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      <titleStmt>
        <title type="main">Die Henker</title>
        <author>
          <persName ref="http://d-nb.info/gnd/11850651X">
            <surname>Barbusse</surname>
            <forename>Henri</forename>
          </persName>
        </author>
        <editor role="translator">
          <persName><surname>Nelson</surname><forename>Heinrich</forename></persName>
        </editor>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>
          <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/2130670-9">Moses Mendelssohn Zentrum für
            europäisch-jüdische Studien</orgName>
          <email>redaktion@juedische-geschichte-online.net</email>
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            <addrLine>Am Neuen Markt 8, 14467 Potsdam</addrLine>
          </address>
        </publisher>
        <availability>
          <licence target="http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/">
            <p>Dieses Werk ist gemeinfrei. Digitalisat der Slowenischen National- und
              Universitätsbibliothek im Rahmen des Digitalisierungsprojektes EODOPEN</p>
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      <notesStmt>
        <note>
          <p> Der durch sein Kriegstagebuch „Das Feuer“ (1918) berühmt gewordene Autor und politisch
            engagierte Intellektuelle Henri Barbusse verstand nach dem Ende des Ersten Weltkrieges
            die Ziele des Kommunismus als einzige Lösung für eine neue soziale Gesellschaftsordnung
            und setzte sich früh gegen den zunehmenden Aufstieg des Faschismus ein. </p>
          <p> In seiner aufklärerischen Schrift „Die Henker“, die 1927 im Stuttgarter Verlag
            Öffentliches Leben erschien, beschreibt Barbusse seine Eindrücke, die er auf einer Reise
            im Jahr 1925 als Mitglied einer Untersuchungskommission der Internationalen Roten Hilfe
            auf den Balkan sammelte. In dieser Zeit wütete dort der sogenannte Weiße Terror, d.h.
            gewaltsame Maßnahmen durch nationale Kommandos gegen revolutionäre Bewegungen, die nach
            dem Ende des Ersten Weltkrieges in Ländern wie Rumänien, Ungarn, Bulgarien und
            Jugoslawien verübt wurden. Barbusse berichtet genau und detailliert über diese
            Ereignisse und deckt mit seiner Schrift die dortigen Zustände für seine Leserschaft auf:
            „Die Balkan-Halbinsel leidet unter den durch die Frage der völkischen Minderheiten
            naturgemäß hervorgerufenen Zwistigkeiten. Die Verträge, die nach dem Kriege von 1914
            gemacht worden sind, und durch welche die Grenzen aller dieser verschiedenen Länder
            geändert worden sind, haben zum Vorteil der einen und zum Nachteil der anderen ganze
            Landesteile abgeschnitten, die nunmehr der Gegenstand sich untereinander bekämpfender
            Irredentismen und heftiger ‚Entnationalisierung‘ sind.“ (S. 86). </p>
          <p> In seinem Vorwort für die deutsche Ausgabe macht Barbusse deutlich, worum es ihm geht:
            „Es handelt sich um eine Frage der Gerechtigkeit [keine Parteifrage], nicht abstrakter
            Gerechtigkeit oder Wortgerechtigkeit, sondern um die Frage einer sehr lebendigen und
            erschütternden Gerechtigkeit. Es handelt sich um das Recht, das sich eine despotische
            Minderheit angemaßt hat, mit der Freiheit, mit dem Leiden und mit dem Leben der anderen
            nach Belieben zu schalten.“ (S. 8). Er berichtet von den widrigen Umständen vor Ort zu
            reisen und mit den Menschen zu sprechen, unentwegt wird die Kommission bei ihrer
            Recherche gestört: „Die arbeitenden Klassen, mit denen ich wiederholt in Berührung
            gekommen bin, ebenso wie gewisse hervorragende Intellektuelle und Journalisten der
            linksgerichteten Presse haben das von uns in Angriff genommene Projekt mit vollkommener
            Sympathie und ohne Hintergedanken betrachtet. Aber ein anderer Teil der Presse, eine
            nationalistische und konservative Minderheit, hat dieses Recht der Angehörigen eines
            anderen Landes, in die ‚nationalen Angelegenheiten‘ hineinzusehen und sie zu
            untersuchen, bekämpft und bekämpft es noch heute […]“ (S. 12f.). </p>
          <p> Barbusse wirft einen genauen Blick auf die Regierungen, „die nicht aus den Nationen
            und Völkern hervorgegangen sind, die sich nur durch künstliche Mittel erhalten: durch
            Polizeigewalt sowie durch militärischen und gerichtlichen Terrorismus, […]“ (S. 25) und
            konkretisiert: „Welches aber sind die Tatsachen, die wir klarzustellen beabsichtigt
            haben? Es handelt sich um Ereignisse anläßlich der militärischen Okkupation, um die
            Handlungen und die Haltung von Richtern und Polizeibeamten, um die Behandlung, die man
            Gefangenen angedeihen läßt; es handelt sich um Metzeleien und Meuchelmorde. Das sind
            Dinge, welche die Öffentlichkeit angehen – sie sind es sogar in dem Maße, daß sie der
            Geschichte angehören. Sie gehen alle an.“ (S. 14). Die Geschehnisse müssen ans Licht
            kommen, in die Öffentlichkeit, denn: „[…]: Dort unten geht eine niederträchtige
            Ungeheuerlichkeit vor sich, die ungeachtet des demagogischen Geredes, mit dem sie
            prunkt, nichts als eine gewaltige Organisation des Meuchelmordes ist.“ (S. 21). </p>
          <p> Barbusse stellt nachdrücklich klar, dass: „In allen Balkanländern, zu denen man in
            dieser Hinsicht wie in mancher anderen auch Ungarn zählen kann, haben die Machthaber ein
            Gesetz zur ‚Sicherheit des Staates‘ in Kraft gesetzt. Die rumänischen, bulgarischen,
            jugoslawischen und ungarischen Gesetze zur Sicherheit des Staates haben sozusagen alle
            denselben Typus. Sie geben den bestehenden Gewalten alle Mittel zur Ergreifung und
            Niederschlagung derer, die sich nicht zu genau den gleichen Ansichten bekennen, welche
            die herrschende Richtung hat.“ (S. 32f.) und führt aus, dass es zu wahllosen und
            unbegründeten Verbrechen kommt: „Wie ich gesagt habe, ist man in den Balkanländern Zeuge
            der tatsächlichen wilden Ausmerzung aller der Menschen, die in der Bauernpartei und in
            der kommunistischen Partei, bevor diese außerhalb des Gesetzes gestellt worden war, eine
            Rolle gespielt haben, ebenso, wie der Vernichtung der ‚Verdächtigen‘, ferner der mit den
            proletarischen Ideen sympathisierenden aller Schattierungen und endlich derer, die
            danach streben, die Korporative Arbeitersolidarität zu organisieren.“ (S. 77).</p>
          <p> Um seine Ausführungen und die Berichte, die er anführt, zu unterstreichen, zieht er
            einen Brief heran: „Ich bewahre wie einen Wertgegenstand ein armes kleines Stückchen
            Papier auf: einen Brief, den rumänische politische Gefangene, die, ich weiß nicht wie,
            von meiner Durchreise Kenntnis erhalten hatten, mir zukommen lassen konnten. Die
            Behandlung, welche diese Menschen erdulden, macht alle Einbildungskraft zuschanden, und
            dabei sind sie nur wegen ihrer als verbrecherisch betrachteten Ansichten angeschuldigt,
            ja es genügt, wie ich schon gesagt habe, daß sie im Verdacht stehen, mit den Gegnern der
            Regierung zu ‚sympathisieren‘. Ich gebe einige Zeilen dieses herzzerreißenden Appells
            wieder: ‚Die ‚Tabaksbehandlung‘ bis auf Blut mit Hilfe von Knotenstöcken und
            Ochsenziemern, das Ausreissen der Haare, das Schlagen des Kopfes gegen die Mauer, das
            Treten mit Füßen bis zur Bewußtlosigkeit, alle diese Dinge, von denen Sie gelesen haben,
            sind nichts verglichen mit dem, was wir im Sicherheitspolizeigewahrsam von … (ich
            unterdrücke den Namen) gelitten haben. Wir waren so gefesselt, daß die Knie das Kinn
            berührten, daß die Arme um die Knöchel gekreuzt waren und geknebelt …“ (S. 61f.). </p>
          <p> Barbusse erweitert seinen Blick auf die einzelnen Länder und die verheerenden
            Ereignisse, die dort geschehen. Auch der Antisemitismus, der sich verstärkt in den
            Organisationen ausbreitet, wird von ihm u.a. anhand von Bulgarien näher betrachtet und
            dokumentiert: „Die Verfolgungen, deren Opfer die in den Balkanländern zur Zeit lebende
            Minderheit ist, haben in Bulgarien einen furchtbaren Umfang angenommen. Die Juden werden
            unter Todesdrohungen durch das mazedonische Komitee ausgeplündert. Unbekannte erschlagen
            in den Straßen der Städte die Juden und ihre Kinder, […]“ (S. 99). Barbusse plädiert für
            das unbedingte Zusammenstehen und fordert in seiner Schrift den gemeinsamen Widerstand
            gegen diese gewaltvollen und todbringenden Regierungen: „Eure Regierenden, die Diener
            der großen internationalen Geschäftsleute, sind Eure Feinde. Der internationale
            Faszismus ist zu gleicher Zeit die weiße Diktatur des Staates und die Ausbeutung der
            Arbeit. Sie stehen auf der anderen Seite der Barrikade. […] Eure Länder, das seid Ihr.
            Das Proletariat ist eins mit einem Land, ebenso wie die die Nahrung hervorbringende Erde
            selbst. Und das einzige wirkliche und feste Prinzip, das aus dem zeitgenössischen
            sozialen Chaos entspringt, ist die Solidarität des Proletariats. Alle Proletariate und
            das ganze Proletariat: Ihr Arbeiter, Bauern, und auch Ihr, ausgebeutete Angestellte oder
            Intellektuelle, und auch Ihr jungen Menschen in den Schulen, in denen das glühende
            jugendliche Gewissen des Volkes lebt.“ (S. 123).</p>
          <p> Text: Katrin Huhn </p>
          <p>
            <hi rendition="#b">Achtung!</hi> Diskriminierender Begriff auf der folgenden Seite: S.
            82 </p>
        </note>
      </notesStmt>
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        <bibl>
          <author>Barbusse, Henri</author>
          <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7004425">Stuttgart</placeName>
          <date when="1927">1927</date>
          <orgName ref="nognd">Verlag „Öffentliches Leben“</orgName>
        </bibl>
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            <repository>Slowenische National- und Universitätsbibliothek</repository>
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                >https://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00037C0500000000</idno>
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          >Quelle:Text</classCode>
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      <pb facs="#f0001" n="[Buchumschlag vorne außen]"/>
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       <p>
        <lb/>
         Narodna in univerzitetna knjiZnica <lb/>
         v Ljubljani </p>-->
      <p>
        <lb/>
         ÖFFENTLICHES LEBEN. </p>
      <p>
        <lb/>
         Neue Folge. <lb/>
         3. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Henker.</p>
      <p>
        <lb/>
         Von<lb/>
         Henri Barbusse. </p>
      <p>
        <lb/>
         Übersetzt <lb/>
         von <lb/>
         Heinrich Nelson. </p>
      <p>
        <lb/>
         (Mit zwei Landkarten) </p>
      <p>
        <lb/>
         Verlag „Öffentliches Leben“. <lb/>
         Stuttgart 1927. </p>
      <pb facs="#f0002" n="[Buchumschlag vorne innen]"/>
      <p>
        <lb/>
         Schriftenreihe </p>
      <p>
        <lb/>
         „ÖFFENTLICHES LEBEN“. <lb/>
         Neue Folge. </p>
      <p>
        <lb/>
         1. <hi rendition="#b">Leonard Nelson: „Demokratie und Führer- <lb/>
           schaft.“</hi> Zweite, um vier Anhänge erweiterte Auflage. <lb/>
         Preis RM. 2.80 </p>
      <p>
        <lb/>
         Aus dem Inhalt: „Die Demokratie ist nicht die große Arena, aus der <lb/>
         der Tüchtigste als Sieger hervorgeht: Sie ist die Narrenbühne, auf der <lb/>
         der pfiffigste oder bestbezahlte Schwätzer dem vornehmen und nur auf <lb/>
         seine gute Sache bauenden Charakter den Rang abläuft.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         In umfangreichen Anhängen zu dem Text der ersten Auflage setzt sich <lb/>
         der Verfasser auseinander u. a. mit MAX ADLER, BUCHARIN, R. GOLD- <lb/>
         SCHEID, R. HILFERDING, JOOS, KALININ, J. KALISKI, H. KELSEN, <lb/>
         T. MASARYK, F. NITTI, FRANZ OPPENHEIMER, P. PAINLEVÉ, G. <lb/>
         RADBRUCH, K. RENNER, P. ROHRBACH, HEINRICH SCHULZ, ANNA <lb/>
         SIEMSEN, H. SIMONS, STALIN, der russischen Kommunistischen Partei, <lb/>
         der: deutschen sozialdemokratischen und bürgerlich-demokratischen Presse. </p>
      <p>
        <lb/>
         2. <hi rendition="#b">Erich Graupe: „Notwendigkeits-Aberglaube <lb/>
           oder Klassenkampf!“</hi> Preis RM. —.80 <lb/>
         Aus dem Inhalt: „Der sozialistische Kulturkampf soll: nicht nur dem <lb/>
         Aberglauben an die Dreieinigkeit, er soll auch dem Aberglauben an die <lb/>
         historische Notwendigkeit gelten.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         3. <hi rendition="#b">Henri Barbusse: „Die Henker.“</hi> Einzig berech- <lb/>
         tigte Übersetzung. (Mit 2 Landkarten). Von Heinrich Nelson. <lb/>
         Preis RM. 2.80 </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Bericht aus der „europäischen Hölle“. Barbusse schildert das Wüten <lb/>
         des weißen Terrors auf dem Balkan. </p>
      <p>
        <lb/>
         Denen, die fragen: „Ist es wahr?“ muß man antworten: „Die Wahr- <lb/>
         heit ist noch schlimmer!“ </p>
      <p>
        <lb/>
         4. <hi rendition="#b">Minna Specht: „Jakob Friedrich Fries, der <lb/>
           Begründer unserer politischen Weltansicht.“</hi>
        <lb/>
         (Mit einem Bildnis). Preis RM. —.80 </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Rede zeigt die Bedeutung der Friesschen Lehre für das um sein <lb/>
         Recht kämpfende Proletariat. </p>
      <p>
        <lb/>
         5. <hi rendition="#b">Leonard Nelson: „Die bessere Sicherheit.“ </hi><lb/>
         Preis RM. —.60 </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Schrift enthält bei aller Kürze eine gründliche und dabei leicht ver- <lb/>
         ständliche Prüfung der marxistischen Begründung des Klassenkampfes und <lb/>
         zeigt, daß der Klassenkampf weder vom Standpunkt der Ökonomie, noch <lb/>
         von dem der Dialektik aus sich stichhaltig begründen läßt, sondern allein <lb/>
