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        <title type="main">Mich hungert</title>
        <author>
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            <surname>Fink</surname>
            <forename>Georg</forename>
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        </author>
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      <publicationStmt>
        <publisher>
          <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/2130670-9">Moses Mendelssohn Zentrum für
            europäisch-jüdische Studien</orgName>
          <email>redaktion@juedische-geschichte-online.net</email>
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            <addrLine>Am Neuen Markt 8, 14467 Potsdam</addrLine>
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          <licence target="http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/">
            <p>Dieses Werk ist gemeinfrei. Digitalisat der Zentral- und Landesbibliothek Berlin </p>
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      <notesStmt>
        <note>
          <p>Kurt Münzers Werke standen schon früh auf den sogenannten Schwarzen Listen der
            Nationalsozialisten, ab 1933 legte man ihm ein Publikationsverbot auf. Zu Beginn der
            1920er Jahre beschäftigte er sich bereits literarisch intensiv und
            öffentlichkeitswirksam mit dem verheerenden Antisemitismus der Deutschen. </p>
          <p> Sein Roman „Mich hungert“, den Münzer unter seinem Pseudonym Georg Fink beim Cassirer
            Verlag 1929 veröffentlichte, thematisiert eine von Armut und Leid geprägte Kindheit im
            Berliner Wedding zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Protagonist, der Halbjude Theodor
            König, erinnert sich an seine Zeit als Kind. Seine erste Erinnerung, da ist er vier
            Jahre alt, ist die folgende: „‚Da steh, rühr dich nicht! Nimm den Hut ab, halt ihn hin,
            so, vor dir. Und dann sagst du fortwährend: O, mich hungert, bitte, bitte, liebe Dame,
            mich hungert … […]‘“. (S. 19). Sein gewalttätiger Vater zwingt ihn dazu zu betteln,
            damit vor allem sein Vater seine Saufrunden durch die Kneipen der Arbeiterviertel
            bezahlen kann. </p>
          <p> Dagegen erzählt Theodor voller Liebe und Zuneigung Theodor von seiner Mutter Perdita,
            die sich um ihn und seine Geschwister voller Aufopferung kümmert. Er berichtet von ihrer
            Herkunft: „Es war ein frommes jüdisches Haus, und ihre Mutter Henriette trug noch einen
            Scheitel. Sabbatlichter und die hochheiligen Feste der Versöhnung, des Neujahrs brachten
            die schönste Poesie in ihr Kleinstadtdasein. […] Sie hat nichts mehr gehalten, nie mehr
            ein jüdisches Buch aufgeschlagen, immer nur deutsch über mir und mit mir gebetet. Aber
            sie war Jüdin geblieben.“ (S. 31). Tagtäglich konfrontiert mit Hunger, Not und dem
            prügelnden Vater, kann er nicht verstehen, warum seine Mutter ihren Mann nicht
            hinauswirft. An besonders schlimmen Tagen wütet er in der Wohnung und brüllt seine
            Familie an: „‚Judenbrut! Tut euch nur zusammen. Das geht ja in eins auf. Wenn ich blos
            det Jesichte nich mehr sehn müßte! Wie kommt so’n Judenbengel zu mir! Aber det kann ’n
            Mann passieren, der so ne Frau hat. Packt euch!‘“ (S. 50). Er kommt und geht, ist
            manchmal tagelang verschwunden, taucht wie aus dem Nichts wieder auf und bedient sich an
            allem, was seine Frau mühevoll mit zusätzlicher nächtlicher Lohnarbeit verdient hat. Oft
            sieht Theodor seine Mutter in großer Verzweiflung, weil sie nicht weiß, wie sie ihre
            Familie versorgen soll: „Sie starrte sich an, die leichenhaft überlaufen aussah, wie auf
            dem Grunde eines Gewässers, und schlug sich an die Brüste, diese nun überflüssigen
            Brüste. Wenn sie sie abschneiden und den Kindern braten könnte … solche irren Gedanken
            hatte Perdita …“ (S. 51).</p>
          <p> Das Elend und die Not in den Berliner Arbeitervierteln zeigt sich in Theodors Wohnhaus
            und den Geschichten seiner BewohnerInnen: „In den hundert Stuben und Küchen des Hauses
            war die ganze Armut der Welt zu sehen, und noch immer war es nicht die bitterste. Denn
            es waren noch Stuben, es gab ein Dach, einen Ofen. Andere hatten nur die Bänke in den
            Hainen, die Brückenbögen, die erbrochenen Lauben.“ (S. 105). Als Perdita es schafft,
            ihren Mann hinauszuwerfen, wohnen verschiedene Untermieter vorübergehend in der Wohnung.
            Theodor beobachtet die Männer, die sich da abends zusammenfinden, Prostituierte
            mitbringen und trinken: „Erst stritt man sich. Politik. Ein paar Männer waren
            organisiert, manchmal war jemand aus der anarchistischen Partei da, einer aus
            irgendeinem revolutionären Bund. Dann hielten sie Reden. Jeder in den Schlagworten
            seines Agitationsorgans, und die andern schrien in der Diskussion die Stichworte ihrer
            Demonstrationsredner. Alles war immer resultatlos. Alle hören nicht dem anderen zu,
            jeder wartete nur, seine Parteidevisen schreiend einwerfen zu können. Dann kam das
            Zetern und Schimpfen. Gesellschaft, Kapitalismus, Militarismus, Monarchismus. Hier waren
            sie schon betrunken.“ (S. 65). Theodor ist gut in der Schule und wird deswegen von den
            anderen Kindern gehänselt. Sein Lehrer und Schulrektor fordert, dass Theodor in einer
            anderen Umgebung gefördert werden soll. Als er das erste Mal das Anwesen des Fabrikanten
            Falk betritt, ist er verzaubert von der Ruhe, der ihn umgebenden Literatur und des
            freundlichen und zuvorkommenden Sohnes Stefan, der nun gemeinsam mit ihm lernt: „Und es
            war so schön hier, die Menschen, die Ruhe, das Schweigen, selbst das Licht. Ich meinte
            nicht die Pracht der Möbel und die Bilder und die Sessel, nicht den Reichtum, sondern
            die Atmosphäre.“ (S. 131). Der Fabrikant möchte Perdita und die Familie finanziell
            unterstützen, doch sie lehnt ab: „Endlich stammelte sie hervor: ‚Lassen Sie es damit gut
            sein. Nehmen Sie mir nicht den letzten Halt meines Lebens. Wenn ich mich erst hinsetze,
            kann ich nie wieder aufstehen.‘ Ich glaube, ihr ganzes Leben war Selbstvorwurf,
            Selbstgeißelung, Strafe, die sie abdiente.“ (S. 173).</p>
          <p> 1914, Theodor ist elf Jahre alt, beginnt der Erste Weltkrieg: „Mit dem Krieg begann
            für uns Arme die gute Zeit: auf einmal waren sich alle gleich. Alle mußten Margarine
            essen und schlechtes Brot, Kohlrüben und Graupen. Alle mußten sich anstellen, um ihre
            hundert Gramm Fleisch zu holen.“ (S. 222). Zwei Jahre später fällt sein Vater im Krieg,
            es hat etwas Gutes: „Was der lebende Vater uns Böses getan, machte der tote ein wenig
            wieder gut: Mutter bekam eine Unterstützung, eine feste Rente. Von da ab blieb sie am
            Sonnabend zu Haus und war den halben Sonntag müßig. Zum ersten Mal ging sie mit mir
            spazieren, setzte sich mit uns Kindern in den Hain, kaufte uns ein Stück Kriegskuchen.
            Sie trug den Kopf höher und manchmal lächelte sie …“ (S. 225). Das Kriegsende 1918
            bedeutet maßgebliche Veränderungen im Handeln und Denken der Menschen: „Es gab kaum noch
            Fahnen bei uns in den Straßen. Es gab noch immer trügerische Siegesmeldungen, aber man
            steckte das bunte Tuch nicht mehr hinaus. Als wir in das vierte Jahr des Untergangs
            gerieten, glaubten wir, w i r nicht mehr … Aber ein neuer Glaube brach an. Mystische
            Botschaft kam aus Rußland … Da hatte man die Ordnung gedreht, die Regierenden lagen
            unten und das Volk stand im Licht. Der Arbeiter hatte das Reich gestürmt und
            proklamierte sein Recht auf Leben. Etwas wie Sonne fiel in unser Herz. Es ging eine
            wilde Hoffnung durch das Proletariat. Drüben ging in blutiger Röte ein goldener Stern
            auf, unser Stern.“ (S. 232f.).</p>
          <p> Theodors Mutter erkrankt und er muss sich um sie kümmern, sie können sich keinen
            Besuch beim Arzt leisten und er pflegt und umsorgt sie bis zu ihrem Tod. „In diesen drei
            Tagen lernte ich den Himmel des Dienens kennen. Diesen Leib zu betreuen war die Gnade.
            Die Demut, mit der ich eines Menschen letzten leiblichen Verrichtungen half, war Glanz
            und Seligkeit, darin ich wandelte. Drei Tage waren das Glück. Wir gehörten einander, wie
            ich nie wußte, daß Menschen sich gehören können.“ (S. 262). 1919 verstirbt sie und
            Theodor beginnt eine Lehre als Buchhalter in einer Papierfabrik. Die 1920er Jahre sind
            schwere Zeiten für die Armen der Stadt, Theodor berichtet: „Die Inflation fraß uns auf,
            die Stadt verseuchte, und oft schlug der Jammer unseres Hauses über mir zusammen. Ich
            sah das Fleisch von Kindern fallen, sie hörten zu spielen auf, sie wurden zu schwach zur
            Lust. Die Männer wurden arbeitslos, und während sie stundenlang anstanden, ihre
            Unterstützung ausgezahlt zu bekommen, brauchten die Frauen den Tag, um Brot und Schmalz
            zu erlangen.“ (S. 292). Man hofft auf die Revolution und Theodor beobachtet die Menschen
            in den Straßen: „Ich hörte, im Vorbeigehen, wilde Phantasien von Aufstand, von
            Weltrevolution. Rußlands neuer Stern, das Licht des Sowjets, stand über unsern
            Elendsquartieren, und sie beteten zu ihm, hofften auf ihn, glaubten an ihn. Abend für
            Abend traten Redner auf, Frauen wurden beredt, Kinder beherrschten den Jargon der
            K.P.D..“ (S. 294). Rückblickend beschließt Theodor seine Erinnerungen mit den folgenden
            Worten: „Ich bettle immer noch in der Invalidenstraße, ich, ich – wenn ich auch jetzt
            anders heiße, wenn es auch ein anderer Junge ist, der die Hand hinhält.“ (S. 368). </p>
          <p> Text: Katrin Huhn </p>
          <p>
            <hi rendition="#b">Achtung!</hi> Diskriminierende Begriffe auf den folgenden Seiten: S.
            49f., S. 229, S. 231, S. 319, S. 339 </p>
        </note>
      </notesStmt>
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        <bibl>
          <author>Fink, Georg [Pseudonym]</author>
          <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7003712">Berlin</placeName>
          <date when="1929">1929</date>
          <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/110878-5">Bruno Cassirer</orgName>
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              <p>Antiqua</p>
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      <p>
        <lb/> GEORG FINK / MICH HUNGERT </p>
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      <pb facs="#f0007" n="5"/>
      <p>
        <lb/> Mich hungert... </p>
      <p>
        <lb/> Damit beginnt mein bewußtes Leben. Meine <lb/> erste Erinnerung ist dieses: mich
        hungert... </p>
      <p>
        <lb/> Bis dahin lag ich im selig Unbewußten, noch immer <lb/> wie im warmen Dunkel des
        Mutterleibes, im heiligen <lb/> Schutz der einzigen Liebe. Und dann riß mich das <lb/>
        lebendige Leben hinaus, ich fühlte: mich hungert... <lb/> und erwachte — — </p>
      <p>
        <lb/> Damals wohnten wir noch allein in einer Wohnung <lb/> der Gartenstraße, am Stettiner
        Bahnhof, im Armuts- <lb/> viertel, dicht bei der Invalidenstraße, dem großen <lb/>
        Geschäftsboulevard des Nordens. Die drei Fenster <lb/> unserer beiden Vorderstuben, oben im
        vierten Stock, <lb/> sahen hinunter auf die Geleise der Stettiner Bahn, <lb/> auf Schienen,
        Weichen, Rangierhäuschen, Brücken <lb/> und Schuppendächer. Immer lärmte es da, Dampf <lb/>
        zischte, Pfeifen schrillten, Tag und Nacht. Meine <lb/> Mutter trug oft ein nasses Tuch um
        die Stirn, immer <lb/> schmerzte sie der arme Kopf. Sie schlief in einem der <lb/> Zimmer
        vorn. Ich mit der Schwester und dem <lb/> Bruder in der dritten Stube hinten neben der
        Küche. </p>
      <p>
        <lb/> Es ging uns noch gut damals. Unserer Mutter <pb facs="#f0008" n="6"/>
        <lb/> Mutter war gestorben, und ein kleines Erbteil mußte <lb/> der Mutter ausgezahlt
        werden, es war kein Testament <lb/> da, das sie enterbte, wie später der letzte Wille ihres
        <lb/> Vaters. Davon lebten wir wohl in dieser bescheidenen <lb/> Behaglichkeit. Aber der
        letzte Taler war gewiß ver- <lb/> zehrt, als jener Abend einbrach, mit dem meine Er- <lb/>
        innerung und also mein Leben einsetzt. </p>
      <p>
        <lb/> Vater war damals Hausdiener in einem großen Gar- <lb/> derobengeschäft der
        Chausseestraße, einem ungeheu- <lb/> ren Laden, in dem sich ebenso die Dandys der Ge- <lb/>
        gend, die Zuhälter, Kommis, die Provinzfremden als <lb/> auch die Kutscher, Schofföre,
        Arbeiter entsprechend <lb/> einkleiden konnten. Vater packte dort ein und trug <lb/> aus. Er
        bekam viele Trinkgelder. Die kleinen Leute, <lb/> die armen Leute sind immer gutmütig und
        großzügig. <lb/> Aber damals, im fünften Jahr ihrer Ehe, trank der <lb/> Vater schon. Ich
        erinnere mich: an jenem Abend, als <lb/> es geschah, hatten wir mittags kein Essen gehabt.
        Die <lb/> Mutter war zur Nachbarin gegangen und hatte sich <lb/> eine Tasse Mehl geborgt. In
        ihr Kleid gedrückt — <lb/> ein blaues Wollkleid mit grünen Karos — o, ich <lb/> spüre noch
        nach zwanzig Jahren den Duft ihres Klei- <lb/> des — in dieses Kleid aus ihrer schönen
        glücklichen <lb/> Mädchenzeit gedrückt, war ich mit ihr zur Nachbarin <lb/> gegangen, Frau
        Ladewig hieß sie und hatte immer <lb/> Erbarmen mit uns. Bei Frau Ladewig war es warm <lb/>
        und schien es mir viel heller zu sein als bei uns, ob- <pb facs="#f0009" n="7"/>
        <lb/> schon sie dasselbe Licht vom Himmel über den Bahn- <lb/> geleisen empfing. Ihr Mann
        verdiente als Kassenbote, <lb/> ihre Tochter war Expedientin bei Tietz am Alexander- <lb/>
        platz, und ihr Sohn war drüben am Stettiner Bahn- <lb/> arbeiter. Sie steckte mir ein Stück
        Zucker in den <lb/> Mund. Ich war schüchtern, ich war ernst und still, <lb/> ich sprach nur
        mit der Mutter. Selbst mit Henriette <lb/> und Markus, meinen Geschwistern, sprach ich kaum,
        <lb/> spielte ich damals noch selten. Ich glaube, ich habe <lb/> überhaupt nie gespielt.
        Dabei hatten wir, in dieser <lb/> Wohnung, noch ein wenig Spielzeug... </p>
      <p>
        <lb/> Ich saß immer am Fenster und starrte. Neben mir <lb/> saß die Mutter und nähte. Sie
        nähte Kravatten für <lb/> ein Geschäft in der Invalidenstraße. Waschen ging <lb/> sie erst
        später, um mehr zu verdienen, als sie für alle <lb/> sorgen mußte, sie allein. Da saß ich
        und schaute, <lb/> schaute. Die roten Dächer des Bahnhofs in Sonne <lb/> oder Regen, die
        vielen Geleise, die ein- und ausfah- <lb/> renden Züge, lange Reihen stillstehender
        Güterwagen, <lb/> erloschener Lokomotiven, und der Dampf, Säulen, <lb/> Wolken, Gebilde
        aller Art, von Licht durchgleißt oder <lb/> schwer wie zähe Masse. Unten in der Straße Autos
        <lb/> und Omnibusse, wimmelnde kleine Menschen. Da saß <lb/> ich immer, bis Mutter nichts
        mehr sah und die Arbeit <lb/> in den Schoß sinken ließ. Sie lächelte, und ich hörte <lb/>
        wohl das Lächeln, denn ich sah dann zu ihr hinüber, <lb/> und da merkte ich erst, wie dunkel
        es geworden war, <pb facs="#f0010" n="8"/>
        <lb/> ich erkannte sie kaum. Aber ich fühlte ihr Lächeln, <lb/> es lag warm auf meinem
        Gesicht. </p>
      <p>
        <lb/> So war es an diesem Abend auch. Es war Herbst, <lb/> es hatte geregnet, es war
        vielleicht sechs Uhr. Noch <lb/> immer rieselte es sacht. Überall standen Lichter unten.
        <lb/> Ich sah einen Feuerschein über Berlin, der Bahnhof <lb/> dampfte, rote und grüne
        Laternen standen im trüben <lb/> Dunst. In der Küche lag Vater, er war betrunken <lb/>
        heimgekommen. Ich wußte damals nicht, daß er seine <lb/> Stellung schon verloren hatte und
        Tage und Nächte <lb/> in Budiken und Kneipen zubrachte. Aber Mutter muß <lb/> alles gewußt
        haben. Er war in die Stube getaumelt, <lb/> als wir gerade bei unserer Mehlsuppe saßen.
        Henriette <lb/> weinte und wollte Zucker in die Suppe haben. Die <lb/> Mutter tat, als
        schüttete sie welchen hinein, aber ich <lb/> sah, daß die Büchse leer war, und ich lachte
        nicht, <lb/> ich blieb ernst. Der zweijährige Markus ließ sich <lb/> füttern und schmatzte.
        Und Henny, als sie merkte, <lb/> daß sie betrogen war, weinte lauter und wollte mit <lb/>
        dem Löffel den Teller zerschlagen. Sie war immer <lb/> heftig, wild, gierig... </p>
      <p>
        <lb/> Da kam Vater hereingetaumelt. Die Mutter tat einen <lb/> tiefen Atemzug und beugte
        sich über das weinende, <lb/> schreiende Mädchen. Aber Vater tat Henny nie etwas, <lb/> die
        liebte er. O, wie habe ich oft gelitten, daß er sie <lb/> liebkoste, küßte, herumtrug, ihr
        Märchen erzählte, <lb/> während er mich nur ansah, um zu schimpfen, nur <pb facs="#f0011"
          n="9"/>
        <lb/> berührte, um mich zu schlagen, fortzustoßen, aus <lb/> dem Wege zu treten. Ich
        erinnere mich: viel später <lb/> einmal hörte ich zu, wie er Henny eine Geschichte er- <lb/>
        zählte. Er hatte nicht gesehen, daß ich in der schon <lb/> dunklen Stube auf dem Strohsack
        hinterm Ofen lag. <lb/> Und er hatte Henny auf den Schoß genommen, ihr <lb/> mit den Fingern
        das weiche, lange, braune Haar ge- <lb/> strählt und geraunt: </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, mein Mädelchen, so hübsch bist du, und du <lb/> mußt immer hübscher werden, wenn
        du wächst. Du <lb/> wirst so schön sein, wenn du groß bist. Und dann <lb/> wirst du ein
        feines Kleid von mir bekommen und <lb/> auf die Straße gehen und ins Eldorado und die Fest-
        <lb/> säle in der Chausseestraße, und reiche junge Herren <lb/> werden mit dir sprechen und
        mit dir tanzen. Wein <lb/> wirst du bekommen und bunte süße Liköre und Geld. <lb/> Alle
        werden lieb zu dir sein und dich küssen und <lb/> streicheln, und du wirst Papa viel Geld
        nach Hause <lb/> bringen und ihm alles schenken. Du liebst doch dei- <lb/> nen guten Papa,
        nicht wahr, mein Schätzchen, und <lb/> er wird dir auch immer neue Kleider und Ohrringe
        <lb/> und Kettchen schenken. Aber du wirst ihm alles Geld <lb/> geben, was du bekommst,
        damit er dirs aufhebt und <lb/> seidene Kleidchen kauft. Ja?“ </p>
      <p>
        <lb/> Und das Kind — es mochte sonst den Vater nicht <lb/> und versteckte sich vor ihm —
        umschlang ihn und <lb/> jauchzte. Henny ging noch nicht zur Schule damals, <pb facs="#f0012"
          n="10"/>
        <lb/> sie war noch nicht sechs Jahre. Aber ich war schon <lb/> sieben, und ich konnte schon
        schreiben, ich verstand <lb/> schon so viel, und ich habe dann oft heimlich zu er- <lb/>
        lauschen versucht, was Vater dem Schwesterchen er- <lb/> zählte. Es war immer das gleiche.
        Mutter war damals <lb/> schon so wenig bei uns, sie wusch in Kundenhäusern <lb/> oder in der
        Waschküche unseres Hauses, oben unterm <lb/> Dach. Und Vater, wenn er nicht in der Kneipe
        saß, <lb/> schlief zu Haus, Henny neben sich, und wenn er er- <lb/> wachte, erzählte er ihr,
        was er von ihr erhoffte, wenn <lb/> sie erst groß und schön war... </p>
      <p>
        <lb/> Erst damals begann ich von meinem Vater mich <lb/> abzuwenden... Hassen konnte ich ihn
        nie. Es ist mir <lb/> nicht gegeben, hassen zu können. O, und wie muß es <lb/> wohl tun,
        einmal sein Herz in Wut und Feindselig- <lb/> keit zu entladen, sein Gefühl in Haß
        ausbrechen zu <lb/> lassen. Ich liebte ihn immer — bis zu meinem letzten <lb/> Blick auf
        ihn. Erst dann, als er nicht mehr wieder- <lb/> kam, als er verloren war, Erinnerung
        geworden, da <lb/> erst erlosch mein letztes Mitleid, mein letztes Fühlen <lb/> für ihn.
        Aber als Kind liebte ich ihn, ich litt nicht <lb/> unter seinen Schlägen, aber darunter, daß
        er mich <lb/> nicht liebte. Ich beneidete Henny auf seinem Schoß. <lb/> Er roch nach
        Schnaps. Wenn er mich anschrie, sich <lb/> bückte, um mich zu treten, weil ich ihm im Wege
        <lb/> stand und er nicht die drei Schritte Umweg um mich <lb/> machen wollte — und ich stand
        doch da, um den <pb facs="#f0013" n="11"/>
        <lb/> Boden zu kehren, oder lag auf den Dielen, um sie <lb/> zu scheuern, weil ich Mutter
        die Arbeit ersparen <lb/> wollte, oder ich stand am Tisch und fädelte Mutter <lb/> die
        Nadeln ein für ihre Kravattennäherei — — Wenn <lb/> er sich da zu mir bückte, seine Bosheit
        an mir aus- <lb/> zulassen, schlug mir der Fusel aus seinem Munde <lb/> furchtbar entgegen.
        Und dann schlug er zu — mit <lb/> seiner Hand, die so weich aussah und so hart traf. <lb/>
        Mit seinem Fuß, der in den billigsten Schuhen klein <lb/> und fein blieb. Er war so schön,
        der Vater... Viel- <lb/> leicht war ich in ihn verliebt. Ich war so ganz Mut- <lb/> ters
        Kind, so ganz sie selbst, daß ich ihn mit ihren <lb/> Augen ansah, diesen großen, schönen,
        starken blonden <lb/> Mann mit den kleinen Händen und Füßen, den klei- <lb/> nen anliegenden
        Ohren, dem ungebändigten glänzen- <lb/> den Haar und den grauen Augen, die ich aber nur
        <lb/> schwimmend und gerötet kannte, nicht mehr im <lb/> feuchten Glanz seiner noch reinen
        und zärtlichen <lb/> Jugend. </p>
      <p>
        <lb/> Wo bin ich? Ach, erst noch bei jenem ersten Abend <lb/> meines bewußten Lebens. Die
        Mutter hatte die Arbeit <lb/> sinken lassen, und ich spähte zu ihr hinüber. </p>
      <p>
        <lb/> „Bist du hungrig, mein Liebling?“ sagte sie plötz- <lb/> lich leise. </p>
      <p>
        <lb/> Wir haben nie viel miteinander gesprochen, wir <lb/> waren eigentlich immer schweigsam
        zusammen. Ich <lb/> glaube, ich war oft ganz verwundert, wenn Mutter <pb facs="#f0014"
          n="12"/>
        <lb/> mich ansprach. Es schien mir so überflüssig, daß <lb/> wir redeten und uns mit Worten
        verständigten. Ich <lb/> kannte sie, ich verstand sie so gut. Sie war wohl <lb/> der einzige
        Mensch, den ich genug liebte, um ihn ganz <lb/> zu verstehen, um ihn in meinem Herzen zu
        erleben. <lb/> Aber genügt es nicht auch, einen einzigen Menschen <lb/> — und noch dazu
        meine Mutter! — völlig zu er- <lb/> leben, um damit alles zu wissen, alles zu verstehen,
        <lb/> das Leben überhaupt empfangen und erkannt zu <lb/> haben? </p>
      <p>
        <lb/> „Bist du hungrig, mein Liebling?“ fragte mich <lb/> ihre süße, tiefe Stimme. </p>
      <p>
        <lb/> Manchmal, manchmal saß sie auch an meinem <lb/> Bett, wenn Henriette und Markus schon
        schliefen, <lb/> und sang leise ein Wiegenlied, mit dem ihre Mutter <lb/> sie einmal in den
        Schlaf gesungen hatte... </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Schlaf in süßer Ruh,</l>
        <lb/>
        <l>Tu die Äugelein zu.</l>
        <lb/>
        <l>Höre, wie der Regen fällt,</l>
        <lb/>
        <l>Horch, wie Nachbars Hündchen bellt...“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Ich schüttelte den Kopf. Ach, ich hatte Hunger. In <lb/> dem Augenblick, als Mutter
        mich fragte, empfand ich <lb/> ihn. Aber ich wußte, es war nichts da. Ich hatte in <lb/> der
        Tür gestanden und gesehen, wie sie, als Vater in <lb/> der Küche über dem kalten Herd
        schlief, in seine <pb facs="#f0015" n="13"/>
        <lb/> Taschen gegriffen und sie nach Geld durchsucht <lb/> hatte. Sie hatte nichts gefunden,
        und sie hatte nicht <lb/> den Mut, noch einmal zur Nachbarin zu gehen. Da- <lb/> mals
        schämte sie sich noch ihrer Armut, ihres Man- <lb/> nes, ihres langsamen Heruntersinkens.
        Später, als es <lb/> nicht mehr tiefer ging, trug sie den Kopf höher, <lb/> nahm mitleidige
        Blicke gelassen an und schadenfrohe <lb/> stolz. Sie schlug dann die Augen nicht mehr nieder
        <lb/> und trug ihr Schicksal wie alle Frauen jener Straßen <lb/> und Häuser: gleichmütig,
        überlegen fast; sie wurde <lb/> langsam Genossin.... Wer dieselbe Kette trägt, schämt <lb/>
        sich ihrer nicht länger. </p>
      <p>
        <lb/> Ich schüttelte den Kopf. Ich wünschte, sie spräche <lb/> weiter. Ich liebte ihre
        Stimme so sehr. Ich höre es <lb/> noch immer: </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Hündchen hat den Mann gebissen,</l>
        <lb/>
        <l>Hat des Bettlers Kleid zerrissen.</l>
        <lb/>
        <l>Schlaf, mein Kind, in süßer Ruh,</l>
        <lb/>
        <l>Tu die Äugelein zu.“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Henriette und Markus waren längst zu Bett ge- <lb/> bracht worden, bald nachdem Vater
        heimgekommen <lb/> war. Mutter fürchtete, sie könnten Lärm machen, und <lb/> dann wurde der
        Betrunkene wild. An Henny vergriff <lb/> er sich im wüstesten Rausch nicht, aber den kleinen
        <lb/> Markus konnte er, wenn er schrie, aufreißen und zu <lb/> Boden schmeißen, daß das Kind
        vor Entsetzen und <pb facs="#f0016" n="14"/>
        <lb/> Schmerz, halb betäubt, verstummte. Sie schliefen <lb/> schon an diesem frühen, kalten,
        nassen Abend. </p>
      <p>
        <lb/> Meine Mutter hatte das kaum gefragt, da hörten <lb/> wir Vaters Tritt. Er warf die
        Küchentür zu und <lb/> stampfte zu uns herein. Ich fürchtete mich nicht, <lb/> denn hier am
        Fenster war ich ihm ja nicht im Wege, <lb/> aber ich spürte, wie Mutter zu zittern begann.
        Er kam <lb/> langsam näher, und dann stand er neben mir. Wieviel <lb/> Glut ging von ihm
        aus! Es war Bier- und Fusel- <lb/> geruch darin, aber es umfloß mich doch fast wohlig... </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich umschlang er mich und hob mich auf... <lb/> Das erste Mal geschah es, daß
        Vater mich auf seinen <lb/> Arm nahm. Er drückte mich so fest an sich, als <lb/> müßte er
        mich jemandem entreißen, jedenfalls als <lb/> wollte jemand mich ihm fortnehmen. </p>
      <p>
        <lb/> Und da war auch schon die Mutter aufgesprungen <lb/> und hatte die Arme ausgestreckt
        und rief etwas, was <lb/> ich nicht verstand. Denn halb in Furcht, halb in Selig- <lb/> keit
        hatte ich meinen Kopf an Vaters Hals gedrückt. <lb/> Er war ganz weich und sehr heiß, zum
        erstenmal war <lb/> ich ihm so nah, mein Mund lag auf der nackten Haut, <lb/> ich sog sie
        ein mit meinem jagenden Atem, ich wagte <lb/> nicht zu küssen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war vier Jahre alt... </p>
      <p>
        <lb/> Ich drückte mich unter Vaters pressendem Arm <lb/> eng an ihn. In diesem Augenblick
        verriet ich — zum <lb/> einzigen Mal — meine Mutter. Ich glaubte, da liebte <pb
          facs="#f0017" n="15"/>
        <lb/> ich Vater so, wie meine Mutter ihn einmal geliebt <lb/> hatte... Er sollte mich mit
        sich nehmen, forttragen, <lb/> gleichviel wohin. Wenn er es nur war: mit ihm ging <lb/> ich
        in jedes Elend. Ich war bereit, alle und alles zu <lb/> verlassen, auch die Mutter. Ich
        vergaß sie an Vaters <lb/> breiter Brust. </p>
      <p>
        <lb/> Und ich hörte über mir seine damals schon hei- <lb/> sere Stimme: </p>
      <p>
        <lb/> „Wo ist seine Mütze? Her damit!“ </p>
      <p>
        <lb/> Wie aus ganz weiter Ferne flüsterte meine Mutter: </p>
      <p>
        <lb/> „Aber was willst du denn mit dem Jungen? Gehst <lb/> du fort? Mit ihm? Georg, o, ich
        bitte dich, wohin <lb/> nimmst du ihn mit?“ </p>
      <p>
        <lb/> Der Vater ging schon. Er drückte mich so fest, ich <lb/> keuchte an seinem Halse. Er
        trug mich... </p>
      <p>
        <lb/> Wenn Mutter mich trug, ängstigte ich mich immer. <lb/> Ich fürchtete, ihr zu schwer zu
        sein, und machte mich <lb/> so leicht ich konnte. Ich dachte: sie läßt mich fallen <lb/> ...
        Sie war stark und gab nie einer Schwäche nach. <lb/> Aber mir, wenn sie mich noch so innig
        umschlang, <lb/> erschien sie schwach und kümmerlich, zerbrechlich <lb/> und kraftlos. Und
        jetzt zum ersten Mal trug mich die <lb/> Kraft selbst. Eine unwiderstehliche,
        unzerbrechliche <lb/> Gewalt hatte mich ergriffen, und ich fühlte mich <lb/> in einer
        Sicherheit und Verläßlichkeit wie noch nie. <lb/> Langsam, scheu, zaghaft wagte ich, den
        linken Arm <lb/> um Vaters Hals zu legen und ihn zu umklammern. <pb facs="#f0018" n="16"/>
        <lb/> Seine Glut betäubte mich, wie heiß war er, es gab <lb/> keinen lebendigeren Menschen. </p>
      <p>
        <lb/> „Meine Sache!“ hörte ich seine Stimme. „Ist er <lb/> nicht <hi rendition="#g"
          >mein</hi> Kind? Wo ich hingeh? Jroßartig. Was <lb/> geht’s dir an!“ Und er fiel in sein
        Berlinisch. „Platz <lb/> da! Willste Bimse? Hast woll lange nicht dein eijent <lb/> Jeschrei
        jehört?“ </p>
      <p>
        <lb/> Da wich sie. Und er trug mich zur Tür hinaus, <lb/> griff nach einem Haken, fand
        irgend einen Hut — </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy,“ rief die Mutter hinter uns. „Georg! <lb/> Teddy!“ </p>
      <p>
        <lb/> Vater brummte. </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, übermorjen,“ rief er zurück. </p>
      <p>
        <lb/> Dann schlug die Flurtür hinter uns zu, und eine <lb/> Hand am Geländer, taumelte Vater
        die vier Stiegen <lb/> hinab. </p>
      <p>
        <lb/> Ich umklammerte ihn, so fest er mich auch hielt. <lb/> Ich hörte wohl, wie oben meine
        Mutter aus der Woh- <lb/> nung stürzte, an das Treppengeländer, hinabflüsterte. <lb/> Sie
        wagte nicht mehr zu rufen, uns nachzulaufen. Die <lb/> Angst vor den Nachbarn! Keiner sollte
        etwas merken. <lb/> Sie glaubte vielleicht immer noch, niemand im Hause <lb/> wüßte davon,
        wie es bei uns aussah. Aber ich hörte <lb/> ihr Flüstern, sie hauchte meinen Namen. Es drang
        <lb/> mir nicht ins Herz, mein Vater erfüllte es. Ich ver- <lb/> riet Mutter zum zweiten Mal
        an diesem Abend. Ich <lb/> fürchtete, sie könnte uns nachlaufen, mich ihm ent- <pb
          facs="#f0019" n="17"/>
        <lb/> reißen. Und ich umschlang ihn fester, schloß die <lb/> Augen. Obschon er taumelte,
        fühlte ich mich doch <lb/> sicher bei ihm, einer unbeschreiblich furchtbar-süßen <lb/>
        Gewalt ausgeliefert. Ich wollte nicht zur Mutter zu- <lb/> rück. Mit dem Vater, wohin es
        auch ging... </p>
      <p>
        <lb/> Er trug mich über die Straße. Es war still bei uns <lb/> in der Gartenstraße, aber da,
        wo sie in die Invaliden- <lb/> straße mündete, war Licht, Lärm, Gewimmel und <lb/> Gewühl;
        Hupen und Glocken tönten grell. Ich sah <lb/> mich um. Von ungewohnter Höhe sah ich die
        Straße. <lb/> Nicht mehr war ich eingezwängt zwischen die Beine, <lb/> Röcke und Mäntel der
        Erwachsenen. Groß wie mein <lb/> schöner Vater sah ich in Gesichter, alle mir furcht- <lb/>
        bar nah, aber sie ängstigten mich nicht. Alle waren <lb/> fremd, das gefiel mir. Ich blickte
        von oben in Schau- <lb/> fenster hinein, auf Fleisch und Bäckereien, Schoko- <lb/> laden.
        Das Wasser lief mir im Munde zusammen, <lb/> mein Magen tat mir weh. Ich blickte fort.
        Autos, <lb/> Omnibusse, Elektrische, unendlich viel Menschen, in <lb/> der Luft blitzende
        Drähte von Haus hinüber zu Haus <lb/> und hinab die brausende Straße. Es rieselte sacht, ich
        <lb/> fror nicht, die Glut meines Vaters hüllte mich ein. </p>
      <p>
        <lb/> Er trug mich dem Stettiner Bahnhof zu. Es wurde <lb/> immer lärmender. Wir erreichten
        den weiten Platz, <lb/> da standen in Reihen Droschken und Autos vor dem <lb/> roten Portal.
        Ich erinnerte mich: drinnen in der Halle <lb/> hing ein großes Bild: Wasser, Felsen, ein
        Dampfer. <pb facs="#f0020" n="18"/>
        <lb/> Dahin führte mich manchmal die Mutter und zeigte <lb/> es mir, und ich stand da und
        beschaute es lange, <lb/> lange. Das war immer eine Art Theater oder Ausflug <lb/> für mich,
        dieses riesige Plakat zu betrachten, das <lb/> Theater der armen Leute. </p>
      <p>
        <lb/> Also hatte ich doch schon <hi rendition="#g">vor</hi> diesem Abend ge- <lb/> lebt und
        Bilder aufgenommen und Empfindungen <lb/> gehabt! Jetzt folgte ich den Blicken meines
        Vaters, <lb/> der um sich sah. Und da stand ein Schutzmann neben <lb/> dem Zeitungskiosk und
        betrachtete uns. Vielleicht <lb/> sah mein Vater verdächtig aus. Ein blonder betrun- <lb/>
        kener Kerl, der einen kleinen mageren schwarzen <lb/> Jungen auf dem Arm hält. Aber ich
        hatte ja ein <lb/> glückliches Gesicht, ich strahlte und lächelte wahr- <lb/> scheinlich... </p>
      <p>
        <lb/> Vor diesem Schutzmann zog mein Vater sich zurück. </p>
      <p>
        <lb/> „Lange nich jesehn und doch noch jekannt,“ <lb/> brummte er. „Ick bin so nüchtern wie
        ne Wasser- <lb/> quelle.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und er kehrte um. An der Ecke war ein Postamt, <lb/> gelbe Wagen fuhren hinein, und
        ein Trupp Brief- <lb/> träger kam heraus. </p>
      <p>
        <lb/> Mein Vater, gemütlich, hielt einen an: </p>
      <p>
        <lb/> „Nun, Freund und Jönner,“ rief er, „is an mir <lb/> nischt?“ </p>
      <p>
        <lb/> Einer rief lachend zurück: </p>
      <p>
        <lb/> „Nee, an Ihnen is janischt!“ </p>
      <pb facs="#f0021" n="19"/>
      <p>
        <lb/> Aber Vater blieb gemütlich. Zärtlich sagte er, hin- <lb/> ter dem Manne laufend: </p>
      <p>
        <lb/> „Mensch, dir könnt ick stundenlang in die Fresse <lb/> haun.“ </p>
      <p>
        <lb/> Alle kannten ihn wohl in der Gegend. Vielleicht <lb/> mochten ihn alle gern,
        vielleicht war er immer zu <lb/> allen freundlich und gutmütig und tobte sich nur <lb/> zu
        Haus aus. </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich setzte er mich ab. Er stellte mich auf die <lb/> Füße so jäh, daß ich
        unwillkürlich aufschrie. Und da <lb/> beherrschte er sich nicht, er war nie besonnen mir
        <lb/> gegenüber. Schon hatte ich seine weiche Hand <lb/> schmerzhaft im Genick. Er schob
        mich in eine Haus- <lb/> tür, drückte mich in die Ecke und sagte, tief über <lb/> mich
        gebückt, mich ganz in seinen Bieratem hüllend: </p>
      <p>
        <lb/> „Da, steh, rühr dich nicht! Nimm den Hut ab, halt <lb/> ihn hin, so, vor dir. Und dann
        sagst du fortwährend: <lb/> o, mich hungert, bitte, bitte, liebe Dame, mich hun- <lb/>
        gert... Und wenn’s ein Mann ist, sagst du, Dumm- <lb/> kopf: lieber Herr, bitte, bitte.
        Vastehste woll, Doof- <lb/> kopp? Bist schwer von Vastehste, was? Betteln sollst <lb/> du,
        Suse! Geld verdienen. Deinen Vater ernähren. Da <lb/> steh, rühr dir nich! Kick se an, de
        Leute, flenn man <lb/> jetrost ’n bißken. Ich komme wieder. Aber dann will <lb/> ich Pinke
        sehn. Mach’s jut, Oller.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und plötzlich küßte er mich, laut, schmatzend, <lb/> hart. Ich schwankte. Ich hielt
        einen Hut meines <pb facs="#f0022" n="20"/>
        <lb/> Vaters in der Hand, seinen steifen Sonntagshut, einen <lb/> Hut aus guten Tagen mit
        weißem Atlasfutter, aber es <lb/> hatte Schnapsflecke. Ich war schon allein. Ich sah <lb/>
        ganz verzweifelt um mich. Er war verschwunden. <lb/> Ich war allein... </p>
      <p>
        <lb/> Allein in dieser wimmelnden Straße, so klein, schon <lb/> vom rieselnden Regen
        durchnäßt, ich hatte keinen <lb/> Mantel, einen dünnen Kittel, keine Mütze. Ich trug <lb/>
        Hausschuhe, hatte keine Strümpfe an. Er hatte mich, <lb/> wie ich ging und stand,
        fortgetragen. Eine Angst <lb/> überfiel mich wie Wasser einen Ertrinkenden. Ich <lb/>
        streckte die Arme aus — mit dem offenen Hut, und <lb/> ich schrie entsetzt: </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert...“ </p>
      <p>
        <lb/> So begann mein Leben. </p>
      <p>
        <lb/> Mich hungert... </p>
      <p>
        <lb/> Ich stand im Torweg, hielt krampfhaft den Hut <lb/> fest, an den die Vorüberlaufenden
        stießen, und nach <lb/> dem ersten Schrei flüsterte ich nur noch: </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert...“ </p>
      <p>
        <lb/> Das war Auftrag, Befehl. Aber mich hungerte <lb/> wirklich. Und wer hörte mich? </p>
      <p>
        <lb/> Die Straße war voll, es lärmte schrecklich. Mir <lb/> war’s, als müßte ich jeden
        Augenblick zertreten wer- <lb/> den, selbst in meiner Ecke. Hunde kamen und be- <lb/>
        schnupperten mich. Ich fürchtete Hunde nicht, aber <pb facs="#f0023" n="21"/>
        <lb/> ich wagte nicht, sie zu streicheln. Mein Arm erlahmte, <lb/> der Hut in der Hand wurde
        so schwer, ich hielt <lb/> ihn nun mit beiden Händen. Ich sah nur schnell <lb/> in die Augen
        der schmutzigen Hunde hinein, einer <lb/> war größer als ich, bückte sich, und seine warme
        <lb/> nasse Zunge fuhr mir ins Gesicht. Ich lächelte ihn <lb/> gewiß an. Für den Augenblick
        vergaß ich den Hun- <lb/> ger, der Hut sank mit meinen Händen hinab — </p>
      <p>
        <lb/> Da klirrte es sacht in ihm, da erst entdeckte ich, daß <lb/> Geld in ihm war. Ich
        kannte Geld noch nicht, ich weiß <lb/> nicht, ob es Kupfer oder Nickel war. Ich weiß auch
        <lb/> nicht, wie lange ich da stand. Einmal beugte sich eine <lb/> Frau, eine junge Frau,
        und streichelte mich, sie gab <lb/> mir einen Apfel, aber ich konnte ihn nicht nehmen, <lb/>
        ich mußte ja so krampfhaft den Hut festhalten. Da <lb/> steckte sie ihn in meine Tasche. Ich
        verstand nicht, <lb/> was sie sagte. Sie war so schnell wieder weg. Ein <lb/> Kind zeigte
        auf mich, blieb stehen, wurde weiter- <lb/> gerissen. Ich hatte jetzt keinen Hunger mehr,
        aber ich <lb/> flüsterte immer noch: </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert...“ </p>
      <p>
        <lb/> Auf einmal stand der Vater vor mir. Ich weiß <lb/> nicht, vielleicht hatte er drüben
        irgendwo aufge- <lb/> paßt und mich belauert. Er zog mich ins Haus und <lb/> griff in den
        Hut. Er lachte. </p>
      <p>
        <lb/> „Fein, Junge!“ sagte er. „Bist doch zu was nütze. <lb/> Bist auch mein lieber Junge,
        was?“ </p>
      <pb facs="#f0024" n="22"/>
      <p>
        <lb/> O, er küßte mich, er schlug mir hart auf die <lb/> Schulter wie einem großen Freund,
        und es tat weh, <lb/> aber es war so süß. Ich half Vater, ich verdiente <lb/> ihm Geld. Er
        roch nach Schnaps, er hatte gewiß <lb/> schnell einen getrunken. Auf Pump. Und jetzt lief
        <lb/> er bezahlen. Denn er war schon wieder weg, er <lb/> hatte gar nichts mehr gesagt, er
        hatte mich in dem <lb/> Torweg stehen lassen, wo eine Gasflamme im Zug <lb/> flackerte. Ich
        ging wieder vor die Tür und stellte <lb/> mich hin und hielt den geleerten Hut in die Straße
        <lb/> hinein und flüsterte wieder: </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert.“ </p>
      <p>
        <lb/> Leute gingen ins Haus. Ein alter Mann, der ein- <lb/> trat, stieß mich mit dem Stock
        fort und schrie: </p>
      <p>
        <lb/> „Pack dich! Kein Platz da für Bettelei! Teufels- <lb/> brut!“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber als er verschwunden war, kroch ich zurück. <lb/> Ich fror so, ich zitterte, große
        Tropfen vom Dach <lb/> fielen gerade auf meine ausgestreckten Arme, wenn <lb/> ich mich
        vorbeugte, auf meinen Kopf. Ich war ganz <lb/> naß. Der dünne Stoff sog die Nässe überallhin
        ein. <lb/> Und ich war so verwirrt, so betäubt. Ich hätte nicht <lb/> gewußt, wie nach Hause
        kommen. Drüben öffnete <lb/> sich auch eine finstere Straße. Überall waren <lb/> Straßen... </p>
      <p>
        <lb/> Und allmählich wurde es stiller auf der Straße. <lb/> Die Geschäfte schlossen, Fenster
        wurden dunkel, <pb facs="#f0025" n="23"/>
        <lb/> Rolläden rasselten. Es fuhren weniger Droschken <lb/> und Autos. Ich war so müde. Ich
        schlief schon im <lb/> Stehen ein. Es war wieder Geld im Hut, aber Vater <lb/> kam nicht
        mehr. Er lag betrunken auf irgend einer <lb/> Bank oder unter einem Tisch, oder der Budiker
        <lb/> hatte ihn — so habe ich ihn später oft gefunden — <lb/> bewußtlos wie er war in den
        Hof hinausschmeißen <lb/> lassen, neben die Müllkästen, auf den Deckel der <lb/> Düngergrube
        vor den Ställen, in eine Remise unter <lb/> ein Geschäftsauto. Oder man trug ihn an die
        nächste <lb/> Ecke und lehnte ihn an eine Mauer und überließ <lb/> ihn der Nacht... </p>
      <p>
        <lb/> Es wurde langsam ganz still, fast leer auf den <lb/> Straßen. Jetzt war es schön. Ich
        spürte keinen Hun- <lb/> ger und keine Nässe. Den Hut hatte ich vor mich auf <lb/> die Erde
        gesetzt, und dann glitt ich zu ihm hinab. <lb/> Ich hörte noch manchmal, wie einer etwas zu
        mir <lb/> sagte, welche stehen blieben. Ich erfaßte es noch, <lb/> wie ein junger Kerl sich
        bückte, den Hut hob, lachte <lb/> und ihn in seine Hand ausschüttete... Ich flüsterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert —“ </p>
      <p>
        <lb/> Da stieß er mich vor die Brust, ich war so schwach <lb/> und fiel gegen die Mauer. Er
        ließ den Hut stehen und <lb/> ging pfeifend weg, ganz langsam. Ich sah ihm nach, <lb/> durch
        den Tränenschleier in meinen Augen. Er ging <lb/> über die Straße, trat in eine Kneipe.
        Immer, wenn <lb/> die Tür dort aufging, hörte ich ein Grammophon. <pb facs="#f0026" n="28"/>
        <lb/> Vielleicht saß da der Vater drin, und der Bursche <lb/> war sein Freund und spendierte
        ihm eins — von <lb/> dem Gelde, das ich für Vatern erbettelt hatte. Vater <lb/> trank und
        hatte mich vergessen... </p>
      <p>
        <lb/> So, im Halbschlaf, begann ich, die anbetende, hilf- <lb/> lose, demütige Liebe zu
        meinem Vater zu verlieren. <lb/> Ich begann zu leben, indem mein Dasein verarmte. </p>
      <p>
        <lb/> Ich erwachte noch einmal. Um zehn Uhr. Als die <lb/> Haustür zugeworfen und kreischend
        zugeschlossen <lb/> wurde. Niemand hatte mich entdeckt. Es fiel von den <lb/> Laternen kein
        Licht in meinen Winkel. </p>
      <p>
        <lb/> Wie spät war es? Ich erwachte, die Straße war <lb/> ganz leer, fast trocken, Wind
        ging, es regnete nicht <lb/> mehr, ich sah empor — in eine funkelnde Schwärze, <lb/> ich
        wußte nicht, wo ich war. Was hatte mich ge- <lb/> weckt? Stand nicht die Mutter über mir? </p>
      <p>
        <lb/> Mein Herz hatte ihren Ruf vernommen, der mein <lb/> Ohr noch nicht erreichte. Ich lag
        im Torweg, ich <lb/> hielt den Hut an mich gedrückt, in dem es wieder leise <lb/> klang. Ich
        sah die Straße hinauf — Mädchen stan- <lb/> den da, allein, zu zweien. Eine ging langsam
        vorbei. <lb/> Sie entdeckte mich und hockte sich gleich zu mir <lb/> nieder. </p>
      <p>
        <lb/> „Aber Kindchen,“ sagte sie, „was machst du denn <lb/> da? Bist du ausgeschlossen?
        Wohnst du hier?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich flüsterte — das einzige, was ich wußte und <lb/> durfte: </p>
      <pb facs="#f0027" n="25"/>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert —“ </p>
      <p>
        <lb/> Das Mädchen stieß einen Laut aus. Sie griff in <lb/> ihr Täschchen und drückte mir ein
        großes Geld- <lb/> stück in die Hand. Sie duftete so schön, wie ich es <lb/> noch gar nicht
        kannte, wie eine fremde Blume. Ich <lb/> kannte damals nur Fliedern und Astern, die gab es
        so <lb/> billig auf den Wagen zu kaufen, und Mutter hatte <lb/> schon zweimal solche Blumen
        mitgebracht. </p>
      <p>
        <lb/> Aber wie sie gerade mit mir sprechen wollte, ging <lb/> drüben ein Herr vorbei. Da
        sprang sie auf und lief <lb/> hinüber und sprach mit ihm, und sie gingen zu- <lb/> sammen
        weiter. Sie sah gar nicht mehr nach mir <lb/> zurück. </p>
      <p>
        <lb/> Ich wollte gerade wieder einschlafen, da tauchte <lb/> tief in der Straße ein kleiner
        Schatten auf. Eine <lb/> kleine Frau lief da von einer Seite auf die andere. <lb/> Ich wußte
        sofort: die Mutter... </p>
      <p>
        <lb/> Sie suchte mich — Und ich wollte aufstehen, <lb/> aber ich konnte nicht. Ich drückte
        den Hut an mich <lb/> und warf das große Geldstück hinein und wollte <lb/> schreien: </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter! Mutter!“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich konnte auch nicht schreien. Ich flü- <lb/> sterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter! Mutter!“ </p>
      <p>
        <lb/> O, wenn sie mich nicht hörte und vorbeilief und <pb facs="#f0028" n="26"/>
        <lb/> mich liegen ließ und weitersuchte — die ganze <lb/> Nacht — </p>
      <p>
        <lb/> Auf einmal lag sie neben mir. Sie schrie nicht <lb/> auf, sie weinte nicht. Sie riß
        mich an sich. </p>
      <p>
        <lb/> „Liebling,“ stammelte sie, „Liebling, Liebling.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte ihr schönes schwarzes Spitzentuch um den <lb/> Kopf geschlagen, das ich
        liebte. Ich streichelte es. </p>
      <p>
        <lb/> „Du hast ja das schöne Tuch um,“ flüsterte ich <lb/> entzückt. </p>
      <p>
        <lb/> Es duftete schwach. </p>
      <p>
        <lb/> „Rosen,“ hatte die Mutter einmal gesagt. Und, <lb/> „der Duft ist so alt wie du
        selbst. Wie du geboren <lb/> warst, hat Vater mir ein Fläschchen Rosenduft ge- <lb/> bracht. </p>
      <p>
        <lb/> Sie griff nach dem Tuch, sie wußte gewiß gar <lb/> nicht, daß sie es trug. Ihre Augen
        waren ganz irr, <lb/> ich sehe sie noch heut nach zwanzig Jahren, flackern. </p>
      <p>
        <lb/> „Da bist du, stammelte sie, „mein Kind, mein <lb/> Liebling, mein Einziges, mein
        Leben. Hat er dich <lb/> hierhin geschmissen, liegen lassen. O —“ Und sie <lb/> zerbiß einen
        Fluch, sie würgte eine Verwünschung <lb/> hinab. „Er — o! — Ich war feige, und es ging um
        <lb/> dich... Vergib mir! Vergib mir!“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie kniete neben mir. Sie ließ sich ganz nieder- <lb/> gleiten, auf der Straße, lehnte
        sich an das fremde <lb/> Tor, nahm mich auf ihren Schoß. </p>
      <p>
        <lb/> „Und der Hut — Geld — Geld?... Du hast ge- <pb facs="#f0029" n="27"/>
        <lb/> bettelt?“ schrie sie. „Hat mein Kind gebettelt? Hat <lb/> er mein Kind betteln lassen?
        Meiner Eltern Enkel- <lb/> kind auf die Straße gesetzt und betteln lassen, Hut <lb/>
        hinhalten, liebe Leute gebt mir was — Betteln, bet- <lb/> teln?... das Letzte — —“ </p>
      <p>
        <lb/> Da umklammerte ich sie. Ich hatte sie verraten. <lb/> In diesem Augenblick verwuchsen
        wir. Seit damals <lb/> lebte ich von ihrem Herzschlag, wie ich heut noch <lb/> davon lebe,
        daß sie dagewesen ist... </p>
      <p>
        <lb/> Ich bekam Stimme. </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert!“ schrie ich. </p>
      <p>
        <lb/> Aber es war nur das stundenlange Flüstern, das <lb/> jetzt ausbrach in Schrei. Ich
        hungerte nicht, ich fror <lb/> nicht mehr. Ich trank Mutters Duft und war ge- <lb/> sättigt
        und geborgen und gestillt. </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich schrie: </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und da raffte sie sich auf. Stark wie noch nie <lb/> umschlang sie mich, hob mich
        empor. Ich hielt den <lb/> Hut zwischen ihr und mir, sie entriß ihn mir, schleu- <lb/> derte
        ihn mit dem, was er barg, auf die Straße, auf <lb/> die Schienen. Gerade sauste die
        Straßenbahn vorbei, <lb/> ging über alles hinweg. Als sie vorüber war, lag der <lb/> Hut
        unversehrt da, das Geld blitzte sacht. Drüben <lb/> standen zwei Mädchen und sahen uns zu... </p>
      <p>
        <lb/> „Verflucht!“ rief die Mutter. „Verflucht!“ </p>
      <pb facs="#f0030" n="28"/>
      <p>
        <lb/> Ich wußte nie, was sie meinte: das Geld, den <lb/> Vater, sich selbst, das ganze
        Dasein?... </p>
      <p>
        <lb/> Sie lief mit mir. Sie umschlang mich gleichsam <lb/> mit ihrem ganzen Leib, sie schloß
        sich über mir, <lb/> ich sank wie in ihren Mutterschoß zurück. Sie stam- <lb/> melte immer
        noch ihr „Liebling, Liebling“. Sie hatte <lb/> mich verloren gegeben. Sie erzählte mir: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich habe dich so gesucht, in allen Straßen, in <lb/> allen Kneipen. In einer lag er
        und schlief. Ich schüt- <lb/> telte ihn —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich verstand nicht mehr. Von dieser Nacht an <lb/> sprach sie immer vom Vater mit mir,
        als wäre er <lb/> ein Fremder. Sie sagte mir alles. Vielleicht wußte <lb/> sie gar nicht,
        daß sie zu mir redete, glaubte, allein <lb/> zu sich zu sprechen. Niemals hatte ich sie
        sagen <lb/> hören: „dein Vater“ oder auch nur „der Vater“. Er <lb/> hieß einfach „er“. Ich
        wußte immer, wen sie meinte. <lb/> Wir sprachen ja auch nie über einen andern sonst. </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt trug sie mich nach Haus. Wieder war ich <lb/> geborgen und beschirmt — und in
        schönerer Weise <lb/> als beim Vater. Ich war nicht in Rausch und Be- <lb/> täubung, in
        trunkener Verstörtheit und zitternder <lb/> Freudigkeit; jetzt war ich in Stille und
        Frieden, in <lb/> einem wunderbar schwebenden Zustand, der Dauer <lb/> hieß. Beim Vater
        wußte und erwartete ich das Ende, <lb/> herausgerissen zu werden aus dem Traum von seiner
        <lb/> Liebe, die sich endlich meiner annahm. Ich bebte <pb facs="#f0031" n="29"/>
        <lb/> um jeden Augenblick dieses Zufallsgeschenks seiner <lb/> Zärtlichkeiten. Aber die
        Mutter war die Ewigkeit, <lb/> war die Unerschöpflichkeit der Güte, es war nicht <lb/> Gnade
        der Stunde, sondern die Liebe. Ich ließ mich <lb/> tragen, ließ mich schwach werden, gab
        nach. Die <lb/> finstere Treppe hinauf. Sie keuchte nicht, sie verbiß <lb/> sich die Bürde.
        Ich brauchte mich nicht an sie zu <lb/> pressen, sie nicht zu küssen. Sie gehörte mir ja,
        <lb/> sie blieb mir ja, wir waren ein und dasselbe. </p>
      <p>
        <lb/> Oben schrie der kleine Bruder. Henriette, die er <lb/> geweckt hatte, weinte. Sie
        schlug auf ihn ein, der <lb/> neben ihr lag. Wir drei Kinder schliefen in einem <lb/> Bett.
        Die Mutter hatte sich Milch verschafft. Oder <lb/> die ahnende Nachbarin, Frau Ladewig,
        hatte sie ihr <lb/> herübergebracht. Brüderchen bekam zu trinken, und <lb/> er schlief schon
        am Tassenrand wieder ein. </p>
      <p>
        <lb/> Und ich schlief ja auch, am Tisch mich haltend. <lb/> Da entkleidete mich die Mutter. </p>
      <p>
        <lb/> „Liebling,“ flüsterte sie, „o Liebling, welche Sünde: <lb/> ich liebe dich <hi
          rendition="#g">mehr</hi>... Komm, du schläfst heut bei <lb/> mir. Er kommt nicht nach Haus
        — O daß er käme. <lb/> Komm, trink etwas. Ja? Da, Teddy, mein Leben, <lb/> trink. Es ist
        Milch. Wie gut sie riecht, nicht wahr?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war so müde, ich konnte nicht trinken. Ein <lb/> jäher Frost schüttelte mich. Da
        packte sie mich ins <lb/> Bett. Sie nahm mich eng an sich und wärmte mich <lb/> mit ihrem
        Blut, das heißer wurde für mich. </p>
      <pb facs="#f0032" n="30"/>
      <p>
        <lb/> „Du wirst nicht krank,“ betete sie, beschwor sie <lb/> mich. „Ich zieh dir das Fieber
        ab. Schlaf, mein <lb/> Kind. Soll ich dir singen?... Schlaf in süßer Ruh, <lb/> tu — —“ Aber
        sie konnte nicht, sie zitterte so sehr. <lb/> Sie flüsterte es nur. </p>
      <p>
        <lb/> Wenn im Haus ein Schritt tönte, es irgendwo <lb/> krachte, schrak sie zusammen. In der
        Nacht erwachte <lb/> ich oft, weil sie jäh zusammenzuckte und sich auf- <lb/> richtete und
        horchte. Sie glaubte, er könnte kommen, <lb/> und schon barg sie mich unter sich und betete
        lautlos <lb/> mit raunenden Lippen. Oder fluchte sie? </p>
      <p>
        <lb/> Aber der Vater kam nicht nach Haus in dieser <lb/> ersten Nacht meines Lebens. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war vier Jahre alt. </p>
      <p>
        <lb/> Vom nächsten Tage an begann ich zu wissen; die <lb/> Augen gingen mir auf und die
        Ohren. Mein Herz <lb/> hatte sich entschieden, und ich lieferte mich meiner <lb/> Mutter
        aus. Ihr Sohn sein: das wurde mein Leben... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Sie hat es mir erzählt in langen Pausen, wenn ich <lb/> ihr bei der Arbeit half, wenn
        sie abends an meinem <lb/> Bett saß, Sonntags, wenn wir allein zu Haus geblieben <lb/>
        waren. Ich vermochte nie, sie allein zu lassen. Opfer <lb/> wäre gewesen, sie zu verlassen.
        Glück war es, für sie <lb/> Rummelplatz, Spielen auf dem Hof, Zaungast sein <lb/> beim
        Fußballkampf aufzugeben. </p>
      <pb facs="#f0033" n="31"/>
      <p>
        <lb/> So fand sich langsam ihr Roman zusammen. Erst <lb/> als sie tot war, übersah ich ihn
        ganz. In ihrem letzten <lb/> Gesicht fand ich ihn völlig geschrieben — vom ersten <lb/>
        glücklichen Atemzug des Kindes bis zum letzten <lb/> schweren Seufzer auf ihrer strohenen
        Matratze. </p>
      <p>
        <lb/> Sie wuchs in einer Mühle auf. Ihr Vater hatte die <lb/> Dampfmühle in Schlesien unten,
        in einer kleinen <lb/> dunklen Stadt an der Oder, nahe der Grenze. Er war <lb/> ein
        wohlhabender Mann und hatte nur zwei Kinder, <lb/> sie, die eine romantische Mutter Perdita
        genannt hatte, <lb/> und einen älteren Bruder. </p>
      <p>
        <lb/> Es war ein frommes jüdisches Haus, und ihre <lb/> Mutter Henriette trug noch einen
        Scheitel. Sabbat- <lb/> lichter und die hochheiligen Feste der Versöhnung, <lb/> des
        Neujahrs brachten die schönste Poesie in ihr <lb/> Kleinstadtdasein. Oft hat sie mir von den
        Hörnern er- <lb/> zählt, die am Festabend in Schul tönen. Sie hat diesen <lb/> Gotteston nie
        vergessen. Sie hat nichts mehr gehalten, <lb/> nie mehr ein jüdisches Buch aufgeschlagen,
        immer <lb/> nur deutsch über mir und mit mir gebetet. Aber sie <lb/> war Jüdin geblieben. </p>
      <p>
        <lb/> Mir war sie die Schönheit selbst, aber sie war nicht <lb/> schön, ich sehe aus wie
        sie. Blasse Haut und weicher <lb/> Mund, ungefüge Nase, schwächliches Kinn, niedere <lb/>
        Stirn, nur die Augen schwarzbraun, schwermütig <lb/> und groß. Vielleicht war sie unschön
        als Mädchen, <lb/> denn es liebte sie keiner... </p>
      <pb facs="#f0034" n="32"/>
      <p>
        <lb/> Es kamen viele junge Herren ins Haus mit der <lb/> Absicht sie zu heiraten. Wie es
        alte jüdische Sitte ist, <lb/> stellten sich Männer ein, die die Eltern gewählt hatten,
        <lb/> die den Eltern gefielen. Jeder war auch bereit, Perdita <lb/> sich zu erklären, denn
        sie war ein reiches Mädchen, <lb/> und die Mühle sollte ihr einmal zufallen. Der Bruder
        <lb/> studierte auf den Rechtsanwalt in Breslau und wollte <lb/> keineswegs Beruf und
        Großstadt aufgeben, um das <lb/> väterliche Geschäft weiterzuführen. </p>
      <p>
        <lb/> Aber Perdita schlug alle aus. Sie wollte geliebt sein, <lb/> o, und sie wollte selber
        lieben... </p>
      <p>
        <lb/> Sie widerstand den Eltern, der Sitte, auch der Angst <lb/> vor dem einsamen Altern.
        Sie war ein tüchtiges Mäd- <lb/> chen, kümmerte sich um das Geschäft, versah die <lb/>
        Buchführung, überwachte Eingänge und Ausgänge. <lb/> Und Tag für Tag stand sie draußen in
        der schon <lb/> offenen Straße des <sic>Städchens</sic>, am Hoftor, und zählte <lb/> die
        Säcke, die die Müllerburschen aufluden. Hinten <lb/> stampfte die Mühle, es roch so gut nach
        Weizen und <lb/> Roggen. Im Sommer duftete der große Garten von <lb/> den hundert
        Rosenstöcken, die er nährte. Und der <lb/> Geruch der Oder, der herrliche frische kühle
        Wasser- <lb/> duft mischte sich hinein. Da stand die häßliche <lb/> schwarze Müllerstochter
        und kontrollierte die Fuhren. <lb/> Sie war streng und kurz, sie konnte nicht freundlich
        <lb/> schelten und den Geplagten einen Scherz zurufen. Sie <lb/> war ein kleines einsames
        Mädchen, im Grunde ratlos <pb facs="#f0035" n="33"/>
        <lb/> und ängstlich vielleicht im Uneingestandenen. Sie war <lb/> voll Liebe — Ja! Aber
        schamvoll vergrub sie sie unter <lb/> Barschheit und Kälte. Sie wagte nicht, sie anzubieten.
        <lb/> Sie wußte sich so unscheinbar und häßlich und <lb/> dachte: man lacht dich aus, wenn
        du wen anlächelst. </p>
      <p>
        <lb/> So wurde sie vierundzwanzig Jahre. Die Eltern <lb/> gaben es fürs erste auf, sie zu
        verheiraten. Sie gönnten <lb/> sich und ihr Ruhe. Sie wird schon zur Vernunft <lb/> kommen,
        besprachen sie sich, wenn sie Zeit zum <lb/> Nachdenken hat. Soll ein jüdisches Mädchen, mit
        <lb/> Geld, aus gutem Haus, alte Jungfer werden? Das gab <lb/> es nicht in beiden Familien
        der Eltern. </p>
      <p>
        <lb/> „Lassen wir sie, Jettchen,“ sagte der Vater, noch <lb/> jung, noch nicht sechzig. „Sie
        ist doch ein verstän- <lb/> diges Kind. Wenn kein Freier mehr kommt, wird sie <lb/> stutzig
        werden und sich besinnen und schließlich den <lb/> Nächsten nehmen, den wir ihr aussuchen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Dein Wort in Gottes Ohr,“ sagte die Mutter. </p>
      <p>
        <lb/> Sie war erst zweiundvierzig, sie hatte mit siebzehn <lb/> geheiratet, eine schöne
        üppige blonde Frau, die der <lb/> schwarze Scheitel nicht zu entstellen vermochte. Nur <lb/>
        gab er ihrer weichen zarten Schönheit Strenge und <lb/> Kargheit. </p>
      <p>
        <lb/> Perdita liebte ihre Eltern wie nur ein frommes <lb/> jüdisches Kind, aber doch nicht
        fromm genug, da <lb/> sie sich nicht fügte, von ihnen keinen Mann empfan- <lb/> gen wollte.
        Und später empfand sie als Gottes, als <pb facs="#f0036" n="34"/>
        <lb/> des Judengottes, der hart und vergeltend ist, Strafe, <lb/> was nun geschah. </p>
      <p>
        <lb/> Als sie an einem süßen Maitage mit Flieder, Rot- <lb/> dorn, Schneeballen und Goldlack
        im Hoftor stand und <lb/> die Säcke zählte, die zwei Müllerburschen aufluden, <lb/> sah sie
        Georg König zum ersten Mal... </p>
      <p>
        <lb/> Er war am selben Morgen, am fünfzehnten, einge- <lb/> treten, bisher Hausdiener im
        Lewyschen Schuhge- <lb/> schäft am Ring, da gefiel es ihm nicht mehr, er wollte <lb/> mehr
        Luft, mehr Bewegung, Tätigkeit, Freiheit. Und <lb/> er sah im „Anzeiger“ des Dampfmüllers
        Gesuch nach <lb/> einem kräftigen Burschen. Nun, er trug auch Drei- <lb/> zentnersäcke
        pfeifend und mit nur kleinen Schweiß- <lb/> bächlein über die breite gold-flaumige Brust.
        Eine <lb/> Mühle am Fluß, Arbeit im Hof, an offenen Luken <lb/> und Seilzügen, Wagen
        kutschieren, das war für ihn! <lb/> Er ging abends hinaus, schlug fünf stämmige Kon- <lb/>
        kurrenten aus dem Feld und gab den Handschlag und <lb/> empfing den Mietstaler. </p>
      <p>
        <lb/> Das hatte Perdita am Mittagstisch gehört. Aber sie <lb/> hatte den Leuten nie einen
        schauenden Blick ge- <lb/> schenkt, sie hatte nie einen dieser Burschen bewußt <lb/>
        gesehen. Damals gab es sozusagen kein Proletariat für <lb/> die besitzende Klasse, man
        übersah es. Arbeiter waren <lb/> Werkzeuge. Wer kennt den Hammer, mit dem er den <lb/> Nagel
        einschlägt? Man kannte seinen Schuh, aber <lb/> kaum noch den Schuster, den man ihm
        verdankte. <pb facs="#f0037" n="35"/>
        <lb/> Schon die Mädchen in der Küche waren nur Halb- <lb/> menschen. Und die Burschen, die
        Säcke aufluden?... <lb/> Waren sie mehr als ein Kran?... </p>
      <p>
        <lb/> Aber jetzt sah Perdita den schönen Blonden, dem <lb/> das Haar wehte, weiß bepudert,
        mit offener Brust, <lb/> in deren Goldfließ Schweiß wie Silberperlen stand. <lb/> Er warf
        den Sack auf den Wagen und reckte sich. <lb/> Er ging ihr wie ein Gott auf... </p>
      <p>
        <lb/> Er lief zurück, an ihr vorbei, er lachte. </p>
      <p>
        <lb/> „Guten Tag, Fräulein,“ rief er, und seine Zähne <lb/> blitzten. </p>
      <p>
        <lb/> Er drehte sich im Hof noch einmal um — und sie <lb/> hatte ihm nachgesehen. Er lachte
        ihr wieder zu. <lb/> Eben hatte sein Kollege ihm zugeraunt: </p>
      <p>
        <lb/> „Du, die is noch zu haben. Hunderttausend, sagt <lb/> man, und die Mühle. Mach dir
        ran, Junge.“ </p>
      <p>
        <lb/> Das war aber ein großartiger Witz! Georg erzählte <lb/> ihn überall, und alle
        wieherten los. </p>
      <p>
        <lb/> Die Müllerstochter — Mit hunderttausend bar. Und <lb/> die Mühle... </p>
      <p>
        <lb/> Aber wenn er nun an ihr vorüberging, zog er <lb/> respektvoll die Mütze und blitzte
        sie mit seinen <lb/> Zähnen an. Er war ein Jahr jünger als sie, hatte in <lb/> Breslau bei
        den Kürassieren gedient und war ein <lb/> flotter Bursch. Er hatte nicht soviel Glück bei
        den <lb/> Mädchen, wie man glauben konnte. Er war gar zu <lb/> schön. Sie hatten irgend eine
        Angst vor ihm. Auch <pb facs="#f0038" n="36"/>
        <lb/> sah er so gewalttätig aus. Wenn er erst wollte, durfte <lb/> man dann nein sagen? Der
        schmiß einen wohl ein- <lb/> fach hin und fragte nicht zum zweiten Mal. Lieber <lb/> nicht
        erst darauf ankommen lassen, ihm aus dem <lb/> Wege gehen. Sonntags, beim Tanz, bei der
        Damen- <lb/> wahl, konnte es geschehen, daß er sitzen blieb. Nur <lb/> die ganz Kessen oder
        die Blöden und Ahnungslosen <lb/> trauten sich an ihn... </p>
      <p>
        <lb/> Perdita stand Sonntags am Fenster, hinter der <lb/> Tüllgardine, und lauerte. Er ging
        vor dem Kaffee <lb/> fort, in einem dunkelblauen Anzug aus Breslau, <lb/> der so knapp war.
        Seine Schultern und Schenkel <lb/> sprengten ihn fast. Sie starrte ihm nach, bedeckt mit
        <lb/> kaltem Schweiß, von Glut durchjagt. </p>
      <p>
        <lb/> Was war ihr geschehen?... Die Schönheit war ihr <lb/> begegnet... Sie hatte nicht
        gewußt, was sie ist, daß <lb/> es sie gibt. Sie hatte nicht geahnt, daß in ihrer Seele <lb/>
        die eine unendliche Sehnsucht war, die Sehnsucht <lb/> aller Häßlichen: Schönheit... </p>
      <p>
        <lb/> Und nun begegnete sie ihr in einem Müllerburschen, <lb/> der sechs Tage in weißem
        Drillich, mehlbepudert <lb/> umherstieg und am siebenten als Kürassier in dunkel- <lb/>
        blau, wie nackt, mit federnden Gliedern tanzen ging. </p>
      <p>
        <lb/> Zwei Jahre hatte Georg bei der Kavallerie gedient, <lb/> und noch zwei Jahre war er in
        Breslau geblieben, <lb/> erst Diener bei seinem Rittmeister, dann in einer <lb/> Kanzlei,
        bald schreibend, bald Kassengänge erledi- <pb facs="#f0039" n="37"/>
        <lb/> gend. Dann starben die Eltern in der Oderstadt, er <lb/> kam heim, um zu erben. Aber
        es war nichts da. <lb/> Und weil er träge und eigentlich seßhaft war, blieb <lb/> er in der
        erstbesten Stellung. Er war leichtsinnig, <lb/> in der bösesten Art: mit seinem Leben, mit
        der Zu- <lb/> kunft. Er baute nichts von dem aus, was er hatte und <lb/> konnte. Er tat, was
        sich gerade bot. Dieser große <lb/> starke Kerl war, abgesehen vom körperlichen Verlan-
        <lb/> gen nach Tat und Arbeit, ganz passiv. Er jonglierte <lb/> lachend mit Säcken, aber für
        sein Menschliches <lb/> rührte er keinen Finger. Er blieb, vor dem eigent- <lb/> lichen
        Leben, ahnungslos wie ein Kind. Schuldloser <lb/> hat nie ein Mensch Leid und Jammer
        verschuldet... </p>
      <p>
        <lb/> Er traf Perdita. O, nun war sie wirklich eine Ver- <lb/> lorene... </p>
      <p>
        <lb/> Nichts von ihren Kämpfen... </p>
      <p>
        <lb/> Sie litt, daß er mit dem Hausmädchen sprach, <lb/> und sie warnte sie vor ihm. Sie
        verging vor Neid, <lb/> wenn er Sonntags das Haus verließ. Er schlief oben <lb/> über den
        Ställen. Sie stand im Treppenhaus ihrer <lb/> Villa, die das Grundstück nach der Straße
        abschloß, <lb/> und sah über den Hof nach seinem Fenster. Manch- <lb/> mal erblickte sie
        ihn, wie er sich den Mehlstaub ab- <lb/> wusch, vom Kerzenlicht phantastisch beleuchtet,
        bald <lb/> Silhouette, bald ein weißer Gott. Wenn er nackt war, <lb/> bewegte er sich noch
        freier, wie in seinem Urelement, <lb/> aus Verzauberung erlöst... </p>
      <pb facs="#f0040" n="38"/>
      <p>
        <lb/> Sie weinte Nächte hindurch. Es wurde Sommer, <lb/> und die hundert Rosenstöcke
        blühten. Es war der <lb/> Rosensommer des Jahres neunzehnhundertundzwei. <lb/> In den warmen
        Nächten stand die Luft unbeweglich <lb/> und dick von Duft. Reseden hauchten Grabatem da-
        <lb/> zwischen, und Nelken pfefferten den berauschenden <lb/> Trank. Jeder Schluck Luft
        machte trunkener. </p>
      <p>
        <lb/> In einer Sonntagnacht, als die Mädchen in den <lb/> Dachstuben längst schliefen und
        das Licht bei den <lb/> Eltern seit Stunden erloschen war, war Georg König <lb/> noch immer
        nicht heimgekommen. </p>
      <p>
        <lb/> Perdita stand am Treppenfenster und verlor sich <lb/> an die finsteren Scheiben
        drüben. Der andere Bursche <lb/> war schon da, schlief schon. Wo blieb Georg?... In <lb/>
        ihren Träumen, über die sie nicht Macht hatte, nannte <lb/> sie ihn so leise und klagend und
        hatte ihren Namen <lb/> zaghaft und gestammelt von seinem jungen Munde <lb/> gehört... </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt stieg sie die Treppe hinab, schloß die Tür <lb/> nach dem Hof auf und trat
        hinaus. Wie überfielen <lb/> sie da die Rosen. Zwischen den Gitterstäben des <lb/>
        Gartenzauns leuchteten die weißen an den übervollen <lb/> Büschen, als gäben sie Licht. Aber
        die roten waren <lb/> es, die den berauschenden Duft verströmten. </p>
      <p>
        <lb/> Perdita sank auf den steinernen Sockel des Garten- <lb/> gitters und preßte ihren Kopf
        an die Stäbe, aber sie <lb/> wollten nicht schmerzen. In dieser Nacht gab es den <pb
          facs="#f0041" n="39"/>
        <lb/> Schmerz nicht, nur Wollust und süßes Weh und zärt- <lb/> liche Bitternis. </p>
      <p>
        <lb/> Und dann kam er. Er schloß klirrend das Hoftor <lb/> auf, sie hatte seinen Schritt
        schon die ganze toten- <lb/> stille Allee heraufklingen hören, es ging in ihrem <lb/>
        Herzen, dort trat er auf, es war großer, aber lust- <lb/> voller Schmerz. </p>
      <p>
        <lb/> Er sah sie gar nicht, er ging vorsichtig über den <lb/> knirschenden Kies. </p>
      <p>
        <lb/> „Still, Cäsar,“ rief er dem Hunde zu, der aber zu <lb/> bellen nicht gedacht hatte. Er
        kannte den Schritt. <lb/> Nun kam er, der das Mädchen gar nicht beachtet hatte, <lb/> zu dem
        Müllerburschen herübergetrottet, ein großer <lb/> Mischling von Bernhardiner und Dogge, eine
        seltsame <lb/> Hundeausgeburt, mächtig und ungestalt, immer zer- <lb/> rissen vom Kampf
        zwischen Doggenwut und Bern- <lb/> hardinernachsicht. </p>
      <p>
        <lb/> Georg streichelte den ungefügen braunen Kopf, die <lb/> Tieraugen glänzten. Dann
        knurrte Cäsar und drehte <lb/> sein schweres Gehänge dem Mädchen zu. So erst <lb/> erblickte
        Georg Perdita. </p>
      <p>
        <lb/> Er hatte eine Zigarette geraucht, er nahm sie aus <lb/> dem Munde, zog langsam den Hut
        und sagte, nach <lb/> einer Weile, fragend: </p>
      <p>
        <lb/> „Guten Abend?“ </p>
      <p>
        <lb/> Er erkannte sie nicht, er wollte weitergehen. </p>
      <p>
        <lb/> Da rief sie leise: </p>
      <pb facs="#f0042" n="40"/>
      <p>
        <lb/> „Georg?“ </p>
      <p>
        <lb/> Und als er stehenblieb und „Fräulein“ flüsterte, <lb/> vermochte sie zu lachen. </p>
      <p>
        <lb/> „Bis jetzt getanzt,“ sagte sie und konnte kaum die <lb/> Lippen voneinander lösen.
        „Wie spät ist es?“ </p>
      <p>
        <lb/> In diesem Augenblick schlug es zwei von der Katha- <lb/> rinenkirche. Langsam tropften
        die Glockenklänge <lb/> durch die zähe Luft. </p>
      <p>
        <lb/> „Da,“ sagte er nur. </p>
      <p>
        <lb/> Der Hund trabte in seine Hütte zurück. Dann <lb/> wurde es still. </p>
      <p>
        <lb/> Georg rührte sich nicht. </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich plätscherte es im Fluß hinter dem Garten. <lb/> Die Oder bespülte ihn, ein
        kleiner Steg mit einem <lb/> verfaulten Boot führte in das Wasser hinaus. Eine <lb/> Ratte
        mochte hineingesprungen sein oder unreifes <lb/> Obst sich vom Baum gelöst und
        hinuntergefallen. </p>
      <p>
        <lb/> Perdita sah in den Himmel. Es war kein Stern da, <lb/> es war undurchdringliche
        Finsternis. Und da flüsterte <lb/> sie, sich selbst ein Rätsel, wie verzweifelt über die
        <lb/> ungeheure Einsamkeit, in der sie zu fallen hing — <lb/> sie flüsterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Komm her, Georg.“ </p>
      <p>
        <lb/> Er hatte getrunken, aber er war nüchtern. Und er <lb/> war erfahren, und er hatte dazu
        den Instinkt des un- <lb/> verbildeten Mannes. Aber eben, weil er nüchtern war, <lb/>
        zögerte er. Doch dann sagte es schonungslos in ihm: </p>
      <pb facs="#f0043" n="41"/>
      <p>
        <lb/> „Die ist so weit.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und unter dieser kalten Einsicht ging er zu ihr <lb/> hinüber. </p>
      <p>
        <lb/> Sie küßte ihn zuerst, er war, als er „das Fräulein“ <lb/> schließlich im Arm hielt,
        schüchtern. Sie zitterte <lb/> nicht; im Augenblick, da sie an seine Brust sank, war <lb/>
        sie ebenso klar, wie sie zugleich trunken war, ebenso <lb/> stark wie zugleich verloren an
        seine Männlichkeit und <lb/> Schönheit. </p>
      <p>
        <lb/> „Willst du mich?“ sagte sie. „Soll ich deine Frau <lb/> werden?“ </p>
      <p>
        <lb/> Er schwieg. Er war es, der so schwach wie plötz- <lb/> lich trunken war. Er konnte auf
        dieses Ungeheuerliche <lb/> nicht antworten, seine Welt stürzte ein, er schwankte. </p>
      <p>
        <lb/> „<hi rendition="#g">Ich</hi> will,“ fuhr sie fort. „Und wenn du willst, ist <lb/>
        alles gut. Nur eins mußt du mir sagen: Georg, hast <lb/> du mich lieb?“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber er war noch nicht klar geworden, seine Welt <lb/> drehte sich um ihn, er begriff
        nichts. </p>
      <p>
        <lb/> „Georg,“ flüsterte sie. </p>
      <p>
        <lb/> Da erst ergriff er sie richtig, hob sie auf, preßte <lb/> sie an sich, küßte sie. </p>
      <p>
        <lb/> Sie schrie unter diesem Kuß, den sie nicht kannte, <lb/> nicht geahnt, nie erwartet
        hatte. War das das große <lb/> Geheimnis? </p>
      <p>
        <lb/> „Was tust du?“ stöhnte sie und bog sich fort wie <lb/> vor der letzten Vergewaltigung. </p>
      <pb facs="#f0044" n="42"/>
      <p>
        <lb/> Da fand er sich zurück. Er holte sich ihren Kopf <lb/> zurück und küßte sie wieder. Er
        hatte Bier getrunken <lb/> und schlechte Zigaretten geraucht. Aber sie wußte <lb/> nur, daß
        sie in diesem Kusse den Mann empfing, <lb/> daß sie ihm vermählt war... </p>
      <p>
        <lb/> „Denn ich liebe dich —“ flüsterte sie, als er sie <lb/> von sich schob, um lachend in
        ihr Gesicht zu sehen. </p>
      <p>
        <lb/> Und sie war so völlig Demut, daß sie seine Hand <lb/> hob und küßte. Und er lachte,
        denn er erinnerte sich, <lb/> daß diese Hand noch ungewaschen war von den Lieb- <lb/>
        kosungen, mit denen er beim Tanz ein dummes Mädel <lb/> aus Petersdorf beglückt hatte. </p>
      <p>
        <lb/> Aber ihr war alles schon Zauber und Traum und <lb/> dieses eitle Männerlachen ein
        seliges Frohlocken sei- <lb/> nes beglückten und befreiten Herzens. </p>
      <p>
        <lb/> Und so verließ sie ihn, in ihrer Unschuld schon sein <lb/> Weib, in ihrer Keuschheit
        ihm für immer vermählt. </p>
      <p>
        <lb/> Sich geben zu können, mußte man lieben. Das emp- <lb/> fand sie in sich selbst. Aber
        sie glaubte damals noch, <lb/> daß wer nicht liebte, auch nicht nehmen könnte... <lb/> Er
        hatte sie genommen: also liebte er sie... Und das <lb/> war genug. Jetzt konnte keine Welt
        sie mehr trennen. <lb/> Es gab nur noch eine Welt: ihre Liebe... </p>
      <p>
        <lb/> Sie zögerte, ihr Schicksal zu vertreten, keinen Tag. <lb/> Sie zitterte nicht, als sie
        es den Eltern sagte. Aber das <lb/> Furchtbare war dann: ihre Mutter, die schöne, junge
        <lb/> Henriette hob die Hände über den Kopf, sie zusam- <pb facs="#f0045" n="43"/>
        <lb/> menzuschlagen, riß den Mund auf, in gräßlichem Ent- <lb/> setzen, wollte schreien —
        aber es kam nur ein Gur- <lb/> geln, ein unartikuliertes Lallen, ein häßliches und <lb/>
        komisches Ächzen. Sie hatte die Sprache verloren... </p>
      <p>
        <lb/> Der Vater merkte es noch nicht. Er lief ans Fen- <lb/> ster. Unten stand der Wagen mit
        den beiden Falben, <lb/> und die zwei Burschen luden Mehlsäcke auf. Georg <lb/> König tat
        seine Arbeit wie gewohnt, als hätte er alles <lb/> vergessen, als wäre diese Nacht und das
        Fräulein, der <lb/> Kuß, das Geflüster ein Traum gewesen, lächerlicher <lb/> und
        abzuschüttelnder Traum. </p>
      <p>
        <lb/> „Den da?“ schrie der Vater, blutrot, die Augen ge- <lb/> quollen, „den da willst du?
        Gott behüte, du bist me- <lb/> schugge, mein Kind. Ein Hausdiener und Perdita <lb/>
        Lachmann! Hunderttausend, Kind, bekommst du. Ha- <lb/> ben kannst du den Schönsten, Besten.
        Jettel, was ist <lb/> mit dir? Was babbelst du?“ </p>
      <p>
        <lb/> Die Mutter ächzte, ihre Augen schrien, was der <lb/> Mund nicht sagen konnte. </p>
      <p>
        <lb/> „Geh ins Bett,“ schrie der Vater. „Hast nicht <lb/> ausgeschlafen, redst im Traum,
        Kind. — Aber Jettel, <lb/> Jettel, nu sag schon, was du sagen willst.“ </p>
      <p>
        <lb/> Da merkte er erst, wie es um die Frau stand. Und <lb/> er vergaß die Tochter und ihren
        Irrsinn und lief <lb/> ihr zu Hilfe, schüttelte sie, schalt sie, bat und bettelte <lb/> um
        ein Wort. Aber sie sah nur wild um sich, ihr Schei- <lb/> tel hatte sich verschoben unter
        ihren verkrampften <pb facs="#f0046" n="44"/>
        <lb/> Fingern, und das blonde Haar quoll hervor. Er sah es, <lb/> bedeckte es, als seien
        fremde Männer in der Stube. </p>
      <p>
        <lb/> „Was hast du angerichtet,“ jammerte er zu Perdita. <lb/> „Sieh her! Deine Mamme. Du
        hast sie getötet, du hast <lb/> sie um den Verstand gebracht.“ </p>
      <p>
        <lb/> Perdita hatte kein Mitleid in dieser schrecklichen <lb/> Stunde, sie stand außer sich
        selbst. Was gab ihr die <lb/> Ruhe und die Worte ein, von denen sie, indem sie <lb/> sie
        aussprach, nicht wußte, daß sie sie sagte? </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Es ist zu spät. Ihr werdet euch abfinden müssen. <lb/> Ich werde von ihm ein Kind
        haben...“ </p>
      <p>
        <lb/> Vielleicht glaubte sie es selbst? Glaubte in ihrer <lb/> ahnungslosen Unschuld
        wirklich, daß ein Kuß, wie <lb/> der Kuß in der Nacht, genügte, sie zur Mutter zu <lb/>
        machen, da er sie im Augenblick zur Frau gemacht <lb/> hatte? Sie sagte es. Und dann ging
        sie hinaus. Hinter <lb/> sich ein fürchterliches Schweigen... </p>
      <p>
        <lb/> Fünf Tage später floh sie mit Georg König nach <lb/> Berlin. Sie hatte ihr
        Sparkassenbuch abgehoben, es <lb/> waren gegen dreitausend Mark. Sie hatte etwas <lb/>
        Schmuck und von der Großmutter altes Silber, ihr <lb/> persönlich vermacht. Damit füllte sie
        den Handkoffer. <lb/> Kleider, Wäsche, das ließ sie alles zurück. Georg <lb/> König hatte
        eine grüne Holzkiste, er besaß zwei An- <lb/> züge, vier Hemden, ein paar Jahrgänge
        „Fliegende <lb/> Blätter“ und „Kosmos“ und Andenken an Breslauer <pb facs="#f0047" n="45"/>
        <lb/> Dienstmädchen und Metzgermamsells. — So ging <lb/> Perdita, die Verlorene, in ihr
        Schicksal. </p>
      <p>
        <lb/> Der schöne Georg liebte sie nicht, er hatte anfangs <lb/> ein bißchen Angst vor ihr,
        aber er erwartete alle <lb/> Herrlichkeiten: Perditas Geld. Er war überzeugt, daß <lb/> die
        Eltern schließlich nachgeben und ihn als Schwie- <lb/> gersohn aufnehmen würden. Die Mühle
        würde eines <lb/> Tages ihm gehören und das viele Geld... Sie war <lb/> die einzige Tochter.
        Juden lieben ihre Kinder. Er war <lb/> so glücklich, daß er gut zu dem Mädchen war, zärt-
        <lb/> lich, heiß. </p>
      <p>
        <lb/> Sie mieteten sich in Berlin behaglich ein und lebten <lb/> von Perditas dreitausend.
