet ihr <lb/>
         sicherlich auch so etwas wie „Militärhumoresken“ finden (Theo <lb/>
         von Torn …), und da fischt euch einmal eine heraus. Ihr <lb/>
         werdet sehen, wie der höchst zweifelhafte Humor dieser kind-<lb/>
         lichen Albernheiten darin besteht, daß gewöhnliche Hergänge <lb/>
         bombastisch beschrieben werden. „Fritz, der treue Bursche, er-<lb/>
         griff zu diesem Zwecke das keinem Vaterlandsverteidiger feh-<lb/>
         lende Schwert und ging mit dieser furchterregenden Waffe der <lb/>
         Büchse zu Leibe, die der Aufbewahrung jener mit Recht so ge-<lb/>
         schätzten Erbswurst diente …“, also dumm. Diese Technik geht <lb/>
         durch alle Bändchen – sie feiert hier bei Bronnen ihre fröh-<lb/>
         liche Urständ. Dieses Deutsch ist eine Affenschande.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Herr von Heydenbreck saß eben, es war halb drei Uhr, im
        <pb facs="#0063" n="60"/>
        <lb/>
         Osten flimmerte schon der bekannte Silberstreif …“ Diesen <lb/>
         Satz kann man sich unmöglich anders als genäselt gesprochen <lb/>
         denken – „der bekannte Silberstreif“ … hähä – sehr jeist-<lb/>
         reich, hat doch der olle Pachulke, der Stresemann, mal je-<lb/>
         sacht … Prösterchen! Und das ist nun nicht etwa eine Aus-<lb/>
         nahme; das soll keineswegs dazu dienen, eine Figur zu charak-<lb/>
         terisieren, sondern Bronnen findet das komisch, und in <lb/>
         seinen Kreisen wird es das ja wohl auch sein. Wo es ganz <lb/>
         besonders komisch hergeht, schreibt der hochgemute Dichter <lb/>
         „Neese“ statt „Nase“, ohne jeden ersichtlichen Zweck … wenn <lb/>
         da die Leute nicht lachen! Bevor ich berlinere, überlege ich es <lb/>
         mir dreimal, und zweimal tue ichs nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt in diesen deutschen Büchern ein Wort, das nie fehlt, <lb/>
         weil es so recht zeigt, wie sich die Verfasser einen deutschen <lb/>
         Mann vorstellen. Es ist das Wort „kurz“. „Herr Pfarrer <lb/>
         Ulitzka gab ihm kurz zur Antwort“ … Die Fakultäten, die so <lb/>
         schöne Preisaufgaben stellen, sollten einmal als Thema geben: <lb/>
         „Kurz und Knapp in ihrer Beziehung zum patriotischen Schund-<lb/>
         roman des zwanzigsten Jahrhunderts.“ Denn dies ist ein deut-<lb/>
         sches Ideal: jemand kurz anzufahren; nehmen Sie herrisch, <lb/>
         dergleichen hebt immer. Bronnen spricht auch im ruhigen Prosa-<lb/>
         text genau so, wie seine uniformierten Jungen gesprochen haben <lb/>
         – ich will den Putsch-Killinger, der eines der rohesten Bücher <lb/>
         geschrieben hat, nicht beleidigen: aber beinah so schön kann es <lb/>
         Bronnen auch. Dies ist sein Deutsch: „Nun stand da, allein <lb/>
         in einer offnen, relativ behaglichen Wohnung ein einsames <lb/>
         Mädchen …“ man fühle, wie gewöhnlich, wie aus dem <lb/>
         Rinnstein geklaubt dieses ausgespuckte und törichte Fremd-<lb/>
         wort „relativ“ hier ist; man höre so einen Satz, von einem <lb/>
         Überfall auf Geschäftsleute durch die Freikorpsverbrecher: „Die <lb/>
         ungeladenen Pistolen auf der schwitzenden Stirn gaben die Koof-<lb/>
         michs mit Eifer ihr Geld“, und man ermesse daran den Stil.</p>
      <pb facs="#0064" n="61"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Freikorpsknaben, für die das Buch geschrieben ist, wer-<lb/>
         den diesen Stil loben, es haltend wie Schalom Asch, der „Jid-<lb/>
         disch“ für die schönste Sprache der Welt erklärte. Und als er <lb/>
         gefragt wurde, warum: „Man versteht jedes Wort.“ Bei <lb/>
         Bronnen versteht man jedes Wort – wissen Se, es is so na-<lb/>
         türlich jeschriehm – ehm so, wie man ehm spricht. Zum Wohle.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bronnen beschuldigt ohne den Schimmer einer Ahnung die <lb/>
         Reichs-Regierung, nichts für Oberschlesien getan zu haben. <lb/>
         Die Regierung aber saß damals im Druck einer ungeheuern <lb/>
         Zange: sie hatte, was der Verfasser übersieht, einen Krieg <lb/>
         verloren, sie hatte ein halb verhungertes Volk im Lande, <lb/>
         fremde Soldaten auf der heimischen Erde … „Na, da hätte <lb/>
         man eben … man hätte eben … also: einfach feste druff …“, <lb/>
         so ungefähr geht, unausgesprochen, das politische „Pro-<lb/>
         gramm“ durch die hingesudelten Seiten. Die Roheit, die <lb/>
         Dummheit, die Blindheit dieses Autors sind beispiellos.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er schreibt das Eigenschaftswort „deutsch“ allemal groß <lb/>
         und „polnisch“ allemal klein, auch dann, wenn er die Polen <lb/>
         etwas von „den Deutschen Schweinen“ sagen läßt – wohl, <lb/>
         um anzudeuten: waren die Deutschen einmal Schweine, dann <lb/>
         sind sie eben recht große gewesen. Und wenn es ganz <lb/>
         groß hergeht, dann schreibt Bronnen alles groß – so am <lb/>
         Schluß, wenn Banalitäten über einen nebulosen Sieg in den <lb/>
         Wind geschmettert werden, wo die Fahnen sich bauschend im <lb/>
         Winde … wie gehabt. Das Minderwertige wird klein ge-<lb/>
         schrieben? Dann aber wollen wir von arnolt bronnen sprechen, <lb/>
         bei dem dieser Deutsche Rechtschreibungssieg nicht nur eine <lb/>
         gesuchte Äußerlichkeit ist wie die, alle zusammengesetzten <lb/>
         Wörter auseinanderzureißen und die Teile ohne Bindestrich <lb/>
         hinzusetzen: welch ein Bock Mist. Nein, seine nationale <lb/>
         Orthographie hat ihre tiefere Bedeutung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn tatsächlich gibt es in diesem Buch keinen anständigen
        <pb facs="#0065" n="62"/>
        <lb/>
         Polen. Es sind kleine, verschmierte, tückische, bezahlte Leute; <lb/>
         auf der Deutschen Seite aber ragen die trutzigen Helden rank <lb/>
         und hehr und sonst noch was in den falben Morgenhimmel. <lb/>
         Wo sind die polnischen Schlageters? Wenn die Polen einen <lb/>
         Nationalfehler haben, so ist es ihr übergroßer Nationalismus, <lb/>
         der sich aus der Geschichte ihres Staates und aus der hunds-<lb/>
         gemeinen Behandlung herleiten läßt, die sie jahrhundertelang <lb/>
         von den Deutschen zu erdulden gehabt haben – glaubt Bron-<lb/>
         nen, daß nicht auch die Polen aus echter Liebe zu ihrem Vater-<lb/>
         land in diesen oberschlesischen Kampf gegangen sind? Er ver-<lb/>
         schweigt es. Bei ihm sind die Polen, was in den Indianer-<lb/>
         büchern „der schurkische Mestize“. Er delektiert sich an den <lb/>
         Gewalttaten, die erzählt werden, in einer beinah peinlichen <lb/>
         Weise. Es ist da beim Sturm auf den Annaberg von einem <lb/>
         bayrischen Raufbold die Rede, der in fliehende polnische <lb/>
         Soldaten hineinschießt, Männer, die genau so viel und so wenig <lb/>
         Soldaten sind wie er selber – und das ist mit einem solch <lb/>
         viehischen Behagen erzählt, so feige-grinsend … Was dem <lb/>
         einen seine Anna, ist dem andern sein Annaberg.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und man wird das Gefühl nicht los: Warum arbeiten denn <lb/>
         alle diese feinen Herren nicht? Es gab nichts zu arbeiten? <lb/>
         In Deutschland ist ein Ödland, so groß wie der Freistaat Ol-<lb/>
         denburg – warum betätigen sie an dem nicht ihre brennend-<lb/>
         heiße Vaterlandsliebe? Mit Ausnahme der Artamanen tut das <lb/>
         keiner von denen. Aber das ist freilich nicht so romantisch, auch <lb/>
         verschafft es weitaus weniger Lustgefühle. Für die hat der fein-<lb/>
         sinnige Verfasser drei Elemente parat, die immer ziehen.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Eine gute Nachricht“, heißt es in einem unsterblichen Wort <lb/>
         des Lord Northcliffe, „enthält dreierlei: Blut, Vagina und <lb/>
         Nationalflagge“. Zur Stelle, sagt Bronnen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Blut hat er. Es wird gedroschen und geschossen und gemor-<lb/>
         det, daß es einem nur so warm über den Rücken säuselt.</p>
      <pb facs="#0066" n="63"/>
      <p>
        <lb/>
         Nationalflagge hat er auch. Man entsinnt sich jenes famo-<lb/>
         sen ersten Aktschlusses im <hi rendition="#aq">„Cyrano de Bergerac“</hi> – wenn da <lb/>
         die Szene zu zerlaufen droht, setzt sich der Zug der Schau-<lb/>
         spieler in Bewegung, der Hintergrund öffnet sich … „und <lb/>
         vor uns liegt Paris!“ Es gibt kein Publikum der Welt, auf <lb/>
         das dergleichen nicht wirkte. Bei Bronnen wird, wenn er Pathos <lb/>
         braucht, der Hintergrund aufgezogen, und da liegt: Deutschland.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und nun muß einmal gesagt werden, daß es nur ganz sel-<lb/>
         tene Fälle gibt, wo diese Zusammenfassung der sechzig Mil<lb/>
         lionen überhaupt noch einen Sinn und eine künstlerische Be<lb/>
         rechtigung hat. Über den Begriff Rasse wollen wir gar nicht <lb/>
         erst reden. Da steht zum Beispiel gegen die englische Politik: <lb/>
         „Und so ereignete es sich, daß in diesen schweren Stunden <lb/>
         des germanischen Stammlandes plötzlich eine Welle teutoni<lb/>
         scher Solidarität gegen die Kreide Felsen der Insel schlug …“ <lb/>
         Was! Diese Promenadenmischung wild gewordener Kaschuben <lb/>
         wird uns als Block teutonischer Solidarität geschildert. Aber es <lb/>
         ist ja nicht wahr, daß die sechzig Millionen immer ein einziges <lb/>
         Ding sind; gespalten sind sie, durch den Klassenkampf zerrissen, <lb/>
         in ihren Anschauungen, ihrem Herkommen, ihrer Abstammung <lb/>
         so weit voneinander unterschieden, daß man schon auf das <lb/>
         Heimatgefühl, das ganz und gar unpolitisch ist, zurückgreifen <lb/>
         muß, um wirklich sagen zu dürfen: Deutschland. Aber wenn <lb/>
         es doch einen so schönen Aktschluß ergibt!</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wir waren da einige Leute“, sagt einer der Raufbolde, <lb/>
         „verstreut, privat, in läppischer Beschäftigung; und plötzlich <lb/>
         überfiel uns dies, Nation, wie eine Krankheit. Wir wurden, <lb/>
         rätselhaft und beglückend zugleich, Instrumente der Nation …“ <lb/>
         Hier ist der Fehlschluß <hi rendition="#aq">in nuce</hi>: Instrumente der Nation? <lb/>
         Gegen den Willen dieser Nation, ja ohne ihr Wissen, unter <lb/>
         ihrer gänzlichen Gleichgültigkeit Instrumente der Nation? <lb/>
         Das hat man immer gesagt, wenn „ganz große Schweinereien
        <pb facs="#0067" n="64"/>
         exerziert“ wurden, um im Stil des Buches zu bleiben – denn <lb/>
         nichts ist so verantwortungslos wie die staatliche Kollektivität.</p>
      <p>
        <lb/>
         Einmal, ein einziges Mal, drückt sich der fascistische Pikkolo <lb/>
         deutlicher aus, und da ist er zu schlagen. „Die meisten sagen, <lb/>
         Vaterland ist Blödsinn. Ich meine, das kann ernsthaft nur <lb/>
         jemand glauben, der von seinem eignen, jämmerlichen Leben <lb/>
         keine Ahnung hat. Das Leben eines Menschen ist nicht besser, <lb/>
         nicht schlechter, nicht tiefer, nicht gescheiter als das Leben eines <lb/>
         Hundes, eines Grases. Das Volk kann es besser, schlechter, <lb/>
         tiefer, gescheiter machen. Das war in mir, als ich nach Wys-<lb/>
         soka ging.“ Jeder muß sein eignes Leben am besten kennen. <lb/>
         Aber hier ist klar und eindeutig gezeigt, wie an die Stelle des <lb/>
         alten Religionsbegriffes, der angeblich den Menschen erst <lb/>
         über das Tier hinaushebt, dieser Vaterlandsbegriff getreten ist, <lb/>
         der mit seinem falschen Mystizismus auch bessere Gehirne <lb/>
         vernebelt hat als das des Herrn Bronnen. Ohne Heroismus <lb/>
         ist noch keine Sache auf dieser Erde zu gutem Ende geführt <lb/>
         worden – aber dann ist mir die Terminologie des Klassen-<lb/>
         kampfes lieber. Sie ist ehrlicher.</p>
      <p>
        <lb/>
         Soweit das Blut und die Nationalflagge. Was das dritte <lb/>
         der Northcliffschen Postulate, die Frau, anlangt, so werden <lb/>
         wir reichlich bedient. Ich muß gestehn, seit langem nichts so <lb/>
         Unappetitliches gelesen zu haben wie dies Kapitel, das in gar <lb/>
         keiner Beziehung zum sonstigen Inhalt steht – man fühlt <lb/>
         förmlich, wie sich der Dichter gesagt hat: Ja, und nun mußt <lb/>
         du den Freikorpslesern doch noch was fürs Herz bieten. Fürs <lb/>
         Herz …? so hoch gehen seine Aspirationen gar nicht. Es wird <lb/>
         da ein trübes Feuerwerk der Schmutzerei abgebrannt, aber <lb/>
         was dieser von allen guten Geistern verlassene Patriotenclown <lb/>
         nicht weiß: es gehört Kraft dazu, so etwas zu schreiben. Um <lb/>
         eine erotische Situation bis in die medizinischen Einzelheiten <lb/>
         zu gestalten, muß man die Stärke etwa von James Joyce be-
        <pb facs="#0068" n="65"/>
        <lb/>
         sitzen, was aber Bronnen gemacht hat, ist blanke Porno<lb/>
         graphie. Wenn dies Literatur ist, dann ist das „Tagebuch der <lb/>
         Josefine Mutzenbacher“ ganz ausgezeichnete Literatur.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber alles das: die Sauerei, der ungeistige Patriotismus, der <lb/>
         schlechte Stil könnten mich nicht bewegen, diese Sorte so leiden-<lb/>
         schaftlich abzulehnen, wie ich es tue. Da ist noch etwas andres.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bronnen weiß nichts über die deutsche Wirtschaft – gut, <lb/>
         mag hingehn. Drei Sätze von Morus geben uns mehr Auf-<lb/>
         klärung über Oberschlesien als dieses nationalistische Gerüm-<lb/>
         pel. Bronnens Material ist mehr als kümmerlich; im Vorwort <lb/>
         werden einmal die berüchtigten Coßmannschen Monatshefte <lb/>
         angeführt, deren Materialforschung und Dokumentenzusam-<lb/>
         menstellung bekannt sind, und auch die hat der Verfasser noch <lb/>
         „aus dem Gedächtnis“ zitiert; so, mit der linken Hand, wer <lb/>
         hat denn Zeit, alles zu lesen! Dabei spielt Bronnen „neue Sach-<lb/>
         lichkeit“ – der Innenumschlag des Buches enthält die General-<lb/>
         stabskarte noch einmal, mit allen Zeichenerklärungen … wir <lb/>
         sind ja so nüchtern! und so kalt! und wirklichkeitsnah! und <lb/>
         haben auch noch nicht die allereinfachste Statistik über dieses <lb/>
         sehr verwickelte Oberschlesien gelesen, wo die größten Indu-<lb/>
         strie- und Ackerbarone leben und wo das Elend der Land-<lb/>
         arbeiter zum Himmel schreit. Mag alles noch hingehn.</p>
      <p>
        <lb/>
         Daß Bronnen von der getarnten Reichswehr sagt: „Unter <lb/>
         den Augen und Nasen zahlloser Spitzel, neben den Ohren von <lb/>
         hundert Entente Kommissionen gelang es, in den schwierigsten <lb/>
         und gefährlichsten Zeiten diese Geheimsoldaten wirklich geheim <lb/>
         zu halten“ und mit keinem Wort auch nur andeutet, daß noch <lb/>
         heute Leute in den Kerkern sitzen, weil sie diese zweite Reichs-<lb/>
         wehr ans Licht zerrten, die Geßler wider besseres Wissen ab-<lb/>
         geleugnet hat – das ist schon schlimmer.</p>
      <p>
        <lb/>
         Daß er aber solche Sätze schreibt wie: „… durch soviel <lb/>
         Abenteuer gegangen, er hatte unverwundet drei Offensiven
        <pb facs="#0069" n="66"/>
        <lb/>
         und den großen Argonnen Rückzug überstanden, die Revolu-<lb/>
         tion hatte ihn auf den Barrikaden vieler großer Städte ge-<lb/>
         sehen, er hatte in München Herrn Toller pensionieren ge-<lb/>
         holfen und in Pest Herrn Kun“ – daß in dieser mit einem <lb/>
         Syntax-Fehler gezierten Stelle wiederum nichts von den sinn-<lb/>
         losen und empörenden Grausamkeiten dieser Ordnungsgardisten <lb/>
         und nichts von den Leiden der Revolutionäre ausgesagt ist; <lb/>
         daß Arnolt Bronnen sich über die Millionen Deutscher, die <lb/>
         keine Arbeit haben, lustig macht: „Krenek konnte Holz und <lb/>
         Dachpappe fressen, was sein Magen, durch Arbeitslosen Kost <lb/>
         verweichlicht, vorderhand noch ablehnte“; daß Arnolt Bron-<lb/>
         nen diese Stelle hier (von der als geil und verdorben geschil-<lb/>
         derten Pornographie-Figur) hinsetzt:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ihr Vater hatte ein Album von George Grosz. Sie <lb/>
         zeigte es dem Franzosen, sie lachten gemeinsam über diese <lb/>
         Gesichter der Deutschen Bürger und der Deutschen Huren. <lb/>
         ‚Ein schönes Volk, Tinet‘, sagte sie, ‚und das ist meine <lb/>
         Mutter‘, zeigte sie, Bertin schüttelte den Kopf. ‚Ich habe <lb/>
         kein Gefühl für sie‘, meinte Toinette, ‚für meine Mutter <lb/>
         nicht, und nicht für ihr ganzes Volk. Sie sind so ordinär, <lb/>
         dumm, gierig, außer fressen und flicken kennen sie nichts, und <lb/>
         das kennen sie nur in der gemeinsten und niedrigsten Weise“ <lb/>
         – daß er das geschrieben hat:</p>
      <p>
        <lb/>
         das darf denn doch wohl eine Perfidie genannt werden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bronnen muß wissen, daß diese Bilder aus tiefstem Schmerz <lb/>
         geboren sind; daß Grosz, wie wir alle, unter seinem eignen <lb/>
         Volk gelitten hat; daß die Gefahr, solche Bilder könnten der-<lb/>
         art sinnlos und idiotisch mißbraucht werden, unendlich ge-<lb/>
         ringer ist als der moralische Nutzen, den sie gestiftet haben – <lb/>
         und Bronnen weiß das. Er hat mit „Vatermord“ eine Kon-<lb/>
         junktur benutzt, wie er das immer getan hat; er weiß, wer <lb/>
         George Grosz ist.</p>
      <pb facs="#0070" n="67"/>
      <p>
        <lb/>
         Aber George Grosz hat aufs Haar genau das dargestellt, <lb/>
         was dieser hier geschrieben hat, nur von der andern Seite:</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Freiwilliger bei Bronnen hockt allein unter den gefal-<lb/>
         lenen Kameraden, er sieht auf die Leichen von polnischen Ge-<lb/>
         fangenen, die die deutschen Helden mit dem Maschinengewehr <lb/>
         zusammengeschossen haben, weil sie sie nicht mehr mitführen <lb/>
         konnten. „Sie waren bewundernswert getroffen, präzis, wie <lb/>
         Ochsen im Schlachthaus. Er betrachtete sie gefühllos, ohne Be-<lb/>
         dauern; ohne Bedacht auf die Gerechtigkeit, die er nicht an-<lb/>
         erkannte; es war mehr eine Erwägung, ob dies vereinbar mit <lb/>
         den Spielregeln war. Aber konnte diese Frage entschieden wer-<lb/>
         den, hier und von ihm?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Das hat Grosz gezeichnet. Das Blatt heißt Angelus: der <lb/>
         Klotz einer zerhackten Leiche ist an das Isarufer angeschwemmt, <lb/>
         davor steht ein Ordnungssoldat, ein sturer, stumpfer Unter-<lb/>
         offizier mit einem Bullenkopf, einem gemeinen Nacken, mit <lb/>
         versoffnen Augen. Wie ein Tier sieht er auf den Kadaver. <lb/>
         Auch dieser erkennt die Gerechtigkeit nicht an. In der Ferne <lb/>
         verschwimmen die Türme der Frauenkirche …</p>
      <p>
        <lb/>
         So sind sie gewesen. Schmach ihrem Andenken. Fluch ihren <lb/>
         Auftraggebern.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Daß aber dieser Friseur, von dem sich Mussolini nicht ra-<lb/>
         sieren ließe, eine falsche Grausamkeit plakatiert, zu der er <lb/>
         wahrscheinlich nicht einmal fähig ist; eine Tapferkeit, die sich <lb/>
         nur betätigt, wenn die Partie zehn zu eins steht oder der <lb/>
         Täter hinter dem Opfer, das zeigt die Verlogenheit dieses <lb/>
         Salonfascismus, des Bruders der amerikanischen und der rus-<lb/>
         sischen Snobs, kurz, aller jener, die, zu klein und zu faul, sich <lb/>
         ein Weltbild zu machen, in die Garderobe gehen, wo die Gro-<lb/>
         ßen abgelegt haben. Dieser hat ein schwarzes Hemd erwischt, <lb/>
         das ihm vier Nummern zu groß ist: oben guckt der Kopf her-
        <pb facs="#0071" n="68"/>
        <lb/>
         aus, und vom Rest wollen wir gar nicht reden. Wenn dieses <lb/>
         Buch einen der unsern zum Verfasser hätte –: ich schwiege es <lb/>
         tot und schämte mich, daß so einer meiner Meinung wäre.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ernst Rowohlt glaubt an Bronnen, und Verlegertreue ist <lb/>
         selten. Er hat ihm die Treue durch alle Konjunkturmißerfolge <lb/>
         gehalten: „Reparationen“ und „Rheinische Rebellen“ und wie <lb/>
         dieses Zeug heißt, wo sich einer atemlos an die Zeit anbiedert, <lb/>
         die nichts von ihm wissen will. Aber Ernst Rowohlt hat durch <lb/>
         seine Publikationen Verpflichtungen; er ist kein politischer Ver-<lb/>
         lag mit einem Dogma, aber er ist ein anständiger Verlag. <lb/>
         Dieses Buch ist eine im Tiefsten gesinnungslose Pfuscherei, und <lb/>
         man darf sagen, daß es für alles Grenzen nach unten gibt. <lb/>
         Der da hat sie überschritten, mit seinem angelaufenen Monokel.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was aber die Buchpropaganda angeht, so ist es üblich, auch <lb/>
         die ungünstigsten Urteile in sie aufzunehmen, und dafür gibt <lb/>
         es ein feststehendes Klischeewort: umstritten. Nun, wenn ein <lb/>
         Hundewürstchen auf der Straße umstritten ist, weil es die <lb/>
         Hunde zwar fröhlich beriechen, die Menschen aber dem Ding <lb/>
         aus dem Wege gehn –: dann ist dies ein umstrittenes Buch.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Leibesfrucht spricht</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte und Richter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich soll wachsen und gedeihen; ich soll neun Monate schlum-<lb/>
         mern; ich soll es mir gut sein lassen – sie wünschen mir <lb/>
         alles Gute. Sie behüten mich. Sie wachen über mich. Gnade <lb/>
         Gott, wenn meine Eltern mir etwas antun; dann sind sie alle <lb/>
         da. Wer mich anrührt, wird bestraft: meine Mutter fliegt ins <lb/>
         Gefängnis, mein Vater hintennach; der Arzt, der es getan hat, <lb/>
         muß aufhören, Arzt zu sein; die Hebamme, die geholfen hat, <lb/>
         wird eingesperrt – ich bin eine kostbare Sache.</p>
      <pb facs="#0072" n="69"/>
      <p>
        <lb/>
         Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte und Richter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Neun Monate lang.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn aber diese neun Monate vorbei sind, dann muß ich <lb/>
         sehn, wie ich weiterkomme.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Tuberkulose? Kein Arzt hilft mir. Nichts zu essen? <lb/>
         keine Milch? – kein Staat hilft mir. Qual und Seelennot? <lb/>
         Die Kirche tröstet mich, aber davon werde ich nicht satt. Und <lb/>
         ich habe nichts zu brechen und zu beißen, und stehle ich: <lb/>
         gleich ist ein Richter da und setzt mich fest.</p>
      <p>
        <lb/>
         Fünfzig Lebensjahre wird sich niemand um mich kümmern, <lb/>
         niemand. Da muß ich mir selbst helfen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Neun Monate lang bringen sie sich um, wenn mich einer <lb/>
         umbringen will.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sagt selbst:</p>
      <p>
        <lb/>
         Ist das nicht eine merkwürdige Fürsorge –?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Das Opfer einer Republik</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Walther Rathenau ist für die Republik ermordet worden, <lb/>
         die ihn niemals geschützt hat. Die unmittelbaren Täter sind <lb/>
         unerkannt entkommen. Die mittelbaren sind zu fassen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Seit der Kaiser seinen Krieg geführt und verloren hat, sind <lb/>
         die beiden großen Rechtsparteien damit beschäftigt, zu kneifen <lb/>
         und die Schuld an Krieg und Niederlage andern aufzubürden. <lb/>
         In ihrer Unklugheit haben sich Bürgerliche bereitgefunden, den <lb/>
         Waffenstillstand zu unterzeichnen – es wäre des geschlagenen <lb/>
         Ludendorffs Sache gewesen, nach Canossa zu gehen, so, wie <lb/>
         er ja auch durchs Brandenburger Tor gezogen wäre und das <lb/>
         nicht den Parlamentariern überlassen hätte. Es ging aber <lb/>
         Erzberger hinüber und unterschrieb. Bürgerliche des neuen <lb/>
         Systems gingen nach Versailles und unterschrieben. Den
        <pb facs="#0073" n="70"/>
        <lb/>
         Konkurs hätten aber die unterzeichnen sollen, die die Pleite <lb/>
         verursacht haben: die Leute des alten kaiserlichen Preußens. <lb/>
         Die andern haben es bitter büßen müssen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die geschlagenen und krumm geprügelten Generale sowie <lb/>
         ihre Hintermänner von der Schwerindustrie und dem Groß-<lb/>
         agrariertum predigen seit Jahren unablässig, daß die Kon-<lb/>
         kursverwalter der Monarchie an allem schuld seien. Und dank <lb/>
         ihrer ausgezeichneten, gutbezahlten Propaganda finden sie <lb/>
         Dumme in Massen, die das glauben. Nicht der allein mordet, <lb/>
         der die Handgranate wirft. Auch der, der die Atmosphäre <lb/>
         schafft, in der so etwas möglich ist. Diese Atmosphäre ist von <lb/>
         den Leuten um Karl Helfferich, dem Finanzverderber Deutsch-<lb/>
         lands, bewußt geschaffen worden.</p>
      <p>
        <lb/>
         So, wie Karl Helfferich intellektuell an der Ermordung Erz-<lb/>
         bergers schuld ist, so sind die beiden Rechtsparteien – die <lb/>
         Deutschnationale und die Deutsche Volkspartei – schuld an <lb/>
         der Verbreitung der faustdicken Lügen und Verdrehungen, die <lb/>
         Rathenau das Leben gekostet haben. Die Provinzpresse rast <lb/>
         seit Monaten gegen den Republikaner, den Steuererfasser, den <lb/>
         Juden Rathenau. Denn das ist hier noch immer so gewesen: <lb/>
         was der Junker versaut, muß der Jude ausfressen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Regierung hat geschlafen. Die Beamten der Republik <lb/>
         haben fahrlässig gehandelt und haben ihre Pflicht nicht getan. <lb/>
         Man hat sie gewarnt, immer wieder gewarnt; jeder, der die <lb/>
         Seelenbeschaffenheit dieser Radaupreußen kannte, sagte, daß <lb/>
         man mit Nachgibigkeit gar nichts erreichte – sie haben doch <lb/>
         nur vor einem einzigen Furcht: vor der durchgreifenden <lb/>
         Macht. Die Wilhelmstraße wußte es aber besser. Sie hat <lb/>
         Rathenau nicht geschützt. Sie ist mitschuldig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine ungeheure Mitschuld trifft auch die demokratische <lb/>
         Presse. Sie, deren Bedeutung in gar keinem Verhältnis zu dem <lb/>
         kleinen Häuflein demokratischer Politiker steht, beruhigte, wo nichts
        <pb facs="#0074" n="71"/>
        <lb/>
         zu beruhigen war, und deckte jeden Minister, wie Herrn Geß-<lb/>
         ler, auch wenn er der Verfassung nicht zur Durchführung ver-<lb/>
         half. Diese Presse ist mitschuldig, weil sie eingeschläfert hat, <lb/>
         statt zu wecken.</p>
      <p>
        <lb/>
         An tausend Stammtischen wird das blutige Ereignis mit <lb/>
         einem „Prost Blume!“ begossen werden. Aber wir andern, <lb/>
         wir Hunderttausende und Millionen, werden nicht mehr war-<lb/>
         ten. Und sagen: Wenn uns die Republik nicht hilft, dann müs-<lb/>
         sen wir uns selber helfen! Denn was nun kommen wird, ist <lb/>
         ganz klar. Man wird empört von den Mörderparteien „ab-<lb/>
         rücken“, von denen es jetzt, wo es zu spät ist, keine gewesen <lb/>
         sein will. Die Nekrologe werden steigen – aber kein stramm <lb/>
         antirepublikanischer Gendarmerie-Wachtmeister wird wegen sei-<lb/>
         ner Gesinnung entlassen werden, kein Schulrat, kein Landrat, <lb/>
         kein Botenmeister.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir standen vor den angesagten frechen und staatsfeindlichen <lb/>
         Demonstrationen der Ludendorff-Parteien. Sie sind nun ver-<lb/>
         boten, aber ob es der Republik gelingt, die Mordhetze aus-<lb/>
         zurotten, ist fraglich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nicht fraglich aber ist dieses:</p>
      <p>
        <lb/>
         Was seit dem 9. November 1918, nach dem Kapp-Putsch, <lb/>
         nach der Ermordung Erzbergers versäumt worden ist: jetzt <lb/>
         und heute muß es Wirklichkeit werden. Hinaus mit den paar <lb/>
         tausend Beamten aus der Republik, die gegen uns arbeiten! <lb/>
         Hinaus mit den unzuverlässigen Generälen! Her mit der Auf-<lb/>
         lösung der nationalen Verbände! Herunter von den Straßen <lb/>
         mit allen Monarchisten und schwarzweißroten Tüchern!</p>
      <p>
        <lb/>
         Walther Rathenau soll nicht umsonst gefallen sein. Wenn <lb/>
         ihr wollt, dann habt ihr an seiner Bahre endlich die Republik!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Dieser Artikel ist im Jahre 1922, einige Tage nach Rathenaus <lb/>
           Ermordung, erschienen. Sie haben ihre Republik noch heute nicht; sie <lb/>
           wollen sie gar nicht.</hi></p>
      <pb facs="#0075" n="72"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Hellseher</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#i">Erschienen im April 1930</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         – „Sie … sind Hellseher?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Ich bin von Haus aus eigentlich Schwarzseher – nun <lb/>
         verbinde ich diese beiden Berufe …“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Erfolge?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Im Mai des Jahres 1914 notierte ich im Büchelchen: <lb/>
         ‚Was wäre, wenn …‘ und wollte dartun, was sich begäbe, <lb/>
         wenn es zu einem Kriege käme. Begeisterung Unter den Lin-<lb/>
         den, allgemeiner Umfall …“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wo haben Sie diese Arbeit veröffentlicht?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Ich war zu faul, sie niederzuschreiben.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Das kann jeder sagen. Wußten Sie denn, daß es einen <lb/>
         Krieg geben würde?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „So wenig wie ich sechs Tage vor Rathenaus Tod <lb/>
         wußte, daß er gekillt werden würde. Trotzdem stieß ich am <lb/>
         22. Juni 1922 einen Kassandra-Ruf aus: Was wäre, wenn …“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Und – wie sehen Sie heute? Hell? Schwarz? Hell? <lb/>
         Bitte setzen Sie sich. Aber legen Sie nicht die Hand auf die <lb/>
         Augen … mit mir müssen Sie das nicht machen. Sagen Sie <lb/>
         nur, was Sie wissen. Putsch?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Putsch trocken. Ich sehe kein Blut. Ich sehe die auf-<lb/>
         geregte Insel Deutschland. Fascismus Lagerbräu.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Erklären Sie sich näher.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wozu ein Putsch? Die Herren haben ja beinahe alles, <lb/>
         was sie brauchen: Verwaltung, Richter, Militär, Schule, Uni-<lb/>
         versität – wozu ein Putsch? Immerhin … es ist Frühling … <lb/>
         in Deutschland geschieht nie etwas, aber in den Köpfen steht: <lb/>
         es muß etwas geschehn. Es kann schon etwas geschehn. <lb/>
         Was wäre, wenn …“</p>
      <pb facs="#0076" n="73"/>
      <p>
        <lb/>
         – „Nehmen Sie etwas Kaffee. Es ist gar kein Kaffee, aber <lb/>
         nehmen Sie nur etwas Kaffee, also: der deutsche Fascis-<lb/>
         mus. Was wäre, wenn …?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Der Stahlhelm, sorgsam gepflegt unter dem freund-<lb/>
         lichen Patronat einer Regierung, in der die Sozialisten stets <lb/>
         auf die Koalition hinwiesen und in der die Rechten so taten, <lb/>
         als wären sie ganz allein … der Stahlhelm wird aufmarschie-<lb/>
         ren. Geld hat er. Gedrillt ist er. Passieren kann ihm nichts.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Warum nicht –?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Weil er die Verwaltung wachsen hört. Weil er alles, <lb/>
         was jemals eine Behörde gegen ihn unternimmt, wenn es <lb/>
         eine wagte, etwas zu unternehmen, achtundvierzig Stunden <lb/>
         vorher weiß.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Durch wen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Durch seine Leute, die die Verwaltung durchsetzen wie <lb/>
         der Schimmel den Käse.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Die Regierung?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Die Regierung weiß es, will nichts wissen, ahnt es, <lb/>
         möchte nichts ahnen … der Stahlhelm weiß.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Die Hitlerleute?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Halb so schlimm. Furchtbar viel Geschrei; Brutalitäten; <lb/>
         Freude an organisiertem Radau; Freude an der Uniform, den <lb/>
         Lastwagen und dem Straßenaufmarsch … halb so schlimm. <lb/>
         Vorspann – sobald sie den ersten Ruck gegeben haben, wird <lb/>
         man sie bremsen, die armen Kerle. Es wird da große Ent-<lb/>
         täuschungen geben.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Und was wird geschehen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Äußerlich nicht so sehr viel. Kleine lokale Widerstände <lb/>
         der Arbeiter; die sind aber gespalten, desorganisiert, waffen-<lb/>
         los, niedergebügelt von einer jahrelangen Vorbereitungsarbeit <lb/>
         der Justiz. Die Besten sind nicht mehr. Die Zweitbesten hocken <lb/>
         in den Zellen. Der Rest steht auf – und legt sich gleich wie-
        <pb facs="#0077" n="74"/>
        <lb/>
         der hin. Müde. Enttäuscht. Ausgehungert. Stempeln, stem-<lb/>
         peln, stempeln.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Ausrufung der Diktatur? Absetzung des Reichspräsi-<lb/>
         denten?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wo denken Sie hin! Mussolini hat seinen kleinen Kö-<lb/>
         nig; die hier haben ihren breiten Hindenburg. Der bleibt. Der <lb/>
         Reichstag wird so gut wie nach Hause geschickt … niemand <lb/>
         wird ihn vermissen. Denn was die da in den letzten Jahren <lb/>
         getrieben haben: so etwas von Leerlauf, von Selbstzweck, von <lb/>
         Insicharbeit … so etwas war noch nicht da. Eine Karikatur <lb/>
         des Parlamentarismus. Der ist fertig. Ein Direktorium, ein <lb/>
         Ausschuß, irgend etwas mit harmlos-hochtönendem Namen, <lb/>
         das wird regieren.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Und wie?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Immer verfassungstreu, oho! Druck mit staatsfeind-<lb/>
         lichen Mitteln auf den Staat – und dann verfassungstreu. <lb/>
         Wie sie regieren werden? Viel harmloser, als die maßlos ent-<lb/>
         täuschten, aber bald gebändigten Kleinbürger glauben. Deren <lb/>
         radikale Flügel werden rasch unterdrückt; auch Herr Hitler hat <lb/>
         seine Schuldigkeit getan und kann gehn. Es wird keine Re-<lb/>
         volution sein, so wenig wie die von 1918 eine gewesen ist – <lb/>
         Personalböen werden sie machen …“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Bitte, klarer. Was sind Personalböen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Stürme in den Wassergläsern der Ressorts. Absägung <lb/>
         der unbequemen Regierungssozialisten; Pensionierung von ein <lb/>
         paar hundert Konzessionsschulzen, die sich schlecht und recht <lb/>
         durchgebuttert hatten, bis zu diesem Augenblick – und die <lb/>
         kindlich erstaunt waren, als es nun so weit war. Die Brüder <lb/>
         hatten nie etwas andres gesehen als ‚Realitäten‘ – also gar <lb/>
         nichts. Von der wahren Kräfteverteilung im Lande fühlten sie <lb/>
         nichts; hier mußten ihre Informationen versagen, denn stati-
        <pb facs="#0078" n="75"/>
        <lb/>
         stisch läßt sich dergleichen nicht erfassen. Die werden verschwin-<lb/>
         den. Nun wird Deutschland stramm nationalliberal.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Mehr nicht?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Mehr nicht. Mehr ist gar nicht zu erzielen. Das wuß-<lb/>
         ten Schacht, Nicolai, selbst Seldte längst, ein paar Nazis wuß-<lb/>
         ten es auch, brüllten aber um des liebes Krieges willen mit <lb/>
         den andern mit. Außenpolitisch: eine Art Friede mit denen da <lb/>
         draußen; verklausulierte Weiterzahlung der Schmachtribute, <lb/>
         natürlich … wer kann denn auf den Mond fliegen? Plato-<lb/>
         nische Liebe zu Italien, vergessen Südtirol; vage Noten an <lb/>
         Frankreich, da geht Briand; Hin und Her; Verhandlungen mit <lb/>
         England, mit Genf … und an alle: Versprechen der absoluten <lb/>
         Bolschewisten-Feindschaft. Das beruhigt ungemein. Was glau-<lb/>
         ben Sie: Deutschland als Hort gegen Rußland! Eine sehr <lb/>
         schöne Melodie.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Also … innenpolitisch?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Nicht, was Sie denken. Ein paar Zuchthausstrafen … <lb/>
         ein paar Roheiten gegen die Juden … gegen eine Handvoll <lb/>
         Republikaner … Beschränkung des Reichsbanners … Verbot <lb/>
         der KPD. – weiter nichts. Ja, und die Beamten werden wie- <lb/>
         der flegelhaft.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Sozialversicherungen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Zeitweiser Abbau – aber auch der halb so schlimm in <lb/>
         seiner Auswirkung. Das ginge ja gar nicht. Man wird einiges <lb/>
         plakatieren und vieles stehen lassen. Was wirklich abgebaut <lb/>
         wird, das wird die Kampfkraft der Arbeiter sein. Auch die <lb/>
         zahmsten Gewerkschaften werden nichts zu lachen haben.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Also … nehmen Sie noch etwas Kaffee, also Jubel im <lb/>
         Lande?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Gott, ja. Zunächst die übliche Verwirrung, an der <lb/>
         Börse. Ach, diese Nase der Börse! Sie riecht alles, was in <lb/>
         der Luft liegt – nachher. Übrigens ist es ihnen gleich. Die
        <pb facs="#0079" n="76"/>
        <lb/>
         Börse wird nicht geschlossen werden, und der Kurfürstendamm, <lb/>
         dessen Bewohner sich ein paar Tage ängstlich zu Hause halten <lb/>
         oder verreisen, wird nicht gestürmt. Pogrome? Nein … Dann <lb/>
         atmen sie wieder auf. Und alles geht weiter. Eigentlich, wer-<lb/>
         den sie sagen, eigentlich ist ja alles gar nicht so schlimm.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Die Zeitungen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Alle Obrigkeit kommt von Gott. Man muß sich nicht <lb/>
         gegen das Gegebene auflehnen – das bekommt dem Inseraten-<lb/>
         geschäft nicht. Es sind Musterschüler; sie werden eine gute <lb/>
         Zensur bekommen. Nach vier Wochen ist Ruhe im Lande … <lb/>
         ‚Wenn auch … so doch immerhin …‘ “</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Schlafen Sie nicht ein!“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Verzeihen Sie: ich sah im Geiste Leitartikel. Geben Sie <lb/>
         mir bitte noch etwas Kaffee. Auch in den Provinzstädten wird <lb/>
         man auf die Dauer nicht zufrieden sein. Gewiß, die Jugend <lb/>
         ist verhetzter als je, die Studenten hochfahrender, die Um-<lb/>
         züge zahlreicher … aber die Jugend hat im Grunde andre <lb/>
         Sorgen. Und dann eben … langsam … die Enttäu-<lb/>
         schung …“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Worüber?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Daß Berlin nicht dem Erdboden gleichgemacht ist. Daß <lb/>
         die Not andauert. Daß auch jetzt nicht die Arbeitsgelegenheiten <lb/>
         aus der Luft geflogen kommen. Daß die Butter nicht billiger <lb/>
         wird. Leise, ganz leise kommt die Unzufriedenheit. Davon spricht <lb/>
         aber kaum einer.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Die öffentliche Meinung?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Bewußt entpolitisiert, bei einem Höchstmaß von politi-<lb/>
         schen Schlagworten. Bündischer Unfug … Demonstrationen <lb/>
         … Fahnen … im übrigen lenkt uns eine hochwohlweise Re-<lb/>
         gierung. Das haben die Deutschen immer so gehalten. Verloren <lb/>
         ist allerdings, wer in diesen Jahren der Justiz in die Finger <lb/>
         fällt. Mit dem ist es dann aus. Kurz: es ist eine Nach-
        <pb facs="#0080" n="77"/>
        <lb/>
         ahmung des Fascismus – so, wie sie alles nachahmen … <lb/>
         wie sie nicht einmal fähig sind, sich eine Bewegung für sich <lb/>
         und aus sich heraus zu schaffen. Der Marsch auf Rom! Das <lb/>
         war ein faszinierender Filmtitel. Auf Berlin marschieren sie <lb/>
         gar nicht. Nach Berlin werden sie nur fahren, wenn sie sich <lb/>
         von der Mittelstadt erholen wollen. In Berlin fallen sie nicht <lb/>
         auf, wenn sie auf die Weiber gehen. Widerstand –? Ver-<lb/>
         zeihung … ich fühle, daß Sie das fragen wollen … Wider-<lb/>
         stand? Nein, den finden sie wohl kaum. Von wem denn auch? <lb/>
         Von dem bißchen Republik? Die hat in zwölf Jahren nicht <lb/>
         verstanden, echte Begeisterung zu wecken, Menschen zur Tat <lb/>
         zu erziehen, nicht einmal in ruhigen Lagen, wie denn, wenn es <lb/>
         Kopf und Kragen zu riskieren gilt? Widerstand? Lieber Herr, <lb/>
         das Land ist so weit entfernt von jeder Revolution! Dies ist <lb/>
         ein Volk, das noch nicht einmal liberal ist. Die vielgelästerte <lb/>
         Verwestlichung ist gar nicht so tief eingedrungen … sie halten <lb/>
         mildübertünchte Korruption für Parlamentarismus, wirres Ge-<lb/>
         schwätz Aller für Selbstbestimmungsrecht, Ressortstank für Po-<lb/>
         litik, Vereinsmeierei für Demokratie … sie sind nie liberal ge-<lb/>
         wesen, auch 48 nicht. Sie spüren nicht, daß die Welt um sie <lb/>
         herum anders denkt und anders fühlt … sie spielen ihren po-<lb/>
         litischen Skat ohne Partner. Wirft der andre die Karten hin, <lb/>
         dann glauben sie, sie hätten gewonnen. Es ist ein Inselvolk.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Die deutschen Brüder im Ausland?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Werden sich ein paar Unannehmlichkeiten mehr zuziehn. <lb/>
         Und das bißchen Kulturfassade, das kleine bißchen deutscher <lb/>
         Freiheit – es ist zum Teufel.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Das ist alles?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Das dürfte alles sein. Ob es geschieht, weiß ich nicht. <lb/>
         Wenn aber –: dann so. Übrigens … ich bin Hellseher … ich <lb/>
         hatte eine Vision: Sie werden mir diese Sitzung honorieren <lb/>
         … Ich dachte an hundert Mark?“</p>
      <pb facs="#0081" n="78"/>
      <p>
        <lb/>
         – „Hier haben Sie ein Bildnis Hindenburgs. Und lassen <lb/>
         Sie sich draußen in der Küche ein paar Butterbrote geben … <lb/>
         Gott befohlen, junger Mann!“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Heißen Dank, gnädiger Herr. Wenn Sie wieder etwas <lb/>
         brauchen: Nepomuk Schachtel, Hellseher und Original-Astro-<lb/>
         loge mit ff. indischen Erkenntnissen. Täglich von 9 bis 8, Sonn-<lb/>
         tags geschlossen. Und empfehlen Sie mich in Ihrem werten Bekanntenkreise –!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Franzmänner</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         sind bekanntlich Leute, die die Phrase meisterhaft beherrschen, <lb/>
         mit zierlich gedrechselten Redensarten herumfackeln und hoch-<lb/>
         tönend schwätzen. Der Deutsche, bieder, fromm und stark, handelt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mit Kriegsanleihe, zum Beispiel.</p>
      <p>
        <lb/>
         So er das aber nicht tut, erläßt er Proklamationen, und es <lb/>
         hat sich im ganzen Lande für dergleichen ein einheitlicher Stil <lb/>
         herausgebildet, der ebenso papiern wie großfressig immer da <lb/>
         angewandt wird, wo er nicht hinpaßt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Zirkus besucht eine sächsische Provinzstadt. Der Bürger-<lb/>
         meister bedankt sich dafür bei dem Zirkusdirektor – ein etwas <lb/>
         ungewöhnlicher Vorgang, wenn man bedenkt, wen er un-<lb/>
         beachtet in seinen Mauern weilen läßt. Er bedankt sich <lb/>
         aber, und ich sehe ihn aufs Knöpfchen drücken. „Fräulein <lb/>
         Bockmann soll mal reinkommen, zum Diktieren – und ich <lb/>
         will jetzt nicht gestört werden!“ – und während Fräulein Bock-<lb/>
         mann dasitzt und still stenographiert, überkommt jenen die Er-<lb/>
         innerung an Abukir und die Pyramiden, haben sich gut ge-<lb/>
         schlagen meine Sachsen, nein, der Zirkus, Hindenburg, Ver-<lb/>
         sailles, Eckener, Großtat deutschen Geistes, wir sind ein armes
        <pb facs="#0082" n="79"/>
        <lb/>
         Land, die Höchstleistungen der Industrie, Deutschland, tatkräf-<lb/>
         tig, Pionier, deutsch, deutsches … „Schreiben Sie mal –!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Chemnitz, 25. Januar</p>
      <p>
        <lb/>
              Sehr geehrter Herr Direktor!</p>
      <p>
        <lb/>
         Eigentlich hatte ich die Absicht, während der gestrigen Er-<lb/>
         öffnungsvorstellung Sie und Ihre auserlesene Künstlerschar <lb/>
         namens der Stadt Chemnitz willkommen zu heißen und <lb/>
         Ihnen für die freundliche Einladung des Rates der Stadt <lb/>
         unsern Dank auszusprechen. Leider bot sich hierzu nicht die <lb/>
         passende Gelegenheit. Ich möchte es deshalb auf schriftlichem <lb/>
         Wege nachholen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir begrüßen es, daß es grade die Stadt Chemnitz ist, <lb/>
         in der Ihr neuer strahlender Prachtbau, diese Großtat deut-<lb/>
         scher Technik, die aus der Wanderschau gradezu eine Wun-<lb/>
         derschau macht, zum ersten Male gezeigt wird. Wir be-<lb/>
         wundern Sie, sehr geehrter Herr Direktor, als hervor-<lb/>
         ragendsten Förderer deutscher Zirkuskunst, der ältesten Volks-<lb/>
         kunst, wir bewundern Sie vor allem aber auch als tat-<lb/>
         kräftigen Pionier deutschen Unternehmungsgeistes im Aus-<lb/>
         lande, der durch die Tat dem deutschen Namen im Aus-<lb/>
         lande mehr genützt hat, als es lange Parlamentsreden könn-<lb/>
         ten. Möge der stolze, neue Bau, den wir gestern in Chem-<lb/>
         nitz einweihen konnten, und der die Bestrebungen der deut-<lb/>
         schen Städte auf Förderung des Fremdenverkehrs wesentlich <lb/>
         unterstützt, Ihnen neue Erfolge und reichen Segen bringen. <lb/>
         Das gestrige Eröffnungsprogramm war ein derart reich-<lb/>
         haltiges und künstlerisches, wie es bisher in Chemnitz wohl <lb/>
         noch nicht gegeben worden ist.</p>
      <p>
        <lb/>
              Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung</p>
      <p>
        <lb/>
         Arlart, Bürgermeister</p>
      <p/>
      <pb facs="#0083" n="80"/>
      <p>
        <lb/>
         Warum bot sich dem Rat der Stadt keine passende Ge-<lb/>
         legenheit, die auserlesene Künstlerschar dressierter Affen schon <lb/>
         während der Vorstellung willkommen zu heißen? Kein dummer <lb/>
         August hätte solchen Erfolg eingeheimst.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und nicht, daß die Kommunalpolitiker die Außenpolitiker <lb/>
         nachahmen, ist das Schauerliche. Sondern, daß die Termino-<lb/>
         logie der Außenpolitiker auf dem Niveau von Bureauvor-<lb/>
         stehern und Sparkassenbeamten steht, und daß man alle vier <lb/>
         Beide nicht mehr voneinander unterscheiden kann.</p>
      <p>
        <lb/>
         In den „Briefsteller für deutsche Politiker“ aber sollte die-<lb/>
         ser Brief unbedingt aufgenommen werden. Herr Löbe kann <lb/>
         ihn, mit ganz kleinen Änderungen, bei der nächsten Anschluß-<lb/>
         Kundgebung noch einmal verlesen. Er paßt immer.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Rotstift-Schere</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Kämpfe, die Heine und Börne gegen die Zensur aus-<lb/>
         zufechten hatten, standen unter dem Zeichen des Rotstifts. Der <lb/>
         Zensor strich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Kämpfe, die der Film gegen die Zensur auszufechten <lb/>
         hat, stehen unter dem Zeichen der Schere. Der Zensor schneidet.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Pressefreiheit gibt es nicht, so man nämlich fragt: <lb/>
         „Frei wovon?“ Eine Buchfreiheit gibt es so einigermaßen. <lb/>
         Jedesmal aber, wenn die Technik ein neues Mittel zur Repro-<lb/>
         duktion von Meinungsäußerungen erfunden hat, fährt den <lb/>
         reaktionären Stiefeln ein Schreck ins Gebein. Und jedesmal <lb/>
         fallen auch prompt die sogenannten Fortschrittsparteien auf <lb/>
         diesen Schreck herein. „Man kann doch aber nicht jeden Film …“ <lb/>
         Genau, genau so hat einst die fromme Geistlichkeit gesprochen, <lb/>
         als die Buchdruckerkunst aufkam und jedes Buch das Impri-<lb/>
         matur des Erzbischofs oder seines Landesherrn tragen mußte; <lb/>
         damals druckte man nur mit allerhöchster Erlaubnis. Es hat
        <pb facs="#0084" n="81"/>
        <lb/>
         lange gedauert, bis sich die Literatur aus diesen Fesseln be-<lb/>
         freit hat.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was Radio und Film heute produzieren, ist chemisch ge-<lb/>
         reinigtes Zeug, das seinen Naturgeschmack verloren hat. Der <lb/>
         Äther ist eine einzige große Kinderstube, die Filmleinewand <lb/>
         ein Sabberlätzchen, das man dem Baby Masse vorgehängt <lb/>
         hat. Immer hübsch ein Löffelchen nach dem andern, und nur <lb/>
         Milchbrei.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist, wie am Beispiel des Buches zu sehn, einfach dum-<lb/>
         mes Zeug, zu sagen, daß die gewöhnlichen Strafgesetze nicht <lb/>
         ausreichten. Natürlich ist ein Bild eindrucksvoller als der <lb/>
         Buchstabe. Wenn aber wirklich Schweinereien photographiert <lb/>
         werden oder Roheiten oder Beleidigungen, so kommt man mit <lb/>
         dem Strafgesetz allemal aus. Rundfunk und Radio sind in <lb/>
         Mitteleuropa in der Hand der herrschenden Klasse, und da <lb/>
         sind sie nicht gut aufgehoben: sie verbiegt die neuen Instru-<lb/>
         mente, so daß sie lange nicht alles hergeben, was sie hergeben könnten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was jene flaue Ausrede von der „Gesinnung der Anders-<lb/>
         denkenden“ angeht, „die man nicht verletzen dürfe“, so ist das <lb/>
         Unfug. Man gewöhne die Herren Schulze und Levi daran, daß <lb/>
         sie einen Film, der ihnen nicht gefällt, links oder rechts liegen <lb/>
         lassen, und daran, daß man eine Antenne auch erden kann. <lb/>
         Die Diktatur dieser Mittelmäßigkeiten ist beinah so schlimm wie <lb/>
         der kaum noch verhüllte Fascismus, der im Film und im Ra-<lb/>
         dio wütet. Diese Zensur besteht aus Frechheit und aus Angst.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie hat nicht einmal System.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der einzige Pol in der Verbote Flucht ist die deutliche Ten-<lb/>
         denz gegen links: die Aktien könnten wackeln, wenn jemand <lb/>
         einmal aufzeigt, was an der Fabrikation einer Glühlampe nun <lb/>
         wirklich verdient wird. Von Thema darf nicht gesprochen <lb/>
         werden, sagte jener kaiserliche Schutzmann, ergriff seinen Helm
        <pb facs="#0085" n="82"/>
        <lb/>
         und löste die Versammlung auf. Sonst aber ist von einem <lb/>
         Grundgedanken bei dieser lächerlichen Zensur nichts zu merken. <lb/>
         Oft ist die Kirche beleidigt, das ist sie ja immer, und ein Scherz-<lb/>
         gedicht wie das von Klabund über die Heiligen Drei Könige<lb/>
         darf zwar gedruckt werden, allerdings nicht ohne daß der So-<lb/>
         zialdemokrat Braun in einem jämmerlichen Entschuldigungs-<lb/>
         schreiben an das Zentrum die Verse „unflätig“ nennt – o, <lb/>
         Bebel, Bebel! Gedruckt: ja. Aber im Rundfunk verbreitet <lb/>
         werden darf es nicht. Jede Erklärung dieser Inkonsequenz <lb/>
         ist eine Lüge. Rundfunk und Film sind einfach wirksamer als <lb/>
         das Buch; sie haben sich aber noch nicht ihre Freiheit er-<lb/>
         kämpft. Also kann man sie knuten, also kann man sie zen-<lb/>
         surieren.</p>
      <p>
        <lb/>
         Lest Bücher! Sie sind kleine Inseln der Freiheit im Meer <lb/>
         der Zensur.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Mit einem Zuchthäusler?</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der härteste Augenblick im deutschen Strafvollzug ist der, <lb/>
         wo der Entlassene wieder vor dem Zuchthaus steht, dessen Tore <lb/>
         sich langsam von innen geschlossen haben. Was nun –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun beginnt entweder die Hetze durch die Polizeiorgane, die <lb/>
         lächerliche Barbarei der Polizeiaufsicht, oder der Mann sucht <lb/>
         sich Arbeit, er möchte arbeiten – es will ihn aber keiner.</p>
      <p>
        <lb/>
         Hier muß die Wahrheit gesagt werden:</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist nicht immer nur der Arbeitgeber, der den ehemaligen <lb/>
         Zuchthäusler aus dem Bureau jagt; es ist leider noch sehr oft <lb/>
         der deutsche Arbeiter, der sich weigert, „mit einem Zuchthäus-<lb/>
         ler“ zusammenzuarbeiten. Der Arbeiter begeht hier ein schwe-<lb/>
         res Unrecht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Deutsche Richter und solche, die es werden wollen, sind ge-<lb/>
         neigt, dieses kleinbürgerliche Schlagwort vom „ehemaligen <lb/>
         Zuchthäusler“ auf das Konto: „natürliches Rechtsempfinden
        <pb facs="#0086" n="83"/>
        <lb/>
         des Volkes“ zu buchen, ein Posten, auf den sie sonst herzlich <lb/>
         wenig Rücksicht nehmen. Hier tun sie es nur, weil ihnen das <lb/>
         Schlagwort schmeichelt. Der Arbeiter überlege. Daß jemand <lb/>
         gänzlich unschuldig ins Zuchthaus kommt, gehört auch in <lb/>
         Deutschland, dessen Strafjustiz auf einer verhältnismäßig nied-<lb/>
         rigen Stufe steht, zu den Ausnahmen. Geschieht es einmal, so <lb/>
         ist fast immer damit zu rechnen, daß die richterliche Clique den <lb/>
         von ihr begangenen Fehler zu vertuschen und darauf hin-<lb/>
         zuwirken sucht, daß der so schwer Getroffene nicht anständig <lb/>
         entschädigt wird; wie sie überhaupt bemüht ist, von einer <lb/>
         Verantwortung abzurücken, die sie, vom Assessor bis zum <lb/>
         Reichsgerichtspräsidenten, ununterbrochen im Munde führt. <lb/>
         Ja, die Unabsetzbaren halten es sogar für völlig in der Ord-<lb/>
         nung, daß ein Staatsanwalt, der bei einem Justizmord mit-<lb/>
         gewirkt hat, wiederum bei einem Mordprozeß und wiederum <lb/>
         mit behaupteten Indizien mitwirken darf. Daß keine Bestra-<lb/>
         fung der an einem Justizverbrechen Schuldigen eintritt, bedarf <lb/>
         keiner Erwähnung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Unschuldige im Zuchthaus aber gehören zu den Ausnah-<lb/>
         men. Ganz etwas andres ist es schon mit der Verhängung <lb/>
         der Zuchthausstrafe an Stelle einer Gefängnisstrafe. Die Straf-<lb/>
         rahmen lassen dem Richter, der bei seiner jetzigen Vorbil-<lb/>
         dung und Personalauswahl keine Eignung für sein Amt be-<lb/>
         sitzt, sehr viel Freiheit; es ist bekannt, daß zum Beispiel vor-<lb/>
         bestrafte Taschendiebe ihre fremde Staatsangehörigkeit sehr <lb/>
         oft mit Zuchthaus büßen, denn die Hirne der Richter treiben <lb/>
         in solchen Prozessen sonderbare Blasen von Nationalstolz.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nach welchen Gesichtspunkten die Dauer der Zuchthaus-<lb/>
         strafe bestimmt wird, würfelt man sich am besten aus; die <lb/>
         wenigsten deutschen Richter ahnen auch nur, was sie da ver-<lb/>
         hängen. Den Unterschied zwischen zwei und zweieinhalb Jahren <lb/>
         Zuchthaus macht sich auch nicht der Tausendste unter ihnen klar.</p>
      <pb facs="#0087" n="84"/>
      <p>
        <lb/>
         Setzen wir nun den Fall, daß ein zu recht Verurteilter wegen <lb/>
         einer gesellschaftsschädlichen Handlung eine Zuchthausstrafe <lb/>
         verbüßt hat. Seine Schuld, nehmen wir an, verteile sich glei-<lb/>
         chermaßen auf das soziale Milieu, dessen Opfer er ist, und auf <lb/>
         seine biologischen Anlagen, die er nun einmal zu vertreten hat. <lb/>
         Wenn dieser Mann aus dem Zuchthaus herauskommt, wird <lb/>
         er in fünfundneunzig von hundert Fällen überhaupt keine Ar-<lb/>
         beit bekommen, oder aber sie wird ihm unter derartig entwür-<lb/>
         digenden Umständen gegeben, daß sich sein bißchen Stolz eines <lb/>
         Tages dagegen auflehnt; dann wirft er sie hin, wird arbeits-<lb/>
         los und beginnt seinen Paragraphenweg von vorn. Soweit der <lb/>
         Arbeitskollege, der Angestellte oder der Arbeiter daran schuld <lb/>
         sind, begehen sie einen schweren Denkfehler.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man kann von einer kleinbürgerlich erzogenen Verkäuferin <lb/>
         nicht verlangen, daß sie über Strafe, Strafvollzug, Schuld <lb/>
         und Sühne in einem kapitalistisch organisierten Staat hinrei-<lb/>
         chend aufgeklärt ist; man kann es von einem sozial geschulten <lb/>
         Angestellten, von einem gewerkschaftlich organisierten Arbeiter <lb/>
         wohl verlangen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bei denen ist aber das kleinbürgerliche Ressentiment un-<lb/>
         geheuer groß. Den „ehemaligen Zuchthäusler“ umgibt das <lb/>
         Grauen, genährt von der Schule, dem kirchlichen Unterricht, <lb/>
         schlechter Literatur und halbdunkeln Vorstellungen vom Klirren <lb/>
         der Ketten, Ratten in Zellen und dem Gedanken, durch einen <lb/>
         aktenmäßig aufgezeichneten Spruch verkleideter Funktionäre <lb/>
         verwandele sich ein Mensch, der Böses getan hat, in einen <lb/>
         bösen Menschen. Sie stoßen den Entlassenen ab; alte Vor-<lb/>
         stellungen von infamierten Personen tauchen vage auf: so <lb/>
         wenig ein biederer Zunftmeister des Mittelalters mit dem <lb/>
         Schinder an einem Tisch getrunken hätte, so wenig wollen sie <lb/>
         mit dem Zuchthäusler zu tun haben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wer einen Menschen die eben verbüßte Strafe noch einmal
        <pb facs="#0088" n="85"/>
        <lb/>
         verbüßen läßt, der demütigt ihn. Mit welchem Recht stößt er <lb/>
         ihn ab? Wenn es sich nicht um ganz schwere Fälle handelt, <lb/>
         was immerhin nachzuprüfen ist, so spricht nichts, aber auch gar <lb/>
         nichts dafür, daß der Zuchthäusler auch nur im kleinen <lb/>
         Fingernagel schlimmer sei als irgendein Proletarier, der säuft, <lb/>
         arbeitsscheu ist und nur eben bisher von der letzten Konsequenz, <lb/>
         ein Verbrechen zu begehen, aus irgendwelchen Gründen zurück-<lb/>
         gescheut ist. Der Zuchthäusler ist gedemütigt, in seinem <lb/>
         Stolz tausendmal zerschlagen, durch die fürchterliche Sexualnot <lb/>
         langer Jahre zermürbt, sie haben ihm zehnmal am Tage das <lb/>
         Rückgrat gebrochen; man braucht nur zu sehn, wie dieser <lb/>
         Staat, der soviel Geld für seine Reichswehr, für seine Gas-<lb/>
         fabriken und für seine Verwaltungskindereien übrig hat, die <lb/>
         Gefangenenwärter bezahlt, aus welchen Kreisen sich die re-<lb/>
         krutieren und welche Bildung und Vorbildung sie haben … <lb/>
         man braucht nur einen Blick in diese Muffhölle zu tun, um zu <lb/>
         verstehen, was es heißt, deren Opfer zu sein. Es gibt schlim-<lb/>
         meres als körperliche Prügel.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und das ist die zweite schwere Schuld der arbeitenden <lb/>
         Kleinbürger: sie zerstören durch ihre Intoleranz seelische Werte, <lb/>
         die man nutzbar machen könnte.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sicherlich geht es manchmal schief. Es ist durchaus möglich, <lb/>
         daß der unvorbestrafte Steinhauer Schulze die Arbeitsbude in <lb/>
         Brand steckt und den Vorarbeiter erschlägt; die Chance, daß <lb/>
         der „ehemalige Zuchthäusler“ es tut, ist fast immer viel kleiner <lb/>
         als man gemeinhin denkt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die oft geübte Praxis, entlassene Strafgefangene überhaupt <lb/>
         nicht oder als zweitklassige Menschen zu beschäftigen, ist grau-<lb/>
         sam, unsozial und falsch.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Also sollen die ehemaligen Zuchthäusler genau so behandelt <lb/>
         werden, wie alle andern Arbeiter und Angestellten auch – ja, <lb/>
         wozu führt man sich denn dann sein ganzes Leben lang gut –?“</p>
      <pb facs="#0089" n="86"/>
      <p>
        <lb/>
         Nicht, um eine Schicht Menschen als Gehsteig unter sich <lb/>
         zu haben. Ein allgemeines Urteil aus der Tatsache einer Ver-<lb/>
         urteilung zu Zuchthaus herzuleiten, ist unmöglich. So, wie bei <lb/>
         uns geurteilt und verurteilt wird: aus Denkfaulheit, aus Träg-<lb/>
         heit des Herzens, aus Routine, aus Ehrgeiz, aus Karriere-<lb/>
         sucht und aus Überheblichkeit …, es ist nicht angängig, alle aus <lb/>
         dem Zuchthaus Entlassenen nur nach einer und noch dazu nach <lb/>
         einer falschen Schablone zu beurteilen. Einen wegen Defrau-<lb/>
         dation Verurteilten wird man nicht noch einmal als Bank-<lb/>
         kassierer anstellen – obgleich die analogen Fälle in der deut-<lb/>
         schen Politik durchaus zu andern Ergebnissen führen und ge-<lb/>
         schlagene Heerführer und erfolglose Politiker hierzulande nicht <lb/>
         unterzugehen brauchen; einen Lehrer, der sich an Kindern ver-<lb/>
         gangen hat, wird man nicht noch einmal als Lehrer anstellen <lb/>
         – das ist gewiß. Aber niemand hat das moralische oder so-<lb/>
         ziale Recht, einen Menschen Zeit seines Lebens zu brandmarken, <lb/>
         weil er im Zuchthaus gesessen hat. Das ist eine Unterschätzung <lb/>
         des Mitmenschen und eine Überschätzung des Richterspruchs.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die KPD., die die Kleinbürgerlichkeit der Gewerkschaften <lb/>
         klar erkannt hat, sie aber nicht immer richtig bekämpft, hat <lb/>
         hier ein weites Feld. Hier ist durch vernünftige Aufklärung <lb/>
         viel zu tun und manches zu erreichen. Nicht aus Sentimentali-<lb/>
         tät. Sondern um eine Unmenschlichkeit zu bekämpfen, die tief <lb/>
         in der Menschenseele liegt und die sich als Sachlichkeit oder <lb/>
         Empfindsamkeit gibt, aber tödlich trifft. Der Russe nennt den <lb/>
         Verbrecher „den Armen“. Der Deutsche nennt ihn „vor-<lb/>
         bestraft“ und radebrecht gern das Rackerlatein der Unabsetz-<lb/>
         baren, um zu zeigen, daß auch er ein Fachmann sei. Man sollte <lb/>
         diesen Richtern den Rücken kehren und sein Herz jenen ent-<lb/>
         lassenen Strafgefangenen zuwenden, die es wert sind.</p>
      <pb facs="#0090" n="87"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Das schwarze Kreuz auf grünem Grunde</hi></p>
      <cit>
        <quote><lb/>
           Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, <lb/>
           ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln <lb/>
           auswendig reinlich haltet, inwendig aber ists <lb/>
           voll Raubes und Fraßes!</quote>
        <bibl><hi rendition="#i">Matthäus 23; 25</hi></bibl>
      </cit>

      <p>
        <lb/>
         Im Zuchthaus zu Celle, das von Fritz Kleist fortschrittlich <lb/>
         geleitet wird, hat im vorigen Jahr der Präsident des Straf-<lb/>
         vollzugamts zu Hannover, Muntau, die Weihnachtsfeier ge-<lb/>
         stört.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Wiener Schauspieler, Herr Tyndall, hatte aus Nathan <lb/>
         dem Weisen rezitiert und seinem Vortrag einige ruhige und <lb/>
         maßvolle Schlußworte folgen lassen, die allerdings nicht bi-<lb/>
         blisch waren. Darauf erhob sich Muntau und protestierte. Die <lb/>
         Gefangenen lärmten, und nur der Geschicklichkeit des Direktors <lb/>
         Kleist gelang es, die Situation zu retten, die Muntau ver-<lb/>
         fahren hatte. Das Justizministerium veröffentlichte eine Er-<lb/>
         klärung, die den Präsidenten deckte. Wer ist dieser Mann?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein schönes Beispiel für die Sorte, die im Strafvollzug <lb/>
         trotz aller gegenteiligen Versicherungen des wohlmeinenden <lb/>
         Justizministeriums die Melodie angibt. Es ist keine schöne Me-<lb/>
         lodie.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Präsident Muntau ist ein christlich-sozialer Reichstags-<lb/>
         abgeordneter. Er hat aber noch eine dritte Tätigkeit: er ist <lb/>
         „Vorsitzender des schwarzen Kreuzes, der christlichen Gefange-<lb/>
         nenhilfe E. V.“ (Abzeichen: Schwarzes Kreuz auf grünem <lb/>
         Grunde). Da muß man hineingetreten sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Es ist heute wichtiger als je, die Gefangenen schon wäh-<lb/>
         rend der Strafzeit in lebendige Berührung mit Gott und <lb/>
         Gottes Wort zu bringen.“ Und warum? Weil das ganze Volk <lb/>
         unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen so leide. <lb/>
         Und dagegen ist ja Gottes Wort immer sehr gut.</p>
      <pb facs="#0091" n="88"/>
      <p>
        <lb/>
         Hier ist die peinlichste und häßlichste Vergewaltigung von <lb/>
         Strafgefangenen am Werk: Menschen, die sich nicht wehren <lb/>
         können, werden gezwungen, sich, wenigstens mit dem Munde, <lb/>
         zu einer Weltanschauung zu bekennen, die fast jeder von ihnen <lb/>
         in der Freiheit nicht akzeptiert. Selbstverständlich werden Mun-<lb/>
         tau wie seine Kollegen weit von sich weisen, jemals einen Ge-<lb/>
         fangenen zu „zwingen“. Nun, die Bastonade bekommt er <lb/>
         nicht. Aber jeder weiß doch, wie ein Beamter zu schikanieren <lb/>
         vermag, und wer von den Strafgefangenen dem Anstalts-<lb/>
         pfarrer nicht bußfertig genug erscheint, gelangt nie zu jenen <lb/>
         kleinen Vergünstigungen, die uns andern in der Freiheit so ge-<lb/>
         ringfügig erscheinen und die in dem begrenzten Lebensfeld eines <lb/>
         Eingesperrten so unendlich wichtig sind.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Bekenntnis zur Frömmigkeit wird erpreßt. „Recht <lb/>
         erfreulich war die Entwicklung unseres Genesungsheimes ‚Licht <lb/>
         nach dem Dunkel‘ in Westercelle bei Celle. Gott hat dort in <lb/>
         diesem ersten vollen Wirtschaftsjahr ganz sichtbarlich geseg-<lb/>
         net … In mehreren Fällen galt der Aufenthalt in unserm <lb/>
         Heim als Bedingung für vorzeitige Strafaussetzung mit Be-<lb/>
         währungsfrist.“ Wer also nicht damit einverstanden war, in <lb/>
         jenem Heim sichtbarlich für den lieben Gott Mohrrüben zu <lb/>
         hacken, der war noch nicht reif für die Bewährungsfrist. Wie <lb/>
         groß ist des Allmächtigen Güte!</p>
      <p>
        <lb/>
         Und hierzu wie zu den Personen, die diesen Strafvollzug <lb/>
         immer noch bestimmen dürfen, ist zu sagen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist eine Dreistigkeit und eine Unverfrorenheit, in Straf-<lb/>
         gefangenen Objekte zu religiösen Experimenten zu sehen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Niemand hat das Recht, einem Rechtsbrecher „zur Vergel-<lb/>
         tung“ alle Lebensrechte zu nehmen, die sein sind, auch dann <lb/>
         noch, wenn er gemordet hat. Die Gesellschaft hat nur das <lb/>
         Recht, sich zu sichern – also den Mörder aus dem gesell-<lb/>
         schaftlichen Leben auszuschließen. Niemals mehr.</p>
      <pb facs="#0092" n="89"/>
      <p>
        <lb/>
         Mit welchem Recht denn auch mehr? Wo ist die Aktiv-<lb/>
         legitimation dieser Herren? Wer ist Muntau? Was berechtigt <lb/>
         ihn dazu, die Nachfolge Christi in den Gefängnissen anzu-<lb/>
         treten? Nichts als ein paar bestandene Examina und – hier <lb/>
         ist der Kern –: das Wohlwollen des Beamtenkörpers, der <lb/>
         ihn, ohne die Volksmeinung zu befragen, kooptiert hat. So <lb/>
         kommt ein solches Amt zustande.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn wer befaßt sich mit dem Strafvollzug? Jene Gesell-<lb/>
         schaften, Vereine und Vereinchen, die ihre Traktätchen nicht <lb/>
         anders an den Mann bringen können: die breite Öffentlichkeit <lb/>
         aber hat Gottseidank mit diesen Dingen nichts zu tun, oder <lb/>
         sie ist machtlos. Der Beamte regiert. Und er regiert nicht gut.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist keine Rede davon, unter O-Bruder-Mensch-Geschrei <lb/>
         dem Rechtsbrecher die Füße zu küssen. Es gibt unter den Be-<lb/>
         rufsverbrechern und unter den Gelegenheitsverbrechern böse <lb/>
         Jungens, wirklich niedrige Charaktere, deren seelische An-<lb/>
         lagen gesellschaftsschädlich sind und es auch bleiben. Man <lb/>
         sichere die Gesellschaft vor ihnen – niemand aber vermesse sich, <lb/>
         sie aus Rache zu quälen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die empörende Dreistigkeit der Strafvollzugsbehörden, sich <lb/>
         wie einen Gott über den Gefangenen zu setzen, ist international. <lb/>
         Man lese Berichte aus französischen Gefängnissen, wie zum <lb/>
         Beispiel den von Francis Carco <hi rendition="#aq">„Les Prisons de Femmes“</hi>, <lb/>
         und der Menschheit ganzer Jammer faßt einen über so viel <lb/>
         seelische Verderbnis an: wie sie nämlich unter den Direktoren <lb/>
         dieser Anstalten herrscht. Die Franzosen unterscheiden sich da-<lb/>
         durch von den Deutschen, daß man dort dem Publizisten er-<lb/>
         laubt, diese Dinge zu sagen – gebessert wird allerdings kaum <lb/>
         etwas. Nun, es soll zunächst jeder bei sich zu Hause ausfegen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was Deutschland angeht, so sind im Strafvollzug neben <lb/>
         dem bekannten Bullentyp gewisser Unterorgane Menschen be-<lb/>
         schäftigt, denen jede, aber auch jede Kenntnis der menschlichen
        <pb facs="#0093" n="90"/>
        <lb/>
         Seele fehlt. Das ginge noch an, wenn sie sich darauf be-<lb/>
         schränken wollten, nur die Tore ihrer Strafanstalten geschlossen <lb/>
         zu halten und das äußere Leben der Gefangenen hygienisch <lb/>
         und ordentlich zu gestalten. Sie wollen aber mehr. Sie <lb/>
         wollen: die absolute Unterordnung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun wissen sie in ihrer kleinbürgerlichen Beschränktheit nicht, <lb/>
         daß der seelische Widerstand eines Gefangenen sehr oft den <lb/>
         letzten Rest Menschenwürde enthält, der noch in ihm ist – sie <lb/>
         wissen es nicht, und sie wollen es auch nicht wissen. Sie <lb/>
         wollen herrschen. Bessern sie –? Sie strafen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gott straft. Aber wo ist die Legitimation dieser Muntaus? <lb/>
         Ich erschlage im Jähzorn einen Arbeitskollegen. Ich bin ein <lb/>
         Rechtsbrecher. Und nun falle ich unter die Herrschaft eines <lb/>
         mehr oder minder beschränkten, kleinkalibrigen Mannes, der <lb/>
         mir mit seinen Anordnungen das Leben zerstört. Was soll <lb/>
         das? Wird dadurch der Erschlagene wieder lebendig? Ich kann <lb/>
         den Zusammenhang nicht sehn.</p>
      <p>
        <lb/>
         Unter welchen Vorwänden maßen sich diese Direktoren, <lb/>
         deren seelische Qualifikationen nur von Gleichgesinnten, also <lb/>
         unzureichend geprüft werden, das Recht an, Gefangene zu <lb/>
         schinden? Und sie werden geschunden. Was um alles in der <lb/>
         Welt ist damit getan, daß man sie quält? Es ist ja nicht <lb/>
         wahr, daß andre Menschen dadurch abgeschreckt werden, ihrer-<lb/>
         seits das Recht zu brechen, es ist ja nicht wahr, daß auch nur <lb/>
         ein einziger diese Orte des seelischen Grauens gebessert ver-<lb/>
         läßt. Zerbrochen oder geknickt, verbittert oder innerlich zer-<lb/>
         schlagen – gebessert niemals.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir brauchen keine Psychologie der Verbrecher; wir brauch-<lb/>
         ten eine Psychologie der Richter und der Gefängnisbeamten, <lb/>
         nebst ihrer frommen Schwestern. Wie sieht es in diesen Her-<lb/>
         zen aus?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Kongreß der Strafanstaltsdirektoren wird sicherlich keine
        <pb facs="#0094" n="91"/>
        <lb/>
         Versammlung wilder Sadisten sein. Es sind in ihrer Mehrheit <lb/>
         Bürger, mit all der Phantasielosigkeit, der dumpfen Gleich-<lb/>
         gültigkeit, der Unfähigkeit, sich in die Seele eines andern Men-<lb/>
         schen zu versetzen, und erfüllt von dem ehernen Aberglauben, <lb/>
         sie seien wirklich besser als die Verurteilten. Wer aber nicht <lb/>
         weiß, was Sünde ist, wer nie begriffen hat, wie es in uns <lb/>
         allen aussieht –: der ist zu allerletzt legitimiert, andre Men-<lb/>
         schen zu strafen, indem er ihnen sinnlose Sprechverbote <lb/>
         auferlegt, sie wie dressierte Hunde zusammentreibt und in <lb/>
         ihre Zwinger entläßt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wieviel trübe Herrschsucht ist in diesen Beamten! Wieviel <lb/>
         kleines Neronentum! Welche versetzte Sexualität in manchen <lb/>
         dieser frommen Schwestern, die am Tage nachholen, was <lb/>
         ihnen die Nacht nicht gewährt! Was sich dort als sozial nütz-<lb/>
         lich gibt, ist mitunter viel, viel schlimmer als das, was aus <lb/>
         sozial mißleiteten Trieben von den Rechtsbrechern gefehlt wor-<lb/>
         den ist. Wir brauchten eine Psychologie der Herrschenden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Muntaus sind viele. Sie richten maßloses Unheil an.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das A und O, woran dieser lächerliche Strafvollzug krankt <lb/>
         und kranken muß, steckt nicht nur im Wirtschaftlichen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es steckt in dem hochmütigen und echt pharisäischen Irrtum, <lb/>
         daß ein bestandenes Assessorexamen dazu berechtigt, sich über <lb/>
         den Rechtsbrecher auch sittlich zu erheben. Die Herren lesen die <lb/>
         Bibel und lassen sie lesen; aber sie haben sie nie verstanden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Niemals darf der Rechtsbrecher Grundrechte des Menschen <lb/>
         verlieren, auch er nicht. Das primitive Rechtsbedürfnis des <lb/>
         Gerichtssaal-Publikums („Den Kerl müßte man aushauen und <lb/>
         ihm Pfeffer in die Wunden streuen!“) wird mit modernern <lb/>
         Mitteln von den Strafvollstreckern realisiert – man kann <lb/>
         Menschen noch mehr leiden machen als dadurch, daß man sie <lb/>
         prügelt. Die Gegenmeinung jener, die besser als das Durch-<lb/>
         schnitts-Publikum begriffen haben, was Strafe ist, und daß
        <pb facs="#0095" n="92"/>
        <lb/>
         der Mensch den Menschen überhaupt nicht strafen, sondern ihn <lb/>
         nur quälen kann, sich also so ein Lustmoment schaffend, das <lb/>
         ihm oft nicht bewußt ist: diese Gegenmeinung verhallt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wie lange noch –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Zuchthaus sei kein japanischer Blumentempel. Es sei <lb/>
         aber auch kein sadistisches Kabinett.</p>
      <p>
        <lb/>
         Betritt ein Rechtsbrecher eine dieser Strafanstalten, so müs-<lb/>
         sen in ihm, wenn er nicht ein abgehärteter Sträfling ist, aller <lb/>
         Widerspruch, alle Bitternis, alle Wut wach werden, die ein <lb/>
         gequälter Mensch zu fühlen fähig ist. Das Verbrechen steht <lb/>
         mit dem, was dort geschieht, in gar keinem Zusammenhang <lb/>
         mehr. Dort wird gekämpft.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es wird gekämpft zwischen Menschen, die einmal eine Un-<lb/>
         tat begangen haben, und den Feldwebeln des Geistes. Kusch, <lb/>
         du Hund, halts Maul, friß, arbeite, onaniere und gehorche, <lb/>
         gehorche, gehorche! Und ein ohnmächtiges Ding ringelt sich <lb/>
         am Boden, tut das alles und knirscht vor Wut. Und es ist ja <lb/>
         nicht wahr, daß man „der Bande nicht anders beikommen <lb/>
         kann“. Jeder Kenner wird bestätigen, daß grade unter diesen <lb/>
         Leuten das Rechtsgefühl merkwürdig lebendig ist; daß die <lb/>
         Mehrheit der Rechtsbrecher, wenn man sie nur richtig leitet, <lb/>
         nämlich mit Festigkeit, aber mit Verständnis, ein ungeheuer <lb/>
         feines Gefühl für Gerechtigkeit hat, und daß, sofern man sie <lb/>
         nicht quält und schindet, grade diese einsehen: „Daß man mich <lb/>
         gefangen hält, verstehe ich, ich habe das und das aus-<lb/>
         gefressen.“ Worüber sie sich aber zerfressen vor Wut, sind jene <lb/>
         unnötigen Demütigungen, die keinen andern Sinn haben, als <lb/>
         das Lebensgefühl eines mittelmäßigen Beamten zu erhöhen. <lb/>
         Denen ist nichts so widerwärtig wie öffentliche Kontrolle. <lb/>
         Mißtrauisch betrachten sie jeden, der sich überhaupt um den <lb/>
         Strafvollzug kümmert; denn den haben sie gepachtet. Kleine
        <pb facs="#0096" n="93"/>
        <lb/>
         Leute. Aber innerhalb ihrer Mauern aufgeblasen wie <lb/>
         Ballons. Bedauernswert die Opfer, die ihnen in die Finger <lb/>
         fallen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Geist dieses Strafvollzugs ist schlecht. Er ist durchsetzt <lb/>
         von übeln religiösen Wahnvorstellungen; von Irrtümern über <lb/>
         die einfachsten Funktionen der Seele: von sozial maskierten, <lb/>
         höchst minderwertigen Begierden. Greift einer ein, so schallt <lb/>
         ihm ein Chor entgegen: „Ja, soll man vielleicht den Gefan-<lb/>
         genen jeden Tag Pudding zu essen geben und sie abends ins <lb/>
         Varieté führen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Man sollte aber vor allem einmal Menschen aus dem Straf-<lb/>
         vollzug ausroden, die ihrerseits Verbrecher an Seelen sind, <lb/>
         dumpfe Rohlinge, Caligula-Naturen und Pharisäer, die jener <lb/>
         Christus gegeißelt hat, dessen Namen sie mißbrauchen. Denn <lb/>
         nie empfindet ein normaler Mensch so viel Lust im Bett wie <lb/>
         jene an ihrem Schreibtisch. Fluch ihnen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Zu fordern ist, immer wieder: das Recht für die Rechts-<lb/>
         brecher.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">8 Uhr abends – Licht aus!</hi></p>
      <cit>
        <quote><lb/>
           Ein Gefangener, der drei Jahre Pfleger <lb/>
           im Schweinestall der Strafanstalt S. gespielt <lb/>
           hat, erklärte mir, daß er mindestens hundert <lb/>
           Gefangene im Verkehr mit Tieren beobachtet <lb/>
           habe.</quote>
        <lb/>
        <bibl><hi rendition="#i">Karl Plättner, Eros im Zuchthaus</hi></bibl>
      </cit>
      <cit>
        <quote><lb/>
           „Die Arbeit war nicht so schlimm, Herr <lb/>
           Direktor. Aber die Nächte – die Nächte –“ </quote>
        <lb/>
        <bibl><hi rendition="#i">Ein Entlassener</hi></bibl>
      </cit>
      <p>
        <lb/>
         Es wäre verfehlt, zu glauben, daß die Veröffentlichungen <lb/>
         von Max Hölz und Karl Plättner, von Lampel und andern <lb/>
         ganz und gar spurlos an den Strafvollzugsbehörden vorüber-
        <pb facs="#0097" n="94"/>
        <lb/>
         gegangen seien. Sie haben wenigstens etwas bewirkt, was so <lb/>
         schwer zu erreichen ist: sie sind für die mehr oder minder <lb/>
         stumpfen Beamten ein kleiner Antrieb geworden. Zwar klingt <lb/>
         in den offiziellen Publikationen der Ton nur wie aus wei-<lb/>
         ter Ferne: „Die Presse … die Filmdarstellungen … Sensa-<lb/>
         tion …“ aber immerhin: sie sind doch aufgewacht. Wozu es, <lb/>
         wie stets, eines Anlasses von außen her bedurft hat; was <lb/>
         im Strafvollzug durchgesetzt worden ist, wie zum Beispiel <lb/>
         die Aufhebung der Prügelstrafe, das ist von außen her durch-<lb/>
         gesetzt worden.</p>
      <p>
        <lb/>
         In der Nummer 3 (1929) der „Zeitschrift für die gesamte <lb/>
         Strafrechtswissenschaft“, herausgegeben von Kohlrausch und <lb/>
         Gleispach (Verlag Walter de Gruyter &amp; Co., Berlin) verbrei-<lb/>
         tet sich der Oberjustizrat Werner Gentz über „Das Sexual-<lb/>
         problem im Strafvollzuge“. Das ist eine höchst lehrreiche <lb/>
         Sache.</p>
      <p>
        <lb/>
         Herr Gentz gehört, nach diesen Ausführungen zu urteilen, <lb/>
         zu den Männern, die etwas Gutes für die Gefangenen wollen. <lb/>
         Er ist ehrlich bemüht, ihre Lage zu heben. Wie unendlich schwer <lb/>
         sich dergleichen durchsetzt, wissen wir; die älteren Geheimräte <lb/>
         in Deutschland sind immer etwas gewesen, was sie selbst nicht <lb/>
         gern liberal nennen hören, was es aber ist; wie das nach-<lb/>
         her unten in der Praxis wirklich aussieht, wissen sie kaum, <lb/>
         oder sie wollen es nicht wissen. Dieser hier weiß es. Lasset <lb/>
         uns hören.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gentz gibt zunächst die schreckliche Tortur zu, die darin <lb/>
         besteht, erwachsene Menschen vom Sexualverkehr gänzlich ab-<lb/>
         zuschneiden.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Nach den Erfahrungen der Anstaltsärzte gibt es kaum einen <lb/>
           Gefangenen, der sich bei längerer Strafdauer von sexuellen Ersatz-<lb/>
           handlungen freihält; alte oder stumpfe Menschen etwa ausgenom-<lb/>
           men. 80 Prozent der Gefangenen etwa begnügen sich mit onani-
          <pb facs="#0098" n="95"/>
          <lb/>
           stischen Manipulationen, 10–20 Prozent ergeben sich der mu-<lb/>
           tuellen Masturbation oder homosexuellem Verkehr.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Es gibt Gefangene, die sich jede Nacht mehrmals
        befriedigen.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Gentz weist dann darauf hin, daß die Ausrede, der Ge-<lb/>
         fangene sei wahrscheinlich „schon immer so gewesen“, nur für <lb/>
         die exzessivsten Triebhandlungen Geltung habe – nicht für <lb/>
         den fürchterlichen Normalzustand. Er weist ferner rechtens dar-<lb/>
         auf hin, daß die Gefangenen ja eine Art Minusauslese dar-<lb/>
         stellen, daß sie zum großen Teil in den Jahren der Vollreife <lb/>
         in die Anstalt kommen und daß zu dieser Vorbelastung noch <lb/>
         die besondere Lage des Gefangenen hinzukommt. Die gibt er <lb/>
         so wieder, wie sie wirklich ist – nicht ganz vollständig, aber <lb/>
         ehrlich und offen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Eintönige und schlecht entlohnte Arbeit; zu viel Zeit des <lb/>
         stumpfen Dösens; die wahnwitzige Bestimmung, daß der „Ein-<lb/>
         schluß“ mit „Licht aus!“ um acht Uhr abends erfolgt, so daß <lb/>
         also die Leute mit geringen Ausnahmen während neun Mo-<lb/>
         naten im Jahr täglich volle zehn bis elf Stunden im Dunkeln <lb/>
         zubringen müssen. Man stelle sich das vor, wenn man kann – <lb/>
         und male sich das weitere aus. Dazu die Unfreiheit auf allen <lb/>
         Gebieten, auch da, wo sie gar nicht nötig ist. „Der Gefangene“, <lb/>
         zitiert Gentz ein sehr gutes Wort, „lebt nicht; er wird gelebt.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Gentz nimmt dann jene ärztliche Anschauung, nach der die <lb/>
         völlige Abstinenz für den Menschen normaler Verfassung keine <lb/>
         organischen oder funktionellen Schäden habe, als die herr-<lb/>
         schende und darum richtige Theorie hin. Sie ist aber irre-<lb/>
         führend. Organische Schäden sind wohl nur selten zu verzeich-<lb/>
         nen; funktionelle aber gewiß, und Herr Gentz muß wissen, <lb/>
         wie umstritten die Anschauungen über diesen Punkt in der <lb/>
         medizinischen Literatur sind. Er gibt dann selbst zu:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Solche unfreiwillig geleistete Abstinenz ist imstande, einen Men-<lb/>
           schen seelisch schwer zu beeinträchtigen.</hi></p>
      <pb facs="#0099" n="96"/>
      <p>
        <lb/>
         Er spricht davon, daß die Gefahr der Päderastie, und be-<lb/>
         sonders dieser durch sonst Normale so erworbenen Päderastie, <lb/>
         in der Veranlagung stecke; er weiß, daß die exzessiv geübte <lb/>
         Masturbation immer schadet; er weiß von den Sorgen, die <lb/>
         sich die verheirateten Gefangenen zu allem andern noch um <lb/>
         das Verhalten der Ehefrau machen – alles das weiß er und <lb/>
         sagts auch. Dafür muß man ihm Dank wissen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Also –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Also gibt es doch wohl nur einen Weg, müßte man den-<lb/>
         ken: die Freiheit des Sexualverkehrs der Gefangenen, unter Auf-<lb/>
         rechterhaltung der nötigen Maßregeln für die öffentliche <lb/>
         Sicherheit. Aber damit ist es nichts. Denn:</p>
      <p>
        <lb/>
         Erstens müßte, sagt Herr Gentz, den Gefangenen, nämlich <lb/>
         den verheirateten, „in so kurzen Zwischenräumen Urlaub ge-<lb/>
         geben werden“, daß der Haftzweck darunter leidet. Welches <lb/>
         ist dieser Haftzweck? Die „systematische Erziehung des Ge-<lb/>
         fangenen zum sozialen Verhalten.“ Das lernt er in Plötzensee, <lb/>
         falls Sie das noch nicht gewußt haben – in Anstalten, von <lb/>
         denen nun ausnahmslos alle Kenner, die Leidenden und die <lb/>
         Wissenden, aussagen, daß sie Brutstätten für Schweinerei, <lb/>
         Duckmäusertum und ein miserables soziales Verhalten sind. <lb/>
         Das Duckmäusertum geht heute hauptsächlich auf das böse <lb/>
         „Dreistufen-System“ zurück, mit dem unendliches Unheil an-<lb/>
         gerichtet wird. Man findet Näheres darüber bei Hölz. Was <lb/>
         aber die kurzen Urlaubs-Zwischenräume angeht, so ist das un-<lb/>
         richtig – ein Urlaub, alle drei Monate erteilt, wäre schon <lb/>
         eine große Linderung.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Es kann nicht die Aufgabe des Strafvollzuges sein“, sagt <lb/>
         Herr Gentz, „dem Gefangenen in erster Linie ein Leben nach <lb/>
         seinen Trieben zu ermöglichen.“ Nach seinen? Nein. Nach <lb/>
         den menschlichen: ja; ihr könnt ihm ja auch zum Beispiel für <lb/>
         die Dauer der Haft das Wasser entziehen – das wäre genau
        <pb facs="#0100" n="97"/>
        <lb/>
         so logisch und vernünftig wie die Unterbindung des Geschlechts-<lb/>
         verkehrs.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die öffentliche Sicherheit? Sie kann bedroht sein, wenn es <lb/>
         sich um gemeingefährliche Menschen handelt – es gibt aber <lb/>
         sehr viele, die sicherlich einen solchen Urlaub nicht zu neuen <lb/>
         Straftaten benutzen werden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der rassenhygienische Gedanke? Da müßt ihr nicht den sinn-<lb/>
         losen § 218 ins neue Strafrecht hinübernehmen; so ist eine <lb/>
         Untat mit der andern verknüpft. <hi rendition="#aq">Ad maiorem ecclesiae glo-<lb/>
           riam</hi>.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Untunlich wäre es, aus biologischen Einsichten heraus, <lb/>
         die jugendlichen Gefangenen zu beurlauben.“ Was sind dies <lb/>
         für biologische Einsichten? Wie heißen die? Wo liegt die <lb/>
         Grenze? Soll ein achtzehnjähriger Arbeiter keusch leben?</p>
      <p>
        <lb/>
         Das alles aber bezieht sich auf die Verheirateten. Was nun <lb/>
         die Unverheirateten angeht, da wirds ganz schlimm.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Sehr bedenklich würde es erscheinen, unverheirateten Gefan-<lb/>
           genen, die einen solchen Urlaub physiologisch ebensosehr oder ebenso-<lb/>
           wenig brauchen wie Verheiratete, diesen Urlaub zu erteilen. Das <lb/>
           hieße eine Sexualordnung staatlich anerkennen, die nicht die der <lb/>
           die Gemeinschaft beherrschenden Sittengesetze ist.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist nicht wahr. Die künstlich aufgeblasene Schicht der <lb/>
         deutschen Beamten hat nicht das Recht, uns Sittengesetze zu <lb/>
         oktroyieren, zu deren Aufstellung sie niemand legitimiert hat. <lb/>
         Weder sind die Sittengesetze so, wie sie Gentz schildert, noch <lb/>
         sind sie so, wie er sie sich wünscht. Nach seiner Kaste kann <lb/>
         er das nicht beurteilen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gilt in den Kreisen der aufgeklärten Deutschen keines-<lb/>
         wegs für eine Schande, daß ein nicht verheirateter Mann oder <lb/>
         eine nicht verheiratete Frau Geschlechtsverkehr hat. Es ist ja <lb/>
         möglich, daß sich etwa die Postverwaltung noch nicht bis zur <lb/>
         Erkenntnis solcher soziologischen und sittlichen Wahrheit durch-
        <pb facs="#0101" n="98"/>
        <lb/>
         gerungen hat und zum Beispiel ihren weiblichen Angestellten <lb/>
         kündigt, wenn sie ein uneheliches Kind bekommen – mit der <lb/>
         Realität hat das nichts zu tun. Denn die ist so: der außer-<lb/>
         eheliche Geschlechtsverkehr, und zwar nicht der mit Prostituier-<lb/>
         ten, ist die Regel für Hunderttausende und Millionen von Ar-<lb/>
         beitern und Angestellten, die nicht heiraten können oder es nicht <lb/>
         wollen. Daran kann man nicht vorbei. Mit welchem Recht <lb/>
         wird hier ein Sittenkodex statuiert? Mit dem Recht des Pen-<lb/>
         sionsberechtigten? Das verbitten wir uns. Wir verbitten uns <lb/>
         das im Namen jener gequälten Gefangenen, die nicht warten <lb/>
         können, bis Herr Gentz von den Idealen seiner Jugend und <lb/>
         seiner Klasse zur Wahrheit gefunden hat. Das ist unsre Tra-<lb/>
         gik: daß Leidende ganze Generationen hindurch abwarten <lb/>
         müssen, bis neue Geschlechter sich bis zur Erlösung fortent-<lb/>
         wickeln; bis dahin leiden wir unter den alten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wer aber soll die Kosten der Urlaubsreisen tragen? <lb/>
         Wenn der Gefangene kein Geld hat, selbstverständlich die Ge-<lb/>
         fängnisverwaltung, die sich ihr Geld bei der reich dotierten <lb/>
         Reichswehr anfordern möge. So wie man dem Gefangenen zu <lb/>
         essen und zu trinken geben muß, so muß ihm auch seine Ge-<lb/>
         sundheit dadurch erhalten bleiben, daß er nicht zum eingesperr-<lb/>
         ten Tier wird.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Sexualakte in der Anstalt, jedem Gefangenen und Beamten <lb/>
           bekannt, von zahllosen Nichtbeteiligten mit Lüsternheit oder mit <lb/>
           Zoten begleitet, würden das sittliche Niveau der Anstalten auf <lb/>
           einen Tiefstand drücken, den man sich auszudenken scheut.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Immer denk dir aus! Drücken? Diese Anstalten auf einen <lb/>
         Tiefstand drücken? Wie macht man das? Ist es denn möglich, <lb/>
         noch tiefer zu stehn als diese Häuser, wo körperlicher Schmutz <lb/>
         dem seelischen gleichkommt? Nein, das ist nicht möglich. Kennt <lb/>
         Herr Gentz die echte Gefangenenliteratur nicht?</p>
      <pb facs="#0102" n="99"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Zudem würde auch auf diesem Wege wieder für die verheira-<lb/>
           teten Gefangenen eine Vorzugsstellung geschaffen, die ihnen phy-<lb/>
           siologisch vor den Unverheirateten nicht zukommt. Der Gedanke <lb/>
           aber, auch Unverheirateten solchen Besuchsverkehr zu gestatten, <lb/>
           liegt außerhalb jeder ernsten Erörterung.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Genau da, wo das Vorstellungsvermögen des Herrn Gentz <lb/>
         aufhört, fängt das unsre an. Genau da, wo jener versagt, <lb/>
         leben wir. Wie? Man soll also erst den gestempelten Schein <lb/>
         des Standesamtes vorweisen, bevor man sein menschlichen Recht <lb/>
         auf die Urbetätigung eben dieses Menschengeschlechts geltend <lb/>
         machen darf? Zehntausende sollen darunter leiden, daß Herr <lb/>
         Gentz noch nicht so weit ist? Daß für diese Beamtenkaste der <lb/>
         Geschlechtsverkehr etwa auf derselben Stufe steht wie die Dicht-<lb/>
         kunst für einen Feldwebel? „Son Quatsch …“ Im Grunde <lb/>
         etwas Verdächtiges, nichts für einen ernsten Mann. Dieses <lb/>
         Unsittengesetz da ist keines. Und Proletarier sind nicht, wie <lb/>
         Gentz zu glauben scheint, eine andre Rasse: er und die Pro-<lb/>
         letarier sind einander nachts viel näher, als er ahnt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ließe sich aber dieses beides ermöglichen, wenn man <lb/>
         nur wollte: der Sexualverkehr in der Anstalt, und der außer-<lb/>
         halb der Anstalt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Urlaubserteilung wird sorgfältig zu prüfen sein; die <lb/>
         Gewährung des Sexualverkehrs innerhalb der Anstalt kann <lb/>
         in kleinen Gebäuden vor sich gehen, die nicht unmittelbar mit <lb/>
         der Anstalt verbunden sind – die Garantien, einen Fluchtver-<lb/>
         such zu verhindern, lassen sich schaffen, alles das ist durch-<lb/>
         führbar: wenn man nur mit den Gefangenen arbeitet, mit <lb/>
         ihnen, statt auf ihrem Rücken und gegen sie.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gentz weiß, wie feindlich die Gefangenen der Verwaltung <lb/>
         gesinnt sind; das muß aber nicht sein. Er erkennt auch, woran <lb/>
         es liegt – aber er ist viel zu sehr in den Anschauungen der <lb/>
         deutschen Beamten, also einer gewissen, nicht immer sehr hoch-
        <pb facs="#0103" n="100"/>
        <lb/>
         stehenden bürgerlichen Mittelschicht befangen, als daß er es <lb/>
         wagte, die Konsequenzen zu ziehn. Dazu kommt die verhäng-<lb/>
         nisvolle Täuschung, diese Kastenanschauungen als allgemein-<lb/>
         gültige und als einzig mögliche Sittengesetze anzusehn, und <lb/>
         so geschieht denn das unsägliche Unglück.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gentz sieht die geistige Öde, die Freudearmut, die innere <lb/>
         Lieblosigkeit der Anstalten; er weiß von der Unwohnlichkeit <lb/>
         der Zellen und der Gemeinschaftsräume; von der widerwär-<lb/>
         tigen Aufmachung des Essens; von der Schweinerei der Not-<lb/>
         durftkübel; – bis hinunter zum mangelhaft rasierten Bart <lb/>
         sieht er das, und er weiß auch, daß das eben keine Äußerlich-<lb/>
         keiten sind. Er weiß, daß die Körperpflege in den Anstalten <lb/>
         unter aller Kritik ist; daß die Kleidung unzweckmäßig ist; er <lb/>
         weiß von den Bädern … und hier klappt auf einmal alles, <lb/>
         die Weltanschauung von 1905 wirkt sich aus, und was noch <lb/>
         ein Herr Gentz aus dem Jahre 1876 nicht für möglich gehalten <lb/>
         hätte, hier wirds wahr:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Es dürfte sich auch empfehlen, davon abzusehen, die Brause-<lb/>
           bäder in Holz- oder Drahtglasboxen zu verabfolgen. Es hat wenig <lb/>
           Sinn, den Gefangenen den Anblick entblößter Körper zu verbergen. <lb/>
           Das sind Methoden einer überwundenen Anschauung, die mit na-<lb/>
           türlicher Schamhaftigkeit nichts zu tun hat und die aus dem Um-<lb/>
           gang mit dem Körper des Menschen eine „heimliche Prozedur“ <lb/>
           machen.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Auf einmal –! Auf einmal geht es, und es geht sogar sehr <lb/>
         schön. Nein, der Herr Gentz und die Seinen sind eben nicht <lb/>
         das Maß aller Dinge. Eine überwundene Anschauung? Aber <lb/>
         was er da vom Geschlechtsverkehr erzählt, sind längst über-<lb/>
         wundene Anschauungen, die nur noch vom Staat, von der <lb/>
         Kirche und einem mittleren Bürgertum künstlich konserviert <lb/>
         werden, das sich als den <hi rendition="#aq">praceptor Germaniae</hi> aufspielt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Sexualanschauungen dieses Mannes stehen in krassem