         vom Standpunkt des Rechts. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die angezeigten Schriften können durch jede Buchhand-<lb/>
         lung bezogen werden öder unmittelbar vom Verlag: </p>
      <p> Öffentliches Leben, Stuttgart, Eberhardstr. 10. </p>
      <pb facs="#f0003" n="[1]"/>
      <p>
        <lb/>
         Henker. </p>
      <p>
        <lb/>
         Von </p>
      <p>
        <lb/>
         Henri Barbusse. </p>
      <p>
        <lb/>
         Übersetzt <lb/>
         von <lb/>
         Heinrich Nelson. </p>
      <p>
        <lb/>
         Verlag „Öffentliches Leben“. <lb/>
         Stuttgart 1927. </p>
      <pb facs="#f0004" n="[2]"/>
      <p>
        <lb/>
         Copyright by „Öffentliches Leben.“ Stuttgart 1927. <lb/>
         Druck: Walthersche Buchdruckerei K.-G., Stuttgart. </p>
      <pb facs="#f0005" n="[3]"/>
      <p>
        <lb/>
         In der europäischen Hölle. </p>
      <pb facs="#f0006" n="[4]"/>
      <pb facs="#f0007" n="[5]"/>
      <p>
        <lb/>
         Vorwort des Übersetzers. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Henker! Die europäische Hölle! Wenn solche Titel, die schließ- <lb/>
         lich bloße Worte sind, nur einen unbestimmten Begriff von etwas Fürch- <lb/>
         terlichem geben, wie müssen die Tatsachen, die unter jenen Ankündigungen <lb/>
         mitgeteilt werden, auf menschliche Gemüter wirken! Zwar der Durch- <lb/>
         schnittseuropäer hat die Neigung, alles zu beschönigen, sich mit den <lb/>
         Dingen, die ihm Grauen erregen könnten, möglichst rasch abzufinden. <lb/>
         Es geht ihm im allgemeinen noch verhältnismäßig gut, und er liebt es, <lb/>
         den Gedanken, die Hölle könnte sich auch für ihn auftun, zu unter- <lb/>
         drücken. Und ist es nicht noch immer so, wie der Bürger im FAUST sagt: </p>
      <quote>
        <lb/>
         Nichts Bessres weiss ich mir an Sonn- und Feiertagen <lb/>
         Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, <lb/>
         Wenn hinten, weit, in der Türkei <lb/>
         Die Völker aufeinanderschlagen. <lb/>
         Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus <lb/>
         Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; <lb/>
         Dann kehrt man abends froh nach Haus <lb/>
         Und segnet Fried’ und Friedenszeiten. </quote>
      <p>
        <lb/>
         Wird es dabei bleiben, wenn die Tatsachen allgemein bekannt sein <lb/>
         werden, die BARBUSSE festgestellt hat? Diese Tatsachen sprechen eine <lb/>
         furchtbare Sprache. Wo und wann in Europa ist derart Entsetzliches in <lb/>
         solchem Maße, ein so namenlos scheußlicher Sadismus von Machthabern <lb/>
         gegen arme, unschuldige Menschen, ja gegen ganze Völker, ein so er- <lb/>
         barmungsloses und unablässiges Gewalt- und Vernichtungssystem je <lb/>
         dagewesen? Und die Kenntnisnahme von diesen Scheußlichkeiten sollte <lb/>
         nicht selbst die Gleichgültigsten aufrütteln, nicht das Grauen und die <lb/>
         Empörung der Menschen zur Siedehitze steigern, sollte nicht einen so <lb/>
         gewaltigen und erschütternden Schrei nach Gerechtigkeit für die Opfer <lb/>
         von heut und von morgen, nach Rache gegen die Übeltäter hervorrufen, <lb/>
         daß endlich eine unüberwindliche Macht sich erhebt, die dem Wüten ein <lb/>
         Ende bereitet? Wenn es in Europa noch eine öffentliche Meinung gibt, <lb/>
         so muß sie sich jetzt mit unerhörter Gewalt geltend machen, muß sie <lb/>
         die westeuropäischen Regierungen aus ihrer Gleichgültigkeit gegenüber <lb/>
         den Geschehnissen auf dem Balkan aufrütteln und sie zwingen, mit aller
        <pb facs="#f0008" n="6"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Macht gegen das Unheil einzuschreiten. Dazu würden die Regierungen <lb/>
         durchaus nicht des bewaffneten Eingreifens, des Krieges bedürfen. Es <lb/>
         würde genügen, wenn den verbrecherischen Gewalthabern der Kredit <lb/>
         abgeschnitten wird. Denn dann könnten diese ihre Helfershelfer und <lb/>
         Henker nicht mehr besolden und belohnen, die doch nur für Geld und <lb/>
         Lohn sich zum Martern und Blutvergießen hergeben. Dann würden die <lb/>
         armen, jetzt durch das Grauen erstarrten Völker, bei denen die Fried- <lb/>
         hofsruhe herrscht, und die sich nicht wehren können, aufstehen und ihre <lb/>
         Ketten zerbrechen. Dann würden sie ihre Peiniger zum Teufel jagen, <lb/>
         wo sie hingehören. </p>
      <p>
        <lb/>
         Aber wir dürfen uns nicht in Illusionen wiegen; wir müssen völlige <lb/>
         Klarheit schaffen. Die europäischen Regierungen haben ein Interesse <lb/>
         daran, daß es im Balkan-Hexenkessel weiterbrodelt, daß dort Ruhe und <lb/>
         Frieden nicht einkehren. Ihre Diplomaten spielen dort eine Regierung <lb/>
         gegen die andere aus, um im Trüben fischen zu können. Und der Sinn <lb/>
         dieser Politik? Wer Augen hat zu sehen, der sieht es, daß es sich da <lb/>
         um einen gemeinen Konkurrenzkampf handelt, den hauptsächlich Frank- <lb/>
         reich, England und Italien gegen einander auskämpfen. Jede dieser Re- <lb/>
         gierungen sucht, wie BARBUSSE treffend sagt, auf dem dreieckigen Bal- <lb/>
         kan-Schachbrett Vorteile für sich zu ergattern, die anderen auszustechen, <lb/>
         die eigene Industrie und ihre Banken einzunisten, sich der wichtigen <lb/>
         Handelswege, die den Balkan kreuzen, zu bemächtigen, dort zu kolo- <lb/>
         nisieren und womöglich zu annektieren. Und mit ihren Regierungen sind <lb/>
         natürlich die Kapitalisten im Bunde. Regierungen und Kapitalisten haben <lb/>
         die Macht in Händen. Werden sie diese Macht freiwillig, auch unter dem <lb/>
         stärksten Druck der öffentlichen Meinung, fahren lassen? Werden die <lb/>
         Kapitalisten denn die öffentliche Meinung und den durch sie ausgeübten <lb/>
         Druck verstärken? Wer glaubt das? So bleibt also nichts übrig, als daß <lb/>
         die Nichtbesitzenden, die Proletarier aller Länder, einmütig sich erheben <lb/>
         und in den Schrei einstimmen: „Fort mit den Bluthunden, die Tausende <lb/>
         von unschuldigen Menschen, die ganze Völker martern und morden! <lb/>
         Freiheit und Gerechtigkeit sollen von nun an auch jenen Ärmsten zuteil <lb/>
         werden!“, und daß sie sich nicht eher beruhigen, als bis diesem ein- <lb/>
         fachsten menschlichen Verlangen Genüge geschehen ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Denn glaubt nur nicht, ihr alle, die ihr in Westeuropa heute noch unter <lb/>
         scheinbar erträglichen Verhältnissen lebt, daß nicht auch euch das Un- <lb/>
         heil erreichen könnte! Verbrechen wirken ansteckend wie Seuchen. <lb/>
         Überall gibt es Hallunken und Unholde, die, wenn sie der Straflosigkeit <lb/>
         sicher oder gar zu ihren Missetaten autorisiert sind, vor dem Schlimmsten
        <pb facs="#f0009" n="7"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         nicht zurückschrecken. Leider muß man ja sagen, daß nichts, auch nicht <lb/>
         das Schrecklichste, unmöglich ist. Erinnert euch an die Zeit vor dem Welt- <lb/>
         kriege. Wie wenige haben es ernsthaft für möglich gehalten, daß Europa <lb/>
         der Schauplatz solchen Blutvergießens werden könnte, wie wir es den- <lb/>
         noch erleben mußten? Blickt auf Italien, auf Spanien, wo der weiße <lb/>
         Terror herrscht, und denkt daran, welche Schändlichkeiten auch in <lb/>
         Deutschland so gut wie ungestraft begangen werden konnten. Glaubt <lb/>
         ihr wirklich, daß Schlimmeres außerhalb des Bereiches der Möglichkeit <lb/>
         liegt? Es ist also auch in eurem eigensten, wohlverstandenen Interesse, <lb/>
         wenn ihr das Weiterwüten der Machthaber auf dem Balkan mit allen <lb/>
         Mitteln verhindert. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wer BARBUSSE kennt, der wird davon überzeugt sein, daß er sachlich <lb/>
         und wahrheitsgetreu berichtet. Es ist so, wie er sagt: Die Wahrheit ist <lb/>
         nicht nur so furchtbar, wie er sie darstellt, sondern noch weit furchtbarer. <lb/>
         Jeder, der die Ereignisse auf dem Balkan miterlebt hat, bestätigt es. <lb/>
         Nichts an dem Inhalt des Buches ist übertrieben. Es sind alles nackte, <lb/>
         unanfechtbare Tatsachen. Diese Tatsachen sind so grauenerregend, daß <lb/>
         selbst einige der Henker unter ihrer Wucht zusammengebrochen sind. <lb/>
         Wie mir von durchaus glaubwürdiger Seite mitgeteilt worden ist, haben <lb/>
         sich einige der Schergen schließlich vor Entsetzen über das Wüten das <lb/>
         Leben genommen, unter Hinterlassung des schriftlichen Bekenntnisses, <lb/>
         daß es über ihre Kraft gegangen sei, es weiter mit anzusehen und fort- <lb/>
         zusetzen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Greuel müssen ein Ende nehmen. Will die Menschheit etwa FAUSTs <lb/>
         Frage: „Die Hölle selbst hat ihre Rechte?“ bejahen? Das Denkmal der <lb/>
         Schande für die Kultur, nicht nur der Balkanmachthaber, sondern über- <lb/>
         haupt für die europäische Kultur im zwanzigsten Jahrhundert, das der <lb/>
         unerschrocken für die Befreiung der leidenden Menschheit kämpfende <lb/>
         große Franzose in diesem Buch errichtet hat, möge das Fanal für eine <lb/>
         bessere Zukunft sein! </p>
      <p>
        <lb/>
         Heinrich Nelson. </p>
      <pb facs="#f0010" n="[8]"/>
      <p>
        <lb/>
         Vorwort des Verfassers für die deutsche Ausgabe. </p>
      <p>
        <lb/>
         An meine deutschen und österreichischen Leser. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich wußte wohl, daß meine Freunde in Deutschland wünschen würden, <lb/>
         ihre Ausgabe dieses Buches zu haben. Alles, was das Schicksal der <lb/>
         großen zeitgenössischen menschlichen Gemeinschaft betrifft, findet star- <lb/>
         ken Widerhall in dem Herzen des deutschen Volkes und in der schönen <lb/>
         geistigen Elite dieses Landes. Ich bin unter zu häufigen Umständen mit <lb/>
         dem deutschen und mit dem österreichischen Proletariat und mit allen <lb/>
         jenen kühnen und weisen Geistern, die in Mitteleuropa so zahlreich sind, <lb/>
         in Verbindung gewesen, um nicht von vornherein auf ihr Verständnis <lb/>
         und ihr Gemeinschaftsgefühl rechnen zu können. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es handelt sich hier nicht um eine Parteifrage. Es handelt sich nicht <lb/>
         um politische Debatten, wenn auch die Politik in den Ereignissen, deren <lb/>
         Auseinandersetzung und Schilderung ich mir zur Aufgabe gestellt habe, <lb/>
         eine vorwiegende Rolle spielt. Es handelt sich um eine Frage der Ge- <lb/>
         rechtigkeit, nicht abstrakter Gerechtigkeit oder Wortgerechtigkeit, son- <lb/>
         dern um die Frage einer sehr lebendigen und erschütternden Gerechtig- <lb/>
         keit. Es handelt sich um das Recht, das sich eine despotische Minder- <lb/>
         heit angemaßt hat, mit der Freiheit, mit dem Leiden und mit dem Leben <lb/>
         der anderen nach Belieben zu schalten. In Berlin und in Wien gibt es <lb/>
         bedeutende und edle menschliche Zentren, und ich spreche nicht nur <lb/>
         von den Arbeiterorganisationen, sondern auch von den Vereinigungen, <lb/>
         die sich zum Ziel gesetzt haben, die Wahrheit über die gesellschaftlichen <lb/>
         Dramen, deren alles Maß übersteigende Szene die Welt augenblicklich <lb/>
         ist, zu studieren und der öffentlichen Meinung zur Kenntnis zu bringen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich bin oft nach Deutschland und nach Österreich gekommen im Namen <lb/>
         der ehemaligen Kriegsteilnehmer, die dem Kriege den Krieg erklären <lb/>
         und die loyal genug sind, ihr antimilitaristisches Glaubensbekenntnis <lb/>
         nicht nur ins Auge zu fassen und zu verstehen, sondern auch bis in <lb/>
         die äußersten logischen Konsequenzen zu verwirklichen. Aber als <lb/>
         ich zum letzten Mal dort hinkam, geschah es nicht sowohl in meiner <lb/>
         Eigenschaft als Kämpfer, als Wortführer von Proletariaten, Verbänden,
        <pb facs="#f0011" n="9"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Syndikaten oder sonstigen Gruppen, sondern ich kam als einfacher Pri- <lb/>
         vatmann, der den Entschluss gefaßt hatte, soweit es in seinen Kräften <lb/>
         stand, das verwickelte und dunkle Problem der Unordnung auf dem <lb/>
         Balkan zu klären, aus jener „europäischen Hölle“ zurück. </p>
      <p>
        <lb/>
         In diesen beiden großen Ländern, in denen ich mich im Herzen und <lb/>
         im Geist als Landsmann so vieler freier Menschen fühle, habe ich den <lb/>
         Empfang gefunden, den ich erwartet hatte: Ich habe Hilfen, Quellen <lb/>
         loyaler und ehrlicher Informationen gefunden, und ich will an dieser <lb/>
         Stelle meiner Dankbarkeit Ausdruck geben. Wenn ich mich enthalte, <lb/>
         Namen zu nennen, so geschieht es in der Sorge, ich könnte die Unge- <lb/>
         rechtigkeit begehen, ihrer zu viele zu vergessen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Jetzt, da mein Zeugnis schriftlich niedergelegt ist, da andere, wie es <lb/>
         das Gesetz des Lebens ist, in derselben Richtung weiterwirken und es <lb/>
         ihrerseits vervollständigen werden, bin ich überzeugt, daß die Protest- <lb/>
         bewegung gegen so offenbare Unbilligkeiten in den Ländern Mitteleu- <lb/>
         ropas planmäßig um sich greifen wird, und daß man es nicht vergebens <lb/>
         unternommen haben wird, jenes erschütternde Bild dem Herzen der <lb/>
         Völker einzuprägen, die selbst infolge des barbarischen Mechanismus <lb/>
         der gegenwärtigen großen Politik so viel Elend, so viel Leiden und so <lb/>
         viel empörende Ungerechtigkeiten erduldet haben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Henri Barbusse. </p>
      <pb facs="#f0012" n="[10]"/>
      <lg>
        <lb/>
        <l>PAULE LAMY und LÉON VERNOCHET,</l>
        <lb/>
        <l>die mit mir diese Dinge erlebt haben,</l>
        <lb/>
        <l>und denen dieses Buch ebenso zuge-</l>
        <lb/>
        <l>hört wie mir, in Dankbarkeit, Achtung</l>
        <lb/>
        <l>und Freundschaft gewidmet. H.B. </l>
      </lg>