        Dann heirateten sie, und <lb/> Perdita schrieb nach Haus. Erst stolz, dann weich, <lb/>
        flehend, liebeüberströmend. Sie bekam nie eine Ant- <lb/> wort. Erst nach Monaten einen
        kurzen Brief des <lb/> väterlichen Anwalts, daß Herr Lachmann sich alle <lb/>
        Annäherungsversuche verbitte; er habe, vom Gesetz <lb/> berechtigt, die verlorene Tochter
        enterbt. </p>
      <p>
        <lb/> Das war ein Schlag für den schönen Georg. An <lb/> diesem Tag betrank er sich zum
        ersten Mal, und als <lb/> er heimkam und Perdita wach, ihn erwartend, ihn <lb/> angstvoll
        anblickend fand, schlug er sie. </p>
      <p>
        <lb/> Damals trug sie schon ihr erstes Kind. Sie trug <lb/> schwer an ihm und litt. Aber
        noch liebte sie Georg. <lb/> Sie glaubte, ihn zu lieben, und es war nur ihr dunkles <lb/>
        Blut, das sie entzündet durchbrauste. </p>
      <pb facs="#f0048" n="46"/>
      <p>
        <lb/> Und jetzt versagte er sich ihr. Um sich zu rächen. <lb/> Aber da wuchs das Kind in
        ihrem Schoß, und schon <lb/> das ungeborene war Trost, Entschädigung, Glück und <lb/>
        Segen... </p>
      <p>
        <lb/> Noch einmal schrieb sie der Mutter, sechs Wochen <lb/> vor ihrer Niederkunft. Mutter
        schrieb an Mutter. Und <lb/> darauf kam eine Kiste an Perdita König. Der Zettel <lb/> auf
        ihr mit der Adresse war von Henriette Lachmann <lb/> geschrieben. Sie hatte selbst die Kiste
        gepackt und <lb/> wohl heimlich vor dem Vater wegschaffen lassen. Da- <lb/> rin war Perditas
        eigene Säuglingswäsche, kostbar mit <lb/> Spitzen geziert, aus handgewobener Leinwand,
        frisch <lb/> mit blauem Seidenband durchzogen. Und Perditas Klei- <lb/> der und Wäsche,
        Schuhe und Mäntel waren dabei, <lb/> ihre wenigen Bücher, Noten und Malversuche. Und <lb/>
        die Schürzen, in denen sie am Hoftor gestanden und <lb/> die Müllerburschen kontrolliert
        hatte... </p>
      <p>
        <lb/> Von nun an weinte sie bis zu dem Augenblick, da <lb/> man ihr den erstgeborenen Sohn
        an die Brust legte. <lb/> Sie nannte ihn Theodor. Und erst die nachgeborenen <lb/> nach den
        Eltern: Henriette und Markus. </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte sechs Wochen geweint, selbst nicht be- <lb/> greifend, woher ihr diese
        unendlich rinnenden Tränen <lb/> kamen. Und dabei war Georg wieder gut zu ihr ge- <lb/>
        worden. Die Sendung der Mutter, wenn auch wert- <lb/> los, hatte ihn aufgerichtet. Es war
        wohl nicht so <lb/> bitter ernst mit Verstoßung und Enterbung. Eines <pb facs="#f0049"
          n="47"/>
        <lb/> Tages versöhnte man sich doch, und er zog in der <lb/> Mühle ein. Er brachte Blumen
        für die Wöchnerin, <lb/> brachte jenes Fläschchen Rosenöl, dessen Duft länger <lb/> währte
        als seine Zärtlichkeit und Güte. Er schaffte, <lb/> sobald es ging, Perdita und das Kind zum
        Photo- <lb/> graphen und schickte das Bild an die Großeltern... Es <lb/> kam zurück. Die
        Annahme war verweigert worden... </p>
      <p>
        <lb/> Da tobte der schöne Georg. Er hob das Kind auf, <lb/> als wollte er es, nun seine
        Existenz für ihn sinn- und <lb/> zwecklos war, an der Wand zerschmettern. Aber Per- <lb/>
        dita warf sich über ihn. Klein und schmal, über- <lb/> wältigte sie den rasenden Riesen. Sie
        heulte ihm ins <lb/> Gesicht Schmach und Fluch. Plötzlich erkannte sie <lb/> ihren Mann. Da
        stand ein kleiner, gemeiner, haltloser, <lb/> fauler Mensch... </p>
      <p>
        <lb/> Sie wußte nicht, daß ihre Mutter gestorben war, <lb/> während sie in zwei Tagen Wehen
        lag und jammerte. Sie <lb/> erfuhr nie, ob die Mutter ihre Sprache wiedergefunden <lb/>
        hatte. Eines Tages bekam sie die sachliche behördliche <lb/> Mitteilung, daß ihr
        Muttererbteil in Höhe von sechs- <lb/> tausend dreihundert Mark zu ihrer Verfügung stände. </p>
      <p>
        <lb/> Ihr Schmerz kam zu spät, er erreichte nur noch <lb/> ein Grab. Sie wußte, wo es auf
        dem Judenfriedhof <lb/> des Oderstädtchens lag, neben den Gräbern der Groß- <lb/> eltern, an
        der Ehrenmauer. Großvater war Rabbiner <lb/> gewesen. Es gab da ein Erbbegräbnis Lachmann
        für <lb/> sechs Tote. Jetzt würden zwei Plätze immer leer blei- <pb facs="#f0050" n="48"/>
        <lb/> ben. Und die Bank, die da stand, würde nie einen <lb/> Trauernden und Betenden tragen.
        Sie mußte weinen <lb/> über ein Leid, das schon Wochen zurücklag. Theo- <lb/> dors Hände
        wurden naß von ihren Tränen. </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy,“ flüsterte sie ihm zu. „Teddy, Liebling, <lb/> sie hat dich nie gesehen, sie
        ist fort, und sie hat mir <lb/> nichts mehr gesagt.“ </p>
      <p>
        <lb/> Georg tröstete sich. Er war beinahe Kapitalist. <lb/> Statt Schnaps trank er nun Wein.
        Perdita war <lb/> schwach, noch einmal, und die Hälfte des Geldes <lb/> zahlte sie auf
        seinen Namen bei einer Bank ein. Nun, <lb/> er hatte ihr das Kind geschenkt. Gesegnet sei
        er! </p>
      <p>
        <lb/> Aber sie war klug. Sie mietete eine Wohnung. Im <lb/> billigsten Berliner Viertel, am
        Stettiner Bahnhof in <lb/> der Gartenstraße, und möblierte sie. Sie schaffte Vor- <lb/> räte
        an, sorgte für die Zukunft, ahnungsvoll und vor- <lb/> bedacht, und wurde fast glücklich
        dabei. Das Geld <lb/> floß weg, aber sie lächelte. Georg streichelte sie, und <lb/> sie ließ
        es sich gefallen. Sie hatte Erbarmen mit ihm, <lb/> mit seiner geketteten Menschlichkeit,
        seiner seelischen <lb/> Unerlöstheit. Hinter frischen Gardinen, zwischen lack- <lb/>
        duftenden Tannenmöbeln begann sie, eine Häuslichkeit <lb/> zu entfalten. Dazu gehörte
        Harmonie zwischen den <lb/> Gatten. Und sie demütigte sich zu ihm hinab, als sie <lb/> die
        Vergeblichkeit, ihn zu erlösen, einsah. </p>
      <p>
        <lb/> Ach, es gab ja nichts zu erlösen... Er war nicht <lb/> verwunschen in ein Halbtier: er
          <hi rendition="#g">war</hi> ein Halbtier. <pb facs="#f0051" n="49"/>
        <lb/> Seine Seele war leer und nicht gefesselt, seine Mensch- <lb/> lichkeit hohl und nicht
        verschüttet. Das wollte sie <lb/> lange nicht begreifen. Sie gebar das zweite Kind, <lb/>
        ein Jahr nach dem ersten, das Mädchen Henriette, <lb/> das schon lallend schön, lieblich und
        leidenschaftlich <lb/> war. Und wieder nach einem Jahr kam Markus, nach <lb/> ihrem Vater
        genannt, ein blonder, fester Junge, ein <lb/> kleiner Georg König. </p>
      <p>
        <lb/> Damals war alles Geld längst aufgezehrt, und Georg <lb/> hatte sein Schlaraffenleben
        aufstecken und arbeiten <lb/> müssen. Erst hatte er Bier gefahren, das kam seiner <lb/>
        Kraft recht. Wie ein verkleideter Bacchus fuhr er da <lb/> hundert Fässer auf Leiterwagen
        durch Berlin, lud <lb/> sie auf seine ungebeugten Schultern und schien mit <lb/> harten
        Gliedern den braunen Manchesteranzug spren- <lb/> gen zu wollen. </p>
      <p>
        <lb/> Dann bekam er es über. Er privatisierte ein biß- <lb/> chen, trank, schimpfte Perdita
        „Judenschickse!“ und <lb/> prügelte die Kinder. Nur Henny, wie er sie nannte, <lb/> schonte
        er, liebte, verzärtelte er. Ihr brachte er leere <lb/> Zigarettenschachteln, aufgelesene
        Knöpfe, ein Stück <lb/> Kuchen mit, sie trug er herum, kämmte ihr seidiges <lb/> braunes
        Haar, reizte sie neckend, um ihre Leiden- <lb/> schaftlichkeit zu genießen. Sie durfte, wenn
        er sie so <lb/> liebevoll ärgerte, ihn mit Fäusten dreschen, mit Füßen <lb/> stoßen. Wenn
        sie an seinen schönen, langen Haaren <lb/> boshaft riß, lachte er fast erregt. </p>
      <pb facs="#f0052" n="50"/>
      <p>
        <lb/> „Judenschickse!“ schrie er. „Bring mir Kaffee ins <lb/> Bett! — Bring mir Henny rüber!
        — Hol die ‚Morgen- <lb/> post‘ rauf!“ </p>
      <p>
        <lb/> Das sollte nicht immer Beschimpfung sein. Aber <lb/> wenn er wütend war, warf er ihr
        ihre Herkunft vor. <lb/> Er stieß, mit dem Stiefel, Theodor zu ihr hinüber <lb/> und schrie: </p>
      <p>
        <lb/> „Judenbrut! Tut euch nur zusammen. Das geht ja <lb/> in eins auf. Wenn ich blos det
        Jesichte nich mehr sehn <lb/> müßte! Wie kommt so’n Judenbengel zu mir! Aber det <lb/> kann
        ’n Mann passieren, der so ne Frau hat. Packt euch!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und wenn er, sinnlos betrunken, nach ihnen zu <lb/> werfen begann, Teller, Messer,
        Stühle, dann floh Per- <lb/> dita mit ihrem Kind, sie irrte stundenlang, es auf dem <lb/>
        Arm, durch stille Straßen, bis hinauf zum <sic>Humbold</sic>- <lb/> hain, ließ es schlafen
        in ihrem Schoß, während sie <lb/> auf Wiesen starrte und doch nichts anderes sah als <lb/>
        ein Hoftor. Und da stand sie selbst, in blauer Kleider- <lb/> schürze, und kontrollierte die
        Müllerburschen, von <lb/> denen einer schön war wie ein junger Mars... </p>
      <p>
        <lb/> Aber sie klagte nie, gab sich selbst alle Schuld... <lb/> Wenn sie heimkam, lag Georg
        irgendwo, über den <lb/> Herd geworfen, auf der Erde, mit Stiefeln im Bett. <lb/> Er hatte
        rings um sich Schmutz, es roch fürchterlich, <lb/> Henny weinte, und der kleine robuste
        Markus schlief. </p>
      <p>
        <lb/> Dann wurde Georg König Hausdiener in dem gro- <lb/> ßen Garderobengeschäft in der
        Chausseestraße. Es <pb facs="#f0053" n="51"/>
        <lb/> war leichte Arbeit. Für ihn. Aber Geld brachte er <lb/> nicht nach Haus. </p>
      <p>
        <lb/> Und Perdita begann, selbst ihre Kinder zu ernäh- <lb/> ren... Der Schmuck und das alte
        Silber waren längst <lb/> verkauft. Jetzt nähte sie Kravatten. Sie verdiente sieb- <lb/> zig
        Pfennige im Tag, denn sie konnte nicht nur <lb/> nähen, sie mußte die drei Stuben putzen,
        drei Kinder <lb/> versorgen. Sie versetzte überflüssige Kleider und den <lb/> Rest ihrer
        feinen Jungmädchenwäsche, sie versetzte <lb/> Möbel, jeden Topf, der zuviel war. Nie wurde
        etwas <lb/> eingelöst. Sie versetzte das zweite Bett und schlief <lb/> in dem einen, wenn
        Georg nachts nicht heimkam, <lb/> sonst auf der Erde, die drei Kinder hatten auch nur <lb/>
        ein Bett gemeinsam. Sie versetzte die Übergardinen, <lb/> den Teppich, es wurde immer leerer
        um sie, und doch <lb/> gab es Tage, wo kein Tassenkopf Mehl im Hause war, <lb/> den Kindern
        einen Brei zu machen. </p>
      <p>
        <lb/> In wahnsinnigen Nächten starrte Perdita sich selber <lb/> an, im grünlichen Spiegel,
        den sie eingetauscht hatte <lb/> gegen den Nußbaumkonsolspiegel, weil sie dann noch <lb/>
        zehn Mark dazubekam. Sie starrte sich an, die leichen- <lb/> haft überlaufen aussah, wie auf
        dem Grunde eines <lb/> Gewässers, und schlug sich an die Brüste, diese nun <lb/>
        überflüssigen Brüste. Wenn sie sie abschneiden und <lb/> den Kindern braten könnte... Solche
        irren Gedanken <lb/> hatte Perdita... </p>
      <p>
        <lb/> Sie holte Theodor aus dem Kinderbett, legte ihn <pb facs="#f0054" n="52"/>
        <lb/> in das leere, väterliche, das diese Nacht wieder leer <lb/> blieb, und kniete neben
        ihm, betrachtete ihn, verlor <lb/> sich in der einzig heiligen Liebe. Er war da... Und <lb/>
        alles war gut, gerecht und notwendig. Und mit doppel- <lb/> tem Leid war er nicht zu teuer
        bezahlt: Theodor, <hi rendition="#g">ihr</hi>
        <lb/> Kind, klein, häßlich, schwarz wie sie, geboren zu <lb/> leiden, gestoßen zu werden, zu
        entsagen... Ihr all- <lb/> einiges Kind. Sei gesegnet. </p>
      <p>
        <lb/> Die zweite Vorderstube war längst leer bis auf <lb/> Gardinen und einen Schrank. Sogar
        die Mäuse be- <lb/> gannen, sich aus dieser Wohnung zu verlaufen, wo <lb/> es nichts zu
        knabbern gab. Manchmal stellte sich Per- <lb/> dita, Theodor auf dem Arm, mitten in diesen
        leeren <lb/> Raum und drehte sich langsam, und sie bevölkerte die <lb/> Leere mit herrlichen
        Bildern, mit Kleinstadtstraßen <lb/> und Rosengärten und nie gesehenen südlichen See- <lb/>
        ufern und nördlichen Fjorden, mit Autos und Reit- <lb/> pferden, und alles gehörte ihrem
        Kind. Sie sah es <lb/> klug und gelehrt, und Männer verneigten sich vor <lb/> ihm, und
        Frauen mit reinen Gesichtern lächelten ihn <lb/> an, ihre Mutter schwebte auf Wolken darüber
        und <lb/> schaute das Glück, und sie selbst saß in einer Laube, <lb/> sie ruhte sich aus,
        sie genoß Frieden, sie lebte in <lb/> seinem Leben... </p>
      <p>
        <lb/> Der kleine Junge auf ihrem Arm, blaß und still, <lb/> schien zu sehen, was sie sah.
        Seine Augen weiteten <lb/> sich, und er lächelte. Er lächelte so selten — </p>
      <pb facs="#f0055" n="53"/>
      <p>
        <lb/> Als Perdita sein Lächeln sah, erwachte und erbebte <lb/> sie. Sie stöhnte. Sie weinte
        nie mehr, aber das Lächeln <lb/> dieses Kindes zerpreßte ihr Herz. Alle Bitterkeit <lb/>
        schluckte sie. Sie drückte das Kind an sich, sie küßte <lb/> es selten. Unter den Fenstern,
        in der nebligen Tiefe, <lb/> brandete Berlin. Der Bahnhof stieß schrille Pfiffe aus <lb/>
        wie Schreie eines Ungeheuers, das da mit dampfen- <lb/> dem Maule in der Stadt lag. Wie
        Speichel flossen die <lb/> glänzenden Geleise aus den roten Lefzen. Die Dächer <lb/> wogten
        lautlos erstarrt. Von der Höhe der fernen In- <lb/> validensäule schimmerte es golden durch
        den Dunst, <lb/> der Turm der Gnadenkirche schien in unirdisches <lb/> Licht getaucht. Es
        wölkte bunt aus der Chausseestraße <lb/> herauf. Alles war Gemeinsamkeit und Lebensgefühl.
        <lb/> Aber hier oben stand Perdita, mit ihrem Gottge- <lb/> schenkten, allein, ausgestoßen,
        die ganze Welt war <lb/> ein Kind... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Das ist die Geschichte meiner Mutter, so habe ich <lb/> sie mir zusammengetragen aus
        dem, was sie mir in <lb/> fünfzehn Jahren in Bruchstücken, in Andeutungen er- <lb/> zählt
        hat. Vieles habe ich erst zehn Jahre später ver- <lb/> standen, jetzt erst, indem ich es
        zusammenstellte und <lb/> nachzuerleben versuchte. Erst heut, vielleicht, geht <lb/> mir
        ahnend auf, wie sie zum Vater gestanden hat. <lb/>
        <hi rendition="#g">Davon</hi> hat sie nie gesprochen. Nur oft, so oft hat <lb/> sie mir
        flüsternd gestanden: </p>
      <pb facs="#f0056" n="54"/>
      <p>
        <lb/> „Und ich habe ihn so sehr geliebt, ich habe ihn —“ <lb/> sie zögerte, sie schluckte
        das Wort hinab, und es <lb/> stieß ihr wieder auf, sie befreite sich: „— angebetet.“ </p>
      <p>
        <lb/> Arme, geliebte Mutter, fünfundzwanzig Jahre alt, <lb/> unwissend und nicht einmal von
        Träumen erfahren, <lb/> da ging dir die Schönheit im Manne auf, und du <lb/> warst verloren.
        Und aus dieser deiner Verlorenheit, <lb/> Anbetung und Selbstopferung entstand ich... </p>
      <p>
        <lb/> Nach jener schrecklichen Nacht, in der die Mutter <lb/> ihr zum Betteln hingestelltes
        Kind suchte, hängte sie <lb/> einen Pappzettel in die Haustür, daß bei König im <lb/>
        vierten Stock ein Zimmer leer zu vermieten sei. Von <lb/> diesem Tage an fragte sie in
        nichts mehr nach dem <lb/> Vater, handelte immer allein, als lebte sie getrennt <lb/> von
        ihm. Er war nur noch da, um gelegentlich zu <lb/> Haus zu schlafen, uns zu schlagen, zu
        essen, Mutters <lb/> Kommode nach Geld zu durchwühlen. </p>
      <p>
        <lb/> Es kamen Leute, sich die Stube ansehen. Vor allem <lb/> kamen viele Mädchen, ältliche
        verkommene, auch <lb/> junge geschminkte. Aber die wies meine Mutter ab, sie <lb/>
        verlangten alle Freiheit im Kommen und Gehen und <lb/> Mitbringen von Herren. Mutter
        schüttelte nur stumm <lb/> den Kopf. Manche gingen scheltend, manche mit <lb/> traurigem
        Lächeln. Manche versprachen Mutter Pro- <lb/> zente. Ich kannte das Wort noch gar nicht,
        aber ich <lb/> glaube, ich verstand schon damals alles. Plötzlich, <lb/> über Nacht, war ich
        so sehend wie hörend geworden. </p>
      <pb facs="#f0057" n="55"/>
      <p>
        <lb/> Schließlich zog ein alter Mann ein, der auf einem <lb/> Wagen bei der Elisabethkirche
        Obst verkaufte. Er <lb/> stand schon in der Nacht auf, um vier, um drei und <lb/> fuhr mit
        seinem Wägelchen nach dem Alexanderplatz <lb/> in die Zentralmarkthalle und kaufte ein. Er
        hustete, <lb/> wenn er aufstand, er schnaubte und spuckte. Wir <lb/> wachten alle davon auf;
        und er klirrte in der Küche <lb/> mit dem Wasserkessel. Er schaffte Torf an zum Feu- <lb/>
        ern, der lag im Korridor und roch. Aber er zahlte <lb/> fünfzehn Mark monatlich, davon
        verlangte Vater die <lb/> Hälfte für sich, Mutter mußte auch für die Miete <lb/> aufkommen,
        das waren damals vierunddreißig Mark. <lb/> Sie nähte bis in die Nacht, oft bis der Alte
        aufstand, <lb/> dann kochte sie ihm den Malzkaffee und ging ins <lb/> Bett, wenn er die Tür
        zuwarf. </p>
      <p>
        <lb/> Dieser Alte war gut zu uns Kindern, er brachte <lb/> uns, wenn er um halb acht abends
        zurückkam, das <lb/> verfaulte Obst mit. Sein Wagen blieb in einem Stall <lb/> der
        Bergstraße, das kostete zwei fünfzig im Monat. <lb/> Manchmal bekamen wir auch Nüsse und
        Johannisbrot, <lb/> eine angeschlagene Orange, nasse Kirschen, die sich <lb/> bis zum andern
        Tag nicht hielten. Oft kochte Mutter <lb/> das Obst ein, ohne Zucker. Es schimmelte, aber
        Mar- <lb/> kus aß auch den Schimmel. Er kratzte oft den Mörtel <lb/> hinter abgefallener
        Tapete ab und zerrieb ihn ver- <lb/> gnügt zwischen den Zähnen; alles bekam ihm, er <lb/>
        wuchs und wurde stark, und Mutter, wenn sie seine <pb facs="#f0058" n="56"/>
        <lb/> Knochen befühlte, schüttelte den Kopf und freute <lb/> sich und sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Du da, Teddy, sieh ihn dir an, mach es doch auch <lb/> so. Sieh mal, wie stark er
        ist. Du kannst ihm die <lb/> Faust nicht aufmachen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Abends heizte der Alte mit Torf in seiner Stube. <lb/> Er hatte nur ein gelbes
        Holzbett, zwei Stühle, einen <lb/> Küchentisch, eine leere Blumenkrippe und einen zer- <lb/>
        rissenen japanischen riesigen Papierschirm mitge- <lb/> bracht. Beleuchtung hatte er nicht,
        die brauchte er <lb/> nie. </p>
      <p>
        <lb/> Wenn wir ihn dann schlafen hörten, machten wir <lb/> Kinder heimlich die Tür ein wenig
        auf, damit ein <lb/> bißchen Wärme auch zu uns hereinkäme, und kauer- <lb/> ten uns am
        Türspalt hin und atmeten tief den guten <lb/> warmen Torfgeruch ein. Nur Henny hatte Mut und
        <lb/> schlich hinein und setzte sich direkt an den Ofen und <lb/> kicherte und lockte und
        verspottete uns, bis schließ- <lb/> lich Markus ihr nachkroch. Nur ich traute mich nicht,
        <lb/> oder vielmehr ich dachte, ich nähme dem Alten auch <lb/> noch Wärme weg, wenn ich mich
        an seinen Ofen <lb/> setzte, und die beiden andern stahlen ihm schon <lb/> so viel. </p>
      <p>
        <lb/> Manchmal erwachte er, sah den hellen Türspalt und <lb/> schrie. Da liefen wir. Aber er
        konnte die Tür nicht <lb/> abschließen. Vater hatte einmal das Schloß zerbro- <lb/> chen,
        als Mutter sich mit mir in die Stube geflüchtet <pb facs="#f0059" n="57"/>
        <lb/> und abgeschlossen hatte vor ihm. Er war betrunken <lb/> nach Haus gekommen und hatte
        mich aus dem Fen- <lb/> ster werfen wollen, weil ich ein Judenkind war und <lb/> nicht von
        ihm und die Leute mit Fingern auf ihn <lb/> zeigten, daß er det schwarze Balch behielte... </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt blieb der Vater auch am Tag ungeniert zu <lb/> Haus. Er arbeitete nur noch bei
        Gelegenheit. Wenn <lb/> einer in seiner Kneipe auftauchte und ein paar starke <lb/> Kerle
        suchte, weil eine Familie „rücken“ wollte. Da <lb/> schaffte man, um den Wirt für
        rückständige Miete <lb/> nicht die Möbel dalassen zu müssen, heimlich nachts <lb/> die ganze
        Einrichtung fort. Eine Rückkompagnie <lb/> wurde gebildet, ein Wagen kam angefahren, und
        <lb/> lautlos ging Ausräumen, Hinabtragen, Aufladen vor <lb/> sich. Zu so einer
        Rückkompagnie gehörte Vater, <lb/> manchmal war viel zu tun, Nacht für Nacht, der <lb/>
        Norden ist so die Gegend dafür. </p>
      <p>
        <lb/> Kurz bevor ich zur Schule kam, „rückten“ wir <lb/> selbst. Wir waren vier Monate die
        Miete schuldig, und <lb/> am Ersten sollten wir ziehen. Dabehalten konnte der <lb/> Wirt
        kaum noch etwas, dennoch wurde „gerückt“. <lb/> Vater fand es gewiß romantisch. Und
        schließlich <lb/> konnte er auch mal etwas für die Familie tun, seine <lb/> Kräfte, die so
        oft andern zugutekamen, Frau und <lb/> Kindern schenken. </p>
      <p>
        <lb/> Aber vorläufig wohnten wir noch in der Garten- <lb/> straße, sogar im Vorderhaus. Es
        war ein schmut- <pb facs="#f0060" n="58"/>
        <lb/> ziges, verwohntes Haus. Mutter hatte unsere Stuben <lb/> von Ungeziefer immer
        freigehalten, aber der alte <lb/> Obsthändler hatte in seinem Holzbett Wanzen mit- <lb/>
        gebracht. Auf einmal juckte es uns, Henny weinte <lb/> in der Nacht, und als einmal gar
        Vater davon und <lb/> vom Husten des Alten erwachte, gab es nachts um <lb/> drei Lärm. </p>
      <p>
        <lb/> Vater jagte den Alten einfach hinaus, hob ihn, <lb/> halb angezogen, in die Höhe und
        setzte ihn auf die <lb/> Treppe. Als der Alte schimpfte und fluchte, warf er <lb/> ihm seine
        beiden Stühle nach. Abends halbacht, wie <lb/> der Obstmann heimkam, standen sein Bett, der
        <lb/> Tisch, die Blumenkrippe, der Schirm unten im <lb/> Torweg... Nun, der Wirt wohnte
        nicht im Hause. <lb/> Der Portier war seit ein paar Monaten gelähmt, und <lb/> seine Frau
        ging jede Nacht tanzen. Da schlief der Alte <lb/> einfach im Torweg. </p>
      <p>
        <lb/> Später besuchten wir ihn manchmal an seinem <lb/> Wagen bei der Elisabethkirche. Da
        spielten Kinder, <lb/> und Henny und Markus blieben dort, er paßte auf <lb/> sie auf, aber
        ich wollte nicht von Mutter weggehen. <lb/> Ich wollte auch nicht zu Haus bleiben. Denn wenn
        <lb/> Vater mich allein fand, mußte ich wieder mit ihm <lb/> gehen, und während er dann in
        der Invalidenstraße <lb/> hinter mir zurückblieb und aufpaßte, mußte ich <lb/> betteln... </p>
      <p>
        <lb/> Oft war er unzufrieden, dann strich er an mir <pb facs="#f0061" n="59"/>
        <lb/> vorbei, sah weg und kniff mich doch heftig in den <lb/> Arm, hieb mir die flache Hand
        ins Genick, riß mich <lb/> schnell an den Schläfenhaaren, puffte mich in die <lb/> Nieren,
        daß ich aufschrie. Und er zischte einen Fluch. <lb/> Oder er brachte mal eine Zigarrenkiste
        mit ein paar <lb/> Schachteln Streichhölzer, die sollte ich anbieten... </p>
      <p>
        <lb/> Als ich das zehnmal gemacht hatte, war ich abge- <lb/> stumpft... Bisweilen kam ein
        Blauer, ein Blaukopp, <lb/> wie damals die Schutzleute in Berlin genannt wurden. <lb/> Dann
        verduftete Vater, und ich stand da... Aber alle <lb/> waren gut und schickten mich nach
        Haus. Nur ein- <lb/> mal nahm mich einer auf die Wache, ich war fast <lb/> sechs, und da war
        ich schon so traurig schlau, daß <lb/> ich einen falschen Namen sagte: Heinrich Düster-
        <lb/> kamp — den hatte ich mal wo aufgeschnappt, und <lb/> Ackerstraße fuffzig sagte ich.
        Das notierten sie, der <lb/> Leutnant gab mir ein Kopfstück, so mit dem Hand- <lb/> knöchel
        — Koppnuß hieß das bei den Jungen im <lb/> Haus, die in die Schule gingen — und schickte
        mich <lb/> heim. </p>
      <p>
        <lb/> Ich verschwieg alles der Mutter. Sie nähte damals <lb/> stundenweis in einem
        Wäschegeschäft Maschine und <lb/> hatte Aufwartestellen in zwei Häusern, bei einem Arzt
        <lb/> in der Sprechstunde zum Türaufmachen und Instru- <lb/> menteputzen und bei einer alten
        Frau, die ihre Stuben <lb/> an eilige Liebespaare vermietete. </p>
      <p>
        <lb/> Und einmal erwischte sie mich... Ich sah nie auf, <pb facs="#f0062" n="60"/>
        <lb/> ich hatte die Augen immer am Boden, wenn ich bet- <lb/> telte, ich sah nur Schuhe,
        Hosenbeine und Röcke. An <lb/> jenem glühenden Julinachmittag hörte ich plötzlich <lb/>
        hinter mir den schrillen Pfiff des Vaters. So ver- <lb/> ständigte er mich immer, wenn ich
        harmlos weiter- <lb/> gehen sollte, weil er einen Blauen sah oder einen <lb/> Kriminal in
        Zivil witterte. Ich hörte ihn wohl, aber <lb/> gerade hatte ich mich, mit bettelnder Hand,
        an eine <lb/> Frau gedrückt und gemurmelt: </p>
      <p>
        <lb/> „Schenken Sie mir was, bitte. Meine Mutter ist so <lb/> krank.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ja, solches und ähnliches hatte mich der Vater <lb/> stammeln gelehrt. Und wie
        gelehrig war ich. Ich <lb/> stand oft vor dem Spiegel und machte es mir vor, <lb/> wie ich
        bettelte, flüsterte, schnell die Augen hob, <lb/> den Kopf senkte. Auf der Straße war das
        bitter, je- <lb/> manden damit zu belügen, schwer. Nicht weil ich oft <lb/> einen Fluch zu
        hören, einen Stoß an die Brust bekam <lb/> oder ein triefend mitleidiges Wort. Das focht
        mich <lb/> gar nicht an. Aber Geschenk und Almosen erflehen <lb/> — noch dazu mit der
        sündenhaften Lüge, die sich <lb/> rächen konnte: „Mutter ist so krank,“ das war bitter.
        <lb/> Dagegen zu Haus, der Spiegel: selig entrückte Stun- <lb/> den, wenn ich vor ihm <hi
          rendition="#g">spielte</hi>... Ich verzog mein <lb/> Gesicht zum Weinen; und wenn ich an
        Trauriges <lb/> dachte, an die Mutter, wie sie nachts nähte, und wie <lb/> ich, im Bett
        erwacht, ihre Finger fliegen sah, sie mit <pb facs="#f0063" n="61"/>
        <lb/> dem schon krummen Rücken, wie sie scheuerte, o, <lb/> und wie sie Geld zählte... Dann
        kamen mir richtige <lb/> Tränen. Und ich ließ sie oft fließen, sie taten doppelt <lb/> gut,
        sie erleichterten mein schweres Kinderherz und <lb/> erfreuten mich als absonderliches
        Talent. Ja, der <lb/> Spiegel — </p>
      <p>
        <lb/> An diesem heißen Nachmittag, als ich mich an die <lb/> Frau drückte, hatte ich kaum
        die frevlerischen Worte <lb/> gesprochen — es war oben an der Ecke der Brunnen- <lb/> straße
        —, da erkannte ich das Kleid, den Geruch, die <lb/> niederhängende Hand. — Ich warf mich an
        die Frau, <lb/> umklammerte sie: es war die Mutter... </p>
      <p>
        <lb/> Sie wartete die ganze Nacht auf den Vater, er kam <lb/> nicht. Ich mußte ihr alles
        erzählen. Erst war das <lb/> recht hart, aber dann kam ich ins Feuer. Ich redete ja <lb/>
        immer so wenig, auf einmal war ich entfesselt. Ich <lb/> machte ihr vor. Sie mußte sich
        mitten ins Zimmer <lb/> stellen, jeder Stuhl war ein Mensch, und ich bettelte <lb/> alle an.
        Ich stieß einen Pfiff aus. </p>
      <p>
        <lb/> „So macht der Vater,“ rief ich, „dann erschreck <lb/> ich und tu, als ob nichts ist
        und ich mir Schau- <lb/> fenster beseh — Guck. So.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und ich spielte es ihr vor, ich machte es viel <lb/> besser als auf der Straße, noch
        besser als vor dem <lb/> Spiegel. Denn Mutter war ja Publikum, hier konnte <lb/> ich
        Eindruck machen und Wirkung feststellen. <lb/> Während ich so spielte, fielen mir eine Menge
        neue <pb facs="#f0064" n="62"/>
        <lb/> Nummern ein, viele neue Redewendungen, verzwei- <lb/> felter Augenaufschlag und Beben
        des Mundes. </p>
      <p>
        <lb/> „Und jetzt, Mutter, sieh,“ rief ich, „sieh, Mutter. <lb/> Ich kann weinen, wenn ich
        will.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und ich hob den Kopf zu ihr auf — </p>
      <p>
        <lb/> Da war ihr geliebtes, blasses, knochiges Gesicht, <lb/> das dünne, schwarze Haar, der
        farblose Mund, der <lb/> unendliche Gram, waren ihre herrlichen Augen, un- <lb/> sagbar
        traurig, zärtlich. Und ich weinte sofort. Ich <lb/> weinte, weinte, und es wurde stärker als
        ich. Ich <lb/> wollte nicht mehr, aber es schüttelte mich. Denn <lb/> plötzlich hatte ich
        entdeckt, daß im Blick meiner <lb/> Mutter fassungsloser Schreck war, sprachloses Ent- <lb/>
        setzen, ja Grauen... Grauen vor mir!... </p>
      <p>
        <lb/> Sie starrte mich an wie ein ganz Fremdes, gräß- <lb/> lich Unverständliches, Gemeines,
        Unzüchtiges. Ein <lb/> Kind, das Tränen künstlich produzierte, Sakrileg be- <lb/> ging an
        menschlich Heiligstem... Entartetes Kind... <lb/> Und ich weinte doch längst nicht mehr,
        weil ich <lb/> wollte. Ich schluchzte aus tiefer Herzensangst und <lb/> Beschämung und
        Verzweiflung. Denn ich sah nur, <lb/> daß Mutter sich vor mir entsetzte, aber ich begriff
        <lb/> sie ja damals nicht. Ich spürte, wie sie sich von mir <lb/> zurückzog, mich innerlich
        abwehrte. Und ich drückte <lb/> mich in ihr Kleid und stammelte: „Mutter, o Lieb- <lb/> ling
        Mutter, ich tu’s nie mehr —“ Bis sie sich <lb/> überwand, sich erbarmte, mich wieder
        aufnahm, an <pb facs="#f0065" n="63"/>
        <lb/> ihr Herz, an ihren Mund. Sie küßte mir die Tränen <lb/> weg und murmelte: </p>
      <p>
        <lb/> „Gott behüte dich, Liebling. Er schütze und behüte <lb/> dich und segne deinen Weg.
        Amen, Amen. Schweig <lb/> nicht vor mir, Liebling, verbirg dich nicht. Du liegst <lb/> auf
        meinem Herzen: tritt es nicht; tu mir nicht weh: <lb/> ich ertrag es nicht, Segen über dein
        Haupt, mein <lb/> Kind. Sei mein Kind.“ </p>
      <p>
        <lb/> Heut, nach zwanzig Jahren, klingt das Echo dieser <lb/> Worte in meinem Herzen nach... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> In das leere Zimmer zog ein Freund von Vater ein, <lb/> Orje Wuppke, der sich
        brüstete, wegen versuchten <lb/> Totschlags zwei Jahre Gefängnis abgesessen zu haben. <lb/>
        Er stand noch unter Polizeiaufsicht, und Mutter <lb/> wehrte sich gegen seinen Einzug. Sie
        wurde, was <lb/> sonst nie geschah, laut und heftig. </p>
      <p>
        <lb/> „Die Kinder!“ rief sie. „Ein Mörder unter deinen <lb/> Kindern.“ </p>
      <p>
        <lb/> Vater schob sie nur weg, mit seiner unwidersteh- <lb/> lichen kleinen harten Hand, und
        ging hinaus. Er hatte <lb/> sie nur angesehen, nichts gesagt. Seine schönen grauen <lb/>
        Augen waren nun immer gerötet und schwammen in <lb/> trübem Glanz. </p>
      <p>
        <lb/> Orje Wuppke zog ein. Er brachte einen Strohsack <lb/> mit, eine Kiste Hoffmann-Stärke,
        die seine Habselig- <pb facs="#f0066" n="64"/>
        <lb/> keiten enthielt, fünf Wassergläser für seine Trink- <lb/> gelage und eine alte
        verschlissene rote Plüschdecke, <lb/> unter der er schlief. Er hatte eine Braut, eine Frau,
        <lb/> älter als er, die Abortfrau Unter den Linden war. Sie <lb/> kam fast jede Nacht zu ihm
        und ging um halb sechs <lb/> morgens fort, denn gerade um diese frühe Stunde <lb/> hatte ihr
        Häuschen Zulauf, das waren die Nacht- <lb/> schwärmer, die aus den Ballsälen heimkehrten. </p>
      <p>
        <lb/> Nun ging es hoch her bei uns. Jeden Abend gab es <lb/> ein Gelage; und wenn es auch
        erst um Mitternacht <lb/> begann. Da kamen die beiden Männer nach Haus, mit <lb/> jener
        Frau, Elli Marzotko, die kokette Löckchen trug <lb/> und geschminkt war. Sie kam immer in
        unsere Stube, <lb/> wo der grüne Spiegel hing, und machte sich zurecht, <lb/> ehe sie zu den
        Herren hinüberging. Ich stand hinter <lb/> ihr und sah ihr zu, ganz fasziniert. Was hätte
        ich <lb/> darum gegeben, mich so herrichten zu können! </p>
      <p>
        <lb/> „Na, Schnuckelchen,“ sagte sie und lachte über <lb/> meine Aufmerksamkeit, die ihr
        schmeichelte. „Hast <lb/> du schon was übrig für schöne Frauen? Du fängst <lb/> früh an,
        Herzchen. Aber hör auf mich: halt dich <lb/> immer an die Reifen! Da schlägt im Busen das
        selbst- <lb/> lose Jefühl.“ </p>
      <p>
        <lb/> So sprach sie. Affektiert, geziert, wie ihr Beruf sie <lb/> veranlaßte zu sein mit den
        Friedrichstraßenmädchen <lb/> und den jungen Herren, die von Sonnabend zu Sonn- <lb/> tag in
        der Gegend bummelten. </p>
      <pb facs="#f0067" n="65"/>
      <p>
        <lb/> Hinter ihr schlich ich mich in das Zimmer der <lb/> Schnapsorgien hinein. Um jene Zeit
        hatte Mutter <lb/> nachts zu tun. Sie scheuerte ein Bürohaus am Rosen- <lb/> talertor auf
        nach Weggang der Angestellten. Von <lb/> sieben bis zwölf, zweimal in der Woche. In diesen
        <lb/> Nächten hockte ich in Orje Wuppkes Stube und er- <lb/> lebte. </p>
      <p>
        <lb/> Es waren außer ihm, dem Vater und der Marzotko <lb/> noch immer andere da, Kumpane aus
        der Kneipe, <lb/> zufällige Straßenbekanntschaften, auch Mädchen ka- <lb/> men oft mit. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war im sechsten Jahr damals. Und es war ein <lb/> Pfuhl, an dessen Rand ich saß
        und gierig schaute. <lb/> Erst stritt man sich. Politik. Ein paar Männer waren <lb/>
        organisiert, manchmal war jemand aus der anarchisti- <lb/> schen Partei da, einer aus
        irgendeinem revolutionären <lb/> Bund. Dann hielten sie Reden. Jeder in den Schlag- <lb/>
        worten seines Agitationsorgans, und die andern schrien <lb/> in der Diskussion die
        Stichworte ihrer Demonstra- <lb/> tionsredner. Alles war immer resultatlos. Alle hörten
        <lb/> nicht dem andern zu, jeder wartete nur, seine Partei- <lb/> devisen schreiend
        einwerfen zu können. Dann kam das <lb/> Zetern und Schimpfen. Gesellschaft, Kapitalismus,
        Mi- <lb/> litarismus, Monarchismus. Hier waren sie schon be- <lb/> trunken. </p>
      <p>
        <lb/> Dann Orjes Handorgel. Man tanzte. Elli Marzotko <lb/> glitt von einem Arm in den
        andern, hielt den Kopf <pb facs="#f0068" n="66"/>
        <lb/> im Nacken und die Augen geschlossen und lächelte <lb/> geziert — es sollte verzückt
        und trunken sein. Sie <lb/> blieb immer nüchtern, ich habe sie nie berauscht, nie <lb/>
        taumelnd gesehen. Sie liebte ihren Orje. Bedingungs- <lb/> los und treu. Wenn er mal, an
        solchen Abenden, sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Elli, mein Mäuschen, mach mal die Augen zu, <lb/> ich möchte mit Olja auf zehn
        Momanks in de Küche <lb/> verschwinden.“ — </p>
      <p>
        <lb/> Da lächelte sie, diesmal aus dem Herzen, aus einem <lb/>
        <sic>liebestarken</sic>, mütterlichen, alles verzeihenden Herzen, <lb/> und sie wandte sich
        nur ab, wenn der Geliebte mit dem <lb/> Mädel wirklich in die Küche verschwand. Kam er nach
        <lb/> zehn Minuten wieder, so hatte sie es durchgekämpft, <lb/> sie trug es nicht einmal dem
        Mädchen nach... </p>
      <p>
        <lb/> So geschah es einmal, daß ich sah, wie auch Vater <lb/> verschwand. Mit Eugenie
        Steiger, die in der Schelling- <lb/> straße wohnte und auf die Straße ging. So was wuß-
        <lb/> ten wir Jungen in der Gartenstraße schon, nur: es <lb/> sagte uns eigentlich nichts
        weiter. Liebe als Beruf war <lb/> uns, glaube ich, bis ins Schulalter hinein, interesselos.
        <lb/> Man konstatierte so was und machte sich keine Ge- <lb/> danken darüber. Mit dieser
        Eugenie verschwand Va- <lb/> ter einmal, ins Nebenzimmer. Mutter war fort. Ich <lb/> hatte
        gesehen, daß sie ihn zog. Und da war ich zum <lb/> ersten Mal neugierig und schlich nach,
        und sie sahen <lb/> mich nicht. Es war dunkel, ich sah sie auch nicht, <lb/> ich hörte
        nur... </p>
      <pb facs="#f0069" n="67"/>
      <p>
        <lb/> Aber wir Kinder aus dem Proletariat sind gesund, <lb/> und kein Erlebnis macht uns
        psychisch krank, wir <lb/> wachsen abgehärtet auf, wir lachen etwas als komisch <lb/> aus,
        was die Kinder von feinen Leuten tragisch ver- <lb/> arbeiten. Wenn die erste Neugierde
        gestillt ist, ist sie <lb/> meist auch erloschen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich verstand ja wahrscheinlich gar nichts, aber in <lb/> diesem dunklen Zimmer, bei
        diesen unverständlichen <lb/> Geräuschen, erschien mir plötzlich die Mutter, und <lb/> ich
        sah sie wie eine Tote, eine Gemordete, eine irgend- <lb/> wie Geschändete. Ich empfand, als
        geschähe ihr in <lb/> dieser Stunde ein schreckliches Unrecht. Und ich <lb/> weinte auf —
        ich weinte so leicht... </p>
      <p>
        <lb/> Mein Vater knurrte. Schon hielt er mich am Kra- <lb/> gen, schüttelte mich und
        schleuderte mich an die Tür, <lb/> über den Boden hin. </p>
      <p>
        <lb/> „Bestie!“ knirschte er. „Kleiner Teufel.“ </p>
      <p>
        <lb/> Er riß die Tür auf und schob mich dabei mit dem <lb/> Stiefel fort... Das Mädel bückte
        sich zu mir, wollte <lb/> mich aufheben, aber ich stieß sie vor die Brust, die <lb/> nackt
        war — O, wie ekelte mich! — daß auch sie <lb/> brummte: </p>
      <p>
        <lb/> „Du Bestie!... Verreck.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und nach mir trat... </p>
      <p>
        <lb/> Fünf Minuten später hatte ich mich schon wieder <lb/> in Orjes Stube gedrückt. Ich
        konnte nicht wider- <lb/> stehen, o, wie verführerisch war das! Ich hörte nie <pb
          facs="#f0070" n="68"/>
        <lb/> zu, ich schaute nur. Es ging mich gar nichts an, was <lb/> sie da redeten, schrien,
        diskutierten, schimpften, aber <lb/> ihre Mienen dabei! ihre Hände, Schultern, die Augen,
        <lb/> der Mund! Bei diesen rohen und ungebildeten Men- <lb/> schen, bei uns Armen und
        Leidenden ist das Gesicht <lb/> Spiegel geblieben. Wir könnten immer stumm sein, <lb/> und
        wer lesen kann, läse unser Leben unserm Ge- <lb/> sichte ab. Jede Regung des Herzens, jeder
        Gedanke <lb/> wird sofort und unmittelbar ins Gesicht geleitet. Und <lb/> da hockte ich
        versteckt im Winkel und belauschte <lb/> diese Gesichter, las die Leidenschaft aus ihren
        Zuk- <lb/> kungen und Belichtungen ab, ertrank förmlich im <lb/> Schauen. </p>
      <p>
        <lb/> Selbst wenn Vater mich schlug, mit Füßen stieß, <lb/> sah ich ihn an und spürte den
        Schmerz nicht vor <lb/> dem Genuß seines Anblicks. Ja, ich genoß das... Ich <lb/> verlor
        meinen Körper dabei, die Empfindung alles <lb/> Leiblichen, ich war nur Schauen. Das in Wut
        und <lb/> Haß aufgerissene Antlitz des Vaters war viel stär- <lb/> keres Erlebnis als sein
        Stiefel in meiner Niere... </p>
      <p>
        <lb/> Und nun diese Nächte! Gleich ein halbes Dutzend <lb/> Menschen Studienobjekte! Noch
        während ich da un- <lb/> term Fenster oder hinterm Schrank kauerte, betend, <lb/> nicht
        entdeckt zu werden, ahmte ich — glaube ich — <lb/> das Erblickte nach, Ellis geziertes
        Lächeln und ihr <lb/> trunkenes beim Tanz, Olgas Zucken um den Mund, <lb/> wenn sie schwieg,
        die Gebärden der Männer, wenn <pb facs="#f0071" n="69"/>
        <lb/> sie Bombe! Zerstörung! Gewerkschaft! Lohnstreik! <lb/> Revolution! Bebel, Liebknecht,
        Marx! schrien, ihr <lb/> Taumeln, Tanzen, Harmonikaspielen. Alles löste in <lb/> meinen
        Gliedern dieselbe motorische Bewegung aus. </p>
      <p>
        <lb/> Und anderen Tags, allein, stand ich wieder vor dem <lb/> Spiegel und ahmte nach. Stumm
        — aber ich riß den <lb/> Mund auf, lächelte geziert und trunken und lachte <lb/> lautlos
        gemein und tückisch und obszön. Ich tanzte, <lb/> schwankte betrunken, spielte Harmonika
        ohne In- <lb/> strument, umschlang eine imaginäre Olga und <lb/> schleppte sie in die Küche,
        ließ mich von einer illu- <lb/> sionierten Eugenie aus der Tür ziehen. Ich war Vater, <lb/>
        Orje, Elli, Olga, ich war — o Grauen und Sakrileg! <lb/> — — Mutter! Ich spielte Mutter vor
        dem Spiegel, <lb/> trug ihren Gram im Gesicht, ihr bittertrauriges Lä- <lb/> cheln, ihren
        zitternden Mund, ihren müde gebroche- <lb/> nen Blick. </p>
      <p>
        <lb/> Die Geschwister standen um mich herum, lachten <lb/> und ängstigten sich abwechselnd.
        Sie dachten, es <lb/> geschähe zu ihrer Unterhaltung. Sie erzählten es <lb/> Mutter: </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy spielt immer so schön mit uns.“ </p>
      <p>
        <lb/> Henny besonders liebte mich dafür und brachte mir <lb/> einen Bonbon, eine Birne, die
        sie im Haus erbettelt <lb/> hatte, schenkte sie mir — das war das Höchste. Mar- <lb/> kus,
        nun drei Jahre alt, schön wie ein robuster Engel, <lb/> ganz goldig, mit den Augen des
        Vaters in jugendlich <pb facs="#f0072" n="70"/>
        <lb/> reiner klarer Schönheit, betete mich an. Ich liebte <lb/> beide. Ich spielte ihnen
        stundenlang Theater vor. <lb/> Stumm. Sie verstanden wohl alles. Ich sagte nur die <lb/>
        Titel zu meinen Szenen: </p>
      <p>
        <lb/> „Vater kommt betrunken nach Haus.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Onkel Orje spielt und tanzt dazu.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Tante Elli macht sich die Backen rot.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter kommt nach Haus und schneidet Stullen <lb/> ab.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy verkauft Streichhölzer.“ </p>
      <p>
        <lb/> Das letzte zumal war eine Glanznummer: ich konnte <lb/> ein Dutzend Menschen
        imitieren, freundliche, böse, <lb/> eilige, humpelnde, Männer, Frauen. Auch Hunde <lb/>
        ahmte ich nach. Wie konnte ich mit dem Popo wak- <lb/> keln, mich strecken und gähnen,
        zusammenrollen! <lb/> Ich machte <choice>
          <sic>dem</sic>
          <corr>den</corr>
        </choice> Hahn nach, der einmal unten im <lb/> Hof mit drei Hennen gelebt hatte, bis er
        gestohlen <lb/> wurde. Ich plusterte mich auf, krähte, schlug mit <lb/> den Flügeln,
        stolzierte, pickte, und zum Schluß be- <lb/> hüpfte ich die Henne. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte nichts dagegen, daß Henny andere Kinder <lb/> mitbrachte. Oft saßen zehn
        Stück in unserer Stube, <lb/> und ich gab große Vorstellung. Das brachte was ein. <lb/> Der
        eine Junge ließ einen Knopf da, golden mit Anker; <lb/> ein anderer ein Bleistiftende, der
        dritte die Bilder- <lb/> beilage einer Zeitung. Die Mädchen brachten als Ein- <lb/>
        trittsgeld Haarnadeln, aus denen man Wunderwerke <pb facs="#f0073" n="71"/>
        <lb/> biegen konnte, einen Kameruner, das Fünfpfennig- <lb/> Gebäck, von dem sie nur ein
        Eckchen abgebissen <lb/> hatten, oder leere Garnrollen, bunte Flicken, eine <lb/> zehn
        Pfennige, die sie geklaut hatte. Henny und <lb/> Markus waren mit allen befreundet, aber
        mich mochten <lb/> die Kinder nie. Ich war ihnen unheimlich, besonders <lb/> wenn sie mich
        so Theater hatten spielen sehen. Sie <lb/> sahen mir hingerissen zu, aber nachher wollten
        sie nie <lb/> mit mir spielen. Ein Mädel drückte sich hinter die an- <lb/> dern und fragte
        von dort: </p>
      <p>
        <lb/> „Du, wie machste denn det? Biste wol varückt?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Nee, evanjeelsch,“ antwortete ich. </p>
      <p>
        <lb/> Da piepste ein grüner Knirps, von Skrofeln auf- <lb/> gefressen: </p>
      <p>
        <lb/> „Bist’n Jude, sagt Mutta.“ </p>
      <p>
        <lb/> Alle schwiegen still. Es war ein unheimliches <lb/> Schweigen. Jude — </p>
      <p>
        <lb/> „1s ja nich wahr,“ sagte ich schüchtern. </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte ja nicht. Vielleicht war es wahr. Ich <lb/> hatte keine Ahnung, was Jude
        ist. Ich wußte nur, so <lb/> schimpften die Kinder manchmal Leute auf der Straße. <lb/> Aber
        warum? </p>
      <p>
        <lb/> Da nahm Henny meine Partei. Sie lauschte geschickt <lb/> Redensarten ab und brachte
        sie gewandt vor. Sie rief: </p>
      <p>
        <lb/> „Laß man Teddy! Der hat mehr Verstand in <lb/> kleenen Finger als du in Kopp.“ </p>
      <p>
        <lb/> Henny gab immer den <choice>
          <sic>Auschlag</sic>
          <corr>Ausschlag</corr>
        </choice>. Sie war von süßer <pb facs="#f0074" n="72"/>
        <lb/> und doch blutvoller Schönheit. Seidiges, braunes Haar <lb/> und Vaters graue Augen. </p>
      <p>
        <lb/> Ja, so verdiente ich. Es tat auch not. Orje Wuppke <lb/> zahlte kaum. Manchmal kamen
        er und Vater heim <lb/> und klimperten in den Taschen mit Geld. Dann warf <lb/> jeder Mutter
        was hin, drei Mark oder fünf Mark. <lb/> Mutter fragte nie nach der Herkunft des Geldes.
        <lb/> Ob sie glaubte, Vater drehe ein Ding, wenn so Ge- <lb/> legenheit war?... Wenn sie
        sich hinreißen ließ, vor <lb/> ihm zu klagen, es sei kein Brot für die Kinder da, <lb/>
        sagte er lachend: </p>
      <p>
        <lb/> „Nu, da wer’n wir’n Ding drehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber konnte man das ernst nehmen?... </p>
      <p>
        <lb/> Oder er sagte, das Geld vor sie auf den Boden wer- <lb/> fend: </p>
      <p>
        <lb/> „Et is’n Ding passiert.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah weg und hob es auf und sah es an, das <lb/> Silberstück, so sorgenvoll und
        eindringlich, als könnte <lb/> sie seine Herkunft von ihm ablesen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte noch eine Verdienstmöglichkeit entdeckt <lb/> damals. </p>
      <p>
        <lb/> Wir Jungen sammelten auf der Straße Zigarren- <lb break="yes"/> und Zigarettenreste.
        Entweder rauchten wir die Stum- <lb/> mel selbst zu Ende oder verkrümelten den Tabak und
        <lb/> drehten mit irgendeinem Papier neue Zigaretten daraus <lb/> und verkauften sie an die
        Jungen aus der Gemeinde- <lb/> schule, drei Stück für einen Pfennig. </p>
      <pb facs="#f0075" n="73"/>
      <p>
        <lb/> Einmal sagte mir ein Zehnjähriger, den ich beim <lb/> Suchen traf, in der Voltastraße,
        und wir bückten uns <lb/> gleichzeitig nach demselben Stummel, und ich ließ <lb/> ihn dem
        andern, obschon ich ihn zuerst in der Hand <lb/> hatte — nicht aus Angst vor dem Großen und
        Feig- <lb/> heit vor Dresche, nein, wir Jungen hatten nie Angst, <lb/> wir waren nicht
        feige, wir kannten Haue von Fäusten <lb/> Erwachsener, mit Stöcken, Bratpfannen, Teppich-
        <lb/> klopfern. Ich gab sie ihm, weil er arm war. O, <hi rendition="#g">meine</hi>
        <lb/> Armut habe ich nie bedauert... Daß ich arm war, <lb/> merkte ich nie. Ich litt unter
        anderem. Mich dauerten <lb/> die Armen, die es empfanden arm zu sein. Daß ich <lb/> kein
        Geld hatte, bekümmerte mich nie. Gewünscht, ja, <lb/> habe ich es mir immer. Aber der andern
        wegen. Mutter <lb/> sollte ein Häuschen haben und Blumen, einen Lehn- <lb/> stuhl und
        Bohnenkaffee und eine weiße Katze. Vater <lb/> sollte in eine Anstalt kommen, wo man ihn
        gesund <lb/> macht und vom Schnaps befreit. Die Geschwister in <lb/> gute Schulen, mit
        warmen Kleidern im Winter. Ich <lb/> wünschte mir — ach! — kalte Öfen im Winter heizen <lb/>
        zu können, ungedeckte Tische zu bestellen, Leuten <lb/> Butter und Wurst auf ihr Brot zu
        legen, ich wünschte <lb/> jedem Kinde sein Bett, jeder Mutter ihren Feierabend <lb/> und
        auch jedem Hunde Futter... </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich, für mich — Ich war eigentlich immer <lb/> wunschlos. Ich fand nicht, daß ich
        es schlecht hatte, <lb/> ich war damals wohl ganz glücklich. </p>
      <pb facs="#f0076" n="74"/>
      <p>
        <lb/> Aber da stand ich also vor dem großen Jungen und <lb/> überließ ihm den
        Zigarrenstummel, und er steckte ihn <lb/> selbstverständlich ein und sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Dein Glück, Dicker, kannste wissen. Sonst hätt <lb/> ick dir aus’n Anzuch jestoßen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich fragte ihn: </p>
      <p>
        <lb/> „Rauchst du selber auf?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Falln Se langsam, Baronin; da ham Se mehr Je- <lb/> nuß von,“ bekam ich zur Antwort.
        Und dann wurde er <lb/> ernsthaft, bückte sich und erzählte mir geheimnisvoll; <lb/> er
        verkaufte Stummel, Zigarettenendchen, Tabak in der <lb/> Fröbelstraße. Beim Nachtasyl. An
        die Obdachlosen. </p>
      <p>
        <lb/> „Ick jeb dir den Tipp,“ sagte er gönnerhaft. „Aber <lb/> wenn du’s weiterjibst — Du,
        denn wer ick dir zeijen, <lb/> wat ne Harke is. Denn kannste dein Kopp in Mond <lb/> suchen.
        Also, du, wirste hinjehn?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Feste!“ sagte ich. „Immerzu.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Denn adchees,“ verabschiedete sich der Kesse. <lb/> „Jrüß Muttern, jrüß Jott, wenn
        du’n siehst. Schlafen <lb/> Se wohlriechend. Et war mir’n Festessen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und nach zehn Schritt drehte er sich noch einmal <lb/> um, legte den Finger auf den
        Mund und blitzte <lb/> mich an. </p>
      <p>
        <lb/> Da hatte ich was Großartiges gelernt. Am nächsten <lb/> Tag war Sonnabend, und Mutter
        scheuerte die Trep- <lb/> pen im Hause. Die Portierfrau, Marta Schlump, die <lb/> Nacht für
        Nacht tanzen ging und noch Geld ins Haus <pb facs="#f0077" n="75"/>
        <lb/> brachte, war allmählich zu fein geworden, die Haus- <lb/> arbeit zu tun. Sie wollte
        eine weiße, weiche Hand auf <lb/> die Schultern ihrer Tänzer legen. Und so nahm sie <lb/>
        froh Mutters Hilfe an und überließ ihr die Treppen <lb/> am Sonnabend. Wir hatten nur ein
        Vorderhaus. Wir <lb/> wohnten da, wo Berg- und Gartenstraße in spitzem <lb/> Winkel sich
        schneiden und es kaum ein Höfchen <lb/> hinter dem Vorderhaus gibt. Und wir waren die Ärm-
        <lb/> sten im Hause. Die andern waren Handwerker, Fabrik- <lb/> arbeiter, Beamte vom
        Bahnhof. Unten war ein Kohlen- <lb/> laden und ein Gemüsegeschäft. Und die Stube hinter
        <lb/> dem Kohlenladen hatten Portiers. Dort roch es nach <lb/> Parfums, wenn man vorbeiging,
        und nach gebratenen <lb/> Zwiebeln und Fleisch. Dort hing eine Gans im <lb/> Küchenfenster
        oder ein Hase. O, wie oft standen <lb/> Henny und Markus da und starrten diese sagenhaften
        <lb/> Tiere an. </p>
      <p>
        <lb/> „Die macht Fettlebe,“ sagten die Leute im Haus. <lb/> „Det is drin wie draußen. Allent
        wird veraast. Im <lb/> Oktober ne Jans. Da schlag eener lang hin.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wenn er noch so kleen is!<choice>
          <sic>‘</sic>
          <corr>“</corr>
        </choice> rief ein Humorist. </p>
      <p>
        <lb/> Für diese flotte Person scheuerte Mutter die Trep- <lb/> pen am Nachmittag. Zwei Mark
        gab ihr die Schlump <lb/> dafür und eine Tasse guten Kaffee, und wenn sie für <lb/> den
        Abend ganz was Großes vorhatte, einen Knochen <lb/> von der Gans, einen Lauf vom Hasen. Das
        brachte <lb/> Mutter uns Kindern mit. </p>
      <pb facs="#f0078" n="76"/>
      <p>
        <lb/> Ja, dort waren wir die Ärmsten. Später waren wir <lb/> oft die Reichsten in unserm
        Hinterhaus, und man <lb/> kam zu uns, sich zu wärmen oder eine Tasse Mehl zu <lb/> borgen
        oder das Salz für die Brotsuppe. </p>
      <p>
        <lb/> An diesem Sonnabend nachmittag brach ich auf <lb/> in die Fröbelstraße. Ich kannte
        unsern Norden so gut <lb/> wie unser Haus. Ich ging genießerisch durch die be- <lb/> wegten
        Straßen, kam auf die breiten Boulevards, die <lb/> ich liebte, es war ein gerader
        Halbstundenweg, die <lb/> Bernauerstraße, die großartige Danzigerstraße mit <lb/> Bäumen und
        Rasenstreifen, so voll Licht und Luft, <lb/> es atmete sich so gut darin, kein
        Lokomotivenrauch <lb/> und Ruß. Die Gasanstalten waren so phantastisch <lb/> rund zwischen
        den geraden Häusern, es gab unbe- <lb/> bautes Gelände, himmelhohe Schlote, lauter neue Ge-
        <lb/> sichter, neue Läden. Und schon sah ich — ich kannte <lb/> es ja schon von früheren
        Streifen — die schwarzen <lb/> Gestalten, die dem Nachtasyl zuströmten. In den Zu- <lb/>
        gangsstraßen standen die Handwagen mit faulem Obst, <lb/> Schuhbändern, Räucherheringen,
        Zigaretten. Aber <lb/> nicht alle hatten das Geld dafür. </p>
      <p>
        <lb/> Ich trug in einer Zigarrenkiste Tabak, gesammelt <lb/> in vielen Tagen, noch
        absichtslos, aus Zigaretten- <lb/> enden geschält. Sie war fast zum Viertel gefüllt. <lb/>
        Ich stellte mich an einen Zaun, hielt sie offen hin <lb/> und wartete. </p>
      <p>
        <lb/> Ein schrecklicher Alter blieb stehen, langte in das <pb facs="#f0079" n="77"/>
        <lb/> Kistchen, holte sich eine Handvoll heraus und sagte, <lb/> mir Pestatem ins Gesicht
        stoßend: </p>
      <p>
        <lb/> „Det haste dir wol jekooft, wie keener nich in La- <lb/> den war? Sei man still.
        Willste mir dreckig komm’? <lb/> Hast wol lange keen blutjen Einsatz jehabt?“ </p>
      <p>
        <lb/> Dann lief er. O, was hatte er für eine Fratze gehabt, <lb/> wie feige war er unter
        seiner Frechheit gewesen. Ich <lb/> lachte gewiß. Aber nun verkaufte ich. Ein Junger <lb/>
        kam: </p>
      <p>
        <lb/> „Jib mir man vorn Sechser.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und er hielt die Hand offen hin, fünf Pfennig <lb/> darin. Eine Frau kam, eine leere
        Pfeife im entformten <lb/> Mund, mit schönen blauen Augen. Sie hatte nur einen <lb/>
        Pfennig, dafür stopfte sie sich die Pfeife. Und das <lb/> sprach sich rum. Bald kamen viele
        mit Pfeifen und <lb/> Pfennigen, und für einen Pfennig, ohne mich zu <lb/> fragen, stopften
        sie sich die Pfeifen. Aber fest, so fest <lb/> es ging. Ich sah dann, wie sie nach drei
        Schritten <lb/> die Hälfte wieder in die Hand schütteten, die hatten <lb/> zwei Pfeifen für
        einen Pfennig ergattert... </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte an meinem ersten Handelstag zweiund- <lb/> vierzig Pfennig verdient... Das
        war kurz vor meinem <lb/> sechsten Geburtstag, ich ging noch nicht zur Schule. <lb/> O, ich
        war stolz... </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich durfte Mutter nichts dafür kaufen, denn <lb/> ich verschwieg es ihr. Ich
        verschwieg ihr so viel. <lb/> Auch, daß ich in Onkel Orjes Stube saß und den <pb
          facs="#f0080" n="78"/>
        <lb/> wüsten Gelagen zuschaute und oft, um in unsere Stube <lb/> zurückzukommen, über die
        Betrunkenen, Hingesun- <lb/> kenen, Schlafenden hinwegsteigen mußte. Ich führte <lb/> bald
        ein ganzes Geheimleben vor Muttern. Aber es <lb/> bedrückte mich gar nicht. Denn ich fand
        nicht <lb/> schlecht und böse, was ich tat. Im Gegenteil! Ich <lb/> wußte nur dunkel, daß
        Mutter über alles das unglück- <lb/> lich sein und mich davon zurückhalten würde. Alt- <lb/>
        klug, wie ich gewiß war, sah ich ein, daß Mutter sich <lb/> nicht ganz richtig ins Leben
        schickte. Das begriff <lb/> ich nicht so in diesen Worten, aber ich empfand: <lb/> sie fühlt
        und denkt unsachgemäß... </p>
      <p>
        <lb/> Vielleicht lege ich mir das heut so zurecht und <lb/> hatte damals weder irgend eine
        Einsicht noch Ahnung. <lb/> Aber wer nicht Proletarierkind war, mit drei Jahren <lb/>
        hungerte, mit vier bettelte, mit fünf handelnd ver- <lb/> diente, mit sechs das Leben der
        Großen bis in ihre <lb/> Liebesgeheimnisse kennt — der weiß nicht, wieviel <lb/> solch ein
        Kind ahnt, kombiniert und durchschaut. </p>
      <p>
        <lb/> Denn es ist nie Kind... </p>
      <p>
        <lb/> Nein, ich war nie Kind!... Heut, mit fünfund- <lb/> zwanzig Jahren, bin ich es mehr!
        Bei uns Ärmsten <lb/> werden die Kinder als Greise geboren und verkind- <lb/> lichen sich
        mit den Jahren. Wenn ich an meine Schul- <lb/> kameraden, die Kinder aus dem Hause, von der
        <lb/> Straße denke, begreife ich heut, wie alt wir alle <lb/> damals waren, nichts
        erwartend, nichts begehrend, <pb facs="#f0081" n="79"/>
        <lb/> alles nüchtern wissend, kein Heiligtum im Leben, <lb/> kein Ideal, keinen Traum. Ja,
          <hi rendition="#g">so</hi> arm sind die Ar- <lb/> men: sie träumen nicht einmal... </p>
      <p>
        <lb/> Mit dem verdienten Gelde machte ich es dann so, <lb/> daß ich heimlich Henny und
        Markus etwas zu essen <lb/> kaufte. Ich — ich erinnere mich nicht, daß ich je <lb/>
        hungerte, denn ich erinnere mich nicht, mit ihnen <lb/> mitgegessen zu haben. Ich aß immer
        wenig, aber ich <lb/> bin auch bis heut mager und schmal geblieben, ich <lb/> habe noch
        immer den Körper eines Jungen, der ge- <lb/> rade im Wachsen ist. Und ich schob heimlich von
        <lb/> meinem Geld etwas in Mutters Beutel... </p>
      <p>
        <lb/> Oft sah ich sie dann ihr Geld zählen. </p>
      <p>
        <lb/> „Es stimmt nicht,“ murmelte sie, „da sind doch <lb/> dreißig Pfennig zu viel... Ob mir
        die Raschke bei <lb/> den Kartoffeln falsch rausgegeben hat?... Was lachst <lb/> du, Teddy?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich lachte, ich lachte sie aus. Ich wußte schon, <lb/> daß man nie zuviel
        herausbekommt. </p>
      <p>
        <lb/> „Nee, Mutter, du hast dich verzählt.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Sag nicht nee, mein Liebling,“ verbesserte sie <lb/> mich. Immer war sie bedacht,
        mich zu erziehen. <lb/> Sie gab sich mit Henny und Markus durchaus nicht <lb/> diese Mühe,
        das waren Vaters Kinder. Ich war ihr <lb/> Kind... Sie ließ den beiden, oft bitter lächelnd,
        den <lb/> Blick — sich selbst anklagend — erhoben, ihre ber- <lb/> linischen Redensarten
        durchgehen. Nur ich durfte <pb facs="#f0082" n="78"/>
        <lb/> nicht, wie ich wollte und hörte. Und doch fand ich <lb/> es großartig, patzig und
        schnoddrig zu reden. Ich <lb/> hätte so gern, und ich gab mir Mühe, wenn ich mit <lb/>
        andern Jungen sprechen mußte. Aber ich konnte <lb/> nicht. Mutter hatte mich gehemmt. Ich
        hörte selbst, <lb/> wie es in meinem Mund unecht und affektiert klang. <lb/> Ich hatte nie
        die Berliner Schnauze, der ich doch <lb/> im berlinischsten Berlin aufwuchs. Aber besonders
        <lb/> Henny, wenn sie wollte, konnte schwadronieren. </p>
      <p>
        <lb/> Ich glaube, es war der Abend nach meinem ersten <lb/> Handelsverdienst, als es bei uns
        Skandal gab. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter hatte bis zehn die Haustreppen gescheuert <lb/> und dann noch nach dem
        gelähmten Schlump ge- <lb/> sehen und ihm Essen gewärmt. Nun saß sie wie zer- <lb/> brochen
        auf dem Bett, sie sah ganz alt aus, und sie <lb/> war zu müde sich auszuziehen. Sie saß da
        und nickte <lb/> ein, schreckte auf, sah nach mir, und der Kopf fiel <lb/> ihr wieder auf
        die Brust. Ich lag hinter ihr im Bett, <lb/> unter der blauen Steppdecke. Ich schlief und
        er- <lb/> wachte und schlief wieder ein. Die Petroleumlampe <lb/> auf dem Tisch ging aus.
        Aber über dem Stettiner <lb/> Bahnhof stand der Mond, er stand gerade in unserm <lb/>
        Fenster. Es war kalt. Februar. Er erhellte die Stube <lb/> so gespenstisch. Mutter saß wie
        ein schwarzer Geist <lb/> auf dem Bett. Aber es war ihr geliebter Duft. Ich hielt <lb/> ihr
        Kleid in der Hand. </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich wurde ich ganz wach — der Vater war <pb facs="#f0083" n="81"/>
        <lb/> heimgekommen und Orje Wuppke, und sie hatten <lb/> Leute mitgebracht, Männer und
        Frauen. Sie waren <lb/> schon betrunken. Sie brachen nebenan lärmend in die <lb/> Stube,
        singend, tanzend, einer fiel sofort krachend <lb/> hin. Unter uns klopfte man an die Decke.
        Der Wirt <lb/> hatte uns zum ersten April gekündigt. Die Leute im <lb/> Haus, die erst noch
        Mitleid mit der Mutter hatten, <lb/> hatten sich schon oft bei ihm beschwert, und wir <lb/>
        schuldeten ihm seit November die Miete. Das waren <lb/> schon über hundert Mark... Wie
        sollte Mutter das je- <lb/> mals abzahlen!... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war erschrocken aufgefahren, sie drückte mich <lb/> in die Kissen. </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Schlaf, mein Liebling, schlaf.“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Und sie begann mit zitternder, fast tonloser Stimme <lb/> zu singen, als sei ich ein
        Säugling, ein winziges <lb/> Wiegenkind. — Sie sang: </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Schlaf in süßer Ruh,</l>
        <lb/>
        <l>Tu die Äugelein zu —</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Sie sang weiter. Bis ich flehte: </p>
      <p>
        <lb/> „Das nicht, Mutter, das nicht,“ </p>
      <p>
        <lb/> Im Halbschlaf bettelte ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Nein, nein. das nicht.“ </p>
      <p>
        <lb/> Das waren jene zwei Zeilen, die mich tief ver- <lb/> zweifeln ließen, die ich nicht
        begriff, die mir die Un- <lb/> gerechtigkeit der Welt ins Herz schnitten: </p>
      <pb facs="#f0084" n="82"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Hündchen hat den Mann gebissen,</l>
        <lb/>
        <l>Hat des Bettlers Kleid zerrissen —</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Nein, das begriff ich nicht, das wollte ich nicht <lb/> hören, das war unerträglich
        grausam. Ich lehnte mich <lb/> nicht auf, daß die Reichen uns nicht sahen, daß die <lb/>
        Vornehmen sich die Nase vor uns zuhielten mit par- <lb/> fümierten Batisttüchern; ich
        billigte nicht, aber be- <lb/> griff, daß es zweierlei Menschen gab und daß wir — <lb/> die
        andern waren, daß wir im Schacht arbeiteten, <lb/> damit die andern Licht und Wärme haben.
        Aber nie <lb/> wollte ich es wahr haben, daß auch die Kreatur ge- <lb/> gen uns war, daß der
        Hund dem Reichen den Fuß <lb/> leckte und dem Bettler das einzige Kleid zerriß, daß <lb/> er
        den Herren in Anbetung folgte und den Knecht <lb/> in die Hand biß, von der — schließlich —
        der Herr <lb/> lebte! Das ging über meine Kraft zu erfahren, das <lb/> zerstörte meinen
        Glauben an die Weisheit alles Ge- <lb/> schaffenen und die Notwendigkeit aller Einrichtun-
        <lb/> gen. Denn diesen Glauben hatte ich, ich glaubte an <lb/> die Gerechtigkeit des
        irdischen Haushaltes, ich hielt <lb/> ihn für einen himmlisch bestimmten... </p>
      <p>
        <lb/> Gott — ich weiß nicht, wie ich zu ihm stand. Viel- <lb/> leicht gar nicht. Mutter
        betete, sie empfahl mich <lb/> dem Herrn. Aber ich dachte nie, daß diese Worte <lb/> an ein
          <hi rendition="#g">Wesen</hi> gerichtet seien. Ich hielt es für <lb/> Anruf an die Liebe
        im All. An so etwas glaubte <pb facs="#f0085" n="83"/>
        <lb/> ich. Ja, an eine kosmische Liebe, und die wäre <lb/> Gerechtigkeit noch da, wo es uns
        Übel und Unrecht <lb/> schiene. </p>
      <p>
        <lb/> Doch der Hund — daß noch das Tier gegen uns <lb/> aufsteht, nur weil wir Bettler sind!
        Vielleicht — von <lb/> diesem Wiegenlied, diesem Kindervers her — habe <lb/> ich Hunde nicht
        geliebt. Immer nur die Katze. Ich <lb/> habe es so oft erlebt, daß der Hund, der beim Rei-
        <lb/> chen lebt, den Bettler haßt, sogar den Arbeiter, je- <lb/> den schlecht Gekleideten,
        arm Riechenden. Und das <lb/> ist grauenvoll! Entartetes Tier mit dem Vorurteil <lb/> des
        Menschen! Wenn du es gut hast, bist du der <lb/> Feind dessen, der es schlecht hat. Niemals
        kann die <lb/> Katze so verderben und sinken. Sie bleibt erhabenes <lb/> Tier, Kreatur über
        dem Menschen. Ohne die Krite- <lb/> rien der Gesellschaft. Ich habe mich jedes Hun- <lb/>
        des erbarmt, und ich habe, mit zehn Jahren, meine <lb/> Hand gegen Vater erhoben, weil er
        einen im Hof- <lb/> winkel sterbenden Hund mit Füßen trat — er wollte <lb/> in diesem Winkel
        sein Wasser abschlagen — Aber <lb/> ich will keinen Hund bei mir haben. Meine Freunde <lb/>
        sind immer, ohne Frage und Zaudern, die Hungern- <lb/> den, die Kranken, die Frierenden und
        Sinkenden, <lb/>
        <hi rendition="#g">sie</hi>, sie sind meine Brüder. Und soll mein Hund sie <lb/> mit
        gefletschten Zähnen anspringen, wenn sie ver- <lb/> trauend in meine Tür treten? Aber mein
        gelbes Kätz- <lb/> chen schaut alle mit denselben Augen an, den Bett- <pb facs="#f0086"
          n="84"/>
        <lb/> ler ebenso abweisend wie mich. Sie steht jenseits <lb/> des Menschen. </p>
      <p>
        <lb/> In jenem Liede nun wäre meine Mutter auch ohne <lb/> mich nicht fortgefahren. Denn
        plötzlich klang neben- <lb/> an Vaters Stimme: </p>
      <p>
        <lb/> „Was, ihr kennt sie nicht? Wartet! ich hole sie <lb/> euch. Hurra!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und er lief hinaus, lief ins Hinterzimmer, und <lb/> schon hörten wir Henny weinen...
        Mutter saß wie <lb/> erstarrt. Sie lauschte mit ihrem ganzen Körper. </p>
      <p>
        <lb/> Nebenan trat Vater wieder ein, wir hörten ihn zärt- <lb/> lich auf das Kind einreden.
        Ja, also er wollte der Ge- <lb/> sellschaft seinen Liebling zeigen, seinen Zukunfts- <lb/>
        trost. Und er setzte sie auf die Erde, mit ganz sanf- <lb/> ter Stimme mit ihr sprechend. In
        seiner bösesten <lb/> Trunkenheit wurde er klar, leise, zärtlich, wenn <lb/> Henny erschien. </p>
      <p>
        <lb/> Sie weinte auch nicht mehr, sie hatte wohl schon <lb/> begriffen und stand stolz
        zwischen den Leuten und <lb/> brüstete sich und lächelte. Es wurde ganz still <lb/> nebenan. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter richtete sich auf. Sie beugte den Kopf vor, <lb/> sie zitterte, hob die Hände,
        als wollte sie <hi rendition="#g">sehen</hi>, was <lb/> dort in dem stumm gewordenen Raum
        mit dem Kind <lb/> unter den Berauschten geschah — </p>
      <p>
        <lb/> Da schrie Henny laut auf. Und im selben Augen- <lb/> blick gellte Vaters wüsteste
        Stimme. Wir hörten <pb facs="#f0087" n="85"/>
        <lb/> seinen Fußtritt gegen einen Menschen, gegen einen <lb/> Stuhl, der mit Flaschen und
        Gläsern umfiel, wir <lb/> glaubten — auch ich! — wirklich zu <hi rendition="#g">sehen</hi>,
        wie er <lb/> das Kind im Hemd einem Mann entriß. </p>
      <p>
        <lb/> „Orje!“ schrie er außer sich. „Mensch! Jetz num- <lb/> merier dir man de Knochen! Wat
        machste da? Mein <lb/> Kind? An mein Kind? Deine schmierjen Foten! Du <lb/> Dreckaas! Du
        Saukübel! Spuck mal hin, wo du liejen <lb/> willst.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ein Höllenlärm brach los. Mutter wurde ruhig, <lb/> aber ihre Knie gaben nach, sie
        fiel aufs Bett. Wir <lb/> wußten beide: Henny war sicher. Wir sahen sie auf <lb/> Vaters
        linkem Arm, sein rechter genügte, eine ganze <lb/> Bande zu überwältigen. Er begann, die
        Stube zu säu- <lb/> bern. Fluchend, unter entsetzlichen Ausdrücken der <lb/> Berliner Gosse,
        alles von sich speiend, was er in <lb/> Kneipen und Kaschemmen aufgelesen hatte, trieb er
        <lb/> die Gesellschaft hinaus. Ein Mädel kreischte, eins <lb/> lachte. Welche liefen wie
        gejagt die Treppe hinab, <lb/> welche widersetzten sich. Orje Wuppke heulte, schlug <lb/> um
        sich, dann krachte es. Vater hatte ihn aus der <lb/> Wohnung geschmissen. </p>
      <p>
        <lb/> Längst stand ich im Türspalt, eisig strömte die <lb/> Luft herein. Die Mutter hatte
        die Augen geschlossen, <lb/> sie sah mich nicht. Und ich erspähte, wie Vater da, <lb/> Henny
        an sich gepreßt, eben seinen Freund mit Fuß- <lb/> tritt die Treppe hinunterwarf. Unten im
        Haus rief <pb facs="#f0088" n="86"/>
        <lb/> man; man kam mit Licht, schimpfte, lachte. Oben <lb/> stand Vater und gröhlte und
        fluchte: </p>
      <p>
        <lb/> „Du kommst mir nich mehr über die Schwelle! <lb/> Vergreift sich an mein Mädel! Kiekt
        mal det Aas! det <lb/> Luder! Heut hat er Backzähne jespuckt. Wat der <lb/> sich denkt! Mein
        Kind! Ick werd ihn nen Marsch <lb/> blasen! Na ooch noch! Den Zahn lass dir man aus- <lb/>
        ziehn. Wenn der mir unterkommt, die Bimse!“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich glaube, in dieser Stunde, wo Vater seinen <lb/> Rausch aufgab, um sein Kind vor
        der Schändung <lb/> zu retten, liebte ihn meine Mutter wieder. Sie hat <lb/> nie seine Pläne
        geahnt, und warum er das Mädchen <lb/> nicht preisgab, daß er sie aufheben wollte für die
        <lb/> bezahlte Schande, als Geldquelle für sich, für die <lb/> Männer, die sich’s was kosten
        lassen. </p>
      <p>
        <lb/> Er warf die Tür ins Schloß. Auf der Straße hörten <lb/> wir den Lärm der
        Hinausgeworfenen aufbrausen. Sie <lb/> schrien wüste Schimpfworte hinauf, Drohungen die
        <lb/> Männer, Schweinereien die Mädchen. Und der Mond <lb/> schien herein, so still, so
        gelassen... </p>
      <p>
        <lb/> Ich drückte mich schnell vom Türspalt, kroch ins <lb/> Bett. Vater legte Henny zurück,
        ging in Orje Wupp- <lb/> kes Zimmer, und wir hörten ihn mit Flaschen und <lb/> Gläsern
        klirren. Er grunzte vergnügt. Er trank alle <lb/> Reste leer. Er lachte und redete zufrieden
        mit sich. Er <lb/> stolzierte in der Stube umher, schluckte, rülpste, <lb/> kicherte, trank.
        Bis er umfiel. Er wälzte sich umher, <pb facs="#f0089" n="87"/>
        <lb/> rappelte sich am Stuhl hoch, der umkippte. Plötz- <lb/> lich schnarchte er... </p>
      <p>
        <lb/> Anderen Tags ließ Orje Wuppke seine Sachen holen, <lb/> er traute sich nicht selbst.
        Nur seine Braut, die <lb/> Marzotko, erschien und jammerte Mutter vor. Mutter <lb/> mochte
        sie. </p>
      <p>
        <lb/> „Sie liebt,“ sagte sie von ihr. „Sie ist ein Mensch, <lb/> lach sie nicht aus. Sie
        liebt ihn.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich lachte aber. </p>
      <p>
        <lb/> „Onkel Orje!“ sagte ich. „Und wenn schon.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und da lehrte mich Sechsjährigen Mutter die große <lb/> Weisheit: </p>
      <p>
        <lb/> „O, Liebling, es ist ganz gleich, <hi rendition="#g">wen</hi> man liebt. <lb/> Wenn
        man nur lieben <hi rendition="#g">kann</hi>! Wenn du richtig <lb/> liebst, machst du das
        Geliebte, was es auch sei, <lb/> liebenswert.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich hörte zu, als verstünde ich. </p>
      <p>
        <lb/> „Es gibt nur eine Sünde,“ fuhr sie fort — zu sich <lb/> selbst: „Zu schwach im Lieben
        zu sein. Wenn deine <lb/> Liebe aushält, wächst auch das Geliebte. Liebe kann <lb/> bessern
        und reinigen und erhöhen. Wenn du nach- <lb/> läßt, muß es fallen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich glaube, sie hat sich immer vorgeworfen, Vater <lb/> nicht länger geliebt zu haben.
        Sie gab sich die Schuld, <lb/> daß er verkam: ihre Liebe hatte ihn fallen lassen. </p>
      <p>
        <lb/> „Lieben mußt du können, Liebling, Liebling. Dann <lb/> bist du gerettet, und die Welt
        wird gut. Weil zu wenig <pb facs="#f0090" n="88"/>
        <lb/> Liebe ist, bleibt sie unvollkommen. Was du liebst, ge- <lb/> winnst du.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich lauschte. Ich merkte mir die Worte. So herrlich <lb/> erzog mich die Mutter.
        Nachts, im Bette, flüsterte sie <lb/> mich in Schlaf mit solcher Weisheit. Sie hat die un-
        <lb/> endliche Güte nie aufgebracht, darum nahm sie alles, <lb/> was sie traf, als Strafe.
        Aber sie <hi rendition="#g">wußte</hi>, daß nur die <lb/> nie ermüdende Lohn trägt. Sie —
        sie hat Gott ge- <lb/> dankt, als Vater starb. Sie hatte ihm — vielleicht! — <lb/> nicht
        einmal eine schnelle leichte Kugel in der Schlacht <lb/> gewünscht, sondern Sterben,
        Sterben, Sterben in schau- <lb/> dernder Bewußtheit und gräßlicher Angst und in hei- <lb/>
        ßen Schmerzen und bittrer Reue. Vielleicht! — — — </p>
      <p>
        <lb/> Acht Tage nach jener Nacht „rückten“ wir. Vaters <lb/> ganze Kompagnie kam nachts nach
        zwölf. In einer <lb/> halben Stunde waren die Reste unserer Möbel, die <lb/> Kiste mit
        Wäsche, Töpfen, Betten in dem Einspänner- <lb/> wagen verstaut. Vater trug Henny, Mutter
        Markus. <lb/> Ich lief nebenher. Ich war zum erstenmal nachts auf <lb/> der Straße. Es war
        Anfang März, ganz lau, feucht. <lb/> Und so still in den Straßen, die ich nur lärmend <lb/>
        kannte; sie dufteten fast, die am Tage stanken. Ich <lb/> war glücklich. </p>
      <p>
        <lb/> Die Leute im Hause wußten, daß wir rückten. <lb/> Keiner verpetzte uns beim Wirt.
        Portiers wußten <lb/> es wohl auch; ehe wir gingen, hatte Mutter noch zu <lb/> dem Gelähmten
        hineingesehen. Die Frau, wenn sie <pb facs="#f0091" n="89"/>
        <lb/> tanzen ging, ließ immer die Tür offen, daß man rein <lb/> könnte, wenn ihm was
        passierte... Sie tanzte auch <lb/> heut. </p>
      <p>
        <lb/> „Adjees, Frau König,“ sagte er. „Ich weiß von <lb/> nichts. Machen Sie’s jut. Immer
        mitten auf’n Damm. <lb/> Wer wird jetzt nach mir sehen!“ </p>
      <p>
        <lb/> Wir zogen in ein Hinterhaus der Jasmunderstraße, <lb/> Stube und Küche im Parterre. Es
        langte nicht zu <lb/> mehr. Der Hof war eng, hoch umbaut, der Abort <lb/> stieß an unsere
        Wand. Es wohnten einunddreißig Par- <lb/> teien im Vorderhaus und den Seitenflügeln,
        hundert- <lb/> dreiundsechzig Menschen mit Schlafburschen und <lb/> Bettmädchen. Das
        erzählte uns gleich am nächsten <lb/> Morgen stolz der Junge vom Uhrmacher vorn. Und <lb/>
        wir drei Kinder waren auch ganz stolz... </p>
      <pb facs="#f0092" n="90"/>
      <p>
        <lb/> In diesem Haus, in dieser trüben Straße, unter <lb/> diesen Menschen vergingen dann
        fünfzehn Jahre mei- <lb/> nes Lebens und mehr. In der Küche schliefen Henny <lb/> und
        Markus, die es warm haben sollten als die Jüng- <lb/> sten. In der Stube stand das Bett, lag
        eine Matratze. <lb/> Auf der schliefen Mutter und ich; wenn Vater zu <lb/> Haus war, da lag
        er im Bett. Aber wir machten es <lb/> uns warm und behaglich darin, wenn er ausblieb. <lb/>
        Und er blieb oft aus. </p>
      <p>
        <lb/> Oft war es auch so, daß ich, wenn ich frühmor- <lb/> gens hinauslief, Milch und Brot
        zu holen, ihn auf <lb/> dem Flur vor unserer Tür liegen fand, im Dunkel auf <lb/> ihn trat.
        Da hatte er wohl noch die Kraft gehabt, das <lb/> Haus zu finden, seine Tür, aber nicht
        mehr, sie aufzu- <lb/> schließen. Und er war an der Wand hinabgeglitten <lb/> und liegen
        geblieben. </p>
      <p>
        <lb/> Nicht alle im Hause waren mitleidig. Manchmal <lb/> klopfte uns jemand mitten in der
        Nacht heraus und <lb/> half uns, den Betrunkenen hineinschaffen. Aber an- <lb/> dere, denen
        er im Wege lag, traten einfach auf ihn, <lb/> wir sahen es an den Fußspuren auf seinen
        Kleidern. <lb/> Welche bespien ihn, und die alte Balduweit aus dem <lb/> dritten Stock, die
        Frau mit der zerfallenen Nase, <pb facs="#f0093" n="91"/>
        <lb/> mit der Tochter, die Kontrollmädchen war, mit dem <lb/> riesengroßen schwarzen Hund,
        hielt ihren Hund an, <lb/> Vater zu verunreinigen, wenn er so vor dem Treppen- <lb/> aufgang
        lag. </p>
      <p>
        <lb/> Aber das Schrecklichste schien mir etwas anderes. <lb/> Es geschah nämlich, daß Mutter
        und ich davon er- <lb/> wachten, daß wir einen Fall draußen vor der Tür <lb/> hörten,
        aufschraken und lauschten. Aber Vater lag <lb/> schon da und schlief im kalten Flur, in den
        vom Hof <lb/> die Kälte, der Gestank, die Nässe drangen. Und da — <lb/> da hielt Mutter mich
        fest. </p>
      <p>
        <lb/> „Laß ihn liegen,“ flüsterte sie fast unhörbar in <lb/> mein Haar, „laß ihn liegen,
        bleib im Bett, Liebling. <lb/> Soll er — — Soll er — —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ach, was mußte geschehen sein, daß sie ihn so <lb/> grausam haßte! </p>
      <p>
        <lb/> Und sie hüllte mich in die Decken, lullte mich in <lb/> Schlaf, summte wortlos das
        alte Wiegenlied. Im Ein- <lb/> schlummern sah ich sie immer noch aufrecht sitzen <lb/> und
        lauschen. Sie flehte wohl, daß keiner käme und <lb/> sich erbarmte und uns weckte, den Vater
        zu holen. <lb/> Erst wenn ich in die Schule ging, legten wir ihn ins <lb/> Bett. Wenn er
        schlief und sein Gesicht sich entspannte, <lb/> war er noch immer so schön. Dann geschah es,
        daß <lb/> Mutter, die mit jeder Minute geizte, lange dastehn <lb/> konnte und auf ihn
        hinabsehn. Ihre Unterlippe zit- <lb/> terte... O Mutter, was dachte, und was fühlte sie! </p>
      <pb facs="#f0094" n="92"/>
      <p>
        <lb/> Es ist bitter, daß ich nichts anderes von meinem <lb/> Vater erzählen kann. Ich weiß
        nichts weiter. </p>
      <p>
        <lb/> Er haßte mich. Später verstand ich. An mir waren <lb/> ja seine Hoffnungen zerschellt.