        <pb facs="#0104" n="101"/>
        <lb/>
         Gegensatz zu seinen sonstigen Meinungen über den Straf-<lb/>
         vollzug, die recht vernünftig anmuten. Selbst der törichte Ein-<lb/>
         wand, „dann lebten ja viele Gefangene besser als in der Frei-<lb/>
         heit“, wird gut zurückgewiesen: „Auch als Kulturträger hat <lb/>
         der Staat im Gefängnis eine Aufgabe zu erfüllen.“ Er erfüllt <lb/>
         sie aber nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gentz weiß viel – aber zu wenig. Er hat Herz – aber <lb/>
         zu wenig. Er will das Gute – aber lange nicht das Beste.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir aber glauben, daß der Zweck der Strafe weder Ver-<lb/>
         geltung noch jene überhebliche Erziehung ist, bei der man <lb/>
         sich erst einmal fragen muß, wer denn da eigentlich erzieht. <lb/>
         Der alleinige Zweck der Strafe ist die Sicherung der Gesell-<lb/>
         schaft. Also hat niemand das Recht, dem Gefangenen mehr zu <lb/>
         nehmen, als diese Sicherung erfordert: also nur die Freiheit. <lb/>
         Alles andre sind Zutaten, die in ihrer Mehrheit bedeuten, daß <lb/>
         der Strafvollzug noch immer von dem primitivsten und nied-<lb/>
         rigsten Rachetrieb diktiert wird. Jeder Dieb fällt unter die <lb/>
         sehr dubiosen Triebe irgendeines Direktors, der auf ihm <lb/>
         herumregiert? Was soll das? Ihn bessern? Erzählt doch <lb/>
         nichts … dieser Strafvollzug ist nur das böse Korrelat zum <lb/>
         Verbrecher, sie ergänzen einander, ohne daß etwas gebessert <lb/>
         wird. Zu schweigen davon, daß die kriminellen Triebe der <lb/>
         besser gekleideten Stände in den Betätigungen von Staats-<lb/>
         anwälten, Richtern und Zuchthausdirektoren ihren legalen <lb/>
         Ablauf finden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Rechtsbrecher hat sich außerhalb der Gesellschaft ge-<lb/>
         stellt. Deshalb darf diese ihn nicht außerhalb des Rechts stel-<lb/>
         len – Recht kann man nur in bedrohten Lagen erkennen; wenn <lb/>
         es da nicht gilt, taugt es nichts. Im Alltag, wo nichts vor <lb/>
         sich geht, kann jeder ein Rechtsbewahrer sein – vor einem <lb/>
         Lustmörder wird die Sache schon schwerer.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Grade die ethischen Normen“, habe ich gelernt, „sind es,
        <pb facs="#0105" n="102"/>
        <lb/>
         die von früher Jugend auf als fertige Fremdsuggestionen von <lb/>
         der Umwelt wie die Atemluft beständig aufgenommen und <lb/>
         zuletzt so verfestigt werden, daß es auch im erwachsenen Alter <lb/>
         nur den wenigsten Menschen und diesen nur unvollständig ge-<lb/>
         lingt, sich von den ethischen Anschauungen ihrer Umwelt zu <lb/>
         emanzipieren, wenn diese konsequent im selben Sinne gewirkt <lb/>
         haben.“ Und: „Leute aus Berufen mit ausgeprägten starren <lb/>
         Standesansichten, wie manche Beamten- und Offizierskasten, <lb/>
         sodann Leute, die in einer gewissen geistigen Enge aufgewach-<lb/>
         sen und wenig in verschiedenen Lebenskreisen umhergewürfelt <lb/>
         worden sind und denen es daher nicht möglich ist, sich die nö-<lb/>
         tige Freiheit und Elastizität ihrer ethischen Anschauungen zu <lb/>
         erwerben …“</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir haben so viel von der Psychologie der Verbrecher ge-<lb/>
         hört. Uns fehlt ganz etwas andres. Gebt uns die Seelenkunde <lb/>
         der Beamten.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Herren Belohner</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Staatsanwalt Rombrecht hat in einem Mordprozeß <lb/>
         (Ulbrich) gesagt:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Die Angeklagte Neumann hat trotz ihres körperlichen <lb/>
         Zustandes (sie ist in andern Umständen) sich tapfer wäh-<lb/>
         rend der ganzen Verhandlung gehalten. Das muß mildernd <lb/>
         belohnt werden.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ist denn kein Justizminister da, der diese Staatsanwälte <lb/>
         und Richter auf das erste und oberste Gesetz jeder Verhand-<lb/>
         lungsführung aufmerksam macht: es gibt keinen Paragraphen <lb/>
         im Strafrecht, der gutes Verhalten vor Gericht vorschreibt! <lb/>
         Eine Handlung kann nur dann mit einer Strafe belegt wer-<lb/>
         den, wenn der Tatbestand für eine Bestrafung gesetzlich be-
        <pb facs="#0106" n="103"/>
        <lb/>
         stimmt ist. Was bilden sich denn diese größenwahnsinnigen <lb/>
         Funktionäre ein?</p>
      <p>
        <lb/>
         Belohnen …? Rombrecht hat nichts zu belohnen. Das <lb/>
         Gericht ist dazu da, um mit seinem Urteil die Gesellschaft <lb/>
         vor Rechtsbrechern zu schützen – weiter nichts. Das elende <lb/>
         und schmachvolle Spiel, das jedesmal anhebt, wenn um das <lb/>
         Strafmaß gefeilscht wird, kennt zweierlei Gewichte: schwarze <lb/>
         und weiße. Diese mildern, jene verschärfen das Strafmaß.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber ich verpflichte mich, jedem Angeklagten beizubringen, <lb/>
         in zwei Strafverhandlungen vor verschiedenen Richtern (ohne <lb/>
         Ungebühr vor Gericht und ohne doppelten Boden), das eine <lb/>
         Mal so aufzutreten, daß die Richter sagen: „Na … es muß <lb/>
         dem Angeklagten strafmildernd zugute gehalten werden …“ <lb/>
         und das andre Mal so, daß er die dickste Strafe aufgebrummt <lb/>
         bekommt, die möglich ist. Wie man das macht? Es ist sehr <lb/>
         einfach – so grauenerregend einfach wie die Psychologie der <lb/>
         Unabsetzbaren. Denn auf diese Psychologie kommt es viel mehr <lb/>
         an als auf die der Verbrecher. Über diese wird zu viel ge-<lb/>
         schrieben – über jene zu wenig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie es also mein Schüler machen soll? Ich ließe ihn den <lb/>
         Soldaten markieren, das nützt immer: den strammen Soldaten. <lb/>
         Nicht übertrieben, aber doch mit den Händen an der seelischen <lb/>
         Hosennaht –, die gibts eigentlich nicht, in Moabit gibt es sie. <lb/>
         Immer: „Jawohl, Herr Vorsitzender!“ „Nein, Herr Vorsitzen-<lb/>
         der!“ Und immer antworten: kurz, damit die Herren nicht so <lb/>
         lange sitzen müssen, einfach, damit das Gesagte nachher als Belastung <lb/>
         dienen kann, und simpel, damit die Akademiker ihre Über-<lb/>
         legung fühlen. Und keine langen Verteidigungen. Und eine <lb/>
         Spur unterwürfig, aber nicht zu sehr. Und immer dem vor-<lb/>
         gesetzten Richter ins Auge sehn. Und nicht um Mitleid flennen, <lb/>
         sondern etwa wie der Sohn jenes bebarteten Oberlehrers bei <lb/>
         Curt Goetz: „Ich habe eine Strafe verdient und bitte um
        <pb facs="#0107" n="104"/>
        <lb/>
         eine gehörige solche.“ Dann wird mein Schüler so etwas <lb/>
         Ähnliches wie Gnade finden. Denn diese Richter bilden sich <lb/>
         wirklich ein, über dem Angeklagten zu stehn, der ihnen da vor-<lb/>
         geworfen wird; ein frostiges Hohngelächter würde erschallen, <lb/>
         wenn man ihnen das ausreden wollte. Unheilbar.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und das andre Mal ließe ich meinen Schüler widersprechen, <lb/>
         nicht frech, aber fest. Von allen Möglichkeiten der Verteidi-<lb/>
         gung müßte er Gebrauch machen, ruhig, aber durchaus gegen <lb/>
         den ewig redenden Richter. Und dann werde ich den Schüler <lb/>
         wohl lange Jahre nicht mehr wiedersehn.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wer sich dem Gericht unterwirft, ist ein guter Angeklagter. <lb/>
         Wer aber Widerstand leistet, in der Form, in der Sache, im <lb/>
         nicht genügenden Geständnis oder gar politisch: der ist ein <lb/>
         böser Angeklagter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Reue, Reue … Man klappe die Hirnschale eines mittlern <lb/>
         Staatsanwalts auf, die irgendeines kleinen Landgerichtsdirek-<lb/>
         tors, und man wird darin Anschauungen über Seelenkunde fin-<lb/>
         den, die museal sind. Nein: die nie gut gewesen sind. Man <lb/>
         muß wissen, was darüber an Universitäten gelehrt wird, und <lb/>
         in welche Kollegs Juristen zu gehen pflegen, und man weiß <lb/>
         genug. Nicht, als ob sie sich von falschen Krokodilstränen er-<lb/>
         weichen ließen, so dumm sind sie wieder nicht. Aber was sie <lb/>
         da <hi rendition="#aq">pro reo</hi> und <hi rendition="#aq">contra reum</hi> in die
        Wagschale legen, das ist <lb/>
         lächerlich. Und ungehörig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Niemand hat den Staatsanwalt gefragt, was er über das <lb/>
         Verhalten des Angeklagten vor Gericht denkt. Straftaten soll <lb/>
         der Richter aburteilen, und wenn er sich schon an den Täter <lb/>
         macht: dann müßte er ihn zuvor verstehn. Aber davon kann <lb/>
         bei dieser Praxis keine Rede sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man lehre die Richter und die Staatsanwälte die Grund-<lb/>
         begriffe des Strafrechts, wenn sie schon keine Seelenkunde be-<lb/>
         treiben.</p>
      <pb facs="#0108" n="105"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Warum</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         müssen eigentlich fast alle Leute, die in einer Anstalt unter-<lb/>
         gebracht sind, früh aufstehen? Warum werden sie so früh ge-<lb/>
         weckt: in Gefängnissen, Krankenhäusern, Kasernen … ist ihr <lb/>
         Tag so kurz? Ist das gesund?</p>
      <p>
        <lb/>
         Der geschäftige Müßiggang des Militärs sei hier nicht er-<lb/>
         örtert. Was die ernsthaft Arbeitenden angeht:</p>
      <p>
        <lb/>
         Gesund ist es deshalb nicht, weil kein Mensch mehr mit <lb/>
         den Hühnern zu Bett geht. Die Strafgefangenen müssen es, <lb/>
         wobei zu beachten, daß die Hühner wieder verhältnismäßig <lb/>
         mehr Luft für sich haben … also die Gefangenen müssen es, <lb/>
         aber dafür schlafen sie nicht. Warum werden sie so früh ge-<lb/>
         weckt –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Nein, ihr Tag ist nicht zu kurz. Es ist wohl der Geltungs-<lb/>
         drang der leitenden Herren, der sich da austobt. Stigma mo-<lb/>
         dernen Sklaventums: um fünf Uhr aufstehen müssen. Das ist <lb/>
         gut und richtig, wenn man abends um neun schlafen geht; <lb/>
         es ist für den richtig, der im Training lebt – aber es ist <lb/>
         Widersinn, Leute, die in einer Stadt leben, so früh in den <lb/>
         Tag zu jagen. (Hornbrillengemurmel: „So lange in den Bet-<lb/>
         ten liegen … nur auf dumme Gedanken … schon vom hü-<lb/>
         schénischen Standpunkt …“ Und Sie, Herr –?) Stigma <lb/>
         aller Unterdrückten: früh aufstehn zu müssen. Der bessere <lb/>
         Herr erscheint um halb neun zur Arbeit, der feine um neun, <lb/>
         der ganz feine um halb zehn. Man kann an ihren Uhren <lb/>
         ablesen, was die Glocke geschlagen hat.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gebt den Leuten mehr Schlaf – und sie werden wacher <lb/>
         sein, wenn sie wach sind.</p>
      <pb facs="#0109" n="106"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Verhetzte Kinder – ohnmächtige Republik</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Vor mir liegt:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Geographie für höhere Lehranstalten“ von <hi rendition="#aq">Dr.</hi> Michael <lb/>
         Geistbeck und <hi rendition="#aq">Dr.</hi> Alois Geistbeck. Achter Teil. Staatenkunde <lb/>
         von Frankreich, Großbritannien und den außereuropäischen <lb/>
         Staaten. München und Oldenburg 1925. Sechste Auflage.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Die Erweiterung des Geographieunterrichts an den höhern <lb/>
         Lehranstalten Bayerns“, heißt es in der Einleitung, „und die <lb/>
         Gestaltung desselben als geographische Staatenkunde, endlich <lb/>
         die gewaltigen politisch-geographischen Veränderungen durch <lb/>
         den Ausgang des Weltkrieges erheischten erhebliche Ergänzun-<lb/>
         gen und Änderungen der Vorlage. Dieser Aufgabe hat sich <lb/>
         Herr Professor Wührer unterzogen, der seine Kraft schon mit <lb/>
         der Verabfassung der Heimatkunde des 1. Teiles in den Dienst <lb/>
         des Lehrbuchs gestellt hatte.“ Eine deutsche Übersetzung die-<lb/>
         ses bayerischen Satzes steht noch aus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Buch enthält eine Fülle von tatsächlichen Unwahr-<lb/>
         heiten, die lediglich zu dem Zweck aufgenommen sind, die <lb/>
         Wahrheiten der ‚Münchner Neusten Nachrichten‘ in wehr-<lb/>
         lose Kinder hineinzupressen. Beispiele:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Eine hervorstechende Eigenschaft des Franzosen ist sein Fleiß und <lb/>
           seine Sparsamkeit. Die Folge ist ein allgemeiner Wohlstand. Doch <lb/>
           fehlt dem Franzosen der Tätigkeitsdrang und die Unternehmungslust <lb/>
           des Deutschen; er strebt nach frühzeitigem Rentnertum. Kennzeichen <lb/>
           des französischen Volkes sind aber auch glühender Ehrgeiz und Herrsch-<lb/>
           sucht. Sie haben Frankreichs Schuldenlast vor der Revolution bis <lb/>
           zum Staatsbankerott gesteigert, sie haben seine Volkskraft in der <lb/>
           Zeit Napoleons erschöpft, sie haben zur Niederlage von Sedan ge-<lb/>
           führt und haben es angetrieben, den Weltkrieg mit allen Mitteln <lb/>
           vorzubereiten, aus dem es, aus den schwersten Wunden blutend, le-<lb/>
           diglich durch fremde Hilfe als „Sieger“ hervorgegangen ist.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist nachweislich falsch, daß dem Franzosen Tätig-
        <pb facs="#0110" n="107"/>
        <lb/>
         keitsdrang und Unternehmungslust fehlen; daß ihm „der <lb/>
         Tätigkeitsdrang des Deutschen“ fehlt, ist ebenso richtig wie <lb/>
         die Behauptung, daß der Deutsche nicht die jagdlichen An-<lb/>
         lagen eines australischen Buschmanns besitze, sondern eben <lb/>
         seine eignen. Wührer muß wissen, was die Franzosen aus <lb/>
         ihren Kolonien gemacht haben, ein Faktum, das wir negativ <lb/>
         bewerten, er aber anerkennen müßte. Es ist nicht wahr, <lb/>
         daß die Franzosen von glühendem Ehrgeiz und Herrschsucht <lb/>
         besessen seien. Die schärfsten französischen Nationalisten haben <lb/>
         keinerlei Expansivgelüste; es gibt keinen agressiven Imperia-<lb/>
         lismus in Frankreich. Es ist nicht wahr, daß Frankreich den <lb/>
         „Weltkrieg mit allen Mitteln vorbereitet hat“ – es hat ge-<lb/>
         nau, genau so gerüstet, wie alle europäischen Staaten das <lb/>
         getan haben, genau wie England, genau wie Deutschland, <lb/>
         genau wie Rußland. Die Schuld am Ausbruch trifft alle <lb/>
         Staaten gleichmäßig; ich glaube, daß die deutsch-österreichische <lb/>
         Konspiration der letzten vier Wochen vor dem 1. August ein <lb/>
         Plus an Schuld trägt. Es ist nicht recht, einem Lande, das <lb/>
         für seine nationalen Interessen, die Wührer bei den Deutschen <lb/>
         bejaht, so geblutet hat wie Frankreich – es ist nicht recht, <lb/>
         diesem Lande noch heute seine Verluste vorzuwerfen, und es <lb/>
         ist eine hervorragend deutsche Eigenart, ein weltgeschicht-<lb/>
         liches Geschehnis dadurch aus der Welt schaffen zu wollen, <lb/>
         daß man es in Anführungsstriche setzt. Frankreich ist nicht <lb/>
         als „Sieger“ aus diesem Kriege hervorgegangen, sondern als <lb/>
         Sieger, und Deutschland hat diesen Krieg verloren.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vom französischen Kolonialreich:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Der eigentliche Grund dieses Ausdehnungsstrebens war sowohl <lb/>
           das Bedürfnis, die Einbuße an Ruhm und Ansehen, die der Krieg <lb/>
           von 1870/71 herbeigeführt hatte, durch große überseeische Unterneh-<lb/>
           mungen wieder wettzumachen …</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Jacob Burckhardt, im März 1873: „Das erste große
        <pb facs="#0111" n="108"/>
        <lb/>
         Phänomen nach dem Kriege von 1870/71 ist die nochmalige, <lb/>
         außerordentliche Steigerung des Erwerbssinnes, weit über das <lb/>
         bloße Ausfüllen der Lücken und Verluste hinaus, die Nutzbar-<lb/>
         machung und Erweckung unendlich vieler Werte, samt dem <lb/>
         sich daran heftenden Schwindel (Gründertum).“ Dies zu-<lb/>
         nächst für Deutschland. Von Frankreich aber: „Das Staunen <lb/>
         der ganzen Fachwelt erweckt die Zahlungsfähigkeit Frank-<lb/>
         reichs, das in seiner Niederlage einen Kredit genießt, wie <lb/>
         kaum je ein Land im vollen Siege.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die französische Kunst
          trotz <lb/>
           mannigfacher Schwächen tonangebend in der Welt geblieben ist.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Cézanne erhält also auch in Bayern die Note im ganzen be-<lb/>
         friedigend und darf sich setzen. Aber:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Es kann aber auch nicht in Abrede gestellt werden, daß Paris mehr <lb/>
           als andre Millionenstädte ein Ausgangspunkt sittlicher Zersetzung ist.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Mehr als andre Millionenstädte“ – das ist Berlin. Ich <lb/>
         weiß nicht, was München zersetzt; die zahlreichen Eisen-<lb/>
         bahnschlampereien, die so vielen Menschen den Tod gekostet <lb/>
         haben, werden es wohl nicht sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber ich weiß, daß die bayerischen Schulräte, die dieses <lb/>
         Buch haben durchgehn lassen, so viel von Paris verstehn, <lb/>
         wie das Buch wert ist. Bayern tröste sich: es ist noch nicht <lb/>
         zersetzt, sondern hat sich seine bundesstaatliche Eigenart be-<lb/>
         wahrt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Seit 1688 hat kein Feind mehr britischen Boden betreten. Erst <lb/>
           während des Weltkrieges griffen die deutschen Kriegsschiffe zu wie-<lb/>
           derholten Malen die englischen Küstenstädte an und fielen aus deut-<lb/>
           schen Kriegs-Luftschiffen Bomben auf englische Städte hernieder.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist deutsch, für Schüler. Der Luft-Angriff war ein Ver-<lb/>
         stoß gegen das Völkerrecht und ein überflüssiges Verbrechen
        <pb facs="#0112" n="109"/>
        <lb/>
         dazu, das aus England den letzten Funken Energie herausgeholt hat.</p>
      <p>
        <lb/>
         Von England:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Es fehlte …</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Nun, wo fehlts denn bei denen?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Es fehlte den leitenden Männern der englischen Industrie vielfach <lb/>
           eine gründliche technische und wissenschaftliche Durchbildung. Man <lb/>
           begnügte sich zu einseitig mit der praktischen Erfahrung.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wohin kämen wir auch damit –!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Die englische Industrie blieb hinter der deutschen hauptsächlich in <lb/>
           den Zweigen zurück, die am meisten auf wissenschaftlicher Forschung <lb/>
           aufgebaut sind, so in der Stahlbereitung, in der chemischen Industrie <lb/>
           und der Präzisionsmechanik. Ein weiterer Vorteil der jungen deutschen <lb/>
           Betriebe war die Verwendung der neusten Maschinen, während die <lb/>
           alten englischen Betriebe vielfach noch mit unvollkommenen alten Ma-<lb/>
           schinen arbeiteten.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Daß jedes Volk seine Spezialität hat, in der es besser <lb/>
         arbeitet als andre, ist nicht neu. Die Welt ist kein Rennplatz, <lb/>
         und England arbeitet weder besser noch schlechter als Deutsch-<lb/>
         land, sondern anders.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Als gefährlichster Nebenbuhler im Bereiche des Handels erschien <lb/>
           neben den Vereinigten Staaten das Deutsche Reich. Es war auch <lb/>
           tatsächlich im Absatz seiner Industrieerzeugnisse, in Schiffahrt, über-<lb/>
           seeischem Handel und überseeischer Betätigung England immer näher-<lb/>
           gerückt und hat ihm in mancher Hinsicht sogar den Rang abgelaufen. <lb/>
           Hauptsächlich durch den deutschen und amerikanischen Wettbewerb <lb/>
           sah die englische Volkswirtschaft sowohl in der Industrie wie im Han-<lb/>
           del ihre Vorzugsstellung bedroht</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         und fing daher einen Krieg mit den Vereinigten Staaten <lb/>
         an – nein:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Der Krieg schien eine geeignete Gelegenheit, die Kraft des einen <lb/>
           Konkurrenten zu schwächen. Dies gelang zwar, aber gleichzeitig <lb/>
           wuchs die Union England über den Kopf.</hi></p>
      <pb facs="#0113" n="110"/>
      <p>
        <lb/>
         Nachweislich falsch. Die Arbeitsmethoden der englischen <lb/>
         Industrie unterscheiden sich allerdings von den deutschen, <lb/>
         denen ein Schilderer mit Recht vorgeworfen hat, sie seien <lb/>
         überlackiert und auf Fassade gestellt. Daß die „Union Eng-<lb/>
         land über den Kopf wächst“, ist für jeden Kenner der Ver-<lb/>
         hältnisse ein Nonsens. Dieser Satz ist überhaupt nicht disku-<lb/>
         tierbar – man lese nach, was etwa Professor S. Saenger <lb/>
         darüber schreibt, der England wirklich kennt, und man wird <lb/>
         versucht sein, an der Sorgfalt bayerischer Schulbehörden <lb/>
         sanft zu zweifeln.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gebiete, die durch den Vertrag von Versailles den Deut-<lb/>
         schen verloren gingen, stehen nach wie vor unter „Deutsch-<lb/>
         Südwest-Afrika“, tragen also unrichtige Bezeichnungen; eine <lb/>
         genaue Beschreibung dieser Gebiete findet sich in der „Geo-<lb/>
         graphie Deutschlands“, Bayern erkennt Versailles nicht an, <lb/>
         und die Engländer werden sich schön ärgern.</p>
      <p>
        <lb/>
         Auch die Japaner kriegen einen aufs Dach. Hätten sie sich <lb/>
         im Kriege nicht gegen Deutschland gewandt – wer weiß, <lb/>
         vielleicht hätte sich Bayern für neutral erklärt, aber so …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Mit Japan ist eine neue Großmacht, mitbestimmend in der Welt-<lb/>
           geschichte, eingetreten: eine nichtarische und nichtchristliche Macht.</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mikado soll ja nicht einmal auf die ‚Münchner Neu-<lb/>
         sten Nachrichten‘ abonniert sein! eine Macht, die nicht beich-<lb/>
         ten geht, die nicht so garantiert rasserein ist wie die Ger-<lb/>
         manen, hoihotoho mit Zugstiefeln, eine Macht, die zwar nicht <lb/>
         direkt aus Juden besteht, aber immerhin … gelb sind diese <lb/>
         Kerle … die Araber sind auch gelb … hepp, hepp! gsuffa!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Dergleichen steht in einem Lehrbuch der deutschen Repu-<lb/>
         blik. Die bayerischen Belange (sprich das aus wie: Melange), <lb/>
         die katholische Einflußsphäre, deren Auswirkungen sich jeder
        <pb facs="#0114" n="111"/>
        <lb/>
         anständige und gebildete Katholik schämen sollte, die Hetze zu <lb/>
         neuen Kriegen und zur Revanche sind deutlichst zu spüren.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es folgt aus diesem Buch, daß die Befriedigung, <lb/>
         der Fortschritt und die Pflege eines neuen Geistes zu aller-<lb/>
         erst in den kleinen Zellen zu erfolgen hätte, und grade da <lb/>
         erfolgt sie nicht. Die Monstre-Bureaukratie Deutschlands kann <lb/>
         uns viel erzählen – maßgeblich ist und bleibt nur, was im <lb/>
         Konferenzzimmer der Schulen, in den Provinzialschul-Kolle-<lb/>
         gien, in den Bürgermeistereien und in den Schreibstuben der <lb/>
         Güter getrieben wird, und das sieht in der Gesinnung so aus <lb/>
         wie dieses von Unrichtigkeiten wimmelnde Buch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Buch steht in der sechsten Auflage. Sechste Auflage <lb/>
         heißt nicht: sechstausend Stück, denn wahrscheinlich ist die <lb/>
         Zahl der gedruckten Exemplare weitaus höher. Sechste Auflage <lb/>
         heißt bei einem Schulbuch überhaupt nicht soundsoviel Stück.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sondern sechste Auflage bedeutet:</p>
      <p>
        <lb/>
         Jahraus, jahrein wird aufnahmefähigen Kindergehirnen <lb/>
         ein Lehrstoff eingetrommelt, den sie wahrscheinlich nie wieder <lb/>
         vergessen werden und den auszuradieren nur Wenige Gelegen-<lb/>
         heit und Kraft haben. In diesem Alter prägt sich Gesagtes <lb/>
         rasch und kräftig ein; um wie viel mehr erst, wenn es durch <lb/>
         die Autorität der Schule gestützt und entsprechend feierlich <lb/>
        <hi rendition="#aq">ex cathedra</hi> vorgetragen wird.</p>
      <p>
        <lb/>
         Jenes Buch steht in der sechsten Auflage. Wann also, so <lb/>
         dürfte unsre Rechenaufgabe lauten, haben wir den nächsten <lb/>
         Krieg –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Pazifistische Eltern, die das Unglück haben, ihre Kinder <lb/>
         in so eine Verbildungsanstalt schicken zu müssen, dürfen sich <lb/>
         dann an die sehr zweischneidige Aufgabe machen, Tag für <lb/>
         Tag die Schule zu desavouieren. Hoffentlich tun sies.</p>
      <p>
        <lb/>
         So, genau so, ist der Weltkrieg geistig vorbereitet worden. <lb/>
         Von Frankreich zu sagen:</p>
      <pb facs="#0115" n="112"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Der äußern Machtstellung entspricht nicht die innere Kraft. So <lb/>
           kann der Sieg Frankreichs nur als ein vorübergehender Erfolg seiner <lb/>
           Politik betrachtet werden …</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         ist die klare Aufhetzung zur Revanche, um so mehr, wenn hin-<lb/>
         zugefügt wird, daß die Franzosen nur vierzig Millionen stark <lb/>
         sind, die Deutschen aber achtzig Millionen stark seien – eine <lb/>
         Zählung, die offenbar alle Deutschen, auch die in fremden <lb/>
         Ländern, mitgezählt hat.</p>
      <p>
        <lb/>
         Über die großdeutsch-nationale, klein-bayerische Gedan-<lb/>
         kenlosigkeit der absoluten Staatssouveränität aber siege der <lb/>
         Gedanke der Vereinigten Staaten von Europa.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ein älterer, aber leicht besoffener Herr</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         – Wie Sie mich hier sehn, bin ick nämlich aust Fensta <lb/>
         jefalln. Wir wohn Hochpachterr, da kann sowat vorkomm. <lb/>
         Es ist wejn den Jleichjewicht. Bleihm Se ruhich stehn, lieber <lb/>
         Herr, ick tu Sie nischt – wenn Se mir wolln mah auf-<lb/>
         hehm … so … hopla … na, nu jeht et ja schon. Ick wees <lb/>
         jahnich, wat mir is: ick muß wat jejessen ham …!</p>
      <p>
        <lb/>
         Jetrunken? Ja, det auch … aber mit Maßen, immer mit <lb/>
         Maßen. Es wah – ham Sie n Auhrenblick Sseit? – es <lb/>
         handelt sich nämlich bessüchlich der Wahlen. Hips … ick bin <lb/>
         sossusahrn ein Opfer von unse Parteisserrissenheit. Deutsch-<lb/>
         land kann nich untajehn; solange es einich is, wird es nie be-<lb/>
         besiecht! Ach, diss wah ausn vorjn Kriech … na, is aber auch <lb/>
         janz schön! Wenn ick Sie n Sticksken bejleiten dürf … <lb/>
         stützen Sie Ihnen ruhig auf mir, denn jehn Sie sicherer!</p>
      <p>
        <lb/>
         Jestern morjen sach ick zu Elfriede, wat meine Jattin is, <lb/>
         ick sahre: „Elfriede!“, sahr ick, „heute is Sonntach, ick wer <lb/>
         man bißken rumhörn, wat die Leite so wählen dhun, man
        <pb facs="#0116" n="113"/>
        <lb/>
         muß sich auf den Laufenden halten“, sahr ick – „es is eine <lb/>
         patt … patriotische Flicht!“ sahr ick. „Ick ha nämlich n <lb/>
         selbständjen Jemieseladn. Jut. Sie packt ma n paar Stulln <lb/>
         in, und ick ßottel los. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es wücht ein ja viel jebotn, ssur Sseit … so ville Va-<lb/>
         sammlungen! Erscht war ich bei die Nazzenahlsosjalisten. <lb/>
         Feine Leute. Mensch, die sind valleicht uffn Kien! Die janze <lb/>
         Straße wah schwarz … un jrien … von de Schupo … <lb/>
         un denn hatten da manche vabotene Hemden an … dies <lb/>
         dürfen die doch nich! „Runta mit det braune Hemde!“ <lb/>
         sachte der Wachtmeister zu ein. „Diß iss ein weißes Hemde!“ <lb/>
         sachte der. „Det is braun!“ sachte der Jriene. Der Mann hat <lb/>
         ja um sich jejampelt mit Hände und Fieße; er sacht, seine <lb/>
         weißen Hemden sehn imma so aus, saubrer kann a nich, sacht <lb/>
         a. Da ham sen denn laufen lassen. Na, nu ick rin in den <lb/>
         Saal. Da jabs Brauselimmenade mit Schnaps. Da ham <lb/>
         se erscht jeübt: Aufstehn! Hinsetzn! Aufstehn! Hinsetzn! weil <lb/>
         sie denn nämlich Märsche jespielt ham, und die Führers sind <lb/>
         rinjekomm – un der Jöbbels ooch. Kenn Sie Jöbbels? Sie! <lb/>
         Son Mann is det! Knorke. Da ham die jerufen: „Juden <lb/>
         raus!“ und da habe ick jerufen: „Den Anwesenden nadhierlich <lb/>
         ausjenomm!“ un denn jing det los: Freiheit und Brot! ham <lb/>
         die jesacht. Die Freiheit konnte man jleich mitnehm – det <lb/>
         Brot hatten se noch nich da, det kommt erscht, wenn die i<lb/>
         hr drittes Reich uffjemacht ham. Ja. Und scheene Lieda ham <lb/>
         die –!</p>
      <lg type="poem">
        <lb/>
        <l>Als die liebe Morjensonne </l>
        <lb/>
        <l>schien auf Muttans Jänseklein,</l>
        <lb/>
        <l>zoch ein Rejiment von Hitla</l>
        <lb/>
        <l>in ein kleines Städtchen ein …!</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
         Na, wat denn, wat denn … man witt doch noch singen <lb/>
         dürfn! Ick bin ja schon stille – ja doch. Und der Jöbbels,
        <pb facs="#0117" n="114"/>
        <lb/>
         der hat ja nich schlecht jedonnert! Un der hat eine Wut auf <lb/>
         den Thälmann! „Is denn kein Haufen da?“ sacht er – <lb/>
         „ick willn iebern Haufn schießen!“ Und wir sind alle younge <lb/>
         Schklavn, hat der jesacht, und da hat er ooch janz recht. Und <lb/>
         da war ooch een Kommenist, den ham se Redefreiheit je-<lb/>
         jehm. Ja. Wie sen nachher vabundn ham, war det linke Oohre <lb/>
         wech. Nee, alles wat recht is: ick werde die Leute wahr-<lb/>
         scheinlich wähln. Wie ick rauskam, sachte ick mir: Anton, <lb/>
         sachte ick zu mir, du wählst nazzenahlsosjalistissch. Heil!</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn bin ick bei die Katholschen jewesn. Da wollt ick erscht <lb/>
         jahnich rin … ick weeß nich, wie ick da rinjekomm bin. <lb/>
         Da hat son fromma Mann am Einjang jestandn, der hatte <lb/>
         sich vor lauter Fremmichkeit den Krahrn vakehrt rum umje-<lb/>
         bunden, der sacht zu mir: „Sind Sie katholischen Jlau-<lb/>
         bens?“ sacht er. Ick sahre: „Nich, daß ick wüßte …“ – <lb/>
         „Na“, sacht der, „wat wollen Sie denn hier?“ – „Jott“, <lb/>
         sahre ick, „ick will mir mal informieren“, sahre ick. „Diß is <lb/>
         meine Flicht des Staatsbirjers.“ Ick sahre: „Einmal, alle <lb/>
         vier Jahre, da tun wa so, als ob wa täten … diß is ein <lb/>
         scheenet Jefiehl!“ – „Na ja“, sacht der fromme Mann, <lb/>
         „diß is ja alles jut und scheen … aber wir brauchen Sie <lb/>
         hier nich!“ – „Nanu …!“ sahre ick, „sammeln Sie denn <lb/>
         keene Stimm? Wörben Sie denn nich um die Stimm der <lb/>
         Stimmberechtichten?“ sahre ick. Da sacht er: „Wir sind bloß <lb/>
         eine bescheidene katholische Minderheit“, sacht er. „Und ob <lb/>
         Sie wähln oder nich“, sacht er, „desderwejn wird Deutsch-<lb/>
         land doch von uns rejiert. In Rom“, sacht er, „is et ja <lb/>
         schwierijer … aber in Deutschland …“ sacht er. Ick raus. <lb/>
         Vier Molln hak uff den Schreck jetrunken.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn wak bei die Demokratn. Nee, also … ick hab se <lb/>
         jesucht … durch janz Berlin hak se jesucht. „Jibbs denn hier <lb/>
         keene Demokraten?“ frahr ick eenen. „Mensch!“ sacht der.
        <pb facs="#0118" n="115"/>
        <lb/>
         „Du lebst wohl uffn Mond! Die hats doch nie jejehm! Und <lb/>
         nu jippse iebahaupt nich mehr! Jeh mal hier rin“, sacht er, <lb/>
         „da tacht die Deutsche Staatspachtei – da is et richtich.“ <lb/>
         Ick rin. Da wah ja so viel Jugend … wie ick det jesehn <lb/>
         habe, mußt ick vor Schreck erscht mal n Asbach Uralt trinken. <lb/>
         Aber die Leute sinn richtich. Sie – det wa jroßachtich! An <lb/>
         Einjang hattn se lauter Projamms zu liejn … da konnt sich <lb/>
         jeder eins aussuchen. Ick sahre: „Jehm Sie mir … jehm <lb/>
         Se mia ein scheenet Projamm für einen selbständigen Jemiese-<lb/>
         laden, fier die Interessen des arbeitenden Volkes“, sahre ick, <lb/>
         „mit etwas Juden raus, aber hinten wieder rin, und fier die <lb/>
         Aufrechterhaltung der wohlerworbenen Steuern!“ – „Bütte <lb/>
         sehr“, sacht det Frollein, wat da stand, „da nehm Sie unsa <lb/>
         Projramm Numma siehmundfürrssich – da is det allens <lb/>
         drin. Wenn et Sie nicht jefällt“, sacht se, „denn kenn Siet <lb/>
         ja umtauschn. Wir sind jahnich so!“ Diß is eine kulante <lb/>
         Pachtei, sahre ick Ihn! Ick werde die Leute wahrscheinlich <lb/>
         wähln. Falls et sie bei der Wahl noch jibbt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, <lb/>
         bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn <lb/>
         Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier … da liecht <lb/>
         die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasamm-<lb/>
         lung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un <lb/>
         Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der <lb/>
         Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne <lb/>
         saufn. Det hat er aba nich jetan – er hat eine Rede jehalten. <lb/>
         Währenddem daß die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachtei-<lb/>
         genossn, ick sahre: „Jenosse“, sahre ick, „woso wählst Du <lb/>
         eijentlich SPD –?“ Ick dachte, der Mann kippt mir vom <lb/>
         Stuhl! „Donnerwetter“, sacht er, „nu wähl ick schon sswei-<lb/>
         unsswanssich Jahre lang diese Pachtei“, sacht er, „aber war-<lb/>
         um det ick det dhue, det hack ma noch nie iebalecht! –
        <pb facs="#0119" n="116"/>
        <lb/>
         Sieh mal“, sachte der, „ick bin in mein Bessirk ssweita <lb/>
         Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so je-<lb/>
         mietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch <lb/>
         jut, un am erschten Mai, da machen wir denn n Ausfluch <lb/>
         mit Kind und Kejel und den janzen Vaein … und denn <lb/>
         ahms is Fackelssuch … es is alles so scheen einjeschau-<lb/>
         kelt“, sacht er. „Wat brauchst du Jrundsätze“, sacht er, „wenn <lb/>
         dun Apparat hast!“ Und da hat der Mann janz recht. Ick <lb/>
         werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es is so ein be-<lb/>
         ruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber <lb/>
         man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und <lb/>
         das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn wah ick bei Huchenberjn. Sie … det hat ma nich je-<lb/>
         falln. Wer den Pachteisplitter nich ehrt, is det Janze nich <lb/>
         wert – sahr ick doch imma. Huchenberch perseenlich konnte <lb/>
         nich komm … der hat sich jrade jespaltn. Da hak inzwischen <lb/>
         n Kimmel jetrunken.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn wak noch bei die kleinern Pachteien. Ick wah bei <lb/>
         den Alljemeinen Deutschen Mietabund, da jabs hellet Bia; <lb/>
         und denn bei den Tannenberchbund, wo Ludendorff mitmacht, <lb/>
         da jabs Schwedenpunsch; und denn bei die Häußerpachtei, die <lb/>
         wähln bloß in Badehosn, un da wah ooch Justaf Nahrl, der <lb/>
         is natürlicher Naturmensch von Beruf; und denn wack bei <lb/>
         die Wüchtschaftspachtei, die sind fier die Aufrechterhaltung <lb/>
         der pollnschen Wüchtschaft – und denn wark blau … <lb/>
         blau wien Ritter. Ick wollt noch bei de Kommenistn jehn <lb/>
         … aber ick konnte bloß noch von eene Laterne zur andern <lb/>
         Laterne … Na, so bink denn nach Hause jekomm.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie – Mutta hat valleicht n Theater jemacht! „Besoffn <lb/>
         wie son oller Iiiijel –!“ Hat je jesacht. Ick sahre: „Mutta-<lb/>
         cken“, sahre ick, „ick ha det deutsche Volk bei de Wahlvor-<lb/>
         bereitung studiert.“ – „Besoffn biste!“ sacht se. Ick sahre:
        <pb facs="#0120" n="117"/>
        <lb/>
         „Det auch …“ sahre ick. „Aber nur nehmbei. Ick ha staats-<lb/>
         politsche Einsichten jewonn!“ sahre ick. „Wat wißte denn nu <lb/>
         wähln, du oller Suffkopp?“ sacht se. Ich sahre: „Ick wähle <lb/>
         eine Pachtei, die uns den schtarkn Mann jibt, sowie unsan je-<lb/>
         liebtn Kaiser und auch den Präsidenten Hindenburch!“ sahr <lb/>
         ick. „Sowie bei aller Aufrechterhaltung der verfassungsje-<lb/>
         mäßichten Rechte“, sahr ick. „Wir brauchen einen Diktator <lb/>
         wie Maxe Schmeling oder unsan Eckner“, sahre ick. „Nieda <lb/>
         mit den Milletär!“, sahre ick, „un hoch mit de Reichswehr! <lb/>
         Und der Korridor witt ooch abjeschafft“, sahre ick. „So?“ <lb/>
         sacht se. „Der Korridor witt abjeschafft? Wie wißte denn <lb/>
         denn int Schlafzimmer komm, du oller Süffel?“ sacht se. <lb/>
         Ick sahre: „Der Reichstach muß uffjelöst wern, das <lb/>
         Volk muß rejiern, denn alle Rechte jehn vom Volke aus. Na, <lb/>
         un wenn eener ausjejang is, denn kommt a ja sobald nich <lb/>
         wieda!“ sahre ick. „Wir brauchen eine Zoffjett-Republik mit <lb/>
         ein unumschränkten Offsier an die Spitze“, sahre ick. „Und in <lb/>
         diesen Sinne werk ick wähln.“ Und denn bin ick aust Fensta <lb/>
         jefalln.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mutta hat ohm jestanden und hat jeschimpft …! „Komm <lb/>
         du mir man ruff“, hat se jebrillt. „Dir wer ick! Du krist <lb/>
         noch mal Ausjang! Eine Schande is es –! Komm man ja <lb/>
         ruff!“ Ick bin aba nich ruff. Ick als selbstänjdja Jemiese-<lb/>
         laden weeß, wat ick mir schuldich bin. Wollen wa noch ne <lb/>
         kleene Molle nehm? Nee? Na ja … Sie missn jewiß ooch <lb/>
         ze Hause – die Fraun sind ja komisch mit uns Männa! <lb/>
         Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie <lb/>
         die Fahne hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat <lb/>
         sahrn: Uffjelöst wern wa doch … rejiert wern wa doch …</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes! Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt!
        Jute Nacht –!</p>
      <pb facs="#0121" n="118"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Herren Verjünger</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wie bekannt, geht durch die deutsche Industrie alle Jahr <lb/>
         irgend ein neues Schlagwort. Sie hat ihre Moden, die Indu-<lb/>
         strie, und da Kaufleute einen engen und kurzen Verstand zu <lb/>
         haben pflegen, so schwätzt das einer dem andern nach, und <lb/>
         einer macht es dem andern nach, was man grade so trägt: <lb/>
         Rationalisierung … Produktionssteigerung … zur Zeit wer-<lb/>
         fen sie ihre Angestellten heraus und engagieren sich neue: im <lb/>
         Babykostüm. Der Betrieb muß verjüngt werden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Angestellten, mäßig organisiert, untereinander zer-<lb/>
         rissen, wehrlos und ohnmächtig, weil es noch Jahrzehnte <lb/>
         dauern wird, bis sie ihre Klassenlage voll erkannt haben und <lb/>
         danach handeln werden, die Angestellten protestieren und <lb/>
         weisen mit Recht darauf hin, daß es viele Positionen und vie-<lb/>
         lerlei Arbeit gibt, wo der Zwanzigjährige weniger leistet als <lb/>
         der Vierzigjährige, und daß man nicht so schematisch vor-<lb/>
         gehen könne … vergeblich. Die Chefs und die „leitenden <lb/>
         Angestellten“ hören nicht und verjüngen den Betrieb.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wobei denn einmal gefragt werden soll:</p>
      <p>
        <lb/>
         Wer verjüngt eigentlich die Verjünger –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Hat man schon einmal gehört, daß ein Chef, ein General-<lb/>
         direktor, ein Personalchef, einer von denen, die über die Neu-<lb/>
         einstellung von Menschen verfügen, vor seinem achtundsech-<lb/>
         zigsten Lebensjahr als zu alt bezeichnet wird? Nein, das hat <lb/>
         man noch nie gehört. Sie verjüngen den ganzen Betrieb von <lb/>
         oben bis unten – nur sich selber nehmen sie aus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist nicht nur egoistisch; es ist auch blöd. Denn da <lb/>
         Fünfzigjährige in ihrer Tätigkeit erfahrungsgemäß die Ideale <lb/>
         ihrer Jugend zu realisieren pflegen, so engagieren sich die <lb/>
         Herren Verjünger sehr häufig junge Greise, Leute, die <lb/>
         charakterlos oder dümmlich genug sind, verkalkten Idealen
        <pb facs="#0122" n="119"/>
        <lb/>
         nachzukommen, jenem seit dreißig Jahren gehegten Wunsch-<lb/>
         traum: „Wenn ich mal groß bin …“ und so feiert heute <lb/>
         1901 seine fröhliche Auferstehung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gottergeben nimmt die Angestelltenschaft die Urteilssprüche i<lb/>
         hrer Ober- und Untergötter hin. Keiner fragt, wie der Gott <lb/>
         in den Tempel gekommen ist. Keiner fragt nach der Qualifi-<lb/>
         kation. Gott ist Gott … da dürft ihr nicht murren. Und <lb/>
         wenn jemand murrt, dann ist es nur einer, der seinerseits <lb/>
         gern angebetet werden möchte: ein verhinderter Gott.</p>
      <p>
        <lb/>
         Inzwischen verjüngen die Herren die deutsche Wirtschaft, <lb/>
         und wir sollen zusehen und nicht verzweifeln. Denn im näch-<lb/>
         sten Jahr werden sie irgend ein andres Schlagwort miß-<lb/>
         verstehn, und einer wird dem andern etwas Neues nach-<lb/>
         plappern. Gott segne das Schiff, auf dem diese Industrie-<lb/>
         kapitäne den Kurs angeben.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Herr Wendriner steht unter der Diktatur</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         – „Stieke –!</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht so laut reden. <lb/>
         Vorm Kino stehn SA-Leute … siehste doch. Steig aus. Wie-<lb/>
         viel macht das? Es wird schon nicht regnen … das hält sich. <lb/>
         Komm rein. Und halt jetzt den Mund. Verzeihen Sie, <lb/>
         bitte … Sei jetzt still. Welche haben wir denn …? Erste <lb/>
         Reihe – is ja famos. So – den Mantel dahin, deinen … <lb/>
         gib mal her.</p>
      <p>
        <lb/>
         Reklamefilms. Das ist ein Reklamefilm. Ach, den haben <lb/>
         wir schon gesehn – das … Regierer –! Na, das ist <lb/>
         aber komisch! Wie kommen Sie denn hierher? Was, in die <lb/>
         Loge? Na ja, feine Leute … hähähä … So, das sind <lb/>
         Steuerkarten. Ach? Du, Regierer hat noch zwei Karten frei,
        <pb facs="#0123" n="120"/>
        <lb/>
         die hat er nicht verwenden können. Welsch kommt auch noch. <lb/>
         Gehn wir doch in die Loge. Warten Sie, wir kommen zu <lb/>
         Ihnen rüber … hier … nimm mal den Mantel … So. <lb/>
         Hier kann man wenigstens reden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wochenschau war eben. Parade in Mecklenburg. Gut be-<lb/>
         setzt, was? … Eine Menge Miliz ist da – wissen Sie, daß <lb/>
         einem direkt was fehlt, wenn die nicht im Saal sind? Ja. <lb/>
         Man ist so daran gewöhnt … Man sieht übrigens sehr gute <lb/>
         Erscheinungen darunter. Gott, ich finds einkich ganz nett. <lb/>
         Nich wah, Hanne? Direkt feierlich. Ja. Na, Regierer, was <lb/>
         sagen Sie denn nu so –? Was? Man wird doch da sehn? <lb/>
         Das sag ich auch immer. Wissen Sie: ich finde das alles nicht <lb/>
         so schlimm. Wann haben wir uns zum letzten Mal gespro-<lb/>
         chen? Vor zwei Monaten … im September … Na, <lb/>
         sehn Sie mal an … erinnern Sie sich noch, was das für <lb/>
         eine Panik damals war? Man ist ja direkt erleichtert, seit-<lb/>
         dem … man weiß doch wenigstens, wo und wie. Na, das <lb/>
         war eine Stimmung, damals … meine Frau hat mich vier <lb/>
         Tage ins Bett gesteckt, so runter war ich. Wer hat denn das <lb/>
         auch erwarten können! Man hat doch hier am Kurfürsten-<lb/>
         damm vorher gar nichts gesehn! Nein. Sehn Se – das ist <lb/>
         Gebühr, Otto Gebühr. Dem solln neulich die Franzosen einen <lb/>
         Antrag gemacht haben, er soll den Napoleon spielen. Hat er <lb/>
         nicht angenommen. Er spielt bloß den Doktor Goebbels, hat <lb/>
         er gesagt, und allenfalls noch den Fridericus. Guter Schau-<lb/>
         spieler. Hat jetzt seine große Zeit. Doch – das hab ich auch! <lb/>
         Ich habe … ich habe damals Staatspachtei gewählt, weil <lb/>
         eben damals einer die Verantwortung tragen mußte … <lb/>
         und die Einstellung der Partei hat eben die Perspektiven rich-<lb/>
         tig gesehn. Ja. Hat Welsch wirklich Zentrum gewählt? Me-<lb/>
         schugge. Ich wern nachher fragen. Jedenfalls: so schlimm ist <lb/>
         es gar nicht. Ich habe einen Geschäftsfreund aus Rom ge-
        <pb facs="#0124" n="121"/>
        <lb/>
         sprochen, der hat gesagt: Dagegen wäre es hier direkt frei. <lb/>
         Sie haben doch auch den gelben Schein? Wir haben den <lb/>
         gelben Schein, natürlich. Zehn Jahre? Ich wohn schon über <lb/>
         zwanzig Jahr in Berlin; da habe ich ihn sofort gekriegt. <lb/>
         Pause! Stieke –! Nu sehn Sie sich mal diesen schwarzen <lb/>
         Kerl da unten an! Wahrscheinlich ein Ostjude … wissen Sie, <lb/>
         denen gegenüber ist der Antisemitismus wirklich berechtigt. <lb/>
         Wenn man das so sieht! Ekelhafter Kerl. Wundert mich, daß <lb/>
         er noch hier ist und daß sien noch nicht abgeschoben haben! <lb/>
         … Na, ich kann nicht klagen. In unsrer Straße herrscht <lb/>
         peinliche Ordnung … wir haben da an der Ecke einen sehr <lb/>
         netten SA-Mann, ein sehr netter Kerl. Morgens, wenn i<lb/>
         ch ins Geschäft gehe, geb ich ihm immer ne Zigarette – er <lb/>
         grüßt schon immer, wenn er mich kommen sieht; meine Frau <lb/>
         grüßt er auch. Was hat man Ihnen? Was sagt Regierer? <lb/>
         Sie haben ihm den Hut runtergeschlagen? Wobei? Ja, lieber <lb/>
         Freund, da heben Sie doch den Arm hoch! Ich finde, wenn die <lb/>
         Fahne nu mal unser Hoheitszeichen ist, muß man sie auch <lb/>
         grüßen. Stieke –! Pulverfaß …! Pulverfaß …! Meinen <lb/>
         Sie, ich fühl mich ganz sicher? Jeden Vormittag klingelt <lb/>
         mich meine Frau im Geschäft an, ob was is. Bis jetzt war <lb/>
         nichts. Sehr gut war das ehm, haben Sie das gesehn? Wie <lb/>
         der sich blind gestellt hat, dabei ist er taub? Na, ich will <lb/>
         Ihnen was sagen … Du sollst doch den Namen nicht so <lb/>
         laut nennen! – ich will Ihnen mal was sagen: Der H. – <lb/>
         wenn er auch aus der Tschechoslowakei ist – der Mann hat <lb/>
         sich doch hier glänzend in die deutsche Psyche eingelebt. Na, <lb/>
         jedenfalls herrscht Ordnung. Also, Ordnung herrscht mal. <lb/>
         Sowie Sie Staatsbürger sind und den gelben Schein haben, <lb/>
         also Schutzbürger, passiert Ihnen nichts … darin sind sie <lb/>
         konsequent. Das muß man ja sagen: aufgezogen ist das ja <lb/>
         glänzend. Phantastisch! Was? Neulich auf dem Wittenberg-
        <pb facs="#0125" n="122"/>
        <lb/>
         platz? Wie sie da mit ihren Fahnen und mit der ganzen <lb/>
         Musik angekommen sind. Unterm Kaiser war das auch nicht <lb/>
         bess … Welsch –! Na, n bißchen spät! Der halbe Film ist <lb/>
         schon vorüber. Setzen Se sich mal dahin … nicht auf mei-<lb/>
         nen Hut! Setzen Se sich auf Regierers Hut … der is nich <lb/>
         mehr so neu!</p>
      <p>
        <lb/>
         Na, Welsch – was tut sich? Zeigen Sie mal … jetzt bei <lb/>
         Licht kann ich Sie besser sehn! Sehn gut aus! Sie, is das <lb/>
         wahr, daß Sie Zentrum … da kommen zwei Leute vom <lb/>
         Dienst. Stieke! … Is das wahr, daß Sie Zentrum gewählt <lb/>
         haben? Meschugge. Na ja – das Zentrum hat seinerzeit den <lb/>
         Karewski auf die Liste gesetzt; das sind doch jüdische Sachen. <lb/>
         Wir … Nich so laut! Vor allem leise! Machen Sie mir <lb/>
         keine Unannehmichkeiten – dazu sind die Zeiten zu ernst. <lb/>
         Schließlich haben die Leute ganz recht, wenn sie in der <lb/>
         Öffentlichkeit von uns Haltung verlangen. Da haben sie ganz <lb/>
         recht. Jetzt fängts wieder an. Das ist Kortner … sehn Se, <lb/>
         den lassen sie auch auftreten … Ich sage nehmich grade: so <lb/>
         schlimm is es gar nicht. Nicha? Find ich auch. Hübsche Per-<lb/>
         son – gucken Se mah. Wir haben grade von H. gesprochen. <lb/>
         Bei dem weiß man wenigstens: er geht eim nich ann Safe. <lb/>
         Bei den Kommunisten weiß ich das nicht. Oder vielmehr … <lb/>
         ich weiß genau, was da rauskommt. Na, vorläufig können <lb/>
         sie sich ja nich rührn; die sind ja plattgehauen. Ist ihnen ganz <lb/>
         recht. Lieber Welsch, der Politiker hat da zu stehn, wo grade <lb/>
         der Erfolg ist. Sonst ist er überhaupt kein Politiker. Und der <lb/>
         Geschäftsmann auch. Das ist Realpolitik. Der eine macht <lb/>
         die Politik, und der andre macht die Realien. Sehr richtig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nochmal Wochenschau? Na gut. Stieke –! Du sollst <lb/>
         doch bei diesen Bildern nichts sagen! Laß doch den Leuten ihr <lb/>
         Vergnügen – so schlimm ist das alles nicht. Sogar ein sehr <lb/>
         gutes Bild … wir haben ihn neulich ganz aus der Nähe ge-
        <pb facs="#0126" n="123"/>
        <lb/>
         sehn; er stand da mit seinen Unterführern … Nein! Goebbels <lb/>
         ist doch raus … wissen Sie das nicht? Riesig populär sogar. <lb/>
         Vielleicht grade deswegen. Der H. paßt ja sehr auf. Der <lb/>
         Goebbels hat im Wintergarten auftreten wollen … aber sie <lb/>
         ham ihm die Konzession nicht gegeben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Heute wars n bißchen schwächer. Bißchen schwächer. <lb/>
         Warum –? So könn Se bei der Börse doch nicht fragen! Die <lb/>
         Börse hat eine Nase … da frägt man nicht warum. Die <lb/>
         Leute haben eine sehr feine Witterung –: wenns gut geht, <lb/>
         sind sie stille und verdienen alleine, und wenns schief geht, <lb/>
         machen sie die andern meschugge. Die haben hinterher noch <lb/>
         immer genau gewußt, was passiert ist! Reizendes Bild, sehn <lb/>
         Se mah an! Nu sehn Se mal, haben Sie das gesehn –? <lb/>
         Wie die französischen Soldaten da alle durcheinander lau-<lb/>
         fen …? Na, das könnte bei uns ja nicht passieren! Ja, <lb/>
         also … wenn auch manche noch so mäkeln –: ich finde, <lb/>
         die Sache hat doch auch ihre guten Seiten. Wieso? <lb/>
         Wieso denn? Was hat das mit dem Krieg zu tun? Was hat der <lb/>
         Youngplan mit dem Krieg zu tun? Laß mich! Haben <lb/>
         wir den Krieg gemacht? Wir haben bloß Hurra geschrien. <lb/>
         Und nachher haben wir keine Butter mehr gehabt. Ach, er-<lb/>
         zähln Sie mir doch nichts! Seit wann muß denn ein Volk <lb/>
         für einen verlorenen Krieg auch noch bezahlen! Schlimm ge-<lb/>
         nug, daß wirn verloren haben; die andern haben ihn ge-<lb/>
         wonnen, solln dien doch bezahlen! Lieber Welsch … ich <lb/>
         habe … ich bin … Stieke –!</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe … Lieber Welsch … ich habe gewisse Sachen <lb/>
         genau so erwartet wie Sie. Na ja, und seit ich sehe, daß das <lb/>
         eben nicht ist, sehe ich, daß dieses System doch auch seine <lb/>
         guten Seiten hat. Ich meine, es hat seine geschichtliche Be-<lb/>
         rechtigung – laß mich! Das kann man nicht leugnen. Es hat <lb/>
         seine … also ich meine, die Stadt hat doch auch ein andres
        <pb facs="#0127" n="124"/>
        <lb/>
         Gesicht. Und die Fremden kommen auch schon wieder, weil <lb/>
         sie ehm neugierig sind. Ich muß sagen: die Leute haben was. <lb/>
         Ich weiß nicht, was … aber sie haben was.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aus. Na, gehn wir. Ach so … noch das Wessel-Lied. <lb/>
         Steh auf. Was soll man tun: man muß das mitmachen. <lb/>
         Die Engländer singen auch immer nach dem Theater ihre <lb/>
         Nationalhymne, na, und wir Deutschen singen eben ein andres <lb/>
         Lied … Marschiern im Geist in unsern Reihen mit … <lb/>
         Na, schön.</p>
      <p>
        <lb/>
         Verzeihn Sie bitte … Tz … tz … tz … es regnet. <lb/>
         Nu regnets doch. Warte mal – vielleicht kommt n Wagen. <lb/>
         Stell dich da mal inzwischen unter; ich wer schon aufpassen. <lb/>
         Das ist kein Sturmtruppführer, das ist ein Gauführer … <lb/>
         ich kenn doch die Abzeichen. Stell dich doch unter! Wenn es <lb/>
         regnet, soll man sich unterstellen. Haben wir nötig, naß zu <lb/>
         werden? Laß die andern naß werden. Da kommt der Wagen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Stieke –! Steig ein.“</p>
      <pb facs="#0128" n="[125]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">BLEISOLDATEN</hi></p>
      <pb facs="#0129" n="[126]"/>
      <pb facs="#0130" n="[127]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die brennende Lampe</hi>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn ein jüngerer Mann, etwa von dreiundzwanzig Jah-<lb/>
         ren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöh-<lb/>
         nend, weil mit einem tödlichen Gas ringt, das eine <lb/>
         Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat; er keucht, die Augen <lb/>
         sind aus ihren Höhlen getreten, im Munde verspürt er einen <lb/>
         widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es, es <lb/>
         ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte –: dann wird <lb/>
         dieser junge Mensch in einem verzweifelten Blick an den <lb/>
         Häusern hinauf, zum Himmel empor, fragen:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Warum –?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil, junger Mann, zum Beispiel in einem Buchladen <lb/>
         einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat. Sie bestrahlte, <lb/>
         junger Mann, lauter Kriegsbücher, die man dort ausgestellt <lb/>
         hatte; sie waren vom ersten Gehilfen fein um die sanft bren-<lb/>
         nende Lampe herumdrapiert worden, und die Buchhandlung <lb/>
         hatte für dieses ebenso geschmackvolle wie patriotische Schau-<lb/>
         fenster den ersten Preis bekommen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil, junger Mann, deine Eltern und deine Großeltern <lb/>
         auch nicht den leisesten Versuch gemacht haben, aus diesem <lb/>
         Kriegsdreck und aus dem Nationalwahn herauszukommen. <lb/>
         Sie hatten sich damit begnügt – bitte, stirb noch nicht, ich <lb/>
         möchte dir das noch schnell erklären, zu helfen ist dir ohnehin <lb/>
         nicht mehr – sie hatten sich damit begnügt, bestenfalls einen <lb/>
         allgemeinen, gemäßigten Protest gegen den Krieg loszulassen; <lb/>
         niemals aber gegen den, den ihr sogenanntes Vaterland ge-<lb/>
         führt hat, grade führt, führen wird. Man hatte sie auf der
        <pb facs="#0131" n="128"/>
        <lb/>
         Schule und in der Kirche, und, was wichtiger war, in <lb/>
         den Kinos, auf den Universitäten und durch die Presse natio-<lb/>
         nal vergiftet, so vergiftet, wie du heute da liegst: hoffnungslos. <lb/>
         Sie sahen nichts mehr. Sie glaubten ehrlich an diese stumpf-<lb/>
         sinnige Religion der Vaterländer, und sie wußten entweder <lb/>
         gar nicht, wie ihr eignes Land aufrüstete: geheim oder offen, <lb/>
         je nach den Umständen; oder aber sie wußten es, und dann <lb/>
         fanden sies sehr schön. Sehr schön fanden sie das. Deswegen <lb/>
         liegst du, junger Mann.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was röchelst du da –? „Mutter?“ – Ah, nicht doch. <lb/>
         Deine Mutter war erst Weib und dann Mutter, und weil <lb/>
         sie Weib war, liebte sie den Krieger und den Staatsmörder <lb/>
         und die Fahnen und die Musik und den schlanken, ranken <lb/>
         Leutnant. Schrei nicht so laut; das ist so. Und weil sie <lb/>
         ihn liebte, haßte sie alle die, die ihr die Freude an ihrer <lb/>
         Lust verderben wollten. Und weil sie das liebte, und weil <lb/>
         es keinen öffentlichen Erfolg ohne Frauen gibt, so beeilten <lb/>
         sich die liberalen Zeitungsleute, die viel zu feige waren, auch <lb/>
         nur ihren Portier zu ohrfeigen, so beeilten sie sich, sage ich <lb/>
         dir, den Krieg zu lobpreisen, halb zu verteidigen, jenen <lb/>
         den Mund und die Druckerschwärze zu verbieten, die den <lb/>
         Krieg ein entehrendes Gemetzel nennen wollten; und weil <lb/>
         deine Mutter den Krieg liebte, von dem sie nur die Fahnen <lb/>
         kannte, so fand sich eine ganze Industrie, ihr gefällig zu <lb/>
         sein, und viele Buchmacher waren auch dabei. Nein, nicht <lb/>
         die von der Rennbahn; die von der Literatur. Und Verleger <lb/>
         verlegten das. Und Buchhändler verkauften das.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und einer hatte eben diese sanft brennende Lampe aufge-<lb/>
         baut, sein Schaufenster war so hübsch dekoriert; da standen <lb/>
         die Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten, die Hymne <lb/>
         des Mordes, die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb, junger <lb/>
         Mann.</p>
      <pb facs="#0132" n="129"/>
      <p>
        <lb/>
         Eh du die letzte Zuckung tust, junger Mann:</p>
      <p>
        <lb/>
         Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals
        alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges
        gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines
        gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß
        man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend. Du bist ihre Frucht; du bist einer von
        ihnen – so, wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.</p>
      <p>
        <lb/>
         Darf ich deinen Kopf weicher betten? Oh, du bist schon tot. Ruhe in Frieden. Es ist der
        einzige, den sie dir gelassen haben.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Sadist der Landwehr</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#right"><hi rendition="#i">Erschienen 1914 im „Vorwärts“;<lb/>
             drei Wochen vor Kriegsbeginn</hi></hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die alten Herren kriegswütig werden, das ist von je <lb/>
         eine possierliche Sache gewesen. Der Bart sträubt sich, die <lb/>
         Äuglein blitzen, und da soll doch auf den Erbfeind gleich ein <lb/>
         Hämorrhoidonnerwetter herunterfahren! „Weil wir nicht kriegs-<lb/>
         bereit sind!“</p>
      <p>
        <lb/>
         So heißt eine kleine Broschüre, die ein Medizinalrat und <lb/>
         Stabsarzt der Landwehr außer Diensten geschrieben hat. Ich <lb/>
         denke, daß Name und Verlag nichts zur Sache tun, denn ich <lb/>
         möchte nicht, daß jemand für das Heftchen Geld ausgibt. <lb/>
         Wenn der kleine Aufsatz wirklich, wie der Verfasser es nennt, <lb/>
         ein Beitrag „zur Psychologie des Imperialismus“ ist, dann <lb/>
         kann einem diese Geistesrichtung allerdings leid tun.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dieser Stabsarzt hat wohl nie in seinem Leben den mor-
        <pb facs="#0133" n="130"/>
        <lb/>
         denden Säbel, sondern immer nur das Hörrohr gezückt und <lb/>
         hat wohl nie geschossen, es sei denn daneben. Und nun <lb/>
         greift er auf das Jahr 1813 zurück und beschreibt die Grau-<lb/>
         samkeiten und Schlächtereien dieser Zeit mit so intensivem <lb/>
         Vergnügen, daß man ihm den Titel Medizinalsadist nicht <lb/>
         mehr verweigern darf. Er spricht von der „Halalischlacht“ <lb/>
         von Waterloo und wälzt sich noch einmal freudig stöhnend <lb/>
         im Blute der Gefallenen. Nach diesem Akt, in dem Blücher <lb/>
         ein „titanischer Prolet“ genannt wird, hat er genug. „Ver-<lb/>
         schonen wir uns mit ferneren Details! Ich – es muß endlich <lb/>
         heraus – ich kann diesen Leuten nicht böse sein! Im Gegen-<lb/>
         teil! Im allerschärfsten Gegenteil!“ Und dann teilt er jedes <lb/>
         Volk in zwei Klassen, in die geborenen Krieger und in die <lb/>
         andern. „Menschen, denen es mehr oder weniger Mühe <lb/>
         macht, Courage aufzubringen.“ Früher, in der schönen alten <lb/>
         Zeit, hätten bei den Söldnertruppen wohl nur die geborenen <lb/>
         Krieger gekämpft. „Heutzutage aber haben wir es mit der <lb/>
         Majorität der Friedlichen, der Temperamentarmen zu tun. <lb/>
         Leider kann man auf sie nicht verzichten der Übermacht wegen, <lb/>
         die man braucht. Was soll man also im Ernstfall mit all <lb/>
         diesen Phlegmatikern, verwöhnten Schlemmern, Muttersöhn-<lb/>
         chen, Interesselosen, Dickbäuchen, Gewohnheitsspießern, Bang-<lb/>
         büxen und sanften Antönchen anfangen? Wir haben es nicht <lb/>
         nötig, uns lange den Kopf zu zerbrechen, denn wir wissen <lb/>
         sowieso, daß diesen Leuten sofort geholfen ist, wenn ihnen eine <lb/>
         Leidenschaft eingeflößt wird. Diese Leidenschaft kann in unse-<lb/>
         rem Falle nur der Haß sein.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Und dann folgt auf den nächsten Seiten eine Verherrli-<lb/>
         chung der Nationalbesoffenheit, der niedrigsten Stufe aller <lb/>
         Leidenschaften, die man denn doch bei einem Christen nicht für <lb/>
         möglich gehalten hätte. Der Mann, der bestimmt ein fried-<lb/>
         licher Bürger ist, läßt hier wie aus einem Ventil seine gefähr-
        <pb facs="#0134" n="131"/>
        <lb/>
         lichen Emotionen auspuffen, die er anderswo nicht ungestraft <lb/>
         entladen dürfte. Solche Menschen finden wir gewöhnlich <lb/>
         sonst nur als Erzieher in den Mädchenstiften; von Dippold <lb/>
         bis zu den peitschenden Fürsorgeerziehern ist uns die Sorte <lb/>
         wohl bekannt. Der Medizinalsadist der Landwehr außer Dien-<lb/>
         sten bringt zum Belege Kriegslieder, die von Haß triefen, und <lb/>
         er ist der festen Überzeugung, der habe den Erfolg für sich, <lb/>
         der am meisten Haß aufzuweisen hätte. „Jener herrliche, <lb/>
         niederrasende Haß ist der Beginn, die Hauptsache, der echte <lb/>
         und erste Götterfunke. Wir heutigen Deutschen müßten wahr-<lb/>
         haftig ganz von Gott verlassen sein, wenn wir aus alledem <lb/>
         nicht die Nutzanwendung zögen!“ Die ganze Innenpolitik <lb/>
         paßt dem Landwehrsadisten nicht, das ist ihm alles zu weich <lb/>
         und zu läppisch: „Erziehung zum Haß! Erziehung zur Liebe <lb/>
         zum Haß! Organisation des Hasses! Fort mit der unreifen <lb/>
         Scheu, mit der falschen Scham vor Brutalität und Fanatis-<lb/>
         mus! Auch politisch gelte das Wort: Mehr Backpfeifen, <lb/>
         weniger Küsse!“</p>
      <p>
        <lb/>
         In einem Verzeichnis der in der Zeit von 1903-1913 in <lb/>
         Preußen verbotenen Bücher finde ich auch zwei, deren Lek-<lb/>
         türe dem Medizinalrat bestens empfohlen sei: „Rombach, <lb/>
         Kurt. Meine grausame, süße Reitpeitsche. Preßburg, Her-<lb/>
         mann Hartleb“ – und: „Das Tagebuch einer Masseuse. <lb/>
         Deutsch von Klara M. Budapest, Grimm.“ Sagte ich Lek-<lb/>
         türe? Aber er soll selbst solche Bücher schreiben und nicht <lb/>
         Patriotismus nennen, was eine krankhafte Gemütsart ist!</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir alle wissen, daß ein gesunder Haß keine Schande ist, <lb/>
         aber wir alle wissen auch, daß es das Streben jeder Zivili-<lb/>
         sation ist, tierische Instinkte im Interesse der Allgemeinheit <lb/>
         möglichst einzudämmen. Ob das ganz und gar möglich sein <lb/>
         wird, steht in Frage, aber versuchen soll man es doch. Auch <lb/>
         daß einmal ein ganzes Volk in berechtigtem Haß gegen ein
        <pb facs="#0135" n="132"/>
        <lb/>
         anderes aufflammt und zu den Waffen greift, ist richtig und <lb/>
         erklärlich, aber man muß nicht vergessen, daß moderne Kriege <lb/>
         wesentlich auf kapitalistischen Gründen beruhen und daß alles <lb/>
         andre ein wohl angelegter Schwindel ist: die Volksbegeiste-<lb/>
         rung und die flatternden Fahnen und die Orden und <lb/>
         alles das.</p>
      <p>
        <lb/>
         In der altgermanischen Volkssage wird der edle Hödur <lb/>
         von dem hinterhältigen Loki tückisch ermordet. Der Medizinal-<lb/>
         rat ist auf seiten Lokis, weil der zwar weniger Geist, aber <lb/>
         doch mehr Körperkräfte hatte, und fragt höhnisch: „Ist Hödur <lb/>
         inoperabel?“ Ich weiß das nicht. Daß aber der Medizinal-<lb/>
         rat operabel ist, steht fest. Er soll sich kastrieren lassen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Eine Stimme</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Manchmal, sehr manchmal, wenn es nachts ganz still ist <lb/>
         und ich grade so nachdenke, warum ich nicht lieber schliefe <lb/>
         … dann höre ich eine Stimme. Ich sehe niemand – ich <lb/>
         höre nur die Stimme. Es klingt wie: „Schittz –!“ Das kann <lb/>
         man nicht verstehn; ich aber weiß, wer das ist.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist dein seliger Kaiser. Er zog sich doch am Tage etwa <lb/>
         dreiunddreißig Mal um; vormittags war er Fußfanterist, <lb/>
         nachmittags Kavallerist, aufs Klosett ging er wahrscheinlich <lb/>
         als Pionier, und im Badezimmer hatte er eine Admirals-<lb/>
         uniform und eine Torpedopfeife statt einer Klingel … nun <lb/>
         lacht nur nicht: in den „Fliegenden Holländer“ ist er ja <lb/>
         historischerweise als Seeoffizier gegangen. Nun gut, das ist <lb/>
         vorbei. Nein: der ist vorbei.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und er hatte einen Kammerdiener, der zog ihn an und aus <lb/>
         und legte ihm seine Kostüme zurecht, in denen er auftrat. <lb/>
         Schulz hieß der Kammerdiener, der alte Schulz. Und ob das <lb/>
         nun von den zahlreichen Memoiren kommt, die unsereiner so
        <pb facs="#0136" n="133"/>
        <lb/>
         lesen muß, oder wovon sonst: manchmal fühle ich, wie <lb/>
         sich der Kaiser umzieht, den Raum sehe ich nicht, ihn sehe ich <lb/>
         auch nicht … aber ich höre ihn. „Schulz!“ ruft er. Kurz. <lb/>
         Wie ein Schuß.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Kammerdiener ist nebenan – gleich wird er antwor-<lb/>
         ten und hereingeknallt kommen, eine Bewegung zwischen … <lb/>
         „Mit einer Verbeugung, die ein Mittelding zwischen Kratz-<lb/>
         fuß und Todesangst war“, hat Eulenburg einmal einen Hofrat <lb/>
         beschrieben, der Bismarck die Post vorlegte. So ähnlich wird <lb/>
         der Kammerdiener hereinkommen, die Angst nur gemildert durch <lb/>
         langjährige Gewohnheit, eine Art Tierbändiger-Gemütlichkeit. <lb/>
         Aber was er sagt, das höre ich nicht mehr.</p>
      <p>
        <lb/>
         Merkwürdigerweise rieche ich die Szene. Jede Zeit hat ja <lb/>
         ihren bestimmten Geruch, so, wie jedes Land – schade, daß <lb/>
         man nicht ein Pröbchen Kriegsluft hat aufbewahren können. <lb/>
         Der Kaiser war ein körperlich sauberer Mann, aber man <lb/>
         mag ihn nicht riechen. Um ihn ist übrigens jene Atmosphäre <lb/>
         von Herrengeruch der neunziger Jahre … etwas Strenges, <lb/>
         Leder, Zigarettenrauch, ein Parfum und die Körper der <lb/>
         Herren … ja. So riecht die Stimme, ich höre sie mit der <lb/>
         Nase. „Schuttz!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         50 000 Mark im Monat. Von deinen Steuern.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Erinnerung</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Am Untergrundbahnschalter. Zwei dicke Männer lösen sich <lb/>
         nach einander Karten.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Eine Dritter Alexanderplatz!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Mir auch eine Dritter Alexanderplatz …!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine</hi> (dreht sich im Weggehn noch einmal um): <lb/>
         Nanu?</p>
      <pb facs="#0137" n="134"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Bitte?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Ist das nicht …? Pucknat?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Greesemann! Mensch! Wo kommen Sie <lb/>
         denn her?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Na, Sie wissen doch – ich lebe hier in Ber-<lb/>
         lin. Und Sie?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Na, ick ooch! Mensch – det ick Sie <lb/>
         noch mal wiedersehe! Wie gehts Ihnen denn?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Na, man schlägt sich so durch …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Wissen Sie was: gehn wir ein Glas Bier <lb/>
         trinken. Ham Se Zeit?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Na klar! Das Wiedersehn muß doch be-<lb/>
         gossen wern! Wann ham wa uns das letzte Mal gesehn? <lb/>
         Vor vier Jahren … Wie die Zeit vergeht!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Na, sagen Sie mal, wie ist Ihnen denn <lb/>
         der Krieg bekommen? Noch immer der gute alte Bauch? <lb/>
         Proviantinspektors-Bauch … Hähä!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Na, lassen Sie man gut sind – Sie ham <lb/>
         auch keinen schlechten! Janz wie damals, beim Stabe. Ihr <lb/>
         habt da was geachelt!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Na, Sie ham ja auch geliefert! Was? <lb/>
         Donnerwetter – Sie, das war’n Essen!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Na ja – das kann sich natürlich heute keiner <lb/>
         mehr leisten. Wenn ich noch denke …</p>
      <p>
        <lb/>
         (Sie sitzen beim Bier.)</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine</hi> … Eier und jeden Tag Braten und die But-<lb/>
         ter –! Prost!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Wir ham nich schlecht gelebt. Der Stab <lb/>
         hat ja was angefordert – Sie müssen doch manchen Kum-<lb/>
         mer gehabt haben!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Na, man hat ja buchen gelernt … Prost!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> s war doch ne schöne Zeit, meine Herren!</p>
      <pb facs="#0138" n="135"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Besser als jetzt jedenfalls. Waren Sie in <lb/>
         „Fridericus Rex“?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Dicke. Famoser Film. Das frischt einen <lb/>
         mal ordentlich wieder auf.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Kann einer ja nu sahrn, was er will: Es war eine <lb/>
         famose Leistung draußen im Felde. Wie Eisen hat das gehalten.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Un wissen Se noch: wie wir den Hammel <lb/>
         versossen haben?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Na und ob. Ich hattn übrig – er sollte <lb/>
         mit an die Front, die Hämmel mußten ja immer an die <lb/>
         Front – aber er sah so jüdisch aus, det Aas – da dacht <lb/>
         ick: Bleib du man lieber in der Etappe! Prost!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Prost! Inspektorchen, Sie wahn doch ein <lb/>
         famoser Kerl! Ohne Sie wär der janze Stab in die Luft ge-<lb/>
         flogen. Prost!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Danke, komme nach. Wissen Se, wenn man <lb/>
         das so liest, was die Brieder seit der Glorreichen Alles über <lb/>
         unsereinen veröffentlichen …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Unerhört is diß. Denken Se, da hab ich <lb/>
         so ein Heft jelesen: Anklage der Gepeinigten oder sone Hin-<lb/>
         tertreppenkiste …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Gestatte mir. Was standn da drin?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Na, aus som Feldlazarett. Die Ärzte <lb/>
         sollen den Kranken das Essen jeklaut ham un so. Is ja <lb/>
         lächerlich. Is ja nie vorjekommen. Na – das Gericht hat das <lb/>
         Heft denn auch gleich eingezogen. Es gibt noch Richter in <lb/>
         Preußen. Prost!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Was sagen Sie zu Nicolai?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Zu dem Juden? Kneifer. Sie, ham Sie <lb/>
         was von Christeinicke gehört?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Ja, der war doch lange Zeit Untroffzier <lb/>
         bei mir, aber als er dann mal Exzellenz übern Weg lief,
        <pb facs="#0139" n="136"/>
        <lb/>
         wie der grade einen gehoben hatte, da schmiß er ihn doch an <lb/>
         die Front – und seitdem weiß ich nichts weiter von ihm. <lb/>
         Valleicht is er gefallen. Na, Prost –!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Prost! Und wir wollen mal auf das herr-<lb/>
         liche deutsche Heer trinken und auf den stillen Dulder in <lb/>
         Holland und auf Schwarz-Weiß-Rot! Prost!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Prost! Pucknat – Sie sinn famoser Kerl! <lb/>
         Sollen leben! Passen Se mal auf: wir kriejen noch mal die <lb/>
         gute alte Zeit!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Kellner:</hi> Darf ich zu zahlen bitten. Ich werde ab-<lb/>
         gelöst.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Sie, det kommt mir komisch vor. Das is das <lb/>
         erste Mal, daß wir Beide zusammen sitzen, einen nehmen <lb/>
         und denn zahlen!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Greesemann – hips – aber das sahr ich <lb/>
         Ihnen: Wenns noch mal gegen Frankreich geht – ich nehm <lb/>
         noch mal mein Gewehr auf den Buckel und geh mit.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Hatten Sie denn ’n Jewehr?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Kleiner Schäker! Prost, Rest auf Ma-<lb/>
         jestät!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Über Alles. Prost ex. Donnerwetter, stram-<lb/>
         mes Weib. Ham Se den Busen gesehn?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Andere:</hi> Vaflucht. Na – dann empfehln Se mich <lb/>
         Ihrer Frau Jemahlin! Wiedersehn!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Eine:</hi> Danke, danke! Fehln Se mich zu Hause. <lb/>
         Wiedersehn! Wiedersehn!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Lesefrucht</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wir verdanken Gustav Meyrink die schöne Geschichte vom <lb/>
         „Schöpsoglobin“, darin die Affen des Urwaldes mit einer <lb/>
         Lösung geimpft werden, die heftigen Patriotismus erzeugt.</p>
      <pb facs="#0140" n="137"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Impfung richtet denn auch schreckliche Verwüstungen <lb/>
         unter den Tieren des Waldes an: sie gehen mit markerschüt-<lb/>
         terndem Stumpfsinn hinter einem Riesenaffen her, der sich <lb/>
         das Gesäß mit Goldpapier beklebt hat … man lese das <lb/>
         nach.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was es für Affen unter den Menschen gibt – das ist <lb/>
         nicht neu. Aber was es für völkisch empfindende Mannen <lb/>
         unter den Affen gibt, das sollte man wohl nicht für möglich <lb/>
         halten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da steht auf Teneriffa eine Station mit Menschen-<lb/>
         affen, an denen die Psychologen ihre Intelligenzprüfungen <lb/>
         vorgenommen haben. (Von einer Umkehrung dieses Experi-<lb/>
         ments ist vorläufig abgesehn worden.) Es gibt da eine sehr <lb/>
         fesselnde Untersuchung des Professors Köhler: „Intelligenz-<lb/>
         prüfungen an Anthropoiden“, erschienen im Verlag der Aka-<lb/>
         demie der Wissenschaften, Berlin. Da erzählt er, wie die Affen <lb/>
         gern allerlei Gegenstände mit sich herumschleppen, an ihrem <lb/>
         Körper anbringen, sich mit ihnen behängen. „Fast täglich sieht <lb/>
         man ein Tier mit einem Seil, einem Fetzen Zeug, einer Kraut-<lb/>
         ranke oder einem Zweig auf den Schultern dahergehen. Gibt <lb/>
         man Tschego eine Metallkette, so liegt diese sofort um den <lb/>
         Nacken des Tieres. Gestrüpp wird mitunter in größern Men-<lb/>
         gen auf dem ganzen Rücken ausgebreitet getragen. Seil und <lb/>
         Zeugfetzen hängen gewöhnlich zu beiden Seiten des Halses <lb/>
         über die Schultern zu Boden; Tercera läßt Schnüre auch um <lb/>
         den Hinterkopf und über die Ohren laufen, so daß sie zu <lb/>
         beiden Seiten des Gesichts herunterbaumeln.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Und Köhler fügt nun eine glänzende Beobachtung hinzu:</p>
      <p>
        <lb/>
         „… daß die am Körper hängenden Gegenstände Schmuck-<lb/>
         funktion im weitesten Sinne haben. Das Trotten der behäng-<lb/>
         ten Tiere sieht nicht nur mutwillig aus, es wirkt auch naiv-<lb/>
         selbstgefällig. Freilich darf man kaum annehmen, daß die
        <pb facs="#0141" n="138"/>
        <lb/>
         Schimpansen sich eine optische Vorstellung von ihrem eignen <lb/>
         Aussehen unter dem Einfluß der Toilette machen, und nie <lb/>
         habe ich gesehen, daß die äußerst häufige Benutzung spiegeln-<lb/>
         der Flächen irgend Beziehung auf das Behängen genommen <lb/>
         hätte; aber“ – paßt auf! – „aber es ist sehr wohl mög-<lb/>
         lich, daß das primitive Schmücken gar nicht auf optische <lb/>
         Wirkungen nach außen rechnet – ich traue so etwas dem <lb/>
         Schimpansen nicht zu –, sondern ganz auf der merkwürdi-<lb/>
         gen Steigerung des eignen Körpergefühls, Stattlichkeitsein-<lb/>
         drucks, Selbstgefühls beruht, die auch beim Menschen ein-<lb/>
         tritt, wenn er sich mit einer Schärpe behängt oder lange <lb/>
         Troddelquasten an seine Schenkel schlagen. Wir pflegen die <lb/>
         Selbstzufriedenheit vor dem Spiegel zu erhöhen, aber der Ge-<lb/>
         nuß unsrer Stattlichkeit ist durchaus nicht an den Spiegel, an <lb/>
         optische Vorstellungen unsres Aussehens oder an irgend ge-<lb/>
         nauere optische Kontrolle überhaupt gebunden; sobald sich so <lb/>
         etwas mit unserm Körper mitbewegt, fühlen wir ihn reicher <lb/>
         und stattlicher.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Im Urwald fing es an. Am 1. August 1914 hat es sich <lb/>
         zum letzten Mal bewahrheitet. Zum letzten Mal –?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ist es denn nun wirklich wahr, <lb/>
           was man hat vernommen –</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         daß sich die feindlichen Hauptquartiere im Kriege auf gegen-<lb/>
         seitige Vereinbarung geschont haben? Es galt nicht als <lb/>
         fair, die Oberste Heeresleitung und das GQG. mit Flie-<lb/>
         gerbomben zu belegen – das war gegen die Spielregeln.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn das wahr ist, dann haben wir hier einen der zahl-<lb/>
         losen Beweise dafür, daß für die Militärkaste der Krieg <lb/>
         Selbstzweck ist. Herr von Seeckt hat einmal in einem Vor-
        <pb facs="#0142" n="139"/>
        <lb/>
         trag auch uns Pazifisten Einiges erzählt – neu war es nicht, <lb/>
         gescheit war es nicht, richtig war es nicht. Nur die braven <lb/>
         Demozeitungen fielen auf ihn herein, weil ihre Redakteure <lb/>
         nicht reiten können. Seeckt ließ wieder erkennen, wie sich jeder <lb/>
         Mensch eine Welt zu formen versucht, in der er den Mittel-<lb/>
         punkt abgibt, daher denn ein Weltbild niemals etwas andres <lb/>
         aufzeigt als die Beschaffenheit des Apostels. Seeckt braucht <lb/>
         den Krieg – in ihm liegen seine Fähigkeiten. Wir wollen den <lb/>
         Frieden – in ihm liegen die unsern.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Schonung des feindlichen Hauptquartiers wird von <lb/>
         den Kriegshetzern sicherlich als Ritterlichkeit ausgelegt; sie <lb/>
         war aber grade von deren Standpunkt aus Landesverrat <lb/>
         und persönliche Feigheit der Generalstabsoffiziere auf beiden <lb/>
         Seiten. Der Krieg: das ist für sie so etwas wie ein <lb/>
         blutiges Schachspiel gewesen; man wirft nicht das Brett um, <lb/>
         man zieht. Um ungestörter ihre Mannschaften in einen Tod <lb/>
         zu schicken, den sie niemals gekostet haben, erklärten sie ihre <lb/>
         Blutzentren für tabu. Das ist nicht nur im nationalen Sinne <lb/>
         ein Verbrechen, wie gleichgültig könnte uns das sein! Es ist <lb/>
         eine hundsgemeine inkonsequente Konsequenz von Anschau-<lb/>
         ungen, die immer und unter allen Umständen als verbreche-<lb/>
         risch anzusehen sind. Einbrecher, die ihr Werkzeug nicht <lb/>
         rosten lassen wollen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir wollen es ihnen schartig machen, wo wir nur können.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Denkmal am deutschen Eck</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         An der Mosel ging es noch an. Wir soffen uns langsam <lb/>
         Fluß hinab, wir fuhren mit dem Saufbähnchen von Trier <lb/>
         nach Bulley hinunter, und auf jeder dritten Station stiegen <lb/>
         wir aus und sahen nach, wie es mit dem Weine wäre. Es
        <pb facs="#0143" n="140"/>
        <lb/>
         war. Wenn wir das festgestellt hatten, stiegen wir wieder ein: <lb/>
         der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein <lb/>
         Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg <lb/>
         führen können, so mit einem Telephon auf dem Tisch, mit <lb/>
         dicken Zigarren und: „Seiner Majestät ist soeben der Sturm-<lb/>
         angriff gemeldet worden.“ Wir führten aber keinen Krieg, <lb/>
         sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein <lb/>
         Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem <lb/>
         langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken und dabei <lb/>
         Würfel spielen. Und es entstanden in diesen Bahnstunden die <lb/>
         Spiele: </p>
      <lg>
        <l><lb/>
           Lottchen dick </l>
        <l><lb/>
           Spix ist stolz</l>
        <lb/>
        <l>
          <hi rendition="#et"> und:</hi></l>
        <l><lb/>
           Georgine, die ordentliche Blume</l>
        <lb/>
        <l>
          <hi rendition="#et"> sowie:</hi></l>
        <l><lb/>
           Karlchen und die Rehlein –</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
         das letztere Spiel zur Erinnerung an Karlchen seine Liebes-<lb/>
         abenteuer im freien, frischen, frommen Walde, wo ihm einmal <lb/>
         die kleinen Rehlein zugesehn hatten. Ich verlor auf das <lb/>
         Grauenerregendste und mußte immer bezahlen. Aber so ist <lb/>
         alles.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bernkastel, Traben-Trarbach, Bulley … dann aber setzten <lb/>
         wir uns in einen seriösen Zug und fuhren nach Kolbenz. <lb/>
         (Diese Aussprache wurde adoptiert, falls Jakopp ein künst-<lb/>
         liches Gebiß hätte: es spricht sich leichter aus.) In Kolbenz <lb/>
         tranken wir der Geographie halber einen Rheinwein, und <lb/>
         der konnte Papa und Mama sagen, wir aber nicht mehr. <lb/>
         Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag hell und klar <lb/>
         – gingen wir spazieren.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich kannte Kolbenz nicht. Das erste, was mir auffiel, war
        <pb facs="#0144" n="141"/>
        <lb/>
         ein breites und lautes Bürgerpublikum von Reisenden, die <lb/>
         sich merkwürdig aufgeregt gebärdeten. So, wie schwarzhaa-<lb/>
         rige Frauen, wenn sie einmal in Paris sind, dem Zauber des <lb/>
         Wortes „Paris“ erliegen und sich so benehmen, wie sie es zu <lb/>
         Hause niemals täten, so kippten hier die blonden Damen aus <lb/>
         den Pantinen; der Rhein, Vater Rhein, der deutsche Rhein <lb/>
         klingelte in den Gläsern, und es war ziemlich scheußlich anzu-<lb/>
         sehn. Das Zweite, was damals auffiel, war die „Schmachch“. <lb/>
         Wir sprachen das Wort mit zwei ch, und wir meinten die <lb/>
         Franzosen damit, von deren „schwarzer Schmach“ wir so viel <lb/>
         in den bildenden Kinos gesehen hatten. Hier war nur weiße <lb/>
         Schmachch, und wir mochten sie nicht. Und zwar nicht etwa, <lb/>
         weil wir die Franzosen nicht mögen, sondern weil wir das <lb/>
         Militär nicht mögen. Wir sind nur nicht so dumm wie zum <lb/>
         Beispiel der Kolbenzer General-Anzeiger, der nun, nach dem <lb/>
         Abzug der Schmachch, Mord und Tod hinter ihnen herschimpfte, <lb/>
         ohne auch nur einen Augenblick lang zu untersuchen: wie sich <lb/>
         die Deutschen in Belgien und Frankreich benommen haben, <lb/>
         was das Militär eigentlich ist und für wen es arbeitet, und <lb/>
         wie an diesem ganzen namenlosen Unglück, am Krieg und <lb/>
         seinen Folgen, Europa schuld ist und seine nationale Zer-<lb/>
         fetztheit. Statt dessen krähte die Zeitung in echt kleinbürger-<lb/>
         licher Wut wegen der unbedingt zu verurteilenden Übergriffe <lb/>
         nun hinter ein paar tausend Soldaten her, deren jugendliche <lb/>
         Kraft genau so unproduktiv mißbraucht wird, wie das mit <lb/>
         Soldaten in allen Ländern geschieht – auch in Deutschland.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir spazierten also am Rhein entlang, ich hatte wieder <lb/>
         einmal meine Geographie nicht gelernt und ließ mir von <lb/>
         Jakopp die Gegend erklären. Da war der Ehrenbreitstein; <lb/>
         auf dem brannte zum Gaudium aller Rheinkadetten eine fran-<lb/>
         zösische Fahne – wirklich, die Fahne brannte hoch am Fah-<lb/>
         nenstock, verglomm, leuchtete wieder auf … mich inter-
        <pb facs="#0145" n="142"/>
        <lb/>
         essiert Militär nicht, und ich weiß nicht, was sie da gekokelt <lb/>
         haben. Es ist ja auch gleichgültig, so gleichgültig wie alles, <lb/>
         was diese uniformierten Brüder tun. Und da war der Rhein, <lb/>
         der kitschumrauschte, und, wie bei Goethe steht, da waren <lb/>
         große Schiffe im Begriffe, auf diesem Flusse hier zu sein … <lb/>
         und plötzlich bekam ich den größten Schreck auf dieser Reise. <lb/>
         Ich weiß es noch ganz genau:</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn <lb/>
         an der Ecke war eine Photographenbude, sie hatten Bilder <lb/>
         ausgestellt, die waren braun wie alte Daguerrotypien, dann <lb/>
         standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah <lb/>
         hoch … und fiel beinah um.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal <lb/>
         Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zu-<lb/>
         nächst blieb einem der Atem weg.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sah man näher hin, so entdeckte man, daß es ein herr-<lb/>
         liches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. <lb/>
         Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und <lb/>
         repräsentierte jenes Deutschland, das am Kriege schuld ge-<lb/>
         wesen ist – nun wollen wir sie dreschen! In Holland.</p>
      <p>
        <lb/>
         Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu <lb/>
         entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.</p>
      <p>
        <lb/>
         Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem <lb/>
         Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus <lb/>
         einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut <lb/>
         etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in <lb/>
         die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht er-<lb/>
         innere, wallt irgend eine Frauensperson um ihn herum und <lb/>
         beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung t<lb/>
         äuschen … vielleicht gibt sie dem Riesen-Pferdchen nur ein <lb/>
         Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und <lb/>
         gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel
        <pb facs="#0146" n="143"/>
        <lb/>
         und erbrochene Lilien und was weiß ich … es war ganz <lb/>
         großartig. Ich schwieg erschüttert und sah Jakoppn an.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ja“, sagte Jakopp, „das ist das Kaiser-Wilhelm-Denkmal <lb/>
         am Deutschen Eck.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Richtig: da floß noch ein zweiter Fluß in den ersten Fluß, <lb/>
         und es war, wenn man von den Fabrikschornsteinen absah, eine <lb/>
         hübsche Gegend, viel zu hübsch für dieses steinerne Geklump, <lb/>
         für diesen Trumm, diesen Trubas von einem Denkmal. <lb/>
         „Was … wie … “ stammelte ich ergriffen. Da hörte ich ein <lb/>
         leises Stimmchen an meiner Linken, ein Knabe war mir un-<lb/>
         versehens genaht, er hatte wohl meine Ratlosigkeit bemerkt, <lb/>
         und er sprach: „Soll ich Ihnen mal das Denkmal erklä-<lb/>
         ren –?“ Rasches Erfassen der Kriegslage ziert den S.A.-<lb/>
         Mann, und ich sprach: „Erkläre mir mal das Denkmal.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Da sah der Knabe überall hin, nur nicht auf den Torten-<lb/>
         aufsatz, er schlief im Stehen, seine Augen hatten den Aus-<lb/>
         druck einer friedlich grasenden Kuh, ich hatte so etwas noch <lb/>
         nie bei einem Menschen gesehen. Er sprach mit modulations-<lb/>
         loser, quäkender Stimme. Und weil dieses arme Kind solches <lb/>
         nicht allein tat, sondern vier oder fünf seiner Kollegen, wie ich <lb/>
         später sah, den ganzen Sonntagvormittag lang gewerbsmäßig <lb/>
         dasselbe ausübten, vor dem Denkmal und weiter unten, vor <lb/>
         dem Hotel und überall, so habe ich das, was sich die Knaben <lb/>
         eingepaukt hatten, mehrere Male hören können. Nach Ver-<lb/>
         abreichung mehrerer Gläser guten Weines zwecks Auffrischung <lb/>
         des Gedächtnisses läßt sich das etwa folgendermaßen an:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Dieses Denkmal wurde gegründet im Jahre 1897; es <lb/>
         stellt dar den berittenen Kaiser Wilhelm den Ersten, sowie <lb/>
         auch eine Siegesgöttin benebst die besiegten Feinde. Die Sie-<lb/>
         gesgöttin ist nach verlorenen Kriegen ein Friedensengel und <lb/>
         hat eine Flügelbespannung von fünf Meter in die Breite. <lb/>
         Das Denkmal wiegt fünf Millionen Kilogramm und hat
        <pb facs="#0147" n="144"/>
        <lb/>
         einen Flächeninhalt von 1200 Quadratmetern, daher ist es <lb/>
         ein großes Kunstwerk. Auf dem Grundsockel erhebt sich der <lb/>
         Sockel, auf dem das Denkmal aufgebaut ist; auf diesem <lb/>
         Sockel steht der richtige Sockel, und auf diesem der Unter-<lb/>
         sockel, worauf sich der Denkmalssockel erhebt. Die Künstler, <lb/>
         die an dem Denkmal schuld sind, heißen Schmitz und Hund-<lb/>
         rieser. Der Spruch, der in das Denkmal eingelassen ist, be-<lb/>
         sagt: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid <lb/>
         und treu.“ Die Köpfe der Seeschlangen bedeuten Deutsch-<lb/>
         lands Feinde, der Granit der Söckel ist aus dem Schwarz-<lb/>
         wald. Die Mosel fließt hinter dem Denkmal, ihre Strömung <lb/>
         ist hier besonders schnell, weil sie an dem Denkmal vorbei <lb/>
         muß. Das Denkmal ist in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms <lb/>
         des Zweiten eröffnet worden und hat daher zwei Millionen <lb/>
         Mark gekostet. Das ist das Denkmal am Deutschen Eck.“ <lb/>
         (Große Trinkgeldpause.)</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie ich in der Zeitung gelesen habe, sind die Reden, die <lb/>
         sie nach dem Abzug der Schmachch gehalten haben, genau so <lb/>
         gewesen wie das Denkmal. Aber könnt ihr euch denken, daß <lb/>
         sich jemals eine Regierung bereit fände, einen solchen ge-<lb/>
         frorenen Mist abzukarren –? Im Gegenteil: sie werden gar <lb/>
         bald ein neues Mal errichten: das Reichsehrenmal. Wenn es <lb/>
         errichtet ist, werden rotzgenäste Knaben hingehn und es uns <lb/>
         erklären: die Gastwirtschaften ringsherum werden voll sein, <lb/>
         und in den Massengräbern zu Nordfrankreich wird sich ein <lb/>
         Geraune erheben:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wofür –? Dafür.“</p>
      <pb facs="#0148" n="[145]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">BILDERBUCH</hi></p>
      <pb facs="#0149" n="[146]"/>
      <pb facs="#0150" n="[147]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Französischer Witz</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         I</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Sommer hat auf die französischen Bahnhofskioske <lb/>
         einen Hagel von Anekdotenbüchern herunterprasseln lassen: Neu-<lb/>
         auflagen, Neuerscheinungen … Als da sind: <hi rendition="#aq">„T. S. V. P.“</hi>
        <lb/>
         von Bienstock und Curnonsky (<hi rendition="#aq">Crès, 21 rue Hautefeuille, <lb/>
           Paris</hi>). Von denselben Autoren im selben Verlag <hi rendition="#aq">„Le Wagon <lb/>
           des Fumeurs“</hi>. – <hi rendition="#aq">„Joyeuses Anecdotes“</hi> von Max Frantel <lb/>
         (<hi rendition="#aq">Editions Montaigne, Impasse de Conti 2, Paris VI</hi>). <hi
          rendition="#aq">„His-<lb/>
           toires Marseillaises“</hi> gesammelt von Edouard Ramond (<hi rendition="#aq">Les <lb/>
           Editions de France, 20 Avenue Rapp, Paris</hi>). Im selben <lb/>
         Verlag <hi rendition="#aq">„Histoires Gasconnes“</hi> gesammelt von Edouard Du-<lb/>
         lac. – <hi rendition="#aq">„Histoires de Vacances“</hi> gesammelt von Leon Treich <lb/>
         (<hi rendition="#aq">Librairie Gallimard, 3 rue de Grenelle, Paris VI</hi>) – uff!</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Titel des ersten Buches <hi rendition="#aq">„T. S. V. P.“</hi> ist gleichlautend <lb/>
         mit der Inschrift an manchen Türknöpfen, an denen keine <lb/>
         Klinken befestigt sind, und sie heißt ausgeschrieben: <hi rendition="#aq">„Tournez, <lb/>
           s’il vous plaît!“</hi> Nun, da laßt uns einmal an diesem Knopf <lb/>
         drehn.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der französische Witz und die französischen Witze sind nicht <lb/>
         immer gleichbedeutend. Er ist stärker als sie, denn der Witz <lb/>
         im Bühnendialog, in der Salonunterhaltung, in dem <hi rendition="#aq">„mot“</hi>, <lb/>
         das selbst der kleine Mann häufig blitzschnell und mit der <lb/>
         äußersten Schlagfertigkeit in den Straßenlärm wirft, dieser <lb/>
         Witz wird nicht immer in Witzen aufgefangen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Daher denn auch die französischen Witzblätter nicht grade
        <pb facs="#0151" n="148"/>
        <lb/>
         zwerchfellerschütternd sind: das Niveau der eingegangenen <lb/>
        <hi rendition="#aq">„Assiette au Beurre“</hi> ist bisher nie wieder erreicht worden, <lb/>
         und man muß sich schon aus einem ganzen Wust von Scher-<lb/>
         zen die guten herauspicken. Das bezieht sich auf <hi rendition="#aq">„Le Rire“</hi>, <lb/>
         auf <hi rendition="#aq">„Canard Enchaîné“</hi>, auf <hi rendition="#aq">„Le Merle
          Blanc“</hi>, unterschied-<lb/>
         lich an Wert, ungleich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die vorhin zitierten Sammlungen sind bedeutend besser, besonders <lb/>
        <hi rendition="#aq">„T. S. V. P.“</hi> und <hi rendition="#aq">„Le Wagon des Fumeurs“</hi>.