      <pb facs="#f0013" n="[11]"/>
      <p>
        <lb/>
         I. <lb/>
         Unsere „Mission“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Mit einem tiefen Gefühl von Verantwortlichkeit entspreche ich einem <lb/>
         mir von verschiedenen Seiten geäußerten Wunsch, indem ich in diesem <lb/>
         Buche die Ergebnisse der Untersuchung veröffentliche, die ich in den <lb/>
         Balkanländern über den „Weißen Terror“ vorgenommen habe. Wir, meine <lb/>
         Reisebegleiter und ich, haben von dort eine Unmenge positiven Mate- <lb/>
         rials mitgebracht, und die Tatsachen, die wir auf Grund der Angaben <lb/>
         anderer Personen mitzuteilen haben, legen uns die Verpflichtung auf, einen <lb/>
         energischen Appell an das öffentliche Gewissen zu richten, das gegen <lb/>
         die furchtbare Krise von Barbarei nicht mehr gleichgültig bleiben kann, <lb/>
         die heute in einem großen Teil des alten Kontinents entfesselt ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe das Recht, gleich zu Anfang zu erklären, daß diese Mission <lb/>
         in Unabhängigkeit und Aufrichtigkeit ausgeführt worden ist, und daß <lb/>
         sie von Anfang bis zu Ende frei von jedem Vorurteil und von jeder vor- <lb/>
         gefaßten Meinung gewesen ist, die ihre Objektivität und Unparteilich- <lb/>
         keit beeinträchtigen könnte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gewiss, ich kann meine politischen Überzeugungen nicht verleug- <lb/>
         nen und habe das nie und unter keinen Umständen getan. Ich bin Re- <lb/>
         volutionär und international. Ich bin es immer mehr geworden ange- <lb/>
         sichts des Schauspiels der historischen Ereignisse, die für das erste <lb/>
         Viertel des 20. Jahrhunderts bezeichnend sind, und in Berührung mit <lb/>
         ihnen. Aber das ist hier nicht die Frage, und es ist auch hier nicht der <lb/>
         Ort zu sagen, auf welche tiefen Gedankengänge — tief bis zu den die <lb/>
         Menschenmassen beherrschenden natürlichen Gesetzen und bis zu den <lb/>
         Urgründen des Lebens — sich meine heftige Gegnerschaft gegen die <lb/>
         bestehende Ordnung gründet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die individuellen Ansichten dürfen keinen Einfluß auf tatsächliche <lb/>
         Feststellungen haben. Ich wiederhole es: als ich diesmal Frankreich <lb/>
         verließ, um den europäischen Südosten aufzusuchen, habe ich freiwillig <lb/>
         meine kämpferische Persönlichkeit zurückgelassen. Ich war nicht mehr <lb/>
         der Angehörige einer Partei, sondern einfach ein Mensch, der in voller <lb/>
         Geistesfreiheit an Ort und Stelle bestimmte Ereignisse beobachten wollte, <lb/>
         um demnächst von seinen Beobachtungen und Nachforschungen Rechen- <lb/>
         schaft abzulegen. </p>
      <pb facs="#f0014" n="12"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Ich bemerke kurz, unter welchen Umständen diese „Enquete“, wenn <lb/>
         es mir gestattet ist, dieses pomphafte Wort zu gebrauchen, unternom- <lb/>
         men worden ist. Die öffentliche Meinung in West- und Zentraleuropa <lb/>
         war durch Willkürakte und Grausamkeiten teilweise lebhaft erregt wor- <lb/>
         den: Verhaftungen, Polizeiquälereien, das Verschwinden und die Er- <lb/>
         mordung vieler Menschen, die durch einzelne verzweifelte Schreie von <lb/>
         dort unten her bekannt wurden, und für die gewisse Regierungen, die <lb/>
         rumänische, die bulgarische und die jugoslawische verantwortlich sein <lb/>
         sollten. Der Bericht von diesen Scheußlichkeiten, die einem anderen <lb/>
         Zeitalter anzugehören schienen, hatte, wie man sich vielleicht erinnern <lb/>
         wird, zwei Proteste hervorgerufen, die von einer großen Anzahl von be- <lb/>
         rühmten und hervorragenden französischen, englischen, deutschen und <lb/>
         österreichischen Persönlichkeiten unterzeichnet waren. Da nun die Tat- <lb/>
         sachen in Zweifel gezogen wurden, haben einige von uns gedacht, daß <lb/>
         man sich unter so schwierigen Verhältnissen an Ort und Stelle darüber <lb/>
         vergewissern müßte, ob jene Anschuldigungen begründet sind oder <lb/>
         nicht. Und so sind wir, Fräulein PAULE LAMY, Mitglied der Brüsseler An- <lb/>
         waltschaft, Professor LÉON VERNOCHET, der Generalsekretär der Vereini- <lb/>
         gung der Arbeiter-Intellektuellen, und ich, als die mit einer moralischen und <lb/>
         privaten Mission betrauten, und man könnte sagen, als Vertreter der öffent- <lb/>
         lichen Meinung, nach Rumänien und in die angrenzenden Länder gegangen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Vielleicht ist es allem zum Trotz ein Zeichen der Zeit, daß eine Ini- <lb/>
         tiative dieser Art überhaupt möglich war, und daß sich das Unternehmen <lb/>
         bis zuletzt durchsetzen konnte. Die Tatsache, daß Ausländer in den Haupt- <lb/>
         städten mit Autorität auftreten konnten, um am hellen Tage von den <lb/>
         öffentlichen Gewalten Rechenschaft zu fordern, zeigt, wie sehr das Welt- <lb/>
         gewissen gegenüber den Ereignissen Anspruch auf Beachtung gewinnt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich muß sagen, daß wir als ganz neuartige Untersuchungsrichter von <lb/>
         Anbeginn an den Zweck unserer Reise völlig klargelegt haben, und daß <lb/>
         ungeachtet der Kühnheit unserer Forderungen diese Einmischung Frem- <lb/>
         der in die nationalen Angelegenheiten allgemein geduldet worden ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Indessen haben sich in Rumänien in bezug auf diese wichtige Frage <lb/>
         des „Rechtes zu Richten“, die Erörterungen von bedeutender moralischer <lb/>
         Tragweite hervorruft, zwei scharf geschiedene Meinungen geltend ge- <lb/>
         macht. Die arbeitenden Klassen, mit denen ich wiederholt in Berührung <lb/>
         gekommen bin, ebenso wie gewisse hervorragende Intellektuelle und <lb/>
         Journalisten der linksgerichteten Presse haben das von uns in Angriff <lb/>
         genommene Projekt mit vollkommener Sympathie und ohne Hinterge- <lb/>
         danken betrachtet. </p>
      <pb facs="#f0015" n="13"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Aber ein anderer Teil der Presse, eine nationalistische und konser- <lb/>
         vative Minderheit, hat dieses Recht der Angehörigen eines anderen <lb/>
         Landes, in die „nationalen Angelegenheiten“ hineinzusehen und sie zu <lb/>
         untersuchen, bekämpft und bekämpft es noch heute, wenn ich den Zei- <lb/>
         tungsauszügen, die ich erhalte, Glauben schenken kann. So hat letzthin <lb/>
         Herr GOGA in der „Indreptarea“ erklärt: „Unsere Geduld wird dürch <lb/>
         die vielen Leute auf die Probe gestellt, die seit sieben Jahren im Namen <lb/>
         irgend welcher beliebigen Gemeinschaft hierherkommen, um über die <lb/>
         lebenswichtigen rumänischen Fragen Untersuchungen anzustellen.“ Herr <lb/>
         GOGA meint, daß „dies Gefühl, unter Vormundschaft zu stehen, welches <lb/>
         diese Kontrolleure in uns hervorrufen, zum mindesten unbehaglich ist,“ <lb/>
         und setzt hinzu: „Eine elementare Würde erlaubt uns nicht zu dulden, <lb/>
         daß man uns als ein minderwertiges Land ansieht, auf das sich alle Di- <lb/>
         lettanten stürzen können.“ „Bei uns zu Hause lassen wir uns nicht drein- <lb/>
         reden,“ so schließt er. </p>
      <p>
        <lb/>
         Vor mir liegt ein „Protest der Intellektuellen von Bukarest,“ den die <lb/>
         nationalistischen und reaktionären Blätter veröffentlicht haben. Er gibt <lb/>
         Kunde von der „Empörung“, die in gewissen beschränkten Kreisen <lb/>
         durch all diese Untersuchungen und besonders durch die meinige her- <lb/>
         vorgerufen worden ist. Die wenigen Unterzeichner dieses Schriftstücks <lb/>
         betrachten diese Einmischung als „nicht entsprechend der Würde eines <lb/>
         souveränen Staates“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Dieser Gesichtspunkt einer unversöhnlichen Minderheit ist auch der, <lb/>
         den sich die Regierung selbst zu eigen gemacht hat. Der höfliche Emp- <lb/>
         fang, der mir durch die Minister zuteilwurde, beruhte offenbar auf diplo- <lb/>
         matischer Korrektheit — und ich bin ihnen dafür zu Dank verpflichtet. <lb/>
         Aber der Anspruch, den ich erhob, war ihnen unbehaglich. Der Mini- <lb/>
         ster des Äußeren, DUCA, hat in Erwiderung auf die Interpellationen, die <lb/>
         in der Kammer in bezug auf meine Angelegenheit erhoben worden sind, <lb/>
         nach dem offiziellen Bericht erklärt, „daß er der literarischen Persön- <lb/>
         lichkeit des Herrn BARBUSSE und seinem Wunsche, die Wahrheit zu er- <lb/>
         mitteln, Rechnung getragen habe“. „Aber,“ so schloß er inmitten von <lb/>
         Beifallsrufen, „ich wünsche, daß man von nun an wisse, daß unter kei- <lb/>
         nen Umständen die Regierung die Fortsetzung eines staatsfeindlichen <lb/>
         Untersuchungs-Unternehmens zulassen wird, von wem es auch immer <lb/>
         ausgehen mag.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Andererseits hat die Vereinigung der rumänischen Journalisten Herrn <lb/>
         COSTA FORU, den Schriftführer der rumänischen Liga der Menschen- <lb/>
         rechte, wegen der Unterstützung, die er mir hat zuteil werden lassen,
        <pb facs="#f0016" n="14"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         aus ihren Reihen ausgeschlossen, und die Gesellschaft der rumänischen <lb/>
         Schriftsteller hat eine Resolution angenommen, die feststellt, daß „der <lb/>
         Besuch des Herrn BARBUSSE nicht am Platze sei, und daß die Ein- <lb/>
         mischung von Ausländern in die Angelegenheiten der inneren Politik <lb/>
         Rumäniens gefahrbringend sei“; sowie daß die Gesellschaft bedauert, <lb/>
         „daß es ihr angesichts der Haltung des Herrn BARBUSSE unmöglich ge- <lb/>
         wesen sei, diesen Besuch unter dem kulturellen Gesichtspunkt zu be- <lb/>
         trachten“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Auch Einwürfe, Kritiken und Anschuldigungen anderer Art sind ge- <lb/>
         gen mich erhoben worden. Ich werde darauf zurückkommen. Zuerst will <lb/>
         ich ein für allemal die prinzipielle Frage klarstellen, denn über diese An- <lb/>
         gelegenheit habe ich auch schon in der rumänischen Presse viel geschrie- <lb/>
         ben, und ich habe dort auch, wie ich sagen kann, viel gesprochen — aus <lb/>
         Anlass von Interviews. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich erhebe entschiedenen Widerspruch gegen die Auffassung, daß der <lb/>
         Angehörige einer fremden Nation nicht das Recht haben soll, in einem <lb/>
         anderen Lande die Angelegenheiten gerichtlicher, polizeilicher oder selbst <lb/>
         militärischer und politischer Natur zu studieren. Diese Ansicht ist irrig <lb/>
         und kindisch, und man braucht sich in unserer Zeit nicht mehr ernsthaft <lb/>
         bei solchen abwegigen Meinungen aufzuhalten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist möglich, daß in bezug auf gewisse Dinge das Forschen von <lb/>
         Ausländern als eine Beleidigung, vielleicht auch als eine Gefahr ange- <lb/>
         sehen werden könnte. Das wäre der Fall, wenn es sich um Dinge han- <lb/>
         delte, die tatsächlich das intime Leben eines Landes betreffen und der <lb/>
         Geheimhaltung bedürfen: Die nationale Verteidigung, die Staatsge- <lb/>
         heimnisse. </p>
      <p>
        <lb/>
         Welches aber sind die Tatsachen, die wir klarzustellen beabsichtigt <lb/>
         haben? Es handelt sich um Ereignisse anläßlich der militärischen Ok- <lb/>
         kupation, um die Handlungen und die Haltung von Richtern und Poli- <lb/>
         zeibeamten, um die Behandlung, die man Gefangenen angedeihen läßt; <lb/>
         es handelt sich um Metzeleien und Meuchelmorde. Das sind Dinge, welche <lb/>
         die Öffentlichkeit angehen —. sie sind es sogar in dem Maße, daß sie <lb/>
         der Geschichte angehören. Sie gehen alle an. Schriftsteller und Geschichts- <lb/>
         schreiber haben das Recht und selbst die Pflicht, sich mit ihnen zu be- <lb/>
         schäftigen. Übrigens haben alle großen Zeitungen der Erde schon recht <lb/>
         lange dieses Recht und diese Pflicht der Veröffentlichung in ihr Tätig- <lb/>
         keitsprogramm aufgenommen und in Anwendung gebracht. Seit ge- <lb/>
         raumer Zeit werden alle Neuigkeiten und Kritiken — im Prinzip — frei <lb/>
         von den auswärtigen Korrespondenten ihren betreffenden Redaktionen
        <pb facs="#f0017" n="15"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         übermittelt. Will man heutzutage die internationale Freiheit der Presse <lb/>
         und des Schrifttums wieder in Frage stellen, indem man die elenden <lb/>
         Theorien des nationalen Gesichtspunktes des Herrn GOGA und anderer <lb/>
         zu Grunde legt? </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn man einem Menschen das Recht zur Prüfung und Kritik der <lb/>
         Ereignisse zuerkennt, die im einzelnen und insgesamt einen Teil der <lb/>
         Zeitgeschichte ausmachen, will man ihm da dieses Recht streitig machen, <lb/>
         weil er sich entschlossen hat, die Dinge an Ort und Stelle zu prüfen, <lb/>
         um sich eine möglichst unanfechtbare und zutreffende Auffassung zu ver- <lb/>
         schaffen? Welcher prinzipielle Unterschied besteht zwischen einem aus <lb/>
         der Entfernung gefällten Urteil und einem Urteil, das man sich in der <lb/>
         Nähe gebildet hat, außer dem, dass dem zweiten größere Beachtung <lb/>
         und mehr Wert zukommt, als dem ersten? Ich wünschte, daß mir Herr <lb/>
         GOGA und die anderen hierauf eine freimütige Antwort geben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Aber ich verstehe sehr wohl, daß der schwere Vorwurf, den mir die <lb/>
         machen, die sich in schikanöser Weise bemühen, die Frage bis zu der. <lb/>
         der nationalen Souveränität zu erweitern, besonders darauf beruht, daß <lb/>
         ich mich nicht geneigt gezeigt habe, ein Loblied auf die rumänische Re- <lb/>
         gierung zu singen. Das ist es, wodurch sie so schwer verletzt worden <lb/>
         sind, und niemals wären sie auf den Gedanken gekommen, von Maje- <lb/>
         stätsbeleidigung und von Attentat auf die nationale Würde zu sprechen, <lb/>