        Er hatte gerechnet, <lb/> daß ich, der Erstgeborene, Mutters Eltern umstimmen <lb/> würde,
        ich bedeutete ihm die Mühle und hundert- <lb/> tausend Mark. Und ich versagte. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter erzählte mir, daß sie nach dem Tode meiner <lb/> Großmutter, als sie ihn
        endlich erfahren, noch einmal <lb/> an den Vater geschrieben hatte. Der Brief war nicht
        <lb/> mehr — Annahme verweigert — zurückgekommen, <lb/> aber es kam auch keine Antwort. Und
        diese Stumm- <lb/> heit, dieses Nichts war noch schrecklicher als Ab- <lb/> wehr. Sie
        schrieb dann, nach Hennys Geburt, an den <lb/> Bruder nach Breslau. Und auch hier
        Schweigen... <lb/> Damals begrub Mutter all die Ihren und schloß ab. <lb/> Sie nahm, außer
        uns Kindern, keinen Menschen in <lb/> ihre Sphäre auf. Sie war furchtbar einsam. Sie sprach
        <lb/> über das Notwendigste hinaus mit keinem Menschen, <lb/> sie erzählte außer mir
        niemandem ein Wort von sich. <lb/> Eine stumme Fremde ging sie durch die fünfzehn <lb/>
        Jahre ihres Berliner Lebens. Vielleicht war der här- <lb/> teste Druck über ihr dieses
        Schweigen. Erinnere ich <lb/> mich überhaupt, sie je im Gespräch mit Vater gesehen <lb/> zu
        haben?... </p>
      <p>
        <lb/> In der Stralsunderstraße ging ich zur Schule. Ich <lb/> war sechs Jahre zwei Monate,
        als ich in die Klasse <pb facs="#f0095" n="93"/>
        <lb/> von zweiundfünfzig Jungen kam. Bei Mutter hatte ich <lb/> längst schreiben, rechnen,
        lesen gelernt. Ich schrieb <lb/> eine abscheuliche Hand, und das ist nie besser ge- <lb/>
        worden. Aber ich bin penibel in Satzzeichen. Ich rech- <lb/> nete wie jedes aufgeweckte
        Kind. Nur das Lesen — <lb/> im Lesen war ich großartig. Mit sechseinhalb las ich <lb/>
        fließend, las ich mit großartigem Pathos. Ich lernte <lb/> leicht, ich behielt alles
        auswendig, und Gedichte waren <lb/> meine Seligkeit. Mit sieben hatte ich das ganze erste
        <lb/> Lesebuch im Kopf, und als ich in die zweite Klasse <lb/> aufrückte, hatte ich ihr
        Pensum fast schon ganz er- <lb/> ledigt. Abends saß ich mit Mutter, und sie arbeitete <lb/>
        mit mir, die Hände rot und geschwollen. </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte jetzt Waschstellen. Viermal in der Woche <lb/> hatte sie feste Kundenhäuser,
        zweimal wusch sie zu <lb/> Haus für Fremde, Sonntags wusch sie für uns. Es <lb/> war
        einträglicher als das Nähen. Sie verdiente min- <lb/> destens drei Mark im Tag und brachte
        noch von ihrem <lb/> Essen uns mit. Sie bekam alte Kleider und Wäsche <lb/> geschenkt, auch
        Kindersachen für uns... </p>
      <p>
        <lb/> Erst viel später ging es mir auf, daß es ja immer <lb/> noch die Müllerstochter, daß
        es Perdita Lachmann <lb/> war, die da Wäsche fremder Leute wusch und Al- <lb/> mosen
        annahm... Hätte meine Mutter gesprochen — <lb/> O, was hätte man zu hören bekommen! Dieses
        Herz <lb/> Perditas: was hat in ihm gelitten!... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war der Stolz der Klasse, bald der Schule. <pb facs="#f0096" n="94"/>
        <lb/> Nicht der Mitschüler. Sie riefen mich „Mauschel!“ <lb/> und „Itzig!“, obschon ich doch
        in der Religionsstunde <lb/> war und nach dem Taufschein evangelisch. Aber ich <lb/> war
        meiner Mutter häßliches Kind... Ich war recht <lb/> verlassen in der Schule und hätte es
        ändern können, <lb/> wenn ich nur mit den andern mitgehalten hätte. Aber <lb/> hatte ich
        Zeit zum Spielen? Lief ich nicht immer ge- <lb/> radesten Wegs nach Haus, traf mich nie im
        Hum- <lb/> boldhain, auf den Wiesen bei Pankow mit den Kame- <lb/> raden, ich war nicht auf
        den Rummelplätzen, nie <lb/> Teilnehmer geheimer Zusammenkünfte in Neubauten <lb/> am Abend,
        unter den Bogen der Eisenbahnbrücken; <lb/> ich hörte wohl ihre Abenteuer, ihre frühen
        Laster, <lb/> ihre kleinen Verbrechen. Aber konnte ich mitmachen? <lb/> Ich mußte, wenn
        Mutter fort war, für die Geschwister <lb/> sorgen, mit sechseinhalb konnte ich Kartoffeln
        ko- <lb/> chen, Brot schneiden, Böden scheuern, Kinderwäsche <lb/> waschen. Ich mußte — ach,
        oft noch, dem Vater <lb/> folgen... </p>
      <p>
        <lb/> Er erwartete mich, halb nüchtern, vor der Schule. <lb/> Ich brauchte mich seiner nicht
        zu schämen. Die Väter <lb/> der andern waren verkommener. Mutter brachte von <lb/> ihren
        Kunden auch Kleider für ihn mit. Sie waren <lb/> ihm immer zu knapp, aber ich sehe noch
        deutlich, <lb/> wie gerade in ihnen die Pracht seiner Glieder in Er- <lb/> scheinung trat.
        Man sah in den Ärmeln seine Arm- <lb/> muskeln schwellen, der eherne Rücken spielte unter
          <pb facs="#f0097" n="95"/>
        <lb/> dem gespannten Stoff, er ging immer grade, stolz, <lb/> sein Haar glänzte. Alle hatten
        Angst vor ihm. Ich ging <lb/> dann stets sofort mit ihm. Ich hätte nie gewagt, mich <lb/> zu
        entziehen. Nicht aus Feigheit, ich fürchtete ihn <lb/> nicht. Aber ich wußte, er würde auf
        offener Straße <lb/> losbrechen, wenn ich widerstrebte, Skandal machen. <lb/> Und davor
        schämte ich mich. Die Schule sollte nicht <lb/> sehen, daß ich Schläge bekam. </p>
      <p>
        <lb/> Er führte mich betteln... Immer noch. Bis zu <lb/> meinem neunten Jahr. Bis das große
        Wunder geschah. <lb/> Ich war mit neun noch immer klein und so komisch <lb/> mager, ich sah
        gewiß erst aus wie sieben. Und jetzt, <lb/> mit sieben, hielt man mich wohl kaum für schul-
        <lb/> pflichtig. Man konnte schon Mitleid mit mir haben. </p>
      <p>
        <lb/> Er ging hinter mir her. Ich wandte mich um und <lb/> wagte zu sagen: </p>
      <p>
        <lb/> „Aber ich müßte ja nach Haus! Henny und Mark <lb/> haben nichts zu essen —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich habe ihnen gegeben,“ knurrte er. </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte — aus Erfahrung: er log. Aber konnte <lb/> ich ihm das sagen? Er ging drei
        Schritte hinter mir, <lb/> ich spürte dennoch seine stoßende Faust im Genick. <lb/> Er stieß
        mich die Brunnenstraße hinunter, die Rosen- <lb/> taler- und Weinmeister- und Münzstraße.
        Das war <lb/> gute Gegend zum Schnorren. Wenn einer, wie ich, <lb/> wie ein kleiner Jud
        aussah. Ich mußte durch die Gre- <lb/> nadierstraße — ach, da kam aus jüdischen Speise- <pb
          facs="#f0098" n="96"/>
        <lb/> häusern Bratenduft und Küchenduft. Am Freitag <lb/> schmeckte ich Fische in
        Buttersoße. Dort, im Ghetto, <lb/> mußte man mich für dazugehörig halten. Da lernte <lb/>
        ich Scholem alechem sagen und lernte den Juden <lb/> kennen. </p>
      <p>
        <lb/> Vater blieb an der Münzstraßenecke stehen und <lb/> spähte mir nach. In dieser Straße
        mußte ich lügen. <lb/> Ich spielte lieber den Stummen. Denn die Juden woll- <lb/> ten
        wissen, wessen Sohn ich sei, und woher ich <lb/> komme, und wer der traurige Vater sei, der
        mich auf <lb/> die Straße schnorren schicke. </p>
      <p>
        <lb/> „Nebbich, das Jeled,“ sagte manche jüdische Mut- <lb/> ter von mir und drückte ihr
        Kind an sich. „Gib ihm <lb/> was, Aron, ich bitt dich. Du tust ne Mitzwe an seiner <lb/>
        Mutter.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Nischt ans gesagt!“ riefen alte Männer und drück- <lb/> ten mir Geld in die Hand. </p>
      <p>
        <lb/> Einer nahm mich mit in sein Haus, an seinen <lb/> Freitagabendtisch. Und daran saß ich
        und log und <lb/> bat zuletzt: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich darf es nicht sagen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und sah dem Ritus zu, den Kopf bedeckt. Alles <lb/> war mir fremd und seltsam, aber
        wozu konnte ich so <lb/> gut mich anpassen, Theater spielen! </p>
      <p>
        <lb/> Die Frauen trugen schwarze Seidenkleider und Gold- <lb/> schmuck, die Kinder waren
        sauber gewaschen und ge- <pb facs="#f0099" n="97"/>
        <lb/> kleidet; wenn die Männer leidenschaftlich beteten und <lb/> sich über dem Brote
        verneigten und vor den Lichtern, <lb/> zitterten ihre Schläfenlocken. Alle sahen mich mit
        <lb/> Mutters Augen an. Mit meinen eigenen. In allen war <lb/> etwas von Mutters Leid.
        Verbannung, Verstoßung, zu <lb/> schwere Last, Scham und Angst. </p>
      <p>
        <lb/> Man beschenkte mich. Die Großmutter ermunterte <lb/> die Tochter, mir noch einen
        Frauenmantel auf den <lb/> Arm zu legen, für meine Mutter. </p>
      <p>
        <lb/> „Tu ihr die Simche,“ sagte sie. „Hätt’ sie’s nich <lb/> nötig, wird sie das Jeled
        nicht rausschicken. Ä dicken <lb/> Dalles wern se haben. Gib nur, gib. ’s is doch Schlach-
        <lb/> mones. Wirst dafür Simches erleben bei Kindern und <lb/> Kindeskindern.“ </p>
      <p>
        <lb/> „In ä gute Schooh sollst es sagen, Mamme,“ ant- <lb/> wortete die Tochter und gab. </p>
      <p>
        <lb/> Dem Vater war es zu lange geworden. Nun saß er <lb/> irgendwo in der Linienstraße und
        trank. Ich lief. Jetzt <lb/> mußte ich wieder die Mutter belügen, wenn ich ihr das <lb/>
        Kleid brachte. Oft wagte ich es nicht, mit solchen <lb/> Geschenken zu kommen. Dann
        versteckte ich die Sa- <lb/> chen, vom Abend beschützt, irgendwo in der Hirten- <lb/>
        straße, hinter den Baracken, zwischen den Holzver- <lb/> schlägen, wo Tauben und Gänse
        verkauft werden, <lb/> Hühner, Enten. Andern Tags holte ich sie. Das Ge- <lb/> flügel
        schnatterte, es roch nach Mist. Ich lief zu den <lb/> Altwarenhändlern der Linienstraße und
        verkaufte den <pb facs="#f0100" n="98"/>
        <lb/> Mantel, das Kleid. Geld konnte ich leichter zu Haus <lb/> einschmuggeln. </p>
      <p>
        <lb/> Ja, in diesem neuen Hause waren wir längst nicht <lb/> die Ärmsten. Ich erinnere mich
        nicht, daß wir da <lb/> jemals richtig hungerten. Als einmal die Mutter krank <lb/> war und
        zehn Tage nichts verdiente, damals war das <lb/> Wunder schon geschehen, und Stefan, Stefan
        der Ge- <lb/> liebte, half uns. </p>
      <p>
        <lb/> Vater gab uns, glaube ich, nie mehr Geld. Und er <lb/> hatte oft viel. Da kam er mit
        neuen eleganten Schuhen <lb/> an, die seinen kleinen Füßen paßten, hellbraune oder <lb/> gar
        Lackschuhe. Mit einem seidenen Schal, einer feu- <lb/> rigen Kravatte. Wir wußten nie, womit
        er verdiente. <lb/> Ein einziges Mal sah ich ihn in der Badstraße halbe <lb/> Ochsen vor
        einer Metzgerei abladen und wie ein Feder- <lb/> gewicht in den Torweg tragen. Also er
        arbeitete — </p>
      <p>
        <lb/> Aber dann — Zweimal ist er auch im Gefängnis <lb/> gewesen. Einmal hatte er Schmiere
        gestanden, als <lb/> zwei in der Schönhauserallee bei einem Goldschmied <lb/> eingebrochen
        waren. Und einmal wegen Körperver- <lb/> letzung, bei einer Schlägerei in der Gormannstraße,
        <lb/> vor dem Arbeitsnachweis. Dort strich die junge Baldu- <lb/> weit herum und war für die
        Arbeitslosen zu haben. <lb/> Sie nahm fünfzig Pfennig. Und Vater wollte sich mal <lb/> mit
        ihr amüsieren, als ihn zwei andere überboten. Er <lb/> hatte ein Messer. Dafür bekam er drei
        Monate. O, es <lb/> waren stille, gute Monate. Wir schliefen schön. </p>
      <pb facs="#f0101" n="99"/>
      <p>
        <lb/> Man konnte ganz gut schlafen in dem Hause der <lb/> Jasmunderstraße. Um fünf Uhr
        morgens erst wurde <lb/> es laut. Aber in die Klappe krochen alle früh. Die <lb/> junge
        Balduweit hatte ja ihr nächtliches Gewerbe, <lb/> aber sie brachte ihre Kunden nie nach
        Haus. Die <lb/> Mutter war ja vorurteilslos und großzügig, aber was <lb/> zuviel ist, ist
        zuviel, erklärte sie allen. In ihrem Hause? <lb/> Niemals! Was man bloß denke! So eine sei
        sie noch <lb/> lange nicht. Also war es, von neun Uhr abends an, <lb/> still auf unserer
        Hintertreppe. Alle Fenster nach dem <lb/> Hof waren finster, jeder sparte Licht. Nur im Som-
        <lb/> mer lag alles in den Fenstern bis in die Nacht hinein <lb/> und unterhielt sich
        hinüber und herüber. Einer spielte <lb/> Geige, das klang kläglich. Wie Katzengeschrei. Aber
        <lb/> die Frauen lauschten verzückt. Einer hatte ein Gram- <lb/> mophon, ganz elend. Aber
        Tanz- und Gesangsplatten <lb/> darauf bedeuteten ein Fest. Die Kinder gingen nicht <lb/>
        schlafen, drängten sich zwischen die Eltern, kicherten, <lb/> riefen sich zu. Bumkes
        begossen ihre Bohnen, und es <lb/> plätscherte auf den Hof hinab. Im Nachbarhaus — <lb/> Hof
        stieß an Hof — die Höfe der Hussitenstraße <lb/> schauten in unsere — war eine Fabrik, in
        der nachts <lb/> gearbeitet wurde. Ein Dynamo schwirrte da gedämpft, <lb/> es klang wie
        Meer, erzählte mir die Mutter. Sie war <lb/> zweimal an der Küste gewesen, sie kannte die
        Ost- <lb break="yes"/> und Nordsee. Mutter lag nie im Fenster, sie ließ es <lb/> nicht
        einmal offen. Das Aborthäuschen, dicht da- <pb facs="#f0102" n="100"/>
        <lb/> neben, stank im Sommer böse. Ich stand hinter den <lb/> Gardinen und sah im
        Abenddämmer die blassen Ge- <lb/> sichter in den Fenstern, alle Freude in den so freud-
        <lb/> losen Zügen. Es war so jammervoll, wie in vergrämten, <lb/> zerstörten Gesichtern
        widersinniges Lachen grimmas- <lb/> sierte. Die alte Balduweit führte ihren schwarzen <lb/>
        Hund auf die Straße, ließ ihn dort, kehrte in den <lb/> Hof zurück und klatschte von da
        unten nach allen <lb/> vier Stockwerken hinauf. Auch die Leute aus dem <lb/> Vorderhaus
        kamen in ihre Schlafstuben und Kü- <lb/> chen hinten und hielten mit. Junge Burschen kehr-
        <lb/> ten heim und schrien Witze zu den Mädels hoch, die <lb/> kreischten. </p>
      <p>
        <lb/> „Hab dir nich so, Trude,“ krähte die Balduweit. <lb/> „Wo du schon zwei jehabt hast!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Olle Lüjenkatze!“ kreischte Trude aus dem dritten <lb/> Stock und schmiß ihr Fenster
        zu. </p>
      <p>
        <lb/> Einer deklamierte von ganz oben, angeregt von der <lb/> Indiskretion der Balduweit: </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Eener alleene</l>
        <lb/>
        <l>Is nich scheene;</l>
        <lb/>
        <l>Aber eener mit eene</l>
        <lb/>
        <l>Un denn alleene,</l>
        <lb/>
        <l>Det is scheene!“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Und nun war es losgelassen. Jetzt sang Maxe, der <lb/> Sechzehnjährige von Niemeyers: </p>
      <pb facs="#f0103" n="101"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Laß mich an deinem Busen</l>
        <lb/>
        <l>noch einmal schmusen!</l>
        <lb/>
        <l>Da sprach sie unter Tränen:</l>
        <lb/>
        <l>Ick hab ja keenen!“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Jetzt sprang ein Bursche mitten in den Hof, ver- <lb/> beugte sich grotesk, räusperte
        sich und legte los, mit <lb/> schönstem Tenor, ganz rein und hell: </p>
      <lg>
        <lb/>
        <l>„Auf einem Omnibus</l>
        <lb/>
        <l>Saß ein Mechanikus,</l>
        <lb/>
        <l>Der hatte Lackstiebeln an.</l>
        <lb/>
        <l>Da kam ein andrer Mann,</l>
        <lb/>
        <l>Der hatte welche an,</l>
        <lb/>
        <l>Die rochen nach Tran.</l>
        <lb/>
        <l>Da sagte der eine Mann:</l>
        <lb/>
        <l>Sie haben ja Stiebeln an,</l>
        <lb/>
        <l>Die riechen nach Tran!</l>
        <lb/>
        <l>Da sagte der andre Mann:</l>
        <lb/>
        <l>Wat jeht denn Sie det an!</l>
        <lb/>
        <l>’n jeder stinkt, so jut er kann.“</l>
      </lg>
      <p>
        <lb/> Die Balduweit, neunzig Kilo, fiel gegen den Müll- <lb/> kasten, so lachte sie. Sie
        vergaß durchaus den Hund <lb/> auf der Straße. Ein Bursche fing sie unanständig auf, <lb/>
        und sie juchzte auf wie eine Hupe. Es war wie ein <lb/> Volksfest, Abend für Abend, im
        Sommer, wenn die <lb/> Hitze unbewegt im Hofe stand, und oben, im Dunst, <lb/> die Sterne
        mühsam blinkten. Ich spähte durch das <pb facs="#f0104" n="102"/>
        <lb/> Fenster und beneidete sie. Ich konnte auch was <lb/> und hätte es so gern den Armen
        gezeigt. Meine Nach- <lb/> ahmungen, die ich noch immer mit Liebe probierte <lb/> und
        ausarbeitete. Aber was hätte die Mutter gesagt!... <lb/> Ich liebte sie so sehr, diese Leute
        in den Fenstern, <lb/> ausgehungert nach Leben, nach Heiterkeit. Sie konn- <lb/> ten ja gar
        nicht mehr lachen, es wurde Grimasse in <lb/> ihren käsigen Gesichtern, sicher tat ihnen das
        Herz <lb/> nachher weh. Und die Kinder — so lüstern nach Er- <lb/> eignis, Lustigkeit,
        Spiel. Das war besser und wohl- <lb/> tätiger als Brot und Äpfel. Ich stand da und träumte:
        <lb/> sie ein bißchen glücklich machen, lachen lassen, emp- <lb/> finden, daß sie leben!
        auch weinen machen. Warum <lb/> nicht Tränen? auch sie machen das Herz bewußt. Und <lb/>
        fühlendes Herz haben: nur das ist Glück. Was wissen <lb/> die Armen von ihrem Herzen!... </p>
      <p>
        <lb/> Sterne über dem Hof in der Jasmunderstraße. Sind <lb/> das noch Sterne? Der Dunst, der
        aus Armenquartieren <lb/> steigt, entrückt sie noch mehr. Wann hebt denn der <lb/> Arme den
        Blick? Traut er sich zu glauben, daß die <lb/> Sterne für ihn da sind? Auch Meer ist da,
        Berg, <lb/> Fluß, Wiese, Wald. Und was gehört ihm davon? Ge- <lb/> schenke der Natur? Die
        bekommt nur der ohnehin <lb/> Reiche. Dem Armen schenkt nicht einmal der Himmel <lb/> Licht.
        In unsern Hof drang keine Sonne, kein Mond. <lb/> Sie blieben auf dem Dache liegen und
        hatten keinen <lb/> Strahl für unsere Fenster übrig... </p>
      <pb facs="#f0105" n="103"/>
      <p>
        <lb/> Wir waren nicht mehr die Ärmsten hier in dem <lb/> Hause der einunddreißig Parteien.
        Im Keller, unter <lb/> uns, wohnte der Tischler Hinze, Witwer mit fünf Kin- <lb/> dern, von
        zwei bis zehn. Er liebte alle und hätte keines <lb/> fortgegeben, und alle hungerten, denn
        er hatte nicht <lb/> viel und dann schlecht bezahlte Arbeit. Alle schliefen <lb/> auf
        Kartoffelsäcken, in die Zeitungen gestopft waren. <lb/> Er hatte ein Bett, aber das war an
        den Schlafburschen <lb/> vermietet, der sich Mädchen mitbrachte. Nun, er zahlte <lb/> zehn
        Mark. Und für zehn Mark — </p>
      <p>
        <lb/> Für zehn Mark gaben Knolls im vierten Stock ihre <lb/> Fünfzehnjährige her. Es war ein
        offenes Geheimnis, <lb/> daß Luischen in der Kneipe in der Oderbergerstraße, <lb/> wo sie
        Gläser wusch, auch andere Obliegenheiten hatte. <lb/> Aber sie brachte das Geld heim. Die
        Kutscherwitwe <lb/> Gabeltau, die ihre Küche tagsüber an einen Mann ver- <lb/> mietet hatte,
        der da ein Schwindelbüro betrieb und <lb/> fortwährend Briefe mit Marken drinnen bekam — er
        <lb/> inserierte irgendeine Lockgeschichte —, vermietete <lb/> auch ihr Bett an einen
        Arbeiter aus den Elektrizitäts- <lb/> werken in der Voltastraße, der Nachtschicht hatte und
        <lb/> morgens um halb sieben kam. Dann stieg sie aus dem <lb/> Bett und er ins warme. Diese
        Betten sahen nie das <lb/> Licht und bekamen nie Luft. Uns gegenüber, parterre, <lb/>
        wohnten Wilkes, er Schaffner bei der Elektrischen, <lb/> sie, Zigarettendreherin, saß in
        einem Schaufenster <lb/> am Rosentalertor und machte Bekanntschaften. Die <pb facs="#f0106"
          n="103"/>
        <lb/> Vorhänge ihrer Fenster waren immer zu. Sie hatten <lb/> ein Kind, drei Jahre, das
        hatte nie ein Mensch im <lb/> Hause gesehen. Die Fenster waren zugenagelt, und das <lb/>
        Kind war so in Todesangst gebracht, daß es nie einen <lb/> Vorhang lüpfte. Es schrie auch
        nicht, wenn sie es mit <lb/> dem Feuerhaken, den sie heiß machten, prügelten. <lb/> Es kam
        an den Tag, als spielende Kinder einmal vor- <lb/> mittags dort ein Fenster einschmissen. Da
        erschien <lb/> unter dem Vorhang ein Gespenst, ein winziges Greisen- <lb/> köpfchen mit
        verfilztem weißen Haar, blöd offenem <lb/> Mund, stieren Augen. Vom Munde bis zum Ohr lief
        <lb/> ein blutender Riß, und die andere Wange war ge- <lb/> schwollen. Die Kinder schrien,
        Frauen kamen, holten <lb/> die Polizei, man brach ein und fand einen Kretin, ganz <lb/>
        vertiert, verkrustet von Blut und Eiter. Als die Frau <lb/> heimkam, lauerte ihr der
        Tischler Hinze auf und <lb/> drang mit Fäusten auf sie ein. Aber Schutzleute kamen <lb/> aus
        der Wohnung, wo sie gewartet hatten, und schütz- <lb/> ten sie vor der Wut des Hauses. Beide
        kamen ins Ge- <lb/> fängnis. Und in ihre Wohnung zog ein Alter, der <lb/> Ratten und Mäuse
        für die Laboratorien der Charité <lb/> züchtete. Das Ungeziefer lief frei bei ihm herum,
        <lb/> es wimmelte bald im Hause davon, und er mußte <lb/> nach sechs Wochen ziehen. Er
        weinte laut. Überall <lb/> warf man ihn raus. Wir hörten dann, daß er eines <lb/> Tages alle
        seine hunderte Tiere auf die Stadt los- <lb/> gelassen hatte, und er hatte sich von der
        Brücke <pb facs="#f0107" n="105"/>
        <lb/> am Gesundbrunnen hinuntergeworfen vor einen Stadt- <lb/> bahnzug. </p>
      <p>
        <lb/> In den hundert Stuben und Küchen des Hauses war <lb/> die ganze Armut der Welt zu
        sehen, und noch immer <lb/> war es nicht die bitterste. Denn es waren noch Stuben, <lb/> es
        gab ein Dach, einen Ofen. Andere hatten nur die <lb/> Bänke in den Hainen, die Brückenbögen,
        die erbro- <lb/> chenen Lauben. Aber in den Stuben wurden sie dafür <lb/> so häßlich krank.
        Die Schlafburschen und Schlaf- <lb/> mädchen steckten die Kinder an, Tuberkeln wucherten
        <lb/> in die Nachbarschaft. Oben unterm Dach lebten Bru- <lb/> der und Schwester, Zwillinge,
        neunzehnjährig, in ei- <lb/> nem Verschlag. Öfen durften nicht aufgestellt werden, <lb/> und
        wie es da im Sommer luftlos heiß war, fror es im <lb/> Winter schonungslos. Die beiden
        schliefen in einem <lb/> Bett. Und da kam im Winter die Ratte, die in den <lb/> Speichern
        lebte, vom Froste getrieben, zu ihnen ins <lb/> Bett und schlief zwischen ihren Brüsten, in
        der guten <lb/> liebevollen Menschenwärme, und sie ließen es da <lb/> schlafen, das unreine
        Tier, dessen sich Menschenliebe <lb/> erbarmt. Diese beiden arbeiteten in derselben Fabrik
        <lb/> am Wedding, sie waren glücklich, sie liebten sich, also <lb/> konnten sie noch zur
        Ratte gut sein. Es gibt Engel <lb/> unter den Armen, wie es Bestien gibt. </p>
      <p>
        <lb/> O, wie waren wir vierundfünfzig Kinder dieses <lb/> Hauses begeistert, als Amalie
        Zwillich, dreizehn Jahre <lb/> alt, in die Charité mußte, weil sie ein Kind bekam. <pb
          facs="#f0108" n="106"/>
        <lb/> Sie hat nie verraten, von wem. Nur wir Kinder — <lb/> aber wir hielten dicht! — wußten
        es alle: vom Friseur <lb/> in der Stralsunder, der selbst vier Kinder hatte. Von <lb/> dem
        hatte sie das Fliederparfum bekommen, das wir <lb/> einmal, zu vierzehn im Kreise sitzend,
        ausgegossen <lb/> hatten, um dann geschlossenen Auges, tief, inbrünstig <lb/> atmend, wie
        Opiumraucher in Seligkeit des Paradieses <lb/> zu verfallen. Dieses Fläschchen Flieder,
        fünfundsiebzig <lb/> Pfennige, war Amaliens Preis gewesen. Die Eltern zo- <lb/> gen dann
        fort, so grämte und schämte sich die Mutter. </p>
      <p>
        <lb/> Andere nahmen es leichter. Die blöde Ernestine der <lb/> Witwe Gottwald bekam alle
        Jahre eins, das die Groß- <lb/> mutter prompt ins Waisenhaus brachte. Ernestine <lb/> hatte
        nie einen Vater dazu und wußte nie, wieviel im <lb/> ganzen es nun schon waren. Allemal
        sagte sie: </p>
      <p>
        <lb/> „Nu, ich denke, nu, Sticka elf.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und lachte und stellte — wer es auch war — eine <lb/> unumwundene Frage. </p>
      <p>
        <lb/> Ein Mann mit Leierkasten wohnte bei uns, der hatte <lb/> eine ganz gelähmte Frau zu
        ernähren und zwei Hunde, <lb/> von denen sie sich nicht trennen konnten, alte ver- <lb/>
        schwollene Spitze, ganz verfilzt, die nie auf die Straße <lb/> kamen, weil sie keine
        Hundesteuer zahlen konnten. <lb/> Aus ihrer Wohnung roch es bestialisch auf die Treppe <lb/>
        hinaus. Und doch wohnten bei ihnen zwei Brüder, <lb/> Straßenhändler in der Friedrichstraße
        mit Scherz- <lb/> artikeln. Es gab unter diesen hundert Stuben viele, in <pb facs="#f0109"
          n="107"/>
        <lb/> denen fünf bis acht Menschen lebten, alles durcheinan- <lb/> der, Frauen mit Männern
        und Kinder mit Großen. </p>
      <p>
        <lb/> Im Vorderhaus aber war es großartig. Da gab es <lb/> Dreizimmerwohnungen, und Herr
        Bentheim, der die <lb/> Gänseausschlachterei in der Swinemünder hatte, hatte <lb/> eine
        Badewanne mit Ofen aufstellen lassen. Dort <lb/> wohnten die Feinen, wo die Kinder für sich
        schliefen. <lb/> Nur in zwei Etagen wurden möblierte Zimmer ver- <lb/> mietet. Die Sage
        ging, daß Böses, die die Balkon- <lb/> stube an die Kassierin von der Alhambra vermietet
        <lb/> hatten, in eben dieser Stube goldene Stühle und ein <lb/> Sofa mit einem Spiegel
        darüber in der ganzen Breite <lb/> hätten, und vor den Türen sollten rote Samtvorhänge <lb/>
        sein mit gestickten Wasserlilien. Frau Böse rief <lb/> manchmal die Nachbarin, mit der sie
        gerade gut stand, <lb/> herein und zeigte ihr geheimnisvoll dieses Märchen- <lb/> zimmer. In
        der Ecke — wir wurden blaß, wenn wir <lb/> es hörten — sollte eine Palme — o! und noch dazu
        <lb/> eine künstliche! — ja, da sollte eine Palme stehen <lb/> und darunter zwei
        grünplüschene Sessel neben einem <lb/> goldenen Tischchen... Und auf dem Balkon blühten
        <lb/> von Mai bis September Wicken. Manchmal standen <lb/> wir unter dem Balkon,
        stundenlang, und warteten, <lb/> daß eine Wicke abfiele... Wie viele von uns hatten <lb/>
        nie einen Blumenstengel in der Hand gehalten. Man- <lb/> che wurden eingesegnet, ehe sie
        eine Orange zu kosten <lb/> bekamen oder Schokolade. Wir holten uns Gänse- <pb facs="#f0110"
          n="108"/>
        <lb/> blümchen und Löwenzahn von den Bahndämmen. Die <lb/> Bahndämme waren unsere Natur —
        aber sie waren <lb/> eigentlich verboten. Und sie wurden unnachsicht- <lb/> lich streng
        verboten — die Zeitungen polemisierten <lb/> darüber —, als einmal bei solchem
        Blumenpflücken <lb/> Ida Sommer vom Zionskirchplatz abrutschte und von <lb/> der Ringbahn
        ein Bein abgefahren bekam... </p>
      <p>
        <lb/> Im <sic>Humboldhain</sic>, ja, da gab es Bäume, Rasen, auch <lb/> Blumen. Aber das war
        alles polizeilich verboten. Ein <lb/> Wärter mit Stock paßte auf. Wir hörten zu Haus, <lb/>
        daß die Reichen ihre Gärten hätten und darin alles, <lb/> was sie sich wünschten, nicht nur
        Blumen, auch Obst, <lb/> Kirschen, Birnen, in Glashäusern Erdbeeren, Wein- <lb/> trauben,
        Orangen — Sagen für uns... Und wir <lb/> durften Rasen nicht einmal betreten, und wenn man
        <lb/> Blumen pflückte, kam man ins Gefängnis... </p>
      <p>
        <lb/> So was hörten wir, wenn abends die Großen zu- <lb/> sammen standen, vor der Haustür,
        im Hof, oder hinter <lb/> offenen Fenstern disputierten. Damals erfuhr ich <lb/> erst, daß
        es die „andern“ gibt. Ich begriff nur nicht, <lb/> warum man sie hassen sollte. Was konnten
        sie dafür, <lb/> daß sie die „andern“ waren? Es war doch dumm, sie <lb/> zu beneiden. Es
        wäre ja schön, selbst alles das zu <lb/> haben. Aber um es zu bekommen, durfte es man den
        <lb/> andern mißgönnen oder gar fortnehmen? Auch die <lb/> größeren Jungen redeten darüber.
        Erst gab ich meinen <lb/> Senf dazu, aber ich wurde schnell still, als sie riefen: </p>
      <pb facs="#f0111" n="109"/>
      <p>
        <lb/> „Natürlich, der Jude! Was willste überhaupt bei <lb/> uns? Geh zu deine Leit!“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich gehörte ja zu <hi rendition="#g">ihnen</hi>... </p>
      <p>
        <lb/> Litt ich damals unter all diesem?... Vielleicht <lb/> nicht, denn ich erinnere mich
        nicht. Viel von dem <lb/> Leid, das dem Kinde zugefügt wird, geht uns erst <lb/> später auf,
        wenn wir leidensfähiger geworden sind. <lb/> So oft hat erst die Erinnerung die Bitterkeit,
        die uns <lb/> das Ereignis ersparte... </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte für alles einen Trost: die Schule... </p>
      <p>
        <lb/> Das klingt absonderlich. War denn Schule nicht <lb/> Strafanstalt und
        Zwangserziehungshaus, der Schüler <lb/> zitternder Sklave alter, trockener, verbildeter
        Männer? <lb/> Aber nur in den höheren Schulen gab es die Verzweif- <lb/> lungen der jungen
        Menschen, bei uns in den Volks- <lb/> schulen blieb man gesund, war man ja freier. Für wie
        <lb/> viele war die Schule der einzige Ort, wo sie es warm <lb/> und friedlich hatten, Sonne
        und Blumen in den Fen- <lb/> stern, freundliche Worte hörten! Die Lehrer standen oft <lb/>
        menschlich zu der Klasse, es war die einzige Möglich- <lb/> keit, mit ihr auszukommen. Man
        kümmerte sich dort <lb/> um schmutzige Ohren und Ungeziefer, man wurde <lb/> zum Zahnarzt
        geschickt, und man wurde sogar von <lb/> Zeit zu Zeit spazieren geführt, in den Hain, in den
        <lb/> Zoologischen Garten, die Augen wurden geöffnet für <lb/> Baum und Tier. </p>
      <p>
        <lb/> Und das Lernen, das Begreifen, das Wissen! Ich <pb facs="#f0112" n="110"/>
        <lb/> fieberte, tiefer zu dringen, die Mittel zu erobern, mit <lb/> denen man die Welt
        erfaßt. Ich ahnte unendliche <lb/> Möglichkeiten. Schon mit sieben Jahren stand ich an <lb/>
        den Buchläden und studierte die Fenster und sah die <lb/> Bücher, die alles erschlossen. In
        Büchern war Schön- <lb/> heit, Weisheit, waren ferne Länder, die Gestirne, die <lb/>
        Geheimnisse des Meeres und der Erde. Ich wünschte <lb/> mir, zwischen Büchern mich einmauern
        zu können. <lb/> Was brauchte ich das Draußen! Das war ja nie zu <lb/> durchmessen. Alles
        war ja drinnen. In Büchern konnte <lb/> ich mir alles erobern... Ich sammelte
        Zeitungsfetzen, <lb/> und unfähig, bis zu Haus zu warten, las ich sie <lb/> in Haustüren,
        auf fremden Höfen, in den Warte- <lb/> häuschen der Elektrischen. Es war ganz gleich, was
        <lb/> ich las. Alles brannte mir im Herzen. Alles verschlang <lb/> ich, wie ein Hungernder
        Baumrinde kaut und Gras <lb/> frißt. </p>
      <p>
        <lb/> Manchmal kam der Rektor in die Klasse und hörte <lb/> mir zu. Ich antwortete dem
        Lehrer auf Fragen voll <lb/> Fallen, denen ich entging, ich las mit Vehemenz und <lb/>
        Pathos vor, ich rezitierte. Der Rektor tauschte mit <lb/> dem Lehrer Blicke. </p>
      <p>
        <lb/> „Das kommt von der Mutter,“ sagte der Lehrer. <lb/> „Kennen Sie sie, Herr Rektor?“ </p>
      <p>
        <lb/> Mutter kam dann und wann in die Schule und <lb/> fragte nach mir. Sie dürstete danach,
        mein Lob zu <lb/> hören, mit einem Einsichtsvollen über mich zu spre- <pb facs="#f0113"
          n="111"/>
        <lb/> chen, rot vor Glück Prophezeiungen über meine Zu- <lb/> kunft zu schlürfen. </p>
      <p>
        <lb/> Der Rektor ließ sie einmal zu sich bitten. Ich war <lb/> da im neunten Jahr, der
        Klasse immer so weit voraus, <lb/> daß ich Ostern eine überspringen sollte. Man hatte <lb/>
        es mir schon gesagt. Aber ehe ich weiter erzähle, <lb/> muß ich innehalten und aufblicken.
        Zu dir, Rudolf <lb/> Rauscher... </p>
      <p>
        <lb/> Er war mein Lehrer drei Jahre lang, und er begriff <lb/> mich. Ich hätte niemals so
        leidenschaftlich, so be- <lb/> sessen gelernt, wenn ich nicht den Glanz seiner Augen <lb/>
        zärtlich auf mir ruhen gewünscht hätte; gewünscht, <lb/> daß seine weiße, weiche Hand — die
        erste nicht hart- <lb/> gearbeitete Hand, die ich kannte! — mir über das <lb/> Haar strich.
        Alles tat ich erst Mutter, dann ihm <lb/> zu Liebe. Nur aus Liebe wird man schöpferisch,
        <lb/> nur aus Liebe fruchtbar fleißig, nur aus Liebe <lb/> ehrgeizig. Mein Wissensdrang
        allein hätte mich zu <lb/> trockenem Sonderling gemacht, aber weil ich alles <lb/> für
        andere tat, blieb ich lebendig, wirklich und mit- <lb/> fühlend. </p>
      <p>
        <lb/> Rudolf Rauscher war jung, Mitte zwanzig mag er <lb/> gewesen sein, er war verheiratet,
        und manchmal holte <lb/> seine Frau ihn ab. Er führte mich ihr einmal zu. Sie <lb/> war eine
        kleine, zierliche, rothaarige Frau, ein süßes <lb/> Puppenköpfchen, und als ich sie sah,
        dachte ich, wie <lb/> kann Herr Rauscher bloß so ein Spielzeug haben. Sie <pb facs="#f0114"
          n="112"/>
        <lb/> sah mich an, gab mir nicht die Hand und sagte mit <lb/> einer kleinen spröden Stimme: </p>
      <p>
        <lb/> „Also so siehst du aus, du Wunderknabe? Bist du <lb/> ein Judenkind, König?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich schlug die Augen nieder — vor Rudolf Rau- <lb/> scher. Ich fühlte: er schämte
        sich. Aber da lag seine <lb/> leichte Hand auf meiner Schulter, die er zärtlich <lb/>
        drückte: </p>
      <p>
        <lb/> „Grüß die Mutter,“ sagte er, „adjös, Theodor. <lb/> Lauf.“ </p>
      <p>
        <lb/> Als er nicht mehr mein Lehrer war, als wir schon <lb/> bei dem nüchternen, knöchernen,
        sachlichen Fräulein <lb/> Hackert saßen, hörten wir das Gerücht, daß seine <lb/> Frau mit
        einem Geigenspieler eines Cafés ausgerückt <lb/> sei. Er selbst fiel im Kriege. </p>
      <p>
        <lb/> Damals, ehe er mich seiner Frau vorstellte, hatte <lb/> er einmal zu mir gesagt: </p>
      <p>
        <lb/> „Du mußt mich besuchen, Theodor. Du sollst dir <lb/> meine Bücher ansehen, meine
        Herbarien und Schmet- <lb/> terlinge. Und ich habe ein Terrarium mit Ringel- <lb/> nattern
        und Salamandern. Und Schokolade mit Ku- <lb/> chen wirst du auch haben. Willst du mal
        kommen?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich habe niemals, vor keinem Menschen je gewagt, <lb/> meine Gefühle ganz und frei zu
        bekennen. Ich war <lb/> nie schüchtern in irgendeiner Lebenslage, aber mein <lb/> Herz,
        sobald es sprach, machte mich blöde. Als er <lb/> mich fragte: „Willst du kommen?“ — o, ich
        hätte <pb facs="#f0115" n="113"/>
        <lb/> ihn umarmen müssen, knieend. Ich liebte ihn ganz <lb/> anders als meine Mutter, mit
        Unruhe und Hitze und <lb/> Gequältheit. Meine scheuen Blicke auf ihn müssen <lb/> komisch
        gewesen sein vor lauter Anbetung und Hin- <lb/> gabe. Aber auf seine Frage erblaßte ich nur
        und <lb/> nickte stumm. </p>
      <p>
        <lb/> Als jedoch seine Frau so kalt und abstoßend mit <lb/> mir gewesen war, kam er nie mehr
        auf die Ein- <lb/> ladung zurück. Im Gegenteil: er entfernte sich von <lb/> mir. Oft zuckte
        noch seine Hand, mich zu streicheln, <lb/> sein Mund, mich zärtlich zu loben — Er
        unterdrückte <lb/> es. Als er nicht mehr mein Lehrer war, nickte er mir <lb/> meist nur noch
        von fern zu. Er wußte bestimmt, wie <lb/> weh er mir tat. Ich konnte nicht den Vorwurf, die
        ver- <lb/> wundete Liebe in meinem Blick auslöschen. Aber es <lb/> war wohl eben mein Blick,
        den er fürchtete. Er <lb/> fürchtete meine Demut vor ihm, es war vielleicht er- <lb/>
        zieherische Maßnahme, daß er sich mir entzog... <lb/> Heute lächle ich. Ich liebe ihn noch
        immer, und mein <lb/> Herz, wenn ich an ihn denke, wird das Kinderherz <lb/> von damals, so
        rein, wie es später kaum noch geblie- <lb/> ben ist, so anbetend zärtlich, wie man später
        nie <lb/> mehr sein kann. </p>
      <p>
        <lb/> Von ihm hörte ich zuerst in Worte, Lehre, Doktrin <lb/> gefaßt, was ich selbst nur
        dumpf empfand: Men- <lb/> schentum. Er <hi rendition="#g">sagte</hi>: es gibt den Menschen
        neben <lb/> euch! Es gibt den andern! Wenn du etwas bekommst, <pb facs="#f0116" n="114"/>
        <lb/> gib erst dem Bruder — und das ist jeder! — davon <lb/> ab, ehe du nimmst; erst kommen
        alle andern, dann, <lb/> zuletzt, kommst du; Liebe muß Tat sein, Freund- <lb/> schaft,
        Opfer; du wirst satter von dem, was du fort- <lb/> gibst, als von dem, was du issest;
        Freude, die du <lb/> machst, labt <hi rendition="#g">dich</hi>. </p>
      <p>
        <lb/> Viele verspotteten ihn. Pauker nannte man die Leh- <lb/> rer und ihn: Rudi, der
        Moralpauker. Aber was ich <lb/> ahnend empfunden hatte, machte er bewußt. Ich ent- <lb/>
        deckte, wie ungenügend meine Tugend war. Auch die- <lb/> ses Wort: „Tugend“, verrufen,
        verlacht, verhöhnt, <lb/> verachtet, machte er uns lebendig. Er sprach von <lb/> Dingen,
        Zeiten, Erlebnissen, die kein anderer Lehrer <lb/> in keiner Gemeindeschule streift. Er
        erzählte uns <lb/> von den Griechen, und ich hörte, ich lernte das Wort <lb/>
        Kalokagathia... Später habe ich heimlich mit Stefan <lb/> Falk griechisch gelernt. Als ich
        auf die Wurzeln <lb/> dieses Wortes stieß, als ich von „schön“ und „gut“ <lb/> in ihrer
        strahlenden Harmonie las — ich weiß: mein <lb/> Herz stockte... Ich fühlte mich in diesem
        Augen- <lb/> blick dem geliebten Lehrer einverleibt, es war eine <lb/> mystische Hochzeit,
        die ich erlebte. Ich verstand: er <lb/> war das, kallos und agathos. Er war das Ideal.
        Glück- <lb/> liches Kind, das erreichbare Gottheit vor sich sieht. <lb/> Ich wollte ihm
        nahekommen; ich wagte nicht zu wol- <lb/> len: werden wie er. Aber ihm ähnlich sein... </p>
      <p>
        <lb/> Er war es auch, durch den das Wunder geschah... </p>
      <pb facs="#f0117" n="115"/>
      <p>
        <lb/> Der Rektor hatte, als ich in der dritten Klasse war, <lb/> meine Mutter zu sich
        bestellt. Sie hatte damals nur <lb/> am Abend Zeit, kam aus ihrer Waschstellung nach <lb/>
        Haus gelaufen, zog sich um, umarmte mich und lief <lb/> zu ihm. Sie ahnte Gutes... </p>
      <p>
        <lb/> Sie kam erst spät zurück. Henny und Mark schlie- <lb/> fen schon, damals acht und
        sieben alt, gesunde Ber- <lb/> liner Kinder, in der Schule träge, auf der Straße <lb/>
        Anführer. Die Mutter fiel auf einen Stuhl. </p>
      <p>
        <lb/> „Komm her,“ sagte sie leise. „Setz dich auf mei- <lb/> nen Schoß, Teddy. Ja? Du bist
        ein großer Junge, ein <lb/> kleiner Mann, ein verständiger, tüchtiger Mann, aber <lb/>
        heute, Teddy, sei noch einmal mein <hi rendition="#g">kleiner</hi> Junge, <lb/> mein
        Liebling, ja? Hör zu. Siehst du, ich glaube, <lb/> ich weine, das hast du noch nie gesehen.
        Teddy, du <lb/> sollst es gut haben, Teddy, du sollst etwas lernen. <lb/> Dein Rektor kennt
        einen guten reichen Herrn, dem <lb/> hat er von dir erzählt. Ein Herr Falk, er wohnt bei
        <lb/> seiner Fabrik in der Hochstraße. Der will mit dir <lb/> sprechen und dich, wenn er mit
        dir zufrieden ist, auf <lb/> die hohe Schule schicken und das Schulgeld bezahlen <lb/> und
        die Bücher, die du brauchst, auch für anständige <lb/> Kleider sorgen —“ </p>
      <p>
        <lb/> Bei jedem Wort geriet ich tiefer in Verzauberung <lb/> und Fieber. Ich verstand nach
        den ersten Worten gar <lb/> nichts mehr. Mutter redete weiter und weiter. Es war <lb/> Glück
        und zugleich Wehmut in ihrer Stimme, ich <pb facs="#f0118" n="116"/>
        <lb/> hörte die Tränen in ihrem Ton, und auf einmal, <lb/> hinabstürzend aus diesem
        aufgegangenen Himmel, <lb/> flüsterte ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Aber muß ich weg von dir?“ </p>
      <p>
        <lb/> „O, nein!“ rief sie. „Mein Liebling, ich sollte leben <lb/> ohne dich? Nein, du mußt
        natürlich bei mir bleiben. <lb/> Oder möchtest du, Teddy, möchtest?“ </p>
      <p>
        <lb/> Da lachte ich. Über die Herzensangst in ihrer <lb/> Stimme. Und sie sprach weiter. Ja,
        der Herr Rau- <lb/> scher hatte dem Rektor Jahr ein Jahr aus in den <lb/> Ohren gelegen: es
        müßte etwas für mich geschehen, <lb/> ich müßte aufs Gymnasium, später studieren. Da sei
        <lb/> eine Begabung, die verkümmerte und verschüttet <lb/> würde. Er, der Rudolf Rauscher,
        kannte niemanden, <lb/> den er interessieren könnte. Aber der Herr Rektor — </p>
      <p>
        <lb/> Schließlich hatte Herr Falk, der Fabrikdirektor, <lb/> nach den Mitteilungen des
        Rektors auch Herrn Rau- <lb/> scher kommen lassen und mit ihm lange über mich <lb/>
        gesprochen. Ich glühte vor Seligkeit: also verdankte <lb/> ich es ihm, dem geliebten Lehrer.
        Und er hatte mich <lb/> kaum noch merken lassen, daß ich für ihn beson- <lb/> ders da war
        und er für mich mit Gedanken, Liebe <lb/> und Tat. </p>
      <p>
        <lb/> Wir sprachen bis tief in die Nacht, ich konnte nicht <lb/> schlafen. Glücklicherweise
        war es gerade die Zeit, <lb/> wo Vater im Gefängnis saß, und wir waren allein. <lb/> Als ich
        schon im Halbschlummer war, merkte ich, <pb facs="#f0119" n="117"/>
        <lb/> daß Mutter aufstand. Sie nahm das Licht und ging <lb/> in die Küche hinüber. Da sah
        ich sie sich über die <lb/> beiden Kinder beugen, sie beleuchtete sie und starrte <lb/> sie
        an, und ihre Lippen bewegten sich... Sie bat <lb/> ihnen ab, daß sie sie weniger liebte als
        mich, daß <lb/> ich ihr Leben war und sie nur ein Teil davon... <lb/> Sie segnete sie, die
        sie nicht wie mich lieben konnte, <lb/> sie empfahl sie Gott, weil sie ihrer Kräfte Bestes
        für <lb/> mich hingab. Lange stand sie so und betete lautlos, <lb/> und ich war
        eingeschlafen, als sie zurückkehrte. </p>
      <p>
        <lb/> Am andern Tag, in der großen Pause, brachte mich <lb/> Herr Rauscher zum Rektor, von
        dem ich noch einmal <lb/> hörte, was mit mir geschehen sollte. </p>
      <p>
        <lb/> „Theodor König," sagte der Rektor abschließend. <lb/> „Du sollst also heut um sechs
        Uhr bei Herrn Di- <lb/> rektor Falk sein, der dein Gönner werden will. Ich <lb/> gehe nicht
        mit, sprich allein mit ihm. Habe keine <lb/> Angst, du mußt so frei und offen sein, wie du
        zu uns <lb/> bist. Es handelt sich um dein Glück und deine Zu- <lb/> kunft. Und deine Mutter
        verdient die Freude an dir. <lb/> — Mit Gott, mein Junge. Vielleicht verläßt du uns <lb/>
        bald. Aber wir bleiben immer deine Freunde.“ </p>
      <p>
        <lb/> Draußen blieb Herr Rauscher mit mir stehen. Der <lb/> Schulkorridor war ganz leer,
        alle spielten in der Sep- <lb/> tembersonne im Hof, der Lärm drang so fröhlich <lb/> zu uns.
        Er nahm meine Hand in seine beiden, fest, <lb/> sah mich wieder in alter Freundschaft an und
        sagte: </p>
      <pb facs="#f0120" n="118"/>
      <p>
        <lb/> „Höre, alter Junge, soll ich dich wohl begleiten? <lb/> Wenn es dir leichter fällt —
        Weißt du, du kannst <lb/> über mich verfügen — So sagen große Leute, wenn <lb/> sie Freunde
        sind, zueinander.“ </p>
      <p>
        <lb/> O, ich weinte so leicht... Mein Gesicht verzog <lb/> sich nicht, aber es rannen heiße
        Tropfen aus meinen <lb/> Augen. Ich stammelte: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich fürchte mich nicht. Bitte, und ich glaube, <lb/> ich möchte lieber allein gehen.
        Aber —“ Und ich <lb/> sagte plötzlich, woran ich noch gar nicht gedacht <lb/> hatte — ich
        sagte: „Aber ich möchte lieber doch hier <lb/> bleiben —“ Es entriß sich mir: „— bei Ihnen!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Alter Junge,“ sagte er und ließ meine Hand los, <lb/> und ich sah, wie sein Gesicht
        gleichsam erkaltete. <lb/> Warum?... „Du bist ein wunderliches Gemisch von <lb/> kleinem
        Mann und großem Kind. Geh also allein und <lb/> wähle dein Bestes. Du mußt das tun, was dich
        am <lb/> weitesten bringt. Je mehr du weißt und erlebst, desto <lb/> mehr kannst du den
        Menschen geben. Herr Falk ist ein <lb/> guter und reiner Mensch, vertrau dich ihm an. Du
        <lb/> bist ein kleiner Junge, mein Alter, und sollst dich <lb/> fürs Leben entscheiden. Aber
        ich weiß: du schaffst <lb/> es! — Auf Wiedersehen morgen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Es war ein Tag, an dem Mutter zu Haus wusch. <lb/> Sie hatte Henny und Mark erzählt,
        was mit mir und <lb/> für mich geschehen sollte. Ich spürte es sofort, als <lb/> ich zur Tür
        hereinkam. Die beiden Kinder sahen <pb facs="#f0121" n="119"/>
        <lb/> mich, sie streckten unbewußt die Hand nach einander <lb/> aus und wichen zurück. Vor
        mir... Sie liebten mich, <lb/> mit mir zu spielen war ihr höchstes Glück, wenn ich <lb/>
        ihnen meine Kunststücke vormachte, beteten sie mich <lb/> an, sie waren zu mir zärtlicher
        und zutraulicher als zu <lb/> Mutter. Und plötzlich war ich ihnen entrückt, war <lb/> ich
        ihnen unheimlich... Ich sollte auf die hohe <lb/> Schule kommen, bunte Mütze tragen, neue
        Kleider, <lb/> ich sollte ein Herr werden... Das verstanden sie, <lb/> acht und sieben,
        schon gut... </p>
      <p>
        <lb/> Ich erschrak so sehr. Ich starrte sie an, und als <lb/> ich lächelte, drehte Henny
        sich um, und Mark schnitt <lb/> mir eine Grimasse. Zum ersten Mal waren sie böse und <lb/>
        ungezogen mit mir... Ich begriff es sofort. Ach, <lb/> ich selbst fühlte mich ja schon
        anders, schon außer- <lb/> halb. Oder war es nur die Kälte, die mir entgegen- <lb/>
        strömte?... Die altbekannte Küche stand auch wie <lb/> etwas Neues da, ich sah die
        geschwärzten Wände, <lb/> die verbogenen Dielen, das bißchen Geschirr, die <lb/> beiden
        armseligen Töpfe, in denen Kartoffeln und <lb/> Kohl kochten — Und dann sah ich Mutter... </p>
      <p>
        <lb/> Sie stand am Waschtrog, und ihre Arme staken im <lb/> Seifenschaum. Dampf umwölkte
        sie, die angebetete, <lb/> ewige, nie gestürzte Gottheit meines Lebens, sie ruhte <lb/> in
        der Minute, in der sie mich betrachtete, und sie <lb/> lächelte mir entgegen, in den Augen
        Glück und Weh- <lb/> mut und Stolz und Angst — </p>
      <pb facs="#f0122" n="120"/>
      <p>
        <lb/> Und da — ja, da sah ich: auch sie war mir ent- <lb/> fernt... Ich war schon nicht mehr
        nur ihr Kind, ich <lb/> war schon der Gymnasiast in neuen Kleidern, der bei <lb/> Direktor
        Falk ins Haus kam, ich war der junge <lb/> Herr, der fremde Sprachen sprach und für die Uni-
        <lb/> versität bestimmt war. Sie hatte schon ein bißchen <lb/> Scheu vor mir, vor meiner
        neuen Sphäre, sie, die doch <lb/> aus derselben stammte, die reiche Müllerstochter, die
        <lb/> Reisen gemacht hatte und französisch und englisch <lb/> sprechen konnte... Sie schob
        jetzt etwas zwischen <lb/> uns, eine Art von Achtung, die eine Mutter nicht <lb/> vor ihrem
        Sohne haben kann, ohne eine Fremdheit <lb/> zu erzeugen, sie sah mich mit einem Respekt an,
        daß <lb/> ich mich glühend meiner selbst schämte — und <lb/> ihrer! ihrer, die Menschentum
        geringer schätzte als <lb/> Bildung und Bürgerlichkeit, die sich klein vorkam <lb/> vor
        gesichertem Herrentum, die ihr Kind aus ihrer <lb/> einzig würdigen, menschlichen in eine
        ihr höher schei- <lb/> nende, weil bürgerlich gefestigte Sphäre rückte... </p>
      <p>
        <lb/> Ich brannte in Scham — für meine Mutter. Ich litt <lb/> unter der Verachtung der
        Geschwister. Denn diese <lb/> beiden Kinder, im Proletariat aufgewachsen, sie hat- <lb/> ten
        die richtige Einstellung: sie verschmähten, ver- <lb/> spotteten den Bruder, der zu den
        Bürgern überging, <lb/> der Herr werden wollte. Aber Mutter war verbildet <lb/> von Bildung
        und wohlhabender Jugend, sie hat nie <lb/> ihre konservativen Vorurteile verloren. Sie hielt
        sich <pb facs="#f0123" n="121"/>
        <lb/> für <hi rendition="#g">gesunken</hi>, weil sie arm war und ihr Mann <lb/> im Gefängnis
        saß... </p>
      <p>
        <lb/> Ich verstand diese Einstellung später, aber gefühls- <lb/> mäßig konnte ich sie nie
        begreifen. Ich weiß nur, <lb/> daß das Kindererlebnis entscheidend ist. Frauen, die <lb/>
        ärmer als Mutter waren, hatten eine gewisse soziale <lb/> Würde, die Mutter nie aufbrachte:
          <hi rendition="#g">sie</hi> war deklassiert, <lb/> sozial hinabgestiegen, sie sah immer
        noch alles aus <lb/> der Perspektive ihres Vaterhauses. Sie sah also auch <lb/> auf sich
        selbst hinab. Aber schon nicht mehr auf ihre <lb/> Kinder, die ja schon im Proletariat
        geboren waren. <lb/> In der Idee saß sie noch heut am Fenster ihres <lb/> sicheren, warmen,
        duftenden Mädchenzimmers und <lb/> sah so verständnislos wie leise angeekelt auf Dienende
        <lb/> und Arbeitende hinab. Daß sie selbst nun zu diesen <lb/> zählte, machte die Klasse der
        Armen nicht menschen- <lb/> würdiger. Ich glaube, sie hat in dieser Zeit auch sich <lb/>
        selbst nicht mehr verstanden: daß sie von ihrem <lb/> weißen Zimmer in die Kammer des
        Müllerknechtes <lb/> hatte hinuntersteigen können... Sie hatte es getan <lb/> damals ohne
        eine Spur sozialen Empfindens, sie hatte <lb/> ganz vergessen, daß Georg König ein Prolet
        war, <lb/> so verklärte ihn ihr die Liebe. Aber als die Liebe <lb/> fort war und sie ihn
        sah, wie er war, ungebildet, <lb/> grob, ein Tagelöhner, da mußte sie ihr Tun für <lb/>
        Wahnsinn halten, da sie es einfach nicht mehr ver- <lb/> stand. Ja, sie mußte sich anklagen,
        Kinder in diese <pb facs="#f0124" n="122"/>
        <lb/> Welt des Elends gesetzt zu haben. Sie war an unserm <lb/> Hunger und Entbehren schuld.
        Wäre sie geblieben, <lb/> wo hinein sie geboren war, hätte sie uns ja in Reich- <lb/> tum
        und Bildung hineingesetzt... </p>
      <p>
        <lb/> Und jetzt sah sie — meine Mutter mich! — sie <lb/> sah mich an wie einen Menschen aus
        ihrer verlorenen <lb/> Sphäre. Sie war eine Proletarierfrau geworden, und <lb/> ich wuchs
        zum Herrn. Der Respekt in ihrem Blick <lb/> war mir wie Hölle. Ich brannte... </p>
      <p>
        <lb/> Nicht mehr das, was ich nachher tat, was ich tun <lb/> mußte, sondern dieser
        Augenblick der Erkenntnis war <lb/> einer der bittersten meines Lebens. Wenn ich meine <lb/>
        Bestimmung erfüllte, verlor ich die Mutter und die <lb/> Geschwister... Verlor sie in meinem
        Sinn: sie wür- <lb/> den nicht mehr natürlich mit mir sprechen, würden <lb/> befangen,
        verlegen, schüchtern und bedrückt sein, <lb/> kein Zutrauen mehr haben, Respekt — o, diesen
        <lb/> fürchterlichen Respekt vor mir. Ich würde in einer <lb/> Welt leben, zu der sie keinen
        Zutritt hätten... </p>
      <p>
        <lb/> Bestimmung... Ich dachte damals töricht, es gäbe <lb/> eine Bestimmung, die man
        verfehlen, der man sich <lb/> entziehen könnte... Ich war doch ohne Erfahrung <lb/> und ohne
        Einsicht. Jeder entscheidet nur, was längst <lb/> entschieden ist, wählt immer nur das von
        Oben Be- <lb/> fohlene. <hi rendition="#g">Gehen</hi> können wir, aber nur den Weg, auf
        <lb/> den wir gestellt sind... </p>
      <p>
        <lb/> Nie war ich schweigsamer als an jenem Tage. Die <pb facs="#f0125" n="123"/>
        <lb/> Mutter beobachtete mich viel, aber sie ahnte nicht, <lb/> was in mir kämpfte und litt,
        und was sich da in <lb/> schmerzlichen Stunden entschied. Um fünf Uhr wusch <lb/> sie mich
        selbst, in ihrem Waschfaß, von Kopf bis <lb/> zu Fuß. Ich bekam alles sauber angezogen, die
        ge- <lb/> platzten Schuhe funkelten. Und sie bestand noch <lb/> darauf, mich zu begleiten.
        Wir gingen langsam, es <lb/> war noch Zeit. Kaum jemals hatte es das gegeben, <lb/> daß ich
        so mit Mutter spazieren ging. Es war staubig <lb/> in der Brunnenstraße und heiß. Blätter
        fielen schon <lb/> welk und dürr von den Bäumen. Der Humboldt- <lb/> hain war trocken und
        grau, von den tief eingeschnit- <lb/> tenen Geleisen der Stadtbahn wölkte dicker Rauch <lb/>
        empor. </p>
      <p>
        <lb/> An der Ecke der Hochstraße blieb Mutter stehen. <lb/> O, sie wagte sich nicht weiter
        in die Nähe des rei- <lb/> chen Hauses, in die Sphäre der gesicherten Bürger, <lb/> in das
        Reservat des damals noch so fetten Mittel- <lb/> standes. Sie, die doch keine war, war
        demütiger, <lb/> feiger und linkischer als jede Proletarierfrau. Ich <lb/> verließ sie. Und
        da es sechs von der Himmelfahrts- <lb/> kirche schlug, lief ich und sah mich nicht mehr um. </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt fror ich bald, bald glühte ich. Und schon war <lb/> das Haus da. Hinten der rote
        Backsteinbau der Fabrik <lb/> und vorn, an der Straße, mit schmalem Vorgarten, <lb/> eine
        zweistöckige Villa, ganz einfach, mit großen <lb/> Fenstern. Und als ich an der Glocke zog,
        wurde ich <pb facs="#f0126" n="124"/>
        <lb/> so ruhig, daß ich lächelte. Zum ersten Mal, kaum be- <lb/> wußt, empfand ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Lohnt das alles sich? Was ist es? Ist es nicht <lb/> nichtig? Was hat Sinn? Dieses
        da, was vor sich <lb/> geht, gewiß nicht. Nur, einmal, der Gewinn daraus...“ </p>
      <p>
        <lb/> Ein Mädchen öffnete. Schwarzes Kleid, weiße <lb/> Schürze, weißes Häubchen. Ich
        schnupperte. Hier <lb/> duftete es. Es war meine erste Begegnung mit der <lb/> andern Welt,
        der erste Schritt in die Sphäre jenseits <lb/> des Proletariats. Ich hatte auf „Bürger“
        schimpfen <lb/> gehört, auf „Gesellschaft“, „Kapital“, „besitzende <lb/> Klasse“. Jetzt sah
        ich dies alles zum ersten Mal, sah es <lb/> mit aufgeschlossenen Sinnen. </p>
      <p>
        <lb/> Das Mädchen wußte schon, daß ich erwartet war. <lb/> Und es sagte mir höflich, als sei
        ich schon ein Herr, <lb/> ein junger Mann aus dem Kreise ihrer Herrschaft, daß <lb/> der
        Herr Direktor eben noch einen Herrn bei sich <lb/> habe, aber bald frei sein würde. Diese
        mir noch nie <lb/> erwiesene Achtung machte mich nun gleichzeitig ver- <lb/> legen und gab
        mir Sicherheit. Ich wäre viel befan- <lb/> gener gewesen, wäre ich als kleiner Prolet
        aufgenom- <lb/> men worden. Ganz sicher fühlte ich mich, als ich <lb/> in einer kleinen
        Diele wartete. Ich sah mich ruhig um, <lb/> ich fand das alles gar nicht so fremdartig. Ich
        hatte <lb/> zwar noch nie einen Teppich an der Wand hängen <lb/> sehen, noch nie eine bunte
        hölzerne Madonna und <lb/> einen Backsteinkamin. Aber es war doch ein wenig, ein <pb
          facs="#f0127" n="125"/>
        <lb/> ganz klein wenig so, als hätte ich derlei in einem <lb/> früheren Leben genossen oder
        im Traume mich seiner <lb/> bedient. </p>
      <p>
        <lb/> Wie ich so saß, entdeckte ich plötzlich, daß eine <lb/> Tür offen stand und dahinter,
        in einem von Sonne <lb/> noch schimmernden Zimmer, ein kleines Mädchen <lb/> in einem weißen
        Kleid, ein Mädchen von sechs oder <lb/> sieben Jahren, das eine nackte Puppe im Arm hielt.
        <lb/> Sie hatte den Kopf vorgeneigt und sah aus, als <lb/> horchte sie, aber sie betrachtete
        nur mich. Ich lä- <lb/> chelte ihr zu — ich war ja immer mit kleinen <lb/> Kindern zusammen
        gewesen und verstand mich auf <lb/> sie — und winkte ihr. Aber ihr Gesichtchen blieb un-
        <lb/> bewegt. Sie starrte mich unentwegt an. Auf einmal <lb/> sagte sie mit sehr hohem
        Stimmchen: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich heiße Lilian.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Komm doch her, Lilian,“ gab ich zurück, „komm, <lb/> zeig mir deine Puppe. Schön ist
        die, ich habe noch <lb/> nie eine so schöne gesehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie schüttelte den Kopf und versteckte die junge <lb/> Dame hinter dem Rücken. </p>
      <p>
        <lb/> „Wie heißt du?“ fragte sie. </p>
      <p>
        <lb/> Sie dachte nach, als sie meinen Namen hörte. Dann <lb/> kam sie. </p>
      <p>
        <lb/> „So, du bist das? Du wirst jetzt zu uns spielen <lb/> kommen, habe ich gehört. Da,
        sieh sie dir an. Sie <lb/> heißt Diana.“ </p>
      <pb facs="#f0128" n="126"/>
      <p>
        <lb/> „Diana? Ein feiner Name.“ </p>
      <p>
        <lb/> „So? Ich weiß nicht. Aber sie heißt so, weil Tante <lb/> Diana so heißt. Papa hat
        Besuch. Wirst du mit mir <lb/> spielen?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Natürlich, Lilian, du gefällst mir.“ </p>
      <p>
        <lb/> „So? Aber du —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Was denn?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Du gefällst mir —“ sagte sie zögernd. Ich wartete <lb/> auf das „Nicht“. Sie
        schwankte und sah mich an. <lb/> Da kam ein Junge die Treppe heruntergelaufen. </p>
      <p>
        <lb/> Es ging mir auf: so hatte ich noch nie einen <lb/> Jungen laufen, Stufen springen
        sehen, ich hatte auch <lb/> noch nie ein kleines Mädchen so frei und gleichsam <lb/>
        achtlos, nebensächlich, selbstverständlich eine Puppe <lb/> halten und heranschlendern
        sehen. Das war vielleicht <lb/> der größte, weil ganz unerwartete Eindruck dieses <lb/>
        Abends, ich sah die „andern“ sich bewegen. Ich <lb/> lernte einen neuen Rhythmus kennen,
        eine neue, ach, <lb/> die erste Harmonie der körperlichen Bewegung. Und <lb/> wieder sprang,
        bei meiner motorischen Begabung, <lb/> sofort alles Gesehene in mich über, und meine Mus-
        <lb/> keln und Bänder und Gelenke lösten, selbst unbewegt, <lb/> die gesehenen Gesten in
        sich aus. </p>
      <p>
        <lb/> Dieser Junge war Stefan Falk... </p>
      <p>
        <lb/> Auch er war, wie Lilian, dunkel, bräunlich von <lb/> Haut, wie bei ihr waren auch
        seine Augen zu hell- <lb/> braun für den Typ. Er war sehr schön, ich glaubte, <pb
          facs="#f0129" n="127"/>
        <lb/> noch nie einen schöneren Jungen gesehen zu haben, <lb/> er war schöner als seine
        Schwester. Ihr Gesicht war <lb/> weich und sozusagen dämmerig, verschleiert, aber <lb/>
        seines war so rein geschnitten, so klar in den Flächen. <lb/> Und es ging von ihm die
        Wahrheit aus... </p>
      <p>
        <lb/> Er rief, noch ehe er mir die Hand gab: </p>
      <p>
        <lb/> „O, du bist also der Junge, der in meine Klasse <lb/> kommen wird? Oktober, in die
        Sexta. Lessing-Gym- <lb/> nasium, weißt du? In der Pankstraße. Dufte Gegend, <lb/> was?
        Macht nichts! Wir sollen zusammen arbeiten. <lb/> Au backe! fein! du, das ist Puppe!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Pfui!“ rief Lilian, „Stefan, wie du redest! Das <lb/> sage ich Fräulein!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Alte Klatsche!“ brummte der schöne Junge von <lb/> oben herab. „Marsch ab. — Du,
        Theodor, komm mal <lb/> rauf zu mir, ich zeig dir alles. Ich habe —“ </p>
      <p>
        <lb/> Lilian unterbrach ihn geringschätzig: </p>
      <p>
        <lb/> „Der Junge muß zu Papa gehen. Laß ihn mal <lb/> hier.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah beide an. Ich liebte sie sofort. Ach, so <lb/> habe ich immer die Schönheit
        auf den ersten Blick <lb/> lieben müssen. </p>
      <p>
        <lb/> Die beiden begannen sich zu zanken. Und wieder <lb/> hörte ich die Worte nicht und
        schaute nur zu. Selbst <lb/> den Kopf trugen sie anders als bei uns, ihr Hals <lb/> spielte
        wundersam über den Schultern; die Fäuste, <lb/> die die kleine Lilian ballte, blieben weich
        und weiß. <pb facs="#f0130" n="128"/>
        <lb/> Ich hätte die Haut der Kinder berühren mögen, sie <lb/> zog mich an wie eine
        unerreichbare Frucht; oder ihr <lb/> glänzendes Haar; selbst nur ihre Kleider. </p>
      <p>
        <lb/> Da kam aus einer Tür jenes Mädchen, das mir die <lb/> Tür geöffnet hatte, und ließ
        einen jungen Herrn in <lb/> hellem Anzug vorangehen, dem sie Hut und Stock <lb/> reichte und
        das Tor zur Straße öffnete. Das alles <lb/> verzauberte mich. O, was für wunderbare Sitten!
        <lb/> Und das Wunderbarste, daß diese Kinder das alles <lb/> gar nicht merkten, daß es ihnen
        nichts neues und be- <lb/> sonderes war. Sie taten mir leid; wieviel Freude ent- <lb/> ging
        ihnen! </p>
      <p>
        <lb/> Das nette Mädchen sagte, zurückkommend, leise zu <lb/> den Kindern: </p>
      <p>
        <lb/> „Geht hinauf, Fräulein sucht euch.“ Und zu mir: <lb/> „So, mein Junge, Herr Direktor
        erwartet dich jetzt. <lb/> Komm mit.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich nickte den Kindern zu. Stefan drückte mir fest <lb/> die Hand. </p>
      <p>
        <lb/> „Komm doch nachher hinauf. Ich hab dir so viel <lb/> zu zeigen, wir werden gar nicht
        fertig. Und jetzt mußt <lb/> du überhaupt jeden Tag kommen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich nickte. Lilian ging an mir vorüber. Sie hielt <lb/> die Puppe umarmt und reichte
        deren einen Arm <lb/> mir hin. </p>
      <p>
        <lb/> „Sag dem Jungen Adieu, Diana.“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber sie ging so schnell, daß ich den Sinn ihrer <pb facs="#f0131" n="129"/>
        <lb/> Worte und die Gebärde erst verstand, als sie schon <lb/> an der Treppe stand. </p>
      <p>
        <lb/> Ich folgte dem Mädchen. Wir gingen durch ein <lb/> Zimmer, in dem zwei Flügel standen,
        Notenpulte, <lb/> ein Cellokasten. Es war ein dunkelblaues Zimmer. <lb/> Dann kam anstoßend
        ein kleiner Raum, ganz grün, <lb/> und ich entdeckte, daß ihm ein Glashaus vorgelagert <lb/>
        war, ein Glashaus mit Bäumen und Blumen, und ich <lb/> unterschied darin Frauen in weißen
        Kleidern. Dann <lb/> öffnete das Mädchen, das gewiß mit Rücksicht auf <lb/> meine Fremdheit
        ganz langsam ging, eine Tür, und <lb/> da war ein Bücherzimmer... </p>
      <p>
        <lb/> Still war es überall gewesen, aber jetzt empfing <lb/> mich ein Schweigen. Große
        dunkle Möbel gab es da, <lb/> Bücherschränke an zwei Wänden entlang. Gerade der <lb/> Tür
        gegenüber war ein breites Fenster, durch das <lb/> man den Hof sah und die rote
        Backsteinfabrik. Es <lb/> war schon Feierabend. Es war still. Im Hof stand <lb/> ein Mann
        und wusch einen Landauer. </p>
      <p>
        <lb/> Am Schreibtisch vor diesem Fenster stand ein Mann, <lb/> und er kam mir entgegen,
        nicht groß, sehr schmal, <lb/> ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, da er das <lb/>
        Fenster im Rücken hatte. Ich ging furchtlos auf ihn <lb/> zu, und ich glaube, daß ich damals
        nur so sicher und <lb/> ruhig war, weil ich ja alles schon beschlossen hatte <lb/> und mit
        unumstößlichem Entschluß hierher gekom- <lb/> men war. </p>
      <pb facs="#f0132" n="130"/>
      <p>
        <lb/> „Also das bist du, Theodor König.“ Ich wunderte <lb/> mich, was dieser schlanke kleine
        Herr für eine tiefe, <lb/> große Stimme hatte. „Komm, setz dich zu mir. — <lb/> Halt,
        Frieda,“ rief er dem Mädchen nach, „was geben <lb/> wir denn unserm kleinen Gast? Vielleicht
        ist noch <lb/> von dem Gefrorenen da, oder bringen Sie eine Limo- <lb/> nade, bitte,
        Frieda.“ Er lächelte ihr zu. Und ich liebte <lb/> ihn schon. Dieses Lächeln, seine Stimme
        waren von <lb/> Liebe erfüllt, auch die Wärme seiner Hand, mit der <lb/> er mich noch immer
        hielt. </p>
      <p>
        <lb/> Er führte mich zu einem Sessel. Ich saß zum ersten <lb/> Mal so großartig. Anzulehnen
        wagte ich mich nicht. <lb/> Ich hatte — aus rätselhaftem Instinkt — mich erst <lb/> nach ihm
        gesetzt. Er sah mich unverwandt an, das <lb/> Lächeln war in seinen blauen Augen geblieben. </p>
      <p>
        <lb/> „Du kommst allein, mein Junge. Ich dachte, deine <lb/> Mutter wird dich begleiten. Das
        meiste hätte ich ja <lb/> mit ihr zu besprechen. Aber da sie dich schickt, ist <lb/> sie ja
        einverstanden. Und das Wichtigste ist wohl, daß <lb/> wir beide uns verständigen. Wir werden
        ganz ernst- <lb/> haft zusammen reden, Theodor. Man kann doch. Du <lb/> siehst klug aus.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich lächelte ihn an, und da er nicht weiter sprach, <lb/> sagte ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich bin nicht mehr so dumm, nein. Ich werde <lb/> schon verstehen. Aber —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich stockte. Wenn ich jetzt sagte, was ich wollte <pb facs="#f0133" n="131"/>
        <lb/> und mußte, so mußte ich auch aufstehen und gehen. <lb/> Und es war so schön hier, die
        Menschen, die Ruhe, das <lb/> Schweigen, selbst das Licht. Ich meinte nicht die Pracht <lb/>
        der Möbel und die Bilder und Sessel, nicht den Reich- <lb/> tum, sondern die Atmosphäre. Und
        erst viel später be- <lb/> griff ich, daß es tatsächlich des Reichtums bedarf, <lb/> um
        Schönheit und Ruhe zu haben, und daß das Licht <lb/> die sanfte Dämpfung nur bekommt, wenn
        es durch <lb/> Spitzen und Seide gebrochen wird, und daß Geld <lb/> nötig ist, um diese
        Atmosphäre des Friedens zu erzeu- <lb/> gen... Damals empfand ich alles nur als Ausfluß des
        <lb/> Menschentums der Bewohner. Aber das ist, schließ- <lb/> lich, auch zuletzt bestimmend.
        Nur daß einem alles <lb/> Menschentum nichts nützt, wenn man nicht die äuße- <lb/> ren
        Möglichkeiten seines Auswirkens hat. </p>
      <p>
        <lb/> Der Direktor lehnte sich zurück und drückte auch <lb/> mich gegen die Lehne meines
        roten Ledersessels. </p>
      <p>
        <lb/> „Mach es dir ganz bequem, Theodor. Also Herr <lb/> Rauscher und der Herr Rektor
        finden, man sollte dir <lb/> bessere Gelegenheit geben zu lernen. Ich will dich <lb/> nicht
        etwa prüfen. Aber ich sehe, du hast auch keine <lb/> Angst. Denk dir nur, ich sei dein
        Freund. Willst du?“ </p>
      <p>
        <lb/> „O ja, Herr Falk. Nur alte Leute können meine <lb/> Freunde sein. Die jungen wissen so
        wenig.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Und du? Weißt du viel?“ </p>
      <p>
        <lb/> „O ja, ich weiß schon allerlei. Ich bin ja erst neun <lb/> Jahre, aber wir sind sehr
        arm.“ </p>
      <pb facs="#f0134" n="132"/>
      <p>
        <lb/> „Theodor, arm wirst du auch bleiben. Du darfst <lb/> nur nicht denken, daß sich in
        deinem Leben viel <lb/> ändern wird. Du sollst nur das Gymnasium besu- <lb/> chen und
        anständig angezogen gehen, mit Stefan <lb/> arbeiten und spielen. Das ist mein Junge, er ist
        genau <lb/> so alt wie du.“ </p>
      <p>
        <lb/> Es klopfte, und Frieda brachte auf einem silber- <lb/> blitzenden Tablett ein
        Glastellerchen mit rosa Eis, <lb/> ein Glas Zitronenwasser, ein Körbchen mit süßen Ku- <lb/>
        chen. Das war für mich. Der Direktor gab mir selbst <lb/> den Teller in die Hand, das
        Löffelchen war aus Gold. <lb/> Ich aß mein erstes Eis — Ach, es war wohl schon <lb/> ein
        bißchen zu viel für einen einzigen Tag — </p>
      <p>
        <lb/> Und zugleich — ja, zugleich genoß ich alles als <lb/> das Einmalige... Ich wußte ja:
        nur heut... Und dar- <lb/> um brannte sich alles so glühend in mein Herz... </p>
      <p>
        <lb/> Während ich wie ein Prinz im Märchen aß — und <lb/> das war Mutter, daß ich hier mit
        Ehren bestand, mich <lb/> nicht beschmutzte, nichts fallen ließ, ohne Hast das <lb/>
        Wunderbare verzehrte —, währenddem betrachtete ich <lb/> meinen neuen Freund. Ich hatte noch
        nie einen so ge- <lb/> kleideten Herrn gesehn, das Hemd war bunt gestreift <lb/> und weich,
        am Anzug kein Stäubchen, er hatte un- <lb/> beschreiblich schöne Hände. Sein Gesicht war
        schön <lb/> durch die Liebe darin, er war schön durch den Klang <lb/> seiner Stimme. Mein
        Herz flog ihm zu. </p>
      <p>
        <lb/> „Du kannst mir vertrauen, Theodor. Ich bin gerade <pb facs="#f0135" n="133"/>
        <lb/> fünfmal so alt wie du, aber ich habe noch nicht ver- <lb/> gessen, wie es war, als ich
        jung war. Ich will dich zu <lb/> verstehen suchen, sei ganz aufrichtig zu mir.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich hörte zu löffeln auf. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich will Ihnen zu allererst etwas sagen. Sie wissen <lb/> gewiß nicht, daß wir sehr
          <hi rendition="#g">arm</hi> sind. Der Herr <lb/> Rauscher und der Herr Rektor konnten
        Ihnen nicht <lb/> alles sagen, denn sie wissen ja nicht alles. Meine <lb/> Mutter ist
        Waschfrau, und ich habe schon mitver- <lb/> dient. Ich habe einmal in Geschäften nachmittags
        <lb/> ausgetragen, zehn Pfennig die Stunde. Und ich habe <lb/> vor dem Nachtasyl Tabak
        verkauft, den hab ich aus <lb/> Zigarettenenden gemacht, die hab ich auf den Stra- <lb/> ßen
        aufgeklaubt. Und ich habe — ja, ich habe bet- <lb/> teln — —“ Nein! ich konnte nicht sagen:
        ich <lb/> habe betteln müssen! Das hieße, Vater verraten <lb/> und bloßstellen. Ich
        verbesserte: „Ich habe ge- <lb/> bettelt —,—“ </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt zitterte der Teller in meiner Hand, der Löffel <lb/> klirrte. </p>
      <p>
        <lb/> Er beugte sich vor, legte seine Hände um meine <lb/> eiskalte Hand und sah mich an — —
        O, meine <lb/> schnellen Tränen! Sie fielen mir wieder aus den <lb/> Augen... Und da war er
        wie Mutter. Er trocknete <lb/> sie mit seinem Tuch. Das war so fein, wie ich noch <lb/> nie
        eines gefühlt hatte. </p>
      <p>
        <lb/> „Ruhig, mein liebes Kind,“ flüsterte er. „Sei still. <pb facs="#f0136" n="134"/>
        <lb/> Ich weiß.“ Er nahm mir den Teller ab, gab mir das <lb/> Glas. „Trink, das ist kühl.
        Später wirst du mir alles <lb/> erzählen —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Alles!“ stammelte ich. „Ja!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Alles, mein Junge. — So, ist es gut?“ </p>
      <p>
        <lb/> Seine Hand auf meinem Haar... Es war wie Mut- <lb/> ter. War es vielleicht noch süßer
        als Mutter, da es <lb/> ein Fremder war? </p>
      <p>
        <lb/> Nun dachte ich, ich müßte erklären, entschuldi- <lb/> gen, und so sagte ich denn, zu
        ihm aufblickend — <lb/> ich spürte genau in diesem Augenblick, wie häßlich <lb/> ich war!
        noch häßlicher hier in diesem schweigenden <lb/> Raum, vor ihm — ich sagte leise: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich bin ja erst neun Jahr —“ </p>
      <p>
        <lb/> Als wollte ich alles damit aufklären, auch meine <lb/> Häßlichkeit und Dürftigkeit,
        meine fahle Haut <lb/> und das geplatzte Oberleder meiner zu großen <lb/> Schuhe... </p>
      <p>
        <lb/> Er sah auf mich hinab. Plötzlich wandte er sich, <lb/> schnell, ab und ging an das
        Fenster. </p>
      <p>
        <lb/> Es dauerte lange, bis er wiederkam. Er setzte sich, <lb/> sein Gesicht war so ernst,
        er sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Einmal war ich auch arm, nicht so wie du, Theo- <lb/> dor, aber ich fing ganz klein
        an, als Lehrling. Alles <lb/> was du hier siehst, ist selbsterworben, nichts über- <lb/>
        nommen und ererbt. Also verstehe ich dich. Ich freue <lb/> mich, daß du Vertrauen zu mir
        hast. Und nun höre. <pb facs="#f0137" n="135"/>
        <lb/> Du sollst Oktober mit meinem Jungen zusammen in <lb/> die Sexta vom Lessinggymnasium
        eintreten. Ich will <lb/> für die ganze Schulzeit —“ </p>
      <p>
        <lb/> Da stellte ich meinen Teller auf den Tisch. Ich <lb/> habe mein erstes Gefrorenes
        nicht aufgegessen. Ich <lb/> habe weiterhin in meinem Leben viele solche Herrlich- <lb/>
        keiten und Süßigkeiten ungegessen stehen lassen <lb/> müssen, weil ich reden mußte oder
        weiter mußte oder <lb/> Notwendigeres zu erledigen war. Ich unterbrach mei- <lb/> nen großen
        Freund: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich muß Ihnen etwas sagen. Nein! ich muß Ihnen <lb/> ja Nein sagen. Ich will ja gar
        nicht. Ich wollte noch <lb/> bis heut mittag —“ </p>
      <p>
        <lb/> Er starrte mich an. Als ich, von seinem Blick er- <lb/> schreckt, schwieg, murmelte
        er: </p>
      <p>
        <lb/> „Weiter. Sprich nur. Weiter. Hab Mut.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ach, ich kann das ja gar nicht sagen. Es ist zu <lb/> schwer. Ich weiß ja gar nicht,
        warum eigentlich. Aber <lb/> ich will Ihnen erzählen. Da kam ich also nach Haus <lb/> und
        freute mich, und da war Mutter und Henny <lb/> und Mark — das sind meine Geschwister. Alle
        sahen <lb/> mich so an, daß ich erschrak. Ich dachte, sie sind ja <lb/> plötzlich ganz
        anders. Und was hab ich denn? Sie sahen <lb/> so aus, als wenn sie mich nicht mehr liebten.
        Auch <lb/> Mutter hatte keine rechte Traute mehr — ja, so <lb/> sagt man auf der Straße, ich
        weiß nicht, wie’s richtig <lb/> heißt. Also ich wußte bloß: nein, es geht nicht, ich <pb
          facs="#f0138" n="136"/>
        <lb/> muß dableiben. Ich darf nicht fortgehen und was <lb/> lernen, was die nicht wissen,
        und wo leben, wo die <lb/> nicht hinkommen. Ach, ich kann es ja nicht er- <lb/> klären, ich
        bin zu dumm. Aber ich will nun aber doch <lb/> nicht. O, ich danke Ihnen sehr. Sehen Sie,
        ich weiß, <lb/> ich hätte alles, was Sie wollen, gelernt, ganz schnell, <lb/> und ich hätte
        so gern gelernt, o so schrecklich gern <lb/> hätte ich gelernt. Aber ich will nicht —“ </p>
      <p>
        <lb/> Es war die längste Rede vielleicht, die ich in mei- <lb/> nem Leben bis heut gehalten
        habe. Und ich war noch <lb/> nicht fertig. Ich sah das Gesicht des Mannes so <lb/> ernst vor
        mir wie noch niemals eines. Es war nicht <lb/> traurig, traurige Gesichter kannte ich ja
        gut. Nein, <lb/> es war viel weiter weg. Traurigkeit kam mir immer <lb/> nah. Es war das
        ernsteste Gesicht. Manchmal hatte <lb/> Rudolf Rauscher mich so angesehen. Im traurigen
        <lb/> Gesicht ist Gefühl, im ernsten Gedanke. Und in einen <lb/> Gedanken zu blicken, ist so
        seltsam und beängstigend. <lb/> Ich sah: Herr Falk <hi rendition="#g">dachte</hi>... Ich sah
        ihn denken, <lb/> über mich. Und meine Stimme zitterte. Ich fürchtete <lb/> mich. O, könnte
        ich es ihm doch erklären! </p>
      <p>
        <lb/> „Ich weiß ja nicht,“ stammelte ich. „Ich wünsch <lb/> mir ja so sehr, alles zu lernen,
        aber ich darf wirklich <lb/> nicht. Ich muß dableiben. Sehen Sie, auch wenn es <lb/> Mutter
        nicht gäbe und Henny und Mark nicht — <lb/> Auch dann dürfte ich es nicht einmal tun. Ich
        kann <lb/> es nicht erklären. Wenn Sie — wenn Sie —“ </p>
      <pb facs="#f0139" n="137"/>
      <p>
        <lb/> Ich suchte verzweifelt nach Worten. Aber was <lb/> wollte ich denn ausdrücken?