        Wie <lb/>
         sehn nun die französischen Witze von heute aus?</p>
      <p>
        <lb/>
         Zunächst muß man oft genug den Hut abnehmen, weil da <lb/>
         so viel alte Bekannte vorüberziehn. Für den noch stattlichen <lb/>
         Rest ergibt sich für den fremden Leser das Hemmnis, daß er <lb/>
         die sachlichen Voraussetzungen des Witzes nicht in Fleisch und <lb/>
         Blut hat. Ein Witz, den man erst erklären muß, ist keiner <lb/>
         mehr; und es genügt auch nicht, jene Voraussetzungen zu <lb/>
         wissen – man muß sie fühlen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Spezifische des französischen Witzes sind seine Leichtig-<lb/>
         keit, seine Delikatesse, seine Eleganz. Da schreibt etwa der <lb/>
         zurückgetretene Minister an den Staatssekretär des Post- und <lb/>
         Telegraphenwesens eine Stunde nach seinem Sturz: „Sehr <lb/>
         verehrter Herr Kollege! Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner <lb/>
         noch erinnern …“ Die Handbewegung, mit der eine Formu-<lb/>
         lierung herausgebracht wird, ist ganz locker. Es wird von <lb/>
         den Schrecknissen des Krieges gesprochen. Darauf sagt ein <lb/>
         Diplomat vom Quai d’Orsay: „Der Krieg? Ich kann das <lb/>
         nicht so schrecklich finden! Der Tod eines Menschen: das ist <lb/>
         eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Stati-<lb/>
         stik!“ Die Sprache der Diplomaten ist eben die französische, <lb/>
         und die Definition des Berufes heißt so: „Ein Diplomat, <lb/>
         mein liebes Kind, ist ein Mann, der das Geburtsdatum <lb/>
         einer Frau kennt und ihr Alter vergessen hat!“ Und so klingt <lb/>
         in dieser Sprache vieles leiser und zarter als anderswo. Eine
        <pb facs="#0152" n="149"/>
        <lb/>
         alte Dame empfängt den Besuch eines ihrer Freunde, der die <lb/>
         vier Treppen zu ihrer Wohnung mit Mühe und Not herauf-<lb/>
         klettert. Noch pustend sagt er bei der Begrüßung: „Vier <lb/>
         Treppen sind keine Kleinigkeit, gnädige Frau!“ „Lieber <lb/>
         Freund“, sagt die Dame, „das ist das einzige Mittel, das ich <lb/>
         noch habe, um bei den Männern Herzklopfen hervorzu-<lb/>
         rufen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Sprache hat die feinsten Zahnräder, mit denen sie <lb/>
         alles ergreift, was ihr zu nahe kommt. Albumeintragung von <lb/>
         Jean Cocteau: „Italiener und Deutsche lieben es, wenn Musik <lb/>
         gemacht wird. Die Franzosen haben nichts dagegen.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Und selbst der leichte Tadel bekommt eine liebenswürdige <lb/>
         Melodie, wenn er so ausgesprochen wird, wie es jener Curé <lb/>
         tat, der am Weihbecken seiner Kirche eine bis zur Grenze der <lb/>
         Unmöglichkeit dekolletierte Dame antraf. „Wenn Sie nur <lb/>
         zwei Finger hineintauchen wollen, gnädige Frau“, sagte er, <lb/>
         „hätten Sie sich nicht auszuziehen brauchen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Selbst, wenn der Witz etwas delikat wird, bleibt er doch in <lb/>
         dieser Form erträglich. Der Schaffner zum Reisenden, der <lb/>
         aufgeregt auf der kleinen Station herumläuft: „Suchen Sie <lb/>
         das Restaurant?“ – „Nein, im Gegenteil“, sagt der Reisende.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie konzis diese Sprache manchmal eine verworrene <lb/>
         Situation erhellt, zeige dieses Beispiel: Gespräch durch die <lb/>
         Tür. Die Männerstimme: „Ist Herr Paul da?“ Die Frauen-<lb/>
         stimme von drinnen: „Nein, er ist nicht da. Sie können nicht <lb/>
         hereinkommen, ich liege im Bett.“ Die Männerstimme: „Das <lb/>
         schadet doch nichts; machen Sie doch ein bißchen auf.“ Die <lb/>
         Frauenstimme: „Aber das geht nicht – es ist schon jemand <lb/>
         bei mir!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt unter diesen französischen Witzen natürlich viele, <lb/>
         die überhaupt nicht zu übersetzen sind. So zum Beispiel der <lb/>
         Ausspruch jener betagten Frau, der man Vorwürfe wegen der
        <pb facs="#0153" n="150"/>
        <lb/>
         allzugroßen Einfachheit ihrer Toilette gemacht hat. <hi rendition="#aq">„A mon <lb/>
           âge on ne s’habille plus, on se couvre.“</hi> Oder jener bezau-<lb/>
         bernd schöne Ausspruch eines Marseiller Malers: <hi rendition="#aq">„Quand <lb/>
           on a mangé de l’ail (Knoblauch), il ne faut parler qu’à <lb/>
           la troisième personne.“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ich sprach vorhin von den vielen alten Bekannten, die man <lb/>
         in diesen Anekdotensammlungen antrifft: „Der rechte Barbier“ <lb/>
         von Chamisso, der ja auch bei Hebel dem cholerischen Kunden <lb/>
         um ein Barthaar den Hals abgeschnitten hätte, ist da, und es <lb/>
         gibt nicht nur Volkswitze, die durch alle Literaturen wandern, <lb/>
         sondern sogar eine scheinbar sprachlich so begrenzte Geschichte, <lb/>
         wie die von der telephonierenden Dame, die das Wort Fackel <lb/>
         buchstabiert: „<hi rendition="#aq">F</hi> wie Fioline, <hi rendition="#aq">A</hi> wie
        Ankpir, <hi rendition="#aq">C</hi> wie zum Bei-<lb/>
         spiel …“ selbst zu dieser Geschichte finden wir die französische <lb/>
         Analogie. Es handelt sich um das <hi rendition="#aq">Hôtel de l’Ourcq</hi>. „Was <lb/>
         für ein Hôtel?“ – <hi rendition="#aq">„L’Ourcq! L’Ourcq!</hi></p>
      <lg>
        <l><lb/>
          <hi rendition="#aq">O comme Auguste</hi></l>
        <l><lb/>
          <hi rendition="#aq">U comme Ugène (Eugen)</hi></l>
        <l><lb/>
          <hi rendition="#aq">R comme Ernest</hi></l>
        <l><lb/>
          <hi rendition="#aq">C comme Serge</hi></l>
        <l><lb/>
          <hi rendition="#aq">et Q comme toi</hi>.“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
         Nun ist ja der französische Witz für die ganze Welt stoff-<lb/>
         lich abgestempelt, und hier muß ich zu meinem großen Be-<lb/>
         dauern etwas bremsen, denn in dem Augenblick, wo man <lb/>
         diese gewagten Scherze übersetzt, vergröbern sie sich meist un-<lb/>
         erträglich. Eine kleine Geschichte aber habe ich gefunden, die <lb/>
         ist auf Deutsch möglich. Frida, geh mal so lange raus!</p>
      <p>
        <lb/>
         Große Hochzeit in der Madeleine zu Paris. Vor der Kir-<lb/>
         chentür die übliche Schar der Gaffer: Midinettes, kleine An-<lb/>
         gestellte, Straßenjungen, Neugierige aller Art. Der Hoch-<lb/>
         zeitszug! Er: sehr feierlich, ernst, in bestem, allerbestem, aber
        <pb facs="#0154" n="151"/>
        <lb/>
         schon aller-allerbestem Alter, offenbar sehr reich. Sie … all-<lb/>
         gemeines Ah! Eine entzückende kleine Brünette, sehr pikant, <lb/>
         mit vollen Lippen, temperamentvoll, ein reizendes Kind. Der <lb/>
         Zug hält einen Augenblick. Die Herrschaften werden photo-<lb/>
         graphiert. Als sich das Brautpaar wieder in Bewegung setzt, <lb/>
         löst sich das Brautbukett und fällt auf den Teppich. Eine <lb/>
         kleine Midinette, die das bemerkt hat, stürzt gefällig hinzu, <lb/>
         hebt die Blumen auf und übergibt sie der jungen Braut. <lb/>
         Dabei kann sie sich nicht verkneifen, ganz schnell und ganz <lb/>
         leise zu flüstern: „So viel Klimbim habe ich bei meiner Pre-<lb/>
         miere nicht gemacht …“ Die beiden sehen sich einen Augen-<lb/>
         blick an und sind einen Augenblick Kameradinnen. Dann flü-<lb/>
         stert die Braut zurück: „Ich auch nicht!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Frida, Du kannst wieder reinkommen. Nächstes Mal er-<lb/>
         zählt der Onkel weiter.</p>
      <p>
        <lb/>
         II</p>
      <p>
        <lb/>
         Die französischen Witze haben viel mehr feststehende Figu-<lb/>
         ren als die unseren. Da ist in erster Linie der <hi rendition="#aq">„cocu“</hi>.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Wort ist nicht zu übersetzen. „Hahnrei“ ist ein Wort, <lb/>
         für das selbst der alles wissende Doktor Wasserzieher in sei-<lb/>
         nem „Ableitenden Wörterbuch der deutschen Sprache“ keine <lb/>
         Erklärung gibt und das ein gesunder Mensch wohl nur aus-<lb/>
         spricht, wenn man ihn fragt, was <hi rendition="#aq">„cocu“</hi> auf deutsch heißt. <lb/>
         Und „betrogener Ehemann“ ist eine kriechende Schildkröte <lb/>
         für einen Schwalbenflug. (Daß das Wort, der Begriff und die <lb/>
         Witzfigur die außerordentlich bürgerlich veranlagte Französin <lb/>
         gänzlich verzerrt wiedergeben, sei nur nebenbei erwähnt.)</p>
      <p>
        <lb/>
         Da ist ferner der Geistliche, ein unerschöpfliches Thema <lb/>
         französischer Witze, und wie jeder weiß, der einmal in katho-<lb/>
         lischen Ländern gelebt hat, ist der Witz, der auf Kosten des <lb/>
         Geistlichen gemacht wird, nur ganz selten eine Verhöhnung
        <pb facs="#0155" n="152"/>
        <lb/>
         der Kirche: der Witz bemächtigt sich eben einfach aller zum <lb/>
         täglichen Leben gehörenden Personen. Zunächst ist es sehr <lb/>
         häufig der Mann der Kirche, der in dem Witz obsiegt, so zum <lb/>
         Beispiel in dem gesalzenen Wort des Monseigneur Duchesne <lb/>
         über den Tango: „Dieser Tanz ist wirklich sehr reizend an-<lb/>
         zusehen, <hi rendition="#aq">mais je me demande, pourquoi elle se danse <lb/>
           debout</hi>.“ Manchmal geht es auch umgekehrt. Der Bischof <lb/>
         hat Besuch vom Abt und bittet ihn zum Frühstück. „Nein, <lb/>
         danke sehr.“ – „Aber ich bitte Sie …“ – „Mon-<lb/>
         seigneur“, sagt der Abt, „erstens habe ich schon zweimal ge-<lb/>
         frühstückt, und zweitens ist heute Fasttag.“ Dann gibt es <lb/>
         auch im Französischen jene Scherze, in denen die verschiedenen <lb/>
         Konfessionen sich necken. So in der Morgenunterhaltung eines <lb/>
         Rabbiners und eines Curés im Schlafwagen. „Ich habe <lb/>
         heute nacht“, sagt der Curé, „geträumt, ich sei im jüdischen <lb/>
         Paradies. Ein Gestank! Und ein Schmutz! Und Lumpen in <lb/>
         allen Ecken! Und ein Haufen Leute … entsetzlich!“ „Wie sich <lb/>
         das trifft“, sagt der Rabbiner. „Ich habe heute nacht geträumt, <lb/>
         ich sei im christlichen Paradies. Wunderschöne Düfte umflossen <lb/>
         mich, überall Blumen, herrliche Bäume – und kein Mensch.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Auch hat der französische Witz selbstverständlich seine Be-<lb/>
         rufswitze. Unvermeidlich die Ärzte. Der Doktor Z. begegnet <lb/>
         auf dem <hi rendition="#aq">Pont des Arts</hi> einem seiner Patienten. Kurzes Ge-<lb/>
         spräch. „Nun, wie gehts …?“ „Aber, lieber Freund“, sagt <lb/>
         der Doktor, „Sie werden einen mächtigen Schnupfen be-<lb/>
         kommen; knöpfen Sie sich doch Ihren Mantel zu!“ – „Da <lb/>
         haben Sie eigentlich recht“, sagte der andre. „Na und <lb/>
         sonst … Kennen Sie schon die Geschichte von dem …“ Sie <lb/>
         plaudern noch eine Weile, der Doktor und sein Patient, dann <lb/>
         gehn sie auseinander. Nach drei Tagen schickt der Doktor <lb/>
         folgende Liquidation:</p>
      <p>
        <lb/>
          Eine Konsultation  20 Francs</p>
      <pb facs="#0156" n="153"/>
      <p>
        <lb/>
         Der Brückenpatient schickt auch eine:</p>
      <table>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Herrn Doktor Z. einen Witz erzählt</p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               20 Francs</p></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Gewartet, bis er ihn verstanden hat</p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               20 Francs</p></cell>
        </row>
        <row>
          <cell/>
          <cell><milestone unit="undefined" type="separator" rendition="line"/></cell>
        </row>
        <row>
          <cell/>
          <cell><p>
              <lb/>
               Summe 40 Francs</p></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Davon gehen ab für die Konsultation</p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               20 Francs</p></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Meine Restforderung an Herrn</p></cell>
          <cell/>
        </row>
        <row>
          <cell/>
          <cell><milestone unit="undefined" type="separator" rendition="line"/></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Doktor Z.</p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               20 Francs</p></cell>
        </row>
      </table>
      <p>
        <lb/>
         Einen ganz großen Raum in Frankreich nimmt der regio-<lb/>
         nale Witz ein, und da ist es vor allem der Süden, Marseille <lb/>
         und die Gascogne, die den Haupttribut bezahlen. Wer Ge-<lb/>
         legenheit gehabt hat, den für deutsche Ohren schauerlichen <lb/>
        <hi rendition="#aq">„accent du midi“</hi>, den <hi rendition="#aq">„assent“</hi>, einmal zu
        hören, der wird <lb/>
         verstehn, daß aus dem französischen Sächseln eine Fülle von <lb/>
         Komik herauszuholen ist. Kommt dazu, daß die Leute aus <lb/>
         dem Süden für kolossale Aufschneider gelten und wohl auch <lb/>
         tatsächlich im Überschwang ihres Temperaments ganz heitere <lb/>
         Dinge von sich geben – die Kette dieser Geschichten reißt <lb/>
         jedenfalls nie ab. Der Lokalton geht natürlich für uns ver-<lb/>
         loren. „Vorigen Winter“, erzählt der Mann aus Marseille, <lb/>
         der immer Marius oder Olive heißt, „hat es bei uns ge-<lb/>
         schneit, und da ist mehr als ein Meter Schnee gefallen.“ – <lb/>
         „Ein Meter breit?“ fragt jemand.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">„Est-ce que tu vois la mouche au sommet de la Tour <lb/>
           d’Eiffel?“</hi> fragt ein Gascogner einen Marseiller. <hi rendition="#aq">„Non! <lb/>
           Mais je l’entends!“</hi> erwidert der. Es ist viel Bauernschlauheit <lb/>
         in diesen Geschichten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Pflanze, die gar nicht im Französischen gedeihen will, <lb/>
         ist der jüdische Witz. Es gibt sie alle, es gibt eine <hi rendition="#aq">„Collection <lb/>
           d’Histoires Juives“</hi> im Verlag der <hi rendition="#aq">Nouvelle Revue Fran-<lb/>
           çaise</hi>, sie fehlen in kaum einer Sammlung. Aber sie sind nicht <lb/>
         nach Vorschrift zubereitet; so etwas wie das Jiddish im Eng-
        <pb facs="#0157" n="154"/>
        <lb/>
         lischen gibt es im Französischen nicht, und der elsässische <lb/>
         Akzent, der übrigens in der jungen Generation vielfach schwin-<lb/>
         det, ist ein kümmerlicher Ersatz.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber die Franzosen brauchen keine Anleihen bei Fremden <lb/>
         zu machen, sie haben eigne gute Witze genug. Ganz beson-<lb/>
         ders drollig sind die Kindermünder. „Großpapa, kommen die <lb/>
         Löwen in den Himmel?“ – „Nein, mein Kind.“ – „Groß-<lb/>
         papa, kommen die Curés in den Himmel?“ – „Ja, natür-<lb/>
         lich, mein Kind.“ – „Großpapa, wenn nun aber der Löwe <lb/>
         einen Curé frißt …?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Die folgende Geschichte hinwiederum muß man ins Ber-<lb/>
         linische übertragen, um ihre ganze Würze abzuschmecken. Da <lb/>
         ist ein junger Rechtsanwalt, der seit vierzehn Tagen in seinem <lb/>
         neuen Büro sitzt und auf seinen ersten Klienten wartet. End-<lb/>
         lich, endlich klingelt es, das Mädchen öffnet. Der Rechtsanwalt <lb/>
         hört eine Männerstimme und sagt zu dem Mädchen, ohne sie <lb/>
         anzuhören: „Lassen Sie den Herrn warten!“ Denn das ist er <lb/>
         sich aus Prestigegründen schuldig. Nach zehn Minuten klingelt <lb/>
         er, ergreift das Telephon, läßt den Besucher eintreten und <lb/>
         sich in einer dringenden und hochwichtigen Unterhaltung über-<lb/>
         raschen. Er gestikuliert in den Hörer: „Selbstverständlich, <lb/>
         Herr Oberregierungsrat! Das kann ich nicht versprechen, Herr <lb/>
         Oberregierungsrat! Ich bin derartig beschäftigt … Unter <lb/>
         neunhunderttausend Mark kann ich für meinen Klienten nicht <lb/>
         abschließen! Gewiß. Also dann auf Wiedersehen, Herr Ober-<lb/>
         regierungsrat!“ – „Was wünschen Sie?“ sagt er dann <lb/>
         zu dem Mann. Darauf der Besucher: „Ick komme wejen det <lb/>
         Telephong. Det is kaputt.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ganz französisch ist auch diese kleine Geschichte, in der die <lb/>
         kleine sechsjährige Tochter einer <hi rendition="#aq">Femme entretenue</hi> das Wort <lb/>
        <hi rendition="#aq">„demi-mondaine“</hi> aufschnappt und nun ihre Mama fragt: <lb/>
         „Mama, wenn ich groß werde, darf ich dann auch <hi rendition="#aq">demi-
          <pb facs="#0158" n="155"/>
          <lb/>
           mondaine</hi> werden?“ – „Ja“, sagt die Mama, „wenn du artig bist!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Zahllos sind die Witze über den „Nepp“ der Restaurants, <lb/>
         allwelches Wort auf französisch <hi rendition="#aq">„coup de fusil“</hi> heißt. In <lb/>
         einem sehr eleganten Lokal in Vichy moniert ein Gast die <lb/>
         Rechnung. „Sie haben mir da für Keks fünf Francs auf-<lb/>
         geschrieben, ich habe aber gar keine gehabt!“ – „Ver-<lb/>
         zeihung!“ sagt der Ober, „darf ich um die Rechnung bitten? <lb/>
         Ich werde das gleich in Ordnung bringen.“ Auf der ver-<lb/>
         besserten Rechnung steht: Keks vier Francs.</p>
      <p>
        <lb/>
         Etwas fehlt dem französischen Witz fast völlig. Das ist <lb/>
         die exzentrische Überkugelung, wie wir sie in amerikanischen <lb/>
         und irischen Witzen antreffen. Findet man in den Anekdoten-<lb/>
         sammlungen dergleichen, so kann man darauf schwören, daß <lb/>
         die Geschichte aus dem Englischen übersetzt ist. So diese von <lb/>
         dem weltberühmten Zwerg Tom Puce, der eines Tages in <lb/>
         London zufällig im selben Hotel abgestiegen war wie der be-<lb/>
         rühmte französische Sänger Lablache, ein Hüne von etwa <lb/>
         zwei Meter Höhe. Da war nun eine neugierige londoner <lb/>
         Dame, die wollte die kleine Weltattraktion einmal besichtigen, <lb/>
         ließ sich im Hotel die Zimmernummer geben, irrte sich in der <lb/>
         Tür und stand nun fassungslos vor diesem Gaurisankar. <lb/>
         „Ich … ich wollte den Zwerg Tom Puce sehen!“ – „Der <lb/>
         bin ich, gnädige Frau!“ – „Sie? Sie sind der Zwerg Tom <lb/>
         Puce?“ – „Nur im Theater, gnädige Frau; zu Hause mach <lb/>
         ich es mir bequem!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Kind beider Welten, der französischen und der eng-<lb/>
         lischen, scheint dieses Zwiegespräch zu sein: Der Kontrolleur: <lb/>
         „Sie haben ein Billett dritter Klasse, werte Dame, und hier <lb/>
         ist erste Klasse!“ – „Entschuldigen Sie“, sagt die Dame, <lb/>
         „ich dachte, ich wäre in der zweiten.“</p>
      <p>
        <lb/>
         So. Nun sind da noch viele schöne Geschichten, die ich
        <pb facs="#0159" n="156"/>
        <lb/>
         nicht erzählt habe, wegen Unpassendlichkeit derselben. Aber <lb/>
         es dürfte nun genug sein. Und wenn ich durch diese Zeilen nur <lb/>
         das Repertoire einiger Conferenciers bereichert habe, so fühle <lb/>
         ich mich für meine gesamte Arbeit reichlich belohnt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Bilderausstellung eines Humoristen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wie es Sonntagsreiter gibt – so gibt es Sonntagsmaler. <lb/>
         Deren Bilder hat der französische Schriftsteller Georges <lb/>
         Courteline sein Leben lang gesammelt. Und diese Samm-<lb/>
         lung ist ausgestellt, bei Bernheim-Jeune in Paris in der <lb/>
        <hi rendition="#aq">Rue du Faubourg St. Honoré</hi>. Das ist die merkwürdigste <lb/>
         Bilderausstellung, die ich seit langem zu sehen bekommen habe.</p>
      <p>
        <lb/>
         Courteline, ein Franzose mit Humor, ist Jahr um Jahr <lb/>
         friedlich auf dem linken Ufer in die kleinen Antiquitätenläden <lb/>
         gegangen, hat hier herumgestochert und hat da Zeit vertrö-<lb/>
         delt, hat Dilettanten besucht und malende Schutzleute, malende <lb/>
         Gasarbeiter, malende Volksschullehrer – ja, sogar malende <lb/>
         Zollbeamte. Denn er hat wirklich und wahrhaftig einige <lb/>
         Rousseaus besessen, aber er hat sie zu früh verkauft, und <lb/>
         weil er Humor sein eigen nannte, wird er wohl nicht geweint <lb/>
         haben. Heute sind sie viel Geld wert. <hi rendition="#aq">That is the humour <lb/>
           of it</hi>. Jedoch, was ihm geblieben ist, das ist schon heiter <lb/>
         genug.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die ganze Menschengüte dieses seltenen Mannes spricht <lb/>
         aus der Bemerkung, mit der er jetzt in den französischen Zei-<lb/>
         tungen dagegen protestiert, daß man seine Sammlung ein <lb/>
         „Schreckenskabinett“ benenne – und das ist sie auch wirk-<lb/>
         lich nicht. Er hat diese Bilder Namenloser lieb gehabt, und <lb/>
         tatsächlich ist ja solche Pinselei nur durch einen haardünnen <lb/>
         Strich von manchen großen Werken getrennt. Sehr schwer
        <pb facs="#0160" n="157"/>
        <lb/>
         zu sagen, wo die blinde Naivität aufhört und die Kunst be-<lb/>
         ginnt. Perlen hängen da an den Wänden bei Bernheim.</p>
      <p>
        <lb/>
         Den malenden Laien reizt vor allem die Anekdote sowie das <lb/>
         Gegenständliche. Diese Bilder erzählen entweder eine Ge-<lb/>
         schichte, oder sie bilden die Natur, den Menschen, die Tiere, <lb/>
         die Sachen mit einem solchen Respekt ab, daß nur das <lb/>
         mangelnde Können zum Lachen reizt, nicht die Auffassung, <lb/>
         nicht die Anschauung. Vom Auge bis zum malenden Arm war <lb/>
         es einfach zu weit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Landschaft aus der Auvergne … ach, wenn die <lb/>
         Natur so schön wäre! Wenn wir sie noch so sehen könnten! <lb/>
         Eine Zwergenfamilie … das heißt: man weiß bei dieser <lb/>
         Art Privatperspektive der Herren Sonntagsmaler nie, ob es <lb/>
         Zwerge, Kinder oder Verzeichnete sind, die da stehen. Ganz <lb/>
         ersten Ranges: die Ermordung der Familie Kink durch Herrn <lb/>
         Mörder Troppmann.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mörder Troppmann steht inmitten einer düstern Nacht-<lb/>
         landschaft, in deren Hintergrund ein einsames, hohes, weißes <lb/>
         Haus sehr unheimlich leuchtet. Auf dem Boden liegen blutig <lb/>
         Vater, Mutter und viele Kinder, sie sind sämtlich sorgfältig <lb/>
         rot angemalen, damit man auch weiß, was hier vor sich <lb/>
         geht. Mörder Troppmann ist grade im Begriff, einen Kna-<lb/>
         ben, den er am Schlafittchen hat, niederzumachen; sogar seine <lb/>
         Manschetten hat sich der Kerl besudelt, wie weit geht doch die <lb/>
         menschliche Verworfenheit! Der Mond bricht – also darauf <lb/>
         legt der Maler das größte Gewicht – der Mond bricht <lb/>
         durchs Gewölk, das ist bei Morden so. Es ist ein sehr lehr-<lb/>
         reiches Bild.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Badebild mit weißer Hosenromantik; wunderschöne <lb/>
         Soldatenbilder – merkwürdig, wie oft das Militär, das bunte, <lb/>
         dazu dient, leere Köpfe zu füllen; seltsame Anklänge an James <lb/>
         Ensor, Bilder mit zahllosen kleinen visionären Männer-
        <pb facs="#0161" n="158"/>
        <lb/>
         chen; am allerschönsten die Blumenstücke und die klaren Land-<lb/>
         schaften. Wir wollen uns nichts vormachen: so mancher sno-<lb/>
         bistische Salon fiele brav herein, präsentierte man ihm diese <lb/>
         Gemälde als letzte Neuheit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man kann diese Bilder kaufen; nun gehn sie in alle Welt <lb/>
         und werden in Privatgalerien hängen und in Vorhallen, in <lb/>
         Arbeitszimmern – sie werden lächeln machen und nachdenken.</p>
      <p>
        <lb/>
         Daß Georges Courteline so etwas gesammelt hat, wundert <lb/>
         keinen, der diesen Mann kennt und liebt. Er ist übrigens <lb/>
         nicht der einzige; so hat zum Beispiel der Maler Maurice <lb/>
         Vlaminck etwas Ähnliches – aber Courteline ist kein Maler. <lb/>
         Er ist ein Dichter, und was für einer!</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Schönste, das Allerschönste an dieser Ausstellung steht <lb/>
         im Katalog, den Robert Rey, der Kunsthistoriker vom <lb/>
         Luxembourg, sehr klug eingeleitet hat. Das ist das Wappen, <lb/>
         das sich Courteline selbst entworfen hat. Ein heraldischer <lb/>
         Scherz mit Spaßlöwen und Scherzornamenten, nichts Be-<lb/>
         deutendes. Aber unten, unter dem Wappen, zieht sich ein <lb/>
         gemaltes Band, und auf dem steht ein Spruch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Auf dem steht, Georges Courteline, der Spruch Ihres <lb/>
         Lebens, und – verzeihen Sie – der des meinen auch. Nie <lb/>
         wird mir einer glauben, daß dieselben Worte, genau dieselben <lb/>
         Worte, seit Jahren in meinem Arbeitsbuch stehn, vorn auf <lb/>
         der ersten Seite. Ihr ganzes Wesen ist darin, Courteline, <lb/>
         genau das, um dessentwillen wir Sie lieben. Es sind nur zwei <lb/>
         Worte und eine ganze Welt. Die Worte heißen:</p>
      <p>
        <lb/>
         „<hi rendition="#aq">Et après –?</hi>“</p>
      <p>
        <lb/>
         Na und –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Welt verachten – das ist sehr leicht und meist ein <lb/>
         Zeichen schlechter Verdauung. Aber die Welt verstehen, sie <lb/>
         lieben und dann, aber erst dann, freundlich lächeln, wenn <lb/>
         alles vorbei ist –: das ist Humor. Courteline, Sie sind
        <pb facs="#0162" n="159"/>
        <lb/>
         „nur“ in der <hi rendition="#aq">Académie Goncourt</hi> gewesen, und nicht in der <lb/>
         „großen“ Akademie, nicht in der richtigen – <hi rendition="#aq">et après</hi>? Ich <lb/>
         weiß auch, daß manche meiner Landsleute Sie viel lieber haben <lb/>
         als manche Franzosen. Die Franzosen, die so sagen: „Ja, aber <lb/>
         immer diese Geschichten von Soldaten und von solchen Häu-<lb/>
         sern und von Rauchtabak und dem kleinen Café – das ist <lb/>
         gewiß sehr amüsant, ja, ja …“ und dann sprechen sie von <lb/>
         ihrer gebildeten Literatur, von ihrer feinen, so psychologischen <lb/>
         Literatur. Viele aber lieben Sie.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich weiß nicht, ob Ihre Geschichten auf deutsch wirken, und <lb/>
         ob das herauskommt, was in ihnen an Weisheit ist, an Güte, <lb/>
         an Skeptizismus, an Schmerz, an optimistischer Hoffnungs-<lb/>
         losigkeit. Wie im „<hi rendition="#aq">Train de 8 h 47</hi>“ die Soldaten, die endlich, <lb/>
         endlich eine Dienstreise machen dürfen, sich im Coupé be-<lb/>
         nehmen wie die losgelassenen Jungens, unanständige Lieder <lb/>
         braven Damen, die einsteigen wollen, ins Gesicht brüllen: <lb/>
         Braaaah! – und durch ihr tölpelhaftes Geschrei überhören, <lb/>
         daß sie umsteigen müssen und sich verfahren … und wie das <lb/>
         alles vor Echtheit blinkt und knallt … wie das fugenlos <lb/>
         stimmt! Oder wie in der einzigen Geschichte von den „<hi rendition="#aq">Ronds-<lb/>
           de-Cuir</hi>“ (den Bureaukraten) der kleine Roman auf der Erde <lb/>
         anhebt, ganz real, o so wirklich! und sich dann langsam in <lb/>
         den hellen Wolken des Wahnsinns verliert, um wieder zurück-<lb/>
         zukehren … Möglich, daß man das überhaupt nicht über-<lb/>
         setzen kann, nur nachdichten, vor allem: nur nachfühlen. <lb/>
         „<hi rendition="#aq">Un homme de mon age …!</hi>“ protestiert ein Beamter wäh-<lb/>
         rend eines Streites. Und der Gegner: „<hi rendition="#aq">Taisez-vous, homme <lb/>
           de votre age!</hi>“ Das ist ein blitzender Kreisel an Ironie. Wie <lb/>
         in den zahllosen Ausgaben der kleinen Szenen („<hi rendition="#aq">Théâtre</hi>“) <lb/>
         fast in jedem Dialog, fast in jeder kleinen Szene ein Satz, <lb/>
         eine Wendung weit, weit über den Ulk hinausgeht, wie auf <lb/>
         einmal ein Herz klopft, wo eben nur noch ein lachender
        <pb facs="#0163" n="160"/>
        <lb/>
         Mund war – das bringt uns Deutschen den Courteline so <lb/>
         nahe. Ich habe „<hi rendition="#aq">Boubouroche</hi>“ in der „<hi rendition="#aq">Comédie Fran-<lb/>
           çaise</hi>“ gesehen und habe auf die Bühne springen wollen, um<lb/>
         den Leuten zu sagen, wie man das spielt. Also fühlen wir es <lb/>
         anders, also legen wir in diese Vase andre Blumen hinein – <lb/>
         und wenn sie tausendmal nicht auf französischem Boden ge-<lb/>
         wachsen sind: Victor Arnold hat den <hi rendition="#aq">Boubouroche</hi> gespielt, <lb/>
         und da wollen wir eine kleine Minute Schweigen einlegen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, Courteline. Alles, was ich von ihm weiß, entspricht <lb/>
         genau seinem Wappenspruch. Er war unneugierig, er schrieb <lb/>
         nicht sehr viel, man durfte ihn, wenn man will, getrost faul <lb/>
         nennen – aber das, was er gemacht hat, ist voll von Leben. <lb/>
         Und bei allem Gefühl für das nötige Pathos, das um eine <lb/>
         Geburt, um einen Schicksalsschlag, um Geld und um den Tod <lb/>
         ist, er ist so schön pathoslos. Es ist nicht die flaue und billige <lb/>
         Überlegenheit des Spießers – es ist die echteste Überlegenheit <lb/>
         des großen Künstlers.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie malen und malen. Sie dichten, komponieren, schmieren <lb/>
         Papier voll und streiten sich um Richtungen, das muß sein. <lb/>
         Sie sind expressionistisch und supranaturalistisch; sie sitzen <lb/>
         neben dicken Damen auf dem Sofa, kriegen plötzlich lyrische <lb/>
         Kalbsaugen und sprechen mit geziertem Mündchen, sie sind <lb/>
         feige und lassen sich verleugnen oder lügen telephonisch; sie <lb/>
         dirigieren Sinfonien und fangen einen kleinen Weltkrieg an, <lb/>
         und sie haben für alles eine Terminologie. Welche Auf-<lb/>
         regung –! Welcher Eifer –! Welcher Trubel –! Horch: <lb/>
         sie leben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du aber, Georges Courteline, sitzt wie ein Buddha, eine <lb/>
         Handbreit über der Erde, die du so genau kennst, träumst <lb/>
         Tarock und hörst schläfrig aus dem Nebenraum des kleinen <lb/>
         Cafés die Billardkugeln klappern. Zu Hause wartet deine <lb/>
         Frau – die gute. Es ist spät, nun wirst du bald heim-
        <pb facs="#0164" n="161"/>
        <lb/>
         gehen. Aus einem Augenwinkel aber, man sollte es gar nicht <lb/>
         glauben, blitzt es wie ein Blick über die Erde, weit über die <lb/>
         Erde, über die <hi rendition="#aq">Académie Française</hi>, die so fein ist, und über <lb/>
         die kleinen Damen der Straße, die gar nicht fein sind – du <lb/>
         hörst das Leben. Und ein Lächeln rieselte dünn unter deinem <lb/>
         Schnurrbart hinweg. Du denkst deinen Wappenspruch. Du <lb/>
         denkst:</p>
      <p>
        <lb/>
         „<hi rendition="#aq">Et après</hi>? Na und –?“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Gallenbittre</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Beim Kaiser Franz Joseph war Langlebigkeit schon beinahe <lb/>
         ein Verdienst: zu denken, was er alles miterlebt hatte! Man <lb/>
         tut bei alten Leuten gern so, als wären sie wirklich Teil-<lb/>
         nehmer an allen den Ereignissen gewesen, die sich da zu ihren <lb/>
         Lebzeiten abgespielt haben – als ob Kriege, Friedensschlüsse, <lb/>
         Morde und Hochzeiten nicht einfach kalendermäßig an ihnen <lb/>
         vorbeigeglitten wären.</p>
      <p>
        <lb/>
         George Clemenceau aber hat teilgenommen. Der dreißig-<lb/>
         jährige Arzt war zur Zeit der Pariser Kommune Bürger-<lb/>
         meister eines Arrondissements auf Montmartre – und was <lb/>
         ist seitdem nicht durch seine Hände gegangen, woran hat er <lb/>
         nicht alles mitgewirkt! Es gehört schon die ganze politische <lb/>
         Instinktlosigkeit kleiner nationaler Provinzler dazu, ununter-<lb/>
         brochen gegen Poincaré zu donnern und dabei zu vergessen, <lb/>
         wer der Papa des Friedens von Versailles gewesen ist. <lb/>
         Wer –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein gallenbitterer, allem Pathos abholder, böser Knabe: <lb/>
         Arzt, Politiker, Journalist, Angreifer, Besetzer eroberter <lb/>
         Stellungen, hartnäckig wie ein Büffel, geschmeidig – und <lb/>
         dann ein alter Mann, der still seine Devisenspekulationen
        <pb facs="#0165" n="162"/>
        <lb/>
         begießt. Er züchtet auch Rosen und liebt ihre Hausse. Me-<lb/>
         moiren –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber er hat eine Fülle von gesprochenen Memoiren hinter-<lb/>
         lassen, und das sind seine Witzworte: lange harte fünfzöllige <lb/>
         Nägel, die er erbarmungslos in die Köpfe der Gegner trieb. <lb/>
         Das Buch „<hi rendition="#aq">L’Esprit de Clemenceau</hi>“, von Léon Treich ge-<lb/>
         sammelt und in der Librairie Gallimard zu Paris erschienen, <lb/>
         ist ein Nagelkasten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es beginnt mit einer Stecknadel. Im Jahre 1906 war <lb/>
         Clemenceau Minister des Innern, und er ging mit seinem <lb/>
         ersten Bureaudirektor von Saal zu Saal, morgens um zehn Uhr. <lb/>
         Alle Tische waren leer – so früh fingen die Herren nicht an. <lb/>
         Der Chef sagte kein Wort. Im dritten Saal saß ein Beam-<lb/>
         ter, aber der schlief. Der Bureaudirektor wollte den Mann <lb/>
         wecken. „Tun Sie das nicht!“ sagte Clemenceau. „Sonst <lb/>
         geht er auch noch weg.“ Aber dann werden die Stecknadeln <lb/>
         dicker, und nun kommen die Nägel. Da war Clemenceau <lb/>
         schon Ministerpräsident, als er mit seinem ganzen Kabinett <lb/>
         bei einem Senator zur Jagd eingeladen war. Neben ihm saß <lb/>
         ein Romanschriftsteller. „Sind Sie ein großer Jäger vor dem <lb/>
         Herrn?“ fragte ihn Clemenceau. „Ich schieße miserabel“, ant-<lb/>
         wortete der. „Ich habe immer Furcht, meinem Nachbar eins <lb/>
         aufzubrennen.“ Da machte Clemenceau eine liebenswürdige <lb/>
         Handbewegung auf alle seine Minister hin und sagte: „Bitte <lb/>
         bedienen sie sich!“ Und zum Hausherrn: „Geben Sie ihm <lb/>
         einen recht guten Platz, nicht wahr?“ Es ist ein Humor mit <lb/>
         der Zitrone im Wappen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eines Tages kam Herr Mandel, sein getreuer Adlatus zu <lb/>
         ihm – es wäre zu langwierig, hier auseinanderzusetzen, wer <lb/>
         Herr Mandel war, kurz: Herr Mandel – und bat den Alten <lb/>
         um einen Rat. Er wolle zum Journalismus. Darauf Clemen-<lb/>
         ceau: „Schreiben kann jeder. Machen Sie hübsche, kurze
        <pb facs="#0166" n="163"/>
        <lb/>
         Sätze: Verbum, Subjekt, Objekt …“ Pause. Dann: „Wenn <lb/>
         Sie ein Adjektiv schreiben wollen, kommen Sie vorher zu mir!“ <lb/>
         Seine Journalisten kannte er. Als er noch Direktor der <lb/>
         „Aurore“ war, wurde auf seine Veranlassung in den Redak-<lb/>
         tionsräumen ein Schild angepappt: „Die Herren Redakteure <lb/>
         werden gebeten, nicht eher aus dem Dienst zu gehen, als bis <lb/>
         sie gekommen sind.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Und nur hier und da liegt zwischen den Nägeln eine harm-<lb/>
         lose kleine Eisenkugel, die da zur Erinnerung aufbewahrt ist. <lb/>
         So erzählt Clemenceau von einem seiner Besuche an der <lb/>
         Front, wo ihn ein Hauptmann durch die Gräben führte. Der <lb/>
         brachte sich reinweg um: „Vorsichtig, Herr Präsident! Hier <lb/>
         muß man sich etwas bücken! Bitte, hier ist eine Stufe …“ <lb/>
         Und alles das ganz, ganz leise. Schließlich fragte der „Tiger“, <lb/>
         natürlich ebenso leise: „Sind wir denn ganz nahe an den <lb/>
         feindlichen Gräben, daß Sie so leise sprechen?“ – „Aber nein, <lb/>
         Herr Präsident“, flüsterte der Hauptmann. „Die Deutschen sind <lb/>
         ein paar Kilometer von hier. Ich bin nur furchtbar erkältet!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Nägel, Nägel. So bekam er eines Tages die Zuschrift einer <lb/>
         großen Zeitung, die eine Enquete machte, zur Abwechselung <lb/>
         so: „Was halten Sie von der gegenwärtigen Regierung?“ <lb/>
         Clemenceau nahm einen Briefbogen und schrieb: „Sehr <lb/>
         geehrte Herren! Wie können Sie nur glauben, daß ich <lb/>
         meiner Meinung über Politiker Ausdruck geben würde, die <lb/>
         grade an der Macht sind?“ Unterschrift. Aber bevor er den <lb/>
         Brief zuklebte, nahm er ihn doch noch einmal her und schrieb <lb/>
         ein Postskriptum. 0+0+0+0=0.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Im großen und ganzen kann man das Urteil von Lloyd <lb/>
         George nur unterschreiben, der von dem „<hi rendition="#aq">dear old tiger</hi>“ <lb/>
         gesagt hat: „Herr Clemenceau ist ein furchterweckender Greis. <lb/>
         Jedesmal, wenn ich ihn sehe, hat er ein Jahr weniger auf <lb/>
         dem Buckel und eine Klaue mehr.“ Das ist richtig, denn
        <pb facs="#0167" n="164"/>
        <lb/>
         grade die Urteile über die jüngsten Zeitgenossen sind die schärf-<lb/>
         sten. Vom Ministerium Herriot im Juni 1924: „Die armen <lb/>
         Verwandten“, eine nicht auszuschöpfende Bosheit. Und sind <lb/>
         nicht in diesem Diktum die zwei Männer, um die es sich han-<lb/>
         delt, beinah völlig eingefangen? „Dieser Poincaré … der weiß <lb/>
         alles, alles, alles – aber er versteht nichts. Briand weiß <lb/>
         nichts, nichts – aber er versteht alles.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Mitunter haben ihn die andern ebenso scharf beurteilt, und <lb/>
         er hat es nie übel genommen, im Gegenteil. Nach der blen-<lb/>
         denden Rede eines jungen Politikers im Palais Bourbon be-<lb/>
         glückwünschte Clemenceau seinen Kollegen und sagte ihm <lb/>
         lächelnd: „Ein ausgezeichnetes Debut, junger Mann. Kommen <lb/>
         Sie an mein Herz!“ Der andre verzog keine Miene: „Das <lb/>
         kann ich nicht, Herr Präsident. Ich habe den <hi rendition="#aq">horror vacui</hi>.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Dieses Herz war leer. Über das Gehirn läßt sich streiten. <lb/>
         Für den Frieden von Versailles, wo die Hartnäckigkeit eines <lb/>
         alten Mannes die Erfüllung einer Jugendsehnsucht erzwang, <lb/>
         ohne daß er bedachte, wie inzwischen alles anders geworden <lb/>
         war, für diese anachronistische Tat erscheint mir nichts so be-<lb/>
         zeichnend wie jene kleine Geschichte, in der erzählt wird, daß <lb/>
         ein Justizminister im französischen Parlament plötzlich ohn-<lb/>
         mächtig wird. Man schickte nach einem Arzt. Zufällig kam <lb/>
         Herr Clemenceau vorbei. „Was gibt es denn? … Weiter <lb/>
         nichts? Lassen Sie mich sehen, ich bin Arzt.“ Er untersuchte <lb/>
         den leblos Hingestreckten, hob dessen Augenlid, zuckte die <lb/>
         Schultern und gab die Diagnose. „Nichts. In fünf Minuten <lb/>
         ist alles wieder in Ordnung.“ Sprachs und ging davon. <lb/>
         Etwas später kam der diensttuende Arzt und untersuchte <lb/>
         seinerseits. Der Minister war tot.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vielleicht hat der Tiger selbst gewußt, daß seine Diagnosen <lb/>
         nicht immer gestimmt haben, und in einem Schlußwort ist <lb/>
         mehr Wahrheit, als er selber weiß. Jemand machte ihm ein
        <pb facs="#0168" n="165"/>
        <lb/>
         Kompliment über seine Klugheit. „Aber ich bin nicht klug“, <lb/>
         sagte der damalige Ministerpräsident. „Sehen Sie, wenn ich <lb/>
         klug wäre – wissen Sie, was ich dann täte? Ich würde <lb/>
         noch heute abend sterben. Dann wäre ich wenigstens sicher, <lb/>
         eine schöne Leiche zu haben. Aber wenn ich nur bis über-<lb/>
         morgen warte …“</p>
      <p>
        <lb/>
         Er hat bis übermorgen gewartet, und Europa wird seines <lb/>
         Erbes nicht froh.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Mittler</hi></p>
      <cit>
        <quote><lb/>
           Er (Hermann Löns) erzählte mir, sein <lb/>
           Verleger wäre gekommen, hätte ihm ein Ge-<lb/>
           dicht von Rainer Maria Rilke gezeigt und <lb/>
           gesagt: „So etwas müßten wir auch mal <lb/>
           haben!“ </quote>
        <bibl>
          <lb/>
          <hi rendition="#i">Meine Erinnerungen an Hermann Löns</hi>
          <lb/>
          <hi rendition="#i">von Elisabeth Löns-Erbeck</hi>  </bibl>
      </cit>
      <p>
        <lb/>
         Diese Zeit steht im Zeichen des Kommissionärs – auch ihre <lb/>
         Kunst wird von ihm regiert.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir unterscheiden zweierlei Arten von Vermittlern: den <lb/>
         künstlerischen und den geschäftlichen Vermittler.</p>
      <p>
        <lb/>
         Von der Überschätzung des künstlerischen Mittlers – des <lb/>
         Regisseurs, des Kapellmeisters – ist viel gesagt worden. Daß <lb/>
         seine Schätzung gegen früher gestiegen ist, ist gerechtfertigt; <lb/>
         die Werke des Theaters und des Kinos sind immer mehr zu <lb/>
         falschen Kollektivkunstwerken geworden, bei denen jeder jedem <lb/>
         drein redet und zum Schluß keiner schuld sein will, wenn es <lb/>
         ein Mißerfolg geworden ist. Bei einem Erfolg wollen es alle <lb/>
         gewesen sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der künstlerische Vermittler drängt das Werk und den Ur-
        <pb facs="#0169" n="166"/>
        <lb/>
         heber des Werkes völlig an die Wand; das Werk wird Anlaß <lb/>
         und Vorwand. Es ist ja ganz gut und schön, daß Beethoven <lb/>
         und Shakespeare gelebt haben – vorneweg aber marschieren <lb/>
         Karlheinz Martin und Furtwängler, Reinhardt und Bruno <lb/>
         Walter. Der Vater des Werkes wird nicht gefragt, sein <lb/>
         Wille gilt nichts, sein Kind ist nun im Waisenhaus, und der <lb/>
         Vorstand wird das Kind schon schaukeln. Sie dichten auch <lb/>
         mit, die Herren, sie lassen fort und fügen ein – sie haben <lb/>
         Vaterstelle übernommen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Zu dieser erfreulichen Gesellschaft der plurium gesellt sich <lb/>
         der Schauspieler, der heute, wie in allen Zeiten bürgerlicher <lb/>
         Schwäche und behördlicher Diktatur, maßlos überschätzt und <lb/>
         in seinen Spitzenleistungen ebenso überzahlt wird. Das führt <lb/>
         zum Startum, und da die meisten Schauspieler gar nicht im-<lb/>
         stande sind, ohne die Führung eines gebildeten Tyrannen in <lb/>
         den Geist eines Stückes wirklich einzudringen, erleben wir die <lb/>
         Vergewaltigung von Kunstwerken oder ihre Ersetzung durch <lb/>
         Trapeze, die das garantieren, was jene eine Wirkung nennen. <lb/>
         Der Satz Reinhardts: „Das Theater gehört dem Schauspie-<lb/>
         ler“ ist gefährlich und noch dazu unrichtig: der Schauspieler <lb/>
         sei Diener am Werk. (Freilich muß eines da sein.) Was der <lb/>
         Schauspieler heute treibt, ist in fast allen Fällen Herausstel-<lb/>
         lung der eignen Person, und das ist begreiflich; aber er tut es <lb/>
         auf Kosten des Dichters, und das ist ungehörig. Sie scheren <lb/>
         sich den Teufel um die Absichten des Dichters – wenns gut <lb/>
         geht, um die des Regisseurs, der wiederum seinerseits auf das <lb/>
         Opus pfeift, das er da in Szene setzt. Sie sprechen kaum die <lb/>
         Sätze ihrer Rolle – „Da sage ich einfach …“ und dann <lb/>
         kommt irgend eine Monstrosität, an die der Dichter nicht im <lb/>
         Traum gedacht hat. Aber es „wirkt“. Es ist eine leerlaufende <lb/>
         Schauspielkunst: in den meisten Fällen versteht der Geschäfts-<lb/>
         Schauspieler nicht, was er spricht, es ist ihm auch völlig
        <pb facs="#0170" n="167"/>
        <lb/>
         gleichgültig – er sagts aber schön auf. Früher hat man mit <lb/>
         den Rrs gerollt; heute zerlegen sie den unverstandenen Text <lb/>
         in tausend kleine und grobe Einzelwirkungen, grob noch in <lb/>
         der Diskretion. So ist auch ihr übertrieben großer Einfluß <lb/>
         auf das Repertoire und den Wortlaut der Stücke von größtem <lb/>
         Übel. Der Star ist ein miserabler Dramaturg.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber so, wie der Urheber des dramatischen Werks auf den <lb/>
         Schauspieler herunterkommt, passiert jeder Künstler eine andre <lb/>
         Leidensstation, die weit, weit gefährlicher, peinlicher, übler und <lb/>
         hemmender ist: er hat zuvor mit dem geschäftlichen Ver-<lb/>
         mittler zu kämpfen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mann, der aus dem Kunstwerk eine Ware macht, also <lb/>
         für den Produktionsprozeß in der Kunst unerläßlich notwen-<lb/>
         dig ist, hat seit langem seine Grenzen überschritten – er maßt <lb/>
         sich heute Rechte an, die ihm nicht zustehn. Der Kaufmann <lb/>
         ist nicht mehr dienendes Glied in der Kette, nicht mehr gleich-<lb/>
         berechtigter Faktor auf dem weiten Weg zwischen Künstler <lb/>
         und Publikum: er herrscht. Wie macht er das?</p>
      <p>
        <lb/>
         Er macht das elend schlecht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Damit es hier nun keine Mißverständnisse gibt: ich glaube <lb/>
         nicht daran, daß etwa die unentdeckten Talente haufenweise <lb/>
         herumlaufen, nur, weil die Kaufleute grobkalibrige Dumm-<lb/>
         köpfe sind. Das ist nicht richtig. Genies können untergehn; <lb/>
         Talente kommen hoch – man braucht sie nämlich und man <lb/>
         ist meist froh, wenn man sie hat. Jeder Mann vom Bau, <lb/>
         der den Posteingang einer Redaktion und eines dramatur-<lb/>
         gischen Bureaus kennt, wird mir beistimmen, wenn ich sage: <lb/>
         Man brauchte das Zeug eigentlich gar nicht zu lesen; man <lb/>
         tuts aus Pflichtbewußtsein, verloren hat man da nicht viel. <lb/>
         Die Talente werden also nicht im Dunkel gelassen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Kaufmann sieht, was ein Talent ist, – er hörts min-<lb/>
         destens von andern, er will ja den Erfolg, an dem er bren-
        <pb facs="#0171" n="168"/>
        <lb/>
         nend interessiert ist. Aber er verdirbt die Talente. Das <lb/>
         Schlimme ist, daß er, in der Literatur, am Theater und be-<lb/>
         sonders im Film, den sogenannten Geschmack des Publikums <lb/>
         zu kennen glaubt. Er kennt einen: den niedrigsten. Auf dem <lb/>
         spekuliert er unaufhörlich herum – und er denkt und rechnet <lb/>
         nur in Schablonen. Hat er einmal gesehen, daß im „Potem-<lb/>
         kin“ eine Szene gewirkt hat, in der man nur Soldatenstiefel <lb/>
         in der Großaufnahme sieht, dann will er überall seine Solda-<lb/>
         tenstiefel haben. Er weiß, daß das vielbeschriene Dienst-<lb/>
         mädchen in Glauchau gern weint, nun will er seine weiner-<lb/>
         lichen Schmierszenen … und im niedersten Bezirk der Kunst <lb/>
         hat er damit recht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Solange sie noch zynisch sind, gehts ja an. Einer dieser <lb/>
         gehauten Jungen hat neulich einmal gesagt: „Hier an dieser <lb/>
         Stelle muß sich der Hufschmied verlegen herumdrehn und ein <lb/>
         bißchen weinen … das hat das Publikum gern.“ – „Warum <lb/>
         hat das Publikum das gern?“ fragte ein intelligenter Schau-<lb/>
         spieler. „Weils nicht wahr ist“, sagte der Direktor.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich möchte einmal sehen, was geschähe, wenn sich ein <lb/>
         Künstler anmaßen wollte, dem Geschäftsmann in seine Bilan-<lb/>
         zen hineinzureden. Der würde mit Recht erwidern: „Herr, da-<lb/>
         von verstehen Sie nichts!“ So ähnlich liegt der Fall umge-<lb/>
         kehrt: wenn man von den verschwindenden Ausnahmen jener <lb/>
         absieht, die wirklich eine Nase für ihr Geschäft haben, dann <lb/>
         bleibt ein Haufe ewig mißmutiger, aufgeregt-müder Men-<lb/>
         schen, vor denen sich der Künstler eine Frage zu stellen hat:</p>
      <p>
        <lb/>
         Mit welchem Recht kommandiert der Mann hier eigentlich <lb/>
         herum?</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil er Geld in das Unternehmen gesteckt hat? Weil er <lb/>
         geerbt hat? Weil er nun einmal da ist?</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie sie in den Betrieb kommen, ist nicht immer klar. <lb/>
         Welche anmaßenden Ansprüche sie erheben, ist lächerlich.</p>
      <pb facs="#0172" n="169"/>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe in zwanzig Jahren Literaturarbeit allerhand ge-<lb/>
         sehn. Fast immer saß mir da ein Kaufmann gegenüber, der <lb/>
         Geld mit einer Sache verdienen wollte, von der er nicht viel <lb/>
         wußte. Er wußte nur das Gröbste, und darauf war er sehr <lb/>
         stolz. Fast immer haben wir mit Leuten zu tun, die vor allem <lb/>
         nichts riskieren wollen, und das darf ich um so klarer aus-<lb/>
         sprechen, als sie mich nicht schädigen, denn ich will nichts von <lb/>
         ihnen. Sie gehen die breit ausgetretenen Bahnen, und dann <lb/>
         wundern sie sich, wenn das Publikum nicht mitgeht. Macht <lb/>
         einer einen Sportfilm, und hat der Erfolg, dann machen sie, <lb/>
         Mann für Mann, Sportfilme, und zerstören damit die eigne <lb/>
         Konjunktur, weil der Zuschauer diese Art Filme sehr bald satt <lb/>
         bekommt. Und man muß sich vor solchen Verlegern, vor solchen <lb/>
         Theaterdirektoren, vor diesen Filmkaufleuten nur immer fragen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, haben denn diese Männer so viel Erfolg, daß sie uns <lb/>
         rechtens auf die Schulter klopfen dürfen, mit der Zigarre im <lb/>
         Mund, und dem berühmten: „Lieber Freund, glauben Sie <lb/>
         mir …?“ Ich glaube ihnen nicht; dazu gehen mir zu viel <lb/>
         von ihnen pleite.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie machen aus ihren mehr oder minder kümmerlichen <lb/>
         Bildungsbrocken das Maß aller Dinge. Sie halten ihren meist <lb/>
         klobigen Verstand für das einzig mögliche Fundament, daher <lb/>
         denn das von ihnen propagierte Kunstwerk sehr oft nicht über <lb/>
         ein gewisses Niveau herauskommen kann, nämlich das ihre. <lb/>
         Und das ist nicht hoch. Und wenn sie selbst etwas mehr Ver-<lb/>
         stand und Bildung haben: wie feige ist diese Gesellschaft!</p>
      <p>
        <lb/>
         Fünf Proteste, und die Hosen sind voll. Etwas durchsetzen? <lb/>
         Etwas der Masse aufzwingen? Ah, gar keine Spur. Und da-<lb/>
         bei spreche ich jetzt nicht etwa von gewagten und wilden <lb/>
         Experimenten, sondern nur von harmlosen Abweichungen aus <lb/>
         der Linie, nicht von Möglichkeiten, die einer gern ausprobieren <lb/>
         möchte, nicht von Neuem.</p>
      <pb facs="#0173" n="170"/>
      <p>
        <lb/>
         Sie bestehen aus Angst. Sie fürchten die Behörden, sie <lb/>
         fürchten das Publikum und die Presse, sie fürchten die Frauen <lb/>
         und die Berufsstände … und so schleift sich denn das, was sie <lb/>
         produzieren, so unerträglich ab, daß es einem zermanschten <lb/>
         Brei gleicht. Die Ufa ließ einmal triumphierend verkünden, sie <lb/>
         habe den „Blauen Engel“ erst einer Delegation des Preußi-<lb/>
         schen Philologen-Verbandes vorgeführt, die denn auch begei-<lb/>
         stert gewesen sei (weil es ja ein solches Lehrerschicksal nicht <lb/>
         gibt). Heinrich Mann hat das Buch, wenn ich nicht irre, <lb/>
         keinem Verband vorgelegt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was sie machen, sieht, um das Wort eines Arbeiters an-<lb/>
         zuwenden, der vor dem Denkmal der Kaiserin Augusta stand: <lb/>
         „Es sieht so eenjal aus.“ Es ist alles dasselbe, und man mag <lb/>
         gar nicht mehr hinsehn. Und das wundert einen nicht, wenn <lb/>
         man weiß, wie die aussehn, die es machen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie sind nicht nur feige – sie sind, was damit eng zusam-<lb/>
         menhängt, auf das höchste unsicher. Es ist meine feste Über-<lb/>
         zeugung: wenn man einem von ihnen einen großen amerikani-<lb/>
         schen Schlager im Manuskript vorlegte, und zwar vor der <lb/>
         amerikanischen Uraufführung: sie nähmen ihn nicht. Aber <lb/>
         wenn es dann ein Schlager geworden ist, dann kaufen sie ihn <lb/>
         für teures Geld. Das rührt daher, daß ihnen keine Vision <lb/>
         des Werkes und ihrer Absichten vorschwebt. Und wenn ihnen <lb/>
         einer vorher ihren eignen Film zeigen könnte, wie er nun <lb/>
         nach allen ihren Tadeln, Nörgeleien, Einsprüchen und Schwie-<lb/>
         rigkeiten werden wird: sie nähmen ihn wieder nicht und <lb/>
         lehnten ihn ab. Denn was ein andrer anbringt, erscheint ihnen <lb/>
        <hi rendition="#aq">a priori</hi> schlecht. Solch Unternehmer ist unsicher und muß un-<lb/>
         sicher sein, denn er weiß nicht, was er will. Er kann es nicht <lb/>
         wissen, denn er ist niemand. Er bedeutet für die Kunst selbst <lb/>
         wenig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Macht es Vergnügen, dieser Sorte etwas anzubieten? sie
        <pb facs="#0174" n="171"/>
        <lb/>
         auf etwas aufmerksam zu machen? Es macht keinen Spaß; <lb/>
         es ist uninteressant. Sie sagen auf alle Fälle zunächst einmal: <lb/>
         Nein. Sie ermutigen niemand, sie dopen niemand – sie <lb/>
         drücken automatisch und verbreiten schlechte Laune um sich <lb/>
         und Nervosität, die aber auch gar nichts mit dem „Tempo der <lb/>
         Zeit“ zu tun hat, sondern alles mit ihrer schlechten Verdauung, <lb/>
         ihrer Angst und ihrer Unsicherheit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und dann muß man sehen, was sie machen!</p>
      <p>
        <lb/>
         Und dann muß man sehen, was sie bejahen, was sie für <lb/>
         gut halten, was sie gern haben wollen! Es ist in den meisten <lb/>
         Fällen das Plumpste, das Dickste, das Platteste – das geht <lb/>
         ihnen ein wie Butter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es bleibe hier ausdrücklich außer Betracht, was an dieser <lb/>
         Frage eindeutig politisch ist. Daß aber diese aufgedonnerten <lb/>
         Unternehmungen der Kunstbranche, wie sie gebacken und ge-<lb/>
         braten sind, dem Künstler grundsätzlich das Verspielte aus-<lb/>
         treiben, ihm im Werk die Stille nehmen, die Feinheit und <lb/>
         das Kräftige dazu – das ist bitter. Was bleibt? Das <lb/>
         Schema bleibt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und das ist so, weil diese Art Kaufmann in seinem Betrieb <lb/>
         eine Rolle spielt, die ihm nicht zukommt. Zu diesen Kunst-<lb/>
         kaufleuten gehören übrigens genau die, die sich durch diese <lb/>
         Zeilen nicht getroffen fühlen – grade sie. Wie ja ein Halb-<lb/>
         gebildeter immer gefährlicher ist als ein Kuhkopf.</p>
      <p>
        <lb/>
         Natürlich soll der Kaufmann, der sein Geld aufs Spiel <lb/>
         setzt, eine Schlußentscheidung abgeben; darüber ist ja nicht zu <lb/>
         sprechen. Aber er delegiere seine Macht und höre auf Leute, <lb/>
         die das gelernt haben, was er treibt, ohne es gelernt zu haben. <lb/>
         Es kauft ja auch keiner Dachpappe ein, ohne selber in dieser <lb/>
         Branche Lehrling gewesen zu sein oder ohne sehr gute Fach-<lb/>
         leute gefragt zu haben, sonst meldet er eben Konkurs an.</p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Brüder da aber haben zu allem andern auch noch
        <pb facs="#0175" n="172"/>
        <lb/>
         einen geistigen Hochmut, der durch die Komplimente der Künst-<lb/>
         ler, die sie in Sold und Bewegung setzen, gefördert wird, <lb/>
         und das ist schade. Es ist schade, daß ihnen nicht einmal je-<lb/>
         mand sagt:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Käse verkaufen ist eine nützliche und vernünftige Sache. <lb/>
         Auch dazu gehören Verstand, Schnelligkeit der Entschlußkraft, <lb/>
         Kombinationsgabe und Überblick. Den hat aber der Kauf-<lb/>
         mann von heute nicht gepachtet – viele Menschen haben <lb/>
         diese Gaben. Du jedoch, du Kunstkaufmann, bist gar keiner; <lb/>
         du bist nur ein verrutschter Konfektionär, entlaufen aus einem <lb/>
         Getreidegeschäft oder aus dem Tuchhandel oder Gott weiß <lb/>
         woher. Du bist nicht legitimiert, mit uns so umzuspringen – <lb/>
         du hast nur das Geld, es zu tun. Begegne mir im Mond-<lb/>
         schein.“</p>
      <p>
        <lb/>
         So spricht kaum einer, weil fast jeder diese Vermittler <lb/>
         braucht. Es darf gesagt werden, daß sie ihre Stellung über-<lb/>
         schätzen und überschreiten und daß sie ihre Arbeit lange nicht <lb/>
         so gut tun wie jene, deren Arbeit sie vermitteln.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vermitteln ist nötig; aber es ist in den seltensten Fällen <lb/>
         eine produktive Sache. Diese Tätigkeit wird überschätzt. <lb/>
         Wesentlich für ein Kunstwerk sind Urheber und Empfänger. <lb/>
         Was dazwischen liegt, ist ein notwendiges Übel.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Zehn Gebote für den Geschäftsmann, <lb/>
           der einen Künstler engagiert</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         1.</p>
      <p>
        <lb/>
         Laß ihn in Ruhe.</p>
      <p>
        <lb/>
         2.</p>
      <p>
        <lb/>
         Überlege dir vorher, ob der Mann für deinen Betrieb <lb/>
         paßt; das machst du am besten so, daß du dir seine Werke
        <pb facs="#0176" n="173"/>
        <lb/>
         ansiehst und dich bei jedem fragst: Kann ich das gebrauchen? <lb/>
         Wenn du die Mehrzahl nicht gebrauchen kannst, dann enga-<lb/>
         giere den Mann nicht. Denn:</p>
      <p>
        <lb/>
         3.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn ein Künstler anständig ist und etwas taugt, ändert <lb/>
         er sich dir zuliebe nicht, nur weil du mit ihm einen Vertrag <lb/>
         gemacht hast – ändert er sich aber, hast du nur einen Namen <lb/>
         bezahlt, also einen Mann überzahlt.</p>
      <p>
        <lb/>
         4.</p>
      <p>
        <lb/>
         Laß ihn in Ruhe.</p>
      <p>
        <lb/>
         5.</p>
      <p>
        <lb/>
         Disponiere sorgfältig, damit sich dein Mann nicht zu über-<lb/>
         stürzen braucht – Kunst will Zeit wie eine saubere Bilanz. <lb/>
         Man kann, wenn man Pech hat, Flöhe aus dem Ärmel <lb/>
         schütteln; Kunstwerke nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         6.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du sollst den Feiertag deiner Leute heiligen: du irrst, wenn <lb/>
         du glaubst, daß es für Fremde ein Genuß ist, den Sonntag <lb/>
         in deiner Familie zu verbringen. Es ist mitnichten einer.</p>
      <p>
        <lb/>
         7.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn der Künstler, den du engagiert hast, am Werk ist, <lb/>
         halte ihm täglich fremde Arbeiten vor die Nase und fordere <lb/>
         ihn, in anerkennenden Worten für den andern, auf, der-<lb/>
         gleichen „auch mal“ zu machen. Das ermuntert ungemein.</p>
      <p>
        <lb/>
         8.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn du mit deinem Künstler verhandelst, besinne dich <lb/>
         nur nicht, daß auch du eigentlich ein Künstler seist: du hast <lb/>
         beinah studieren wollen, doch dein Vater hat dich ins Ge-
        <pb facs="#0177" n="174"/>
        <lb/>
         treidegeschäft getan … Zugegeben. Aber nimm deinen falschen <lb/>
         Ehrgeiz nicht mit ins Büro: der Künstler redet dir ja auch <lb/>
         nicht in die Abschlüsse hinein – o beschneide auch du die <lb/>
         holden Maientriebe deiner vertrockneten Kunstanschauung, <lb/>
         dieser Rose von Jericho!</p>
      <p>
        <lb/>
         9.</p>
      <p>
        <lb/>
         Höre auf die Stimme des Publikums, aber überschätze sie <lb/>
         nicht – in dir selbst muß eine Kompaßnadel die Richtung <lb/>
         anzeigen. Zwanzig Briefe aus dem Publikum sind noch nicht <lb/>
         die Volksstimmung – vergiß dies nicht, und laß die Dumm-<lb/>
         heit der Leute den Künstler nicht entgelten.</p>
      <p>
        <lb/>
         10.</p>
      <p>
        <lb/>
         Laß ihn in Ruhe.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Geschäftsmann in der Literatur</hi></p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Der Generaldirektor ergriff den Telephonhörer. „Müller!“ <lb/>
           sagte er nervös in den Apparat, „lassen Sie den großen Wagen <lb/>
           vorfahren!“</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         Seit „Soll und Haben“, das noch heute viel mehr gelesen <lb/>
         wird, als man glauben sollte, ist der Kaufmann Objekt der <lb/>
         deutschen Romanliteratur. Man müßte also denken, daß uns <lb/>
         solche Gesellschafts-Romane nun über das Wesen des Kauf-<lb/>
         manns unterrichten, über seinen Charakter und seine Ge-<lb/>
         schäfte, über die Art, wie er hochklettert oder nach unten <lb/>
         rutscht … welche Rolle spielt der Geschäftsmann in der mo-<lb/>
         dernen Literatur?</p>
      <p>
        <lb/>
         Die eines beschäftigten Liebhabers, der in den Pausen, die <lb/>
         ihm sein Innenleben läßt, mit lässiger Gebärde Schecks unter-<lb/>
         schreibt, Sekretärinnen sinnend nachsieht, im Handumdrehen
        <pb facs="#0178" n="175"/>
        <lb/>
         ganze Trusts aufkauft, einer, dem sein Geschäft eine Folie ab-<lb/>
         gibt, vor der sich seine männlichen Eigenschaften leuchtend ab-<lb/>
         heben. Gott segne ihn.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn so ist er gar nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich will nicht einmal von dem verständlichen Trick sprechen, <lb/>
         den diese Romanmacher mehr oder weniger bewußt anwen-<lb/>
         den: ihr Kaufmann ist eigentlich nichts andres als der Held <lb/>
         schlechthin, der Held aus den alten Ritterromanen; nur trägt <lb/>
         er statt eines Visiers und der Panzerrüstung das undurch-<lb/>
         dringlich glatte Gesicht des Generaldirektors und den schwar-<lb/>
         zen Sakko-Anzug, der die Vorteile seiner Figur, die trotz der <lb/>
         vierzig Jahre immer noch … kusch!</p>
      <p>
        <lb/>
         Keiner dieser Geschäftsleute wird uns in seinen Geschäften <lb/>
         gezeigt. Wir wissen nicht, welcher Art diese Geschäfte sind, <lb/>
         wir sehn nur ihre äußere Form – die aber sehn wir bis <lb/>
         auf die Metall-Lasche der schwarzen Füllfederhalter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vorfahrende Autos und Türen aufreißende Diener; stau-<lb/>
         bige Kontorräume und seidenbespannte Konferenzzimmer; die <lb/>
         Psychologie einer Schlauheit, mit der ein kleiner Hypotheken-<lb/>
         makler hinter dem Alexanderplatz auch nicht ein einziges Ge-<lb/>
         schäft zusammenbrächte; heroische Schilderungen von Indu-<lb/>
         striekapitänen, die gern im Schatten sitzen und ihre Besucher <lb/>
         ins volle Licht setzen, um mit sich dasselbe zu tun: aber alles <lb/>
         das besagt ja überhaupt nichts. Warum ist das so?</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil die Romanschriftsteller nichts vom Geschäft verstehn, <lb/>
         es sei denn, von ihrem eignen. Und über das schreiben sie <lb/>
         nicht gern Romane.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun hat aber die Entwicklung einer zustandegekommenen <lb/>
         Anleihe etwas durchaus Spannendes; um sie richtig zu schil-<lb/>
         dern, darf man allerdings nicht nur Erzähler von Liebes-<lb/>
         geschichten sein – man muß sich schon, wie Balzac und Flau-
        <pb facs="#0179" n="176"/>
        <lb/>
         bertes getan haben, über das unterrichten, was man da schil-<lb/>
         dern will. Aber sie wollen ja gar nicht, weil sie, wenn sie <lb/>
         wollten, es nicht dürften …</p>
      <p>
        <lb/>
         Wollten sie: so geht es nun nicht, wie sie es anfangen. <lb/>
         Ich zum Beispiel leide an etwas, was Harry Kahn für sich <lb/>
         „<hi rendition="#aq">economical insanity</hi>“ getauft hat – und man will sich doch <lb/>
         belernen! So möchte ich denn einmal lesen, wie das nun <lb/>
         wirklich vor sich geht, wenn Herr Direktor Achenbach zu Geld <lb/>
         kommt, und wodurch er zu Geld kommt, und wem er es weg-<lb/>
         genommen hat, und ob er sehr listenreich dabei verfahren ist <lb/>
         und wie, und worin seine Schlauheit besteht und die Dumm-<lb/>
         heit der andern, und wie er es alles gemacht hat … das <lb/>
         möchte ich wohl gern wissen. Aber niemand sagt mir das.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie sieht es im Gehirn eines jungen Syndikus aus, der wie <lb/>
         fast alle Finanzherrscher von der Seite her in die Direktorial-<lb/>
         räume gerät, weil er mit jemand verwandt ist oder weil er <lb/>
         Korpsbruder ist oder weil er eben dazu gehört. Wie arbeitet <lb/>
         er sich ein? Wie erobert er sich Schritt für Schritt den Weg <lb/>
         nach ganz oben? Wodurch? Bei welchen Gelegenheiten?</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie sieht die Geistesgegenwart aus, die der alte Thyssen <lb/>
         bei mannigfachen Verhandlungen angewandt hat, um sich die <lb/>
         Macht zu verschaffen, die sein Konzern heute hat? Was ist <lb/>
         bei diesen Leuten sauber? Was gilt noch als sauber? Was <lb/>
         nicht mehr? Wie laufen die Fäden? Wie machen sie es –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Das möchte ich erfahren. Statt dessen erfahre ich die <lb/>
         gewaltige Ignoranz der Herren Romanautoren, die uns nun <lb/>
         dartun:</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie sich der Generaldirektor räuspert und wie er spuckt; <lb/>
         daß er müde zwischen zwei Romansituationen hinwirft: „Ich <lb/>
         fahre morgen nach der Türkei, um mit einem Regierungsbe-<lb/>
         vollmächtigten über unsre Konzessionen zu verhandeln“, und
        <pb facs="#0180" n="177"/>
        <lb/>
         das imponiert dem Autor so, daß er glaubt, solch ein Zeug <lb/>
         genüge, uns einen Begriff von der Welt zu geben, die er <lb/>
         schildern sollte, aber nicht schildern kann.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt freilich Ansätze, Versuche … Erstens: „Die weiße <lb/>
         Rose“ von B. Traven. Dann ist einmal vor Jahren im Ver-<lb/>
         lag Eugen Diederichs ein anonymes Werk „Der Fenriswolf“ <lb/>
         erschienen; da hats jemand probiert. Der mir unbekannte <lb/>
         Autor gab Schriftstücke, Telegramme, Zeitungsaufsätze, um <lb/>
         auf diese Art ein großes Geschäft in den nordischen Staaten, <lb/>
         seine Entwicklungsgeschichte und seinen Aufbau zu erklären. <lb/>
         Aber es war noch nicht das Richtige. Denn geschäftliche <lb/>
         Schriftstücke sind Ergebnisse von geistigen Vorgängen, nicht <lb/>
         das unmittelbare Zeugnis der Vorgänge selbst. Da fehlen <lb/>
         die Überlegungen, die gescheiterten Pläne, die Intriguen, das <lb/>
         Hin und Her in den Gruppen, die nur nach außen geschlossen <lb/>
         auftreten, es fehlt der Dreh – das Buch war eine halbe <lb/>
         Sache. Die „Weiße Rose“ ist eine ganze. Auch in den Bud-<lb/>
         denbrooks, die ja auf etwas andres hinzielen, ist das Ge-<lb/>
         schäftliche nur ein Hintergrund. Herr Thomas Budden-<lb/>
         brook hat leichtsinnigerweise eine Ernte auf dem Halm ge-<lb/>
         kauft, und die ist verhagelt … „Du lieber Gott!“ würde <lb/>
         Christian sagen, und er hätte nicht einmal so unrecht. Wir <lb/>
         wollen mehr wissen, die Einzelheiten, alles.</p>
      <p>
        <lb/>
         Von den Unterhaltungsromanfritzen erfahren wir es nicht. <lb/>
         Ihr Generaldirektor ist immer noch der große Mann, und <lb/>
         kein Wort davon, wie der nun wieder in seiner Gruppe ein-<lb/>
         geschachtelt ist, wie er geschoben wird, wo ihn der Autor kaum <lb/>
         schieben läßt, und wie die Ressorts sich durchkreuzen; kein <lb/>
         Wort über die höchst zweifelhafte Rolle, die der Staat bei <lb/>
         alledem spielt … kein Wort. Die meisten Kaufleute sind <lb/>
         außerhalb ihres Shops und auch oft innerhalb ihres Ladens <lb/>
         große Esel und viel kindlicher, als man glauben sollte. Aber so
        <pb facs="#0181" n="178"/>
        <lb/>
         kindlich, wie es in diesen Romanen geschrieben steht, geht <lb/>
         es bei ihnen denn doch nicht her.</p>
      <p>
        <lb/>
         Früher haben sich die Romanhelden nicht gewaschen – das <lb/>
         zu erwähnen, galt als unpoetisch. Heute machen sie uns vor, <lb/>
         wie sie ihr Geld ausgeben; wie sie es verdienen, wird leider <lb/>
         nicht gesagt. Es sind Helden von des kleinen Sankt Moritz <lb/>
         Gnaden, zweidimensionale Filmfiguren, die immerzu in Autos <lb/>
         steigen und sich ihre Zigaretten nachdenklich auf der goldenen <lb/>
         Zigarettendose zurechtklopfen, gutgebügelte Herren, bei denen <lb/>
         man nur zu sehen bekommt, daß … aber nie zu sehen be-<lb/>
         kommt, wie … flächige Lebewesen aus Pappkarton ge-<lb/>
         schnitten. Balzac ließ seine Puppen sämtliche Geschäfte ma-<lb/>
         chen, die zu gutem Ende zu führen ihm versagt war. Unsre <lb/>
         Romanfabrikanten führen ihre Geschäfte zu gutem Ende, in-<lb/>
         dem sie schlechte Romane teuer verkaufen. Und so gibt es <lb/>
         viele literarische Geschäftsleute, aber es gibt – mit Ausnahme <lb/>
         der „Weißen Rose“ von B. Traven – keinen Geschäftsmann <lb/>
         in der Literatur.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Gesunde und kranke Nerven</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Versuchen wir die drei großen Systeme: Freud – Adler – <lb/>
         Jung möglichst kurz in ihrem innern Wesen (nicht in ihren <lb/>
         ausgesprochenen Lehren) zu fassen, so könnte man vielleicht <lb/>
         sagen:</p>
      <p>
        <lb/>
         In Freuds Forschungsarbeit spürt man überall den heißen <lb/>
         Atem der Großstadt. Die Überhelle, die blendende Dialektik ge-<lb/>
         hört dazu. Ein die andern nicht ruhenlassender, selbst nie <lb/>
         ruhender Großstadt-Faust.</p>
      <p>
        <lb/>
         In der Adlerschen Schule ist überall Kleinstadt; jeder sieht <lb/>
         dem Nachbar in die Fenster und kontrolliert eifersüchtig dessen <lb/>
         Lebensstandard – wobei die Geltung bei dem andern das
        <pb facs="#0182" n="179"/>
        <lb/>
         Entscheidende ist. Anheimelnde Düfte der Mittelstandsküche in <lb/>
         allen Gassen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mit Jung ist man weder in der Großstadt noch in der <lb/>
         Kleinstadt, da ist man in frischer freier Alpenluft. Der Mensch <lb/>
         als Bergwanderer nimmt zwar zeitweilig einen Führer, im <lb/>
         übrigen aber ist er auf sich selbst und die eigne Kraft ge-<lb/>
         stellt – neben ihm Fels und Erde, über ihm strahlender Him-<lb/>
         mel und kraftspendende Sonne.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Diese brillante Charakteristik findet sich in einer kleinen <lb/>
         Schrift: „Gesunde und kranke Nerven“ von Doktor L. Paneth <lb/>
         (erschienen in Max Hesses Verlag, Berlin-Schöneberg). Sol-<lb/>
         cher populärer Bücher über diesen Gegenstand gibt es viele – <lb/>
         so eines wie dieses habe ich noch nie gesehn.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Man muß den abscheulichen Mißbrauch des psychiatrischen <lb/>
         Vokabulariums wie übrigens den Mißbrauch jeder Fach-<lb/>
         terminologie in Betracht ziehen, um die Reife und Klarheit, <lb/>
         die Sauberkeit und gelassene Überlegenheit zu würdigen, die <lb/>
         in diesem Bändchen zu finden ist. Es ist ein A-B-C-Buch, <lb/>
         aber nichts ist schwerer zu schreiben als ein Lehrbuch. Lehren <lb/>
         heißt: vom innern Reichtum abgeben; man muß am Ende <lb/>
         stehen, wenn man andern den Anfang zeigen will.</p>
      <p>
        <lb/>
         Paneth, ein berliner Nervenarzt, erklärt zunächst die zeit-<lb/>
         gegebenen Vorbedingungen der Nervosität und der Neurosen, <lb/>
         Jahrgänge 1910–1930. Da ist nichts außer acht gelassen, <lb/>
         und alles ist gesagt: die wirtschaftlichen Umstände, die große <lb/>
         Stadt, die Unrast und die Maschine. Es ergibt sich daraus, <lb/>
         daß die landesüblichen Neurosen viel mehr schematisiert sind <lb/>
         als ihre Besitzer glauben, die sich alle so einmalig vorkommen. <lb/>
         Sicherlich sind ihre falschen seelischen Schaltungen unterein-<lb/>
         ander ein wenig verschieden, aber sie lassen sich doch fast alle
        <pb facs="#0183" n="180"/>
        <lb/>
         auf einen Generalnenner bringen. Paneth tut das, ohne zu <lb/>
         schematisieren. Man kann, sagt er, die gegebenen Zeitumstände <lb/>
         zwar nicht ausradieren – man kann sie aber, soweit es sich <lb/>
         nicht um unmittelbare Not handelt, teilweise überwinden. <lb/>
         Herein …? Ein Unentwegter.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Guten Tag. Nervenkrankheiten? Bürgerliche Krankheiten. <lb/>
         Kleinbürgerliche Vorurteile. Ihr Arzt ist ein Kleinbürger. Sie <lb/>
         sind auch einer. Wenn der Fünfjahresplan durchgeführt wird, <lb/>
         hört diese Schweinerei von selbst auf. Paneth läßt die gesamt-<lb/>
         wirtschaftliche Situation schon rein dialektisch außer acht; <lb/>
         seine Folgerungen sind grobe, durch die Beschränktheit des <lb/>
         bürgerlichen Gesichtskreises bedingte Fehler. Nur die materia-<lb/>
         listisch-dialektische Methode … die soziale Psychologie … <lb/>
         die kapitalistische Produktion …“</p>
      <p>
        <lb/>
         Legen Sie es bitte solange auf den Stuhl. Denn so sehr <lb/>
         wir gegen jene üble Anschauung Front machen, die die Wirt-<lb/>
         schaft ignoriert und so tut oder so tun möchte, als gebe es <lb/>
         nur die „reine Seele“, eine Anschauung, die nichts von der <lb/>
         materiellen Not, nichts vom Leid der Proletarier, nichts von <lb/>
         den Ursachen dieser Not weiß: so sehr ist es an der Zeit, den <lb/>
         Unentwegten mitzuteilen, daß man den Marxismus nicht wie <lb/>
         eine Käseglocke über die Welt stülpen kann. Er deckt sie nicht. <lb/>
         Ihr habt aus ihm eine dogmatische Religion gemacht. Wir <lb/>
         machen das nicht mit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn die Frage, die einmal durch einen Diskussions-<lb/>
         redner aufgeworfen wurde: „Psychoanalyse oder Marxis-<lb/>
         mus?“ ist etwa so intelligent gestellt wie die Antithese: Uni-<lb/>
         versität oder Krankenhaus? Kranke gehören in ein Kranken-<lb/>
         haus, Studenten auf eine Universität. Die Kreise schneiden <lb/>
         sich gar nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und hier steckt der ungeheure Fehler, der unsereinen veran-<lb/>
         laßt, dauernd nach zwei Seiten sehen zu müssen.</p>
      <pb facs="#0184" n="181"/>
      <p>
        <lb/>
         Nach rechts, wo die Bürger stehen, die alles, was auf der <lb/>
         Welt geschieht, nur an ihren wirtschaftlichen Interessen messen, <lb/>
         Leute, die diese ungeheure Hetze gegen Rußland inszenieren, <lb/>
         Menschen, denen noch die dümmste Nachricht über Rußland <lb/>
         willkommen ist, weil der Bolschewismus ihr geronnenes <lb/>
         schlechtes Gewissen darstellt, und die jedes von den unsäglichen <lb/>
         deutschen Provinzzeitungen abgedruckte Schauertelegramm über <lb/>
         Stalin mit einem Aufatmen lesen: „Gottseidank. Also brau-<lb/>
         chen wir die Löhne nicht zu erhöhen. Also ist unser Bankkonto <lb/>
         richtig. Lasset uns beten.“ Sie werden auch diese Vorbehalte <lb/>
         so auffassen. Sie haben die Philosophie ihres Geldes.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und nach links müssen wir sehn, wo unentwegte Marxi-<lb/>
         sten mit einer sicherlich großen Theorie alles heilen wollen: <lb/>
         die Krankheiten und die echten Seelennöte, an denen jeder von <lb/>
         uns zu tragen hat, die Neurosen, die aus dem Wirtschaft-<lb/>
         lichen herrühren, und jene geistigen Betriebsstörungen, die ewig <lb/>
         sind wie die Welt. Die fanatische Wut, womit jede Andeu-<lb/>
         tung abgelehnt wird, daß es vielleicht auch noch außerhalb der <lb/>
         marxistischen Gedankengänge etwas gebe, was für den Men-<lb/>
         schen von Wichtigkeit ist, läßt an die verzweifelten Versuche <lb/>
         der katholischen Kirche denken, eine stets Neues gebärende <lb/>
         Welt zu meistern. Es ist ihr, trotz allem, nicht gelungen. <lb/>
         Die unentwegten Marxisten haben die Philosophie ihrer Ge-<lb/>
         sinnung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, also Paneth. Die Heilmittel, die er für den Neurotiker <lb/>
         dieser Epoche gibt, sind klein; er sagt das auch, denn es gibt <lb/>
         nicht allzuviele solcher Medizinen. Es sind ganz einfache Dinge <lb/>
         dabei, über die nur jemand spötteln kann, der nicht weiß, was <lb/>
         Turnen und Atmen, was Meditation und was der Körper ist. <lb/>
         Das hat die Arbeitersportbewegung längst erkannt; es gibt da <lb/>
         bereits außerordentlich vernünftige Anweisungen und Beleh-<lb/>
         rungen, wie man wenigstens der kleinern Übel Herr werden
        <pb facs="#0185" n="182"/>
        <lb/>
         kann. In dem Augenblick, wo ein Unternehmer oder eine Ge-<lb/>
         werkschaft versuchen, solche Winke dazu zu mißbrauchen, sie <lb/>
         unter der Marke „Dienst an der Gemeinschaft“ an Stelle des <lb/>
         Klassenkampfes zu setzen, ist die schärfste Abwehr am Platz. <lb/>
         Lediglich als Hilfsmittel aber ist dergleichen erlaubt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Paneth spricht dann über die Neurosen des Geschlechts-<lb/>
         lebens in musterhafter und vorbildlich ruhiger Weise; wie <lb/>
         denn überhaupt dieses Buch eine Geisteshaltung aufweist, die <lb/>
         in Deutschland so ungeheuer selten ist: es ist gelassen. Paneth <lb/>
         sagt, wie es ist; er versucht, Anweisungen zu geben, aus seeli-<lb/>
         schen Schwierigkeiten herauszukommen, und eine gute Dia-<lb/>
         gnose ist ja oft eine halbe Heilung, besonders im Sexuellen. <lb/>
         Herein …? Ein Hitler-Mann.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Heil! Ihr verdammten Syrier! In jüdischer Geilheit habt <lb/>
         ihr die Psychoanalyse erfunden, um euern dreckigen Trieben <lb/>
         freie Bahn zu schaffen! Nichts ist euch heilig, während wir <lb/>
         uns sehr heilig sind. Ihr verseucht die Städte und das Land <lb/>
         mit eurer niedrigen Auffassung vom Geschlechtlichen, dem ihr <lb/>
         ohne Weihe frönt! Ihr denkt überhaupt nur an blonde Wei-<lb/>
         ber! Wir denken an schwarzgelockte Männer. (Ihr stürzt euch <lb/>
         auf die Weiber. Wir uns auf die Männer.) Ihr erkennt keine <lb/>
         Zucht an und keine Sitte. Syrier. Asiaten. Eunuchen. Schma-<lb/>
         rotzer. November-Verbrecher. Demokraten. Bolschewisten. Man <lb/>
         sollte euch schlagen, daß die rote Suppe spritzt. Im übrigen <lb/>
         sind wir die deutsche Kultur! Heil!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Na, es ist gut; hier haben Sie eine Zigarre. Nichts zeigt <lb/>
         die erschreckende Geistlosigkeit dieser deutschen Bewegung, <lb/>
         gehätschelt von den Richtern, geduldet von zahllosen Polizei-<lb/>
         verwaltungen, bezahlt von den Unternehmern, die eine Garde <lb/>
         gegen die Wut der Arbeitslosen brauchen und zwei Garden <lb/>
         gegen ihre eignen Arbeiter, bejubelt von ratlosen, aus-<lb/>
         gepowerten Proletariern, besonders auf dem Lande … nichts
        <pb facs="#0186" n="183"/>
        <lb/>
         zeigt die traurige Geistesverfassung dieser Leute so an, wie die <lb/>
         völlige Verständnislosigkeit gegenüber der Zeit, in der sie <lb/>
         leben. Sie sehen nicht. Sie hören nicht. Und der irdische Kir-<lb/>
         dorf ernährt sie doch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nicht zu spüren, wie diese Heilmethoden dem Gefühl für <lb/>
         die tiefe Not entsprungen sind, in der die Zeitgenossen stecken; <lb/>
         niemals die Sprechstunde eines Seelenarztes in der Großstadt <lb/>
         besucht zu haben; immer die eigne, sprungbereite Plumpheit <lb/>
         auf die andern zu projizieren und nicht zu begreifen, daß in <lb/>
         der Sexualität vom Grinsen bis zum Lächeln alle Stadien <lb/>
         möglich sind … man muß schon ein Hitler-Mann sein, um <lb/>
         das vollbringen zu können. Paneth steht selbstverständlich weit <lb/>
         über diesem Sumpf. Er ist für die Sittlichkeit, nicht für das <lb/>
         Muckertum.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er ist vor allem kein Hohepriester, und das macht das <lb/>
         Buch und den Mann so sympathisch. Er wirft manchen seiner <lb/>
         Berufskollegen rechtens vor, wie jeder von ihnen auf sein <lb/>
         „System“ schwört, als ob man alle Kranken nach einer einzi-<lb/>
         gen Methode behandeln könnte. Das betont auch Jung, grade <lb/>
         bei ihm ist das doppelt beachtlich, weil er die psychoanalyti-<lb/>
         schen Elemente noch in den fernen Kulturen Asiens erkennt, <lb/>
         ohne sie nun kopierend zu übernehmen. Paneth sieht die Sache <lb/>
         so an:</p>
      <p>
        <lb/>
         Der durchschnittliche städtische Mitteleuropäer befindet sich <lb/>
         fast immer im Vorstadium der Neurose. Was kann man für <lb/>
         ihn tun?</p>
      <p>
        <lb/>
         Man kann ihn analysieren. Damit ist die Sache jedoch <lb/>
         nicht abgetan, wie die extremen Freudianer glauben. Man <lb/>
         muß nicht nur analysieren, nicht nur auflösen, man muß auch <lb/>
         wieder zusammensetzen, also die von Jung geforderte Synthese <lb/>
         suchen. Man muß den Menschen zu sich selber verhelfen – <lb/>
         schon in der Soziologie Simmels findet sich die schöne Er-
        <pb facs="#0187" n="184"/>
        <lb/>
         kenntnis,daß es fast niemand zu sich selber gebracht hat. <lb/>
         Und hier zu helfen: das ist keine Aufgabe des Marxismus <lb/>
         und keine des Nationalismus – das ist eine Aufgabe der <lb/>
         Seelenkunde.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Definitionen des Panethschen Buches sind für jeden, der <lb/>
         unter sich und unter seiner Zeit leidet, eine kleine Erlösung. <lb/>
         Paneth sagt allerdings, daß es dem Neurotiker in den meisten <lb/>
         Fällen nicht möglich sein wird, sich selber zu heilen, weil er <lb/>
         sich dazu in Arzt und Patienten spalten müßte, was nicht un-<lb/>
         gefährlich ist, und weil er dann sehr viel Kraft auf diesen <lb/>
         Heilungsversuch in sich verwendet, also grade das tut, was <lb/>
         er zu tun kaum fähig ist. Es muß schon einer da sein, der den <lb/>
         Knaben an die Hand nimmt und ihn über den Damm führt. <lb/>
         Und man kann nur wünschen, daß in den öffentlichen Bera-<lb/>
         tungsstellen der Krankenhäuser viele solcher Männer säßen, <lb/>
         wie Paneth einer ist. Was zu bezweifeln sein dürfte: der <lb/>
         Durchschnittsarzt steckt noch tief im mechanistischen Darwinismus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und auch für den, der das Buch nicht aus egoistischen In-<lb/>
         teressen liest, springt viel Lehrreiches über die Zeit heraus, die <lb/>
         ja von Neurotikern repräsentiert wird. (Hier sei Hitler aus-<lb/>
         genommen; er ist nicht einmal ein Besessener. O, wäre er <lb/>
         wenigstens verdreht!) Zu Ende formuliert ist bei Paneth die <lb/>
         Definition der Zeit-Störungen; statt: Spannung – Ent-<lb/>
         spannung finden wir: Erschlaffung – Krampf; Explosionen, <lb/>
         die „nur heftig sind, aber nicht stark“ … lest das nach.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und legt das Büchlein in die richtige Schublade. Es ist <lb/>
         keine Bibel, sondern eine Fibel. Es ist der saubere Versuch, <lb/>
         auf dem Gebiet der Seelenkunde, nicht losgelöst von allem an-<lb/>
         dern, aber auch nicht fachlich überbetont, den Menschen zu h<lb/>
         elfen. Sie haben es nötig.</p>
      <pb facs="#0188" n="185"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die ausgezogene Frau</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die legitime Neigung zur Pornographie … „Sprechen <lb/>
         Sie doch deutsch, Herr!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Der verständliche Drang, auf der Liebesleiter von der <lb/>
         Freude an einem schönen Frauenkörper bis zur Geilheit hinauf-<lb break="yes"/>
         und hinunterzuklettern, hat in den illustrierten Blättern Ame-<lb/>
         rikas und Europas eine Hausse in Akten hervorgerufen, die in <lb/>
         vielen Akten an einen Akt gemahnen. Soweit schön. Ich weiß <lb/>
         auch, daß sich die Menschen nicht durch Knollen fortpflanzen <lb/>
         und daß die Frage jenes alten Herrn, der im Walde ein Lie-<lb/>
         bespaar belauschte: „Ja, macht man das denn immer noch …?“ <lb/>
         nicht so ganz berechtigt ist. Sie machen das, solange sie sind. <lb/>
         Immerhin: diese Bilder-Industrie fängt an, erheblich lang-<lb/>
         weilig zu werden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Massenhafte Pornographie ist schon dumm … Sie sollten <lb/>
         nicht versäumen, sich so etwas einmal anzusehn: es macht <lb/>
         sehr tugendhaft. Wie ödend ist aber nun erst das immer <lb/>
         gleiche Syrup-Girl, das wir da aufgetischt bekommen: im <lb/>
         Profil, von vorn, von oben und von der Mitte: manche wo-<lb/>
         gen mit den Nüstern und wissen sich vor Schönheit gar nicht <lb/>
         zu lassen; manche legen ihre ganze Seele oder was sie dafür <lb/>
         halten, in ihre gezierten Hände … und alle, alle sehen ganz <lb/>
         gleich aus. Es gibt wohl nur sechzehn verschiedene Ausfüh-<lb/>
         rungen, und man muß sehr genau hinsehn, um sie vonein-<lb/>
         ander zu unterscheiden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Brauchen das die Leute –? Es scheint so. Eine Zeit-<lb/>
         schriftennummer mit einem hübschen Mädchenkopf geht immer; <lb/>
         auch die Soldaten haben sich ja auf die hölzernen Wände <lb/>
         ihres Unterstands die gelackten Matrosenbilder und Bade-<lb/>
         schönheiten geklebt … aber das war doch noch verständlich! <lb/>
         Es war Ersatz. Was fangen aber nur heute die Kerls mit
        <pb facs="#0189" n="186"/>
        <lb/>
         diesen vielen zuckersüßen Bildern an, während doch die sicher-<lb/>
         lich reizenderen, weil nicht so glatten Originale um sie herum-<lb/>
         laufen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Das verstehst du nicht. Der Mensch hat einen Hang zum <lb/>
         Idealen. Er will nicht immer bloß Bohnensuppe essen und <lb/>
         nachher befriedigt, sagen wir, ausatmen – er will nicht <lb/>
         immer nur seine Gattin sehen, was verständlich ist: er will <lb/>
         das Gebild aus Himmelshöhen. Und das kriegt er hier nun <lb/>
         für fünfzig Pfennig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Meist ist es halbnackt, und wenn es ganz nackt ist, dann ist <lb/>
         es ausgezogen. Mitunter gibt es alle gynäkologischen Details, <lb/>
         dann sind sie aber weltanschaulich versichert, Marke: Nackt-<lb/>
         kultur oder Höhensonnenpflege oder was der Mensch so sagt, <lb/>
         wenn er die photographierte Volldame meint. Fettig tastet <lb/>
         sie der Blick des Vielbeschäftigten ab; kein Wunder, daß diese <lb/>
         Zeitschriften so fleißig hecken, denn wieviele Blicke haben sie <lb/>
         schon begattet! Und wenn ein Redakteur gar nicht mehr <lb/>
         weiß, was er bringen soll: Busen ist immer gut. Schenkel <lb/>
         ist immer gut. Popo ist immer gut.</p>
      <p>
        <lb/>
         Schade, daß auf der andern Seite solche heillosen Trottel <lb/>
         der Prüderie stehen; man könnte das alles noch viel schärfer <lb/>
         sagen. Aber dann wirds im „Evangelischen Posaunenengel <lb/>
         für die Mark Brandenburg“ abgedruckt: „Die ‚Weltbühne‘, <lb/>
         mit der wir sonst nicht übereinstimmen, und die doch wahrlich <lb/>
         nicht in dem Ruf übergroßer Sittenstrenge und Zimperlich-<lb/>
         keit steht …“ Amen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mir kanns ja gleich sein. Aber wollt ihr eigentlich alle <lb/>
         immerzu diese Bilder sehn –?</p>
      <pb facs="#0190" n="187"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Essayisten</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         St Clou den 25 Juni 1721</p>
      <cit>
        <quote>
          <lb/>
           … Ich habe mitt den zeittungen einen grossen brieff bekom-<lb/>
           men von dem postmeister von Bern, er heist Fischer von Reichen-<lb/>
           bach; aber sein stiehl ist mir gantz frembt, ich finde wörtter drinen, <lb/>
           so ich nicht verstehe, alsz zum exempel: „Wir uns erfrachen <lb/>
           dörffen thutt die von I.K.M.general-post-verpachtern erst neüer <lb/>
           dingen eingeführte francatur aller auswärtigen brieffschaften uns <lb/>
           zu verahnlassen.“ Dass ist ein doll geschreib in meinem sin, ich <lb/>
           kans weder verstehen, noch begreiffen; das kan mich recht un-<lb/>
           gedultig machen. Ist es möglich, liebe Louise, dass unssere gutte, <lb/>
           ehrliche Teüutschen so alber geworden, ihre sprache gantz zu ver-<lb/>
           derben, dass man sie nicht mehr verstehen kan?</quote>
        <bibl>
          <lb/>
          <hi rendition="#i">Liselotte von der Pfalz</hi></bibl>
      </cit>
      <p>
        <lb/>
         „Ich habe nun bis ins einzelne verfolgt und nachgewiesen, <lb/>
         daß letztere Periodizität der Weltanschauungsformen und <lb/>
         erstere Periodizität der Stilformen stets Hand in Hand gehen <lb/>
         als religiös-philosophische bzw. ethisch-ästhetische Ausdrucks-<lb/>
         formen und Widerspiegelungen der organischen Entwicklung <lb/>
         jedes Kulturzeitalters von seiner Renaissance bis zu seiner <lb/>
         Agonie und daß auch wieder die verschiedenen Kulturzeitalter <lb/>
         sich als Volksaltersstufen entsprechend organisch auseinander <lb/>
         entwickeln, in großen Zügen als patriarchalische Kindheit, feu-<lb/>
         dale Jugend, konstitutionelle Reife, soziales Alter und kosmo-<lb/>
         politisches Greisentum der Völker.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Und davon kann man leben –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Offenbar sehr gut, denn dies ist die Lieblingsbeschäftigung <lb/>
         vieler Leute: Essays zu schreiben. Die meisten davon sehn so <lb/>
         aus wie diese Probe.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es hat sich bei jenen Schriftstellern, die nie <hi rendition="#aq">aliquid</hi>, sondern <lb/>
         immer <hi rendition="#aq">de aliqua re</hi> schreiben, ein Stil herausgebildet, den zu <lb/>
         untersuchen lohnt. So, wie es, nach Goethe, Gedichte gibt, in <lb/>
         denen die Sprache allein dichtet, so gibt es Essays, die ohne
        <pb facs="#0191" n="188"/>
        <lb/>
         Dazutun des Autors aus der Schreibmaschine trudeln. Jenes <lb/>
         alte gute Wort darf auch hier angewandt werden: der Essay-<lb/>
         stil ist der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Ter-<lb/>
         minologie. Es ist eine ganze Industrie, die sich da aufgetan <lb/>
         hat, und sie hat viele Fabrikanten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Redlichkeit des alten Schopenhauer scheint bei den <lb/>
         Deutschen nichts gefruchtet zu haben. Jeder Satz in den beiden <lb/>
         Kapiteln „Über Schriftstellerei und Stil“ und „Über Sprache <lb/>
         und Worte“ gilt noch heute und sollte, Wort für Wort, den <lb/>
         Essayisten hinter die Ohren geschrieben werden, es wäre das <lb/>
         einzig Lesbare an ihnen. „Den deutschen Schriftstellern würde <lb/>
         durchgängig die Einsicht zustatten kommen, daß man zwar, <lb/>
         wo möglich, denken soll wie ein großer Geist, hingegen die <lb/>
         selbe Sprache reden wie jeder Andere. Man brauche gewöhn-<lb/>
         liche Worte und sage ungewöhnliche Dinge: aber sie machen <lb/>
         es umgekehrt.“ Jeder kennt ja diese fürchterlichen Diskus-<lb/>
         sionen, die sich nach einem Vortrag zu erheben pflegen; da <lb/>
         packen Wirrköpfe die Schätze ihrer Dreiviertelbildung aus, <lb/>
         daß es einen graust, und man mag es nicht hören. Dieser <lb/>
         Stil hat sich so eingefressen, daß es kaum einen Essayisten, <lb/>
         kaum einen Kaufmann, kaum einen höhern Beamten gibt, <lb/>
         der in seinen Elaboraten diesen schauderhaften Stil vermeidet. <lb/>
         Das Maul schäumt ihnen vor dem Geschwätz, und im Grunde <lb/>
         besagt es gar nichts. Wer so schreibt, denkt auch so und <lb/>
         arbeitet noch schlechter. Es ist eine Maskerade der Seele.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Großpapa dieses literarischen Kostümfestes heißt Nietz-<lb/>
         sche, einer der Väter Spengler, und die österreichischen Kin-<lb/>
         der sind die begabtesten in der Kunst, sich zu verkleiden. Es <lb/>
         gibt Anzeichen, an denen man alle zusammen erkennen kann, <lb/>
         untrüglich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bei Nietzsche finden sich hunderte von Proben dieses Essay-<lb/>
         stils, es sind seine schwächsten Stellen. Sie blenden auf den
        <pb facs="#0192" n="189"/>
        <lb/>
         ersten Blick; auf den zweiten erkennt man, welch spiegelnder <lb/>
         Apparat die Blendung hervorgebracht hat – die Flamme ist <lb/>
         gar nicht so stark, sie wird nur wundervoll reflektiert. Das <lb/>
         sind jene bezaubernden Formeln, die sie ihm seitdem alle nach-<lb/>
         gemacht haben, allerdings mit dem Unterschied, daß die Nach-<lb/>
         ahmer einzig die Formeln geben, während sie bei Nietzsche <lb/>
         meist das Ende langer Gedankenreihen bilden – manchmal <lb/>
         freilich sind auch sie nur Selbstzweck, ein kleines Feuerwerk <lb/>
         im Park. „Sportsmen der Heiligkeit“ – das ist sehr gut ge-<lb/>
         sagt, aber es ist zu spitz gesagt. Auch findet sich in diesem <lb/>
         Wort eine Technik angewandt, die sie uns in Wien, also in <lb/>
         Berlin bis zum Überdruß vorsetzen: die Vermanschung der <lb/>
         Termini. Sie hören in der Lichtsphäre; sie sehen Gerüche; sie <lb/>
         spielen sich als gute Fechter auf, aber nur im Kolleg, wo sie <lb/>
         sicher sind, daß nicht gefochten wird; sie sind Priester in der <lb/>
         Bar, und es ist alles unecht. Nietzsche hat ihnen die Pose ge-<lb/>
         liehen; wieweit man einen Künstler für seine Anhänger und <lb/>
         auch noch für die falschen verantwortlich machen kann, steht <lb/>
         dahin – Nietzsche hat auf sie jedenfalls mehr im bösen als <lb/>
         im guten gewirkt. Von ihm jenen „man“, wo „ich“ oder das <lb/>
         altmodische „wir“ gemeint ist; beides hatte einen Sinn, dieses <lb/>
         „man“ ist eine dumme Mode. „Man geht durch das hohe <lb/>
         Portal in die Villa der Greta Garbo …“ Quatsch doch <lb/>
         nicht. Man? Du gehst. Von Nietzsche jene Wichtigtuerei mit <lb/>
         dem Wissen, das bei ihm ein organischer Bestandteil seines <lb/>
         Humanismus gewesen ist; die Nachahmer aber sind nur bil-<lb/>
         dungsläufig und lassen ununterbrochen, wie die Rösser ihre <lb/>
         Äpfel, die Zeugnisse ihrer frisch erlesenen oder aufgeschnappten <lb/>
         Bildung fallen; ich empfehle ihnen Plotin, und sehr hübsch ist <lb/>
         auch Polybos statt Hippokrates, man kann das nicht so genau <lb/>
         kontrollieren. Von Nietzsche jene Pose der Einsamkeit, die <lb/>
         bei den Nachahmern nicht weniger kokett ist als der Ausdruck
        <pb facs="#0193" n="190"/>
        <lb/>
         jener Einsamkeit beim Meister; „man“ lese das heute nach, <lb/>
         und man wird erstaunt sein, wie blank poliert die Schmerzen <lb/>
         aus Sils-Maria sind. Von Nietzsche jene lateinische Verwen-<lb/>
         dung des Superlativs, wo statt der größte: sehr groß gemeint <lb/>
         ist. So entstehen diese fatalen Urteile: „das beste Buch des <lb/>
         achtzehnten Jahrhunderts“, und um das zu mildern, wird der <lb/>
         falsche Superlativ mit einem „vielleicht“ abgeschwächt. Das <lb/>
         lesen wir heute in allen Kritiken. Sie haben an Nietzsche nicht <lb/>
         gelernt, gut deutsch zu schreiben. Er war ein wunderbarer <lb/>
         Bergsteiger; nur hatte er einen leicht lächerlichen, bunt an-<lb/>
         gestrichenen Bergstock. Sie bleiben in der Ebene. Aber den <lb/>
         Bergstock haben sie übernommen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aus der Hegelecke naht sich ein Kegelkönig: Spengler. <lb/>
         Von diesem Typus sagt Theodor Haecker: „Das Geheimnis <lb/>
         des Erfolges besteht genau wie bei Hegel darin, daß jeder, der <lb/>
         keck genug ist, auch mittun kann.“ Und das tun sie ja denn <lb/>
         auch. Sie stoßen einen Kulturjodler aus, und die Jagd geht <lb/>
         auf.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Italiener sieht sich gern malerisch: er stellt sich vor-<lb/>
         teilhaft in den Ort. Der deutsche Essayist sieht sich gern histo-<lb/>
         risch: er stellt sich vorteilhaft in die Zeit. So etwas von Ge-<lb/>
         schichtsbetrachtung war überhaupt noch nicht da. Nur darf <lb/>
         man das Zeug nicht nach zwei Jahren ansehn, dann stimmt <lb/>
         nichts mehr. Sie schreiben gewissermaßen immer eine Mit-<lb/>
         tagszeitung des Jahres, mit mächtigen Schlagzeilen, und zu <lb/>
         Sylvester ist alles aus. „Wenn einst die Geschichte dieser Be-<lb/>
         wegung geschrieben wird …“ Keine Sorge, sie wird nicht. <lb/>
         Sie eskomptieren die Zukunft. Und die Vergangenheit <lb/>
         wiederum ist ihnen nur das Spielfeld ihrer kleinen Eitelkeiten, <lb/>
         wo sie den großen Männern Modeetiketten aufpappen: Grüß <lb/>
         di Gott, Caesar! Wos is mit die Gallier? Auf der Kehrseite <lb/>
         dieser falschen Vertraulichkeit steht dann das Podest, auf das
        <pb facs="#0194" n="191"/>
        <lb/>
         die alten Herren hinaufgeschraubt werden; und wenn sich <lb/>
         einer mit Wallenstein befaßt, dann glaubt er, der Geist des in <lb/>
         den Geschichtsbüchern so Fettgedruckten sei ihm ins eigne <lb/>
         Gehirn geronnen. Welcher Geschichtsschwindel!</p>
      <p>
        <lb/>
         Nur wenige Menschen vermögen das, was sie erleben, <lb/>
         geschichtlich richtig zu sehn, und ganz und gar kanns keiner. <lb/>
         Diese Essayisten tun so, als könnten sies. Wir sehn an alten <lb/>
         Kirchen hier und da kleine Dukatenmännchen, die machen <lb/>
         Dukaten. So machen sie Geschichte.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kein Wunder, daß dann der Stil, den sie schreiben, so <lb/>
         gräßlich aussieht; auf zwei linken Barockbeinen kommt er ein-<lb/>
         hergewankt. „Das Wollen“ gehört hierher. Die geschwollenen <lb/>
         Adjektive, denen man kalte Umschläge machen sollte. Die däm-<lb/>
         liche Begriffsbestimmung, die für jeden Hampelmann eine <lb/>
         eigne Welt aufbauen möchte. „Er kommt her von …“ – <lb/>
         „Für ihn ist …“ – Der Mißbrauch der Vokabeln: „ma-<lb/>
         gisch“, „dynamisch“, „dialektisch“. Diese faden Klischees, die <lb/>
         fertig gestanzt aus den Maschinen fallen: „das Wissen <lb/>
         um …“ – „wir wissen heute“; der „Gestaltwandel“ und <lb/>
         dann: der „Raum“.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ohne „Raum“ macht ihnen das ganze Leben keinen Spaß. <lb/>
         Raum ist alles, und alles ist im Raum, und es ist ganz groß-<lb/>
         artig. „Rein menschlich gesehn, lebt die Nation nicht mehr im <lb/>
         Raum …“ Man versuche, sich das zu übersetzen: es bleibt <lb/>
         nichts, weil es aufgepustet ist. Früher hätte etwa ein Mann, <lb/>
         der eine Bücherei leitete, gesagt: „Männer lesen gewöhnlich <lb/>
         andre Bücher als Frauen, und dann kommt es auch noch <lb/>
         darauf an, welchem Stand sie angehören.“ Viel steht in <lb/>
         diesem Satz nicht drin; ich spräche oder schriebe ihn gar nicht, <lb/>
         weil er nichts besagt. Heute spricht, nein – der Direktor der <lb/>
         städtischen Bücherhallen ergreift das Wort: „Dieser Gegensatz <lb/>
         zwischen Mann und Frau ist verschieden nach dem soziologi-
        <pb facs="#0195" n="192"/>
        <lb/>
         schen Ort, an dem man vergleicht.“ Dieser soziologische Ort <lb/>
         heißt Wichtigstein a. d. Phrase, aber so blitzen tausend Brillen, <lb/>
         so rinnt es aus tausend Exposés, tönt es aus tausend Reden, <lb/>
         und das ist ihre Arbeit: Banalitäten aufzupusten wie die <lb/>
         Kinderballons. Stich mit der Nadel der Vernunft hinein, und <lb/>
         es bleibt ein runzliges Häufchen schlechter Grammatik.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und es sind nicht nur jene österreichischen Essayisten, von <lb/>
         denen jeder so tut, als habe er grade mit Buddha gefrüh-<lb/>
         stückt, dürfe uns aber nicht mitteilen, was es zu essen gegeben <lb/>
         hat, weil das schwer geheim sei –: die Norddeutschen können <lb/>
         es auch ganz schön. Zu sagen haben sie alle nicht viel – aber <lb/>
         so viel zu reden!</p>
      <p>
        <lb/>
         Aus einem einzigen Buch:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Abermals ist also der gesamte Komplex der Politik Nie-<lb/>
         derschlag des Kulturgewissens und der geistigen Strömungen <lb/>
         unserer Zeit.“ – „Was Klaus Mann erlaubt ist, darf nicht <lb/>
         Edschmid erlaubt sein, denn er hat sich nicht nur an den Vor-<lb/>
         dergründen zu ergötzen, sondern um die Perspektiven zu wissen <lb/>
         und an der Ordnung des Chaotischen beteiligt zu sein.“ Da <lb/>
         bekommt also der vordergründige Edschmid eine Admonition <lb/>
         im Chaotischen. Und man höre den falschen Ton: „Charakte-<lb/>
         ristisch waren zunächst die jungen Männer, welche mit ge-<lb/>
         lassener Hand den Fernsprecher ans Ohr legten und ihrem <lb/>
         Bankbevollmächtigten Weisung für Ankauf oder Abstoß von <lb/>
         Papieren gaben. Begabte, freundliche, quicke junge Burschen, <lb/>
         man soll gegen sie nichts Schlechtes sagen.“ – „Junge Bur-<lb/>
         schen …“ das hat der alte Herr Pose selber geschrieben, und <lb/>
         diese fett aus dem Wagen winkende Hand ist ein Wahrzeichen <lb/>
         vieler Schriftsteller solcher Art. Manchmal winken sie, wenn <lb/>
         sie grade in London sitzen, zu Deutschland, manchmal zu den <lb/>
         Jungen hinüber, manchmal spielen sie neue Zeit … auf alle <lb/>
         Fälle wedeln sie immer mit irgend etwas gegen irgendwen.