         wenn ich erklärt hätte: „Alles steht aufs Beste in Rumänien.“ Dennoch <lb/>
         wäre auch in diesem Fall meine „Einmischung“ keine geringere gewesen <lb/>
         — es sei denn, daß es zwei Wahrheiten gibt. Sprechen wir es offen aus: <lb/>
         was unsere Gegner uns bestreiten, ist keineswegs das Recht zu prüfen, <lb/>
         es ist das Recht, zu kritisieren. Aber das eine ist ohne das andere un- <lb/>
         möglich. </p>
      <p>
        <lb/>
         Nachdem man begriffen hatte, daß ich nicht beabsichtigte, die allzu <lb/>
         offenbaren Rechtswidrigkeiten zu verheimlichen und die allzu unbestreit- <lb/>
         baren Verantwortlichkeiten zu unterdrücken, hat man vorgegeben, daß <lb/>
         ich mit dem Vorsatz der Anschwärzung in die Balkanländer gekommen <lb/>
         sei. Man hat mich gelegentlich selbst als einen „Agenten von Moskau“ <lb/>
         behandelt, und die fremdenfeindlichen und chauvinistischen Blätter brach- <lb/>
         ten einige Karikaturen in diesem Sinne. Die antisemitischen Studenten <lb/>
         brachten ein Plakat heraus, auf dem gedruckt war, daß ich „ein Jude <lb/>
         der kriminellen Art“ sei, der nach Rumänien gekommen sei, um es zu <lb/>
         beschmutzen und in der Meinung der Welt anzuschwärzen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich glaube ebenso wenig ein Krimineller zu sein, wie ich ein Jude bin, <lb/>
         und ich habe nie in meinem Leben irgend einen Auftrag oder eine Mis-
        <pb facs="#f0018" n="16"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         sion von Moskau erhalten. Aber ohne mich dabei aufzuhalten, auf <lb/>
         solche Schmähungen einzugehen, will ich nur sagen, daß, was sich aus <lb/>
         meinen persönlichen Beobachtungen und den überall gesammelten Zeug- <lb/>
         nissen ergibt, wirkliche und feststehende Tatsachen sind. Meine Schluß- <lb/>
         folgerungen ergeben sich aus den Tatsachen und sind ebenso sicher wie <lb/>
         diese. Will man mich tadeln und bekämpfen, so muß man diese positive <lb/>
         Seite meiner Untersuchung angreifen, statt daß man zu jener Theorie <lb/>
         eines früheren Zeitalters seine Zuflucht nimmt, die einem Menschen <lb/>
         untersagen will, den Blick über die Grenzen seines Landes hinauszu- <lb/>
         richten. Und im übrigen nehme ich an, daß die Tatsachen selbst genü- <lb/>
         gende Überzeugungskraft in sich tragen, um die allzu bequeme Fabel <lb/>
         von einem feindseligen Vorurteil lächerlich zu machen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Aber ich gehe noch weiter, und ich behaupte mit Bestimmtheit, daß <lb/>
         das Bild, welches ich von dem weißen Terror in den Balkanländern ent- <lb/>
         worfen habe, diese Länder in keiner Weise „diskreditieren“ kann. Nie- <lb/>
         mals habe ich eine Gelegenheit vorübergehen lassen, meine Bewunde- <lb/>
         rung, meine Achtung, meine Freundschaft für das rumänische wie für das <lb/>
         bulgarische Volk und für die anderen Völker, in deren Mitte ich geweilt <lb/>
         habe, zu bekennen. In all diesen Ländern habe ich mich im Herzen und <lb/>
         im Geiste mit den Massen der Arbeiter und Bauern, mit vielen jungen <lb/>
         Schülern und Studenten, mit gutgläubigen und gewissenhaften Menschen <lb/>
         verbrüdert, an die ich mich mit Rührung erinnere. Als ich Rumänien ver- <lb/>
         ließ, habe ich an die Zeitung „Facla“ eine von dieser veröffentlichte <lb/>
         „Huldigung an Rumänien“ gesendet, an der ich nie auch nur ein ein- <lb/>
         ziges Wort zu ändern haben werde. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich wiederhole hier, daß diese schönen und edlen Nationen in keiner <lb/>
         Weise von den Anklagen getroffen werden, die sich gegen die Regie- <lb/>
         rungen richten, von denen sie geknechtet werden. Die Regierung Rumä- <lb/>
         niens — wie auch die der übrigen Balkanländer — repräsentiert die <lb/>
         Nation nur im diplomatischen Sinne. Niemand würde wagen, sich mit <lb/>
         der Behauptung lächerlich zu machen, daß die Herren BRATIANU und <lb/>
         ZANKOFF, wenn sie beim Erscheinen dieser Zeilen noch die offiziellen <lb/>
         Machthaber sind, tatsächlich Rumänien und Bulgarien symbolisieren. <lb/>
         Abscheulich ist es, wenn Leute, die durch irgend eine parlamentarische <lb/>
         oder Partei-Kombination zur Macht gelangt sind — oder auch die Hand- <lb/>
         langer solcher Leute — behaupten: „Die Nation, das bin ich. Wenn man <lb/>
         meine Handlungen kritisiert oder die Methoden oder die Hilfsmittel, <lb/>
         die anzuwenden mir gut scheint, macht man sich einer Beschimpfung <lb/>
         meines Landes schuldig.“ </p>
      <pb facs="#f0019" n="17"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Man beruhige sich. Ein Volk ist nicht verantwortlich für die Hand- <lb/>
         lungen und für die Haltung der schmarotzerischen Ministerien, die sich <lb/>
         in seiner Hauptstadt festgesetzt haben. Das gilt besonders für die Bal- <lb/>
         kanregierungen, die durch Taschenspielerkunststücke, Staatsstreich und <lb/>
         Terror ans Ruder gelangt sind. Das trifft auch im allgemeinen auf alle <lb/>
         Regierungen zu, die nicht den Anspruch darauf erheben können, den <lb/>
         Willen der Nation uneingeschränkt zu verkörpern. Das gilt ebenso für <lb/>
         die französische Regierung, deren Irrtümer und Fehler Frankreich zur <lb/>
         Last zu legen, niemand das Recht hat.*) <note place="foot">
          <lb/>
           *) Die „Balkanagentur“, ein mutiges kleines Blatt, das die Wahrheit durch den Lügen- <lb/>
           wust offizieller Presse-Mitteilungen und -Fehden ans Licht zu bringen sucht, schreibt mit <lb/>
           vollem Recht anläßlich der ungarischen Skandale im Februar 1926: „Die Ehre Ungarns, <lb/>
           — die man selbst in der Opposition anruft, damit die gegenwärtige Krise sich unter <lb/>
           den Ungarn allein abwickle, — wird in keiner Weise dadurch getrübt, daß eine Rotte <lb/>
           von Briganten die Macht mit Gewalt an: sich gerissen hat. Das ungarische Voik ist in <lb/>
           keiner Weise für die Handlungen der WINDISCHGRAETZ, NADOSSY und Genossen ver- <lb/>
           antwortlich. Das sollte die Opposition verstehen und sich freimütig auf die Meinung <lb/>
           des Auslands stützen, um volles Licht, die Bestrafung der Schuldigen und die Wieder- <lb/>
           herstellung der elementaren Freiheiten in Ungarn zu verlangen.“ </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Man muß sich nicht einmal damit begnügen, zu verkünden, daß man <lb/>
         einen Bürger niemals für den Mitschuldigen seiner Regierung halten <lb/>
         darf; man muß normaler Weise der Bürgerpflicht des freien Urteils so <lb/>
         weite Grenzen stecken, daß man sagt: Alle Verfolgten auf der Welt sind, <lb/>
         das ist ganz offenbar, unter einander solidarisch; man kann ihrem Schick- <lb/>
         sal eine dauerhafte Besserung nur durch eine beliebige Organisation <lb/>
         dieser Solidarität bereiten, d. h. durch Aufklärung, Übereinstimmung <lb/>
         und Zusammenschluß. Den guten offiziellen Aposteln gehorchen, die <lb/>
         predigen: „Eure Klagen sollen nicht über eure Wände hinausgehen“, das <lb/>
         bedeutet für einen Menschen, seine großen menschlichen Interessen ver- <lb/>
         raten. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Bukarest haben wir uns zu Beginn mit der französischen Gesandt- <lb/>
         schaft in Verbindung gesetzt, wo wir in Abwesenheit des Gesandten von <lb/>
         dem Geschäftsträger, JAPY, empfangen wurden, mit dem rumänischen Mi- <lb/>
         nister des Auswärtigen, DUCA, und mit dem Unterstaatssekretär im Mi- <lb/>
         nisterium des Innern und tatsächlichen Minister des Innern, TATARESCU. <lb/>
         Verschiedentlich haben wir uns mit dem General RUDEANU, dem Kom- <lb/>
         mandanten des IIl. Armeekorps (in Beßarabien) unterhalten. Ich hatte <lb/>
         bereits Gelegenheit zu sagen, daß unser Empfang seitens dieser hohen <lb/>
         offiziellen Persönlichkeiten ein sehr höflicher war. Diese Herren hatten <lb/>
         uns für unsere Untersuchung jegliche Erleichterung und sogar die Be- <lb/>
         nutzung der amtlichen Akten und Urkunden zugesagt, aus denen wir <lb/>
         alles würden entnehmen können. In der Folge zeigte sich aber in der
        <pb facs="#f0020" n="18"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Einstellung der Behörden eine vollkommene Änderung. Diese Änderung <lb/>
         entstand nach einer enthusiastischen Volkskundgebung, die mir galt, <lb/>
         und die eines Sonntags bei hellem, lichtem Tage in den Straßen von Bu- <lb/>
         karest stattfand. Dieses Ereignis ermutigte und stärkte die Opposition, <lb/>
         die sich, wie ich schon gesagt habe, in den fremdenfeindlichen Kreisen be- <lb/>
         reits im Stillen erkennbar gemacht hatte. Wir haben gute Gründe zu der <lb/>
         Annahme, daß diese Opposition seitens der Regierung selber einigem <lb/>
         Wohlwollen begegnete, — die Wendung, welche die Dinge anläßlich <lb/>
         „des Falles BARBUSSE“ im Parlament nahmen, beweist es, auch daß die <lb/>
         Siguranza (die Behörde, die über die öffentliche Sicherheit wacht,) den <lb/>
         an sich unbedeutenden Demonstrationen der antisemitischen Studenten <lb/>
         ebenso wenig fernstand, wie der Ausstreuung falscher Nachrichten da- <lb/>
         hin, daß ganz Rumänien unser Eindringen nur ungern duldete — was <lb/>
         der Wahrheit ins Gesicht schlägt. Von uns abgesendete oder an uns ge- <lb/>
         richtete Briefe und Telegramme sind abgefangen worden. Wir konnten be- <lb/>
         merken, mit welcher Sorgfalt man vermittelst ungenauer Informationen <lb/>
         der Presse, die man absichtlich nach Bulgarien, unserem Reiseziel nach <lb/>
         dem Verlassen Rumäniens, gesandt hatte, eine feindliche Atmosphäre <lb/>
         geschaffen hatte.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Ich muß hier gegen die Veröffentlichung angeblich von mir in Constanza getaner <lb/>
           Äußerungen protestieren, die das periodische Bulletin der rumänischen Presse mitge- <lb/>
           teilt hat. Ich soll danach gesagt haben, „daß die Rumänen wenig zivilisierte, allen
          Idealen <lb/>
           abgewandte Leute seien,“ u.s. w. Niemals habe ich mir einem großen Volke gegenüber <lb/>
           eine so törichte Äußerung gestattet; wahrscheinlich ist sie der Sicherheitsbehörde durch <lb/>
           einen ungeschickten Polizeibeamten hinterbracht worden, der in seinem Beamtenhirn <lb/>
           gewissenhaft irgend ein von mir gesprochenes Wort entstellt hat. </note> Wir sind nach
        Beßarabien gegangen. Wir haben <lb/>
         Sitzungen des Kriegsgerichts beigewohnt, das über die Aufrührer von <lb/>
         Tatar-Bunar geurteilt hat. Wir haben uns mit den Verteidigern, mit Zeu- <lb/>
         gen und selbst mit den Richtern in Verbindung gesetzt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Außerdem hatten wir Zusammenkünfte und Unterredungen mit einer <lb/>
         großen Anzahl von Politikern und Pressevertretern: mit CONSTANTIN <lb/>
         MILLE, dem Chefredakteur der „Lupta“, mit der Redaktion und Direk- <lb/>
         tion der „Facla“, des „Adeverul“, der ‚Dimineatza“, der „Aurora“, <lb/>
         u.s. w. ..., mit den Repräsentanten der tätigsten Vereinigung der ehe- <lb/>
         maligen rumänischen Kriegsteilnehmer, mit COSTA FORU, dem Sekretär <lb/>
         der rumänischen Liga der Menschenrechte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir haben die Kreise der Intellektuellen, die der Literaten, der An- <lb/>
         waltschaft, der Universität aufgesucht. Wir haben dort viele ausgezeich- <lb/>
         nete Persönlichkeiten von freiem Geiste getroffen und feststellen kön- <lb/>
         nen, von welch hoher gedanklicher und künstlerischer Kultur diese aus- <lb/>
         gesuchte Gesellschaft durchdrungen ist. Nochmehr, das Ansehen des fran-
        <pb facs="#f0021" n="19"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         zösischen Gedankens ist im Königreich Rumänien bedeutend. Der fran- <lb/>
         zösische Intellektuelle hat dort tatsächlich nicht den Eindruck der Orts- <lb/>
         veränderung, ungeachtet der Tausende von Kilometern, über die ihn der <lb/>
         Orient-Expreß hingetragen hat. Bukarest ist, gleich Konstantinopel, die <lb/>
         Stadt Europas, wo man am meisten französisch spricht. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir haben gleicher Weise die Vertreter verschiedener Meinungen und <lb/>
         verschiedener politischer Parteien kennen gelernt. Ich nenne Dr. LUPU, <lb/>
         STERE, VIRGIL MADGEARU, die drei Leuchten der einflussreichen agra- <lb/>
         rischen Partei. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir sind in die Arbeiterklasse eingedrungen. Obgleich ich dazu auf- <lb/>
         gefordert wurde, wollte ich keine öffentlichen Versammlungen abhalten. <lb/>
         Man hat gesagt, ich hätte es in Bukarest getan. Aber das ist ein Irrtum. <lb/>
         In dem Falle, um den es sich handelt, habe ich lediglich mit meinen Be- <lb/>
         gleitern, von denen der eine überhaupt keine politische Meinung hat, <lb/>
         den Arbeitern der Syndikatsvereinigung in ihrem Lokal einen Besuch <lb/>
         abgestattet. Ebenso habe ich mich den syndikalistischen Angestellten, <lb/>
         Arbeitern und Studenten Belgrads gegenüber verhalten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Aufzählung ist sehr unvollständig. In dieser Übersicht meiner <lb/>
         Reise bemühe ich mich, nur die Hauptlinien des umfangreichen und <lb/>
         methodisch aufgebauten Untersuchungsgeschäftes zu geben und meine <lb/>
         Eindrücke in grossen Umrissen zu ordnen... An Ort und Stelle sieht <lb/>
         man viel, man folgt vielen Spuren, durchdringt mancherlei Geheimnisse. <lb/>
         Die Indizien, die vorgefassten Meinungen und die Ergebnisse kommen <lb/>
         eins zum andern und gestalten ein klares Bild. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich stelle fest, dass jeder ehrliche, gewissenhaft und vernünftig prü- <lb/>
         fende Beobachter zu denselben Ergebnissen gelangen müsste, zu denen <lb/>
         wir alle drei, ungeachtet der persönlichen Verschiedenheit unserer Ten- <lb/>