        Verstand ich denn, was <lb/> in mir vorging? was mich zerriß und zwang? </p>
      <p>
        <lb/> „Kind!“ rief der ernste Mann. „Sei still. Bist du <lb/> nicht neun Jahr?“ </p>
      <p>
        <lb/> Er legte den Kopf in seine Hände. Und jetzt hörte <lb/> ich etwas, Musik, von einem
        andern Zimmer. Ein <lb/> paar Töne... </p>
      <p>
        <lb/> Er sah wieder auf. </p>
      <p>
        <lb/> „Menschheit, Menschheit,“ murmelte er. „O der <lb/> Mensch! o menschliche Ordnung!“ Er
        fuhr laut fort: <lb/> „Ja, Theodor, ich verstehe dich. Siehst du, ich will <lb/> dir nicht
        mehr zureden und dich nicht umstimmen. <lb/> Ich glaube, du hast recht. Du hast richtig
        entschie- <lb/> den, Theodor. Wie nennt dich deine Mutter, Junge?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy ruft sie.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Also, Teddy, ich möchte dich aber um eins bitten. <lb/> Willst du manchmal dennoch zu
        uns kommen? Siehst <lb/> du, mein Stefan ist auch ein lieber Junge. Du kannst <lb/> in seine
        Bücher gucken und mit ihm spielen. Und du <lb/> wirst mir erlauben, da ich doch dein Freund
        bin, daß <lb/> ich dir helfe, wenn es nötig ist? Du kennst ja jetzt <lb/> alles, das sollst
        du nie bereuen. Aber von jetzt ab <lb/> sollst du nicht mehr austragen — zehn Pfennig die
        <lb/> Stunde — und Tabak verkaufen und — und so <lb/> weiter. Denke an deine Mutter, dann
        erlaubst du <lb/> es mir.“ </p>
      <pb facs="#f0140" n="138"/>
      <p>
        <lb/> Ich sagte mit zitternden Lippen: </p>
      <p>
        <lb/> „Aber nicht zu viel...“ </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt, jetzt schämte ich mich. Annehmen, ohne zu <lb/> verdienen... Das war doch auch
        betteln, nur daß man <lb/> die Hand nicht mehr hinstreckte... Ach, viel lieber <lb/> hätte
        ich Zeitungen ausgetragen und Milch und Ziga- <lb/> rettenendchen gesucht und beim Nachtasyl
        verkauft. <lb/> Jetzt schlug ich die Augen nieder. </p>
      <p>
        <lb/> Ich glaube, auch das verstand der große Mann. </p>
      <p>
        <lb/> „Komm,“ rief er, stand auf und legte den Arm um <lb/> mich und steckte mir noch
        schnell ein Küchlein in <lb/> den Mund. Nein, darauf kam er nicht — wie sollte <lb/> er! —,
        daß das zerflossene Eis, die ungetrunkene <lb/> Limonade mich doch schmerzten... daß ich
        glücklich <lb/> gewesen wäre, die Kuchen für Mutter und die Ge- <lb/> schwister mitnehmen zu
        können. Er muß sie vor sich <lb/> sehen, die Armut, der Reiche, damit er sie erfaßt. <lb/>
        Sonst ist sie ihm unvorstellbar. </p>
      <p>
        <lb/> „Meine Frau will dir auch guten Tag sagen. Ich <lb/> zeig dir das Haus, wenn du
        wiederkommst. Oder <lb/> Stefan führt dich herum, auch in die Ställe und in <lb/> die
        Fabrik. Wir machen Papier, sollst mal sehen, wie <lb/> wunderbar das vor sich geht.“ </p>
      <p>
        <lb/> Er öffnete die Tür, schob mich hindurch. Da war <lb/> das grün dämmernde Zimmer, ich
        sah in den näch- <lb/> sten Raum hinein, dort stand ein weißes Mädchen <lb/> am Flügel und
        schlug die Töne an, sie sprach mit <pb facs="#f0141" n="139"/>
        <lb/> einem Offizier, der sehr groß war und sich zu ihr <lb/> bückte. Aber auch sie hielt
        den Kopf geneigt und sah <lb/> auf die Tasten. </p>
      <p>
        <lb/> In dem Glashaus — von Stefan erfuhr ich später, <lb/> daß es Wintergarten hieß — stand
        die andere weiße <lb/> Frau. Sie erwartete uns lächelnd und hielt mir beide <lb/> Hände
        entgegen. Sie sagte aber nichts, und ich habe <lb/> sie so selten sprechen hören. </p>
      <p>
        <lb/> „Das ist er, Nina,“ sagte der Direktor. „Ich bin <lb/> zufrieden mit ihm. Aber wir
        haben uns anders <lb/> geeinigt. Ich erzähle es dir nachher. Setz dich <lb/> noch ein
        Weilchen, Teddy. Er wird Teddy gerufen, <lb/> Nina.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah der Frau in das blasse Gesicht. Sie erschien <lb/> mir so jung, aber sie war
        älter als Mutter, als ich sie <lb/> kennenlernte, schon Ende dreißig. Ich wußte da <lb/>
        noch nicht, daß ein Sohn von siebzehn in einer eng- <lb/> lischen Schule war. Sie war ganz
        blaß, es war eine <lb/> Blässe, wie ich sie noch nicht kannte, die südliche <lb/> Blässe.
        Sie war aus einer dalmatinischen Familie, ich <lb/> habe sie eigentlich immer nur im
        Wintergarten sitzen <lb/> sehen, sie ging fast nie aus, sie haßte die Stadt, ihr <lb/>
        Gesicht rötete sich, wenn sie sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Nein, ich mag nicht ausfahren. Ich will die Stadt <lb/> nicht sehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Denn ihre Schwester, die bei ihr lebte, Diana Fiori, <lb/> fuhr im Landauer des
        Direktors täglich, bei jedem <pb facs="#f0142" n="140"/>
        <lb/> Wetter, in die Stadt, in den Westen. Sie, Diana, haßte <lb/> diesen Norden, diese
        proletarische Gegend, die Men- <lb/> schen hier, die Luft. </p>
      <p>
        <lb/> Diana — Kaum saßen wir, da kam sie. Der große <lb/> Offizier war fortgegangen. Sie
        stand in der Tür, und <lb/> als ich sie, aufstehend, ansah, war ich verzaubert. <lb/> Diana
        war die erste Frau, von der ich empfand: eine <lb/> Frau... </p>
      <p>
        <lb/> Sie war ganz in Weiß, sie trug eine weiße Perlen- <lb/> schnur um den Hals und um ein
        Handgelenk, das <lb/> linke, ein weißseidenes Band in langer Schleife ge- <lb/> bunden.
        Dieses sinnlose Band — Diana bewegte sich <lb/> unaufhörlich — irritierte mich ganz. Es
        umflatterte <lb/> sie so gespenstig. Sie war so blaß wie ihre Schwester, <lb/> sie sah gar
        nicht so jung aus, wie sie damals war: <lb/> neunzehn... Wie ihre Nasenflügel in die Wangen
        <lb/> überliefen, wie ihre Mundwinkel lebendig waren — <lb/> o, das faszinierte mich. </p>
      <p>
        <lb/> Sie blieb in der Tür stehen und sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Nun, was habt ihr da für ein nordisches Blümchen <lb/> gepflanzt? Ist es das
        besprochene Kräutlein?“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah mich ungeniert und spöttisch an. Ich dachte <lb/> entsetzt an meine geplatzten
        Schuhe, die zu kurzen <lb/> Ärmel des Jacketts, das gestopfte Hemd. Bei den an- <lb/> dern
        wäre mir das nie eingefallen. Ich erschrak vor <lb/> ihrer Stimme, die zu hell und scharf
        für sie war, sie <lb/> paßte gar nicht zu ihr. </p>
      <pb facs="#f0143" n="141"/>
      <p>
        <lb/> „Seht mal an,“ fuhr sie fort und kam langsam <lb/> näher, „er hat ja Augen!“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie hob mit spitzem Zeigefinger mein Kinn, aber <lb/> da senkte ich den Blick. Sie gab
        mir keine Hand. Zö- <lb/> gernd zog sie den Finger zurück, es durchschauerte <lb/> mich, wie
        sie so über meine Haut strich. Ich schämte <lb/> mich, als sei ich nackt. </p>
      <p>
        <lb/> „Setz dich,“ sagte sie wie in der Schule. </p>
      <p>
        <lb/> Ich blieb stehen. </p>
      <p>
        <lb/> Der Direktor stand auf und ging hinaus, Fräulein <lb/> Diana sah sich mit keinem Blick
        nach ihm um. Nur <lb/> seine Frau sah ihm nach. </p>
      <p>
        <lb/> „Setz dich,“ wiederholte sie. </p>
      <p>
        <lb/> Da sagte ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich muß jetzt gehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Zum ersten Mal sagte Frau Nina: </p>
      <p>
        <lb/> „Das, Teddy, ist meine Schwester. Diana.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Weißt du, Junge, wer das ist? Diana?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich hörte sie kaum. Ninas tiefe, leise Stimme war <lb/> so süß. </p>
      <p>
        <lb/> „Diana —“ fuhr die andere fort. „Natürlich, woher <lb/> sollst du? In eurer Schule
        lernt man nichts Schönes. <lb/> Das ist eine Göttin, die einzig jungfräuliche Göttin. <lb/>
        Die jungfräuliche Göttin, Junge.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Di —“ sagte Nina. </p>
      <p>
        <lb/> „Wir sind natürlich Stiefschwestern,“ teilte das <lb/> Fräulein mir mit. </p>
      <pb facs="#f0144" n="142"/>
      <p>
        <lb/> Nina lachte sanft. </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, sag ihm nur, daß ich genau doppelt so <lb/> alt bin wie du, genau. O Di, selbst
        vor einem <lb/> Kind!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und sie umfaßte sie mit liebevollem Blick. </p>
      <p>
        <lb/> Ja, Diana wollte wirken. Auf jeden. Ob Kind oder <lb/> Leutnant, Kutscher oder
        Kellner. Und wenn ihr Spott <lb/> auch weh tat: sie wußte: ihr Zauber war stärker. <lb/>
        Warum tat sie mir weh? In dem Ton, in dem sie mit <lb/> mir sprach, war fast Verachtung. </p>
      <p>
        <lb/> „Hier sitzt sich’s gut, Pflänzchen, nicht wahr?“ <lb/> fragte sie mich. „Das wäre so
        was.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie setzte sich mir gegenüber und berührte mit der <lb/> Spitze ihres weißen Schuhs
        mein Knie. Sie nestelte an <lb/> ihrem Haar, das über ihrer Stirn in zwei schweren <lb/>
        Wellen sich teilte. Die Schleife an ihrem Handgelenk <lb/> flatterte. Ich fuhr zusammen. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich muß gehen,“ wiederholte ich. </p>
      <p>
        <lb/> Es war plötzlich fast dunkel geworden. Nasse Erde <lb/> roch scharf. Große
        Asternbüsche strömten einen stren- <lb/> gen Geruch aus. Aber von dem Fräulein kam durch
        <lb/> alles hindurch ein Duft. </p>
      <p>
        <lb/> „Also Adieu,“ sagte sie. „Findest du wieder den <lb/> Weg hinaus? Hier ließe sich’s
        gut wurzeln, was? <lb/> Was du für Luft mitbringst, Junge!“ </p>
      <p>
        <lb/> „O Di,“ flüsterte Nina und nahm mich Betäubten <lb/> an die Hand. </p>
      <pb facs="#f0145" n="143"/>
      <p>
        <lb/> Wie linkisch war ich plötzlich, ein Tolpatsch, ein <lb/> kleiner Prolet. Und nur, weil
        das Fräulein mich als <lb/> solchen ansah! </p>
      <p>
        <lb/> Sie reichte mir wieder keine Hand, sie sah mich <lb/> nur an, sie sah mir nach, ich
        spürte es, sie model- <lb/> lierte gleichsam mit ihrem harten Blick aus dem doch <lb/>
        weichen dunklen Auge mein ganzes kleines kümmer- <lb/> liches Körperlein. Ich ging wie in
        Fesseln, ich fühlte <lb/> mich gedemütigt wie noch nie, verloren, entwürdigt. <lb/> Und ihre
        Schwester hielt so gut meine Hand. Viel- <lb/> leicht las sie in mir. </p>
      <p>
        <lb/> Draußen in der Diele stand der Direktor, als hätte <lb/> er auf mich gewartet. Ich
        fand, daß er irgendwie ver- <lb/> ändert war. Von dem Augenblick an, wo Fräulein <lb/> Diana
        in den Wintergarten getreten war und ihre helle, <lb/> spöttische Stimme tönen ließ. Nun war
        ich aber so <lb/> benommen und beklommen, daß ich kaum noch ver- <lb/> stand. Frau Nina
        sagte nichts mehr, aber er allerlei. <lb/> Ich begriff nur, daß ich Mutter zu ihm schicken
        <lb/> sollte. Bald. Es war so dunkel im Haus geworden und <lb/> die Luft schwer. </p>
      <p>
        <lb/> Und wie ich die Tür öffnete, stand ich erstaunt: <lb/> es war ja noch so hell, es war
        noch Tag. Die unter- <lb/> gehende Sonne färbte die Wolken drüben über dem <lb/>
        Humboldthain rosig. Ich entdeckte jetzt, wie schön <lb/> sie es im Hause hatten: den Blick
        ganz über den Hain <lb/> hinweg mit Türmen und Kuppeln dahinter und die <pb facs="#f0146"
          n="144"/>
        <lb/> ewigen Farbenspiele des Himmels. Aber unten in dem <lb/> tiefen Eisenbahnausschnitt
        dampfte, rauchte, rat- <lb/> terte es. </p>
      <p>
        <lb/> Indem der Direktor die Tür hinter mir schloß, <lb/> hörte ich noch einmal des
        Fräuleins helle Stimme: </p>
      <p>
        <lb/> „Fährt der Wagen vor?“ </p>
      <p>
        <lb/> Und da bog der Landauer aus dem Hof schon auf <lb/> die Straße und fuhr vor das Haus.
        Ein glänzender <lb/> Wagen mit grünen Polstern, mit zwei Apfelschim- <lb/> meln. Auf dem
        Rücksitz lag ein Strauß Rosen. Ich <lb/> hörte dann, daß der Direktor seiner jungen Schwä-
        <lb/> gerin zu jeder Ausfahrt einen Strauß in den Wagen <lb/> legen ließ. Und ich hörte auch
        weiter — später —, <lb/> daß sie niemals diesen Strauß mit zurück und in ihr <lb/> Zimmer
        brachte. Die Kinder, die sie manchmal be- <lb/> gleiteten, erzählten, daß sie, während der
        Fahrt, <lb/> stumm und erbittert den Strauß zu zerpflücken und <lb/> aus dem Wagen zu
        streuen pflegte. </p>
      <p>
        <lb/> Ich kehrte heim, durch die Abenddämmerung, die <lb/> auch bei uns, in den armseligen
        Straßen, süß und <lb/> melodisch war. Ich kam aus der andern Welt, aber ich <lb/> dachte
        nicht an sie. Sie war ganz versunken vor der <lb/> ersten Frau, die ich geschaut... </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging langsam durch den Hain. Er erschien mir <lb/> einsam, ich nahm die Menschen
        nicht auf. Er war <lb/> frisch begossen und gesprengt, es tropfte von den <lb/> Büschen, es
        duftete das Gras, es hauchte kühl nach <pb facs="#f0147" n="145"/>
        <lb/> Wasser und Erde: ich trank mit jedem Atemzug ihr <lb/> Bild. </p>
      <p>
        <lb/> Es war so süß, daß sie mir wehgetan hatte — <lb/> Ihre Verachtung: welcher wonnige
        Schmerz — Die <lb/> Spitze ihres Schuhs an meinem Knie — Hatte ich nun <lb/> da ein Mal?...
        Es brannte. Ihr Blick, mit dem sie <lb/> meine Magerkeit nachzog — o, ihr trunkenen Hüften
        <lb/> und Schenkelchen, du zitternde Schulter, gelähmter <lb/> Arm!... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war neun Jahre alt... </p>
      <p>
        <lb/> Ein und eine halbe Stunde war ich in der fremden <lb/> Welt gewesen — Nie, nie wäre
        ich in einer geblie- <lb/> ben, in der die Göttin Diana wandelte. O, mir graute <lb/> vor
        dieser Gottheit! Es war meine erste Angst, und <lb/> es war eine fleischliche Angst, ja, ich
        spürte sie <lb/> schrecklich im Fleisch! Nicht das Herz war betroffen <lb/> und zerrissen,
        im Gebein zitterte eine unerträgliche, <lb/> nie gekannte Furcht... </p>
      <p>
        <lb/> Um halb acht hatte ich das Haus verlassen, und <lb/> um neun kam ich heim. </p>
      <p>
        <lb/> Ich trat in die Küche, die Tür nach der Treppe <lb/> stand offen, Mutter hatte mich
        hören wollen. Aber <lb/> nun war sie mir doch nicht entgegengekommen. Sie <lb/> saß bei
        einem Licht in der Stube auf dem Bett. Und <lb/> in der Küche stand die Lampe, mir zu
        leuchten. </p>
      <p>
        <lb/> Henny und Mark schliefen noch nicht, sie sahen <lb/> mir entgegen. Und diese beiden
        Kinder, so tief noch <pb facs="#f0148" n="146"/>
        <lb/> im Unbewußtsein, kaum daß sie mich sahen, errieten. <lb/> Ich lief zu ihnen, und Henny
        umschlang mich, in <lb/> alter Liebe, in alter Leidenschaft. </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy,“ flüsterte sie, „du gehst nicht weg.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Nein, Henny, ich bleibe. Seid ruhig, schlaft schön. <lb/> Gute Nacht, Mark. Morgen
        spiel ich euch lauter Neues <lb/> vor, einen Leutnant und eine Dame. Und ich hab ein <lb/>
        gläsernes Haus gesehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „O, o! Mark, hörst du? ein gläsernes Haus —“ </p>
      <p>
        <lb/> Henny war wie ein blühendes Bäumchen, lieblich <lb/> wie Apfelblüte, man blieb auf der
        Straße stehen und <lb/> lachte sie an. Mutter sorgte sich stets, man könnte sie <lb/>
        entführen. Aber Henny war helle. Ihr kam keiner. Sie <lb/> frohlockte hinter mir her. </p>
      <p>
        <lb/> Da wartete die Mutter. Und vor ihr allein brach <lb/> mein Herz auf. Vor ihr konnte
        ich knien. Und ich <lb/> kniete jetzt, ich umschlang sie, ich bohrte meinen <lb/> Kopf in
        ihren Schoß. Sie hatte sich fein gemacht, ihr <lb/> altes blaues Mädchenkleid mit dem
        unvergänglichen <lb/> Duft. Für den Sohn, der dahin zurückkehren sollte, <lb/> von wo sie
        verstoßen war. O, und ich hatte je ge- <lb/> dacht, es zu tun! </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter!“ rief ich weinend und sah sie an, dieses <lb/> geliebte, vergrämte Gesicht,
        das sich immer verklärte, <lb/> wenn ich mich in seinen Augen spiegelte. „Nein nein! <lb/>
        ich habe ihm Nein gesagt. Ich will nicht. Ich will bei <lb/> dir bleiben, du sollst mich
        nicht gehen lassen, du <pb facs="#f0149" n="147"/>
        <lb/> mußt das nicht wollen. Laß mich doch hier, ich bin <lb/> doch dein Kind...“ </p>
      <p>
        <lb/> „Still, still,“ sagte sie zitternd. „O, still. Ich kann <lb/> es nicht hören. Mein
        Herz, Liebling. Es springt. Du <lb/> willst nicht — — O, du zerstörst dein Leben für mich.
        <lb/> Sieh doch,“ rief sie staunend. „Gestern sahst du meine <lb/> Augen naß, heut weine
        ich.“ Und ihre Tränen fielen <lb/> auf mein Gesicht. „Mein Liebling. Ich weine über <lb/>
        dich. Bin ich glücklich? bin ich traurig? Was hast du <lb/> getan? Recht an mir und Unrecht
        an dir? Ich rate <lb/> es nicht. O Gott. Wir sind so allein, ich weiß nichts. <lb/> Hat dein
        Herz auf Gott gehört? Soll ich klagen?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich lachte, indes ich weinte. Das war eine von <lb/> unsern heiligen Stunden. Ich
        vergaß, daß ich in dieser <lb/> selben Stunde ein Leben jenseits der Mutter begann, <lb/>
        ein Leben im Dienste der Göttin Diana, der einzig <lb/> jungfräulichen. Vergaß, daß ich mit
        diesem unend- <lb/> lichen Geheimnis den ersten Schritt in unser Einsam- <lb/> sein tat.
        Meine Mutter — da war sie, und die Welt <lb/> war in ihr beschlossen... </p>
      <p>
        <lb/> Sie beruhigte sich, sie preßte mich an ihren Schoß, <lb/> an ihre Brust. Ihre harten
        Hände waren das Süßeste <lb/> an Liebkosung und ihre Träne auf meiner Lippe ein <lb/>
        Tropfen vom Himmel. </p>
      <p>
        <lb/> Sie hob mein Gesicht. </p>
      <p>
        <lb/> „Wie schön bist du, Liebling,“ lobsang sie. „Meine <lb/> Augenweide du, mein
        Herzenstrost. Ich habe zu wenig <pb facs="#f0150" n="148"/>
        <lb/> gelitten, um dich zu verdienen. Zwei Mütter bist du <lb/> wert, mein Liebling. Ich bin
        deine Mutter. Gesegnet <lb/> sei der Herr. Du bist mein Kind. Gelobt seist du, Herr <lb/>
        der Allmächtige. Gepriesen sei dein Name. Von Ewig- <lb/> keit bis in Ewigkeit. Amen.“ </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Es gab das Glück... </p>
      <p>
        <lb/> Es ging das Leben auf... </p>
      <p>
        <lb/> Ich erinnere mich, wie Mutter abends heimkam. <lb/> Sie war bei Rudolf Rauscher und
        Direktor Falk ge- <lb/> wesen. Sie setzte sich und lächelte. Wann je hatte ich <lb/> sie
        lächeln gesehn? </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „So schöne Menschen! O, was für schöne Men- <lb/> schen!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und sie meinte die Herzen, in die sie geblickt hatte. </p>
      <p>
        <lb/> Als ich in die Schule kam, sagte weder der Lehrer <lb/> noch der Rektor etwas. Sie
        hatten wohl noch am <lb/> selben Abend von Herrn Falk erfahren, daß ich nicht <lb/> wollte.
        Rudolf Rauscher, als er mich zum ersten Mal <lb/> aufrief, hatte so viel Wärme in der
        Stimme. Als er <lb/> an meiner Bank vorüberging, legte er einen Augen- <lb/> blick die Hand
        auf meine Schulter und drückte sie. <lb/> Mein Herz floß über. Ich verstand ihn. Und der
        Rek- <lb/> tor, wenn er mir auf der Treppe, auf dem Hof be- <pb facs="#f0151" n="149"/>
        <lb/> gegnete, nickte mir zu, gab mir einen kleinen Klaps <lb/> auf die Schulter. Das sagte
        mir alles. Ich war fast <lb/> stolz damals. </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging von Zeit zu Zeit in die Villa der Hoch- <lb/> straße. Ich saß bei Stefan im
        Zimmer und lernte mit <lb/> ihm lateinisch. Ich saß gebannt über seinen humani- <lb/>
        stischen Lehrbüchern und trank ihr Wissen. Ich <lb/> lechzte nach allem. Ich arbeitete mit
        Lilian, und die <lb/> Gouvernante liebte mich. Ich hatte schon von Mutter <lb/> französische
        und englische Vokabeln gelernt, und das <lb/> Fräulein, eine Waadtländerin, sprach oft eine
        Stunde <lb/> französisch mit uns. Ich hing an ihren Lippen, meine <lb/> Ohren saugten den
        wunderbaren Klang der Sprache <lb/> auf. „Unser Genie,“ nannte sie mich... Niemand er- <lb/>
        mißt, welches Hochgefühl mein Herz schwellte. Ich <lb/> war fast hochmütig damals, ich kam
        menschlich ganz <lb/> herunter. Der Direktor rief mich einmal wieder in <lb/> sein
        schweigsames Zimmer. Und er fragte mich noch <lb/> einmal: </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy, sollen wir noch einmal darüber nachden- <lb/> ken, was wir mit dir machen? Du
        lernst so spielend, <lb/> du faßt leicht auf. Ist es nicht schade?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war ganz frei ihm gegenüber. Ich sah ihn freu- <lb/> dig an. </p>
      <p>
        <lb/> „O nein, es ist nicht schade. Ich wünsche mir gar <lb/> nichts. Ich bin noch immer so
        dumm und kann es <lb/> Ihnen nicht erklären.“ </p>
      <pb facs="#f0152" n="150"/>
      <p>
        <lb/> Es klopfte. Fräulein Diana kam herein. Mit Briefen. </p>
      <p>
        <lb/> „Ah, da ist ja das Genie,“ sagte sie in der gewohn- <lb/> ten spöttischen Weise. Und
        indem sie mich ansah, <lb/> ohne Lächeln, fuhr sie — für Herrn Falk — fort: <lb/> „Ich nahm
        dem Postboten die Briefe ab. Bitte.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie reichte sie ihm, ohne hinüberzusehen. Und ich <lb/> wunderte mich, daß er so
        langsam zugriff. Aber <hi rendition="#g">er</hi>
        <lb/> sah sie an, er war bräunlich blaß, und ich entdeckte, <lb/> daß seine Augen heller
        waren als seine Haut; das gab <lb/> ihm das seltsame und jugendliche Aussehen. Er sah <lb/>
        sie fast an, als wäre sie ein Gespenst. Ob sie schön <lb/> war? aber sie war berauschend...
        Auch für mich, <lb/> schon für mich. Ihre Nähe, ihre bloße Ahnung legte <lb/> einen Bann auf
        mich. Wenn ich dieses Haus, in dem <lb/> ich ste wußte, nur betrat, befiehl mich eine
        süß-bange <lb/> Lähmung, und meine Knie wurden schwach. Oft, mit <lb/> Stefan und Lilian mit
        unsagbar wunderbarem Spiel- <lb/> zeug beschäftigt, lauschte ich hinaus, auf die Treppe,
        <lb/> ob ihr Schritt nicht käme. Aber ich begegnete ihr <lb/> immer nur durch Zufall, sie
        kam nie zu uns, sie <lb/> sprach nie allein oder ernsthaft zu mir. </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte auch jetzt: </p>
      <p>
        <lb/> „Wie geht es dem jungen Herrn? Wie gefällt es <lb/> ihm bei der besitzenden Klasse?
        Wird er nicht Scha- <lb/> den nehmen an seiner Seele? Kleine Mimose, wie ver- <lb/> trägst
        du unsern Boden?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte ihr niemals zu antworten... </p>
      <pb facs="#f0153" n="151"/>
      <p>
        <lb/> Sie legte ihre Hand um ihren Nacken, wie um ihn <lb/> zu bedecken, als spürte sie, daß
        Herrn Falks starrer, <lb/> heller Blick darauf lag. Ich sah ihn fast mit Angst an, <lb/>
        später hätte ich gesagt: er sah aus wie einer, der ein <lb/> Messer in die Rippen bekommen
        hat... Es war un- <lb/> heimlich. </p>
      <p>
        <lb/> Das Fräulein ging wieder hinaus, sie hatte ihn nicht <lb/> ein einziges Mal angesehen,
        sie ging sehr langsam, als <lb/> zöge sie etwas zurück. Mit der Hand streifte sie über <lb/>
        den goldenen Adler, der eine Uhr zwischen den hoch <lb/> gespreizten Flügeln hielt, auf
        einem Wandtischchen. </p>
      <p>
        <lb/> Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Kaum hatte <lb/> sie ganz lautlos die Tür hinter
        sich geschlossen, so <lb/> ging der Direktor zur Uhr, legte die Hand auf den <lb/> Adler und
        hielt sie an. Er sah auf sie hinab und ließ <lb/> sie stehen. Es war halb sechs, und solange
        ich diese <lb/> Uhr im Lauf der nächsten Jahre auch sah, immer <lb/> standen ihre Zeiger
        fast genau übereinander auf dieser <lb/> selben Stunde. Sie war seitdem nie mehr in Gang
        <lb/> gesetzt worden... </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt sagte der Direktor: </p>
      <p>
        <lb/> „Geh, mein Junge, rufe Stefan. Ihr könnt hier- <lb/> bleiben und euch Bücher ansehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Warum wollte er jetzt nicht allein sein! Sonst war <lb/> er es immer. </p>
      <p>
        <lb/> Er blätterte in Papieren, indes wir unter dem Fen- <lb/> ster an seinen Schreibtisch
        gelehnt saßen und Archi- <pb facs="#f0154" n="152"/>
        <lb/> tekturwerke betrachteten. Stefan suchte sich ein Schloß <lb/> aus, wie er es später
        bauen lassen und bewohnen <lb/> wollte. Und ich sollte auch wählen. Aber so träumte <lb/>
        ich nicht mit. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich kann nie ein Schloß haben,“ sagte ich. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war so nüchtern, ich baute niemals Luftschlös- <lb/> ser. Proletarierkinder haben
        gar keine Phantasie, sie <lb/> sind ganz real. Wenn mir bisweilen der Gedanke an <lb/> die
        Möglichkeit auftauchte, es so zu haben wie Stefan, <lb/> reiches Kind mit unbegrenzten
        Aussichten zu sein, <lb/> graute mir fast. </p>
      <p>
        <lb/> Über uns rauschten die Papiere, die Direktor Falk <lb/> umschlug. Es war dunkel. Wir
        hatten das Buch zu- <lb/> gemacht, Stefan an mich gelehnt, flüsterte Geschich- <lb/> ten aus
        der Sexta, von den Lehrern, von den Kamera- <lb/> den. Aber ich lauschte auf den Mann, den
        ich bewun- <lb/> derte. Wie sinnlos er da blätterte, er sah ja nichts <lb/> mehr. </p>
      <p>
        <lb/> Schließlich kam seine Frau. Sie blieb an der Tür <lb/> stehen, drehte das Licht auf
        und lächelte uns der <lb/> Reihe nach an. </p>
      <p>
        <lb/> „Das träumende Trio,“ sagte sie sanft. </p>
      <p>
        <lb/> Ich habe sie niemals viel sprechen hören. Aber ich <lb/> bin nie wieder einer Frau
        begegnet, die so viel Güte, <lb/> Stille und Schönheit ausatmete wie Nina Falk. </p>
      <p>
        <lb/> „Thomas,“ mahnte sie, „die Freunde sind bald da.“ </p>
      <p>
        <lb/> Das Musikzimmer war schon erleuchtet. Ein Flügel <pb facs="#f0155" n="153"/>
        <lb/> aufgeschlagen, die Notenpulte geordnet. Und ich sah <lb/> Fräulein Diana sitzen, in
        einem langen dunkelroten <lb/> Gewand, das Cello zwischen den Knien. Und sie pro- <lb/>
        bierte ihren Part in dem Quintett. </p>
      <p>
        <lb/> Denn in diesem Hause gab es Musik... </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte bis dahin nicht gewußt, daß es Musik <lb/> gab — </p>
      <p>
        <lb/> Ich kannte Grammophon und Leierkasten und die <lb/> Klaviere der Kneipen mit
        schneidenden Geigen und <lb/> Sonntags die Gartenkonzerte in der Badstraße, wo ich <lb/> an
        den Zäunen lauschte, ich kannte das Musikgetöse <lb/> der Rummelplätze und die Blechmärsche
        der Soldaten. </p>
      <p>
        <lb/> Aber jetzt hörte ich <hi rendition="#g">Musik</hi>... </p>
      <p>
        <lb/> Stefan hatte sich mit mir, das erste Mal, in das <lb/> grüne Zimmer gesetzt, als
        nebenan ein Quartett ge- <lb/> spielt wurde. Er selbst spielte schon Geige. Und nur <lb/>
        darum hatte ich ihn beneidet. Um nichts sonst, nicht <lb/> um das Gymnasium und die Villa,
        nicht um Pferd <lb/> und Wagen und Spielzeug; vielleicht um den Vater, <lb/> sicher aber um
        die Geige. </p>
      <p>
        <lb/> Zweimal in der Woche kam der Lehrer zu ihm, <lb/> ein alter Herr mit langem, weißem
        Haar. Dann durfte <lb/> ich in der Ecke des Zimmers sitzen und zuhören. <lb/> Selbst diese
        Übungen, diese melodielosen Läufe, <lb/> nackte Tonleitern und Doppelgriffe bezauberten
        mich, <lb/> entrückten mich. Noch in der bloßen Quinte, im ein- <lb/> fachen Ton erklang mir
        das Wunderbare, das Jen- <pb facs="#f0156" n="154"/>
        <lb/> seits, jenes Wesenhafte, das unaussprechlich und un- <lb/> vorstellbar im Ton sich
        offenbart. </p>
      <p>
        <lb/> Und also zum ersten Mal das Quartett! </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte nicht, was ich erwarten sollte, als Stefan <lb/> sagte, ich solle dableiben,
        bis man spielte. Der alte <lb/> Lehrer, der Vater, Fräulein Diana und jener Offizier, <lb/>
        den ich bei meinem ersten Besuch gesehen hatte, <lb/> spielten. Frau Nina saß am
        geschlossenen Flügel und <lb/> hörte da zu. </p>
      <p>
        <lb/> Sie begannen. Später, viel später erfuhr ich und <lb/> erkannte es wieder: es war
        Beethoven gewesen, Opus <lb/> 132. Sie hatten damals viele Monate geübt, die vier, <lb/> und
        an jenem Abend spielten sie es zum ersten Mal <lb/> durch. </p>
      <p>
        <lb/> Wie das Cello einsetzte, die Viola einfiel, die Gei- <lb/> gen nacheinander im
        leisesten Hauch einklangen, da <lb/> fuhr — ich kann es nicht anders sagen: Gott in mich. </p>
      <p>
        <lb/> Es dauerte noch lange, ehe ich Musik verstand, ehe <lb/> ich Beethoven von Mozart
        unterschied und Schubert <lb/> von Schumann und hörte: das ist Bruckner... emp- <lb/> fand:
        Brahms... </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich konnte Musik hören, ich war offen, auf- <lb/> gegangen, ließ sie ein, konnte
        mich durchtränken <lb/> lassen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich erinnere mich, wie ich an jenem ersten heiligen <lb/> Abend noch die <hi
          rendition="#g">Pausen</hi> hörte, die die Spieler mach- <lb/> ten, die tonlose Musik, die
        zum nächsten Satz über- <pb facs="#f0157" n="155"/>
        <lb/> leitete. Ich erlebte in jenen schweigenden Minuten die <lb/> Verwandlung in den andern
        Klang und Rhythmus des <lb/> Lebens, wenn die neue Musik begann, traf sie mich <lb/> schon
        in dem Zustand, den sie beschwören sollte. </p>
      <p>
        <lb/> Jener langsame Satz — als ich später in den Noten <lb/> blätterte, sie berührte wie
        heiliges Buch — ich sah <lb/> zum ersten Mal die unlesbare Schrift der schwarzen <lb/>
        Punkte und Striche, jene Hieroglyphen, aus denen ge- <lb/> weihte Priester die göttliche
        Botschaft lasen, jene <lb/> Runen, die aus Saiten lebendig aufklingen konnten, <lb/>
        Sprache, Mitteilung des Jenseits — — ich las dann <lb/> über den Noten: </p>
      <p>
        <lb/> „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gott- <lb/> heit, in der lydischen
        Tonart.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte nichts davon, als ich ihn hörte, diesen <lb/> Satz. Aber er sprach aus, was
        mich erfüllte. Die gren- <lb/> zenlose Seligkeit über das Wunder, das mir wider- <lb/>
        fahren war, meine Gebete an das gnadenvolle Wesen, <lb/> das mir diesen Himmel geöffnet
        hatte. Als ich ihn <lb/> hörte, erleichterte sich mein belastetes Herz, sein <lb/> Übermaß
        strömte mit den Tönen hin. Und als dann <lb/> die erste Geige den Triller aufnahm, immer
        stärker <lb/> anschwellend, sich zum Aufschwung vorbereitete und <lb/> in einer helleren
        Tonart himmelwärts stürmte — da <lb/> weinte ich... </p>
      <p>
        <lb/> Ich wäre erstickt, am Übermaß, am Unerträglichen. <lb/> Jetzt löste es sich... Ich war
        angekommen, ich war <pb facs="#f0158" n="156"/>
        <lb/> aufgenommen, ich atmete auf der Asphodeloswiese. <lb/> Ich wußte ja noch gar nicht,
        daß das Musik war. Ich <lb/> hatte nur gefunden, was meines Wesens Erfüllung <lb/> und
        Vollendung war, mein eigenes Unaussprechliches <lb/> bekannte sich. Dieses irdische gemeine
        Leben ist nie <lb/> genug, ist immer Schmerz, Qual des Ungenügens, Bit- <lb/> terkeit der
        Sehnsucht, verzweifelte Lüge. Und in der <lb/> Musik war das vollendete Sein, das Jenseits
        aller Er- <lb/> füllungen, der ewige Trost. Dort wurde alles gut und <lb/> schön. Man selbst
        war gut und schön. Die griechische <lb/> Harmonie, von der ich später las, es gab sie hier,
        nur <lb/> noch hier: Musik... </p>
      <p>
        <lb/> Man brauchte nicht zu sterben. Schon lebend konnte <lb/> man in die große Seligkeit
        eingehen. Musik... </p>
      <p>
        <lb/> Wir saßen in dem dunklen, kleinen, grünen Zim- <lb/> mer. Vor uns lag das Glashaus mit
        seinen Palmen, <lb/> eine Laterne, die im Hof hing, warf ihr Licht zwi- <lb/> schen die
        Blumen und Pflanzen, und die Glasscheiben <lb/> glänzten, es hatte geregnet, in den Tropfen
        brach es <lb/> sich glitzernd, geheimnisvoll dunstete dieser tropische <lb/> Garten. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte gar nicht gehört, daß sie nicht mehr <lb/> spielten. Es umspielte mich noch.
        Ich sah nur gerade, <lb/> wie Frau Nina hinausging und der alte Musiker mit <lb/> dem
        Offizier zu sprechen begann, indem er ein Noten- <lb/> heft aufschlug und ihm darin etwas
        zeigte. </p>
      <p>
        <lb/> Diana hatte ihr Cello an den Stuhl gelehnt, und <pb facs="#f0159" n="157"/>
        <lb/> ohne uns in unsern tiefen Sesseln zu sehen, war sie <lb/> dicht an uns vorbei, daß ich
        ihren Resedaduft spürte, <lb/> in den Wintergarten gegangen. Sie lehnte sich an die <lb/>
        Glaswand und sah in das helle Musikzimmer hinüber. </p>
      <p>
        <lb/> Und als hätte dieser Blick ihn gerufen, kam Thomas <lb/> Falk, sehr langsam. Auch er
        streifte uns, und auch <lb/> er sah uns nicht. Er trat in das Glashaus und um- <lb/> faßte
        eine Palme und blieb stehen, drei Schritt vor <lb/> Diana. </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah sein Gesicht im Laternenschein, es war <lb/> darin so bleich, daß seine Augen
        dunkel erschienen. <lb/> Und er lächelte. </p>
      <p>
        <lb/> Erst als ich dieses Lächeln sah, erwachte ich aus <lb/> meinem Jenseits zum Hier. Erst
        jetzt, nachträglich, <lb/> bemerkte ich, daß es still war, kein Ton mehr sang, <lb/> das
        grenzenlose Schweigen nach der Offenbarung eine <lb/> Welt erfüllte, die ich zum ersten Mal
        in ihrer Weite <lb/> begriff, in ihrer Urewigkeit. In diesem kleinen dunk- <lb/> len Raum
        ging mir das randlose All auf, die kosmi- <lb/> sche Unendlichkeit, die Einsamkeit des
        Atmenden in <lb/> dem maßlosen Atemzug der Gottheit. </p>
      <p>
        <lb/> Die Einsamkeit. — Sie wurde mir etwas Greifbares, <lb/> ich <hi rendition="#g"
          >sah</hi> sie... Ich sah sie, als ich diese beiden Men- <lb/> schen unter den Kokospalmen
        und Gummibäumen <lb/> sah... </p>
      <p>
        <lb/> Die Musik, die Seligkeit und Einsamkeit, die Schön- <lb/> heit und Sehnsucht, das
        Unmögliche und die Hoff- <pb facs="#f0160" n="158"/>
        <lb/> nung: alles wurde mir Bild, Gestalt, Schau, wie ich <lb/> den Mann und die Frau
        schweigend voreinander sah. <lb/> Er lächelte... Das tat mir weh... Ich sah später <lb/>
        Sterbende so lächeln... Ach, das sah nur wie Lächeln <lb/> aus, aber es hatte nichts mehr
        mit dem zu tun, was <lb/> wir wissen, vermuten, wollen... Mit diesem Lächeln <lb/> geht man
        fort, aus der sicheren Welt ins Ungewisse, <lb/> verliert man die Erde unter sich. Und wenn
        sie Weh <lb/> und Lüge war, sie war gewiß. Aber was wird?... </p>
      <p>
        <lb/> Er sah sie an und lächelte sie an. Und sie — <lb/> schüttelte den Kopf... </p>
      <p>
        <lb/> Ich weiß nicht, was sie aus seinem Schweigen <lb/> hörte, in seinem Lächeln sah: sie
        schüttelte den Kopf. <lb/> Dreimal. Mit kleinen Pausen. </p>
      <p>
        <lb/> Dann erschrak sie. Sie stand gegen die helle Glas- <lb/> wand, und ich sah nur ihren
        Umriß, nichts von ihrem <lb/> Gesicht. Aber ich sah ihre Schultern zucken. Sie <lb/>
        erschrak... </p>
      <p>
        <lb/> Drüben, im Musikzimmer, war ihre Schwester ein- <lb/> getreten... </p>
      <p>
        <lb/> Und schnell ging Diana fort, sie ging an dem Mann <lb/> vorbei und bog sich fort, ich
        sah es genau, wie ihr <lb/> schmaler Leib sich bog, sie kam an uns beiden vor- <lb/> über,
        und jetzt blieb sie stehen, sie sah uns, sie lachte. <lb/> Laut. Es war das erste Geräusch,
        das das selige <lb/> Schweigen störte, und es klang so hart, so häßlich, <lb/> so
        unharmonisch, es zerriß die schöne Welt. </p>
      <pb facs="#f0161" n="159"/>
      <p>
        <lb/> „So, da schwelgt unser Genie! Wie mundet ihm <lb/> Musik? Finden wir Gnade vor seinen
        gespitzten <lb/> Ohren? Wie ein erschrockener Hase hockt er da. Wo <lb/> ist der Jäger,
        Junge? Fürchtest du dich?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ja, ich fürchtete mich. Unsäglich. Vor ihr. Alles <lb/> war vorbei — die Musik war
        endgültig ausgeklungen, <lb/> die Welt war trostlos, und ich war niemals glücklich <lb/>
        gewesen... </p>
      <p>
        <lb/> Frau Nina sah zu uns hinein. </p>
      <p>
        <lb/> „Diana?“ rief sie. „Bist du da?“ </p>
      <p>
        <lb/> Und der Offizier stand auf und trat an die <lb/> Tür. </p>
      <p>
        <lb/> „Fräulein Diana,“ sagte er leise. </p>
      <p>
        <lb/> „Zur Stelle, General!“ rief sie munter. </p>
      <p>
        <lb/> Ihre Stimme war so hell, daß sie fast schnitt. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich spiele Kindermädchen und schicke die Buben <lb/> ins Bett. Geh nach Haus,
        Schattenpflänzchen,“ sagte <lb/> sie zu mir. </p>
      <p>
        <lb/> Und wieder schob sie ihren Zeigefinger unter mein <lb/> Kinn und hob es zu sich auf.
        Aber ich sah sie nicht <lb/> an. Ich schlug den Blick nieder, das helle Licht des <lb/>
        Musikzimmers umrandete ihr rotes Tuchkleid mit <lb/> flimmernder Borte. Um ihre Hüften trug
        sie einen <lb/> losen Gürtel aus silbernem Band. </p>
      <p>
        <lb/> In diesem Augenblick umschloß sie meinen Hals <lb/> mit ihrer ganzen Hand. Ich seufzte
        auf. O, sie würgte <lb/> mich... </p>
      <pb facs="#f0162" n="160"/>
      <p>
        <lb/> Herr Falk war aus dem Wintergarten getreten, er <lb/> hatte sich neben mich gestellt. </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, Teddy, ich glaube, du mußt nun nach Haus. <lb/> Schön, was?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte nicht, was er meinte. Ich war halb be- <lb/> täubt. Meinte er Fräuleins
        schmerzende Hand an mei- <lb/> nem Hals? Ich rührte mich nicht. Die erste süße, <lb/> wehe
        Lust durchrann mich. Und sie bückte sich. </p>
      <p>
        <lb/> Fräulein Diana bückte sich und streifte mit ihren <lb/> Lippen mein Haar... </p>
      <p>
        <lb/> Ich riet es nur, so leicht war es. Aber Feuer wurde <lb/> über mich ausgeschüttet, ich
        stand in einer lodernden <lb/> Flamme. </p>
      <p>
        <lb/> Sie trat zurück. Ich schwankte, während ich noch <lb/> saß, wie auf rasenden Wolken
        durch den Raum ge- <lb/> tragen. Ich wunderte mich, daß ich, aufstehend, auf <lb/> festen
        Füßen stand. </p>
      <p>
        <lb/> Herr Falk legte seine Hand auf mein Haar, es <lb/> kühlte das Feuer, <hi
          rendition="#g">ihn</hi> sah ich an. Aber er blickte über <lb/> mich hinweg Diana nach.
        Sein Gesicht verzerrte sich <lb/> leicht. Der Offizier hatte nach Dianas Hand gegriffen.
        <lb/> Sie entzog sie ihm, aber sie legte sie auf seinen Arm. </p>
      <p>
        <lb/> „Erst sollst du etwas essen, Teddy,“ sagte da Frau <lb/> Ninas sanfte Stimme. „Stefan,
        setzt euch ins Speise- <lb/> zimmer. Es ist für euch gedeckt. Gute Nacht, <lb/> Teddy.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich aß, glaube ich. Sie spielten schon wieder, jen- <pb facs="#f0163" n="161"/>
        <lb/> seits der Diele. Durch die geschlossenen Türen klang <lb/> es wie aus andern Welten. </p>
      <p>
        <lb/> Es war sehr schön, hier zu essen. Das Porzellan <lb/> war weiß, von zartem Schimmer,
        es gab silbernes <lb/> Besteck, ein schönes, glänzendes Tischtuch, es gab nie <lb/> gekannte
        Speisen. Aber etwas ließ mir den Bissen im <lb/> Munde quellen: man wurde bedient... </p>
      <p>
        <lb/> Selbst wenn ich mit Stefan allein aß, war ein Mäd- <lb/> chen da in schwarzem Kleid
        mit Weiß und sorgte für <lb/> uns. Sie goß uns Milch ein und reichte die Schüsseln, <lb/>
        legte uns vor, sah uns freundlich zu, ob wir irgendwas <lb/> benötigten. </p>
      <p>
        <lb/> Ich — ich wurde bedient... </p>
      <p>
        <lb/> Fühlte ich mich nicht zum Dienen geboren, zum <lb/> Danebenstehen und Zureichen, zum
        sich bücken und <lb/> Befehle erwarten?... Und da saß ich, Bruder der <lb/> Magd, und sie
        diente mir... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war ein <hi rendition="#g">Herr</hi> an diesem Tisch, und das Brot, <lb/> das mir
        gereicht wurde, war bitter. Ich brach es mit <lb/> zitternden Fingern. Ich verriet meine
        dienende Schwe- <lb/> ster... </p>
      <p>
        <lb/> Das was es! Indem ich hier saß und litt, daß <lb/> sie stand; indem ich aß, während
        sie mir den Teller <lb/> füllte und auf die Reste vom Tisch für sich wartete, <lb/> verriet
        ich sie... Ich durfte nicht! Aber ich bin oft <lb/> feige gewesen, ich habe mich oft nicht
        bekannt. War <lb/> es nicht Unrecht genug, daß ich hierher kam, und die <pb facs="#f0164"
          n="162"/>
        <lb/> Geschwister waren in der kahlen Küche und spielten <lb/> mit Holzklötzchen und Lumpen,
        gingen auf die Straße <lb/> und ich saß im Glashaus unter Palmen? Und ich <lb/> lag im
        Sessel, und die Musik ging mir auf, und zur <lb/> selben Stunde, von der Tagesfron gekrümmt,
        stand <lb/> Mutter am Waschfaß und wrang die Wäsche aus. Der <lb/> Bottich dampfte, durch
        die Fensterritzen strömte der <lb/> Eiswind, und sie wusch, um mich mit Kaffee emp- <lb/>
        fangen zu können, wenn ich vom Herrschaftstisch <lb/> kam... </p>
      <p>
        <lb/> Ja, es war das Glück damals. Musik — Freund- <lb/> schaft — Liebesahnung — Aber mein
        Gewissen quälte <lb/> mich. </p>
      <p>
        <lb/> Und wenn ich so heimkehrte, brauchte ich Zeit, <lb/> ins Gleichgewicht zu kommen. Der
        Sohn der Wasch- <lb/> frau saß mit dem Herrensohn und ließ sich Glas und <lb/> Teller
        füllen, genoß und schwelgte. Und der ganze <lb/> Stand, den er vertrat, wurde von ihm
        verraten. So <lb/> ein Kind aus dem Volk hat früh soziales Bewußtsein, <lb/> es weiß genau,
        wohin es gehört, was ihm gebührt. Es <lb/> hat sein Standesgefühl wie Adel und Reichtum. Es
        <lb/> ist nicht weniger, es ist nur anders. Aber <hi rendition="#g">das</hi> emp- <lb/>
        findet es nicht so. Nein, o, es fühlt sich geringer als <lb/> die andern. Ich weiß es. Ich
        empfand es ja. Ich war <lb/> weniger als Stefan, ich war wertloser als die Kinder <lb/> der
        Herren — Proletarier: ja, ich mußte an der Tür <lb/> stehen bleiben! Und anfangs, sooft ich
        in einem wei- <pb facs="#f0165" n="163"/>
        <lb/> chen Stuhl, auf samtnem Sessel gesessen hatte und <lb/> aufgestanden war, sah ich
        nach: hatte ich keinen <lb/> Fleck gemacht?... </p>
      <p>
        <lb/> Ich brauchte eine Stunde und mehr, ehe ich heim- <lb/> fand. Heimfand — in jedem
        Sinn... War ich zehn <lb/> Kilometer gelaufen, durch den Hain, die Straßen, <lb/> nach
        Reinickendorf, nach Pankow hinauf oder hin- <lb/> unter nach dem Alexanderplatz, dem
        Nordhafen, dann <lb/> schien mir die Herrschaftsvilla weit genug zurückzu- <lb/> liegen, ich
        hatte ihre Luft aus meinen Lungen ge- <lb/> stoßen, und des Fräuleins Resedaduft betäubte
        mich <lb/> nicht mehr. </p>
      <p>
        <lb/> Aber da war noch eine Angst heimzukehren: Vater <lb/> war wieder da — Nein, er war
        selten da, aber er hatte <lb/> seine drei Monate abgesessen und konnte zu jeder <lb/> Stunde
        bei uns auftauchen. </p>
      <p>
        <lb/> Er war das erste Mal gekommen, als Mutter nicht <lb/> da war, er war, mit seinem
        Schlüssel, einfach durch <lb/> die Tür getreten, als hätte er uns gestern erst ver- <lb/>
        lassen, er ging auf uns zu, die wir in der Küche am <lb/> Boden spielten, am Herd, der ein
        bißchen warm war, <lb/> ich hatte uns eine Brotsuppe gekocht, und da ich ihm, <lb/> der zu
        Henny wollte, im Wege war, schob er mich <lb/> — ein bißchen sanfter als sonst — einfach mit
        dem <lb/> Fuß fort... </p>
      <p>
        <lb/> Ich spürte seine unverminderte Kraft, diese maß- <lb/> lose und hemmungslose Kraft,
        die ich liebte, die <pb facs="#f0166" n="164"/>
        <lb/> ich fürchtete, die mich ebenso entsetzte wie be- <lb/> täubte. </p>
      <p>
        <lb/> Henny hatte aufgejauchzt, als sie ihn sah, sie <lb/> sprang auf und langte nach ihm.
        Er riß sie an sich <lb/> und bedeckte sie mit Küssen, und sie stieß kleine <lb/> wilde
        Schreie aus, indem sie sich an ihn preßte. Er <lb/> machte ihr den Zopf auf und breitete ihr
        glänzendes <lb/> braunes Haar aus, befühlte sie, umspannte ihre Glie- <lb/> der. Er
        leuchtete von Liebe. Dann streckte er die <lb/> Hand nach Mark aus — </p>
      <p>
        <lb/> Und Mark schlug nach seiner Hand... </p>
      <p>
        <lb/> „Jeh wech!“ schrie der Junge. „Wir brauchen dir <lb/> jar nich! Ich weiß allens, du
        warst in Kittchen. Paule <lb/> hat’s jesacht. Wahr is!“ </p>
      <p>
        <lb/> Im Augenblick verwandelte sich Vaters Gesicht. Er <lb/> langte nach dem Jungen; so
        rot, daß noch das Weiß <lb/> seiner Augen rot war. Er setzte Henny hart hin. Und <lb/> Mark
        rührte sich nicht, er starrte den Vater mit <lb/> dessen eigenen unerbittlichen Augen an, es
        sah aus, <lb/> als stünde Vaters Kindheit gegen ihn selber auf... </p>
      <p>
        <lb/> Da stieß ich Mark so heftig fort, daß er hinfiel, <lb/> und ich stand statt seiner vor
        Vater. </p>
      <p>
        <lb/> „Du!“ brüllte er. </p>
      <p>
        <lb/> „Bitte,“ sagte ich, „schlage ihn nicht. Er ist so <lb/> dumm, er weiß ja gar nicht —
        Er spricht nur <lb/> nach —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wem?“ heulte Vater. „Dir vielleicht!“ </p>
      <pb facs="#f0167" n="165"/>
      <p>
        <lb/> Und das Weitere verstand ich nicht. Er fluchte, <lb/> aber er hatte mich am Genick
        gepackt und stieß mei- <lb/> nen Kopf hinab auf die Erde. Ich schlug auf — und <lb/>
        wahrscheinlich so schwer, daß ich halb bewußtlos <lb/> wurde. Denn ich spürte nicht, daß er
        auf mich ein- <lb/> hieb... </p>
      <p>
        <lb/> Er war ein Vierteljahr auch in sich selbst einge- <lb/> sperrt gewesen, kein Ausbruch
        hatte ihn entspannt. <lb/> Die Abstinenz hatte nur wahnsinnig gesteigertes Ver- <lb/> langen
        in ihm angehäuft. Jetzt brach es los — Und <lb/> er ließ sich aus an mir... </p>
      <p>
        <lb/> Ich erwachte von einem leisen Weinen. Es waren <lb/> Henny und Mark, sie dachten, ich
        wäre tot. Sie waren <lb/> auf die Treppen gelaufen, hinter dem fortstürzenden <lb/> Vater
        her, und hatten geschrien. Die alte Balduweit <lb/> hatte sie gehört und war gekommen. Mit
        ihrem rie- <lb/> sigen schwarzen, verfetteten Hund. Sie saß, hilflos <lb/> vor Mitleid, Fett
        und Schreck, da und sah auf mich <lb/> hinab. Und der Hund leckte schwerfällig das Blut von
        <lb/> meiner Wange. Das tat gut, und ich hielt still. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war schon lange wach, ehe ich die Augen auf- <lb/> schlug, und da lachte ich. Es
        war zu komisch. Die <lb/> Kinder knieten wimmernd neben mir, und die Baldu- <lb/> weit war
        so dick und schrie auf, als ich lachte, denn <lb/> sie hatte mich auch für tot gehalten, und
        nun lachte <lb/> die Leiche. Und der Hund leckte so ernsthaft und <lb/> sachlich meine
        Wunde. </p>
      <pb facs="#f0168" n="166"/>
      <p>
        <lb/> Ich wollte auf — aber da spürte ich mich... Alles <lb/> tat mir weh — Aufgerissene
        Haut brannte, die Beine <lb/> zitterten vor Schwäche. Ich sah den Kohlenhaken <lb/> neben
        mir. Ob Vater mich damit geschlagen hatte? <lb/> Ich war ganz schmutzig von seinen Schuhen,
        überall. <lb/> Er hatte blind nach mir getreten, Hände und Stirn <lb/> waren von seinen
        beschmutzten Sohlen aufgerieben. </p>
      <p>
        <lb/> Die Balduweit war viel zu fett, sich zu bücken. Die <lb/> Kinder mußten mich auf den
        lauen Herd legen. Dort <lb/> machte sie mir kalte Umschläge. </p>
      <p>
        <lb/> Dann hörte sie ihre Tochter hinaufsteigen. Sie <lb/> rief sie herein, und das
        Straßenmädchen kam, sah <lb/> mich, bettete meinen Kopf in ihren Arm, küßte mich <lb/> auf
        die getretene Stirn. Sie roch nach Bier und Tabak, <lb/> nach ihren Männern. Mir graute. Ich
        schloß wieder <lb/> die Augen und hatte nicht Kraft und Phantasie ge- <lb/> nug, es in
        Resedaduft zu verwandeln... </p>
      <p>
        <lb/> Vater kam danach drei Tage lang nicht nach Haus. <lb/> Man erzählte uns, daß er in der
        Swinemünderstraße <lb/> trank. Dazwischen, erzählten Leute der Mutter, schlief - <lb/> er
        bei Luise Gräbert, die in der Grüntalerstraße ein <lb/> Geschäft hatte. Ich schlich einmal
        abends hin und <lb/> wollte wissen. </p>
      <p>
        <lb/> Wirklich: in einem alten Hause, das abblätterte, <lb/> waren zwei Läden. Der eine war
        ein Restaurant „Zum <lb/> Spucknapf“. Auf dem Fenster stand: „Halt! Stopp! <lb/> hier gibt’s
        ’n guten Topp!“ Und noch ein Pappschild <pb facs="#f0169" n="167"/>
        <lb/> hing daneben: „Hier ißt man wie bei Muttern.“ Der <lb/> andere Laden trug in der Tür
        mit weißen Farben tat- <lb/> sächlich den Namen Luise Gräbert. Auf dem Laden- <lb/> schild
        hieß es: „Prima Stettiner Fett- und Vollhe- <lb/> ringe.“ Und im Fenster lag ein Stück
        Papier zwi- <lb/> schen den Kistchen mit Sprotten und Bücklingen: <lb/> „Hier werden Damen
        in und außer dem Hause <lb/> frisiert.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und hier war nun Vaters Zuhaus. Er kam bald <lb/> nur noch alle zehn, alle vierzehn
        Tage, riß die Schub- <lb/> laden auf, ob Geld darin wäre, steckte ein Stück Brot <lb/> ein,
        nahm von Mutters Schürzen mit und küßte <lb/> Henny. Einmal ging er mit Henny fort. </p>
      <p>
        <lb/> Aber er brachte sie wieder, ehe noch Mutter nach <lb/> Haus gekommen war. </p>
      <p>
        <lb/> „Schreibalg!“ schrie er und warf sie in die Küche. </p>
      <p>
        <lb/> Es war das einzige Mal, daß er hart zu ihr war. </p>
      <p>
        <lb/> Henny erzählte dann, daß er sie zur Gräbert ge- <lb/> tragen hatte und dort behalten
        wollte. Aber da hatte <lb/> sie geschrien. Sie wäre gewiß bei ihm geblieben, aber <lb/>
        nicht bei der fremden Frau, die dick und geschminkt <lb/> war, gebrannte Löckchen hatte und
        so stechende <lb/> Augen. Sie hatte so gellend und unaufhörlich ge- <lb/> schrien, daß Leute
        aus dem Hause kamen. So erhielten <lb/> wir Henny wieder zurück. </p>
      <p>
        <lb/> Vater schlief nun nie mehr bei uns, aber den <lb/> Schlüssel hatte er behalten. Die
        Frauen aus dem <pb facs="#f0170" n="168"/>
        <lb/> Hause besuchten Mutter und gaben Ratschläge. Viele <lb/> sagten: </p>
      <p>
        <lb/> „Laß dir scheiden, König. Wat haste noch von son <lb/> Mann! Vajniejen jewiß nich!
        Oder liebste ihm noch? <lb/> I Jott nu doch! Na also! Er verujiniert dir ja nur.“ </p>
      <p>
        <lb/> Mutter hörte freundlich zu, und jede bekam eine <lb/> Tasse Kaffee, Malz mit Bohnen,
        Zucker dazu. Das <lb/> waren aber alle nicht gewohnt, und sie dankten und <lb/> sagten: </p>
      <p>
        <lb/> „Na, du machst aber ooch Fettlebe. Det is ja wie <lb/> bei die Herrschaften. Nu bloß
        noch ’n Kaffeelöffel un <lb/> ne Untertasse. Un wenn er nu mal wiederkommt, der <lb/>
        Deinichte, wolln ma wetten, du nimmst ihm wieder <lb/> uff. Reden Se nich, Frau. Ick laß mir
        nich an de <lb/> Wimpern klimpern. N jutes Schaf sin Se! Aber wenn <lb/> ick ’n mal seh:
        denn wer k’n mir mal vorkriejen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ein einziges Mal kam er nachts, drang mit seinem <lb/> Schlüssel ein. Wir schliefen
        alle fest. Nur Mark hatte <lb/> ihn gesehen, aber er hatte sich gefürchtet, uns zu <lb/>
        wecken. In der Küche stand der Bottich mit einge- <lb/> weichter Wäsche, es war fremde
        Wäsche, die Mutter <lb/> geholt hatte aus einem ihrer Kundenhäuser. Sie mußte <lb/> sie oft
        unten bei uns waschen, weil die Waschküche <lb/> unterm Dach von den dreißig Parteien im
        Haus immer <lb/> besetzt war. Da sah Mark, wie Vater von der Wäsche <lb/> stahl... </p>
      <p>
        <lb/> Er wrang sie aus, gar nicht vorsichtig und leise. <pb facs="#f0171" n="169"/>
        <lb/> Aber Mutter schlief von ewiger Arbeit wie tot, und <lb/> ich, neben ihr, lag im selben
        schweren Bann. Mit die- <lb/> ser Wäsche ging Vater fort... </p>
      <p>
        <lb/> Mutter begann um fünf Uhr morgens zu waschen, <lb/> als wir noch schliefen. Wir
        erwachten von ihrem <lb/> gellenden Aufschrei. Sie hatte sofort gesehen, daß <lb/> Wäsche
        fehlte, große Stücke, Laken und Tischtücher, <lb/> und die Küchentür hatte er nicht einmal
        zugemacht. <lb/> Er hatte den Schmutz der aufgetauten Straßen mit- <lb/> gebracht, seine
        Spur, Schmutzlachen, stand noch da... </p>
      <p>
        <lb/> Mark weinte, er fürchtete sich nachträglich. </p>
      <p>
        <lb/> „O Kind, Kind,“ jammerte Mutter. „Hättest du <lb/> mich doch gerufen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Er hätte mir ja jehaun!“ rief Mark. „Wie Teddy <lb/> damalens. Nee, ich hab die Augen
        zugemacht, wie er <lb/> da stand und die Wäsche klaute —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Still, still. O Gott, still, Kind,“ sagte Mutter. „Ihr <lb/> braucht nie Angst zu
        haben, wenn ich da bin. Dann <lb/> darf keiner euch was tun. Aber was tu ich jetzt, was
        <lb/> tu ich? Ich muß die Wäsche ersetzen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und dabei wusch sie schon, fachte das Feuer an, <lb/> rührte im Kessel, hatte nicht
        einmal Zeit, die Hände <lb/> zu ringen. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich kann sie ja nicht ersetzen... Was soll ich <lb/> tun? was tun?“ </p>
      <p>
        <lb/> Als ich aus der Schule kam, hatte sie es getan: sie <lb/> war in der Villa gewesen... </p>
      <pb facs="#f0172" n="170"/>
      <p>
        <lb/> Das war ein bitterer Gang, es blieb ihr erspart, ihn <lb/> öfter zu gehen. Der eine
        reichte. Sie hatte um Geld <lb/> gebeten. Sie konnte es nicht leihen — Wann sollte <lb/> sie
        es wiedergeben! Sie mußte es sich schenken <lb/> lassen... </p>
      <p>
        <lb/> Als ich heimkam, stand sie in der Stube und sah <lb/> den blauen Hundertmarkschein an.
        Es sah aus, als <lb/> stände sie schon stundenlang so da und starrte ihn <lb/> an und als
        wäre sie in der schrecklich-herrlichen Be- <lb/> trachtung des Papiers versteinert. Es war
        ein Wieder- <lb/> erkennen... Seit zehn Jahren hatte sie das nicht mehr <lb/> gesehen, sie
        wußte nicht mehr, wie dieses schicksal- <lb/> hafte Papier sich anfühlt, daß es ein Gift,
        süßes Gift, <lb/> in sich hat, das die Nerven durchdringt, das Herz <lb/> tröstet, das
        Gehirn einlullt oder befeuert, je nach <lb/> Anlage. </p>
      <p>
        <lb/> Am späten Abend dieses Tages sprach sie wieder <lb/> einmal mit mir. Wieder erzählte
        sie ein Stück ihres <lb/> Lebens — ehe ich da war. Sie erzählte vom Vater, <lb/> als sie ihn
        schön und stark und gut gesehen hatte. Viel- <lb/> leicht wollte sie — noch immer — ihn
        entschuldigen, <lb/> wollte von ganzem Herzen gerecht sein, wollte viel- <lb/> leicht mir
        den Vaterbegriff wiederherstellen. Es <lb/> dünkte ihr wohl furchtbar, daß ein Mensch Vater
        <lb/> sagen soll zu Dieb und Übeltäter. Sie wollte nie, daß <lb/> ich ihn liebte oder
        schätzte oder auch nur gelten ließe. <lb/> Aber sie tat es mir zuliebe. Ich sollte nicht
        unglück- <pb facs="#f0173" n="171"/>
        <lb/> lich sein, diesen Vater zu haben. Und zuletzt gab sie <lb/> sich alle Schuld, daß sie
        ihn mir gegeben hatte. </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy, Liebling,“ sagte diese große Frau, die <lb/> herrliche Mutter, „du darfst nie
        einen Menschen an- <lb/> klagen, nie einen verurteilen, denn nie kannst du alles <lb/>
        beurteilen. Jedes Urteil ist Ungerechtigkeit. Du <lb/> brauchst ihn nicht — o, Teddy, nein:
        du <hi rendition="#g">darfst</hi>
        <lb/> „ihn“ nicht lieben, sieh, ich verbiete es dir. Wenn du <lb/> es tätest, ich erinnerte
        dich morgens und abends, <lb/> Tag für Tag, an die Narbe hier auf deiner Wange, die <lb/> er
        dir geschlagen hat. Ich würde dir sagen: sieh mich <lb/> an! mich! das hat er aus mir
        gemacht! Und er hatte <lb/> alle Möglichkeiten, ich selbst gab sie ihm, aber er <lb/> ließ
        sich fallen, und er verkam mit Wonne. Er wollte <lb/> nicht. Und das ist die große Sünde des
        Menschen: <lb/> nicht wollen! Wille ist immer irgendwie von Gott, <lb/> enthält
        Schöpferisches. Selbst <hi rendition="#g">Wille</hi> zum <hi rendition="#g">Bösen</hi>
        <lb/> scheint mir nicht der Sünden größte. Aber nichts <lb/> wollen, sich treiben lassen,
        ins Laster, wenn es gerade <lb/> dahin treibt: das ist das Unrecht am Sein, die Sünde <lb/>
        am Göttlichen. — Teddy, nein, das will ich dir ja <lb/> gar nicht sagen. Nur: sei nicht
        traurig, daß er dein <lb/> Vater ist. Sei ihm böse, weshalb du willst, aber nicht, <lb/>
        <hi rendition="#g">weil</hi> er dein Vater ist, denn das ist meine Schuld! <lb/> Ich habe
        ihn ja zu deinem Vater gemacht, ich wollte, <lb/> ich strebte danach. <hi rendition="#g"
          >Wenn</hi> du schuldig sprichst, Lieb- <lb/> ling, dann — bitte — mich...“ </p>
      <pb facs="#f0174" n="172"/>
      <p>
        <lb/> So sprach Mutter mit ihrem zehnjährigen Jungen. <lb/> Aber war ich jemals zehn Jahre
        alt? </p>
      <p>
        <lb/> Am selben Abend hörte ich auch, daß Direktor <lb/> Falk, als sie zum ersten Mal
        meinetwegen bei ihm <lb/> gewesen war, ihr vorgeschlagen hatte, sie regelmäßig <lb/> zu
        unterstützen. Er wollte ihr monatlich eine gewisse <lb/> Summe geben, daß sie nicht mehr
        waschen gehen <lb/> müßte, sondern nur für uns und mit uns leben <lb/> könnte. Über den
        Vater hatte sie, die Verschlossene, <lb/>
        <hi rendition="#g">ihm</hi> alles offen gesagt. </p>
      <p>
        <lb/> Das hatte sie abgelehnt, stolz, tief beschämt, plötz- <lb/> lich wieder die reiche
        Müllerstochter, die Jüdin aus <lb/> gutem Hause, das selbst Wohltaten erwiesen hatte. <lb/>
        Abgelehnt ein- für allemal. <hi rendition="#g">Sie</hi> wollte ihre Kinder <lb/> ernähren.
        Das rechtfertigte sie. Das hob ihre Schuld <lb/> auf. Damit bezahlte sie. Herr Falk verstand
        auch sie. <lb/> „Ich lasse meinen Jungen zu Ihnen kommen, Sie <lb/> lieben, Ihre Güte
        empfangen. Gut — das ringe ich <lb/> mir ab — für ihn. Mehr kann ich nicht.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie, in warmen Stuben mit Spiegeln, Sesseln, Bil- <lb/> dern aufgewachsen, eingewöhnt
        in eigenes Haus mit <lb/> Garten, in weißes Bett mit Mullgardinen, in Bedie- <lb/> nung und
        Verwöhnung, sie, hier endlich wieder in <lb/> ihre Welt versetzt, litt unsäglich... Sie
        hatte seit <lb/> mehr als zehn Jahren in keinem Klubfauteuil gesessen, <lb/> aus einem
        Kristallglas Portwein getrunken, den ihr <lb/> ein Mädchen in Schwarz und Weiß anbot. Sie,
        bis <pb facs="#f0175" n="173"/>
        <lb/> zu ihrem fünfundzwanzigsten Jahr von Gesinde um- <lb/> geben, dem sie befahl, dem
        Gesinde der kleinen Land- <lb/> städtchen, das wie leibeigen, blind ergeben war, sie <lb/>
        fühlte ihr Herz bluten von weher Scham, als nun ein <lb/> Dienstmädchen ihr den Mantel
        abnahm. Sie schlug die <lb/> Augen vor ihr nieder. Sie verließ die glückliche Villa <lb/>
        wie ein Fegefeuer... Verbrannt, nicht gereinigt, kam <lb/> sie zurück. </p>
      <p>
        <lb/> Und jetzt war sie ein zweites Mal dort gewesen, <lb/> in diesen Flammen, in denen ihr
        verhärteter Stolz, <lb/> ihre versteinte Scham wieder schmolzen und sie ganz <lb/> mit
        bitterstem Schmerz erfüllten. Sie hatte nur er- <lb/> zählt, nicht gebeten. Aber diese
        Erzählung war ja <lb/> Bettelei... Damals noch konnte sie ablehnen. Damals <lb/> hatte sie
        das Gegengeschenk ihres Kindes. Heut <lb/> heischte sie Almosen... Sie bekam es, ehe sie
        ausge- <lb/> sprochen. Um so tiefer empfand sie es als Almosen. </p>
      <p>
        <lb/> Heut wiederholte Direktor Falk seine Bitte: ihm <lb/> zu erlauben, ihr ihre Arbeit zu
        erleichtern. Da stand <lb/> sie schon auf. Ihren Mund konnte sie nicht beherr- <lb/> schen,
        er zuckte so, daß sie nicht sprechen konnte. <lb/> Endlich stammelte sie hervor: </p>
      <p>
        <lb/> „Lassen Sie es damit genug sein. Nehmen Sie mir <lb/> nicht den letzten Halt meines
        Lebens. Wenn ich mich <lb/> erst hinsetze, kann ich nie wieder aufstehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich glaube, ihr ganzes Leben war Selbstvorwurf, <lb/> Selbstgeißelung, Strafe, die sie
        abdiente. </p>
      <pb facs="#f0176" n="174"/>
      <p>
        <lb/> Nun konnte sie die Wäsche ersetzen. Und Vater <lb/> kam jetzt kaum noch. Er stand
        manchmal vor Hennys <lb/> Schule und paßte sie ab und setzte sich mit ihr in <lb/> den Hain,
        kaufte ihr Bonbons, Schokolade, brachte <lb/> ihr ein Kistchen Sprotten mit, liebkoste sie.
        Das <lb/> erzählte Henny mir, nie der Mutter. Instinktiv <lb/> schonten wir sie, wir taten,
        als hätte es nie Vater ge- <lb/> geben. </p>
      <p>
        <lb/> Aber er tauchte doch immer wieder auf, um Unheil <lb/> anzurichten. </p>
      <p>
        <lb/> Wir hatten ihm nie etwas von Direktor Falk er- <lb/> zählt, er wußte nicht, daß ich in
        sein Haus kam und <lb/> Wohltaten empfing. Ahnungsvoll hatte Mutter es ihm <lb/> immer
        verschwiegen. Aber dann — </p>
      <p>
        <lb/> Eines Abends kam ich heim. Mark machte mir auf. <lb/> Und da stand Mutter in der Küche
        und bügelte die <lb/> fremde Wäsche, hinterm Brett stehend, und einen <lb/> Schritt vor ihr
        saß auf dem Holzstuhl eine Dame. </p>
      <p>
        <lb/> Diese Dame war Diana Fiori... </p>
      <p>
        <lb/> Sie saß dort ruhig und so sanft lächelnd, wie ich <lb/> sie noch nie lächeln gesehen
        hatte, und sogar Mutter <lb/> lächelte ihr zurück. Auf ihrem Schoß saß Henny und <lb/>
        betrachtete aufmerksam das schöne, blasse Gesicht <lb/> des Mädchens, und ich sah sie
        deutlich mit ihren <lb/> Nasenflügeln schnuppern, das Aroma der schwarzen <lb/> Haare und
        den Resedaduft der Kleider und den schwa- <lb/> chen Seifengeruch der Haut. O, ich kannte
        das alles, <pb facs="#f0177" n="175"/>
        <lb/> ich hatte es so tief eingesogen, daß ich bis heut von <lb/> Dianas Duft erfüllt
        geblieben bin. </p>
      <p>
        <lb/> Ich blieb erstarrt an der Tür stehen, es traf mein <lb/> Herz wie ein tödlicher
        Schlag. Ich schämte mich <lb/> unter die Erde — Diana <hi rendition="#g">sah</hi>... Sie sah
        unsere Armut, <lb/> Mutters Arbeit — O, nein, nicht dessen schämte ich <lb/> mich. Ich war
        ja stolz darauf. Aber daß sie hier saß, <lb/> daß ihre Schönheit zwischen diesen
        abgeblätterten <lb/> Wänden, auf nacktem Holzstuhl, auf verfaulenden <lb/> Dielen saß... daß
        sie ihren Duft in diesen Dunst <lb/> von dampfender Bügelwäsche und Rotkohl trug, <lb/> in
        dieses Haus mit Straßenmädchen und Louis, <lb/> wo sie im Gang angehalten und belästigt
        werden <lb/> konnte... </p>
      <p>
        <lb/> Ich starrte sie an, und sie nickte mir harmlos und <lb/> freundlich über Hennys Kopf
        hinweg zu, ganz selbst- <lb/> verständlich, ganz ohne Spott, wie noch nie... </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, Theodor, ich habe deine Mutter besucht,“ <lb/> sagte sie. </p>
      <p>
        <lb/> Auf dem Tisch lagen halboffene Tüten mit Obst <lb/> und Kuchen, eine Tüte strömte
        scharfen, reinen <lb/> Kaffeeduft aus, eine blaue Zuckertüte sah ich, das <lb/> hatte sie
        alles mitgebracht. Und Henny hielt an sich <lb/> gedrückt eine Puppe, eine kleine bunte
        Spreewälderin. <lb/> Und in Marks Hand entdeckte ich einen Tuschkasten, <lb/> ein Malheft. </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah meinen Blick und lachte. Alles war anders <pb facs="#f0178" n="176"/>
        <lb/> an ihr, sie lachte sanft und weich. Es war, als sei <lb/> etwas von ihr geglitten,
        befreit wirkte sie. </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, junger Mann, nur dir habe ich nichts mitge- <lb/> bracht. Wir gehen aber einmal
        zusammen aus, und <lb/> dann verrätst du mir deine Wünsche. Oder hast du <lb/> keine?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich glaube, alle standen, zu einem einzigen ge- <lb/> sammelt, in meinem Blick. Denn
        sie lachte laut auf, <lb/> aber ein gutes, warmes Lachen. </p>
      <p>
        <lb/> „Dennoch darfst du mir die Hand geben.“ </p>
      <p>
        <lb/> Das geschah zum ersten Mal. Sie hatte sie mir noch <lb/> nie gegeben... </p>
      <p>
        <lb/> Und ich schob mich so langsam zu ihr hin, daß <lb/> sie mit der schon ausgestreckten
        Hand, ehe ich sie <lb/> erreichte, Henny umfaßte, niedersetzte und aufstand. </p>
      <p>
        <lb/> Sie ergriff Mutters beide Hände. </p>
      <p>
        <lb/> „Adieu, Frau Perdita —“ sagte sie. </p>
      <p>
        <lb/> O, ich hatte schon vergessen, wie Mutter hieß. Wie <lb/> süß klang ihr Name, den sie
        verloren hatte. Sie <lb/> hieß ja nur noch Mutter. — Seit vielen Jahren gab <lb/> es keinen
        Menschen, der ihren Namen auch nur <lb/> wußte. </p>
      <p>
        <lb/> Sie hielt Mutters Hände, da stieß ein Schlüssel ins <lb/> Schloß, die Tür wurde
        aufgestoßen, und Vater stand <lb/> da. Er war betrunken, nicht sehr, er stand nicht fest,
        <lb/> aber seine Augen waren nicht so furchtbar glasig. Ich <lb/> sah vielmehr, wie sie sich
        klärten, unter meinen <pb facs="#f0179" n="177"/>
        <lb/> Blicken erhellten und schön wurden, wie sie bei <lb/> Henny und Mark waren. Er sah
        Diana an... </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte sich ihm zugewendet und zeigte ihm das <lb/> sanfte, zärtliche Lächeln, mit
        dem sie Mutter ange- <lb/> sehen hatte. Sie hielt Mutter fest, Mutter war es, die <lb/>
        schwankte. Aber das junge Mädchen hielt ihre Hände, <lb/> ließ sie nicht los und fragte: </p>
      <p>
        <lb/> „Ihr Mann, Perdita?“ </p>
      <p>
        <lb/> Da stieß Vater einen Fluch aus: </p>
      <p>
        <lb/> „Ist das ein feiner Besuch! Ist ja ein wahrer <lb/> Wonneproppen! Sehr erfreut,
        gnädige Dame. Unsere <lb/> unwürdigen vier Wände — — Na, Alte, da kommt <lb/> mal einer
        ungelegen!“ </p>
      <p>
        <lb/> Es war offenbar, er wußte gar nicht, was er sagte. </p>
      <p>
        <lb/> Er versuchte sich Haltung zu geben und riß sich <lb/> hoch und schlug die Hacken
        zusammen. Ich sah ihn <lb/> einen Augenblick wieder so schön, wie Mutter ihn ein- <lb/> mal
        geliebt hatte. Er starrte das Mädchen unverrückt <lb/> an. Und im selben Augenblick, als
        Mutter schwach <lb/> „Georg!“ rief, drehte er sich um und stürzte <lb/> fort... </p>
      <p>
        <lb/> Diana starrte noch immer in die offene, leere Tür. <lb/> Dahin gewandt, das Lächeln
        verlierend, Trauer in <lb/> den Augen, Bitterkeit plötzlich um den Mund, sagte <lb/> sie
        sehr langsam: </p>
      <p>
        <lb/> „O, Perdita, ich verstehe — Jetzt weiß ich — O, <lb/> Sie Arme!“ </p>
      <pb facs="#f0180" n="178"/>
      <p>
        <lb/> Sie zuckte zusammen, sie wandte sich zu Mutter <lb/> und rief: </p>
      <p>
        <lb/> „Aber dafür diese Strafe? Wird man denn schul- <lb/> dig, wenn man — — — Ist es denn
        ein Verbre- <lb/> chen —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Gehen Sie noch nicht,“ flüsterte Mutter. „Bitte, <lb/> warten Sie noch. Bis er fort
        ist. Wenn er —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wenn er will,“ sagte Diana, „kann er ja noch <lb/> in einer Stunde auf mich — — Nein!
        Adieu.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah sich wie suchend um. Da entdeckte sie mich. </p>
      <p>
        <lb/> „Komm mit, Theodor! Darf er, Perdita? Mich ein <lb/> Stück begleiten? Adieu. Ich komme
        bald.“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber sie kam nie mehr. </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging hinter ihr her. Im Hof sah ich Vater. Er <lb/> stand hinter den Müllkästen an
        die Mauer gedrückt. <lb/> Ich weiß nicht, ob auch Diana ihn gesehen hatte, sie <lb/> zog
        weiße Handschuhe an und ging schnell. Ich sagte <lb/> nichts, ich hörte ihn hinter uns
        herkommen. </p>
      <p>
        <lb/> Auf der Straße sagte Diana: </p>
      <p>
        <lb/> „Na, junger Herr, ich darf dich wohl nicht an die <lb/> Hand nehmen, wie? Dazu sind
        wir schon zu erwach- <lb/> sen. Aber führ du mich. Ich fürchte mich in dieser <lb/> dunklen
        Jasmunderstraße, halt mich fest und sei ein <lb/> Mann.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war es mehr, als sie und ich selbst ahnten... </p>
      <p>
        <lb/> Ich bekam ihre Hand in dem weichen Leder in <lb/> meine eiskalte, starre. Sie drückte
        sie fest. </p>
      <pb facs="#f0181" n="179"/>
      <p>
        <lb/> „Hast du kalt, Theodor?“ fragte sie sanft. </p>
      <p>
        <lb/> Ich antwortete nicht. Und so gingen wir, ein selt- <lb/> sames Paar, durch die
        düsteren Straßen, in die Brun- <lb/> nenstraße hinein, mit ihrem bewegten Siebenuhr- <lb/>
        Leben. Der verstaubte Hain duftete träge und stickig, <lb/> es dampfte vom Bahnhof herauf,
        wir gingen in einem <lb/> heißen Strom müder Menschen. Es lärmte. </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich sagte Diana, nicht zu mir hinab, sondern <lb/> grade vor sich hin: </p>
      <p>
        <lb/> „Was denkst du wohl von mir, Junge, he?“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber sie erwartete gar keine Antwort. Ich wagte <lb/> aufzusehen und sah: sie lächelte
        verzerrt und starr <lb/> durch die Menschen vor uns hindurch. </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte, Vater verfolgt uns... Ich sah mich <lb/> nicht um, um sie nicht zu
        erschrecken, um sie nicht <lb/> aufmerksam zu machen. </p>
      <p>
        <lb/> Und auf der Brücke, als die Straße vor uns bunt <lb/> aufleuchtete mit ihren
        Kinoreklamen und den hellen <lb/> Fenstern der Kneipen, als die Karussels vom Rummel- <lb/>
        platz durcheinander tobten, die Schießbuden knallten, <lb/> die Stimmen der Ausrufer die
        Glocken der Elektri- <lb/> schen und die Autohupen durchgellten, da mitten im <lb/> wilden
        Getöse sagte sie klar und deutlich zu mir <lb/> hinab: </p>
      <p>
        <lb/> „Hast du dir einmal meinen Leutnant angesehen? <lb/> Findest du ihn sehr schön,
        findest du, daß er un- <lb/> widerstehlich schön ist?“ </p>
      <pb facs="#f0182" n="180"/>
      <p>
        <lb/> Sie preßte meine Hand furchtbar. </p>
      <p>
        <lb/> „Du sollst antworten, Junge!“ sagte sie zwischen <lb/> den Zähnen. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich, — o, ich —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ja! Du! grade du! Es geht dich nichts an, warum <lb/> du! Sag, findest du —“ </p>
      <p>
        <lb/> Da lachte sie. Es war, als zerrisse etwas, was sie <lb/> vergewaltigt hatte. Ihre Hand
        entspannte sich. Ein <lb/> Krampf schien sie ganz gepackt zu haben und löste <lb/> sich
        jetzt. </p>
      <p>
        <lb/> Wir hatten die Hochstraße erreicht, da ging es <lb/> still und friedlich am Hain
        entlang. Nach zehn Schrit- <lb/> ten blieb sie stehen. </p>
      <p>
        <lb/> „Glaubst du, daß er mich noch weiter verfolgt?“ <lb/> fragte sie. </p>
      <p>
        <lb/> Also hatte sie die ganze Zeit gewußt, daß Vater <lb/> uns nachging — </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah hinüber nach der Villa, die mit hellen Fen- <lb/> stern an der Straße stand.
        Aber ich sah hinauf in ihr <lb/> schönes Gesicht und liebte sie hilflos und hoffnungs- <lb/>
        los, in meine zehn Jahre gebannt, zum Kind verflucht, <lb/> und wenn ich sie einmal erreicht
        hatte, ein Jüngling, <lb/> ein Mann, dann war sie... </p>
      <p>
        <lb/> O, ich sah, wie sie sich wieder verwandelte. Sie <lb/> wurde wieder das Fräulein aus
        der Villa, schon ließ <lb/> sie meine Hand los und — </p>
      <p>
        <lb/> Ja, sie hob die Hand auf und sah sie an... </p>
      <pb facs="#f0183" n="181"/>
      <p>
        <lb/> „Du bist ja schmutzig, junger Herr,“ sagte sie. <lb/> Und jetzt war es auch wieder
        ihre harte, helle, spöt- <lb/> tische Stimme. O, ich hatte geträumt... „Du hast <lb/> dich
        nicht gewaschen, du hast meinen Handschuh be- <lb/> fleckt. Also sei bedankt, jedenfalls,
        mein lieber <lb/> Schwan. Solche Flecken wäscht man ab. Es gibt an- <lb/> dere, die gehen
        nur durch Blut fort... Weißt du, <lb/> was Blut ist? Aber ja! Deine Narbe im Gesicht. Von
        <lb/> deinem schönen Vater.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und sie sprach dieses „schön“ so aus, daß ich er- <lb/> schauerte... Als sähe ich eine
        nackte Schönheit leib- <lb/> haftig vor mir... </p>
      <p>
        <lb/> „Ich weiß alles, kleiner Tugendhammel. Dank für <lb/> deinen männlichen Schutz.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte noch nie so viel zu mir gesprochen. Ich <lb/> hielt den Kopf gebückt, als
        schlüge sie mich. So emp- <lb/> fand ich auch. Es war schmerzhafter als Vaters Feuer- <lb/>
        zange... Und mein Herz trug von ihrem Wort tiefere <lb/> Narbe als mein Gesicht von Vaters
        Stiefel... </p>
      <p>
        <lb/> „So, jetzt überlasse ich dich deinem Schutzengel, <lb/> Theodor. Theodor — Heißt das:
        Geschenk von Gott? <lb/> oder: Geschenk an Gott? — Bist du ein kleiner <lb/> Gottesmann?...
        Sieh mich an!“ rief sie. </p>
      <p>
        <lb/> Und sie streckte wieder ihren Zeigefinger nach <lb/> meinem Kinn aus, um den Kopf zu
        sich emporzuheben, <lb/> mit dieser trägen, sich ein wenig ekelnden, herrscher- <lb/> haften
        Gebärde. </p>
      <pb facs="#f0184" n="182"/>
      <p>
        <lb/> Da fuhr ich zurück, um diesem beschämenden Fin- <lb/> ger auszuweichen, ich hob von
        selbst den Kopf, ich <lb/> sah sie an — — Ich armer Junge, ich verwundeter <lb/> Mann, ich
        hilfloses Kind, ich wußte nichts zu <lb/> sagen... </p>
      <p>
        <lb/> Aber ehe ich ihr Auge noch fing, ging sie schon. <lb/> Als wäre es ihr gar nicht ernst
        gewesen, als wüßte <lb/> sie gar nicht, was sie gesagt, was sie verlangt hatte. <lb/> Sie
        sagte nicht mehr Adieu. Rasch, hoch aufgerichtet <lb/> ging sie über die Straße. </p>
      <p>
        <lb/> Ehe sie noch das Haus erreichte, lief ich schon. Ich <lb/> lief an meinem Vater
        vorbei, der unweit stand, er <lb/> hielt mich nicht auf — Ich sah ihn, aber es wurde <lb/>
        mir erst viel später bewußt. </p>
      <p>
        <lb/> Ich dachte nur, daß ich die ganze Nacht im Bett <lb/> still bei Mutter liegen müßte,
        nicht weinen, mich nicht <lb/> wälzen und werfen dürfte. Und wie jetzt still sein, <lb/>
        regungslos, stumm, wo alles in mir schrie, mich trieb <lb/> und trieb, kochend und strömend! </p>
      <p>
        <lb/> Ich rannte in den Hain. Staub. Menschen. Liebes- <lb/> paare. Pfeifenrauch. Rattern
        der Eisenbahnen. Ver- <lb/> gessene Kinder, die auf Bänken schliefen. Ein Schutz- <lb/> mann
        lautlos und wachsam. </p>
      <p>
        <lb/> Weiter, weiter, o, bis ans Ende der Welt, über sie <lb/> hinaus, ins erlösende Nichts
        — </p>
      <p>
        <lb/> Was für ein süß-furchtbares Rätsel trieb mich <lb/> denn?... Ich wußte ja schon alles.
        Von den Prü- <pb facs="#f0185" n="183"/>
        <lb/> geleien der Ehegatten bis zu ihren Hochzeitsnächten, <lb/> von den verruchten Spielen
        der Kinder bis zu den <lb/> Lastern der Halberwachsenen, ich kannte das Elends- <lb/>
        viertel Berlins bis in Keller und Kammern, ich kannte <lb/> mehr als die Menschen, ich
        kannte den Menschen... </p>
      <p>
        <lb/> Aber wer war Diana? was war Diana, die jung- <lb/> fräuliche Göttin?... </p>
      <p>
        <lb/> Und was, was war mit mir?... </p>
      <p>
        <lb/> Woher diese namenlose Angst? Diese entsetzliche <lb/> Furcht vor dem ganzen Leben? Und
        Angst und Furcht, <lb/> im gleichen Atemzuge doch, so süß und unwider- <lb/> stehlich, daß
        man sie suchen mußte, wenn sie sich <lb/> verlören... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war zehn Jahre und erlitt die erste Nacht des <lb/> Jünglings... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt wird man glauben, daß ich ein Leben in der <lb/> Villa führte, der Freund eines
        reichen Knaben, Günst- <lb/> ling einer bürgerlichen Familie, verliebt in eine Dame, <lb/>
        mit Musik gesättigt. </p>
      <p>
        <lb/> Und ich war nicht einmal Stefan Falks Freund... </p>
      <p>
        <lb/> Wie konnte ich es sein! Immer war er der Bürger- <lb/> sohn, ich der Proletarierjunge.