        <pb facs="#0196" n="193"/>
        <lb/>
         Aber: „Wie Blüher die Geschichte des Wandervogels, wie er <lb/>
         seine eigne schreibt, das alles ist unverfälscht deutsch: ge-<lb/>
         furchte Stirn, bedeutende Geste, Ernstnehmen des geringsten <lb/>
         Umstandes bis zum Bekennen biographischer Intimitäten, stets <lb/>
         bestrebt, sogar Belangloses auf letzte Gründe zu untersuchen <lb/>
         und sein Ich ohne Rest zu objektivieren.“ Na also! Und dieser <lb/>
         Satz schöner Selbsterkenntnis stammt aus demselben Buch, <lb/>
         dem alle diese Proben entnommen sind: aus Frank Thiessens <lb/>
         „Erziehung zur Freiheit“. Ein Mann mit zu viel Verstand, <lb/>
         um dumm zu sein, mit zu wenig, um nicht schrecklich eitel zu <lb/>
         sein; mit zu viel, um jemals Wolken zu einem Gewitter ver-<lb/>
         dichten zu können, er ist kein Dichter; mit zu wenig Verstand, <lb/>
         um einen guten Essayisten abzugeben. Doch welche Suada! <lb/>
         welch gefurchte Stirn, bedeutende Geste … siehe oben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe eine Sammlung von dem Zeug angelegt; sie <lb/>
         wächst mir unter den Händen zu breiten Ausmaßen. „Der <lb/>
         vollkommene Sieg der Technik reißt unsere ganze Gesinnung <lb/>
         ins Planetarische.“ – „Hier ist dämonisches Wissen um letzte <lb/>
         Dinge der Seele mit einer harten, klaren, grausam scheiden-<lb/>
         den Darstellungskunst vereint – unendliches Mitleid mit der <lb/>
         Kreatur kontrastiert großartig mit einer fast elementaren Un-<lb/>
         barmherzigkeit der Gestaltung.“ Wo er recht, hat er recht, <lb/>
         und das hat sich Stefan Zweig wahrscheinlich auf einen <lb/>
         Gummistempel setzen lassen, denn es paßt überall hin, weil es <lb/>
         nirgends hinpaßt. „Nach den beschreibenden Gedichten der Ju-<lb/>
         gend bemerkt man im Gedicht ‚Karyatide‘ das Eindringen <lb/>
         eines stärker dynamisierenden Wortvorgangs; das Motiv <lb/>
         schwindet, zerrinnt fast in den zeitflutenden Verben; das zeit-<lb/>
         haltige funktionsreiche Ich läßt das Motiv vibrieren und akti-<lb/>
         viert den Dingzustand im Prozeß; nun lebt das Motiv stärker, <lb/>
         doch nur in der Zentrierung in das Ich; die Bedingtheit der <lb/>
         Welt durch das lyrische Ich wird gewiesen.“ Dies wieder
        <pb facs="#0197" n="194"/>
        <lb/>
         stammt von Carl Einstein, der bestimmt damit hat probieren <lb/>
         wollen, was man alles einer Redaktion zumuten kann. Und <lb/>
         wie die obern Zehntausend, so erst recht die untern Hundert-<lb/>
         tausend.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man setze den mittlern Studienrat, Syndikus, Bürgermei-<lb/>
         ster, Priester, Arzt oder Buchhändler auf das Wägelchen die-<lb/>
         ser Essay-Sprache, ein kleiner Stoß – und das Gefährt surrt <lb/>
         ab, und sie steuern es alle, alle. „Der heutige Mensch, so er <lb/>
         wirken will, muß innerlich verhaftet sein, sei es in seinem <lb/>
         Ethos, in seiner Weltanschauung oder in seinem Glauben, aber <lb/>
         er darf sich nicht isolieren durch Verharren in seinem Gedan-<lb/>
         kengebäude, sondern muß kraft seines Geistes seine Grund-<lb/>
         haltung stets neu verlebendigen und prüfen.“ Wenn ich nicht <lb/>
         irre, nennt man das jugendbewegt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Verwickelte Dinge kann man nicht simpel ausdrücken; aber <lb/>
         man kann sie einfach ausdrücken. Dazu muß man sie freilich <lb/>
         zu Ende gedacht haben, und man muß schreiben, ohne dabei <lb/>
         in den Spiegel zu sehn. Gewiß ließen sich Sätze aus einem <lb/>
         philosophischen Werk herauslösen, die für den Ungebildeten <lb/>
         kaum einen Sinn geben werden, und das ist kein Einwand <lb/>
         gegen diese Sätze. Wenn aber ein ganzes Volk mittelmäßiger <lb/>
         Schreiber, von denen sich jeder durch einen geschwollenen Titel <lb/>
         eine Bedeutung gibt, die seinem Sums niemals zukommt, <lb/>
         etwas Ähnliches produziert wie ein Denkmal Platos aus <lb/>
         Hefe, bei dreißig Grad Wärme im Schatten, dann darf denn <lb/>
         doch wohl dieser lächerliche Essay-Stil eine Modedummheit <lb/>
         genannt werden. Unsre besten Leute sind diesem Teufel ver-<lb/>
         fallen, und der große Rest kann überhaupt nicht mehr anders <lb/>
         schreiben und sprechen als: „Es wird für jeden von uns inter-<lb/>
         essant sein, die Stellungnahme des Katholizismus zu den ein-<lb/>
         zelnen Lebensproblemen und den aktuellen Zeitfragen kennen <lb/>
         zu lernen und zu sehen, welche Spannungseinheiten hier
        <pb facs="#0198" n="195"/>
        <lb/>
         zwischen traditionsgebundener Wirtschaftsauffassung und der <lb/>
         durch die Notwendigkeiten der Zeit geforderten Weiterentwick-<lb/>
         lung bestehen.“ So versauen sie durch ihr blechernes Ge-<lb/>
         klapper eine so schöne und klare Sprache wie es die deutsche <lb/>
         ist. Sie kann schön sein und klar. Die abgegriffenen Phrasen <lb/>
         einer in allen Wissenschaftsfächern herumtaumelnden Halb-<lb/>
         bildung haben sie wolkig gemacht. Die deutsche Sprache, hat <lb/>
         Börne einmal gesagt, zahlt in Kupfer oder in Gold. Er hat <lb/>
         das Papier vergessen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der deutsche Essay-Stil zeigt eine konfektionierte humani-<lb/>
         stische und soziologische Bildung auf, die welk ist und matt <lb/>
         wie ihre Träger. Und das schreibt in derselben Sprache, in <lb/>
         der Hebel geschrieben hat! Man sollte jedesmal, wenn sich so <lb/>
         ein wirres und mißtönendes Geschwätz erhebt, von Bäumer <lb/>
         bis zu Thieß, von Flake bis zu Keyserling, die falschen Wür-<lb/>
         denträger auslachen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Versuche, einen Roman zu schreiben. Du vermagst es <lb/>
         nicht? Dann versuch es mit einem Theaterstück. Du kannst es <lb/>
         nicht? Dann mach eine Aufstellung der Börsebaissen in New <lb/>
         York. Versuch, versuch alles. Und wenn es gar nichts ge-<lb/>
         worden ist, dann sag, es sei ein Essay.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Sprechen Sie lateinisch?</hi></p>
      <cit>
        <quote>
          <lb/>
           „Ich brauche einen vollständigen Anzug; <lb/>
           Frack, Beinkleider und eine Weste.<lb/>
          <hi rendition="#aq">Dhagla catha un; ek guft pathlun, kamarband ekghora</hi>.“ </quote>
        <bibl>
          <lb/>
          <hi rendition="#i"><hi rendition="#aq">Polyglott Kuntze „Hindostanisch“</hi></hi></bibl>
      </cit>
      <p>
        <lb/>
         Als ich durchs Abiturium fiel, hatte der kleine Teuber eine <lb/>
         Bierzeitung gedichtet, in der stand ein Fortsetzungsroman im
        <pb facs="#0199" n="196"/>
        <lb/>
         Feuilleton, geschrieben im Stil der lateinischen Extemporalien. <lb/>
         „Der Jüngling, mit Liebe zu jenem Mädchen behaftet, begab <lb/>
         sich auf das Landgut des Vaters, und obgleich er nicht gewiß <lb/>
         war, die Zustimmung dieses zu erringen, warf er sich demsel-<lb/>
         ben zu Füßen (Partizipium) und rief: „O Vater! Laß mich <lb/>
         der Hand deiner schönen Tochter teilhaftig werden!“ Fort-<lb/>
         setzung folgt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Daß im gelehrten Mittelalter in der Küche nur deutsch, im <lb/>
         Salon aber Küchenlatein gesprochen wurde, ist bekannt. Das <lb/>
         Latein von heute ist das Cockney-Englisch, in manchen Kon-<lb/>
         tinenten spanisch, aber trotzdem hat ein offenbar wieder auf-<lb/>
         erstandener Mönch einen für Schüler und Humanisten gleich <lb/>
         amüsanten Versuch gemacht: er hat ein Konversationsbuch in <lb/>
         lateinischer Sprache herausgegeben. „Sprechen Sie Lateinisch?“ <lb/>
         Von Dr. Georg Capellanus. (Ferd. Dümmlers Verlagsbuch-<lb/>
        handlung. Berlin.)</p>
      <p>
        <lb/>
         Für unsre Ohren, die die Profanierung dieses Unterrichts-<lb/>
         gegenstandes nicht gewöhnt sind, klingt so ein Latein unsäglich <lb/>
         komisch. (Das Buch ist es gar nicht, sondern es ist eine sehr <lb/>
         lustige und mühelose Übung für die Herren Lateiner.) Es gibt <lb/>
         Leute, die können es gar nicht – von einem aber heißt es gar <lb/>
         verächtlich: „Er spricht Küchenlatein. <hi rendition="#aq">Sermo eius latinus <lb/>
           culinam redolet</hi>.“ Pfui!</p>
      <p>
        <lb/>
         Besonders schön ist es, wenn so die alltäglichen Sätze in sil-<lb/>
         berner Latinität auftauchen. Einer will spazieren gehen, aber <lb/>
         er weiß noch nicht, wen er mitnehmen soll. <hi rendition="#aq">Quid si Hugo-<lb/>
           nem</hi>? Wie wäre es mit Hugo? Was lebhaft an die ost-<lb/>
         preußische Wendung erinnert, die da in der Analogie die <lb/>
         zweite Frage an die erste mit der Silbe „Ei“ knüpft. „Wie <lb/>
         gehts der Mutter?“ „Danke, gut.“ „Ei dem Vatä –?“ Das <lb/>
         heißt: Und wie geht es dem Vater? So auch: <hi rendition="#aq">Quid si <lb/>
           Hugonem</hi>.</p>
      <pb facs="#0200" n="197"/>
      <p>
        <lb/>
         Mulmig wirds, wenn der Togabewehrte sich mit modernen <lb/>
         Gegenständen zu befassen hat. Ein lateinisches Frühstück … <lb/>
         das habe ich mir immer mal gewünscht. Bitte, bedienen Sie <lb/>
         sich: <hi rendition="#aq">Velim tu ipse sumas!</hi> Aber was? <hi rendition="#aq">Socolada,
          ut <lb/>
           vocant</hi>. Schokolade, wie sie es nennen, sie, das <hi rendition="#aq">profanum <lb/>
           vulgus</hi>. Aber auch der Lateiner ist der Erde unterworfen. <lb/>
        <hi rendition="#aq">Vacuus mihi venter crepitat</hi> – mein leerer Magen knurrt, <lb/>
         obgleich doch <hi rendition="#aq">elixa, assa, frixa</hi> da sind: gekochte Eier, <lb/>
         Spiegeleier und Rühreier. Nur nicht schämen! <hi rendition="#aq">Proinde agito, <lb/>
           ac si domi sis tuae</hi>! Tun Sie gerade, als wenn Sie zu <lb/>
         Hause wären! Und was ein feiner Lateiner ist, so rühmt er, <lb/>
         der Hausfrau zu Gefallen, die Speisen. <hi rendition="#aq">Ius est non inele-<lb/>
           gans</hi>! Die Sauce (der Schüh) ist nicht unübel. Das Latein <lb/>
         auch nicht. Und was tut Jannings derweilen? Ach, Emil … <lb/>
        <hi rendition="#aq">Aemilii, inter cenam tu non quod te dignum est facis!</hi>
        <lb/>
         Emil, du benimmst dich bei Tisch nicht so, wie es sich für <lb/>
         dich gehört!</p>
      <p>
        <lb/>
         Man muß sich überhaupt viel ärgern. Kellner! Wo bleiben <lb/>
         Sie! Sie kümmern sich ja gar nicht um uns hier! <hi rendition="#aq">Heus, <lb/>
           puer, ubi cessas! nos hie plane neglesis</hi>! (Das müßte man <lb/>
         einmal zu einem Kellner in Weimar donnernd sagen – mit <lb/>
         einem Ruck erhöbe sich das gesamte Lokal und donnerte da-<lb/>
         gegen: „Juden raus!“) Aber auch hygienische Maßregeln <lb/>
         finden sich in dem Führer durch Latinien: <hi rendition="#aq">Ubi in lectum <lb/>
           inscenderis, ita te compone, ut neque pronus cubes neque <lb/>
           supinus</hi>. Wenn du ins Bett gestiegen bist, so lege dich so, <lb/>
         daß du weder auf dem Bauche, noch auf dem Rücken liegst! <lb/>
         Und das erinnert mich an ein nicht im Lehrplan stehendes <lb/>
         Gedicht, das wir in Sekunda in den Pausen auswendig lern-<lb/>
         ten, und das da sicher einen Ausweg gefunden hätte. Ich <lb/>
         weiß noch den Schluß: „… <hi rendition="#aq">hymen semel perforatum – <lb/>
           numquam reparabile</hi>.“ Na, lassen wir das.</p>
      <pb facs="#0201" n="198"/>
      <p>
        <lb/>
         Morgentoilette. Ein bißchen schmuddlig, die Herren Lateiner, <lb/>
         wie? <hi rendition="#aq">Haec sordida summoveto ab oculis, invisent me for-<lb/>
           tasse quidam</hi>. Hänge die schmutzigen Dinger hier weg, daß <lb/>
         man sie nicht sieht; ich bekomme vielleicht Besuch! Der Be-<lb/>
         such kommt und ist sehr höflich. Wie gehts Ihrer Frau Ge-<lb/>
         mahlin? <hi rendition="#aq">Quid agis uxor tua</hi>? Und dann die üblichen Ge-<lb/>
         spräche. Nichts Neues? Nein? Die Politik … <hi rendition="#aq">Gallia <lb/>
           plura ceteris habet tormenta et milites plurimos</hi>. Frank-<lb/>
         reich hat die meiste Artillerie und sehr viele Soldaten. Und <lb/>
         der andere, weil ihm nichts anderes übrig bleibt, ist ein tiefer <lb/>
         Pazifist: <hi rendition="#aq">Bombardis obicientur</hi>. Sie sollen als Kanonen-<lb/>
         futter dienen. Ja, das soll vorgekommen sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Kapitel heißt „Gespräche mit dem Echo“, und da sind <lb/>
         alle diese alten, hübschen lateinischen Echoscherze aufgezeichnet, <lb/>
         aufgebaut nach dem Prinzip: „Wat is Jochen Peeesel –?“ <lb/>
         Echo: „Eeesel …!“ Der Rufer: <hi rendition="#aq">Non me delectant ser-<lb/>
           mones tui disyllabi</hi>! Deine zweisilbigen Gespräche gefallen <lb/>
         mir nicht!“ Das Echo: „<hi rendition="#aq">Abi</hi>! Schieb ab!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine lateinische Lokomotive gibt es, auch Kegel, ja sogar <hi rendition="#aq">Mo-<lb/>
           do mihi nuntiatum est filo aëno sororem esse desponsam</hi>. <lb/>
         Eben habe ich ein Telegramm bekommen: meine Schwestser <lb/>
         hat sich verlobt. <hi rendition="#aq">Precor, ut bene vertat</hi>! Herzlichen Glück-<lb/>
         wunsch!</p>
      <p>
        <lb/>
         Und der Lehrer ermahnt den Knaben <hi rendition="#aq">Noli arrodere un-<lb/>
           gues</hi>! Knabbere nicht an den Nägeln, du Ferkel! – Und die <lb/>
         Mama erkundigt sich beim Herrn Lehrer ungefähr so: „Sage, <lb/>
         ich beschwöre dich, du sehr gelehrter Mann, billigst du meinen <lb/>
         Sohn?“ Und jener: „Du, ich bitte dich, übe ihn!“ So gehts <lb/>
         zu im lateinischen Leben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und als Anhang die alten schönen Verse und Hexameter-<lb/>
         späße – es ist gar kein schlechtes Mittel, junge Leute so im <lb/>
         Unterricht anzuregen. Denn außer Schulpforta und dem
        <pb facs="#0202" n="199"/>
        <lb/>
         Grauen Kloster und noch einigen wenigen werden es wahr-<lb/>
         scheinlich nicht eben viele Anstalten in Deutschland sein, die <lb/>
         ihre Abiturienten als Leser des Lateinischen entlassen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nur eines möchte ich nicht mitansehn. Wenn sich der Ver-<lb/>
         fasser des Werkchens, in Toga und Zylinder, zum Hades be-<lb/>
         gibt, <hi rendition="#aq">hinc longule est</hi>, es ist ein hübsches Stückchen Weg, <lb/>
         und dort mit den alten, ehrwürdigen Original-Lateinern ins <lb/>
         Gespräch kommt: was wird dann anheben? Lateinisch war <lb/>
         eine südliche Sprache, bewegt und beweglich, mit sicherlich <lb/>
         merkwürdigen Konsonantenbildungen, und weil heute keiner <lb/>
         mehr weiß, wie sie ausgesprochen wurde, spricht sie jede <lb/>
         Nation anders aus, bis zum englischen „Weneih–Weideih–<lb/>
         Weissei“ – <hi rendition="#aq">veni, vidi, vici</hi> … Der Verfasser, Dr. Capel-<lb/>
         lanus, also hin zu dem ersten besten toten Römer, den Hut <lb/>
         abgenommen und nach dem Weg gefragt. Die Seele blickt <lb/>
         entgeistert. Er, nochmals lauter: „<hi rendition="#aq">Salvete pariter omnes</hi>!“ <lb/>
         Guten Abend, alle zusammen! Nichts. Die Römer haben die <lb/>
         Togen fester gefaßt und sehen den Eindringling stumm an. <lb/>
         Und schließlich hebt einer von ihnen – es ist der Barbier des <lb/>
         Pompejus, ein fetter, beweglicher Mann mit flinken schwar-<lb/>
         zen Äuglein und klassischem, imperialem Bauch – die ring-<lb/>
         geschmückte Rechte und gibt der Meinung des ganzen Haufens <lb/>
         gemessen Ausdruck. Er sagt: „<hi rendition="#aq">Loquerisne lingua latina</hi>? Ja, <lb/>
         Mensch, sprichst du denn kein Latein –?“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Zeitungsdeutsch und Briefstil</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist schon einmal besser gewesen: vor dem Kriege. Das <lb/>
         heißt nicht etwa, die gute, alte Zeit heraufbeschwören – man <lb/>
         blättere nach, und man wird von damals zu heute einen bösen
        <pb facs="#0203" n="200"/>
        <lb/>
         Verfall der deutschen Sprache feststellen. In zwei Sparten ist <lb/>
         das am schlimmsten: in der Presse und in den Briefen, die die <lb/>
         Leute so schreiben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was in den Zeitungen aller Parteien auffällt, ist ein von <lb/>
         Wichtigkeit triefender und von Fachwörtern schäumender Stil. <lb/>
         Die Unart, in alle Sätze ein Fachadverbium hineinzustopfen, <lb/>
         ist nunmehr allgemein geworden. Man sagt nicht: „Der Tisch <lb/>
         ist rund.“ Das wäre viel zu einfach. Es heißt: „Rein möbel-<lb/>
         technisch hat der Tisch schon irgendwie eine kreisrunde Ge-<lb/>
         stalt.“ So heißt das. Sie schwappen über von „militärwissen-<lb/>
         schaftlich“, „städtebaupolizeilich“ und „pädagogisch-kulturell“. <lb/>
         Gesagt ist mit diesem Zeug nicht viel: man weiß ja ohnehin, <lb/>
         daß in einem Aufsatz über das Fußballspiel nicht von Koch-<lb/>
         kunst die Rede ist. Aber der betreffende Fachmann will dem <lb/>
         Laien imponieren und ihm zeigen, wie entsetzlich schwer dieses <lb/>
         Fach da sei … Die meisten Zeitungsartikel gleichen gestopften <lb/>
         Würsten.</p>
      <p>
        <lb/>
         In den Briefen ist es etwas andres. Da regiert die Nach-<lb/>
         ahmung des flegelhaften Beamtenstils.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist rätselhaft, wie dieses Volk, das angeblich so unter <lb/>
         seinen Beamten leidet, sich nicht genug tun kann, ihnen nach-<lb/>
         zueifern – im Bösen, versteht sich. Ist es denn nicht mög-<lb/>
         lich, höflich zu schreiben? Aber jede Speditionsfirma sieht ihre <lb/>
         Ehre darin, Briefe herauszuschicken, die wie Verfügungen <lb/>
         anmuten. Da wird ehern festgestellt (damit es nicht mehr <lb/>
         wackelt); da wird dem Briefempfänger eins auf den Kopf ge-<lb/>
         haun, daß es nur so knallt, und das ist nun nicht etwa <lb/>
         sachlich, wie diese Trampeltiere meinen, die da glauben, <lb/>
         Glattheit lenke von der Suche ab – es ist einfach ungezogen. <lb/>
         Sie haben vor allem von den Beamten gelernt, jeden Zweifel <lb/>
         von vornherein auszuschalten. Liest man die Briefe, so sieht <lb/>
         man immer vor dem geistigen Auge:</p>
      <pb facs="#0204" n="201"/>
      <p>
        <lb/>
         Tagesbefehl</p>
      <p>
        <lb/>
         1. Es stehen bereit: 8.30 Uhr vormittags Abteilung Löckeritz <lb/>
         auf der Chaussee Mansfeld-Siebigerode …</p>
      <p>
        <lb/>
         2. Ich befinde mich im Schloß <lb/>
         und so fort –</p>
      <p>
        <lb/>
         als ob man nicht auch in einem Geschäftsbrief an den ent-<lb/>
         scheidenden Stellen leicht mildern könnte. Aber nein: sie <lb/>
         regieren.</p>
      <p>
        <lb/>
         In erotisch-kultureller Beziehung denke ich mir den Liebes-<lb/>
         brief eines solchen Korrespondenten so:</p>
      <p>
        <lb/>
         Geheim! Tagebuch-Nr. 69/218.</p>
      <p>
        <lb/>
         Hierorts, den heutigen</p>
      <p>
        <lb/>
         1. Meine Neigung zu Dir ist unverändert.</p>
      <p>
        <lb/>
         2. Du stehst heute abend, 7 ½ Uhr, am zweiten Ausgang des <lb/>
         Zoologischen Gartens, wie gehabt.</p>
      <p>
        <lb/>
         3. Anzug: Grünes Kleid, grüner Hut, braune Schuhe. Die <lb/>
         Mitnahme eines Regenschirms empfiehlt sich.</p>
      <p>
        <lb/>
         4. Abendessen im Gambrinus, 8.10 Uhr.</p>
      <p>
        <lb/>
         5. Es wird nachher in meiner Wohnung voraussichtlich zu <lb/>
         Zärtlichkeiten kommen.</p>
      <p>
        <lb/>
         (gez.) Bosch,<lb/>
         Oberbuchhalter</p>
      <p>
        <lb/>
         „An einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbei-<lb/>
         ten …“, schrieb Nietzsche. So siehst du aus.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">„mit“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Daß es ernsthafte Verlage gibt, deren Lektoren Vokabeln <lb/>
         wie „unerhört“, „fabelhaft“ und „ein unmögliches Hotel“
        <pb facs="#0205" n="202"/>
        <lb/>
         durchgehn lassen, ohne daß der Schreibersmann damit die <lb/>
         Sprachverschluderung von Snobs charakterisieren wollte, viel-<lb/>
         mehr die eigne aufzeigt, mag angemerkt werden. Diese groß-<lb/>
         städtischen Kleinstädter glauben wirklich, daß ihr „Kreis“ die <lb/>
         Welt darstelle oder und zum mindesten die Pyramidenspitze <lb/>
         der Welt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Sprachverderber, denen die vierhundert Modewörter <lb/>
         fertig aus dem Munde kollern, und die keinen Satz mehr ohne <lb/>
         „menschlich“ und „ihn als Menschen“ schreiben können, geben <lb/>
         noch dem ärgsten Puristen recht, der der Meinung ist, daß <lb/>
         man auch ohne „hallucinative Substantive“ auskommen könne. <lb/>
         „Diese undeskriptiven Substantive sind gehirnlich-empfindsame <lb/>
         Summationen …“ Kann man das auch auf deutsch sagen? <lb/>
         Nein, das kann man freilich nicht auf deutsch sagen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und wenn die Grammatik in diesen Sprachsumpf taucht, <lb/>
         dann bringt sie etwas ans Licht, das heißt: „mit“. Und <lb/>
         sieht so aus:</p>
      <p>
        <lb/>
         Friedrich Nietzsche hat den snobistischen Superlativ erfun-<lb/>
         den; er milderte ihn durch „vielleicht“. Er schrieb fast nie: <lb/>
         „Dieses Buch war im achtzehnten Jahrhundert von sehr <lb/>
         großem Einfluß“, sondern er liebte es zu sagen: „Dieses <lb/>
         Buch hat im achtzehnten Jahrhundert vielleicht den größten <lb/>
         Einfluß ...“ Die Schönheit der Prosa dieses Philosophen <lb/>
         hat manche Früchte getragen; seine kleinen Höcker trägt die <lb/>
         ganze Familie. „M. ist vielleicht unser größter deutscher Jour-<lb/>
         nalist“ schreibt ein Reporter vom andern, das klingt, und <lb/>
         darin steckt vor allem die Fiktion, als habe der Schreibende <lb/>
         sämtliche deutsche Journalisten vor Augen, wähle unter ihnen <lb/>
         aus, erwähle sich nun diesen einen … und er verdickt die <lb/>
         Lüge, indem er sie durch „vielleicht“ scheinbar mildert. In <lb/>
         dieser Schublade liegt „mit“.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Gedankengang ist, an einem Beispiel gezeigt, dieser:</p>
      <pb facs="#0206" n="203"/>
      <p>
        <lb/>
         „In Gemeinschaft mit andern ist besonders Rathenau durch <lb/>
         unklare Diktion dem philosophischen Bedürfnis der deutschen <lb/>
         Masse entgegengekommen.“ Hier setzt nun die stenographische <lb/>
         Denkweise der Analphabeten ein; sie schlucken den Satz her-<lb/>
         unter, würgen ihn wieder hoch, und das Wiedergekäute sieht <lb/>
         dann so aus: „Rathenau hat mit am meisten …“ Es ist <lb/>
         ganz und gar abscheulich: „mit“ ist eine Präposition oder <lb/>
         Suffix eines Verbums – so aber, wie es sich da im Satz <lb/>
         herumtreibt, ist es gar nichts, ein elendes Wrack vom Schiff-<lb/>
         bruch eines deutschen Satzes.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist ein Jammer um die Pflege der deutschen Sprache.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kümmert sich schon einmal einer um sie, dann heißt er <lb/>
         Eduard Engel; dieser unsägliche Hohlkopf hat es neulich fer-<lb/>
         tig bekommen, den feinen Sprachkenner Wustmann zu be-<lb/>
         schimpfen, der in der kleinen Zehe mehr Sprachgefühl hatte <lb/>
         als der Schöpfer der arabischen Zahlen auf den Eisenbahn-<lb/>
         waggons im Kopf hat. Das Zeitungsdeutsch, das sich erheb-<lb/>
         lich gebessert hatte, ist heute wieder im Begriff, in Mode-<lb/>
         wörtern zu ertrinken. Erst denken sie nicht, und dann drücken <lb/>
         sies schlecht aus. „Er ist menschlich mit einer der besten, …“, <lb/>
         daß das einer schreiben, redigieren, setzen und durchgehn <lb/>
         lassen kann! Diese Snobs schreiben, wie die Verkäufer von <lb/>
         Seidenwaren sprechen: atemlos, eilig, alles im Superlativ, <lb/>
         bewegt anpreisend. Alles wird auf eine Spitze getrieben, von <lb/>
         der es wackelnd wieder herunterfällt. „Daß ’s ja faabelhaft! <lb/>
         Na, unerhöört! Ein unmöglicher Patron …!“ Wie viel Offi-<lb/>
         zierskasino ist darin, wie viel Anreißerei!</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Rede ist keine Schreibe. Und dieses da ist weder eine <lb/>
         solche noch eine solche.</p>
      <pb facs="#0207" n="204"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Herr Soundso</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Sprache hat gesiegt – es ist nichts mehr zu machen. <lb/>
         Nun steht der Unfug auch im Duden … Die schauerliche <lb/>
         neue Ausgabe dieses höchst nötigen Nachschlagewerkes, ein <lb/>
         Augenpulver, vierspaltig, beinah so unübersichtlich wie das <lb/>
         berliner Telephonbuch: der „GROSZE“ Duden hats auch. Da <lb/>
         steht auf Seite 517:</p>
      <p>
        <lb/>
         „sowieso (unter allen Umständen, jedenfalls); der Herr So-<lb/>
         wieso“. Es ist zum Weinen. Denn auf Seite 516 steht richtig:</p>
      <p>
        <lb/>
         „soundso (unbestimmt wie); Paragraph soundso; der Herr <lb/>
         Soundso“. Beides kann nicht richtig sein; eines kann nur <lb/>
         richtig sein; was ist richtig?</p>
      <p>
        <lb/>
         Bei Courteline kommt einmal eine Dame in einen Buch-<lb/>
         laden und fragt den Sortimenter nach einem Buch, dessen <lb/>
         Titel sie vergessen habe. „Von wem solls denn sein?“ <lb/>
         Von Daudet. „Von Alphonse Daudet?“ Ja. Der Buch-<lb/>
         händler zählt auf. Nein, das nicht: nicht die Briefe aus <lb/>
         meiner Mühle und nicht dies und nicht das … es sei, aber <lb/>
         der Herr Buchhändler müsse nichts schlechtes denken, man sei <lb/>
         Gottseidank eine verheiratete Frau … es handele sich … <lb/>
         kurz: dass Buch sei etwas … ein wenig … wie? „Von <lb/>
         Daudet?“ – Ja. Der Buchhändler denkt nach. Er führt <lb/>
         keine Erotika, kein Buchhändler führt Erotika … und Dau-<lb/>
         det? Der verzweifelte Buchhändler sagt alle unanständigen <lb/>
         Buchtitel auf, die er kennt – aber von Daudet ist keines <lb/>
         darunter. Und es ergibt sich, daß die immer mehr errötende <lb/>
         Dame den Titel eines Daudetschen Buches daneben verstan-<lb/>
         den hat. Das Buch heißt: „<hi rendition="#aq">Le Petit Chose</hi>.“ Der kleine <lb/>
         Dingsda.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn – so lehrt die Moral dieser Geschichte – wenn man <lb/>
         den Namen eines Mannes nicht weiß, so nennt man ihn
        <pb facs="#0208" n="205"/>
        <lb/>
         Herr X oder Herr Dingsda oder Herr Soundso, weil ja <lb/>
         „soundso“ etwas Unbestimmtes bedeutet. Gussy Holl hat <lb/>
         für Leute ihr unbekannten Namens die Bezeichnung „Herr <lb/>
         Pimm“ eingeführt, aber das steht wieder nicht im Duden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Immerhin scheint mir Pimm noch zulässiger als „Herr <lb/>
         Sowieso“, was eine klar erkennbare Verwechslung mit dem <lb/>
         „Soundso“ ist … aber es ist nichts mehr zu machen. Alle <lb/>
         Leute sagen es. Weil wir aber nicht Eduard Engel heißen <lb/>
         und also der Sprache nicht nachbelfern, wenn sie einmal <lb/>
         anders will als wir –: so wollen wir uns damit begnügen, <lb/>
         es nicht zu schreiben, und wir wollen nicht weinen, sondern <lb/>
         die Sowieso-Sager mit jener höchst schauderhaften Klischee-<lb/>
         Redensart entlassen: „Das sowieso.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Henrige</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Vettern wurden früher Cousins genannt. Mit Vettern <lb/>
         spielt man Eisenbahn, wenn man klein ist, und fragt sie spä-<lb/>
         ter, wenn man groß ist: „Na, wie gehts dir denn? Was <lb/>
         machst du denn? So? Du bist verheiratet?“ Dann sieht <lb/>
         man sie nicht mehr.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was mein Vetter Fritz war, so erbte derselbe zu meinen <lb/>
         Lebzeiten eine meiner Gitarren, auf denen mich Meister <lb/>
         Griebel vielerlei Griffe, wie zum Beispiel die schwierige Ce-<lb/>
         chilla spielen lehrte. Später bin ich dann davon abgekommen, <lb/>
         und statt in den Konzertsälen und auf Vereinsfestlichkeiten <lb/>
         mit kleiner, aber detonierender Stimme: „Ein Bächlein stund <lb/>
         am Waldesrand, hopp heissa bei Regen und Wind“ zu singen, <lb/>
         bin ich Schriftsteller geworden und ein Scheuel bzw. Greuel <lb/>
         für alle Völkischen Beobachter. Ja, also die Gitarre.</p>
      <p>
        <lb/>
         Fritzchen erbte sie und begann zu zupfen. Als ich ihn wie-
        <pb facs="#0209" n="206"/>
        <lb/>
         der einmal mit Erlaubnis meiner lieben Eltern besuchen durfte, <lb/>
         da gestand er mir, daß er auch singen könnte. Los, sagte ich. <lb/>
         Nein, sagte er, du lachst mich bloß aus. Los, sagte ich. Nein, <lb/>
         sagte er. Hin … her … er schloß die Tür ab und sang. Ich <lb/>
         werde das nie vergessen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wo ist denn mein klein Feinsliebchen fein <lb/>
         sang er und: <lb/>
         Junge Rose, warum gar so traurig? <lb/>
         und <lb/>
         … dem ich als Gärtnersfrau die Treue brach – <lb/>
         und viele andre schöne Lieder. Die Krone aber hatte er sich <lb/>
         bis zuletzt aufgespart. Es sei ein wiener Lied, sagte er, und <lb/>
         schloß die Tür noch einmal ab. „Aber den österreichischen Dia-<lb/>
         lekt kann ich nicht so nachmachen … doch … na, du wirst <lb/>
         ja hören … Ich kann es schon ganz gut!“ Und dann fing <lb/>
         er an. </p>
      <p><lb/>
         „Beim Henrigen – beim Henrigen – <lb/>
         da –“ <lb/>
         „Wie?“ sagte ich. Er begann von neuem. <lb/>
         „Beim Henrigen – beim Henrigen – <lb/>
         da –“ <lb/>
      </p>
      <p>„Erlaube mal“, sagte ich. „Wenn du mich immer unter-<lb/>
         brichst, hau ich dir die Gitarre auf den Kopf“, sagte er. „Na, <lb/>
         aber …“ sagte ich. „Was ist Henriger?“ – „Das ist … <lb/>
         ich weiß auch nicht recht … das ist so ein Wein … eine Art <lb/>
         Wein …“ – „Du Ochse!“ sagte ich. „Es steht im Lieder-<lb/>
         buch!“ sagte er. „Zeig mal her!“ sagte ich. Und dann kam es <lb/>
         heraus, und es gab einen Mordskrach, und an diesem Tage <lb/>
         spielten sie nicht weiter.</p>
      <p>
        <lb/>
         An diesen verdruckten Heurigen muß ich immer denken, <lb/>
         wenn ich so lese, wie sich manche meiner Kollegen in ihren
        <pb facs="#0210" n="207"/>
        <lb/>
         Büchern mit Dialekten mausig machen, die sie nicht ganz und <lb/>
         gar beherrschen. Man sollte das nicht tun; es ist aber Mode. <lb/>
         Es verleiht dem Stil so etwas Kraftvolles, und die unsicht-<lb/>
         bare Imponierklammer („Was sagste nu –?“) steht da-<lb/>
         hinter, und es ist sehr schön. Nein, es ist gar nicht schön.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn um einer Dame auf den Popo zu klopfen, muß man <lb/>
         mit ihr recht vertraut sein – dem zum ersten Mal einge-<lb/>
         ladenen Gast steht es gar übel an, solches bei der Gastgeberin <lb/>
         zu unternehmen. Auch die fremde Sprache ist eine Gastgebe-<lb/>
         rin. Berlinern soll nur, wer Berlin wirklich in den Knochen <lb/>
         hat; beginnt der Berliner aber, Ottakring nachzuahmen, <lb/>
         dann endet das meist fürchterlich: wir können das nicht. <lb/>
         Auch wird nie ein waschechter Czernowitzer oder Prager über <lb/>
         „icke – dette – kieke mal“ hinauskommen; für die feinern <lb/>
         berlinischen Wendungen wie: „Die er kennt, sagt er du“ hat <lb/>
         der Fremde nicht das nötige Verständnis.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ganz schrecklich wird das, wenn die deutschen Schriftsteller <lb/>
         französeln oder amerikaneln. Sobald einer nach einjährigem <lb/>
         Aufenthalt im fremden Lande mit dessen Argot um sich wirft, <lb/>
         können Sie tausend zu eins wetten, daß er die offizielle <lb/>
         Grammatik unvollkommen beherrscht; da stimmt etwas nicht. <lb/>
         Jedesmal, wenn ich in einer deutschen Arbeit um einen fran-<lb/>
         zösischen Ausdruck nicht herumkomme, dann sehe ich mich <lb/>
         ängstlich um, ob auch kein Franzose in der Nähe ist; es <lb/>
         ist, wie wenn man unerlaubterweise eine Frau geduzt hat. <lb/>
         Und wie sie engländern! Wie sie sich dicke tun, wenn sie <lb/>
         irgend einen aufgeschnappten Slang-Ausdruck in den Satz <lb/>
         einfließen lassen, so, als wenn das gar nichts sei …</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist auch nichts, und meist gehts schief. Und es waltet <lb/>
         ein tiefes Geheimnis über diesen fremdsprachigen Zitaten. <lb/>
         Zitieren die deutschen Zeitungen einen französischen Text, <lb/>
         dann ist er mitunter falsch; zitieren die französischen Zeitungen
        <pb facs="#0211" n="208"/>
        <lb/>
         einen deutschen Text, dann ist er mitunter fast richtig – <lb/>
         ganz ohne Malheur gehts da nie ab. Fremde Landweine kann <lb/>
         man nicht exportieren, den Barbera nicht, den kleinen Anjou <lb/>
         nicht, den Äppelwoi wohl auch nicht. Laßt den Henrigen, spielt <lb/>
         nicht den Vertrauten der andern; man sollte es – ah, nom-<lb/>
         denomdenomdenom (so fluchen die Franzosen), man sollte es <lb/>
         nicht tun.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Lampenfieber</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Heißt „<hi rendition="#aq">trac</hi>“ auf französisch. Der kleine zuckende Laut gibt <lb/>
         den Peitschenschlag der Nerven gut wieder. Ich, der Zu-<lb/>
         schauer, habe oft Lampenfieber, wenn ich im Theater vor dem <lb/>
         herabgelassenen Vorhang sitze, und ich, der Bücherleser vor <lb/>
         dem unaufgeschnittenen Buch, habe es auch. Warum –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil ich mir manchmal denke: Wie, wenn du nun die ganze <lb/>
         Geschichte gar nicht verstehst? Wenn du der Fabel nicht folgen <lb/>
         kannst? Wenn du heute abend den Lauf der Fäden, die Kno-<lb/>
         ten und Knötchen, überhaupt nicht faßt? Was dann? Das <lb/>
         mathematische Gefühl, das dazu gehört, eine Intrigue von <lb/>
         Scribe zu entwirren, ist bei mir nur schwach ausgebildet; <lb/>
         in den großen Romanen habe ich schon meinen lieben Kum-<lb/>
         mer, alle Personen auseinanderzuhalten – daher unter an-<lb/>
         derm der nimmer versagende Reiz der Kriminalgeschichten, <lb/>
         die jedesmal wieder anklopfen: Verstehst du uns auch? kannst <lb/>
         du folgen? kannst du uns lösen, „geht es auf?“ wie die <lb/>
         Schüler sagen, die beseligt aufatmen, wenn als Rest Null <lb/>
         bleibt. Manchmal, denke ich, werde ich versagen und mich <lb/>
         furchtbar blamieren.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das muß dann ein hübscher Abend sein … Während <lb/>
         rings alles vor Spannung fiebert, sitze ich, der lampenfie-<lb/>
         bernde Zuschauer, da und verstehe kein Wort. Die Leute
        <pb facs="#0212" n="209"/>
        <lb/>
         lachen; ich bleibe toternst. Die Nachbarinnen ziehen je ein <lb/>
         kleines Tuch … ich bleibe ungerührt. Wissen Sie, was <lb/>
         dann geschieht?</p>
      <p>
        <lb/>
         Dann haßt man die Verstehenden. Ich weiß es noch ge-<lb/>
         nau: wir saßen in den „Noctambules“, Holitscher und ich, <lb/>
         es war in meinen ersten pariser Wochen, und ich verstand <lb/>
         knapp die Hälfte von dem, was sie da sangen. Holitscher, <lb/>
         der Frankreich von Grund auf kennt, lachte aus vollem <lb/>
         Halse, ab und zu sah er auf mich, ob ich auch meinen Spaß <lb/>
         hätte … Ach nein, ich hatte ihn gar nicht. Ich saß, das <lb/>
         Trommelfell gespannt, ich machte sozusagen Eselsohren, ganz <lb/>
         lang wurden sie … und ich faßte nicht. Schwupp – Pointe <lb/>
         vorbei. Und die Leute lachten! In diesem Augenblick haßte <lb/>
         ich Holitscher. Ich fand sein Lachen fast albern, sein Ver-<lb/>
         ständnis pretiös. Ich hatte ihn sogar ganz leise im Ver-<lb/>
         dacht, er lachte nur, um mir zu zeigen, wie schön er franzö-<lb/>
         sisch … dann ging es schnell vorüber. Später saß ich selbst <lb/>
         neben den deutschen Freunden, lachte mich krumm, wenn der <lb/>
         da vorn von einer alten Jungfer sang, die auf dem Omnibus <lb/>
         sagte: „<hi rendition="#aq">Mais j’ai perdu mon chat!“</hi> – und der deutsche <lb/>
         Freund saß neben mir, es war ihm leicht unbehaglich, und ich <lb/>
         sah es nicht. So ist das.</p>
      <p>
        <lb/>
         Merk: es gibt Bücher, vor denen das Verständnis aussetzt. <lb/>
         Leg mir Claudel vor – ich verstehe keinen Ton. Ich habe es mit <lb/>
         den „Falschmünzern“ von Gide versucht … ein Loch. Hier <lb/>
         hilft nur die schärfste Selbstkritik.</p>
      <p>
        <lb/>
         So, wie die berliner Journalisten, besonders die Jungen, <lb/>
         etwas wie die Begeisterung um jeden Preis erfunden haben, <lb/>
         weil sie glauben, sie seien weniger wert, wenn die gestrige <lb/>
         Kinopremiere nicht „faabelhaft“ gewesen sei, während ein Po-<lb/>
         saunenlob sie selbst heben soll („Man geht in die Nacht <lb/>
         hinaus und ist erschüttert“) – so, wie viele glauben, es müsse
        <pb facs="#0213" n="210"/>
        <lb/>
         immer etwas los sein und es fiele auf sie zurück, wenn ein-<lb/>
         mal nichts los ist –: so muß man genau wissen: hier hast <lb/>
         du nichts zu suchen. Das kannst du nicht. Hier hörts auf. <lb/>
         Geh ab. Schweige.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist keine Schande, nicht allgegenwärtig zu sein. Man <lb/>
         muß es nur nicht prätendieren. Auch ist es klüger, sich so <lb/>
         zu verhalten. Denn es gibt ein Mittel, ein einziges, im Schach-<lb/>
         spiel unbesiegt zu bleiben. Spiele nicht Schach.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Eugen Burg</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ich komme viel zu spät – die Geburtstagslichter sind <lb/>
         längst ausgelöscht, die Torten zerkrümelt, Wein gibts auch <lb/>
         nicht mehr, und das Mädchen, das mir die Sachen abnimmt, <lb/>
         sagt: „Aber Herr Burg ist nicht zu Hause …“ Da stehe <lb/>
         ich nun mit meinem Gratulations-Zylinder … Das sechzig-<lb/>
         jährige Geburtstagskind ist nicht zu Hause. Was habe ich ihm <lb/>
         sagen wollen –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe sagen wollen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie können etwas, und Sie sind etwas. Sie können nämlich <lb/>
         Ihr Handwerk, weil Sie das gelernt haben, und Sie haben <lb/>
         Charme, wofür ich kein deutsches Wort weiß. Es gibt auf <lb/>
         der deutschen Bühne viele Männer, aber außer Bassermann <lb/>
         nicht viele Herren: Rudolf Forster und Paul Otto und noch ein <lb/>
         paar und Eugen Burg. „Eine Verehrerin“, erzählte mir eines <lb/>
         Tages S. J., „hat dem Burg ihr ganzes Vermögen hinterlas-<lb/>
         sen.“ „Glaubst du das?“ fragte ich. „Ja“, sagte er, „wenn <lb/>
         ich eins hätte: das tät ich auch.“ Für so viel Freude muß man <lb/>
         danken. Für so viel geschmackvollen Spaß, für soviel heitere <lb/>
         Stunden – für diese blitzsaubere Technik, im Gespräch vom <lb/>
         Partner das Wort wie einen Ball abfangen, es zurückwerfen
        <pb facs="#0214" n="211"/>
        <lb/>
         … wie selten ist das! Eugen Burg kam herausgeweht, in hun-<lb/>
         dert Lustspielchen, deren Namen vergessen sind – die Leistung <lb/>
         ist nicht zu vergessen. Es war eine Lustspielwelt, glaubhaft für <lb/>
         drei Stunden, glaubhaft nur hier, auf dieser Szene – er <lb/>
         stand da: als Höfling, als Frechling, als Liebling … und <lb/>
         alle Herzen sagten: Ja. Manchmal blieben die großen, hellen <lb/>
         Augen still stehn, das dünne Eis des gefrorenen Monokels <lb/>
         blitzte wie ein See von Dummheit, dann machte er irgend <lb/>
         einen Kammerjunker, der seine Verlegenheit unter feinen Sit-<lb/>
         ten und Gebräuchen verbarg – aber nichts war gemacht: <lb/>
         Dümmlichkeit und Verlegenheit und höfische Sitten saßen <lb/>
         wie angegossen. Oder er kam schief angestelzt und schnob <lb/>
         kleine Frechheiten durch die Nase, außerordentlich siegesgewiß <lb/>
         und leicht erstaunt, wenn die Dame seines Lustspielherzens <lb/>
         sich die Sache anders überlegt hatte …</p>
      <p>
        <lb/>
         Nur Theater – gewiß. Aber wenn einer schon Theater <lb/>
         spielt: dann soll er dran glauben und soll uns anständige <lb/>
         Arbeit zeigen. Das hat Eugen Burg getan, und weil ein <lb/>
         Schauspieler auf der Bühne seine Leistungen nicht aufbewah-<lb/>
         ren kann, deshalb wollen wir die Erinnerung aufbewahren. <lb/>
         Schauspieler mit Leib und Seele – nicht ein Filmknabe, <lb/>
         der sich herbeiläßt, auch einmal Theater zu spielen. Kein <lb/>
         Fatzke – ein Herr. Kann gehen und stehen, das haben sie <lb/>
         verlernt. Kann die Leute lachen machen, und man muß sich <lb/>
         hinterher nicht schämen, daß man gelacht hat. Hat eine <lb/>
         Eigenschaft, die immer seltener wird, scheints: er ist nett.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Mädchen steht und wartet, ob der Besuch nicht end-<lb/>
         lich gehen wird. Ich greife nach meinem hochfeinen Zylinder; <lb/>
         wenn das Geburtstagskind den sieht, wird er nichts sagen, <lb/>
         weil er so nett ist, aber er wird sich sein Teil denken. <lb/>
         Stumpfer Zylinder … am hellichten Tage! „Bitte emp-<lb/>
         fehlen Sie mich Herrn Burg!“ sage ich. Und schiebe ab.</p>
      <pb facs="#0215" n="212"/>
      <p>
        <lb/>
         Das Rampenlicht von so viel Jahren fällt auf den Mann. <lb/>
         Er ist noch wie neu, und man mag ihn gern sehen, immer <lb/>
         wieder.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Anhängewagen</hi></p>

      <quote>
        <lb/>
         Ich sage: „Sagen Sie mal“, sage ich, <lb/>
         „was schreiben Sie denn jetzt so –?“ </quote>
      <quote>
        <lb/>
         „I“, sagt er, „wir schreiben doch heute <lb/>
         nicht mehr“, sagt er. „Wo die andern schon <lb/>
         alles geschrieben haben – wozu sollen wir <lb/>
         nochmal –?“</quote>
      <p>
        <lb/>
         Es ist Bert Brecht nachgewiesen worden, daß er bei einer <lb/>
         Übertragung aus dem Französischen einen Übersetzer bestoh-<lb/>
         len hat. Er hat darauf geantwortet: das beruhe auf seiner <lb/>
         grundsätzlichen Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums. <lb/>
         Das soll sehr rebellisch klingen – es ist aber nur dumm.</p>
      <p>
        <lb/>
         Brecht, der es nicht nötig hat zu stehlen, weiß natürlich <lb/>
         genau, daß auch andre so lax sein könnten wie er; wenn ihm <lb/>
         ferner heute etwa bewiesen würde, daß seine schönsten Ge-<lb/>
         dichte nicht von ihm, sondern von dem Gelegenheitsdichter <lb/>
         Ewald Bornhacke aus der Großen Frankfurter Allee stamm-<lb/>
         ten, so wäre es aus mit der Laxheit. Es scheint da auf die <lb/>
         Quantität anzukommen: als kleinen Entschuldigungsgrund <lb/>
         führt Brecht an, er habe von 625 Versen nur 25 von Herrn <lb/>
         Ammer übernommen, wobei denn zu fragen wäre, wo die <lb/>
         Kriminalität anfängt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Brecht ist ein großes lyrisches Talent. Daneben ist er <lb/>
         ein Schludrian, der sich mächtig amerikanisch vorkommt, wenn <lb/>
         er die Unbildung seiner Kritiker dazu benutzt, um Geld zu <lb/>
         machen. Ermöglicht wird ihm das durch die Überschätzung der <lb/>
         Nachdichterei.</p>
      <pb facs="#0216" n="213"/>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die Bäume alt werden, schlingt sich Efeu um die <lb/>
         Äste. In besonders schlimmen Fällen sind es Moos oder <lb/>
         andre Parasiten, die Saft und Kraft aus den alten Bäumen <lb/>
         ziehen – ohne sie vergingen die Schmarotzer. Die halbe <lb/>
         Literatur „bearbeitet“, „überträgt“, „richtet ein“ – es gibt <lb/>
         da eine schöne Terminologie, um die eigne Einfallslosigkeit <lb/>
         zu übertünchen. Wenn man das so alles mit ansieht, <lb/>
         kommt man sich reichlich töricht vor, daß man sich seinen <lb/>
         Kram noch allein ausdenkt. „Die andern haben schon – <lb/>
         wozu sollen wir nochmal?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Technik dieser Nachfühler ist, in den guten Fällen, <lb/>
         unmerklich raffiniert. Sie kriechen in das Vorbild, saugen es <lb/>
         ganz auf und schmücken sich mit fremder Kraft.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das fängt bei den Biographien an. Der Biograph läßt <lb/>
         fremde Muskeln schwellen. Und wenn er eine Weile damit <lb/>
         herumgelaufen ist, dann macht er uns glauben, es seien seine <lb/>
         eignen. Er beginnt, uns den großen Mann verständlich zu <lb/>
         machen, was meistens auf Konto des Beschriebenen vor sich <lb/>
         geht, und zum Schluß verwechselt der eingeschläferte Leser den <lb/>
         Beschriebenen und den Beschreibenden. Damit es keine Miß-<lb/>
         verständnisse gibt: ich finde diesen Trick nicht in den Ludwig-<lb/>
         schen Biographien, aber in sehr vielen andern, besonders bei <lb/>
         Stephan Zweig. Es ist da eine Schwäche, die sich als Stärke <lb/>
         gibt, jener nicht unähnlich, mit der unfähige Dramatiker <lb/>
         ihren Helden einen genialen Maler sein lassen; sie habens <lb/>
         dann leichter. Aber dieser Fall ist noch harmlos gegen die <lb/>
         Bearbeiter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist bei der Bearbeitung eines alten Stücks sehr schwer <lb/>
         zu kontrollieren, was vom Verfasser und was vom Bearbeiter <lb/>
         stammt. Der Fall Shakespeare gehört nicht hierher; erstens <lb/>
         waren damals die Auffassungen vom geistigen Eigentum nicht <lb/>
         lax, sondern kaum ausgebildet, und zweitens hat der nun
        <pb facs="#0217" n="214"/>
        <lb/>
         wirklich die alten Stoffe nur zum Anlaß genommen. Bei den <lb/>
         Heutigen ist es Faulheit, Phantasielosigkeit, Wichtigtuerei und <lb/>
         Abwälzung der Verantwortung auf einen, der sich nicht mehr <lb/>
         wehren kann. „Was gut ist, stammt natürlich von mir – <lb/>
         den Rest mußte ich übernehmen.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Die maßlose Überschätzung einer solchen Arbeit wie des <lb/>
         Zweigschen „Volpone“ beruht auf der Unkenntnis alter <lb/>
         Literatur und auf jener Halbbildung, die sich nicht getraut zu <lb/>
         kritisieren … sie hat auch kaum noch ein Recht dazu. Diese <lb/>
         Dünnblütler zecken sich an die alte, verschollene Kraft, viel-<lb/>
         leicht bearbeiten sie wirklich ganz gut – aber sie sollen sich <lb/>
         doch erst einmal hinsetzen und selber so etwas erfinden! Sie <lb/>
         können es nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Film nach einem Stück; ein Stück nach einem Roman; <lb/>
         ein Roman nach einer Biographie … der jämmerliche Lauf <lb/>
         immer hinter der Konjunktur her verdirbt die Besten. Was <lb/>
         Remarque kann, kann ich auch – und nun kommen sie alle <lb/>
         gelaufen. Und weil man so schnell nicht dichten kann, wie <lb/>
         die Verleger und Theaterdirektoren telephonieren, deshalb <lb/>
         machen sie sich das Leben angenehm und dichten nach. An-<lb/>
         hängewagen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Brecht hat bereits seinen Fall Rimbaud hinter sich, wo die <lb/>
         Sache ähnlich lag. Ich bin kein Plagiatschnüffler; ich weiß, <lb/>
         wie halb verwehte Klänge haften, wie einem Erinnerungen <lb/>
         aufsitzen, wie man unbewußt plagiieren kann, aber weil <lb/>
         ich es weiß, passe ich auf. Zu denken, daß sich unsereiner <lb/>
         quält, wegläßt, weil vielleicht diese Zeile zu sehr an eine von <lb/>
         Mehring erinnert … ich habe den größten Respekt vor gei-<lb/>
         stigem Eigentum und eine ebenso große Verachtung für <lb/>
         literarische Einbrecher.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir sollten der Verschmutzung unsrer Literatur vorbeugen. <lb/>
         Wenn Bert Brecht die Pose des literarischen Diebs annimmt,
        <pb facs="#0218" n="215"/>
        <lb/>
         so muß er sich gefallen lassen, daß man ihn danach bewer-<lb/>
         tet und bei jedem seiner nächsten Verse fragt: „Von wem <lb/>
         ist das?“ Es ist im tiefsten unehrlich, was er da treibt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Auf den ersten Theaterzetteln der Dreigroschenoper hieß <lb/>
         es noch, ganz hinten, da, wo Inszenierung und Dekoration <lb/>
         standen: „Bearbeitung: Brecht.“ Das war ein bißchen kokett, <lb/>
         mochte aber angehen. Schließlich ist das Stück ja nicht von <lb/>
         ihm. Das war, als man noch nicht wußte, ob es ein Erfolg <lb/>
         werden würde.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun, da das alte englische Stück, aufgeputzt mit Versen, <lb/>
         die gleichfalls nicht alle von Brecht stammen, ein Erfolg ge-<lb/>
         worden ist, hat er die Kühnheit, ein Heft herauszugeben, auf <lb/>
         dem zu lesen steht: „Brecht, Die Songs der Dreigroschen-<lb/>
         Oper“ . Auch diese sind nicht alle von ihm. Es ist mehr als eine <lb/>
         Kühnheit – es ist eine literarische Lüge.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr. In Bälde erfriert es <lb/>
         schon von selbst …“ Das wollen wir hoffen. Und langsam <lb/>
         wieder die alte Bezeichnung einführen, die um 1890 Mode <lb/>
         war: „Originalroman von …“</p>
      <p>
        <lb/>
         Lasset uns in Zukunft Dichter loben, die sich ihr Werk <lb/>
         allein schreiben.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Auf dem Nachttisch</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Bronislaw Malinowski „Das Geschlechtsleben der Wilden <lb/>
         in Nordwest-Melanesien“ (Grethlein &amp; Co., Leipzig und <lb/>
         Zürich). Das müßt ihr mal lesen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wissen möchte ich wohl, wie der englische Titel heißt – <lb/>
         denn es ist aus dem Englischen übersetzt. Ob da auch dieses <lb/>
         törichte Wort „Wilde“ steht? Nach dem Inhalt des Buches
        <pb facs="#0219" n="216"/>
        <lb/>
         sollte man das nicht glauben. Der Mann hat eine vorbild-<lb/>
         liche Art, fremde Völker zu schildern.</p>
      <p>
        <lb/>
         Malinowski ist frei von den zwei großen Fehlern seiner <lb/>
         Kollegen: die ältern messen, was sie sehen, nach Bond Street, <lb/>
         dem siebenten Arrondissement, der Universität Heidelberg, <lb/>
         und alle zusammen halten die verstaubten Grundsätze ihrer <lb/>
         metaphysischen Warenhäuser für das einzig Wahre und Mög-<lb/>
         liche. So kommen sie zu lustigen Resultaten. Die Jüngern <lb/>
         spielen „O Bruder Mensch!“ und fabeln sich da in Bali oder <lb/>
         sonstwo wahre Zauberreiche zusammen, bei denen es einen <lb/>
         nur Wunder nimmt, daß die hehren Urwesen, die dort woh-<lb/>
         nen, überhaupt aufs Töpfchen gehen. Malinowski macht das <lb/>
         anders.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er ist zunächst einmal von wundervoller Bescheidenheit. <lb/>
         Er hat sozusagen klein angefangen: er hat jahrelang unter <lb/>
         diesen Leuten gelebt, die nach seinen Schilderungen wesentlich <lb/>
         weniger wild zu sein scheinen als etwa ein mittlerer berliner <lb/>
         Börsenbesucher … er hat unter diesen Leuten, südlich vom <lb/>
         Bismarck-Archipel, westlich von Neu-Guinea, gelebt, hat lang-<lb/>
         sam ihre Sprache gelernt und ist dann allmählich in ihr <lb/>
         Leben eingedrungen, soweit das ein Fremder überhaupt kann. <lb/>
         Aus der Fülle des Materials heben sich zwei Dinge klar <lb/>
         hervor:</p>
      <p>
        <lb/>
         Daß es auf der Welt einen Stamm von Menschen gibt, <lb/>
         die nicht an die physiologische Vaterschaft glauben. Das heißt, <lb/>
         der hier beschriebene Volksstamm auf den Trobriand-Inseln <lb/>
         hält die Geburt eines Menschen nicht für die Folge des Ge-<lb/>
         schlechtsverkehrs. Zunächst muß im Leser die Annahme auf-<lb/>
         tauchen: sie haben sich mit dem Forscher einen hübschen Spaß <lb/>
         gemacht. Nein, sie haben sich keinen Spaß gemacht. Sie argu-<lb/>
         mentieren allen Ernstes so: Ein Mädchen, das viel Ge-<lb/>
         schlechtsverkehr hat, bekommt oft keine Kinder … also?