         denzen und Meinungen, in vollem Einvernehmen gelangtsind. Ich nehme <lb/>
         nicht an, daß es erforderlich ist, ergänzend hier all die Persönlichkeiten, <lb/>
         mit denen wir verkehrt haben und all die Kreise, die wir, um unsere <lb/>
         Studien zu vervollständigen, in den übrigen Balkanländern, in Bul- <lb/>
         garien, in Jugoslawien und in der Türkei, wie auch in Ungarn und in <lb/>
         Österreich, aufgesucht haben, zu erwähnen. Wir haben überall die ver- <lb/>
         hältnismäßig beschränkte, uns zur Verfügung stehende Zeit so ausge- <lb/>
         nutzt, daß wir sowohl mit den offiziellen Kreisen wie mit den unab- <lb/>
         hängigen geistigen Kreisen und mit der Arbeiterschaft in möglichst <lb/>
         große Berührung kamen und den größten Nutzen aus unseren Unter- <lb/>
         nehmungen ziehen konnten. </p>
      <pb facs="#f0022" n="20"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         In Sofia haben wir Übersichten und Feststellungen unmittelbar von <lb/>
         dem Vertreter Frankreichs, vom Generalsekretär der auswärtigen An- <lb/>
         gelegenheiten, von den Leitern des mazedonischen Komitees für Flücht- <lb/>
         lingshilfe und von den Repräsentanten der revolutionären mazedoni- <lb/>
         schen Vereinigung empfangen. Wir haben ferner außer bei Anwälten <lb/>
         und Beamten in jedem Lande auch Opfer oder deren Angehörige, <lb/>
         Flüchtlinge, Verbannte, Leute, die sich verborgen hielten, um der Ver- <lb/>
         haftung oder der Ermordung zu entgehen, (besonders in der Türkei <lb/>
         und in Jugoslawien) um Auskunft ersucht. Wir haben Beziehungen zu <lb/>
         allen bedeutenden Zeitungen angeknüpft, — deren Redakteure uns aus <lb/>
         freien Stücken aufgesucht haben. Ebenso war es in Belgrad und in <lb/>
         Budapest. Am letzten Tag meiner Reise — in Wien — glaubte ich, von <lb/>
         der bis dahin gewissenhaft befolgten Regel abweichen zu können: näm- <lb/>
         lich nicht öffentlich zu sprechen, aus Sorge, der Kritik eine Blöße zu <lb/>
         geben, indem ich mich, wenn auch nur mittelbar, an der politischen <lb/>
         Propaganda beteiligte. Aber in der Rede, die ich vor einem aus intellek- <lb/>
         tuell hochstehenden Menschen zusammengesetzten Publikum und in <lb/>
         einer von der internationalen Roten Hilfe in der Volkshalle abgehal- <lb/>
         tenen Volksversammlung gehalten habe, habe ich nur von der mensch- <lb/>
         lichen Solidarität gesprochen und lediglich dem Proletariat die Grüsse <lb/>
         der Proletariate der anderen Länder überbracht. </p>
      <p>
        <lb/>
         An der Schwelle zu diesem Bericht legen wir, PAULE LAMY, LEON <lb/>
         VERNOCHET und ich, Wert darauf, denen die verdiente Ehre zu er- <lb/>
         weisen, die, vor uns und mit den gleichen Absichten wie wir, vor kurzem <lb/>
         in die Balkanländer gegangen sind, und deren Einfluß, Talent und red- <lb/>
         licher Mut den Massen im Westen über eine Welt von Geschehnissen <lb/>
         die Augen geöffnet haben: besonders HENRY TORRES, MARCEL WIL- <lb/>
         LARD, ALBERT FOURNIER, DANIEL RENOULT, PLISNIER. </p>
      <pb facs="#f0023" n="[21]"/>
      <p>
        <lb/>
         II. <lb/>
         Mord und Totschlag! </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir alle ziehen in voller Kenntnis der Sachlage und in vollkommener <lb/>
         Übereinstimmung aus unserer schlichten und gründlichen Untersuchung <lb/>
         diesen Schluß: Nichts von alledem, was über den von den Balkanre- <lb/>
         gierungen ausgeübten Terrorismus gesagt worden ist, ist übertrieben. <lb/>
         Denen, die fragen: „Ist es wahr?“ muß man antworten: „Die Wahrheit <lb/>
         ist noch schlimmer!“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Es besteht in der durchschnittlichen Auffassung eine behagliche Nei- <lb/>
         gung, von vornherein die allzu tragischen Züge der zeitgenössischen <lb/>
         Wirklichkeit abzuschwächen: „Bitte, man wird uns doch nicht glauben <lb/>
         machen, dass in unserer Zeit, ...“ so murmeln manche Leute, die Skla- <lb/>
         ven der allgemeinen Trägheit und Mittelmäßigkeit sind. Ohne uns in <lb/>
         die Gedankengänge zu verlieren, welche diese flüchtige Betrachtung <lb/>
         des öffentlichen Geisteszustandes hervorruft, wollen wir uns vor die <lb/>
         nachgeprüften Tatsachen, die unverlöschbaren Ziffern stellen und un- <lb/>
         sererseits es sagen und herausschreien: Dort unten geht eine nieder- <lb/>
         trächtige Ungeheuerlichkeit vor sich, die ungeachtet des demagogischen <lb/>
         Geredes, mit dem sie prunkt, nichts als eine gewaltige Organisation des <lb/>
         Meuchelmordes ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich wünschte, ich könnte die Tatsachen in einem vollständigen Bilde <lb/>
         darstellen und mit einem Schlage die Menge der Beweise für sie auf- <lb/>
         zeigen; aber damit dieser Bericht nicht übermäßig lang und ermüdend, <lb/>
         selbst im Grauenhaften, wird, ist es notwendig, anstatt der quälenden <lb/>
         Einzeldarstellungen aus der blutigen Riesensammlung, deren — leider <lb/>
         unwiderlegliche — Zeugnisse um mich her aufgehäuft sind, die Ge- <lb/>
         schehnisse im Lichte einiger kurzer Mitteilungen allgemeiner Natur zu- <lb/>
         sammenzufassen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Edle verarmte Völker. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Balkanvölker sind alle, wie märchenhaft unsinnige Ansichten auch <lb/>
         über sie im Umlauf sein mögen, gleich arbeitsam, friedliebend und tapfer. <lb/>
         Auf dem ganzen Wege der Rundreise, die wir durch die neuen, an die
        <pb facs="#f0024" n="22"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Stelle der alten Provinzen des türkischen Reichs getretenen Königreiche <lb/>
         gemacht haben, sind wir mit vielen außerordentlich sympathischen, ehr- <lb/>
         lichen Arbeitern und Bauern in Berührung gekommen, die voll <lb/>
         der tüchtigsten Eigenschaften waren. Es gibt auf der Erde keine ehr- <lb/>
         licheren Menschen als Beßarabier, Bulgaren oder Türken. Und ich <lb/>
         wiederhole es gern, daß in den intellektuellen Kreisen von Bukarest, <lb/>
         Sofia, Belgrad, Zagreb — und Budapest — offene Köpfe im Überfluß <lb/>
         zu finden sind, deren Kultur derjenigen, die man in den entsprechenden <lb/>
         Kreisen des Westens findet, gleichkommt und sie sogar oft übertrifft. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die wirtschaftliche Lage all dieser Länder ist durchweg mittelmäßig <lb/>
         und aus dem Gleichgewicht gekommen, Elend und Verkümmerung <lb/>
         herrschen fast überall auf den Feldern. In Rumänien, diesem Ackerbau <lb/>
         treibenden Lande, betrug die angebaute Fläche in den Jahren 1924/25 <lb/>
         acht Millionen Hektar, das heißt, sie war um zwei Millionen Hektar ge- <lb/>
         ringer als im Jahre vorher und um fünfzig Prozent geringer als vor dem <lb/>
         Kriege. Die Nationalbank und die anderen Banken haben den Land- <lb/>
         leuten den Kredit abgeschnitten, was ihnen gestattet hat, den Zinsfuß <lb/>
         auf dreißig bis vierzig Prozent zu steigern. Und der öffentliche Unterricht? <lb/>
         Von Lesens- und Schreibens-Unkundigen wimmelt esin Rumänien. Es gibt <lb/>
         70 Prozent absolut Ungebildeter; in einigen Distrikten sind es neunzig Pro- <lb/>
         zent und bei den Frauen sogar achtundneunzig Prozent. Ein rumänischer <lb/>
         ländlicher Lehrer muß von einem monatlichen durchschnittlichen Gehalt <lb/>
         von etwa 190 Fr. leben; im alten Rumänien erhält der ausgediente Lehrer <lb/>
         im Monat den Wert eines Dollars, in Beßarabien nur eines halben Dollars. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Ursachen der wirtschaftlichen Krise in Rumänien lassen sich auf <lb/>
         folgende Tatsachen zurückführen: Die Politik des Raubes der Reich- <lb/>
         tümer des Landes, die Gesetze zur Verstaatlichung der Bodenschätze <lb/>
         und betreffend die Unternehmungen der früheren feindlichen Unter- <lb/>
         tanen, die Gesetze über die Bergwerke, über die Industrialisierung der <lb/>
         staatlichen Unternehmungen — die fabelhafte Reichtümer und Gewinne <lb/>
         in den Händen der „Oligarchie“ konzentriert haben —, Abkommen mit <lb/>
         der Nationalbank, Erhöhung der Abgaben, Wegfall der Steuern auf <lb/>
         Kapital und Kriegsgewinne, Abschaffung des Gesetzes gegen die Speku- <lb/>
         lation, Vertragsfreiheit hinsichtlich der Mieten. Fügen wir hinzu: Das <lb/>
         politische Regime der „Entnationalisierung“, sowie das der rohen Unter- <lb/>
         drückung der arbeitenden Klassen und der Mittelklassen, wovon ich <lb/>
         weiterhin sprechen werde — mit einem Wort diese Gesamtheit von <lb/>
         Maßregeln, die den alten Feudalismus der Bojaren in den Feudalismus <lb/>
         der Kapitalisten umgewandelt haben. </p>
      <pb facs="#f0025" n="23"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         In Bulgarien, diesem ebenfalls Ackerbau treibenden Lande (das länd- <lb/>
         liche Element stellt dort vier Fünftel der Bevölkerung dar), ist nur ein <lb/>
         primitives Ackerbaugerät im Gebrauch: man zählt je einen eisernen Pflug <lb/>
         auf 49 Hektar. Die Tabakskultur nimmt ein Drittel der bebauten Fläche <lb/>
         ein. Diese Kultur ist nicht ertragreicher als eine andere für den Land- <lb/>
         mann; aber die Landleute haben sie in diesem Maße aufgenommen, weil <lb/>
         sie ihnen durch ein mächtiges, gebietendes Konsortium aufgezwungen <lb/>
         worden ist, und auch weil ihre Ausführung weniger Gerät und Kosten <lb/>
         beansprucht als jede andere. Vom Tabak konnten die Produzenten <lb/>
         unter den Umständen, wie sie zur Zeit der dann gestürzten Regierung <lb/>
         STAMBOLIJSKIs waren, gut leben und zwar, weil dieser Minister stets <lb/>
         dafür Sorge trug, die Spekulanten und die Zwischenhändler von der Pro- <lb/>
         duktion fernzuhalten und die Zusammenarbeit zu ermutigen. Aber als <lb/>
         die Militär-Liga dank der finanziellen Hilfe der grossen Tabaksgesell- <lb/>
         schaften den Landleuten durch einen Gewaltstreich ihre Selbständig- <lb/>
         keit entriß, setzten sich diese Gesellschaften natürlich wieder in den <lb/>
         Besitz all ihrer Ausbeuterprivilegien und mißbrauchten sie. Hier gebe <lb/>
         ich einige statistische Daten für eine einzige Gegend: In Gorna Djumaya, <lb/>
         im Departement Petritsch, erhielten die Tabaksproduzenten im Jahre 1923 <lb/>
         für das Kilogramm des durch Vermittlung der örtlichen Genossen- <lb/>
         schaft verkauften Tabaks 110 bis 130 Leva, während die Händler bei <lb/>
         direktem Bezug von den Produzenten das Kilogramm Tabak zu jener <lb/>
         Zeit nur mit 45 bis 70 Leva bezahlt hätten. Gegenwärtig kauft der Händ- <lb/>
         ler, der alleiniger Herr der Lage geworden ist, den Tabak für 25 Leva <lb/>
         das Kilogramm, und der Lohn des Tabakarbeiters ist um 15 bis 30 <lb/>
         Prozent gesunken. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Industrie kränkelt in Bulgarien seit dem Kriege. Während die <lb/>
         großen Tabakfirmen ungeheure Gewinne einheimsen (2 Milliarden Leva <lb/>
         im Jahre 1923, die von dem Fiskus mit der lächerlich geringen Steuer <lb/>
         von 10 Millionen belastet worden sind), und während Spekulation und <lb/>
         Wucher blühen, siechen alle mittleren Industrie- und Handelsunter- <lb/>
         nehmungen hin; der Bahnverkehr ist auf die Hälfte zurückgegangen, <lb/>
         die Kohlengewinnung hat sich in demselben Maße verringert. Überall <lb/>
         Bankerotte, Ungewißheit und Sorge um den nächsten Tag. Die Nah- <lb/>
         rungsmittelgeschäfte können trotz der allgemeinen Unterernährung <lb/>
         nichts verkaufen. Die Schulden der Privatleute bei den Wucherern be- <lb/>
         laufen sich in Bulgarien auf 15 Milliarden Leva, und die jährlichen Zinsen <lb/>
         davon betragen 7 Milliarden; 28 169 bulgarische Kriegsinvaliden be- <lb/>
         ziehen eine Pension, die 0,80 Dollars im Monat gleichkommt. Diejenigen,
        <pb facs="#f0026" n="24"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         welche man die „Friedensinvaliden“ nennt, d. h. die Soldaten und Offi- <lb/>
         ziere, mit deren Hilfe die Regierung ihre Unterdrückungsmaßregeln <lb/>
         durchgesetzt hat, und die bei den inneren Unruhen verwundet worden <lb/>
         sind, beziehen eine vierfach höhere Pension als die Kriegsverletzten <lb/>
         desselben Invaliditätsgrades. Mit jedem Monat nimmt die Einfuhr zu <lb/>
         und die Ausfuhr ab. Das Budget weist ein Defizit auf, und die Hälfte <lb/>
         der Einnahmen wird durch die Schuldenzinsen sowie die Unterhaltung <lb/>
         des Kriegsministeriums und der Polizei verschlungen. In diesem kleinen <lb/>
         Lande gibt es 100 000 Arbeitslose, das bedeutet 500 000 Angehörige <lb/>
         der arbeitenden Klasse ohne Hilfsmittel. 7—8000 Beamte und Ange- <lb/>
         stellte sind arbeitslos — und niemand kümmert sich darum.*) <note place="foot">
          <lb/>
           *) Hier mögen einige Einzelheiten aus dem Jahre 1926 über die Arbeitslosigkeit <lb/>
           allein der bulgarischen Tabaksarbeiter stehen: In Küstendil gibt es 1200 Arbeitslose <lb/>
           bei im ganzen 1500 Arbeitern, in Dupnitza 2800 bei im ganzen 3000, in Philippopel <lb/>
           7000 bei im ganzen 8000, in Stanimaka 2500 bei im ganzen 3000 u.s.w., und die Gehälter <lb/>
           haben sich um 50 Prozent verringert. <lb/>
           Ich füge hinzu, daß ein Gesetz über die Regelung der Schweine- und Gemüseaus- <lb/>
           fuhr nach England unter den für die schon unterernährte bulgarische Bevölkerung ver- <lb/>
           hängnisvollen Verhältnissen ergehen soll: eine lediglich spekulative Maßnahme, die von <lb/>
           den Bankiers ausgeht und von Herrn LJAPTSCHEW in Angriff genommen worden ist. <lb/>
           Entsprechende Maßnahmen hat die rumänische Regierung ergriffen, um das Kapital zum <lb/>
           Schaden der Lebensinteressen der ländlichen Bevölkerung zu begünstigen, die in ge- <lb/>
           wissen Landesteilen alle zwei bis drei Tage nur einmal essen. („Adeverul*, Mai 1926.)