        Später, erwachsen, <lb/> sprachen wir einmal darüber. Und er sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich bin der bessere Freund, Teddy. Denn das große <lb/> Vertrauen, das ich dir
        schenke, gibst du mir nicht. <pb facs="#f0186" n="184"/>
        <lb/> Du hältst dich immer zurück. Du bleibst bei dir, du <lb/> kommst nicht ganz zu mir.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wie kann ich!“ antwortete ich da. Ich hatte schon <lb/> Einsicht. „Wir sind aus zwei
        verschiedenen Welten, <lb/> und ich kann dich wohl lieben. Aber Freundschaft? <lb/> Dazu
        gehört dieselbe Lebensebene. Aber du hast nie <lb/> gehungert, du hast nie gesehen, wie
        Vater Mutter <lb/> schlug, wie er betrunken in die Tür fiel und <lb/> wie Mutter am Waschfaß
        sich ihre Arme verbrühte. <lb/> Du hast nie Zigarrenstummel aufgelesen, um sie zu <lb/>
        verkaufen, du hast nie gebettelt -— — Du kannst mich <lb/> nicht verstehen. Doch nie,
        Stefan, kann dich einer mehr <lb/> lieben als ich. Du bist wie ein Kindertraum von mir.“ </p>
      <p>
        <lb/> Stefan sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Manchmal denke ich: Liebe ist nicht genug... <lb/> Es muß noch etwas anderes, viel
        mehr geben, das, <lb/> was du mir vorenthältst...“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber das war, als wir sechzehn, siebzehn waren. <lb/> Jetzt gingen wir ins elfte Jahr,
        und ich bin un- <lb/> vermögend, seinen Inhalt darzustellen. </p>
      <p>
        <lb/> Es gab eine Villa, in der ich Quartetten lauschte <lb/> und von Damastdecken aß; und
        es gab unsere Woh- <lb/> nung, Stube und Küche, in die sich die Wanzen des <lb/> Hauses
        hineinfraßen und die Mäuse aus dem kalten <lb/> Keller hinaufnagten. Waren wir in unseren
        abblättern- <lb/> den Wänden auch in Frieden, Liebe und Güte, so war <lb/> rings um uns doch
        die Hölle der Armut. </p>
      <pb facs="#f0187" n="185"/>
      <p>
        <lb/> Die Güte der Armen, ihre Grausamkeit, ihr Er- <lb/> barmen und ihre Verrohtheit: ich
        war darin hei- <lb/> mischer als im Duft der Herrschaften. Da waren <lb/> Lemkes, er
        präparierte Tiere, und sie schlug Karten <lb/> und sagte aus Ei im Wasser wahr, die waren
        die <lb/> Zuflucht aller Verlorenen. Man kannte sie und kam, <lb/> wenn man kein Obdach
        hatte, wenn man etwas aus- <lb/> gefressen hatte und sich vor der Polente verstecken <lb/>
        mußte, kam vor der heimlichen Niederkunft, auch <lb/> darauf verstand sich die Lemke, kam,
        um diese Nieder- <lb/> kunft zu verhüten, dafür war die Lemke vom Wedding <lb/> bis Pankow
        berühmt. Und hundert Fabrikmädels und <lb/> Dienstboten und Ladenfräuleins waren ihr
        dankbar. <lb/> Lemkes verlangten nie etwas, sie nahmen, was einer <lb/> entbehren konnte.
        Immer waren ihre zwei Stuben <lb/> voll Menschen, Tag und Nacht, immer schliefen welche
        <lb/> in ihren Betten, und die beiden Alten lagen oft auf <lb/> dem Küchenherd und
        schliefen, um Kranke im Bett <lb/> liegen zu lassen, und sie legten sich auf den Boden,
        <lb/> auf aufgeschichtete Stöße des „Vorwärts“ und der <lb/> „Morgenpost“, um Schwachen die
        warme Herdplatte <lb/> einzuräumen. </p>
      <p>
        <lb/> Das waren Lemkes. Und dann denunzierte sie <lb/> jemand. Wer, kam nie heraus. Aber man
        vermutete, <lb/> daß es die junge Havemann gewesen war, die ihren <lb/> Mann, Straßenkehrer,
        mit jedem betrog, der wollte. <lb/> Vom Friseuremil, vierzehn Jahre, bis zu dessen Vater.
          <pb facs="#f0188" n="186"/>
        <lb/> Die Lemke sprach einmal mit ihr, wir liebten alle <lb/> den jungen Havemann, den sein
        Vater dieser Frau <lb/> wegen verstoßen hatte. Nun, die Lemke wurde ab- <lb/> geführt, und
        ihr Mann wurde als Mitwisser mit- <lb/> verurteilt; ihre Sachen ließ der Hauswirt auf den
        <lb/> Boden schaffen, wo alle Vögel, Hunde, Füchse von <lb/> Motten aufgefressen wurden. Sie
        haben sich ihr Hab <lb/> und Gut auch nie mehr abgeholt, keiner erfuhr, was <lb/> aus ihnen
        geworden war. </p>
      <p>
        <lb/> In ihre Wohnung zog eine geisteskranke Frau mit <lb/> ihrem Sohn, der Idiot war, den
        ganzen Tag am Fen- <lb/> ster saß, lachte und Schweinereien in den Hof rief. <lb/> Diese
        Frau hatte zwei Katzen, die hängte sie jeden <lb/> Tag von zwölf bis zwei, einen Strick um
        den Hals, <lb/> aus dem Fenster... Da hingen die Buntgefleckten und <lb/> zappelten,
        erstickten, wurden still — Sie starben nie, <lb/> sie belebten sich wieder, und nächsten Tag
        begann <lb/> es von neuem. Ich wußte es nicht, bis ich einmal <lb/> Henny an unserm Fenster
        in Schreikrämpfen fand. <lb/> Ich sah hinaus und erblickte die Kreaturen im täglich <lb/>
        wiederholten Todeskampf. </p>
      <p>
        <lb/> „Warte, Henny,“ sagte ich, „sei still. Ich laufe.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich lief aufs Revier, sie lachten dort, ich zerrte <lb/> einen Schutzmann mit, er rief
        beim Tierschutz an, <lb/> eine Dame kam im Auto, sie sah noch die schon still <lb/>
        gewordenen Tiere hängen, und wir drei, gefolgt vom <lb/> halben Haus, stürmten die Wohnung. </p>
      <pb facs="#f0189" n="187"/>
      <p>
        <lb/> Der Schutzmann erreichte, daß geöffnet wurde... <lb/> Die Dame flog ans Fenster, und
        ich weinte, wie ich sie <lb/> über den leblosen Katzen schluchzen sah, die sie an <lb/> ihre
        Brust drückte. Heut hatte die eine wirklich <lb/> ausgelitten — Ihre schwarzen Augen, nur
        noch Pu- <lb/> pille, schrien lautlos einen unfaßlichen Jammer in <lb/> die Menschenwelt. </p>
      <p>
        <lb/> Ach du unglückliche Kreatur, die dem Menschen in <lb/> die Hände gerät! </p>
      <p>
        <lb/> Die böse Alte lief am nächsten frühen Morgen <lb/> die fünf Treppen zum Boden hinauf
        und sprang von <lb/> da in den Hof... Man hörte den Idioten an seinem <lb/> Fenster gellend
        lachen und Schmutzworte hinabspeien, <lb/> und als man sich aus den Fenstern bog, sah man,
        <lb/> daß er sich so sehr über das Kleiderbündel unten <lb/> freute, das seine Mutter war... </p>
      <p>
        <lb/> Zur selben Zeit ging überhaupt der Tod im Hause <lb/> um. Vorn hatte sich die
        sechzehnjährige Tochter vom <lb/> Uhrmacher Nachtlicht in ihren möblierten Herrn ver- <lb/>
        liebt, einen eleganten jungen Mann, der Kellner im <lb/> Restaurant vom Baltic-Hotel war.
        Der verschwand eines <lb/> Tages, und es stellte sich heraus, daß er einem Gast, <lb/> einem
        Schweden, die Brieftasche aus dem Mantel <lb/> gestohlen hatte und mit ihr — sie enthielt
        über <lb/> zwanzigtausend Mark — geflüchtet war. Die junge <lb/> Resi ertränkte sich im
        Tegelersee, eines Sonntags, <lb/> während die Eltern ihr Bier tranken. Sie wurde schnell <pb
          facs="#f0190" n="188"/>
        <lb/> herausgezogen, das Wasser war von vielen Booten <lb/> belebt. Aber sie war nicht mehr
        ins Leben zurück- <lb/> zurufen. </p>
      <p>
        <lb/> Dann lebte da das stille, junge Paar Grigoleit mit <lb/> zwei Kindern von drei und
        fünf Jahren. Man wußte <lb/> nichts von ihnen, früh ging der Mann fort und kam <lb/> nachts
        nach Haus, und oft hörte man die Kinder <lb/> weinen. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Sie haben Hunger —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie verstand sich darauf. Vielleicht hatte sie uns <lb/> einmal in denselben Tönen
        weinen hören. Sie nahm <lb/> ein Töpfchen Milch, stieg hinauf und klopfte. Und <lb/> sie kam
        mit dem vollen Topf wieder hinunter. Die <lb/> Grigoleit hatte geöffnet, auf die Milch
        gestarrt, auf <lb/> die ausgestreckte Geberhand, und die Tür zugeworfen. </p>
      <p>
        <lb/> Von innen hatte sie geschrien: </p>
      <p>
        <lb/> „O, was fällt Ihnen ein! Denken Sie, Sie dürfen <lb/> uns beleidigen? Behalten Sie
        Ihre Milch für Ihre <lb/> Jöhren, die vorm Hungertyphus stehn! Weg von mei- <lb/> ner Tür.“ </p>
      <p>
        <lb/> Am nächsten Morgen, früh, raunte und flüsterte es <lb/> auf der Treppe. Es roch
        fürchterlich nach Gas, und <lb/> es kam aus der Grigoleitschen Tür. Die Polizei drang <lb/>
        ein. Alle vier waren tot, friedlich lagen sie da, auf <lb/> dem einzigen Bett, der Vater
        hatte das Mädchen, <lb/> die Mutter den Knaben im Arm. Die Gesichter waren <pb facs="#f0191"
          n="189"/>
        <lb/> sich zugewandt, Liebe lebte noch über diesem schauer- <lb/> lichen Katafalk. </p>
      <p>
        <lb/> Es fand sich nicht ein einziges Krümchen Salz... <lb/> Alle vier waren zum Skelett
        abgemagert... </p>
      <p>
        <lb/> Und der Hund der alten Balduweit starb... Er lag <lb/> unten am Eingang zur
        Hintertreppe, im Winkel, er <lb/> konnte sich nicht tiefer verkriechen. Die Balduweit <lb/>
        war fort und hatte ihn auf den Hof gelassen, sie <lb/> wollte den ganzen Tag fortbleiben. </p>
      <p>
        <lb/> Es war einer der seltenen Tage, an denen Vater kam. Er <lb/> kam. Ich kniete bei dem
        Tier und hielt ihm den Kopf, ich <lb/> begriff, daß es starb, und ich weinte, ich mit den
        <lb/> locker sitzenden Tränen, ich flüsterte ihm zu, er <lb/> würde es nun so gut haben,
        bloß noch ein Weilchen <lb/> schmerzhaftes Leben und dann — </p>
      <p>
        <lb/> Da kam Vater, sah uns, er lachte. Er trat in den <lb/> Mauerwinkel und wollte sein
        Wasser an der Wand <lb/> abschlagen. </p>
      <p>
        <lb/> „Weg da!“ rief er und stieß mit dem Fuß das <lb/> Sterbende weg... </p>
      <p>
        <lb/> Da hob ich die Hand — Ich heulte auf, ich höre <lb/> es noch heut. Ein unmenschlicher
        Laut, mein Herz <lb/> schrie aus der Brust, ich ballte die Faust, ich ächzte, <lb/> ich ganz
        und gar, mit jeder Faser, jedem Bluts- <lb/> tropfen warf mich gegen den Rohen, den Betrun-
        <lb/> kenen, den Entmenschten — — </p>
      <p>
        <lb/> Er fing meine Faust auf, schleuderte sie und damit <pb facs="#f0192" n="190"/>
        <lb/> mich weg. Noch einmal, mit teuflischer Absicht, um <lb/> mir damit aufs Herz zu
        treten, trat er auf den Hund... </p>
      <p>
        <lb/> Über die Lefzen quoll Schaum, rötlicher Schaum, <lb/> und er seufzte und reckte sich
        und starb unter dem <lb/> Menschentritt... </p>
      <p>
        <lb/> Von da ab hatte ich keinen Vater mehr — Alles, <lb/> was ihn noch traf, ging mich
        nichts mehr an. Der <lb/> Fremdeste berührte mich mehr. Er war wie nie ge- <lb/> wesen. Was
        ihm geschah, fand nirgends mehr Zugang <lb/> zu mir... </p>
      <p>
        <lb/> Ich sage: ich hatte keinen Vater mehr. Aber ach, <lb/> er war da, er blieb da, er
        zeigte sich in immer fürch- <lb/> terlicherer Gestalt, er war wie Teufel in unserm <lb/>
        Leben, er zerstörte den Frieden, die Zuversicht — </p>
      <p>
        <lb/> Wenn ich nur nicht alles hätte <hi rendition="#g">raten</hi> müssen! <lb/> Wissen
        erleichtert noch den schlimmsten Kummer. <lb/> Und riet ich denn? was begriff ich von dem,
        was <lb/> ich mit erkaltendem Herzen beobachtete? </p>
      <p>
        <lb/> An einem Abend kam ich durch den Hain, und da <lb/> sah ich schon von fern, ungewiß
        beleuchtet von einer <lb/> Laterne zwischen den belaubten Bäumen, eine Gestalt <lb/> stehen,
        eine Frau — So stand nur Eine da, sie, Diana <lb/> Fiori. Und sie stand vor meinem Vater... </p>
      <p>
        <lb/> Er saß vor ihr, auf einer Bank, rauchte eine Zi- <lb/> garette und lächelte. Ich hatte
        ihn nie so lächeln <lb/> sehen. So lächeln Männer zu Frauen, die sie vor sich <lb/> schwach
        werden sehen... </p>
      <pb facs="#f0193" n="191"/>
      <p>
        <lb/> Ich weiß nicht, ob sie sprachen. Diana stand drei <lb/> Schritte von ihm, Ekel und
        anderes mir Undeutbares <lb/> im Gesicht, und starrte ihn an. Und er lächelte an <lb/> ihr
        vorbei, zu mir hin, wie zu einem Zeugen dieses <lb/> unerhörten Vorgangs; aber er sah mich
        nicht. </p>
      <p>
        <lb/> Menschen gingen an ihnen vorbei, sie verharrten. <lb/> Wie sollte ich und was
        begreifen! — </p>
      <p>
        <lb/> Dann stand er auf. Er spuckte aus. So, als täte er es <lb/> nur der Situation zuliebe,
        als täte er da eine mystische <lb/> Handlung, die sein Opfer faszinieren sollte. Aber diese
        <lb/> Geste schien Diana zu wecken. Es durchriß sie, sie <lb/> warf sich zur Seite und lief.
        Und er ihr nach. </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt sah ich: er redete zu ihr, redete auf sie ein, <lb/> immer hinter ihr, er schien
        sich nicht an ihre Seite <lb/> zu wagen. </p>
      <p>
        <lb/> O, und wie war er schön! Sah ich ihn jetzt mit <lb/> Dianas Augen? Ich sah seinen
        starken, schlanken <lb/> Wuchs, diese Jünglingsschenkel, das wehende blonde <lb/> Haar, das
        männliche Profil. Die gemeine Manchester- <lb/> hose, das Leinenjackett nahmen seine edlen
        For- <lb/> men an. </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich streckte Diana ihre Hand nach hinten <lb/> aus... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war ihnen nachgeschlichen, ich fieberte, ich <lb/> sah nichts als diese Zwei. Sie
        gab ihm Geld... </p>
      <p>
        <lb/> Aber er ergriff ihre Hand — — </p>
      <p>
        <lb/> Und dann sah ich den Kampf einer halben Minute. <pb facs="#f0194" n="192"/>
        <lb/> Dianas Gesicht leuchtete wie Mond. Geld klirrte, es <lb/> war auf die Steine gefallen,
        und sie riß sich los <lb/> und lief. </p>
      <p>
        <lb/> Einen Augenblick zögerte Vater, bückte sich, dann, <lb/> ohne das Geld gesucht zu
        haben, stürzte er ihr nach. </p>
      <p>
        <lb/> Vater ließ das Geld liegen und folgte dem <lb/> Mädchen... </p>
      <p>
        <lb/> Aber sie hatte schon den Steg über die Bahngeleise <lb/> erreicht, Menschen waren da
        in Menge. Und Vater <lb/> blieb stehen, lief zurück, jetzt wollte er wohl das <lb/> Geld
        holen. Er sah mich nicht, als er an mir vorbei- <lb/> kam. Er fletschte die Zähne, seine
        weißen, starken <lb/> Zähne. Nein, ich konnte ihn niemals hassen. Kraft, <lb/> noch in
        Roheit, ist schön. Und wer die Schönheit <lb/> liebt... </p>
      <p>
        <lb/> Ich wagte niemals, etwa diese erlauschte Szene zu <lb/> deuten. Ich weiß nichts. </p>
      <p>
        <lb/> Aber als ich einmal, drei Wochen nach diesem <lb/> Abend, bei Stefan Falk war, hörte
        ich unten in der <lb/> Diele Vaters Stimme... </p>
      <p>
        <lb/> Vaters heisere, betrunkene Stimme! </p>
      <p>
        <lb/> Ich lauschte, ich war wohl weiß wie Leinen ge- <lb/> worden, ich wollte zur Tür. Da
        hielt Stefan mich fest. </p>
      <p>
        <lb/> „Bleib hier,“ sagte er, „das geht dich nichts an.“ </p>
      <p>
        <lb/> „O! Stefan! was ist das? was will er hier? was tut <lb/> er da? Laß mich doch! Bitte,
        sag mir —“ </p>
      <p>
        <lb/> Um mich zu halten, gestand Stefan: </p>
      <pb facs="#f0195" n="193"/>
      <p>
        <lb/>
      </p>
      <p>
        <lb/> „Er kommt manchmal um Geld, Teddy. Mach dir <lb/> bloß keine Gedanken. Papa wird schon
        mit ihm <lb/> fertig.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wieso weiß er denn?“ stammelte ich. „Ach, wenn <lb/> Mutter das wüßte —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Halt nur den Mund, Teddy. Fürchte dich bloß <lb/> nicht. Neulich hat er Skandal hier
        gemacht, wenn <lb/> du’s schon wissen sollst. Er wollte Tante Diana spre- <lb/> chen. Da hat
        ihm Papa was von Polizei gesagt. Ich <lb/> stand auf der Treppe. Siehst du, ich sag dir
        alles, <lb/> aber geh bloß nicht runter.“ </p>
      <p>
        <lb/> Eine Tür krachte unten zu. Wie entsetzlich war das <lb/> alles. Heut denke ich mir:
        Erpressung, Drohung — <lb/> Ach, was alles reime ich mir zusammen, wenn ich <lb/> diese
        Auftritte von damals mir vergegenwärtige! </p>
      <p>
        <lb/> Sicher ist: Vater wußte von unsern Beziehungen <lb/> zur Villa und beutete sie aus. Er
        kannte Diana — <lb/> und — — </p>
      <p>
        <lb/> Und Diana? Warum sprach sie mit Vater im abend- <lb/> lichen Hain, während er saß und
        rauchte und sie vor <lb/> ihm stand -— wie ein Fabrikmädel mit ihrem Bur- <lb/> schen sich
        trifft, der ihr ins Gesicht pafft, ihr Geld <lb/> nimmt, ihren Herrn spielt — Sie stand, und
        er saß... <lb/> O, du unendliches Geheimnis des Lebens... </p>
      <p>
        <lb/> Und dieses alles war mein eigentliches Leben. Das <lb/> andere, das schöne, gute,
        reine war nur ein Traum <lb/> darin, ein Märchen, ein Aufatmen. </p>
      <pb facs="#f0196" n="194"/>
      <p>
        <lb/> Und der Traum im Traum die Musik... Ich durfte <lb/> bei allen Musikabenden dabei
        sein. Immer saß ich <lb/> mit Stefan im kleinen grünen Zimmer, in das der <lb/> Wintergarten
        duftete. Bei Quintetten spielte Nina Falk <lb/> den Klavierteil. Dann lauschte ich nur auf
        sie. Die <lb/> Töne der Saiteninstrumente hatten mir noch Bezie- <lb/> hung zum Irdischen,
        sie waren verklärtes Mensch- <lb/> liches, sie hatten im Klang Sprache unseres Innern, <lb/>
        sie redeten, wenn auch mit Engelszungen, von der <lb/> Erde. Aber das Klavier hatte nichts
        mehr mit uns <lb/> zu tun, sein Klang war nicht mehr menschliche <lb/> Stimme, es konnte mit
        vielen Stimmen reden, es <lb/> konnte zugleich in den Bässen donnern und aus un- <lb/>
        übersehbarer Höhe Melodien hinabträufeln lassen. Es <lb/> hatte die Vielfalt, die kein
        anderes Instrument er- <lb/> reicht. Alle andern reden nur mit <hi rendition="#g">einer</hi>
        Stimme — <lb/> und sei es auch die der Erdentiefe, der Wolken, Gottes <lb/> in den Baßtuben,
        den Hörnern, den Oboen, in denen <lb/> Birkenwälder singen. Aber aus dem Klavier tönt <lb/>
        das All... </p>
      <p>
        <lb/> Nina Falk spielte stammelnd — wenn ich an die <lb/> großen Meister denke, die ich
        später hörte. Aber bei <lb/> keinem habe ich so gehört, daß das Klavier ein Herz <lb/> hat,
        das Herz seines Spielers, daß des Herzens Kla- <lb/> viatur unter den Händen ertönt. </p>
      <p>
        <lb/> Ich habe mit Stefan Falk ins Konzert gehen dürfen. <lb/> Wir haben einmal im
        Riesensaal der Philharmonie <pb facs="#f0197" n="197"/>
        <lb/> Nikisch dirigieren sehen, Brahms und Tschaikowsky <lb/> öffneten mir ihre noch
        unbegreiflichen Himmel, und <lb/> dazwischen spielte d’Albert Liszt. Ich habe keine <lb/>
        Erinnerung an diesen Liszt behalten, nur Erinnerung, <lb/> wie d’Albert Musik machte... Zum
        ersten Mal <lb/>
        <hi rendition="#g">schaute ich Schöpfung</hi>... </p>
      <p>
        <lb/> Aber das war alles noch zu groß, zu gewaltig, zu <lb/> tief, unfaßlich für elf Jahre.
        Nina Falks Musik be- <lb/> griff ich, noch wenn sie Bachsche Partiten und Fugen <lb/>
        spielte, die spielte sie am öftesten, ich habe fast nur <lb/> Bach von ihr gehört, sie hat
        sich zu Chopin nie ent- <lb/> schlossen. Ich glaube, weil sie ihn fürchtete, weil in <lb/>
        Chopin ihr eigenes Herz strömte, weil sie in ihm sich <lb/> schrecklich preisgegeben fand
        und in seinen Balladen <lb/> und Sonaten sich selbst hätte verströmen lassen müs- <lb/>
        sen... Sie war der schamvollste Mensch, und Bach <lb/> ist Disziplin, Haltung, <hi
          rendition="#g">Maß</hi>... In Bach kann man <lb/> sein Chaos in Gesetz ordnen und in
        Gestalt erfüllen. </p>
      <p>
        <lb/> Aber <hi rendition="#g">lieben</hi> konnte ich Bach nie. Mir fehlte bei <lb/> ihm das
        Pathos, ich fand nur Pathetik. Seine Musik <lb/> erscheint mir wohl wie Grundriß und Aufriß
        zu den <lb/> herrlichsten Tempeln, aber es bleibt nur Gerüst, Kon- <lb/> struktion der
        Architektur, nicht gelebte Architektur. <lb/> Es sind — sagen wir — gotische Dome. Aber
        Gotik <lb/> mit Licht. Diesen Kirchen fehlt, was ihnen die <hi rendition="#g">Seele</hi>
        <lb/> gibt: die Dämmerung! Sie haben helle Fenster, und <lb/> erbarmungsloses Licht raubt
        der Gliederung den <pb facs="#f0198" n="196"/>
        <lb/> Zauber. Wo Bach noch Gott anbetet oder an der Erde <lb/> sich freut: er preßt noch
        sein Herz in gebändigte <lb/> Form. Schläuche ohne Wein — — O, das ist ein zu <lb/> hartes
        Wort! Aber — für mich — doch nur Wein <lb/> ohne Gift und Blume. Es ist das <hi
          rendition="#g">gigantische</hi>
        <lb/> Werk eines <hi rendition="#g">Menschen</hi>. Die Götterburg eines Ir- <lb/> dischen.
        Ja, Bach hat zu Gott gebetet, aber er war <lb/> nicht gotterfüllt. Noch viel weniger war er
        selber Gott <lb/> — wie Beethoven. Beethovens Musik ist ja nicht Rede <lb/> mit Gott,
        sondern das Göttliche selbst. So viele <lb/> Musiker stehen in irgendeinem Verhältnis zu
        Gott. <lb/> Nur Beethoven ist unter ihnen die Gottheit selbst. Er <lb/> verkündet nirgends
          <hi rendition="#g">Ihn</hi>, immer nur sich selbst. <lb/> Sich selbst — und nie scheint
        doch bei Beethoven <lb/>
        <hi rendition="#g">Mensch</hi> zu uns zu sprechen. Unser Kampf ist bei <lb/> ihm schon
        erledigt, durchrungen. Es geht schon um <lb/> Höheres, um die Verklärung dieses Kampfes.
        Manch- <lb/> mal beginnt sein Werk noch menschlich, aber es endet <lb/> immer über ihm, in
        seiner göttlichen Erfüllung. </p>
      <p>
        <lb/> Ach, ich erlaube mir, von Musik zu sprechen. Bitte, <lb/> laßt mich. Ich liebe sie so
        über alles Maß... </p>
      <p>
        <lb/> Ich hörte Nina oft spielen. Ich ließ mit Stefan <lb/> Arbeit und Spiel im Stich, wir
        schlichen hinab, <lb/> wenn unter uns der erste Ton erklang, wir kauerten <lb/> auf der
        Schwelle des Musiksaals und lehnten den <lb/> Kopf an die Tempeltür. </p>
      <p>
        <lb/> Ich, ich liebte nur Musik, sie stillte mich, hob mich <pb facs="#f0199" n="197"/>
        <lb/> auf. Aber Stefan — Stefan war von ihr besessen. Sie <lb/> befriedigte ihn nie, sie
        regte ihn maßlos auf, sie <lb/> folterte ihn, ich sah ihn sich winden vor ungeborenen <lb/>
        Schmerzen. Den Zehnjährigen. </p>
      <p>
        <lb/> Er blieb Schüler, Gymnasiast, übte täglich drei <lb/> Stunden, zwang sich dann, die
        Geige hinzulegen, wenn <lb/> auch Griff und Bogen sich in seine Hände brannten. <lb/> Und es
        geschah, daß er sagte: „Hör zu.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und dann spielte er. </p>
      <p>
        <lb/> „Was war das, Stefan?“ sagte ich. „Verstanden <lb/> habe ich es nicht, aber schön war
        es.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Das war von mir,“ flüsterte er. „Es heißt: ein <lb/> Abend im Mai.“ </p>
      <p>
        <lb/> Oder er sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Das ist nur eine Etude.“ Oder: „Ein langsamer <lb/> Walzer.“ </p>
      <p>
        <lb/> Das waren, zehnjährig, seine heimlichen Kom- <lb/> positionen. </p>
      <p>
        <lb/> Geige spielte er gut. In leichten Haydn-Quartetten <lb/> durfte er manchmal die zweite
        Geige spielen, an <lb/> Stelle des schönen Offiziers. Sein Lehrer spielte <lb/> die erste
        Geige, sein Vater die Bratsche und Diana <lb/> Cello. </p>
      <p>
        <lb/> Diana spielte am kühlsten, am schülerhaftesten. <lb/> Sie schämte sich. Sie war zu
        verschlossen, sie wagte <lb/> nicht einmal, im Ton ihr Gefühl ausströmen zu lassen. <lb/>
        Sie zügelte sich noch bis in den Strich ihres Bogens, <pb facs="#f0200" n="198"/>
        <lb/> sie bespöttelte sich als Ausübende, sie war niemals <lb/> unbefangen. </p>
      <p>
        <lb/> Aber Thomas Falk, Nina Falk, die Schweigsamen, <lb/> wurden im Spiele beredt. Diese
        Kühlen, Gelassenen <lb/> spielten Leidenschaft und Inbrunst. </p>
      <p>
        <lb/> Es war Juni des Jahres neunzehnhundertvierzehn, <lb/> als mir Stefan unvermutet sagte,
        daß am nächsten <lb/> Tag die Verlobung der Tante Diana mit dem schönen <lb/> Leutnant
        gefeiert werden sollte. Ganz groß und feier- <lb/> lich, mit vierzig Personen und einer
        kleinen Musik- <lb/> kapelle. Ein Diner um sechs Uhr, mit Ball am Abend. <lb/> Und uns
        Kindern sollte oben serviert werden. Das <lb/> kleine Orchester würde auf dem Treppenpodest
        in <lb/> halber Höhe der Diele spielen und für uns wie für <lb/> den Speisesaal gleich
        gedämpft hörbar sein. </p>
      <p>
        <lb/> „Papa hat das Programm gemacht. Lauter Stücke, <lb/> die Tante Di liebt. Aus alten
        Opern und Sinfonien. <lb/> Sie werden ein Scherzo von Mahler spielen, aus der <lb/>
        Sechsten, und die drei Nachtmusiken aus der Sieben- <lb/> ten. Du hast sie noch nie gehört.
        O, du wirst was <lb/> hören. Tiefer geht es nicht in die Musik! — Mama <lb/> hat gesagt, es
        wäre eine unmögliche Musik für eine <lb/> Dinergesellschaft. Aber Papa sagte, man wird zwei
        <lb/> Stunden bei Tisch sitzen, wer hört da auf die Musik? <lb/> Das Menu ist zu schön. Und
        wir, wir Eingeweihten, <lb/> die zwischen Poulet und Chateaubriand die Ohren <lb/> spitzen,
        werden was fürs Herz haben. Also!“ </p>
      <pb facs="#f0201" n="199"/>
      <p>
        <lb/> So ging ich zu Diana Fioris Verlobung... </p>
      <p>
        <lb/> Ich kam viel zu früh. In einem Matrosenanzug <lb/> von Stefan. Mir paßten mit elf die
        Sachen, die er mit <lb/> neun getragen hatte, so dürftig war ich. Ich trug <lb/> lange
        dunkelblaue Hosen und weiße Bluse und fand <lb/> mich scheußlich. Jeder mußte sehen, daß ich
        nicht <lb/> in diesen feinen Anzug hineinpaßte. Bewegen konnte <lb/> ich mich schon in ihm,
        ich war auch, wachsend, <lb/> nie linkisch und tölpelhaft geworden, im Gegenteil <lb/> immer
        leichter in den Gliedern und freier in der Hal- <lb/> tung. Nur wenn Fräulein Diana mich
        ansah... </p>
      <p>
        <lb/> Ich kam so früh, daß Stefan noch über seinen <lb/> Schularbeiten saß und Lilian erst
        angezogen wurde. <lb/> Ich stand oben an der Treppe und sah hinab, wo die <lb/> Musiker
        schon ihre Pulte aufstellten, neun Mann. <lb/> Überall standen Kübel mit Pflanzen, Blumen,
        um die <lb/> Lampen hingen Ranken, Lohndiener im Frack gingen <lb/> ab und zu. Es war wie
        Blick in Theater hinterm <lb/> Vorhang —</p>
      <p>
        <lb/> Da sagte es: </p>
      <p>
        <lb/> „Theodor —“</p>
      <p>
        <lb/> Ich konnte mich nicht umwenden. Es war Dianas <lb/> Stimme. </p>
      <p>
        <lb/> „Theodor, komm einmal.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ihre Stimme faßte mich an wie eine Hand und zog <lb/> mich schmerzhaft. Ich sah sie
        nicht, ich ging in einem <lb/> Nebel, einem Gewölk, das nach Reseda duftete... </p>
      <pb facs="#f0202" n="200"/>
      <p>
        <lb/> Denn ich war in ihre Stube getreten. Und plötzlich <lb/> schob sie mich hinter einen
        Wandschirm, und ich <lb/> hörte sie heiter rufen: </p>
      <p>
        <lb/> „Du, Nina, kommst du mich anschauen? Nun, bist <lb/> du zufrieden, Ni?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Aber Di!“ hörte ich Ninas Stimme. „So kannst <lb/> du nicht gehen. Du bist für eine
        Braut viel zu tief <lb/> dekolletiert. Du mußt einen Schal umnehmen, du <lb/> mußt dir
        Blumen in den Ausschnitt stecken. Das <lb/> ist unmöglich, Kind!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Unmöglich! Wirklich! Die jungfräuliche Göttin <lb/> — Du findest es schamlos, Ni?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Das habe <hi rendition="#g">ich</hi> nicht gesagt. Ich möchte dir nur <lb/> raten —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Gut, du sollst nicht erröten müssen, ich nehme <lb/> einen Schal. Ni, bist du
        glücklich, Ni?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Was für eine Frage! Ob <hi rendition="#g">ich</hi> heute glücklich bin. <lb/> Du bist
        doch — —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, die Braut, ich weiß. Aber ich frage <hi rendition="#g">dich</hi>, <lb/> Ni, <hi
          rendition="#g">dich</hi>: bist du glücklich, daß ich mich ent- <lb/> schlossen habe?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich hoffe, Di, du wirst es sein und bleiben.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Du willst nie mit mir sprechen, Nina.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Was tue ich jetzt, Diana?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Du sprichst an mir vorbei. Du —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wie schön du bist, Di.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Siehst du?“ </p>
      <pb facs="#f0203" n="201"/>
      <p>
        <lb/> „Deine Schultern sind herrlich. Ich hatte nie so <lb/> schöne.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Immer wünschte ich mir, ein einziges Mal, offen, <lb/> mit dir —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Du hättest ein wenig, ein wenig Rot auflegen <lb/> können.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wir hatten denselben Vater, Nina.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ja. Das ist nicht viel. Mutter ist das Entscheidende. <lb/> Du bist so blaß.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Hassest du mich sehr, Nina? Siehst du, ich <lb/> opfere mich —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Da ist ein Wagen — Nimm den Schal, Diana.“ </p>
      <p>
        <lb/> Eine Tür fiel zu... </p>
      <p>
        <lb/> Vergaß mich Diana Fiori? </p>
      <p>
        <lb/> Vor acht Tagen war sie mit Herrn Falk und ihrer <lb/> Schwester von Dalmatien
        zurückgekehrt. Sie waren <lb/> fünf Wochen unten auf den Inseln gewesen. Dann <lb/> war, von
        einem Telegramm gerufen, der Leutnant <lb/> nach Wien gereist, um den Heimkehrenden dort zu
        <lb/> begegnen. Und dort hatte, endlich, nach zwei Jahren <lb/> Abweisung, Diana sich ihm
        versprochen. Das alles <lb/> erfuhr ich später. Dann hatte sie gedrängt, die Tat- <lb/>
        sache zu veröffentlichen, zu besiegeln. Und sie selbst <lb/> hatte für Mitte August die
        Hochzeit festgesetzt. </p>
      <p>
        <lb/> Die Kinder machten diese alljährlichen Reisen nicht <lb/> mit. Man fand, ihr Gemüt
        wäre den Eindrücken Ita- <lb/> liens, des Mittelmeers, der norwegischen Fjorde nicht <pb
          facs="#f0204" n="202"/>
        <lb/> gewachsen. Sie gingen jeden Sommer mit dem Schwei- <lb/> zer Fräulein an die See. Im
        Vorjahr hatte man mich <lb/> aufgefordert mitzugehen... </p>
      <p>
        <lb/> Ein paar Herzschläge lang sah ich alles Unbekannte <lb/> vor mir: die graugrüne See
        mit weiß gischtenden <lb/> Wogen, den unendlichen leeren Horizont, die ein- <lb/> samen
        Dünen und hörte die Brandung, die Stimme <lb/> der Unendlichkeit. Aber ich sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Ja — und Henny und Mark —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Das,“ sagte Nina Falk, „wird sich kaum machen <lb/> lassen. Aber vielleicht
        ermöglicht sich für die beiden <lb/> etwas hier in der Nähe.“ </p>
      <p>
        <lb/> „O, danke,“ sagte ich. „Nein, ich möchte doch <lb/> lieber nicht mitfahren. Besten
        Dank, Frau Direktor.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie streichelt mir den Kopf und nickte mir zu. <lb/> Sie verstand mich. </p>
      <p>
        <lb/> Ja, Diana hatte sich in Wien verlobt. Nun schien <lb/> sie Ungeduld zu erfassen. Hals
        über Kopf wurde <lb/> diese Gesellschaft geladen, es war Sommer, noch <lb/> vor der
        gewöhnlichen Reise. Alle sagten also zu. <lb/> Und nun stand ich hinter dem Paravent in dem
        <lb/> resedagrünen Zimmer, das nach Reseden duftete, und <lb/> Diana, die Braut, hatte mich
        vergessen. </p>
      <p>
        <lb/> Nein, sie rief mich... </p>
      <p>
        <lb/> Sie stand inmitten des großen Raums. Die Vor- <lb/> hänge waren zusammengezogen, grüne
        Seide, gegen <lb/> die einscheinende Sonne, und es herrschte eine warme, <pb facs="#f0205"
          n="203"/>
        <lb/> trübe Dämmerung. Sie stand wohl noch so, wie ihre <lb/> Schwester sie verlassen hatte,
        mit herabhängenden <lb/> Armen. Ganz in weißen Spitzen, mit nackten Armen, <lb/> tief
        entblößt, die Perlen um den Hals. Im Haar trug <lb/> sie eine kalte weiße Blume, es war eine
        Gardenie. <lb/> Sie war weiß von der Stirn bis in die Spitzen ihrer <lb/> Schuhe. Und ihr
        schwarzes Haar war hochgesteckt, <lb/> das machte sie ganz fremd. </p>
      <p>
        <lb/> „Komm her, Theodor, näher.“ </p>
      <p>
        <lb/> Heut war keine Spötterei in ihrer Stimme. </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah sie an. Mir war, ich hätte sie noch nie <lb/> gesehen... Ich sah Diana jetzt
        zum ersten Mal... </p>
      <p>
        <lb/> „Theodor,“ sagte sie mit unbewegtem Blick über <lb/> mich hinweg, „lieber, kleiner
        Mann, man sollte dich <lb/> retten. Armes Kind, du lebst unter so gemeinen <lb/> Menschen —“ </p>
      <p>
        <lb/> Das löste meinen Bann. Ich reckte mich aus der <lb/> Verzauberung. Ich rief leise: </p>
      <p>
        <lb/> „O — sagen Sie das nicht! gemeine Menschen! — <lb/> Ich liebe sie, ich gehöre zu
        ihnen, ich brauche sie.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, ja, deine Welt — Die Welt der Zukunft, <lb/> sagen meine Soziologen. Wer weiß? —
        Ich will dir <lb/> etwas sagen. Willst du nicht dem Leben dienen, <lb/> Theodor? Dann höre:
        man muß ganz auf das Leben <lb/> verzichten, wenn man ihm dienen will.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie lächelte weit weg. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich, siehst du, ich kann gar nicht verzichten. <pb facs="#f0206" n="204"/>
        <lb/> Es nützt nichts. Ich versuche es, aber — Nein, es <lb/> wird nicht gehen, es darf
        nicht. Schön sein ist besser.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie erschauerte, und von ihrer Schulter glitt das <lb/> Band, das die Spitzen hielt.
        Und auf einmal sah ich <lb/> sie nackt... </p>
      <p>
        <lb/> Es schüttelte mich. Kälte durchschoß mich. Und <lb/> ich trank mit den Augen diese
        eine entblößte Schul- <lb/> ter, die Hebung einer Brust, diese Haut, weiß wie die <lb/>
        Gardenie, kaltes, lebloses Weiß, Stein. Und es strömte <lb/> doch davon ein Leben aus, das
        mich packte. </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt sah sie mich an, so aufmerksam, sie lächelte <lb/> geheimnisvoll und schob das
        Band nicht wieder <lb/> hinauf. Mir schien es, als hielte sie mir diese nackte <lb/>
        Schulter hin, böte sie mir dar, die Gottheit eine <lb/> Gnade, mit einem böse-unschuldigen
        Lächeln, die un- <lb/> verständliche jungfräuliche Diana... </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte zu mir hinab: </p>
      <p>
        <lb/> „Höre, Junge, meinen Lehrsatz. Merk ihn dir: <lb/> verachte doch den Körper nie. Ist
        nicht vielleicht der <lb/> Leib die tiefste Offenbarung unseres Geistes? Alles <lb/>
        Irdische ist die offenbarste Erscheinung der gött- <lb/> lichen Idee.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und schon wieder über mich hinweg: </p>
      <p>
        <lb/> „Wenn einer in meinem Körper Gott erscheinen <lb/> sieht, muß ich ihn nicht beten,
        opfern lassen? Ich <lb/> bin der Leib des Herrn — darf ich ihn der Lippe <lb/> des Gläubigen
        versagen?“ </p>
      <pb facs="#f0207" n="205"/>
      <p>
        <lb/> Und da kniete sie hin, so schnell, daß es wie ein <lb/> Fall war. Ich sprang zurück,
        aber sie griff nach mir, <lb/> zog mich heran und flüsterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Höre, du liebst ihn. Nicht wahr? Ist er nicht <lb/> wunderbar?“ </p>
      <p>
        <lb/> O, ihr Lächeln! Auf einmal wurde die unnahbare <lb/> Göttin Mensch. Die Seele fuhr in
        den steinernen Leib, <lb/> Diana war eine Frau. Sie lächelte liebend. </p>
      <p>
        <lb/> „Einmal werde ich nicht mehr sein. Dann — wenn <lb/> ich nicht mehr bin — gib ihm
        diesen Kuß von mir.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und die erste Frau küßte mich — Mit eisigen <lb/> Lippen glühend. Mit harten, keuschen
        Lippen weich. <lb/> Aber der Kuß war nicht für mich... Sie küßte durch <lb/> mich hindurch
        den Geliebten. Des Allerlebendigsten <lb/> Ausdruck und Hingabe — der Kuß — war für mich
        <lb/> nur ein Sinnbild. Ich erhielt die Form, und was sie <lb/> füllte, kam dem andern zu... </p>
      <p>
        <lb/> Und dennoch, dennoch — Sie hatte mich geküßt... </p>
      <p>
        <lb/> Es klopfte. </p>
      <p>
        <lb/> „Diana,“ sagte eine Stimme. </p>
      <p>
        <lb/> Es war der Verlobte, der sie holte. </p>
      <p>
        <lb/> Sie schob mich wieder hinter den Paravent, ein <lb/> Augenblick — jetzt hob sie das
        Achselband auf ihre <lb/> Schulter, sie zog einen Gazeschal herab, der über <lb/> dem
        Paravent hing, und öffnete die Tür. </p>
      <p>
        <lb/> „Nein,“ sagte sie, „nicht herein, Erwin. Ich komme. <lb/> Ihren Arm, mein schöner
        Offizier.“ </p>
      <pb facs="#f0208" n="206"/>
      <p>
        <lb/> Jetzt erkannte ich ihre Stimme wieder. Ja, das war <lb/> sie... Und diese letzten zehn
        Minuten hatte ich ge- <lb/> träumt... </p>
      <p>
        <lb/> Die Tür fiel zu. Und wenig später hörte ich ge- <lb/> dämpft die Musik. Sie spielte
        einen alten Händelschen <lb/> Marsch, indes das Brautpaar die Treppe in die Halle <lb/>
        hinabstieg, wo die vierzig Gäste es erwarteten. </p>
      <p>
        <lb/> Hinter diesem Schirm blieb ich bewegungslos, bis <lb/> ins Innerste erstarrt, stehen,
        in Dianas Duft, bis <lb/> Stefan mich rief. Ich habe sie nicht wiedergesehen, <lb/> lebend
        nicht mehr... </p>
      <p>
        <lb/> Am andern Tag reiste sie ab, allein, ins Schweizer <lb/> Gebirge, in ein Hotel an den
        Gletschern. Ich sah die <lb/> Karten, die sie schickte, Ansichtskarten, mit immer <lb/> nur
        drei Worten. Auf diesen Karten lernte ich sie <lb/> kennen, die Wunder der Erde, und
        vielleicht liebe <lb/> ich diese Gipfel und Firne und Gletscher so sehr, <lb/> weil sie die
        letzte Mitteilung Dianas waren. </p>
      <p>
        <lb/> Ich erblickte den Märjelensee und die Konkordia- <lb/> hütte auf ihrem Schneeplateau,
        den Aletschgletscher <lb/> und die steinernen Hörner, die sich dem Eischaos ent- <lb/>
        rangen, ich schaute, schwindelnd bis ins Herz vor <lb/> dem winzigen Abbild, das Eismeer mit
        nie gemessenen <lb/> Spalten und die Eigerwand, das Silberhorn und die <lb/> Jungfrauspitze,
        die erstarrten Ströme vom Finsteraar- <lb/> horn und Mönch. Dort oben, in dieser
        seelentötenden <lb/> Höhe, lebte sie sechs Wochen. Wo alles Lebendige <pb facs="#f0209"
          n="207"/>
        <lb/> erstarrte, trug sie ihr Herz hin. Sie stieg zur Gott- <lb/> heit empor, so hoch es dem
        Menschen vergönnt ist, <lb/> aber sie erreichte ihre Gnade nicht, ihr Herz gefror <lb/>
        nicht, und ihre Seele blieb unversehrt. Sie kehrte <lb/> zurück, wie sie gegangen war. Den
        Leib, der vielleicht <lb/> die Idee Gottes in Gestalt war, entzog sie dem Beter, <lb/>
        entstellte ihn, sie verwarf ihn. </p>
      <p>
        <lb/> Diana Fiori war die erste Tote des großen Krieges... </p>
      <pb facs="#f0210" n="208"/>
      <p>
        <lb/> Noch aus einem Grunde ist die Verlobungsnacht <lb/> Dianas mir unvergeßlich. </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging aus der Villa fort, als der Ball begann. <lb/> Man tanzte in der Diele und im
        Musiksaal. Jetzt <lb/> war die gespenstische und dunkle und tiefwühlende <lb/> Nachtmusik
        Mahlers längst verklungen, und ein unge- <lb/> wohnter Rhythmus erfüllte das stille Haus. </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging langsam durch den warmen Abend, es <lb/> wollte gar nicht dunkel werden. Ich
        trug ein Körb- <lb/> chen für Mutter und die Geschwister, es waren köst- <lb/> liche Dinge
        darin, von kalten Pouletkeulen bis zu <lb/> Kremetörtchen und Pfirsichen. Ich ging durch den
        <lb/> Hain, wo alles ruhte, zärtlich war, schweigend wan- <lb/> delte. Alle Geräusche waren
        verklärt. Jasmin roch <lb/> aufreizend. </p>
      <p>
        <lb/> Dann die Straßen, ganz rosig, goldschimmernd, <lb/> der Himmel über ihnen ein Geström
        bunter Farben, <lb/> Schmelzfarben. Und Kinder spielten vor jedem Tor. </p>
      <p>
        <lb/> Ich konnte nicht schlafen in der Nacht, es war so <lb/> heiß, Mark warf sich hin und
        her, und Henny rief <lb/> aus dem Schlaf weinerlich: </p>
      <p>
        <lb/> „Sei doch still. Laß mich schlafen. Mutter.“ </p>
      <p>
        <lb/> Mutter schlief. Sie schlief immer fest. </p>
      <pb facs="#f0211" n="209"/>
      <p>
        <lb/> Da stand ich auf und zündete ein Licht an und <lb/> stellte es zwischen mich und den
        Spiegel und dann — </p>
      <p>
        <lb/> Ja, ich war immer noch besessen von dieser Sucht <lb/> des stummen Spiels. Von diesem
        Trieb, nachzuahmen <lb/> oder selbst neu zu gestalten. </p>
      <p>
        <lb/> Da stand ich, nach dem Abend der Offenbarung, <lb/> und sah nach, wie ich gewesen war.
        Vor dem Spiegel <lb/> erlebte ich wieder Dianas Aufgang als Frau, als <lb/> Nacktheit und
        suchte in meinem Gesicht die Spiege- <lb/> lung der Stunde und Erregung. Ich lächelte, wie
        sie <lb/> gelächelt hatte, ins Weite, zu mir, rätselhaft, schließ- <lb/> lich liebevoll. Ich
        kniete hin wie sie und bewegte die <lb/> Lippen, ich starrte meinem Bild in die Augen, als
        sei <lb/> es Diana selbst. Mit höchster Wonne, mit Wollust <lb/> bis in die Knochen sah ich
        mir selber zu, ich emp- <lb/> fand mich bis ins Äußerste gesteigert, und siehe da: <lb/>
        alles Weh ward Lust... </p>
      <p>
        <lb/> Es ächzte hinter mir... </p>
      <p>
        <lb/> Mutter saß im Bett und sah mir zu. Und sie hielt <lb/> mich wohl für krank, fiebernd
        oder im Geist gestört. <lb/> Wie schon einmal entsetzte sie sich wieder vor mei- <lb/> nem
        unverständlichen Gebaren und starrte mich an <lb/> wie ein unheimliches Fremdes, einen
        Wechselbalg, <lb/> dessen Ursprung aus sich sie nicht begriff. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich spiele ja nur,“ rief ich, aus meinem Himmel <lb/> in Beschämung stürzend.
        „Mutter, ich spiele ja nur. <lb/> Ich konnte nicht schlafen, es ist so heiß.“ </p>
      <pb facs="#f0212" n="210"/>
      <p>
        <lb/> „Du spielst —“ sagte sie und blieb unbeweglich <lb/> unter meinen Liebkosungen. „Du
        spielst... Ja, wo- <lb/> mit? — Wenn du mich einmal sterben sehen wirst, <lb/> wirst du auch
        —“ </p>
      <p>
        <lb/> „O! Mutter!“ rief ich. </p>
      <p>
        <lb/> Ich verdiente das nicht — Und da war sie auch <lb/> schon wieder liebend bei mir, nahm
        mich an sich und <lb/> liebkoste mich, als wäre ich ein Kleines, Vernunft- <lb/> loses,
        Sündenfreies... </p>
      <p>
        <lb/> Und dann begann der Krieg — mit Dianas Heim- <lb/> kehr — </p>
      <p>
        <lb/> Sie kam auf ein Telegramm ihres Verlobten, der <lb/> sie nach Deutschland zurückrief.
        Er mußte ja wissen, <lb/> was bevorstand. Erst antwortete sie ablehnend, dann <lb/> rief sie
        ihr Schwager. Sie kam in der Nacht des drei- <lb/> ßigsten Juli in Berlin an. Am ersten
        August, als die <lb/> Stadt schon wie ein Krater kochte und dampfte, suchte <lb/> mich
        Stefan. Er hatte mir das uns Aufregendste zu <lb/> erzählen: am Nachmittag wurden Tante
        Diana und ihr <lb/> Leutnant kriegsnotgetraut. Er mußte in derselben <lb/> Nacht mit seinem
        Regiment in die Vogesen. Ich sollte <lb/> nicht hinkommen, es war kein Mensch geladen. </p>
      <p>
        <lb/> Das gab mir — ich weiß nicht, warum — einen <lb/> Schlag, härter und tiefer als die
        Kriegserklärung, <lb/> deren Sinn ich, mit elf Jahren, nicht verstand. Ich <lb/> erinnerte
        mich, noch während Stefan auf mich ein- <lb/> sprach: </p>
      <pb facs="#f0213" n="211"/>
      <p>
        <lb/> „Gib ihm diesen Kuß von mir — Wenn ich ein- <lb/> mal nicht mehr sein werde —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte nicht gefragt: wem... Ich hatte es sofort <lb/> gewußt... </p>
      <p>
        <lb/> Führte ich irgendwo im Tiefen ein gemeinsames <lb/> Leben mit Diana Fiori? Hatte ich
        so ahnungsvoll mit- <lb/> erlebt, was sich in der Villa ohne Worte und Gebärde <lb/>
        abgespielt hatte?... </p>
      <p>
        <lb/> Spät am Abend schlenderte ich durch die Hoch- <lb/> straße, ich wollte das Haus sehen,
        aus dem sie ge- <lb/> gangen war, um des andern Frau zu werden. Ich <lb/> wußte nichts von
        den Ereignissen des Tages. Sie hatte <lb/> es verlassen, aber nur, um die ewige Hochzeit zu
          feiern<add>.</add>
      </p>
      <p>
        <lb/> Nina Falk war bei ihr, als sie sich ankleidete. Sie <lb/> zog ein schwarzes Kleid an,
        und die Schwester sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Es sieht zu düster aus, Di. Dunkel, ja; aber doch <lb/> nicht Trauer.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Es ist angemessen,“ sagte Diana kalt. „Was nun <lb/> kommt — — Aber jetzt bitte, Ni,
        laß mich allein, <lb/> Du sollst mir nur einen Kuß geben.“ </p>
      <p>
        <lb/> Dann sah sie niemand mehr. </p>
      <p>
        <lb/> Eine Stunde später kam der Verlobte. Herr Falk <lb/> sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich will sie holen. Einen Augenblick, lieber <lb/> Erwin.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und er ging zu Diana hinauf...</p>
      <p>
        <lb/> Dann sahen sie ihn oben an der Treppe stehen. </p>
      <pb facs="#f0214" n="212"/>
      <p>
        <lb/> „Sie ist nicht da,“ sagte er. </p>
      <p>
        <lb/> Und er war so bleich, als hätte er eine Tote gesehen. </p>
      <p>
        <lb/> Nina schrie auf. Auch sie wußte es, wie er. </p>
      <p>
        <lb/> Man suchte sie vergeblich im ganzen Hause. Und <lb/> erst als man um sechs Uhr einen
        Auflauf drüben am <lb/> Rasengelände sah, ahnten alle: dort ist sie... </p>
      <p>
        <lb/> Diana war nur über die Straße gegangen, über den <lb/> verbotenen Rasen, die Böschung
        hinab zu den Ge- <lb/> leisen der Bahn, und da hatte sie sich hingelegt. Zwei <lb/> Züge
        waren über sie hinweggefahren, und es waren <lb/> nur noch Teile von ihr da, von den Rädern
        weit mit <lb/> fortgetragen, ihr schöner Leib war Stückwerk. </p>
      <p>
        <lb/> In der blinden Verstörtheit des Tages hatte kein <lb/> Mensch sie diesen Todesweg
        gehen sehen, die Loko- <lb/> motivführer hatten, von Krieg geblendet, die Gestalt <lb/> auf
        den Schienen nicht gesehen. Erst ein Strecken- <lb/> wärter, der die Geleise abging, hatte
        den Kopf, die <lb/> Beine, den Rumpf gefunden... </p>
      <p>
        <lb/> Es war kein Wort von ihr hinterlassen worden, <lb/> kein Zettelchen war da, sie hatte
        niemandem Adieu <lb/> gesagt. Nur Nina gebeten: </p>
      <p>
        <lb/> „Du sollst mir einen Kuß geben — —“ </p>
      <p>
        <lb/> Und Nina Falk schlug sich die Brust vor Mann und <lb/> Kindern und erzählte es uns
        scheu: </p>
      <p>
        <lb/> „Und ich habe sie nicht geküßt! — O! nein! — <lb/> Ich ging hinaus und gab ihr den Kuß
        nicht... Diana! <lb/> Diana!“ </p>
      <pb facs="#f0215" n="213"/>
      <p>
        <lb/> Zum ersten Mal sah man sie verstört, fassungslos, <lb/> verloren. </p>
      <p>
        <lb/> Dafür hatte sie sich ganz in der Gewalt, als ihr <lb/> Mann sich am nächsten Morgen
        freiwillig meldete. <lb/> Man wies ihn zurück. </p>
      <p>
        <lb/> „Der Krieg ist ja aus, ehe Sie eingekleidet sind! <lb/> Gehen Sie nach Haus und
        bereiten Sie Triumphpforten <lb/> vor.“ </p>
      <p>
        <lb/> Er hatte Beziehungen, und er setzte es durch, daß <lb/> er fünf Tage später als
        Listenschreiber in einem La- <lb/> zarettzuge nach Belgien fuhr. </p>
      <p>
        <lb/> Er ließ mich holen, mir Adieu zu sagen. </p>
      <p>
        <lb/> „Dieses Haus, mein Jung,“ sagte er, „steht auch <lb/> für dich da. Vergiß es nie.
        Bewahre mir ein gutes <lb/> Gedenken. Wir ruhen gut in Menschenherzen.“</p>
      <p>
        <lb/> Ich sah ihn weinend an. Er nahm Abschied wie für <lb/> immer. Jetzt hätte ich es tun
        können, ihm sagen: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich habe einen Kuß für Sie — von ihr —“ </p>
      <p>
        <lb/> Wäre es nicht Balsam auf seine unsichtbare Wunde <lb/> gewesen? Aber alle standen um
        uns herum. Ich <lb/> schwieg, ich hob es auf, bis es unmöglich war... </p>
      <p>
        <lb/> So begann der Krieg. Vier Jahre floß Blut aus der <lb/> Menschheit. Ich begriff so
        wenig. Aber doch sah ich <lb/> den Sonnenschein auf der Erde liegen, starrte in den <lb/>
        silbernen Mond, in die Sterne. O, wie gelassen, wie <lb/> beseligt, wie schön alles im All —
        und auf Erden!... <lb/> Ich sah in den Mond, mit Ehrfurcht und Entsetzen: <pb facs="#f0216"
          n="214"/>
        <lb/> es focht ihn nicht an. Bedeutete das so wenig? Waren <lb/> wir ein Nichts? Unser Leben
        nur ein Traum der un- <lb/> ausgekühlten Erde, ein Spiel ihres Feuers? </p>
      <p>
        <lb/> Noch die Jahreszeiten kamen und gingen, die Flüsse <lb/> versiegten nicht, färbten
        sich nicht einmal rot. Bäume <lb/> trugen ihre Früchte, und im Hain sang die Nachtigall,
        <lb/> hinter der Kirche... Da wurde der Krieg Gespenst <lb/> und Alpdruck, und ich sah mich
        älter werden und <lb/> mannbar und dachte: was träume ich da unendlich <lb/> und schwer!... </p>
      <p>
        <lb/> Und Vater — — </p>
      <p>
        <lb/> Es war schon acht Tage Krieg, und die Stadt <lb/> knatterte von Fahnen und Gesängen,
        da sagte Mutter in <lb/> der Nacht zu mir: </p>
      <p>
        <lb/> „Wir müssen nach ihm suchen. Wo ist er? Er war <lb/> Soldat, Kürassier in Breslau. Er
        wird ja hinaus müs- <lb/> sen. Oder er geht nicht mit, er verbirgt sich?... Wir <lb/> müssen
        suchen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Wir wollen Henny fragen. Du weißt es nicht, <lb/> Mutter, aber Vater hat ihr oft
        aufgelauert, und sie <lb/> hat mit ihm gesprochen. Vielleicht weiß sie.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Meine Kinder haben Geheimnisse vor mir,“ flü- <lb/> sterte sie und schob mich von
        sich fort. </p>
      <p>
        <lb/> „Nein, Mutter, deine Kinder wollen es dir ein <lb/> bißchen leichter machen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „O, Teddy, nur die Wahrheit ist leicht. Mit Wahr- <pb facs="#f0217" n="215"/>
        <lb/> heit überwindet man das Leben, mit Lüge versinkt <lb/> man in ihm. Und du warst mit
        ihnen im Bunde.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ein Bund für dich, Mutter. Wir lieben dich mehr <lb/> als die Wahrheit.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Du kleiner Sophist — Woher hast du deinen <lb/> Verstand, Liebling?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich bin dein Sohn.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Du großer Schmeichler. — Was willst du werden, <lb/> Teddy?“ </p>
      <p>
        <lb/> Das fragte sie mich plötzlich in der Nacht der <lb/> Schlachten. Und ich sagte, Schlag
        auf Schlag, ich <lb/> hatte sie falsch verstanden: </p>
      <p>
        <lb/> „Gut! — Wenn ich kann —“ </p>
      <p>
        <lb/> „O, schlaf!“ rief sie da und zog mich an sich. </p>
      <p>
        <lb/> Am nächsten Vormittag gestand Henny. Sie hatte <lb/> erst geleugnet, daß sie in
        letzter Zeit mit Vater ge- <lb/> sprochen hatte. </p>
      <p>
        <lb/> „Vorher ja.“ sagte die Zehnjährige. Und ihr süßes <lb/> Gesicht, schmal unter dem
        braunen Scheitel — über <lb/> jeder Schulter einen langen Zopf — war ungezogen, <lb/> frech,
        schnippisch. „Jetzt, nee, jetzt hab ich ihn lange <lb/> nicht gesehen. Fragt doch die
        Gräbert’n.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie warf ihre Zöpfe und nahm das Extrablatt mit <lb/> den Siegesnachrichten vors
        Gesicht. </p>
      <p>
        <lb/> Mark zwinkerte mir zu. Er war ein bezauberndes <lb/> Bürschlein, keß und fix, gutmütig
        und heftig, schön <lb/> und kräftig. </p>
      <pb facs="#f0218" n="216"/>
      <p>
        <lb/> Dann, schließlich, gestand Henny. Sie kam von <lb/> selbst. Sie konnte wohl lügen,
        aber nicht lange. Ja, <lb/> also sie hatte Vater am zweiten August gesehen, sie <lb/> war,
        zusammen mit Olga Reschke, zur Gräbert ge- <lb/> gangen. Da stand er in Uniform, großartig,
        vom gan- <lb/> zen Hause umringt, von allen Frauen angeblitzt. An- <lb/> dern Tags, früh um
        vier, sollte er fort. </p>
      <p>
        <lb/> Er hatte noch zu uns kommen wollen, erzählte er <lb/> Henny. Aber jetzt, wo er ihr
        Adieu sagen konnte, <lb/> konnten <hi rendition="#g">wir</hi> ihm gestohlen bleiben. </p>
      <p>
        <lb/> „Brauchst niemanden zu jrüßen,“ hatte er gesagt. <lb/> „Muttern nich, wenn se ooch ne
        jute olle Haut is! <lb/> Und ooch de Tranfunzel nich, de Suse, den Theodor, <lb/> un’n
        Strohkopp, de kesse Kulpsnese, ooch nich. Bloß <lb/> dir hat Vater lieb. Komm her, mein
        Engel. Wenn ick <lb/> wiederkomme — Na, was ick dir mitbring! den <lb/> scheensten Pariser!“ </p>
      <p>
        <lb/> Über diesen Witz kam die ganze Grüntalerstraße <lb/> ins Gröhlen. Die Frauen rissen
        sich ihre Filzpan- <lb/> toffeln vom Fuß, klatschten sich auf die Schenkel <lb/> und
        brüllten vor Lachen. </p>
      <p>
        <lb/> „Pariser hat ’r jesacht! So ’n Junge! Der is uff <lb/> ’n Sonntach in Paris!“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber der schöne Georg schob jetzt alle fort, auch Hen- <lb/> ny, nahm seine Luise
        untern Arm und zog mit ihr ab. </p>
      <p>
        <lb/> „Nu jebt Ruhe!“ rief er. „Un laßt mir noch mal! <lb/> Wer weiß, wie lang ’s dauert,
        bis ick wieder — —“ </p>
      <pb facs="#f0219" n="217"/>
      <p>
        <lb/> Und Henny erzählte getreulich allen Unflat, den <lb/> ihr Vater da von sich gespien.
        Mutter schlug die <lb/> Hände vors Gesicht. Tag und Nacht in Arbeit — was <lb/> wußte sie
        von der Straße, unserm Leben auf ihr, <lb/> was von der großen Unschuld, mit der ein Kind
        mit <lb/> Schmutz spielen, ihn heimbringen, ihn verbreiten <lb/> kann. Henny war viel zu
        unschuldig, um solche Re- <lb/> densarten zu unterschlagen. Sie verband kaum eine <lb/>
        Vorstellung damit. Und wenn, so hatte die wüsteste <lb/> Situation keinen Schrecken oder
        Abscheu für sie. Man <lb/> wächst mit all dem auf, man weiß nie, wann man <lb/> zuerst davon
        gehört hat, das wußte man eben immer. </p>
      <p>
        <lb/> Am Abend machte sich Mutter auf. Zur Luise Grä- <lb/> bert. Sie wollte doch wissen.
        Erst in der Badstraße <lb/> sahen wir, daß Henny uns folgte. Mutter hatte ge- <lb/> wollt,
        daß ich sie begleite. Nun kam auch das Mädel <lb/> mit. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter ging so bestimmt Straße und Haus zu, daß <lb/> ich merkte: sie war schon
        dagewesen... Ob sie sich <lb/> manchmal, von ihrer Arbeit kommend, <choice>
          <sic>hingeschlie</sic>
          <corr>hingeschli</corr>
        </choice>- <lb/> chen hatte, um zu sehen, wo ihr Mann, einmal Ge- <lb/> liebter, Erkämpfter,
        Erstohlener, sie betrog? </p>
      <p>
        <lb/> Erst an der Tür zögerte sie. Der Laden war ge- <lb/> schlossen, die Fenster leer,
        ausverkauft. Es kamen in <lb/> diesen Tagen neue Zufuhren nicht herein. Alles was <lb/>
        rollte, mußte den Militärtransporten dienen. </p>
      <p>
        <lb/> Wir gingen durch den Hof, da sahen wir schon das <pb facs="#f0220" n="218"/>
        <lb/> Fenster der Gräbert hell, das breite Fenster ihrer <lb/> Berliner Stube. Da zog sie
        den Vorhang nicht zu: <lb/> man sollte doch die Pracht sehen: das Sofa mit <lb/>
        Gobelinbezug und dem Umbau, auf dem alle ihre <lb/> Sonntagsgewinne aus den Würfelbuden
        standen: Keks- <lb/> dosen und Nähkästchen, ein Teddybär, eine Preßglas- <lb/> dose, Vasen
        mit Landschaftsmalereien und eine Zink- <lb/> gußnymphe, eine künstliche Blattpflanze und
        eine <lb/> Marmoruhr. Man sollte den Salontisch sehen mit vier <lb/> gedrehten Säulenfüßen
        und einer grünen Plüschdecke <lb/> mit Kurbelstickerei, die Wanduhr in geschnitztem Ge-
        <lb/> häuse und das Büfett mit Glasaufsatz und dem <lb/> Mohnblumenservice dahinter, die
        Hängelampe für <lb/> sechs Gasflammen, an jedem Arm hing ein Chenille- <lb/> Äffchen. Man
        sollte, in dem großen Zimmer, die zwei <lb/> Betten sehen mit weißer Spitzendecke und dem
        Him- <lb/> mel, himmelblauer Satin und ein Ölbild: drei blonde <lb/> Engel, die zwischen
        rosa Wolken herumpurzeln; man <lb/> sollte die beiden Nachttische sehen mit den Porzellan-
        <lb/> leuchtern und rosa Seidenschirmen, das Spiegelspind, <lb/> das die ganze Herrlichkeit
        wiederholte; die sechs <lb/> Stühle mit Ledersitz und den Korbsessel mit Näh- <lb/> tisch am
        Fenster; das Aquarium darauf mit den Gold- <lb/> fischen und den ausgestopften Rehpintscher
        auf dem <lb/> Sofa; das Ölbild an dem letzten Fleck freier Wand, <lb/> eine italienische
        Landschaft mit zwei Damen mit <lb/> Schinkenärmeln im Vordergrund. </p>
      <pb facs="#f0221" n="219"/>
      <p>
        <lb/> Mutter sah starr hinein, aber Henny mit fast lüster- <lb/> nem Gesicht. Ich hätte
        nicht gedacht, daß ein Kind <lb/> so aussehen könnte. O, ich hatte solche Gesichter <lb/>
        schon gesehen, bei den Mädchen, die in die Garten- <lb/> lokale der Badstraße tanzen gehen,
        bei jungen Män- <lb/> nern, wenn sie aus den Kneipen der Hussitenstraße <lb/> kamen, wenn
        sie mit den Mädchen abends an der Ecke <lb/> Prinzenallee sprachen, wenn sie Arm in Arm die
        <lb/> Kinos verließen, auf den Karussels, in den Schau- <lb/> keln des Rummelplatzes saßen.
        So sah Henny aus, als <lb/> sie in die Herrlichkeit der Heringshändlerin blickte. <lb/> Sie
        hatte noch nie eine solche Pracht gesehen, es <lb/> überwältigte sie, sie wurde begehrlich,
        in diesem <lb/> Augenblick bekam sie ihr Ideal... </p>
      <p>
        <lb/> Da klopfte Mutter hart ans Fenster. </p>
      <p>
        <lb/> Es war niemand zu Haus... Frau Gräbert ließ nur <lb/> das Licht brennen, damit keinem
        ihr Besitz entginge. <lb/> Es war piksauber bei ihr, alles blitzte, die Augen des <lb/>
        ausgestopften Hündchens funkelten uns boshaft an, <lb/> als weidete es sich, daß wir so
        ausgesperrt waren, von <lb/> Vaters glänzendem Heim. </p>
      <p>
        <lb/> Henny verstand plötzlich ihren Vater... Konnte <lb/> man zaudern, zu wählen zwischen
        unsern nackten, <lb/> getünchten Wänden und diesen rot tapezierten mit <lb/> Sofaumbau und
        Spiegelspind und zwei Betten mit <lb/> Nachttischen und Korbsessel? Und Gas! Und Gold- <lb/>
        fische! Und — oh! Das hatte sie noch nicht gesehen <pb facs="#f0222" n="220"/>
        <lb/> — o! ein Teppich! ein bunter, dicker Teppich, ohne <lb/> Stäubchen, Riesenrosen in
        allen Farben auf gelbem <lb/> Grund. Und vor jedem Bett ein Fell! ein Fell, wahr- <lb/>
        haftig, langhaarig, schneeweiß... </p>
      <p>
        <lb/> In Hennys Gesicht stand das ganze Erlebnis. Ich <lb/> las es ihr ab. Sie verzieh Vater
        alles, und sie ver- <lb/> achtete Mutter. Warum hatte <hi rendition="#g">sie</hi> Vater
        nicht solch <lb/> ein Heim bereiten können? Wie konnte sie ihn <lb/> schelten, verstoßen,
        wenn er diese Frau ihr vorzog? <lb/> O, sie selbst, die kleine Henny, was hätte sie darum
        <lb/> gegeben, wenn sie hier, in dieser Märchenstube <lb/> hätte leben, schlafen, spielen
        können. Was, spielen! <lb/> Genügte es nicht, da drinnen zu sitzen mitten <lb/> im Traum und
        sich einfach nur umzusehen, immer- <lb/> los umzusehen, so viel gab es da, daß man im <lb/>
        Leben nicht fertig wurde. — Ja, der Vater, der <lb/> war klug. </p>
      <p>
        <lb/> Und da weinte Henny. Jetzt, vor diesem Fenster, <lb/> über Vaters Fortgang. Wenn er
        wiederkam, würde sie <lb/> ihn hier besuchen. Aber sie hatte gehört, daß nicht <lb/> alle
        wiederkehrten... </p>
      <p>
        <lb/> Davon kam Mutter zu sich. Und zugleich blieb <lb/> eine Frau stehn. </p>
      <p>
        <lb/> „Wolln Se zur Gräbert?“ fragte sie. „Die is mit <lb/> ihrem Neuen losjezogen. Nach die
        Linden, da is ja <lb/> jetzt imma was los. Ja, die is ne dufte Numma, das <lb/> Bett war
        noch nich kalt von den een, da lecht se sich <pb facs="#f0223" n="221"/>
        <lb/> schon ’n Neun rein. Is ’n junger Klamottenschmeißer, <lb/> mit ’n kurzen Been, der muß
        zu Hause bleiben, da <lb/> braucht se nich ferchten, den nehm se ihr nich <lb/> wech. Is ’n
        schlauet Luda, sorcht vor, wenn de Männa <lb/> aussterbn.“ </p>
      <p>
        <lb/> Der Tratsch floß ihr wie Öl von den Lippen, sanft <lb/> und sacht, langsam,
        freundlich. Sie gab uns das Ge- <lb/> leit bis auf die Straße und legte über die Nachbar-
        <lb/> schaft los. Mutter nickte ihr zu, gut lächelnd; und <lb/> dann redete sie hinter uns
        her, was denn das für eine <lb/> Trine sei, die sie ausspioniere und anständige Leute <lb/>
        verschimpfiere. </p>
      <p>
        <lb/> Damit war nun auch Luise Gräbert erledigt — <lb/> Sie blieb im Wesenlosen zurück, sie,
        ihr Laden, die <lb/> Grünthalerstraße. </p>
      <p>
        <lb/> Wieviel in meinem kleinen Leben war schon so <lb/> hinter mir vergangen! Straßen,
        Häuser, so viele Men- <lb/> schen, Schicksale. Ich kam mir oft so alt vor. Denn <lb/>
        manchmal, elf Jahre alt, war ich schon müde. Müde <lb/> zu allem. Zur Freundschaft mit
        Stefan, zum Spielen <lb/> mit den Geschwistern, zum Gang um Brot, ja, zu <lb/> müde zum
        Schlafen — Zu müde auch zur Musik — <lb/> Denn nun war es damit vorbei. Die Bratsche saß im
        <lb/> Lazarettzug, die zweite Geige schoß an den Vogesen, <lb/> das Cello war von zwei Zügen
        zertrümmert — War <lb/> ich betrübt? Über das jähe Schweigen, über den Tod, <lb/> über die
        anbrechende Vernichtung? </p>
      <pb facs="#f0224" n="222"/>
      <p>
        <lb/> Ich war zu müde dazu, traurig zu sein. Es war un- <lb/> bewegt in mir. </p>
      <p>
        <lb/> Nur eines wurde ich nie müde, bis über deinen Tod <lb/> hinaus: dich, Mutter, zu
        lieben... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Mit dem Krieg begann für uns Arme die gute Zeit: <lb/> auf einmal waren sich alle
        gleich. Alle mußten Mar- <lb/> garine essen und schlechtes Brot, Kohlrüben und <lb/>
        Graupen. Alle mußten sich anstellen, um ihre hundert <lb/> Gramm Fleisch zu holen. Und aus
        der Etappe kamen <lb/> Pakete mit Lebensmitteln. Uns schickte niemand <lb/> was. Uns schrieb
        keiner. Aber einmal Rudolf Rau- <lb/> scher, mein alter Lehrer. Und wenn der Direktor Falk
        <lb/> schrieb, ließ er uns grüßen. </p>
      <p>
        <lb/> Es war ihm gelungen, draußen vom roten Kreuz <lb/> weg in eine Formation zu kommen, er
        wurde aus- <lb/> gebildet und wartete auf die Front. </p>
      <p>
        <lb/> Frau Nina war ganz verstummt. Bis auf das Kla- <lb/> vier sogar. Sie spielte nicht
        mehr. Sie behielt nur die <lb/> Köchin und ein Mädchen. Gouvernante, Kutscher, <lb/> das
        zweite Mädchen wurden entlassen, die Pferde <lb/> waren requiriert, im Wintergarten
        verschwanden all- <lb/> mählich die Blumen, nur die Palmen hielten sich in <lb/> der
        südlichen Sonne. Sie war immer beschäftigt. Das <lb/> Zimmer des Mannes wurde nie betreten,
        nur mir <lb/> schloß sie auf, wenn ich Bücher zurückbrachte und <pb facs="#f0225" n="223"/>
        <lb/> neue erbat. Dann stand sie mitten im Zimmer und sah <lb/> sich um wie eine Fremde. </p>
      <p>
        <lb/> Auch Dianas Zimmer wurde nie mehr betreten. <lb/> Manchmal drückte ich mich an die
        Tür, atmete an <lb/> den Ritzen den immer schwächer werdenden Reseda- <lb/> duft ein und
        verlor mich in bildloses Träumen, das <lb/> nicht mehr schmerzhaft war. Ich entdeckte, daß
        Trau- <lb/> rigkeit eine Lust sein kann und Resignieren ein süßer <lb/> Rausch. </p>
      <p>
        <lb/> Der älteste Sohn des Hauses, Thomas, der eine <lb/> englische Schule besuchte, hatte
        nicht mehr heim- <lb/> kommen können. Jetzt war er in einem Konzentra- <lb/> tionslager
        drüben, und von Zeit zu Zeit kam ein Brief <lb/> von ihm durch Vermittlung des Roten
        Kreuzes. Er <lb/> schrieb, es ginge ihm gut. Aber das konnte Vorschrift <lb/> sein. Nina
        Falk saß über diesen Briefen und ihres <lb/> Mannes kurzen Karten stundenlang gebeugt, ohne
        sie <lb/> zu lesen. </p>
      <p>
        <lb/> Wir durften sie bisweilen an Dianas Grab beglei- <lb/> ten. Wir fuhren, sie und wir
        drei Kinder, nicht mehr <lb/> im Landauer, sondern in der Elektrischen. Ja, auf <lb/> ihrem
        Kreuz stand Diana Fiori, sie war jungfräulich <lb/> geblieben. Eine Bank war da, wir saßen
        stumm, nur <lb/> Lilian, unangefochten, bewegte sich rastlos und be- <lb/> sah sich die
        Gräber. Nichts hatte Schrecken für sie, <lb/> höchstens ich, der Junge aus der andern Welt.
        Sie <lb/> fürchtete mich mehr als die Toten... </p>
      <pb facs="#f0226" n="224"/>
      <p>
        <lb/> Das war ganz schnell gekommen. Aus der ersten <lb/> plötzlichen Zutraulichkeit, mit
        der sie mich in ihre <lb/> Spiele und Schmerzen einweihte. Nun, es lag mir gar <lb/> nichts
        an dem Kind. Aber sie gehörte zu den geliebten <lb/> Menschen, und als solchen Teil des
        Ganzen ließ ich <lb/> sie gelten. </p>
      <p>
        <lb/> Vater blieb stumm. Er schrieb uns nie. Im Januar <lb/> des Jahres sechzehn kam die
        erste Nachricht über <lb/> ihn. Er war auch nie auf Urlaub gekommen, wenig- <lb/> stens
        nicht zu uns. Diese Nachricht bestand in einem <lb/> Karton, der seine Uhr, eine goldene,
        die wir nicht <lb/> kannten, etwas Geld, Photographien von Luise Grä- <lb/> bert und einer
        andern Frau mit einem Säugling auf <lb/> dem Schoß — sein Kind! — und die eisernen Kreuze
        <lb/> erster und zweiter Klasse enthielt... Dabei lag ein <lb/> Brief des
        Regimentsadjutanten, in dem er Mutter höf- <lb/> lich von Beileid sprach und Vater als den
        tapfersten <lb/> und mutigsten Feldwebel des Regiments erklärte. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter las uns den Brief vor. Henny schrie auf, sie <lb/> schluchzte wild, krampfhaft,
        warf sich auf den Boden <lb/> und gebärdete sich verzweifelt. Aber eine Stunde spä- <lb/>
        ter packte sie Vaters Habseligkeiten, auch die goldene <lb/> Uhr zusammen und erklärte, das
        gehöre ihr, nur sie <lb/> liebte ihn und wir hätten kein Recht auf sein Andenken. </p>
      <p>
        <lb/> Keiner sagte etwas, auch Mutter am Bügelbrett <lb/> nicht. In der Nacht erwachte ich
        davon, daß Mutter <lb/> sich aufrichtete. </p>
      <pb facs="#f0227" n="225"/>
      <p>
        <lb/> Ich sah sie mit gefalteten Händen beten, aber ihr <lb/> Gesicht war hell, war fast
        freudig, ich entsann mich <lb/> gar nicht, es je so gesehen zu haben. Und ich fühlte: <lb/>
        es war ein Dankgebet, was sie sprach. </p>
      <p>
        <lb/> Was der lebende Vater uns Böses getan, machte der <lb/> tote ein wenig wieder gut:
        Mutter bekam eine Unter- <lb/> stützung, eine feste Rente. Von da ab blieb sie am <lb/>
        Sonnabend zu Haus und war den halben Sonntag <lb/> müßig. Zum ersten Mal ging sie mit mir
        spazieren, <lb/> setzte sich mit uns Kindern in den Hain, kaufte uns <lb/> ein Stück
        Kriegskuchen. Sie trug den Kopf höher und <lb/> manchmal lächelte sie... </p>
      <p>
        <lb/> Nur Henny trotzte, sie verschwand oft, ohne sagen <lb/> zu wollen, wo sie gewesen war.
        Sie war jetzt zwölf <lb/> Jahre und sah wie vierzehn aus, sie war von einer <lb/> süßen,
        weichen Schönheit, die grauen Augen zu dem <lb/> braunen Haar gaben ihr einen seltsamen
        Reiz. Aber <lb/> sie hatte etwas Unkindliches und Verstocktes. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter sorgte sich und sprach mit mir über das <lb/> Mädchen. Es war merkwürdig: sie
        hatte etwas wie <lb/> Furcht vor Henny und Mark, sie konnte nie so streng <lb/> mit ihnen
        sein wie mit mir: sie liebte sie nicht genug. <lb/> Vor ihnen, die ganz Kinder ihres Vaters
        waren, hatte <lb/> Mutter ein schlechtes Gewissen, sie war hilflos vor <lb/> ihnen,
        verständnislos, sie <hi rendition="#g">wagte</hi> es nicht, sie zu <lb/> lieben. Sie ließ
        sie gewähren. </p>
      <p>
        <lb/> Und so wurden beide, wie alle Kinder der Straße <pb facs="#f0228" n="226"/>
        <lb/> sind. Sie sprachen schlecht und unbedacht, sie trie- <lb/> ben abscheuliche Spiele und
        ahmten die Erwachsenen <lb/> in allem nach; überall fehlten die Väter, fehlte die Angst
        <lb/> vor ihnen, und die Kinder arteten aus. Die Frauen <lb/> arbeiteten ja, keine war mehr
        zu Haus. Nach zwei <lb/> Jahren Krieg, als schon die letzten Männer gebraucht <lb/> wurden,
        rückten die Frauen an ihre Stellen vor. In <lb/> die Fabriken, an die Führerstände der
        Straßenbahnen, <lb/> an die Sperren der Bahnhöfe, auf die Kutschböcke <lb/> und
        Kehrmaschinen. Berlin wurde leer vom Mann, <lb/> nur noch Uniformen sah man und die Bäuche
        der <lb/> Schieber und ein paar ängstliche, sich verbergende Re- <lb/> quirierte und
        Drückeberger. Sonst war alles Frau und <lb/> Kind. </p>
      <p>
        <lb/> Die Armen hatten es gut. Ihre Männer fielen: um <lb/> so besser: es gab die Rente. Und
        die kam ins Haus <lb/> und wurde nicht vertrunken und mit Straßenmäd- <lb/> chen
        durchgebracht, die Gattinnen hatten bloß zu <lb/> lachen, aber die Mütter zu weinen. Und in
        unsern <lb/> Häusern, wo dreißig und fünfzig Parteien in Höfen, <lb/> Seitenflügeln,
        Quergebäuden, Kellern und den leer <lb/> gewordenen Ställen lebten, gab es viel Aufschrein,
        <lb/> Schluchzen nachts, Ausbrüche von Jammer und Ge- <lb/> heul, wenn die Kinder die letzte
        Verlustliste brach- <lb/> ten, wenn die Postbotin mit bebendem Mund ein <lb/> Päckchen
        abgab... </p>
      <p>
        <lb/> Aber sonst hatten wir es gut, auch noch als das <pb facs="#f0229" n="227"/>
        <lb/> große Hungern begann. Waren wir es nicht ge- <lb/> wohnt? </p>
      <p>
        <lb/> Ja, die Reichen, die lamentierten jetzt, die kamen <lb/> in unsere Straßen mit ihren
        Autos und kauften uns <lb/> unsere Brot- und Fettkarten ab. Sie bestachen die <lb/>
        Beamtinnen in den Lebensmittelämtern und die Ver- <lb/> käuferinnen in den Geschäften. Ihre
        Kinder, ja, die <lb/> kamen herunter. </p>
      <p>
        <lb/> „Unterernährung“ — das war der Trumph, den <lb/> die Gesellschaft ausspielte. Nicht
        gegen den Krieg, <lb/> aber gegen die Feinde. O, Krieg ist Krieg. Macht dem <lb/> Krieg ein
        Ende, und es gibt keine Feinde! Die Ursache <lb/> wolltet ihr bestehen lassen, und ihr
        empörtet euch <lb/> moralisch über ihre Folgen. Unterernährung — <hi rendition="#g">Wir</hi>
        <lb/> kannten sie von jeher. Man hat Kinder photographiert, <lb/> skelettierte Säuglinge an
        den leeren Brüsten ihrer <lb/> Mütter. Auf einmal sah man sie! Warum? Jetzt<lb/> konnte man
        sie zur Propaganda gebrauchen! Jetzt be- <lb/> diente man sich ihres Elends, ihres Jammers,
        um das <lb/> Mitleid der Welt — für sie? nein! für sich! — zu <lb/> gewinnen. Aber leere
        Brüste und verhungerte Säug- <lb/> linge hatte es schon vorher, schon immer gegeben! <lb/>
        Da sah sie niemand, denn sonst hätte man selbst <lb/> helfen müssen. Plötzlich wurde das
        Proletariat ent- <lb/> deckt, sein abgehärmtes Gesicht, seine verkrüppelten <lb/> Knochen,
        sein leerer Topf... </p>
      <p>
        <lb/> O es kam Hilfe ins Land. Aber ehe sie bis zu <pb facs="#f0230" n="228"/>
        <lb/> uns kam, war sie kläglich zusammengeschmolzen. <lb/> Das Fett bekamen die andern, wir
        die zähe <lb/> Schwarte... </p>
      <p>
        <lb/> Wir empörten uns nicht, wir beklagten uns nicht. <lb/> Es war ja niemals anders
        gewesen... </p>
      <p>
        <lb/> Mutter hatte es schwer mit ihrer Wäsche. Es gab <lb/> keine Seife mehr, nur Ton, und
        sie rieb sich die Haut <lb/> von den Händen, um die Leinwand weiß zu bekom- <lb/> men. Alles
        was es an Kohle gab, mußte sie aufsparen <lb/> für die Bolzen ihrer Bügeleisen, und wir
        hatten es <lb/> nur warm in der Küche an den zwei Tagen in der <lb/> Woche, wo sie plättete. </p>
      <p>
        <lb/> Mark sammelte Pferdeäpfel, die er auf unsern <lb/> Fensterbrettern trocknete. Damit
        machten wir Feuer. <lb/> Er bildete eine Bande von zehn Jungen, und sie schli- <lb/> chen
        sich auf die Bahnhöfe und klauten Kohle. Sie <lb/> machten Ausflüge in den Tegeler Forst und
        stahlen <lb/> Holz. Vom Dach unseres Hauses brachen Unbekannte <lb/> die Sparren zum
        Verheizen. In den Treppengeländern <lb/> fehlten Teile. Fremde und Mitbewohner zehrten am
        <lb/> Bestand des alten Hauses. </p>
      <p>
        <lb/> Bald war kein Mann mehr im Haus, nur gelegent- <lb/> lich ein Urlauber. O, dann gab es
        Schläge in der <lb/> Wohnung oder ein Gelage oder ein halber Todschlag, <lb/> wenn der Mann
        die Frau, nach zehn Monaten Abwe- <lb/> senheit, im fünften schwanger fand oder sie gar
        über- <lb/> raschte mit einem jungen, eben ausgebildeten Solda- <pb facs="#f0231" n="229"/>
        <lb/> ten, der vor dem Ausrücken ins Feld den letzten <lb/> Heimatsurlaub hatte. </p>
      <p>
        <lb/> Männer, die noch da waren, hatten es gut. Die <lb/> Frauen rissen sich um sie,
        schlugen sich um sie. <lb/> Halbwüchsige avancierten zu Liebhabern, Knaben <lb/> rückten,
        fünf Jahre zu früh, vor. Es gab Bälle in der <lb/> Brunnenstraße, die Orgien wurden. Die
        Urlauber rasten <lb/> nur so unter den exaltierten Weibern. </p>
      <p>
        <lb/> Wenn dann die Männer nach fünf, acht Tagen <lb/> fanatisch gelebten Urlaubs wieder an
        die Front gin- <lb/> gen, gab es den wahnsinnigsten Jammer. Frauen um- <lb/> klammerten sie,
        Kinder schrien wie gefoltert. Auf <lb/> den Bahnhöfen gellten hinter den Zügen mit Ka- <lb/>
        nonenfutter verzweifelte Schreie: </p>
      <p>
        <lb/> „Paule! — Emil! — Justav! — Karle!“ </p>
      <p>
        <lb/> Zwei Jahre, drei Jahre Blut und Schmerz, Ver- <lb/> stümmelung und Blindheit
        versickerten träge. Man <lb/> hörte zu schreien auf, es war keine Kraft mehr da. </p>
      <p>
        <lb/> Die Urlauber waren fort. Nach vier Wochen grö- <lb/> ßerer Jammer: die Frauen waren
        schwanger, die <lb/> Mädchen waren krank geworden... Aus den Etappen <lb/> fraß sich die
        Lues bis in die innerste Heimat hinein. <lb/> Französinnen gebaren die Söhne deutscher
        Männer, <lb/> und englische Gefangene teilten ihr Blut deutschen <lb/> Kindern mit. Auf
        Mittelmeerinseln empfingen Ein- <lb/> geborene von deutschen Soldaten, in brandenburgi-
        <lb/> schen Dörfern vererbte der Muschik seine ewige <pb facs="#f0232" n="230"/>
        <lb/> Melancholie an märkische Bauern. So begann, im <lb/> Kriege, durch den Krieg, die Welt
        sich zu durch- <lb/> setzen, zu vermischen. Was durch Blut und Schmerz <lb/> getrennt werden
        sollte, vermählte sich in Blut und <lb/> Lust. Die Rassen besiegelten ihre Absonderung, und
        <lb/> die große Promiskuität begann. </p>
      <p>
        <lb/> Die Villa hatte sich verwandelt. Die Fabrik war <lb/> längst umgestellt auf
        Kriegsbedarf, Offiziere verwal- <lb/> teten sie. Und aus der Villa war ein Lazarett ge-
        <lb/> worden. </p>
      <p>
        <lb/> Stefan war gerade in die Tertia versetzt worden, <lb/> ich lernte mit ihm nun
        Griechisch, wie ich mit ihm <lb/> Latein und Algebra getrieben hatte, Schiller gelesen <lb/>
        und Mignet übersetzt, und grade waren wir auf etwas <lb/> gestoßen: kallos und agathos... </p>
      <p>
        <lb/> Da schickte ihn die Mutter aufs Land, zu einem <lb/> befreundeten Pfarrer, wo er
        besser ernährt werden <lb/> konnte und dem Pestatem der Stadt entzogen war. <lb/> Und sie
        selbst, Nina und Lilian, gingen in das Sommer- <lb/> haus, das die Familie in der Heimat des
        Direktors, <lb/> in einem Flecken des Schwarzwaldes, besaß. Von <lb/> dort schickte sie uns
        jeden Monat ein Paket mit <lb/> Speck, Eiern, Maronen, Äpfeln. Sie vergaß uns nie. </p>
      <p>
        <lb/> So verlor ich auch dieses Haus. Jetzt saßen an <lb/> seinen Fenstern Männer mit
        eingebundenen Köpfen <lb/> und sahen in den Hain hinüber, vor der Tür im Gärt- <lb/> chen
        saßen welche mit Beinstümpfen und geschien- <pb facs="#f0233" n="231"/>
        <lb/> ten Armen. Im Wintergarten wurde operiert — Die <lb/> Palmen standen im Hof und gingen
        da im folgenden <lb/> Winter ein, erfroren und blieben so stehen, vergilbt, <lb/> verdorrt,
        mit hängenden Wedeln und Fächern, erbar- <lb/> mungswürdige Leichen, von deren Rindenfasern
        Vögel <lb/> aßen und Mäuse und nachts die Ratten, die sich in <lb/> den Kellern Berlins
        mystisch vermehrten. </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt hörte ich nichts mehr von Herrn Falk. Jedem <lb/> Paket Ninas lag ein kleiner
        Brief bei, darin stand <lb/> immer nur: </p>
      <p>
        <lb/> „Mein Mann läßt grüßen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Einmal schrieb Stefan, sein Vater sei leicht ver- <lb/> wundet gewesen, aber schon
        wieder an der Front, er <lb/> sei nun Oberleutnant. Und Dianas Verlobter — Er <lb/> war in
        der ersten Woche des Krieges in den Vogesen <lb/> gefallen. </p>
      <p>
        <lb/> Gefallen — O, die Verlustlisten! Sie hingen bei <lb/> uns in den leeren Fenstern der
        Vorkosthandlungen, <lb/> beim Papierhändler. Und immer war ein Haufen Wei- <lb/> ber davor,
        Greise und Krüppel dazwischen, Kinder <lb/> auf den Armen ihrer stammelnd lesenden Mütter.