        <pb facs="#0220" n="217"/>
        <lb/>
         Eine häßliche alte Frau, die für uns alle nur ein Gegenstand <lb/>
         des Spottes ist, hat ein Kind, sie kann keinen Verkehr gehabt <lb/>
         haben … also? Woher die Kinder kommen? Ein Geist <lb/>
         bringt sie. Und das sind doch nun Bauern, Leute, die Vieh <lb/>
         haben, wenn auch importiertes, die ihren Hunden zusehn! <lb/>
         „Das weibliche Schwein pflanzt sich selber fort.“ Es ist <lb/>
         ganz erstaunlich. Wir wollen hier nicht den Fortgeschrittenen <lb/>
         mimen, wir nicht. Denn sicherlich haben die Melanesier einen <lb/>
         Schauwecker oder einen Jünger, der ihnen dartut, daß in <lb/>
         diesem Mythos Blut und Erkenntnis zusammenstoßen … <lb/>
         oder was man so sagt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der zweite Punkt ist die Bestätigung einer Erkenntnis, die <lb/>
         wohl als erster Levy-Brühl formuliert hat: daß die Sprache <lb/>
         dieser Wilden unendlich kompliziert ist. Wie so vieles von <lb/>
         dem, was man auf den Schulen lehrt, falsch ist, so ist es auch <lb/>
         die Lehre von den Primitiven. Eine so unendlich kompli-<lb/>
         zierte Sprache, die für alles und jedes ihre eignen grammati-<lb/>
         schen Formen hat, das soll man sich in Europa suchen. Wir <lb/>
         hätten dazu keine Zeit; unsre Sprachen werden ja allesamt <lb/>
         immer mehr abgeschliffen, der Genetiv verschwindet, die Aus-<lb/>
         wahl an Tempora wird immer kleiner, der Konjunktiv fängt <lb/>
         leider an, leicht komisch zu werden … diese Leute da haben Ver-<lb/>
         balformen, die anzeigen, ob eine Tätigkeit schnell oder lang-<lb/>
         sam ausgeübt worden ist, im Laufen oder im Sitzen, gern <lb/>
         oder ungern – das beziehen sie ins Verb ein, es ist ganz <lb/>
         erstaunlich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Seht, die Wilden sind doch bessere Menschen …? Das <lb/>
         nicht. Aber sehr rein und unverdorben sind sie; und das ein-<lb/>
         zige, was in diesem Bilde stört, ist die Existenz christlicher <lb/>
         Missionare. Man empfindet es als eine Frechheit, diesen <lb/>
         Leuten unsre Moral zu predigen, und das ist es ja wohl <lb/>
         auch.</p>
      <pb facs="#0221" n="218"/>
      <p>
        <lb/>
         Soweit das Geschlechtsleben der Wilden. Das Geschlechts-<lb/>
         leben der Gezähmten lernen wir aus einem Werkchen von <lb/>
         vierhundert Seiten kennen: „Die (Klipp-)Schule der Liebe“ <lb/>
         von Diotima (bei Eugen Diederichs in Jena). Die Zeiten <lb/>
         sind so traurig, und man ist für jede Aufheiterung so dank-<lb/>
         bar … Auf dem Buchumschlag: „Diotima bittet dringend, <lb/>
         alles Nachforschen nach ihrem Namen zu unterlassen, denn sie <lb/>
         will nicht auf dieses Buch hin angesprochen werden.“ Keine <lb/>
         Sorge – auf dieses Buch hin gewiß nicht. Also jetzt gehts los.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man stelle sich eine brave, normal-sinnliche, etwas mit <lb/>
         Edelmut geladene Frau vor, die plötzlich vom Dämon und <lb/>
         vom Verlag Diederichs gepackt wird: „Es muß etwas ge-<lb/>
         schehn!“ Und es geschieht etwas. Die Dame setzt ihr Ge-<lb/>
         schlechtsleben in ein Manuskript um … also das ist nicht <lb/>
         zu sagen. Dieser Mangel an Geschmack ist gradezu grotesk. <lb/>
         Man sieht ordentlich, wie das arme Wesen dasitzt, an der <lb/>
         Schreibmaschine nagt und sinnt: „Was haben wir denn noch <lb/>
         gemacht … ja, richtig!“ und dann gehts wieder los, und sie <lb/>
         übersetzt ihre Erlebnisse in ein grauenvolles Deutsch, gemischt <lb/>
         aus Freud, einem vermanschten Zeitungsjargon und jenem ge-<lb/>
         hobenen Stil, der sich im Deutschen gern durch substantivierte <lb/>
         Infinitive ankündigt: in ein „Nicht-stärker-empfinden-können“. <lb/>
         Wenn du irgendwo so einen Infinitiv siehst, dann wisse: hier <lb/>
         ist das musikalische Lymphdrüsensystem geschwollen. Der mit <lb/>
         Verlaub zu sagen Stil der Dame Diotima ist nicht von <lb/>
         Pappe. Doch, er ist aus Pappe. Sie hat eine gewaltige Ab-<lb/>
         neigung, die Dinge, mit denen sie sich nun einmal – die <lb/>
         Sache wills, mein Herz! – befassen muß, beim richtigen <lb/>
         Namen zu nennen. Daher gibt sie ihnen neckische Kosenamen; <lb/>
         man bekommt die Seekrankheit auf festem Land. „Liebes-<lb/>
         muschel“ ist ja schon nicht heiter – aber wenn ich denke, daß <lb/>
         das jemand „Liebeshöhle“ nennt, dann gehe ich einsam in ein
        <pb facs="#0222" n="219"/>
        <lb/>
         monogames Eckchen und weine vierzehn Tage lang, und <lb/>
         Erika hat nichts zu lachen in der Zeit. Bin ich ein Höhlen-<lb/>
         bewohner? Ach, ist das ein Buch! Ich bringe es über mich, <lb/>
         eine dieser Passagen zu zitieren – erröten kann der Um-<lb/>
         schlag der Weltbühne nicht, ich fürchte, er wird blau und grün <lb/>
         werden. Item:</p>
      <p>
        <lb/>
         „6. Wer es wagen kann, stelle den geschlossenen Kreislauf <lb/>
         der Liebe her, wo sich nicht nur unten und unten und oben <lb/>
         und oben im Kuß verklammert, sondern jedes Oben mit <lb/>
         jedem Unten geeint ist und den Kreis schließt (69). Es sei <lb/>
         noch bemerkt, daß sowohl die sechs wie die neun ja nicht <lb/>
         nur auf der Seite, sondern auch beiderseits abwechselnd auf <lb/>
         dem Rücken liegen kann.“ In einem der Werke der <hi rendition="#aq">Psycho-<lb/>
           pathia sexualis</hi> habe ich ein bestimmtes Dokument immer mit <lb/>
         dem größten Vergnügen gelesen; es findet sich bei Merzbach: <lb/>
         „Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinns“. Da <lb/>
         schreibt ein Buchhalter an eine ihm offenbar recht ergebene <lb/>
         Dame einen nicht völlig wiederzugebenden Brief; der Mann <lb/>
         hatte wohl seine kleine Befriedigung in solcher Schreiberei, <lb/>
         und der Brief fängt so an: „Meine liebe Freundin! Hoffe <lb/>
         Dich im Besitze der meinerseits versprochenen Ansichtskarten <lb/>
         und habe erst heute Zeit, die Ihnen ebenfalls versprochenen <lb/>
         Zeilen zu senden, worin mein Entzücken ausdrücke über Deinen <lb/>
         süßen …“ Und fährt fort: „Beides hätte gern, aber wir <lb/>
         müßten beiderseits respektive allseits nackend sein.“ Diotimus <lb/>
         oder: Franzeescher Schick und deutsche Jründlichkeit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir wollen uns hier nichts von Galanterie erzählen. Wer <lb/>
         ein so albernes Machwerk der Öffentlichkeit vorzulegen wagt, <lb/>
         der verdient keinerlei Schonung. Diese Mischung aus Unge-<lb/>
         schmack, flanellner Geilheit, Mystik und falscher Bildung muß <lb/>
         ausgelacht werden. Wird sie das? Mitnichten. Das Buch hat <lb/>
         wunderschöne Empfehlungen auf den Weg bekommen, ihm
        <pb facs="#0223" n="220"/>
        <lb/>
         durchaus adäquate. Daß es Wilhelm Bölsche empfohlen hat, <lb/>
         ist in der Ordnung: es ist ihm ganz nahe. Daß ein Pfarrer <lb/>
         schreibt, er wisse keine Stelle, wo er nein sagen müßte, läßt <lb/>
         auf sehr bedenkliche Vorgänge im Pfarrhause schließen. Auch <lb/>
         Katharina von Kardorff-Oheimb hat das Buch warm emp-<lb/>
         fohlen (wie denn nicht – gehst her!), und Frau Margarete <lb/>
         Garduhn, geborne Saunier, wissen Sie, von den Sauniers <lb/>
         … aus Stettin, schreibt: „Und als ich das Buch in der <lb/>
         Hand hielt, dachte ich, daß doch bis jetzt noch niemand vorher <lb/>
         das wahre Wesen der Liebe erfaßte und eben auch den Kampf <lb/>
         darum. Jedenfalls, ich las das Buch – vor meinem Mann <lb/>
         …“ Genug.</p>
      <p>
        <lb/>
         Neulich habe ich mich einmal darüber ausgesprochen, in welcher <lb/>
         Massenhaftigkeit die Empfehlungsschreiben Thomas Manns <lb/>
         herausgehen. Darauf hat mir Hans Natonek in Leipzig sehr <lb/>
         gut und verständig geantwortet: es sei doch nett von Thomas <lb/>
         Mann, sich für den Nachwuchs einzusetzen, und wer denn <lb/>
         das sonst tue. Das ist ein Standpunkt. Aber es ist doch auch <lb/>
         einer, diese unsägliche Manieriertheit Manns zu verlachen, <lb/>
         der die Schmiererei Diotimas also apostrophiert: „Ich habe <lb/>
         das Werk der kundigen und tapferen Sibylle mit Respekt und <lb/>
         Vergnügen gelesen und finde, daß man das Ewig-Weibliche <lb/>
         noch nie mit so viel gesundem Freimut über die Liebe hat <lb/>
         sprechen hören. Ich bin keine sehr galante Natur …“ Wenn <lb/>
         sie denn sind über fünfzig, dann kriegen sie es mit dem <lb/>
         Olympischen, und da wollen wir nicht stören. Diotima aber <lb/>
         wird sich noch oft, wie auf dem Buchumschlag steht, „mit <lb/>
         künstlerischen und wissenschaftlichen Problemen herumschla-<lb/>
         gen“, sie wird noch viel erleben, ihr Mitarbeiter wird das <lb/>
         seinige tun, und wenn es vorbei ist, wird uns das junge <lb/>
         Paar den Irrigatorenmarsch blasen, und wir bekommen einen <lb/>
         neuen Band. Eine Kochfrau der Liebe.</p>
      <pb facs="#0224" n="221"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Aussortierten</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Im linken Seitenflügel des Schlosses steht die Bibliothek <lb/>
         der Aussortierten. Wenn ein Buch einläuft, das ich nicht <lb/>
         lesen mag, dann drücke ich achtzehn Mal auf den Knopf, <lb/>
         und dann kommt der Bibliothekar. Es ist ein alter ausran-<lb/>
         gierter Expressionist; man soll sich der Kollegen annehmen. <lb/>
         „Herr Doktor“, sage ich, „das ist für Sie.“ „Dichtwerk! <lb/>
         Knall! Nachtigall!“, sagt er dann, „gesteilt, geballt, ge-<lb/>
         türmt …“ – „Na ja“, sage ich, „es ist gut – Sie können <lb/>
         gehn.“ Und er geht, mit seinem Buch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was stehen da für Bücher, bei dem gesteilten Doktor –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Stehen da nur wertlose Schmarren? „Das süße wiener <lb/>
         Mädl“? „Der Schloßhauptmann von der Reckenburg“? <lb/>
         „Trotzköpfchens Nachgeburt“ und dergleichen? Oder nur <lb/>
         Fachwerke, deren Fächer mir nicht zugänglich sind? „Die <lb/>
         Appendicitis bei den Chinesen“? (also das gibts), „Die Vor-<lb/>
         silbe Pi in der deutschen Kindersprache“? „Kaurimuscheln als <lb/>
         Zahlungsmittel bei den Primitiven“ von Reichskanzler a. D. <lb/>
         Cuno … was in aller Welt steht da?</p>
      <p>
        <lb/>
         Neulich habe ich mir den ganzen Schwung einmal ange-<lb/>
         sehn, bevor ich ihn verschenkt habe. Was war das –</p>
      <p>
        <lb/>
         Da steht seit jeher: erstens jene Makulatur, die man schon <lb/>
         erkennt, wenn man sie anblättert. Es gibt Sätze, die hat ein <lb/>
         anständiger Schriftsteller nicht zu schreiben; wer es doch tut, <lb/>
         ist keiner, vergessen sei sein Name, nie behalten sei sein <lb/>
         Name. Es sind das nicht nur jene parodistischen Fehler, auf <lb/>
         die man so oft stößt; es gibt eine Plattheit der Gesinnung, <lb/>
         eine Banalität der Erfindung, eine Warenhaushaftigkeit des <lb/>
         Wesens, die drücken sich alle drei zuerst im Stil aus. Form <lb/>
         ist Wesen. Schließlich muß es eine Grenze nach unten geben <lb/>
         … das also steht da.</p>
      <pb facs="#0225" n="222"/>
      <p>
        <lb/>
         Dann stehen dort zweitens Fachwerke, die man mir in der <lb/>
         irrtümlichen Annahme zugeschickt hat, ich wisse alles. Ich <lb/>
         weiß einiges, und das, was ich weiß, und worüber ich schreibe, <lb/>
         das weiß ich nicht unvollständig. Aber Buchkritiker, jene Aller-<lb/>
         weltskerle, die über jedes Buch schreiben können, das ihnen <lb/>
         zufällig in die Finger gerät … das lieber nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Am größten ist unter den Büchern, die der Doktor in Ver-<lb/>
         wahrung hat, die dritte Gattung, und wenn ich manchmal <lb/>
         durch den verschneiten Schloßpark gehe, hinter mir der Silber-<lb/>
         diener und die Amme unsres Geschlechts, vor mir ein junger <lb/>
         Nationalsozialist, dem habe ich eine Fahne geschenkt und ein <lb/>
         Kochgeschirr, und wenn ich ihn frage: „Na, was machen <lb/>
         Sie?“ – dann sagt er: „Ich dräue“ … da habe ich so nach-<lb/>
         gedacht: Warum baue ich so viele Bücher auf, um die ich <lb/>
         mich nachher nie mehr kümmere? Bücher, an die die Verfasser <lb/>
         vielleicht viel Mühe gewandt und auf die sie sicherlich viel <lb/>
         Hoffnungen gesetzt haben – warum sortiere ich sie aus? <lb/>
         Ist damit über die Bücher etwas ausgesagt?</p>
      <p>
        <lb/>
         Nichts ist über ihren Wert damit ausgesagt, nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sehr viel aber ist ausgesagt, wenn man Kritik als den Zu-<lb/>
         sammenstoß eines Kopfes mit einem Buch ansieht; wenn es <lb/>
         dann, nach Lichtenberg, hohl klingt: das muß nicht immer am <lb/>
         Buch liegen. Das kann auch am Kopf liegen. Und ich möchte <lb/>
         nicht, daß es hohl klingt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Seit ich mich bemühe, eine bunte und möglichst lehrreiche <lb/>
         Buchkritik zu machen, ist mein erstes Bestreben dies gewesen: <lb/>
         nicht das Literaturpäpstlein zu spielen. Das kann es nicht geben, <lb/>
         und das soll es auch nicht geben. Jeder, der kritisch tätig ist, <lb/>
         sollte täglich dreimal dieses, Gebet beten: Damit, daß du kriti-<lb/>
         sierst, bist du dem Werk nicht überlegen; dadurch bist du ihm <lb/>
         nicht überlegen; dadurch bist du ihm nicht überlegen. Es ist
        <pb facs="#0226" n="223"/>
        <lb/>
         schon schlimm genug, daß es viele und durchaus nicht unge-<lb/>
         bildete Leser gibt, die dergleichen glauben; jeder schöngeistige <lb/>
         Zahnarzt ist ernsthaft der Meinung, er sei dem Künstler über, <lb/>
         weil er ihn ablehne, und noch im Lob liegt eine Anerkennung <lb/>
         seiner selbst. Das ist eine Täuschung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man hat vielmehr einzusehn: Leben ist aussuchen. Und <lb/>
         man suche sich das aus, was einem erreichbar und adäquat <lb/>
         ist, und an allem andern gehe man vorüber. Ließe man mich <lb/>
         auf André Gide, auf Paul Claudel, auf Robert Musil los: <lb/>
         das gäbe ein rechtschaffenes Unglück. Ich verstehe sie nicht; <lb/>
         sie sagen mir nichts; ich weiß gar nicht, was ihre Schriften <lb/>
         zu bedeuten haben. Ich habe mich bemüht: ich weiß es nicht. <lb/>
         Ich spüre die geistige Potenz – das genügt aber nicht. Also <lb/>
         habe ich zu schweigen, wenn von ihnen die Rede ist, und nicht <lb/>
         etwa zu glauben, dadurch, daß ich eine Meinung über sie ab-<lb/>
         gebe, hätte ich sie schon verdaut. Dergleichen darf man wohl <lb/>
         nicht sagen, denn das breite Publikum will den Unfehlbaren, <lb/>
         den, der sich nie irrt – und das hat denn diesen größenwahn-<lb/>
         sinnigen Typus von Theaterkritiker erzeugt, einen Gott, der <lb/>
         an Wolkenhöhe und an Kostbarkeit der Talmi-Tiara nur noch <lb/>
         von einem übertroffen wird: vom Redakteur. In der alt-<lb/>
         deutschen Ambraser Handschrift des Wolfdieterich findet sich <lb/>
         auf Blatt 1104 ein Redakteur erwähnt, Wittich von Oren-<lb/>
         del, der soll einmal zugegeben haben, daß er sich geirrt <lb/>
         hat. Ich halte die Stelle für apokryph.</p>
      <p>
        <lb/>
         Viele Kritiker kritisieren mit jenem Herzklopfen, das nur <lb/>
         unter Familienangehörigen bekannt ist; Verwandte können <lb/>
         einander so prächtig ärgern … Am tollsten ist das in der <lb/>
         Musikkritik. Da geht der Kritiker, eitel-wonniger Aufregung <lb/>
         voll, nach dem Konzert an die Zensurenausteilung, und die <lb/>
         Sängerin oder die Tenörin entfaltet die Zeitung wie Kinder <lb/>
         das Schulzeugnis; es ist beinah ein erotischer Vorgang, der
        <pb facs="#0227" n="224"/>
        <lb/>
         dafür auch einen Dritten nicht viel angeht. Wenn es bei uns <lb/>
         damit auch nicht mehr so schlimm bestellt ist wie ehedem, <lb/>
         wo die halbe Kraft der Literaten in der Polemik draufging: <lb/>
         ich habe als Objekt der Kritik, das ich Gottseidank auch bin, <lb/>
         merkwürdige Erfahrungen gemacht. Das sind nicht viele, <lb/>
         die einem nach kräftigem Verriß unbefangen in die Augen <lb/>
         sehen können – die meisten haben ein böses Gewissen, <lb/>
         grüßen nur halb und gehen herum wie die kleinen Hundchen, <lb/>
         die in die Stube kritisiert haben und die nun erwarten, daß <lb/>
         man sie mit der Nase hineinstößt. Demgegenüber stehen <lb/>
         allerdings jene Künstler, die einen tadelnden Kritiker am lieb-<lb/>
         sten erschießen möchten, und gleich – peng-peng – gehen <lb/>
         sie auf die Motivenjagd. Frauen haben immer nur eines, <lb/>
         jenes; Männer suchen nach Geld, nach Gründen der „Feind-<lb/>
         schaft“ … nur auf den einen Gedanken kommen sie nicht: <lb/>
         daß dem Kritiker das Werk wirklich nicht gefallen haben <lb/>
         könnte. Mir klopft das Herz nicht schneller: nicht, wenn sie <lb/>
         mich zerreißen, nicht, wenn ich sie zerreiße. Es gibt nur zwei <lb/>
         eherne Gesetze für die Kritik: die Wahrheit zu respektieren <lb/>
         und, von ganz seltenen Fällen abgesehn, das Privatleben des <lb/>
         Kritisierten unberührt zu lassen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und weil ich das alles weiß, deshalb sortiere ich munter <lb/>
         aus, und da steht nun dieser Kirchhof der Literatur, mit <lb/>
         lauter Leuten, die hier den Leichnam spielen müssen, anderswo <lb/>
         leben sie vielleicht, wer weiß das?</p>
      <p>
        <lb/>
         Es muß aussortiert werden. Es erscheinen in Deutschland <lb/>
         täglich ungefähr 10 (zehn) belletristische Werke; die Fach-<lb/>
         literatur steht auf einem andern Blatt der Statistik. Täglich <lb/>
         auch nur eines dieser zehn Bücher zu lesen, so zu lesen, wie <lb/>
         ein Kritiker zu lesen hat: aufmerksam, die zur Sache gehörige <lb/>
         Literatur suchend oder kennend … das dürfte nicht gut mög-<lb/>
         lich sein. Deshalb muß aussortiert werden.</p>
      <pb facs="#0228" n="225"/>
      <p>
        <lb/>
         Wer seine Sache so ernst nimmt – zu ernst? –, der sor-<lb/>
         tiert auch gern jene aus, die sich mit ihrer Arbeit weniger <lb/>
         Mühe geben als der Kritiker mit der Kritik. Die Mehrzahl <lb/>
         der Autoren, deren Bücher man mir zusendet, sind ohne <lb/>
         Fülle. Ich wittre, wie das hergestellt wird: sie verlassen sich <lb/>
         fast immer darauf, daß ihnen bei der einmaligen Niederschrift <lb/>
         alles Nötige einfällt. Und das gibt es nicht. Und da jedes <lb/>
         Kunstwerk, wenn man von einigen genialen Improvisationen <lb/>
         absieht, Mosaik-Arbeit ist, so wirkt das Zeug so leer, so nich-<lb/>
         tig, so armselig. Dann haben sie noch die Frechheit, ihre <lb/>
         kleinen Geschichten Roman zu nennen, die armen Luder. <lb/>
         Nichts auf der Sparkasse und dann „groß ausgehn“ … sie <lb/>
         sollen bei ihrem Schneider Schulden machen, nicht in der <lb/>
         Literatur. Hier wird nicht gepumpt. Die werden aus-<lb/>
         sortiert.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und ganz bewußt und mit aller Tendenz sortiere ich die <lb/>
         Lieblinge der feinen Bürger aus; es ist mir eine kleine Wonne, <lb/>
         dem Nachtigallen-Doktor alle diese Bücher zu übergeben, die <lb/>
         die Schaufenster vornehmer Universitäts-Buchhandlungen zie-<lb/>
         ren. Boykott gegen Boykott. Sie uns und wir sie. Wer so <lb/>
         frech, wer so unduldsam den Radikalen verbannt, wer es der <lb/>
         Zeitung, dem verängstigten Sortimenter und dem Zeitungs-<lb/>
         händler verargt, daß sie etwas auslegen und verbreiten, was <lb/>
         nicht genehm ist: der darf sich nicht wundern, wenn er von <lb/>
         uns mit derselben Waffe bekämpft wird. Wenn man aus <lb/>
         solch einem vornehmen Buch und seinen Fehlern nichts ler-<lb/>
         nen kann, oder wenn es nicht so bedeutend ist, daß es zu <lb/>
         dem Weltbild gehört, das wir erstreben, dann hinweg mit <lb/>
         ihm.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der gesteilte Doktor hat heute Ausgang – ich will mir <lb/>
         noch einmal seinen Laden ansehn.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist ganz still. Das Schloß ist verschneit, die Vor-
        <pb facs="#0229" n="226"/>
        <lb/>
         alpen liegen weiß im dunstigen Winternebel. Da stehen die <lb/>
         Reihen: wieviel Meter mögen das sein? So viel Arbeit; <lb/>
         so viel Waschzettel; so viel Verträge, Notizen, Manuskripte; <lb/>
         anfeuernde Geliebte, tadelnde Freunde, Vorschüsse, Kritiken, <lb/>
         Stolz und Ruhm, Enttäuschung und Neid, Porto und Ge-<lb/>
        fühlswallung … I can’t help it. Leben ist aussuchen.</p>
      <pb facs="#0230" n="[227]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">AMULETT</hi></p>
      <pb facs="#0231" n="[228]"/>
      <pb facs="#0232" n="[229]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Sprechstunde am Kreuz</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Unter den vielen Biographien, die zur Zeit auf uns her-<lb/>
         unterprasseln, scheint es mir eine zu geben, die nicht zu schrei-<lb/>
         ben ist: das Leben Jesu. Der Mann ist nicht „interessant“ <lb/>
         gewesen, und es ist sehr bezeichnend, daß die guten Bücher, <lb/>
         die über ihn handeln, ganz etwas andres zum Thema haben <lb/>
         als ihn und seine höchst verschwommen überlieferte Legende – <lb/>
         sie befassen sich nämlich alle mit dem, was aus seiner Lehre ge-<lb/>
         worden ist, und nicht nur mit dem, der sie in die Welt gesetzt hat.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Zeitlang fielen die Oberlehrer über die Historie her, <lb/>
         vorher waren es die Priester gewesen, die einen und andern <lb/>
         examinierten die armen Helden ja nicht schlecht: wie hältst dus <lb/>
         mit der Religion? und es gibt ganze Gebiete, wie zum Bei-<lb/>
         spiel die deutsche Literatur, die nur von den transpirations-<lb/>
         duftenden Lehrern mit den erhobenen Zeigefingern überliefert <lb/>
         wurde. Daß Hölderlin oder Goethe den Deutschen durch <lb/>
         Herrn Eduard Engel vermittelt wird, ist bitter. Goethe hat <lb/>
         es vorausgewußt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nach den Paukern kamen die Ärzte, und im Nu verwan-<lb/>
         delte sich der Olymp in eine kassenärztliche Sprechstunde. <lb/>
         Mohammed: ein Epileptiker; Buddha: ein schizophrener <lb/>
         Irrer, kaltes Sitzbad, raus; Napoleon: ein wildgewordener <lb/>
         Psychopath, d. u. – und so fort und so fort. Nach den <lb/>
         Ärzten kamen die Soziologen, die das Einkommen Robes-<lb/>
         pierres prüfen, und da halten wir heute noch. So schafft <lb/>
         sich jede Zeit die alten Helden zu neuen Männern, nach Maß, <lb/>
         wie sie sie grade braucht.</p>
      <pb facs="#0233" n="230"/>
      <p>
        <lb/>
         Unter den ärztlichen Geschichtsdeutern, deren darwinisti-<lb/>
         scher Größenwahn ebenso unerträglich ist wie ihre spießige <lb/>
         Kleinheit, die da glaubt, mit einem Fachausdruck ein Leben <lb/>
         zu erklären, hebt sich ein seltsamer, heute fast vergessener <lb/>
         und bewußt in der Vergessenheit gehaltener Fall hervor. Das <lb/>
         ist Oskar Panizza.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vor mir liegt die Nummer 5 der ‚Zürcher Diskussionen‘:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Christus in psicho-patologischer Beleuchtung“ – der <lb/>
         Doktor Panizza, der an einer Paranoia zugrunde gegangen <lb/>
         ist, liebte eine private Rechtschreibung, die im folgenden aus-<lb/>
         gemerzt sein soll. Die kleine Schrift ist ein Unikum, und <lb/>
         weil ihr vollendeter Unglaube, hinter dem fast unhörbar ein <lb/>
         böses Gewissen klopft, nicht alltäglich ist, scheint sie mir ein <lb/>
         gutes Beispiel für Geschichtsbetrachtungen durch einen Spe-<lb/>
         zialisten, denn: „Was“, hat einer der Beteiligten gesagt, „was <lb/>
         ist Wahrheit!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Welcher Leute Kind er gewesen, scheint schwer zu ermitteln. Die <lb/>
           Mutter war jedenfalls eine ganz einfache Frau, der das exaltierte <lb/>
           Wesen ihres Sohnes, wie das sich gemeiniglich findet, höchst zu-<lb/>
           wider war, und die Alles tat, ihn einem sogenannten bürgerlichen <lb/>
           Lebensberuf zuzuweisen.</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         „Ich bin in der Schule gelernt worn …“ sagt Datterich, <lb/>
         und was bei solchen Sätzen zusammenzuckt, ist das Schulkind, <lb/>
         dem sie das Gehirn massiert haben. Es gibt ein Sakrileg auf <lb/>
         der Welt: es besteht darin, den Helden einer Kategorie mit <lb/>
         den Maßstäben einer andern zu messen, was meistens zu <lb/>
         Lächerlichkeiten, Karikaturen, Bosheiten, führt. Manchmal <lb/>
         zur Wahrheit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Panizza ordnet die Figur Jesu medizinisch ein; er kommt <lb/>
         dabei für kirchliche Begriffe zu bösen Resultaten, zu guten <lb/>
         Ergebnissen aber für Leute, die kühl genug sind, in scharfer
        <pb facs="#0234" n="231"/>
        <lb/>
         Beobachtungsgabe noch keinen Mangel an <hi rendition="#aq">verecundia</hi> zu sehn. <lb/>
         Es ist nur ein ärztliches Gutachten – nur: denn das, was <lb/>
         aus dieser Figur geworden ist, läßt sich auf solche Weise nicht <lb/>
         einfangen. Aber es ist wenigstens ein wertvolles Gutachten, <lb/>
         mindestens so visionär wie das Objekt des Referats, und da <lb/>
         Panizza kein Gerichtsarzt, sondern ein Kenner gewesen ist, so <lb/>
         läßt es sich hören.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Legende der Zeugung wird „obszön“ genannt; der Ver-<lb/>
         fasser ist nicht gegen seinen Patienten eingenommen – er <lb/>
         liebt ihn, auf seine Weise; es ist da etwas, was er nicht mit <lb/>
         seinem Latein auflösen kann, er will es auch gar nicht, und <lb/>
         diesen Rest liebt er.</p>
      <p>
        <lb/>
         Zunächst der Arzt:</p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Wir haben hier eines jener psychischen Ur-Phänomene vor uns, <lb/>
           wie sie zwar nicht selten sind, aber doch selten in so befruchtender <lb/>
           Weise in die Geistesgeschichte von Völkern eingreifen und deren <lb/>
           Gemütslage bestimmen. Dieses Identifizieren der eigenen, heftigen <lb/>
           und nicht zu bewältigenden Gefühle mit „Gott“, oder irgendeinem<lb/>
           hochklingenden Symbol – hier, wenn den Evangelien zu glauben <lb/>
           „der liebe Vater im Himmel“ – ist das Urbild eines geistigen Pro-<lb/>
           zesses, die psychische Zwangslage eines nach Gründen suchenden, <lb/>
           innerlich heftig bewegten Menschen, der Satz des zureichenden <lb/>
           Grundes nach innen gekehrt und anthropomorphisiert, wie wir ihn <lb/>
           heute mit fast experimenteller Sicherheit erweisen können.</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         Der Visionär:</p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Wie er aber dann das Resultat seines jünglinghaften Empfin-<lb/>
           dens und Denkens, die Frucht jahrelanger Isoliertheit und melan-<lb/>
           cholischer Anwandlungen, die Stimmung einer ganz reinen, von <lb/>
           sinnlichen Regungen freien, fast homosexual gearteten, dabei glück-<lb/>
           lich und heiter veranlagten Seele in seinen lehrhaften Gesängen <lb/>
           und Preisungen einer menschenumfassenden, selbstlosen Nächsten-<lb/>
           liebe aushauchte und ausströmte, das war von einer Innigkeit, <lb/>
           Süßigkeit und von einer Neuheit, daß man glaubte, die Nachtigall <lb/>
           schlagen zu hören: hier lag der Punkt in seiner Psyche, wo er nicht <lb/>
           zu überwältigen war –</hi></quote>
      <pb facs="#0235" n="232"/>
      <p>
        <lb/>
         das klingt nun gar nicht nach den überheblich dekretierten <lb/>
         Krankenberichten monistisch verbildeter Ärzte, die mechanistisch <lb/>
         und sonst gar nicht zu denken vermögen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sicherlich ist manches in Panizzas hervorragendem Bericht <lb/>
         bestreitbar. War Martin Luther wirklich ein Paranoiker? Ich <lb/>
         glaube das nicht; vielleicht aber ist meine Anschauung durch <lb/>
         Thomas Münzer und die soziale Betrachtungsweise unsrer <lb/>
         Zeit so beeinträchtigt, daß ich vor Abneigung und Verachtung <lb/>
         das sanft lebende Fleisch zu Wittenberg nicht richtig sehen <lb/>
         kann.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was da bei Panizza aufsteigt, ist ein Bild von großer <lb/>
         Wahrscheinlichkeit.</p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Überall, wo grade Gelegenheit ist, beim Fischfang, auf der Hoch-<lb/>
           zeit, bei Leichenbegängnissen, an der Zöllner-Schranke, während der <lb/>
           Sabbath-Ruhe greift er ein, knüpft an die kleinen Tages-Ereig-<lb/>
           nisse an und wirft, wie Sokrates, den harmlos Dahinwandelnden <lb/>
           seine scharfen Antithesen in den Weg. Auch die Tricks damaliger <lb/>
           Wundertäter – die unvermeidliche Zugabe, um sich das Air eines<lb/>
           Übermenschen, eines Geistesgewaltigen, eines Zauberers zu geben<lb/>
           – hat er sich alle zu eigen gemacht und beherrscht sie mit großer <lb/>
           Bravour und Eleganz. Gar aber, wenn er eine glückliche Korona <lb/>
           junger Landmädchen, erschöpfter Arbeitsfrauen, gutmütiger Pro-<lb/>
           stituierten und naiver Taglöhner um sich versammelt hat, und darf <lb/>
           sie die ganze zauberische Wirkung seiner innersten Herzensregungen <lb/>
           mit einem „Selig sind die Friedfertigen! Selig sind die Armen! <lb/>
           Selig sind, die reines Herzens sind!“ spüren lassen, und nimmt <lb/>
           von diesen geplagten Proletarier-Naturen die Angst und den <lb/>
           Schimpf ihres Daseins, und öffnet ihnen den Himmel, der eigens <lb/>
           für sie, mit Ausschluß der Reichen, bereit ist – dann hat er sie alle.</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         Es ist das Urchristentum, das so gepriesen wird, und hier <lb/>
         ist nichts von jener faden Bonhommie, die uns dartun will, <lb/>
         Rousseau und Luther und Nero und Philipp von Spanien <lb/>
         seien ebenso klein gewesen wie die Leute in einem wiener
        <pb facs="#0236" n="233"/>
        <lb/>
         Caféhaus. Es hat Größe gegeben – auch wenn man <lb/>
         ihre falsche Romantik abzieht, hat es welche gegeben, und es <lb/>
         wird immer Größe geben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Erzählung des Prozesses ist von schärfster Prä-<lb/>
         gnanz; die bekannten Zusammenhänge zwischen den jüdischen <lb/>
         Orthodoxen und den Römern … das ist brillant dargestellt. <lb/>
         Nach dem „Marsch auf Jerusalem“:</p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Die römische Behörde mit ihrer kolonisatorischen Schulung <lb/>
           und ihrem großartigen Blick für Parität vermied es ängstlich, sich in <lb/>
           die religiösen Streitigkeiten dieser Duodez-Völkchen zu mischen, <lb/>
           auch wenn ihr der örtliche Kult – der nicht einmal eine Ausbeute <lb/>
           nach der sinnlichen Seite für Rom erlaubte – weniger wider-<lb/>
           wärtig gewesen wäre. Und die jüdische Kult-Behörde andererseits <lb/>
           hielt streng auf die Selbständigkeit und die Unverletzlichkeit ihrer <lb/>
           Anordnungen im Hinblick auf die Pastorisierung des Volkes, die <lb/>
           einzige Freiheit, die ihr geblieben war.</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         Das autistische Denken der Christus-Beschreiber, ihre fast <lb/>
         immer affektbetonten Untersuchungen über das Christentum <lb/>
         spalten die Betrachtenden: in Indifferente, die da glauben, <lb/>
         zwei Pfund Rindfleisch gäben eine gute Bouillon; in Juden, <lb/>
         die dem Christentum mit jener Ängstlichkeit gegenüberstehn, <lb/>
         die gar nichts mit Religion, aber sehr viel mit Rassen-<lb/>
         kämpfen zu tun hat, und die jene ewige Frage „Ist das <lb/>
         gut für die Juden?“ auch hier nicht unterdrücken können; <lb/>
         in Christen, die es nicht sind, die aber, wenn sie sich das <lb/>
         „schwarze Babykostüm“ des Richters anziehen, glauben, der <lb/>
         Staat müsse auch noch in der Metaphysik geschützt werden – <lb/>
         und in Christen, die es sind. Die kann eine solche Unter-<lb/>
         suchung, ihre Terminologie, ihr Blickwinkel, ihre soziologische <lb/>
         Betrachtung überhaupt nicht berühren.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das psychiatrische Element der Arbeit Panizzas ist höchst <lb/>
         beachtlich, weil es nicht vorherrscht. Er sieht nicht nur den <lb/>
         Patienten; er sieht den Aufwiegler. Der unterlag – warum?</p>
      <quote>
        <pb facs="#0237" n="234"/>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Aber in Jerusalem stand die Reaktion bevor, und die Behörden <lb/>
           hatten nach der ersten Überraschung sich rasch alliiert. Wie hier <lb/>
           Verstärkung der Energie, so war auf der andern Seite, bei Jesus, <lb/>
           Erschlaffung nach einer furchtbaren geistigen Leistung eingetreten. <lb/>
           Und wenn eine Sache nicht vorwärts geht, dann geht sie immer <lb/>
           zurück. Was konnte der unvergleichliche Jüngling, der mit dem <lb/>
           Frühlingssturm seines Gefühles alles vor sich her niedergeworfen <lb/>
           und begeistert hatte, in dieser weit ausgedehnten Stadt an Staats-<lb/>
           einrichtungen schaffen, an praktischer Theokratie leisten? Mit was <lb/>
           wollte er den trocknen bureaukratischen Apparat, der hier das täg-<lb/>
           liche Leben in Ordnung hielt, und der doch nicht in seinen Händen <lb/>
           war, ersetzen, er, der nur Seligpreisungen hauchen, oder, im gün-<lb/>
           stigsten Fall, haranguieren und fanatisieren konnte? Bei der fran-<lb/>
           zösischen Kommune handelte es sich um Leute, die an Ort und <lb/>
           Stelle gelebt hatten, den Gang der Geschäfte kannten, und ihn, <lb/>
          <hi rendition="#aq">tant bien que mal</hi>, wenigstens aufrechterhalten konnten. Aber hier <lb/>
           handelte es sich um Fischer – wie in Portici bei Masaniello – <lb/>
           um Fischer, um Handwerker, um einen Haufen zusammengelau-<lb/>
           fenen, gutmütigen, aber gänzlich unfähigen Volks. In solchen Fällen, <lb/>
           ist die Niederschlagung des Putsches immer mit Sicherheit zu er-<lb/>
           warten.</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         Er wurde niedergeschlagen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es scheint aber so, als ob die Menschheit auf dem Wege <lb/>
         der reinen Erkenntnis überhaupt nichts erreichen kann – sie <lb/>
         muß etwas wollen, um zu erkennen; nur von da kommen die <lb/>
         Flamme der Energie, der Sieg, aber auch die ungeheuerlichste <lb/>
         Unduldsamkeit, die die Wahrheit mit Polizeiknüppeln, mit <lb/>
         Handgranaten, mit dem dritten Grad und dem elektrischen <lb/>
         Stuhl aus den Wahrheitssuchenden hinaustreiben will. Es <lb/>
         gibt wohl keine Wahrheit ohne vergossenes Blut.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt aber auch keine Lüge ohne vergossenes Blut, das <lb/>
         diese Lüge nie zur Wahrheit machen kann; das nie verhin-<lb/>
         dern kann, das sich immer Leute finden, die der jeweiligen <lb/>
         Gehirnepidemie nicht untertan sind und die immunisiert die <lb/>
         Wahrheit wenigstens suchen. Hieß es früher <hi rendition="#aq">„cuius regio –</hi>
        <pb facs="#0238" n="235"/>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">eius religio“</hi> – so dominiert heute über Städte und Wälder <lb/>
         das „Vaterland“, ein lächerlicher Popanz, hinter dem sich <lb/>
         ein Schweinekoben voll Gestank, Geilheit, Gemeinheit und <lb/>
         Geldgier auftut. Wie eine weiße Stichflamme hat hier die <lb/>
         Erkenntnis hindurchzuzischen – Talare sind kein Argument, <lb/>
         Revolver sind kein Argument, Fahnen sind kein Argument. <lb/>
         Dumpfer Trieb und Gewalt werden ewig da sein; es fragt <lb/>
         sich nur, wem sie dienen. Worauf zu antworten: sie dienen <lb/>
         gar nicht. Sie herrschen und machen sich eine Metaphysik <lb/>
         zurecht, wie sie sie brauchen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aus diesem Sumpf leuchtet wie eine Sonne die Reinheit <lb/>
         des ersten christlichen Empörers, aus dem sie auch einen <lb/>
         Superintendenten und einen Kardinal gemacht haben, und <lb/>
         wohl nur aus Zufall nicht einen Feldrabbiner.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er war rein – er war mehr als das. Er hatte Charakter. <lb/>
         Er hätte sich retten können – er hat es nicht getan.</p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Die Evangelienschreiber haben den Prozeß der Legendisierung <lb/>
           an diesem wunderbaren Anarchisten bis zur Übersüßung und Rühr-<lb/>
           seligkeit vollzogen. Und das meiste an diesem herrlichen Charakter-<lb/>
           bild ist verschwommen und unsicher. Aber eines scheint sicher zu <lb/>
           sein: Das allmähliche und ruhige Aufwachsen und Keimen des <lb/>
           eigentümlichen Ideengehalts bei ihm, das echt paranoische, primär <lb/>
           durch die Vererbung gegebene und dann mit konsequenter Sicher-<lb/>
           heit bis zur Felsenhärte fortschreitende Anwachsen jener Ideen, <lb/>
           jenes Wahns, jenes geistigen Fixums, das sich die Welt unter-<lb/>
           werfen wird – und dann das <hi rendition="#aq">Nunquam retrorsum</hi>! das Niemals <lb/>
           zurück! auf dem einmal eingeschlagenen Pfade geistiger Entwick-<lb/>
           lung, das Aushalten bis zum letzten Moment … „Du sagst es!“ –</hi></quote>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#smaller">Und dies muß ihm selbst der Atheist, der Psychologe lassen. Daß <lb/>
           er in Jerusalem vor dieser erbärmlichen Sorte von Advokaten,<lb/>
           Winkelschreibern, Polizisten, Staatsbeamten, Doktoren, Geheim-<lb/>
           spitzeln und Bureaukraten, von denen jeder auf einen Wink des <lb/>
           Kaisers für eine Gunstbezeugung, einen Orden, eine Gehalts-<lb/>
           erhöhung, alles, aber auch alles getan hätte, nicht zurückhufte, <lb/>
           keine Konzessionen machte, nie um Gnade bat, sondern als einzige
          <pb facs="#0239" n="236"/>
          <lb/>
           Verteidigung diesen Kasuisten das blanke Ehrenschild seiner reinen <lb/>
           Absicht und seiner rührenden Herzensgüte entgegenhielt, das wird <lb/>
           ihm zum unauslöschlichen Ruhmestitel gereichen, wenn längst der <lb/>
           letzte leipziger Orthodoxenschädel im Grabe vermodert sein wird.</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         So schließt die Schrift Oskar Panizzas.</p>
      <p>
        <lb/>
         Christus aber dient auch weiterhin einem ungeheuren <lb/>
         Verein als Firmenschild, Plakat und Reklamezeichen – und <lb/>
         was wird nicht alles unter dieser Marke verkauft! Christen-<lb/>
         tum? Vielleicht; trotz Jesus. Die Wahrheit? die von Trie-<lb/>
         ben ungerührte Erkenntnis? Pilatus hat hierzu das Schluß-<lb/>
         wort gesprochen, und wer heute etwas will, das er deshalb <lb/>
         für das Gute hält, weil seine Anlagen ihm nicht gestatten, <lb/>
         etwas andres zu wollen, der nehme sich seine Lehren nicht <lb/>
         aus dem Neuen Testament, aber ihren Schöpfer als Vorbild <lb/>
         an Mut und Reinheit des Charakters.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Schriften Oskar Panizzas können nicht wiederaufgelegt, <lb/>
         die unveröffentlichten nicht herausgegeben werden, weil die Fa-<lb/>
         milie sich dem widersetzt, brave Bürgersleute in Hamburg.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Mann, weit stärker als Wedekind, ist mundtot gemacht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das sind die Folgen eines wahnwitzigen Urheberrechts, <lb/>
         das die Produkte des Geistes wie einen Käseladen vererbt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Von den Kränzen, der Abtreibung und dem <lb/>
           Sakrament der Ehe</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Papst hat eine Encyklika über die Ehe erlassen, die <lb/>
         nur den verwundern kann, der mit katholischen Gedanken-<lb/>
         gängen nicht vertraut ist; nichts in diesem gezähmten Aus-<lb/>
         bruch ist neu oder überraschend – er deckt sich haarscharf mit <lb/>
         dem Dogma der Kirche und ist nichts als ein Plakat der <lb/>
         Waren, die dort geführt werden.</p>
      <pb facs="#0240" n="237"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Vulgärkatholiken pflegen zu schimpfen, wenn sich <lb/>
         unsereiner mit ihnen befaßt, und sie schimpfen nicht einmal <lb/>
         herzerquickend, sondern recht unbegabt. Die bessern unter den <lb/>
         Frommen pflegen zu jammern: „Sie verstehen den Katholi-<lb/>
         zismus nicht. Begreifen Sie nicht, daß von unserm Stand-<lb/>
         punkt aus …“ Von den leicht in Hysterie übergegangenen <lb/>
         Damen, bei denen Religiosität und zarte Gefühle enger zu-<lb/>
         sammenliegen als nötig, sei hier nicht gesprochen. Was ist <lb/>
         das für eine Encyklika, und was ist das für ein Stand-<lb/>
         punkt?</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Encyklika über die Ehe wirkt auf einen Not Leiden-<lb/>
         den, der nicht im Katholizismus aufgewachsen ist, wie frecher <lb/>
         Hohn. Sie ist es nicht, sie wirkt aber so. Der groteske <lb/>
         Grundsatz: „Lieber elf Kinder auf dem Kissen, als eines auf <lb/>
         dem Gewissen“ kann gewiß nicht mit dem Scherz: „Und wie <lb/>
         halten es Eure Heiligkeit damit?“ beantwortet werden; was <lb/>
         aber ein Arbeiter in der Großstadt mit diesen Sittengesetzen <lb/>
         anfangen soll, ist ganz und gar unbegreiflich. Schließlich gibt <lb/>
         es ja einen Tiefstand der Lebenshaltung, wo alle moralischen <lb/>
         Leitsätze einfach untergehn. Wer arbeitslos ist, von der <lb/>
         Tuberkulose bedroht, verbittert, hungrig, in Asylen dahinlebt: <lb/>
         der hat wenig Lust, sich mit dem Himmel zu trösten, mit dem <lb/>
         ihm hier auch noch gedroht wird. In einem Zimmer, in dem <lb/>
         Mann, Frau, sechs Kinder und ein Schlafbursche liegen, wird <lb/>
         das Sakrament der Ehe reichlich fadenscheinig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man rühmt an der Kirche die Folgerichtigkeit ihres Den-<lb/>
         kens, ihre Logik und die gut gemauerte Basis des großen Ge-<lb/>
         bäudes. Sicherlich, es ist imposant – aber wenn man in den <lb/>
         Keller geht und sich einmal die Fundamente ansieht …</p>
      <p>
        <lb/>
         Man muß die Anfänge des Katholizismus kennen, um ihn <lb/>
         ganz zu verstehn. Da wäre zum Beispiel Tertullian. Damals <lb/>
         bauten sie noch an den Fundamenten; man kann den Plan
        <pb facs="#0241" n="238"/>
        <lb/>
         eines Gebäudes besser übersehen, wenn der Bau noch nicht <lb/>
         vollendet ist und offen liegt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da war also bei den römischen Truppen Kaiserbesuch an-<lb/>
         gesagt. Man kennt die ewige Melodie der Weltgeschichte: erst <lb/>
         Hofhunde züchten, dann sie fürchten und ihnen dann gut zu <lb/>
         fressen geben, damit sie jene beißen, die auch Futter haben <lb/>
         wollen. Das ist immer so gewesen – ob das nun Hitler-<lb/>
         Trupps sind oder reguläre Heere. Der römische Kaiser also <lb/>
         hatte die Truppe antreten lassen: er wollte eine feierliche <lb/>
         donatio vornehmen, die Herren Soldaten Mann für Mann <lb/>
         beschenken, denn dergleichen ist gut für den Patriotismus. Die <lb/>
         Soldaten hatten sich herausgeputzt; sie trugen Lorbeerkränze, <lb/>
         was ungefähr den frühern Helmpuscheln entspricht … und <lb/>
         da standen sie. Einer aber, erzählt Tertullian, trug keinen <lb/>
         Kranz. „Warum trägst du keinen Kranz?“ fragte der Cen-<lb/>
         turio. „Ich trage keinen Kranz“, sagte der Soldat, „weil ich <lb/>
         ein Christ bin.“ – „Und?“ – „Ein Christ darf keinen Kranz <lb/>
         tragen.“ Dann wird es wahrscheinlich das übliche Hin und <lb/>
         Her gegeben haben: „Ich gebe Ihnen den dienstlichen Be-<lb/>
         fehl –“, und das arme uniformierte Luder, das zwischen zwei <lb/>
         fixen Ideen, der des Patriotismus und der des Christentums, <lb/>
         hin und her schwankte wie Bileams Esel, verweigerte den Ge-<lb/>
         horsam. Man mußte ihn fortschaffen, und was dann weiter <lb/>
         aus ihm geworden ist, weiß man nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Warum aber hatte er sich geweigert, einen Kranz auf-<lb/>
         zusetzen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Die junge Sekte der Christen hatte zwei Wege zur Aus-<lb/>
         wahl: alle heidnischen religiösen Gebräuche mitzumachen, die <lb/>
         nicht unmittelbar auf Götterverehrung abzielten, oder aber <lb/>
         alles zu verpönen, was überhaupt nach heidnischer Religion <lb/>
         aussah – liberal zu sein oder orthodox. Sie schwankte. Tert-<lb/>
         ullian, der in seinem Leben in manchen Lagern gestanden
        <pb facs="#0242" n="239"/>
        <lb/>
         hat, lobt den Soldaten, dessen kleine Geschichte er in der <lb/>
         Schrift „Vom Kranze des Soldaten“ erzählt. Es ist sehr <lb/>
         lehrreich, zu sehn, wie er das macht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er lobt ihn nicht nur für sein frommes Verhalten, er be-<lb/>
         weist auch, warum der Soldat recht hatte. Er beweist es, aber <lb/>
         so viel Anführungsstriche gibt es gar nicht, wie man um dieses <lb/>
         „beweist“ herumsetzen müßte. Er macht das so:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Welches ist nun der Nutzen, den man von den Blumen <lb/>
         hat? Entweder der Geruch, lautet die Antwort, oder ihr An-<lb/>
         blick oder beides zugleich. Welches sind nun die für das An-<lb/>
         blicken und das Riechen bestimmten Sinne? Ich denke doch, <lb/>
         das Gesicht und der Geruch? Welchen Gliedern sind diese <lb/>
         Sinnestätigkeiten zugewiesen? Den Augen und der Nase, <lb/>
         wenn ich nicht irre. Mache also Gebrauch von den Blumen <lb/>
         durch Gesicht und Geruch. Die Sache selbst ist dir von Gott <lb/>
         übergeben worden, die Art der Verwendung von der Welt. <lb/>
         Wiewohl auch die außergewöhnliche Art dem eigentlichen Ge-<lb/>
         brauch nicht widerstrebt, denn Blumen aneinandergereiht <lb/>
         oder eingeflochten, an einem Faden oder an Binsen sollen dir <lb/>
         dasselbe sein wie auch frei und ungeflochten, nämlich eine <lb/>
         Sache zum Ansehen und um daran zu riechen. Den Kranz soll <lb/>
         man höchstens für ein Bündel Blumen ansehen, die darum in <lb/>
         einer Reihe aneinander gefaßt sind, um mehrere auf einmal <lb/>
         tragen und mehrere zugleich genießen zu können. Stecke sie <lb/>
         dir auch gar noch an den Busen, wenn das so sehr lieblich ist, <lb/>
         streue sie dir aufs Brett, wenn es sich darauf so weich liegt, <lb/>
         und stecke sie in den Trinkbecher, wenn das unschädlich ist. <lb/>
         Bediene dich ihrer auf alle die Arten, wie du sie sinnlich <lb/>
         wahrnimmst. Aber auf dem Kopfe? Was hat man da für <lb/>
         einen Genuß von der Blume? Was für eine Empfindung vom <lb/>
         Kranze? Nichts als die Empfindung einer Fessel, weil man <lb/>
         weder die schöne Farbe sieht noch den Duft einatmet, noch
        <pb facs="#0243" n="240"/>
        <lb/>
         die Zartheit sich bemerklich macht. Blumen auf dem Kopfe <lb/>
         haben wollen ist ebensosehr gegen die Natur als eine Speise <lb/>
         mittels des Ohres, einen Schall mittels der Nase zu ergreifen. <lb/>
         Alles aber, was widernatürlich ist, verdient das Brandmal <lb/>
         der Ungeheuerlichkeit, bei uns aber auch noch den Titel <lb/>
         eines Sacrilegiums gegen Gott, welcher der Herr und Urheber der <lb/>
         Natur ist.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Von dieser sophistischen Albernheit bis zur letzten Ency-<lb/>
         klika ist nur ein Schritt – sie sind beide derselben Technik <lb/>
         entsprossen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Kirche beweist alles, was sie anordnet, mit der schärf-<lb/>
         sten Logik, es stimmt scheinbar alles, Schritt für Schritt, <lb/>
         Stufe für Stufe – und wenn sie am Ende der Kette ange-<lb/>
         kommen ist, dann macht sie einen kleinen Hopser, der Denker <lb/>
         beginnt zu fliegen und entschwindet den erstaunten Augen <lb/>
         im Himmelblau. Er zieht sich nämlich auf den göttlichen <lb/>
         Willen zurück, den er ja kennt: der liebe Gott hat ihm den <lb/>
         unzweideutig mitgeteilt, und hier hört jede Diskussion auf.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Natur will es so! Gott will es so! Der göttliche Wille <lb/>
         hat es also verordnet!</p>
      <p>
        <lb/>
         Kränze dürfen nicht auf den Kopf gesetzt werden. Kinder <lb/>
         muß man austragen. Eine Ehe ist unlöslich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Natürlich steht nirgendwo in der Kirchendogmatik, daß das <lb/>
         sophistische Kunststückchen des Kirchenvaters Tertullian ge-<lb/>
         glaubt werden müsse – das weiß ich wohl. Es ist nur so ein <lb/>
         schönes Beispiel, wie es gemacht wird, wie dort gedacht und <lb/>
         wie mit einer Scheinlogik die Berechtigung der Kirchengesetze <lb/>
         bewiesen wird. Bewiesen –? Man kann alles beweisen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Apologetik gleicht den Playdoyers geschickter Rechts-<lb/>
         anwälte. Hört man in einem Zivilprozeß nacheinander die <lb/>
         wortgewandten Advokaten beider Parteien, so begriffe man <lb/>
         den Richter gut, der nach jeder Beweisführung sagen könnte:</p>
      <pb facs="#0244" n="241"/>
      <p>
        <lb/>
         „Die eine Partei hat recht. Und die andre Partei hat auch <lb/>
         recht.“ Sie haben ja alle so recht … Solche Beweise sind das.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kinder dürfen nicht abgetrieben werden. Die Ehe ist un-<lb/>
         löslich. Wo steht das? Wir alle weisen, wenn wir gar nicht <lb/>
         mehr weiter wissen, auf sittliche Gesetze hin, die nicht mehr <lb/>
         auf andre zurückführbar sind. Sie besagen im Grunde gar <lb/>
         nichts: sie zeigen nur unser Gefühl an und die Richtung <lb/>
         unsres Willens. Nun, dieser Wille, der hier geäußert wird, <lb/>
         ist sozial höchst verderblich und abzulehnen – und nur darauf <lb/>
         kommt es an.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe manche Bedenken gegen die Freidenker geäußert; <lb/>
         im Augenblick aber, wo es um den politischen Kampf geht, <lb/>
         wird man mich immer an ihrer Seite finden, wenn auch ihre <lb/>
         Begründungen, die sie sich und andern geben, manchmal reich-<lb/>
         lich simpel sind. Aber ihr Ziel ist gut, und das Ziel der Kirche, <lb/>
         wie es sich in dieser Encyklika offenbart, ist es mitnichten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Proletarierfrau zur Brutmaschine zu machen, ist eine <lb/>
         Roheit – dazu brauchen wir gar nicht erst den lieben Gott zu <lb/>
         bemühen. Diese scheinbar sittliche, in Wahrheit aber tief un-<lb/>
         sittliche Forderung so zu umkleiden, daß man bei dieser Ge-<lb/>
         legenheit die Reichen sanft auffordert, sie möchten doch etwas <lb/>
         für die Armen tun, ist Bilderbuchethik. Die Reichen werden, <lb/>
         wenns gut geht, beten und den Armen etwas husten. In-<lb/>
         zwischen wimmelt das in den Slums aller Länder, die Kniee <lb/>
         der glücklichen Mütter werden von Geschöpfen umspielt, die <lb/>
         später in den Kohlenbergwerken oder in den Ackergräben für <lb/>
         den Profit der andern verrecken dürfen … aber: es ist nicht <lb/>
         abgetrieben worden. Der Kranz, der Kranz ist gerettet.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wo steht geschrieben, daß das so sein muß?</p>
      <p>
        <lb/>
         Fassungslos das Erstaunen der Katholiken, daß jemand <lb/>
         außerhalb ihrer Welt leben kann und gut dabei gedeiht. Rüh-
        <pb facs="#0245" n="242"/>
        <lb/>
         rend oder dreist – man darf sich das aussuchen – ihre Er-<lb/>
         wartung, man habe nur bei ihren Grundsätzen anzufangen, <lb/>
         mit ihren Voraussetzungen, mit ihren sittlichen Forderungen. <lb/>
         Die mögen gut sein, für sie. Für uns andre sind sie es nicht. <lb/>
         Hier gibt es keinen Pakt, wenn es an das Soziale geht; fast <lb/>
         alles, was die Kirche hier predigt, ist zu bekämpfen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wer hat angefangen, die Geschlechtskrankheiten aus ihrem <lb/>
         ungeheuer gefährlichen Dunkel herauszureißen, in dem die <lb/>
         Gonokokken gar prächtig gedeihn? Das bißchen Aufklärung, <lb/>
         das heute getrieben wird, ist gegen den Widerstand der Kirche <lb/>
         durchgesetzt worden. Wer hat angefangen, die Proletarier-<lb/>
         frauen über Konzeptionsverhütung zu unterrichten? Die Kirche? <lb/>
         Sie ist für das Karnickelsystem – von ihr aus zwei Junge <lb/>
         pro Jahr; wofür hätten die Frauen denn den Uterus! Und <lb/>
         das geht nun alles munter durcheinander: mal will es die <lb/>
         Natur so, und mal „ist doch der Mensch kein Tier“, sondern <lb/>
         zu höhern Zwecken geboren – alles, wie man es gebrau-<lb/>
         chen kann.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kampf? Soweit sich die Kirche in die Politik einmischt: <lb/>
         schärfster Kampf. Im übrigen: schweigen und vorübergehn. <lb/>
         Es ist auch ganz falsch, hier Milde walten zu lassen, weil <lb/>
         man sich davon vielleicht taktische Erfolge verspricht. Die <lb/>
         Kirche und ihre politischen Parteien, sie werden nie etwas <lb/>
         andres tun als das, was diesem Verein nützt. Zwei Ein-<lb/>
         wände sind abzutun: man dürfe doch die Gefühle der andern <lb/>
         nicht verletzen, und man treibe so das Zentrum dem Fascis-<lb/>
         mus in die Arme. Da liegt es schon, trotz allem. Und wenn <lb/>
         einige Maulhelden der Hitler-Garden nicht so unsäglich un-<lb/>
         gebildet und töricht wären: sie hätten schon längst davon ab-<lb/>
         gelassen, das Zentrum durch die Ablehnung Roms, durch <lb/>
         einen etwas schüchternen Wotankult und durch Jesuitenrieche-<lb/>
         rei zu ärgern. Hitler gibt es auch billiger. Und das Ding
        <pb facs="#0246" n="243"/>
        <lb/>
         möchte ich einmal sehen, das die Kirche nicht segnete, wenn <lb/>
         sich das für sie lohnt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und heilig ist es ihnen, was wir da ablehnen? Es ist ihnen <lb/>
         heilig, sieh mal an. Aber was uns heilig ist: wer kümmert sich <lb/>
         denn darum? Wer schützt unsre Gefühle? unsern Glauben an <lb/>
         den Sozialismus? unsre Ziele, die man nicht gut samt und <lb/>
         sonders als unethisch ansprechen kann? Uns verletzt es zum <lb/>
         Beispiel, einen Geistlichen Fahnen einsegnen zu sehn, die über <lb/>
         Staatsmorden im Winde wehn, aber niemand nimmt auf <lb/>
         unsre Gefühle Rücksicht. Wir benehmen uns aus Gründen <lb/>
         des Geschmacks in den Kirchen anständig – man kann nicht <lb/>
         sagen, daß sich die Katholiken in den Bezirken des Geistes <lb/>
         ebenso anständig benehmen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir wollen nichts bewiesen haben: nichts von den Kränzen, <lb/>
         nichts vom göttlichen Zorn wider die Abtreibung, nichts <lb/>
         über das Sakrament der Ehe. Ich kann nichts für das leichte <lb/>
         Unbehagen, das religionslos lebende Juden ergreift, wenn von <lb/>
         diesen Dingen die Rede ist. Das Ghetto regt sich, ungezählte <lb/>
         Rücken der Vorfahren haben sich gekrümmt, nun kitzelt es die <lb/>
         Nachfahren, denn sie erwarten einen Fußtritt. Die Katholiken <lb/>
         sind heute nicht mehr stramm antisemitisch; sie wissen: von <lb/>
         dieser Seite droht ihnen keine Gefahr. Und in Deutschland <lb/>
         am allerwenigsten. „Er war nicht nur Deutscher“, sagte <lb/>
         Börne von einem, „er war auch Jude, also ein Hase mit <lb/>
         acht Füßen.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir wollen nichts bewiesen haben. Die Ehe ist uns kein <lb/>
         Sakrament, Kinder im Mutterleibe soll man beseitigen, wenn <lb/>
         die medizinische oder die soziale Indikation das erfordert, <lb/>
         oder sie gar nicht erst entstehen lassen, und ich wünschte, <lb/>
         die Töchter der Arbeiter wären frei und könnten sich Blumen <lb/>
         ins Haar winden: frei von Kirche und wirtschaftlicher Skla-<lb/>
         verei. Frei auch von kommunistischer Theologie, die drauf
        <pb facs="#0247" n="244"/>
        <lb/>
         und dran ist, den Sinn ihrer Anhänger erst so zu erweitern <lb/>
         und dann so zu verengen, wie es die katholische mit ihren <lb/>
         Leuten schon getan hat.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Blick in ferne Zukunft</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         … Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles <lb/>
         totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen <lb/>
         aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen <lb/>
         zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die <lb/>
         niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn <lb/>
         die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; <lb/>
         wenn alle Kämpfe um den Fascismus ausgekämpft und <lb/>
         wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden <lb/>
         sind –:</p>
      <p>
        <lb/>
         dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, <lb/>
         liberal zu sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde <lb/>
         Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er <lb/>
         wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, <lb/>
         und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist <lb/>
         die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind <lb/>
         etwas Sekundäres – der Staat ist etwas Sekundäres, Es <lb/>
         kommt nicht darauf an, daß der Staat lebe – es kommt <lb/>
         darauf an, daß der Mensch lebe.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung <lb/>
         hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und wer-<lb/>
         den sagen: „Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das <lb/>
         haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Mensch-<lb/>
         heit bricht an! Welch ein Genie haben wir unter uns! Auf, <lb/>
         auf! Die neue Lehre –!“</p>
      <pb facs="#0248" n="245"/>
      <p>
        <lb/>
         Und seine Bücher werden gekauft werden oder vielmehr die <lb/>
         seiner Nachschreiber, denn der erste ist ja immer der Dumme.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend <lb/>
         schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke <lb/>
         fliegen und auf den Misthaufen. Und die Leute werden wieder <lb/>
         Mut zu sich selber bekommen, ohne Mehrheitsbeschlüsse und <lb/>
         ohne Angst vor dem Staat, vor dem sie gekuscht hatten wie <lb/>
         geprügelte Hunde. Und das wird dann so gehen, bis eines <lb/>
         Tages …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Fräulein Marietta</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Uhr war gar keine Uhr, sondern ein Rabe: aus dem <lb/>
         Schnabel fiel ihm ein weißer Zettel heraus, auf dem stand <lb/>
         die Stundenzahl, in den Krallen hielt er zwei kleine Zettel, <lb/>
         darauf standen die Minuten, und alle Minuten klappte ein <lb/>
         neues Blatt herunter: schnapp! 8 – schnapp! 9 – schnapp! <lb/>
         10 … Es war genau 5 Uhr 10.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Kellnerin nannten wir die „Tochter der Legion“, und <lb/>
         sie hieß Marietta. Sie war so schön, daß mir, als ich sie <lb/>
         an diesem Nachmittag zum ersten Male sah, die Pfeife aus-<lb/>
         ging; das geschieht alle Jahr nur dreimal: diesmal also in <lb/>
         den „Drei Königen“ zu Bernkastel – so schön war sie. Sie <lb/>
         war schwarzhaarig, sie hatte eine leichtgeschwungene Nase, <lb/>
         dünne Lippen und eine herrliche Stirn; sie stammte, wie sie <lb/>
         uns leise erzählte, aus Bayern, dort sehen ja manche Frauen <lb/>
         und Mädchen römisch aus; vielleicht sind das Überbleibsel <lb/>
         vom Familienleben der römischen Legionäre, die dort einmal <lb/>
         garnisoniert gewesen sind … und daher nannten wir sie <lb/>
         „Die Tochter der Legion“. Drüben am Stammtisch saß ein <lb/>
         einsamer, blonder, junger Mann.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das ist der Herr Referendar“, sagte Fräulein Marietta.</p>
      <pb facs="#0249" n="246"/>
      <p>
        <lb/>
         Wir nahmen dies zur Kenntnis und stiegen in den Mosel – <lb/>
         erst in den offenen, dann in einen jungen, frischen, dann <lb/>
         in einen alten, goldgelben, der sehr schwer war. Es ging <lb/>
         schnell mit uns; Mosel ist kein so bedächtiger Wein wie <lb/>
         der Rheinwein oder der Steinwein … es ging sehr schnell. <lb/>
         Wir hatten auch schon am frühen Nachmittag gemoselt – wir <lb/>
         tranken vom Mittagessen unmittelbar in den Dämmerschoppen <lb/>
         hinüber, vielleicht war es das. Karlchen und Jakopp tran-<lb/>
         ken, was sie konnten – und sie konnten! Ich saß da, zündete <lb/>
         mir die Pfeife an, die ausgegangene, rauchte … und sah <lb/>
         Marietta an, ich sah sie immerzu an.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie bemerkte das und lächelte. Wenn sie lächelte, glitt ein <lb/>
         Schlänglein um ihren Mund, etwas Lauerndes war da, ein <lb/>
         fast böses Fältchen bildete sich um die Augen … ich sah sie <lb/>
         immerzu an. Nicht ich allein sah sie immerzu an.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Herr Referendar sah uns immerzu an. Sie, wie wenn <lb/>
         er sie träumte; mich, wie wenn er mir böse sei … <lb/>
         Wahrscheinlich war er mir böse. Dieser Mosel hatte es in <lb/>
         sich. Karlchen erhob sich, um auf der Mosel „Kahn zu fah-<lb/>
         ren“, wie er verkündete. Es war oktoberkalt und ein Unfug, <lb/>
         jetzt auf der Mosel in einem Boot zu fahren. Das teilte ich <lb/>
         Jakopp mit; er gab mir völlig recht und erhob sich dem-<lb/>
         gemäß, um gleichfalls Kahn zu fahren; denn, sagte er, dies sei <lb/>
         überhaupt nicht die Mosel – dies sei der Main. Er wisse <lb/>
         das: Bernkastel liege am Main. „Er will mich heiraten“, <lb/>
         flüsterte Marietta und glitt an mir vorbei. Hatte sie das ge-<lb/>
         sagt? Der Referendar sah herüber … Die Mosel liegt nicht <lb/>
         am Main … das ist ein Irrtum, ein geopolitischer Irr-<lb/>
         tum … Marietta … Fräulein Marietta –</p>
      <p>
        <lb/>
         Einer von uns hat sie geheiratet; wer: das ist nicht genau <lb/>
         zu erkennen. Dieser Ehemann hat keinen Kopf. Er hat sie <lb/>
         geheiratet, und ich weiß, wie das ist, wenn man sie geheiratet
        <pb facs="#0250" n="247"/>
        <lb/>
         hat. Wenn man sie nackt sieht, ist sie nicht sehr schön – <lb/>
         sie hat so ein kurzes Untergestell. „Wie können Sie Lümmel <lb/>
         sich erlauben, von meiner Frau Untergestell zu sagen –?“ Hat <lb/>
         aber doch ein kurzes Untergestell. Sie gibt dem Ehemann, <lb/>
         dem kopflosen, zu trinken; es macht nie satt, sie zu trinken – <lb/>
         es ist herrlich, aber man bleibt ewig durstig. Schön, wie? <lb/>
         Gar nicht schön, was? Sie ist nußbraun am Körper und hat <lb/>
         einen fremden Geruch. Die Tochter der Legionäre … Ist das <lb/>
         ein Film? Nein, das ist eine Ehe.</p>
      <p>
        <lb/>
         … zu sich heraufziehn. „Man kann doch“, sagt die kopf-<lb/>
         lose Figur, „eine Frau zu sich heraufziehn. Man kann doch <lb/>
         eine Frau zu sich heraufziehn.“ Da lachen ja die Raben, <lb/>
         Mensch! Man kann keine Frau zu sich heraufziehn! Die <lb/>
         Frau zieht dich zu sich hinab? Hinab.</p>
      <p>
        <lb/>
         Erst geht es ganz gut, weil du verliebt bist, und weil <lb/>
         du trinken willst, trinken. Und dann geht es nicht mehr <lb/>
         so gut: sie lacht dich aus, wenn du deine Bücher liest; sie <lb/>
         langweilt sich, wenn du deine Geschichten erzählst; du lang-<lb/>
         weilst dich, wenn sie die ihren erzählt, die Tochter der Legio-<lb/>
         näre – übrigens ist sie dumm, gerissen und unbeirrbar aber-<lb/>
         gläubisch … und dann kommt das Schlimmste: dann kommen <lb/>
         die andern.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da kommen ihre Freundinnen, die Puten und Gänse; <lb/>
         was sind das nur für schreckliche, dicke Frauen, die sie da <lb/>
         angeschleppt! Eine Tante? In Gottes Namen, eine Tante … <lb/>
         Und dann kommen die Deinen, junger Ehemann, und gehen <lb/>
         um Fräulein Marietta herum und – sei nicht böse! – <lb/>
         riechen an ihr, wie … ja, und dann schütteln sie den Kopf: <lb/>
         es ist ein fremder Geruch, und das Nußbraune gefällt ihnen <lb/>
         nicht mehr, seit sie wissen, daß es keine Schminke ist – man <lb/>
         kann niemand verpflanzen. Nein, das kann man wohl <lb/>
         nicht Da steht ihr.</p>
      <pb facs="#0251" n="248"/>
      <p>
        <lb/>
         Da steht ihr, wie zwei Porzellanfiguren auf einem runden <lb/>
         Untersatz, und alle halten kleine Steinchen in der Hand und <lb/>
         wollen nach euch werfen. Da steht ihr; allein, isoliert, in <lb/>
         einem prasselnden Licht von Hohn, Schadenfreude und Ironie. <lb/>
         „Wie geht es Ihrer Frau?“ Immer seltener wird diese <lb/>
         Frage – sie wollen deine Frau nicht. Worauf du aus <lb/>
         Trotz zu ihr hältst. Aber sie sind in der Überzahl, sie haben <lb/>
         die Majorität, also haben sie recht, und du Feigling verrätst <lb/>
         deine Frau an die andern, nun siehst du sie mit den Augen <lb/>
         der andern und siehst:</p>
      <p>
        <lb/>
         die Kellnerin.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ist denn ein anderer Stand eine andre Rasse? Kommt es <lb/>
         nicht auf den Menschen an? Ja, es kommt auf den Men-<lb/>
         schen an. Aber du bist gewarnt worden! Sie hat damals – in <lb/>
         den „Drei Königen“ zu Bernkastel – einmal zu dir, Referen-<lb/>
         dar, gesagt: „Kennen Sie das, Rosel von der Mosel, du gol-<lb/>
         dig Mägdelein, von Tenor Völker? Wir haben es auf dem <lb/>
         Grammophon …“ und es ist dir kalt über den Rücken ge-<lb/>
         laufen, denn du hast ja damals schon gewußt: eine dauernde <lb/>
         Bindung zu einer Frau ist nur möglich, wenn man im <lb/>
         Theater über dasselbe lacht. Wenn man gemeinsam schweigen <lb/>
         kann. Wenn man gemeinsam trauert. Sonst geht es schief; <lb/>
         sonst geht es schief; sonst geht es schief. Du bist gewarnt <lb/>
         worden. Du hast nicht gehört. „Rosel von der Mosel …“ <lb/>
         Pfui Deibel. Wie süß war das Fältchen, damals! Wie ge-<lb/>
         mein sie lacht, heute! Und nun wird sie voller, wir wollen <lb/>
         nicht sagen: dick, aber voller … warum, Referendar, <lb/>
         Assessor, Anwalt, hat sie dich geheiratet? Lüge! Lüge! Du <lb/>
         hast sie gewollt! Sie war ein bißchen schwer zu haben, <lb/>
         damals; weinrot angelaufene Stammtische haben sie be-<lb/>
         wiehert, sie zärtlich beklapst, jeder hat zum mindesten einmal <lb/>
         gewollt. Hat er gedurft? Hart ist ihr Herz geworden
        <pb facs="#0252" n="249"/>
        <lb/>
         und verhärtet – sie denkt nicht gut von den Männern, aber <lb/>
         vielleicht gut von einem, den du nicht kennst. Von dir? Pa! <lb/>
         Ihr Blick weiß Bescheid; sie ist hart zu dem Dienstmädchen, <lb/>
         das für sie arbeiten muß, sie hat kein Mitleid. Im Gegen-<lb/>
         teil, sie fühlt die Hierarchie. Aber noch im Vergeltungshaß ist <lb/>
         sie mit jener verschwistert, der Kampf geht von gleich zu gleich, <lb/>
         und sie steht auf dem Fußbänkchen deines Staatsexamens und <lb/>
         deines Titels. Aber man hört doch manchmal, daß solche Ehen <lb/>
         auch schon gut gegangen …</p>
      <p>
        <lb/>
         Warum hat sie nicht einen braven Mann geheiratet? Den <lb/>
         Zapfer, der immer am Büfett stand, und der sich schon eine <lb/>
         ganze Menge zusammengespart hatte – er wollte mit ihr <lb/>
         eine Wirtschaft aufmachen … Aber natürlich, einen braven <lb/>
         Weinwirt von der Mosel hätte sie heiraten sollen, einen aus <lb/>
         ihrem Stand … Ist <hi rendition="#g">das</hi> deine Anschauung von den Klassen? <lb/>
         Das ist doch Wahnwitz: Frankreich hat Frauen gesehn, die <lb/>
         sich zu königlichen Ehren hinaufgeküßt haben – aus dem <lb/>
         Schweinekoben ihres Herrn Papa direkt nach Versailles, <lb/>
         warum sollte nicht …? Ja, Frankreich. Du hast es nicht ge-<lb/>
         schafft, Anwalt, du hast es nicht geschafft. Dich ekelt vor ihr. <lb/>
         Kinder? Schüttele dich! Kinder von ihr? Von der – Kinder? <lb/>
         Am Ende auch solche Huren. Sags doch! Huren! Denn sie ist <lb/>
         dir weggelaufen, Gott sei Dank, weggelaufen – sie hat dir <lb/>
         einen Brief dagelassen, und du hast ihn zerrissen, in der ersten <lb/>
         Wut, aber du kannst ihn auswendig, jedes Wort ist in deine <lb/>
         Seele gebrannt, sie hat dir alles gesagt: was du für einer <lb/>
         bist, wie sie über dich denkt, über deine Leute, über deine Bü-<lb/>
         cher, über deine Musik, über dein Leben … Und mit wem <lb/>
         sie dich betrogen hat, und wo! Wo nicht? Mit wem nicht? <lb/>
         Eine –</p>
      <p>
        <lb/>
         „Fräulein Marietta!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Wer hat gerufen? Habe ich gerufen? Vielleicht hat der
        <pb facs="#0253" n="250"/>
        <lb/>
         Referendar gerufen. Er möchte Wein haben. Es ist graudunkel.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie steht bei ihm und beugt sich über ihn; man weiß nicht, <lb/>
         ob es zärtlich ist oder nur so aussieht. Sagen wir: zärtlich. <lb/>
         Wo sind Karlchen und Jakopp? Hoffentlich ertrunken. Schwer <lb/>
         war der Mosel. Ich muß wohl etwas eingedruselt sein. Ich <lb/>
         sehe auf die Rabenuhr. Es ist genau 5 Uhr 13.</p>
      <p>
        <lb/>
         Will einmal sehen, wo die beiden andern sind … Richtig <lb/>
         ja: bezahlen. „Fräulein Marietta!“ – Sie kommt, sie lächelt, <lb/>
         und ich sehe sie an. Ihr Profil ist schön wie eine jener <lb/>
         Gemmen, gefunden in den alten Siedlungen der kaiserlich-<lb/>
         römischen Legion.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ein Glas klingt</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Zu seinen zahllosen Albernheiten und schlechten Angewohn-<lb/>
         heiten, die einen so nervös machen können … schließlich et-<lb/>
         was Rücksicht kann ja ein Mann auf seine Frau wohl neh-<lb/>
         men, finde ich … also ich finde das wenigstens … zu seinen <lb/>
         dummen Angewohnheiten gehört die, eine Tischklingel oder <lb/>
         ein Glas, das er angestoßen hat, ruhig ausklingen zu lassen! <lb/>
         Man legt doch die Hand darauf – Mama hat das auch <lb/>
         immer getan. Wenn etwas bei Tisch klingt, dann legt man die <lb/>
         Hand darauf, gleich, sofort – und dann ist es still. Er läßt <lb/>
         die Gläser ausklingen … Rasend kann einen das machen! <lb/>
         So, wie er morgens immer beim Rasieren so albern mit <lb/>
         dem Pinsel klappert, also jeden Morgen, den Gott werden <lb/>
         läßt, so stößt er mit seinen ungeschickten dicken Händen mal <lb/>
         an die Klingel, mal an sein Glas; bing, macht das dann, <lb/>
         diiiiing – ganz lange. So ein hoher, giftiger Ton, als ob <lb/>
         einen was auslacht. „Leg doch die Hand darauf!“ sage ich.</p>
      <pb facs="#0254" n="251"/>
      <p>
        <lb/>
         „Du bist so nervös heute“, sagt er. Dann lege ich die Hand <lb/>
         aufs Glas. Nervös …</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, ich bin nervös. Doktor Plaschek sagts auch. Er weiß, <lb/>
         warum. Ich weiß auch, warum.</p>
      <p>
        <lb/>
         Seit heute mittag weiß ich es, ganz genau.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da hat er wieder an das Glas gestoßen, und das Glas hat <lb/>
         angefangen, zu singen, und ich habe ihn bloß angesehen, ich <lb/>
         habe ihn bloß angesehn … Er merkt ja nichts. Und da habe <lb/>
         ich das Glas nicht zum Schweigen gebracht; ich habe es <lb/>
         ausklingen lassen … ich glaube: das ist in dieser Ehe der <lb/>
         erste Ton gewesen, der wirklich ausgeklungen hat. Und das <lb/>
         Glas hat ganz lange gesungen, ganz, ganz lange: erst böse, <lb/>
         und dann voll und laut, und dann mittellaut, und dann sanft <lb/>
         und leise, leise und immer leiser … Und da habe ich es plötz-<lb/>
         lich gewußt. Manchmal hat man doch so blitzschnell irgend-<lb/>
         welche Erkenntnisse, da weiß man denn alles, wie es so <lb/>
         ist. Das Glas hat vielleicht eine halbe oder eine dreiviertel <lb/>
         Minute geklungen und gesungen, und in dieser kleinen Spanne <lb/>
         Zeit habe ich es gewußt. Man denkt so schnell.</p>
      <p>
        <lb/>
         Geklappt hat das ja von Anfang an nicht. Gott, warum <lb/>
         hat man geheiratet – das geht heute manchmal so … ich <lb/>
         weiß es nicht. Ich war nicht einmal enttäuscht; ich war gar <lb/>
         nichts. Es war etwa ungefähr so, wie wenn einer in einen <lb/>
         See springt und hat schon den Rückenschauer wegen des kal-<lb/>
         ten Wassers, und dann ist es ganz lau. Ein dummes Ge-<lb/>
         fühl. Und das ist von Jahr zu Jahr schlimmer geworden; <lb/>
         das mit dem Kind hat nichts geholfen, gar nichts. Das <lb/>
         ist mein Kind, aber was das mit ihm zu tun hat … Und <lb/>
         manchmal denke ich, also Gott verzeih mir die Sünde: das ist <lb/>
         ein fremder Mensch, ein neuer Mensch – so wie das Kind <lb/>
         bin ich doch gar nicht, er ist auch nicht so – das ist ein <lb/>
         fremder, fremder, kleiner Mensch.</p>
      <pb facs="#0255" n="252"/>
      <p>
        <lb/>
         Mit dem Mann ist kein Auskommen. Nein, wir zanken <lb/>
         uns gar nicht, nie hat es ein böses Wort gegeben, nicht <lb/>
         einmal das. Keine Höhen und keine Tiefen: Tiefebene. <lb/>
         Die Norddeutsche Tiefebene … das haben wir in der Schule <lb/>
         gelernt … Wenn man einen einzigen Mann kennt, sagt <lb/>
         Helen immer, dann kennt man überhaupt keinen. Kann sein. <lb/>
         Aber daneben einen andern … ich mag das nicht. Na ja, <lb/>
         Feigheit, meinetwegen; aber ich mag das nicht. Immer noch <lb/>
         singt das Glas.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mein Mann singt nicht. Er ist in der tiefsten Seele un-<lb/>
         musikalisch. Er ist mir doch nun so nahe – und ist so weit <lb/>
         weg, so weit weg … Wenn er zärtlich ist, das kommt alle <lb/>
         halbe Jahre einmal vor, dann ist es bestimmt an der fal-<lb/>
         schen Stelle. Und wenn ich meine Katzenstunde habe, wo ich <lb/>
         gern schnurren möchte, dann ist er nicht da, oder wenn er da <lb/>
         ist, dann spricht er über sein Geschäft, oder er klapst mir auf <lb/>
         den Rücken, eine schreckliche Angewohnheit … er versteht <lb/>
         nicht, daß ich bloß schnurren will, und daß mir nur jemand <lb/>
         über das Fellchen streichen soll. Er weiß das nicht. Wen <lb/>
         er wohl früher als Freundin gehabt hat?</p>
      <p>
        <lb/>
         Und jetzt klingt das Glas ganz leise. Und da hab ich ge-<lb/>
         wußt: ich bin wohl auch ein bißchen schuld an der Sache. <lb/>
         Also nicht viel – aber ein kleines bißchen. Es ist ja wahr, <lb/>
         daß ich schon als Mädel meine Rosinen im Kopf hatte, wie <lb/>
         Mama das nannte. Zum Theater habe ich gehen wollen … <lb/>
         Herrgott, ich habe wirken wollen, auf Männer und auf <lb/>
         Frauen und auf Menschen überhaupt … Und weil es mit <lb/>
         einem Beruf nicht gegangen ist, da habe ich gedacht: mit der <lb/>
         Kunst. Und das war dann nichts; Papa hat es nicht erlaubt. <lb/>
         Jetzt spukt das in mir herum … und ich bin ein bißchen <lb/>
         sauer geworden, in all der Zeit, und es ist so schön, einen <lb/>
         Mann zu haben, dem man die ganze Schuld geben kann. Und
        <pb facs="#0256" n="253"/>
        <lb/>
         ich habe ihn gar nicht zu mir gezogen … da hat er denn see-<lb/>
         lisches Fett angesetzt, und es ist immer schlimmer geworden, <lb/>
         und ich war gradezu froh, wenn er was falsch gemacht hat. <lb/>
         Ich habe darauf gewartet, daß er mit dem Rasierzeug <lb/>
         klappert, damit ich wieder einen Anlaß habe, ihn zu hassen <lb/>
         und unglücklich zu sein. Und das hat er wohl gemerkt. Und <lb/>
         so ist das jetzt. Diing – ganz leise singt das Glas. Wir sind <lb/>
         schuld. Wir sind beide schuld.</p>
      <p>
        <lb/>
         Soll ich nochmal von vorn anfangen? Kann ich nochmal <lb/>
         von vorn anfangen? Scheidung? Auseinandergehen? Ein <lb/>
         neuer Mann? Jetzt noch einen Beruf? Das Glas hat aus-<lb/>
         geklungen, und ich werde wohl meinen Weg zu Ende gehn. <lb/>
         Einen schweren Weg. Tausend und aber tausend Frauen <lb/>
         gehen ihn, jeden Tag, und der leise Ton ihres unhörbaren <lb/>
         Unglücks und ihres stummen Schmerzes dringt an mein Ohr <lb/>
         – wenn ein Glas klingt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der schiefe Hut</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Einmal – das war in den Ferien und ist noch gar nicht <lb/>
         lange her –, da wohnte ich in einer Pension bei Luzern und <lb/>
         sah auf den grauen See. Es war ein trübes Wetter, und ich <lb/>
         dachte: I, dachte ich, das Pferderennen da unten wird auch <lb/>
         nicht sehr lustig ausfallen. Vielleicht war es gar kein Pferde-<lb/>
         rennen – es kann auch ein Wettspringen gewesen sein. Ich <lb/>
         weiß nicht viel von diesen Dingen; wenn man mich reiten ge-<lb/>
         sehn hat, dann versteht man, was das ist: Pazifismus. Wo <lb/>
         beim Pferd der Kopf ist, da ist vorn … mehr weiß ich <lb/>
         nicht, und so werde ich nie einen jener hochfeinen Gesellschafts-<lb/>
         romane schreiben, bei denen der kleine Angestellte vergessen <lb/>
         soll und vergißt, wohin er gehört. Klassenkampf? Hängt
        <pb facs="#0257" n="254"/>
        <lb/>
         doch den Leuten einen geliehnen Frack auf die Hinter-<lb/>
         treppe, dann werden sie den Klassenkampf schon vergessen. <lb/>
         Ja, also Luzern.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da saß ich und sah, wie sich der kleine Saal allmählich mit <lb/>
         den Gästen füllte, die hier ihr Abendbrot essen wollten. Da <lb/>
         war Frau Otto aus Magdeburg, die sah aus wie die protes-<lb/>
         tantische Moral. Die Moral hatte eine Tochter … wenn <lb/>
         man sich schon von der Mutter schwer vorstellen konnte, wie <lb/>
         sie zu einer Tochter gekommen war, so konnte man sich von <lb/>
         der Tochter gar nichts vorstellen, und man wollte das auch <lb/>
         nicht. Dann war da der Direktor Zuegli, aus irgend einem <lb/>
         schweizer Ort, der der Aussprache nach im Kehlkopf liegen <lb/>
         mußte; dann eine fromme Dame aus Genf, die so fein war, <lb/>
         daß sie kaum mit sich selbst verkehrte; dann ein alter öster-<lb/>
         reichischer Adliger, der aussah wie Kaiser Franz Joseph und <lb/>
         das Personal ebenso unfreundlich behandelte wie jener es <lb/>
         wahrscheinlich getan hat … da kam Frau Steiner.</p>
      <p>
        <lb/>
         Frau Steiner war aus Frankfurt am Main, nicht mehr <lb/>
         so furchtbar jung, ganz allein und schwarzhaarig; sie trug <lb/>
         Abend für Abend ein andres Kleid und saß still an ihrem <lb/>
         Tisch und las feingebildete Bücher. Ich will sie ganz kurz <lb/>
         beschreiben: sie gehörte zum Publikum Stefan Zweigs. Alles <lb/>
         gesagt? Alles gesagt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und da kam nun Frau Steiner, und ich erkannte sie gar <lb/>
         nicht wieder.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ihre vornehmen frankfurter Augen blitzten, eine leise <lb/>
         Röte, die nicht von Coty stammte, lag auf ihren Wangen <lb/>
         und ihr Hut … Der Hut saß um eine Spur, um eine winzige <lb/>
         Nuance, um ein Milligramm zu schief. Er saß da oben, so: <lb/>
         „Hoppla! Wir sind noch gar nicht so alt! Wenn wir auch <lb/>
         eine erwachsene Tochter haben! Das Leben ist doch goldisch!“ <lb/>
         Was war da geschehen?</p>
      <pb facs="#0258" n="255"/>
      <p>
        <lb/>
         Frau Steiner war auf dem Pferderennen gewesen. Sie <lb/>
         sagte das zu ihrer Nachbarin, der Frau Otto aus Magde-<lb/>
         burg. Und sie erzählte, wie reizend es dort gewesen sei,<lb/>
         und wie hübsch die Pferdchen gesprungen seien, und wie nett <lb/>
         die Gesellschaft … Aber das dachte sie nicht, während sie <lb/>
         erzählte. Ihr Hut sagte, was sie dachte.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der schiefe Hut sagte:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wir haben junge Männer gesehn! Sie haben so stramm <lb/>
         zu Pferde gesessen, die Schenkel an den Sattel gepreßt, <lb/>
         stramm und locker zugleich. Wir haben uns jung gefühlt – <lb/>
         o, so jung! Das ist doch erlaubt! Wir haben uns gedacht: <lb/>
         jeden von diesen jungen Männern könnten wir glücklich ma-<lb/>
         chen! Wenn es drauf ankäme! Es ist aber nicht drauf ange-<lb/>
         kommen. Wir haben uns wunderbar unterhalten: im Hellen <lb/>
         mit den Leuten auf der Tribüne, und im Dunkeln mit den <lb/>
         Reitern. Die schönen Pferde – haben wir gesagt. Gedacht <lb/>
         haben wir nichts, aber gefühlt haben wir. Es war wie Sekt.“</p>
      <p>
        <lb/>
         Das sprach der Hut. Die Frau hatte sich keineswegs <lb/>
         lächerlich gemacht, es war eben nur die winzige Kleinigkeit, <lb/>
         um die der Hut zu schief saß. Denn ein junger Mensch darf <lb/>
         sich unbesorgt verliebt geben – ein alter Mensch aber muß <lb/>
         sehr vorsichtig damit sein, für den Fall, daß es einer sieht. <lb/>
         So sind auch unsre Mamas manchmal nach Hause gekom-<lb/>
         men, von einem Ball oder einem Tee, mit glänzenden Augen, <lb/>
         und wir haben uns gewundert, wie verändert sie waren, und <lb/>
         was sie wohl hätten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es war Licht, das in einen Tunnel gefallen war. Geblendet <lb/>
         schloß die Getroffene die Augen und dachte einen Augenblick <lb/>
         an ein Leben, daß sie zu führen wohl legitimiert sei und das <lb/>
         sie nie geführt hatte.</p>
      <pb facs="#0259" n="256"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Pause auf dem Töpfchen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn einer und er kommt mit einem Freunde zusammen, <lb/>
         den er lange nicht gesehen hat, und sie unterhalten sich so <lb/>
         eifrig und recht beflissen, einander nun alles, aber auch alles <lb/>
         mitzuteilen, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat (es <lb/>
         können auch weibliche Freundinnen sein), und wenn sie dann <lb/>
         so mittendrin sind im Gerede, im Geruddel, im Geklatsch <lb/>
         und im Gekakel, dann kann es wohl geschehn, daß der andre <lb/>
         zum einen oder der eine zum andern sagt: „Wart mal – <lb/>
         einen Moment!“ und geht hinaus, wo die weißen Hand-<lb/>
         tücher hängen und die Badelaken, und da hält er sich dann <lb/>
         auf und überdenkt es sich. Der andre überdenkt es sich auch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und wenn dann der gegangen Seiende wieder ins Zimmer <lb/>
         tritt, dann hat sich bei beiden so viel Neues angesammelt, das <lb/>
         ihnen unterdessen eingefallen ist, sie müssen es sich nun ganz <lb/>
         schnell mitteilen, so daß sie übereinander herfallen wie die <lb/>
         Gack-Gack-Enten, und sie müssen ganz schnell sprechen, beide <lb/>
         zugleich, und sich überbieten, wer schöner kann und wer lauter <lb/>
         – und es ist ein großes Einvernehmen, das da anhält, na, <lb/>
         mindestens bis zum nächsten Morgen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Merk: Aufs Töpfchen gehn fördert die Freundschaft.</p>
      <p>
        <lb/>
         Merk: es gibt nur eines, das die Freundschaft noch mehr <lb/>
         fördert:</p>
      <p>
        <lb/>
         Den Freund nie auf die Probe zu stellen, die Freundin <lb/>
         nicht, niemand. Denn einer, der sein Leben lang einen Leder-<lb/>
         beutel voller bunter Steine hütet, die er für Edelsteine hält, <lb/>
         der ist reich. Auch, wenn es bunte Glasstückchen sind. Er <lb/>
         darf nur den Beutel nicht aufmachen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gott erhalte uns die Freundschaft. Man möchte beinah <lb/>
         glauben, man sei nicht allein.</p>
      <pb facs="#0260" n="257"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der fromme Angler</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Bei Ascona im Tessinischen lebt ein Mann, der hat es mit <lb/>
         der Frömmigkeit und liebt die Lebewesen und alles, was da <lb/>
         kreucht und fleucht. Gut. Nun angelt der Mann aber sehr <lb/>
         gern. Und da sitzt er denn so manchmal am Lago Maggiore <lb/>
         und läßt die Beine baumeln, hält die Angelrute fest und sieht <lb/>
         ins Wasser. Und dabei betet er.</p>
      <p>
        <lb/>
         Er betet nämlich: es möge kein Fisch anbeißen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil sich doch Fische immer so quälen müssen, wenn sie <lb/>
         am Angelhaken zappeln, und das möchte der Mann nicht, <lb/>
         und da sendet er denn ein heißes Gebet nach dem andern <lb/>
         zum lieben Gott, Abteilung Lago Maggiore-Fische: es solle <lb/>
         auch gewiß keiner bei ihm anbeißen. Und dann angelt er <lb/>
         weiter.</p>
      <p>
        <lb/>
         O meine Lieben! Ist dieser Mann nicht so recht eine <lb/>
         Allegorie, ja, ein Symbol? Das ist er. Dieser Mann muß <lb/>
         entweder ein alter Jude sein, oder, verschärfter Fall des <lb/>
         Judentums, er ist bei den Jesuiten in die Lehre gegangen. <lb/>
         Er hat das höchste erreicht, was Menschen erreichen können: <lb/>
         er hat die himmlischen Ideale mit seinen sündigen Trieben zu <lb/>
         vereinen gewußt, und das will gekonnt sein. Den Fischen, <lb/>
         die da bei ihm zappeln, wird das ja gleich sein; aber ihm <lb/>
         ist es nicht gleich, denn er hat nun beides: die Fische und die <lb/>
         Seelenruhe.</p>
      <p>
        <lb/>
         Schluß, allgemeiner Ausblick:</p>
      <p>
        <lb/>
         Da sitzen sie am Ufer des Lebens … oder am Meere des <lb/>
         Lebens, das ist eigentlich noch schöner … da sitzen sie am <lb/>
         Meere des Lebens und baumeln mit den Beinen und halten <lb/>
         die Angelrute ins Wasser, um den Erfolg zu fischen. Aber <lb/>
         wenn sie schlau sind, dann beten sie dazu und sind: Fromme
        <pb facs="#0261" n="258"/>
        <lb/>
         Huren; soziale Bankdirektoren; demokratische Militärs und <lb/>
         privatest die Wahrheit liebende Journalisten. Sie angeln <lb/>
         und sie beten.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Großen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Kein Kind versteht die Erwachsenen – so, wie ja auch die <lb/>
         Erwachsenen gewöhnlich ihre Kinder nicht verstehn. Die Kin-<lb/>
         der sehen auf die Großen herab … Was die alles machen! <lb/>
         was die so für Sorgen haben! weshalb sie sich laut gebärden <lb/>
         und was sie nicht sehen und mit welchen geheimnisvollen <lb/>
         Arbeiten sie sich befassen und wichtig tun! Kein Kind ver-<lb/>
         steht die Erwachsenen; es fühlt sie nur manchmal.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun bin ich auch erwachsen und verstehe meine Mit-<lb/>
         erwachsenen doch nicht sehr schön. Es ist wohl vor allem der <lb/>
         tierische Ernst, von dem der Weise als von dem Kenn-<lb/>
         zeichen niedriger Naturen spricht, der mich fernhält. Wie <lb/>
         nehmen sie es alles ernst! Sich und ihren Beruf und ihr <lb/>
         Haus und ihre Familie und ihr Vaterland und ihre Partei <lb/>
         und ihr Geld, na, das vor allem – und da ist kaum ein <lb/>
         Augenblick, in dem sie sich einmal selber auf den Kopf spucken <lb/>
         können, über sich selber lachen, einmal aus sich herausgehen <lb/>
         … nicht doch. Ich stehe daneben wie Chaplin: ich muß <lb/>
         immerzu den Kopf schütteln. Und sehe an mir herunter: Ja, <lb/>
         trage ich denn noch kurze Hosen? Nein, im allgemeinen <lb/>
         nicht. Ich sollte doch nun auch als Original-Erwachsener <lb/>
         mit den Großen groß tun … ich kann nicht. Das ist sehr ge-<lb/>
         fährlich – man darf es gar nicht laut sagen; dann nehmen <lb/>
         sie einen nicht mehr für voll. „Der Mann is nich zerjeehs“, <lb/>
         sagen sie dann. Ich kenne Kaufleute, die sind jünger als ich; <lb/>
         wenn die vom Geschäft sprechen, bin ich wieder sieben Jahre,
        <pb facs="#0262" n="259"/>
        <lb/>
         klettere meinem Papa auf dem Schoß herum, und der sagt: <lb/>
         „Jetzt störe mal nicht! Also, Herr Fahrenholz – wir haben <lb/>
         bei der Kontrolle festgestellt …“ Dabei war Vater nicht <lb/>
         ernster, als er unbedingt mußte, er hatte Humor – aber <lb/>
         wenn er über seine Geschäfte sprach, dann machte er das <lb/>
         ganz ernst und vernünftig, und ich verstand kein Wort. Ich <lb/>
         sah an ihm hoch ...</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich sehe heute an den Erwachsenen hoch. Das kommt viel-<lb/>
         leicht auch daher, daß sie alle einen richtigen Beruf haben, <lb/>
         der sie ergriffen hat (sie bilden sich ein: den sie ergriffen <lb/>
         haben). Wenns windig ist, halten sie sich an dem fest. Ja, ich <lb/>
         kann das auch – aber dann muß ich mich verstellen. Im <lb/>
         Laufe der Jahre lernt man so allmählich, was man in den <lb/>
         verschiedenen Lagen tun muß: hier lügen und da mit Ap-<lb/>
         plomb die Wahrheit sagen und auf alle Fälle furchtbar ernst <lb/>
         sein. Manchmal juckt es mich gradezu, während solch eines <lb/>
         Gesprächs, Verzeihung: Verhandlung, pardon: Konferenz, <lb/>
         den Partner ein bißchen in die Seite zu schubsen und zu <lb/>
         sagen: „Max. Das ist doch alles Zimt. Hör mal zu, wir <lb/>
         wollen das so machen …“ Aber das darf man nicht. Man <lb/>
         muß sein Gesicht glatt halten, wie wenn ein unsichtbares Mo-<lb/>
         nokel drin säße, kalt und hart, römisch-japanisch, und dann <lb/>
         muß man sagen: „Ich habe da noch einige Bedenken. <lb/>
         Die Ziffer IV des Vertrages …“ So muß man. Aber man <lb/>
         möchte das nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und daher bringts denn auch unsereiner zu nichts. Geld <lb/>
         will ernst genommen werden; sonst kommt es nicht zu dir. <lb/>
         Und ich werde immer jünger und werde wohl mit siebzig <lb/>
         reifenspielend im Tiergarten angetroffen werden und selig <lb/>
         die Kinderbücher meiner Jugend lesend. Und wenn mir heute <lb/>
         auf dem Lande Kinder begegnen, die scheu den fremden, <lb/>
         dicken Mann grüßen, dann möchte ich immer hingehn und
        <pb facs="#0263" n="260"/>
        <lb/>
         sagen: Kinder, ich gehöre ja eigentlich zu euch – nicht zu <lb/>
         euerm Lehrer! Aber das glauben sie mir nicht, für sie bin <lb/>
         ich ein Erwachsener. Und für die Erwachsenen ein halbes <lb/>
         Kind. Man hats gar nicht leicht im menschlichen Leben.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Es gibt keinen Neuschnee</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn du aufwärts gehst und dich hochaufatmend um-<lb/>
         siehst, was du doch für ein Kerl bist, der solche Höhen er-<lb/>
         klimmen kann, du, ganz allein –: dann entdeckst du immer <lb/>
         Spuren im Schnee. Es ist schon einer vor dir da gewesen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Glaube an Gott. Verzweifle an ihm. Verwirf alle Philo-<lb/>
         sophie. Laß die vom Arzt einen Magenkrebs ansagen und <lb/>
         wisse: es sind nur noch vier Jahre, und dann ist es aus. <lb/>
         Glaub an eine Frau. Verzweifle an ihr. Führe ein Leben mit <lb/>
         zwei Frauen. Stürze dich in die Welt. Zieh dich von ihr <lb/>
         zurück …</p>
      <p>
        <lb/>
         Und alle diese Lebensgefühle hat schon einer vor dir ge-<lb/>
         habt; so hat schon einer geglaubt, gezweifelt, gelacht, ge-<lb/>
         weint und sich nachdenklich in der Nase gebohrt, genau so. <lb/>
         Es ist immer schon einer da gewesen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ändert nichts, ich weiß. Du erlebst es ja zum ersten <lb/>
         Mal. Für dich ist es Neuschnee, der da liegt. Es ist aber <lb/>
         keiner, und diese Entdeckung ist zuerst sehr schmerzlich. In <lb/>
         Polen lebte einmal ein armer Jude, der hatte kein Geld, zu <lb/>
         studieren, aber die Mathematik brannte ihm im Gehirn. Er <lb/>
         las, was er bekommen konnte, die paar spärlichen Bücher, <lb/>
         und er studierte und dachte, dachte für sich weiter. Und erfand <lb/>
         eines Tages etwas, er entdeckte es, ein ganz neues System, <lb/>
         und er fühlte: ich habe etwas gefunden. Und als er seine kleine <lb/>
         Stadt verließ und in die Welt hinauskam, da sah er
        <pb facs="#0264" n="261"/>
        <lb/>
         neue Bücher, und das, was er für sich entdeckt hatte, das gab es <lb/>
         bereits: es war die Differentialrechnung. Und da starb er. <lb/>
         Die Leute sagen: an der Schwindsucht. Aber er ist nicht an <lb/>
         der Schwindsucht gestorben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Am merkwürdigsten ist das in der Einsamkeit. Daß die <lb/>
         Leute im Getümmel ihre Standard-Erlebnisse haben, das <lb/>
         willst du ja gern glauben. Aber wenn man so allein ist wie <lb/>
         du, wenn man so meditiert, so den Tod einkalkuliert, sich so <lb/>
         zurückzieht und so versucht, nach vorn zu sehen –: dann, <lb/>
         sollte man meinen, wäre man auf Höhen, die noch keines <lb/>
         Menschen Fuß je betreten hat. Und immer sind da Spuren, <lb/>
         und immer ist einer dagewesen, und immer ist einer noch <lb/>
         höher geklettert als du es je gekonnt hast, noch viel höher.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das darf dich nicht entmutigen. Klettere, steige, steige. <lb/>
         Aber es gibt keine Spitze. Und es gibt keinen Neuschnee.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Korrespongdanx</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Jeden zweiten Sonntag im Monat wird der Schreibtisch <lb/>
         schon frühmorgens aufgeräumt, alles liegt sauber da, die Bü-<lb/>
         cher stehen angetreten, die Zettel sind eingesperrt, alles zu <lb/>
         Haus? … das Zimmer wartet. Heute ist Posttag.</p>
      <p>
        <lb/>
         Na, was so ist … Vom Inhalt wollen wir hier nichts <lb/>
         erzählen, der ist so wie bei jedem Menschen: ein Zehntel <lb/>
         Freude, ein Zehntel Beschwerde und dreihundertundachtund-<lb/>
         siebzig Zehntel Briefe, die man eben beantworten muß. <lb/>
         Gut. Aber welchen merkwürdigen Gesetzen unterliegt das <lb/>
         Briefeschreiben?</p>
      <p>
        <lb/>
         Es sind zwei Dinge, die mir immer wieder auffallen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das eine ist die Klasse der Schreiber, die eine solche Pfote <lb/>
         schreiben, daß man ihrs nicht lesen kann. Kurt Hiller hat
        <pb facs="#0265" n="262"/>
        <lb/>
         einmal für sich dekretiert, er brauche keine Schreibmaschine. <lb/>
         Aber er schreibt wenigstens so, daß seine Briefe auch bei <lb/>
         Mondfinsternis zu lesen sind. Hingegen schicken einem da <lb/>
         die Leute Krakeleien … es ist sehr merkwürdig. Ich sitze <lb/>
         immer davor wie jene Redaktion, die einen handgeschrie-<lb/>
         benen Zettel des Chefs bekam, aus einem Restaurant. „Wich-<lb/>
         tige Information fürs Abendblatt! Sofort!“ stand drüber; <lb/>
         das war aber auch alles, was man lesen konnte. Was <lb/>
         nun –? Da hatte ein ganz Kluger einen ganz klugen Ein-<lb/>
         fall. „Es gibt“, sagte er, „eine Gattung Menschen, die schreibt <lb/>
         überhaupt nur unleserlich – das sind die Mediziner. Und <lb/>
         es gibt eine Gattung Menschen, die kann brillant Unleser-<lb/>
         liches lesen – das sind die Apotheker. Fritz!“ Der Junge <lb/>
         flitzte mit dem Zettel los, in die Apotheke. Und kam nach einer <lb/>
         halben Stunde zurück. Und stellte stumm eine kleine Flasche <lb/>
         mit einer rötlichen Tinktur auf den Tisch. Diese Geschichte <lb/>
         stammt, wie alle schönen Geschichten, von Roda Roda. Ja, <lb/>
         also die Briefe.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die Unleserlichen beiseite gelegt sind, dann ist da <lb/>
         eine andre Plage. Ich habe lange nicht begriffen, warum <lb/>
         sich Frauen immer ihre Briefe mit den Umschlägen aufbe-<lb/>
         wahren – fast alle Frauen tun das. Sie tun es deshalb, <lb/>
         weil sie ihre Adresse stets hinten auf den Briefumschlag schrei-<lb/>
         ben. Und nie auf den Brief selbst. Und unsereiner wirft <lb/>
         doch natürlich brav und bieder die Umschläge fort. Und so <lb/>
         vergeht kein Posttag, wo man mich nicht, den Kopf tief in <lb/>
         dem riesigen Papierkorb, furchtbar schimpfend vorfindet, was <lb/>
         das wohl für eine Schweinerei sei und ob ich das vielleicht <lb/>
         nötig hätte, hier zwischen Asche und Bindfaden herumzu-<lb/>
         kramen, nur, weil diese verdammte Person ihre Adresse <lb/>
         nicht … Und ob das nicht jedesmal geschieht, wenn es sich <lb/>
         darum handelt, einem Paar sehr schöner Augen einen Gruß zu
        <pb facs="#0266" n="263"/>
        <lb/>
         schicken! Die Verluste, die auf Warentransporten dadurch ent-<lb/>
         stehn, daß zum Beispiel Fässer leck werden, nennt man im <lb/>
         Handelsrecht Leckage. In meinem Geschäft sind diese Ver-<lb/>
         luste offenbar besonders groß.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun liegen alle die Briefe still, sie sind noch ganz außer <lb/>
         Atem von der langen Reise und müssen sich erst an das <lb/>
         Klima gewöhnen. Die Damen liegen, wie so häufig im <lb/>
         menschlichen Leben, obenauf, danach kommen die Geschäften <lb/>
         (man sollte dieses Wort hinten immer mit einem n schreiben, <lb/>
         es sieht gleich viel eiliger aus), und der ganze Packen ist so hoch <lb/>
         wie zwei Apfelkuchen. Sancte Epistola, steh mir bei! Auf <lb/>
         daß ich bald den letzten hinter mir habe … und bin ich mit <lb/>
         der Ihnen gebührenden Darnachachtung</p>
      <p>
        <lb/>
         Ihr sehr ergebener           </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#i">Peter Panter</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Mir fehlt ein Wort</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Bir-<lb/>
         kenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. <lb/>
         Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern <lb/>
         so schnell, hin und her, daß sie … was? Flirren? Nein, <lb/>
         auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls <lb/>
         sagen: die Blätter flimmern … aber es ist nicht das. Es ist <lb/>
         eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man <lb/>
         das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst – „be-<lb/>
         sprechen“ hat eine tiefe Bedeutung. Steht bei Goethe „Blatt-<lb/>
         geriesel“? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu <lb/>
         diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die <lb/>
         Birkenblätter –?</p>
      <p>
        <lb/>
         (Chor): „Ihre Sorgen möchten wir … Hat man je so
        <pb facs="#0267" n="264"/>
        <lb/>
         etwas … Die Arbeiterbewegung … macht sich da niedlich <lb/>
         mit der deutschen Sprache, die er nicht halb so gut schreibt <lb/>
         wie unser Hans Grimm …“ Antenne geerdet, aus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich weiß: darauf kommt es nicht an; die Gesinnung ist <lb/>
         die Hauptsache; nur dem sozialen Roman gehört die Zu-<lb/>
         kunft; und das Zeitdokument – o, ich habe meine Voka-<lb/>
         beln gut gelernt. Aber ich will euch mal was sagen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn Upton Sinclair nun auch noch ein guter Schrift-<lb/>
         steller wäre, dann wäre unsrer Sache sehr gedient. Wenn die <lb/>
         pazifistischen Theaterstücke nun auch noch prägnant geschrieben <lb/>
         wären, daß sich die Sätze einhämmern, dann hätte unsre <lb/>
         Sache den Vorteil davon. Sprache ist eine Waffe. Haltet <lb/>
         sie scharf. Wer schludert, der sei verlacht, für und für. Wer <lb/>
         aus Zeitungswörtern und Versammlungssätzen seines dahin-<lb/>
         labert, der sei ausgewischt, immerdar. Lest dazu das Kapitel <lb/>
         über die deutsche Sprache in Alfons Goldschmidts „Deutsch-<lb/>
         land heute“. Wie so vieles, ist da auch dieses zu Ende gesagt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was tun die Birkenblätter –? Nur die Blätter der Birke <lb/>
         tun dies; bei den andren Bäumen bewegen sie sich im Winde, <lb/>
         zittern, rascheln, die Äste schwanken, mir fehlt kein Synonym, <lb/>
         ich habe sie alle. Aber bei den Birken, da ist es etwas andres, <lb/>
         das sind weibliche Bäume – merkwürdig, wie wir dann, <lb/>
         wenn wir nicht mehr weiterkönnen, immer versuchen, der <lb/>
         Sache mit einem Vergleich beizukommen; es hat ja eine ganze <lb/>
         österreichische Dichterschule gegeben, die nur damit arbeitete, <lb/>
         daß sie Eindrücke des Ohres in die Gesichtsphäre versetzte und <lb/>
         Geruchsimpressionen ins Musikalische – es ist ein amüsantes <lb/>
         Gesellschaftsspiel gewesen, und manche haben es Lyrik ge-<lb/>
         nannt. Was tun die Birkenblätter? Während ich dies schreibe, <lb/>
         stehe ich alle vier Zeilen auf und sehe nach, was sie tun. Sie <lb/>
         tun es. Ich werde dahingehen und es nicht gesagt haben.</p>
      <pb facs="#0268" n="265"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Erfüllung</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wie Wagenpferde, die schwer gezogen haben, getränkt <lb/>
         werden –: das sehe ich so gern. Da stehen sie, mit nassem <lb/>
         Fell, die Schweife wedeln ganz matt, sie lassen den Kopf <lb/>
         hängen, und das eine stößt das andre, das grade trinkt, be-<lb/>
         iseite. Man sieht das Wasser in seine Kehle hinuntergleiten, es <lb/>
         schlürft; alles an ihm ist Gier, gesättigte Gier, frische Gier <lb/>
         und Befriedigung. Dann trinkt das zweite, und das erste <lb/>
         sieht zufrieden vor sich hin, aus dem Maul rinnt ihm Was-<lb/>
         ser in langen Fäden … Das ist schön. Ich möchte den Kut-<lb/>
         scher streicheln, der ihnen da seinen Eimer hinhält. Warum <lb/>
         ist das schön –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil es erfüllte Befriedigung ist, die ist so selten. Es ist <lb/>
         legitimer Wunsch, erarbeiteter Lohn, Notwendigkeit, und eine <lb/>
         erquickende Spur Wollust ist auch darin. Auch tut es nie-<lb/>
         mand wehe; keine Spinne tötet hier die mit großem Fleiß <lb/>
         eingefangene Fliege, ihren ebenso naturhaften Hunger zu <lb/>
         stillen, und die Mikroben im Wasser werden wohl keine <lb/>
         Schmerzen erleiden, wir wollen uns da nicht lächerlich <lb/>
         machen – es ist schön, wenn Pferde getränkt werden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist auch etwas Freude an der menschlichen Überlegenheit <lb/>
         dabei: daß es ein Mensch ist, der ihnen zu trinken gibt. Trin-<lb/>
         ken sie zum Beispiel aus einem fließenden Bach, so gönnt <lb/>
         man es ihnen, aber das Bild verliert etwas von dem Beha-<lb/>
         gen, mit dem uns das erste erfüllt. Wir sind wohl sehr eitel, <lb/>
         als Gattung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und dann ist es auch schön, weil Pferde nicht sprechen <lb/>
         können. Kommt ein durstiger, durchschwitzter Wandersmann <lb/>
         an die Theke des kleinen Gasthauses und sagt: „Ein großes <lb/>
         Helles! Donnerwetter, ist das heute eine Hitze …“, dann <lb/>
         trinkt er, und es ist kaum ein ästhetischer Genuß, ihm zuzu-
        <pb facs="#0269" n="266"/>
        <lb/>
         sehn. Wenn nachher seine Augen glänzen und er „Ah –“ <lb/>
         macht, dann wirkt er auf uns, die wir keinen Durst haben, <lb/>
         eine ganze Kleinigkeit albern.</p>
      <p>
        <lb/>
         Warum es grade bei den Pferden so ist, das weiß ich nicht. <lb/>
         Man fühlt sich gut, wenn man sich vor ihnen gut fühlt. Eine <lb/>
         milde Woge von Tierliebe quillt in einem auf. Aber die <lb/>
         täuscht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn läuft das Pferdepaar nachher nicht schnell genug, <lb/>
         dann sind wir auf den Kutscher böse, weil er ihnen nicht <lb/>
         ordentlich einen überzieht. „<hi rendition="#aq">La race maudite, à laquelle <lb/>
           nous appartenons …</hi>“, sagte jener Fridericus in seiner <lb/>
         Muttersprache. Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann <lb/>
         glauben wir gleich, wir seien gut.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Befürchtung</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Werde ich sterben können –? Manchmal fürchte ich, ich <lb/>
         werde es nicht können.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da denke ich so: wie wirst du dich dabei aufführen? Ah, <lb/>
         nicht die Haltung – nicht das an der Mauer, der Ruf „Es <lb/>
         lebe …“ nun irgend etwas, während man selber stirbt; <lb/>
         nicht die Minute vor dem Gasangriff, die Hosen voller Mut <lb/>
         und das heldenhaft verzerrte Angesicht dem Feinde zuge-<lb/>
         wandt … nicht so. Nein, einfach der sinnlose Vorgang im <lb/>
         Bett, Müdigkeit, Schmerzen und nun eben das. Wirst du es <lb/>
         können?</p>
      <p>
        <lb/>
         Zum Beispiel, ich habe jahrelang nicht richtig niesen kön-<lb/>
         nen. Ich habe geniest wie ein kleiner Hund, der den Schluck-<lb/>
         auf hat. Und, verzeihen Sie, bis zu meinem achtundzwanzig-<lb/>
         sten Jahre konnte ich nicht aufstoßen – da lernte ich Karl-<lb/>
         chen kennen, einen alten Korpsstudenten, und der hat es mir
        <pb facs="#0270" n="267"/>
        <lb/>
         beigebracht. Wer aber wird mir das mit dem Sterben bei-<lb/>
         bringen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, ich habe es gesehn. Ich habe eine Hinrichtung gesehn, <lb/>
         und ich habe Kranke sterben sehn – es schien, daß sie sich <lb/>
         sehr damit plagten, es zu tun. Wie aber, wenn ich mich nun <lb/>
         dabei so dumm anstelle, daß es nichts wird? Es wäre doch <lb/>
         immerhin denkbar.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Keine Sorge, guter Mann. Es wird sich auf Sie herab-<lb/>
         senken, das Schwere – Sie haben eine falsche Vorstellung <lb/>
         vom Tode. Es wird …“ Spricht da jemand aus Erfah-<lb/>
         rung? Dies ist die wahrste aller Demokratien, die Demo-<lb/>
         kratie des Todes. Daher die ungeheure Überlegenheit der <lb/>
         Priester, die so tun, als seien sie alle schon hundertmal <lb/>
         gestorben, als hätten sie ihre Nachrichten von drüben – und <lb/>
         nun spielen sie unter den Lebenden Botschafter des Todes.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vielleicht wird es nicht so schwer sein. Ein Arzt wird mir <lb/>
         helfen, zu sterben. Und wenn ich nicht gar zu große Schmer-<lb/>
         zen habe, werde ich verlegen und bescheiden lächeln: „Bitte, <lb/>
         entschuldigen Sie … es ist das erste Mal …“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Fliegengott</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Zu Pfingsten hat es geschneit. Am Wettersee hat es ge-<lb/>
         schneit. Das kleine Haus liegt ganz allein, und man kann <lb/>
         es alles sehen. Schnee!</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Birken waren furchtbar erschrocken; die vernünftigeren <lb/>
         Laubbäume hatten überhaupt noch nicht geflaggt, wie Gerippe <lb/>
         steckten sie ihre Arme in die Luft. Ihre Baumseele schlief.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kalt ist das – hätten auch sollen lieber nach Lugano <lb/>
         gehn oder nach … ja. Ich habe heizen lassen: Senta hat <lb/>
         die weißen Kachelöfen in Betrieb gesetzt, die bullern, und
        <pb facs="#0271" n="268"/>
        <lb/>
         jetzt spielen wir Winter. Die Öfen sind heiß. Senta, auf <lb/>
         ihren dicken Beinen, ist dann zu Papa und Mama ins Dorf <lb/>
         gefahren; die Schweden sind wohl Zentauren des Fahr-<lb/>
         rads. Nun bin ich allein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Winterdunkel ist es; während sich in Schildhorn die Leute <lb/>
         mit dem Kellner herumzanken und mit dem Mann an der <lb/>
         Billettsperre – „Hier, der Herr hat meine Fahrkarte ge-<lb/>
         habt! Ich habe doch … sei mal still … Sie halten über-<lb/>
         haupt den Mund!“ – ist es hier blau und winterdunkel. <lb/>
         Spät, beinah zehn. Um diese Zeit gehen der Herr immer <lb/>
         schlafen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Gut, daß das keiner sieht: in der einen Hand den elektri-<lb/>
         schen Kochtopf, der Kamillentees wegen gebraucht wird, in <lb/>
         der andern zwei dicke Bücher, zwecks Bildung, unter dem <lb/>
         Arm die Zeitungen, im Schlafrock –: so stehn wir wohl <lb/>
         vor der weißen Tür. Nur noch über den Flur … und dann <lb/>
         ins Schlafzimmer. Mach die Tür nicht auf –! Mach <lb/>
         die Tür nicht auf –!</p>
      <p>
        <lb/>
         Grotesk. Warum soll ich denn die Tür nicht aufmachen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil … setz mal den Kocher ab. Weil … wenn nun … <lb/>
         ich sage nicht, daß es so ist … wenn nun draußen auf dem <lb/>
         Treppenflur, hinter der Tür, der Fliegengott stände?</p>
      <p>
        <lb/>
         Der wer –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Fliegengott.</p>
      <p>
        <lb/>
         Was ist das? Bist du närrisch? Laß mich … ich will jetzt <lb/>
         ins Bett, wo ist denn der Kocher?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich sage nicht, daß es so ist … Aber er steht da, eine <lb/>
         schwarze, drahtige Sache, berührt nicht den Boden, hängt oder <lb/>
         schwebt, weiß nicht. Oben hat er Käferzangen, und rechts <lb/>
         und links, wie zwei schiefe, abgerutschte Turbane, Haarnetze <lb/>
         von Augen. Weißt du, daß die Fliegen zweitausend Augen <lb/>
         haben, oder viertausend –</p>
      <pb facs="#0272" n="269"/>
      <p>
        <lb/>
         Der Kaffee kann das nicht sein. Was für wirre Ideen – <lb/>
         ich nehme jetzt den Kocher und …</p>
      <p>
        <lb/>
         Wart mal. Da steht er also – was tust du! (lauernd) <lb/>
         Was tust du! Ich meine: wenn er da steht –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Na, dumm …</p>
      <p>
        <lb/>
         Nein, sag mal: was tust du –? Schreist du –? Ich <lb/>
         schreie.</p>
      <p>
        <lb/>
         Vielleicht schreie ich. Auf alle Fälle bekäme ich einen furcht-<lb/>
         baren Schreck, so – mit Blutandrang nach dem Kopf, <lb/>
         oder fließt das Blut dann ab, ich weiß nicht … dann das <lb/>
         Gefühl unter den Haarwurzeln, die Luftbeklemmung … <lb/>
         Himmeldonnerwetter, warum soll er denn da stehn, dein <lb/>
         Gott? Dein lächerlicher Gott? Verflucht, wenn er nun <lb/>
         wirklich?</p>
      <p>
        <lb/>
         Na, so. Damit die Sache einen rationalistischen Grund <lb/>
         hat: wegen der hundert Fliegen, die du hier totgemacht <lb/>
         hast. Sage mal, Mensch: warum klappst du eigentlich <lb/>
         alle Fliegen tot, die an den Fenstern summen? Sie haben <lb/>
         dir doch nichts getan! Aber nein, kaum siehst du eine, kaum <lb/>
         hörst du eine, dann mußt du hingehen, und mit dem Notiz-<lb/>
         buch mußt du sie an die Scheiben kleben … sehr ekelhaft, <lb/>
         wie das aussieht … so eine gequetschte …</p>
      <p>
        <lb/>
         Lachhaft. Warum? Weil sie jetzt voller Eier stecken; <lb/>
         weil ich vielleicht Lust habe, hier nachher die ganze Brut im <lb/>
         Zimmer zu haben! Es ist ja –</p>
      <p>
        <lb/>
         Weißt du, daß tragendes Wild geschont wird?</p>
      <p>
        <lb/>
         Du bist ein Happen dof. Sind Fliegen vielleicht Wild? <lb/>
         So tief hinunter reichen die ethischen Ideen nicht … jetzt <lb/>
         stehe ich also wahrhaftig hier im Schlafrock und philosophiere <lb/>
         … laß mich endlich –</p>
      <p>
        <lb/>
         Momang. Wo hören deine ethischen Ideen auf, junger
        <pb facs="#0273" n="270"/>
        <lb/>
         Herr? Bei den Mäusen? Darf man die noch nicht oder darf <lb/>
         man die schon töten, wenn sie … Pst. Was war das?</p>
      <p>
        <lb/>
         Wart mal. Nichts. Manchmal knackt es so auf der Treppe.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, da steht er also und rächt sie alle. Auch die, die du <lb/>
         im Sommer an den langen Leimbändern verzappeln läßt – <lb/>
         sag mal, wenn das nun Menschen wären, die da in deinem <lb/>
         Zimmer … na, das pazifistische Geschrei möchte ich ja nicht <lb/>
         hören! Und dann signalisieren sie mit den kleinen Beinchen: <lb/>
         SOS! Neulich hast du Hund mit deiner Petroleum-Abwehr-<lb/>
         Spritze eine angespritzt, sie fiel gleich um, winkte: Erbarmen! <lb/>
         Aber du hast weiter gespritzt, bis sie starr da lag – er <lb/>
         rächt sie.</p>
      <p>
        <lb/>
         Komisch, was in diesem Hause klopft. Es ist niemand da, <lb/>
         und ich klopfe doch nicht. Er steht also da, dein Gott, und <lb/>
         was macht er –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Nichts. In den Sagen ist das dann so, daß du nie mehr <lb/>
         lachen kannst. Das sind aber Störungen der Magensäfte, <lb/>
         wenn einer nicht mehr lachen kann. Er stürzt sich auch nicht <lb/>
         auf dich. Er hängt da – so …</p>
      <p>
        <lb/>
         Metaphysik kommt aus dem Bauch. Daran ist kein <lb/>
         Zweifel. Etwas Natron … aber das steht drüben, im Schlaf-<lb/>
         zimmer … na, vielleicht gehe ich jetzt über den Flur?</p>
      <p>
        <lb/>
         Geh doch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich will nur noch … ich habe noch vergessen …</p>
      <p>
        <lb/>
         Du hast Angst.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe keine Angst! Ich will nur das Hemd fortlegen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du hast Furcht. Er hängt, ein klein wenig rechts, gleich <lb/>
         hinter der Tür und wartet auf dich. Wenn du die Tür auf-<lb/>
         machst, sieht er dich an, einen Herzschlag lang; verläßt sich <lb/>
         ganz auf seine Erscheinung; dann verschwindet er, Gespen-<lb/>
         ster haben manchmal so etwas Erwischtes … und auf einmal <lb/>
         siehst du die zehn Gebote im Querschnitt, wie sie nicht sehr
        <pb facs="#0274" n="271"/>
        <lb/>
         tief hinunterreichen, wie das alles nur in einer schmalen <lb/>
         Schicht gilt … etwa so breit, wie die, die wir ohne Apparate <lb/>
         beherrschen: ein Meter achtzig über der Erde, drei Meter <lb/>
         drunter. Das ist das Reich der zehn Gebote.</p>
      <p>
        <lb/>
         So. Jetzt habe ich das Hemd fortgelegt, nur noch die <lb/>
         Kanten einschlagen … ich gehe jetzt. Warum soll ich nicht <lb/>
         nach vorn gehn? Vorn hat man keine Angst – Angst hat <lb/>
         man nur im Rücken.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du kannst auch gehn. Er ist weg. Wie weggeputzt, so, <lb/>
         wie die Kinovisionen …</p>
      <p>
        <lb/>
         Außerdem habe ich nicht die Spur Angst, nicht die leiseste <lb/>
         Spur … siehst du, ich drücke mit der Kocher-Hand die Klinke <lb/>
         herunter … ist da was im Dunkel? … Nein, da ist nichts. <lb/>
         Licht! Deinen Fliegengott gibt es gar nicht. Morgen schlage <lb/>
         ich sie alle tot, alle. Nicht eine soll mir an den Fenstern <lb/>
         summen. Schmeißfliegen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Herr sind etwas schnell über den Flur gegangen, <lb/>
         wie … ? Hast du die Tür abgeriegelt?</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Riegel ist entzwei. Ich habe keine Angst. Hier hinein <lb/>
         kommt er nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Warum nicht?</p>
      <p>
        <lb/>
         Weil es ihn nicht gibt. Weil es ihn nicht gibt. Gibt keinen <lb/>
         Fliegengott. Jetzt laß mich lesen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         (Das Gefühl, im Dunkel.) In mir wachsen und wimmeln <lb/>
         Millionen Mikroben. Jeder Herzschlag klopft dem Grabe <lb/>
         zu. Weiter und weiter – unaufhaltsam. In mir wächst <lb/>
         der Tod.</p>
      <pb facs="#0275" n="272"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Zur soziologischen Psychologie der Löcher</hi></p>
      <cit>
        <quote>
          <lb/>
           Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren <lb/>
           gethan werden. Beweise: erstlich die Zeu-<lb/>
           gungsglieder, die Schreibfeder und unser <lb/>
           Schießgewehr. <bibl>
            <lb/>
            <hi rendition="#aq">Lichtenberg</hi>
          </bibl>
        </quote>
      </cit>
      <p>
        <lb/>
         Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch <lb/>
         allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall <lb/>
         etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie <lb/>
         und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. <lb/>
         Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch <lb/>
         nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie <lb/>
         bedrängt werden. Loch ist immer gut.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn der Mensch „Loch“ hört, bekommt er Associationen: <lb/>
         manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche <lb/>
         an Goebbels.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, <lb/>
         und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, <lb/>
         stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man <lb/>
         ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hinein-<lb/>
         gesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser <lb/>
         Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist <lb/>
         Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus die-<lb/>
         sem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessor-<lb/>
         examen wäre ihnen sicher gewesen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er ge-<lb/>
         hört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, <lb/>
         eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenz-<lb/>
         wache: während den Molekülen am Rande eines Lochs <lb/>
         schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Mole-
        <pb facs="#0276" n="273"/>
        <lb/>
         külen des Loches… festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn <lb/>
         unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-<lb/>
         Leute sprechen ihre eigne.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. <lb/>
         Fast nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der <lb/>
         sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken <lb/>
         lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört <lb/>
         dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum <lb/>
         rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine <lb/>
         Sorgen möcht ich haben.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt <lb/>
         es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem <lb/>
         andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das <lb/>
         zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat <lb/>
         hier eines.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch <lb/>
         ist: kann da noch ein andres sein?</p>
      <p>
        <lb/>
         Und warum gibt es keine halben Löcher –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein <lb/>
         entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, <lb/>
         gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahr-<lb/>
         schein, eine Jungfrau und ein Luftballon.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist <lb/>
         schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit <lb/>
         dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch <lb/>
         soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige be-<lb/>
         haupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: <lb/>
         der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. <lb/>
         Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des <lb/>
         Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, wer-
        <pb facs="#0277" n="274"/>
        <lb/>
         den Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Ab-<lb/>
         schnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem <lb/>
         nächsten ein Loch ausfüllen wollen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Interview mit sich selbst</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Herr Panter lassen bitten!“ sagte der Diener.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich trat näher.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die hohe Tür zum Arbeitszimmer des Meisters öffnete <lb/>
         sich, der Diener schlug die Portiere zurück – ich ging hinein, <lb/>
         die Tür schloß sich hinter mir.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da saß der Meister massig am Schreibtisch: ein fast d<lb/>
         ick zu nennender Mann, er trug ein gepflegtes Cäsaren-<lb/>
         profil zur Schau, an dem nur die Doppelkinne etwas störten. <lb/>
         Borstig stachen die Haare in die Luft, in den blanken <lb/>
         Knopfaugen lag wohlig-zufriedenes Behagen. Er erhob sich.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich begrüße Sie, junger Mann“, sagte er zu mir. „Neh-<lb/>
         men Sie Platz und erörtern Sie mir Ihren merkwürdigen <lb/>
         Brief!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Befangen setzte ich mich.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie fragen mich da“, sagte der Meister und legte seine dicke <lb/>
         Hand mit den blankpolierten Nagelschildchen so, daß ich sie <lb/>
         sehen mußte, „ob ich Ihnen einen Rat für Ihre Zukunft <lb/>
         zu geben vermag. Sie fügen hinzu, Sie seien von dem hohen <lb/>
         Streben nach einem Ideal durchdrungen. Sie stießen sich am <lb/>
         Leben, das Ihnen kantig erscheine – das war Ihr Wort –, <lb/>
         und Sie wollten sich bei mir Rats holen. Nun, junger Mann, <lb/>
         der kann Ihnen werden!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich verbeugte mich dankend.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Zunächst“, sprach der Meister, „was sind Sie von <lb/>
         Beruf?“</p>
      <pb facs="#0278" n="275"/>
      <p>
        <lb/>
         „Ich bin gar nichts“, sagte ich und schämte mich.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Hm –“ machte der Meister und wiegte bedenklich das <lb/>
         Haupt. „Wozu brauchen Sie da noch Rat? Nun, immer-<lb/>
         hin … ich bin zu Ihrer Verfügung.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Meister“, sagte ich und faßte mir ein Herz, „lehren Sie <lb/>
         mich, wie man zu Erfolg kommt. Wie haben Sie Erfolg ge-<lb/>
         habt? Diesen Erfolg?“ Und ich wies auf das komfortabel <lb/>
         hergerichtete Gemach: Bücher mit goldverzierten Pergament-<lb/>
         rücken standen in wuchtigen Regalen, eine bronzene Steh-<lb/>
         lampe strahlte behaglich gedämpftes Licht aus, und der breit <lb/>
         ausladende Aschbecher, der vor mir stand, war aus schwarz-<lb/>
         geädertem Marmor. „Woher das alles?“ sagte ich fragend.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Meister lächelte seltsam.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Erfolg? Sie wollen wissen, wie ich Erfolg gehabt habe, <lb/>
         junger Mann? Junger, junger Brausekopf! Nun: ich habe <lb/>
         mich gebeugt.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Nie täte ich das. Nie!“ sagte ich emphatisch.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie müssen es tun“, sagte er. „Sie werden es tun. Was <lb/>
         taten Sie im Krieg?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich war“, sagte ich und sah auf meine Stiefelspitzen, <lb/>
         „Schipper.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Falsch!“ sagte er. „Wären Sie ein tüchtiger Kerl und <lb/>
         lebensklug, so hätten Sie anderswo sitzen müssen: in einer <lb/>
         Presseabteilung, bei der politischen Polizei, was weiß ich. <lb/>
         Wissen Sie, was ein Kompromiß ist? Können Sie Konzessio-<lb/>
         nen machen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Niemals!“ rief ich.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie müssen sie machen. Sie werden sie machen. Sehen <lb/>
         Sie mich an: ich bin die nahrhafte Frucht der Kompromisse. <lb/>
         Man muß im Leben vorwärtskommen, junger Freund!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Aber die Wahrheit? Aber die Ideale?“ rief ich lauter, als <lb/>
         schicklich war. „Aber das, wofür zu leben sich verlohnt?