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         In Jugoslawien, wo eine Anzahl Fabriken außer Betrieb gesetzt sind, <lb/>
         und wo die Zahl der Arbeitslosen 200 000 beträgt, beginnt eine schwere <lb/>
         landwirtschaftliche Krise zu wüten. Die Preise der landwirtschaftlichen <lb/>
         Erzeugnisse sind seit dem letzten Jahre in folgendem Verhältnis ge- <lb/>
         sunken: Getreide von 400 Dinar auf 260, Mais von 200 auf 110. Der <lb/>
         Preis für ein Paar Ochsen ist von 12 000 auf 5000 Dinar gefallen. Was <lb/>
         das Land betrifft, so beträgt der Preis für einen Morgen guten Landes, der <lb/>
         sich im Jahre 1924 auf 25 000 Dinar belief, jetzt nur noch 10 000 Dinar. <lb/>
         Außer ihren wirtschaftlichen Ursachen hat diese Baisse noch einen anderen <lb/>
         Grund: die Spekulation der Großkaufleute. Man erhält einen Begriff von <lb/>
         dieser Spekulation, wenn man bedenkt, daß ungeachtet des Sinkens des <lb/>
         Getreidepreises das Brot in Belgrad 4,5 Dinar kostet (mehr als 2 Fr.). </p>
      <p>
        <lb/>
         In dem letzten jugoslawischen Budget hat man aus Sparsamkeits- <lb/>
         gründen das Wirtschaftsministerium unterdrückt, aber das Kriegsbudget <lb/>
         um 227 Millionen Dinar zwecks Ankaufs von Kreuzern und Flugzeugen <lb/>
         erhöht. Desgleichen hat man die Löhnung der Wrangel-Söldner erhöht. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Bukarest und in Belgrad macht der wesentlich durch das auslän- <lb/>
         dische Kapital geförderte industrielle Aufschwung den Eindruck schein- <lb/>
         baren Wohlergehens. In diesen „Siegerstädten“ ist der Gegensatz
        <pb facs="#f0027" n="25"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         zwischen den modernen Schlössern der Neureichen und der pittoresken <lb/>
         Erscheinung der trübseligen und jammervollen alten Arbeiterquartiere <lb/>
         wie der ländlichen Behausungen ergreifend.*) <note place="foot">
          <p><lb/>
             *) In Ungarn ähnliche Lage. In diesem Land, wo sieben Landleute auf zehn Ein- <lb/>
             wohner kommen, verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage täglich. Der Lohn des <lb/>
             Landarbeiters erreicht kaum den dritten Teil des Lohnes des Industriearbeiters. 23 000 <lb/>
             ungarische Metallarbeiter sind arbeitslos. Der Verbrauch, der durch Steuern überlastet <lb/>
             ist, hat sich im Verhältnis zu der Lage vor dem Kriege um die Hälfte verringert und <lb/>
             zwar nicht nur in dem gesamten auf 8 Millionen Einwohner reduzierten Lande, son- <lb/>
             dern selbst in Budapest, wo die Bevölkerung sich nicht vermindert hat. Die Folge dieser <lb/>
             Einschränkung ist eine Zunahme der Kindersterblichkeit und der Schwindsucht. Ungarn <lb/>
             schlägt den Rekord der Sterblichkeit infolge von Schwindsucht in Europa. Von Jahr <lb/>
             zu Jahr hat sich die Zahl der Selbstmorde in Ungarn um 50 Prozent und die der Morde <lb/>
             in Budapest um 60 Prozent vermehrt.</p>
          <p>
            <lb/>
             In Budapest haben 70 000 Menschen keine feste Wohnung, 8992 hausen in Kellern. <lb/>
             Ich habe überfüllte Kellerwohnungen besucht: drei oder vier Menschen müssen sich auf <lb/>
             jedem Bett ausstrecken — oder vielmehr sich zusammenkauern — und zwar die Bett- <lb/>
             breite benutzend. </p>
          <p>
            <lb/>
             Und das letzte ungarische Budget, das von Ausgaben für die Polizei, die Gendar- <lb/>
             merie, die offizielle Organisation der Streikbrecher überschwillt und geheime Fonds <lb/>
             für jedes Ministerium enthält, zeichnet sich infolge dieser Aufwendungen aus durch <lb/>
             eine Verminderung der direkten Steuern auf den Reichtum, eine Verminderung der <lb/>
             Kredite für den öffentlichen Unterricht, andererseits eine Vermehrung der Ausgaben <lb/>
             für die Polizei, für die Stromüberwachung, für den Unterhalt des „königlichen“ Hofes <lb/>
             des Regenten und für die Seminare. </p>
          <p>
            <lb/>
             Das militärische Budget Ungarns betrug vor dem Kriege 101 Millionen Goldkronen. <lb/>
             Heute beträgt es trotz der einschneidenden Beschränkungen durch den Trianonvertrag <lb/>
             92 Millionen Goldkronen für das kleine Nachkriegsungarn.</p></note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         In der reichen Vorstadt von Bukarest, auf der riesigen Avenue, deren <lb/>
         schattige Ufer mit neuen Palais geschmückt sind, steht ein Triumphbogen <lb/>
         des Sieges. Von weitem macht er einen stolzen Eindruck und zieht die <lb/>
         Blicke auf sich; in der Nähe sieht man, daß er aus Gips besteht und <lb/>
         verfallen und rissig ist wie ein Ausstellungsschaustück nach Schluß der <lb/>
         Ausstellung. Dieses fadenscheinige Monument aus Pappemachee, diese <lb/>
         neue Halbruine symbolisiert sehr charakteristisch die Oberflächlichkeit <lb/>
         und geringe Solidität der gegenwärtigen Entwicklung in den Zuständen <lb/>
         eines großen Landes. </p>
      <p>
        <lb/>
         Schmarotzer-Regierungen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Übrigens sind all diese Länder — und das ist das Tragischste, das <lb/>
         ihnen allen gemeinsam ist — in den Händen schmarotzerischer Regie- <lb/>
         rungen, die nicht aus den Nationen und Völkern hervorgegangen sind, <lb/>
         die sich nur durch künstliche Mittel erhalten: durch Polizeigewalt so- <lb/>
         wie durch militärischen und gerichtlichen Terrorismus, dank jenem alten <lb/>
         Prinzip der gesellschaftlichen Mechanik, wonach, wenn man einmal die <lb/>
         Macht ergriffen hat, man dadurch allein schon die wirksamsten Mittel
        <pb facs="#f0028" n="26"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         zu ihrer Erhaltung besitzt. Dennoch wäre es nicht ganz zutreffend, wenn <lb/>
         man sagen wollte, daß die Balkanregierungen nur sich selbst repräsen- <lb/>
         tieren. In Wahrheit stützen sie sich vermittelst der politischen Parteien <lb/>
         auf gewisse völkische Elemente, die aber immer innerhalb des Kreises <lb/>
         der großen privilegierten Bourgeoisie verbleiben.*) <note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Man müßte, was ich aber nicht tun werde, der Korruption, die auf jeder Stufe des <lb/>
             Beamtenkörpers der schmarotzerischen Balkanregierungen wuchert, ein ganzes Kapitel <lb/>
             widmen. Ich begnüge mich mit dem Hinweis, daß in Jugoslawien letzthin öffentlich <lb/>
             Fälle von Korruption mitgeteilt worden sind, die den Sohn eines Ministers und selbst <lb/>
             Minister an den Pranger stellen. Sogar RADITSCH hat in Pakrach ausgerufen: „Die Kor- <lb/>
             ruption geht durch alle Zweige der Staatsmaschinerie und muß gewaltsam ausgerottet <lb/>
             werden.“ Ein ehemaliger Vorsitzender des Conseils, DAWIDOWITSCH, hat erklärt, „daß, <lb/>
             ehe nicht einige Minister in Gefangenschaft gesetzt würden, die Korruption nicht be- <lb/>
             seitigt werden könnte“. Gegen RADITSCH sind schwere Anschuldigungen derselben Art <lb/>
             von dem Radikalen MARCOVICl erhoben worden. Diese Diskussionen zwischen jugo- <lb/>
             slawischen Führern klären auch die Öffentlichkeit über die besonderen Ursachen des <lb/>
             Krieges auf, wie über das Attentat von Serajewo, und deren Hintergründe. </p>
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         FERDINAND VON HOHENZOLLERN, der König von Rumänien, ist eine <lb/>
         recht wenig sympathische Persönlichkeit, um die herum der nationale <lb/>
         Überwachungs- und Zwangs-Apparat fest verankert ist. Aber der so <lb/>
         beamtlich eingerahmte Monarch ist nicht der Gebieter. Wir leben in einer <lb/>
         Zeit, in der ein König nichts ist als ein Werkzeug — wie das in erfreulich <lb/>
         zynischer Weise der Wahlspruch der deutschen Junker eingesteht: „Und <lb/>
         der König absolut, — wenn er unsern Willen tut!“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Übrigens aber ist er nicht bloßes Instrument, da er Mittäter ist. Dank <lb/>
         dem Spiel der Politik regiert die liberale Partei in Rumänien und setzt <lb/>
         sich gegenüber einem fügsamen Parlament durch. In diesem Phantom <lb/>
         eines Parlaments ist die Zustimmung der Mehrheit der Regierungsdik- <lb/>
         tatur von vornherein sicher, und die am besten begründeten, unwider- <lb/>
         legbaren Proteste, die manchmal erhoben worden sind, haben mit Ver- <lb/>
         trauensvoten geendet, für welche eine erdrückende Mehrheit stimmte. <lb/>
         Man braucht nicht besonders gut in bezug auf die innere Politik Ru- <lb/>
         mäniens unterrichtet zu sein, um zur Klarheit darüber zu gelangen, daß <lb/>
         diese sogenannte liberale Partei in keiner Weise die Bestrebungen oder <lb/>
         die lebendigen Kräfte der Nation verkörpert. Die zaristische oder die <lb/>
         agrarische Partei ist weit verbreiteter im Lande. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die übrigen hauptsächlichen Parteien sind die Volkspartei des Ge- <lb/>
         nerals AWERESCU und die Transsylwanische „National-Partei“. Da die <lb/>
         liberale Partei sich mit aller Kraft hält, spielen sich alle möglichen Ver- <lb/>
         suche zur Bildung eines Blockes der Opposition ab. Aber es hat nicht <lb/>
         den Anschein, als ob diese politischen Kombinationen eine bemerkens- <lb/>
         werte Wandlung des Regierungssystems hervorbringen könnten, außer
        <pb facs="#f0029" n="27"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         in den Augen einer naiven Öffentlichen Meinung, die sich mit einer Än- <lb/>
         derung von Namensbezeichnungen zufrieden gibt. Die rumänischen Re- <lb/>
         gierungsparteien haben fast alle dieselben Bestrebungen, und keine von <lb/>
         ihnen ist tief im Lande verwurzelt. Letzten Endes sind sie alle, — auch <lb/>
         die Agrarpartei, die zur Macht nur gelangen könnte, wenn sie besonders <lb/>
         zahm werden würde, — mehr oder minder die Diener der rumänischen <lb/>
         Oligarchie und die Stützen einer Regierung, die, wie mir OTTO BAUER <lb/>
         in Wien sagte, „die feudalistischste in ganz Europa ist“. Welches auch <lb/>
         immer die Regierung sein mag, die aus den Wahlen im Frühjahr 1926 <lb/>
         hervorgeht, ihr Programm wird vor allem wie das der Liberalen das des <lb/>
         politischen Opportunismus sein; ihre Taktik wird wie die der Liberalen <lb/>
         lediglich die sein, die Opposition zu spalten und hinter der Szene mit <lb/>
         starker Hand zu handeln. </p>
      <p>
        <lb/>
         Dieselben Betrachtungen finden auf die politischen Kämpfe im bul- <lb/>
         garischen Parlament Anwendung, nur mit dem Unterschied, daß es der <lb/>
         bulgarischen Regierung gelungen ist, einen Block der Opposition aus <lb/>
         der Opposition heraus für sich zu gewinnen. Aber wie auch in Rumä- <lb/>
         nien, in Jugoslawien und in Griechenland haben die maßgebenden Auto- <lb/>
         kraten in Bulgarien andere Mittel zu ihrer Verfügung als den Parlamen- <lb/>
         tarismus. </p>
      <p>
        <lb/>
         Und diese Mittel nutzen sie für die Gestaltung der Wahlen aus. Es <lb/>
         ist eine von niemandem bestrittene Wahrheit, daß, wenn die Wahlen auf <lb/>
         dem Balkan frei wären, das Ergebnis eine vollständige Umwälzung sein <lb/>
         würde, — die aber die offiziellen Gewalthaber im Augenblick nicht zu <lb/>
         fürchten haben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Wahlen auf dem Balkan vollziehen sich unter dem unmittelbaren <lb/>
         Druck der Gendarmen und der Faszisten sowie unter brutalen Eingrif- <lb/>
         fen der Obrigkeit.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Das Beispiel dieser Methoden, das Schema dafür, zeigen uns die letzten Wahlen <lb/>
             in Saloniki (Griechenland). Die Liste einer Arbeitervereinigung war mit dreitausend <lb/>
             Stimmen gewählt worden. Alles Recht beiseite schiebend, erklärte General PANGALOS <lb/>
             die Wahlen für ungültig. Die Arbeiterliste wurde mit achttausend Stimmen wieder gewählt.<lb/>
             Nun beschuldigte der Diktator die Gewählten, aufrührerische Aufrufe an das Heer ge- <lb/>
             richtet zu haben, und er ließ ihrer zweiundzwanzig Ende Januar 1926 verhaften. </p>
          <p>
            <lb/>
             Die Art, wie PANGALOS, der aus den Inseln des Mittelmeers und besonders aus der <lb/>
             Insel Santorin Konzentrationslager für alle Republikaner gemacht hat, seine eigene <lb/>
             Wahl vorbereitet hat, entspricht genau dem Wesen seiner Persönlichkeit — und des <lb/>
             Systems. Er ließ sich eine Abordnung von Offizieren kommen, die ihn überreden muß- <lb/>
             ten, seine Kandidatur aufzustellen,und nachdem er die Kandidatur von VENIZELOS ein- <lb/>
             fach völlig unterdrückt hatte, verbot er den Zeitungen, über ihn selbst, was es auch
            sein <lb/>
             mochte, zu schreiben — und in dem durch den schärfsten Belagerungszustand erschöpf- <lb/>
             ten Griechenland hat dieser blutrünstige Hansnarr 90 Prozent aller Stimmen auf sich <lb/>
             vereinigt. Ebenso gut hätte er die Zahl der für ihn abgegebenen Stimmen im voraus <lb/>
             durch Verordnung festsetzen können. </p>
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Tatsachen der folgenden Art sind in Rumänien allgemein bekannt: </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir wissen, daß in Beßarabien, zu Volontirowka, der Präfekt zur <lb/>
         Zeit der Wahlen behufs Einschüchterung der Wähler erklärt hat, daß <lb/>
         die, welche gegen die Regierung stimmen sollten, Beßarabien zu ver- <lb/>
         lassen gezwungen werden würden. </p>
      <pb facs="#f0030" n="28"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         In Chaba untersagten die Gendarmen den Vertrauensleuten der Oppo- <lb/>
         sition den Eintritt in das Wahllokal. Mit diesen Methoden gelang es den <lb/>
         Behörden, jede Beteiligung der Landbevölkerung an den Wahlen zu <lb/>
         verhindern. Nur 811 von den 8000 Bewohnern von Chaba wurden in die <lb/>
         Wählerlisten eingetragen, in Papuchoi 66 von 6000, in Plakhteowa 67 <lb/>
         von 8000, in Delieri 66 von 4000 und an anderen Orten 30 bis 100 von <lb/>
         5000 bis 10000 Einwohnern. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Tatar-Bunar figurierten von den 14 000 Einwohnern 1112 auf den <lb/>
         Wählerlisten. Diese Zahl fanden die Behörden noch zu hoch; am 26. <lb/>
         Juli verschwand die Liste und wurde durch eine andere ersetzt, die nur <lb/>
         400 Wähler enthielt. Den Beamten von Tatar-Bunar wurde augenblick- <lb/>
         liche Entlassung für den Fall angedroht, daß die Regierungskandidaten <lb/>
         nicht gewählt werden würden. Der größeren Sicherheit halber setzte <lb/>
         man die bisherigen Gemeindebeamten von Tatar-Bunar ab und ersetzte <lb/>
         sie durch sicherere Handlanger, und zwar}innerhalb von vierundzwanzig <lb/>
         Stunden. Der Präfekt prüfte die Wählerliste selbst und strich die Namen <lb/>
         einer großen Anzahl von Personen heraus. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Agrarier STERE, einer der populärsten Männer in Beßarabien, <lb/>
         aber in der Opposition gegen die augenblickliche Regierung, hat mir <lb/>
         von den Unannehmlichkeiten, die ihm während seines letzten Wahlfeld- <lb/>
         zuges begegnet waren, von den Roheiten berichtet, die man gegen ihn <lb/>
         begangen hatte, und unter denen Männer, welche, wie HALIPP, hohe <lb/>
         Staatsstellungen bekleideten, gleicher Weise zu leiden hatten. Den nicht <lb/>
         offiziellen Kandidaten wurde es tatsächlich verboten, Wählerversamm- <lb/>
         lungen abzuhalten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man findet in den Erklärungen eines bekannten Rumänen, des Pro- <lb/>
         fessors der Geschichte und Abgeordneten JORGA, eine vollständige <lb/>
         Darstellung der von der Regierung in der Behandlung der Wähler an- <lb/>
         gewendeten zynischen Methoden. Ich lege umso mehr Wert auf dieses <lb/>
         Zeugnis, als JORGA sich anderweit als ein recht ungeschickter Ver- <lb/>
         teidiger „der Ehre Rumäniens“ erwiesen hat.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Bei den rumänischen Gemeindewahlen im Februar 1926 sind von den 250 000 wahl- <lb/>
             berechtigten Einwohnern von Bukarest nur 54000 auf die Wählerliste gekommen, und <lb/>
             kaum die Hälfte der Eingetragenen hat Stimmkarten erhalten. Man hat unter dem <lb/>
             Vorwand des Bestehens ansteckender Krankheiten ganze Stadtviertel durch Polizei- <lb/>
             ketten abgesperrt, sodaß die Wähler verhindert worden sind zu stimmen (das war be- <lb/>
             sonders der Fall in Beltz). Polizeibeamte sind auf frischer Tat dabei ertappt wor- <lb/>
             den, als sie gefälschte Stimmkarten abgaben. In einzelnen Bezirken hat man durch <lb/>
             Machinationen die Wahlliste der Opposition unterdrückt und ohne Abstimmung die <lb/>
             offizielle Liste für gewählt erklärt. „Dimineatza“ veröffentlicht die Tricks,
            vermittelst deren <lb/>
             man betrügerischer Weise unzählige Stimmen annulliert hat. Polizeiliche Gewalttaten <lb/>
             sind im ganzen Lande verübt worden. Die Regierung gibt vier Todesfälle zu. Aber es <lb/>
             sind wenigstens sechs bekannt geworden; allein in Calafat gab es zwei Tote und zahl- <lb/>
             reiche Verletzte. In Bursugieni 15 Verwundete u.s.w.. Es gibt auch Fälle von
            Fälschungen <lb/>
             der Ergebnisse: „Adeverul“ vom 22. Februar 1926 verzeichnet den Protest von 1800 <lb/>
             Gemeinderäten aus 140 Dörfern — welche erklären, daß sie entgegen den offiziellen <lb/>
             statistischen Tabellen durchaus nicht der Regierungspartei angehören. Die Wahlen am <lb/>
             14. Februar 1926 haben in ganz Bulgarien Praktiken derselben Art gezeitigt. Einer <lb/>
             meiner wütendsten Verkleinerer, der in Frankreich und in Rumänien wüste Fehden gegen <lb/>
             die Leiter der „Humanité“ geführt hat, EUGEN TITEANU, schreibt in „Cuvantul“ in bezug <lb/>
             auf die Wahlen: „Als TORRES behauptete, daß man in Rumänien morde, bin ich ihm <lb/>
             entgegengetreten. Nun hat aber BRATIANU das Bestehen des weißen Terrors in unserem <lb/>
             Lande bestätigt. Wo besteht die Garantie für die Ordnung im Staat, der das Leben <lb/>
             seiner Bürger nicht schützt, wenn die Mörderbande selbst die Autorität ist?“ (Febr.