        Wer <lb/> hatte Geld, auf die Verlustlisten zu abonnieren? Ja, <lb/> entsetzlich, es gab ein
        Abonnement auf diese Toten- <lb/> listen, und Millionen Frauen lasen sie mit fiebernden
        <lb/> Augen und gequältem Herzen. </p>
      <p>
        <lb/> Aus diesen Haufen vor den Fenstern tönte mancher <lb/> Schrei, manches Mädchen schlug
        da lang hin, man- <pb facs="#f0234" n="232"/>
        <lb/> cher alte Vater taumelte fort. Kinder fielen von den <lb/> jäh gelähmten Armen ihrer
        Mutter. Nachts schrie es <lb/> in den Wohnungen, und man hörte, wie ein Weib mit <lb/> dem
        Kopf gegen die Wand rannte: alle alle tot! Der <lb/> Mann, zwei Söhne, der dritte vermißt...
        Eines Ta- <lb/> ges kam die Uhrmacherfrau gellend lachend nach <lb/> Haus: sie hatte in
        einem Fenster in der Ackerstraße <lb/> gelesen, daß ihr Mann gefallen war; es hatte sie
        keine <lb/> Nachricht vom Regiment erreicht. Und ihre zweite <lb/> Tochter, achtzehn, war
        schon längst vor die Kaserne <lb/> gegangen und schlief mit den neu eingezogenen Re- <lb/>
        kruten. </p>
      <p>
        <lb/> Andere gingen hin und pflegten und begruben ihre <lb/> Einsamkeit in den Lazaretten.
        Noch andere gingen <lb/> hin, aber um da zu leben, mit den Verwundeten die <lb/> süße, die
        einzige Lust des Daseins zu kosten. Es war <lb/> schwer, auf der Straße Männer zu angeln.
        Also ging <lb/> man als Scheuermädchen und Tellerwäscherin in die <lb/> Kliniken und
        Erholungsheime. </p>
      <p>
        <lb/> Es gab kaum noch Fahnen bei uns in den trüben <lb/> Straßen. Es gab noch immer
        trügerische Siegesmel- <lb/> dungen, aber man steckte das bunte Tuch nicht mehr <lb/>
        hinaus. Als wir in das vierte Jahr des Untergangs <lb/> gerieten, glaubten wir, <hi
          rendition="#g">wir</hi> nicht mehr... </p>
      <p>
        <lb/> Aber ein neuer Glaube brach an. Mystische Bot- <lb/> schaft kam aus Rußland... Da
        hatte man die Ord- <lb/> nung gedreht, die Regierenden lagen unten und das <pb facs="#f0235"
          n="233"/>
        <lb/> Volk stand im Licht. Der Arbeiter hatte das Reich <lb/> gestürmt und proklamierte sein
        Recht auf Leben. <lb/> Etwas wie Sonne fiel in unser Herz. Es ging eine <lb/> wilde Hoffnung
        durch das Proletariat. Drüben ging <lb/> in blutiger Röte ein goldener Stern auf, unser
        Stern. <lb/> Gesegnetes Blut, wenn es Sterne gebärt! </p>
      <p>
        <lb/> So kam ich einmal mit russischen Botschaften <lb/> heim. Aus der Schule, wo den
        Lehrerinnen verboten <lb/> war, uns Mitteilungen über die russischen Greuel zu <lb/> machen.
        Aber es gab Jungen, die schmuggelten Nach- <lb/> richten herein, sie waren schon in der
        Partei tätig, <lb/> die sich mitten im noch Bestehenden bildete, und sie <lb/> wußten
        Ungeheuerliches: die Metzeleien der weißen <lb/> Armee, die Pogrome der Menschewiki, die
        Heilands- <lb/> botschaft der Bolschewiki. Sie erzählten von den Wun- <lb/> dern des neuen
        Reiches. Lenin verkündete die Zu- <lb/> kunft, Trotzky stampfte neue Ordnung aus dem Chaos.
        <lb/> Schon gab es Flugblätter, und wir versteckten sie an <lb/> unserm Herzen, das für den
        nahenden Heiland schlug. </p>
      <p>
        <lb/> Damit kam ich nach Haus gelaufen. </p>
      <p>
        <lb/> Und da lag Mutter neben ihrem Waschtrog auf <lb/> dem nassen Boden, zusammengekrümmt,
        weiß im <lb/> Gesicht, den Mund verzerrt, und sie starrte mit leb- <lb/> losen verzweifelten
        Augen auf die Tür, durch die ich <lb/> kommen mußte... </p>
      <p>
        <lb/> Sie sprach nicht, ihre Lippen bewegten und glät- <lb/> teten sich. Als ich sie
        berührte, atmete sie... Atmete <pb facs="#f0236" n="234"/>
        <lb/> sie so furchtsam, als könnte der Atemzug den Schmerz <lb/> wieder wecken. Denn ich
        begriff: ein unerträglicher <lb/> Schmerz mußte sie hingeworfen haben... </p>
      <p>
        <lb/> Ich hob sie auf, ich umfaßte den geliebten Leib — <lb/> und wie erschrak ich... Ich
        ließ sie nicht fallen, <lb/> ein Krampf schloß meine Arme wild um sie... War <lb/> das noch
        ein lebendiger Mensch?... Sie war leicht <lb/> wie ein Kind, sie war so mager, daß ich ihre
        Kno- <lb/> chen in den Fingern spürte; indem ich sie aufhob, <lb/> war mir, es wäre nur noch
        Seele, die mich empor <lb/> zog, entkörpertes Sein, das ich blasphemisch be- <lb/> rührte... </p>
      <p>
        <lb/> Sie konnte noch nicht sprechen. In ihrem Auge er- <lb/> losch das Entsetzen. Dieser
        Blick allein sagte noch, <lb/> daß sie irdisch war und litt... </p>
      <p>
        <lb/> Was war? was hatte ich da nie gesehen? was hatte <lb/> sich unter meinen Augen
        vorbereitet, und ich war blind <lb/> gewesen?... </p>
      <p>
        <lb/> Ich dachte es nicht, ich sah es nicht, aber es vereiste <lb/> mich: Tod... </p>
      <p>
        <lb/> Starb sie?... </p>
      <p>
        <lb/> Das ging vor in mir, während ich handelte. Indes <lb/> ich Milch in eine Tasse goß,
        dachte ich bewußt: </p>
      <p>
        <lb/> „O daß wir allein sind! Gott sei Dank! Ich habe <lb/> sie ganz allein, es macht sie
        mir keiner streitig.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich flößte ihr Milch ein. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte so oft die Geschwister gefüttert, wenn <pb facs="#f0237" n="235"/>
        <lb/> sie krank waren, versorgt. Wenn Mutter manchmal <lb/> nach zehn Stunden Waschen die
        Arme nicht mehr <lb/> heben konnte, hatte ich sie gefüttert, und sie hatte <lb/> gelacht und
        gesagt: </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy, Liebling, bin ich dein Baby? Ach, jetzt <lb/> gibst du mir alles hundertfach
        zurück.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und jetzt betete ich, und das war mein erstes <lb/> Gebet, seit ich bewußter Mensch
        war: </p>
      <p>
        <lb/> „O noch einmal! Nur noch einmal sage: Teddy, <lb/> Liebling — Mutter, ein einziges
        Mal!“ </p>
      <p>
        <lb/> Dabei lächelte ich sie an. Ich war so stark, ich <lb/> sprach zu ihr. Wie zu einem
        Kinde. </p>
      <p>
        <lb/> „So, noch einen Schluck, Mutti! Ein kleines <lb/> Schlückchen. Ist es schon besser,
        ja, ist es jetzt gut? <lb/> Tut es noch weh — —?“ Und ich wagte, mein Herz <lb/> traute
        sich, ich flüsterte: „Liebling —“ </p>
      <p>
        <lb/> Und ich dachte, sie stürbe... Sie stürbe da, indes <lb/> ich mit dem linken Arm sie
        stützte und die Milch <lb/> an ihre blauen Lippen hielt... </p>
      <p>
        <lb/> Aber da lächelte sie. Und sie sagte, sie hauchte: </p>
      <p>
        <lb/> „Es ist nichts. Bist du erschrocken? Ich altes Weib. <lb/> Es tat nur ein bißchen weh,
        und da setzte ich mich <lb/> hin. Und grade mußt du auch kommen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich zitterte gar nicht. Ich fragte, indes ich sie, die <lb/> Gewichtlose, hinlegte: </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter, ist das schon oft gewesen? Hast du oft <lb/> Schmerzen?“ </p>
      <pb facs="#f0238" n="236"/>
      <p>
        <lb/> „Ach wo,“ sagte sie schnell und lächelte auch <lb/> schon wieder. </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte es gar zu schnell gesagt, zu ärgerlich. <lb/> Und ich fragte, indem ich sie
        ansah — aber ich <lb/> sah sie gar nicht, ich hing in Nebel und schwankte. </p>
      <p>
        <lb/> „Wo hast du denn die Schmerzen, Mutter?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wie ein Arzt sitzt er da,“ flüsterte sie. „Geh, <lb/> Junge, es ist ja nichts. Ein
        bißchen Bauchschmerzen. <lb/> Ich steh schon wieder auf.“ </p>
      <p>
        <lb/> Da hielt ich sie fest. </p>
      <p>
        <lb/> „Nein, jetzt liegst du. Guck zu, ich werde weiter- <lb/> waschen —“ </p>
      <p>
        <lb/> Da stöhnte sie: </p>
      <p>
        <lb/> „O, Teddy, du, du tust mir weher. Stell dich <lb/> nicht dahin, bitte, wasch nicht.
        Ich kann es nicht <lb/> sehen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „O, Mutti, ich täte es so gern, es würde mir so viel <lb/> Spaß machen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Und mir weh tun. Liebling, sitz ein bißchen bei <lb/> mir, komm, leg deine Hand auf
        meinen Leib, dann <lb/> vergeht es. So, siehst du —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ihr Gesicht verklärte sich, wie ich meine klein <lb/> gebliebene Hand auf ihren Leib
        legte... Er hatte mich <lb/> getragen und genährt, und ich berührte ihn wie das <lb/>
        Allerheiligste. </p>
      <p>
        <lb/> Sie lächelte wieder, ich sah, wie der Schmerz ver- <lb/> zog, ihren Leib verließ, ihr
        Gesicht erhellte sich. </p>
      <pb facs="#f0239" n="237"/>
      <p>
        <lb/> „Gut tust du mir, mein Kind. Dank dir, mein <lb/> Kind.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich erschrak so unsäglich, sie schien sich zum <lb/> Sterben hinzulegen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich beugte mich über sie, ich flüsterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter, ich hole jetzt einen Arzt. Bleib nur fünf <lb/> Minuten allein —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie richtete sich auf. Sie hatte plötzlich ihre Kräfte <lb/> wieder, als es sich um
        Geld, Haushalt, Lebensbedarf <lb/> handelte. </p>
      <p>
        <lb/> „Auf keinen Fall,“ stieß sie hervor. „Ich will nicht <lb/> wissen! Was geht’s mich an!
        Laß es doch da drin... <lb/> Wir sind in keiner Kasse. Wir können keinen Arzt <lb/>
        bezahlen. Teddy, was denkst du! Aber du mußt dich <lb/> anstellen gehen. Ach, du kommst
        schon so spät. Alles <lb/> wird fort sein. Es gibt hundertundfünfzig Gramm <lb/> Magarine
        und achtzig Gramm Käse. Sieh in der <lb/> Schublade nach, da ist Geld.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ja, es reichte noch. Ich wußte, ich mußte laufen <lb/> und mich anstellen, vielleicht
        schon der Hundertste in <lb/> der Polonaise, und es war nur für achtzig Einge- <lb/> tragene
        Magarine da. Henny war fort, Mark war <lb/> fort. Ich mußte sie allein lassen und laufen. </p>
      <p>
        <lb/> Und ihre Augen wanderten mir nach — </p>
      <p>
        <lb/> Wie lange vielleicht litt sie schon und verbarg es <lb/> mir! Erst jetzt sah ich
        alles: ihre entsetzliche Ab- <lb/> magerung — und das kam nicht vom sandigen Kriegs- <pb
          facs="#f0240" n="238"/>
        <lb/> brot allein, von der Pferdewurst, von dem fettlosen <lb/> Talg. „Laß es doch dadrin —“
        Was meinte sie? <lb/> Fraß es in ihr?... </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte schon, es gibt unter vielen Gespenstern <lb/> der Armen eines: der Krebs... </p>
      <p>
        <lb/> Wenn ein Weib im Hinterhaus krank wird und <lb/> Schmerzen hat, flüstert man sich zu: </p>
      <p>
        <lb/> „Krebs — Jetzt hat se ’s jepackt. Der Krebs... <lb/> Aus is!“ </p>
      <p>
        <lb/> Man tritt an das Krankenbett, und die Blutlose, <lb/> Schmerzzerquälte flüstert: </p>
      <p>
        <lb/> „Ick wees schont, ’s is Krebs. Er frißt mir an’ <lb/> Magen. Ick spürs deitlich. Wenns
        man bloß fix jinge!“ </p>
      <p>
        <lb/> Man sieht sie stumm an, ihre letzte Hoffnung <lb/> schwindet, keiner widerspricht. Der
        Krankenwagen <lb/> holt sie ab, und sie nimmt Abschied vom Hause mit <lb/> unbeschreiblichem
        Blick... Alle Kinder der Straße <lb/> stehen Spalier und gucken ins Auto mit dem Tragbett
        <lb/> und dem Sanitäter. Das ist das letzte Hochgefühl der <lb/> Sterbenden, es ist so, als
        erlebte sie die Ehren ihres <lb/> Begräbnisses mit, sie ist das Gespräch der Straße... </p>
      <p>
        <lb/> Das Begräbnis — Es ist das einzige, wofür man <lb/> gespart hat. Das war der große
        Ehrgeiz: eine feine <lb/> Leiche! Man versagte sich alles: Arzt und Medizin, <lb/> das Kino
        in guten Tagen und den Ausflug nach <lb/> Tegel oder Treptow. Aber in die Sterbekasse wurde
        <lb/> pünktlich gezahlt. War man im Leben nichts, ein <pb facs="#f0241" n="239"/>
        <lb/> Dreck, nun will man doch wenigstens „ne scheene <lb/> Leiche sind“. Zweiter Klasse.
        Mit Grünes um den <lb/> Sarg, Pastor und Harmonium. Drinnen, im noblen <lb/> Eichensarg, wie
        man zerschmerzt, verhungert da drin- <lb/> nen lag, das war gleich. </p>
      <p>
        <lb/> Ich ließ Mutter allein. Ich lief, plötzlich uralt ge- <lb/> worden, ich wußte nichts
        weiter auf der Welt als: <lb/> Mutter... </p>
      <p>
        <lb/> Wenn sie starb!... </p>
      <p>
        <lb/> Ich mußte Geld haben! Vielleicht stand sie nicht <lb/> mehr auf, und dann — Aber wie!
        woher! Niemand <lb/> war da, Wir waren ganz allein... </p>
      <p>
        <lb/> Ich stellte mich vor das leere Buttergeschäft, es <lb/> wurde erst um vier aufgemacht,
        jetzt war es zwei. <lb/> Siebzig Leute standen schon da, saßen auf Feld- <lb/> Stühlchen,
        redeten nicht, waren stumpf, kraftlos, ent- <lb/> seelt. Ein guter Alter fragte mich, warum
        ich zitterte. <lb/> Und da stammelte ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter ist so krank —“ </p>
      <p>
        <lb/> Nun belebten sie sich. Aus Neugierde viele, aus Mit- <lb/> gefühl manche. Eine junge
        Frau sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Gib mir man deine Marken, Theodor, ich bring <lb/> euch den Mist. Lauf du zu Muttern,
        laß ihr nich <lb/> alleene. Wer weiß, vielleicht —“ </p>
      <p>
        <lb/> O der Engel... </p>
      <p>
        <lb/> Ich lief. Und da schlief Mutter. Fest. Ganz blaß, <lb/> laut atmend, von den Schmerzen
        entnervt. </p>
      <pb facs="#f0242" n="240"/>
      <p>
        <lb/> Ich stand am Bett und sah sie an und wußte nur: <lb/> es tat weh... Weh, wie noch
        niemals etwas... </p>
      <p>
        <lb/> Aber die Wäsche wartete. Und lautlos begann ich <lb/> zu waschen, ich rieb, bis ich
        schwitzte. So, jetzt, <lb/> zu spät, begann ich Mutters Leben zu leben. Also <lb/> so ist
        es: waschen... Fünf Tage in der Woche wusch <lb/> Mutter so fremde Wäsche, wusch Schweiß und
        Par- <lb/> fum und Gestank, Krankheit und Liebe aus fremder <lb/> Wäsche, und am sechsten
        hatte sie Zeit, sich der <lb/> eigenen anzunehmen. Ich wusch mit heißer Lust, <lb/> mit
        schmerzlichem Glück: ich tat Mutters Arbeit... </p>
      <p>
        <lb/> Sie schlief. O Glück, sie schlief. Sie schlief sich <lb/> gesund. Sie war ja nicht
        krank. Ein zufälliger <lb/> Schmerz. Vielleicht hatte sie Hunger. So belog ich <lb/> mich,
        während ich rieb und wrang. </p>
      <p>
        <lb/> Dann hatte ich einen Einfall. Ich mußte wieder <lb/> Geld herbeischaffen und hatte
        einen Plan. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter stand gegen Abend auf, jagte mich vom <lb/> Trog und tat, als hätte sie nie
        gelitten. Henny und <lb/> Mark kamen von immer verschwiegenen Unterneh- <lb/> mungen. Sie
        hatten immer irgend einen Leckerbissen, <lb/> Schokolade, ein Tütchen Zucker,
        Pfefferminztabletten. </p>
      <p>
        <lb/> „Von ’n Soldaten,“ sagten sie. „Urlauber.“ </p>
      <p>
        <lb/> Es war nichts aus ihnen herauszubekommen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich log Mutter an, ich hätte mich mit Schulkame- <lb/> raden verabredet, in die Stadt
        zu gehen. Sie ließ mich <lb/> fort, ohne es mir zu glauben. Denn ich tat das ja nie. <pb
          facs="#f0243" n="241"/>
        <lb/> Ich saß immer zu Haus und las. Seit die Villa für <lb/> mich verloren war, hatte ich
        auch keine Bücher mehr, <lb/> aber nun las ich in der Volksbibliothek. Ich hatte <lb/>
        einfach beim ersten Buch des Katalogs angefangen <lb/> und überschlug nur, wenn ein Titel
        mir nichts sagte <lb/> und nichts verhieß. Ich habe kaum je ein Kinderbuch <lb/> gelesen,
        erst als erwachsener Mensch Andersen und <lb/> Grimm. Ich las aber leichte französische und
        eng- <lb/> lische Bücher, abends mit Mutter zusammen. Stefan <lb/> hatte mir seine
        lateinische und griechische Grammatik <lb/> dagelassen, und ich arbeitete mich da mit
        hundert <lb/> Irrtümern langsam hindurch. Noch immer war ich <lb/> aufs Wissen versessen,
        ich konnte nie genug bekom- <lb/> men, ich hätte noch chinesisch und arabisch lernen <lb/>
        mögen. Die hebräischen Druckbuchstaben brachte mir <lb/> Mutter bei. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte für den Abend meinen Plan. Ich brach <lb/> früh auf, und da ich kein Geld
        für die Elektrische <lb/> hatte, wanderte ich durch die ganze Stadt. Es wurde <lb/> dunkel,
        und ganz wenige Laternen brannten. Was war <lb/> es denn für eine Jahreszeit?... </p>
      <p>
        <lb/> Das wissen wir Proletarier gar nicht immer. Wenn <lb/> man uns unverhofft fragt,
        müssen wir uns immer <lb/> erst umsehen, müssen erst nachsehen: scheint die <lb/> Sonne?
        regnet es? blüht es? ist es verdorrt? So <lb/> stumpf sind wir, so von Natur verbannt. Wenn
        wir <lb/> in der Stube frieren, wissen wir: es ist Winter — <pb facs="#f0244" n="242"/>
        <lb/> Wenn wir nachts auf dem Strohsack schwitzen, ist <lb/> es klar: Sommer — </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt — ja, es war ja ein schwüler Abend, Staub <lb/> stand in der unbewegten Luft,
        die Stadt war still, <lb/> selbst am Alexanderplatz. Es war Sommer. </p>
      <p>
        <lb/> Der Sommer neunzehnhundertachtzehn — </p>
      <p>
        <lb/> Das Unglück lag schon in dieser trüben Luft. Es <lb/> verschleierte die paar Laternen,
        die brannten. Es beugte <lb/> die Leute auf der Straße noch tiefer. Die Stadt war <lb/>
        versunken in ein erstickend schweres Element — </p>
      <p>
        <lb/> Manchmal ging, lahmend, ein Offizier an mir vor- <lb/> bei oder eine saubere Frau:
        dann streckte ich meine <lb/> Hand aus und murmelte. </p>
      <p>
        <lb/> Ich murmelte in mich hinein: </p>
      <p>
        <lb/> „O, Mutter, vergib mir —“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber vor mir hatten schon Ungezählte ebenso ihre <lb/> Hände ausgestreckt nach den
        Gutgekleideten, Vor- <lb/> nehmen, Reichgebliebenen. Ich kam zu spät, es war <lb/> nichts
        mehr für mich da... </p>
      <p>
        <lb/> Ich blieb am Bahnhof Alexanderplatz stehen, da <lb/> strömten zerfurchte Soldaten auf
        die Bahnsteige; noch <lb/> einmal hinaus... Tränenlose Frauen begleiteten sie <lb/> und
        kamen noch tränenloser zurück. Nur die Kinder <lb/> an ihrer Hand weinten. Autos fuhren vor,
        und be- <lb/> häbige Herren stiegen aus, die Schieber und Kriegs- <lb/> geräthändler, die in
        andere Städte, in Hauptquartiere <lb/> reisten, um das zu Ende gehende Geschäft mit dem <pb
          facs="#f0245" n="243"/>
        <lb/> Menschenfleisch noch einmal anzustacheln. Hohe Offi- <lb/> ziere kamen und schnarrten
        und waren so sauber: <lb/> nie hatte ein Tropfen Schlamm der Schützengräben, <lb/> ein
        Tropfen Blut ihrer Mannschaften, ein Körn- <lb/> chen Erde unterm Platzen des Schrapnells
        sie ange- <lb/> spritzt! </p>
      <p>
        <lb/> Da bekam ich etwas. Die werdenden Witwen er- <lb/> barmten sich meines flehenden
        Blicks; die Schieber <lb/> beruhigten ihr Gewissen, indem sie mir die kleinste <lb/>
        Kriegsnote in die Finger schoben, Generäle nahmen <lb/> sich des Volks, der Kinder ihrer
        Opfer an und <lb/> schenkten mir eine Papiermark. So viel kostete eine <lb/> ihrer
        Zigaretten... </p>
      <p>
        <lb/> Ich stopfte meine Taschen voll... </p>
      <p>
        <lb/> Der Strom versiegte, es wurde auch hier leer, nur <lb/> noch halbvolle Stadtbahnzüge
        rollten über mir, da <lb/> lief ich weiter. Die Königstraße war wie ausgestorben, <lb/> nur
        vor dem beleuchteten Rathaus wurde es lebhafter. <lb/> Der Schloßplatz lag wie ein
        Totenfeld. Im Riesen- <lb/> bau des Schlosses kein Fenster hell. Die Kaiserin <lb/> betete
        in Potsdam. </p>
      <p>
        <lb/> Aber Unter den Linden! Da gleißten Cafés, und die <lb/> Hotels waren überfüllt.
        Urlauber genossen die Stadt, <lb/> was gesund war und nichts zu fürchten hatte, pro- <lb/>
        menierte. Nun war ich nicht mehr allein. Hundert <lb/> Kinder bettelten, Frauen, Greise
        hielten zitternde <lb/> Hände hin. Die Schutzleute taten, als sähen sie uns <pb
          facs="#f0246" n="244"/>
        <lb/> nicht. Sie waren menschlich geworden in der Un- <lb/> menschlichkeit. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war fix, ich war der erste, der die Tür des Autos <lb/> aufriß, das vor dem Café
        hielt. Die andern Jungen <lb/> stießen mich fort, man riß mir das Papiergeld <lb/> aus den
        Fingern, das schon zerschlissene ging in <lb/> Fetzen. Ich lief vor das Theater, das eben
        schloß, <lb/> riß einen Wagenschlag auf, hob ein entfallenes Täsch- <lb/> chen auf.
        Geschminkte, Duftende sagten nicht ein- <lb/> mal danke. </p>
      <p>
        <lb/> „Weg da!“ rief ein Herr und hatte Angst, mir einen <lb/> Goldpfennig geben zu müssen,
        und fuhr mit seiner <lb/> Frau dieser Nacht in ein geheimes Restaurant, wo es <lb/> Geflügel
        und Hummer, Schlagsahne und Mokka <lb/> gab... </p>
      <p>
        <lb/> Dieses wurde nun mein Abendwerk... </p>
      <p>
        <lb/> Mutter mußte ihren alten Kunden den Lohn stun- <lb/> den, man gab vor, nichts zu
        haben, zahlte nach Wo- <lb/> chen das schon entwertete Geld, und wieder hätten <lb/> wir
        hungern müssen, wenn ich nicht gewesen und <lb/> gebettelt hätte. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte die Schule schon verlassen, ich besuchte <lb/> die Fortbildungsklassen,
        alles mir Erreichbare nahm <lb/> ich mit. Es war noch nicht die Rede davon, was ich <lb/>
        werden sollte. Vorläufig trieb ich mich in der Stadt <lb/> herum und bettelte. Ich trug an
        den Bahnhöfen den <lb/> Leuten ihr Gepäck zur Elektrischen, zur Untergrund- <pb
          facs="#f0247" n="245"/>
        <lb/> bahn. Aber ich war nicht stark. Fünfzehnjährig war <lb/> ich noch immer dürftig,
        hundemager, blaß. </p>
      <p>
        <lb/> „Dein ganzes Gesichtel ist Auge,“ sagte Mutter oft, <lb/> indem sie meinen Kopf
        zwischen ihren krumm ge- <lb/> wordenen knochigen Fingern hielt und mich in bren- <lb/>
        nender Liebe ansah. Jetzt öfter denn je. Als ahnte <lb/> sie, die Zeit sei gemessen, in der
        sie mich noch schauen <lb/> konnte. Je mehr ihr Leib verfiel, desto nackter, ent- <lb/>
        fesselter wurde ihr Herz. Sie konnte mich an sich <lb/> pressen, in ihr Skelett hinein, das
        ich spürte; sie <lb/> wollte mich nicht allein lassen, wollte mich zurück- <lb/> nehmen in
        ihr Inneres, vielleicht auch, um nicht <lb/> so furchtbar allein zu sein, wenn der Schmerz
        sie <lb/> anfiel, wenn sie — hundertmal, ehe sie starb — sich <lb/> zu sterben anschickte.
        Sie preßte mich mit der letzten <lb/> Gewalt ihres Könnens an sich, vergaß, daß sie es <lb/>
        tat, und blieb so, eine halbe Stunde lang, regungslos, <lb/> in einen himmlischen Traum
        verzaubert: ich war <lb/> in ihr... </p>
      <p>
        <lb/> Mitten in der Nacht, im Schlafe, sie und ich schla- <lb/> fend, ergriff sie mich so
        und grub mich in ihren Leib. <lb/> Oder um den Schmerz zu betäuben?... Sie küßte <lb/> meine
        Hände. </p>
      <p>
        <lb/> „Vergib mir, Liebling. Wie ich dich quäle...“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich <hi rendition="#g">sah</hi> sie sterben... </p>
      <p>
        <lb/> Und ich half mir selbst, wenn ich nun meine Tage <lb/> und Nächte, so viele ich
        freilügen konnte, auf den <pb facs="#f0248" n="246"/>
        <lb/> Straßen zubrachte. Ich fuhr in den Westen, nach <lb/> dem Kurfürstendamm, dort wohnt
        der Reichtum. Aber <lb/> da war nicht viel zu holen. Da saßen schon an allen <lb/>
        Gartengittern Bettler und Invalide, und Geiger spiel- <lb/> ten am Straßenrand, und Kinder
        verkauften Streich- <lb/> hölzer. Am Bahnhof Zoologischer Garten wäre es <lb/> besser
        gewesen, aber da jagten mich die Jungen fort, <lb/> die dort ihre Stammplätze hatten. </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich sprach doch mit ihnen und hörte und <lb/> lernte. Ich konnte ja arbeiten. </p>
      <p>
        <lb/> So verkaufte ich Extrablätter, ich ging in eine <lb/> große Zeitung, und man vertraute
        mir, ich ließ Mütze <lb/> und Jacke zum Pfand, da bekam ich hundert Blätter. <lb/> Ich ging
        jeden Morgen um fünf in ein Hotel am <lb/> Stettiner Bahnhof und putzte Schuhe bis sieben
        und <lb/> lief dann in die Fortbildungsschule. Mittags wusch <lb/> ich in der
        Roßschlächterei in der Koloniestraße den <lb/> blutigen Schlachtraum auf oder den Laden, der
        mit- <lb/> tags geschlossen war, die Tische machte ich sauber — <lb/> das war eine bittere
        Arbeit. Blut und Knochensplitter <lb/> und das zerstückelte Tier... Und im Sommer ver- <lb/>
        darb das Fleisch so schnell, es roch nach Verwesung, <lb/> ein Pferdekopf, beim Abfall,
        fletschte mich laut- <lb/> los hilfeschreiend an... Aber ich bekam dafür kein <lb/> Geld:
        ein Stück Fleisch, Pferdeleber, Wurst. </p>
      <p>
        <lb/> Ich konnte das nie essen, das Tier, sein Tod <lb/> war mir zu nah gewesen. Auch Mutter
        aß nie <pb facs="#f0249" n="247"/>
        <lb/> davon. Aber Henny und Mark aßen es mit Heiß- <lb/> hunger. </p>
      <p>
        <lb/> Ich schrie im Schlaf: </p>
      <p>
        <lb/> „O Pferd! o Pferd!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und es schüttelte mich. </p>
      <p>
        <lb/> Mutter weckte mich. </p>
      <p>
        <lb/> „Vergib mir, Liebling, vergib mir. Ich bin schuld, <lb/> ich lasse euch hungern. O
        Teddy, Liebling, sollen wir —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie stockte. Sie preßte mich an ihre verdorrte <lb/> Brust und flüsterte in mein Haar: </p>
      <p>
        <lb/> „Wir haben ja kein Gas. Sollen wir ins Wasser <lb/> gehen? Oder Kohlendunst? Teddy,
        Liebling, sollen <lb/> wir?“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie flüsterte es wie ein Gottesgeheimnis... Ich <lb/> rührte mich nicht. O! nein! ich
        wollte nicht — — <lb/> Aber wenn sie wollte, ging ich mit. Ich ließe sie <lb/> nie allein,
        nie. </p>
      <p>
        <lb/> „Aber Henny! Und Mark!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und ich richtete mich auf und umfaßte ihr hageres <lb/> Gesicht. </p>
      <p>
        <lb/> „Henny — und Mark —“ hauchte sie — wie <lb/> fremde Namen, als müßte sie sich erst
        besinnen. „Ja, <lb/> natürlich, Henny — und Mark —“ </p>
      <p>
        <lb/> Am Nachmittag stellte ich mich an. Henny stellte <lb/> sich an. Mark stellte sich an.
        Um Brot, Speck, Gerste, <lb/> Talg. </p>
      <p>
        <lb/> Nein, im vierten Jahr des Blutes ging es den <pb facs="#f0250" n="248"/>
        <lb/> Armen nicht mehr gut. Aber wir standen in den <lb/> Polonaisen und hatten jetzt Geld,
        die Marken einzu- <lb/> lösen. Ich brachte es ja heim. </p>
      <p>
        <lb/> Abends, um zehn, mußte ich in ein Café am <lb/> Oranienburger Tor. Dort saßen die
        besseren Zuhälter <lb/> und erwarteten ihre Mädchen zur Abrechnung, tran- <lb/> ken,
        klopften Skat und schliefen. Ich wusch Tassen <lb/> und rieb die Blechlöffel blank. Ich
        bekam dort Ku- <lb/> chen, aber ich mußte ihn aufessen, sonst gab ihn mir <lb/> die
        Kaffeeköchin nicht. Sie dachte, ich würde ihn <lb/> verkaufen, und sie fand, er sollte in
        meinen Magen <lb/> hinein, denn ich sei so miesepetrig und pimplig. Ich <lb/> bekam auch
        das, was da als Kaffee ging. Und schließ- <lb/> lich Geld. Die Köchin, Fanny, war eine gute
        Seele. <lb/> Als sie herausbekam, daß Mutter so elend war, bekam <lb/> ich oft einen Topf
        Kaffee mit. Aber den nahmen mir <lb/> auf dem Heimweg oft Männer, Frauen, Jungen fort. <lb/>
        Sie rochen die Gerste, die da dampfte, griffen ein- <lb/> fach nach dem Topf und schlugen
        mich nieder. Wenn <lb/> sie freundlich waren, tranken sie ihn auf der Stelle <lb/> aus und
        stellten ihn dann neben mich. Aber manchmal <lb/> nahmen sie ihn auch mit und gaben mir, der
        ich <lb/> weinend auf der Erde saß, einen Tritt, jetzt einen <lb/> gutmütigen. </p>
      <p>
        <lb/> „Hab dir man nich so, olle Heultute.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war feige, schwach, weinerlich, immer hilflos <lb/> vor Gemeinheit... </p>
      <pb facs="#f0251" n="249"/>
      <p>
        <lb/> Nun, ich verdiente. Das Schwierigste war immer, <lb/> das Geld schnell umzusetzen, ehe
        die Papiermark <lb/> fiel. Was sollte man kaufen? Es gab ja nichts, alles <lb/> war
        rationiert. Aber wenigstens brauchten wir keine <lb/> Marken verfallen zu lassen. Wie viele
        von uns liefen <lb/> mit ihren Bons in die Stadt und boten sie den noch <lb/> immer Reichen
        an, bekamen sie auch gut bezahlt — <lb/> Aber was taten sie mit dem Gelde? Wozu nützte <lb/>
        es ihnen? </p>
      <p>
        <lb/> Und so überfiel alle eine tolle Gier, es auszugeben. <lb/> Jeden Pfennig aus dem
        Hause. Lieber vergeuden als <lb/> verfaulen lassen. </p>
      <p>
        <lb/> Und ich konnte auch Mutter überreden nicht zu <lb/> sparen. Sie fühlte sich wohl so
        elend, daß sie alles <lb/> mir überließ. Sie legte das Dasein in meine kleinen <lb/> Hände,
        sie überließ das Leben mir. Sie atmete noch <lb/> nicht auf, es erleichterte sie kaum,
        vielleicht im Gegen- <lb/> teil war sie tief unglücklich, daß sie mich Kind schon <lb/> mit
        der Sorge um den Tag belasten mußte. Aber sie <lb/> arbeitete nur noch und kümmerte sich
        nicht mehr um <lb/> die Verwandlung des Geldes in Brot und Salz. Es be- <lb/> fiel sie eine
        schreckliche Gleichgültigkeit. Sie fragte <lb/> nicht einmal mehr immer: </p>
      <p>
        <lb/> „Wo warst du? — Was hast du heut gemacht? <lb/> — Woher kommt das Geld?“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie schied schon ab... Es ging sie nichts mehr <lb/> an. Nur ich selbst noch. Waren
        wir zusammen, so <pb facs="#f0252" n="250"/>
        <lb/> hing ihr Blick an jedem Schritt von mir, jeder Be- <lb/> wegung, hing an meinen Augen, <choice>
          <sic>meinen</sic>
          <corr>meinem</corr>
        </choice> Mund. </p>
      <p>
        <lb/> „Iß,“ flehte sie, „trink. Du bist so blaß. Ich habe <lb/> keinen Hunger, ich kann
        nicht —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah, sie konnte wirklich nicht. Sie wurde mit <lb/> dem Kauen eines Bissens nicht
        mehr fertig, sie würgte <lb/> ihn mit Widerwillen hinab. Und oft stieg ihr das <lb/> Bißchen
        wieder hoch, sie gab es von sich, würgend <lb/> und ächzend, in den Knien zusammenbrechend. </p>
      <p>
        <lb/> „Einen Arzt, flehte ich. </p>
      <p>
        <lb/> Aber sie sah mich so verzweifelt an, so energisch, <lb/> daß ich ohne ihren Willen es
        nicht wagte. </p>
      <p>
        <lb/> „Arzt,“ sagte sie verächtlich. „Im besten Falle kann <lb/> er konstatieren. Aber
        helfen —? Wehe dir, Junge.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah mich drohend an. Niemals sonst hatte sie <lb/> mich so angesehen. </p>
      <p>
        <lb/> „Eßt, Kinder, eßt!“ bat sie Henny und Mark. </p>
      <p>
        <lb/> Sie war so zärtlich zu ihnen, sie mußte sie immer <lb/> berühren, aber ich — ich
        spürte die Anstrengung <lb/> ihrer Finger, fast den Widerwillen in den Nerven. <lb/> Immer
        mehr wurden sie Vaters Kinder, immer frem- <lb/> der wurden sie ihr, vielleicht grauenvoll,
        wie Alpdruck <lb/> beängstigend. Und ich als Vaters Kinder wieder liebte <lb/> sie sehr. Ich
        liebte in ihnen den nie gewesenen, un- <lb/> möglichen Vater, in ihnen kam er zu mir,
        menschlich <lb/> greifbar, schuldlos, da er Kind war. </p>
      <p>
        <lb/> Wir waren ganz allein. Ich schrieb damals nicht <pb facs="#f0253" n="251"/>
        <lb/> mehr an Stefan, und Frau Nina schickte ganz selten <lb/> ein Paket. Auch im Gebirge
        ging es schlecht. Wenn <lb/> der Wind von Westen stand, schrieb sie, hörte sie <lb/> immer
        noch die Kanonen des Krieges. Und sie <lb/>
        <hi rendition="#g">konnte</hi> sie nicht mehr hören. </p>
      <p>
        <lb/> „Mein Mann schreibt selten,“ schrieb sie zum <lb/> Schluß. „Es sieht nicht gut bei den
        Unseren aus. Gott <lb/> steh uns bei.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich sollte eingesegnet werden. Alles war unwichtig. <lb/> Der Krieg spielte auch keine
        Rolle mehr. Wir hatten <lb/> den Tod im Hause, den bittersten, den schleichenden. <lb/>
        Draußen war doch der rasche, der plötzliche. Aber <lb/> da dachte ich an die Lazarette, was
        ich daraus gehört <lb/> hatte. </p>
      <p>
        <lb/> Aus unserm Haus war eine junge Frau nach Köln <lb/> gefahren, man hatte ihr
        mitgeteilt, daß ihr Mann <lb/> dort im Lazarett lag. Sie kam nie mehr zurück — </p>
      <p>
        <lb/> Später hörten wir: sie hatte ihn mühsam gefunden <lb/> und sich mit Gewalt Eingang
        verschafft. Ein gut- <lb/> mütiger Pfleger hatte sie hineingeschmuggelt, weil <lb/> der Mann
        Tag und Nacht nach ihr rief. Sie kam <lb/> nachts, in dreißig Betten wanderten Augen mit ihr
        <lb/> den schmalen Gang zwischen ihnen entlang, das war <lb/> das letzte: dreißig junge
        Männer konnten nur noch <lb/> sehen, nie mehr gehen, nie mehr Arme heben, sie <lb/> waren
        Rumpf. </p>
      <p>
        <lb/> Und ihr Mann sah sie nicht einmal, er war blind <pb facs="#f0254" n="252"/>
        <lb/> geschossen, er hörte nur noch, weiter war nichts <lb/> von ihm da als Brust und Bauch.
        Sie hatte die Decke <lb/> zurückgeschlagen, als er sie nicht umarmte, und da <lb/> lag ein
        weißes Bündel, wie Kinder aus Lumpen sich <lb/> Puppen drehen, in weißen Binden ein
        gliederloser <lb/> Leib... </p>
      <p>
        <lb/> Sie war wahnsinnig geworden, und man konnte <lb/> sie nicht mehr zurückschicken... </p>
      <p>
        <lb/> So habe ich den Krieg erlebt, und alle seine Schrek- <lb/> ken versanken vor Mutters
        erstem Wehelaut. </p>
      <p>
        <lb/> Waffenstillstand kam, Friede, Kaiserflucht und Re- <lb/> volution. Wir hörten die
        Maschinengewehre vom <lb/> Schloßplatz, und Transportautos mit Matrosen kamen <lb/> auch
        durch unser Elendsviertel gerasselt. Unsere Stra- <lb/> ßen waren entvölkert. Alles lief in
        die rauchende, <lb/> blutende Stadt. Alle Frauen waren unterwegs. Waren <lb/> sie vom Krieg
        ausgeschlossen gewesen, wollten sie <lb/> doch Revolution mitmachen. Viele hatten noch kein
        <lb/> Blut gesehen, keine Mauer, splitternd unter Granate, <lb/> kein Dach in Flammen. </p>
      <p>
        <lb/> Aus der Stadt drang dumpfes Getöse. Ganz Alte <lb/> hockten in den Torwegen und
        hielten es für den Unter- <lb/> gang der Welt, sie begriffen nichts mehr. Mit Sieger- <lb/>
        jubel kehrten Züge von Männern, Arbeiter, abge- <lb/> rissene Soldaten, von Wut dampfende
        Matrosen in <lb/> unsere nächtlichen Straßen zurück. Man tanzte und <lb/> schoß auf den
        Plätzen. Man sang und legte Feuer. Man <pb facs="#f0255" n="253"/>
        <lb/> plünderte Läden und erzählte Schützengrabenwitze. <lb/> Sie schwangen Achselstücke als
        Trophäen und Degen <lb/> und knallten aus Offiziersrevolvern in die Luft, in <lb/>
        friedliche Stuben. Man erzählte von Gefallenen und <lb/> von der Schlacht am Marstall und
        den Barrikaden <lb/> in der Jerusalemerstraße. </p>
      <p>
        <lb/> „Geh, Teddy,“ flüsterte Mutter. „Paß auf Henny <lb/> und Mark auf. Wo sind die Kinder?
        Hör doch, was <lb/> los ist. Man muß doch wissen, man lebt ja noch. <lb/> Geh nur. Mir geht
        es gut.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte tagelang Schmerzen, und ich sah, wie sie <lb/> sie von innen her auffraßen;
        ich sah, wie sie gleichsam <lb/> nach innen abbröckelte. Ihr Fleisch fiel von ihr ab, <lb/>
        die Haut spannte sich um die Knochen, das Leben <lb/> sammelte sich in den schwarzen Augen,
        die loderten <lb/> und glühten und erloschen nur, wenn der Schmerz <lb/> innen sie anfiel... </p>
      <p>
        <lb/> Und am nächsten Morgen, ich lief in das Hotel, <lb/> Stiefel zu putzen, stand sie auf.
        Wenn ich zwischen <lb/> Hotel und Schule nach Haus stürzte, nach ihr zu <lb/> sehen, war sie
        fort, war sie waschen gegangen; und <lb/> abends, ehe ich in das Café aufbrach, die
        Blechlöffel <lb/> für trunkene Soldaten mit ihren Gratismädchen und <lb/> für die gröhlenden
        Zuhälter zu putzen, kam sie lä- <lb/> chelnd, das erwaschene Papiergeld in der Faust. Sie
        <lb/> setzte sich nicht hin, um mir zu zeigen, wie kräftig <lb/> sie sei. </p>
      <pb facs="#f0256" n="254"/>
      <p>
        <lb/> Henny und Mark liefen mit der Revolution mit. <lb/> O, wie stolz kam Mark am
        dreizehnten November <lb/> nachts nach Haus: er hatte einen Streifschuß an der <lb/> Backe.
        Leider verheilte er ohne Narbe. Später glaubte <lb/> es ihm keiner mehr. Er war so schön,
        dieser Dreizehn- <lb/> jährige, blond wie Sonne, grauäugig, weiß, stark. </p>
      <p>
        <lb/> Henny raunte mir zu: </p>
      <p>
        <lb/> „Alle Mädels laufen ihm nach. Er kann haben, <lb/> welche er will. Alle stecken ihm
        was zu. Sieh mal <lb/> nach, wenn er schläft, er hat die Hosen voll Geld.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich konnte mich nicht enthalten. Ich fragte, inner- <lb/> lich zitternd, die
        Vierzehnjährige, dieses süße braun- <lb/> haarige weißhäutige Mädel: </p>
      <p>
        <lb/> „Und du, Henny?“ fragte ich gewaltsam harmlos. <lb/> „Und du? Laufen dir nicht die
        Jungens nach?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ha!“ rief sie. „Hat sich was! Kannst dir denken! <lb/> So was sollt mir passen! Die
        Jungens hier? Da pfeif <lb/> ich drauf! Nee, weißte, Teddy, da muß ein ganz andrer <lb/>
        kommen, eh ick spitze. Uff ’n Leim von sone Rotz- <lb/> nesen geht deine Schwester noch
        lange nich. Ich <lb/> warte! Ich hab Zeit! Jung und schön bleib ich noch <lb/> lange!“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber das, was sie da sagte, mich zu beruhigen, <lb/> schien mir schlimmer zu klingen
        als jedes Einge- <lb/> ständnis, das sie mir hätte machen können... </p>
      <p>
        <lb/> O wunderbar: es sah so aus, als erholte Mutter <lb/> sich. Sie begann ein wenig zu
        essen und es bei sich zu <pb facs="#f0257" n="255"/>
        <lb/> behalten. Ihre abgefallene Haut straffte sich ein wenig. <lb/> Aber ich war immer zu
        müde und schlief zu schwer, <lb/> um nachts zu wachen und ihr Schlafen oder Nicht- <lb/>
        schlafen zu beobachten. Vielleicht log sie am Tage, <lb/> um nachts dafür zu büßen, verbiß
        sich am Waschfaß <lb/> den Schmerz, um nachts sich ihm auszuliefern. Denn <lb/> wie hätte
        sonst, eines Tages, so plötzlich der Zu- <lb/> sammenbruch kommen können? </p>
      <p>
        <lb/> Aber nun, im Wahn ihrer Genesung, erwachte ich <lb/> wieder zur Welt. Der Krieg war
        aus, die größere Not <lb/> begann. Die Republik war da, und die Hoffnung der <lb/> Armen
        blühte, um gemäht zu werden. Ich holte nach, <lb/> was ich versäumt hatte zu wissen: was
        eigentlich ge- <lb/> schehen war. Ich las alte Zeitungen, in den Volkslese- <lb/> hallen
        neue Broschüren. Mein Tag von siebzehn Stun- <lb/> den war maßlos überfüllt. Als ich zum
        ersten Mal <lb/> wieder die griechische Syntax aufschlug — o! Lust <lb/> hob mich
        himmelhoch... </p>
      <p>
        <lb/> Ich schrieb an Stefan, ich schrieb an Frau Nina. </p>
      <p>
        <lb/> Und Nina schrieb wieder. Ganz zuletzt standen <lb/> fünf stille Worte: </p>
      <p>
        <lb/> „Mein Mann wird nicht wiederkehren.“ </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Ja, mein Leben spiegelte sich ab in den Schick- <lb/> salen anderer, ich habe mich
        entwickelt am Miterleb- <pb facs="#f0258" n="256"/>
        <lb/> nis. Ich — das sind die andern. Ich — das ist die <lb/> Gartenstraße, die
        Jasmunderstraße, ist Stettiner Bahn- <lb/> hof und Humboldthain, sind die Hinterhäuser und
        <lb/> Höfe mit Aborthäuschen, Müllkästen, ist die Villa <lb/> in der Hochstraße, sind
        Lehrer, Wohltäter, Freund, <lb/> Schwester. Ich — das ist der betrunkene Vater und <lb/> die
        Mutter, die am Waschfaß stirbt, an deren Magen <lb/>
        <choice>
          <sic>den</sic>
          <corr>der</corr>
        </choice> Krebs frißt, während sie uns in Schlaf singt. Ich <lb/> — das sind alle die
        Hungernden, Liebenden, Stehlen- <lb/> den, sich Prügelnden rings herum, die Selbstmörder
        <lb/> und Straßenmädchen, das ist die jungfräuliche Diana <lb/> und Witwe Gräbert, deren
        Bett vom Mann nicht <lb/> kalt werden kann, ist die Wahnsinnige, die ihre <lb/> Katzen
        erhängt, und die Gutmütige, die Dienstmäd- <lb/> chen von ihrer Frucht befreit. </p>
      <p>
        <lb/> Ich erzähle nur ein wenig aus einem einzigen Hause <lb/> im Norden Berlins, aber da
        stehen tausende, und in <lb/> jedem ist die Armut anders, der Schmutz schmutziger, <lb/> das
        Elend dunkler. Nein, ich erzähle euch nicht das <lb/> Schlimmste, längst nicht alles, was
        ich sah und also <lb/> erlebte. </p>
      <p>
        <lb/> Ich erzähle euch auch nichts von den Liebeserleb- <lb/> nissen des
        Proletarierkindes... </p>
      <p>
        <lb/> Vielleicht glaubt ihr, ich wäre wirklich ein kleiner <lb/> Tugendbold und Engel
        gewesen und brav wie eine <lb/> Erzählung von Nieritz und Beispiel für böse Buben. <lb/>
        Ach, ich war nicht anders als die andern. Und ich <pb facs="#f0259" n="257"/>
        <lb/> sage: Gott sei Dank war ich ein Junge unter Jungen <lb/> und Bösewicht und Tunichtgut.
        Ich widerstand den <lb/> kleinen Mädchen nicht, ich schloß mich nirgends <lb/> aus, wo es
        galt, etwas zu erfahren, wo das Leben auf- <lb/> ging. Aber ich will nichts weiter sagen.
        Nicht aus <lb/> Scham, nicht aus Feigheit, aber aus Einsicht in die <lb/> Vergeblichkeit. </p>
      <p>
        <lb/> Wir Armen — Oft schien mir unser Laster rein <lb/> und jedenfalls heiter, noch nicht
        ganz gottverlassen, <lb/> da es sich zu sich bekennt, wenn ich es mit dem <lb/> Laster der
        andern Welt verglich. Denn die holt uns <lb/> ja, um es zu raffinieren, es mit letzter
        Verruchtheit <lb/> zu sättigen. </p>
      <p>
        <lb/> Wußten wir nicht alle, wir Jungen von vierzehn, <lb/> daß wir Geld verdienen konnten,
        wenn wir in den <lb/> Westen zogen, in ein kleines harmloses Café, das <lb/> ältere Damen
        schnell durchquerten, um einem oder <lb/> zweien von uns zu winken? Wir wußten, es war <lb/>
        erfolgreich, ohne Kragen dahin zu gehen, ohne Hemd <lb/> — o, wie gelegen uns das kam! mit
        nackten Knien, <lb/> Kopf unbedeckt. Das da habe ich nie versucht. Ich <lb/> war so klein,
        so dürftig und kümmerlich, blaß und <lb/> häßlich. Ich traute mich nie mit den andern dahin,
        <lb/> wo man mit seinem weißen, flaumigen Fleisch Ge- <lb/> schäfte machen konnte. Ich
        mißtraute dem Reiz mei- <lb/> nes Fleisches. </p>
      <p>
        <lb/> Wir waren unschuldig im Laster, wir verbargen <pb facs="#f0260" n="258"/>
        <lb/> es gar nicht. Als Milly Böttcher mit vierzehn schwan- <lb/> ger wurde, trug sie es
        unter uns Kindern mit Stolz, <lb/> wir mußten fühlen und untersuchen, und wir waren <lb/>
        ganz erschlagen von Respekt vor ihr. Die Großen — <lb/> denen verschwieg man viel. Die
        stellten sich falsch <lb/> ein, die verstanden nicht, die machten aus dem Natür- <lb/>
        lichsten und Einfachsten eine Staatsaffäre. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war mit fünfzehn ein wissendes Kind, mir war <lb/> nichts mehr fremd, ich tat —
        trotz Angebot und Auf- <lb/> forderung — nichts gegen Trieb und Natur, ich <lb/> machte
        nicht alle Abenteuer der Kameraden mit, auf <lb/> dunklen Plätzen, in Badeanstalten, aber
        meiner Natur <lb/> mich zu widersetzen, war mir nie in den Sinn ge- <lb/> kommen. Nein, es
        gab keine Liebeswahl. Liebe... <lb/> Das war auf einem andern Stern, Liebe hatte nichts
        <lb/> mit dem bloßen Fleisch zu tun. Es gab Liebe — — <lb/> Und es gab Lust. Und der Lust
        mich versagen, wenn <lb/> sie möglich war — — Sie kostete ja nichts! </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> „Ich habe nur einen Freund: das Echo...“ </p>
      <p>
        <lb/> So traurig war ich oft, so innerlich allein, daß <lb/> ich mit diesen Worten meine
        Einsamkeit verzierte. <lb/> Ich glaube, ich hatte sie einmal bei <sic>Kierkegard</sic> gele-
        <lb/> sen, in einem der hundert Bücher, die ich mir aus <lb/> der Villa mitgenommen und
        eingesogen hatte mit der <pb facs="#f0261" n="259"/>
        <lb/> verzweifelten Gier eines verdürstenden Wüstenwan- <lb/> derers. </p>
      <p>
        <lb/> Niemand ist da für dich, dachte ich oft. Nichts <lb/> hast du als den sehnsuchtsvollen
        Widerklang deines <lb/> eigenen Rufs ins Leere. </p>
      <p>
        <lb/> Die Mutter war da, und ich liebte sie. Und später, <lb/> als sie fort war, wußte ich
        auch: ihr Dasein war <lb/> genug gewesen, aber damals wollte ich noch an- <lb/> deres, ich
        hätte so leidenschaftlich gern mit irgend- <lb/> einem Geliebten von mir reden wollen... </p>
      <p>
        <lb/> Mutter — </p>
      <p>
        <lb/> Im Jahre neunzehn verlor ich sie... </p>
      <p>
        <lb/> Sie ging noch immer, fünf Mal in der Woche, in <lb/> Kundenhäuser und wusch in den
        steinernen Küchen, <lb/> im Keller oder auf dem Boden, einmal wusch sie zu <lb/> Haus für
        Fremde. Ich erinnere mich, daß sie an <lb/> einem einzigen Sonntag die Stadt verließ, Luft
        des <lb/> Waldes, der Felder atmete, sie arbeitete am Sonntag <lb/> für uns. Bisweilen
        führte ich sie auf eine Stunde in <lb/> den Hain, und da saßen wir stumm und froh. </p>
      <p>
        <lb/> An einem Montag kam sie früh nach Haus. Schon <lb/> am Nachmittag. Ich saß am Fenster
        und schrieb <lb/> Adressen. Es war Mai, und selbst in unsern stinken- <lb/> den Hof strömte
        die Süßigkeit des Tages ein klein <lb/> wenig, die Holdheit des neuen Lichts. </p>
      <p>
        <lb/> Sie kam und fiel aufs Bett. Der Schmerz ver- <lb/> krampfte sie so, daß sie nicht
        sprechen konnte. Aber <pb facs="#f0262" n="260"/>
        <lb/> sie wollte mir zulächeln, doch die Augen brachen ihr <lb/> von dem Feuer, das sie
        innen verbrannte. </p>
      <p>
        <lb/> Am Abend holte ich den Arzt, es war der erste, der <lb/> zu uns kam. Es hatte nie
        große Krankheit bei uns <lb/> gegeben. Selbst unsere Masern hatte Mutter allein <lb/>
        kuriert. </p>
      <p>
        <lb/> Er sah sie an. Sie lag schon wie ein Restchen <lb/> Knochen und Haut im Bett,
        aufgefressen vom Krebs. <lb/> Ich sah, wie er sie entblößte, ich sah zum ersten Mal <lb/>
        meiner Mutter Leib, meines Lebens Schoß, und ich <lb/> sah da die ganze Ungerechtigkeit des
        Daseins, des <lb/> Schöpfers abgewandten Blick, sein erhabenes Ver- <lb/> gessen seiner
        Kreatur, seine Erbarmungslosigkeit und <lb/> Taubheit. Ich sah da den Menschen am Kreuz, die
        <lb/> Mutter auf dem Rost ihrer Liebe, den ganzen Jammer <lb/> der Menschheit. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich verstehe das nicht,“ sagte der Arzt. „Wie war <lb/> es möglich, Frau, daß Sie
        sich bis heut geschleppt <lb/> haben! daß Sie bis heut arbeiten konnten! Aber jetzt <lb/>
        Schluß. Noch heut kommen Sie in die Charité. Ich <lb/> werde um einen Wagen telefonieren —“ </p>
      <p>
        <lb/> Er hörte auf, als er ihren Blick sah. Auch ich las <lb/> ihren letzten Wunsch darin:
        sie wollte bei mir ster- <lb/> ben. Ich sollte bei ihr bleiben — </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah mich an... </p>
      <p>
        <lb/> „Na schön,“ sagte der gute Mann, er verstand sie. <lb/> Er hatte seine Kranken
        zwischen Badstraße und Stet- <pb facs="#f0263" n="261"/>
        <lb/> tiner Bahnhof und kannte uns. „Bleiben Sie zu Haus. <lb/> Aber wer sieht nach Ihnen,
        wer besorgt Sie?“ </p>
      <p>
        <lb/> Er folgte ihrem Blick: ich stand hinter ihm, ein <lb/> kleiner, magerer Junge. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich,“ sagte ich. </p>
      <p>
        <lb/> „Junge,“ rief der Arzt, „du mit deinen dreizehn <lb/> Jahren. Und die Schule?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Sechzehn,“ flüsterte Mutter. „Er verdient schon.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Sechzehn! Was! Na, ich muß dich auch mal <lb/> abklopfen, he? Komm mal zu mir. —
        Adieu, Frau, <lb/> tapfer sein, Sie verstehen sich ja drauf. Komm gleich <lb/> mit, Junge,
        wir holen was in der Apotheke. Sie sollen <lb/> keine Schmerzen mehr haben.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ehe er ging, machte er ihr eine Injektion. Mutter <lb/> sah mich bei allem unverwandt
        an. Plötzlich ent- <lb/> spannte sich ihr Gesicht, sie dehnte sich, wie aus <lb/> eiserner
        Faust losgelassen, und ich sah schon: sie <lb/> stirbt... </p>
      <p>
        <lb/> Aber nur das Morphium wirkte. Die erste wonnige <lb/> Stunde Mutters brach an, der
        erste leichte Seufzer <lb/> entfloh ihr, zum ersten Mal in seliger Gedanken- <lb/> losigkeit
        schloß sie die Augen und glitt in Schlum- <lb/> mer. </p>
      <p>
        <lb/> Sie mußte sterben, um aufatmen zu können... </p>
      <p>
        <lb/> Aber so sterben eben unsere Mütter... Das Leben <lb/> Arbeit und Schmerz, und der Tod
        Ausruhen und <lb/> Lust... </p>
      <pb facs="#f0264" n="262"/>
      <p>
        <lb/> Sie starb schon am Donnerstag, ehe ich müde ge- <lb/> worden war, ihr zu dienen, ehe
        ich nach Schlaf ver- <lb/> langte. Ich habe ihr in ihren letzten drei Tagen keine <lb/>
        Minute entzogen, ich war immer im Bereich ihres <lb/> Blickes, ihres Flüsterns. </p>
      <p>
        <lb/> Sie sprach kaum noch. </p>
      <p>
        <lb/> Einmal bewegten sie irdische Gedanken. </p>
      <p>
        <lb/> „Begräbnisgeld,“ hauchte sie. „Ach Gott —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte Geld gut bei einigen Kunden. Sie flüsterte <lb/> es mir zu. </p>
      <p>
        <lb/> „Und ihr?“ fragte sie in den Raum hinaus, dessen <lb/> Grenzen sie schon sah, in den
        von uns bewohnten <lb/> Raum. „Henny braucht mich nicht mehr und Mark <lb/> nicht. Aber du,
        Teddy, Liebling, o — du —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah keine Träne in meinen Augen, und ich <lb/> hoffe, ich bete heute noch, sie
        möge nie das Zittern <lb/> meiner dienenden Hände gesehen haben und mein <lb/> Stummsein
        nicht verstanden. Hätte ich sprechen müs- <lb/> sen, wäre ich verloren gewesen... </p>
      <p>
        <lb/> In diesen drei Tagen lernte ich den Himmel des <lb/> Dienens kennen. Diesen Leib zu
        betreuen war die <lb/> Gnade. Die Demut, mit der ich eines Menschen letz- <lb/> ten
        leiblichen Verrichtungen half, war Glanz und <lb/> Seligkeit, darin ich wandelte. Drei Tage
        waren das <lb/> Glück. Wir gehörten einander, wie ich nie wußte, <lb/> daß Menschen sich
        gehören können. Ihr Leben war <lb/> das, was ich tat. Und mein Leben war in ihrem Ster- <pb
          facs="#f0265" n="263"/>
        <lb/> ben begriffen. Sie starb nicht allein, bis zum letzten <lb/> Atemzug war ich in ihr.
        Nur als sie verstummte, <lb/> nahm ich mich zurück. Ich lebte weiter. </p>
      <p>
        <lb/> Ich wußte: sie starb. Ich sagte es keinem. Es war <lb/> Mittag, und die Maisonne
        schien in unsern Hof. Da <lb/> spielten die Kinder, Henny und Mark spielten mit <lb/> ihnen,
        Ich rief sie nicht. Morgens war der Arzt da- <lb/> gewesen. Draußen hatte er mir gesagt: </p>
      <p>
        <lb/> „Weißt du, Junge, wie es steht? Weißt du, daß <lb/> sie jeden Tag erlöschen kann?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich weiß,“ sagte ich ruhig. </p>
      <p>
        <lb/> „Sie ist ein Held, deine Mutter. Sie hat auch einen <lb/> Krieg hinter sich. Sie hat
        gesiegt, wenn du dich <lb/> tapfer hältst. Du bist ihr Sieg, weißt du das? Laß sie <lb/>
        nicht umsonst gekämpft haben.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Nein,“ sagte ich. </p>
      <p>
        <lb/> „Nachher — Junge — nachher, willst du mal zu <lb/> mir kommen? Mit mir reden? Deine
        Lungen muß ich <lb/> auch abhören.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, Herr Doktor.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Adieu. Geh zu ihr. Du wirst dich bald ausruhen <lb/> können.“ </p>
      <p>
        <lb/> Da lag sie, verhungert... Sie konnte keinen Trop- <lb/> fen Milch genießen, sie hatte
        seit Wochen nichts <lb/> mehr gegessen. Es hatte sie verzehrt. </p>
      <p>
        <lb/> Mittags fielen ihr die Augen zu. Ich sah, wie sie <lb/> die Lider heben wollte — mich
        zu sehen, noch <pb facs="#f0266" n="264"/>
        <lb/> einmal, immer wieder, bis ins Drüben hinein: <lb/> mich... Sie verlangte nicht nach
        den andern Kin- <lb/> dern. </p>
      <p>
        <lb/> Wir zwei waren ganz allein auf der Welt... </p>
      <p>
        <lb/> Sie konnte nicht mehr sehen. Da bückte ich mich <lb/> über sie, ich schob meinen Arm
        unter sie und flü- <lb/> sterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter, ich bin da... Mutter — Mutter —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich habe das sehr lange geflüstert. </p>
      <p>
        <lb/> Meine rechte Hand lag auf ihrem Herzen, und ich <lb/> fühlte es so langsam werden, so
        leise. </p>
      <p>
        <lb/> Sie wurde immer schwerer in meinem Arm. </p>
      <p>
        <lb/> Ich flüsterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter — Mutter — Ich bin da, Mutter — Ich <lb/> geh ja nicht weg, Mutter — Da bin
        ich — Mutter — <lb/> Mutter —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich flüsterte es noch lange, als ihr Herz schon ver- <lb/> stummt war und die Kälte
        ihres Leibes mich durch- <lb/> schauerte. Ich rief sie — denn sie war es nicht <lb/> mehr,
        die da lag. </p>
      <p>
        <lb/> Da lag ein Häuflein Mensch, ein winzig gewor- <lb/> dener, entfleischter Leib, ein
        Haupt, das von stumm <lb/> gelittenem Schmerz jetzt gräßlich entstellt war. Nichts <lb/> war
        geblieben als die Rune eines unendlichen Leids, <lb/> ein zerfallenes Antlitz, ein
        klaffender Mund, graue <lb/> Strähnen Haare, Knochen und Haut. Mutter?... Nie- <lb/> mals! </p>
      <pb facs="#f0267" n="265"/>
      <p>
        <lb/> Ich rief sie... Aber sie hat mich nie mehr ge- <lb/> hört... In der ganzen Welt gab es
        nur noch mein <lb/> Echo... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Ich habe nach vielem in meinem Leben gehungert, <lb/> als Kind auch nach Brot — Ich
        habe nach der Ein- <lb/> falt des ahnungslosen Mitmenschen gehungert, nach <lb/> einem
        Vater, nach dem Vertrauen Geliebter, nach <lb/> der Fähigkeit, kleiner Genüsse teilhaftig zu
        werden, <lb/> am wenigsten nach Natur. Die kannte ich ja gar nicht, <lb/> ich hatte sie nie
        gesehen, es gab Straßenbäume. Aber <lb/> Wälder? Es gab verbotenen Rasen. Aber Wiesen? Ich
        <lb/> aß Brot. Aber Weizenfelder? Die schmutzige Spree. <lb/> Aber strömendes, duftendes
        Gewässer? </p>
      <p>
        <lb/> Wenn wir einen Schulausflug machten, so wurde <lb/> gespielt, die Landschaft war ein
        Gegenstand der Geo- <lb/> graphie und Botanik. Aber Natur?... </p>
      <p>
        <lb/> Am meisten hungerte mich immer nach einem: <lb/> Musik —</p>
      <p>
        <lb/> Als die Quartette und das Klavier in der Villa für <lb/> mich verstummten, wurde das
        Schweigen Schmerz. </p>
      <p>
        <lb/> Ich lief um die Rummelplätze herum, ihren musi- <lb/> kalischen Lärm zu hören, ich
        stand vor den Kneipen, <lb/> wenn drinnen das Orchestrion dröhnte oder der Kla- <lb/>
        vierspieler hämmerte, ich hockte vor den Fenstern <lb/> großer Cafés, an denen sich die
        Tänze und Arien der <pb facs="#f0268" n="266"/>
        <lb/> kleinen Orchester brachen. Alles war nicht Musik, <lb/> es war ihre Ausgeburt, ihre
        Karikatur, aber in allem <lb/> dennoch etwas von ihr. Mein Ohr deutete den Lärm <lb/> in
        Wohlklang um, ich übertrug das Getöse in Getön. <lb/> Ich blieb stundenlang unter Fenstern
        stehen, hinter <lb/> denen jemand Geige übte. Wenn irgendwo ein Gram- <lb/> mophon erklang,
        drückte ich mich an die Mauer, um <lb/> durch ihre Poren die Musik einzusaugen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich sparte Pfennig auf Pfennig und ging in große <lb/> Konzerte. In schrecklicher
        Verschüchtertheit wegen <lb/> meiner Kleidung. Kein Hemd unter der Jacke, keine <lb/>
        Strümpfe. Aber wenigstens roch ich nicht nach Ar- <lb/> mut. In Mutters Waschbottichen war
        gut zu baden. <lb/> Sauber waren wir immer. Wenn Henny Läuse aus <lb/> der Schule
        mitbrachte, ich einen Floh, Mark Wanzen <lb/> von seinem Nachbarn, o, welche wilden
        Reinigungen <lb/> erfolgten zu Haus. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte meinen billigsten Platz in der Tasche, <lb/> aber ich schlich doch wie ein
        Eindringling in den <lb/> Saal. Es ist gewiß lächerlich, daß ich von Musik rede, <lb/> aber
        sie ist ein Teil meines Lebens, meines Lebens <lb/> Licht... </p>
      <p>
        <lb/> Ich hörte D’Albert und nach dem Kriege Busoni, <lb/> der schon zu sterben begann, den
        Dämon und den <lb/> Genius. D’Albert spielte wie ein Besessener und Bu- <lb/> soni wie ein
        Erfüllter. Wenn D’Albert Beethoven <lb/> spielte, glaubte ich, der Geburt der Sonate
        beizuwoh- <pb facs="#f0269" n="267"/>
        <lb/> nen, sie entstand in diesem Augenblick, ein Gott ent- <lb/> riß sie sich, der
        Allseele. Niemals reproduzierte D’Al- <lb/> bert, immer schuf er. Man wollte sich verhüllen,
        die <lb/> Ohren verstopfen, es war wie Sakrileg, Belauschung <lb/> der zeugenden Gottheit. </p>
      <p>
        <lb/> Busoni spielte Mozart. Die Musik war da, gemacht, <lb/> gegossen, gereinigt, und durch
        seinen Geist strömte <lb/> sie uns zu. Das war die hohe Vollendung, schlacken- <lb/> lose
        Erfüllung. Um Busoni zu begreifen und zu <lb/> lieben, durfte man nicht mehr jung sein.
        Weisheit <lb/> wurde verlangt. Er war die letzte Verklärung, von <lb/> der nur Reife
        ergriffen werden kann. Ich, ja, ich <lb/> war auch alt genug für Busoni. Ihn konnte ich an-
        <lb/> beten, aber ich konnte D’Albert <hi rendition="#g">lieben</hi>. D’Albert <lb/>
        entfesselte mich, er machte mich gottestrunken, er <lb/> gab mir die Freiheit, ins
        Unmögliche auszuschwei- <lb/> fen. Und Busoni nahm mich in die große Verklärung <lb/> auf,
        es blieb nichts mehr zu wünschen, die Welt war <lb/> zu Ende, man war eingegangen ins
        Unaussprechliche. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hörte unsere Orchester. Und das ist immer für <lb/> mich das Letzte irdischer
        Freude geblieben. In diesem <lb/> Erklingen kosmischer Gesetze und Vorgänge löste <lb/> sich
        alles in mir auf, was irdisch festhält. Ich ver- <lb/> gesse in keiner Stunde und Handlung
        meines Lebens <lb/> die Mutter. Aber im Orchesterklang wird auch sie <lb/> seliger Teil der
        Musik, und was ich in sechzehn <lb/> Jahren mit ihr litt, wird süße Wollust. Ich kenne <pb
          facs="#f0270" n="268"/>
        <lb/> Gott nicht, ich weiß nichts von ihm, aber seinen <lb/> Namen gebe ich dem, was Musik
        macht und ist. </p>
      <p>
        <lb/> Mit Stefan saß ich über den Partituren und las die <lb/> Herrlichkeit aus schwarzen
        Notensystemen. Er lehrte <lb/> es mich. Ich liebte ihn schon dafür. Dies allein mir <lb/>
        gegeben zu haben, hätte mich zu seinem Diener ma- <lb/> chen müssen. </p>
      <p>
        <lb/> Seine Musik war nicht die meine. Ihm ging im <lb/> „Lied von der Erde“ nicht das
        Unsagbare endgültig <lb/> auf, und in den Fragmenten der „Zehnten“ wurde ihm <lb/> die
        nackte Zwiesprache des Menschen mit dem All <lb/> nicht hörbar. Aber mir verhalf er dazu,
        Stefan, der <lb/> Geliebte. </p>
      <p>
        <lb/> Er war wieder da, wieder in Berlin... </p>
      <p>
        <lb/> Er war mit seiner Mutter wiedergekommen. Zu <lb/> spät für mich. Ich hatte, schien es
        mir und war es <lb/> auch in Wirklichkeit, alles hinter mir, alles — im <lb/> Tod der
        Mutter. Sie konnten mir nicht mehr helfen. <lb/> Aber ich hatte mir schon geholfen, denn ich
        lebte <lb/> weiter. Und ohne Mutter weiterleben, hieß schon: <lb/> es tragen, sogar es
        verwinden. </p>
      <p>
        <lb/> Sie konnten die Villa nicht beziehen, denn es war <lb/> noch immer Lazarett darin,
        ungeheilte Soldaten mit <lb/> Kopfverletzungen lagen da, man konnte sie nicht <lb/>
        entlassen. So mietete Frau Nina eine Wohnung am <lb/> Kaiserdamm, sie war nicht mehr groß,
        sechs Zimmer, <lb/> aber man sah hinaus auf den umzäunten Lietzen- <pb facs="#f0271" n="269"/>
        <lb/> see. Es war der schöne Herbst des Jahres neun- <lb/> zehn. </p>
      <p>
        <lb/> Die Fabrik stellte ihre Kriegsarbeit ein und sich <lb/> allmählich wieder um. Der alte
        Prokurist kehrte zu- <lb/> rück und führte sie weiter. Und ich kam in die Buch- <lb/>
        haltung des Hauses als Lehrling... </p>
      <p>
        <lb/> Nach dem Tode der Mutter kam viel Unerwartetes. <lb/> Wir waren allein, ein Vormund
        mußte bestellt wer- <lb/> den, und der Armenvorsteher des Reviers, den ich <lb/> schon
        kannte, übernahm das Amt. Ich hatte nur einen <lb/> Wunsch: wir Geschwister sollten
        zusammenbleiben, <lb/> man sollte uns nicht trennen. Aber es ging nicht an <lb/> — sagte das
        Gericht —, daß die fünfzehnjährige <lb/> Henny bei uns halbwüchsigen Jungen bliebe. Unser
        <lb/> Vormund erreichte nur, daß ich mit Mark unsere <lb/> Wohnung behalten durfte. Es war
        billiger, diese Miete <lb/> als zwei Schlafstellen zu bezahlen. Wie hart wäre es <lb/>
        gewesen, Mutters Küche zu verlassen. Der Armenvater <lb/> kannte mich und traute mir Ordnung
        und Einsicht zu. </p>
      <p>
        <lb/> Aber Henny. Wohin Henny? </p>
      <p>
        <lb/> Und da sagte sie, sie wolle zur Frau Luise Gräbert <lb/> gehen, die wolle sie bei sich
        aufnehmen. Und die <lb/> Witwe Gräbert erschien vor dem Vormundschafts- <lb/> gericht und
        gab ihre herzlichen Erklärungen ab. </p>
      <p>
        <lb/> Man zog Erkundigungen ein, nichts belastete sie, <lb/> und Henny zog in die
        Grünthalerstraße... </p>
      <p>
        <lb/> Sie stand mir kaum Rede. Es kam nur heraus, daß <pb facs="#f0272" n="270"/>
        <lb/> sie oft dort gewesen war und Vaters Briefe aus dem <lb/> Feld gelesen hatte. Sie hatte
        in dem Gobelinsofa ge- <lb/> sessen und im Korbstuhl, sie hatte die Standuhr ab- <lb/>
        gestaubt und den ausgestopften Hund gebürstet, die <lb/> Gräbert hatte sie verwöhnt mit
        Kohlrübentorten <lb/> und Räucherfisch. Es war noch viel mehr zu er- <lb/> fahren, aber sie
        schwieg. Ich sah in ihren Augen mut- <lb/> willig versteckte Geheimnisse. </p>
      <p>
        <lb/> „Henny,“ bat ich, „Frau Falk würde dich zu sich <lb/> kommen lassen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie war noch nicht in Berlin, als all das erledigt <lb/> wurde. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich brauche ihr nur zu schreiben, Henny.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Damit ich mein Leben lang Dienstmädchen bleibe? <lb/> Danke vor Backobst, mein
        Lieber! Nee, mit deinen <lb/> Herrschaften will ich nichts zu tun haben. Ich werde <lb/>
        selbst Herrschaft werden. Wart nur.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte keine Macht über Henny. Dabei liebte sie <lb/> mich. Ein bißchen spöttisch
        und überlegen und ver- <lb/> ächtlich. Denn sie hielt mich für tugendhaft und brav. <lb/> So
        packte sie ihr Häuflein Wäsche und Garderobe. <lb/> Ich sah ihr zu. Sie stand vor der
        Kommodenschub- <lb/> lade, in die ich Mutters Sachen gelegt, und starrte in <lb/> sie hinab.
        Sie stand lange so, und ich rief sie an. Sie <lb/> bewegte sich nicht. </p>
      <p>
        <lb/> Ich lief zu ihr, da riß sie sich los, drehte sich <lb/> weg. Aber ich hatte gesehen,
        wie es in ihrem <pb facs="#f0273" n="271"/>
        <lb/> Gesicht kämpfte. Sie bezwang Tränen, sie wollte <lb/> nicht. </p>
      <p>
        <lb/> Damals, bei Mutters Tod, hatte sie gejammert und <lb/> geschrien. Es war ein
        Armenbegräbnis, ich hatte Mut- <lb/> ters Guthaben nirgends bekommen. Henny hatte an <lb/>
        dem Grabe geschluchzt und gezittert, um dann plötz- <lb/> lich still zu werden. Und erst
        jetzt wieder sah ich: <lb/> sie litt. </p>
      <p>
        <lb/> Sie stieß die Schublade zu. </p>
      <p>
        <lb/> „Nimm dir,“ sagte ich leise. „Was du willst, <lb/> Henny.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Nichts,“ sagte sie. „Nein, nichts von Mutter. Das <lb/> soll hier bleiben.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und schon bei diesen Worten ahnte ich: sie will <lb/> nichts von Mutters Gegenwart
        dort, wohin sie kommt, <lb/> wo sie so lebt, wie es Mutter unglücklich gemacht <lb/> hätte.
        Nie ist ein Mädchen mit mehr Vorbedacht und <lb/> Zielstrebigkeit ihren Weg gegangen. </p>
      <p>
        <lb/> Aber es geschah etwas, wo ich ihr alles verzieh, <lb/> alles, was zurück lag, alles,
        was etwa noch kommen <lb/> sollte. Etwas, wofür ich sie bis heute liebe, Erbarmen <lb/> mit
        ihr habe. </p>
      <p>
        <lb/> Es war im Herbst, die Bäume schon leer, Oktober- <lb/> sturm reinigte die Stadt; da
        ging ich aus unserm <lb/> engen Quartier hinaus, zwischen Bauplätzen und Koh- <lb/>
        lenlagern, an verlorenen uralten Häusern vorbei, wo <lb/> die Stadt sich auflöste in Lauben,
        in unfruchtbare <pb facs="#f0274" n="272"/>
        <lb/> Äcker, in Müllhalden. Ich ging zu der neuen Brücke <lb/> hinüber, der
        Hindenburgbrücke, die über die Stet- <lb/> tiner Bahn hinweg die großen Boulevards jener Ge-
        <lb/> gend verbindet. </p>
      <p>
        <lb/> Ich, so naturfremd, liebte diese Landschaft der <lb/> Stadt. Bei dieser Brücke klafft
        Berlin großartig weit. <lb/> Man steht unter dem Himmel, der von Schloten und <lb/>
        Lokomotiven, Straßendunst und Menschenruch ent- <lb/> stellt und entfärbt ist, seine Wolken
        sind da trächtig <lb/> von Schmutz und Zorn. Regen, der da fällt — denkt <lb/> man —, muß
        schwarz und stinkend sein. Man sieht, <lb/> rings um die Brücke, Straßen ihre Häuser
        fletschen, <lb/> geifern. Unendliche Plätze, von tausenden Fenstern <lb/> umstellt, sind
        gräßliche Mäuler, die die Stadt auf- <lb/> reißt, Trichter, die Baum und Gras in sich hinab-
        <lb/> saugen, daß nur Sand und Schutt übrigbleibt. Fern, <lb/> im Trüben, Kirchtürme, so
        gottfern wie möglich; <lb/> Eisengerüste anderer Brücken; an Brandmauern <lb/> Traumvisionen
        riesiger Reklameköpfe, unverständliche <lb/> Riesenschriften. Laubengelände sind halb
        versunken, <lb/> Blumen duften Verwesung hinauf. Die Überland- <lb/> leitung spannt ihre
        Drähte von gigantischem Mast zu <lb/> Mast, schwarzen Gerippen, die Tod enthalten, Hoch-
        <lb/> spannung, der Sturm pfeift darin wie ein Heer von <lb/> sterbenden Ratten. Es ist
        menschenleer, ausgestorben, <lb/> was etwa geht, fährt, ist Schatten. Lokomotiven schril-
        <lb/> len unwahrscheinlich. Am Ende der Straßen gleiten <pb facs="#f0275" n="273"/>
        <lb/> Bahnen und Autos wie Träume anderer. Die Häuser <lb/> scheinen unbewohnt. Plötzlich
        glühen die Laternen <lb/> auf, leuchten noch nicht, gespenstisches Zwielicht <lb/> tötet
        sie. Abend steigt über die Dächer in verschmutz- <lb/> tem Gelb, die Wolken sinken tiefer,
        es regnet über <lb/> Pankow, eine schwarze Wand ist da aufgerichtet. </p>
      <p>
        <lb/> Das war so Landschaft, die ich liebte. Dort befiel <lb/> mich eine Erlösung vom
        Dasein, ich strömte in diese <lb/> schreckliche Verlassenheit hinein und empfand die <lb/>
        meine nicht mehr. </p>
      <p>
        <lb/> Dort, an dem windigen Herbstabend, sah ich auf <lb/> einem Schutthaufen ein Mädchen
        stehen. Das Haar <lb/> flog ihr aufgelöst wild um den Kopf, sie hatte die <lb/> Arme
        ausgestreckt. Sie war in ihrer Sehnsucht wie <lb/> auf einen Berg gestiegen und rief —
        wonach?... </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich erkannte ich diese schlanken Beine in dem <lb/> kurzen Rock, die Schultern,
        den Kopf, der in den <lb/> Nacken geworfen war. Es war Henny... </p>
      <p>
        <lb/> Ich lief auf den Schuttkegel zu, sie hörte mich <lb/> nicht, der Wind schoß an ihr
        vorbei zu mir, und er <lb/> trug mir zu, was sie rief. </p>
      <p>
        <lb/> „Mutter!“ rief sie gellend, verzweifelt, wild ver- <lb/> langend, „Mutter! Mutter!“ </p>
      <p>
        <lb/> Henny — Ja, Henny stand auf dem einsamen Müll- <lb/> haufen und schrie ins Leere nach
        der Mutter, ein <lb/> verlassenes Seelchen, ein bangendes Herz — </p>
      <p>
        <lb/> Auch sie — </p>
      <pb facs="#f0276" n="274"/>
      <p>
        <lb/> Und doch war sie damals schon Laufmädchen bei <lb/> Tietz in der Brunnenstraße, wo sie
        die Waren vom <lb/> Verkaufstisch zur Ausgabe trug, in der Bücherabtei- <lb/> lung. Sie
        lebte bei der Witwe Gräbert und hatte schon <lb/> Stunden bei Fräulein Valeska Urban... </p>
      <p>
        <lb/> Ich schlich mich damals fort, sie sollte nicht wissen, <lb/> daß ich sie da gesehen
        und belauscht hatte. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte mich nie entschließen können, zu Luise <lb/> Gräbert zu gehen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte mich manchmal abends hingeschlichen, <lb/> in den Hof, um in die Stube zu
        schauen. Aber jetzt <lb/> waren die Vorhänge immer zugezogen. Man hörte nur <lb/> ein
        Grammophon, Stimmen, auch die von Männern. <lb/> Und Mark, der oft hinkam, erzählte mir von
        abend- <lb/> lichen Festen. Junge Herren kamen, um sich mit der <lb/> schönen Henny zu
        unterhalten. Mein Blut erkaltete <lb/> wenn Mark mir erzählte, wie diese Herren nicht aus
        <lb/> unserm Quartier waren, daß sie aus dem Westen <lb/> kamen, auch Ausländer gab es, die
        Delikatessen mit- <lb/> brachten, Wein, Likör. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hätte wohl zum Vormund gehen müssen. Ihm <lb/> Bericht geben. Aber wozu? Kann man
        — <hi rendition="#g">o, darf</hi>
        <lb/> man einen Menschen vor seinem Schicksal bewahren? <lb/> Hat man das Recht,
        einzugreifen in ein Leben? War <lb/> denn Henny ein Kind? Wie oft habe ich schon gesagt:
        <lb/> wir Armen sind nie Kinder! Henny, mit fünfzehn, <lb/> kannte das Leben, sie wußte von
        allem, was man <pb facs="#f0277" n="275"/>
        <lb/> „Gefahr“ und „Abweg“ nennt, sie wußte Bescheid <lb/> mit Prostitution, mit nicht
        eingeschriebenen Dirnen, <lb/> sie kannte die Sitten der arbeitenden Mädchen, der <lb/>
        Witwen. Nie kann ein Mädchen aus unserm Stand ver- <lb/> führt werden. Denn sie ist niemals
        mehr unschuldig. <lb/> Keiner ist der Erste bei ihr. Sie wächst ja langsamer <lb/> als ihr
        Wissen, und ihre Erfahrung kommt so früh, <lb/> daß sie fast niemals mehr Erlebnis wird.