        <pb facs="#0279" n="276"/>
        <lb/>
         Noch bin ich ein Stürmer und Dränger, und das will ich <lb/>
         bleiben! Mord Mord heißen, auch wenn eine Fahne darüber <lb/>
         weht, einen Streber einen Streber, auch wenn er Ge-<lb/>
         heimer Regierungsrat ist, eine Clique eine Clique, und <lb/>
         stände eine ganze Stadt dahinter! Das ist es, was ich will! <lb/>
         Helfen Sie mir! Weisen Sie mir den Weg, wie ich meine <lb/>
         Pläne verwirklichen kann, zu meinem Heile, und, wie ich <lb/>
         glaube, zum Heile der Menschen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich hatte mich in Begeisterung gesprochen; meine Wangen<lb/>
         glühten, meine Lippen waren geöffnet und zitterten leise.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Meister lächelte. Der große Meister Peter Panter <lb/>
         lächelte.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Mein lieber junger Freund“, hob er an, „hören Sie mir <lb/>
         genau zu. Auch ich begreife Ihre edle Gesinnung, die Ihnen <lb/>
         alle Ehre macht. Auch ich wünsche, daß die Menschheit so <lb/>
         edel wäre, wie Sie sie machen möchten. Auch ich bin, ich <lb/>
         kann es wohl sagen, ein Vertreter des Guten, Wahren und <lb/>
         Schönen. Ich liebe das Gute, Wahre und Schöne, ja, ich <lb/>
         verehre es. Aber, mein lieber junger Freund, hart im Raume <lb/>
         stoßen sich die Sachen! Man muß mit der Realität rechnen, <lb/>
         sich klug beugen, wenns nottut …“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich mag mich nicht beugen“, unterbrach ich ihn trotzig.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie werden sich beugen. Sie müssen sich beugen. Eines <lb/>
         Tages werden Sie auch Ihrerseits Geld verdienen wollen, <lb/>
         und Sie beugen sich. Es ist so leicht. Es ist so süß; ein kleines <lb/>
         Nachgeben, ein leichtes Wiegen des Kopfes, ein winziges <lb/>
         Verleugnen der Grundsätzchen, und Sie sind ein beliebter, an-<lb/>
         gesehener, überall freundlich aufgenommener junger Mann! <lb/>
         Wollen Sie das?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich schüttelte verächtlich den Kopf.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Aber, aber!“ begütigte der Meister. „Bedenken Sie, was <lb/>
         Sie machen! Sie werden heiraten wollen, eine Familie grün-
        <pb facs="#0280" n="277"/>
        <lb/>
         den, einen Hausstand – und Sie werden sich beugen. Was <lb/>
         haben Sie und alle andern von diesen Prinzipien, von diesem <lb/>
         starren Festhalten an der Wahrheit oder was Sie so nennen! <lb/>
         Da sehen Sie hingegen: was kostet es mich denn? Ich bin <lb/>
         freundlich zu allen Leuten, ich sage zu allem Ja, wo Sie <lb/>
         vielleicht entrüstet Nein schreien würden, und ich kann schwei-<lb/>
         gen. Schweigen kostet gar nichts. Schweigen ist die Perle in <lb/>
         der Krone der menschlichen Künste. Schweigen Sie!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich muß sprechen!“ sagte ich laut.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie müssen nicht. I, wer wird denn müssen! Schweigen <lb/>
         Sie, beugen Sie sich! Beugen Sie sich vor dem Geld und <lb/>
         beugen Sie sich vor dem Ruhm, beugen Sie sich vor der <lb/>
         Macht – vor der zu allererst – und beugen Sie sich vor den Frauen – und was wird Ihr Lohn
        sein?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Er lehnte sich zurück und lächelte satt.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich lebe“, fuhr er fort, „wie Sie sehen, auf gutem Fuß, <lb/>
         und ich bin recht zufrieden. In meinem Hause verkehren <lb/>
         Priester und Ärzte, Offiziere und Künstler – und keinem <lb/>
         tue ich je etwas in meinen Schriften zuleide, und jeder be-<lb/>
         kommt eine gute Flasche Rotwein. Glauben Sie, ich sehe <lb/>
         nicht, was dahintersteckt? Aber es kümmert mich nicht. Sie <lb/>
         lesen meine Werke, sie kaufen meine Bücher – was will ich <lb/>
         mehr? Bin ich angestellt, ihnen die Wahrheit zu sagen, die <lb/>
         unbequeme, harte Wahrheit?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wir alle sind angestellt, den Menschen die Wahrheit zu <lb/>
         sagen!“ sagte ich.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich nicht“, sagte der Meister, „ich nicht. Ich habe diese <lb/>
         Anstellung gekündigt, und seitdem geht es mir sehr gut. Und <lb/>
         seitdem habe ich was ich brauche, mehr als ich brauche; <lb/>
         meine Tochter heiratet demnächst einen Fabrikbesitzer. Ja.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Soll ich heiraten?“ fragte ich.</p>
      <pb facs="#0281" n="278"/>
      <p>
        <lb/>
         „Die, die Sie lieben, nicht – denn ich ahne: sie hat kein <lb/>
         Geld. Heiraten Sie die Tochter eines reichen Mannes; Raum <lb/>
         ist in der kleinsten Villa – aber eine Villa muß es sein. <lb/>
         Rauchen Sie?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Nein“, sagte ich, „ich rauche nicht. Ich …“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Rauchen Sie!“ sagte er freundlich. „Es dämpft ab. Und <lb/>
         hören Sie auf mich, der ich oben auf der Leiter stehe, die Sie <lb/>
         zu besteigen im Begriff sind. Der Erfolg ist alles. Sie er-<lb/>
         werben ihn durch viererlei: durch den Kompromiß, durch <lb/>
         Schweigen; durch Zuhören und durch Schmeichelei bei den <lb/>
         alten Leuten. Verstehn Sie das, dann sind Sie ein gemachter <lb/>
         Mann! Und es ist so angenehm, ein gemachter Mann <lb/>
         zu sein!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Er strahlte fett und sah aus wie ein Mime nach dem <lb/>
         Applaus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich erhob mich und blickte ihn fragend und erhitzt an.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie werden mir heute noch widersprechen“, sagte Peter <lb/>
         Panter. „In dreißig Jahren tun Sie es nicht mehr. Sorgen <lb/>
         Sie, daß es dann nicht zu spät ist! Gehaben Sie sich wohl, <lb/>
         und lassen Sie es sich gut gehn!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich nahm die dargebotene Hand und stürzte hinaus.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Drinnen saß der Meister an seinem prunkvollen Diplo-<lb/>
         matenschreibtisch und schüttelte lächelnd den Kopf. „Diese <lb/>
         jungen Leute“, sagte er. „Das will mit dem Kopf durch die <lb/>
         Wand und schlauer sein als unsereiner. Nun, jede Erfahrung <lb/>
         muß jeder an sich selbst machen! Aber nun will ich ein wenig <lb/>
         Tee trinken! Franz!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Und er schellte.</p>
      <p>
        <lb/>
         Draußen aber am Gitter stand ich, die gußeiserne Tür-
        <pb facs="#0282" n="279"/>
        <lb/>
         klinke des Parktors in der Hand, von Haß geschüttelt, von <lb/>
         Wut verzerrt, ohnmächtig, giftig-böse und im Innern füh-<lb/>
         lend, daß der andre zum mindesten für sich recht hatte.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und ich sagte: „Ein ekelhafter Kerl.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Mensch</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, <lb/>
         wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die <lb/>
         letztere heißt Religion.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche <lb/>
         Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu über-<lb/>
         mütig wird.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch <lb/>
         empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. <lb/>
         Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht <lb/>
         werden wolle.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu <lb/>
         dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu <lb/>
         treiben, durch den Bergmannstod den Profit der Grubenherren <lb/>
         zu erhöhen, sowie auch Kultur, Kunst und Wissenschaft.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und <lb/>
         dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu <lb/>
         machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen <lb/>
         geradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er <lb/>
         weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur <lb/>
         selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, <lb/>
         Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmei-<lb/>
         cheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu <lb/>
         verfahren, als man es gerade noch für möglich hält.</p>
      <pb facs="#0283" n="280"/>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die <lb/>
         Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch <lb/>
         nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, <lb/>
         sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese <lb/>
         Zeit sicher, daß er nicht davonläuft. Manche verlassen sich <lb/>
         auch auf den Charakter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch zerfällt in zwei Teile:</p>
      <p>
        <lb/>
         In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen <lb/>
         weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte <lb/>
         Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, daß <lb/>
         man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion <lb/>
         setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; <lb/>
         auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare <lb/>
         seiner eigenen Gattung, doch wird das durch den Fascismus <lb/>
         wieder ausgeglichen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten <lb/>
         zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen <lb/>
         haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt <lb/>
         die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt <lb/>
         man Patriotismus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und <lb/>
         eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll <lb/>
         Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge <lb/>
         geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern <lb/>
         an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das <lb/>
         Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.</p>
      <p>
        <lb/>
         Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, <lb/>
         die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch <lb/>
         niemand sich selber beherrscht: weil der opponierende Sklave
        <pb facs="#0284" n="281"/>
        <lb/>
         immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder <lb/>
         Mensch ist sich selber unterlegen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch <lb/>
         kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die <lb/>
         sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. <lb/>
         Die verschiednen Altersstufen des Menschen halten einander <lb/>
         für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, <lb/>
         daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt <lb/>
         sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, <lb/>
         was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann <lb/>
         möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig <lb/>
         mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, <lb/>
         schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal <lb/>
         gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.</p>
      <p>
        <lb/>
         Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Ameri-<lb/>
         kaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen <lb/>
         Zoologie erst in der nächsten Klasse.</p>
      <pb facs="#0285" n="[282]"/>
      <pb facs="#0286" n="[283]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">KLAPPER</hi></p>
      <pb facs="#0287" n="[284]"/>
      <pb facs="#0288" n="[285]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">„Ich rufe vor eins noch mal an –!“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         In Wilhelm Speyers „Charlott etwas verrückt“ findet sich <lb/>
         ein Satz, der mir immer tiefen Eindruck gemacht hat. Die <lb/>
         Stelle im Dialog heißt etwa so: „Hallo! Also treffen wir uns <lb/>
         heute um eins?“ – Der andre: „Ja. Das heißt … ich <lb/>
         rufe vor eins nochmal an –!“ Alle Berliner rufen vor eins <lb/>
         nochmal an.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt nämlich eine Geschäftigkeit, die aus der Reizbarkeit <lb/>
         kommt, aus dem Unvermögen der unausgeruhten Nerven, <lb/>
         nicht zu reagieren; sie müssen reagieren, darin besteht eben <lb/>
         ihre Müdigkeit, nicht ruhen zu können. Es muß etwas ge-<lb/>
         schehn. Und da greift dann die Hand zum Telefon.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kleinen Kindern bringt man bei, vor einem Besuch bei der <lb/>
         fremden Tante alles „vorher zu erledigen“. Erwachsene be-<lb/>
         treten die Wohnung des Bekannten mit dem Feldgeschrei: <lb/>
         „Darf ich bei Ihnen mal telefonieren?“ – „Bitte sehr“, <lb/>
         sagt der freundliche Gastgeber. Und hört dann dies:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Lützow zweiundsiebzig null fünnef … Ich muß nämlich <lb/>
         mal rasch dem Oskar Bescheid sagen, daß er … Hallo? <lb/>
         Nein! Null fünnef! … Vielleicht ist er gar nicht zu Hause, da <lb/>
         will ich mal … Ja? Oskar? Bist du das? Rufen Sie mal <lb/>
         bitte Herrn Pischanowski ans Telefon! Oskar! Hier ist Grete. <lb/>
         Also paß mal auf! Ich rufe hier von Wandervogels an, <lb/>
         also … du kommst doch heute abend ins Theater? Wir tref-<lb/>
         fen uns doch vor dem Eingang? Fünf Minuten vor acht –
        <pb facs="#0289" n="286"/>
        <lb/>
         das heißt, es fängt, glaub ich, um halb acht an – sieh doch <lb/>
         mal nachher in der Zeitung nach! (Haben Sie ’ne Zeitung? <lb/>
         Na, danke …) Ja, wie wir verabredet haben. Aber komm <lb/>
         pünktlich! Wie gehts Mama? Gut? Danke, ja. Ich geh <lb/>
         nachher noch in die Stadt! Na gut – Na, also denn … Na, <lb/>
         schön. Na, gut. Na, schön. Hatchö, Oskar! Komm pünktlich! <lb/>
         Na, gut. Hatschö, Oskar! Oskar! … ! Weg. Wir gehn näm-<lb/>
         lich heute abends ins Theater. Zu Wegener. Ja. Na, und wie <lb/>
         gehts Ihnen …?“</p>
      <p>
        <lb/>
         Dieses Telefongespräch war gar kein Telefongespräch. Es <lb/>
         war eine Reflexbewegung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wäre es nicht geführt worden, so wäre Oskar wie statu-<lb/>
         iert auch ins Theater gekommen. („Na, ich muß ihn doch <lb/>
         nochmal erinnern! Vielleicht hätte ers sonst vergessen! Sie <lb/>
         kennen Oskar nicht!“) Doch, ich kenne Oskarn. Aber ich <lb/>
         kenne auch Greten – und da meine ich:</p>
      <p>
        <lb/>
         Von dem, was in einer großen Stadt zusammentelefoniert <lb/>
         wird, ist gut und gern die Hälfte überflüssig. Und die Herren <lb/>
         Geschäftsleute sollen sich ja nicht vor ihren Frauen dicke tun <lb/>
         und lächelnd anmerken: „Kind, was du heute wieder alles <lb/>
         telefonierst …!“ Sie machen es genau so.</p>
      <p>
        <lb/>
         In den Büros ist der Anlaß des Telefongespräches fast <lb/>
         immer vernünftig, seine Länge unentschuldbar. Anfrage; Aus-<lb/>
         kunft; Rückfrage; Rückauskunft … Und dann gehts erst los. <lb/>
         Dann kakeln sie hin und her, sie drehen das schon einmal <lb/>
         Gesagte nochmals in der Telefonmuschel herum, daß es <lb/>
         einem graust, halten die Nummern, die andre Leute ver-<lb/>
         langen, besetzt … Es ist wunderschön. Alles, weil sie die <lb/>
         Sprache nicht halten können, sie entzünden sich am Vorhan-<lb/>
         densein des andern, es muß was geschehn, es muß was <lb/>
         geschehn. Schade, daß niemand aufschreibt, was zum Bei-<lb/>
         spiel die ernsten Generaldirektoren und ihre Unteroberdirektoren
        <pb facs="#0290" n="287"/>
        <lb/>
         so ins Telefon sagen – man bekäme einen heiteren Begriff <lb/>
         von ihrer würdigen Tätigkeit.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es scheint mir gradezu eine Krankheit zu sein, daß sich die <lb/>
         Telefonanten zum Beispiel nie in einem einzigen Telefon-<lb/>
         gespräch endgültig einigen können. Sie haben eine fast patho-<lb/>
         logische Scheu vor Entschlüssen, die sie daher niemals gleich <lb/>
         fassen. Und das nicht etwa bei ernsthaften Anlässen, wie bei <lb/>
         dem Abschluß einer Lebensversicherung, bei einer Verlobung … <lb/>
         Sie überlegen. Sie überlegen nämlich, wann sie nochmal an-<lb/>
         rufen können, immer in der Angst, es könnte sich zwischen <lb/>
         zehn und ein Uhr noch ein Erdbeben ereignen. „Das … das <lb/>
         kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Warten Sie mal … <lb/>
         Also … Passen Sie mal auf, wir wollen so verbleiben: <lb/>
         Wenn ich bis morgen um halb elf nicht mehr anrufe, <lb/>
         dann kommen Sie mit Ihrer Frau nach Hoppegarten. Nein, <lb/>
         lieber so: Wenn wir nicht anrufen, kommen Sie nicht. Nein, <lb/>
         doch so … Also ich rufe morgen nochmal an.“ Und morgen <lb/>
         geht das ganze Theater wieder von vorn los.</p>
      <p>
        <lb/>
         Lasset uns gerecht sein. Was die Schweden sind, so kom-<lb/>
         men die gleich mit einem Telefon zur Welt, und das erste <lb/>
         „Bää!“ des kleinen Gunnar klingt in ein schwedisches Tele-<lb/>
         fon. Und wenn die Schweden erst einmal angefangen haben <lb/>
         zu telefonieren, dann hören sie nie wieder auf. Dafür funk-<lb/>
         tioniert ihr Telefon aber herrlich, und man findet es bei ihnen <lb/>
         überall. Die Franzosen haben es wieder besser; wenn man <lb/>
         da von der Rue Lafontaine nach der Place Denfert-Rochereau <lb/>
         telefonieren will, dann gibt es zwei Mittel: Man kann sich <lb/>
         ein Taxi nehmen und zu dem andern hinfahren. Das geht <lb/>
         am schnellsten. Man kann aber auch von Paris nach Berlin <lb/>
         reisen und von dort nach Paris telefonieren: dann ist wieder <lb/>
         die Verständigung besser als in Paris, wo durch das Telefon <lb/>
         kleine Bäche gluckern, halblaute Gespenster wispern und
        <pb facs="#0291" n="288"/>
        <lb/>
         überhaupt ein Höllentanz am Werk ist, die Franzosen vor <lb/>
         dem Mißbrauch ihres Telefons zu bewahren. Dies alles nur, <lb/>
         soweit es sich nicht um automatische Verbindungen handelt – <lb/>
         da gehts besser. So hat jedes Volk seines.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir hingegen haben zu tun, wenn es aber hochkommt, <lb/>
         dann sind es Telefongespräche gewesen. („Wissen Sie, ehe ich <lb/>
         einen kurzen Brief schreibe, führe ich lieber vier lange Telefon-<lb/>
         gespräche!“), und was wäre der Mensch ohne Telefon! Ein <lb/>
         armes Luder. Was aber ist er mit dem Telefon? Ein armes <lb/>
         Luder.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn es gibt ja vielleicht Leute, die ihre Geliebte, die auf <lb/>
         den Knien vor ihnen winselt – bitte, das habe ich selbst im <lb/>
         Kino gesehn! – kalt liegen lassen, und wenn sie aufschreit: <lb/>
         „Ich schieße mich tot!“ begütigend sprechen: „Mein Revol-<lb/>
         ver liegt hinten in der Nachttischschublade!“ – so kalte und <lb/>
         herzlose Menschen gibt es. Aber einen Menschen, der ein <lb/>
         Telefon klingeln läßt und nicht an den Apparat geht –: den <lb/>
         gibt es nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Magisch zieht sie es an das schwarze Ding, wenn die <lb/>
         Glocke schreit; sie müssen, es ist stärker als sie. Die Pflicht <lb/>
         ruft, und sie laufen, laufen durch die ganze Wohnung, durch <lb/>
         die Korridore, durch die Zimmer, das Telefon! das Telefon! <lb/>
         „Was war?“ – „Ach nichts. Pimpernoll hat angefragt, <lb/>
         wann er die Decken schicken soll. Er ruft nachher nochmal <lb/>
         an.“ Immer erwarten sie die Sensation, und immer ist es <lb/>
         Pimpernoll.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nur eine Sorte Telefongespräche gibt es, die habe ich <lb/>
         querverbunden stets mit innigstem Behagen geschlürft, es <lb/>
         sind akustische Austern. Das sind die Gespräche, die Liebes-<lb/>
         paare führen, und zwar Leute, die aus irgendeinem Grunde <lb/>
         „am Telefon nicht so sprechen können“ – weil sie vom Ge-
        <pb facs="#0292" n="289"/>
        <lb/>
         schäftaus sprechen, oder von zu Hause, wo Mama jeden <lb/>
         Augenblick hereinkommen kann. Das ist ganz herrlich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Man riecht es am Ton, was da los ist. Der Ton ist <lb/>
         butterweich, hellgelb, milde wie Mathilde und leicht ver-<lb/>
         klemmt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Guten Tag! (Ohne Anrede.) – Guten Tag, wie gehts <lb/>
         denn? (Ohne Sie und ohne Du.) Na, gut nach Hause ge-<lb/>
         kommen …? Ja …? Gut geschlafen? Ja, danke ich auch. <lb/>
         (Große lyrische Pause.) Müde? So? Wieso denn? Versteh <lb/>
         ich gar nicht … Man ist ja manchmal müde – So? Ja. Ja, <lb/>
         heute ist schönes Wetter. Heute abend bleib ich zu Hause <lb/>
         – ich hab noch was zu schreiben. Wiedersehn? Ist Wieder-<lb/>
         sehen denn so schön? Ja, immer? Ich glaube, ich muß auf-<lb/>
         hören, hier wird der Apparat gebraucht. Ja, also dann wie <lb/>
         sonst – auf Wiedersehen! Ich rufe morgen noch mal an …“ <lb/>
         Solche Gespräche sollten mit behördlicher Harfenbegleitung <lb/>
         geführt werden. Wenn du Glück hast, kannst du sie hören, <lb/>
         und es schmilzt dein Herz.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dann aber braust wieder die Arbeit der Großstadt durch <lb/>
         die Drähte: die Glocken schrillen, die Hörer wackeln in der <lb/>
         Luft, der schwarze Gummi wird weich, Lippen bewegen sich, <lb/>
         mit der freibleibenden Hand werden Papiere durcheinander <lb/>
         geworfen, einer stampft mit dem Fuß auf, obgleich das gar <lb/>
         nicht mittelefoniert wird … Und vor eins rufen sie alle, alle <lb/>
         noch einmal an.</p>
      <pb facs="#0293" n="290"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Karte für den Pfirsich Melba</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wir haben es mit den Schildern, Jakopp hat es außer-<lb/>
         dem noch mit dem Wasserwerk in Hamburg, Karlchen hat <lb/>
         es mit den Mädchen, und ich sehe zu. Aber sonst haben <lb/>
         wir es mit den Schildern. Am liebsten hätten wir den Kos-<lb/>
         mos so, daß an jedem Ding dransteht, was es ist, damit man <lb/>
         es weiß. Wir freuen uns immer furchtbar, wenn wir sehn, <lb/>
         wie an einem Spucknapf ein Schild hängt: <hi rendition="#aq">SPUCKNAPF</hi>, <lb/>
         damit niemand glaube, es sei ein Alligator. Hans Reimann, <lb/>
         ein geübter Hausdieb, pflegt solche Schilder zu klauen, seine <lb/>
         Wohnung ist voll davon, und er hat sehr schöne. Und es <lb/>
         ist auch praktisch und gibt ein beruhigendes Gefühl, gleich <lb/>
         überall gedruckt vor sich zu haben, worum es sich handelt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn also Karlchen zu mir zu Besuch kommt, dann hänge <lb/>
         ich ihm eine Zimmer-Ordnung ins Zimmer – immer hübsch <lb/>
         ordentlich. Etwa so:</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">ZIMMER-ORDNUNG</hi></hi></p>
      <p>
        <lb/>
         1. Dieses ist ein Zimmer.</p>
      <p>
        <lb/>
         2. Das Benutzen dieses Zimmers ist nur zu Wohn- bzw. <lb/>
         Schlafzwecken gestattet.</p>
      <p>
        <lb/>
         3. Das Mitbringen von fremden Weibspersonen ist fast <lb/>
         gar nicht gestattet. Dieselben sind vorher dem Ortskomman-<lb/>
         danten vorzulegen, der sie überprüft.</p>
      <p>
        <lb/>
         4. Das Lärmen, Musizieren, das Handeln mit Apfelsinen-<lb/>
         kernen sowie das Abbrennen von Feuerwerks- und andern <lb/>
         Körpern ist auf dieser Wiese strengstens verboten –</p>
      <p>
        <lb/>
         und so fort. Den Vogel aber hat Jakopp abgeschossen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <pb facs="#0294" n="291"/>
      <p>
        <lb/>
         Jakopp hat einen entfernten Bekannten, der sich als seinen <lb/>
         Freund ausgibt, der heißt Arthur. Ein lieber, netter Junge; <lb/>
         er baut seit etwa anderthalb Jahren seinen juristischen Dok-<lb/>
         tor, aber wir sagen schon immer „Herr Doktor“ zu ihm – <lb/>
         weil es ihn freut. Und dieser Arthur nun ißt für sein Leben <lb/>
         gern Pfirsich-Melba. Gut.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du weißt doch, wie Pfirsich-Melba serviert wird? In einer <lb/>
         hohen Metallschale … ganz richtig, sie steht auf einem <lb/>
         schlanken Fuß, und wenn man nicht furchtbar geschickt damit <lb/>
         balanciert, dann glitscht einem immer der Pfirsich aus der <lb/>
         gelben Sauce heraus, oder die ganze Geschichte läuft fettig-<lb/>
         langsam den schlanken Metallfuß hinunter … ich möchte das <lb/>
         nicht bei hohem Seegang essen müssen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Arthur muß sich sehr darüber ärgern. Und weil er die <lb/>
         Welt nicht so zu verlassen wünscht, wie er sie angetroffen <lb/>
         hat, so hat er sich zur Aufgabe gemacht, die Lokale, in denen <lb/>
         er etwas zu essen bekommt, dazu zu erziehen, ihm den <lb/>
         Pfirsich-Melba in einer flachen Glasschale aufzutragen. Das <lb/>
         mögen die Leute aber nicht. Ihr wißt ja, wie ein Fach-<lb/>
         mann ist –: hat er eine Sache zwanzig Jahre falsch gemacht, <lb/>
         dann wird sie ein heiliges Ritual, und wir andern haben <lb/>
         da nichts dreinzureden. Pfirsich-Melba wird in hohen Schalen <lb/>
         serviert, basta. Wems nicht paßt, der bestelle sich Harzer Käse. <lb/>
         Den ißt man parterre. Pfirsich-Melba aber erste Etage.</p>
      <p>
        <lb/>
         Reden half nicht; bitten half nicht; Trinkgeldversprechun-<lb/>
         gen manchmal. Aber es war wirklich nicht mehr auszuhal-<lb/>
         ten: wo immer man hinkam, da sagte Arthurchen seinen <lb/>
         Spruch auf, bevor er sich den Pfirsich-Melba bestellte, und <lb/>
         wir konnten es schon alle gar nicht mehr ertragen. Wir lach-<lb/>
         ten – er blieb unerschütterlich. Und er sagte noch dazu <lb/>
         immer das gleiche auf, wenn er diese Geschichte anrührte …</p>
      <p>
        <lb/>
         Und da hatte er Geburtstag.</p>
      <pb facs="#0295" n="292"/>
      <p>
        <lb/>
         Auf seinem Geburtstagstisch lag ein kleiner Karton. Er öffnete ihn, neugierig – der Karton
        kam von Jakopp.</p>
      <p>
        <lb/>
         Darinnen lagen, fein säuberlich zusammengebunden 50 (fünfzig) weiße Kärtchen, und auf jeder
        stand, hübsch gedruckt, folgendes zu lesen:</p>
      <table>
        <row role="label">
          <cell/>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Herr Ober! Haben Sie noch einen Pfirsich-Melba? Schön, dann bringen Sie mir den –
              aber nicht in hohem Kelch, weils da immer so runterkleckert Ich will das lieber in
              einer flachen Schale haben, wo es nicht überläuft!</p></cell>
        </row>
      </table>
      <p>
        <lb/>
         … Daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen <lb/>
         und nichts hinzusetzen werde: Ich habe bei Ehmke in Ham-<lb/>
         burg gesehen, wie der Doktor Arthur diesen Zettel beim <lb/>
         Kellner abgegeben hat. Das Gesicht des Kellners werde ich <lb/>
         vor mir sehn, solange ich lebe. Er sah erst den Doktor an, <lb/>
         dann den Zettel, dann nochmal diesen Gast … Dann las er. <lb/>
         Dann sah er auf – mit einem in die Weite traumverlorenen <lb/>
         Blick – gleich, dachte ich, wird er die Arme in die Höhe <lb/>
         werfen und den großen Liebesschrei der Eskimos ausstoßen. <lb/>
         Nein. Er grinste. Er faltet den Mund auseinander und <lb/>
         grinste. Der Doktor bekam seine flache Schale. Der Kellner <lb/>
         hat sich die Karte hoffentlich einrahmen lassen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Jetzt erhebt sich die Frage:</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie wäre es, und wir ließen dem Arthur für sein Doktor-<lb/>
         examen kleine Antwortzettel drucken –?</p>
      <pb facs="#0296" n="293"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Berliner Ballberichte</hi></p>
      <cit>
        <quote>
          <lb/>
           „Die Gräfin betrat im Glanze ihres<lb/>
           Glasauges den Saal.“  </quote>
        <bibl><lb/>
          <hi rendition="#i">Mark Twain</hi></bibl>
      </cit>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Ball des Reichsverbandes Deutscher Heeres-<lb/>
           gynäkologen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Unter der Leitung seines rührigen Vorsitzenden, des Herrn <lb/>
         Geheimrat Ovaritius, bot das Flugverbandhaus am Sonn-<lb/>
         abend ein wahrhaft mondänes und gleichzeitig vornehm-groß-<lb/>
         städtisches Bild. Riesige, so gut wie unbeschnittene Taxus-<lb/>
         bäume in der Vorhalle; um große, runde Tische die Diploma-<lb/>
         ten, die Spitzen der Behörden sowie alle Prominenten der <lb/>
         Reichswehr. Von den hundertvierundfünfzig Admiralen un-<lb/>
         serer Marine waren etatsmäßig nur zweihundertundachtzehn <lb/>
         erschienen. Die Herren in großer Uniform oder schlichtem <lb/>
         Frack; eine Fülle schöner Frauen, sehr viel hintere Doppel-<lb/>
         raffungen aus strahlend leuchtender Chinakreppgeorgette-<lb/>
         alpaccachenille. Die Kleider sind durchweg lang, besonders <lb/>
         unten; ein Modell der Firma Hammarbach „Westöstlicher <lb/>
         Divan“ erregte allgemeines Entzücken. Frau Generalarzt <lb/>
         Poschke in weiß; Henny Porten in blausa; Prinzessin Adalbert <lb/>
         von Preußen (himmelblauer Samt, am Rand mit Gold abge-<lb/>
         funden); Frau Generalarzt Drysen (korallenrotes Pastell-<lb/>
         brokat); Frau Generaldirektor Rosenthal (doppelkorallenrotes <lb/>
         Pastellfeinbrokat); eine Fülle modischer Anregungen und <lb/>
         schwirrende Weltsprachen. Wie ich an den Uniformen uns-<lb/>
         rer Offiziere festgestellt habe, ist die Blume an der Achsel <lb/>
         gänzlich <hi rendition="#aq">passé.</hi> Kapellen der fast republikanischen Reichs-<lb/>
         wehr, und, soweit sie nicht ausreichten, die Orchester der an-<lb/>
         geschlossenen Verbände; in der Bierschwemme echt national-<lb/>
         sozialistische Stimmung, Sanitätsstube nebenan. Gedränge und
        <pb facs="#0297" n="294"/>
        <lb/>
         Gewoge, wahrlich, das Wort des Generaloberarztes Professor <lb/>
         Friedrich regierte die Stunde: „Clitoris, die zehnte Muse, <lb/>
         hat gesiegt!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Presseball</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Das größte gesellschaftliche Ereignis der Weltstadt ist vor-<lb/>
         über. Es war mehr als ein Ereignis – es war ein Evenement.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bereits um elf Uhr verloren die Garderobefrauen den <lb/>
         Kopf und gaben ihn in der Garderobe ab, so drängte sich <lb/>
         Prominenz an Prominenz. Vor der Staatsloge staute sich <lb/>
         die Menge und begann bald, einem Anfall von Basedow <lb/>
         zu erliegen: vier Herren und zwei Damen quollen die Augen <lb/>
         aus dem Kopf, die später eine willkommene Bereicherung der <lb/>
         Tombola wurden. Die Regierung war, soweit man hier von <lb/>
         Regierung sprechen kann, vollzählig vertreten. Die Gesandten <lb/>
         und Botschafter aller zivilisierten Staaten, sowie Bayerns, <lb/>
         waren anwesend; die Dichtkunst wurde von Ludwig Fulda <lb/>
         plattgetreten. In einer Loge saßen die leitenden Männer der <lb/>
         deutschen Presse, darunter auch ein Redakteur. Ein wahrhaft <lb/>
         glänzendes gesellschaftliches Bild bot sich den Augen: man sah <lb/>
         die jugendliche Naive Adele Sandrock, den Redaktionschriften <lb/>
         der Scherlschen Nachtausgabe sowie einen Frack (Harry <lb/>
         Liedtke). Das Watteau-Figürchen der Frau Katharina von <lb/>
         Oheimb tauchte auf. Man sah die Herren Doktor Klöckner und <lb/>
         Ministerialdirektor Klausener, der eine repräsentierte die ka-<lb/>
         tholischen Aktien, der andre die Katholische Aktion; Herr <lb/>
         Rechtsanwalt Alsberg nickte der Großfinanz, soweit sie herum-<lb/>
         stand, freundlich zu; soweit sie saß, vertrat sie Herr Geheim-<lb/>
         rat Lemke vom Strafvollzugsamt der Provinz Brandenburg. <lb/>
         Industrie und Handel: Jacob Goldschmidt, Doktor von Stauß, <lb/>
         die Gebrüder Rotter. Herr Gesandter von Moltke war aus
        <pb facs="#0298" n="295"/>
        <lb/>
         Warschau gekommen, Herr Breitscheid aus dem Mustopp. <lb/>
         Auf meinen Hühneraugen bemerkte ich unter andern: den Mei-<lb/>
         stergolfer Herbert Gutmann, die Generale von Seeckt, Heye <lb/>
         und Kleiber. Herr Dorpmüller, der Chef der Reichsbahn, hatte <lb/>
         im Gedränge einige kleinere Zusammenstöße, die er aus alter <lb/>
         Gewohnheit lächelnd hinnahm. Eine Fülle schöner Frauen, die <lb/>
         zuckenden, werbenden Rhythmen der Kapellen, tausend Kellner-<lb/>
         daumen in tausend Sektgläsern: ein wahrhaft weltstädtisches <lb/>
         Bild! Die Tombola bot als Ehrenpreis zwei Sommerreisen <lb/>
         in den fernen Orient, darunter eine nach St. Moritz, sowie <lb/>
         als zweite Preise: einen Rasierapparat mit Radio aus Silber <lb/>
         und einen Bowlenpokal aus Tineff. Die anwesenden Zeitungs-<lb/>
         verleger konnten mit dem Ertrag des streng exklusiven Festes, <lb/>
         dem viertausend Personen beiwohnten, zufrieden sein: für die <lb/>
         notleidenden Presseleute ist ausgesorgt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Ball der berliner Moselblümchen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Reichsverband deutscher Hausfrauen sowie die an-<lb/>
         geschlossenen Spitzenverbände hatten am Donnerstag zu einem <lb/>
         reizenden Ball geladen. Die deutsche Hausfrau, die deutsche <lb/>
         Mutter und die deutsche Abonnentin haben wieder einmal ge-<lb/>
         zeigt, mit wie wenig Mitteln man so ein Fest aufziehen kann, <lb/>
         ein Fest, das an Eleganz und Wohlgelungenheit sich dennoch <lb/>
         vor keinem pariser Opernball zu verstecken braucht. Man sah <lb/>
         – schlicht um schlicht! – sehr viel schöne Frauen; Schlepp-<lb/>
         kleider von vorgestern, also von heute, in der heutigen Mode <lb/>
         wird überhaupt das Frauliche stark unterstrichen, besonders <lb/>
         hinten. Ein allgemein interessierendes Rohkost-Buffet fand be-<lb/>
         geisterten Anklang, und die belegten Brötchen mit gestoßenem <lb/>
         Koks, von Tannenzweigen garniert, waren im Nu verzehrt. <lb/>
         Bei kräftiger Zitronenlimonade stieg die Stimmung bald ins <lb/>
         Vornehm-Bürgerlich-Bacchantische; in angeregten Gesprächen
        <pb facs="#0299" n="296"/>
        <lb/>
         besprachen die sorgsamen Hausfrauen die eigne Verdauung <lb/>
         sowie die ihres Mannes und auch die Mittel, wie solcher auf-<lb/>
         zuhelfen sei. Ins Reich der Dichtkunst führte uns der Unter-<lb/>
         haltungsteil: Frau Gertrud Bäumer rezitierte vielbejubelte <lb/>
         Wirtinnenverse, zwei Zauberkünstler vom Reichsgericht in Leip-<lb/>
         zig machten reizende Taschenkunststücke vor, und bei der Ver-<lb/>
         losung schwang unter allgemeiner Freude der berliner Polizei-<lb/>
         präsident ein Päckchen Verbandsgaze, das er gewonnen hatte.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Kolonialball</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Im köstlichen Rahmen ein wahrhaft weltstädtisches Bild: <lb/>
         die Spitzen der Behörden, Vertreter der großen Schiffahrts-<lb/>
         gesellschaften, für die die Kolonien ja in erster Linie wieder <lb/>
         eingerichtet werden sollen, der von Fest zu Fest eilende berliner <lb/>
         Polizeipräsident, Repräsentanten von Grund- und Boden-<lb/>
         Wucher, und endlich die Hauptpersonen: die Vertreter aus <lb/>
         allen derzeitigen deutschen Kolonien und solchen, die es werden <lb/>
         wollen. Unter den jungen Diplomaten dominiert der Girltyp. <lb/>
         Der Verein für das Deutschtum im Auslande hatte die Aus-<lb/>
         schmückung des Saales übernommen: überall lustige, auf <lb/>
         Kokosblätter gemalte Wandkarten, die uns das moderne <lb/>
         Weltbild veranschaulichten: die Brüder, die zu befreien sind, <lb/>
         und die Brüder, denen man es noch besorgen muß. Die Tanz-<lb/>
         begleitung lag in den bewährten Händen des Orchesters ent-<lb/>
         eigneter Hereros. Eine Fülle rassiger, schöner Frauen zierte <lb/>
         das Fest; der Kronprinz wohnte zunächst dem Fest bei. Zwei <lb/>
         Kostüme: ein pflaumenfarbenes, mit Goldfäden durchzogenes <lb/>
         Abendkleid, vorne so lang wie hinten so hoch, und ein ärmel-<lb/>
         loses Kleid, das von einem Wattebausch zusammengehalten <lb/>
         wurde, werden sicherlich überall für den Gedanken der deut-<lb/>
         schen Kolonisation werben.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Faschingsball der Kolonne „Wedding-Nord“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         In den Festräumen der Gaststätten „Zum strammen Hund“ <lb/>
         fand am Sonnabend der im ganzen Stadtviertel berühmte <lb/>
         Faschingsball der allgemein beliebten Kolonne „Wedding-<lb/>
         Nord“ statt. Schöne Frauen, gut aussehende Männer im <lb/>
         Frack, in den Ehrenlogen die Spitzel der Behörden; alles <lb/>
         jazzte, steppte und wiegte sich nach den schmetternden Klängen <lb/>
         des Handgranaten-Orchesters der Schutzpolizei. Der angeregte <lb/>
         Abend endete mit einer gut geglückten Schlägerei, bei der der <lb/>
         anwesende Vizepräsident Weiß leicht verletzt wurde, weil er von <lb/>
         den eignen Mannschaften erkannt worden war.</p>
      <pb facs="#0300" n="297"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Ballkalender</hi></p>
      <table>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Dienstag:</p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               59. Stiftungsfest Bibliophiler Hebammen.</p></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Mittwoch:</p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               Ball der Frauenturnriege des Verbandes Mo-<lb/>
               nistischer Uhrmacher (Opposition).</p></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
               Sonnabend:</p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               Tanzkränzchen der Ortsgruppe des Gaues <lb/>
               Brandenburg des Reichsbundes Gleichgeschlecht-<lb/>
               licher Sachsen.</p></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><p>
              <lb/>
                </p></cell>
          <cell><p>
              <lb/>
               Der Ball des Preußischen Richtervereins ist <lb/>
               der Einfachheit halber mit dem Ball der <lb/>
               „Bösen Buben“ zusammengelegt worden.</p></cell>
        </row>
      </table>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Alpenball des Pen-Klubs</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ein entzückender Kostümball vereinte gestern Literatur, <lb/>
         Kunst, Wissenschaft und die verwandten Industrien bei Kroll. <lb/>
         Man tanzte nach den Kapellen Etté und Rowohlt und sah <lb/>
         eine Fülle bezaubernder Kostüme an sich vorbeiziehen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Walter von Molo als Dichter; Arnolt Bronnen als Ori-<lb/>
         ginal-Fascist mit ziemlich schwarzem Hemd und rituellem <lb/>
         Monokel; Gerhart Hauptmann in einer vorzüglichen Maske <lb/>
         als alter Gerhart Hauptmann; aus Paris zwei Damen: die <lb/>
         Colette und Germaine André, und die Stimmung erreichte
        <pb facs="#0301" n="298"/>
        <lb/>
         ihren Höhepunkt, als Ernst Jünger und Kaplan Fahsel einen <lb/>
         reizenden Philosophieplattler vorführten. Die Behäbigkeit und <lb/>
         Stämmigkeit unsrer Börsenmakler brachte die echten tiroler <lb/>
         Kostüme erst voll zur Geltung, ein Beweis, daß Natürlichkeit <lb/>
         das Hübscheste ist und bleibt. Zum Schluß des Abends trat <lb/>
         in der Kaffeepause, stürmisch akklamiert, Galsworthy für die <lb/>
         deutsch-französisch-englische Verständigung ein, womit sie ja <lb/>
         nun wohl Tatsache sein dürfte. Die anwesenden Dichter ge-<lb/>
         lobten, im Frieden Pazifisten zu sein und zu bleiben. Die <lb/>
         moderne Literatur hat mit dieser Veranstaltung, der die Spitzen <lb/>
         der Behörden und ein Kranz schöner Frauen beiwohnten, be-<lb/>
         wiesen, daß sie nun endlich repräsentativ geworden ist, ja wir <lb/>
         dürfen getrost sagen: nichts als das.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Ball der Deutschen Ballindustrie</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Es war ein bezaubernder Abend voller Stimmung und <lb/>
         Schwung: Diplomatie, der Tennis-Klub Changeant-Weiß, <lb/>
         sehr viel Sport, auch boten die anwesenden Ballberichterstatte-<lb/>
         rinnen mit den Brillanten ihres Stils ein reizendes Bild. Herr <lb/>
         Generaldirektor A. S. Geyer vom Reichsverband der deutschen <lb/>
         Ballindustrie führte in einer zündenden Ansprache aus, daß die <lb/>
         berliner Bälle nicht für die Besucher, sondern für die Ver-<lb/>
         anstalter da seien. Gegen Mitternacht wurden zwei Büsten <lb/>
         enthüllt: von Ludwig Pietsch und Alfred Holzbock, den Alt-<lb/>
         meistern der berliner Ballberichterstattung. Frau Direktor <lb/>
         Marheinicke (weiße Thekla-Seide, mit echt Reptil abgesetzt), <lb/>
         zerschlug an Holzbocks Kopf eine Flasche durchaus deutschen <lb/>
         Sektes: „Unsre Devise sei“, rief sie aus, „neckisch, aber vor-<lb/>
         nehm – ausgelassen, aber mondain! Wir sind nicht dazu da, <lb/>
         uns das Leben gegenseitig angenehm zu machen, und darum <lb/>
         veranstalten wir die</p>
      <p>
        <lb/>
         Berliner Bälle –!“</p>
      <pb facs="#0302" n="299"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Kreuzworträtsel mit Gewalt</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Arzt versank in meinem Bauch. Dann richtete er sich <lb/>
         hochaufatmend wieder auf. „Es sind die Nerven, Herr Pan-<lb/>
         ter“, sagte er. „An den Organen ist nichts. Ruhe – Aus-<lb/>
         spannen – Massage – Rohkost – Gemüse – Gymnastik – <lb/>
         kohlensaure Bäder … passen Sie auf: wir kriegen Sie schon <lb/>
         wieder hoch. Schwester –!“</p>
      <p>
        <lb/>
         Da saß ich in dem Klapskasten, und nun war es zu spät. <lb/>
         Man soll nie auf das hören, was einem die guten Freunde <lb/>
         raten. Das konnte heiter werden.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es wurde <hi rendition="#g">sehr</hi> heiter. Ich absolvierte täglich ein längeres <lb/>
         Zirkusprogramm, von morgens um sieben bis mittags um <lb/>
         halb eins. Der Turnlehrer; die Wiegeschwester; der Bade-<lb/>
         meister; der Masseur; der <choice>
          <sic>Assistenzart</sic>
          <corr>Assistenzarzt</corr>
        </choice>; die Zimmerschwester … <lb/>
         sie alle waren emsig um mich bemüht. Ich kam mir recht <lb/>
         krank vor, und wenn ich mir krank vorkam, dann schnauzten <lb/>
         sie mich an, was mir wohl einfiele – es ginge mir schon <lb/>
         viel, viel besser. Was war da zu machen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Was war vor allem an den langen Nachmittagen zu <lb/>
         machen, die etwa acht- bis neunmal so lang waren wie die <lb/>
         reichlich gefüllten Vormittage?</p>
      <p>
        <lb/>
         Lesen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das Salatorium – man sollte niemals: Sanatorium <lb/>
         schreiben – das Salatorium hatte eine Bibliothek. Die ersten <lb/>
         acht Tage ging das ganz gut, denn sie hatten da die „All-<lb/>
         gemeine Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens“, eine <lb/>
         Art Familienzeitschrift aus den neunziger Jahren – und so <lb/>
         beruhigend! Darin war von der neuen, schreckeinflößenden Er-<lb/>
         findung des Telefons die Rede; von einem Wagen, der sich <lb/>
         vermittels einer Maschine allein bewegen könnte, einem so-<lb/>
         genannten „Automobil“; vorn war ein Roman mit Bildern:
        <pb facs="#0303" n="300"/>
        <lb/>
         „Agathe liebkoste die entblätterte Rose und ließ sich auch durch <lb/>
         das Zureden des Assessors von Waldern nicht trösten … <lb/>
         Seite 95“, dann gab es eine Kriminalnovelle mit abscheulich <lb/>
         schlecht gekleideten Missetätern, aber bei Wallace waren die <lb/>
         Polizeikommissare von Scotland Yard bedeutend schurkiger – <lb/>
         und zum Schluß die „Miscellen“, eine bezaubernde Mischung <lb/>
         von allerlei Wissenswertem, Kochrezepten, Anekdoten ohne <lb/>
         Pointe und überhaupt von gesegnetem Stumpfsinn. Dies be-<lb/>
         schäftigte mich acht Tage lang. Dann war es aus. Der Rest <lb/>
         der Bibliothek bestand aus feinerer Literatur; ich schreibe mir <lb/>
         meinen kleinen Bedarf lieber selber. Was nun –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Eines Tages sah ich beim Bademeister auf dem Fenster-<lb/>
         brett der Badekabine eine Rätselzeitschrift liegen. Ich hatte <lb/>
         nie gewußt, daß es so etwas gäbe. Aber das gabs. Darin <lb/>
         waren Silbenrätsel enthalten und andre schöne Zeitvertreibe. <lb/>
         „Darf ich vielleicht … könnten Sie mir das wohl mal <lb/>
         leihen …?“ fragte ich. Er lieh. Ich hatte kaum mein <lb/>
         Müsli und den Salat und die halbe Pflaume gegessen, als <lb/>
         ich auf mein Zimmer eilte, den Bleistift spitzte und löste.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich verfüge über eine sehr lückenhafte Bildung. Ich weiß <lb/>
         nicht, wo Karakorum liegt; ich weiß nicht, was eine „Ephe-<lb/>
         nide“ ist; ich verwechsle immer „Phänomenologie“ mit „Phar-<lb/>
         mazeutik“, und es ist überhaupt ein Jammer. Aber ich begann <lb/>
         zu lösen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Anfangs ging das ganz gut. Alles, was ich auf Anhieb <lb/>
         wußte, schrieb ich in die kleinen Quadrate, und wenn ich <lb/>
         nicht weiter konnte, ließ ich das angebissene Rätsel liegen und <lb/>
         machte mich an das nächste. So hatte ich viele vergnügte <lb/>
         Nachmittage. Der Bademeister brachte mir, trinkgeldlüstern, <lb/>
         noch weitere achtzehn Rätselzeitschriften, aber tückischerweise <lb/>
         hatten sie keinen Zusammenhang untereinander, denn es fehl-<lb/>
         ten immer grade die Nummern, in denen die Lösungen jener
        <pb facs="#0304" n="301"/>
        <lb/>
         enthalten waren, an denen ich grade knabberte … also mußte <lb/>
         ich versuchen, allein damit fertig zu werden, und ich war ganz <lb/>
         auf mich selber angewiesen. Ich habe das nicht gerne – wer <lb/>
         auf mich gebaut hat, hat noch stets auf Sand gebaut. Aber <lb/>
         ich löste.</p>
      <p>
        <lb/>
         Als ich die Zeitschriften vollgemalt hatte, hatte ich fünf <lb/>
         Kreuzworträtsel zu Ende gelöst. Alle andern – und es waren <lb/>
         deren eine Menge – wiesen bedrohliche Flecke auf. Was <lb/>
         nun?</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun zerbiß ich meinen Bleistift; dann den Federhalter des <lb/>
         Salatoriums; dann meine Pfeife. Und ich war kribblig …</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie kennen den sogenannten „Lahmann-Koller“? Mit dem <lb/>
         ist es so:</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die Patienten eine Weile lang sanftes Gras gefressen <lb/>
         haben, dann werden sie furchtbar böse. Sie sind wütend, von <lb/>
         morgens um sieben bis abends um acht; und besonders gegen <lb/>
         den späten Nachmittag hin, wenn schon der Gedanke an Blu-<lb/>
         menkohl sie rasend macht, und der an ein gutes Filetsteak <lb/>
         nicht minder –: dann beginnen sie, heimlich zu rasen. Laut <lb/>
         trauen sie sich nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich traute mich auch nicht laut. Aber ich tobte mit den <lb/>
         Kreuzworträtseln umher, und ich wollte mich nicht unterkriegen <lb/>
         lassen, und ich beschloß, ein Ende zu machen. So oder so … <lb/>
         so ging es nicht mehr weiter.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Berggipfel in den Seealpen.“ Nun bitte ich Sie in aller <lb/>
         Welt! Seealpen – wissen Sie, wo die Seealpen liegen? Ich <lb/>
         weiß das nicht. Ich habe damals, als wir das durchgenommen <lb/>
         haben, gefehlt, oder ich habe grade unter der Bank „Götz <lb/>
         Krafft“ gelesen oder „Jena oder Sedan“ … Seealpen! Drum-<lb/>
         herum die Reihen hatte ich; mir fehlten aber die Buchstaben, <lb/>
         die man aus andern Reihen nicht erraten konnte. Da brach <lb/>
         ich die Kreuzworträtsel übers Knie.</p>
      <pb facs="#0305" n="302"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">„KIKAM“</hi> setzte ich. Berggipfel in den Seealpen: <hi rendition="#aq">„KI-<lb/>
           KAM“</hi>. Ich fand das sehr schön. Und dies ergötzte mich so, <lb/>
         daß ich an einem Nachmittag zweiundzwanzig Kreuzworträtsel <lb/>
         löste. Mit Gewalt. Wer nicht hören will, muß fühlen. Ich <lb/>
         habe wundervolle Resultate erzielt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">„LEBSCH“</hi>: eine Hauptstadt in Europa. Man erzähle mir <lb/>
         nichts – warum soll unter den vielen, vielen europäischen <lb/>
         Hauptstädten nicht eine dabei sein, die <hi rendition="#aq">„LEBSCH“</hi> heißt? <lb/>
        <hi rendition="#aq">„MOREL“</hi>: ein bekannter Südwein. <hi rendition="#aq">„NEPZUS“</hi>:
        ein Planet. <lb/>
         (Nein, nicht Neptun – dann geht es nicht auf.) Kaufmänni-<lb/>
         scher Begriff: <hi rendition="#aq">PLEISE</hi>. Ein Getränk der Araber: <hi rendition="#aq"
          >LORKE</hi>. <lb/>
         Ein Raubtier: der <hi rendition="#aq">„MOGELVOGEL“</hi>; doch, das ist heraus-<lb/>
         gekommen, das Wort, ihr sollt es lassen stahn. Bekannter <lb/>
         Gruß: <hi rendition="#aq">HUMMEL</hi>. (Was ja für Hamburg stimmt.) Und es <lb/>
         tauchten geradezu abenteuerliche Wörter auf: <hi rendition="#aq">MIPPEL</hi> und <lb/>
        <hi rendition="#aq">FLUNZ</hi> und <hi rendition="#aq">BAKIKEKE</hi>. So erbaute ich mir
        eine neue Welt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich erzählte niemand davon. Aber ich erlernte für mich <lb/>
         privat eine neue Sprache: die Kreuzworträtsel-Sprache. Hätte <lb/>
         ich es einem gesagt: sie hätten mich nie wieder aus dem Klaps-<lb/>
         kasten hinausgelassen, und ich säße heute noch drin. Aber die <lb/>
         Wörter in meinem Herzen bewegend sprach ich den ganzen <lb/>
         Tag kreuzisch und fragte mich Vokabeln ab und konnte es <lb/>
         schon ganz schön.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Nun, wie fühlen Sie sich denn jetzt –?“ fragte der Onkel <lb/>
         Oberdoktor in seiner, sagen wir, gütigen Art. Ich antwortete <lb/>
         nicht gleich. Unhörbar übte ich Vokabeln:</p>
      <p>
        <lb/>
         Auf des Doktors Schreibtitzl summte eine Failge; die Su-<lb/>
         mis schien durch das Fenster, und der Himmel war plott. Ich <lb/>
         dachte emsig nach, wie doch der Körperteil hieß, an dem ich so <lb/>
         gut abgenommen hatte …</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wie Sie sich fühlen –?“ wiederholte der Onkel Doktor, <lb/>
         mildgereizt. „Danke … viel besser …“, stotterte ich. Wie hieß
        <pb facs="#0306" n="303"/>
        <lb/>
         der Körperteil? – „Viel besser … ja …“ – „Aber manch-<lb/>
         mal etwas zerstreut …? Noch etwas nervös?“ fragte er und <lb/>
         sah mich forschend an. „Aber gar nicht, Herr Doktor“, sagte <lb/>
         ich. „Gar nicht. Ich fühle mich so frisch! Wirklich: famos! <lb/>
         Sie haben mir sehr geholfen, sehr!“ – „Na, das freut <lb/>
         mich“, sagte er. „Sehen Sie, ich habe es Ihnen ja gleich <lb/>
         gesagt!“ Und er gab mir zum Abschied gute Ratschläge, dar-<lb/>
         unter leider nicht den, die Rechnung nicht zu bezahlen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Und erst als ich wieder draußen vor dem Tor des Sala-<lb/>
         toriums stand, da fiel es mir ein. Ich wollte noch einmal zu-<lb/>
         rück, um es dem Doktor mitzuteilen … Ich tat es nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">MARS</hi> hieß der Körperteil.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Das Lottchen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">1. Ankunft</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Liebhaber</hi>: „Guten Tag, Lottchen – na, wie ist <lb/>
         es denn –?“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Das Lottchen</hi> (hintereinanderweg): – „Guntach! Halt <lb/>
         mal, warte mal … ich muß hier erst … wartest du schon <lb/>
         lange? Wie? Was? Wie? Mach mir mal die Tür hier auf, <lb/>
         wartest du schon lange? Wieso hast du dies Hötel genommen, <lb/>
         wie? Na, wie gefällt dir mein Auto, Lottchen II? Ja, da <lb/>
         staunste, was? Beinah ganz abgestottert. Wartest du schon <lb/>
         lange? Der soll man hier meinen Koffer … nein! Den nicht! <lb/>
         Den! Sie! Wo gehn Sie denn damit – ach so … Nein, <lb/>
         doch nicht! Die Düse ist hier in den Regenerator gerutscht, <lb/>
         die ist da reinge … das verstehst du nicht, na, gottbehüte vor <lb/>
         einem Mann, der nichts von Autos versteht! Daddy, geh <lb/>
         mal weg, ich dreh bloß mal die Felge über die Nabe – Vor-
        <pb facs="#0307" n="304"/>
        <lb/>
         sicht! <lb/>
         Vorsicht doch! Da hab ich doch mein Obst im Grammo-<lb/>
         phon … ja da, natürlich im Hutkarton, wo sonst? Nicht <lb/>
         in der Schachtel, – da sind die Akten für Arturs Geschäft, <lb/>
        <hi rendition="#g">ich</hi> denke eben an meinen Mann, das tust du nicht! Sach <lb/>
         mal dem Mann, er soll mal dies hier nehm und da hin-<lb/>
         tragen – Gott, ist das ein Ochse! … Wart mal, ich muß <lb/>
         erst die Handbremse in die Kiste für die Zündung tun, da <lb/>
         gehört sie hin. Das verstehst du eben nicht! Na, Daddy, das <lb/>
        <hi rendition="#g">kannst</hi> du dir ja nicht denken … wieso hast du <hi rendition="#g"
          >dies</hi> Hötel <lb/>
         genommen, wie? Wartest du schon lange? Daddy, das <lb/>
        <hi rendition="#g">kannst</hi> du dir nicht denken, also, wie ich bei Wittenberge <lb/>
         rechts in die Kurve gehe, da ist sone Kurve, da kommt von <lb/>
         links, hastdunichtgesehn, ein Amerikaner angetobt, ich aber <lb/>
         nichts wie den Volang rumgerissen, verstehste, Lottchen ist <lb/>
         doch helle, und links, ja also links – wieso hast du aber wirk-<lb/>
         lich … Daddy, jetzt sage mal auf Lottchen, <hi rendition="#g">wieso</hi> hast du <lb/>
        <hi rendition="#g">dies</hi> Hötel genomm? Ja, also links war eine Schafherde, <lb/>
         paß doch mal auf, und Lottchen rin in die Schafherde. Der <lb/>
         Hammel, der Hirt, nein, der nicht … aber vier wirkliche <lb/>
         Hammel und dreiundachtzig Schafe hab ich … wieso bezahlt? <lb/>
         Er mir vielleicht …! Der Mann kann sich … wo ist denn <lb/>
         hier der Fahrstuhl? Ich hab auf der Bürgermeisterei ge-<lb/>
         sacht, na, du kennst doch Lottchen! Lottchen hat gleich dem <lb/>
         Gendarmen schöne Augen gemacht, verstehste, und da hat der <lb/>
         Schafhirt noch einen mächtigen Anschnauzer bekommen, wegen <lb/>
         seinen Hammeln, weil die frei rumgelaufen sind, und Lottchen <lb/>
         durfte weiterfahren! Finnste das? Wo ist denn hier der Fahr-<lb/>
         stuhl? Was? Der funktioniert nicht? Daddy! Ich muß ja <lb/>
         noch mal raus! Na, warte doch mal! Na, was denkst du <lb/>
         dir denn? Ja, meinste, das Auto kann hier auf der Straße <lb/>
         stehnbleiben? Nee, mein Lieber – Sie! Sie! Ham Sie denn <lb/>
         hier keine Garage in der Hötelhalle … ich meine … na, n
        <pb facs="#0308" n="305"/>
        <lb/>
         schönes Hötel – laß mich doch – ich sage immer: Hötel, <lb/>
         das ist feiner … na, ich versteh das ja nicht … also, Daddy <lb/>
         – wo ist denn Ihre Garage? Was? Wie? Wie? Seh ich <lb/>
         gar nicht ein … das hab ich gern: soziales Herz bei Lottchens <lb/>
         Auto! Tragen Sie mal das Auto hier rüber, ich meine, <lb/>
         und hier haben Sie … laß mich doch mal – ich geb ihm <lb/>
         gar kein Geld, ich geb ihm bloß meinen kleinen Koffer, den <lb/>
         kann er auf die andere Schulter nehmen – natürlich bezahlst <lb/>
         du das! Na, ich vielleicht? Na, Daddy, hast du gedacht, ich <lb/>
         wer das Auto mit aufs Zimmer nehmen? Na, nimm mirs <lb/>
         nicht übel …! Sie –! Jetzt is er weg. Na, also komm rein. <lb/>
         Nu steh hier nicht auf der Straße rum. Na, Lottchen hat <lb/>
         ja unterwegs eine pikfeine Eroberung gemacht! Einen Argen-<lb/>
         tinier, schlank, elegant, mit so schwarzen Augen, hat mir <lb/>
         gleich seine Adresse gegeben, na, ich bin ja meinem Daddy <lb/>
         treu – Daddy, die Garage kost nich teuer, vier Mark den <lb/>
         Tag, wie? Ist dir das zu viel? Der Fahrstuhl funktioniert <lb/>
         nicht … Daddy, finnste das, daß der Fahrstuhl nicht funktio-<lb/>
         niert? Ist denn kein andrer Fahrstuhl – dazu komm ich <lb/>
         extra aus Interlaken, um hier in Bremen die Treppen rauf-<lb/>
         zu … Also, Daddy, das ist Quatsch, entweder ich reise als <lb/>
         Dame, oder ich reise nicht als Dame, aber als Dame und <lb/>
         dann nicht als Dame –? Ja, und der Argentinier, wie der <lb/>
         nu gesehen hat, daß ich immer rein in die Hammelherde, da <lb/>
         hat er … Daddy, wieso hast du denn dies Zimmer ge-<lb/>
         nommen und nicht zwei mit einem Bad in der Mitte, was? <lb/>
         Legen Sie dahin! Daddy, bestell mal Kaffee für Lottchen, <lb/>
         Lottchen hat sonen Durst – na, fahre du mal in einer Tour <lb/>
         von Berlin bis Bremen, wo ist denn meine Seife? Hast du <lb/>
         Kaffee bestellt? Hast du denn Lottchen auch noch lieb? Gib <lb/>
         ihr mal n Küßchen – aber n schönen dicken Bauch hast du <lb/>
         dir in Belgien angefressen, kann man wohl sagen – hm …
        <pb facs="#0309" n="306"/>
        <lb/>
         wo bleibt denn der mit dem Kaffee? Klingel mal! Der Di-<lb/>
         rektor soll kommen, ich will mich beschweren! <hi rendition="#g">Daddy</hi> –! <lb/>
         Jetzt hab ich vergessen, den Motor abzustellen! Frag mal, <lb/>
         ob sie nicht n Chauffeur haben, der Motor muß sofort ab-<lb/>
         gestellt werden, der läuft sonst die ganze Nacht, und mir hat <lb/>
         der Mann gesagt, wenn nicht mehr genug Benzin im Öl-<lb/>
         tank ist, dann – ach, hätt ich doch das Auto mit aufs Zim-<lb/>
         mer, nein, wär ich doch bei dem Auto geblieben! Daddy, <lb/>
         wie lange hast du denn nu Zeit? Daddy, was sagst du denn <lb/>
         nun, daß Lottchen wieder bei dir ist! Sag mal was! <hi rendition="#g">Du <lb/>
           sagst ja gar nichts</hi> …“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Liebhaber</hi> (ersterbend): „Seid einig – einig – <lb/>
         einig –!“ (Er sinkt hintenüber)</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">2. Das Lottchen wird saniert</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Also sind das jetzt alle Schulden, die du hast?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das sind alle.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Lottchen, daß du mir aber nicht hinterher mit neuen <lb/>
         kommst – du weißt: im vorigen Jahr, in Lugano, habe ich <lb/>
         auch alles bezahlt, und wie ich fertig war …“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Daddy, ich schwöre dir – diesmal habe ich wirklich alles <lb/>
         gebeichtet! Meine Kassen sind überhaupt tadellos in Ordnung <lb/>
         – also wirklich!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Gut. Also gib noch mal die Aufstellung her; ich will das <lb/>
         mit deinen Kassenbüchern vergleichen … allmächtiger Gott, <lb/>
         das sind deine Kassenbücher?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Na, was denn?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Diese traurigen Fetzen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Selber trauriger Fetzen! Geh mal weg! Gib mal her – <lb/>
         bring mir das nicht durcheinander – ich hab mir das so schön <lb/>
         geordnet …! Soll ich vielleicht doppelte Buchführung machen <lb/>
         mit Hauptbuch in Kaliko und sonem Quatsch … gib mal her!“</p>
      <pb facs="#0310" n="307"/>
      <p>
        <lb/>
         „Was ist denn das?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das ist der Zettel von den Schulden; aber die hier gelten <lb/>
         nicht, die sind schon bezahlt, nein, die sind noch nicht bezahlt, <lb/>
         aber die haben Zeit. Die können warten! Kätchen kann <lb/>
         warten.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Hat dir dein Freund Käte wieder Geld gegeben? Ich habe <lb/>
         dir doch gesagt, du sollst die Frau nicht anpumpen. Ihr Mann <lb/>
         ist Arzt und verdient … ja, ich weiß schon. Aber ich will das <lb/>
         nicht. Wieviel?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Vierzig Mark.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Da steht doch aber 65 Mark?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ja … das heißt … das sind noch fünfundzwanzig Mark, <lb/>
         die habe ich … die hat sie mir …“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Also fünfundsechzig. Und was ist das? Hundertundzehn <lb/>
         Mark?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das ist für die Kinder. Schuhe und Strümpfe.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Also, weiß Gott: es sind ja nicht <hi rendition="#g">meine</hi> Kinder. Hundert-<lb/>
         undzehn. Teure Kinder hast du. Fünfundsechzig und hundert-<lb/>
         undzehn … so geht das überhaupt nicht. Gib mal her – <lb/>
         jetzt werde ich mal eine neue Aufstellung machen! Also:</p>
      <p>
        <hi rendition="#et2">
          <lb/>
           Kätchen . . . . . . . . 65<lb/>
           Kinder . . . . . . . . .110<lb/>
           Hankemann . . . . . 92</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ja, die hast du gebeichtet – ich weiß schon.</p>
      <p>
        <lb/>
         Louis Brest … ach so, die Bank, wieviel? Zweihundert-<lb/>
         undneun Mark? Sage mal, Lottchen, dir piekt es wohl?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wieso? Das ist ein altes Debet-Konto, das habe ich … <lb/>
         Das verstehst du nicht – Herrgott, hör doch mal zu! Ich <lb/>
         habe mir aus meiner Kleiderkasse im Mai, nein, im vorigen <lb/>
         Oktober, fünfundvierzig Mark geborgt, bitte, ich geb sie mir <lb/>
         zurück, ich kenn mich doch, mir kann man borgen; und die
        <pb facs="#0311" n="308"/>
        <lb/>
         habe ich in die Kinderkasse getan, und weil in der Reisekasse <lb/>
         noch neunundachtzig Mark wegen der Gasrechnung gefehlt <lb/>
         haben, da habe ich eben die Miete vom nächsten Vierteljahr <lb/>
         genommen – und auf diese Weise habe ich auf der Bank ein <lb/>
         Debet-Konto! Das ist doch lohrisch!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ja, das ist sehr logisch. Aber davon hast du nichts ge-<lb/>
         sagt. Ich will dich ja gern sanieren, das tue ich ja alle Jahre, <lb/>
         dieses Großreinemachen – zweihundertundneun Mark Debet … <lb/>
         sage mal Lottchen, wer glaubst du eigentlich, wer ich bin?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Du bist ein alter Gnietschfritze! Hab dich doch nicht so <lb/>
         wegen der zweihundert Mark! Überhaupt sind sie nicht eilig! Die haben Zeit!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Und kosten Zinsen! Also weiter:</p>
      <p>
        <hi rendition="#et2">
          <lb/>
           Louis Brest . . . . . . 209<lb/>
           Werßhofen . . . . . . . 54</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Was ist das?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das ist das, wo ich dir neulich gesagt habe!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Davon hast du nichts gesagt!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Davon habe ich nichts gesagt? Das ist ja großartig! Ich <lb/>
         habe nur nicht vierundfünfzig gesagt, damit du nicht sonen <lb/>
         Schreck kriegst … ich habe nur einen Teil zugegeben.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wieviel?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Drei Mark fünfzig. Das hat man davon, wenn man <lb/>
         Rücksicht nimmt! Die gehören überhaupt in die Wirtschafts-<lb/>
         kasse. Die Schulden, das sind gar nicht meine Schulden … <lb/>
         das schuldet die Wirtschaftskasse!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wem?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Der Kleiderkasse. Nu weiter!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Also wovon ich das alles bezahlen soll … ich weiß es <lb/>
         nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“</p>
      <p>
        <hi rendition="#et2">
          <lb/>
           Werßhofen . . . . . . 54<lb/>
           Postscheck . . . . . . 28</hi>
      </p>
      <pb facs="#0312" n="309"/>
      <p> – was heißt Postscheck achtundzwanzig …?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Gib mal her. Ich weiß nicht … Ach so! Das habe ich <lb/>
         an Papa mit Postscheck zahlen wollen.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Hast dus denn gezahlt?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Nein. Papa war damals grade auf Reisen.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wo ist das Geld?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wo ist das Geld! Wo ist das Geld! Komische Fragen <lb/>
         stellst du! Das Geld ist natürlich weg!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wo es ist, will ich wissen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Mein Gott, ich hab es an die Neschke geschickt, wegen der <lb/>
         Schuld.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wegen welcher Schuld?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Na, ich … also ich schulde ihr noch achtundvierzig <lb/>
         Mark, vom vorigen Jahr! Herrgott, ich kann nicht immer <lb/>
         mit demselben Hut rumlaufen, man kommt sich ja schon rein <lb/>
         dämlich vor! Alle Frauen haben einen neuen Hut, bloß ich <lb/>
         nicht! Mach nicht son Gesicht – die Neschke kann warten; die <lb/>
         brauchst du nicht bezahlen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Zu bezahlen!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Verbesser einen doch nicht immer! Das ist ja schlimmer <lb/>
         wie ein Lehrer!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Als.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wie?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Als. Schlimmer als ein Lehrer. Nach dem Komparativ …“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ist hier Grammatik, oder machen wir hier Kasse? Also <lb/>
         weiter. Neschke wartet – sie ist darin viel kulanter wie die <lb/>
         Münchner.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Welche Münchner?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ach … ich habe da auf der Reise … Daddy, du brauchst <lb/>
         nicht gleich zu schreien, zu nach brauchen, ich war doch auf <lb/>
         der Durchreise in München, und da habe ich so ein entzücken-<lb/>
         des Automäntelchen gesehn …“</p>
      <pb facs="#0313" n="310"/>
      <p>
        <lb/>
         „Mäntelchen ist schon faul. Wieviel?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „……“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Also wieviel?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Hundertundzwanzig. Aber ich trage es noch drei Jahre!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Diese Frau ist der Deckel zu meiner Urne. Ich vermag es <lb/>
         fürder nicht. Fürder ist ein seltenes Wort, aber du bist auch <lb/>
         selten. Sind das nun alle Schulden?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das sind alle. Dann bloß noch die Apotheke und fünfzig <lb/>
         Mark beim Doktor. Aber der kann wirklich warten. Du <lb/>
         brauchst ihn nicht zu bezahlen! Ich will es nicht! Ich will es <lb/>
         wirklich nicht! Den bezahl ich allein! Er kann warten! Wirk-<lb/>
         lich!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „O Popoi. Nein, das ist nicht unanständig; das ist griechisch. <lb/>
         Nun schreib mir das alles auf, und ich werde es in meine <lb/>
         Brieftasche legen und es mir beschlafen. Großer Gott, du <lb/>
         siehst es. Blick herunter! Schreib es so, daß man lesen kann! <lb/>
         So, danke. Ich geh jetzt mal runter, Zigaretten kaufen – <lb/>
         gib her! Lottchen, du bist eine teure Dame. Aber nun ist auch <lb/>
         wirklich alles aufgeschrieben? Ja? Das ist alles? Das ist <lb/>
         nun wirklich alles?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das ist alles. Heiliges Ehrenwort. Das ist wirklich alles. <lb/>
         Ich bin gar keine teure Dame – ich bin viel zu billig. Bei <lb/>
         meinen Qualitäten! Auf Wiedersehn!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Auf Wiedersehn!“</p>
      <p>
        <lb/>
         (Das Lottchen): „Jetzt hab ich richtig vergessen, ihm die <lb/>
         zweiundzwanzig Mark Bridgegeld anzusagen! Allmächtiger <lb/>
         Braten! Ach was … ich buch sie in die Sportkasse –!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">3. Das Lottchen beichtet 1 Geliebten</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Es ist ein fremder Hauch auf mir? Was soll das heißen <lb/>
         – es ist ein fremder Hauch auf mir? Auf mir ist kein frem-<lb/>
         der Hauch. Gib mal n Kuß auf Lottchen. In den ganzen vier
        <pb facs="#0314" n="311"/>
        <lb/>
         Wochen, wo du in der Schweiz gewesen bist, hat mir keiner <lb/>
         einen Kuß gegeben. Hier war nichts. Nein – hier war wirk-<lb/>
         lich nichts! Was hast du gleich gemerkt? Du hast gar nichts <lb/>
         gleich gemerkt … ach, Daddy! Ich bin dir so treu wie du <lb/>
         mir. Nein, das heißt… also, ich bin dir wirklich treu! <lb/>
         Du verliebst dich ja schon in jeden Refrain, wenn ein Frauen-<lb/>
         name drin vorkommt … ich bin dir treu … Gott sei Dank! <lb/>
         Hier war nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         … Nur ein paarmal im Theater. Nein, billige Plätze – <lb/>
         na, das eine Mal in der Loge … Woher weißt du denn das? <lb/>
         Was? Wie? Wer hat dir das erzählt? Na ja, das waren <lb/>
         Plätze … durch Beziehungen … Natürlich war ich da mit <lb/>
         einem Mann. Na, soll ich vielleicht mit einer Krankenschwester <lb/>
         ins Theater … lieber Daddy, das war ganz harmlos, voll-<lb/>
         kommen harmlos, mach doch hier nicht in Kamorra oder <lb/>
         Mafia oder was sie da in Korsika machen. In Sizilien – <lb/>
         meinetwegen, in Sizilien! Jedenfalls war das harmlos. Was <lb/>
         haben sie dir denn erzählt? Was? Hier war nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das war … das ist … du kennst den Mann nicht. Na, <lb/>
         das werd ich doch nicht machen – wenn ich schon mit einem <lb/>
         andern Mann ins Theater gehe, dann geh ich doch nicht mit <lb/>
         einem Mann, den du kennst. Bitte: ich hab dich noch nie <lb/>
         kompromittiert. Männer sind doch so dusslig, die nehmen <lb/>
         einem das übel, wenn man schon was macht, daß es dann <lb/>
         ein Berufskollege ist. Und wenn es kein Berufskollege ist, dann <lb/>
         heißt es gleich: Fräulein Julie! Man hats wirklich nicht leicht! <lb/>
         Also du kennst den Mann nicht! Du kennst ihn nicht. Ja – <lb/>
         er kennt dich. Na, sei doch froh, daß dich so viele Leute ken-<lb/>
         nen – biste doch berühmt. Das war jedenfalls ganz harm-<lb/>
         los. Total. Nachher waren wir noch essen. Aber sonst war <lb/>
         nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nichts. Nichts war. Der Mann … der Mann ist eben
        <pb facs="#0315" n="312"/>
        <lb/>
         – ich hab ihn auch im Auto mitgenommen, weil er so nett <lb/>
         neben einem im Auto sitzt, eine glänzende Begleitdogge – so, <lb/>
         hat das die Reventlow auch gesagt? Na, ich nenne das auch <lb/>
         so. Aber <hi rendition="#g">nur</hi> als Begleitdogge. Der Mann sah glänzend aus. <lb/>
         Doch, das ist wahr. Einen wunderbaren Mund, so einen <lb/>
         harten Mund – gib mal n Kuß auf Lottchen, er war dumm. <lb/>
         Es war nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Direkt dumm war er eigentlich nicht. Das ist ja … ich <lb/>
         habe mich gar nicht in ihn verliebt; du weißt ganz genau, daß <lb/>
         ich mich bloß verliebe, wenn du dabei bist – damit du auch <lb/>
         eine Freude hast! Ein netter Mann … aber ich will ja die <lb/>
         Kerls gar nicht mehr. Ich nicht. Ich will das überhaupt <lb/>
         alles nicht mehr. Daddy, so nett hat er ja gar nicht aus-<lb/>
         gesehn. Außerdem küßte er gut. Na so – es war jedenfalls <lb/>
         weiter nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sag mal, was glaubst du eigentlich von mir? Glaubst <lb/>
         du vielleicht von mir, was ich von dir glaube? Du – das <lb/>
         verbitt ich mir! Ich bin treu. Daddy, der Mann … das war <lb/>
         doch nur so eine Art Laune. Na ja, erst läßt du einen hier <lb/>
         allein, und dann schreibst du nicht richtig, und telefoniert hast <lb/>
         du auch bloß einmal – und wenn eine Frau allein ist, dann <lb/>
         ist sie viel alleiner als ihr Männer. Ich brauche gewiß keinen <lb/>
         Mann… ich nicht. Den hab ich auch nicht gebraucht; das <lb/>
         soll er sich bloß nicht einbilden! Ich dachte nur: I, dachte <lb/>
         ich – wie ich ihn gesehn habe… Ich habe schon das erste-<lb/>
         mal gewußt, wie ich ihn gesehn habe – aber es war ja <lb/>
         nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nach dem Theater. Dann noch zwei Wochen lang. Nein. <lb/>
         Ja. Nur Rosen und zweimal Konfekt und den kleinen Löwen <lb/>
         aus Speckstein. Nein. Ich ihm meinen Hausschlüssel? Bist <lb/>
         wohl…! Ich hab ihm meinen Hausschlüssel doch nicht ge-<lb/>
         geben! Ich werde doch einem fremden Mann meinen Haus-
        <pb facs="#0316" n="313"/>
        <lb/>
         schlüssel nicht geben …! Da bring ich ihn lieber runter. <lb/>
         Daddy, ich habe ja für den Mann gar nichts empfunden – <lb/>
         und er für mich auch nicht – das weißt du doch. Weil er <lb/>
         eben solch einen harten Mund hatte … und ganz schmale <lb/>
         Lippen. Weil er früher Seemann war. Was? Auf dem <lb/>
         Wannsee? Der Mann ist zur See gefahren – auf einem <lb/>
         riesigen Schiff, ich habe den Namen vergessen, und er kann <lb/>
         alle Kommandos, und er hat einen harten Mund. Ganz <lb/>
         schmale Lippen. Mensch, der erzählt ja nicht. Küßt aber gut. <lb/>
         Daddy, wenn ich mich nicht so runter gefühlt hätte, dann <lb/>
         wäre das auch gar nicht passiert … Es ist ja auch eigentlich <lb/>
         nichts passiert – das zählt doch nicht. Was? In der Stadt. <lb/>
         Nein, nicht bei ihm; wir haben zusammen in der Stadt <lb/>
         gegessen. Er hat bezahlt – na, hast du das gesehn! Soll ich <lb/>
         vielleicht meine Bekanntschaften finanzieren … na, das ist <lb/>
         doch…! Es war überhaupt nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Tätowiert! Der Mann ist doch nicht tätowiert! Der Mann <lb/>
         hat eine ganz reine Haut, er hat … Keine Details? Keine <lb/>
         Details! Entweder ich soll erzählen, oder ich soll nicht er-<lb/>
         zählen. Von mir wirst du über den Mann kein Wort mehr <lb/>
         hören. Daddy, hör doch – wenn er nicht Seemannsmaat ge-<lb/>
         wesen wäre, oder wie das heißt … Und ich wer dir über-<lb/>
         haupt was sagen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Erstens war überhaupt nichts, und zweitens kennst du den <lb/>
         Mann nicht, und drittens weil er Seemann war, und ich hab <lb/>
         ihm gar nichts geschenkt, und überhaupt, wie Paul Graetz <lb/>
         immer sagt:</p>
      <p>
        <lb/>
         Kaum hat man mal, dann ist man gleich – Daddy! <lb/>
         Daddy! Laß mal … was ist das hier? Was? Wie? Was ist <lb/>
         das für ein Bild? Was ist das für eine Person? Wie? Was? <lb/>
         Wo hast du die kennengelernt? Wie? In Luzern? Was? <lb/>
         Hast du mit der Frau Ausflüge gemacht? In der Schweiz
        <pb facs="#0317" n="314"/>
        <lb/>
         machen sie immer Ausflüge. Erzähl mir doch nichts … Was? <lb/>
         Da war nichts?</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist ganz was andres. Na ja, mir gefällt schon manch-<lb/>
         mal ein Mann. Aber ihr –?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Ihr werft euch eben weg!“</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">4. Es reut das Lottchen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Gar nichts. Ich habe gar nichts. Ich? Nichts. Nein …</p>
      <p>
        <lb/>
         Frag nicht so dumm – man kann ja auch mal nicht guter <lb/>
         Laune sein, kann man doch, wie? Ich habe gar nichts.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nichts. Ach, laß mich. Na, ich denke eben nach. Meinst du, <lb/>
         bloß ihr Männer denkt nach? Ich denke nach. Nein, kein <lb/>
         Geld – meine Rechnungen sind alle bezahlt. Alle! Ich habe <lb/>
         keinen Pfennig Schulden. Was? Keinen Pfennig. Bloß die <lb/>
         Apotheke und das Aquarium, das ich mir neulich gekauft <lb/>
         habe, und die Schneiderin und bei Kätchen. Sonst nichts. Na <lb/>
         ja, und die fünfzig Mark bei Vopelius. Nein, wegen dem <lb/>
         Geld ist es auch nicht. Wegen des Geldes! Was du bloß immer <lb/>
         mit der Grammatik hast – die Hauptsache ist doch, daß ich <lb/>
         Geld habe. Ich habe aber keins.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ach, der Kerl, der … Na, nichts. Na, dieser Kerl. Der <lb/>
         Seemann, von dem ich dir neulich erzählt habe. Er war doch <lb/>
         ein bißchen tätowiert wie ein Seemann und sah aus wie ein <lb/>
         holsteinischer Bauernjunge. Nein, ich war nie in Holstein – ich <lb/>
         denk mir das so. Was mit dem ist? Ach, laß mich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Natürlich, doch, ja! Seemann ist er. Nein, er war nicht <lb/>
         mehr hier. Ich dachte immer, er würde mal kommen. Wieso? <lb/>
         Wieso! Weil er mich angepumpt hat! Wieso ist das die Höhe? <lb/>
         Das ist gar keine Höhe! Ich pump dich doch auch manchmal <lb/>
         an. Aber ich sag wenigstens nicht, daß ichs dir wiedergebe! <lb/>
         Nein, nicht viel. Ist ja, egal. Ach … ich weine gar nicht.</p>
      <pb facs="#0318" n="315"/>
      <p>
        <lb/>
         Viel nicht. Einmal fünfzig Mark und einmal achtundsechzig. <lb/>
         Na und –?</p>
      <p>
        <lb/>
         Na und? Ich hab doch gedacht, er wär zwei Jahre auf <lb/>
         See gefahren. Das hat er mir erzählt. Bitte, meine Freunde <lb/>
         lügen nicht … wenn die was erzählen, dann ist es wahr, <lb/>
         meistens ist es sogar wahr. Die lügen eben nicht alle wie du <lb/>
         neulich mit Micky. Hast du die Person wiedergesehn?</p>
      <p>
        <lb/>
         Er war gar nicht auf See. Auf dem Land natürlich. Ach, <lb/>
         laß mich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Na, er hat eben gesessen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Anderthalb Jahre. Ich weiß nicht warum. Wo? Das ist <lb/>
         doch egal. In Plötzensee.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich weiß nicht, weswegen – laß mich in Ruhe. Es hat <lb/>
         mir einer erzählt. Da war ein Mann, der holt sich hier <lb/>
         immer alte Kindersachen ab, die geb ich ihm, und der hat für <lb/>
         einen Freund gebeten, den haben sie grade entlassen, und da <lb/>
         sind wir ins Gespräch gekommen, und da hat er auf einmal <lb/>
         den Namen von dem gesagt, von dem Seemann. Und da ist <lb/>
         es rausgekommen. Die kannten sich alle zusammen. Andert-<lb/>
         halb Jahre. Mir hat er gesagt, er war in Bali. Und dabei <lb/>
         war er in Plötzensee.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich weiß nicht, warum – laß mich in Frieden! Darauf <lb/>
         kommt es auch gar nicht an! Mein Geld …? Ich war gleich <lb/>
         auf der Kriminalpolizei. Du, da war aber so ein netter Mann, <lb/>
         der mich da empfangen hat, den habe ich gefragt. Ich habs <lb/>
         ihm alles erzählt. Sah sehr gut aus, der Mann – ein Krimi-<lb/>
         nalrat oder so. Wie ich rausgehn will, sagt er zu mir: <lb/>
         Frau Laßmann, sagt er, Sie haben zu schöne Augen! Das <lb/>
         Weiße da drin: ganz blau! Hat er gesagt! Und dann war ich <lb/>
         nochmal da, und da hat er mir Gedichte vorgelesen, der <lb/>
         Mann macht nämlich Gedichte. Na, meinste, du machst bloß <lb/>
         alleine Gedichte?</p>
      <pb facs="#0319" n="316"/>
      <p>
        <lb/>
         Sollen sie sich vielleicht vorne reimen – natürlich haben <lb/>
         sie sich hinten gereimt! Sehr schöne Gedichte. Und er hat <lb/>
         gesagt: Das ist ja glatter Betrug! Glatter Betrug ist das! <lb/>
         Vorspielung falscher Tatsachen, sagt er. Und er wird da <lb/>
         hinterhaken. Und dann hat er mir noch ein Gedicht vorgelesen. <lb/>
         Ob ich so zu meinem Geld komme? Daddy, ich werd dir mal <lb/>
         was sagen:</p>
      <p>
        <lb/>
         Mein Geld will ich gar nicht wiederhaben! Der Kerl ist bei <lb/>
         mir gestrichen. Ich, mit einem Seemann? Nie wieder. Ist <lb/>
         das eigentlich ein höherer Beamter, ein Kriminalrat?</p>
      <p>
        <lb/>
         Und hier ist noch eine Rechnung, die kannst du auch be-<lb/>
         zahlen. Warum sagst du Ahoi? Und ich werde dir mal sagen, <lb/>
         woher das alles kommt:</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe viel zu wenig Geld, und viel zu viel Herz. Und <lb/>
         bei dir ist es eben umgekehrt. Ahoi –!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">5. Das Lottchen besucht einen tragischen Film</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Setz dich nicht auf meine Tasche. Laß mich mal dahin. Ist <lb/>
         das noch Wochenschau? Was? Wie? Das ist noch Wochen-<lb/>
         schau, was? Also wie ich dir sage: ich würde die Möbel <lb/>
         nicht in Holland kaufen. Du kennst das da nicht so, guck mal! <lb/>
         ne Feuerwehr! – und überhaupt: hier in Berlin hab ich <lb/>
         meine Quellen, mein Freund Käte sagt auch … Wieso? Ich <lb/>
         sage: mein Freund Käte – die ist wien Mann. Sag ich dir. <lb/>
         Bloß viel netter.</p>
      <p>
        <lb/>
         Guck mal: noch ne Feuerwehr. Warum sind in den Wochen-<lb/>
         schaun soviel Feuerwehren? Was? Und was kostet überhaupt <lb/>
         son Möbeltransport … ich hab mich erkundigt, was das <lb/>
         macht, wart mal … ich hab mir das aufgeschrieben … So! <lb/>
         jetzt ist mein Notizbuch runtergefallen, heb doch mal auf!</p>
      <p>
        <lb/>
         Na, laß mich mal … geh mal weg … geh doch mal weg! <lb/>
         Aua! … Ich komm ja gar nicht wieder hoch … war hier
        <pb facs="#0320" n="317"/>
        <lb/>
         was inzwischen? Nee – was? Das is ja Zimt, was die da <lb/>
         spielen, unter uns gesagt … ich hab mir das aufgeschrieben: <lb/>
         vierzehn Pfennig pro … jetzt weiß ich nicht mehr, ob es pro <lb/>
         Kilo oder pro Zentner war … aber jedenfalls waren es vier-<lb/>
         zehn Pfennig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist doch kein Geld, was? Wie? Wenn du so lang <lb/>
         wärst, wie du dumm bist, könntst du aus der Dachrinne <lb/>
         saufen. Jetzt wirds hell.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nettes Kino, was? Warum haben sie das so blau gestri-<lb/>
         chen? Du, die Käte hat sich ein himmlisches Schlafzimmer <lb/>
         machen lassen, auch so blau – na, n bißchen heller, als das <lb/>
         da und weißer Schleiflack, wunderbar! Kaufst du mit so <lb/>
         was? Nein. Siehst du, solchen Pelz will Lottchen haben, so, <lb/>
         wie die da hat – nicht die, du Ochse, die kleine Dicke! Na, <lb/>
         sie kann ihn nicht tragen – aber solchen Pelz.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nu wirds dunkel … kaum, daß man mal was lesen will, <lb/>
         wirds dunkel. Daddy, ist das der große Film, von dem sie <lb/>
         soviel geschrieben haben? Ja? Is er das? Sei mal ruhig, <lb/>
         ich muß mal lesen, wer alles mitspielt. Sei jetzt still, ich muß <lb/>
         lesen … Pudowkin – kennst du Pudowkin? Wahrscheinlich <lb/>
         ein Russe – was?</p>
      <p>
        <lb/>
         Du, bei Lützows haben sie jetzt ein russisches Dienstmäd-<lb/>
         chen, die kann kein Wort deutsch, nur n bißchen französisch. <lb/>
         Komisch, was? Jetzt gehts los. Das kann ich dir sagen: <lb/>
         wenn meine Tante mir noch einmal so einen frechen Brief <lb/>
         schreibt … weißt du, ich gönn ja keinem Menschen was <lb/>
         böses, aber willst du mir vielleicht sagen, wozu so was auf <lb/>
         der Welt … Hübsche Person.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du, der Film kann aber nicht neu sein, son Hut trägt kein <lb/>
         Mensch mehr! War auch gar nicht kleidsam – Lottchen hat <lb/>
         nie sonen Hut getragen. Daddy, du mußt mir unbedingt noch <lb/>
         eine Tasche kaufen; die du mir fürn Abend gekauft hast, ist
        <pb facs="#0321" n="318"/>
        <lb/>
         ja sehr hübsch … aber nun habe ich für den Tag gar nichts. <lb/>
         Nein, die brauche ich fürs Auto. Die blaue? die ist für den <lb/>
         Nachmittag, für den Vormittag fehlt mir eine!</p>
      <p>
        <lb/>
         Für die Stadt! Das verstehst du nicht. Na, ich wers dir <lb/>
         sagen: also ich hab mir heute eine gekauft. Du kaufst mir ja <lb/>
         doch keine. Das Geld darfst du mir zurückgeben. Na, laß <lb/>
         man. Ich sag immer: Lieber arm und reich, als jung und <lb/>
         alt. Was steht da –?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">AUF MÄNNER, DIE LIEBEN,</hi><lb/>
          <hi rendition="#aq">KANN MAN NICHT BAUEN.</hi></hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Sag ich doch immer. Daddy, vorgestern abend war ich <lb/>
         mit Spannagel zusammen. Er sah ganz gut aus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Quatsch – mit dem Mann will ich doch gar nichts mehr <lb/>
         zu tun haben; du stellst dich auch an – nur, weil ich mit ihm <lb/>
         mal verheiratet war –! Er hat übrigens erzählt, er geht <lb/>
         nächstens nach China, er will da den Bürgerkrieg studieren. <lb/>
         Sehr interessant, ich hab ihm gesagt, er soll man vorsichtig <lb/>
         sein; ich finde, wenn einer in den Krieg geht, muß er vor-<lb/>
         sichtig sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du, das ist mein Typ. Sei mal still … stör einen doch nicht <lb/>
         immer, wenn man sich einen Film ansehen will! Du, das <lb/>
         ist mein Typ! Sieht beinah aus wie Tilden. Wunderbare <lb/>
         Figur, was? Der hat keinen Bauch, wunderbare Figur. <lb/>
         Schade, nu is er weg.</p>
      <p>
        <lb/>
         Daddy, mit dem Reichsentschädigungsamt hab ich mir das <lb/>
         also folgendermaßen ausgedacht: Wenn die die achtzehn Pro-<lb/>
         zent für die Kriegsguthaben bewilligen, zuzüglich der Nach-<lb/>
         tragsrente für Kinder, verstehst du? und wenn der Anwalt <lb/>
         dann noch durchdrückt, daß die zweite Entschädigungsrate von <lb/>
         der ersten so abgezogen wird, daß die Umrechnungsquote bei <lb/>
         der Reichsanleihe raufgesetzt wird –: dann kann ich den <lb/>
         Ring auslösen!</p>
      <pb facs="#0322" n="319"/>
      <p>
        <lb/>
         Du löst ihn mir ja nicht aus. Sage selbst – löst du ihn <lb/>
         aus? Du sollst ihn auch gar nicht auslösen. Ich meine bloß <lb/>
         so. Aber du löst ihn nicht aus. Guck mal, wo haben sie das <lb/>
         aufgenommen? Wahrscheinlich in Frankreich, was? Der An-<lb/>
         walt hat aber gesagt, er kann nicht garantieren, daß der Pro-<lb/>
         zeß noch dieses Jahr zu Ende ist – ich hab ihm gesagt, <lb/>
         Peter ist heute zehn Jahre, bis zu seiner Volljährigkeit wart <lb/>
         ich noch, aber dann hat meine Geduld ein …</p>
      <p>
        <lb/>
         Du lachst! Ich bin eine alleinstehende Frau und muß mir <lb/>
         alles allein machen! Na, alles nicht, Ferkel. Hat Karlchen ge-<lb/>
         schrieben? Nicht? Was? Hat er nicht geschrieben? Ich werde <lb/>
         ihm mal schreiben: ob er vielleicht seine Bräute so behandelt, <lb/>
         wie du mich behandelst.</p>
      <p>
        <lb/>
         Karlchen ist eben ein Kavalier. Nein, auch von vorn … <lb/>
         laß mir meinen Karlchen! Jakopp ist aber auch sehr nett – <lb/>
         überhaupt ich will dir mal was sagen … wenn deine Freunde … <lb/>
         Allmächtiger, was kullert die mit den Augen! Du himmlischer <lb/>
         Braten! Warum tut sie denn das? Was? Na, erklär mir <lb/>
         das doch mal – wozu gehe ich denn mit einem Mann ins <lb/>
         Kino!</p>
      <p>
        <lb/>
         Sssst! Was die Leute bloß immer reden, wenn sie im Kino <lb/>
         sind! Man versteht ja gar nichts …! Du, warum hat die <lb/>
         denn so mit den Augen gekullert, was? Die findest du nett? <lb/>
         Na, dein Geschmack … Ich frage mich wirklich manchmal, <lb/>
         was du eigentlich an mir hast … Na, ich bin ja dein Irrtum. <lb/>
         Das ist mal sicher. Blond bin ich nicht, schöne Beine hab ich <lb/>
         auch nicht, sagst du immer – bitte, ich hab sehr gute Beine!</p>
      <p>
        <lb/>
         So schöne, wie deine Putti noch allemal! Von Dickchen gar <lb/>
         nicht zu reden. Und Musch? Hat Musch vielleicht schöne <lb/>
         Beine? Spitze Schuhe hat sie; kein Mensch trägt mehr … <lb/>
         Daddy, hast du zu Hause das Licht ausgemacht? Na, denn ist <lb/>
         gut. Was steht da?</p>
      <pb facs="#0323" n="320"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">TRETEN SIE ZURÜCK – NUR ÜBER UNSERE <lb/>
           DREI LEICHEN GEHT DER WEG!</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Daddy, dabei fällt mir ein, ich muß mir mal von der <lb/>
         Käte das Rezept für die Rohkostsuppe aufschreiben lassen – <lb/>
         wir haben sie neulich bei Mühlbergs gegessen, wunderbar, <lb/>
         ganz schwer, wie Krebssuppe also, das hat einen ausgesproch-<lb/>
         nen Krebsgeschmack, ist aber ganz vegetarisch … Hast du <lb/>
         das gesehn? Hast du das gesehn? Wie die das Pferd rum-<lb/>
         gerissen hat? Doll. Was? Was spielen die da? Krenek? <lb/>
         Mag ich gar nicht. Magst du das? Ich war voriges Jahr <lb/>
         da mit Hornemann … du, der Hornemann ist jetzt nach <lb/>
         Südamerika gegangen … er schreibt, da tragen die Frauen <lb/>
         alle wundervolle Waschseide.</p>
      <p>
        <lb/>
         Daddy, du könntest mir eigentlich mal – nein, kauf mir <lb/>
         lieber eine Brücke für die Wohnung, weißt du, so eine echte <lb/>
         Perserbrücke … na, Daddy, du kannst nicht sagen, daß ich dich <lb/>
         mit Wünschen belästige. Ich möchte mal sehn, was du an-<lb/>
         dern Frauen schenkst … Natürlich kriege ich die Wohnung. <lb/>
         Das heißt: der Wirt legt noch Berufung ein, weil wir doch <lb/>
         Kette tauschen; also Willachs in der Augsburger Straße <lb/>
         geben ihre Wohnung gegen einen Abstand an Bernhardt, <lb/>
         und Bernhardt tauscht mit Willer, wenn Marie einverstan-<lb/>
         den ist, heißt das, sie ist aber nicht einverstanden, weil sie <lb/>
         sich scheiden lassen will, sie ist jetzt mit Bromberg, sie wird sich <lb/>
         aber nicht scheiden lassen, da wäre sie ja schön dumm, und <lb/>
         wenn ich nun mit Josenstein über Hippels weg tausche und <lb/>
         der Wirt vorher stirbt, und wenn Romel seine Wohnung an <lb/>
         mich abgibt –: dann kriege ich die Wohnung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Laß man: der liebe Gott wird Lottchen schon nicht ver-<lb/>
         lassen. Ich kenne den Mann. Was? Wie? Es ist komisch: <lb/>
         Männer verstehn nie, was man ihnen erklärt – Männer <lb/>
         verstehn überhaupt …</p>
      <pb facs="#0324" n="321"/>
      <p>
        <lb/>
         Aus. Schon aus? Das war alles? Ja, wahrhaftig: die <lb/>
         Leute stehen schon auf. Daddy, setzt sag mir aber mal eins – <lb/>
         das hab ich nicht kapiert:</p>
      <p>
        <lb/>
         Warum heißt der Film: Die Jungfrau von Orleans –?“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Brief</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Das war, als Walter Mehring zum fünfundzwanzigsten <lb/>
         Mal nach Paris kam, und der dortige Herr Polizeipräsident <lb/>
         sann grade nach, ob man den Mann zur Ehrenlegion oder <lb/>
         zur Fremdenlegion vorschlagen sollte … da schrieben wir uns <lb/>
         „kleine Blaue“ (sprich: ptieh blöhs). Das sind diese winzigen <lb/>
         Rohrpostbriefe, die sich die Pariser deshalb schreiben, weil <lb/>
         sie ein Telephon haben, aber sonst vernünftige Leute sind, es <lb/>
         also nicht benutzen. Denn das pariser Telephon … (bricht in <lb/>
         Schluchzen aus; wird mit Brom gelabt, will kein Brom, be-<lb/>
         kommt Whisky, atmet auf und fährt fort):</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir schrieben uns also kleine blaue Briefe, in denen wir <lb/>
         uns die bessern Sachen mitteilten, und schon nach dem dritten <lb/>
         oder vierten fing diese Korrespondenz an, leicht auszurut-<lb/>
         schen. Die Anreden stimmten nicht so recht … „Sehr ge-<lb/>
         ehrter Herr Oberforstrat“ und „Lieber Amtsbruder“, und <lb/>
         die Unterschriften waren auch nicht in Ordnung … „Ihr sehr <lb/>
         ergebener Peter Panter, unmittelbares Mitglied des Reichs-<lb/>
         verbandes“ oder „Walter Mehring, Festdichtungen für alle <lb/>
         Bekenntnisse“ – kurz, es war ein rechter Unfug.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bis dahin war der Inhalt meist noch einigermaßen ver-<lb/>
         nünftig. Dann aber begann Mehring, auch diesen Inhalt um-<lb/>
         zudichten; bald stand in den Briefen nun überhaupt nicht mehr <lb/>
         das drin, weshalb er sie eigentlich geschrieben hatte, sondern <lb/>
         es wurden Briefe an und für sich. Ich eiferte ihm, so gut ich
        <pb facs="#0325" n="322"/>
        <lb/>
         konnte, nach, und wenn wir mal tot sein werden, werden sich <lb/>
         die Herausgeber unsrer gesammelten Werke beim achtzehnten <lb/>
         Band sehr wundern … Und einen der schönsten Briefe Meh-<lb/>
         rings habe ich aufbewahrt, weil er mir immer als ein Typus <lb/>
         seiner Gattung erschienen ist. Hier ist er:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Lieber Kurt!</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Familie ist sehr betrübt, daß Du Onkels Privatbrief <lb/>
         veröffentlicht hast! Wenn Du in den Kreisen nicht so ver-<lb/>
         härtest wärst, wo Du Dich nun mal wohl fühlst, so müßte es <lb/>
         Dir zu denken geben, daß Tante Hannchen vor Schreck <lb/>
         Durchfall bekommen hat, als sie das gelesen hat, aber da <lb/>
         heißt es immer Humanetät, mit jedem dreckigen Arbeiter habt <lb/>
         ihr Mitleid, und die Familie kann sehn, wo sie bleibt! Dein <lb/>
         Vater war ja wohl auch ein geistiger Mann und so und hat <lb/>
         er nie was in die Zeitung geschrieben und möchten wir wissen <lb/>
         von wem Du das eigentlich hast, von unsrer Seite bestimmt <lb/>
         nicht, eher von Deiner lieben Mutter, die war auch so ein <lb/>
         bißchen – (seinerzeit in Posen mit dem verrückten Redak-<lb/>
         teur! Aber wir wollen das nicht wieder aufrühren).</p>
      <p>
        <lb/>
         Mariechen hat die Masern und Erich ist mit einem Mahn-<lb/>
         zettel nach Haus gekommen, daß er in Römische Geschichte <lb/>
         nicht vorwärts kommt!</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich hab ihn aber ins Gebet genommen und bist Du ihm <lb/>
         ein warnendes Beispiel! etcetera!</p>
      <p>
        <lb/>
         Schreib doch mal! Vielleicht fahren Mosers zu Ostern <lb/>
         rüber, dann wirst Du ihnen Paris zeigen. Du weißt ja, was <lb/>
         wir ihnen wegen Großvati schuldig sind! Also tu das nicht wieder und bleib gesund!</p>
      <p>
        <lb/>
         Dein Vetter</p>
      <p>
        <lb/>
         Mehring</p>
      <p>
        <lb/>
         Zerreiß den Brief gefälligst!“</p>
      <pb facs="#0326" n="323"/>
      <p>
        <lb/>
         Wahrlich, das hat einer geschrieben, der kein Familien-<lb/>
         gefühl hat. „In meinem Wörterbuch steht das Wort Fa-<lb/>
         milie nicht!“ sagt er. Ich sage: „Da sehn Sie mal unter M <lb/>
         nach!“ sage ich. Und er sah nach. Und schrieb den obigen <lb/>
         Brief.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ratschläge für einen schlechten Redner</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen <lb/>
        <hi rendition="#g">vor</hi> dem Anfang! Etwa so:</p>
      <p>
        <lb/>
         „Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema <lb/>
         des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz …“</p>
      <p>
        <lb/>
         Hier hast du schon so ziemlich alles, was einen schönen An-<lb/>
         fang ausmacht: eine steife Anrede; der Anfang vor dem An-<lb/>
         fang; die Ankündigung, daß und was du zu sprechen beab-<lb/>
         sichtigst, und das Wörtchen kurz. So gewinnst du im Nu die <lb/>
         Herzen und die Ohren der Zuhörer.</p>
      <p>
        <lb/>
         Denn das hat der Zuhörer gern: daß er deine Rede wie <lb/>
         ein schweres Schulpensum aufbekommt; daß du mit dem <lb/>
         drohst, was du sagen wirst, sagst und schon gesagt hast. <lb/>
         Immer schön umständlich!</p>
      <p>
        <lb/>
         Sprich nicht frei – das macht einen so unruhigen Ein-<lb/>
         druck. Am besten ist es: du liest deine Rede ab. Das ist sicher, <lb/>
         zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner <lb/>
         nach jedem viertel Satz mißtrauisch hochblickt, ob auch noch <lb/>
         alle da sind.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn du gar nicht hören kannst, was man dir so freund-<lb/>
         lich rät und du willst durchaus und durchum frei sprechen … <lb/>
         du Laie! Du lächerlicher Cicero! Nimm dir doch ein Beispiel <lb/>
         an unsern professionellen Rednern, an den Reichstagsabge-
        <pb facs="#0327" n="324"/>
        <lb/>
         ordneten – hast du die schon mal frei sprechen hören? Die <lb/>
         schreiben sich sicherlich zu Hause auf, wann sie „Hört, hört!“ <lb/>
         rufen … ja, also wenn du denn frei sprechen mußt:</p>
      <p>
        <lb/>
         Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß, wie du schreibst.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, <lb/>
         der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr <lb/>
         benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau <lb/>
         weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinander-<lb/>
         geschachtelt, so daß der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin <lb/>
         und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er <lb/>
         früher so gern geschlummert hat, auf das <hi rendition="#g">Ende</hi> solcher <lb/>
         Periode wartet … nun, ich habe dir eben ein Beispiel ge-<lb/>
         geben. So mußt du sprechen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wo-<lb/>
         von du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der <lb/>
         Sache. Das ist nicht nur deutsch – das tun alle Brillen-<lb/>
         menschen. Ich habe einmal in der Sorbonne einen chinesi-<lb/>
         schen Studenten sprechen hören, der sprach glatt und gut fran-<lb/>
         zösisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: „Lassen <lb/>
         Sie mich Ihnen in aller Kürze die Entwicklungsgeschichte <lb/>
         meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi <lb/>
         Geburt …“ Er blickte ganz erstaunt auf, weil die Leute so <lb/>
         lachten.</p>
      <p>
        <lb/>
         So mußt du das auch machen. Du hast ganz recht: man <lb/>
         versteht es ja sonst nicht, wer kann denn das alles verstehen, <lb/>
         ohne die geschichtlichen Hintergründe … sehr richtig! Die <lb/>
         Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um leben-<lb/>
         diges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Bü-<lb/>
         chern nachschlagen können … sehr richtig! Immer gib ihm <lb/>
         Historie, immer gib ihm.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins <lb/>
         Publikum laufen, auch zurückkommen – das sind Kinkerlitz-
        <pb facs="#0328" n="325"/>
        <lb/>
         chen. Sprich unbekümmert um die Wirkung, um die Leute, <lb/>
         um die Luft im Saale; immer sprich, mein Guter. Gott <lb/>