            1926.) </p>
        </note>
      </p>
      <pb facs="#f0031" n="29"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Diese Vergewaltigungen der in der Theorie bestehenden Wahlfrei- <lb/>
         heit, auf die ich noch zurückkommen werde, sind in allen Balkanlän- <lb/>
         dern üblich. Sie sind auch nicht auf die Balkanländer im engeren Sinne <lb/>
         beschränkt. Nach der ungarischen Verfassung, an deren Zustandekom- <lb/>
         men Frankreich erheblich beteiligt war, besteht das allgemeine Stimm- <lb/>
         recht nicht. Aus den Wählerlisten werden alle Bürger gestrichen, die <lb/>
         kein Zeugnis über Elementarstudien beibringen können. Nun gibt es in <lb/>
         Ungarn viele Analphabeten; andererseits gelingt es durch geschickte <lb/>
         Verwaltungskunststückchen, eine größere Anzahl von Ungarn, die lesen <lb/>
         können, unter die Zahl der Nichtstimmberechtigten einzureihen. Im üb- <lb/>
         rigen stimmt der Wähler offen ab und unterzeichnet seine Stimmabgabe. <lb/>
         Man versteht unter diesen Umständen, wie Behörden und Arbeitgeber <lb/>
         einen unbeschränkten Druck ausüben können, und man begreift, wes- <lb/>
         halb die Regierungspartei im Parlament eine durch Mittel der Wahl <lb/>
         unerschütterliche Mehrheit von 170 Stimmen zählt. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Bulgarien ist die Regierung ZANKOFFs und des Generals WALKOFFS, <lb/>
         des Kriegsministers, (man kann beide schwer trennen,) wie ich schon <lb/>
         erwähnt habe, nicht tiefer verwurzelt als die BRATIANUSs in Rumänien. Das <lb/>
         Ministerium STAMBOLIJSKI, das jenem vorangegangen war, hatte mehr <lb/>
         Lebenskraft. ALEXANDER STAMBOLIJSKI, dieser bäuerische Hüne, den <lb/>
         die militärischen Schlächter SLAWEIKO WASSILIEFFs im Jahre 1923,ehe sie <lb/>
         ihn töteten, geschunden und zerfetzt haben, bleibt eine höchst eindrucks- <lb/>
         volle Gestalt von starker Eigenartigkeit. Er war ein unbändiger Gewalt- <lb/>
         mensch. Seine Regierung war eine „bäuerische“. Dieser Potentat han-
        <pb facs="#f0032" n="30"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         delte oft eigenwillig, und man kann sagen, daß von ihm, von seiner <lb/>
         „Orangegarde“, von seinem Polizeipräfekten PRUDKIN und von seiner <lb/>
         ganzen unverantwortlichen Umgebung die Ära der gewaltsamen Unter- <lb/>
         drückungen in Bulgarien herrührt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Aber ihm war ein starker Sinn für das Volkstümliche eigen, was man <lb/>
         nicht verkennen sollte. Das Ministerium STAMBOLIJSKI führte Reformen <lb/>
         ein, von denen einige sehr bemerkenswert sind, besonders die, welche <lb/>
         die Arbeitsdienstpflicht, die erhebliche Verallgemeinerung des öffent- <lb/>
         lichen Unterrichts, die Agrarreform und die Landbanken betreffen. Er <lb/>
         hatte eine Art von patriarchalischer Regierung ausgearbeitet und ein- <lb/>
         gerichtet, ein kühnes Unternehmen, das indes unter einer gewissen gei- <lb/>
         stigen Enge litt, zum Beispiel hinsichtlich der brutalen Beiseiteschiebung <lb/>
         aller Intellektuellen. ZANKOFF machte sich STAMBOLIJSKIs Ungeschick- <lb/>
         lichkeiten und Vergewaltigung der Arbeitermassen (er verstand nicht, <lb/>
         Arbeiter und Bauern zusammenzubringen), sowie den Umstand, daß er die <lb/>
         Offiziere, die Bürger, die Geldieute und die Intellektuellen verstimmt <lb/>
         hatte, zu nutze, um einen Gewaltstreich zu wagen, der es ihm im Laufe <lb/>
         einer halben Stunde, von drei Uhr bis drei Uhr dreißig Minuten am <lb/>
         Morgen des9. Juni 1923, ermöglichte, STAMBOLIJSKIs Regierung zu stür- <lb/>
         zen und zu ersetzen. </p>
      <p>
        <lb/>
         ZANKOFF war angesichts der öffentlichen Meinung genötigt, mit einem <lb/>
         Parlament zu regieren. Er erreichte durch allerlei Bestechungsmanöver <lb/>
         wie durch Einschüchterung und Zwang den Zusammenschluß aller be- <lb/>
         stehenden Parteien — mit Ausnahme der Agrarpartei und der kommu- <lb/>
         nistischen Partei — unter dem Namen demokratische Vereinigung (De- <lb/>
         mokratitscheski Sgowor). Er unternahm es darauf, den teuflischen Plan <lb/>
         auszuführen, sich die Mehrheit dadurch zu sichern, daß er die Angehö- <lb/>
         rigen der beiden unbotmäßigen Parteien oder die mit ihnen sympathi- <lb/>
         sierenden Personen und dann weiter alle Oppositionellen durch Mord <lb/>
         beseitigte. Damit ist es ihm bis jetzt geglückt: Die Tatsachen, die Daten, <lb/>
         die Statistiken beweisen es. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man sieht sich genötigt, den Knechtssinn zu brandmarken, den die <lb/>
         Parteien, die sich inpomphafter und heuchlerischer Weise Oppositions- <lb/>
         parteien nannten, und besonders die sozialistische Partei, bei der Ge- <lb/>
         legenheit gezeigt haben. Die „Epocha“, das Organ des führenden Sozia- <lb/>
         listen PASTUCHOFF, feiert den 9. Juni als den Tag „der Befreiung von <lb/>
         einer Tyrannei, die schlimmer als die türkische Tyrannei war“. Der Vor- <lb/>
         stand der vereinigten sozialistischen Partei beglückwünschte das Offi- <lb/>
         zierkorps zu der entscheidenden Rolle, die es gespielt hatte, vierzehn
        <pb facs="#f0033" n="31"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Tage nach dem Staatsstreich, den die Regierungstreuen (wie die Fas- <lb/>
         zisten in Italien) fälschlicher Weise als Revolution bezeichneten — was <lb/>
         eine unverzeihliche Gemeinheit wäre, wenn man es nicht als mildernden <lb/>
         Umstand ansehen wollte, daß in diesem Augenblick die Partei vielleicht <lb/>
         nichts anderes als das Ende einer Regierung sah, die einen erbitterten <lb/>
         Kampf gegen sie geführt hatte, und daß sie vielleicht nicht voraussah, daß <lb/>
         ZANKOFF STAMBOLIJSKIs Verbrechen verhundertfacht erneuern würde. <lb/>
         Jedenfalls aber haben sich die Sozialisten in der Folge niemals gegen <lb/>
         den weißen Terror der ZANKOFF-WALKOFF erhoben, und der „Narod“, <lb/>
         das offizielle Organ der Sozialisten, schrieb am 15. September 1923: „Es <lb/>
         ist sicher, daß die Sozialisten an der Unterdrückung der agrarischen Un- <lb/>
         ruhen und der Aufstände im September teilgenommen haben. Wir wollen <lb/>
         uns den daraus sich ergebenden Verantwortlichkeiten nicht entziehen.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Sozialist, KASASSOFF, hat eine Zeitlang dem Ministerium ZANKOFF <lb/>
         angehört, und erst ganz neuerdings ist mit Rücksicht hierauf sein Aus- <lb/>
         schluß aus der sozialistischen Partei beschlossen worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ohne Zweifel besteht zwischen der Regierung ZANKOFF-WALKOFF <lb/>
         und dem Zaren BORIS eine Spannung und Nichtübereinstimmung, aber <lb/>
         offenbar ist der Zar nicht Manns genug, um den menschlichen Anschau- <lb/>
         ungen, von denen er beseelt ist, zur Vorherrschaft zu verhelfen und um es <lb/>
         zu vermeiden, seinen Namen in engere Verbindung mit einer Regierung <lb/>
         der Art zu bringen. Er begnügte sich damit, die aus politischen Grün- <lb/>
         den gefällten Todesurteile nicht zu unterzeichnen, obwohl er der erste <lb/>
         ist, der einsieht, daß seine Bedenken ganz zwecklos sind, da die Macht- <lb/>
         haber in seinem Reiche sich nicht scheuen, die, welche er retten wollte, <lb/>
         durch Meuchelmord verschwinden zu lassen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Geistlichkeit? Die bulgarische Synode hat soeben eine ausführ- <lb/>
         liche Botschaft an die bulgarischen Christen gerichtet: „Im Namen der <lb/>
         christlichen <hi rendition="#g">Nächstenliebe</hi> fordern wir das bulgarische Volk auf, <lb/>
         der Regierung zu helfen, die Ordnung wieder herzustellen.“ Wenn <lb/>
         man weiß, was dieser Ausdruck: „die Wiederherstellung der Ordnung“ <lb/>
         bedeutet, muß man die Haltung der Geistlichkeit als monströs ver- <lb/>
         urteilen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Jugoslawien zeigt die Regierung PASCHITSCH im wesentlichen die- <lb/>
         selben charakteristischen Züge. Auch sie bekämpft die politische Opposi- <lb/>
         tion durch die Gewalt und den Zwangsapparat, der allen Regierungen zu <lb/>
         Gebote steht. Ja, Jugoslawien hat, der Zeit nach, damit begonnen, alle <lb/>
         Oppositionsparteien als gesetzwidrig hinzustellen und Staatsfaszismus <lb/>
         zu treiben. </p>
      <pb facs="#f0034" n="32"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die Glawniatscha in Belgrad, das Zentralgefängnis, die Bastille Jugo- <lb/>
         slawiens, rührt noch aus der türkischen Zeit her. Unter den OBRENOWITSCH <lb/>
         und der feudalistischen Regierung war sie von Häftlingen und deren <lb/>
         Martern erfüllt. Seit dem 29. Mai 1923 hat die Dynastie KARAGEORGI- <lb/>
         WITSCH den Konak inne, hat sich die radikale Partei, die einst von MILAN <lb/>
         und ALEXANDER verfolgt worden war, in den Besitz der Macht gesetzt, <lb/>
         — und das Staatsgefängnis spielt die gleiche Rolle gegenüber denen, <lb/>
         welche die Sache der Freiheit und der Gerechtigkeit verteidigen. Die <lb/>
         Drahtzieher in Jugoslawien, das nicht eine Vereinigung von Völkern ist, <lb/>
         sondern das frühere, durch erbeutete Länder, die es schlecht behandelt, <lb/>
         vergrößerte Serbien, führen andauernd Krieg mit den Arbeitern, mit <lb/>
         den Bauern und mit den nationalen Minderheiten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Ministerium PASCHITSCH hat sich durch die Verbindung mit der <lb/>
         kroatischen Partei unter der Fahne seines großen Führers RADITSCH ge- <lb/>
         kräftigt. Mit diesem Pakt hat sich RADITSCH im Gegensatz zu den Prin- <lb/>
         zipien der von ihm gebildeten Partei dem proletariatsfeindlichen Werk <lb/>
         des Ministeriums PASCHITSCH und dessen imperialistischen Zielen (Aspi- <lb/>
         rationen auf Albanien und Saloniki) zur Verfügung gestellt. Er scheut sich <lb/>
         nicht, das Schicksal einer ganzen Partei und selbst einer ganzen Be- <lb/>
         völkerung mit seinem eigenen Geschick in recht gröblicher Weise zu <lb/>
         verbinden. Er sagt — wie uns die „Balkanagentur“ berichtet —: „Alle, die <lb/>
         eine Regierung ohne RADITSCH einsetzen wollen, sollen davon überzeugt <lb/>
         sein, daß in diesem Falle die Kroaten nicht Teil des jugoslawischen <lb/>
         Staates sein werden.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Selbst die von solchen Regierungen vorgenommenen Reformen kön- <lb/>
         nen nichts anderes sein als Vorwände und Hilfsmittel der Herrscherge- <lb/>
         walt. Die gepriesenen Agrarreformen, von denen das offizielle Gerede <lb/>
         in Rumänien wie in Bulgarien so viel hergemacht hat, sind eine Vor- <lb/>
         spiegelung falscher Tatsachen. Die Aufteilung der Latifundien in Trans- <lb/>
         sylwanien und Beßarabien hat den Bauern nichts genützt, sondern hat <lb/>
         unerhörten Güterschacher hervorgerufen und den Gendarmen, Polizi- <lb/>
         sten und behördlichen Handlangern reichliche Gewinne eingetragen. Die <lb/>
         weitgehende Agrarreform STAMBOLIJSKIs in Bulgarien ist in der Folge <lb/>
         durch die vom Kabinett ZANKOFF erzwungenen Abänderungen vollkom- <lb/>
         men entstellt worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Gesetz der Unbill. </p>
      <p>
        <lb/>
         In allen Balkanländern, zu denen man in dieser Hinsicht wie in mancher <lb/>
         anderen auch Ungarn zählen kann, haben die Machthaber ein Gesetz
        <pb facs="#f0035" n="33"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         zur „Sicherheit des Staates“ in Kraft gesetzt. Die rumänischen, bulga- <lb/>
         rischen, jugoslawischen und ungarischen Gesetze zur Sicherheit des <lb/>
         Staates haben sozusagen alle denselben Typus. Sie geben den bestehen- <lb/>
         den Gewalten alle Mittel zur Ergreifung und Niederschlagung derer, <lb/>
         die sich nicht zu genau den gleichen Ansichten bekennen, welche die <lb/>
         herrschende Richtung hat. Die einfache Tatsache, daß jemand einen Ge- <lb/>
         danken äußert, der als umstürzlerisch bezeichnet wird, daß man gewisse <lb/>
         Zeitungen erhält oder liest, daß man mit ausländischen Organisationen <lb/>
         Verbindungen pflegt, daß man irgend eine kritische Äußerung tut, von <lb/>
         der ein königlicher Staatsanwalt annehmen könnte, daß sie das natio- <lb/>
         nale Ansehen schädigt, all solche Dinge ergeben den Tatbestand von <lb/>
         mit schweren Strafen bedrohten Vergehen und Verbrechen. MARCEL <lb/>
         WILLARD schreibt zutreffend, daß der Artikel 20 des bulgarischen <lb/>
         Gesetzes die Minderheiten buchstäblich der absoluten Willkür einer Re- <lb/>
         gierungsmehrheit preisgibt, was für das moderne Recht und vom Stand- <lb/>
         punkt der Billigkeit eine Ketzerei ist. Dieses Bündel der Balkangesetze <lb/>
         ist eine Herausforderung und ein Attentat auf das Menschenrecht. Da- <lb/>
         mit hat man Willkür und Laune an die Stelle des Rechts gesetzt. Man <lb/>
         könnte es das außerhalb des Gesetzes gestellte Gesetz nennen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Auf Grund dieser Ausnahmegesetze sind Leute einfach deshalb ver- <lb/>
         urteilt worden, weil sie sich am Orte eines Attentats befanden, sind <lb/>
         Männer und Frauen zum Tode verurteilt worden, weil sie von der Poli- <lb/>
         zei verfolgte Flüchtlinge aufgenommen hatten, ohne zu wissen, daß diese <lb/>
         Flüchtlinge schuldig waren, und selbst, ohne daß die Schuld derselben <lb/>
         ie festgestellt worden wäre.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Man kann sich leicht vorstellen, welche Gewalt über die Freiheit der Staatsbürger so <lb/>
             kautschukartige Bestimmungen verleihen, wie die des Artikels7 des ungarischen Gesetzes <lb/>
             von 1921, das sich das Gesetz zur Sicherheit des Staates und seines „Ansehens“ nennt: </p>
          <p>
            <lb/>
             „Wer etwas wahrheitswidriges verbreitet oder behauptet, das geeignet ist, das An- <lb/>
             sehen des ungarischen Staates oder der ungarischen Nation zu mindern oder ihren <lb/>
             Kredit zu schädigen, begeht ein Delikt, das mit Gefängnis bis zu fünf Jahren be- <lb/>
             straft wird. </p>
          <p>
            <lb/>
             Die Strafe beträgt bis zu zehn Jahren Zwangsarbeit, wenn die Handlung in der Ab- <lb/>