        Dafür haben <lb/> sie aber die Unschuld des Lasters, die erhabene Natür- <lb/> lichkeit der
        Sitten. Niemals sind sie unmoralisch. <lb/> Wir sind ein „primitives Volk“. </p>
      <p>
        <lb/> Und von Mark hatte ich auch erfahren, daß Henny <lb/> zu Valeska Urban ging. Fräulein
        Urban hatte in der <lb/> Oderbergerstraße einen Laden mit Stube gemietet, weil <lb/> sie aus
        allen Etagenwohnungen hinausgeworfen war: <lb/> ihre Kurse ließen die Decken der unter ihr
        gelegenen <lb/> Wohnungen abspringen. Valeska Urban gab dramati- <lb/> schen Unterricht, wie
        sie es nannte, was aber hieß, <lb/> daß sie tanzen lehrte, Gymnastik (nach Laban oder <lb/>
        Bode, wie man es nennen wollte), daß sie Couplets <lb/> vortragen lehrte und sentimentale
        sowohl wie unan- <lb/> ständige Gedichte rezitieren, daß sie Filmunterricht <lb/> gab mit
        Niedersetzen, Wandeln, in Ohnmacht fallen, <lb/> auf die Knie stürzen, daß sie junge Mädchen
        für die <lb/> Revue dressierte. </p>
      <p>
        <lb/> Über ihrem Laden stand „Dramatisches Institut“. <lb/> Das Ladenfenster und die Tür
        waren üppig mit blau- <pb facs="#f0278" n="276"/>
        <lb/> getupftem Mull drapiert, den blauseidene Schleifen <lb/> rafften. Weiße Vorhänge
        schlossen die Scheiben aber <lb/> hermetisch ab. Abends, wenn alles blendend erhellt <lb/>
        war und das Grammophon seine Tangos ächzte, ver- <lb/> sammelten sich die Oderberger- und
        angrenzenden <lb/> Straßen vor dem mystischen Laden und lauerten, daß <lb/> ein Schattenriß
        auf der Leinwand erschiene, ein Mäd- <lb/> chenkörper in Badeanzug, der die Arme reckte und
        ein <lb/> Bein nach hinten schmiß. Oder gar zwei in Turn- <lb/> kleidung gaukelten und
        drehten sich, oder eine Vor- <lb/> geschrittene wirbelte, auf der großen Zehe stehend, <lb/>
        um sie herum. Dann ging ein Ah durch die Menge <lb/> ehrfürchtig und entzückt. Selbst die
        grünen Jungen <lb/> meckerten und zoteten nicht. </p>
      <p>
        <lb/> Dort übte, dreimal in der Woche, Henny, von acht <lb/> bis zehn. Denn sie wollte in
        die Revue... Weder <lb/> gedachte sie, bei Tietz Packerin oder Verkäuferin <lb/> zu werden,
        noch einen der jungen Arbeiter, die sie <lb/> bewunderten, zu heiraten. Sie ging zu Tietz
        wegen der <lb/> Vormundschaftsbehörde. Um diesen Ausweis zu haben. <lb/> Heimlich wurde sie
        Tänzerin, Chormädel. Damals <lb/> sagte man noch nicht „Girl“. </p>
      <p>
        <lb/> Das erzählte Mark. Henny kam von Zeit zu Zeit zu <lb/> uns. Sie kam nicht gern, sie
        sah sich um, als wäre <lb/> noch Mutter da und fordere Rechenschaft. Sie küßte <lb/> mich
        schnell und lief wieder. Und ich — war schüch- <lb/> tern vor ihr... </p>
      <pb facs="#f0279" n="277"/>
      <p>
        <lb/> Mark lebte gern bei mir. Er ging noch zur Schule, <lb/> er war faul und
        zurückgeblieben. Er trieb sich schon <lb/> längst mit Mädchen herum, aber dabei noch Kind,
        <lb/> in frecher blonder Unschuld. Er spielte ebenso noch <lb/> Murmeln und ging auf
        Paddenfang nach Tegel und <lb/> ließ auf dem Tempelhofer Feld Drachen steigen, <lb/> wie er
        mit irgendeiner Emmi oder Trudchen nachts <lb/> im Humboldthain auf Bänken sich zärtlich
        ergehen <lb/> konnte. Man mußte ihn lieben, er war der richtige <lb/> Junge, und ich
        zitterte nicht um ihn wie um Henny. <lb/> Und doch kam er unters Rad. </p>
      <p>
        <lb/> In diesem selben Herbst besann ich mich, nachdem <lb/> ich sie fast vergessen hatte,
        wieder auf meine Kunst- <lb/> fertigkeit. Es war die Zeit, ein Jahr nach Friedens- <lb/>
        schluß, wo das Elend jäh zu wachsen begann, wo <lb/> das Geld, von einer Stunde zur andern,
        entwertet <lb/> wurde, wo der Mensch vollends an Charakter verdarb <lb/> und üppigster Luxus
        und bitterste Not sich ohne <lb/> Bindeglied trennten. Ausländer überschwemmten die <lb/>
        Stadt, Lasterhöhlen entstanden in Häusern des Kur- <lb/> fürstendamms wie in der
        Brunnenstraße, man konnte <lb/> mit seinem Fleisch Dollars und Pfunde verdienen. <lb/> Die
        Jugend unserer Gegend zog aus in die Gefilde <lb/> des Westens, in hundert neu eröffnete
        Lokale, in <lb/> unterirdische Bordelle und Badstuben. Mädchen aus <lb/> unserer Straße
        bezogen Quartier in den aufgegebenen <lb/> Wohnungen verarmender Reicher, Schulkameraden <pb
          facs="#f0280" n="278"/>
        <lb/> von mir saßen in engen Mänteln, mit manikürten <lb/> Händen, gepudert, in
        amerikanischen Autos. Mütter <lb/> begannen ihre Kinder abzuschätzen. Wir hungerten... </p>
      <p>
        <lb/> Um einen Hering zu bekommen, drängten sich ver- <lb/> wahrloste Frauen stundenlang vor
        den halbleeren Lä- <lb/> den. Alle bettelten alle an. Sie zogen in den Westen <lb/> und
        durchstöberten dort die Müllkästen nach eß- <lb/> barem Abfall. Man bekam Lebensmittelkarten
        und <lb/> konnte sie nicht einlösen. Kunsthonig war Himmels- <lb/> gabe, ein Endchen
        Ziegenwurst war ein Jahr dieses <lb/> Lebens wert. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war an einem Sonntag mittag bei Nina Falk. <lb/> Wir hatten uns sattgegessen, ich
        hatte in Stefans Schul- <lb/> bücher, herzklopfend, gesehen, er hatte Geige ge- <lb/>
        spielt, er spielte schon wie ein Künstler, und er hatte <lb/> mir die Notenblätter gezeigt,
        von ihm beschrieben, <lb/> unausführbare Symphoniesätze, ein Lied nach Rilke- <lb/> schem
        Text. Ich fuhr, um daheim noch vieles zu er- <lb/> ledigen — ich besorgte ja die Wohnung
        allein, unser <lb/> Essen; Mark erledigte die Besorgungen — früh nach- <lb/> mittags heim. </p>
      <p>
        <lb/> Ich bekam ein kleines Gehalt in der Fabrik, trotz <lb/> meiner Anfängerschaft, auf
        Frau Ninas Anregung. <lb/> Von ihr bekam auch Mark ein sogenanntes Taschen- <lb/> geld — sie
        wußte, ich hätte es nicht genommen —, <lb/> aber es wurde mir ausgezahlt. Mark brachte oft
        Geld <lb/> nach Haus, ich merkte nie, daß er viel für sich be- <pb facs="#f0281" n="279"/>
        <lb/> hielt. Er sagte, er hätte hier und da Gepäck am Bahn- <lb/> hof getragen, hätte
        Streichhölzer verkauft, einen Auto- <lb/> schlag geöffnet, in der Zentralmarkthalle
        geholfen. <lb/> Er war größer als ich und stark, er sah auch älter <lb/> aus als ich. So
        schlugen wir uns durch. Ich wurde <lb/> nicht immer satt — aber ich habe dann alles nach-
        <lb/> geholt. </p>
      <p>
        <lb/> Als ich an diesem Sonntag nachmittag heim kam, <lb/> war der Hof voll von Kindern.
        Aber sie spielten nicht. <lb/> Sie saßen und standen herum, die größeren Mädchen <lb/>
        hielten die kleinen Geschwister auf dem Schoß, die <lb/> Jungen lümmelten sich an die Wand.
        Der Tischler <lb/> in seinem Keller hatte seine Fünf ins Fenster gesetzt, <lb/> Sie bissen,
        unter allgemeinem Neid, an einer Kohl- <lb/> rübe herum. Ich hatte nie Trostloseres gesehen.
        Ich <lb/> sah zu unsern beiden Fenstern hinauf. Auch Mark <lb/> war da. An diesem lauen
        trüben Tag schien Verzweif- <lb/> lung auf die Stadt zu drücken. Leute lagen in ihren <lb/>
        Fenstern, keiner sprach, sie stierten stumm. </p>
      <p>
        <lb/> Aber mich ergriff es nicht mit. Statt dessen packte <lb/> mich ein Wille: zu helfen;
        eine Begier: sie lächeln <lb/> zu machen, vergessen zu lassen. Und im selben Augen- <lb/>
        blick wußte ich, wie. Ich wollte ihnen meine Kunst- <lb/> stücke zeigen... </p>
      <p>
        <lb/> Ich rief sie an, die Kinder. Schon der helle Ruf <lb/> genügte, sie aus ihrer
        Lethargie zu wecken. Ich kam <lb/> wie das Leben über sie. </p>
      <pb facs="#f0282" n="280"/>
      <p>
        <lb/> „Soll ich mit euch spielen, Kinder? Euch was <lb/> vormachen? Theater? Kino?“ </p>
      <p>
        <lb/> Viele waren noch nie im Kino gewesen. Aber ich <lb/> schon ein paar Mal. Mit Stefan.
        Mit Henny und Mark. <lb/> In der Münzstraße allein, wo ich für den Besitzer oft <lb/>
        Filmrollen von einem ins andere Kino getragen hatte. <lb/> Denn ich habe nicht alles
        aufgezählt, was ich in <lb/> diesen Jahren getan habe. Es gibt kaum etwas, was <lb/> ein
        Junge tun kann, was ich nicht probiert habe. Ich <lb/> bin mit einem Mann, der auf einem
        Wagen Blumen- <lb/> erde herumfuhr, gezogen und habe die Eimer mit <lb/> Erde in die Etagen
        hinaufgetragen, in die man uns <lb/> rief. Das war schwere Arbeit. Ich habe in den Gärt-
        <lb/> nereien von Pankow Unkraut gejätet und Zettel ver- <lb/> teilt: „Privatmittagstisch.
        Wiener Küche. Vier Gänge. <lb/> Preiswerter und nahrhafter als in jedem Restaurant. <lb/>
        Auch Pension.“ Ich habe auf dem Rummelplatz in <lb/> der Stromstraße ein Karussell gedreht
        statt des Pferdes, <lb/> das war auch hart. Und ich habe in den Kriegs- <lb/> lazaretten
        geholfen, den Pflegern, die mir etwas dafür <lb/> gaben, die eklen Töpfe und Gefäße zu
        säubern. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hätte es nie nötig gehabt, ich hätte immer von <lb/> Falks das bekommen, was ich
        brauchte. Aber ich <lb/> wollte nicht. </p>
      <p>
        <lb/> Und auch jetzt, Lehrling in der Buchhaltung der <lb/> Papierfabrik, suchte ich
        feierabends einen Verdienst <lb/> und fand allerlei. Aber ich hatte nicht viel Zeit. Ich <pb
          facs="#f0283" n="281"/>
        <lb/> besuchte eine Fachschule, ich lernte Handelsgeo- <lb/> graphie, Stenographie,
        Schreibmaschine, Spanisch, da <lb/> ich Französisch und Englisch ziemlich gut konnte. <lb/>
        Ich hatte mir sieben Stunden fürs Bett bestimmt, <lb/> und die schlief ich immer gut und
        fest, ohne Träume. <lb/> Ich mußte nur aufhören, an Mutter zu denken, in <lb/> deren
        Sterbebett ich lag... </p>
      <p>
        <lb/> Als ich nun die Kinder anrief, verwandelte sich <lb/> ihr Dösen in Begeisterung. Alle
        riefen mir zu. Und <lb/> da begann ich. </p>
      <p>
        <lb/> Erst kam ein Offizier, wie er im Krieg gekommen <lb/> war, schneidig, Weltbesitzer,
        gotterhaben. Da tauchte <lb/> ein Rekrut auf, und er grüßte ungenügend. Schon <lb/> spielte
        ich ein Duett, ich war Leutnant, ich war <lb/> Müller III. Ich war ein Junge, der dasteht
        und zu- <lb/> schaut, den Finger im Mund. Dann war ich die <lb/> Harfenjule, ich wankte in
        den Hof und spielte und <lb/> himmelte zu den Fenstern hinauf. Dann kam ich <lb/> betrunken,
        ein alter Säufer, ein Schwein von einem <lb/> Mann. Ich war seine Frau, die ihn empfängt,
        keifend <lb/> und ängstlich zugleich. Ich war das Kind, das sich <lb/> hinter ihr versteckt. </p>
      <p>
        <lb/> Alle verstanden mich. Sie fürchteten sich, sie lach- <lb/> ten auf, sie schrien Huh! </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte gar kein Requisit, nur mein Gesicht und <lb/> den mageren Körper... </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte vor nichts Respekt. Meinem Ehrgeiz war <pb facs="#f0284" n="282"/>
        <lb/> nichts heilig. Jetzt war ich ein Kriegsblinder, nicht <lb/> einmal mit Hund. Jetzt war
        ich ein Beinloser, ein <lb/> Schütteler. Ich war — o heiliges Gedächtnis! — eine <lb/>
        Waschfrau am Trog, und ich starb, wie jedes Kind <lb/> in diesem Hof schon hatte sterben
        sehen: der Vater <lb/> im Delirium, die Mutter am Krebs, die Schwester an <lb/> Tuberkulose.
        Ich spielte die Straßendirne, wie sie <lb/> Männer lockt, und ich spielte den Zuhälter, der
        um <lb/> die Ecke späht. Ich war der Schutzmann und der <lb/> Schaukastendieb. </p>
      <p>
        <lb/> Es riß mich hin. Ich war ebenso tief im Spiel, wie <lb/> mein Publikum im Schauen. In
        den Fenstern belebten <lb/> sich die leblosen Menschen, sie klatschten und riefen. <lb/> In
        was für Feuer kam ich. Ideen schossen in mir auf, <lb/> kaum zu halten. Ganze Szenen
        entrollten sich in <lb/> meiner Vorstellung, Blitz auf Blitz, Dramen des Ein- <lb/> zelnen,
        Monologe in stummem Vorgang. </p>
      <p>
        <lb/> Ich besprach mich, in einer unfreiwilligen Pause, <lb/> mit dem Tischler im
        Kellerfenster, der mir verzückt <lb/> zusah. Ich bekam von ihm einen Sack mit Säge- <lb/>
        spänen. </p>
      <p>
        <lb/> Und nun spielte ich eine kleine komische Tragödie. <lb/> Es war ein im Fluge
        gekommener Gedanke, ein zu- <lb/> fälliger Einfall. Ich spielte vor einem Parkett von <lb/>
        verhungerten Proletarierkindern, unter einer Galerie <lb/> verkommener Frauen, trinkender
        Männer, kranker <lb/> Mütter die Geschichte von dem armen Jungen, dem <pb facs="#f0285"
          n="283"/>
        <lb/> alles mißglückt. Es ist schon geradezu komisch, daß <lb/> ihm und wie ihm alles
        mißglückt. Er gewinnt die <lb/> Welt und sie zerrinnt ihm unter den Händen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war also jetzt ein armer Bursche und bettelte in <lb/> der Mühle. Und siehe da:
        der gute Müller schenkt <lb/> mir einen Sack Mehl. Aber da ist ein Boshafter, und <lb/> er
        schneidet ein Loch in den Sack. Denn — so er- <lb/> läuterte ich es meinem hingegeben
        lauschenden Pu- <lb/> blikum — denn der arme Junge liebt dasselbe Mäd- <lb/> chen wie der
        Müllerbursche, und sie will ihn heiraten, <lb/> wenn er Brot hat. Also hintertreibt es der
        Müller- <lb/> bursch. </p>
      <p>
        <lb/> Ich schultere meinen Sack und ziehe los. Ein weiter <lb/> Weg... Ich trage schwer, er
        ist kaum fortzubringen, <lb/> ich breche fast zusammen, der Schweiß läuft mir <lb/> hinab.
        Ich bete zum Gott der Liebenden, ich denke <lb/> an mein Mädel — Und siehe da: die Last wird
        leichter. <lb/> Leicht und leichter wird sie, ich recke mich schon <lb/> unter ihr, ich
        trage mich stolz, wie Flügel ist der <lb/> Sack an meiner Schulter... Ach, ich ahne nicht,
        daß <lb/> aus dem Loch das Mehl hin und hin sickert, daß der <lb/> Sack sich mählich leert,
        daß die Last mir leicht wird, <lb/> weil sie gar keine mehr ist, der beschwingende Flügel
        <lb/> an der glücklichen Schulter ist ein leerer Sack... <lb/> Aber da bin ich bei ihr, der
        so heiß Geliebten, ich <lb/> knie vor ihr hin, ich bete sie an und breite Sack, <lb/> Mehl,
        Brot, meine Liebe, unsere Zukunft vor ihr <pb facs="#f0286" n="286"/>
        <lb/> aus: da lacht sie! Sie lacht mich aus, ich begreife <lb/> nicht, sie weist auf den
        Sack, ich stürze über ihn — <lb/> Kein Mehl, kein Brot, keine Zukunft, keine Hütte. <lb/>
        Und während sie lacht und mit dem Müllerburschen <lb/> fortgeht, sitze ich auf dem Sack und
        weine... Und <lb/> alle, die mir zusehen, sehen meine Tränen, sie fließen <lb/> wirklich.
        Und Frauen in den Fenstern, die eben noch <lb/> über mich lachten, weinen mit mir, kleine
        Mädchen, <lb/> die vor Vergnügen über meine dumme Ahnungs- <lb/> losigkeit und Einfalt eben
        noch kreischten, schluchzen <lb/> mit mir. Auf einmal ist mein Kummer aller Kum- <lb/> mer:
        wir sind ums Glück, ums Brot, ums Leben be- <lb/> trogen... </p>
      <p>
        <lb/> Aber wie? soll ein Mensch sich unterkriegen lassen? <lb/> muß Gutgläubigkeit nicht
        allen Enttäuschungen <lb/> trotzen? </p>
      <p>
        <lb/> Ich richte mich auf, ich gebe es nicht auf, ich <lb/> breche auf ins Goldgräberland...
        Zu Fuß. Es ist ein <lb/> unendlicher Weg, ich laufe mir die Schuhe durch <lb/> und muß
        barfuß weiter wandern, die Sonne brennt <lb/> mir die Jacke in Fetzen, sie fällt mir wie
        Plunder <lb/> ab, die Hosen fasern aus, zuletzt lauf ich wie in Bade- <lb/> höschen durch
        Wälder, Flüsse, Wüsten und komme <lb/> endlich, endlich, während mir ein Bart gewachsen
        <lb/> ist und die Haare auf die Schultern hängen, ins Gold- <lb/> gräberland. Aber da wollen
        sie keinen Zuwachs, raus <lb/> mit dem Neuen. Und ein riesiger Kerl nimmt mich <pb
          facs="#f0287" n="285"/>
        <lb/> vor. Ich bin vor ihm wie die Maus vor dem Elefant, <lb/> ein Tritt — und sie ist nie
        gewesen — — das tut er <lb/> nun. Er hebt Faust und Fuß, und ich klappe zu- <lb/> sammen, er
        haut mich nieder, stampft mich ein, in <lb/> die Erde, so tief es geht. Es geht nicht
        weiter, grade <lb/> noch mein Schopf steht wie ein Büschel Gras über <lb/> dem Feld. Und wie
        ich mich aus meinem Loch <lb/> angstvoll recke und schaue, bin ich mutterseelenallein <lb/>
        auf dem verlassenen ausgeschöpften Goldgräberfeld... </p>
      <p>
        <lb/> Ich krieche hervor, ein furchtsamer Wurm, zer- <lb/> schlagen und zertreten — da! was
        hat mich in der <lb/> Erde aufgehalten, was ließ nicht zu, daß ich tiefer <lb/> gestampft
        war? ein Stein hat mich aufgehalten, ein <lb/> Stein? ein Klumpen Gold!... Er glänzt herauf,
        und <lb/> ich wühle, ich grabe ihn aus, ich wälze ihn ans Licht, <lb/> einen ungeheuren
        Klumpen Gold, dafür kann ich die <lb/> Welt kaufen!... O gesegneter Tritt! o gesegnetes
        <lb/> Leid! Es bringt verborgene Schätze ans Licht. Jetzt <lb/> kann ich den Müllerburschen
        ausstechen, ich kann <lb/> die Geliebte gewinnen. Brot? Wein und Fasan kann <lb/> ich ihr
        bieten! Eine Hütte? Ein Schloß mit Park und <lb/> Diener kann ich ihr schenken. Und schon
        sehe ich <lb/> das alles, das Glück ohne Ende. Und ich setze mich <lb/> auf meinen
        Goldklumpen und muß wieder weinen... </p>
      <p>
        <lb/> Aber wie ihn heimschaffen? Wenn man ihn bei <lb/> mir entdeckt? Ich bin so klein und
        schwach... </p>
      <p>
        <lb/> Herrlicher Gedanke! Ich binde ihn mir auf den <pb facs="#f0288" n="286"/>
        <lb/> Buckel, ziehe eine Jacke darüber, die ich in den ver- <lb/> lassenen Goldgräberhütten
        fand, und kehre als vor- <lb/> läufiger Buckliger zurück... </p>
      <p>
        <lb/> Ich schlage ein paar Splitter vom Gold, um nicht <lb/> Not zu leiden bis nach Haus,
        und trete den seligen <lb/> Heimweg an. Heim als Millionär!... </p>
      <p>
        <lb/> Wie schwer ist Gold, wie schwer trägt sich das <lb/> Glück! wie hart ist die Welt!
        Meine Schultern wer- <lb/> den wund, aber ich trenne mich Tag und Nacht nicht <lb/> von
        meinem Gold. </p>
      <p>
        <lb/> Endlich komme ich in ein Wirtshaus, ich trinke, <lb/> ich esse, ich bezahle mit
        Goldsplittern, und da werden <lb/> die Männer an den Tischen aufmerksam auf den <lb/>
        Krüppel. Man lädt mich zu einer Runde, einer schlägt <lb/> mir kameradschaftlich auf den
        riesigen Buckel — <lb/> siehe da: er merkt den Braten... Er wechselt Zeichen <lb/> mit den
        andern. Man gibt mir stärkeren Schnaps <lb/> zu trinken, ich werde ahnungslos lustig,
        ausgelassen, <lb/> ich erzähle ihnen von meinem Mädchen, ich tanze, <lb/> ich bin betrunken,
        ich falle unter den Tisch. </p>
      <p>
        <lb/> Und da, während ich im tiefen Rausch liege, sehen <lb/> sie nach, finden das Gold,
        binden es mir ab, binden <lb/> mir einen Feldstein auf, setzen mich in den Straßen- <lb/>
        graben, und da erwache ich morgens, ich begreife <lb/> nichts, ich habe den ganzen Abend,
        die Zecherei <lb/> vergessen, ich fühle nur nach meinem Gold — Ah, <lb/> es ist da. Und ich
        raffe mich auf. O, ich bin wie zer- <pb facs="#f0289" n="287"/>
        <lb/> schlagen, ich taumele, das Gold scheint mir noch <lb/> schwerer geworden zu sein... </p>
      <p>
        <lb/> Diesmal ist es nicht wie mit dem Sack Mehl, <lb/> diesmal komme ich nicht betrogen und
        leer bei <lb/> ihr an... </p>
      <p>
        <lb/> Ich erreiche das Städtchen, ich lasse mich beim <lb/> Coiffeur schön machen, ich suche
        die Geliebte. O, <lb/> sie hat den Müllerburschen schon geheiratet und lebt <lb/> in der
        Windmühle. Ich erspähe sie, o, wie sie über <lb/> meinen Buckel erschrickt und lacht, da
        rufe ich ihr <lb/> zum Fenster hinauf: „Gold — —“ </p>
      <p>
        <lb/> Das ist mächtiger als Liebe, Pflicht, Treue, Ehre. <lb/> Sie verläßt den Mann, das
        Baby, sie kommt ange- <lb/> laufen, nimmt meine Hand. Nein, kein Kuß! es ist <lb/> noch
        keine Zeit! Weit, weit weg! Durch den sicheren <lb/> Wald, zur Bahnstation, dann in die
        schöne Welt. <lb/> Ach, sie kann es nicht erwarten, sie betastet meinen <lb/> goldnen
        Buckel, umarmt ihn, <hi rendition="#g">ihn</hi> küßt sie! Ich <lb/> trage die Welt für sie
        auf meinem blutenden Rücken. <lb/> Wirklich, siehe da, er blutet, es tropft, mein Blut,
        <lb/> es färbt meine Jacke. Sie nimmt sich nicht Zeit, <lb/> es zu trocknen, aber sie will
        Zeit haben, das Gold zu <lb/> sehen. Und da ziehe ich die Jacke aus, drehe mich <lb/> um,
        zeige ihr das Gold — — — </p>
      <p>
        <lb/> Und sie schreit auf, sie tritt mich in den Rücken, <lb/> sie speit mich an, sie
        flucht. Ich falle, der Klum- <lb/> pen Gold rollt mir über den Kopf, er rollt in den <pb
          facs="#f0290" n="288"/>
        <lb/> Graben, ich halte ihn auf — ein Stein! gemeiner <lb/> Stein!... </p>
      <p>
        <lb/> Und sie läuft schon zurück — in die Mühle — sie <lb/> dreht sich um und droht, sie
        schimpft, sie wünscht <lb/> mir die Hölle an den Hals — — </p>
      <p>
        <lb/> O Stein! ich sitze auf ihm, der mich betrogen hat. <lb/> Ach, es ist nichts mit dem
        Glück. Ich bin verdammt. <lb/> Nein, jetzt weine ich nicht mehr, ich sehe in den <lb/>
        Abgrund meines Lebens... </p>
      <p>
        <lb/> Dies spiele ich meinem ersten Publikum vor. Ich <lb/> habe kaum ein Requisit, keine
        Partner. Aber ich <lb/> greife den und die heraus, sage, wie sie sich stellen <lb/> sollen,
        und sie gehen schnell darauf ein, natürlich <lb/> und unverbildet, wie sie sind. Alle
        erfassen es sofort. <lb/> Noch die Kleinsten verstehen mein Gehaben, mein <lb/> Wandern und
        Watscheln, mein Leid und Glück. </p>
      <p>
        <lb/> Ich könnte so unendlich weiter spielen! Ach, hätte <lb/> ich doch nur Requisiten! Die
        Einfälle jagen sich, <lb/> Bilder in meiner Vorstellung überstürzen sich. Aber es <lb/> ist
        ganz dämmerig geworden und kühl. Der Wind hat <lb/> unsern engen Hof ausgelüftet, alle haben
        ihren Hun- <lb/> ger vergessen, haben vergessen, daß morgen wieder <lb/> ein Tag ist. O
        verfluchtes Leben! Sie werden jetzt, <lb/> um kein Licht zu zünden, auf ihre Strohsäcke
        gehen, <lb/> noch immer über mich lachend, diesen tollen Clown, <lb/> von mir redend werden
        sie einschlafen. Aber Hunger <lb/> wird sie wecken, Kinder werden schreien, und man <pb
          facs="#f0291" n="289"/>
        <lb/> wird den Säuglingen ein Stück alte Brotrinde ins <lb/> Mäulchen stecken oder den
        leeren Gummischnuller. </p>
      <p>
        <lb/> „Det war schnafte, Junge!“ rufen sie mir jetzt <lb/> zu. „Klasse, Theodor! — Der hat
        Einfälle wie ’n <lb/> ollet Haus! — Det is ’n Köppken! Morjen wieder, <lb/> Teddy! — Viel
        Dank ooch, Könich! — Hätt wer <lb/> jedacht, dat so wat in den steckt?“ </p>
      <p>
        <lb/> Und Mark schreit vom Fenster herunter: </p>
      <p>
        <lb/> „Mensch, Bruder, jeliebter Affe, einfach jroßartig! <lb/> Mußt zu ’n Theater!“ </p>
      <p>
        <lb/> Der Hof hatte sich gefüllt. Die Schlafleute waren <lb/> gekommen. Gebummelt hatten sie
        gestern Sonnabend, <lb/> morgen früh ging es an die Arbeit, also heut früh <lb/> in die
        Klappe. Und Schlafmutter und Schlafvater <lb/> winkten ihnen zu und fingen schon an zu
        erzählen, <lb/> was sie da versäumt hätten. </p>
      <p>
        <lb/> „Det sollt ick man jewußt habn,“ riefen sie. „Det <lb/> hätt ick mechten sehn!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Jawoll, Fritze, Backobst hättste jestaunt!“ </p>
      <p>
        <lb/> Ein Alter rief: </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, wat denn nu? Amesiert hat er uns, un kriejen <lb/> kriejt er nischt?“ </p>
      <p>
        <lb/> Alle wurden verlegen. Betretenes Schweigen. Aber <lb/> ich lachte. Ich rief in ihrer
        Sprache: </p>
      <p>
        <lb/> „Nee, da liecht ma janischt dran! So war ’t nich <lb/> jemeint! Det Vajniejen kost
        nischt.“ </p>
      <p>
        <lb/> Eine Frau sagte: </p>
      <pb facs="#f0292" n="290"/>
      <p>
        <lb/> „Un wenn de ihn dreiste wat anbietst, der nimmt <lb/> et nich.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Stimmt, Frau Knurrhahn,“ rief ich und trat ins <lb/> Haus. </p>
      <p>
        <lb/> Ein junger schwindsüchtiger Bursch im Dunkel <lb/> flüsterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy, det war sehr wat Scheenes. Dank dir <lb/> scheen. Da licht wat drin!“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, aber nu geh schlafen, Paule.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Kann heut nich. Ick hab keen Platz ze liejen. <lb/> Mutta hat’n Herrn bei sich.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Komm zu mir, Paule. Zu essen jibt s ooch <lb/> wat.“ </p>
      <p>
        <lb/> Mark war ein guter Junge. Er nahm Paul in sein <lb/> Bett, ich sollte ungestört
        schlafen. Frau Nina hatte <lb/> mir ein Päckchen mitgegeben, Schmalz, Speck, <lb/>
        Schwarzbrot, Äpfel. Wir feierten zu Dreien etwas wie <lb/> ein kleines Fest. </p>
      <p>
        <lb/> Warum war ich bloß so glücklich?... </p>
      <p>
        <lb/> Die beiden Jungen schliefen schon, das ganze Haus <lb/> schlief dem Montag zu, aber
        ich war erfüllt von <lb/> Lust und Weh. Ich bog mich aus dem Fenster <lb/> nach der
        silbernen Mondsichel, die am kalten Him- <lb/> mel hing. Ich vergaß alles, was gewesen, bis
        auf <lb/> Mutter — </p>
      <p>
        <lb/> Ich fühlte sie so nah bei mir, ich verlangte danach, <lb/> sie zu berühren, zu ihr zu
        sprechen, zu sagen: </p>
      <pb facs="#f0293" n="291"/>
      <p>
        <lb/> „Dank, Mutter, Dank. Ich bin dein Kind. Und was <lb/> ich einmal leisten mag: du
        schaffst es in mir.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich trat an ihr Bett, in dem ich jetzt schlief. Ich <lb/> legte mich schlafen, immer
        wie zu ihr in den Sarg, <lb/> in die Erde... Und ich ging ins siebzehnte Jahr. </p>
      <pb facs="#f0294" n="292"/>
      <p>
        <lb/> Ich muß den letzten Abschnitt meines Lebens er- <lb/> zählen. </p>
      <p>
        <lb/> Kam ich um? verkam ich? verlotterte ich? </p>
      <p>
        <lb/> Ja, mein Bruder ist ein Dieb und meine Schwester <lb/> eine Hure. Seit er das
        Gefängnis verlassen hat, weiß <lb/> ich nichts mehr von ihm, ich kann ihn nicht finden.
        <lb/> Und ich rede an dieser Stelle von Henny, weil ich an <lb/> diesem Morgen heut einen
        zärtlichen Brief von ihr <lb/> aus Cannes bekam. Sie hat, mit vierundzwanzig <lb/> Jahren,
        eine Villa dort am Boulevard de la Croisette <lb/> und zwei Autos in der Garage... </p>
      <p>
        <lb/> Das sind sie... Aber sie waren auch nicht Mut- <lb/> ters Kinder — das war nur ich.
        Mein Leben ist dein <lb/> Denkmal, Mutter — — </p>
      <p>
        <lb/> Nach jenem Abend in unserm Hof ging die Zeit so <lb/> langsam. Die Inflation fraß uns
        auf, die Stadt ver- <lb/> seuchte, und oft schlug der Jammer unseres Hau- <lb/> ses über mir
        zusammen. Ich sah das Fleisch von Kin- <lb/> dern fallen, sie hörten zu spielen auf, sie
        wurden zu <lb/> schwach zur Lust. Die Männer wurden arbeitslos <lb/> und während sie
        stundenlang anstanden, ihre Unter- <lb/> stützung ausgezahlt zu bekommen, brauchten die
        Frauen <lb/> den Tag, um Brot und Schmalz zu erlangen. Alles ver- <pb facs="#f0295" n="293"/>
        <lb/> kam, die Häuser verloren den Putz, Balkone bröckel- <lb/> ten ab, Treppen verfaulten,
        Dächer stürzten ein, Rat- <lb/> ten besetzten die Keller und fraßen die Strohsäcke <lb/>
        unter den Schläfern weg. Ungeziefer tauchte auf und <lb/> trank das letzte Blut der
        Hungernden. Kleider fielen <lb/> wie Zunder ab, man konnte sie nicht ersetzen. Schuhe <lb/>
        konnten nicht mehr besohlt werden, es gab kein Holz <lb/> für die Armen, keine Kohle, das
        Licht wurde uner- <lb/> schwinglich, man schlachtete die Hunde und Katzen <lb/> und übergab
        sich nach der ungewohnten Fleischmahl- <lb/> zeit. Man stahl. Man stahl die Latten vom
        Dachboden <lb/> und heizte mit ihnen, man stahl die Treppenteppiche <lb/> aus guten Häusern,
        um sich zudecken zu können, <lb/> man stahl Klinken und Griffe von den Türen und <lb/>
        verkaufte das Messing beim Althändler. Es gab Un- <lb/> ruhen überall. Rote Fahnen tauchten
        auf, man scharte <lb/> sich um sie, es gab Schlachten am Lustgarten und <lb/> Schloßplatz,
        die Polizei fuhr in riesigen Autos, Ge- <lb/> wehr bei Fuß, hinter den harmlosen Aufzügen
        der <lb/> Proletarier her. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte niemals Zeit, in Politik zu machen. Kom- <lb/> munist zu sein, wurde die
        letzte Freude der Jugend <lb/> um mich. Sie marschierten den Kurfürstendamm hin- <lb/> ab,
        absichtslos, sie wollten nur sehen, wie es der <lb/> Luxus trieb. Und sie sahen es, die
        Internationale <lb/> verstummte auf ihren Lippen, es blendete sie. Es gab <lb/> ja wieder
        Bälle, Tanzsalons, Bars, Dielen. An allen <pb facs="#f0296" n="294"/>
        <lb/> Ecken standen Schlepper und flüsterten von Opium- <lb/> höhlen, von Nackttänzen, von
        verbotenen Genüssen. <lb/> Autos sausten nachts durch die Stadt, Ausländer kauf- <lb/> ten
        Frauen, Kinder. Für ein englisches Pfund, für ein <lb/> paar Dollars: o, daß man nur <hi
          rendition="#g">eine</hi> Tugend zu ver- <lb/> kaufen hatte! Mütter schätzten ihre Töchter
        ab. Greise <lb/> erhielten ihr Leben von der Schande ihrer jungen <lb/> Söhne. Die alten
        Reichen verließen ihre Wohnungen, <lb/> und Spielsäle taten sich auf, Bordelle,
        Massagesalons, <lb/> Kliniken für unvorsichtige Damen. </p>
      <p>
        <lb/> O, uns stieg das Blut in die Augen. Mußten wir <lb/> nicht Rot sehen? Ich hörte, im
        Vorbeigehen, wilde <lb/> Phantasien von Aufstand, von Weltrevolution. Ruß- <lb/> lands neuer
        Stern, das Licht des Sowjets, stand über <lb/> unsern Elendsquartieren, und sie beteten zu
        ihm, <lb/> hofften auf ihn, glaubten an ihn. Abend für Abend <lb/> traten Redner auf, Frauen
        wurden beredt, Kinder <lb/> beherrschten den Jargon der K. P. D. </p>
      <p>
        <lb/> Aber am Sonntag immer geriet ich in den Himmel. <lb/> Nichts gab es da mehr von dieser
        chaotischen Stadt, <lb/> dieser zerrütteten Erde. Ich war bei Nina Falk, in <lb/> reiner
        Luft, in hohem Gespräch. Stefan spielte Geige, <lb/> wir trieben Griechisch und Geschichte,
        er stand vor <lb/> dem Abiturium. Sein alter Geigenlehrer war wieder <lb/> da, andere junge
        Männer kamen, Schulfreunde von <lb/> ihm, Freunde von Frau Nina aus der alten Zeit. </p>
      <p>
        <lb/> Ich trug Stefans abgelegte Kleider, enger gemacht <pb facs="#f0297" n="295"/>
        <lb/> und gewendet, ich konnte mich benehmen, ich konnte <lb/> mitsprechen, meine Hände
        waren sauber, man sagte <lb/> mir du im Hause, und keiner der Fremden vermutete <lb/> in mir
        den Proletarier. Sie waren mir freundlich ge- <lb/> sinnt. Mehr nie. Geliebt hat mich nie
        einer. Außer <lb/> Stefan. </p>
      <p>
        <lb/> Aber keine Frau hat mich bis heut geliebt... Und <lb/> ich sehne mich — </p>
      <p>
        <lb/> An einem Sonntag nachmittag bei Falks ließ ich <lb/> mich verführen, der Gesellschaft
        meine Kunststücke <lb/> vorzumachen. Ich besprach mich mit Stefan und <lb/> einem jungen
        Mädchen, ein paar Requisiten waren da, <lb/> und ich führte ihnen meine Pantomimen vor... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war, wenn ich das tat, immer so ganz dabei, <lb/> daß ich alles um mich vergaß.
        Ich wußte nicht, ob <lb/> ich da in unserm engen Hof spielte oder in Frau <lb/> Ninas
        schönen, edlen Räumen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte mir noch so viel ausgedacht, die komisch- <lb/> sten Szenen mit tragischem
        Ausgang. Immer ver- <lb/> traue und glaube ich, und immer hält man mich zum <lb/> Besten.
        Selbst Hunde bestehlen mich um mein Brot, <lb/> Kühe trüben die Quelle, aus der ich trinken
        will, <lb/> Moskitos vergiften meinen Schlaf. Und wenn ich <lb/> Glück habe, weiß ich es
        nicht. Ich erbe ein Los, und <lb/> es gewinnt die sagenhafte Million, man sucht den <lb/>
        Besitzer, ich habe keine Ahnung, ich habe nie nach <lb/> der Nummer gesehen, ich kenne mein
        Pech; und ein <pb facs="#f0298" n="296"/>
        <lb/> schönes Mädchen will rauchen, es ist Tabak da, kein <lb/> Papier. Da gebe ich ihr das
        unnütze Los — o, ich <lb/> liebe sie, ich gäbe es ihr wahrscheinlich auch, wenn <lb/> ich
        wüßte... Sie rollt sich die Zigarette, sie sieht <lb/> die Nummer, stutzt — und schon ist
        sie — mit dem <lb/> andern! — auf und davon, für meine Million kaufen <lb/> sie sich ein
        Auto und schmeißen mich mit dem Kot- <lb/> flügel um. </p>
      <p>
        <lb/> Hundert solche Geschichten erfand ich, dumme <lb/> und tiefsinnige, läppische und
        gefühlvolle. Zuletzt war <lb/> ich immer allein. Mit meinem Schatten. Ah — mein <lb/>
        Schatten! ein Freund, ein Treuer! Aber auch er — <lb/> Er wollte nichts von mir wissen, er
        verließ mich <lb/> nie, aber er war nie zu haben. Wenn ich ihn umarmen <lb/> wollte, war er
        weg. Er stand auf der Mauer vor mir, <lb/> ich wollte ihn küssen, seine Stirn erreichen, den
        <lb/> stummen Mund — Nur Mauer war da, er losch aus. <lb/> Da schnitt ich mir ihn ab, ich
        Peter Schlemihl. Was <lb/> nützte er mir? Wenn es so heiß war, konnte ich <lb/> mich in ihn
        legen? Wenn es so fror, konnte ich mich <lb/> in ihn hüllen? Und nun, selbst schattenlos,
        stand ich <lb/> da, und dürstend trank ich meine eigenen Tränen... <lb/> Aber auch das war
        noch nicht das Ende, denn ihr <lb/> Salz stillte mich nicht, machte mich nur noch dur- <lb/>
        stiger, ich mußte mehr und mehr weinen für meinen <lb/> Durst, und an diesem furchtbaren
        Zirkel ging ich <lb/> zu Grunde... </p>
      <pb facs="#f0299" n="297"/>
      <p>
        <lb/> Dieses Schattenspiel rührte alle sehr. Es waren ge- <lb/> bildete, reiche, gut
        aufgehobene Leute; und die, die <lb/> nicht selbst tragisch sind, haben den besseren Blick
        <lb/> für Tragik. Meine Leute daheim, die nichts zu lachen <lb/> hatten, die verstanden zu
        lachen, und die Tragik, die <lb/> sie alle an sich erlitten, ließ sie unbewegter. Aber im
        <lb/> warmen, kostbaren Salon blüht das Verständnis für <lb/> die Tragödie. </p>
      <p>
        <lb/> Es erhob sich ein großer Aufstand um mich, als <lb/> ich fertig war. Fragen
        schwirrten. Schon wollten <lb/> einige philosophische und metaphysische Quellen ent- <lb/>
        decken, sprachen von kosmischen Auswirkungen und <lb/> Ideengehalt. Ach Gott, ich hatte ja
        an nichts gedacht, <lb/> als zu unterhalten mit einem ein wenig sinnvollen und <lb/>
        menschlichen Spiel. Ich hatte nur mein mimisches <lb/> Talent und mein Herz dazu gebraucht,
        aber die hier <lb/> ergriffen es mit dem Gehirn. Und andere wollten <lb/> wissen, warum ich
        denn nichts damit anfinge. Warum <lb/> ginge ich nicht zum Theater? </p>
      <p>
        <lb/> „O,“ sagte ich, „ich mag nicht reden, Worte sind, <lb/> je mehr sie sagen, desto
        nichtssagender. Man kann <lb/> nichts mit Worten aussagen, sie fälschen immer. Die <lb/>
        Wahrheit ist in der Geste. Nein, ich mag den Mund <lb/> nicht auftun.“ </p>
      <p>
        <lb/> Da rief ein Mädchen: </p>
      <p>
        <lb/> „Also Film! Sie sind ja der geborene Filmschau- <lb/> spieler!“ </p>
      <pb facs="#f0300" n="298"/>
      <p>
        <lb/> Aber am selben Tage war ich auch zum ersten Male <lb/> wieder Lilian begegnet, Lilian
        Falk, die siebzehn- <lb/> jährig aus dem Pensionat in Vevey heimgekehrt war. <lb/> Wir
        hatten noch kein Wort allein miteinander ge- <lb/> wechselt. Als ich jetzt so umringt
        dastand, traf mich <lb/> ihr hellbrauner, leuchtender Blick. Und in diesem <lb/> Blick
        ertrank meine Zukunft. Dieser Blick war das <lb/> Leben. Und ich näherte mich ihm wie ein
        Verzau- <lb/> berter... </p>
      <p>
        <lb/> Lilian... </p>
      <p>
        <lb/> Es war seltsam mit ihr. Ihre Schönheit, der Zau- <lb/> ber ihres Seins ging gar nicht
        von ihrem Äußern aus. <lb/> Man wußte nie, was sie trug, und fast weiß ich nicht <lb/> mehr,
        wie sie war; dunkel, ja, bräunlich von Haut, <lb/> die braunen Augen etwas zu hell, schmal
        im Gesicht, <lb/> der Mund nicht rot. War sie überhaupt schön? Viel- <lb/> leicht nur jung,
        jünger als sonst ein Mensch, die Ju- <lb/> gend selbst, das Knospende, Duft kaum erst Aus-
        <lb/> hauchende. </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging, wie gezogen, zu ihr. Und sie sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Was wollen Sie denn werden, Theodor? Sie wer- <lb/> den doch nicht etwa zum Theater
        gehen?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich hätte nie gedacht, daß sie mir nicht mehr du <lb/> sagen könnte, ich erschrak
        darüber so sehr, daß ich <lb/> nicht antwortete. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen,“ sagte sie <lb/> weiter. </p>
      <pb facs="#f0301" n="299"/>
      <p>
        <lb/> Und das war alles. Hieß das: ich gehörte nicht <lb/> hierher? sie wünschte, mich nicht
        mehr hier zu <lb/> treffen? oder war sie verwundert, daß aus dem Sohn <lb/> der Waschfrau
        ein junger Mann geworden war, der <lb/> nicht nur unbefangen sich in einem Salon bewegte,
        <lb/> sondern der noch die Gesellschaft originell unter- <lb/> hielt, der Anlaß tiefsinniger
        Gespräche und Spekula- <lb/> tionen war? </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte das kühl und wandte sich ab. Sie trat auf <lb/> und sprach mit der
        Sicherheit einer Dame von Welt, <lb/> von oben herab, selbstbewußt. Aber das erhöhte nur
        <lb/> ihre Jugendlichkeit, gab ihr etwas von einem den <lb/> Erwachsenen spielenden Kind.
        Ich liebte sie sofort... </p>
      <p>
        <lb/> Niemals kann ein Mädchen dieser Art zu mir ge- <lb/> hören. Zur großen Liebe gehört,
        daß man auch das <lb/> Schwesterliche in der Geliebten findet, Liebende müs- <lb/> sen
        seelisch Geschwister sein. Und doch: lieben muß <lb/> ich die nie Erreichbaren — und wenn
        auch erreich- <lb/> bar: die immer Fremden, die Unbekannten, ja, die <lb/> Feindseligen. </p>
      <p>
        <lb/> Lilian war meine Feindin. Das verhinderte sie nicht, <lb/> nein, das veranlaßte sie
        sogar, mich zu ihren Füßen <lb/> zu zwingen. Um mich fortstoßen zu können, verführte <lb/>
        sie mich schließlich zum Bekenntnis... Und ich war <lb/> ein Tor. Die falsche Liebe ist
        immer töricht. Aber <lb/> diese Liebe bleibt die süßeste. Die andere, die echte, <lb/> die
        ewige ist gut, ist groß, ist schön. Aber süß — <pb facs="#f0302" n="300"/>
        <lb/> süß und furchtbar dazu — ist die verirrte, hoffnungs- <lb/> lose, die nie gestillte
        Leidenschaft. </p>
      <p>
        <lb/> Wenig später kehrte auch der älteste Sohn des <lb/> Hauses, Thomas Falk, zurück. Bei
        Ausbruch des Krie- <lb/> ges, in einer englischen Schule, in Harrow, war er <lb/> interniert
        worden. Nun kam ein junger, sportlicher, <lb/> herrlich anzuschauender Engländer nach Haus,
        ganz <lb/> blond, ganz hell, duftend nach Wasser, Pferd, Wiese, <lb/> noch duftend nach dem
        Schweiß des Boxringes. Ich <lb/> verliebte mich sofort bis zur blödesten Schüchtern- <lb/>
        heit in ihn. Und er merkte es, er lachte mich offen, <lb/> aber gutmütig aus. Er tat, als
        kannte er mich von <lb/> jeher. Er nannte mich du, indes ich nie gewagt <lb/> hätte, ihn
        anders als Herr Falk zu nennen. Dabei <lb/> ist es auch immer geblieben. Ich glaube, wenn
        <lb/> ich ihm heut begegne, wäre es noch heut das <lb/> gleiche: er, der junge Fabrikherr,
        und ich, der Buch- <lb/> haltungslehrling, er würde mir du sagen und ich <lb/> ihm Herr. </p>
      <p>
        <lb/> Wir können uns aus dem Proletariat noch so völlig <lb/> hinausarbeiten: es gibt
        Persönlichkeiten, vor denen <lb/> man sofort wieder in seinen vergessenen Stand zu- <lb/>
        rücksinkt. So einer war Thomas Falk. Ich hatte nie <lb/> Angst vor Geist, vor Kunst, vor
        Gelehrsamkeit. Tho- <lb/> mas hatte keinerlei geistige Vorzüge, er war ein tüch- <lb/>
        tiger, praktischer Junge, körperlich ausgebildet, von <lb/> letzter Formvollendung in
        Haltung und Gliedmaßen, <pb facs="#f0303" n="301"/>
        <lb/> er war nichts weiter als ein schöner, gesunder Mann. <lb/> Aber er war blond... Er war
        der blonde Mensch. </p>
      <p>
        <lb/> Vielleicht war es einfach das. Vielleicht hatte ich <lb/> nur darum einmal Vater
        geliebt und entzückte mich <lb/> an Mark: sie waren die Blonden... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war ein kleiner, dürftiger, schwarzer Junge, <lb/> und meine mütterlichen Ahnen
        waren Ghettojuden <lb/> gewesen. Ich hatte von ihnen meine Kraft und mein <lb/> Können, aber
        auch von ihnen den demütigen Auf- <lb/> blick: Herr... </p>
      <p>
        <lb/> Thomas Falk trug sich in der Fabrik, in die er <lb/> sofort besitzergreifend eintrat,
        amerikanisch. Hose, <lb/> Gürtel und Hemd. Er roch nach Tabak und Heu, ich <lb/> schlürfte
        es entzückt ein. Bisweilen entblößte er den <lb/> Oberkörper in unserm männlichen Büro und
        zeigte <lb/> uns, ein prahlerischer kleiner Junge, seine Muskeln, <lb/> den Brustkasten, den
        klassischen Rücken. </p>
      <p>
        <lb/> „Faß an, Theo,“ rief er. „Hart wie Stahl. Warum <lb/> turnst du nicht? Faß an.“ </p>
      <p>
        <lb/> Meine Hände berührten seinen Bizeps wie ein Hei- <lb/> liges. Er tat das nur, um mein
        Zittern, meine Röte <lb/> zu sehen, herauszufordern. Er lachte mich aus. Er <lb/> legte den
        Arm um mich, wenn er sich über meine <lb/> Buchführung beugte, weil er wußte, daß er mich
        da- <lb/> mit angstvoll beglückte. Er hatte mich lieb — in <lb/> seiner Art. </p>
      <p>
        <lb/> Er war es auch, der einmal in meiner Gegenwart <pb facs="#f0304" n="302"/>
        <lb/> das Wort sagte, den Wahlspruch der neuen Fordschen <lb/> amerikanischen Philantropie: </p>
      <p>
        <lb/> „Es gibt nur <hi rendition="#g">eine</hi> richtige, entscheidende Hilfe: <lb/> die
        Selbsthilfe.“ </p>
      <p>
        <lb/> Danach beschloß ich, auf alle Unterstützung Nina <lb/> Falks zu verzichten und wieder
        mir selbst alles Nötige <lb/> zu verdienen. </p>
      <p>
        <lb/> Mark war bereits in Schlosserlehre. Das hatte er <lb/> sich gewünscht. Später gestand
        er mir, daß er damit <lb/> sofort bestimmte Absichten verfolgt hätte. Dort konnte <lb/> er
        am besten lernen für die Zukunft, die ihm vor- <lb/> schwebte. </p>
      <p>
        <lb/> Vielleicht trage ich die Hauptschuld. Wenn er auch <lb/> mich nie ins Vertrauen zog,
        so hätte ich mich hinein- <lb/> drängen müssen, seine Wege verfolgen, seine Freund- <lb/>
        schaften ausspionieren. </p>
      <p>
        <lb/> Ich ahnte nie, daß er in Kaschemmen verkehrte, <lb/> im August- und Linienkeller. Ich
        ahnte nicht, daß — <lb/> als er kaum sechzehn war — schon ein Mädchen für <lb/> ihn auf die
        Straße ging. Daß er schon damals in <lb/> jenen Kreisen „Gold-Mark“ hieß, nicht nur, weil
        <lb/> sein Haar wie Gold lohte, sondern weil sein Sinnen <lb/> und Trachten nach Gold stand.
        Wenn ihm sein Mädel <lb/> mal von einem Ausländer ein Goldstück brachte — <lb/> der Junge
        hatte noch nie in seinem Leben Gold <lb/> in der Hand gehabt —, soll er wie ein von Gott
        <lb/> Begeisterter getanzt und gesungen haben... </p>
      <pb facs="#f0305" n="303"/>
      <p>
        <lb/> O, mein Mark, mein Jüngster, mein verlorener <lb/> Sohn... <hi rendition="#g"
        >Ich</hi>, ich ließ dich verloren gehen... </p>
      <p>
        <lb/> Während ich überlegte, wie ich die Abende geld- <lb/> bringend ausnutzen konnte, fiel
        mir ein: warum nicht <lb/> mit meinen Kunststücken Geld verdienen?... Ich <lb/> hatte immer
        wieder auf unserm Hof den Leuten des <lb/> Hauses vorgespielt, es hatte sich
        herumgesprochen, <lb/> aus andern Häusern kamen Kinder geschlichen, blei- <lb/> che Frauen
        drückten sich in den Torweg, Arbeitslose <lb/> hockten in der Ecke. Und ich unterhielt sie.
        Ich redete <lb/> auch dazu, wo die Requisiten fehlten, malte ich mit <lb/> kurzen Worten die
        Situation, ich flocht ein gängiges <lb/> Couplet ein. Es war nichts los mit meiner Stimme,
        es <lb/> war überhaupt keine da, aber das paßte zu den rüden, <lb/> kessen Texten. Ich
        erfand selbst Strophen, im Ber- <lb/> linischen Jargon, das verstanden sie am besten, da
        <lb/> hörten sie sich selbst, erkannten sich. Und dazu <lb/> spielte ich mimisch wie ein
        Besessener. Ich war wirk- <lb/> lich besessen. </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt beschloß ich einfach, damit regelrecht auf- <lb/> zutreten... Ich studierte mir
        sechs Szenen, stumm <lb/> drei und drei mit Text, fest ein und brach auf. Ich <lb/> ging in
        alle Kabaretts der Gegend, ich ging in die <lb/> Kinos mit Bühnenschau, verlangte die
        Direktoren, <lb/> war nicht schüchtern und probierte ihnen auf der <lb/> Stelle, ob sie
        wollten oder nicht, etwas vor. Ach, ich <lb/> hatte es mir gar zu leicht gedacht... </p>
      <pb facs="#f0306" n="304"/>
      <p>
        <lb/> Tag für Tag um fünf, wenn die Fabrik schloß, zog <lb/> ich los. In die Gegend der
        Friedrichstraße, wo es <lb/> von Kabaretts und Tanzdielen mit Unterhaltungsein- <lb/> lagen
        wimmelte. Ein Freundlicher gab mir den Rat <lb/> einen Agenten zu nehmen, und Adressen von
        ihnen. <lb/> Nun lief ich in der Dorotheenstraße Haus für Haus <lb/> ab, wo sie wohnten.
        Meist kam ich zu spät, sie <lb/> schlossen um sechs. Ich erbat Urlaub vom ersten Buch- <lb/>
        halter und begab mich mittags auf den Weg. Stunden- <lb/> langes Warten. Dann wollte man
        Photographien, Kri- <lb/> tiken. Man lachte mich aus, man hörte mich gar nicht <lb/> an.
        Schauspieler überliefen die Büros, so viele waren <lb/> ohne Stellung. Die Nachfrage war
        gering, das Angebot <lb/> unermeßlich. </p>
      <p>
        <lb/> Ein kleiner Agent machte mit mir schließlich einen <lb/> nutzlosen Vertrag, nach dem
        er die Hälfte meiner <lb/> Gagen bekam. Aber er vermittelte nie etwas. Ich hätte <lb/> in
        die Provinz gehen können — mit lächerlicher Be- <lb/> zahlung. Wie war das möglich? </p>
      <p>
        <lb/> Ich saß spät abends verzweifelt zu Haus. Jetzt war <lb/> ich zwanzig Jahre, ich hatte
        in der Buchhaltung aus- <lb/> gelernt und bekam ein regelrechtes Gehalt, aber in <lb/>
        diesen furchtbaren Jahren der Inflation reichte es <lb/> allein nicht zum Leben. In unserer
        Wohnung war <lb/> alles am Ende, jedes Stück Wäsche zerfallen — ich <lb/> wusch und bügelte
        selbst. Die Kochtöpfe hatten Lö- <lb/> cher — ich kochte selbst. Mark schlief auf dem <pb
          facs="#f0307" n="305"/>
        <lb/> Strohsack auf der Erde. Der kleine Leichtsinn hatte, <lb/> als er einmal Gesellschaft
        gab, sechs Jungen und <lb/> Mädels zu Likör geladen hatte, o, er hatte damals <lb/> die
        Bettstelle verheizt, zerschlagen und in den Ofen <lb/> gesteckt, Sonntags, als ich bei Falks
        schwelgte und <lb/> er es gut haben wollte. Ich ging nun kaum noch hin, <lb/> ich fand, es
        sei ungerecht gegen den Mitmenschen, <lb/> es allein gut zu haben. Stefan kam manchmal her-
        <lb/> ausgefahren in die Fabrik, holte mich ab, und wir <lb/> gingen, tief in Gespräch
        versunken, nach Pankow <lb/> und Reinickendorf hinaus. </p>
      <p>
        <lb/> Ja, so saß ich nachts einmal über den letzten Mil- <lb/> lionen Papiermark und
        berechnete und erwog, da <lb/> kam Mark heim. Er umarmte mich ungestüm, er <lb/> roch nach
        Alkohol und Tabak und Mädchenparfum, <lb/> und wie einst bei Vater glänzte durch seine
        Verwahr- <lb/> losung seine goldene Schönheit versöhnlich und be- <lb/> sänftigend. Als er
        meine Papierfetzen und mein kum- <lb/> mervolles Gesicht sah, lachte er. </p>
      <p>
        <lb/> Er strich vor mir auf dem Tisch eine Dollarnote <lb/> glatt und rief: </p>
      <p>
        <lb/> „Da, Teddybruder, mach dir ’n vajniejten Dach <lb/> von!“ </p>
      <p>
        <lb/> Ein Dollar — davon konnte unsereins, im Jahre <lb/> zweiundzwanzig, einen ganzen Monat
        leben. Ich starrte <lb/> diesen Reichtum an und packte Mark. </p>
      <p>
        <lb/> „Laß man jut sin!“ sagte er und schüttelte mich, <pb facs="#f0308" n="306"/>
        <lb/> als sei ich ein Kind und er ein Alter. „Wat der Mensch <lb/> braucht, muß er haben.
        Also haste’s. Bist doch meine <lb/> brüderliche Liebe.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Das geht nicht, Mark. Es ist dein Geld und —“ <lb/> ganz zaghaft: „und woher —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Bouillonkopp!“ sagte er und warf sich aufs Stroh <lb/> und schlief schon, schlief
        lächelnd, kindlich, wie die <lb/> Unschuld selbst. </p>
      <p>
        <lb/> Meine Schuld! Wieder wurde ich schuldig. Ich <lb/> nahm das Geld... </p>
      <p>
        <lb/> Ich fragte nicht mehr nach seiner Herkunft und <lb/> wußte erst viel später, daß das
        von dem Gelde war, <lb/> das sein Mädel für ihn auf der Straße verdiente... <lb/> Vielleicht
        stammte es auch aus einer andern schlim- <lb/> meren Quelle. Was weiß ich! Ich ließ ihn tun
        und <lb/> gehen, ich versäumte etwas. Das sind die unverzeih- <lb/> lichen Sünden...
        Schlimmer als das Verbrechen selbst <lb/> ist: sich abwenden, um es geschehen zu lassen... </p>
      <p>
        <lb/> Und dieses Geld brachte mir Glück. Plötzlich, alles <lb/> auf einmal, fand ich
        Engagements. In der Alhambra <lb/> in der Badstraße und in einem kleinen, schmalen <lb/>
        Kino in der Windscheidstraße in Charlottenburg. In <lb/> jedem hatte ich fünf Tage lang
        zweimal am Abend <lb/> zu „arbeiten“, um gleich die Sprache des Metiers <lb/> zu gebrauchen.
        Ich spielte drei Szenen, die ich vom <lb/> Klavier oder von Geige und Klavier leise
        begleiten <lb/> ließ. Ich ließ Schumann spielen, langsame Sätze von <pb facs="#f0309"
          n="307"/>
        <lb/> Brahms und Beethoven, denn die Musik brachte mich <lb/> in eine Art Trance. Sie
        inspirierte mich immer neu. <lb/> Ich arbeitete im kleinsten Kino vor Dienstmädchen, <lb/>
        Reichswehrsoldaten, Arbeitslosen und Kaufmanns- <lb/> frauen, vor dem kritischsten Parkett. </p>
      <p>
        <lb/> Später lachten mich Kollegen aus, daß ich das so <lb/> ernsthaft nähme. Aber ich
        konnte immer nur alles, <lb/> was ich tat, mit Feuer und Hingabe tun oder gar <lb/> nicht.
        Ich kann nicht lässig arbeiten. Lässig sein <lb/> heißt: verkommen... </p>
      <p>
        <lb/> Ich spielte also zuerst meine Szene mit dem Schat- <lb/> ten. Meinem Schatten auf der
        Erde, an der Wand. Ich <lb/> hatte Ärger mit dem dummen Beleuchter. Am Schluß <lb/> mußte er
        alle Lampen einschalten, so daß ich schatten- <lb/> los im grellen Lichte stand. Das machte
        er oft falsch, <lb/> und dann weinte ich vor Ärger und Kummer über die <lb/> Zerstörung
        meines Lebensablaufes. Ja, jeder im Saal, <lb/> die Jugendlichen und Alten, Soldaten und
        dicke Wei- <lb/> ber begriffen, daß diese Szene ein Lebensablauf war, <lb/> ein
        Menschenschicksal enthielt, das alle Phasen durch- <lb/> lief von Hoffnung und Freude, Spiel
        und Ahnung, <lb/> Schmerz und Trostlosigkeit. Jeden Menschen, der es <lb/> nur noch ein
        bißchen war, habe ich immer schnell <lb/> gewonnen. </p>
      <p>
        <lb/> Die zweite Szene war mit einem Berlinischen Text <lb/> versehen. Ich kam als Zuhälter,
        der auf sein Mädel <lb/> schimpft, das zu wenig verdient hat. Ich versuchte es <pb
          facs="#f0310" n="308"/>
        <lb/> also anders, verstellte mich in einen „Schüttler“, der <lb/> am Straßenrand hockt, in
        einen Blinden an der Haus- <lb/> mauer, in ein Kind mit Streichhölzern, in einen <lb/>
        Rowdy, der einen Herrn stellt, niederboxt, ausraubt. <lb/> Alles nur mit kleinen Requisiten,
        einem Halstuch, <lb/> einer Melone, einer Mütze. Da jauchzten die Leute. Sie <lb/> sahen —
        phantasiebegabt wie sie sind — sofort die <lb/> Straße, wenn ich sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Also det, meine Damens und Herrn Direktoren <lb/> und Doktors, is det Rosentalertor.
        Da sitz ick nu und <lb/> schüttle mir un ’ne junge Dame kommt jejangen und <lb/> ick sage nu
        zu ihr...“ </p>
      <p>
        <lb/> Alles sahen sie. Den unsichtbaren Gentleman, den <lb/> ich niederboxte, und die Leute,
        die ich anbettelte, und <lb/> schließlich die „Koksemmi“, die mir Geld bringt, die <lb/> ich
        — ohne daß sie da ist — umfasse und herum- <lb/> schwinge. </p>
      <p>
        <lb/> Immer klatschten sie so, daß ich die dritte Szene <lb/> zugab, die mit dem Mehlsack,
        der sich leert, während <lb/> ich um die Bühne herumtrabe. Stumme vier Minuten. <lb/> Da
        weinte manche Frau. Ich spürte das im Herzen. <lb/> Jede Träne, über mich geweint, fällt
        immer wie Bal- <lb/> sam auf mein hoffnungslos brennendes Herz. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war so schlau, Kinobesitzer zu bitten, sich <lb/> meinen Auftritt anzusehen. Sie
        kamen, und als mein <lb/> erstes Doppelengagement abgelaufen war, konnte ich <lb/> bereits
        wählen. Von sieben bis elf Uhr abends trat <pb facs="#f0311" n="309"/>
        <lb/> ich auf, so oft es sich zeitlich vereinbaren ließ. In <lb/> Schöneberg und Weißensee,
        in Moabit und Hasen- <lb/> heide, Neukölln und Frankfurterallee. Von sieben bis <lb/> elf
        war ich in größter Hetze unterwegs, ich mußte <lb/> pünktlich auf die Minute beginnen.
        Manchmal gab es <lb/> Aufenthalt in einem Schacht der Untergrundbahn, der <lb/> Autobus
        hatte einen Motordefekt. Wieviel Herzklopfen <lb/> und Ängste! </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich verdiente — — Millionen und Millionen... <lb/> Wenn ich vierundzwanzig
        Stunden später Zeit fand <lb/> einzukaufen, waren sie nur noch die Hälfte wert. Aber <lb/>
        es reichte. Es reichte zu allem. </p>
      <p>
        <lb/> Und als ich ins Kabarett „Eldorado“ in der Brun- <lb/> nenstraße engagiert wurde,
        verdiente ich dort allein <lb/> so viel wie an zwei Kinos zusammen. Ich hatte auch <lb/> am
        Sonntag Nachmittag zu tun. Meine Nummer hieß: </p>
      <p>
        <lb/> „<hi rendition="#g">Der arme Teddy</hi>. Dramatische Monologe und <lb/> Pantomimen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte es niemandem gesagt. Viele Wochen, ja <lb/> Monate lang trat ich auf, ohne
        daß es einer wußte. <lb/> Dann sah mich jemand aus unserm Quartier, Mädels, <lb/> die sich
        ausführen ließen, und über Nacht wußte es <lb/> mein Haus, die ganze Jasmunderstraße, das
        ganze Volk <lb/> am Humboldthain: Theodor König spielt Theater... </p>
      <p>
        <lb/> Ich erfuhr wieder zuletzt, daß ich eine Lokal- <lb/> berühmtheit geworden war. Es fiel
        mir auch nicht <lb/> auf, daß ich plötzlich so viel Respekt begegnete, daß <pb facs="#f0312"
          n="310"/>
        <lb/> Kinder scheu vor mir wurden und Gesichter mich <lb/> vertraulich-mysteriös
        anlächelten. </p>
      <p>
        <lb/> Da entdeckte ich eines Abends, im Eldorado, Mark. <lb/> Mark mit zwei ganz hübschen
        Mädchen saß an einem <lb/> Tisch, auf dem bereits zwei Weinflaschen von sei- <lb/> nen
        Dollars zeugten. Ich hatte ihn kaum in der letz- <lb/> ten Zeit gesehen. Ich war nie mehr
        abends zu Haus. <lb/> Kam ich, so schlief er schon, oder ich schlief bereits, <lb/> wenn er
        spät heimkehrte. Und morgens ging er in <lb/> seine Schlosserwerkstatt, in letzter Minute
        von mir aus <lb/> seinem Kinderschlaf geweckt, so überhastet und <lb/> schlaftrunken, daß es
        nie zu einem Gespräch langte. </p>
      <p>
        <lb/> Als ich durch den Hof auf die stille, dunkle Brun- <lb/> nenstraße trat, stand er da
        und paßte mir auf. </p>
      <p>
        <lb/> Er umarmte mich, hob mich auf, schwenkte mich <lb/> Leichten, Kleinen herum, wieder
        nach Alkohol und <lb/> Parfum riechend, ein heißer junger Bursche, in dem <lb/> ich die
        Kraft strömen spürte. Ich mußte ihn um- <lb/> halsen und küssen. Wir liebten uns in diesen
        Minuten, <lb/> im Novemberwind, auf der nackten Straße. Noch nie <lb/> waren wir so innig
        Bruder gewesen. Auch hatte ich <lb/> ihn noch nie so glücklich gesehen. </p>
      <p>
        <lb/> Er zog sich einen Ring vom Finger, einen gol- <lb/> denen Reif mit einem Brillanten. </p>
      <p>
        <lb/> „Da, Bruderherz, nimm’n! Un nu frag ick blos <lb/>
        <hi rendition="#g">eenen</hi> Menschen: woher hat der Junge det Talent? <lb/> Schwerebrett!
        Sach mal, Teddy, verdienste jetz ne <pb facs="#f0313" n="311"/>
        <lb/> schwere Menge Jeld? Freit mir, o, freit mir, mein <lb/> Schatz!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und wie ich den Ring abzog, den er mir aufgesteckt <lb/> hatte, und ihn ihm wiedergab,
        wurde er ernst und <lb/> sprach ordentlich: </p>
      <p>
        <lb/> „Du, mein Teddy, hast recht, gib ihn mir man <lb/> wieder. Du brauchst nichts damit zu
        tun haben. Ich <lb/> will ihn auch nicht behalten, ’s war mein erster An- <lb/> teil. Ich
        werd ihn Henny anstecken, die is für so <lb/> was, die hat mich schon drum gebeten. Seht,
        seht <lb/> — fragen gibt’s nicht. Ja, Henny, weißt du, Teddy, <lb/> warum läßt du sie nicht
        mit auftreten? Hast natür- <lb/> lich keine Ahnung, daß sie im Sommer mit der Admi- <lb/>
        ralsrevue auf Tournee war, Wien und Schweiz, und <lb/> hat mächtig Franken mitgebracht. Aber
        jetzt, wie die <lb/> Saison losging, hat sie sich das Bein verknaxt und <lb/> muß liegen,
        und wie’s gut ist, ist’s zu spät, alles ist <lb/> komplett, und nu sitzt sie da. Die Franken
        sind in <lb/> Hemdhöschen und Hüten und Seidenstrümpfen drauf- <lb/> gegangen, Kleedaje is
        da, sach ich dir, dufte! Aber <lb/> sie hat jrade ne schlechte Strähne... Nanu, Teddy, <lb/>
        machst Oogen wie ’n jestochent Kalb. Da, pflanz dir <lb/> eene Ziehjarn ins Jesichte! Is
        keen Kotzbalken nich <lb/> und keene Havanna-<sic>Auflese</sic>. Mann Jottes! Steh nich
        <lb/> so verdattert! Henny is ’n jutes Mädel und macht noch <lb/> ihren Weg. Wie jesacht: im
        Momank ne schlechte <lb/> Strähne. Nimm se mit, studier mit ihr ’n Tanz un so <pb
          facs="#f0314" n="312"/>
        <lb/> wat in. Daß man se wieder wo sieht. Aber du, Teddy, <lb/> wie ick dir da jesehn hab,
        mitten uffs Podium — Ick <lb/> denke, ma platzt der Kragen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Das hörte ich alles wie im Traum. Aber Marks <lb/> Gutherzigkeit strahlte mich so
        wirklich an. Henny — </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte sie vergessen? ich wollte sie ausschalten? <lb/> War nicht Jahr und Jahr
        vergangen, und ich hatte <lb/> sie nicht einmal gesehen?... </p>
      <p>
        <lb/> Mark war wohl bei ihr gewesen. Denn als ich am <lb/> nächsten Tag um fünf aus der
        Fabrik kam, stand sie <lb/> an der Ecke... </p>
      <p>
        <lb/> Ich erkannte sie nicht. Ich wunderte mich, wie da <lb/> in die Hochstraße so ein
        elegantes Mädchen kam, <lb/> von den Schuhen bis zum Hut, in dieser bösen Zeit, <lb/> so
        tadellos, so einfach kostbar. Sie stand so leicht und <lb/> frei da, ein Hof von Reinheit
        und Klarheit war um <lb/> sie, in ihrem ungeschminkten Gesicht, kurzes brau- <lb/> nes Haar
        pagenhaft geschnitten, leuchtete etwas, was <lb/> ich kannte. </p>
      <p>
        <lb/> Da streckte sie schon die Hand aus, und sie sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Sei nicht böse, Teddy, sei nicht streng, sonst <lb/> muß ich gleich wieder gehen.
        Bitte, sprich mit mir. <lb/> Du kannst mir helfen, Teddy —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war so verblüfft, daß ich vergessen hatte, ihre <lb/> Hand zu nehmen. Erst als sie
        sie sinken ließ, halb <lb/> Trauer, halb Zorn in ihrem schönen Gesicht, sah ich <lb/> sie,
        ergriff sie, ermannte mich — Und plötzlich <pb facs="#f0315" n="313"/>
        <lb/> kam jener windige Nachmittag wieder, wo ich sie, <lb/> ein halbes Kind, auf dem
        Schutthaufen hatte stehen <lb/> sehn, am Ende der Stadt, und sie hatte sehnsuchtsvoll <lb/>
        ins Leere, ins Hoffnungslose, ins Erbarmungslose <lb/> gerufen: „Mutter — — Mutter —“ </p>
      <p>
        <lb/> Und ich sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, Henny, sieh mich an, Hosen und Ärmel sind aus- <lb/> gefranst. Gehst du wirklich
        mit mir über die Straße?“ </p>
      <p>
        <lb/> Da antwortete sie: </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy, ich kann nichts anderes anziehen. Ich bin <lb/> so arm, ich habe nur Seide und
        Samt und Pelz. Und <lb/> wenn ich ein Armband und eine Kette versetze, muß <lb/> ich Brot
        und Butter dafür kaufen. Hilf mir, Teddy, <lb/> weg von Luise Gräbert. Sie war gut zu mir,
        und ich <lb/> bin undankbar, aber jetzt, wo ich einmal fort war — <lb/> ich war in Wien und
        bin auf der Donau gefahren bis <lb/> Budapest, und ich war in Zürich und Genf und auf <lb/>
        einem Berg, der heißt Rocher des nayes, und wir segelten <lb/> auf einem See, der Montblanc
        spiegelte sich darin, in <lb/> Clarens habe ich nachts die Sterne über Frankreich <lb/>
        gesehen — ja, jetzt kann ich nicht länger bei ihr <lb/> bleiben. Ich ersticke. Heringe und
        Sauerkohl — <lb/> Riechst du es nicht? — Ich bin bald neunzehn Jahre, <lb/> es ist ja bald
        zu spät. Es gab eine Unmenge Männer, <lb/> aber es war immer nur um das kurze Vergnügen.
        <lb/> Nie handelte es sich ums Leben. Ich will nicht ver- <lb/> kommen, Teddy, hilf mir,
        Teddy.“ </p>
      <pb facs="#f0316" n="314"/>
      <p>
        <lb/> Ich nahm sie nach Haus mit. Ich war ganz hilflos. <lb/> Ich vermochte nicht, sie nach
        irgend etwas zu fragen, <lb/> und sie erzählte nichts mehr von sich. Immer nur <lb/> noch
        von einem: von der Welt... </p>
      <p>
        <lb/> Von den Donauufern, von den Schweizer Seen und <lb/> Bergen, von Wiesen, auf denen sie
        gelegen, von <lb/> Schneefeldern, die sie im Sommer betreten. Ich <lb/> merkte: es lag ihr
        nichts an den Menschen, nichts <lb/> am Manne, sie wollte von ihm nur die äußeren Mög- <lb/>
        lichkeiten, das Leben ihrer Wünsche zu führen. Sie <lb/> war leichtfertig und gewissenlos,
        um frei träumen <lb/> zu können. Sie hieß das Verbrechen gut, nicht weil <lb/> es als
        solches sie befriedigte, sondern weil es ihr die <lb/> Mittel verschaffte, ihr Dasein
        aufzubauen. Sie wollte <lb/> nichts als das Meer sehen, in Gärten liegen, über <lb/> Berge
        fahren. Aber dazu bedurfte es erst des Mannes, <lb/> des Verdieners und Geldgebers. Und also
        war sie nach <lb/> ihm aus. Selbst Schmuck und Kleider kamen ihr erst <lb/> später. </p>
      <p>
        <lb/> Seit Diana Fiori in unserer Küche gesessen hatte <lb/> — O, glaubt ihr, ich habe Diana
        Fiori vergessen? <lb/> glaubt ihr, ich sah sie nicht noch ungezählte Male auf <lb/> dem
        nackten Küchenstuhle sitzen, Henny auf dem <lb/> Schoß und Mutter zusehen, wie sie bügelte?
        O, jung- <lb/> fräuliche Göttin Diana, die sich dem Tode vermählte, <lb/> als der
        Menschengatte sie holte — glaubt ihr, ich habe <lb/> nicht langsam verstanden, was in der
        Villa geschehen <pb facs="#f0317" n="315"/>
        <lb/> war? Geschehen — nein, geschehen war niemals <lb/> etwas; aber was da gefühlt worden
        war und welches <lb/> Herzensdrama sich da ohne Worte und Handlung ab- <lb/> gespielt hat?
        Ich hatte längst erraten, daß Thomas <lb/> Falk den Tod in der Schlacht gesucht hatte, um
        <lb/> nicht zurückkehren zu müssen, daß Diana starb, weil <lb/> sie keinen andern als ihn
        lieben konnte; daß Nina <lb/> Falk schwieg, trauerte, bereute, weil sie sich die <lb/>
        Schuld gab, weil sie ihn hätte frei lassen müssen, <lb/> damit er mit Diana glücklich sei...
        Alles wußte ich <lb/> jetzt. Ich erriet alle die stummen Kämpfe in der <lb/> Villa — in den
        Herzen der drei unselig verstrickten <lb/> Menschen und untereinander. Alle waren schweigsam
        <lb/> wie alle tief Leidenden. Und nur in der Musik hatten <lb/> sie sich hingegeben,
        geöffnet, gesprochen. Darum hat <lb/> diese Musik mich auch so tief getroffen, so tief ge-
        <lb/> zeichnet, ich habe das süß-bittere Leben in ihr ge- <lb/> spürt, die große
        Leidenschaft, die einzige Passion... </p>
      <p>
        <lb/> Ja, seit Diana Fiori in dieser nackten Küche ge- <lb/> sessen hatte, hatte kein feiner
        Schuh sie mehr be- <lb/> treten. Und jetzt Henny, Mutters Kind... </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah sich um, sie setzte sich nicht, sie berührte <lb/> nichts, alles machte ihr
        Scheu und Angst... Sie <lb/> streifte die Kommodenschublade, in der Mutters Sa- <lb/> chen
        lagen, noch immer unangetastet, ihr altes blaues <lb/> Mädchenkleid aus der Mühle, die
        rauhen Hemden, das <lb/> Umschlagetuch, ihre Haarnadeln, die Schürzen, die <pb facs="#f0318"
          n="316"/>
        <lb/> Bilder ihrer Eltern, sie selbst zwischen ihnen, ein <lb/> Schulmädel, Höschenrüschen
        kommen unter dem <lb/> schottischen Kleidchen hervor... </p>
      <p>
        <lb/> Henny stand da, sie war verstummt... </p>
      <p>
        <lb/> „Wenn ich hier bleiben könnte,“ sagte sie leise. </p>
      <p>
        <lb/> „Du kannst!“ rief ich. </p>
      <p>
        <lb/> Es war die erste Freude, die ich heut empfand. <lb/> Wenn sie bliebe — — </p>
      <p>
        <lb/> Aber da lachte sie schon. </p>
      <p>
        <lb/> „Sentimentale Kruke, was, Teddy? Nein, höre, <lb/> kannst du nicht etwas mit mir
        gemeinsam machen? So <lb/> eine Doppelnummer in deinen Kabaretts, in den Kinos. <lb/> Mit
        meinem Gesang ist nicht viel, aber tanzen —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie machte einen Tanzschritt und hielt mitten darin <lb/> inne. Sie erinnerte sich —
        Dort in der Küche hatte <lb/> Mutter gelegen — </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte sie nicht gerufen — Sie war mit Mark <lb/> vom Spielen auf dem Hof
        zurückgekommen, heiß von <lb/> der jungen Maisonne, sie hatten beide vergessen, daß <lb/>
        Mutter krank war. Und da sahen sie ein weißes Laken <lb/> und darunter das, was einmal
        Mutter gewesen war... </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah in ihrem Auge das Bett, das Laken, die <lb/> rohe Maske des Antlitzes ins
        Leinen geprägt... Sie <lb/> schwankte... </p>
      <p>
        <lb/> „Mein Fuß,“ sagte sie. „Er tut noch ein bißchen <lb/> weh. Aber das ist morgen gut,
        Teddy,“ rief sie eilig. <lb/> „Du kannst sofort mit mir studieren, ich fasse schnell <pb
          facs="#f0319" n="317"/>
        <lb/> auf. Bitte! Soll ich wieder zu Tietz und Obst und <lb/> Gemüse einpacken und jetzt vor
        Weihnachten zehn <lb/> Stunden am Tag stehen und in der Kantine die ewige <lb/> Erbssuppe,
        und der Rayonchef denkt, er kann für <lb/> Kalbsbraten und Pilsner — Nee! zieh Leine! Janich
        <lb/> dran zu denken! Wird nich verzappt! Ich mit Ihn? <lb/> Ach nee! Mach man noch ’n
        Witz.“ </p>
      <p>
        <lb/> Indem sie so sprach, verlor ich sie wieder. Das war <lb/> im Mantel und Pelz, Seide
        darunter, in Schlangen- <lb/> hautschuhen, nichts als so ein Mädel von der Ecke <lb/>
        Prinzenallee-Pankstraße, Oranienburgentor. So hatte <lb/> sie wohl angefangen, Henny,
        Mutters Kind — </p>
      <p>
        <lb/> Mein Blut wurde kalt — Henny, Mutters Tochter — </p>
      <p>
        <lb/> Sie lachte. </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, siehst du, Teddy, kann ich auch. Ich mach <lb/> alles, was du willst. Mark sagt,
        du machst so ne Ber- <lb/> liner Szene. Laß mich doch mitmachen, Junge. Mit <lb/> Partnerin
        wirst du ja besser bezahlt. ‚Teddy und <lb/> Ellinor, mondänes Tanzpaar.‘ Was meinst du? Ein
        <lb/> Apachentanz, ein Tango. Kleedage hab ich. Du <lb/> brauchst nur nen Frack. Du kaufst
        ihn alt. Wir <lb/> machen eine kleine Anzeige im ‚Lokal‘ oder ‚Mor- <lb/> genpost‘. Hilf
        mir, Teddy, ich geh sonst vor die <lb/> Hunde. Ich bin ganz blank, und die Gräbert — die
        <lb/> muckscht schon auf. Un was hat se ma ausjenomm, <lb/> wenn ick Moos hatte!“ </p>
      <p>
        <lb/> Wieder falle ich in Schuld... Ich ging nicht zu <pb facs="#f0320" n="318"/>
        <lb/> Nina Falk und bat: nehmen Sie sich Hennys an, tun <lb/> Sie sie in eine bürgerliche
        Stellung, sprechen Sie nur <lb/> ein einziges Mal mit ihr — </p>
      <p>
        <lb/> Nein, ich tat, wie Henny wollte... </p>
      <p>
        <lb/> Wir studierten eine Apachenszene ein, ein ganzes <lb/> kleines Mimodrama, das endete,
        indem ich sie er- <lb/> drosselte. Dann tanzte Henny allein, während ich im <lb/>
        Hintergrund Zuschauer markierte. Sie trug ihre <lb/> Revuekostüme, sie war halbnackt, sie
        war so schön, <lb/> daß Mark einmal sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Weißte, ne Schwesta dürfte janich so scheen sind! <lb/> Donnakiel! Wenn man da könnte
        wie ma möchte! Na <lb/> Jott stärke!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und Mark ging mit uns zu einem Photographen <lb/> in der Elsässerstraße, der sein
        Freund war, der machte <lb/> ein Dutzend Aufnahmen von uns umsonst und gab <lb/> uns einen
        Haufen Abzüge. Dafür sollte er Postkarten <lb/> herstellen und verkaufen dürfen. Schön. </p>
      <p>
        <lb/> Dann wollte er Aktaufnahmen von Henny machen. </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte schlicht und gelassen: </p>
      <p>
        <lb/> „Se han wol Bohnen jefrühstückt? Kriejen Se det <lb/> öfta? Seht ’n mal an: er hat nen
        kleenen Webefehler. <lb/> Ick wer mir ekeln! Den Zahn laß dir man ausziehn!“ </p>
      <p>
        <lb/> Mark jauchzte vor Vergnügen. </p>
      <p>
        <lb/> „So wa’t richtig! Det is’n jesunder Junge! Mensch, <lb/> ärger dir nich. Bleib uns
        jewojen und adjees. Morgen <lb/> hol ick de Bilda. Is ja Akt jenuch druff.“ </p>
      <pb facs="#f0321" n="319"/>
      <p>
        <lb/> Und wie Marks Geld mir Glück gebracht hatte, so <lb/> brachte es jetzt Henny mit. </p>
      <p>
        <lb/> Ein großer Agent, der mich allein gesehn hatte, <lb/> ließ sich jetzt unsere
        gemeinsamen Szenen vormachen. <lb/> Er hatte sofort Engagement für uns — fürs Ruhr- <lb/>
        gebiet. Für die Städte der Besatzungsarmee. </p>
      <p>
        <lb/> Henny lachte ihn aus. </p>
      <p>
        <lb/> „Lieber Mann, ick bin doch nich uff’n Kopp je- <lb/> fallen. Für die Zulukaffern bin
        ich zu weiß. Nee, nich <lb/> in die Provinz. Nischt zu machen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Auch ich wollte nicht fort, denn ich wollte nicht <lb/> meine Stellung aufgeben.
        Artist werden, durch die <lb/> Varietés und Zirkusse der Welt ziehen — — Die <lb/> Welt, ja,
        die Welt hätte mir wohl gefallen. Aber nicht <lb/> als Zugabe zum Grünen Wagen! Und Henny
        wußte: <lb/> ein Glück, das sie in Berlin nicht machen konnte, <lb/> suchte sie anderswo
        vergeblich. </p>
      <p>
        <lb/> Nun, es dauerte nicht lange, so brachte uns der <lb/> Agent in die größeren Kabaretts.
        Wir fingen im <lb/> Norden an, um den Alexanderplatz herum, dann kam <lb/> schon die
        Friedrichstraße, dann das äußere Charlot- <lb/> tenburg, Wilmersdorf, Steglitz. Und langsam
        gerieten <lb/> wir in den Westen. Als wir das erste Engagement im <lb/> Schatten der
        Gedächtniskirche fanden, fiel mir Henny <lb/> um den Hals und weinte... </p>
      <p>
        <lb/> Sie war bei der Gräbert wohnen geblieben, sie ver- <lb/> trug sich wieder mit ihr. Ich
        sah sie nur in der Gar- <pb facs="#f0322" n="320"/>
        <lb/> derobe. Waren wir fertig, so verschwand Henny, ihr <lb/> Köfferchen in der Hand. Ich
        fragte nie... Ich fürch- <lb/> tete mich... </p>
      <p>
        <lb/> Wir verdienten. Ich gab Henny zwei Drittel der <lb/> Gagen, sie nahm es so nachlässig,
        als brauchte sie es <lb/> nicht einmal. Sie trug immer neue Kostüme, und <lb/> wenn ich es
        zu bemerken schien, sagte sie leichthin: </p>
      <p>
        <lb/> „Alte Bestände. Noch aus Genf. Aus Wien. Alles <lb/> Bühnenplunder.“ </p>
      <p>
        <lb/> Vielleicht. Ich verstand es nicht. Mir erschien es <lb/> kostbar ... </p>
      <p>
        <lb/> Und Mark — Mark hatte sein Werk getan, er hatte <lb/> mich mit Henny vereint, und
        seitdem war er ver- <lb/> schwunden. Als ich einmal nachts heimkam, war sein <lb/> Strohsack
        fort, sein Sonntagsanzug, seine Wäsche aus <lb/> der Kommode. Ein Zettel lag auf meinem
        Bett: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich zieh aus, Teddybruder, kleiner. Mach’s gut. <lb/> Dein großer Bruder Mark.“ </p>
      <p>
        <lb/> Man trug mir dann vieles zu. Er sollte bei einem <lb/> Mädel leben, das in der
        Leibnizstraße in Charlotten- <lb/> burg eine feine Wohnung hatte. Man kannte Einzel- <lb/>
        heiten, Mark hatte sich gebrüstet, sich dicke gemacht. <lb/> Man sprach von einem Himmelbett
        mit Spiegel oben <lb/> in der Decke, von einem Salon mit goldenen Möbeln, <lb/> von Pianola
        und Grammophon und Tag und Nacht <lb/> Warmwasser und Zentralheizung. Und auf den Trep-
        <lb/> pen rote Teppiche, Marmorwände, Fahrstuhl. </p>
      <pb facs="#f0323" n="321"/>
      <p>
        <lb/> Damit entschwand mir Mark. Ich habe ihn nur <lb/> noch einmal wiedergesehen, er kam
        mir Adieu sagen, <lb/> als er sich fangen ließ. </p>
      <p>
        <lb/> Und Henny sollte ich auch nicht mehr lange unter <lb/> Augen haben —— nun, Augen, die
        doch nicht auf sie <lb/> achteten. </p>
      <p>
        <lb/> Sie erzählte mir manchmal in der Garderobe von <lb/> Anträgen, die sie hatte, sie
        sollte in gewissen Klubs <lb/> auftreten als Nackttänzerin, sie sollte in Filmen agie- <lb/>
        ren, die nie eine öffentliche Leinwand zeigte, gewisse <lb/> obszöne Filme mit den
        Schamlosigkeiten, die der <lb/> Mensch für sich erfunden und reserviert hat. Sie be- <lb/>
        kam Einladungen zu Gelagen und Orgien. </p>
      <p>
        <lb/> „Aber was du dir denkst, Teddy, ist noch lange <lb/> nicht,“ sagte sie, lachte,
        verlängerte ihren kleinen <lb/> Mund, färbte die Augenlider. „Nein, mein Liebling, <lb/> wer
        mir so kommt, dem prezel ich eine! Bleiben Se <lb/> mir jewogen.“ </p>
      <p>
        <lb/> An einem Abend sah ich sie eine Perlenkette tra- <lb/> gen, sie trug immer welche,
        mehrere, aber heut nur <lb/> diese eine, eine halblange, und die grauen, schimmern- <lb/>
        den Perlen lagen schöner denn jemals andere auf <lb/> ihrer weißflaumigen Haut. Ich verstand
        nichts von <lb/> diesen Dingen, aber ich sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Henny, wie schön ist diese Schnur. Das müssen <lb/> echte Perlen sein. Woher hast du
        die?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Die?“ rief Henny. „Echt? Tineff ist das! Tecla!“ </p>
      <pb facs="#f0324" n="322"/>
      <p>
        <lb/> Und nach einem Atemzug: „Mark hat sie mir heute <lb/> früh gebracht.“ </p>
      <p>
        <lb/> Was sollte ich ahnen und vermuten! Ich dachte <lb/> nicht mehr an diese Schnur. </p>
      <p>
        <lb/> Dann hatten wir — es ging dem Frühling zu — <lb/> ein Debut am Kurfürstendamm, mit
        neuen Num- <lb/> mern. Wir bekamen dreißig Goldmark für das Auf- <lb/> treten. </p>
      <p>
        <lb/> Da ließ mich vormittags jemand aus der Fabrik <lb/> hinausrufen, der Portier schickte
        einen Jungen in die <lb/> Buchhaltung: es müsse mich jemand dringend spre- <lb/> chen... </p>
      <p>
        <lb/> Und draußen stand Luise Gräbert. Die Witwe Grä- <lb/> bert, eine alte Frau, geschminkt
        und gefärbt auf drei- <lb/> ßig, eine richtige Theatermutter, in einem Umhang <lb/> mit
        Jett, den kurz geschnittenen, rotbraun gefärbten <lb/> Kopf aber unbedeckt. Und sie rang die
        Hände und <lb/> zog mich von dem Portierhäuschen fort und jam- <lb/> merte: </p>
      <p>
        <lb/> „De Kriminaler wa’n da und han se fortjebracht, <lb/> huch nein! un wie steh ick nu
        da! de Polizei bei mir <lb/> int Haus! Un Haussuchung han se jehalten un de <lb/> Perl’n
        jefunden: Natierlich! Hab ick se nich jleich <lb/> jesacht, wie’s der Mark ihr hinbringt,
        ach, ick hab’t <lb/> ihr schon ofte jesacht, aber se heren ja allebeede <lb/> nich, wemsten
        sein sin denn die Perl’n, hab ick je- <lb/> sacht, un Meechen, hab ick jesacht, daß de dir
        da nich <pb facs="#f0325" n="323"/>
        <lb/> in’n Ding verquast, wo de Polente — Ja, bei Jott, det <lb/> hab ick ihr jleich
        jesacht, mir schwant da wat von <lb/> Polente. Laß de la mänk wech, hab ick ihr jesacht.