         wird es dir lohnen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die <lb/>
         Steuern sind zu hoch.“ Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte <lb/>
         zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, daß <lb/>
         mir die Steuern bei weitem …“ So heißt das.</p>
      <p>
        <lb/>
         Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor – man <lb/>
         sieht das gerne.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn du einen Witz machst, lach vorher, damit man weiß, <lb/>
         wo die Pointe ist.</p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Rede ist, wie könnte es anders sein, ein Monolog. <lb/>
         Weil doch nur einer spricht. Du brauchst auch nach vierzehn <lb/>
         Jahren öffentlicher Rednerei noch nicht zu wissen, daß eine <lb/>
         Rede nicht nur ein Dialog, sondern ein Orchesterstück ist: <lb/>
         eine stumme Masse spricht nämlich ununterbrochen mit. Und <lb/>
         das mußt du hören. Nein, das brauchst du nicht zu hören. <lb/>
         Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtele nur.</p>
      <p>
        <lb/>
         Zu dem, was ich soeben über die Technik der Rede gesagt <lb/>
         habe, möchte ich noch kurz bemerken, daß viel Statistik eine <lb/>
         Rede immer sehr hebt. Das beruhigt ungemein, und da jeder <lb/>
         imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, <lb/>
         so macht das viel Spaß.</p>
      <p>
        <lb/>
         Kündige den Schluß deiner Rede lange vorher an, damit <lb/>
         die Hörer vor Freude nicht einen Schlaganfall bekommen. <lb/>
         (Paul Lindau hat einmal einen dieser gefürchteten Hochzeits-<lb/>
         toaste so angefangen: „Ich komme zum Schluß.“) Kündige <lb/>
         den Schluß an, und dann beginne deine Rede von vorn und <lb/>
         rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male <lb/>
         wiederholen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du mußt dir nicht nur eine Disposition machen, du mußt <lb/>
         sie den Leuten auch vortragen – das würzt die Rede.</p>
      <pb facs="#0329" n="326"/>
      <p>
        <lb/>
         Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar <lb/>
         nicht erst anzufangen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist <lb/>
         deine Gelegenheit. Mißbrauche sie.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ratschläge für einen guten Redner</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze.</p>
      <p>
        <lb/>
         Klare Disposition im Kopf – möglichst wenig auf dem <lb/>
         Papier.</p>
      <p>
        <lb/>
         Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder <lb/>
         Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu <lb/>
         Hause.</p>
      <p>
        <lb/>
         Der Ton einer einzelnen Sprechstimme ermüdet; sprich nie <lb/>
         länger als vierzig Minuten. Suche keine Effekte zu er-<lb/>
         zielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist <lb/>
         eine unbarmherzige Sache – da steht der Mensch nackter als <lb/>
         im Sonnenbad.</p>
      <p>
        <lb/>
         Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nich <lb/>
         durchfalln.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ein Ferngespräch</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Hier ist nochmals das Fernamt. Ich möchte Sie darauf auf-<lb/>
         merksam machen, daß Sie möglichst langsam und möglichst <lb/>
         dialektfrei sprechen müssen; der Telephonverkehr für solche <lb/>
         Gespräche, wie Sie eins angemeldet haben, ist zwar frei-<lb/>
         gegeben – aber nur unter der Bedingung, daß der dortige <lb/>
         Überwachungsbeamte den Gesprächen folgen kann. Wir haben
        <pb facs="#0330" n="327"/>
        <lb/>
         nun die Erfahrung gemacht, daß regelmäßig getrennt wird, <lb/>
         wenn die Teilnehmer Dialekte oder fremde Sprachen sprechen. <lb/>
         Wir weisen Sie in Ihrem Interesse darauf hin.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ja doch. Allemal. Na jewiß doch.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Au backe! Et klingelt. Det is det Fernjespräch! Emma, <lb/>
         sperr ma die Jehrn in die Kiche, det sie nich so brillen!</p>
      <p>
        <lb/>
         Jaaa –? Emil, bist du da? Emil! Wat sacht der? <lb/>
         Emil! Emil! Bist du da? ’n Tach, Emil! Hier is Pauel! Ja! <lb/>
         Ick spreche nehmlich jewählt, damit daß die Beamten heern s<lb/>
         olln, det wir nischt Vabotnes sprechen! Heer ma, Emil! Wie <lb/>
         jehts dir denn? Jut, ja? Saufst du noch so viel? Det mußte <lb/>
         nich! Det jreift die Nieren an – die Nieren! die Nieren! – <lb/>
         liecht det an die Vaständjung, oda haste dir de Ohrn nich <lb/>
         jewaschen? Emil! Paß ma uff! Ick rufe wejen Minnan an! <lb/>
         Paß ma uff:</p>
      <p>
        <lb/>
         Minna wollt doch nu heiratn, weißte, wa? Nu will sie ihrer <lb/>
         aber nich heiraten – neien! Er will nich! Er sacht, det dritte <lb/>
         Kind wär nu auch nich von ihn – er sacht, ßweemal hätt er <lb/>
         sich det mitanjesehn, aber det dritte Mal, sachta, akennt er det <lb/>
         nich an! Er wär keene Kleen-Kinder-Bewahranstalt! Emil! <lb/>
         Bist du noch da? Nu hat Erwin sein Schwager, ja, der <lb/>
         Dusslige, der imma beit Billjardspiel so mohrelt – ehmder-<lb/>
         selbige! Ja, der hat ihr doch nu die Wohnungseinrichtung <lb/>
         besorcht, det Bett und die Kommode und den Schrank – allens <lb/>
         aus Mahachoni – nu sitzt sie damit da. Emil! Bist du noch <lb/>
         da? Wat sachste du? Klahren? Die ham se woll mitn <lb/>
         Klammerbeutel jepudert? Wat denn – klahren? Der laßt <lb/>
         ihr hochjehn, det weeßte doch janz jenau! Natierlich – det <lb/>
         wirst du mir nich lernen, wie man diß macht! Ochse! Een <lb/>
         Ochse bist du – allemal! Nein. Neien! Mensch, wenn du so
        <pb facs="#0331" n="328"/>
        <lb/>
         lang wärst wie de dumm bist, könntste aus der Dachrinne <lb/>
         saufen! Ick bleibe bei mein Wort. Also paß ma uff:</p>
      <p>
        <lb/>
         Nu sitzt se da mit den Amöblemang. Nu hatten wir jestan <lb/>
         bei Schippanowsky ieber die Sache jeredt – Lottchen wah ooch <lb/>
         da und der dicke Mattberg, der immer den Stolzen markiert, <lb/>
         und denn Hejemann. Also ick bringe det Jespräch so janz <lb/>
         pee a pee uff sehr feine Art uff die Sache … ick ha se erscht <lb/>
         n bisken wat injejehm, na, nich Medessin … Emil? Emil! <lb/>
         Bist du noch da? Und nach ne halbe Stunde wahn se denn <lb/>
         so weit. Ja. Hejemann wah jleich fett … mit die andern <lb/>
         konnt ick noch redn. Ick habe sie det anjebotn … und bei die <lb/>
         Jelegenheit hat sich noch n andret Jeschäft ajehm … Emil? <lb/>
         Emil – hättste Lust, deine olle Laube jejen einen Rennkahn <lb/>
         umzutauschen – det heeßt – den nimmt dir der Mattberch <lb/>
         wieda ab, det is bloß die Form wejen. Er nimmt die Laube, <lb/>
         und denn jibt er dir den Kahn … det heeßt: der Kahn jeheert <lb/>
         n jahnich … er jibbt n bloß so lange aß seinen aus, bis <lb/>
         daß er die Forderung beijetriehm hat … von Hejemann ju-<lb/>
         nior! Den kennste doch, wa? Emil? Emil! Wat hältst du <lb/>
         von die Sache? Wacht ma! Emma rummelt hier so mit die <lb/>
         Meebel! Emma! Wißte jleich stille sind! Na, laß mir man <lb/>
         hier fechtig sein – denn kriste aba von Vatan eene je-<lb/>
         klebt, dette dir um dir selber trieselst! Emil! Emil – wat <lb/>
         hältst du von die Sache? Wat? Det willste nich machen? <lb/>
         Woso nich? Warum willste det nich machen? Det is n dod-<lb/>
         sichres Jeschäft! Wat? Na, Mensch, du mußt da aba ornt-<lb/>
         lich eenen jehohm haben – du saufst ooch, bis daß dir der <lb/>
         Schnaps aus de Ohren looft. Warum wißte denn det nich <lb/>
         machen? Mattberg tritt die Forderung ab, wattn, wattn … <lb/>
         Sicherheit? Wir sind hier nich bei de Reichsbank, do! Wat <lb/>
         sachste? Det willste nich? Det willste nich? Na, denn werk <lb/>
         dir mah wat sahrn:</p>
      <pb facs="#0332" n="329"/>
      <p>
        <lb/>
         Du bist eene janz dusslige Rotzneese, wo nich in de Zeit <lb/>
         paßt! Ja, nu – wos mit die Dollaren aus ist, da paßt er! <lb/>
         Na, vor dir machen se keene neue Inflation! Vor dir nich! <lb/>
         Na, jeh doch! Na, mach doch! Du wirst den Zaun nich <lb/>
         pinseln! Du nich! Aber det wick dir noch sahren – ick <lb/>
         wer dir mal sahren, wat du mir kannst – du kannst mir –</p>
      <p>
        <lb/>
         Emil! Emil! Emil! Ja? Ick plauderte jrade mit den Herrn! <lb/>
         Wat sacht er –? Na, is dett die Menschenmeeglichkeit!</p>
      <p>
        <lb/>
         Jetzt hat der jetrennt, weil ich ihm nich hochdeutsch jenuch <lb/>
         jesprochen habe! Fernamt! Frollein, ick habe jesprochen wie <lb/>
         unsa Pastor in de Kirche, und der trennt?</p>
      <p>
        <lb/>
         So wie ick hier spreche – ach wat, Dialekt! Dialekt! Ick <lb/>
         spreche keen Dialekt – ich spreche Deutsch, vastehn Se mir? <lb/>
         So wie ick spreche: mir vastehn ja die Nejer. N wie Nathan … <lb/>
         Wech.</p>
      <p>
        <lb/>
         So, Emma, nu kriste dein Fett von Vatan!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">O you my sweet evening star</hi>!</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Kaufen Sie sich, lieber Emil Ludwig, Columbia Num-<lb/>
         mer 14 002, gucken Sie nicht aufs Etikett und lassen Sie <lb/>
         die Platte auf dem kostbaren Grammophon laufen, das <lb/>
         Ihnen unser Verleger Rowohlt in einem Anfall von Cä-<lb/>
         sarenwahn geschenkt hat, wie ich hoffe. Folgendes wird sich <lb/>
         dann begeben:</p>
      <p>
        <lb/>
         Da spielt einer Wagner, und zwar das schöne Lied von <lb/>
         dem Herrn Abendstern. Aber wie spielt er es? Auf die ein-<lb/>
         zig mögliche Weise, in der man es noch spielen kann, näm-<lb/>
         lich als Jazz. Lieber Emil Ludwig, es ist ganz großartig.</p>
      <p>
        <lb/>
         Auf einmal ist alles nicht mehr wahr: die Eierkuchen-<lb/>
         sentimentalität nicht und nicht jene butterweiche Rührsam-
        <pb facs="#0333" n="330"/>
        <lb/>
         keit, mit der dieses Gedudel angemacht ist; fort ist das <lb/>
         Pathos aus Sachsen und der trutz’ge Krach, der sich als <lb/>
         Rassenstolz ausgegeben hat (eine der Kriegsursachen); ge-<lb/>
         blieben ist etwas andres. Geblieben ist eine luftige, lustige <lb/>
         und nette Melodie, von der man nur wünschen könnte, der <lb/>
         Meister hätte sie so geschrieben, wie sie da gespielt wird: <lb/>
         unerbittlich rhythmisch wie eine Nähmaschine und sehr hopp-<lb/>
         hopp. Wie da zum Beispiel der Refrain des schönen Cou-<lb/>
         plets </p>
      <lg type="poem">
        <lb/>
        <l>„Ja, unterm holden Abendstern,</l>
        <lb/>
        <l>da hätt ich sie wohl gar zu gern –“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
         wie diese Zeilen als Tanztakte erklingen, das ist fürwahr ganz <lb/>
         wunderbar. Es gibt eine unwiderlegbare Probe für den Wert <lb/>
         dieser Umgestaltung: man hört das wackere Lied fortab nur <lb/>
         noch im neuen Rhythmus, mit den eingelegten Pausen, hän-<lb/>
         gend am stählernen Tau des Viervierteltaktes. Da ist nichts <lb/>
         mehr zu retten, so hätte es gleich erklingen sollen; die Parodie <lb/>
         rückt das Werk des großen Sachsen erst richtig zurecht, hier <lb/>
         ist die wahre Gestalt, und Parodie war nur das Original.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sehen Sie, auf der Rückseite der Platte haben sie das-<lb/>
         selbe mit Chopin gemacht, und da gehts nicht. Selbst Pach-<lb/>
         mann auf Elektrola kann nicht mehr retten, was an dem <lb/>
         veraltet ist, aus vergilbten Tasten steigt ein schwacher La-<lb/>
         vendelgeruch auf – und doch ist diese Chopin-Platte ver-<lb/>
         zerrt und nur ein amüsantes Kunststück. Unsterblich klingt <lb/>
         der Walzer-Rhythmus durch das Gehämmer, das als Spaß <lb/>
         grade noch zu ertragen ist.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bei Wagnern aber enthüllt es ein ganzes Opus. Es ist <lb/>
         viel mehr als ein Offenbachscher Ulk –: es ist die Selbst-<lb/>
         sicherheit einer neuen klaren Zeit, unbeweglicher Hohn auf <lb/>
         die Pendant-Ideale eines gutbürgerlichen Vertikos aus dem
        <pb facs="#0334" n="331"/>
        <lb/>
         Jahre 1891 oder eines Landgerichtsdirektors aus dem Jahre <lb/>
         1931 und die pfeifende Lebensfreude einer Kraft, die No-<lb/>
         tung, das neidige Schwert, in Serien bei Armstrong, Krupp <lb/>
         und Schneider-Creusot in Auftrag gegeben hat. Viel Ver-<lb/>
         gnügen –!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der kranke Zeisig</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#i">Für Grete Wels</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wartezimmer bei <hi rendition="#g">Professor Latschko</hi>, dem großen Endo-<lb/>
         krenologen für externe Internie. Zeisig – der bekannte <hi rendition="#g">Herr Zeisig</hi>, <lb/>
         der Sohn des Kaplans Zeisig – sitzt auf einem Stühlchen und hat ge-<lb/>
         lesen: Bade-Anzeiger des Kurorts Bad Stargard; Verzeichnis der <lb/>
         Heilbäder der Uckermark; Verzeichnis der Fußbäder im Oberen Lötsch-<lb/>
         tal; Velhagen und Klasings Monatshefte, März 1919. <hi rendition="#g">Herr Zeisig</hi>
        <lb/>
         will grade lesen: Velhagen und Klasings Monatshefte, April 1897, <lb/>
         da öffnet sich die Tür des Sprechzimmers, und eine volle Dame, die so <lb/>
         krank ist, daß sie vor Stolz keinen ansieht, geht, für etwa 45 Mark ge-<lb/>
         heilt, heraus. Die Tür schließt sich. Pause. <hi rendition="#g">Eine Schwester</hi>
        <lb/>
         erscheint. Sie trägt eine sterilisierte Tracht und gleitet sanft dahin; <lb/>
         sie sieht aus wie ein Geheimrat im Finanzministerium auf Rollen. <lb/>
         Bitte! sagt sie. Zeisign ist auf einmal sehr gesund ums Herz. Er will <lb/>
         da nicht hinein. Er muß. Er tritt also ins Konsultationszimmer des <lb/>
         Herrn Professor Latschko. Gediegene Inneneinrichtung. Alles atmet <lb/>
         den Geist hoher Wissenschaft und strenger Honorare. <hi rendition="#g">Zeisig</hi> seiner-<lb/>
         seits wagt kaum zu atmen. Denn der <hi rendition="#g">Professor</hi> sitzt an seinem <lb/>
         Schreibtisch und schreibt emsig sowie auch würdevoll. Er ist ein älterer, <lb/>
         straffer Mann, bartlos, nur seine Seele trägt eine Brille; männliche <lb/>
         Energie und etwas Sacharin-Lyrik, erworben im Verkehr mit gut <lb/>
         zahlenden Patientinnen, haben sich hier gepaart.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> räuspert sich, sehr vorsichtig.</p>
      <pb facs="#0335" n="332"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> schreibt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> wartet sich eins.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> blickt auf. Nun … was führt Sie hierher?</p>
      <p>
        <lb/>
         Auf diese Frage war <hi rendition="#g">der Zeisig</hi> nicht vorbereitet. Er hatte <lb/>
         gedacht, die Konsultation würde mit einem kleinen Schwätzchen be-<lb/>
         ginnen. Wo nun anfangen! Ich … iche … mein Name ist <lb/>
         Zeisig.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> drückt durch seine Stummheit aus: Wir haben <lb/>
         schon ganz andre Krankheiten geheilt!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>. Herr Professor … Ich habe … ich bin … <lb/>
         das heißt also: es sind mehr so allgemeine Beschwerden. Meine <lb/>
         Arbeitskraft ist herabgesetzt; es ist so eine allgemeine Müdig-<lb/>
         keit, vielleicht auch die Leber … manchmal habe ich Herz-<lb/>
         stiche, und dann tun mir die Füße weh. Es muß also wohl die <lb/>
         Blase sein. Wir hatten in meiner Familie einen Fall, wo meine <lb/>
         Tante Elfriede an chronischer Schwangerschaft …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Was sind Sie?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Vasomotoriker.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> sanft wie ein Irrenarzt, bevor er „Dauerbad!“ <lb/>
         sagt: Von Beruf!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Nähmaschinen-Grossist.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Nun mal weiter.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Also es ist sicherlich die Blase. Wenn ich lache, <lb/>
         dann tut es mir weh, und wenn ich morgens aufwache, muß <lb/>
         ich immer an Zuckerhüte denken. Es ist wie eine Zwangs-<lb/>
         vorstellung – immer Zuckerhüte. Auch mit der Verdauung ist das <lb/>
         nicht mehr so wie früher … es macht mir nicht mehr solchen <lb/>
         Spaß. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Ich komme auf <lb/>
         Empfehlung meines Hausarztes, des Herrn Doktor Bullett.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>, ein General, hat den Namen dieses Lands-<lb/>
         knechts der Wissenschaft nicht gehört, er will ihn nicht gehört haben.
        <pb facs="#0336" n="333"/>
        <lb/>
         Merkwürdig, was für Leute den Arztberuf ausüben dürfen …! So. <lb/>
         Wie ist es denn mit den Augen? Sehen Sie gut?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>, der stolz darauf ist, daß er Schiffe am Horizont <lb/>
         in Westerland eher sehen kann als alle andern: Gottseidank. Sehr gut.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Das Gehör?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Ausgezeichnet.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Waren Sie mal geschlechtskrank?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Fast gar nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Rauchen Sie?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Ja. Aber nur orthopädischen Tabak.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Alkohol?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Nur Wein, Bier und etwas Likör.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Ihre politische Zugehörigkeit?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Deutsche Staatspartei.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> ist beruhigt. Linksleute behandelt er nicht, <lb/>
         wegen fein. Sie rauchen also? Welche Sorte? Das ist wichtig.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Ich rauche Brasilzigarren und türkische Ziga-<lb/>
         retten … hauptsächlich.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> ist froh, daß der Mann überhaupt raucht. Er <lb/>
         blickt hier und da auf eine verborgene Aschenschale, in der sich eine <lb/>
         Zigarre allein raucht: Jedenfalls rauchen Sie nicht zu viel! Ihr <lb/>
         Haarschnitt?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>:? –?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Hinten zu kurz. Diese Mode befördert die <lb/>
         Erkältungen. Ihre Rasierseife?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Eine Eau-de-Cologne-Seife.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>, immer noch wie eine Statue, aus Schmalz <lb/>
         gehauen: Bitte – kommen Sie mit!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> bereut es entsetzlich, sich diesem Menschen überant-<lb/>
         wortet zu haben. Er denkt: Ob es weh tut? So – jetzt wird sich ja <lb/>
         herausstellen, was es ist; der Professor wird staunen; mal sehen, ob <lb/>
         er das überhaupt kann! So einen interessanten Fall hat er sicherlich
        <pb facs="#0337" n="334"/>
        <lb/>
         noch nie gesehen … ob es sehr weh tun wird? Sie gehen ins Be-<lb/>
         handlungszimmer.</p>
      <p>
        <lb/>
         Darin sieht es aus wie in einer Granatendreherei. Blitzende <lb/>
         Apparate, glänzendes Nickel, strahlende Messingarme und elektrische <lb/>
         Lämpchen: alles offenbart den Geist einer von der größtenteils jüdi-<lb/>
         schen Kundschaft geforderten Polypragmasie. Ein Arzt, was keine <lb/>
         Apparate hat, ist ein schlechter Arzt; man muß mit seiner Zeit mitgehen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Machen Sie sich frei, und legen Sie sich hin!</p>
      <p>
        <lb/>
         Das tut <hi rendition="#g">der Zeisig</hi>; es ist sein Stolz, immer und an jedem Tag <lb/>
         vor einen Arzt treten zu können. Er hält sich sauber, schon, weil man <lb/>
         ja auf der Straße überfahren werden kann. Er legt sich, sieht an die <lb/>
         Decke und ist auf einmal sehr krank.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> hat der Schwester, die stumm eingetreten ist, ge-<lb/>
         winkt. Sie geht an das Kopfende des Ruhebettes und macht kein <lb/>
         Gesicht. <hi rendition="#g">Der Professor</hi> holt Atem, bekommt einen merkwürdig <lb/>
         starren Ausdruck in den Augen; er hat ein Feldtelephon in der Hand <lb/>
         und fragt das Zeisigsche Herz: „Hallo, hier Professor Latschko! Wer <lb/>
         dort?“ Das Herz: Puck-puck – puckpuckpuck … pick-pick … ffft … <lb/>
         ffft … puckpuckpuck … Ruhig atmen! Nicht stauen! Das Herz <lb/>
         telephoniert weiter; <hi rendition="#g">der Professor</hi> hat abgehängt. Er läßt sich <lb/>
         nun mit der Lunge verbinden. Die Lunge: Hach-huach –! hach-huach … <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> versetzt dem Zeisig einen leichten Schlag auf das <lb/>
         Knie; das Bein hopst artig hoch, wie es das gelernt hat.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> bekommt einen kleinen Schrecken, denn <hi rendition="#g"
          >der Pro-<lb/>
           fessor</hi> hat ihm mit einem spitzen und tückischen Messerchen eine In-<lb/>
         schrift auf die haarige Brust gekratzt: <hi rendition="#aq">CARMOL TUT WOHL</hi>! Die <lb/>
         Haut schreit rot auf und verstummt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> mißt den Blutdruck: viertel sieben. Geht nach.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> sieht sich die Hände Zeisigs an, läßt nachdenklich <lb/>
         dessen Zehen durch seine Finger gleiten, gebietet ihm, sich herum-<lb/>
         zudrehen und murmelt etwas zur Schwester. Ein Apparat surrt. <lb/>
        <hi rendition="#g">Zeisig</hi> sieht nichts. Sie machen etwas mit ihm; nun ist seine Lebens-
        <pb facs="#0338" n="335"/>
        <lb/>
         kraftwesentlich gehobener. Er bekommt langsam Vertrauen zu diesem <lb/>
         Professor – der Mann versteht sein Handwerk! Und so gründlich! <lb/>
         Gründlich ist, wenns lange dauert. Nun muß er in ein Töpfchen <lb/>
         machen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> heißt Zeisign sich auf einen Stuhl setzen. Er <lb/>
         sieht ihm in die Augen, hält erst ein Auge zu, dann das andre; er <lb/>
         leuchtet ihn mit kleinen Scheinwerfern an und schaltet aus; dann <lb/>
         muß der Zeisig den Schnabel aufmachen, <hi rendition="#g">der Professor</hi> hält sich <lb/>
         an Zeisigs Zunge fest und sieht mit einem Kehlkopfspiegel nach, ob <lb/>
         sein Schlips richtig sitzt: Ziehen Sie sich wieder an! Die Schwe-<lb/>
         ster verschwindet; die Beiden gehen zurück ins Konsultationszimmer.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> ist in der Stimmung eines Schülers, der seinen Auf-<lb/>
         satz zurückbekommt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Sie sind völlig gesund und bedürfen dem-<lb/>
         gemäß einer gründlichen Behandlung. Zu einer Sorge ist durch-<lb/>
         aus kein Anlaß gegeben – immerhin: Seien Sie vorsichtig, <lb/>
         sonst könnte Ihnen eines Tages etwas passieren. Sie gehören <lb/>
         zum Typus der vegetativ Stigmatisierten; eine gewisse mitrale <lb/>
         Konfiguration läßt auf das Bestehen eines endokrenen Ringes <lb/>
         schließen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Dem Zeisig</hi> wird es wirblig. Er lauscht angestrengt und ist be-<lb/>
         strebt, jedes Wort des großen Medizinmannes in sich hineinzusaugen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: An der Blase haben Sie nichts. Eine ganz <lb/>
         leichte Leberschwellung ist allerdings vorhanden …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi>: Das sagte mir Doktor Bullett auch …</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Dem Professor</hi> macht auf einmal die ganze Diagnose keinen <lb/>
         Spaß mehr. Auch! Was heißt: auch? Wenn zwei Ärzte derselben <lb/>
         Meinung sind, dann ist einer davon überhaupt kein Arzt. Immerhin <lb/>
         ist die Reihenfolge die: Der große Latschko – dann etwa vier Licht-<lb/>
         jahre nichts – dann seine Assistenten – dann irgendwelche andren <lb/>
         Ärzte – dann dieser Doktor … wie war der Name? Boulette? <lb/>
         Dann ein Trennungsstrich. Dahinter das Heer der Laien: das Ma-
        <pb facs="#0339" n="336"/>
        <lb/>
         terial. Man kann im Notfall eine Theorie fallen lassen; man kann <lb/>
         keinen Kollegen fallen lassen. Latschko geht daher zu etwas anderm <lb/>
         über. Wir wissen heute, daß die Hypophyse und solche leicht <lb/>
         tonischen und vasomotorischen Störungen vom Stoffwechsel <lb/>
         ausgehen. Hand in Hand mit der Beeinflussung des Stoff-<lb/>
         wechsels muß eine Entspannungskur treten; ich sage Ihnen <lb/>
         gleich, daß ich von der Psychoanalyse nichts halte, dagegen <lb/>
         werde ich Sie mit Hormonen behandeln. Sie haben zu wenig. <lb/>
         Manchmal auch zuviel. Auf alle Fälle die falschen. Ich <lb/>
         habe Ihnen den Thymus perkutiert – möglich, daß da noch <lb/>
         infantile Residuen vorhanden sind; jedenfalls gehören Sie zum <lb/>
         thymoplastischen Typ.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> ist gänzlich verdattert. Wüßte er, daß die Thymus-<lb/>
         Untersuchung ihre wahre Bestätigung erst bei der Sektion fände, <lb/>
         er wäre es noch mehr.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Nun zum Diätzettel. Keine Rheinweine, <lb/>
         nur junge Moselweine – keine jungen Pfälzerweine. Keine <lb/>
         Zigarren mit Fehlfarben; keine lange Pfeife, nur kurze Pfeife. <lb/>
         Und vor allem ein andern Haarschnitt! Und Teerseife! Ist Ihr <lb/>
         Sexualleben in Ordnung?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> rekapituliert blitzschnell die diesbezüglichen Vorwürfe <lb/>
         Lillys und sagt Ja.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Das habe ich mir gedacht; also müssen wir <lb/>
         da etwas tun. Ich habe mit der Methode, die ich bei Ihnen <lb/>
         anwenden werde, gute Erfolge erzielt, so neu sie ist; in leichtern <lb/>
         Fällen hilft auch die Terminologie. Wir haben in meiner Klinik <lb/>
         schon sehr schwere Fälle von solchen Herz- und Nierenkranken <lb/>
         gehabt … wir haben immerhin erreicht, daß wir sie entlassen <lb/>
         konnten, damit sie anderswo eingingen. Ich schreibe Ihnen hier <lb/>
         zunächst einmal Tropfen auf – die nehmen Sie, vierzehn Tropfen <lb/>
         vor dem Mittagessen, zweiundzwanzigeinenhalben nach dem <lb/>
         Abendessen und ein kleines Wasserglas voll vor dem Aufstehen.
        <pb facs="#0340" n="337"/>
        <lb/>
         Ich werde Ihnen wöchentlich drei Spritzen machen: eine sub-<lb/>
         kutan, eine intravenös und eine intramuskulär.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> hat Angst und vertagt dieselbe.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Vor allem schonen Sie sich und muten <lb/>
         Sie sich nicht zu viel zu. Das Nähmaschinengeschäft ist mit <lb/>
         speziellen Aufregungen verknüpft; es treten dann Ermüdungs-<lb/>
         erscheinungen hinzu … dergleichen kann einen Mann wie Sie </p>
      <p>untauglich machen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> hat auf das Reizwort „untauglich“ einen Associations-<lb/>
         Kurzschluß. Er sieht den Professor plötzlich in Uniform vor sich, die <lb/>
         Konsultation kostet gar nichts, und <hi rendition="#g">der Professor</hi> sagt mit einem <lb/>
         Ausdruck, wie wenn er in einen Pferdeapfel gegriffen hätte: <hi rendition="#aq">„k.
          v.“</hi>
        <lb/>
         Die Vision verschwindet.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi>: Der Laie überschätzt naturgemäß diese <lb/>
         Symptome, die – verstehen Sie mich recht – eigentlich gar <lb/>
         keine Symptome sind. Für mich sind diese Dinge, von denen Sie <lb/>
         mir da erzählen, Folgeerscheinungen; es ist wichtig, daß Sie sich <lb/>
         das immer vor Augen halten: Folgeerscheinungen. Sie bleiben <lb/>
         in Berlin? Ich werde Sie behandeln; schlagen Sie sich den Ge-<lb/>
         danken aus dem Kopf, mit aller Gewalt gesund zu werden – <lb/>
         das ist nicht der Zweck der Medizin. Die Medizin ist eine Wissen-<lb/>
         schaft, also der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen <lb/>
         Terminologie. Laien verspüren leicht Schmerzen: das ist völlig <lb/>
         irrelevant. Es handelt sich nicht darum, den Schmerz zu be-<lb/>
         seitigen – es handelt sich darum, ihn in eine Kategorie zu <lb/>
         bringen! Hier ist das Rezept.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es entsteht eine eigentümliche Pause. <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> wäre sehr er-<lb/>
         leichtert, wenn <hi rendition="#g">der Professor</hi> jetzt sagte: „Na, Schatz, was
        schenkst <lb/>
         du mir denn –?“ <hi rendition="#g">Der Professor</hi> sagts aber nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> ungeheuer klein und bescheiden: Was … was bin <lb/>
         ich Ihnen schuldig, Herr Professor?</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> groß, aber leichthin: Fünfzig Mark.</p>
      <pb facs="#0341" n="338"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> hat auf der äußersten Zungenspitze: „Fünfzig Mark? <lb/>
         Fünfunddreißig! Valuta 1. Dezember – Wer zahlt mir …!“, bremst <lb/>
         aber im letzten Augenblick und zahlt so schnell und schämig, als ver-<lb/>
         richte er ein kleines Geschäft, während gleich jemand um die Ecke <lb/>
         kommt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Professor</hi> nimmt, schließt ein und steht auf.</p>
      <p>
        <lb/>
         Händedruck, Verbeugung. Zeisig ab.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Der Zeisig</hi> draußen: Das mit den Zuckerhüten … das <lb/>
         muß ich ihn nächstes Mal noch fragen …! Ob es Zucker ist? <lb/>
         Ich werde doch noch einen Spezialisten konsultieren! – Aber <lb/>
         nun wird dem Zeisig plötzlich ganz durchsichtig im Gemüt; er winkt <lb/>
         noch einmal schwach mit der Hand, dann löst er sich in Whisky auf, <lb/>
         aus dem er gekommen ist, und der Autor dieser Szene trinkt ihn aus.</p>
      <p>
        <lb/>
         Lasset uns beten!</p>
      <p>
        <lb/>
         Heiliger Aeskulap! der du die Ärzte eingesetzt hast, auf daß <lb/>
         sie eine Beschäftigung haben, sowie die meschuggenen Pa-<lb/>
         tienten, auf daß sie Valerian bekommen, so es Kassenpatienten <lb/>
         sind, Insulin aber, so sie es bezahlen können; der du die Heil-<lb/>
         methoden erfunden hattest, die da wechseln wie die Hutmoden <lb/>
         und kleidsam sind bis zum Exitus; der du alljährlich auf die <lb/>
         Menschheit einen ganzen Waschkorb junger Doktoren losläßt, <lb/>
         die den Herrn Wendriner mit Fremdwörtern und mit dem <lb/>
         neuen Medikament Eizeïn behandeln; der du den medizinischen <lb/>
         Spießer zum Erzpriester machst, weil der Patient seinen <lb/>
         Wundermann braucht!</p>
      <p>
        <lb/>
         Heiliger Aeskulap! der du die Chirurgen geschaffen hast, <lb/>
         auf daß das Überflüssige am Menschen entfernt werde, und <lb/>
         die Hals-Spezialisten, auf daß die Chirurgen nicht alles allein <lb/>
         operieren; der du die Gynäkologen schufest, die zu Ende <lb/>
         führen, was der Ehemann so unvollkommen angefangen; <lb/>
         welches Wunder, daß diese Ärzte noch Frauen lieben – aber
        <pb facs="#0342" n="339"/>
        <lb/>
         siehe: grade diese lieben Frauen! Der du Homoiopathen und <lb/>
         Allopathen schufest, damit der Kranke wenigstens weiß, wovon <lb/>
         ihm schlecht wird; sowie auch die Hautärzte, die sich über <lb/>
         gar nichts mehr wundern; und die Psychiater, die aus Seelen-<lb/>
         verwandtschaft mit den Verrückten sogar die Vornamen der <lb/>
         Geisteskrankheiten kennen!</p>
      <p>
        <lb/>
         Heiliger Aeskulap! der du die Doktoren geschaffen hast, <lb/>
         deren Wissen zusammenknallt, wenn sie selber einmal Pa-<lb/>
         tienten sind; Mediziner, die solange Fortschritte machen, bis <lb/>
         sie wieder bei Hippokrates angelangt sind:</p>
      <p>
        <lb/>
         gepriesen werde dein Name –!<lb/>
         Amen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Gespräch auf einem Diplomatenempfang</hi></p>
      <quote>
        <lb/>
        <hi rendition="#right">In langen Kleidern und mit onduliertem Mäul-<lb/>
           chen zu sprechen</hi></quote>
      <p>
        <lb/>
         – „Ei, guten Tag, meine liebe Frau Doktor Zeisig! Wie ich <lb/>
         sehe, sind auch Sie zu diesem exklusiven Empfang erschienen! <lb/>
         Es ist heute abend sehr interessant!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ja, es ist sehr interessant. Sehen Sie nur: Dort Frau Frän-<lb/>
         kel und dort Frau Grünfeld sowie auch Frau Geheimrat <lb/>
         Ravené! Es ist wirklich ungeheuer interessant! Und da – traue <lb/>
         ich meinen Augen? Ein Japaner! Jetzt setzt er sich. Sicher <lb/>
         ein hochstehender Diplomat! Es ist fabelhaft anregend! Die <lb/>
         Diplomatie, ist sie doch so recht Kotzpröpfchens Zeitvertreib!“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Nichts ist so interessant wie die Welt der Diplomatie. Mein <lb/>
         Mann ist Kaufmann, demzufolge Industrieller, kurz, ein Wirt-<lb/>
         schaftsführer – aber die Diplomatie, sie hebt uns doch un-<lb/>
         geheuer. Von allen anständigen Wörtern sage ich am liebsten: <lb/>
         Doyen. Wie wohl das tut! Wer ist jener –? Der so interessant <lb/>
         hinkt?“</p>
      <pb facs="#0343" n="340"/>
      <p>
        <lb/>
         „Es ist der litauische Gesandte.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „P! Randstaaten. Erlauben Sie, daß ich rümpfe.“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Wen oder was?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Mein feingeschnittenes Näschen. Hh! Randstaaten! Wir <lb/>
         unsrerseits gehen nur in die Botschaften. Nichts, was mich in <lb/>
         so angenehme Stimmung versetzt wie das diplomatische Korps! <lb/>
         Es hebt mich über mich selbst. Ich habe das auch nötig.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Die diplomatischen Empfänge haben der Judenheit das <lb/>
         Chanuka-Fest ersetzt.“</p>
      <p>
        <lb/>
         (<hi rendition="#smaller">Sie tritt sich in den Tüll</hi>)</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wie bezaubernd Sie heute abend wieder aussehen, meine <lb/>
         liebe Frau Doktor Zeisig! Sie sind stets damenhaft, vornehm <lb/>
         und diskret-elegant! Welche Verwandlung! Wie machen Sie es <lb/>
         nur? Am Tage bei der Arbeit, beim Sport und am Volant – <lb/>
         und abends eine Wolke von Zartheit und Schmirgelsamkeit. So <lb/>
         habe ich es wenigstens in der Zeitung gelesen.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Versteht sich, meine Liebe. Das macht: ich trage einen <lb/>
         Büstenbagger. Unsere neue Mode (<hi rendition="#smaller">sie überreicht ihr Cape einem <lb/>
           Kavalier, der so aussieht, als halte er sich für einen Gent</hi>), unsre <lb/>
         neue Mode ist eine Auferstehung des Bürgertums. Vorbei die <lb/>
         Gürl-Ideale der Inflation – die Welt beruhigt sich und wird <lb/>
         schöner mit jedem Tag. Ich bin eine geborene Sobernheim, <lb/>
         trage einen hochstehenden Kragen und erinnere demgemäß an <lb/>
         Dantes Beatrice sowie an die Bilder der Prae-Israeliten!“</p>
      <p>
        <lb/>
         (<hi rendition="#smaller">Sie tritt sich in den Tüll</hi>)</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Auch ich kleide mich, wie es die neue Mode gebeut – <lb/>
         allerdings so viel Schmuck wie diese Frau da … mein Mann ist <lb/>
         kein indischer Nabelbob! Sehen Sie den jungen Menschen? <lb/>
         Wer mag er sein?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Der im Zmoking? Es ist der Doktor Florian, ein be-<lb/>
         kannter Ultimo-Kommunist; nach dem Ersten, wenn er Geld hat, <lb/>
         gehört er wieder zu uns.“</p>
      <pb facs="#0344" n="341"/>
      <p>
        <lb/>
         – „Potz. Und wo werden Sie morgen weilen, meine liebe <lb/>
         Frau Doktor Zeisig?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wir gehen in ein dem Herrn Jakob Michael gehöriges <lb/>
         Spekulationsobjekt: in ein Theater. Wir haben Plätze direkt <lb/>
         unter der ersten Hypothek. Es wird ein Stück im fünffüßigen <lb/>
         Rhombus aufgeführt werden. Sie fragen gütigerweise nach dem <lb/>
         Autor? Heute ist es noch ein alter Engländer – von wem das <lb/>
         Stück morgen sein wird: wer weiß das! Gott ist verhältnis-<lb/>
         mäßig groß. Auch ist Musik mit dem Stück verbunden: ein <lb/>
         Thema mit Vaginationen. Sehen Sie aber dort: wie hoch-<lb/>
         interessant! Wie aufregend! Der im Frack!“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Sicher ein Staatssekretär. Er ist vom A. A. Apropos, <lb/>
         wie geht es Ihrem Baby?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Danke! Es kann schon ‚Einstellung‘ sagen. Und Sie? <lb/>
         Erwarten Sie nicht ein solches?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Ich bin davon abgekommen … (<hi rendition="#smaller">Sie tritt sich in den Tüll.</hi>) <lb/>
         Schauen Sie, schauen Sie: lauter Diplomaten! Sie sehen aus, <lb/>
         als seien sie von Geheimnissen umwittert, die sie vergessen haben. <lb/>
         Waren Sie übrigens neulich dabei, als unsre kleine Botschafterin, <lb/>
         die so gut Golf spielt, den Nuntius conzipierte? Es war ein <lb/>
         schöner Nachmittag! Und sehn Sie nur – der da! Es ist ein Bot-<lb/>
         schaftssekretär, aus der Rauchstraße. Betrachten Sie ihn – <lb/>
         diese Denkerstirn!“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Denkerstirn? Schütteln Sie nicht an diesem Wort. Er <lb/>
         denkt wahrscheinlich nach, wozu er eigentlich in Berlin ist. Schau, <lb/>
         schau! Auch eine Künstlerin pfom Pfilm! Wie sieht sie aus?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Sie sieht aus wie die Weinabteilung eines Bierrestau-<lb/>
         rants. Jüngst sah ich ihrer vier Stück auf einem Rout. Auch <lb/>
         eine ungarische Chansonniere war dortselbst anwesend. Sie be-<lb/>
         wies mit unerhörter Raffinesse ihre bravouröse Charmanz.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Ja, ja … die schönen Künste … Und Sie selbst? Sie <lb/>
         sind sportsausüblich?“</p>
      <pb facs="#0345" n="342"/>
      <p>
        <lb/>
         – „Ich laufe ein wenig Gummi-Ski. Sie sprechen heute so <lb/>
         ein schräges Deutsch?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Ich muß es wohl. Es ist der Stil unsrer Zeit. Vorbei <lb/>
         die karge Sachlichkeit; wir haben die neue Romantik entdeckt, <lb/>
         sie bringt unsern Schriftstellern viel Geldes; es füllt die Spalten, <lb/>
         mit Verlaub zu sagen. Was macht Francesco?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Gestern brachte mir ein Telegraphenbube seinen fern-<lb/>
         mündlichen Brief. Nun also will er es ernstlich tun. Er will <lb/>
         Kinder gründen.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Er war Ihr Freund?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Er war es. Vorbei. Ich bin eine Wolke von Zartheit <lb/>
         und Hilfsbedürftigkeit, aber wenn mir dieses Stückchen Modder <lb/>
         noch einmal in die Quere kommt …“</p>
      <p>
        <lb/>
         (<hi rendition="#smaller">Sie tritt sich in den Tüll</hi>)</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Was werden Sie tun?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Ein Feuilleton aus ihm machen. Ich kann nicht malen, <lb/>
         das habe ich nicht gelernt. Ich kann keine Konzerte geben, das <lb/>
         kostet viel Geld. Aber schreiben … schreiben kann jeder. Das <lb/>
         wäre gelacht! Es ist angenehm, man braucht nicht dabei zu <lb/>
         denken, und bezahlt wird es auch noch.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Sie sprechen von der Liebe?“</p>
      <p>
        <lb/>
         – (<hi rendition="#smaller">fein spöttisch</hi>) „Sie waren wohl geistlich abwesend, meine <lb/>
         liebe Frau Doktor Zeisig! Die Liebe! Mein Mann, der be-<lb/>
         kannte Pazifist zu Fuß, erinnerte mich stets an seine französische <lb/>
         Freundin, die zu sagen pflegte: <hi rendition="#aq">On fera l’amour – l’après-midi <lb/>
           pour toi, le soir pour moi, le matin pour nous et la nuit <lb/>
           pour les pauvres</hi>.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Paris, das ist altes Spiel, meine Gute. London! New <lb/>
         York! Die angelsächsische Rasse! Der Secks Appiehl! Neulich <lb/>
         hörte ich in einem Dancing in Nizza einen armen kleinen Gigolo
        <pb facs="#0346" n="343"/>
        <lb/>
         sagen: <hi rendition="#aq">Une femme! Une femme! Ça fait pipi avec rien</hi>! Ich <lb/>
         wollte es nicht gehört haben.“</p>
      <p>
        <lb/>
         (<hi rendition="#smaller">Sie tritt sich in den Tüll</hi>)</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Sie taten gut daran, meine liebe Frau Zeisig; alle <lb/>
         Männer sind ein Schuft. Mein Gott, wie ist es hier doch inter-<lb/>
         essant! Wie atme ich große Welt! Atmen Sie sie auch große <lb/>
         Welt?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich … ja, jetzt atme ich sie auch. Wir alle atmen sie. Denn <lb/>
         wir in Berlin wissen doch immer, was sich gehört.</p>
      <p>
        <lb/>
         (<hi rendition="#smaller">Leise Musik</hi>)</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir in Berlin … wir sind doch das Allerfeinste, wo man hat. <lb/>
         Wir sind sozusagen: Zweite Klasse im Millionärstil. Wir sind <lb/>
         nicht von gestern, wir sind nicht von heute – wir sind schon von <lb/>
         übermorgen. Wir hören das Gras auf den Zähnen wachsen, und <lb/>
         wir eilen allen voran. Nur dürfen wir uns nicht umdrehn, denn <lb/>
         die andern eilen gar nicht mit.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wir in Berlin stellen glasierten Schund auf einen Sockel, <lb/>
         und dann bewundern wir: uns, den Sockel und die Bewunderer. <lb/>
         Den Sockel macht uns keiner nach. Wir sind stets <hi rendition="#aq">up to date</hi> –<lb/>
         immer auf dem Datum.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wir in Berlin haben früher, <hi rendition="#aq">ma chère</hi>, französische <lb/>
         Brocken ins Gespräch gestreut, und heute streuen wir englische, <lb/>
        <hi rendition="#aq">my darling</hi>. Wir müssen immer etwas haben, woran wir uns <lb/>
         hinaufranken. Wir sind nicht. Wir geben an.“</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Wir in Berlin sind überall dabei, aber wir kommen zu <lb/>
         nichts. Wir haben französischen Schick, englischen Sport, ameri-<lb/>
         kanisches Tempo und heimische Hast – nur uns selbst haben <lb/>
         wir nie gekannt.“</p>
      <p>
        <lb/>
         (<hi rendition="#smaller">Sie atmen große Welt</hi>)</p>
      <p>
        <lb/>
         – „Sahen Sie den bezaubernden King Charles der Mar-<lb/>
         chesa? Seine Augen sind wie grüne Jalousien, bei denen er auf-<lb/>
         gewachsen ist. Niedlich, wie er schon das Schwänzchen nach dem
        <pb facs="#0347" n="344"/>
        <lb/>
         Winde hängt! Apropos … dort sehe ich den Reichstagspräsi-<lb/>
         denten – eilen wir, daß wir ihn sehen, damit wir sagen können, <lb/>
         daß wir ihn gesehen haben!“</p>
      <p>
        <lb/>
         (<hi rendition="#smaller">Sie treten einander in den Tüll und entschweben</hi>)</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Deutsch für Amerikaner</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Sprachführer</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Ankunft</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Eingang verboten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ausgang verboten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Durchgang verboten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Herr Gepäckträger, tun Sie diese Koffer auf die leichte <lb/>
         Schulter nehmen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich werde mir einen Sonnabend daraus machen, mein <lb/>
         Herr.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ist jene Automobildroschke ledig?</p>
      <p>
        <lb/>
         Warten Sie, wir haben noch einen Golfhauer sowie zwei <lb/>
         Hüteschächtel.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dies hier ist Ihr Getränkegeld, ist es nicht?</p>
      <p>
        <lb/>
         Bezüglich dessen scheint es mir ein wenig wenig. (Sprich: <lb/>
         „krieje noch fummssich Fennje!“)</p>
      <p>
        <lb/>
         Autotreiber! Geh an! Ich ziehe das Christliche Hospiz vor!</p>
      <p>
        <lb/>
         Rauchen verboten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Parken verboten.</p>
      <p>
        <lb/>
         Durchfahrt verboten.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Begrüßungen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Guten Tag, wie fühlen Sie?</p>
      <p>
        <lb/>
         Heute ist ein wahrlich feiner Tag, ist es nicht?</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie sehen aus wie Ihre eigne Großmutter, gnädige Frau!</p>
      <p>
        <lb/>
         Darf ich Ihnen meinen lieben Mann vorstellen; nein, dieser hier!</p>
      <pb facs="#0348" n="345"/>
      <p>
        <lb/>
         Ich bin sehr froh, Sie zu sehen; wie geht es Ihrem Herrn <lb/>
         Stiefzwilling?</p>
      <p>
        <lb/>
         Werfen Sie das häßliche Kind weg, gnädige Frau; ich <lb/>
         mache Ihnen ein neues, ein viel schöneres.</p>
      <p>
        <lb/>
         Guten Morgen! (sprich: Mahlzeit!)</p>
      <p>
        <lb/>
         Guten Tag! (sprich: Mahlzeit!)</p>
      <p>
        <lb/>
         Guten Abend! (sprich: Mahlzeit!)</p>
      <p>
        <lb/>
         Danke, es geht uns gut – wir leben von der Differenz.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Im Restaurant</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Bringen Sie mir eine Portion Zahnstocher sowie das <lb/>
         Adressenbuch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist nicht mein Revier.</p>
      <p>
        <lb/>
         Meine Frau wünscht einen Wiener Schnitzer; ich habe <lb/>
         Zitronenschleim gewählt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist nicht mein Revier.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bringen Sie mir einen kokainfreien Kaffee.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir haben in Amerika die Verhinderung; bringen Sie mir <lb/>
         daher eine Flasche eisgekühlten Burgunders, auch drei Glä-<lb/>
         ser Whisky mit Gin sowie kein Selterwasser.</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist nicht mein Revier.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Auf dem Postamt</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Dieser Schalter ist geschlossen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Sie müssen sich auf den Hintern anstellen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich erwarte schon seit Jahren eine größere Geldsendung.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wo ist die Schaltung für freie Marken und die Brief-<lb/>
         schaukel?</p>
      <p>
        <lb/>
         Wollen Sie so kindlich sein, hinten meine Marke anzu-<lb/>
         lecken?</p>
      <p>
        <lb/>
         In dieser Telephonzelle riecht man nicht gut.</p>
      <p>
        <lb/>
         Hallo! Ich wünsche eine Nummer zu haben, aber der Tele-<lb/>
         phonfräulein gewährt sie mir nicht.</p>
      <pb facs="#0349" n="346"/>
      <p>
        <lb/>
         Meine Näm ist Patterson; ich bin keine Deutsch; hier ist <lb/>
         mein Paßhafen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Im Theater</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Geben Sie mir einen guten Platz.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wir haben keine guten Plätze; wir haben nur Orchester-<lb/>
         fauteuils.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wird Ernst Deutsch diesen Abend spielen?</p>
      <p>
        <lb/>
         Wie Sie sehen, haben wir Festspiele; infolgedaher wird <lb/>
         er nicht vorhanden sein.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dies ist ein guter Platz; man hört nicht viel.</p>
      <p>
        <lb/>
         Von wem ist dieses Stück?</p>
      <p>
        <lb/>
         Dieses Stück ist von Brecht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Von wem ist also dieses Stück?</p>
      <p>
        <lb/>
         Zeigen Sie mir die blaue Bluse der Romantik.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Des Nachts</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Sie sind ein Süßherz, mein Liebling, tun Sie so?</p>
      <p>
        <lb/>
         Das ist mir zu teuer.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ei, mein Fräulein, könnten Sie sich dazu verstehen, mich <lb/>
         durch den Abend zu streifen?</p>
      <p>
        <lb/>
         In Paris gibt es solche Häuser; sie sind sehr praktisch.</p>
      <p>
        <lb/>
         Hätten Sie wohl die Gewogenheit, auch die Strümpfe abzulegen?</p>
      <p>
        <lb/>
         In Amerika tun wir so etwas nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Dies ist wahrlich teuer; Sie sind ein Vamp.</p>
      <p>
        <lb/>
         Danke, meine Dame, ich habe schon eine Beziehung; sie <lb/>
         (er) hat meine gänzliche Liebe.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Konversation</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Er ist ein Stockchinese.</p>
      <p>
        <lb/>
         Du bist ein Wahlsachse.</p>
      <p>
        <lb/>
         Mangels einer Wäschemangel können jene Kragen nicht <lb/>
         gewaschen werden.</p>
      <pb facs="#0350" n="347"/>
      <p>
        <lb/>
         Meinen Frau Gräfin nicht auch, daß dies ein rechtes <lb/>
         Scheißwetter sein dürfte?</p>
      <p>
        <lb/>
         Die berliner Festspiele sind gute Festspiele; aber bei uns <lb/>
         in Amerika haben wir die größte Tomatenexportehschn von <lb/>
         der Welt.</p>
      <p>
        <lb/>
         Leihen Sie mir bitte Ihren linken Gummischuh!</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe einen guten Charakter zuzüglich eines Band-<lb/>
         wurmes.</p>
      <p>
        <lb/>
         Jener Funkturm ist niedlich.</p>
      <p>
        <lb/>
         Bitte zeigen Sie mir den berliner Verkehr.</p>
      <p>
        <lb/>
         So habe ich es nicht gemeint!</p>
      <p>
        <lb/>
         Dieser Löwe macht einen so zusammengeschmetterten Ein-<lb/>
         druck.</p>
      <p>
        <lb/>
         Ich spreche schon geflossen deutsch; nur manchesmal breche <lb/>
         ich noch etwas Rad.</p>
      <p>
        <lb/>
         Nach Börlin besuchen wir noch Europa, Persien und <lb/>
         Heidelberg, aber am 4. September, acht Uhr erste Minute <lb/>
         werden wir New York anfahren. Good-bye –!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">So verschieden ist es im menschlichen <lb/>
           Leben –!</hi></p>
      <cit>
        <quote>
          <lb/>
           Diese abgerissenen Sätze stehen in geheimer Verbindung und sind <lb/>
           aus der Gehirnloge als Brüder hervorgetreten. Ich hätte sie und die <lb/>
           Leser ebenso leicht an eine gemeinschaftliche Galeerenkette der Lange-<lb/>
           weile schmieden können.</quote>
        <bibl>
          <lb/>
          <hi rendition="#aq">Börne</hi></bibl>
      </cit>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">In der Politik</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Deutschland ist eine anatomische Merkwürdigkeit. Es <lb/>
         schreibt mit der Linken und tut mit der Rechten.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <pb facs="#0351" n="348"/>
      <p>
        <lb/>
         Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolu-<lb/>
         tion in der Musik statt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ein General in Uniform –: das ist wie ein Kommerzienrat <lb/>
         in gebügelter Heizer-Kluft.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu <lb/>
         sich kommen wollen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das <lb/>
         Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich ver-<lb/>
         lohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines falschen <lb/>
         Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Ka-<lb/>
         millentee optiert. Weder ewiger Kampf ist erstrebenswert <lb/>
         noch ewige Friedfertigkeit. Nur Krieg … das ist eine der <lb/>
         dümmsten Formen des Kampfes, weil er von einer recht un-<lb/>
         vollkommenen Institution und für sie geführt wird.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Er lebte wie Gott in Frankreich.“ Man sollte das abän-<lb/>
         dern und sagen: „Er lebte wie ein deutscher Divisionskomman-<lb/>
         deur in Frankreich.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Deutschen haben zwar nicht das Pulver erfunden, wohl <lb/>
         aber die Philosophie den Pulvers.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Das Fett, mit dem der mittlere deutsche Parteiführer das <lb/>
         Wort „Berufsbeamtentum“ ausspricht … wenn doch nur <lb/>
         jeder Arbeitslose so viel Fett auf seinem Brot hätte!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <pb facs="#0352" n="349"/>
      <p>
        <lb/>
         Scharfe Sozialkritiker sind in ihren Nicht-Vaterländern <lb/>
         sehr beliebt, nur dürfen es grade keine Kommunisten sein. <lb/>
         Sonst aber hat es der Deutsche gern, wenn der Amerikaner <lb/>
         die amerikanische Kultur demoliert; wir haben uns immer <lb/>
         sehr für die Freiheit der andern interessiert.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Angestellte hat keine marxistische Erkenntnis; er ist nur <lb/>
         persönlich beleidigt. Ein denkender Arbeiter sieht in seinem <lb/>
         Schicksal das Schicksal seiner Klasse; ein Angestellter sieht im <lb/>
         andern nur den Konkurrenten. Im Augenblick, wo er selber <lb/>
         eine Zulage oder gar die Handelsvollmacht bekommt, ist die <lb/>
         Frage des Klassenkampfes für ihn entschieden.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Angestellte lebt von seinem kärglichen Gehalt sowie <lb/>
         von der durch nichts zu erschütternden Überzeugung, daß es <lb/>
         ohne ihn im Betriebe nicht gehe.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ratschlag für Ehrgeizige. Willst du „richtig liegen“? Dies, <lb/>
         mein Sohn, ist die Konjunktur des Tages: pazifistische Ter-<lb/>
         minologie, national-sozialistischer Inhalt, vorgetragen im Ton <lb/>
         eines lyrischen Universitätsprofessors, der noch nicht genau <lb/>
         weiß, ob er Soziologie oder Philosophie lesen soll. Der-<lb/>
         gleichen schließt alle Möglichkeiten in sich, verpflichtet zu <lb/>
         gar nichts, und du hast es gleich gesagt. Ans Vaterland, ans <lb/>
         teure, schließ dich an. Nicht zu eng – aber schließ dich an.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Im Geiste</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Druckfehler. „Und Faust stieg hernieder zum Ursprung <lb/>
         aller Dinge, zum Tiefsten und zum Höchsten, darin die ganze
        <pb facs="#0353" n="350"/>
        <lb/>
         Natur und das menschliche Leben eingeschlossen sind: zu den <lb/>
         Matern.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt Schriftsteller, die rasen sehr exakt. Sie dichten <lb/>
         aus dem Reinen ins Unreine.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Man kann jeden schreibenden Menschen bis ins Mark <lb/>
         daran erkennen, wie er das Wort „ich“ setzt. Manche sollten <lb/>
         es lieber nicht setzen. Hitler setzt es. „Wenn ich in Deutsch-<lb/>
         land spreche, so strömen mir die Menschen zu …“ Der Ton <lb/>
         ist vom Kaiser entlehnt, und das Ganze hat etwas Gespensti-<lb/>
         sches: denn dieses „ich“ ist überhaupt nicht da. Den Mann <lb/>
         gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Leser hats gut: er kann sich seine Schriftsteller aus-<lb/>
         suchen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Manche Schriftsteller sammeln große Männer. „Haben <lb/>
         Sie schon Mussolini? Ich habe ihn doppelt!“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Bert Brecht hat einen schönen Dreh gefunden: das kleine <lb/>
         Einmaleins in getragenem Sing-Sang vorzulesen, wie wenn <lb/>
         es die Upanishaden wären. Banalitäten feierlich aufsagen: <lb/>
         das bringt vielen Zulauf.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der trockne Pedant hat gewöhnlich ein Ideal: den falschen <lb/>
         Abenteurer.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Welche Hochachtung hat doch der Franzose vor der <lb/>
         Sprache! <hi rendition="#aq">„Il a trouvé ce mot …“</hi> Das Wort war vorher <lb/>
         da, der Autor hat es nur gefunden.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <pb facs="#0354" n="351"/>
        <lb/>
         Das Englische ist eine einfache, aber schwere Sprache. <lb/>
         Es besteht aus lauter Fremdwörtern, die falsch ausgespro-<lb/>
         chen werden.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Früher sagte ein Kunstwerk etwas über die Geistesverfas-<lb/>
         sung seines Schöpfers. Heute zeigt es etwas andres an: die <lb/>
         Geistesverfassung des Kunstkaufmanns, der es vertreibt. Selbe <lb/>
         ist nicht immer sehr interessant.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         In der jetzigen Vorkriegszeit herrscht zwischen den Gei-<lb/>
         stigen aller Staaten eine Pen-Club-Atmosphäre, die der Luft <lb/>
         in einer sehr guten Kinderstube gleicht: nie reden mehr zu-<lb/>
         gleich als drei, es herrscht gesittete Fröhlichkeit, und zwischen-<lb/>
         durch schmieren sie sich den Bildungsbrei um die Münder. Die <lb/>
         Papas stehen dabei und lächeln und lassen die Kindlein ge-<lb/>
         währen. Sie wissen: wenns los geht, gehts los, da ist nichts <lb/>
         zu befürchten. Sie werden sich schlagen, wie sich ihre Väter <lb/>
         geschlagen haben, oder sie werden still und vornehm ins <lb/>
         Zimmer stilisieren.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Manche Zeitschriften halten sich nur durch die Frei-<lb/>
         abonnenten.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Jede Filmkritik müßte eigentlich so anfangen: „Der vor-<lb/>
         liegende Film enthält als maßgebliches Element die Kunst-<lb/>
         anschauungen eines zweiundsechzigjährigen Stiftfräuleins, <lb/>
         zweier kunstfremder Oberregierungsräte und eines schwung-<lb/>
         losen Malers. Auf deren Zensur hin ist der Film gemacht <lb/>
         worden.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Jede Theaterkritik müßte eigentlich so anfangen: „Sound-<lb/>
         soviel Prozent der gestrigen Premiereneinnahmen flossen als
        <pb facs="#0355" n="352"/>
        <lb/>
         Pacht in die Tasche des Herrn Direktors Soundso. Er lebt <lb/>
         davon.“ Das Theater stirbt daran. Diese wahnwitzige <lb/>
         Theaterpacht ist wichtiger als jede Dramaturgie. Denn die <lb/>
         Pausen zwischen den Fälligkeitsterminen der Hypotheken-<lb/>
         zinsen werden durch die Stücke ausgefüllt.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Manche Kritiker haben zu Hause so schreckliche Frauen. <lb/>
         Und deshalb haben manche Schauspielerinnen so hohe <lb/>
         Gagen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Er besuchte alle Premieren – nicht aus Liebe zur Kunst, <lb/>
         sondern um als Erster Nein sagen zu können.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die meisten berliner Theater- und Kabarett-Abende ge-<lb/>
         hören dem einen oder dem andern Typus an: jüdische Hoch-<lb/>
         zeit oder münchner Atelierfest.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Katholiken sitzen vor ihrer Hütte. Ein Heide geht <lb/>
         vorbei und pfeift sich eins. Die Katholiken tuscheln: „Der <lb/>
         wird sich schön wundern, wenn er mal stirbt!“ Sie klopfen <lb/>
         sich auf den Bauch ihrer Frömmigkeit, denn sie haben einen <lb/>
         Fahrschein, der Heide aber hat keinen, und er weiß es nicht <lb/>
         einmal. Wie hochmütig kann Demut sein!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Manchmal fröstelt die Literatur. Dann läuft ihr eine <lb/>
         katholische Gänsehaut den Rücken herunter. Protestantische <lb/>
         Gänsehäute aber gibt es nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn sehr kultivierte, sehr feine, sehr gebildete Schrift-<lb/>
         steller grimmig für die Kirche fechten, dann wirkt das, wie
        <pb facs="#0356" n="353"/>
        <lb/>
         wenn reiche Leute ihre Briefe mit einem alten Matrosen-<lb/>
         messer aufschneiden. Sie könnten sich natürlich einen guten <lb/>
         Brieföffner kaufen … aber um sie herum ist alles so fein, <lb/>
         so reich, so vollkommen und so vernickelt: da macht sich das <lb/>
         alte verrostete Messer hübsch pittoresk. Mit dem Matrosen <lb/>
         hat das gar nichts zu tun. Sie würden sich schön bedanken, <lb/>
         es so zu gebrauchen wie er, nämlich im Ernst. Sie gebrau-<lb/>
         chen es in Anführungszeichen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Neulich habe ich alte Jahrgänge des ‚Brenner‘ gelesen, <lb/>
         einer Zeitschrift, die in Innsbruck erschienen ist und wohl <lb/>
         noch erscheint … Das war eine merkwürdige Lektüre.</p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt eine Menge verhinderter Katholiken, meist sind <lb/>
         es Juden, denen ist die katholische Kirche nicht katholisch genug, <lb/>
         oder sie erscheint ihnen überhaupt nicht als katholisch. Ich <lb/>
         mag mich nicht gern mit der Kirche auseinandersetzen; es <lb/>
         hat ja keinen Sinn, mit einer Anschauungsweise zu diskutieren, <lb/>
         die sich strafrechtlich hat schützen lassen. Mit so unhonorigen <lb/>
         Gegnern trete ich nicht gern an. Was aber jene verhinderten <lb/>
         Katholiken angeht, die es gern sein möchten, es aber nicht <lb/>
         sein können und die darunter leiden, wie nur ein Mensch <lb/>
         leiden kann: es sind das nicht nur die forschen Konvertiten, <lb/>
         die da toben. Es ist noch etwas andres.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da ist eine ganze Literaturgattung, die schlägt der Welt <lb/>
         ununterbrochen das Neue Testament auf den Kopf und wun-<lb/>
         dert sich, daß es nicht gut klingt. Das höchste Pathos blüht <lb/>
         hier; kaum einer kann gewaltigere Töne finden als der, der <lb/>
         aufzeigt: Siehe, die Welt lebt nicht, wie Christus es gelehrt <lb/>
         hat. Es gibt nur noch ein Pathos, das höher ist: das ist das <lb/>
         Pathos über Christus hinweg.</p>
      <pb facs="#0357" n="354"/>
      <p>
        <lb/>
         Im ‚Brenner‘ nun, dessen Sauberkeit, Tapferkeit und Rein-<lb/>
         heit nicht bezweifelt werden kann, gehts hoch her. Und dabei <lb/>
         ist mir etwas aufgefallen.</p>
      <p>
        <lb/>
         Da ist zum Beispiel Theodor Haecker, ein Schriftsteller von <lb/>
         beachtlichem Format, wenn man nicht genau hinsieht. Wenn <lb/>
         man aber genauer hinsieht, dann zeigt sich unter dem Lärm <lb/>
         der donnernden Moralpauken ein kleiner Mann, der es dem <lb/>
         Hermann Bahr aber ordentlich gibt, und, auf einmal, Ho-<lb/>
         sianna, Amen und <hi rendition="#aq">Ite missa est,</hi> sind wir mitten im fröh-<lb/>
         lichen Gezänk eines Literaturcafés. Frommer Schwannecke. <lb/>
         Es scheint, als ob diese Schriftsteller sich erst religiös sichern <lb/>
         müssen, bevor sie loshacken. Sie haben nie begriffen, daß es <lb/>
         christlich, mehr: daß es philosophisch wäre, zu schweigen und <lb/>
         vorüberzugehn. Ja, wenn ein Gläubiger aufschreit und dem <lb/>
         Wahnwitz der Welt einen Spiegel entgegenhält, von dem jene <lb/>
         nachher sagt, es sei ein Zerrspiegel, weil sie nicht glauben <lb/>
         kann, daß sie so gemein aussehe! Wer dieses aber allmonat-<lb/>
         lich, regelmäßig und mit hitziger Wonne tut: der ist kein <lb/>
         Christ, und wenn er zehnmal den ganzen Kierkegaard übersetzt <lb/>
         hat. Der ist genau dasselbe wie Hermann Bahr, nur mit um-<lb/>
         gekehrtem Vorzeichen. Und schließlich ist psychopathische Le-<lb/>
         bensuntüchtigkeit noch kein Christentum, und „das Böse“ ist <lb/>
         kein Schimpfwort. Wenn einer mit seinem Leben und nun gar <lb/>
         mit dem Leben nicht fertig wird, so wird solch ein Anblick da-<lb/>
         durch nicht schöner, daß er sich auf die Bibel beruft. Die geheime <lb/>
         Wonne, dem andern aber ordentlich eins zu versetzen, wird hier <lb/>
         durch Moralinsäure legalisiert und durch eine verfälschte Him- <lb/>
         melssüßigkeit, die nach Sacharin schmeckt und durchaus von <lb/>
         dieser Erde stammt. Das Ziel ist vielleicht gut; die Kämpfer <lb/>
         sind es mitnichten. Und die Hälfte ihrer Religion besteht in <lb/>
         der Verachtung der Ungläubigen; das hält warm und ist ein <lb/>
         schönes seelisches Unterfutter.</p>
      <pb facs="#0358" n="355"/>
      <p>
        <lb/>
         Viel Rauch um diesen Brenner. Schade um die reine <lb/>
         Flamme.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Man stelle sich vor, Friedrich Nietzsche wäre gestorben, <lb/>
         ohne Angehörige zu hinterlassen. Und man stelle sich vor, <lb/>
         Freunde hätten sein Werk in Obhut genommen. Und es <lb/>
         käme nun eine Frau gegangen, eine Frau Foerster, Lieschen <lb/>
         Förster, die sagte: „Ich möchte das Nietzsche-Archiv verwalten. <lb/>
         Und die Einleitung zu seinen Werken will ich auch schreiben!“ <lb/>
         – Was hätten die Freunde gesagt? Nichts hätten sie gesagt. <lb/>
         Man hätte die Achseln gezuckt und geschwiegen: eine arme <lb/>
         Person …</p>
      <p>
        <lb/>
         Nun aber ist Lieschen die Schwester. Und nun darf sie. <lb/>
         Sie darf die Werke Nietzsches einleiten, sie darf den Nach-<lb/>
         laß Nietzsches, seine Briefe und seine Zettel verwalten, und <lb/>
         sie verwaltet sie so, wie wir wissen. Genutzt hat es ihr nichts. <lb/>
         Nietzsche, nicht das Brüderchen, der wahre Nietzsche ist, <lb/>
         hauptsächlich durch Andler, bekannt geworden – trotz dieses <lb/>
         Archivs.</p>
      <p>
        <lb/>
         Aber ist ein solches Urheberrecht nicht eine Schande, ein Recht, <lb/>
         das geistige Werke wie alte Socken vererbt? Es ist eine <lb/>
         Schande.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn ich das schön gedruckte Buch eines mit Buchweizen-<lb/>
         grütze gefütterten Philosophen aus Amerika lese, hinter seinen <lb/>
         Brillengläsern blitzen fröhlich die jungenhaften Augen, die <lb/>
         sich so optimistisch mit dem Elend der andern abfinden, alles <lb/>
         ist gut und schön, wir haben eine gute Predigt gehabt, Break-<lb/>
         fast auch, ja danke, auf welch unbefleckten Wege wohl so <lb/>
         ein Wesen zur Welt gekommen sein mag, die Amerikanerinnen <lb/>
         sind doch unterhalb des Nabels alle aus Celloloid –</p>
      <p>
        <lb/>
         wenn ich so einen fröhlichen Professor lese: dann weiß
        <pb facs="#0359" n="356"/>
        <lb/>
         ich endlich, wie einem gebildeten Chinesen zu Mute ist, der <lb/>
         europäische Touristen sieht.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Bei den Damen</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Kerl versteht nichts von Frauen. Den feinen Damen <lb/>
         bietet er Geld an, und auf die Huren macht er Gedichte. Und <lb/>
         damit hat er auch noch Erfolg!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Von der Eifersucht. Ich sagte zu Germaine: „Heute nacht <lb/>
         habe ich von dir geträumt – aber wie!“ Sie zog die Stirn <lb/>
         kraus. <hi rendition="#aq">„Alors tu m’as trompée avec moi!“</hi> sagte sie.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Von der Verliebtheit. Von ihr nichts zu bekommen, ist <lb/>
         immer noch hübscher, als mit einer andern zu schlafen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Mit dem nackten Körper stets den Begriff der Erotik ver-<lb/>
         binden: das ist ungefähr so intelligent, wie beim Mund stets <lb/>
         an Essen zu denken. Mit dem Mund ißt man nicht nur; man <lb/>
         spricht auch mit dem Mund. Durch die nackte Haut atmet <lb/>
         man.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Sie sprach so viel, daß ihre Zuhörer davon heiser wurden.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Frauen haben es ja von Zeit zu Zeit auch nicht leicht. <lb/>
         Wir Männer aber müssen uns rasieren.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die beste Übersetzung für <hi rendition="#aq">puella publica</hi>, die mir bekannt <lb/>
         ist, heißt: Vorfreudenmädchen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <pb facs="#0360" n="357"/>
      <p>
        <lb/>
         Er trug sein Herz in der Hand. Und ruhte nicht, bis sie <lb/>
         ihm aus der Hand fraß.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Wozu noch Lust? Ich liebe ihn doch!“ Da war sie neun-<lb/>
         zehn Jahre. „Wozu noch Liebe? Sie belustigt mich doch!“ <lb/>
         Da war er vierzig Jahre. Als sie fünfzig wurden, kam er <lb/>
         in die zweite Jugend und liebte, wieder. Sie hatte nie auf-<lb/>
         gehört, zu lieben.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Karlchen ist derartig hinter den Mädchen her! Er hat den <lb/>
        <hi rendition="#aq">Coitus tremens</hi>.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         (Aus den Sprüchen des Pfarrers Otto): „Die Frauen sind <lb/>
         die Holzwolle in der Glaskiste des Lebens.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Und überhaupt</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn man einen Menschen richtig beurteilen will, so frage <lb/>
         man sich immer: „Möchtest du den zum Vorgesetzten <lb/>
         haben –?“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Sie ließ sich beizeiten von ihm scheiden, weil er Witze <lb/>
         um die entscheidende Nuance zu langsam erzählte.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn man nach fünftägiger Bekanntschaft zu einem Men-<lb/>
         schen sagt: „Sie haben etwa den und den Charakter – also <lb/>
         werden Sie wohl das und das Schicksal haben“: das <lb/>
         glaubt er nicht.</p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn man ihm aber dasselbe aus der Hand weissagt: das <lb/>
         glaubt er.</p>
      <pb facs="#0361" n="358"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Er ist ebenso dumm, wie er ehrlich ist. Und er ist der ehr-<lb/>
         lichste Mensch, den ich jemals gesehen habe.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Ich reiste im Traum nach Kottbus und ließ dortselbst meine <lb/>
         Handtasche stehen. Jetzt muß ich zurückträumen und sie holen.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Er kaufte sich eine Hundepeitsche und einen kleinen dazu-<lb/>
         gehörigen Hund.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Lungenhaché … das sieht aus wie: „Haben Sie das ge-<lb/>
         gessen, oder werden Sie das essen?“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         In Ascona, wo die Verdrehten wild vorkommen, fragte <lb/>
         einst ein Fremder einen Tessinesen, wer denn diese blassen <lb/>
         Fresken an der Kirchhofsmauer geschaffen habe. „Ein vege-<lb/>
         tarischer Maler“, sagte der Mann.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Vom Mitleid. Da war ein Mann, der war ganz gelähmt <lb/>
         und lag im Bett. Sprechen konnte er nicht mehr; er hatte eine <lb/>
         kleine Buchstabiertafel, auf der fuhr er schwach mit dem <lb/>
         Finger herum. Jeden Nachmittag besuchte ihn seine Schwe-<lb/>
         ster und erzählte ihm die Neuigkeiten der Welt, auf daß er <lb/>
         sich zerstreue. „Denke dir“, sagte sie eines Nachmittags, „der <lb/>
         Rudolf! Da hat er doch erst neulich das Pech mit seiner Frau <lb/>
         gehabt, und jetzt ist sein kleiner Junge die Treppe herunter-<lb/>
         gefallen und hat sich das ganze Gesicht zerschlagen!“ Da <lb/>
         nahm der Kranke seine Tafel und buchstabierte:</p>
      <p>
        <lb/>
         „n – e – b – b – i – c – h – !“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <pb facs="#0362" n="359"/>
      <p>
        <lb/>
         Das Äußerste, was ich jemals an Perversität gehört habe, <lb/>
         hat mir meine Freundin Grete Walfisch erzählt. Die hat in <lb/>
         ihrer Jugend einen alten Hofhund abgerichtet: wenn der <lb/>
         einem Menschen schmeicheln sollte, dann mußte er knurren.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Die Balten sind die Apotheker Europas – sie haben durch-<lb/>
         weg einen Sparren. In Ascona wohnte einer, der hatte nie <lb/>
         eine Uhr im Haus. In einem Dörfchen, vier Kilometer da-<lb/>
         von, war eine Turmuhr, die konnte man mit bloßem Auge <lb/>
         kaum erkennen. Da kaufte sich der Balte für teures Geld <lb/>
         ein Fernrohr und las die Zeit ab.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der dicke Assistenzarzt sagte zu mir: „Es ist doch ein <lb/>
         großer Vorteil für mich, fünf Sprachen zu sprechen. Damit <lb/>
         kann man überall Hotelportier werden.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Da wurde ein dicker Curé aus der Bretagne jüngst von <lb/>
         einem seiner Beichtkinder vor einem recht zugänglichen Hause <lb/>
         mit einer großen Hausnummer betroffen. „Aber Herr Curé,“ <lb/>
         sagte der Gläubige, „Sie gehen in solche Häuser –?“ „Wie <lb/>
         können Sie so etwas von mir denken!“ erwiderte der fromme <lb/>
         Mann. „Ich habe da nur meinen Regenschirm vergessen.“</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der schwedische Zeichner Albert Engström hat von einer <lb/>
         seiner Figuren gesagt: Er schielte so, daß er Mittwochs beide <lb/>
         Sonntage zu gleicher Zeit sah.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die Maschinen, die die Menschen so im Lauf der <lb/>
         Zeit erfunden haben, nun auch noch funktionierten: was wäre <lb/>
         das für ein angenehmes Leben –!</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <pb facs="#0363" n="360"/>
      <p>
        <lb/>
         Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Manchmal fahren zwei Eisenbahnzüge neben einander her, <lb/>
         in derselben Richtung. Die Insassen des schnellern Zuges <lb/>
         machen dann fröhliche Gesichter, sehen genau forschend hin-<lb/>
         über, ein ganz klein wenig mitleidig. Die des langsamen <lb/>
         Zuges schauen gleichgültig drein oder gucken gleichgültig fort. <lb/>
         Schnellere Züge interessieren nicht sehr.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Alles ist richtig, auch das Gegenteil. Nur: „Zwar … <lb/>
         aber“ – das ist nie richtig.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der schönste Augenblick am Tag ist doch der, wo man <lb/>
         morgens unter der Brause hervorkriecht und das Wasser <lb/>
         von einem abtropft. Was dann noch kommt, taugt eigent-<lb/>
         lich nicht mehr viel.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Der Zustand der gesamten menschlichen Moral läßt sich in <lb/>
         zwei Sätzen zusammenfassen: <hi rendition="#aq">We ought to. But we don’t</hi>.</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">*</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         Dies ist, glaube ich, die Fundamentalregel alles Seins: <lb/>
         „Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.“</p>
      <pb facs="#0364" n="[361]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">WIEGENLIEDER</hi></p>
      <cit>
        <quote>
          <lb/>
           Die Herausgabe von Zeitschriften ist <lb/>
          bekanntlich auch ein technisches Pro-<lb/>
          blem. Erzählungen und Artikel haben für <lb/>
          gewöhnlich nicht die richtige Länge. Da <lb/>
          die Natur jedes Vakuum verabscheut, er-<lb/>
          fand man für die leer bleibenden Stellen <lb/>
          ein Füllsel: eine Anzahl nach einfachem Schema <lb/>
          gereimte Gedichtstrophen über <lb/>
          Blumen, Sonnenuntergänge und die milden <lb/>
          Formen der Liebe.</quote>
        <bibl>
          <lb/>
          <hi rendition="#right"><hi rendition="#aq">Upton Sinclair</hi></hi></bibl>
      </cit>
      <pb facs="#0365" n="[362]"/>
      <pb facs="#0366" n="[363]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Heinrich Zille</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Zweeter Uffjang, vierta Hof</l>
        <lb/>
        <l>wohnen deine Leute;</l>
        <lb/>
        <l>Kinder quieken: „Na, so dof!“</l>
        <lb/>
        <l>jestern, morjn, heute.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Liebe, Krach, Jeburt und Schiß …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Du hast jesacht, wies is.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Kleene Jöhren mit Pipi</l>
        <lb/>
        <l>un vabogne Fieße;</l>
        <lb/>
        <l>Tanz mit durchjedrickte Knie,</l>
        <lb/>
        <l>er sacht: „Meine Sieße!“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Stank und Stunk, Berliner Schmiß … </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Du hast jesacht, wies is.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Jrimmich wahste eijntlich nich –</l>
        <lb/>
        <l>mal traurich un mal munta.</l>
        <lb/>
        <l>Dir war det jahnich lächalich:</l>
        <lb/>
        <l>„Mutta, schmeiß Stulle runta –!“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Leierkastenmelodien … </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Menschen in Berlin.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Int Alter beinah ein Schenie –</l>
        <lb/>
        <l>Dein Bleistift! na, von wejn …!</l>
        <lb/>
        <l>Janz richtich vastandn ham se dir nie –</l>
        <lb/>
        <l>die lachtn so übalejn.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die fanden dir riehrend un komisch zujleich.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Im übrijen: Hoch det Deutsche Reich!</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0367" n="364"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Malen kannste.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Zeichnen kannste.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Witze machen sollste.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Aba Ernst machen dürfste nich.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Du kennst den janzen Kleista –</l>
        <lb/>
        <l>den ihr Schicksal: Stirb oda friß!</l>
        <lb/>
        <l>Du wahst ein jroßa Meista.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Du hast jesacht, wies is.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Stationen</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Erst gehst du umher und suchst an der Frau</l>
        <lb/>
        <l>das, was man anfassen kann.</l>
        <lb/>
        <l>Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen-Miau – </l>
        <lb/>
        <l>du bist noch kein richtiger Mann.</l>
        <lb/>
        <l>
          <hi rendition="#et"> Du willst eine lustig bewegte Ruh: </hi></l>
        <lb/>
        <l>
          <hi rendition="#et"> sie soll anders sein, aber sonst wie du … </hi></l>
        <lb/>
        <l>
          <hi rendition="#et2"> Dein Herz sagt:</hi></l>
        <lb/>
        <l>
          <hi rendition="#et2"> Max und Moritz!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Das verwächst du. Dann langts nicht mit dem Verstand.</l>
        <lb/>
        <l>Die Karriere! Es ist Zeit …!</l>
        <lb/>
        <l>Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand</l>
        <lb/>
        <l>in tyrannischer Mütterlichkeit.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie paßt auf dich auf. Sie wartet zu Haus.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Du weinst dich an ihren Brüsten aus …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Dein Herz sagt:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Mutter.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann.</l>
        <lb/>
        <l>Dir wird etwas sanft im Gemüt.</l>
        <lb/>
        <l>Du möchtest, daß im Bett nebenan</l>
        <lb/>
        <l>eine fremde Jugend glüht.</l>
        <pb facs="#0368" n="365"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Dumm kann sie sein. Du willst: junges Tier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">ein Reh, eine Wilde, ein Elixier.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Dein Herz sagt:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Erde.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und dann bist du alt.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Und ist es soweit,</hi></l>
        <lb/>
        <l>daß ihr an der Verdauung leidet –:</l>
        <lb/>
        <l>dann sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit,</l>
        <lb/>
        <l>als Philemon und Baucis verkleidet.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie sagt nichts. Du sagst nichts. Denn ihr wißt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">wie es im menschlichen Leben ist …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Dein Herz, das so viele Frauen besang,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dein Herz sagt: „Na, Alte …?“</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Dein Herz sagt: Dank.</hi></l>
      </lg>
      
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ballade</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Da sprach der Landrat unter Stöhnen:</l>
        <lb/>
        <l>„Könnten Sie sich an meinen Körper gewöhnen?“</l>
        <lb/>
        <l>Und es sagte ihm Frau Kaludrigkeit:</l>
        <lb/>
        <l>„Vielleicht. Vielleicht.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Mit der Zeit …mit der Zeit …“</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und der Landrat begann nun allnächtlich im Schlafe</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">laut zu sprechen und wurde ihr Schklafe.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und er war ihr hörig und sah alle Zeit</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Frau Kaludrigkeit – Frau Kaludrigkeit!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und obgleich der Landrat zum Zentrum gehörte,</l>
        <lb/>
        <l>wars eine Schande, wie daß er röhrte;</l>
        <lb/>
        <l>er schlich der Kaludrigkeit ums Haus …</l>
        <lb/>
        <l>Die hieß so – und sah ganz anders aus:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ihre Mutter hatte es einst in Brasilien</hi>
        </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">mit einem Herrn der bessern Familien.</hi></l>
        <pb facs="#0369" n="366"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie war ein Halbblut, ein Viertelblut:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">nußbraun, kreolisch; es stand ihr sehr gut.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und der Landrat balzte: Wann ist es soweit?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Frau Kaludrigkeit – Frau Kaludrigkeit!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und eines Abends im Monat September</l>
        <lb/>
        <l>war das Halbblut müde von seinem Gebember</l>
        <lb/>
        <l>und zog sich aus. Und sagte: „Ich bin …“</l>
        <lb/>
        <l>und legte sich herrlich nußbraun hin.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der Landrat dachte, ihn träfe der Schlag!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Unvorbereitet fand ihn der Tag.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Nie hätt er gehofft, es noch zu erreichen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et"> Und er ging hin und tat des gleichen.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Pause</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Sie lag auf den Armen und atmete kaum.</l>
        <lb/>
        <l>Ihr Pyjama flammte, ein bunter Traum.</l>
        <lb/>
        <l>Er glaubte, ihren Herzschlag zu spüren.</l>
        <lb/>
        <l>Er wagte sie nicht mehr zu berühren … </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er sann, der Landrat. Was war das, soeben?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie hatte ihm alles und nichts gegeben.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und obgleich der Landrat vom Zentrum war,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">wurde ihm plötzlich eines klar:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er war nicht der Mann für dieses Wesen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Sie war ein Buch. Er konnt es nicht lesen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Was dann zwischen Liebenden vor sich geht,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">ist eine leere Formalität.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und so lernte der Mann in Minutenfrist,</l>
        <lb/>
        <l>daß nicht jede Erfüllung Erfüllung ist. </l>
        <lb/>
        <l>Und belästigte nie mehr seit dieser Zeit </l>
        <lb/>
        <l>die schöne Frau Inez Kaludrigkeit.</l>
      </lg>
      <pb facs="#0370" n="367"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Sauflied, ganz allein</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Manchmal denke ich an dich,</l>
        <lb/>
        <l>das bekommt mich aber nich,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">denn am nächsten Tag bin ich so müde.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Du mein holdes Glasgespinst!</l>
        <lb/>
        <l>Ob du dich auf mich besinnst?</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Morgens warst du immer etwas prüde.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Darum trink ich auf dein Wohl</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">dieses Gläschen Alkohol!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Braun und blond – rot und schwarz – </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Ihr sollt leben!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Deine Augen sind so blau</l>
        <lb/>
        <l>ganz genau wie bei der Frau</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Erna Margot Glyn-Kaliski.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Rheinwein ist nicht stark genug,</l>
        <lb/>
        <l>darum nehm ich einen Schluck</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">von dem guten, gelben Whisky.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Und ich trinke auf dein Wohl</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">dieses Fläschchen Alikol –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Braun und blond – Black and White …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Ihr sollt leben!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Tinte, Rotwein und Odol</l>
        <lb/>
        <l>sind drei Flüssigkeiten wohl –</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">davon kann der Mensch schon leben.</hi></l>
        <lb/>
        <l>So schön kannst du gar nicht sein,</l>
        <lb/>
        <l>wie in meinen Träumerein – </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">so viel kannst du gar nicht geben.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Allerschönste Frauenzier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">ach, wie gut, daß du nicht hier!</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0371" n="368"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">O, wie gerne man doch küßt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">wenn die Frau wo anders ist …!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Und darum trink ich auf dein Wohl!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Nun ade, mein Land Tirol!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Lebe wohl! Nur in den kleinen Räuschen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">lebe wohl, kann die Frau uns nicht enttäuschen!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Lebe wohl! Lebe wohl! Lebe wohl mein Land Tirol –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Malwine</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ich habe mich deinetwegen</l>
        <lb/>
        <l>gewaschen und rasiert.</l>
        <lb/>
        <l>Ich wollt mich zu dir legen</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">mit einem Viertelchen!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">mit einem Achtelchen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Malwine!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Doch du hast dich geziert.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der Kuckuck hat geschrieen</l>
        <lb/>
        <l>auf deiner Schwarzwalduhr.</l>
        <lb/>
        <l>Ich lag vor deinen Knieen:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">„Gib mir ein Viertelchen!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Gib mit ein Achtelchen!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Malwine!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Ein kleinen Stückchen nur!“</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Dein Bräutigam war prosaisch.</l>
        <lb/>
        <l>Demselben hat gefehlt,</l>
        <lb/>
        <l>dieweilen er mosaisch,</l>
        <lb/>
        <pb facs="#0372" n="369"/>
        <l><hi rendition="#et2">ein kleines Viertelchen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">ein kleines Achtelchen …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das hätt dich sehr gequält!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Du hast mir nichts gegeben</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und sahst mich prüfend an.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Das, was du brauchst im Leben,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">sei nicht ein Viertelchen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und nicht ein Achtelchen …</hi>
        </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das sei ein ganzer Mann –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mich hat das tief betroffen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Dein Blick hat mich gefragt …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ich ließ die Frage offen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und habe nichts gesagt.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Daß wir uns nicht besaßen!</hi></l>
        <lb/>
        <l>So aalglatt war mein Kinn.</l>
        <lb/>
        <l>Nun irr ich durch die Straßen…</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Malwine –!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und weine vor mich hin.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Eine kleine Geburt</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ich lebte mit Frau Sobernheimer;</l>
        <lb/>
        <l>sie war so lieb, sie war so nett.</l>
        <lb/>
        <l>Wir wuschen uns im selben Eimer,</l>
        <lb/>
        <l>wir schliefen in demselben Bett.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">So trieben wir es manches Jahr …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Bis sie den Knaben mir gebar.</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0373" n="370"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Doch dieser Knabe war kein Knabe.</l>
        <lb/>
        <l>Wir hatten in der dunklen Nacht</l>
        <lb/>
        <l>als Zeitvertreib und Liebesgabe</l>
        <lb/>
        <l>uns dieses Wesen ausgedacht.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Frau S. war jeden Kindes bar.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der Knabe, der hieß Waldemar.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und war so klug! – Nach fünfzehn Tagen,</l>
        <lb/>
        <l>gelebt im Kinderparadies,</l>
        <lb/>
        <l>da konnte er schon Scheibe sagen,</l>
        <lb/>
        <l>bis man ihm solches leicht verwies.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er setzte sich aufs Tintenfaß</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und machte meinen Schreibtisch naß.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Er wuchs heran, der Eltern Freude,</l>
        <lb/>
        <l>ein braves, aufgewecktes Kind.</l>
        <lb/>
        <l>Wir merkten an ihm alle Beude,</l>
        <lb/>
        <l>wie süß der Liebe Früchte sind.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Da fragte Mutti ganz real:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">„Was wird der Junge denn nun mal –?“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Hebamme? General? Direktor?</l>
        <lb/>
        <l>Bootlegger? Hirt? Ein Schiffsbarbier?</l>
        <lb/>
        <l>Verlorner Mädchenheim-Inspektor?</l>
        <lb/>
        <l>Biographist? Gerichtsvollziehr?</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ein Freudenmännchen? Jubilar –?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Uneinig war das Elternpaar.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ein Krach stieg auf, bis zu den Sternen!</l>
        <lb/>
        <l>Frau S., die krisch. Die Türe knallt.</l>
        <lb/>
        <l>Sie wollt ihn lassen Bildung lernen,</l>
        <lb/>
        <pb facs="#0374" n="371"/>
        <l>ich aber war für Staatsanwalt.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ein Kompromiß nahm sie nicht an:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">im Kino, als Bedürfnismann.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der Lümmel gröhlte in der Küche</l>
        <lb/>
        <l>und fand den Krach ganz wunderbar.</l>
        <lb/>
        <l>So ging die Liebe in die Brüche –</l>
        <lb/>
        <l>und alles wegen Waldemar?</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Da sprach ich fest: „Mein trautes Glück!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wir geben dieses Jöhr zurück!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Gemacht.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Nun ist Frau Sobernheimer</hi></l>
        <lb/>
        <l>wie ehedem so lieb und nett.</l>
        <lb/>
        <l>Wir waschen uns im selben Eimer,</l>
        <lb/>
        <l>wir schlafen in demselben Bett.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und denken nur noch hier und dar</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">mal an den seligen Waldemar.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Herz mit einem Sprung</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Im Gesicht und auch in Sachsen,</l>
        <lb/>
        <l>wo die Meise piepst,</l>
        <lb/>
        <l>laß ich den Bart mir wachsen,</l>
        <lb/>
        <l>weil du mich nicht mehr liebst.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Susala und dusala –</hi></l>
        <lb/>
        <l>weil du mich nicht mehr liebst.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wir waren beide einsam;</l>
        <lb/>
        <l>auch ich als Woll-Agent.</l>
        <lb/>
        <l>Die Herzen waren gemeinsam,</l>
        <lb/>
        <pb facs="#0375" n="372"/>
        <l>die Kassen waren getrennt.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Susala und dusala –</hi></l>
        <lb/>
        <l>Da bin ich konsequent.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Du sagst, du wärst im Training</l>
        <lb/>
        <l>wohl für ein Fecht-Tournier.</l>
        <lb/>
        <l>Du aßest gar nicht wening</l>
        <lb/>
        <l>und hattst nie Geld bei dir …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Susala und dusala –</hi></l>
        <lb/>
        <l>Man ist ja Kavalier.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Du aßest frisch und munter</l>
        <lb/>
        <l>nicht ohne jeden Charme</l>
        <lb/>
        <l>die Karte rauf und runter,</l>
        <lb/>
        <l>die Küche kalt und warm.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Susala und dusala –</hi></l>
        <lb/>
        <l>dem Kellner schmerzt der Arm.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ich fand das übertrieben</l>
        <lb/>
        <l>und sah dich zornig an.</l>
        <lb/>
        <l>Ein Mann will gratis lieben,</l>
        <lb/>
        <l>sonst ist er gar kein Mann!</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ich kann dich nicht vergessen.</l>
        <lb/>
        <l>Noch heut könnt ich dich maln.</l>
        <lb/>
        <l>Du hast zu viel gegessen …</l>
        <lb/>
        <l>Wer kann denn das bezahln!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Susala und dusala –</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wer kann denn das bezahln!</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ums Kinn starrn mir die Stoppeln.</l>
        <lb/>
        <l>Mein Vollbart ist noch jung.</l>
        <lb/>
        <l>So fahr ich nun nach Oppeln</l>
        <lb/>
        <l>zu ner Versteigerung … </l>
        <lb/>
        <pb facs="#0376" n="373"/>
        <l><hi rendition="#et">Doch mein Herz,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">doch mein Herz,</hi></l>
        <lb/>
        <l>doch mein Herz</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">hat einen Sprung –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Lied fürs Grammophon</hi>
      </p>
      <lg>
        <l>Gib mir deine Hand,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Du, im fernen Land –</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wie die Ätherwellen flitzen</l>
        <lb/>
        <l>über Drähte, wo die Raben sitzen,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">saust meine Liebe dir zu …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">du –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">tu–tu–tu– mmm –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wenn du mich liebst, so singt dein Blut,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Ach, wenn du nicht da bist, bin ich dir so gut,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Dein, dein Lächeln läßt mir keine Ruh …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Man kann von oben lächeln,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">man kann von unten lächeln,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">man kann daneben lächeln –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">wie lächelst du?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">tu–tu–tu– mmm –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Meine, die will mich verlassen,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Deiner, der will dich fassen,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Lucindy!</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0377" n="374"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Kehr zu ihm zurück!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Vielleicht ist das das Glück …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Ich guck in den Mond immerzu –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3"><hi rendition="#aq">oh, so blue</hi> – mmm –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Wie man auch setzt im Leben,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">man tippt doch immer daneben,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Wir sitzen mit unsern Gefühlen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">meistens zwischen zwei Stühlen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und was bleibt, ist des Herzens Ironie …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Lucindy!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Lucindy –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
          <hi rendition="#b">Die Frau spricht</hi></p>
      <p>
        <lb/>
          <hi rendition="#b">1. Die geschiedene Frau</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ja … da wär nun also wieder einer …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das ist komisch!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Vor fünf Jahren, da war meiner;</l>
        <lb/>
        <l>dann war eine ganze Weile keiner …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und jetzt geht ein Mann in meiner Wohnung um,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">findet manches, was ich sage, dumm;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">lobt und tadelt, spricht vom Daseinszwecke</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und macht auf das Tischtuch Kaffeeflecke –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Ist das alles nötig –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ja … er sorgt. Und liebt. Und ists ein trüber</l>
        <lb/>
        <l>Morgen, reich ich meine Hand hinüber …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Das ist komisch:</hi></l>
        <lb/>
        <pb facs="#0378" n="375"/>
        <l>Männer … so in allen ihren Posen …</l>
        <lb/>
        <l>und frühmorgens, in den Unterhosen …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Quält mich; liebt mich; will, daß ich ihn quäle;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dreht mein Leben anders, lastet, läßt mich fliegen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">siegt, und weil ich klug bin, laß ich mich besiegen …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Habe ich das nötig –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ich war ausgeglichen. Bleiben wir allein,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">… komisch …</hi></l>
        <lb/>
        <l>sind wir stolz. So sollt es immer sein!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Flackerts aber, knistern kleine Flammen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">fällt das alles jäh in sich zusammen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er braucht uns. Und wir, wir brauchen ihn.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn ein Mann ist Mann und Gott und Kind,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">weil wir so sehr Hälfte sind.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Aber das ist schließlich überall:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt,</l>
        <lb/>
        <l>aber notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Amen.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
          <hi rendition="#b">2. Eine Frau denkt</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Mein Mann schläft immer gleich ein … oder er raucht seine</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Zeitung und liest seine Zigarre</hi></l>
        <lb/>
        <l>… Ich bin so nervös … und während ich an die Decke starre,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">denke ich mir mein Teil.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">nicht wert.</hi></l>
        <lb/>
        <pb facs="#0379" n="376"/>
        <l>Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt</l>
        <lb/>
        <l>sein, weil man sie liebt.</l>
        <lb/>
        <l>Ob es das wohl gibt:</l>
        <lb/>
        <l>ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam</l>
        <lb/>
        <l>wie am ersten Tag, wo er einen nahm …?</l>
        <lb/>
        <l>Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">mal neckt,</hi></l>
        <lb/>
        <l>mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt</l>
        <lb/>
        <l>hat und der einen liebt … liebt … liebt …</l>
        <lb/>
        <l>ob es das gibt?</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Manchmal denke ich: ja.</l>
        <lb/>
        <l>Dann sehe ich: nein.</l>
        <lb/>
        <l>Man fällt immer wieder auf sie herein.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und ich frage mich bloß, wo diese Kerle ihre Nerven haben.</l>
        <lb/>
        <l>Wahrscheinlich … na ja. Die diesbezüglichen Gaben</l>
        <lb/>
        <l>sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie.</l>
        <lb/>
        <l>Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie.</l>
        <lb/>
        <l>Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit,</l>
        <lb/>
        <l>dann haben die Herren meist keine Zeit.</l>
        <lb/>
        <l>Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag.</l>
        <lb/>
        <l>Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack.</l>
        <lb/>
        <l>Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">mehr ale erotische Statisterie.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett,</l>
        <lb/>
        <l>leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">um und raucht seine Zigarre.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Warum? Weil …</hi></l>
        <lb/>
        <l>Und während ich an die Decke starre,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">denke ich mir mein Teil.</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0380" n="377"/>
      <p>
        <lb/>
          <hi rendition="#b">3. Die Nachfolgerin</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ich hab meinen ersten Mann gesehn –</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">der ging mit einer!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Hütchen, Rock und Bluse (Indanthren)</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und zwei Kopf kleiner!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie muß ihn wohl ins Bureau begleiten …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Über den Geschmack ist nicht zu streiten.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Na, herzlichen Glückwunsch!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Sein Gehirn ist bei der Liebeswahl</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">ganz verkleistert;</hi></l>
        <lb/>
        <l>wenn er siegt, dann ist er allemal</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">schwer begeistert.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ob Languettenhemd, ob teure Seiden –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">seinetwegen kann man sich in Säcke kleiden …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Na, herzlichen Glückwunsch!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Frau ist Frau. Wie glücklich ist der Mann,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">dem das gleich ist!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Und für sowas zieht man sich nun an!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Als ob man reich ist!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Das heißt: für ihn …?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Wir ziehen unsre Augenbrauen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">für und gegen alle andern Frauen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Immerhin erwart ich, daß ers merken kann;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">ich will fühlen, daß ich reizvoll bin.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">im Mann.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Und der guckt gar nicht hin.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Liebe kostet manche Überwindung …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Männer sind eine komische Erfindung.</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0381" n="378"/>
      <p>
        <lb/>
          <hi rendition="#b">4. Lamento</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der deutsche Mann</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Mann</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Mann –</hi></l>
        <lb/>
        <l>das ist der unverstandene Mann.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er sagt: „Mein liebes Kind …“ und ist sonst ganz</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">vergnügt –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er ist ein Mann. Und das</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">genügt.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der deutsche Mann</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Mann</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Mann –</hi></l>
        <lb/>
        <l>– das ist der unverstandene Mann.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die Frau versteht ja doch nichts, von dem, was ihn quält.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die Frau ist dazu da, daß sie die Kragen zählt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die Frau ist daran schuld, wenn ihm ein Hemdknopf</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">fehlt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Und kommt es einmal vor, daß er die Frau betrügt:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er ist ein Mann. Und das</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">genügt.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der deutsche Mann</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Mann</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Mann –</hi></l>
        <lb/>
        <l>– das ist der unverstandene Mann.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er gibt sich nicht viel Mühe,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">wenn er die Frau umgirrt.</hi></l>
        <pb facs="#0382" n="379"/>
        <lb/>
        <l>Und kriegt er nicht die eine, kommt die andere angeschwirrt. </l>
        <lb/>
        <l>Daher der deutsche Mann denn stets befriedigt wird.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Hauptsache ist, daß sie bequem und sich gehorsam fügt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn er ist Mann. Und das</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">genügt.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der deutsche Mann</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Mann</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Mann –</hi></l>
        <lb/>
        <l>– das ist der unverstandene Mann.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er flirtet nicht mit seiner Frau. Er kauft ihr doch den Hut!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie sieht ihn von der Seite an, wenn er so schnarchend</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">ruht. </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ein kleines bißchen Zärtlichkeit – und alles wäre gut.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er ist ein Beamter der Liebe. Er läßt sich gehn.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er hat sie doch geheiratet – was soll jetzt noch geschehn?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der Mensch, der soll nicht scheiden, was Gott zusammen-</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">fügt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er ist ein Mann. Und das</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">genügt.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der andre Mann</hi>
      </p>
      <lg>
        <l>Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen.</l>
        <lb/>
        <l>Er plaudert. Er ist zu dir nett.</l>
        <lb/>
        <l>Er kann dir alle Tenniscracks nennen.</l>
        <lb/>
        <l>Er sieht gut aus. Ohne Fett.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn dir an …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Dann tritt zu euch beiden dein Mann.</hi></l>
        <pb facs="#0383" n="380"/>
        <lb/>
        <l>Und du vergleichst sie in deinem Gemüte.</l>
        <lb/>
        <l>Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.</l>
        <lb/>
        <l>Wie er schon dasteht – du liebe Güte!</l>
        <lb/>
        <l>Und hinten am Hals der Speck!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und du denkst bei dir so: „Eigentlich …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der da wäre ein Mann für mich!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren</l>
        <lb/>
        <l>und guten alten Papa!</l>
        <lb/>
        <l>Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren</l>
        <lb/>
        <l>ständest du ebenso da!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Dann kennst du seine Nuancen beim Kosen;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dann kennst du ihn in Unterhosen;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dann wird er satt in deinem Besitze;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dann kennst du alle seine Witze.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Dann siehst du ihn in Freude und Zorn,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">von oben und unten, von hinten und vorn …</hi></l>
        <lb/>
        <l>Glaub mir: wenn man uns näher kennt,</l>
        <lb/>
        <l>gibt sich das mit dem happy end.</l>
        <lb/>
        <l>Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier …</l>
        <lb/>
        <l>und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.</l>
        <lb/>
        <l>Beurteil uns nie nach den besten Stunden.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und hast du einen Kerl gefunden,</l>
        <lb/>
        <l>mit dem man einigermaßen auskommen kann:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dann bleib bei dem eigenen Mann!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Danach</hi>
      </p>
      <lg>
        <l><hi rendition="#et">Es wird nach einem happy end</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">im Film jewöhnlich abjeblendt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Man sieht bloß noch in ihre Lippen</hi></l>
        <pb facs="#0384" n="381"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">den Helden seinen Schnurrbart stippen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">da hat sie nu den Schentelmen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Na, un denn –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Denn jehn die Beeden brav ins Bett.</l>
        <lb/>
        <l>Na ja … diss is ja auch janz nett.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">A manchmal möcht man doch jern wissn:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wat tun se, wenn se sich nich kissn?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die könn ja doch nich imma penn …!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Na, un denn –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Denn säuselt im Kamin der Wind.</l>
        <lb/>
        <l>Denn kricht det junge Paar n Kind.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn wolln sich Beede jänzlich trenn …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Na, un denn –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Denn is det Kind nich uffn Damm.</l>
        <lb/>
        <l>Denn bleihm die Beeden doch zesamm.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn quäln se sich noch manche Jahre.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Er will noch wat mit blonde Haare:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">vorn dof und hinten minorenn …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Na, un denn –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Denn sind se alt.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Der Sohn haut ab.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Der Olle macht nu ooch bald schlapp.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wie der noch scharf uff Muttern war,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">det is schon beinah nich mehr wahr!</hi></l>
        <pb facs="#0385" n="382"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Der olle Mann denkt so zurück:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Wat hat er nu von seinen Jlück?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Die Ehe war zum jrößten Teile</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">vabrühte Milch un Langeweile.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Und darum wird beim happy end</l>
        <lb/>
        <l>im Film jewöhnlich abjeblendt.</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
          <hi rendition="#b">An das Publikum</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>O hochverehrtes Publikum,</l>
        <lb/>
        <l>sag mal: bist du wirklich so dumm,</l>
        <lb/>
        <l>wie uns das an allen Tagen</l>
        <lb/>
        <l>alle Unternehmer sagen?</l>
        <lb/>
        <l>Jeder Direktor mit dickem Popo</l>
        <lb/>
        <l>spricht: „Das Publikum will es so!“</l>
        <lb/>
        <l>Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen?</l>
        <lb/>
        <l>Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“</l>
        <lb/>
        <l>Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:</l>
        <lb/>
        <l>„Gute Bücher gehn eben nicht!“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sag mal, verehrtes Publikum:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">bist du wirklich so dumm?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,</l>
        <lb/>
        <l>immer weniger zu lesen steht?</l>
        <lb/>
        <l>Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;</l>
        <lb/>
        <l>aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;</l>
        <lb/>
        <l>aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn</l>
        <lb/>
        <l>könnten mit Abbestellung drohn?</l>
        <lb/>
        <l>Aus Bangigkeit, es käme am Ende</l>
        <lb/>
        <l>einer der zahllosen Reichsverbände</l>
        <pb facs="#0386" n="383"/>
        <lb/>
        <l>und protestierte und denunzierte</l>
        <lb/>
        <l>und demonstrierte und prozessierte …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sag mal, verehrtes Publikum:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">bist du wirklich so dumm?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ja, dann … </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Es lastet auf dieser Zeit</hi></l>
        <lb/>
        <l>der Fluch der Mittelmäßigkeit.</l>
        <lb/>
        <l>Hast du so einen schwachen Magen?</l>
        <lb/>
        <l>Kannst du keine Wahrheit vertragen?</l>
        <lb/>
        <l>Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –?</l>
        <lb/>
        <l>Ja, dann …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ja, dann verdienst dus nicht besser.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Augen in der Großstadt</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wenn du zur Arbeit gehst</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">am frühen Morgen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">wenn du am Bahnhof stehst</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mit deinen Sorgen:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">da zeigt die Stadt</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">dir asphaltglatt</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">im Menschentrichter</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Millionen Gesichter:</hi></l>
        <lb/>
        <l>Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,</l>
        <lb/>
        <l>die Braue, Pupillen, die Lider –</l>
        <lb/>
        <l>Was war das? vielleicht dein Lebensglück …</l>
        <lb/>
        <l>vorbei, verweht, nie wieder.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Du gehst dein Leben lang</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">auf tausend Straßen;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">du siehst auf deinem Gang,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">die dich vergaßen.</hi></l>
        <pb facs="#0387" n="384"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Ein Auge winkt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">die Seele klingt;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">du hasts gefunden,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">nur für Sekunden …</hi></l>
        <lb/>
        <l>Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,</l>
        <lb/>
        <l>die Braue, Pupillen, die Lider;</l>
        <lb/>
        <l>Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück …</l>
        <lb/>
        <l>vorbei, verweht, nie wieder.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Du mußt auf deinem Gang</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">durch Städte wandern;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">siehst einen Pulsschlag lang</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">den fremden Andern.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Es kann ein Feind sein,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">es kann ein Freund sein,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">es kann im Kampfe dein</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Genosse sein.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Es sieht hinüber</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Und zieht vorüber …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">die Braue, Pupillen, die Lider.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Was war das?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Von der großen Menschheit ein Stück!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Vorbei, verweht, nie wieder.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Oller Mann</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ein alter Mann ist stets ein fremder Mann.</l>
        <lb/>
        <l>Er spricht von alten, längst vergangenen Zeiten,</l>
        <lb/>
        <l>von Toten und verschollenen Begebenheiten …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wir denken: „Was geht uns das an –?“</hi></l>
        <pb facs="#0388" n="385"/>
        <lb/>
        <l>In unser Zeitdorf ist er zugereist.</l>
        <lb/>
        <l>Stammt aber aus ganz andern Jahresländern,</l>
        <lb/>
        <l>mit andern Leuten, andern Taggewändern,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">von denen du nichts weißt.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Sein Geist nimmt das für eine ganze Welt,</l>
        <lb/>
        <l>was ihn umgab, als seine Säfte rannen;</l>
        <lb/>
        <l>wenn er an Liebe denkt, denkt er an die, die längst von</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">dannen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Für uns ist er kein Held.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ein alter Held ist nur ein alter Mann.</l>
        <lb/>
        <l>Wie uns die Jahre trennen –!</l>
        <lb/>
        <l>Erfahrung war umsonst. Die Menschen starten für das</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Rennen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und jeder fängt für sich von vorne an.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Für uns ist er ein Mann von irgendwo.</l>
        <lb/>
        <l>Ihm fehlt sein Zeitland, wo die Seinen waren,</l>
        <lb/>
        <l>er spricht nicht unsre Sprache, hat ein fremd Gebaren …</l>
        <lb/>
        <l>Und wenn wir einmal alt sind und bei Jahren –:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dann sind wir grade so.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Also wat nu – ja oder ja?</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wie ick noch n kleena Junge wah,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">da hattn wa auffe Schule</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">een Lehra, den nannten wa bloß: Papa –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">een jewissen Dokter Kuhle.</hi></l>
        <pb facs="#0389" n="386"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Un frachte der wat, un der Schieler war dumm,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">un der quatschte und klöhnte bloß so rum,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">denn sachte Kuhle feierlich:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">„Also – du weeßt et nich!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">So nachn Essen, da rooch ick jern</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">in stillen meine Sßijarre.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Da denk ick so, inwieso un wiefern</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">un wie se so looft, die Karre.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Wer weeß det … Heute wähln wa noch rot,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">un morjen sind wa valleicht alle tot.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Also ick ja nich, denkt jeda. Immahin … </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">man denkt sich so manchet in seinen Sinn.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ick bin, ick werde, ick wah jewesen …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Da haak nu so ville Bicher jelesen.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Un da steht die Wissenschaft uff de Kommode.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wie wird det mit uns so nachn Tode?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die Kürche kommt jleich eilich jeloofn,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">da jibt et n Waschkorb voll Phillesophen … </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Det lies man. Un haste det hinta dir,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dreihundert Pfund bedrucktet Papier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">denn leechste die Weisen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">beit alte Eisen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">un sachst dir, wie Kuhle, innalich:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Sie wissen et nich. Sie wissen et nich.</hi></l>
        <lb/>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Treue</hi>
      </p>
      <lg>
        <l><hi rendition="#et2">Sei man dankbar, wenn se dir wat jehm! </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Sei man treu! </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Da kannste wat alehm!</hi></l>
        <pb facs="#0390" n="387"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mach man fummßehn Jahre deinen Stiebel,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">setzte einmal aus, denn nehm se iebel.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wenn se denn ooch noch n jüngern sehn,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">fliechste raus – denn kannste stempeln jehn.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3"> Treue lohnt nich.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wolln se wat, denn komm se anjeloofen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">for den Schmus da kannste dir nischt koofn.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wenn de dir nich hast den Rebbach rausjefischt:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">fors Jewesne jibt der Jude nischt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sei man treu – </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">die wolln dir ja bloß duckn,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und denn kannste durch de Röhre kuckn.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Treue lohnt nich.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn wer nämlich treu is, endt im Dalles.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ja, det sachste so … Ick weeß det alles.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mancher kann nich anders, als er kann –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Jeh man imma wieda ran!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ohne Dußligkeit und ohne Kompromiß,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">weil det ehm Stärke is.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Trotz der kalten Fressen von die Brieda –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Mensch, Vatraun kommt imma wieda!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Wenn de dir nich inn Betrieb zerreibst,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">wenn de richtig bei de Stange bleibst,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">wenn de eene Sache treu bist, kuckste nie in Mond –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Treue lohnt.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Kino privat</hi><lb/>
        <hi rendition="#right"><hi rendition="#i">Für Emil Jannings</hi></hi>
      </p>
      <lg>
        <l>In vielen Prokuristen steckt ein Perser-Schah,</l>
        <lb/>
        <l>der ruht, verzaubert. Aber manchmal, im Bureau,</l>
        <pb facs="#0391" n="388"/>
        <lb/>
        <l>wenn schläfrig nebenan die Schreibmaschinen schnattern,</l>
        <lb/>
        <l>so kurz nach Tisch … schlägt er im Traum die Augen auf</l>
        <lb/>
        <l>und atmet.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Dreimal klatscht er leise</hi></l>
        <lb/>
        <l>in die Hände. Ibrahim erscheint</l>
        <lb/>
        <l>und kreuzt die Arme, neigt sich, schweigt.</l>
        <lb/>
        <l>„Die Mädchen!“ sagt der Prok… der Schah.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Und sieben Mädchen trippeln</hi></l>
        <lb/>
        <l>um ihn herum, jung, schlank, mit Öl gesalbt,</l>
        <lb/>
        <l>und eine ist dabei, feist wie ein praller Sack.</l>
        <lb/>
        <l>Der Schah versinkt in Weiberfleisch, in Brüste, die ihn</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">streicheln,</hi></l>
        <lb/>
        <l>er weiß nichts mehr, sieht rot, ist sieben Male Mann …</l>
        <lb/>
        <l>Wach auf, Gehirn! Das Hirn erwacht,</l>
        <lb/>
        <l>und aller Unflat, den er je gelesen</l>
        <lb/>
        <l>und je erträumt, bricht aus dem Prokuristen-Schah.</l>
        <lb/>
        <l>Er schaut, er schmatzt, er schmeckt, er wittert … </l>
        <lb/>
        <l>„Fatme! Suleima! Ah, du bist …“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Entzwei</hi></l>
        <lb/>
        <l>reißt ihn ein Klingellaut, der hart verzittert.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Schah ab. Der Prokurist:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">„Hier Lützow siebenundsiebenzignulldrei!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Am Apparat. Der Skonto? Wie gewöhnlich!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Na, unser Doktor Freutel hat persönlich …“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>In vielen Angestellten wohnt ein Dschingiskhan,</l>
        <lb/>
        <l>der schläft, verzaubert.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Aber manchmal, wenn</hi></l>
        <lb/>
        <l>der launenhafte Chef den Angestellten piesackt,</l>
        <lb/>
        <l>bis dem die Galle hochsteigt, bis er kocht</l>
        <lb/>
        <l>und bis er platzt –: dann steht der Kriegsmongole</l>
        <lb/>
        <l>wild in ihm auf. Er stürzt sich auf den Chef,</l>
        <pb facs="#0392" n="389"/>
        <lb/>
        <l>pfeift seinen Leuten, und die packen</l>
        <lb/>
        <l>den Herrn Direktor, binden ihn mit Lassos</l>
        <lb/>
        <l>und werfen ihn auf ihre Pferde,</l>
        <lb/>
        <l>nein: er wird am Sattel festgebunden</l>
        <lb/>
        <l>und muß nun laufen. Laufe! Willst du laufen!</l>
        <lb/>
        <l>Du Hund! Die Peitsche saust. Es stöhnt der Chef!</l>
        <lb/>
        <l>Dann wirbeln ihn die Reiter auf die Erde</l>
        <lb/>
        <l>und schneiden ihm … nein: nadeln ihn …</l>
        <lb/>
        <l>nein: braten ihn in Kohlenfeuer</l>
        <lb/>
        <l>und streuen Salz und Pfeffer in die Wunden.</l>
        <lb/>
        <l>Und Mostrich.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Und der Dschingiskhan</hi></l>
        <lb/>
        <l>streicht seinen Seidenbart und lächelt: „Na, Herr Zaschke …?“</l>
        <lb/>
        <l>Und während der Gefangene sich am Boden ringelt,</l>
        <lb/>
        <l>ergreift der Dschingiskhan den vollen Silberhumpen,</l>
        <lb/>
        <l>tut einen tiefen Schluck …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">„Der Alte hat geklingelt!“</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">„Sie! Könn Sie mir nicht Ihre Zinstabelle pumpen?“</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">– „Gewiß, Herr Direktor!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Jawohl, Herr Direktor Zaschke!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Bis morgen früh, Herr Direktor!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Seppfaständlich, Herr Direktor –!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>So laufen manche Filme tief in Finsternissen.</l>
        <lb/>
        <l>Kino privat. Der Regisseur siegt immer über das Geschick.</l>
        <lb/>
        <l>Du lächelst, Lottchen. Und ich möchte gerne wissen:</l>
        <lb/>
        <l>Was denkst du dir in diesem Augenblick?</l>
        <lb/>
        <l>Du machst dir viele Filme aus den Dingen.</l>
        <lb/>
        <l>Das tun sie alle. Laß sie ruhig drehn.</l>
        <lb/>
        <l>Denn sagts der andre nicht wie Götz von Berlichingen –:</l>
        <lb/>
        <l>das, was er denkt, kann man zum Glück nicht sehn.</l>
      </lg>
      <pb facs="#0393" n="390"/>
      <p>
        <hi rendition="#b">Hände an der Schreibmaschine</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Meine Schrift kann niemand lesen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">nicht mal ich. Nur noch Chinesen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">pinseln wichtig.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ich will kein solch Pinseler bleiben.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mit acht Fingern laßt mich schreiben!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Aber richtig!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Hebel rauscht, und Glöckchen klingt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und die Schreibmaschine singt:</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
         Firma Anton <hi rendition="#g">Eiermann</hi><lb/>
         sel. Nachfolger</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#u">Würzburg</hi> an der Würze</p>
      <p>
        <lb/>
          BERLIN NW.87, den heutigen </p>
      <p>
        <lb/>
          Sehr geehrter Herr!</p>
      <p>
        <lb/>
          Auf Ihr gefl. wenn auch aus-<lb/>
         verschämtes Schreiben vom 16. d. M.<lb/>
         erlauben wir uns, Ihnen mitzu-<lb/>
         teilen, dass von einer unpünkt-<lb/>
         lichen Zahlung unsrerseits über-<lb/>
         haupt keine Rede sein kann.</p>
      <p>
        <lb/>
          Sie haben uns bisher erst<lb/>
         9 mal (in vier Wochen) gemahnt,<lb/>
         und kann das in Anbetracht der<lb/>
         allgemeinen Geldknappheit nur<lb/>
         als völlig</p>
      <p>
        <lb/>
           <hi rendition="#u">normal</hi>  </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Übung kommt so mit den Jahren.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und ich schalte wie beim Fahren</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">dritten Gang ein.</hi></l>
        <pb facs="#0394" n="391"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Hoppla, Kurve! Achtung, Liebe!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und ich fang in das Getriebe</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">jeden Klang ein.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Hebel rauscht, und Glöckchen zirpt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und die Schreibmaschine wirbt:</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">Dir nur sagen, dass ich Dich so<lb/>
          <hi rendition="#u">leidenschaftlich</hi> liebe, dass es<lb/>
           schon allen meinen Bekannten<lb/>
           auffällt, wie schlecht ich aus-<lb/>
           sehe. Ich habe im letzten Monat<lb/>
           8 (acht) Pfund abgenommen, und<lb/>
           das alles auf Dich herauf. Mein<lb/>
           kleines Mauseschwänzchen, wenn<lb/>
           Du es irgend einrichten kannst,<lb/>
           dann komm doch Sonnabend schon<lb/>
           ein bisschen früher, aber zieh Dir<lb/>
           nicht die Schlüpfer an, weil ich<lb/>
           Dir etwas Wichtiges</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Tausend Finger laufen eilig</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">amtlich, dienstlich, polizeilich</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">auf den Tasten.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Aufgebote für die Heirat,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das Gesuch beim Polizeirat,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Steuerlasten.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Hebel schnattern, Walze steht,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und die Schreibmaschine fleht:</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
         An den Herrn<lb/>
        <hi rendition="#et">Regierungspräsidenten</hi><lb/>
        <hi rendition="#et2"><hi rendition="#u">Magdeburg</hi></hi>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         In Erneuerung meines Ge-<lb/>
         suchs vom 5.4.23 erlaube<lb/>
         ich mir ergebenst auf be-
        <pb facs="#0395" n="392"/>
        <lb/>
         regte Angelegenheit zurück-<lb/>
         zukommen und um eine Na-<lb/>
         mensänderung nochmals drin<lb/>
         gendst zu bitten. Die Tat-<lb/>
         sache, daß ich Schlotter-<lb/>
         hose heiße, hat mir bereits<lb/>
         im geschäftlichen sowie<lb/>
         auch im privaten Leben<lb/>
         ausserordentlich geschadet,<lb/>
         und bitte ich, mir wenig-<lb/>
         stens durch einen Gnadenakt <lb/>
         das<lb/>
         L<lb/>
         zu erlassen, wovon ich mir<lb/>
         eine wesentliche <lb/>
        <hi rendition="#u">Besserung</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Unser Leben, eingefangen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">ist durch dich hindurchgegangen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Guillotine!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Unsere Freuden, unsere Sorgen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">gestern, heute, übermorgen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">o Maschine!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Hebel wirbeln, Wagen knackt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und die Schreibmaschine tackt:</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">Sie dämliches Luder nur davor<lb/>
           warnen, sich noch einmal im Ge-<lb/>
           schäft so mausig zu machen. Wo<lb/>
           doch Ihre Tochter Lottchen in<lb/>
           der ganzen Straße bekannt ist<lb/>
           als Rumtreibersche und auch
          <pb facs="#0396" n="393"/>
          <lb/>
           Ihre Frau abends immer sehr spät<lb/>
           und nicht immer allein nach<lb/>
           Hause komt wenn Sie mal auf Ge-<lb/>
           schäftstuhr sind Dass Ihr Sau-<lb/>
           berer Herr Sohn ein Verfahren<lb/>
           wegen der kleinen Wechselsache <lb/>
           bei seiner Firma auf dem Hals<lb/>
           hat, wird er Ihnen wohl nicht<lb/>
           gesagt haben aber ich sage es<lb/>
           Ihnen Sie Ochsenpantoffel!</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#aq">Ein Freund des Hauses!</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Alles weißt du, Maschine, immer stehst du startbereit!</l>
        <lb/>
        <l>In dir ist unser Beruf, unser Leben und unsre ganze Zeit.</l>
        <lb/>
        <l>Sogar auf Reisen kommst du mit, praktisch und gut verpackt,</l>
        <lb/>
        <l>bis eines Tages zum letzten Male dein Hebel knackt.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Millionen Konzerte steigen täglich auf aus Stahl und Papier.</l>
        <lb/>
        <l>Was wären wir ohne dich, du Geschäftsklavier –!</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Karrieren</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Et jibt Karrieren – die jehn durch den Hintern.</l>
        <lb/>
        <l>Die Leute kriechen bei die Vorgesetzten rin.</l>
        <lb/>
        <l>Da is et warm. Da kenn se ibawintern.</l>
        <lb/>
        <l>Da bleihm se denn ne Weile drin.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">I, denken die – kein Neid! Wer hat, der hat.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denn komm se raus. Denn sind se plötzlich wat.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Denn sind se plötzlich feine Herrn jeworden!</l>
        <lb/>
        <l>Denn kenn die de Kollejen jahnich mehr.</l>
        <lb/>
        <l>Vor Eifa wolln se jeden jleich amorden:</l>
        <pb facs="#0397" n="394"/>
        <lb/>
        <l>„Ich bün Ihr Vorjesetzta! Bütte sehr!“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und jeda weeß doch, wie set ham jemacht!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Det wird so schnell vajessen … Keena lacht.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Int Jejenteil.</l>
        <lb/>
        <l rendition="#et3">Der sitzt noch nich drei Stunden</l>
        <lb/>
        <l>in seine neue Stellung drin –:</l>
        <lb/>
        <l>da hat sich schon n junger Mann jefunden,</l>
        <lb/>
        <l>der kriechtn wieda hinten rin!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und wenn die janze Hose kracht:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">weil mancha so Karriere macht.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Er hat det Ding jeschohm.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Nu sitzt a ehmt ohm.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Von oben frisch und munter</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">kuckt keena jerne runter.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Weil man so rasch vajißt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">wie man ruff,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">wie man ruff,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">wie man ruffjekommen ist –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Ideal und Wirklichkeit</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>In stiller Nacht und monogamen Betten</l>
        <lb/>
        <l>denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.</l>
        <lb/>
        <l>Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,</l>
        <lb/>
        <l>was uns, weil es nicht da ist, leise quält.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Du präparierst dir im Gedankengange</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das, was du willst – und nachher kriegst dus nie …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Man möchte immer eine große Lange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und dann bekommt man eine kleine Dicke –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2"><hi rendition="#aq">C’est la vie –!</hi></hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0398" n="395"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Sie muß sich wie in einem Kugellager</l>
        <lb/>
        <l>in ihren Hüften biegen, groß und blond.</l>
        <lb/>
        <l>Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,</l>
        <lb/>
        <l>wer je in diesen Haaren sich gesonnt …</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">der Eile und der Phantasie.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Man möchte immer eine große Lange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und dann bekommt man eine kleine Dicke –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Ssälawih –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Man möchte eine helle Pfeife kaufen</l>
        <lb/>
        <l>und kauft die dunkle – andere sind nicht da.</l>
        <lb/>
        <l>Man möchte jeden Morgen dauerlaufen</l>
        <lb/>
        <l>und tut es nicht. Beinah … beinah … </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wir dachten unter kaiserlichem Zwange</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">an eine Republik … und nun ists die!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Man möchte immer eine große Lange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und dann bekommt man eine kleine Dicke –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Ssälawih –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Diese Häuser</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Diese Häuser werden länger leben als du.</l>
        <lb/>
        <l>Du hast geglaubt, für dich seien sie gebaut.</l>
        <lb/>
        <l>Aber sie waren vorher da.</l>
        <lb/>
        <l>Du hast geglaubt: du wirst sie überleben.</l>
        <lb/>
        <l>Sie werden aber noch nach dir da sein.</l>
        <lb/>
        <l>Diese Häuser werden länger leben als du.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wenn du durch die Stadt trollst</l>
        <lb/>
        <l>mit einem Papierpacken, den du gekauft hast, du Tropf –</l>
        <lb/>
        <l>weil das dein Leben ist:</l>
        <pb facs="#0399" n="396"/>
        <lb/>
        <l>acht Stunden herumzupetern,</l>
        <lb/>
        <l>um eine zu genießen,</l>
        <lb/>
        <l>und die verregnet … </l>
        <lb/>
        <l>wenn du durch die Stadt trottest,</l>
        <lb/>
        <l>dann sehn sie dich an,</l>
        <lb/>
        <l>die Herren Häuser,</l>
        <lb/>
        <l>und grinsen mit breiten Türmäulern.</l>
        <lb/>
        <l>Sie werden länger leben als du.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wenn du von jener Dame kommst,</l>
        <lb/>
        <l>bei der du arbeiten läßt,</l>
        <lb/>
        <l>(oder sie bei dir – so genau ist das nicht zu unterscheiden),</l>
        <lb/>
        <l>dann stehn diese Dinger herum,</l>
        <lb/>
        <l>die Häuser;</l>
        <lb/>
        <l>unzählige Male hast du deine Liebe an sie geklebt,</l>
        <lb/>
        <l>sie geben sie schwach wieder.</l>
        <lb/>
        <l>Sie sind kalt.</l>
        <lb/>
        <l>Da stehn die Häuser,</l>
        <lb/>
        <l>und lassen in sich hausen,</l>
        <lb/>
        <l>und stehn wie die Mauern </l>
        <lb/>
        <l>– natürlich wie die Mauern – </l>
        <lb/>
        <l>und werden länger leben als du. </l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wenn du zum Arzt gehst,</l>
        <lb/>
        <l>ob … ob nicht … vielleicht … </l>
        <lb/>
        <l>die Angst im Wartezimmer, </l>
        <lb/>
        <l>bevor du herankommst! </l>
        <lb/>
        <l>Nie wieder! schwörst du dir leise – </l>
        <lb/>
        <l>es ist dein dreiundachtzigster Schwur in dieser Beziehung …</l>
        <lb/>
        <l>wenn du zum Arzt läufst, </l>
        <lb/>
        <l>für nichts empfänglich, mit einer einzigen fixen Idee im Kopf:</l>
      </lg>
      <pb facs="#0400" n="397"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>dann häusern sie da um dich herum</l>
        <lb/>
        <l>und</l>
        <lb/>
        <l>– da kannst du machen, was du willst – </l>
        <lb/>
        <l>sie werden länger leben als du. </l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und noch,</l>
        <lb/>
        <l>wenn sie dich zu Grabe blasen,</l>
        <lb/>
        <l>nein, heute blasen sie ja nicht mehr … </l>
        <lb/>
        <l>wenn sie dich in einem schwarz angestrichenen Wagen nach </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">draußen fahren,</hi></l>
        <lb/>
        <l>im Auto,</l>
        <lb/>
        <l>natürlich!</l>
        <lb/>
        <l>weil du es doch so eilig hast!</l>
        <lb/>
        <l>Denke: du könntest etwas versäumen! </l>
        <lb/>
        <l>Wenn sie dich einpflanzen </l>
        <lb/>
        <l>oder verbrennen,</l>
        <lb/>
        <l>so du 4 Mark 85 Mitgliedsbeitrag gezahlt hast </l>
        <lb/>
        <l>und ein Königlich Preußischer Freidenker bist –</l>
        <lb/>
        <l>wenn sie dich dahin expedieren, </l>
        <lb/>
        <l>wohin du, Sache Gewordener, dann gehörst,</l>
        <lb/>
        <l>weil du nun den andern tragisch-lästig fällst –: </l>
        <lb/>
        <l>dann stehn da die Häuser,</l>
        <lb/>
        <l>die deine Dummheiten seit deiner Geburt mit angesehen haben,</l>
        <lb/>
        <l>und sind länger Häuser, als du Mensch gewesen bist,</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>und werden länger leben </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">als du.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Dein Lebensgefühl</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Dein tiefstes Lebensgefühl –</l>
        <lb/>
        <l>wann hast du das gehabt?</l>
        <pb facs="#0401" n="398"/>
        <lb/>
        <l>Mit einem Freund?</l>
        <lb/>
        <l>Immer allein.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Einmal, als du an der Brüstung des Holzbalkons standest,</l>
        <lb/>
        <l>da lag das Schloß Gripsholm, weit und kupplig,</l>
        <lb/>
        <l>und da lag der See</l>
        <lb/>
        <l>und Schweden,</l>
        <lb/>
        <l>und die staubige Waldecke – </l>
        <lb/>
        <l>und auf der</l>
        <lb/>
        <l>dunkelgrün etikettierten Platte sang ein Kerl im</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Cockney-Englisch: <hi rendition="#aq">„What do you say
          …?“</hi></hi></l>
        <lb/>
        <l>und da fühltest du:</l>
        <lb/>
        <l>Ich bin.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>So war dein Lebensgefühl.</l>
        <lb/>
        <l>Mit einer Frau? </l>
        <lb/>
        <l>Immer allein.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Einmal, als du nachts nach Hause gekommen bist</l>
        <lb/>
        <l>von einer vergeblichen Attacke</l>
        <lb/>
        <l>bei der großen Blonden,</l>
        <lb/>
        <l>elegant-blamiert, literarisch hinten runtergerutscht,</l>
        <lb/>
        <l>gelackt, abgewinkt: danke, danke!</l>
        <lb/>
        <l>da standest du vor deinem runden Nachttisch</l>
        <lb/>
        <l>und sahst in das rosa Licht der Lampe</l>
        <lb/>
        <l>und tatest dir leid,</l>
        <lb/>
        <l>falsch leid, leid und fühltest:</l>
        <lb/>
        <l>Ich bin.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>So war dein Lebensgefühl …</l>
        <lb/>
        <l>In der Masse?</l>
        <lb/>
        <l>Immer allein.</l>
        <pb facs="#0402" n="399"/>
        <lb/>
        <l>Es ist so selten,</l>
        <lb/>
        <l>das Lebensgefühl.</l>
        <lb/>
        <l>Casanova hatte es einmal.</l>
        <lb/>
        <l>Vierter Band.</l>
        <lb/>
        <l>Er sieht bei seiner Geliebten Rosalinde</l>
        <lb/>
        <l>zwei Kinder, die er ihr vor Jahren gemacht hat,</l>
        <lb/>
        <l>schlafend, in einem Bett, Mädchen und Knabe.</l>
        <lb/>
        <l>Sie zeigt sie ihm,</l>
        <lb/>
        <l>hebt die Beckdecke hoch, die junge Sau,</l>
        <lb/>
        <l>die Mutter,</l>
        <lb/>
        <l>um ihn anzugeilen,</l>
        <lb/>
        <l>um ihm Freude zu machen,</l>
        <lb/>
        <l>was weiß ich.</l>
        <lb/>
        <l>Und er sieht:</l>
        <lb/>
        <l>wie der Knabe im Schlummer seine Hand auf den Bauch</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">des Mädchens gelegt hat.</hi></l>
        <lb/>
        <l>„Da empfand ich“, </l>
        <lb/>
        <l>schreibt Casanova, </l>
        <lb/>
        <l>„meine tiefste Natur“.</l>
        <lb/>
        <l>Das war sein Lebensgefühl.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Verschüttet ist es bei dir.</l>
        <lb/>
        <l>Du wolltest leben</l>
        <lb/>
        <l>und kamst nicht dazu.</l>
        <lb/>
        <l>Du willst leben und</l>
        <lb/>
        <l>vergißt es vor lauter Geschäftigkeit.</l>
        <lb/>
        <l>Du willst das spüren, was in dir ist,</l>
        <lb/>
        <l>und hast eifrig zu tun mit dem, was um dich ist – </l>
        <lb/>
        <l>Verschüttet ist dein Lebensgefühl.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wenn du tot bist, wird es dir sehr leid tun.</l>
        <lb/>
        <l>Noch ist es Zeit –!</l>
      </lg>
      <pb facs="#0403" n="400"/>
      <p>
        <lb/>
          <hi rendition="#b">Wo ist der Schnee …</hi></p>
      <lg>
        <l>Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Anna-Susanna?</hi></l>
        <lb/>
        <l>Weißt du noch, was damals Mode war,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Anna-Susanna?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die Literatur trug man vorne gerafft,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">jede Woche gabs ein Genie.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und alles murmelte: „Faaabelhaft!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Rein menschlich … irgendwie …!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wo sind die Blumen vom letzten Lenz,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Anna-Susanna?</hi></l>
        <lb/>
        <l>Die Betonung des kosmischen Bühnen-Akzents,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Anna-Susanna?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Das gebildete Publikum lief zuhauf</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">mit der Kritiker-Artillerie.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und die Stücke führt kein Mensch mehr auf,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">rein menschlich irgendwie.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Anna-Susanna?</hi></l>
        <lb/>
        <l>Brecht wird sein, was Sudermann war,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Anna-Susanna.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie brüllen sich hoch, die Reklame schreit,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das ist eine Industrie.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Pro Mann einen Monat Unsterblichkeit</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">– Anna-Susanna –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">rein menschlich irgendwie.</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0404" n="401"/>
      <p>
        <hi rendition="#b">Lehrgedicht</hi>
      </p>
      <lg>
        <l>Wenn du mal gar nicht weiter weißt,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">dann sag: Mythos.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wenn dir der Faden der Logik reißt,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">dann sag: Logos.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und hast du nichts in deiner Tasse,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dann erzähl was vom tiefen Geheimnis der Rasse.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">So erreichst du, daß keiner, wie er auch giert,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">dich je kontrolliert.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Willst du diskret die Leute angeilen,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">dann sag: Eros.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Sehr viel Bildung verleiht deinen Zeilen:</l>
        <l><hi rendition="#et2">Dionysos.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Aber am meisten tun dir bieten</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">die katholischen Requisiten.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Tu fromm – du brauchst es gar nicht zu sein.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Sie fallen drauf rein.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Machs wie die Literatur-Attachés:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">nimm ein Diarium.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Die Hauptsache eines guten Essays</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">ist das Vokabularium.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Eros und Mythos hats immer gegeben,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">doch noch nie so viele, die von ihnen leben …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">So kommst du spielend – immer schmuse du nur! – </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">in die feinere deutsche Literatur.</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0405" n="402"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Lied der Cowgoys</hi>
        <lb/>
        <hi rendition="#et2"><hi rendition="#i">„Damn!“</hi></hi>
        <lb/>
        <hi rendition="#et3"><hi rendition="#i">Rudyard Brecht</hi></hi>
      </p>
      <lg>
        <l>Ramm! – Pamm!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ramm – pammpammpamm!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wir stammen vom Mahagonny-Stamm!</l>
        <lb/>
        <l>Wir sind so fern und sind so nah!</l>
        <lb/>
        <l>Wir stammen aus Bayrisch-Amerika.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ahoi geschrien!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wir sind keine Wilden – wir tun nur so!</l>
        <lb/>
        <l>Wir haben Halbfranz auf dem Popo!</l>
        <lb/>
        <l>Und wir sind auch nicht trocken – gar keine Spur, ah …!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">In Estremadura!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">In Estremadura!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">In Estremadura –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ramm! – Pamm!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ramm – pammpammpamm!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Exotik als Literaturprogramm:</l>
        <lb/>
        <l>Das ist bequem und macht keinen naß</l>
        <lb/>
        <l>und tut keinem Kapitalisten was.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Remington backbord!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wir sind bald lyrisch und sind bald roh.</l>
        <lb/>
        <l>Wir fluchen am Kreuz und beten im Klo.</l>
        <lb/>
        <l>Und jeder von uns singt so schön wie Kipura!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">In Estremadura!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">In Estremadura!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">In Estremadura –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ramm! – Pamm!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ramm – pammpammpamm!</hi></l>
        <lb/>
        <pb facs="#0406" n="403"/>
        <lb/>
        <l>Auf dem Hintern da prangt uns ein Monogramm.</l>
        <lb/>
        <l>Da prangt Bert Brecht – frag nicht nach dem Sinn –</l>
        <lb/>
        <l>sonst halten wir dir unsern Hintern hin.</l>
        <lb/>
        <l>Und klappt es nicht mit des Dramas Lauf:</l>
        <lb/>
        <l>dann sagen wir rasch ein Sprichwort auf.</l>
        <lb/>
        <l>Auf dem Rücken der Pferde, da liegt unser Glück…</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#aq">God save the Queen</hi> mit Goldmundstück!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wir sind das Ideal des Herrn Cohn,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und wir sind das Produkt einer Generation.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und wenn einer gar keine Freiheit hat –:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Unsre Freiheit hat er, und die macht ihn satt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wir sind und bleiben allzumal</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">ein geronnenes Großstadt-Ideal!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Berittene Bürger. Ein dreifaches Huhra!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Nach Estremadura! </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Nach Estremadura!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Nach Estremadura!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Über den Dächern</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Über den Dächern</l>
        <lb/>
        <l>schwebt Rauch</l>
        <lb/>
        <l>und ein sanftes Gebimmel</l>
        <lb/>
        <l>klingt von den Türmen der Stadt.</l>
        <lb/>
        <l>Meine Sehnsucht fliegt in den Himmel.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wie es durch das Fenster zieht …!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wozu arbeiten?</l>
        <lb/>
        <l>Wozu tätig sein?</l>
        <lb/>
        <l>Wozu in die Versammlungen gehn?</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ich habe nur meine beiden Hände.</hi></l>
        <pb facs="#0407" n="404"/>
        <lb/>
        <l>Was steht am Ende –?</l>
        <lb/>
        <l>Das habe ich an Vater gesehen.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wie es durch das Fenster zieht…!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Diese Dachkammer hat der alte Mann.</l>
        <lb/>
        <l>Dafür fünfundfünfzig Jahre</l>
        <lb/>
        <l>Arbeit, keinen Tag Urlaub,</l>
        <lb/>
        <l>Sorgen und graue Haare.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Meine Gedanken hängen am Horizont –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wo ist unser Glück…?</l>
        <lb/>
        <l>Und da kommen plötzlich alle meine Gedanken zurück.</l>
        <lb/>
        <l>Gleich springe ich auf die Beine</l>
        <lb/>
        <l>und werfe die Arme um den Leib,</l>
        <lb/>
        <l>weil mich friert…</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ich bin nicht mehr allein.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wir sind stark, wenn wir zusammenhalten:</l>
        <lb/>
        <l>die Starken und Schwachen, die Jungen und Alten.</l>
        <lb/>
        <l>Wenn nur der Wille fest bleibt und unsere Partei.</l>
        <lb/>
        <l>Da bin ich dabei.</l>
        <lb/>
        <l>Noch einmal sehe ich über die Stadt</l>
        <lb/>
        <l>und die Dächer…</l>
        <lb/>
        <l>Schon mancher hat mit trocken Brot und armseligem Essen</l>
        <lb/>
        <l>in so einer zugigen Dachkammer gesessen.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mancher, der nachher ein Reich erobert hat.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Warte nicht!</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Du, Frau an der Falzmaschine,</l>
        <lb/>
        <l>sieh in den Himmel hinauf!</l>
        <lb/>
        <l>du nähst am Fenster, Mädchen –</l>
        <lb/>
        <l>sieh in den Steinhof hinab!</l>
        <pb facs="#0408" n="405"/>
        <lb/>
        <l>Denkt ihr über das Schicksal nach?</l>
        <lb/>
        <l>über gestern, heute und morgen?</l>
        <lb/>
        <l>Kopf hoch! Es gibt einen Spruch,</l>
        <lb/>
        <l>der strahlt über allen Sorgen:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Warte nicht zu lange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">warte nicht zu lang!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Lausch deinem innern Klange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">die Zeit geht ihren Gang.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Jeder hat im Leben</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">eine Melodie …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und was du dir nicht selber nimmst,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das erreichst du nie –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Du, junge Arbeiterin,</l>
        <lb/>
        <l>liebst einen, der dich liebt.</l>
        <lb/>
        <l>Sollst du ihn nehmen? Ist er ein Gewinn?</l>
        <lb/>
        <l>Hat er zu geben, wenn er gibt?</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mach reinen Tisch und entscheide dich –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Süden oder Norden!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ja oder Nein! – aber bleib nicht stehn,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">noch keine ist jünger geworden … </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Warte nicht zu lange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">warte nicht zu lang –!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Lausch deinem innern Klange,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">die Zeit geht ihren Gang.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Jeder hat im Leben</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">eine Melodie …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Und was du dir nicht selber nimmst,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">das erreichst du nie –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Du, Kämpfer für die Freiheit deiner Klasse!</l>
        <lb/>
        <l>laß dich nicht einschläfern!</l>
        <pb facs="#0409" n="406"/>
        <lb/>
        <l>Von den Reden der Wichtigtuer,</l>
        <lb/>
        <l>der Schreiberseelen, der falschen Führer!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Manches Jahr ging ungenützt hin,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">laß dir nichts prophezein!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Deine Klasse wartet auf dich –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">hilf sie vom Joch befreien!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Warte nicht zu lange!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">warte nicht zu lang –!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Lausch dem Weltenklange –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">die Zeit geht ihren Gang.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Jeder hat im Leben</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">eine Melodie …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Und wenn du dir vom Lebensbaum</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">die Früchte nicht einmal an dich reißt –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">bekommst du sie nie –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Eisenbahner</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Im Stellwerk wachen in der Nacht –</l>
        <lb/>
        <l>Marsch-Marsch! Zehn Stunden Dienst gemacht!</l>
        <lb/>
        <l>Die schweren Hebel an der Hand,</l>
        <lb/>
        <l>Hitze und Zugwind am Führerstand.</l>
        <lb/>
        <l>Im Bauch kalten Kaffee, im Kopf das Signal,</l>
        <lb/>
        <l>die Strecke abgehen, hundertmal –:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">das macht das Unterpersonal.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Hingegen:</hi></l>
        <lb/>
        <l>Verfügungen schmieren, wie die dienstlichen Mützen</l>
        <lb/>
        <l>auf dem Proletenkopf sollen sitzen;</l>
        <lb/>
        <l>nur die eigene Behörde kennen;</l>
        <lb/>
        <l>sich gegenseitig zum Geheimrat ernennen; </l>
        <pb facs="#0410" n="407"/>
        <lb/>
        <l>vom grünen Tisch den gemeinen Haufen</l>
        <lb/>
        <l>regieren, daß alle in Akten versaufen;</l>
        <lb/>
        <l>auf Wersalljes schimpfen, aufs Material –: </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">das tut das Oberpersonal.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Den Kopf hinhalten vor Gericht;</l>
        <lb/>
        <l>Maul halten, wenn der Richter spricht;</l>
        <lb/>
        <l>die Brust hinhalten, wenn es sprüht,</l>
        <lb/>
        <l>undichtes Rohr … der Dampf verbrüht …</l>
        <lb/>
        <l>ein heißer Strahl … weg, ins Spital …</l>
        <lb/>
        <l>So fünfzig, hundert, tausendmal –:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">das macht das Unterpersonal.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Hingegen:</hi></l>
        <lb/>
        <l>Intriguieren und organisieren – </l>
        <lb/>
        <l>paragraphieren und reglementieren.</l>
        <lb/>
        <l>Geht es bei Katastrophen ans Leben,</l>
        <lb/>
        <l>sich „persönlich auf den Schauplatz begeben“;</l>
        <lb/>
        <l>an Vorschriften und Verfügungen polken,</l>
        <lb/>
        <l>(wie ein Mond leuchtet Dorpmüller aus den Wolken).</l>
        <lb/>
        <l>Für die andern: Kommiß. Für sich selber: sozial.</l>
        <lb/>
        <l>Das macht das Oberpersonal.</l>
        <lb/>
        <l>Wir rufen ihm zu, so, wie es da ist,</l>
        <lb/>
        <l>ein Signal, das kein Proletarier vergißt:</l>
        <lb/>
        <l>Abfahren! Abfahren! Abfahren –!</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Saisonarbeiter</hi></p>
      <lg>
        <l>Zehntausend polnische Schnitter,</l>
        <lb/>
        <l>die kommen nach Deutschland hinein;</l>
        <lb/>
        <l>es wollen die pommerschen Ritter</l>
        <lb/>
        <l>billig bedienet sein.</l>
        <pb facs="#0411" n="408"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die beschimpfen den deutschen Arbeitsmann,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">weil der ihr Fressen nicht essen kann</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und nicht wohnt in dem Lumpenquartier.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und es erläßt der Herr Aristokrat</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">ein Landarbeiter-Inserat</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">auf Zeitungspapier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">auf Zeitungspapier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">auf polnischem Zeitungspapier.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Zehntausend Ärmste der Armen,</l>
        <lb/>
        <l>die treten zur Arbeit an,</l>
        <lb/>
        <l>bewacht von den Gendarmen,</l>
        <lb/>
        <l>daß keiner auskneifen kann.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie schuften für ein paar Zettel Geld.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Bringt die Arbeitersfrau ein Kind zur Welt,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dann näselt der Kavalier:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">„Was sind denn das für Schweinerein?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wäsche –? Wickeln Sie das doch ein</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">in Zeitungspapier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">in Zeitungspapier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">in schlesisches Zeitungspapier –!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>So werden Proleten betrogen,</l>
        <lb/>
        <l>so werden Kinder gemacht. </l>
        <lb/>
        <l>Sie liegen in Zeitungsbogen</l>
        <lb/>
        <l>und brüllen die ganze Nacht.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und könnten sie lesen, so läsen sie gleich</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">von dem herrlichen, dem Deutschen Reich</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und von proletarischer Gier.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wirf, Arbeiter, aus deinem Haus,</l>
        <lb/>
        <l>die arbeiterfeindliche Presse heraus!</l>
        <pb facs="#0412" n="409"/>
        <lb/>
        <l>Und wisch dir deine Augen aus</l>
        <lb/>
        <l>mit dem Zeitungspapier,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">mit dem Zeitungspapier,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">mit Hugenbergs Zeitungspapier –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Bürgerliche Wohltätigkeit</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Sieh! Da steht das Erholungsheim</l>
        <lb/>
        <l>einer Aktiengesellschafts-Gruppe;</l>
        <lb/>
        <l>morgens gibt es Haferschleim</l>
        <lb/>
        <l>und abends Gerstensuppe.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und die Arbeiter dürfen auch in den Park …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Gut. Das ist der Pfennig.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Aber wo ist die Mark –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Sie reichen euch manche Almosen hin</l>
        <lb/>
        <l>unter christlichen frommen Gebeten;</l>
        <lb/>
        <l>sie pflegen die leidende Wöchnerin,</l>
        <lb/>
        <l>denn sie brauchen ja die Proleten.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie liefern auch einen Armensarg …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Das ist der Pfennig. Aber wo ist die Mark –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Die Mark ist tausend- und tausendfach</l>
        <lb/>
        <l>in fremde Taschen geflossen; </l>
        <lb/>
        <l>die Dividende hat mit viel Krach</l>
        <lb/>
        <l>der Aufsichtsrat beschlossen.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Für euch die Brühe. Für sie das Mark.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.</hi></l>
        <lb/>
      </lg>
      <pb facs="#0413" n="410"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Proleten!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Fallt nicht auf den Schwindel rein!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Sie schulden euch mehr als sie geben.</l>
        <lb/>
        <l>Sie schulden euch alles! Die Länderein,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">die Bergwerke und die Wollfärberein … </hi></l>
        <lb/>
        <l>sie schulden euch Glück und Leben.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Denk an deine Klasse! Und die mach stark!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Für dich der Pfennig! Für dich die Mark!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Kämpfe –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Der Meineid</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wenn denn Jeorjen seine Fauste</l>
        <lb/>
        <l>in Lottchen ihre Augen sauste,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">denn freute sich det janze Haus.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Indem daß alle einich waren: </l>
        <lb/>
        <l>ne Frau von vierunddreißig Jahren, </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">die sieht jefälligst anders aus.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Na, det will ick mein –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Von wejen: sich die Backen pudern</l>
        <lb/>
        <l>un nachts mit fremde Kerle ludern –</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">man weeß doch, wat det heißen soll!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Wer Ohren hat, kann manches hören …</l>
        <lb/>
        <l>„Det könn wa allesamt beschwörn –</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">er haut ihr nachts den Buckel voll!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Frau Grimkasch sacht auch.“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Frau Grimkasch hats von Frollein Klüber,</l>
        <lb/>
        <l>die wohnt Jeorjen jejenüber,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">wer richtich kieken kann, der sieht.</hi></l>
        <pb facs="#0414" n="411"/>
        <lb/>
        <l>Frau Grimkasch sacht noch uffn Flure:</l>
        <lb/>
        <l>„Na, wissen Se, die olle Hure…!“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">denn jehn se alle nach Moabit. </hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Morjens halb zehn, zweiter Stock.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Da stehn se nu wie Orjelpfeifen;</l>
        <lb/>
        <l>die Weiba fangen an zu keifen,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">der Richter ruft: „Immer eine nur!“ </hi></l>
        <lb/>
        <l>Det sind nu Fraun von Kommenisten,</l>
        <lb/>
        <l>von Jelben un von Sozialisten… </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">hier is det allens eine Tour.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Denn nischt jreift so det Herze an</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">wie die Sorje um den Nebenmann.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Nu wird man die Pochtjehsche hören.</l>
        <lb/>
        <l>„Jawoll! Det kann ick jlatt beschwören!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der kleene Horst stand ooch dabei!</hi></l>
        <lb/>
        <l>Frau Grimkasch sacht, die Klübern hätte</l>
        <lb/>
        <l>die beiden überrascht int Bette –</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und det Klosett wah auch nich frei!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">So wahr mir Gott helfe!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der Richter schreibt det in die Biecher.</l>
        <lb/>
        <l>Der Staatsanwalt mit seinen Riecher…</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Meineidsverfahren! Alle Mann.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Frau Grimkasch. Lottchen mit de Prüjel,</l>
        <lb/>
        <l>der janze linke Seitenflüjel –</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">die treten alle nochmah an.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Acht Jahre Zuchthaus.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Wat nehmlich unsa Staat ist heute –:</l>
        <lb/>
        <l>pisaken sone kleinen Leute,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">det kann er nämich meisterlich.</hi></l>
        <pb facs="#0415" n="412"/>
        <lb/>
        <l>A seine Deutschen Arbeit jehm</l>
        <lb/>
        <l>un Licht un Luft un jutet Lehm… </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">det kann er nich.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Det kann er nich.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Immer raus mit der Mutter…!</hi>
        <hi rendition="#right"><hi rendition="#i">Für Paul Graetz</hi></hi></p>
      <lg>
        <l>Verdumpft, verengt, verpennt, blockiert,</l>
        <lb/>
        <l>so geht das seit zehn Jahren.</l>
        <lb/>
        <l>Wie sind die Deutschen dezimiert,</l>
        <lb/>
        <l>die einst von Goethe waren!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ein Mittel gibts – und das ist rar.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Das Mittel das ist dies:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mensch, ein Mal auf dem Buhlewar!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mensch, ein Mal in Paris!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Als Ludendorff einst Lüttich nahm</l>
        <lb/>
        <l>und nachher nicht mehr rausfand –</l>
        <lb/>
        <l>Welch Tag für ihn! Der Brave kam</l>
        <lb/>
        <l>zum ersten Mal ins Ausland.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Man denk ihn sich mit Schnurrbarthaar,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">mit Orden, Helm und Spieß,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mensch, ein Mal auf dem Buhlewar!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mensch, ein Mal in Paris!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Hannover-Süd und Franken-Nord.</l>
        <lb/>
        <l>Der Horizont wird kleiner.</l>
        <lb/>
        <l>Von Hause kommen Wenige fort</l>
        <lb/>
        <l>und in die Welt fast Keiner.</l>
        <pb facs="#0416" n="413"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ich wünsch der Angestelltenschar</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">statt Brandenburger Kies:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">nur ein Mal auf dem Buhlewar!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">nur ein Mal in Paris!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Da draußen kümmert sich kein Bein</l>
        <lb/>
        <l>um eure Fahrdienstleiter.</l>
        <lb/>
        <l>Ihr könnt Hep-Hep und Hurra schrein:</l>
        <lb/>
        <l>die Welt geht ruhig weiter,</l>
        <lb/>
        <l>Die Völker leben. Freude lacht.</l>
        <lb/>
        <l>Wir stehn in letzter Reihe.</l>
        <lb/>
        <l>Was sich bei uns so mausig macht,</l>
        <lb/>
        <l>das sollte mal ins Freie!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Den Richtern, Bonzen, ja, sogar</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Herrn Hitler wünsch ich dies:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mensch, ein Mal auf den Buhlewar!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Mensch, ein Mal nach Paris –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Eine Frage</hi>
      </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Da stehn die Werkmeister – Mann für Mann.</l>
        <lb/>
        <l>Der Direktor spricht und sieht sie an:</l>
        <lb/>
        <l>„Was heißt hier Gewerkschaft! Was heißt hier Beschwerden!</l>
        <lb/>
        <l>Es muß viel mehr gearbeitet werden!</l>
        <lb/>
        <l>Produktionssteigerung! Daß die Räder sich drehn!“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Eine einzige</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">kleine Frage: Für wen?</hi></l>
        <pb facs="#0417" n="414"/>
        <lb/>
        <l>Ihr sagt: die Maschinen müssen laufen.</l>
        <lb/>
        <l>Wer soll sich eure Waren denn kaufen?</l>
        <lb/>
        <l>Eure Angestellten? Denen habt ihr bis jetzt</l>
        <lb/>
        <l>das Gehalt, wo ihr konntet, heruntergesetzt.</l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und die Waren sind im Süden und Norden</l>
        <lb/>
        <l>deshalb auch nicht billiger geworden.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Und immer noch sollen die Räder sich drehn …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Für wen?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Für wen die Plakate und die Reklamen?</l>
        <lb/>
        <l>Für wen die Autos und Bilderrahmen?</l>
        <lb/>
        <l>Für wen die Krawatten? die gläsernen Schalen?</l>
        <lb/>
        <l>Eure Arbeiter können das nicht bezahlen.</l>
        <lb/>
        <l>Etwa die der andern? Für solche Fälle</l>
        <lb/>
        <l>habt ihr doch eure Trusts und Kartelle!</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ihr sagt: die Wirtschaft müsse bestehn.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Eine schöne Wirtschaft!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Für wen? Für wen?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Das laufende Band, das sich weiterschiebt,</l>
        <lb/>
        <l>liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.</l>
        <lb/>
        <l>Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht</l>
        <lb/>
        <l>eure eigne Kundschaft kaputtgemacht.</l>
        <lb/>
        <l>Denn Deutschland besteht – Millionäre sind selten – </l>
        <lb/>
        <l>aus Arbeitern und aus Angestellten! </l>
        <lb/>
        <l>Und eure Bilanz zeigt mit einem Male</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">einen Saldo mortale.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Während Millionen stempeln gehn.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Die wissen, für wen.</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Die Gefangenen</hi>
      </p>
      <lg>
        <l>Hörst du sie schlucken, Herrgott?</l>
        <lb/>
        <l>Sie sitzen muffig riechend und essen ein muffiges Essen,</l>
        <pb facs="#0418" n="415"/>
        <lb/>
        <l>holen es mit dem Blechlöffel aus den amtlichen Gefäßen</l>
        <lb/>
        <l>und führen es in ihren privaten Mund.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der Körper verdaut es,</hi></l>
        <lb/>
        <l>und es ist ganz sinnlos, was sie da tun.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Hörst du sie schlucken, Herrgott?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Siehst du sie im Hof trotten, Herrgott?</hi></l>
        <lb/>
        <l>Man bewegt sie, wie die Pferde, damit sie nicht</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">frühzeitig sterben –</hi></l>
        <lb/>
        <l>sie sollen leidensfähig erhalten werden,</l>
        <lb/>
        <l>und im Schubkasten des Gefängnispastors liegt eine Bibel.</l>
        <lb/>
        <l>Daraus liest er ihnen von Zeit zu Zeit etwas vor und glaubt<lb/>
           wirklich,</l>
        <lb/>
        <l>er sei besser als sie.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Siehst du sie in ihrer Kirche sitzen, Herrgott?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Fühlst du sie leiden?</hi></l>
        <lb/>
        <l>Nachts bedrängen sie wüste Träume;</l>
        <lb/>
        <l>ihre innere Sekretion ist nicht in Ordnung,</l>
        <lb/>
        <l>sie sehen riesige Geschlechtsteile auf Beinen</l>
        <lb/>
        <l>und zupfen an sich herum … </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Fühlst du sie leiden?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.</l>
        <lb/>
        <l>Doch kann kein Mensch den andern bestrafen, er kann<lb/>
           ihn nur quälen.</l>
        <lb/>
        <l>Denn Schuld und Strafe kommen niemals zusammen.</l>
        <lb/>
        <l>Ja, sie haben gefehlt, das ist wahr.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Da sitzen sie und leiden:</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Weil sie gestohlen haben;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">weil ihre Eltern nur einen verwüsteten Körper zeugen<lb/>
             konnten;</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <pb facs="#0419" n="416"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">weil sie in Spanien eine Republik haben wollten;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">weil sie Stalins Politik nicht billigen;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">weil sie den Duce nicht lieben;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">weil sie in Amerika Gewerkschaften gründen<lb/>
             wollten … </hi></l>
        <lb/>
        <l>Sie sind Späne des irdischen Sägewerks.</l>
        <lb/>
        <l>Die Gerechten könnten nicht sein, wenn die Ungerechten nicht<lb/>
           wären.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Und so ist es eingeteilt:</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie haben gesündigt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Andre haben sie verurteilt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Wieder andre vollstrecken das Urteil.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Was haben diese drei Dinge miteinander zu tun?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Gott, du siehst es –!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Erbarme, erbarme dich der Gefangenen!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der Mensch, der da richtet, erbarmt sich nicht.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Man müßte ihn quälen, wiederum, und wiederum</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">wäre nichts damit getan.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Hörst du sie, siehst du sie,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">fühlst du sie, die Gefangenen –?</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Jakubowski</hi>
      </p>
      <lg>
        <l>Die Hand gekrampft um die Barriere,</l>
        <lb/>
        <l>so steht der graue Mann, geduckt.</l>
        <lb/>
        <l>In seinen Augen fragt die Leere –</l>
        <lb/>
        <l>man sieht, wie er den Speichel schluckt.</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Ihm gegenüber, hoch erhoben,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">ein kalter Stahl, der Staatsanwalt.</hi></l>
        <pb facs="#0420" n="417"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Es dämmern dumpf die andern Roben,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Geschworne lauschen, Rede knallt :</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">„So haben wir den Mord bewiesen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">und jedes Mitleid wäre schlapp!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Ich fordere von Ihnen diesen!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Haun wir ihm den Kopf ab!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Haun wir ihm den Kopf ab!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et3">Haun wir ihm den Kopf ab –!“</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Grau-regnerisch wölbt sich der Himmel</l>
        <lb/>
        <l>fahl über rotem Backsteinbau;</l>
        <lb/>
        <l>vom nahen Türmchen ein Gebimmel –</l>
        <lb/>
        <l>die schmutzige Turmuhr zeigt genau</l>
        <lb/>
        <l>halb fünf. Es öffnet sich die Pforte,</l>
        <lb/>
        <l>heraus schwankt ein halbtotes Tier.</l>
        <lb/>
        <l>Der Mund sagt unhörbare Worte …</l>
        <lb/>
        <l>– „Na, wird das! Sind wir alle hier?“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Der Staatsanwalt hält einen Bogen</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und liest gefühllos, schnell und knapp.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">„Und somit übergebe ich Sie dem Nachrichter!“<lb/>
             Geschleppt, gezogen –</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Hier geschieht ein Mord!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie hauen ihm den Kopf ab!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Sie hauen ihm den Kopf ab!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Sie hauen ihm den Kopf ab –!</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der Körper liegt in fremder Erde.</l>
        <lb/>
        <l>Kein Kreuz – wie einen Hund verscharrt.</l>
        <lb/>
        <l>Die schlafen gut. Ein Schrei: „Es werde </l>
        <lb/>
        <l>Gerechtigkeit!“</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#right">Ganz Deutschland ist zum Paragraph erstarrt.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Laßt ihr euch die Justiz gefallen?</hi></l>
        <pb facs="#0421" n="418"/>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Hält euch ein Korpsstudent zurück?</hi></l>
        <l><hi rendition="#et">Steht denn Justitia über allen?</hi></l>
        <l><hi rendition="#et">Wagt euch an dieses Hurenstück!</hi></l>
        <l><hi rendition="#et2">Soll dieser Jammer niemals enden?</hi></l>
        <l><hi rendition="#et2">Werft die Figur vom Postament herab!</hi></l>
        <l><hi rendition="#et2">Einen Tritt ins Gesäß!</hi></l>
        <l><hi rendition="#right">Die Wage aus den Händen!</hi></l>
        <l><hi rendition="#et2">Hauen wir ihr den Kopf ab!</hi></l>
        <l><hi rendition="#et2">Hauen wir ihr den Kopf ab!</hi></l>
        <l><hi rendition="#et2">Hauen wir ihr den Kopf ab –!</hi></l>
      </lg>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Geduld</hi>
      </p>
      <lg>
        <l>Die großen, sanften Augen der Bauernpferde, die</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">still trottend ziehn; auf den Augenrändern</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">und in den Augenwinkeln sitzt es schwarz vor Fliegen …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Geduld –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der wie ein Paket geschnürte Hund, dem der Professor</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Curare eingespritzt hat, nun kann er sich nicht bewegen,<lb/>
             nur noch fühlen;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">sie haben ihm die Harnleiter durchgeschnitten, da liegt er.</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Studenten umgeben das prächtige Bild …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Geduld –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der verheiratete Angestellte, der vor dem brummigen Chef<lb/>
           steht,</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">zitternd, die Kündigung an den Kopf geworfen zu be-<lb/>
             kommen;</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">der Mann hinter dem Schreibtisch fühlt sich: er hat auf<lb/>
             einmal</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">zwei Leben: das eigne und das des andern …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Geduld –</hi></l>
      </lg>
      <pb facs="#0422" n="419"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Der Proletarier im Holzschrein vor Gericht, wo unaufhörlich die</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">dreisten Ermahnungen des Richters kalt-spöttisch auf ihn</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">heruntersausen …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Geduld –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Das Fürsorgekind, das einer verwitweten Megäre in die<lb/>
           Anstaltsfinger</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">gefallen ist; die braucht bei Männern keine Lust zu suchen,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">sie hat die Kinder …</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Geduld –</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Läutert Leiden? Welchen Sinn hat es?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Was haben sie getan, mein Gott: das Pferd, der Hund,</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">der Angestellte, der Proletarier, das Fürsorgekind –?</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Sind sie schuld?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Woran sind sie schuld?</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Nimm ihnen die Geduld!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Nimm ihnen die Geduld!</hi></l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et2">Nimm ihnen die Geduld –!</hi></l>
        <lb/>
      </lg>
      <pb facs="#0423" n="420"/>
      <p>
        <hi rendition="#b">Mutterns Hände</hi></p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Hast uns Stulln jeschnitten</l>
        <lb/>
        <l>un Kaffe jekocht</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">un de Töppe rübajeschohm –</hi></l>
        <lb/>
        <l>un jewischt und jenäht</l>
        <lb/>
        <l>un jemacht und jedreht ... </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">alles mit deine Hände.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Hast de Milch zujedeckt,</l>
        <lb/>
        <l>uns Bobongs zujesteckt</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">un Zeitungen ausjetragen –</hi></l>
        <lb/>
        <l>hast die Hemden jezählt</l>
        <lb/>
        <l>und Kartoffeln jeschält ...</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">alles mit deine Hände.</hi></l>
      </lg>
      <lg>
        <lb/>
        <l>Hast uns manches Mal</l>
        <lb/>
        <l>bei jroßen Schkandal</l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">auch n Katzenkopp jejeben.</hi></l>
        <lb/>
        <l>Hast uns hochjebracht.</l>
        <lb/>
        <l>Wir wahn Sticker acht,</l>
        <lb/>
        <l>sechse sind noch am Leben ... </l>
        <lb/>
        <l><hi rendition="#et">Alles mit deine Hände.</hi></l>
      </lg>
      
      <pb facs="#0424" n="[421]"/>
      <p>
        <lb/>
         Es unterhielten sich ein Katholik und ein Jude über religiöse<lb/>
         Fragen.</p>
      <p>
        <lb/>
         „Eins verstehe ich nicht“, sagte der Katholik. „Wie kann <lb/>
         man als gebildeter Mensch glauben, die Juden seien durch das<lb/>
         Rote Meer gezogen?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie mögen recht haben“, sagte der Jude. „Wie kann man<lb/>
         aber glauben, Jesus Christus sei nach dem Tode auferstanden?“</p>
      <p>
        <lb/>
         „Das ist etwas Anderes“, sagte der Katholik. „Das ist wahr.“</p>
      <pb facs="#0425" n="[422]"/>
      <pb facs="#0426" n="[423]"/>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Inhalt</hi></p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Kinderwagen</hi><lb/>
         Fahrt ins Glück <space dim="horizontal"/> 11<lb/>
         Pariser Tage <space dim="horizontal"/> 14<lb/>
         Interview mit Frau Doumergue <space dim="horizontal"/> 18<lb/>
         Der liebe Gott in Frankreich <space dim="horizontal"/> 22<lb/>
         Alter Burgunder wird versteigert <space dim="horizontal"/> 24<lb/>
         In der Geburtsstadt Fragonards <space dim="horizontal"/> 26<lb/>
         Ein schwedischer Sachse <space dim="horizontal"/> 32<lb/>
         Koffer auspacken <space dim="horizontal"/> 35<lb/>
         Die Apotheke <space dim="horizontal"/> 38<lb/>
         Einfahrt <space dim="horizontal"/> 40 </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Beißring</hi>
        <lb/>
         Wahnsinn Europa <space dim="horizontal"/> 45<lb/>
         Fabel <space dim="horizontal"/> 55<lb/>
         Ein besserer Herr <space dim="horizontal"/> 57<lb/>
         Die Leibesfrucht spricht <space dim="horizontal"/> 68<lb/>
         Das Opfer einer Republik <space dim="horizontal"/> 69<lb/>
         Der Hellseher <space dim="horizontal"/> 72<lb/>
         Die Franzmänner <space dim="horizontal"/> 78<lb/>
         Die Rotstift-Schere <space dim="horizontal"/> 80<lb/>
         Mit einem Zuchthäusler? <space dim="horizontal"/> 82<lb/>
         Das schwarze Kreuz auf grünem Grunde <space dim="horizontal"/> 87<lb/>
         8 Uhr abends – Licht aus! <space dim="horizontal"/> 93<lb/>
         Die Herren Belohner<space dim="horizontal"/> 102<lb/>
         Warum <space dim="horizontal"/> 105<lb/>
         Verhetzte Kinder – ohnmächtige Republik <space dim="horizontal"/> 106<lb/>
         Ein älterer, aber leicht besoffener Herr <space dim="horizontal"/> 112<lb/>
         Die Herren Verjünger <space dim="horizontal"/> 118<lb/>
         Herr Wendriner steht unter der Diktatur <space dim="horizontal"/> 119 </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Bleisoldaten</hi>
        <lb/>
         Die brennende Lamp <space dim="horizontal"/> 127<lb/>
         Der Sadist der Landwehr <space dim="horizontal"/> 129
        <pb facs="#0427" n="424"/>
        <lb/>
         Eine Stimme <space dim="horizontal"/> 132<lb/>
         Erinnerung <space dim="horizontal"/> 133<lb/>
         Lesefrucht <space dim="horizontal"/> 136<lb/>
         Ist es denn nun wirklich wahr, was man hat vernommen – <space dim="horizontal"/>138<lb/>
         Denkmal am deutschen Eck <space dim="horizontal"/>139</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Bilderbuch</hi>
        <lb/>
         Französischer Witz <space dim="horizontal"/>147<lb/>
         Die Bilderausstellung eines Humoristen <space dim="horizontal"/> 156<lb/>
         Der Gallenbittre <space dim="horizontal"/>161<lb/>
         Der Mittler <space dim="horizontal"/>165<lb/>
         Zehn Gebote für den Geschäftsmann, der einen Künstler<lb/>
         engagiert <space dim="horizontal"/>172<lb/>
         Der Geschäftsmann in der Literatur <space dim="horizontal"/>174<lb/>
         Gesunde und kranke Nerven <space dim="horizontal"/>178<lb/>
         Die ausgezogene Frau <space dim="horizontal"/>185<lb/>
         Die Essayisten <space dim="horizontal"/>187<lb/>
         Sprechen Sie lateinisch? <space dim="horizontal"/>195<lb/>
         Zeitungsdeutsch und Briefstil <space dim="horizontal"/>199<lb/>
         „mit“ <space dim="horizontal"/>201<lb/>
         Der Herr Soundso <space dim="horizontal"/>204<lb/>
         Der Henrige <space dim="horizontal"/>205<lb/>
         Lampenfieber <space dim="horizontal"/>208<lb/>
         Eugen Burg <space dim="horizontal"/>210<lb/>
         Die Anhängewagen <space dim="horizontal"/>212 <lb/>
         Auf dem Nachttisch <space dim="horizontal"/>214<lb/>
         Die Aussortierten <space dim="horizontal"/>221</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Amulett</hi><lb/>
         Sprechstunde am Kreuz <space dim="horizontal"/>229<lb/>
         Von den Kränzen, der Abtreibung und dem Sakrament der <lb/>
         Ehe <space dim="horizontal"/>236<lb/>
         Blick in ferne Zukunft <space dim="horizontal"/>244<lb/>
         Fräulein Marietta <space dim="horizontal"/>245<lb/>
         Ein Glas klingt <space dim="horizontal"/>250<lb/>
         Der schiefe Hut <space dim="horizontal"/>253<lb/>
         Pause auf dem Töpfchen <space dim="horizontal"/>256<lb/>
         Der fromme Angler <space dim="horizontal"/>257<lb/>
         Die Großen <space dim="horizontal"/>258<lb/>
         Es gibt keinen Neuschnee <space dim="horizontal"/>260<lb/>
         Korrespongdanx <space dim="horizontal"/>261
        <pb facs="#0428" n="425"/>
         Mir fehlt ein Wort <space dim="horizontal"/>263<lb/>
         Erfüllung <space dim="horizontal"/>265<lb/>
         Befürchtung <space dim="horizontal"/>266<lb/>
         Der Fliegengott <space dim="horizontal"/>267<lb/>
         Zur soziologischen Psychologie der Löcher <space dim="horizontal"/>272<lb/>
         Interview mit sich selbst <space dim="horizontal"/>274<lb/>
         Der Mensch <space dim="horizontal"/>279</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Klapper</hi></p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich rufe vor eins nochmal an –!“ <space dim="horizontal"/>285<lb/>
         Die Karte für den Pfirsich Melba <space dim="horizontal"/>290<lb/>
         Berliner Ballberichte <space dim="horizontal"/>293<lb/>
         Kreuzworträtsel mit Gewalt <space dim="horizontal"/>299<lb/>
         Das Lottchen<lb/>
         1. Ankunft <space dim="horizontal"/>303<lb/>
         2. Das Lottchen wird saniert <space dim="horizontal"/>306<lb/>
         3. Das Lottchen beichtet 1 Geliebten <space dim="horizontal"/>310<lb/>
         4. Es reut das Lottchen <space dim="horizontal"/>314<lb/>
         5. Das Lottchen besucht einen tragischen Film <space dim="horizontal"/>316<lb/>
         Der Brief <space dim="horizontal"/>321<lb/>
         Ratschläge für einen schlechten Redner <space dim="horizontal"/>323<lb/>
         Ein Ferngespräch <space dim="horizontal"/>326<lb/>
         O you my sweet evening star!<space dim="horizontal"/> 329<lb/>
         Der kranke Zeisig <space dim="horizontal"/>331<lb/>
         Gespräch auf einem Diplomatenempfang <space dim="horizontal"/>339<lb/>
         > Deutsch für Amerikaner <space dim="horizontal"/>344<lb/>
         So verschieden ist es im menschlichen Leben –! <space dim="horizontal"/>347</p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#b">Wiegenlieder</hi><lb/>
        Heinrich Zille <space dim="horizontal"/> 361<lb/>
         Stationen <space dim="horizontal"/>363<lb/>
         Ballade <space dim="horizontal"/>364<lb/>
         Sauflied, ganz allein <space dim="horizontal"/>367<lb/>
         Malwine <space dim="horizontal"/>368<lb/>
         Eine kleine Geburt <space dim="horizontal"/>369<lb/>
         Herz mit einem Sprung <space dim="horizontal"/>371<lb/>
         Lied fürs Grammophon <space dim="horizontal"/>373<lb/>
         Die Frau spricht<lb/>
         1. Die geschiedene Frau <space dim="horizontal"/>374<lb/>
         2. Eine Frau denkt <space dim="horizontal"/>375<lb/>
         3. Die Nachfolgerin <space dim="horizontal"/>377<lb/>
         4. Lamento <space dim="horizontal"/>378<lb/>
        <pb facs="#0429" n="426"/>
         Der andre Mann <space dim="horizontal"/>379<lb/>
         Danach <space dim="horizontal"/>380<lb/>
         An das Publikum <space dim="horizontal"/>382<lb/>
         Augen in der Großstadt <space dim="horizontal"/>383<lb/>
         Oller Mann <space dim="horizontal"/>384<lb/>
         Also wat nu – ja oder ja? <space dim="horizontal"/>385<lb/>
         Treue <space dim="horizontal"/>386<lb/>
         Kino privat <space dim="horizontal"/>387<lb/>
         Hände an der Schreibmaschine <space dim="horizontal"/>390<lb/>
         Karrieren <space dim="horizontal"/>393<lb/>
         Ideal und Wirklichkeit <space dim="horizontal"/>394<lb/>
         Diese Häuser <space dim="horizontal"/>395<lb/>
         Dein Lebensgefühl <space dim="horizontal"/>397<lb/>
         Wo ist der Schnee …<space dim="horizontal"/>400<lb/>
         Lehrgedicht <space dim="horizontal"/>401<lb/>
         Lied der Cowgoys <space dim="horizontal"/>402<lb/>
         Über den Dächern <space dim="horizontal"/>403<lb/>
         Warte nicht! <space dim="horizontal"/>404<lb/>
         Eisenbahner <space dim="horizontal"/>406<lb/>
         Saisonarbeiter <space dim="horizontal"/>407<lb/>
         Bürgerliche Wohltätigkeit <space dim="horizontal"/>409<lb/>
         Der Meineid <space dim="horizontal"/>410<lb/>
         Immer raus mit der Mutter…! <space dim="horizontal"/>412<lb/>
         Eine Frage <space dim="horizontal"/>413<lb/>
         Die Gefangenen <space dim="horizontal"/>414<lb/>
         Jakubowski <space dim="horizontal"/>416<lb/>
         Geduld <space dim="horizontal"/>418<lb/>
         Mutterns Hände <space dim="horizontal"/>420 </p>
      <pb facs="#0430" n="[427]"/>
      <p>
        <lb/>
        <gap reason="irrelevant"/>
      </p>
      <pb facs="#0431" n="[428]"/>
      <pb facs="#0432" />
      <pb facs="#0433" />
      <pb facs="#0434" n="[Buchdeckel hinten innen]"/>
      <pb facs="#0435" n="[Buchdeckel hinten außen]"/>
    </body>
  </text>
</TEI>