        <lb/> Ick mecht se nich trag’n, de Perl’n, hab ick jesacht. <lb/> Un da sacht se noch, det
        Meechen, Tante Lowise, <lb/> sacht se, det sin de sauren Trauben, machst ja bloß <lb/> lange
        Oogen! sacht se, det sacht der Mensch mir! Nu, <lb/> ick bin still, ick sage überhaupt
        nischt nich, aber nu <lb/> is fertig. Jeklemmt hat er se, der Mark, jekooft, wie <lb/>
        keener nich in Laden drin war; vajessen, se liejen zu <lb/> lassen. Un nu...“ </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt aber preßte ich ihr die Hand auf den Mund. <lb/> Ich ertrug es nicht länger. Sie
        quasselte noch unter <lb/> meiner Faust, die ich ihr in die geschminkten Lippen <lb/> trieb,
        ich hätte sie niederschlagen können. Ich zerrte <lb/> sie hinüber, über die Badstraße, nach
        der Grünthaler <lb/> hinüber, in ihr Haus. </p>
      <p>
        <lb/> „Still,“ zischte ich und zerquetschte ihr den Arm, <lb/> daß sie jaulte. „Still, bis
        wir zu Haus sind —“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber da sah ich: ihr Haus war umlagert, die ganze <lb/> Grünthalerstraße war
        zusammengeströmt, wo die Po- <lb/> lizei soeben Henny König, genannt „Ellinor, mondä- <lb/>
        ner Tanzstar“, abgeführt hatte, verdächtig der Mit- <lb/> wisserschaft an einem Diebstahl.
        Alles war versam- <lb/> melt vor dem Laden „Prima Stettiner Fett- und Voll- <lb/> heringe“,
        Kinder, Weiber, Arbeitslose, die Frauen <lb/> von den Obstwagen an der Ecke, die Leute aus
        den <pb facs="#f0326" n="324"/>
        <lb/> Gemüsekellern und Flickschustereien. Es war ja nichts <lb/> mehr zu sehen, aber schon
        waren Haus, Tür, Trottoir <lb/> historisch. </p>
      <p>
        <lb/> Da konnte ich nicht weitergehen, ich traute mich <lb/> nicht, da Spießruten zu laufen,
        und ich zog die ängst- <lb/> lich gewordene Gräbert in den nächsten Hausgang. <lb/> Es war
        der Durchgang zu dem Kino, wo ich auch <lb/> einmal aufgetreten war, die Wände hingen voller
        <lb/> Photographiekästen und Plakate, komische und tra- <lb/> gische Szenen tapezierten die
        Wände, und Kinder <lb/> reckten sich und guckten ins bunte, ins gefälschte, <lb/>
        geschminkte Leben hinein. </p>
      <p>
        <lb/> Es war so, wie ich dachte. Man hatte Henny ver- <lb/> haftet als verdächtig der
        Mitwisserschaft an einem <lb/> Juwelendiebstahl. Und nun hatte man die Perlen- <lb/> schnur
        bei ihr gefunden. </p>
      <p>
        <lb/> „Und Mark!“ rief ich. „Frau Gräbert, was ist mit <lb/> Mark? Haben sie ihn?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wat weeß icke? — Überhaupt lassen Se mir los, <lb/> oller Dussel, un kneifen Se nich!
        Wat fällt Ihn ein! <lb/> Behandelt mir —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wo wohnt Mark? Wissen Sie nicht, wo?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Da wer’n Se ihn jrade finden, det Aas. So helle <lb/> is er doch, det ’r vaduftet. Un
        nu zieh Leine. Wennste <lb/> dein Vater weerst —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Still!“ schrie ich und lief schon. </p>
      <p>
        <lb/> Ich lief, aber so tief war mir die Pflicht im Blut, <pb facs="#f0327" n="325"/>
        <lb/> daß ich zuerst in die Fabrik lief, in die Buchhaltung <lb/> und den Tag frei erbat. </p>
      <p>
        <lb/> Grade war der junge Thomas Falk im Kontor und <lb/> sah meine Verstörtheit. </p>
      <p>
        <lb/> „Na, was ist denn nun, Theodor? — Ist schon gut, <lb/> geh nur. — Halt.“ Er kam mir
        nach. „Vielleicht <lb/> brauchst du Geld?“ fragte er im Gang, leise, fast <lb/> zärtlich. </p>
      <p>
        <lb/> Dieser Gedanke traf mich wie Balsam auf meine <lb/> Wundheit. Ich konnte ihn
        anlächeln. Er legte die <lb/> Hand auf meinen Arm. </p>
      <p>
        <lb/> „Tapfer, Theodor. Alles geht vorüber. Es ist nichts. <lb/> Du weißt doch.“ </p>
      <p>
        <lb/> Er ließ seine große warme Hand liegen, er wußte, <lb/> daß er mir so von seiner
        Lebenskraft mitteilte. Ich <lb/> spürte auch, wie es lebendig von ihm in mich strömte, <lb/>
        und ich hielt eine kostbare Minute still und sog die <lb/> blonde feurige Kraft ein. </p>
      <p>
        <lb/> Aber wer hat mehr Lebenskraft als ich bewiesen, <lb/> mehr unverwüstliche Vitalität
        und Gläubigkeit und <lb/> Mut und Zuversicht? Ich bin in nichts Vorbild und <lb/> Beispiel
        als darin, daß man sich nicht unterkriegen <lb/> lassen darf. Einmal müde werden, sich ein
        Herz wün- <lb/> schen, an dem man ausruht — Müde bin ich oft ge- <lb/> worden, aber wann
        habe ich mich hinlegen können? <lb/> Herzen habe ich mir viele gewünscht, aber wo, seit
        <lb/> Mutter fort war, gab es eines, das mich aufnahm?... </p>
      <pb facs="#f0328" n="326"/>
      <p>
        <lb/> Ich lief zu unserm Polizeirevier. Man kannte mich <lb/> da, da saß noch der alte
        Wachtmeister, der einmal <lb/> gekommen war, uns sagen, daß Vater aufgegriffen <lb/> worden
        war, als er Schmiere gestanden. Man wußte <lb/> dort von der Sache, aber Henny war nach dem
        Prä- <lb/> sidium gebracht worden, die wurde jetzt am Alexan- <lb/> derplatz verhört. </p>
      <p>
        <lb/> Ich raste dahin, sprang auf die Elektrische und <lb/> wieder ab und kam nach
        qualvoller Ewigkeit dort an <lb/> und erfragte den Kommissar, der sie vernahm, er- <lb/>
        reichte — am Ende meiner Kraft — seine Tür und <lb/> bat einen Diener, ihm zu sagen, ich sei
        da. </p>
      <p>
        <lb/> Er ließ mich sofort kommen, und da hörte ich, <lb/> daß man mich auch in meiner
        Wohnung gesucht <lb/> hatte, um mich vorzuführen, und es mußte die <lb/> Menschlichkeit
        eines Beamten von meinem Revier <lb/> gewesen sein, die verhinderte, daß man mich aus der
        <lb/> Fabrik geholt hatte. Henny saß auf einem Stuhl, sie <lb/> hatte nicht geweint, sie war
        ganz ruhig, sie nickte <lb/> mir zu und sah mich erstaunt an, als wäre meine <lb/>
        Verstörtheit lächerlich und überflüssig. </p>
      <p>
        <lb/> Sie unterschrieb noch ein Protokoll und wurde <lb/> hinausgeführt, und nun kam ich
        dran. </p>
      <p>
        <lb/> Es war ein alter Herr, der mit mir sprach, und <lb/> ich fühlte, daß es nur eines
        galt, wahr zu sein. Aber <lb/> was hatte ich denn zu sagen? </p>
      <p>
        <lb/> Daß mir die Perlen aufgefallen waren und Henny <pb facs="#f0329" n="327"/>
        <lb/> auf meine Frage gesagt hatte, ja, sie hätte sie wohl <lb/> von Mark bekommen, aber es
        sei „Tineff“, das sei <lb/> ihr Ausdruck gewesen: Tecla-Perlen. </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, dasselbe hat sie mir erzählt,“ sagte der Kom- <lb/> missar. „Ich glaube Ihnen,
        daß Sie es glaubten. Und <lb/> Ihrer Schwester will ich es glauben. Sehen Sie, diese <lb/>
        Schnur, sie kostet zwölftausend Mark. Man hat für <lb/> mehr als achtzigtausend Juwelen
        geholt.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Mark doch nicht,“ stammelte ich, „mein Bruder <lb/> doch nicht.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Er mit zwei andern. Haben Sie denn nicht ge- <lb/> lesen?“ </p>
      <p>
        <lb/> Nein, ich hatte es nicht gelesen, ich erfuhr es <lb/> erst jetzt. In der Nacht zum
        Dienstag war in ein Ju- <lb/> weliergeschäft der Tauentzienstraße eingebrochen wor- <lb/>
        den. Der Bursche, der Schmiere gestanden hatte, war <lb/> gefaßt worden, er verriet
        niemanden, aber man wußte: <lb/> er war der ständige Komplice vom Polen-Justav. Und <lb/>
        Polen-Justav hatte in letzter Zeit viel mit „Gold- <lb/> Mark“ im Augustkeller gesessen.
        Noch waren beide <lb/> unauffindbar. In die Leibnizstraße war Mark nicht <lb/>
        zurückgekehrt, er hatte seinem Mädchen auch nichts <lb/> von der Beute gegeben. Da war man
        auf seine Ge- <lb/> schwister verfallen. Und die Perlen bei Henny deckten <lb/> alles auf. </p>
      <p>
        <lb/> „War er in den letzten Tagen nicht bei Ihnen, <lb/> Herr König?“ </p>
      <pb facs="#f0330" n="328"/>
      <p>
        <lb/> „Nein, Herr Kommissar.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Sie machen sich straffällig, wenn Sie ihn ver- <lb/> bergen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Hier sind meine Wohnungsschlüssel,“ sagte ich <lb/> und zitterte. </p>
      <p>
        <lb/> Mark hatte die Schlüssel behalten. Wenn er — — </p>
      <p>
        <lb/> Und da hörte ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Nein, er ist <hi rendition="#g">noch</hi> nicht bei Ihnen. Man hat Ihre <lb/> Wohnung
        geöffnet.“ </p>
      <p>
        <lb/> Geöffnet — die Polizei — Jetzt stand das Volk — <lb/> wie in der Grünthalerstraße — um
        mein Haus herum <lb/> und beredete die Schande. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich will es Ihnen sagen,“ sprach die sanfte, ge- <lb/> lassene, eindringliche Stimme.
        „Wir wissen schon <lb/> längst von Ihrem Bruder, aber es schien noch nie <lb/> gegeben, die
        Hand auf ihn zu legen. Man muß war- <lb/> ten, vielleicht bekommt’s einer doch über, gibt’s
        auf, <lb/> schreckt vor der großen Sache zurück. Wir wollen <lb/> nie den Fall eines
        Menschen beschleunigen. Denn, <lb/> leider, ohne Ausweg, es ist doch so, daß die erste <lb/>
        Strafe die Anlage besiegelt. Wer erst mal im Kittchen <lb/> saß, kehrt immer wieder zurück.
        Also schiebt man’s <lb/> nach Möglichkeit auf. Aber nun, wo er so ein tolles <lb/> Ding
        gedreht hat... Erst sorgfältig ausbaldowert, <lb/> dann vom Keller aus eingestiegen, mit
        allem Vorbe- <lb/> dacht... Konnten Sie Ihren Bruder nie vor dieser <lb/> Gesellschaft,
        diesem Umgang schützen?“ </p>
      <pb facs="#f0331" n="329"/>
      <p>
        <lb/> Und das war <hi rendition="#g">meine</hi> Verurteilung... </p>
      <p>
        <lb/> Mit dieser Verdammnis ging ich, freigelassen, mei- <lb/> nem eigenen Gericht
        übergeben... </p>
      <p>
        <lb/> Der alte Herr sah aus dem Fenster. Dann wandte <lb/> er sich schnell zurück und sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Nehmen Sie Ihre Schwester mit. Sie sagte, sie <lb/> träten abends gemeinsam auf. Sie
        sollen nicht gehin- <lb/> dert werden. Ich glaube, man wird Sie nicht einmal <lb/> als
        Zeugen bemühen. Was tun Sie da so abends, hm?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Tanzszenen, kleine mimische Dramen... Teddy <lb/> und Ellinor.“ </p>
      <p>
        <lb/> „O, das sind Sie? Ich hörte davon. Meine Jungen <lb/> — — Sie sind Teddy, der Partner
        von —“ </p>
      <p>
        <lb/> Er sah mich von oben bis unten an. Es lächerte <lb/> ihn. Ich, dieser dürftige,
        häßliche, harmlose Junge, <lb/> der immer noch wie ein <sic>Konfirmant</sic> aussah! </p>
      <p>
        <lb/> Er streckte plötzlich die Hand über den Tisch. Und <lb/> die meine haltend: </p>
      <p>
        <lb/> „Sie haben noch eine Tagesstellung?“ </p>
      <p>
        <lb/> „In der Papierfabrik Falk, Hochstraße. Zweiter <lb/> Buchhalter.“ </p>
      <p>
        <lb/> „So so. Also leben Sie wohl.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und er ließ nach festem, trockenem Druck meine <lb/> Hand los. </p>
      <p>
        <lb/> Am Abend tanzte ich mit Ellinor-Henny, schnitt <lb/> mir den Schatten ab, weinte ins
        Licht hinauf, das <lb/> allen gemeinsam Schatten schenkt und mir nicht ein- <pb
          facs="#f0332" n="330"/>
        <lb/> mal das. Ich erwürgte mein Mädchen, riß ihr die <lb/> Bluse auf und starrte auf die
        schöne unbewegte Brust, <lb/> die für mich sich verkauft hatte. Henny zeigte ihren <lb/>
        herrlichen Rücken in einer Maxixe, die sie allein <lb/> tanzte, entfesseltes Element Weib... </p>
      <p>
        <lb/> Während ich, rot sehender Apache, sie würgte, <lb/> flüsterte sie: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich hab es ja gewußt. Er hat es mir ja gesagt. <lb/> Ich hab ihn immer gebeten: Mark,
        wenn du mal ’n <lb/> Ding drehst, dann Juwelen. Ne Perlenkette für mich. <lb/> Na, und da
        hat er sie mir gebracht —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich warf sie hin. Echter Mordrausch erfüllte mich. <lb/> Auf ihr kniend, das Messer
        gezückt — o, ein Papp- <lb/> messer! — hörte ich: </p>
      <p>
        <lb/> „Weiste, wo er is? De Wirtin von der ‚Blauen <lb/> Zwiebel‘ in der Marienstraße hat ’n
        in ihr’m Bett...“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich stieß zu. Das Pappmesser — </p>
      <p>
        <lb/> „Hast wol ’n Knall?“ schrie sie laut und bäumte <lb/> sich vor Schreck und Schmerz.
        „Dir pickt er wol!“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich preßte ihr die Hand auf den Mund. Da, ja, <lb/> bei Tanzmusik, vor fünfhundert
        Menschen, im <lb/> roten Scheinwerfer, tötete ich sie... Das war mein <lb/> Mord — </p>
      <p>
        <lb/> Es war eine dunstige Nacht. Und ich lief zwei Stun- <lb/> den nach Haus, vom Westen
        durch den Tiergarten, <lb/> der wie von Giftgasen, von Sumpffieber erfüllt war; <lb/> auf
        den Bänken sielten sich Trunkene, Vergiftete in <pb facs="#f0333" n="331"/>
        <lb/> schamloser Raserei. Es brannten kaum Laternen, man <lb/> sparte. Ein Bursche sprang
        mich an. </p>
      <p>
        <lb/> „Taschen leer!“ Und als ich zögerte. „Hast wol <lb/> lange keen blutjen Einsatz
        jehabt?“ </p>
      <p>
        <lb/> Da sah er mir ins Gesicht. Er lachte auf und ließ <lb/> los. Ich sah nicht anders aus
        als er. </p>
      <p>
        <lb/> „Da hab ick mir vakiekt. Jeh zu Hause und wasch <lb/> dir ’n Bauch. Schlaf rund, dette
        nich eckig wirst!“ </p>
      <p>
        <lb/> Dann flüsterten Frauen, hängten sich an mich. <lb/> Jungens mit Mützen strichen vorbei
        und streiften <lb/> mich und hauchten mir gemeine Worte ins Gesicht <lb/> mit Alkohol- und
        Tabakatem. Herren begegneten mir, <lb/> die die Abenteuer dieses Parks suchten. </p>
      <p>
        <lb/> Unter den Linden war es still. Die königliche <lb/> Straße war verwaist. Ich ging und
        ging. Ich ging ums <lb/> alte Schloß herum und sah in den Kanal und ver- <lb/> stand die
        Lockung des schweigenden Gewässers so <lb/> gut. Wenn ein Auto vorbeischoß, verstand ich,
        daß <lb/> der Asphalt sich mit Wonne unter die Räder begibt. <lb/> Die Stadt war stumm, alle
        Fenster dunkel. Und die <lb/> engen Straßen der inneren Stadt wurden schwül, <lb/> stickig,
        dumpf. Aber immer heimatlicher umfing es <lb/> mich. Ich kam vom Heimweg ab und fand mich am
        <lb/> Königstor. Längst war Mitternacht vorbei. Es war so <lb/> tröstlich, durch den Schlaf
        der Stadt zu wandern... </p>
      <p>
        <lb/> Wie ich mich, in der ganz dunklen Jasmunder- <lb/> Straße, gegen zwei Uhr meinem Haus
        nähere, löst <pb facs="#f0334" n="332"/>
        <lb/> sich eine Gestalt aus dem Torweg, und ehe ich ihn <lb/> erkenne, fassen Marks Hände
        nach mir. </p>
      <p>
        <lb/> „Mark,“ will ich schreien und besinne mich und <lb/> flüstere: „Mark, wenn das Haus
        bewacht wird.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Nu schön,“ sagt er, „solln se.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ganz unbekümmert laut. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich wollt dir ja doch nur Adjees sagen, Teddy. — <lb/> Du, Teddy, nimmst mich noch
        mal nach oben, was? <lb/> Brauchst dich nicht fürchten, kleines Brüderchen. <lb/> Mörder bin
        ich nicht, hab nie eine Waffe bei mir. Das <lb/> verschärft, weiste —“ </p>
      <p>
        <lb/> Was rührte mich so tief in seiner Stimme? Tränen <lb/> waren darin, Mutter weinte
        darin — </p>
      <p>
        <lb/> Ich stieß den Schlüssel ins Loch und zitterte so, <lb/> daß Mark zugriff. Er lachte,
        aber es war ein zittern- <lb/> des Lachen. Auch er zitterte. </p>
      <p>
        <lb/> Wir gingen Hand in Hand. Er war ganz heiß, ich <lb/> kalt. Ich ließ ihn die Tür
        öffnen. </p>
      <p>
        <lb/> „Ick hab die Schlüsseln verlorn. Die liejen, gloob <lb/> ick, in Keller vom
        Tauentzien. Weißt doch, wo —“ </p>
      <p>
        <lb/> Aber ich hörte: er zwang sich das ab, diesen kessen <lb/> Ton, diese kalten Worte.
        Mark zitterte... <hi rendition="#g">Sein</hi> Ge- <lb/> richt war diese Stunde, diese
        Heimkehr war seine <lb/> Verdammnis, diese Küche sprach ihm gütig uner- <lb/> bittlich das
        Urteil. Jetzt sah er ins Antlitz Gottes, hier, <lb/> in Mutters nackter Küche... O Mark!... </p>
      <p>
        <lb/> Ich schloß die Fenster und verhängte sie. Der Ge- <pb facs="#f0335" n="333"/>
        <lb/> stank des Hofes war in Stube und Küche. Ich hatte <lb/> kein Petroleum. Ich steckte
        ein Licht an, und der <lb/> gelbe Schimmer war der einzige Schmuck der ent- <lb/> färbten
        Wände. </p>
      <p>
        <lb/> „Nun,“ sagte Mark, „der kleine Bruder macht we- <lb/> nigstens kein Geseres. Ja, ich
        komme ins Leck. Die <lb/> Weiber haben wieder Masse Schabbes gemacht. Nun, <lb/> einmal muß
        man ja anfangen. Wenigstens haben wir <lb/> nicht Hackelneune gemacht. Lemattoschieber sind
        wir <lb/> gewesen —“ </p>
      <p>
        <lb/> Er unterbrach sich. Ich hatte mich auf den Herd <lb/> gesetzt, ich verstand kein Wort.
        Er sah es und lachte. </p>
      <p>
        <lb/> „Wahrhaftig, da red ich in der Kaschemmen- <lb/> sprache, und du verstehst kein Wort.
        Also: die Wei- <lb/> ber haben wieder klatschen müssen, da konnten sie <lb/> den Mond-Emil
        hochnehmen, der Schmiere gestan- <lb/> den. Gustav und ich sind vom Keller eingestiegen, es
        <lb/> war nicht Raub, nur schwerer Einbruch. Das gibt —“ </p>
      <p>
        <lb/> Er sah sich um. Er sah mich nicht mehr an. Er <lb/> war noch nicht neunzehn Jahre. Es
        fiel mir ein: </p>
      <p>
        <lb/> „Mark, es ist ja dein Geburtstag heut —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich weiß,“ sagte Mark. </p>
      <p>
        <lb/> Und jetzt setzte er sich. Er steckte eine Zigarette <lb/> an der Kerze an, ich hatte
        ihn noch nie so blaß ge- <lb/> sehen, er hatte lange nicht geschlafen. </p>
      <p>
        <lb/> „Da ist Milch, Mark. Trink. Brot ist auch da und <lb/> Schmalz. Iß.“ </p>
      <pb facs="#f0336" n="334"/>
      <p>
        <lb/> Er antwortete nicht, er rauchte. Dann sagte er: </p>
      <p>
        <lb/> „Ich hab gedacht, du schmeißt mich raus, Teddy. <lb/> Teddy, ich hab nicht gedacht,
        daß du — Und die <lb/> Henny haben sie laufen lassen. Daß sie nur dichte <lb/> hält, sie
        weiß ja alles. Aber dir will ich nichts sagen, <lb/> Teddy. Teddy, <sic>wahrhaftigen</sic>
        Gott, ich wollt dir gern <lb/> Adjees sagen, aber ich hab gedacht, du schmeißt mich <lb/>
        raus...“ </p>
      <p>
        <lb/> „Mark, hör zu. Ich schließe dich hier ein. Man <lb/> war schon hier und hat dich
        gesucht, jetzt kommen <lb/> sie gewiß nicht noch einmal. Du rührst dich nicht <lb/>
        tagsüber, ich bring dir Essen, Bier, was du willst. <lb/> Nachts gehst du dann eine Stunde
        an die Luft. Sie <lb/> finden dich bestimmt nicht.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich verstummte, er sah mich so seltsam an. Es <lb/> fiel mir ein, daß ich ihn nie
        hatte weinen sehen als <lb/> Kind. </p>
      <p>
        <lb/> „Nicht wahr, Mark? Wir machen es so.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Nee Junge, nee Bruderherz. Einmal muß es doch <lb/> sind! Also nu los! Ich bleib heut
        hier, und morgen <lb/> früh, wenn ick mir ausjeschlafen, stell ick mir: da, <lb/> ihr
        Bochers, da habt ihr mir.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war nicht ganz wach in dieser Nacht. Ich <lb/> hörte ihn so entfernt sprechen. Was
        sagte er? </p>
      <p>
        <lb/> „Fein ist das, Teddy,“ sagte er. „Du schimpfst <lb/> nicht und du fragst nicht. Und
        ich glaube, du gibst <lb/> dem kleinen Bruder auch ’n Kuß, was?“ </p>
      <pb facs="#f0337" n="335"/>
      <p>
        <lb/> Das rief er ganz forsch und rauh, er hatte solche <lb/> Angst, sentimental zu werden. </p>
      <p>
        <lb/> Wie traumwandelnd ging ich zu ihm. Und in die- <lb/> sem Augenblick fuhr Mutter in
        mich, besetzte mich. <lb/> Und als Mutter umfing ich seinen Kopf, preßte ihn <lb/> an mein
        Mutterherz und küßte ihn und litt Mutter- <lb/> weh... </p>
      <p>
        <lb/> Er roch nicht nach Tabak, nicht nach Alkohol. <lb/> Mark hatte gebadet, Mark hatte
        sich mit Damenseife <lb/> gewaschen und roch so gut. Er war rasiert, die Haare <lb/> waren
        ihm gestutzt, sein starker, weißer Jungen- <lb/> nacken war ausrasiert. Ich sah, er trug
        seinen Sonn- <lb/> tagsanzug, er hatte einen dünnen goldenen Freund- <lb/> schaftsring am
        kleinen Finger der Rechten und im <lb/> Knopfloch ein kleines Turnvereinsabzeichen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich spürte es — o, er drückte sich an mich, er <lb/> spürte die Mutter in mir, er
        lehnte sich, einen Augen- <lb/> blick Kind, an die noch im Tode Unsterbliche, er <lb/>
        <hi rendition="#g">liebte</hi> in diesem Augenblick, es war ihm verziehen... </p>
      <p>
        <lb/> Die Mutter erbarmte sich seiner, sie nahm ihn auf, <lb/> er hatte nichts getan — Jetzt
        konnte die Welt ihn <lb/> richten. Er war ihr entrückt... </p>
      <p>
        <lb/> Ich küßte ihn. </p>
      <p>
        <lb/> Und da war es schon wieder vorbei. Er setzte sich <lb/> auf und nahm eine neue
        Zigarette und sagte mit <lb/> trockener Stimme: </p>
      <p>
        <lb/> „Komisch, was? Daß wir zwei Brüder sind. Du — <pb facs="#f0338" n="336"/>
        <lb/> ich! Ein Einbrecher und ein — Pfui Deibel, is das ’n <lb/> Tabak! — Aber sind wir
        Brüder? — Nee, weißte, <lb/> Teddy, du — Du hast ’ne Mutter; aber ich hab ’n <lb/> Vater!
        Das is de Chose!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und da wagte ich zu sagen: </p>
      <p>
        <lb/> „Du hast keine Schuld, Mark. Vergib uns.“ </p>
      <p>
        <lb/> Er tat, als hörte er nicht. Er schmiß die Zigarette <lb/> weg, stand auf und reckte
        sich. </p>
      <p>
        <lb/> „Du, Teddy, ich bitt dich, laß mir bei dir ins Bett <lb/> liejen, einmal, die Nacht
        noch. Ja, willste? Ick bin <lb/> verdammt müde. Möcht jern ne jute Tur machen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Er lächelte mich kindlich an, er schämte sich und <lb/> sprach darum so lausig. Seit
        Mutter fort war, hatte <lb/> ich nie mehr so sehr einen Menschen in mir leben <lb/> gefühlt
        wie jetzt Mark. Ich verstand ihn schmerz- <lb/> haft tief... </p>
      <p>
        <lb/> Ich legte mich zu ihm ins Bett, ich hockte mich <lb/> hin, sah auf ihn hinab. Er sah
        ganz glücklich aus. <lb/> Er nahm meine Hand und schob sie unter seinen <lb/> Nacken. Wie
        jung, wie warm, wie lebendig war der <lb/> kleine Bruder! Seine Augen waren so klar, nichts
        <lb/> mehr von Welt, Wissen und Schuld war darin, das <lb/> reine Kind lächelte mich an. </p>
      <p>
        <lb/> „Nicht wahr,“ sagte er, „Teddy, nicht wahr? — <lb/> halt mich mal noch ein bißchen —“
        Und er faltete <lb/> die Hände auf seiner Brust. „Nich wahr, so is Mutter <lb/> hier ins
        Bett jestorben?“... </p>
      <pb facs="#f0339" n="337"/>
      <p>
        <lb/> Er schloß die Augen und schlief schon... </p>
      <p>
        <lb/> Ich ließ das teure Licht brennen, bis es zu Ende <lb/> war. Ich blieb so sitzen, die
        Hand unter Marks gol- <lb/> denem Kopf, und sah ihn an. Als wüßte ich, daß ich <lb/> ihn zum
        letzten Mal sähe. Denn er ist ja nicht wieder <lb/> zu mir gekommen. </p>
      <p>
        <lb/> Als das Licht ausflackerte, kam schon die Früh- <lb/> dämmerung durch das verhängte
        Fenster. </p>
      <p>
        <lb/> Da fiel ich hin und schlief ein, und es war wie <lb/> ein Traum, daß ein Junge sich
        bückte und mich heiß <lb/> auf den Mund küßte. Aber als mein Wecker rasselte, <lb/> war ich
        allein — Mark hatte sich fortgeschlichen. <lb/> Die Kissen waren noch warm von ihm. Aber
        auch <lb/> diese Spur seines Lebens erlosch schnell... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Jetzt sieht es aus, als gäbe es nur Tränen in dieser <lb/> Welt... Aber wir lachen
        auch, ja, nur wir verstehen <lb/> zu lachen, weil wir es so selten tun, weil wir Kum- <lb/>
        mer und Hunger wegzulachen haben, weil wir, immer <lb/> aufs Traurige eingestellt, den
        raschen Blick fürs Ko- <lb/> mische haben. Ich habe nur nichts davon erzählen <lb/> können,
        weil mein junges Leben in die bitterste Zeit <lb/> Europas fiel. Damals, im Krieg und die
        Jahre nach- <lb/> her, haben wir wirklich nichts zu lachen gehabt. Aber <lb/> wenn wir nur
        irgendwie Gelegenheit dazu hatten, <lb/> taten wir’s. Und ich hielt mit, ich konnte mich —
          <pb facs="#f0340" n="338"/>
        <lb/> trotz allem — freuen. Auch mein Leben war nicht <lb/> so trübselig, wie es scheinen
        mag. Ich erzähle nur, <lb/> weil sie allein wichtig und entscheidend waren, die <lb/>
        schweren und bitteren Dinge. </p>
      <p>
        <lb/> Und jetzt muß ich wirklich etwas von mir ganz <lb/> allein erzählen, etwas, das nicht
        den andern, das <lb/> mir selbst widerfuhr. Ach, ich Tor, ich liebte nicht <lb/> nur — das
        kann mir keiner verwehren! —, ich wollte <lb/> geliebt sein! </p>
      <p>
        <lb/> Ich kam selten zu Falks, aber nun wollte ich von <lb/> Stefan, der mit Zustimmung
        seiner Mutter, nach Ab- <lb/> solvierung des Gymnasiums Musik studierte, eine Mu- <lb/> sik
        zu einer meiner Szenen. Ich spielte sie ihm vor. <lb/> Es war ein stummer Dialog mit einer
        menschengro- <lb/> ßen lächelnden Puppe, die als Mannequin in einem <lb/> Sofa saß. Ich
        verliebte mich in sie, kokettierte, flir- <lb/> tete mit ihr, geriet aus Schüchternheit in
        Verlegen- <lb/> heit, in Frechheit, in Zudringlichkeit, wieder in Furcht <lb/> und Flucht,
        traute mich zurück, da sie unentwegt <lb/> lächelte — Und dann Liebeserklärung,
        leidenschaft- <lb/> liches Geständnis, Kniefall, Kuß auf Knie, Schuh, <lb/> Kleid, Hand, Arm
        — Ich umfaßte sie, o, ich wage <lb/> es, Gott anrufend — Und sie fällt über mich, Puppe,
        <lb/> Ding, Werg und Wachs — Ich bin genarrt, betrogen, <lb/> ich höre noch die Wände über
        mich lachen... </p>
      <p>
        <lb/> Das spielte ich ganz komisch am Anfang, zuletzt <lb/> tragisch, verzweifelt. </p>
      <pb facs="#f0341" n="339"/>
      <p>
        <lb/> Stefan schrieb mir eine schöne, sanfte Musik dazu, <lb/> leider war das Saxophon, das
        ich nicht mag, dazu <lb/> nötig, um die komischen Effekte zu unterstreichen. <lb/> Aber am
        Schluß tat er mir den Gefallen, da wurde <lb/> es ganz große Musik, etwas Brahmsisch, aber
        das <lb/> liebe ich, voll und tief im Klang, mit großer Melodie. <lb/> Und erst wie ich über
        der Puppe sitze und keine <lb/> Hoffnung mehr, quäkt wieder das Saxophon hoch <lb/> und
        schrill auf und stürzt chromatisch rasend schnell <lb/> ab, aufgefangen von der großen
        Pauke. Bums! <lb/> Schluß! </p>
      <p>
        <lb/> Stefan kannte alle meine Szenen, er war zu ihnen <lb/> in die Kinos und Kabaretts
        gekommen, und eines <lb/> Abends begleitete ihn Thomas. Ich erzählte Henny, <lb/> daß die
        Brüder heute da wären, sie kannte den älteren <lb/> noch gar nicht. Aber sie sah sie, sie
        saßen hart am <lb/> Podium, Henny erspähte sie schon durch den Vor- <lb/> hang. </p>
      <p>
        <lb/> Sie fand so viel Beifall, daß sie einen selbst zu- <lb/> sammengestellten Niggertanz
        zugab, bei dem sie eine <lb/> schwarze Maske trug, einen Mohrenkopf, der die <lb/> Weiße
        ihres sehr entblößten Körpers ins Perverse <lb/> steigerte. </p>
      <p>
        <lb/> Die letzte Szene spielte ich allein, es war die mit <lb/> der Puppe. Als ich abtrat,
        war Henny schon fort. </p>
      <p>
        <lb/> Stefan erwartete mich draußen. Thomas hatte sich <lb/> entfernt. Er ahnte es so wenig
        wie ich: Henny und <pb facs="#f0342" n="340"/>
        <lb/> Thomas waren in dieser Nacht zum ersten Mal zu- <lb/> sammen... </p>
      <p>
        <lb/> Thomas wohnte nicht bei der Mutter. Er hatte ein <lb/> kleines Appartement in dem
        Gartenhäuschen einer Tier- <lb/> gartenvilla. Die Fabrik ging wieder gut, man hatte <lb/>
        Aufträge ins Ausland, und Thomas konnte sich ein <lb/> Auto halten und einen Diener in der
        Wohnung. </p>
      <p>
        <lb/> Ich erfuhr nicht eher etwas von alldem, bis Henny <lb/> mir eines Tages sagte, ich
        müßte nun ohne sie ar- <lb/> beiten... </p>
      <p>
        <lb/> Da hatte sie bereits ihre Vierzimmerwohnung in <lb/> der Hohenzollernstraße,
        abgetrennt von der Etage <lb/> einer verarmten Generalin, englisch möbliert. Da <lb/> wählte
        sie bereits unter den Automarken nach dem <lb/> elegantesten und lautlosesten Wagen, sie
        hatte eine <lb/> gewandte Jungfer und lag bis mittag im Chippen- <lb/> dalebett, ihr
        Meerkätzchen neben sich — </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging nämlich hin, ahnungslos, sie hatte mich <lb/> darum gebeten, sie wollte weder
        auf der Straße noch <lb/> in der Garderobe sich näher erklären. </p>
      <p>
        <lb/> „Aber geh nicht etwa zur Gräbert,“ sagte sie. „O, <lb/> Teddy, sprich diesen Namen nie
        mehr vor mir aus! <lb/> Ich wohne jetzt für mich.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und dann kam ich, um sechs Uhr, und sah die <lb/> neue Pracht, Bilder, Bücher im
        Schrank, nichts fehlte <lb/> es sah sogar schon benutzt und bewohnt aus. </p>
      <p>
        <lb/> Ich konnte mich nicht setzen, der Teetisch war ge- <pb facs="#f0343" n="341"/>
        <lb/> deckt. Henny schien es nie anders gekannt zu haben, <lb/> sie sprach sogar zur Jungfer
        weder hochmütig noch <lb/> kameradschaftlich, sondern so einfach-freundlich, wie <lb/> ich
        in der Villa die Damen mit dem Personal hatte <lb/> sprechen hören. Ja, nicht einmal Lilian,
        geboren im <lb/> Reichtum, hatte diesen selbstverständlichen Ton den <lb/> Angestellten
        gegenüber. </p>
      <p>
        <lb/> Es sah aus, als hätte Henny jetzt ihren wahren <lb/> Mutterboden gefunden, als gehörte
        sie hierher, als <lb/> stände sie nun am einzig angemessenen Ort. </p>
      <p>
        <lb/> Und ich war ein kleiner Bürger, ein Prolet, ein <lb/> Moralist: ich konnte mich nicht
        an ihren Tisch setzen. </p>
      <p>
        <lb/> „Von wem?“ fragte ich sie. </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, weißt du denn wirklich nicht? O, Teddy, <lb/> süßer Junge, gehst du denn wirklich
        so blind durch <lb/> die Welt?“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie sprach sogar anders, ihre Worte waren neu, <lb/> ihre Stimme rein, hatte nichts
        mehr von dem Anflug <lb/> Heiserkeit, mit der sie noch gestern ihre Rede dialek- <lb/> tisch
        gefärbt hatte. </p>
      <p>
        <lb/> „Von wem, Schäfchen? Aber von Thomas!“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah nichts ein paar Augenblicke lang. </p>
      <p>
        <lb/> „Herr Falk,“ stammelte ich. </p>
      <p>
        <lb/> Noch jetzt war er „Herr“, ich konnte nicht anders, <lb/> und es war ja auch so
        selbstverständlich: der „Herr“ <lb/> nahm sich, welche Leibeigene er wollte... </p>
      <p>
        <lb/> Da glaubte ich, Henny nichts mehr sagen zu kön- <pb facs="#f0344" n="342"/>
        <lb/> nen. Was sollte ich auch! War es Achtung, war es <lb/> Feigheit, daß ich mich jeder
        Situation beugte? jede <lb/> Absicht des Schicksals anerkannte, nie einem Willen <lb/>
        widersprach, jede Existenz, wie sie war, gelten ließ? </p>
      <p>
        <lb/> „Teddy,“ sagte Henny leise hinter mir. „Du wirst <lb/> doch nicht so fortgehen?“ Und
        sie fuhr fort: <lb/> „<hi rendition="#g">Freust du dich denn gar nicht?</hi>“ </p>
      <p>
        <lb/> Diese Naivität, diese Unschuld begreife ich erst <lb/> heute. Damals traf es mich wie
        ein böser Schlag. Ich <lb/> wandte mich um, ich begann zu schreien, sie zu be- <lb/>
        schimpfen — </p>
      <p>
        <lb/> Und sie begriff mich gar nicht, ganz verständnis- <lb/> los wich sie zurück, als wären
        die Worte, die ich <lb/> ausspie, Faustschläge, die sie träfen. Und sie emp- <lb/> fand sie
        als so ungerecht, daß sie sich nicht einmal <lb/> wehrte. </p>
      <p>
        <lb/> Sie flüsterte: </p>
      <p>
        <lb/> „Ja, siehst du denn nicht, wie schön ich es habe? <lb/> Er ist doch so gut zu mir.
        Sieh dich doch um. O, <lb/> Teddy —“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich weiß nicht, was ich schrie. Ich lief fort. An <lb/> der verdutzten Jungfer vorbei.
        Das Hündchen kläffte <lb/> wild. </p>
      <p>
        <lb/> Ich habe Henny erst viel später wiedergesehen. Sie <lb/> nannte sich damals bereits
        Renée van Roy und war <lb/> die Geliebte des jungen Edsel Green, der alljährlich <lb/> vier
        Monate in Europa zubrachte, Edsel Green, der <pb facs="#f0345" n="343"/>
        <lb/> stählerne Kronprinz, wie er hieß als Sohn des Stahl- <lb/> königs Green, des
        Präsidenten des Welt-Stahltrusts. <lb/> Henny war so seltsam schön geworden, eine seiden-
        <lb/> weiche, süß-strenge Schönheit, ganz ohne kosmetische <lb/> Nachhilfe, weder Lippen
        noch Brauen noch Wangen <lb/> gefärbt, und das hob sie aus allen andern Frauen <lb/> heraus.
        Sie trug kaum Schmuck, war ganz mädchen- <lb/> haft, für jeden Blick Dame. Ein junges
        Mädchen, <lb/> das offen, heiter, fast entgegenkommend ist — vor <lb/> Unschuld und
        Reinheit. So war Henny... </p>
      <p>
        <lb/> Ich sah sie nicht einmal an Marks Gerichtstag, <lb/> wo sie als Zeugin auftrat. Ich
        war bei Marks Ver- <lb/> teidiger gewesen. </p>
      <p>
        <lb/> „O, ich bin bezahlt,“ sagte er, als ich mich für <lb/> die Kosten erbot. </p>
      <p>
        <lb/> Ich wollte als Entlastungszeuge kommen, von Marks <lb/> Kindheit, seinem Charakter
        aussagen, aber er ließ mir <lb/> sagen, er wollte nicht. Er ließ mir Drohungen aus- <lb/>
        richten für den Fall, daß ich käme. Er würde sich <lb/> belasten, wenn ich für ihn einträte.
        Ich dürfte über- <lb/> haupt nicht im Verhandlungssaal sein. </p>
      <p>
        <lb/> Ich glaube, er liebte mich, wie er Mutter geliebt <lb/> hätte — hätte es sie noch
        gegeben... Er schämte sich, <lb/> mich in seine Welt blicken zu lassen, mich seine <lb/>
        Freunde und Mädchen kennen lernen, sein Geheim- <lb/> leben der letzten Jahre durchschauen
        zu lassen. </p>
      <p>
        <lb/> Auf Henny konnte er nicht verzichten, und gerade <pb facs="#f0346" n="344"/>
        <lb/> sie muß wohl schweren Herzens gegangen sein — aus <lb/> der schönen Wohnung der
        Hohenzollernstraße nach <lb/> Moabit, Schwester des Einbrechers. </p>
      <p>
        <lb/> Sie wußten es bei Falks, aber nicht einmal Stefan <lb/> sprach mit mir davon. </p>
      <p>
        <lb/> Nur Lilian enthielt sich nicht... </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte: </p>
      <p>
        <lb/> „Nächste Woche ist die Verhandlung, nicht wahr? <lb/> Es ist recht peinlich für Sie.
        Hoffentlich wissen nur <lb/> wenige von Ihren Beziehungen zum Angeklagten.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Lily!“ rief ihre Mutter. „Geh hinaus, Kind! Bist <lb/> du noch zu klein, um bei
        Erwachsenen bleiben zu <lb/> können?“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie beschämte sie vor mir. In guter Absicht. <lb/> Ahnungslos, daß ich es war, dem sie
        weh und Scha- <lb/> den tat. </p>
      <p>
        <lb/> Lilian ging lächelnd hinaus, im Shimmyschritt und <lb/> trällernd. Sie schloß die Tür
        nachdrücklich leise. Und <lb/> ehe sie sie schloß, warf sie mir, der ich ihr nach- <lb/>
        starrte, immer gebannt von ihrem unfaßlichen Reiz, <lb/> einen ihrer undeutbaren Blicke zu.
        War Lächeln dar- <lb/> in, Liebe oder Zorn, Verachtung oder Erbarmen, <lb/> Hingabe oder
        Hochmut? </p>
      <p>
        <lb/> Nina Falk beugte sich zu mir und sprach von mei- <lb/> ner abendlichen Kunstübung. Die
        Gute! Als ich ging, <lb/> sagte sie bittend: </p>
      <p>
        <lb/> „Nehmen Sie an jenem Tag Urlaub im Büro und <pb facs="#f0347" n="345"/>
        <lb/> kommen Sie zu uns, zu Stefan, zu mir. Bleiben Sie <lb/> bei uns, Theodor, wir sind
        Ihre Familie. Ja?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich ging nicht. Ich nahm keinen Urlaub. Als ich <lb/> in das Großkino am Zoo fuhr, wo
        ich aufzutreten <lb/> hatte, um sieben Uhr achtzehn bis zweiunddreißig, <lb/> um neun Uhr
        einundzwanzig zum zweiten Mal — <lb/> gegen sieben war das Urteil der Verhandlung gegen
        <lb/> Mark noch nicht bekannt. </p>
      <p>
        <lb/> Als ich um acht Uhr die Straße wieder betrat, gab <lb/> es die neuen Abendblätter, in
        Fettdruck starrte mich <lb/> das Urteil gegen „Polen-Gustav und Genossen“ an... <lb/> Mark,
        Gold-Mark, wie er hieß, Mark König hatte zwei <lb/> Jahre acht Monate Gefängnis bekommen.
        Ohne Be- <lb/> währungsfrist natürlich. </p>
      <p>
        <lb/> Nur das las ich. Zweiunddreißig Monate... Mein <lb/> Brüderchen... </p>
      <p>
        <lb/> Und in der letzten freien Nacht war er Mutters <lb/> Tod in ihrem Bett nachgestorben,
        ein Kind; er hatte <lb/> sich fortgeschlichen und mich geküßt, goldstrahlen- <lb/> der Junge
        — Brüderchen... Brüderchen... </p>
      <p>
        <lb/> Was war das für ein Leben hier am Zoo! Der <lb/> Brennpunkt der Stadt: Theater, Kino,
        Bar, Café, <lb/> Kirche, Reitsaal, Bahnhof, Hotel; Menschen, Men- <lb/> schen, Menschen;
        Autos, Omnibusse, Trams. Und Brü- <lb/> derchen zweiunddreißig Monate hinter Gittern... </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <pb facs="#f0348" n="346"/>
      <p>
        <lb/> Noch vor diesem bösen Tage hatte ich die Begeg- <lb/> nung mit Thomas Falk. Seit
        meinem Besuch bei <lb/> Henny hatte ich ihn nicht mehr allein gesehen. Er <lb/> kam nicht
        mehr in unsere Buchhaltung und ließ mich <lb/> nie rufen, um eine Auskunft zu erhalten.
        Offensicht- <lb/> lich wich er mir aus. Das paßte gar nicht zu seinem <lb/> Charakter, aber
        vielleicht hatte Henny ihn darum <lb/> gebeten. Sie schrieb mir, so liebe Briefe. Von einer
        <lb/> zweiten Schweizer Reise. Einmal aus Paris. Ich war <lb/> für sie die Heimat, das
        Mütterliche. Jetzt — da es ihr <lb/> gut ging — brach ihr Wesen durch, ihr gütiges zärt-
        <lb/> liches Wesen, ihr kindhaftes Zutraulichsein. Sie fühlte <lb/> sich geborgen, der Kampf
        ums Dasein war ausge- <lb/> kämpft, und siegreich konnte sie nun wahrhaft sie <lb/> selbst
        sein. </p>
      <p>
        <lb/> Nun schickte mich eines Tages der erste Buch- <lb/> halter zu Herrn Falk, schon gegen
        Büroschluß. Ich <lb/> sollte ihm eine Aufstellung zeigen, demonstrieren. Ich <lb/> machte
        den Versuch, es auf ihn selbst abzuschieben, <lb/> aber es durfte nicht allzu auffällig
        sein. Ich ging. </p>
      <p>
        <lb/> Thomas schrieb, allein in dem kleinen quadrati- <lb/> schen Raum, der ganz voll
        gehängt war von spani- <lb/> schen Ansichten. Granada, Toledo, Sevilla, Tarragona, <lb/>
        Cadix, herrliche große Aufnahmen, die sein Vater <lb/> gesammelt und um sich versammelt
        hatte. Wenn man <lb/> vom Schreibtisch aufsah, fiel der Blick auf die Moschee <lb/> von
        Cordoba. In Cordoba war der junge Thomas, <pb facs="#f0349" n="347"/>
        <lb/> sechs Wochen zu früh, geboren worden — nach <lb/> einem unvorsichtigen Eselsritt mit
        einem Sturz der <lb/> jungen Frau. </p>
      <p>
        <lb/> Und da saß er nun, stark und lebensvoll, und unter- <lb/> schrieb die Korrespondenz
        des Tages. Er schickte das <lb/> kleine Fräulein hinaus, das ihm die Mappe gebracht <lb/>
        hatte und auf die Erledigung wartete. </p>
      <p>
        <lb/> Er sagte, indem er Unterschrift nach Unterschrift <lb/> mit großen klaren Buchstaben
        setzte, ohne mich an- <lb/> zusehen: </p>
      <p>
        <lb/> „Wir haben ja eigentlich miteinander zu sprechen, <lb/> Theodor. Ich verstehe es
        nicht, daß du mir böse bist.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich bin nicht böse. Ich kann mich doch nicht <lb/> gegen die Gesetze im Leben anderer
        auflehnen. Aber <lb/> ich bin traurig, weil Sie es sind — —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich? was? der deiner Schwester zu Hilfe kam?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Weil es ein Mensch aus diesem Hause ist.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Das ist sentimental, Theodor. Du bist ein Kind.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Und ich bin der Bruder des Mädchens, das Ihre <lb/> Geliebte ist.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Aber Theodor, willst du Philister, Banause, Moral- <lb/> pauker werden, bloß weil es
        sich um deine Schwester <lb/> handelt? Hättest du mich gehaßt, wenn Milly Müller <lb/> meine
        kleine Freundin wäre? Aber weil es Henny <lb/> König ist, willst du mich totschlagen?“ </p>
      <p>
        <lb/> „Wer ist denn so frei, daß er —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Dann sei du doch so frei, Theodor. Sieh einer <pb facs="#f0350" n="348"/>
        <lb/> an, was du aus dir gemacht hast! Woran andere zu <lb/> Grunde gehen, daraus ist dein
        Heldenepos geworden! <lb/> Verzeih, ich will dir nicht schmeicheln. Keine Rede <lb/> von
        Captatio benevolentiae. Nun bring doch die gei- <lb/> stige und menschliche Freiheit auf,
        Hennys Fall — <lb/> ich meine das sachlich, nicht bildlich! — unpersön- <lb/> lich zu
        beurteilen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich kann das. Aber es ist nur, ich sagte es ja <lb/> schon, weil es einer aus dem
        Hause Falk ist.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Junge!“ rief Thomas und lachte und schlug auf <lb/> den Tisch. „Ich glaube gar, du
        denkst, ich bin der <lb/> Erste gewesen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Unsere Blicke trafen sich, er sah gut mein Ent- <lb/> setzen — Begriff er nicht, wie
        unerträglich es <lb/> war, mit mir derart über meine Schwester zu spre- <lb/> chen?... Nein,
        ich war nie Proletarier gewesen, ich <lb/> wußte, wie dort Jungen von ihren Schwestern
        wissen <lb/> und reden. Aber ich brachte das nicht auf... </p>
      <p>
        <lb/> „Hast du wirklich nichts gewußt, Theodor? Hat <lb/> sie dich freundlichst belogen?
        Hast du nie gewußt, <lb/> daß Mutter Gräbert schon aus ihrer Minderjährig- <lb/> keit Nutzen
        zog?... Setz dich hin, alter Junge. Du <lb/> wirst mir doch nicht umfallen! So was lebt ja
        nicht. <lb/> Wächst am Gesundbrunnen auf und ist so ein <lb/> ahnungsloser Engel. Henny,
        weißt du, hat überhaupt <lb/> keinen ‚Ersten‘ gehabt. Jeder kam schon zu spät. <lb/> Dein
        Vater liegt im Massengrab — Nun, Theodor, ich <pb facs="#f0351" n="349"/>
        <lb/> bin wahrhaftig kein Sittenrichter, aber ich glaube <lb/> doch, sein Tod ist ihm zu
        leicht gefallen. Denn dein <lb/> Vater —“ </p>
      <p>
        <lb/> „Warum schweigen Sie nicht! Es ist doch vorbei. <lb/> Ich weiß schon genug, ich will
        nichts mehr wissen.“ </p>
      <p>
        <lb/> „Ich teile diesen Standpunkt nicht. Man weiß nie <lb/> genug, der Stärkste wäre, der
        alles wüßte. Der so <lb/> viel weiß, daß er überhaupt keine Weltanschauung <lb/> mehr hat.
        Denn eine haben, heißt ja schon wieder, in <lb/> ihr gefangen, zumindest: <hi rendition="#g"
          >be</hi>fangen sein. Sieh mal <lb/> jetzt: Revolution — Kommunismus — Was geschieht <lb/>
        denn schon? <hi rendition="#g">Ein</hi> System wird von einem andern ab- <lb/> gelöst. Aber
        man ist so gut der Sklave des einen wie <lb/> des andern, heiße es Sowjet oder Republik oder
        <lb/> Königreich. Kann ein Mensch in irgendeinem System <lb/> überhaupt frei sein? Es müßte
          <hi rendition="#g">die</hi> Welt, <hi rendition="#g">die</hi> Erde <lb/> geben, aber nicht
        Länder, Staaten, Nationen. Mein <lb/> Gott: Nationen! Und wenn es auch bloß ein <hi
          rendition="#g">Name</hi>
        <lb/> ist: wir sind Gefangene eines Namens! Es sollte nicht <lb/> Eltern, Geschwister geben:
        einfach <hi rendition="#g">Menschen</hi>! Dann <lb/> würden wir gerecht sein!... Versuch’s
        mal, Theodor, <lb/> alter Junge, versuch’s: sei gerecht! Und so sind wir <lb/> über den
        Kommunismus zu Henny gekommen. Be- <lb/> trachte sie mal ohne Vorurteil. Vielleicht auch
        mich <lb/> noch. Sie steckte viel tiefer im Sumpf, als du ahnungs- <lb/> loser Engel
        vermutetest, und ich reichte ihr die Hand.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich starrte in die spanischen Landschaften und <pb facs="#f0352" n="350"/>
        <lb/> Städte, die ich nicht kannte. So ging es mir mit Tho- <lb/> mas Falks Worten: ich
        hörte sie, aber es handelte sich <lb/> um Fremdes, nicht ganz Faßbares. </p>
      <p>
        <lb/> „Sieh mal, Theodor,“ fuhr die warme, trockene <lb/> Stimme fort, wirklich eine
        Mannesstimme, „ich nehme <lb/> da an dir einen Eingriff vor. Ich entferne von dir die <lb/>
        letzten Eierschalen deiner Geburt aus dem — den- <lb/> noch! — Bürgerlichen. Komm mal, wir
        stellen uns <lb/> ein bißchen darüber. Sei mal verständig und sei ein <lb/> Mann. Das ist
        besser als Bruder sein. Henny wird <lb/> ihren Weg machen, und ich helfe ihr. Ich sage dir,
        <lb/> wir flogen einfach aufeinander, sie hatte noch nie <lb/> mit dem Herzen geliebt. Und
        ich? Na ja, Schwamm <lb/> drüber. Also wir lieben uns außerordentlich. Aber wir <lb/> wissen
        beide: morgen kann es sich ausgeliebt haben... <lb/> Und Henny soll hinauf, Henny soll es
        nicht nur gut, <lb/> sondern auch sicher haben, sie soll nicht mit Fünfzig <lb/> eine
        zweifelhafte Pension aufmachen und Nichten <lb/> ins Kasino begleiten oder sich einen
        Konfitürenladen <lb/> schenken lassen oder bestenfalls ein Modeatelier oder <lb/> einen
        Maniküresalon. Um Gottes willen, meine sei- <lb/> dene Henny! Und so viel Geld hab ich
        nicht! Ich <lb/> werde also zurücktreten, wenn der Kapitalist kommt, <lb/> der große
        Financier. Ich bringe ihr Gesellschaft ins <lb/> Haus, nächstens kommt Edsel Green aus
        Chicago <lb/> nach Berlin, du weißt ja, ich kenne ihn von Harrow <lb/> her, und ich werde
        ihm Henny präsentieren. Viel- <pb facs="#f0353" n="351"/>
        <lb/> leicht... Was will ich? Hennys Glück. Ich hab hun- <lb/> dert Mädels gehabt, Junge,
        aber Henny ist meine <lb/> erste Frau. Und wenn Mister Green will... Ich werde <lb/> Hennys
        lebenslänglicher Rente nicht im Wege sein. <lb/> — So, das wollte ich dir sagen, Theodor.
        Ich glaube, <lb/> ich habe dich für verständiger gehalten, als du bist.“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war wie in einem luftleeren Raum — oder in <lb/> einem giftgasgefüllten. Ich
        erstickte. Ich fand kaum <lb/> die Tür. </p>
      <p>
        <lb/> Und da rief er mich noch einmal zurück. </p>
      <p>
        <lb/> „Hallo! — Theodor, da hab ich was vergessen. <lb/> Setz dich mal mit Hermann Mucker in
        Verbindung, <lb/> dem Filmregisseur, er will ein paar Probeaufnahmen <lb/> von dir machen.
        Ich schleppte ihn neulich mit ins <lb/> ‚Tabarin‘, er sollte sich deine Szenen ansehen. Ich
        <lb/> finde nämlich, du solltest filmen, Junge! Ich will dir <lb/> jetzt nicht
        auseinandersetzen, was ich von dir halte und <lb/> hoffe. Aber wenn ich Geldleute fände,
        machte <hi rendition="#g">ich</hi>
        <lb/> eine Filmgesellschaft extra für dich auf!“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich will nichts davon sagen, wie ich ihn verließ... <lb/> Aber ich konnte ihn nicht
        hassen, nicht verachten, <lb/> nicht ausschalten. Nur ich war zerschmettert, mein <lb/>
        Lebensbild war getrübt. </p>
      <p>
        <lb/> Noch in diesem Zustand ging ich zu Herrn Mucker. <lb/> Wir fuhren in sein kleines
        Atelier in der Friedrich- <lb/> straße, und es wurden Aufnahmen gemacht, groß und <lb/>
        klein, ich schminkte mich, ging, weinte, feixte, setzte <pb facs="#f0354" n="352"/>
        <lb/> mich, starrte in die Jupiterlampen, bis mir die Tränen <lb/> entstürzten — ach, es
        bedurfte nur Erinnerung und <lb/> Vorstellung, um mich schluchzen zu machen. </p>
      <p>
        <lb/> Es war nichts, ich wurde kurz fortgeschickt... Ich <lb/> gab kein Bild — Nun, ich
        hatte nichts gehofft. </p>
      <p>
        <lb/> Ich war zweiter Buchhalter, würde allmählich auf- <lb/> rücken, das Geld konsolidierte
        sich ja wieder, ich <lb/> wohnte in Stube und Küche weiter, und das Woh- <lb/> nungsamt
        kümmerte sich nicht um mich, ließ mich <lb/> dableiben. Ich hatte die Küche geweißt und die
        Stube <lb/> tapeziert, ich hatte die Stühle selbst neu gepolstert, <lb/> es hingen
        Photographien alter Bilder und farbige Re- <lb/> produktionen an der Wand, es ging mir ja
        gut. Ich <lb/> verdiente Abend für Abend ein paar Mark, aber ich <lb/> war immer müde,
        immer, wie ein Alter. Und ich war <lb/> noch nicht zweiundzwanzig. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hatte Zeit, mal schnell auf eine Stunde in ein <lb/> Konzert zu springen, ich
        konnte mir selbst Bücher <lb/> anschaffen, ich las sie in drei Sprachen, Stefan liebte <lb/>
        mich und spielte mir seine Kompositionen vor. Und <lb/> Sonntags, am Vormittag, saß er oft
        viele Stunden am <lb/> Flügel. Und ich hörte, was ich nur wollte. Den gan- <lb/> zen
        Schumann und Brahms und das Werk Bachs. Ich <lb/> drang immer tiefer in die unendlichen
        Himmel der <lb/> Musik. Durch ihr Reich wandelnd, sah ich die zahl- <lb/> losen Dramen, die
        ich zu leben fähig war; mein Leben <lb/> setzte sich um in Bilder und Gleichnisse. Was ein-
          <pb facs="#f0355" n="353"/>
        <lb/> mal Kummer, Sehnsucht, Liebe, Hunger gewesen war, <lb/> verklärte sich zu Märchen,
        Allegorie, Komödie. Un- <lb/> glück wurde Ungeschick und Schluchzen Gelächter. <lb/> Ich war
        ja da, ich lebte, ich war entronnen und <lb/> atmete; das Leben war ja gerettet, also war
        alle Ge- <lb/> fahr nur Humbug, Schabernack, Schicksalsspaß. Ich <lb/> trat mit meinen zu
        kleinen Füßen die Erde — daß <lb/> ich so unsicher war: nun ja, meine Füße waren zu <lb/>
        klein... Daß ich alles ergriff und nichts halten <lb/> konnte, weder Mensch noch Geld... nun
        ja: meine <lb/> Hände waren zu klein. Es waren Kinderhände an <lb/> einem verkümmerten Mann.
        Aber im verkümmerten <lb/> Leib dehnt sich am heftigsten das Herz. Was war <lb/> ich? Ein
        Herz auf schwankenden Füßen mit zu <lb/> schwachen Händen... Was sollten die Menschen, die
        <lb/> Frauen da lieben? sie lieben das Große und Starke <lb/> und Besitzergreifende. Mir —
        entrann alles... Die <lb/> Erde noch rollte schneller, als ich laufen konnte. Ich <lb/>
        blieb immer zurück... </p>
      <p>
        <lb/> Lieber Stefan, du hast mich mit Musik genährt. <lb/> Aber es gab eine Melodie in
        meinem Leben, die konn- <lb/> test du nicht machen. Diese Melodie war Lilian... </p>
      <p>
        <lb/> Sie kam manchmal herein, wenn Stefan mir spielte. <lb/> So betont leise, so auffällig
        unsichtbar, daß sie sozu- <lb/> sagen die Musik verstummen und alles andere außer <lb/> ihr
        verschwinden ließ. Die Melodie dieses Mädchens <lb/> ging mir auf und ein, aber nicht ihre
        Harmonisierung. </p>
      <pb facs="#f0356" n="354"/>
      <p>
        <lb/> Sie sprach nie anders als hochmütig zu mir, über <lb/> mich hinweg, sie suchte nach
        jeder Möglichkeit, mir <lb/> weh zu tun, mich zu beleidigen, und sie scheute keine <lb/>
        Öffentlichkeit, suchte sie vielmehr, um mich bloß- <lb/> zustellen oder zu beschämen. </p>
      <p>
        <lb/> Ich mußte Sonntags, um zurecht zu meiner Arbeit, <lb/> zu meiner Nummer zu kommen,
        aufbrechen, wenn <lb/> alle noch da waren, ihre Freundinnen und Freunde, <lb/> Stefans
        Musikkameraden, Thomas Falks Umgang. </p>
      <p>
        <lb/> Und da konnte sie etwa, wenn ich mich vor ihr <lb/> verbeugte — sie gab mir nie die
        Hand — sagen, <lb/> indem sie mich — ich war kleiner als sie — von <lb/> oben bis unten
        ansah, und ihr Blick ruhte auf allem, <lb/> was mangelhaft an mir war, am Krawattenmuster,
        <lb/> an der Schuhform so herausfordernd, daß jedem diese <lb/> Schäden aufgingen — sie
        konnte mit der Kälte einer <lb/> Königin sagen, als spräche sie zu ihrem Friseur: </p>
      <p>
        <lb/> „Sie müssen ja Milch und Honig, Schafe und Ka- <lb/> mele in Fülle haben!“ </p>
      <p>
        <lb/> Und als ich sie verständnislos ansah und einige <lb/> junge Leute schon kicherten,
        fuhr sie fort: </p>
      <p>
        <lb/> „Ja,“ und sie betonte es nachlässig, „Sie, Sie <lb/> sollten doch im Alten Testament
        Bescheid wissen, <lb/> daß Gott der Herr die Gerechten mit Milch und Ho- <lb/> nig belohnt
        und die Gottesfürchtigen mit Kamelen <lb/> und Schafen. Und Sie pflegen ja immerdar Gerech-
        <lb/> tigkeit und Gottesfurcht...“ </p>
      <pb facs="#f0357" n="355"/>
      <p>
        <lb/> Dann konnte Frau Nina den Arm um mich legen <lb/> und mich so hinausbegleiten und mit
        mir noch in der <lb/> Diele stehen bleiben und plaudern. Stefan kam mit. <lb/> Aber ich fing
        Thomas Falks erbarmungslos forschen- <lb/> den Blick auf, der mich durchdringen wollte, als
        sähe <lb/> er einem Experiment, einer Vivisektion zu, kalt, aber <lb/> zu besserem Zweck. </p>
      <p>
        <lb/> Oder Lilian fragte mich über den Teetisch hinweg: </p>
      <p>
        <lb/> „Haben Sie nicht eine Schwester, Herr König? Wo <lb/> befindet sich die junge Dame?
        Könnte sie uns nicht <lb/> einmal die Freude ihres Erscheinens machen? Wo- <lb/> mit
        beschäftigt sie sich?“ </p>
      <p>
        <lb/> Thomas Falk lächelte. Ich glaube, er hätte am lieb- <lb/> sten gelacht. Er umarmte
        seine Schwester und küßte sie. </p>
      <p>
        <lb/> „Fräulein König wird sich vielleicht freuen, wenn <lb/>
        <hi rendition="#g">du</hi> sie einmal besuchst. Lade sie persönlich ein.“ </p>
      <p>
        <lb/> Oder Lilian rief durch das Zimmer, wenn ich <lb/> zwischen jungen Mädchen saß und
        plauderte: </p>
      <p>
        <lb/> „Wie ist das doch, Theodor, treten Sie noch immer <lb/> auf? Machen Sie uns doch mal
        wieder was vor! Ich <lb/> geh dann mit dem Teller sammeln. Wie die gute Frau <lb/> für ihren
        Seiltänzer von Mann.“ </p>
      <p>
        <lb/> Niemand konnte sie an solchem verhindern. Ich <lb/> dachte mir wohl, wie oft Nina und
        Stefan auf sie <lb/> einreden mochten. Aber ebenso dachte ich mir, daß <lb/> sie wohl in der
        Nacht dalag und sann: wie mich be- <lb/> schämen, verwunden, reizen. </p>
      <pb facs="#f0358" n="357"/>
      <p>
        <lb/> Ich wurde blaß, ich merkte es. Aber ich tat nie <lb/> etwas. Ich lächelte vielleicht,
        ich antwortete sogar und <lb/> antwortete sachlich, was ihre boshafte Absicht ent- <lb/>
        kräftete und vergeblich machte. </p>
      <p>
        <lb/> Nein, ich ging und liebte sie... </p>
      <p>
        <lb/> Ich liebte sie... </p>
      <p>
        <lb/> Und ich liebte diese Wunden, die sie mir schlug, <lb/> und hinderte sie, durch
        ständiges Reißen, am Heilen. <lb/> Noch Schmerzen, die von ihr kündeten, waren süß. </p>
      <p>
        <lb/> Ich hütete mich in mancher Nacht einzuschlafen, <lb/> um länger an ihr zu leiden. </p>
      <p>
        <lb/> Was ich sah, war ihre Verwandlung. Ich lebte von ihr. </p>
      <p>
        <lb/> Einmal Sonntags traf ich sie allein. Stefan hatte <lb/> die Mutter zu einem Besuch
        begleitet. </p>
      <p>
        <lb/> Sie saß, hinter zugezogenen Gardinen, in dem <lb/> blauen Zimmer und hatte die Hände
        im Schoß. </p>
      <p>
        <lb/> „Setzen Sie sich, mein Herr,“ sagte sie, wie halb <lb/> im Schlaf. „Wissen Sie, wer
        Sie grüßen läßt?“ </p>
      <p>
        <lb/> Ich war mitten im Zimmer stehen geblieben und <lb/> lehnte mich an den Tisch. Ich war
        schwach, hilflos <lb/> und blind. </p>
      <p>
        <lb/> „Ihre Schwester läßt Sie grüßen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie saß in einem Schaukelstuhl und begann sich zu <lb/> wiegen, und das ganze Zimmer
        wiegte sich mit mir. </p>
      <p>
        <lb/> „Ich war gestern wieder bei ihr. Ich bin oft bei <lb/> ihr. Wir sagen uns du, ich sage
        Schwester zu ihr, <lb/> ich habe mir immer eine gewünscht. Brüder — bah, <pb facs="#f0359"
          n="357"/>
        <lb/> das sind Männer, die nicht in Betracht kommen. Und <lb/> ein Mann, der nicht als Mann
        in Betracht kommt —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte die Augen geschlossen. In meiner Weltblind- <lb/> heit sah ich doch sie, die
        im unendlich Blauen wiegte. </p>
      <p>
        <lb/> „Wenn ich nicht Lilian zu sein verdammt wäre, <lb/> möchte ich — möchte ich — —“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie summte es leise vor sich hin, sie sprach gar <lb/> nicht zu mir. </p>
      <p>
        <lb/> „Schön ist sie. Wie Seide. ‚Seide‘ ruft sie Thomas. <lb/> Er liebt sie ganz richtig,
        doch er könnte sie heute ver- <lb/> schenken... Ja — — Rosen brach ich nachts — —“ </p>
      <p>
        <lb/> Und sie flüsterte im Halbgesang die ganze Sapphi- <lb/> sche Ode... </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich sah sie mich voll an... </p>
      <p>
        <lb/> „Doch verstreuten reich die bewegten Äste </p>
      <p>
        <lb/> Tau, der mich näßte...“ </p>
      <p>
        <lb/> Sie liebte mich... </p>
      <p>
        <lb/> Sie sah mich voll an... </p>
      <p>
        <lb/> Weißt du denn nicht? Siehst du denn nicht? <lb/> Lechze ich denn nicht nach dir? Komm
        doch! Da <lb/> bin ich ja. Ich — Für dich — Mein Geliebter... </p>
      <p>
        <lb/> Da lag ich ihr zu Füßen. Der Stuhl hielt an. Ich <lb/> beugte den Kopf, meine Stirn
        berührte ihr Knie. Ich <lb/> berührte zum ersten Mal: Frau... </p>
      <p>
        <lb/> Sie sagte leise: </p>
      <p>
        <lb/> „Auch der Küsse Duft mich wie nie berückte, <lb/> die ich nachts vom Strauch deiner
        Lippen pflückte; <pb facs="#f0360" n="358"/>
        <lb/> doch auch dir, bewegt im Gemüt gleich jenem, <lb/> tauten die Tränen...“ </p>
      <p>
        <lb/> Plötzlich stieß ihr Knie meine Stirn fort, sie warf <lb/> sich zurück, der Stuhl
        begann zu wiegen, und sie <lb/> sagte leise, ruhig, kalt: </p>
      <p>
        <lb/> „Aber Sie sind ja verrückt...“ </p>
      <p>
        <lb/> Und sie wiederholte — nach dem Schweigen einer <lb/> Minute, in der sie sanft
        schaukelte, und der Duft ihres <lb/> Körpers kam zu mir und ging von mir — sie wieder- <lb/>
        holte in demselben leidenschaftslosen, ruhigen Ton: </p>
      <p>
        <lb/> „Sie sind verrückt...“ </p>
      <p>
        <lb/> * </p>
      <p>
        <lb/> Dieses war mein Liebeserlebnis — </p>
      <p>
        <lb/> Ich hätte es erfunden haben können. Es war wie <lb/> ein Gleichnis. </p>
      <p>
        <lb/> Ich lief die Treppe hinunter, und sie war gütig <lb/> menschenleer und wohltuend
        schweigsam. </p>
      <p>
        <lb/> Ein Mal, ein einziges Mal hatte ich geträumt — <lb/> Aber selbst der Traum kannte
        keine Gnade und ver- <lb/> ließ mich... </p>
      <p>
        <lb/> Ich stand da, ich lief, stille Straßen sogen mich <lb/> ein. Als hätte ich viel, viel
        Zeit, so lief ich, lief ich. <lb/> Und stand wieder. Und wanderte weiter. Schnur- <lb/>
        gerade ging es, Kaiserdamm, Bismarckstraße, Chaus- <lb/> see im Tiergarten, Linden. Los!
        los!... </p>
      <p>
        <lb/> Und Lilian — — </p>
      <pb facs="#f0361" n="359"/>
      <p>
        <lb/> Ich liebte sie. Ja? liebte ich sie?... </p>
      <p>
        <lb/> O, ich liebte wie nur ein Mann. Ich ging aus dem <lb/> furchtbaren Debacle fort und
        spazierte herum. Ein <lb/> kleiner Junge, zu kleine Füße und Hände, nicht ganz <lb/>
        geeignet, festzustehen, festzuhalten. Die Erde rollte <lb/> schneller, als ich trippeln
        konnte. Und in meiner <lb/> Hand hatte das Glück nicht Platz. Alles lief mir fort. <lb/> Und
        was blieb?... </p>
      <p>
        <lb/> Friedrichstraße. Sonntagsstill. Zum ersten Mal sah <lb/> ich Berlin, und es war eine
        stille, feierliche Stadt. <lb/> Ob ich nicht gehen sollte Mittag essen... </p>
      <p>
        <lb/> Ein Schaufenster hielt mich auf. Koffer waren <lb/> darin in allen Größen. Leder,
        Rohrplatten. Silberne <lb/> Necessaires, Reisedecken, Plaids, Hutschachteln, Hand- <lb/>
        taschen. O, die Welt — — Aber ich sah mich... <lb/> Im Glase stand ich wie ein Geist, ein
        kleines Männ- <lb/> lein, unansehnlich, komisch. Und ich, ich hatte vor <lb/> Lilian
        gekniet?! Ich liebe dich — hatte ich gesagt?! <lb/> Ich, ich — — — Auf einmal war ich ein
        Ich! und <lb/> was für ein groteskes! </p>
      <p>
        <lb/> Armer Teddy! </p>
      <p>
        <lb/> Sie hatte mich ganz gelassen fortgestoßen und ganz <lb/> ruhig gesagt: </p>
      <p>
        <lb/> „Sie sind ja verrückt.“ </p>
      <p>
        <lb/> Gute, gütige Lilian, vergib mir, Lilian. Wie konnte <lb/> ich! Alle, alle, vergebt
        mir!... </p>
      <p>
        <lb/> Wäre ich nur schon zu Haus! Aber noch die ganze <pb facs="#f0362" n="360"/>
        <lb/> endlose Friedrichstraße, Stettiner Bahnhof — Ah, <lb/> Vaters Geist... Wie er mich an
        die Ecke stellt... <lb/> Bettler!... Die Gartenstraße. Unsere Fenster oben <lb/> im
        verkommenen Haus... Vergangenheit — Ge- <lb/> spenst? oder guter Geist: Mutter!... </p>
      <p>
        <lb/> Und ich war zu Haus. Ich sah mich um, es war <lb/> sauber, still. Ich nahm Papier und
        schrieb zwei Briefe. </p>
      <p>
        <lb/> „Henny, du schreibst mir oft und immer so lieb. <lb/> Aber <hi rendition="#g">ein</hi>
        Wort entbehre ich dabei, bitte, schreibe es <lb/> mir, sage es mir endlich, ich bitte dich.
        Schreib mir, <lb/> daß du mir vergibst. Du hast recht.“ </p>
      <p>
        <lb/> Und ins Gefängnis: </p>
      <p>
        <lb/> „Mark, Brüderchen geliebtes, ich muß dir etwas <lb/> schreiben. Vielleicht wirst du es
        nicht verstehen, aber <lb/> ich muß es dir endlich sagen: ich soll dich von Mutter <lb/>
        grüßen.“ </p>
      <p>
        <lb/> Damit schien mir alles getan. </p>
      <p>
        <lb/> Und ich war noch immer da, ich träumte nicht mehr, <lb/> ich hatte Lilian verloren,
        ihre Mutter, Stefan, die letzte <lb/> Liebe auf der Welt. Denn nie mehr konnte ich jetzt
        <lb/> zu ihnen gehen. Ich sah mich um. Alles war wahr und <lb/> unwahrscheinlich. Unterm
        Bett stand Mutters Wasch- <lb/> trog, und ich hatte gestern meine Wäsche darin ge- <lb/>
        waschen. Ha! ha! und ich hatte gesagt — ihr —: ich <lb/> liebe dich... </p>
      <p>
        <lb/> Ich war da. Ich blieb da. Mein Gott, was sollte <lb/> ich tun?... </p>
      <pb facs="#f0363" n="361"/>
      <p>
        <lb/> Ich bin zu Ende. Jetzt höre ich zu schreiben auf. </p>
      <p>
        <lb/> Es ist nicht wahr, daß jedes Ende auch ein Anfang <lb/> ist. Denn da stehe ich und
        werde immer stehen blei- <lb/> ben und nichts wird anders werden. </p>
      <p>
        <lb/> Ich bin jetzt Buchhalter in einer Fabrik am Wed- <lb/> ding, und mein Tagewerk läuft
        geruhsam ab. Abends, <lb/> wochenlang — dann eine Pause — spiele ich meine <lb/> kleinen
        Tragödien. Ich habe eine Menge neue ge- <lb/> funden. Ich habe noch einmal vor dem
        Kurbelkasten <lb/> gestanden, aber ich wirke nicht im Bild, es ist nichts <lb/> mit Filmen,
        ich verkaufe hier und da eine Idee. Das <lb/> ist alles. Dann habe ich Geld. Ich spare
        nicht. O! Bin <lb/> ich ein Verräter? Ich <hi rendition="#g">gebe</hi> — — Ich wohne noch
        <lb/> immer in dem alten Haus, und der Tischler im Keller <lb/> mit seinen fünf skrofulösen
        Kindern zwischen den <lb/> schwitzenden Wänden hat es dann leichter und der <lb/> und jene.
        Aber es reicht nicht. Und scheffelte ich <lb/> Millionen: es reichte nie... </p>
      <p>
        <lb/> Ich stille — bisweilen — den Hunger eines Hauses. <lb/> Aber der Hunger der Welt?
        Immer vergeblich. Kein <lb/> Geld reicht. Ist Armut ein Naturgesetz? </p>
      <p>
        <lb/> Ein halbes Jahr ist vergangen, seit ich begonnen <lb/> habe, meine Geschichte zu
        schreiben. Ich habe ge- <pb facs="#f0364" n="362"/>
        <lb/> arbeitet und gedient, nicht jeden Tag hatte ich eine <lb/> Stunde Zeit zu schreiben.
        Ich bin gegen Geld so <lb/> gleichgültig, wie nur ein Armgeborener es sein kann. <lb/> Kein
        Reicher wird begreifen, daß ich es verachte. <lb/> Muß man nicht verachten, was so
        notwendig, so un- <lb/> vermeidlich zum Sattwerden ist? Gemeines Geld, mit <lb/> dem man
        sich die Welt kaufen kann, für das ein <lb/> Mensch zu haben ist: o Niedertracht! </p>
      <p>
        <lb/> Wo ist Nina? wo heute Lilian? Eine reiche Frau, <lb/> deren Auto mich mit Dreck
        bespritzt? Stefan macht <lb/> Musik in Los Angeles. Erinnert er sich noch?... </p>
      <p>
        <lb/> Ich bin da. Was soll ich tun? </p>
      <p>
        <lb/> Ach, daß ich <hi rendition="#g">weiß</hi>! </p>
      <p>
        <lb/> Aber — o Trost! — noch etwas weiß ich: daß es <lb/> notwendig ist. Und ich weiß von
        Platon, daß alles, <lb/> was notwendig ist, auch schön ist. </p>
      <p>
        <lb/> Ich habe bittere Schläge bekommen, und ich kann <lb/> den Schmerz, den sie mir taten,
        nicht segnen. Aber <lb/> die Hand, die sie führte, an deren Weisheit glaube <lb/> ich. Es
        war eine Absicht da, es hatte einen Sinn: darf <lb/> man also aufbegehren? </p>
      <p>
        <lb/> Ich ahnte es wohl. Ich habe nie am Leben verzwei- <lb/> felt, ich habe es nie
        fortwerfen, nie verkürzen wol- <lb/> len. Ich ließ Mutter sterben und stand auf und regte
        <lb/> mich. Henny verkam, Mark fiel: ich straffte mich. <lb/> Ich glaube an irgendeinen
        Sinn: so lebe ich... </p>
      <p>
        <lb/> Manchmal, abends, wenn ich Zeit habe, gehe ich <pb facs="#f0365" n="363"/>
        <lb/> meinen alten Weg zur Schule in die Stralsunderstraße. <lb/> Der Rektor ist
        pensioniert. Rudolf Rauscher, den ich <lb/> liebte!... Ich gehe dahin, wo die Villa noch
        immer <lb/> steht, Fremde wohnen darin. Hier sprang Diana Fiori <lb/> in den Tod. Jetzt ist
        ein hohes Gitter über der Bö- <lb/> schung an den Geleisen. Ich gehe zum Nachtasyl und <lb/>
        sehe die Geschwister, die tausende, durch die Sperre <lb/> schleichen. Nein, es gibt kein
        soziales Problem. Sonst <lb/> wäre es ja zu lösen. Es gibt nur die Not, die Armut. <lb/> Sie
        ist doch ein Naturgesetz, sie gehört physiologisch <lb/> zur Menschheit wie eine unheilbare
        Krankheit, eine <lb/> dem Menschen vorbehaltene, wie der Krebs. Das Tier <lb/> verhungert
        nur als Haustier des Menschen. Unab- <lb/> änderlich ist Armut da! </p>
      <p>
        <lb/> Heut hat der Tischler zwei von den Kindern in die <lb/> Charité gebracht, sterbend.
        Tuberkulose. Und seine <lb/> andern drei?... </p>
      <p>
        <lb/> Ich sehe sie im Hof spielen. An die Fenster meiner <lb/> Stube stößt noch immer das
        Aborthäuschen. Wie es <lb/> stinkt! Es gibt keine Wohnungen. Hunderttausend <lb/> müssen im
        Dunkeln und Feuchten sterben. Ich sehe, <lb/> ich weiß — und was kann ich tun?... </p>
      <p>
        <lb/> Im Humboldthain saust der Wind. Zwischen Wed- <lb/> ding und Gesundbrunnen blüht es,
        und die Armen <lb/> lächeln. Ich laufe über die große Brücke, die Mil- <lb/> lionenbrücke,
        und noch immer liegen auf den unbe- <lb/> bauten Plätzen Müllhaufen, Schutthügel. Dort hat
          <pb facs="#f0366" n="364"/>
        <lb/> Henny nach Mutter gerufen. Und wieder dort öffnet <lb/> sich mir Berlin mit den trüben
        Schlünden seiner <lb/> Straßen, dem aufgerissenen Maul weiter Plätze, das <lb/> die Häuser
        wie Zähne fletscht, kariöse, faule, stin- <lb/> kende Zähne. Die Brücke schwingt sich
        ungeheuer <lb/> über die rinnenden Geleise, sie verbindet nur Armut <lb/> mit Elend. Und
        noch der Flieger oben, der von Mos- <lb/> kau kommt, was hat er anderes gesehen als dieses
        <lb/> selbe: Armut und Elend... </p>
      <p>
        <lb/> Nebel über Berlin. Fabriksirenenpfiffe. Wo ist <lb/> Himmel? Nur Stadt, Jammer der
        Stadt. Aber es gibt <lb/> sie, es wird sie immer geben. London, Paris, Lissabon <lb/> und
        Liverpool und Dublin und Marseille und Rom <lb/> und Leningrad, Shanghai und New York und
        Boston <lb/> und Hamburg... Kloaken überall, Hunger, Verbre- <lb/> chen, Notzucht, Mord. </p>
      <p>
        <lb/> Es ist gut, daß nichts aus mir geworden ist, daß <lb/> ich Buchhalter geblieben bin
        mit Nebenverdienst, denn <lb/> nur hier bin ich „zu Haus“. Zwischen Wedding und <lb/>
        Gesundbrunnen, wo Mutter gewaschen hat, Mark zu <lb/> stehlen begann und Henny auf den
        Kleinmädchen- <lb/> strich ging. Die alten, schwarzen Straßen, der stau- <lb/> bige Hain,
        die Bahnböschungen, wo wir Koks stahlen, <lb/> das Nachtasyl, vor dem ich den auf den
        Straßen auf- <lb/> geklaubten Tabak verkaufte — ein Pfennig die Pfeife <lb/> — Hier lebt
        mein Herz, hier wurzelt es. </p>
      <p>
        <lb/> Ich werde noch so lange leben. Der Tod — — </p>
      <pb facs="#f0367" n="365"/>
      <p>
        <lb/> Ich lächle über ihn. </p>
      <p>
        <lb/> Ich bin stärker als er, ich habe ihn ja überlebt, <lb/> damals als ich von Mutters Tod
        auferstand. Als ich <lb/> Lilian überwand. Lilian... </p>
      <p>
        <lb/> Liebe ich sie noch? liebe ich... </p>
      <p>
        <lb/> Ich vergehe — </p>
      <p>
        <lb/> Ich liebe sie — </p>
      <p>
        <lb/> Ich vergehe — </p>
      <p>
        <lb/> Alles ist in meinem Leben, nur Liebe nicht. Nur <lb/>
        <hi rendition="#g">eine</hi> Frau hat mich geliebt. Weil sie meine Mutter <lb/> war. Ich bin
        allein. Und so wird es bleiben. Ich sitze <lb/> in deiner Stube, Mutter, und koche mir
        Kartoffeln <lb/> und wasche meine Wäsche, und ich wünsche mir so <lb/> sehr, daß Mark sich
        wieder zu mir gesellt. Und wir <lb/> würden dann bürgerlich in umfriedeter Armut zu- <lb/>
        sammen hausen. </p>
      <p>
        <lb/> Wie schön ist es, am Sonnabend abend durch die <lb/> Straßen meiner Kindheit zu gehen,
        im Gedränge von <lb/> Mädels ohne Hut und Burschen im Sweater, von ver- <lb/> härmten
        Müttern, die für Sonntag so gern ein Stück <lb/> Fleisch kaufen möchten, und Männern, die
        den Lohn <lb/> in Kneipen tragen. O, es riecht nicht gut da, es <lb/> stinkt. Die Armen
        riechen und die Geschäfte mit <lb/> Räucherwaren, und aus der Roßschlächterei riecht es.
        <lb/> Und der Rummelplatz dröhnt schon, Kinoeingänge <lb/> lodern, Grammophone in Budiken
        gröhlen. Ich sehe <lb/> in die blassen Gesichter, gemeine und erloschene, lü- <pb
          facs="#f0368" n="368"/>
        <lb/> sterne und hoffnungslose. Viele lachen — o, sie <lb/> lachen über den leisesten Witz,
        sie sind so dankbar. <lb/> Ich sehe die blutarmen Gesichter der Kinder, die ihre <lb/>
        Mutter trägt. So nah ist mir alles, mein Herz geht <lb/> mir auf, ich liebe euch,
        Geschwister! Taschendiebe <lb/> und Huren — ja! Einbrecher und Strichjungen und <lb/> Säufer
        — ja! Aber ich liebe euch. Ich gehöre zu <lb/>
        <hi rendition="#g">euch</hi>, denn ihr braucht jemanden. Und dennoch — <lb/> was kann ich
        für euch tun! </p>
      <p>
        <lb/> O ihr Netze mit einem Brot darin, zwei Pfund <lb/> Kartoffeln, Schellfischköpfen für
        die Suppe, sechs <lb/> Pfennig das Pfund! O ihr sehnsüchtigen Weiberblicke <lb/> in
        Metzgerläden und Buttergeschäfte! Und ihr Kin- <lb/> der, o! vor den Fenstern der
        Konfitürenläden!... Ich <lb/> empfinde brennende Liebe, wenn ich euch zusehe, <lb/> euch
        rieche, bisweilen eines an die Hand nehme: <lb/> „Was willst du?“... </p>
      <p>
        <lb/> Ich weiß, ich sehe: es gibt ein Proletariat, das auf- <lb/> lebt. Sie haben ihre
        Theater, ihre Konzerte, sie haben <lb/> Sprechchöre und Gymnastikkurse, Singscharen und
        <lb/> ihre Volkshochschulen und Arbeitsgemeinschaften, sie <lb/> haben Boxklubs und machen
        Wandertouren und <lb/> Sportreisen. Sie haben Arbeitskurse für Kunst und <lb/> Wissenschaft,
        und es gibt Arbeiterkonzerte großer <lb/> Künstler und Orchester. Es gibt eine proletarische
        <lb/> Jugend, die das Leben besitzt und genießt, und ihre <lb/> Eltern haben Lithographien
        an den Wänden und <pb facs="#f0369" n="367"/>
        <lb/> sind in einer Buchgemeinschaft und Mitglieder der <lb/> Volksbühne. Aber die meine ich
        nicht, an euch denke <lb/> ich nicht. Ich denke nicht an das Proletariat, das sich <lb/>
        durchsetzt, das mit Würde da ist, besonnt vom poli- <lb/> tischen Ideal, sondern an die <hi
          rendition="#g">Armen</hi>. An den fünf- <lb/> ten Stand. Wenn in einem Saal tausend Arme
        sitzen: <lb/> vor der Tür stehen immer die noch Ärmeren. Ich <lb/> denke an <hi
          rendition="#g">meine</hi> Jugend und die Ungezählten, die <lb/> diese selbe Jugend immer,
        immer weiter führen. Nie- <lb/> mals höre ich auf zu betteln. Niemals hört Vater auf, <lb/>
        sein Geld zu vertrinken und die Familie verkommen <lb/> zu lassen; niemals Mutter, zu
        waschen, bis sie um- <lb/> fällt; immer geht die Schwester vor die Hunde und <lb/> kommt der
        Bruder unters Rad. Man braucht nicht von <lb/> denen zu reden, die sich selber helfen. Nur
        von denen, <lb/> denen nie geholfen werden kann. Nicht einmal von <lb/> Gott. Kein Gott wagt
        sich in die Finsternisse seiner <lb/> Schöpfung, wo die Ratte sich an die Brust des Men-
        <lb/> schen flüchtet, um sich da zu wärmen; wo die Mutter <lb/> den Müllkasten in fremdem
        Hof durchwühlt, um <lb/> für ihr Kind verschimmelt Brot zu finden. Von ihnen <lb/> reden —
        Aber zu welchem Ende, da man ihnen nicht <lb/> helfen kann?... Doch wenn nur Liebe für sie
        da <lb/> wäre in der Welt: sie atmeten vielleicht freier... </p>
      <p>
        <lb/> Mein Grab — — — Aber du liegst ja nicht da <lb/> drinnen, Mutter. Das da unten hat
        nichts mit Mutter <lb/> zu tun. Mutter ist unsterblich in der Garten-, in der <pb
          facs="#f0370" n="368"/> Jasmunderstraße, sie kommt die Treppe des Gemüse- <lb/> kellers
        herauf und die Stufen vom Milchgeschäft her- <lb/> unter. Ich sehe sie an der Tür des
        Roßschlächters <lb/> stehen und ihre Pfennige zählen, ehe sie sich hinein- <lb/> traut, und
        ich sehe sie an den Türen der Kneipen war- <lb/> ten, wo Vater ihr Geld vertrinkt. </p>
      <p>
        <lb/> Ich lebe und ich bin unsterblich... </p>
      <p>
        <lb/> Ich bettle immer noch in der Invalidenstraße, ich, <lb/> ich — wenn ich auch jetzt
        anders heiße, wenn es <lb/> auch ein anderer Junge ist, der die Hand hinhält. <lb/> Während
        ich hier sitze und schreibe, bettelt es immer <lb/> noch in Berlin und London und Paris und
        Amster- <lb/> dam, und <hi rendition="#g">ich</hi> bin es, der bettelt, immer ich, das <lb/>
        unsterbliche Kind der Armen. Es wird nie aufhören, <lb/> ich werde längst tot sein, und noch
        immer wird ein <lb/> kleiner, hungernder, frierender Junge an der Ecke <lb/> stehen — und
        ihr geht vorüber — man sieht ihn <lb/> nicht, man hört ihn nicht — und er flüstert hinter
        <lb/> euch, ungehört, unerhört, blaß, zitternd —: </p>
      <p>
        <lb/> O! hört!! </p>
      <p>
        <lb/> „Mich hungert — — Mich hungert — —“ </p>
      <pb facs="#f0373" n="[Buchdeckel hinten innen]"/>
      <pb facs="#f0374" n="[Buchdeckel hinten außen]"/>
    </body>
  </text>
</TEI>