             sicht begangen worden ist, einen Staat oder eine auswärtige Nation zur Vornahme einer <lb/>
             Feindseligkeit gegen den ungarischen Staat oder die ungarische Nation anzustiften, und <lb/>
             wenn die Anstiftung einen feindseligen Akt zur Folge gehabt hat, wird sie mit lebens- <lb/>
             länglicher Zwangsarbeit bestraft. Ein solcher feindseliger Akt kann auch ein Zeitungs- <lb/>
             artikel sein.“ </p>
          <p>
            <lb/>
             Es sei hier, wenn auch nur, um auf die Ansteckung hinzuweisen, die derartige sonder- <lb/>
             bare Prinzipien zur Folge haben, darauf aufmerksam gemacht, dass in Esthland eine <lb/>
             Anzahl Bauern zu drei bis vier Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden sind. Sie waren <lb/>
             des „Wohlwollens“ für die Aufrührer vom Dezember beschuldigt. Ein gewisser REISAN <lb/>
             ist zu drei Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, weil „man beobachtet hatte, wie er <lb/>
             sich in der Nähe seines Hauses mit einem Fremden unterhielt“.</p>
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Kein Jurist und überhaupt auch kein Mensch von gesunden Sinnen <lb/>
         kann anders als mit Entsetzen die allzu berüchtigte Bestimmung lesen, <lb/>
         wonach die Todesstrafe wegen einer als gefährlich angesehenen Pro- <lb/>
         paganda verhängt werden kann, oder die, wonach die Eltern gehalten <lb/>
         sind, ihre eigenen Kinder anzuzeigen und der Polizei auszuliefern. </p>
      <pb facs="#f0036" n="34"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Schließlich kämpfen in allen Balkanländern die reaktionären Regie- <lb/>
         rungen gegen ihre Völker. Durch Prozesse und Verurteilungen, durch <lb/>
         einzelne Attentate oder durch Metzeleien erreichen sie die „materielle <lb/>
         Vernichtung“ der Emanzipationsgedanken. Sie bedienen sich, wie Ru- <lb/>
         mänien, Jugoslawien und Griechenland, der militärischen Okkupation <lb/>
         und der „Angleichung“ ihrer neuen Provinzen oder, wie Bulgarien, der <lb/>
         mittelbar oder unmittelbar durch ihre Werkzeuge erregten Unruhen, <lb/>
         um mit mathematischer Genauigkeit ihr Programm der Ausrottung durch- <lb/>
         zuführen. </p>
      <pb facs="#f0037" n="[35]"/>
      <p>
        <lb/>
         III. <lb/>
         Die Organisationen der Zerschmetterung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Balkanregierungen bedienen sich sämtlich ungefähr derselben <lb/>
         Hilfsmittel und Organisationen zur Unterdrückung. In all jenen Ländern <lb/>
         sind die hauptsächlichsten dieser Mittel, die stärksten dieser Organisatio- <lb/>
         nen: Heer und Militär-Ligen. Man kann sich keine Stelle auf der Welt <lb/>
         vorstellen, wo Uniform und Galons sich einer vollkommeneren Macht- <lb/>
         stellung erfreuen, wo die Offiziere in absoluterer Weise unverantwort- <lb/>
         lich und despotisch auftreten können. Eine der traurigsten pittoresken <lb/>
         Seiten der Balkanhauptstädte ist die Stellung, welche die Offiziere dort <lb/>
         einnehmen, und die dort sich breitmachende Aufdringlichkeit der mili- <lb/>
         tärischen Denkmäler. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Militär-Zirkel in Bukarest erdrückt mit seiner überreichen Archi- <lb/>
         tektur alle anderen Monumentalbauten der Stadt, selbst die Schlösser <lb/>
         und die neuen Bankgebäude. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Militär-Schule in Belgrad ist nicht ein Monument, sie ist ein gan- <lb/>
         zes Viertel. Das jugoslawische Budget beläuft sich auf 12 Milliarden <lb/>
         Dinar; davon sind 2 700 000 dem Kriegsbudget zugeteilt, abgesehen von <lb/>
         einer Milliarde, die durch die guten Dienste der Bank von Frankreich <lb/>
         für Neurüstungen vorgeschossen worden ist. In Bulgarien fließen aus <lb/>
         dem Staatseinkommen von ungefähr 5700 Millionen Leva dem Heere <lb/>
         und der Polizei 2800 Millionen zu. In Griechenland beträgt die Gesamt- <lb/>
         summe der Ausgaben 8471 Millionen Drachmen, während die Ausgaben <lb/>
         des Kriegsministeriums 2272 Millionen betragen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Militär-Verbände und Polizei. </p>
      <p>
        <lb/>
         Neben dem offiziellen Militarismus der offiziöse Militarismus, neben <lb/>
         dem Heere die aus Reserveoffizieren und ehemaligen Offizieren gebil- <lb/>
         deten Ligen. Alle Balkanländer sind mit ihnen versehen. Viele haben <lb/>
         mehrere von ihnen. Die serbische „Weiße Hand“, (die an die Stelle der <lb/>
         „Schwarzen Hand“ getreten ist,) hat ihre Finger in allen neueren poli- <lb/>
         tischen Ereignissen gehabt. In Bulgarien bilden vierzehn Angehörige <lb/>
         der Militär-Liga den Militär-Konvent, das oberste Komitee, dessen ge- <lb/>
         bräuchliche Bezeichnung die Schwadron ist. Außerdem besteht eine
        <pb facs="#f0038" n="36"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         aus fünf der Liga angehörigen Offizieren zusammengesetzte Tscheka. <lb/>
         Der Geheimbund „Kubrat“ wirkt entsprechend. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gewaltig ist durchweg die Organisation der Polizei. Die rumänische <lb/>
         Siguranza (Sicherheitsbehörde) verfügt über Millionen, über Zeitungen, <lb/>
         über Gehilfen und Agenten, sie hat Ohren und Hände aller Orten. Sie <lb/>
         ist ein Staat im Staate. Die Zahl der Gendarmen auf dem Balkan steht <lb/>
         außer allem Verhältnis zur Zahl der Einwohner. In Rumänien gibt es <lb/>
         45 000 und in Jugoslawien 60 000 Gendarmen. Sie sind in kleinen Grup- <lb/>
         pen über das Land verteilt, und sie verüben Erpressungen, Gewalttaten, <lb/>
         Diebstähle und sonstige Verbrechen, sicher vor Bestrafung, wie sie sind. <lb/>
         Sie haben, wie ich bereits erwähnt habe, aus dem sogenannten proleta- <lb/>
         rischen Landaufteilungsgesetz auf dem Lande in Rumänien reichlich <lb/>
         Nutzen gezogen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das mazedonische Komitee. </p>
      <p>
        <lb/>
         Unter den fürchterlichsten Mitteln, deren sich die bulgarische Regierung <lb/>
         bedient, um ihre Gegner zu verfolgen und niederzuschlagen, muß man <lb/>
         das berüchtigte mazedonische Komitee nennen, dessen genauer Name <lb/>
         Revolutionäre innere mazedonische Organisation (R.l.M.O.) ist. Wir <lb/>
         müssen versuchen, mit einigen Zügen die Wesenheit und die Stellung <lb/>
         dieses wilden Agitationsherdes zu charakterisieren. </p>
      <p>
        <lb/>
         Bekanntlich haben die Friedensverträge das mazedonische Gebiet <lb/>
         zerstückelt und vier Zehntel davon Griechenland, die Hälfte Jugosla- <lb/>
         wien und ein Zehntel Bulgarien zugeteilt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die R.I.M.O. hat theoretisch das Ziel der politischen Autonomie Maze- <lb/>
         doniens. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die R.I.M.O. hat verschiedentlich feierlich erklärt, — und einer ihrer <lb/>
         Führer hat es mir gegenüber in Sofia nachdrücklichst wiederholt— daß <lb/>
         sie eifersüchtig ihre Unabhängigkeit wahren würde, und daß das „Zentral- <lb/>
         komitee weder irgend einer Regierung noch irgend einer Partei gestat- <lb/>
         ten würde, aus ihr das Mittel zu Zwecken zu machen, die der Bewegung <lb/>
         für die mazedonische Befreiung fremd sein sollten“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Welchen Glauben haben wir diesem Bekenntnis von Prinzipien zu <lb/>
         schenken? </p>
      <p>
        <lb/>
         Die revolutionäre Organisation ist 1893 in Mazedonien von GOTZE <lb/>
         DELTSCHEFF, PERE TOSCHEFF, DAMIAN GRUEFF, Dr. CHRISTO TATAR- <lb/>
         TSCHEFF, PETER POP ARSOFF und GIORTSCHE PETROFF gegründet wor- <lb/>
         den. Mit Ausnahme von PETER POP ARSOFF, der sich vom politischen
        <pb facs="#f0039" n="37"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Leben zurückgezogen hat, und von Dr. CHR. TATARTSCHEFF, der seit <lb/>
         drei Jahren als Flüchtling in der Fremde lebt, aus Furcht, von den <lb/>
         mazedonischen Agenten WALKOFFSs ermordet zu werden, sind alle an- <lb/>
         deren Leiter der R.IM.O. getötet worden, G. PETROFF durch ALEXAN- <lb/>
         DROFF und PROTOGEROFF im Juli 1921 zu Sofia; die Leiter der maze- <lb/>
         donischen Bewegung, wie SANDANSKY, DIMO DIMOFF, KANTARDJIEW, <lb/>
         BUINOFF, TSCHAULEW und PANITZA sind ebenfalls von den mazedo- <lb/>
         nischen Meuchelmördern der bulgarischen Regierung umgebracht wor- <lb/>
         den. Selbst ALEXANDROFF, der siebzehn Jahre lang der ergebenste <lb/>
         Helfershelfer des Königshauses und der Regierung von Bulgarien war, <lb/>
         wurde von der Regierung ZANKOFF unter Beihilfe des Generals PRO- <lb/>
         TOGEROFF am 31. August 1924 getötet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Bis zum Jahre 1905 war die R.I.M.O. eine wahrhaft revolutionäre <lb/>
         Organisation der Massen. Nach dem Scheitern des Aufstandes im Jah- <lb/>
         re 1903, bei dem 20 000 Mazedonier mit der Flinte in der Hand drei <lb/>
         Monate lang gegen 300 000 türkische Soldaten gekämpft haben, hat die <lb/>
         Organisation sich in zwei Flügel zerspalten: der rechte, die Minderheit, <lb/>
         hat sich das Programm der bulgarischen Regierung zu eigen gemacht, <lb/>
         nämlich Annexion Mazedoniens durch Bulgarien (Autonomisten); der <lb/>
         andere, der linke Flügel, fuhr fort, für die Unabhängigkeit des maze- <lb/>
         donischen Volkes im Rahmen eines Balkanbundes zu kämpfen (Föde- <lb/>
         ralisten). </p>
      <p>
        <lb/>
         Gegenwärtig ist die Organisation, die den Namen R.I.M.O. trägt, <lb/>
         „autonomistisch“; sie ist auf den unter der bulgarischen Herrschaft be- <lb/>
         findlichen Teil Mazedoniens beschränkt. Sie ist nicht geheim. Ihre Führer <lb/>
         standen in sehr inniger Verbindung mit der früheren Regierung ZAN- <lb/>
         KOFFs und stehen noch heute in solcher Verbindung mit der Regierung <lb/>
         LJAPTSCHEW. Diese Organisation handelt im Einvernehmen mit der Mili- <lb/>
         tär-Liga und mit den Wrangelleuten. Sie hat an den Metzeleien der <lb/>
         bulgarischen Bauern und Arbeiter vom Juni und September 1923 täti- <lb/>
         gen Anteil gehabt; sie hat in der Zeit vom 12. bis zum 30. Septem- <lb/>
         ber 1924 hundertsechzig mazedonische Revolutionäre, darunter DIMOFF, <lb/>
         einen Arbeiter- und Bauerndeputierten, sowie Kameraden des Gründers <lb/>
         der R.I.M.O., J. DELTSCHEW, KANTARDJIEW, BUINOFF, ST. HADJIEW, <lb/>
         frühere Abgeordnete, den Journalisten JOWKOFF, den Rechtsanwalt SL. <lb/>
         KOWATSCHEFF u.s.w. umgebracht; sie hat in den ersten fünf Monaten des <lb/>
         Jahres 1925 hundert Bauern, die Parteigänger von SANDANSKY und von <lb/>
         PANITZA waren, im Bezirk Petritsch, ferner im Jahre 1924 P. TSCHAU- <lb/>
         LEW in Mailand und T. PANITZA 1925 in Wien getötet. Sie hat an der
        <pb facs="#f0040" n="38"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Niedermetzelung bulgarischer und mazedonischer Arbeiter, Bauern und <lb/>
         Intellektueller nach dem Attentat in der Kathedrale vom 16. April 1925 <lb/>
         teilgenommen. Diese Organisation ist eine Filiale des Kriegsministeriums <lb/>
         und der Polizei der ZANKOFF-WALKOFF. Unter der mazedonischen Be- <lb/>
         völkerung, die der serbischen und griechischen Herrschaft untersteht, <lb/>
         hat diese Organisation keine Anhänger. Auswärts sind es die bezahl- <lb/>
         ten Parteigänger ZANKOFFSs, die sich „Autonomisten“ nennen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Seit dem Sommer 1908 besteht eine Spaltung in die linksgerichteten <lb/>
         Mazedonier, die sich „Föderative Volkspartei“ nennen und in die rechts- <lb/>
         gerichteten, die „Konstitutionellen Clubs“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Herr OBOFF hat als Zeuge in dem Prozeß des DASKALOFF-Mörders <lb/>
         zu Prag die unterscheidenden Züge der verschiedenen Elemente, die man <lb/>
         die Mazedonisten nennen könnte, ins Licht gerückt. Im März 1924 <lb/>
         schien es so, als wenn ein Manifest föderalistischer Tendenz ALEXAN- <lb/>
         DROFF, PROTOGEROFF und TSCHAULEW einen Augenblick vereinigen <lb/>
         könnte. Aber Intrigen haben diesen Bund aufgelöst, und nach dem ge- <lb/>
         waltsamen Tod ALEXANDROFFs und TSCHAULEWs ist General PROTO- <lb/>
         GEROFF alleiniger Herr der R.I.M.O. geblieben, die endgültig wieder <lb/>
         „autonomistisch“ geworden ist. Die Treibereien des mazedonischen <lb/>
         Komitees von Petritsch bei dem beklagenswerten griechisch-bulgarischen <lb/>
         Zwischenfall, bei dem aufs Neue mazedonisches Blut fließen mußte, <lb/>
         haben jetzt einen klaren Einblick in die von den beiden mazedonischen <lb/>
         Elementen, Autonomisten und Föderalisten, eingenommene Haltung <lb/>
         gebracht.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Seit 1½ Jahren ist eine Annäherung zwischen den „Autonomisten“ und den <lb/>
             Agenten serbischer Nationalität des Herrn PASCHITSCH, wie dem Abgeordneten KIR- <lb/>
             KOWITSCH, der vor vier Monaten mit einer besonderen Mission nach Sofia gegangen <lb/>
             ist, zu bemerken. KIRKOWITSCH hat mit den Leitern der mazedonischen Organisation <lb/>
             ZANKOFFS verhandelt. Seitdem hat dieser Abgeordnete in der serbisch schreibenden <lb/>
             Presse des unter serbischer Herrschaft stehenden Mazedoniens und in den zu Bittolja <lb/>
             und Gewgeli abgehaltenen Versammlungen einen Feldzug unternommen, der die Inter- <lb/>
             vention Jugoslawiens zu Gunsten der unter griechischer Herrschaft stehenden
            „serbischen“ <lb/>
             Mazedonier herbeiführen sollte — was man als eine Intervention zu Gunsten der An- <lb/>
             nexion des unter griechischer Herrschaft stehenden Teils Mazedoniens durch Jugo- <lb/>
             slawien zu verstehen hat. Dieses Unternehmen hat die Billigung der bulgarischen Re- <lb/>
             gierungspresse und der mazedonischen Presse in Sofia gefunden. Daraus ergibt sich die <lb/>
             zwingende Schlußfolgerung, daß tatsächlich ein Einvernehmen zwischen den „Auto- <lb/>
             nomisten“ und der serbischen Regierung, oder genauer gesagt, ein Einvernehmen zwi- <lb/>
             schen den Regierungen Serbiens und Bulgariens besteht, und daß diese letzte die <lb/>
             „Autonomisten“, die ihre gelehrigen Werkzeuge sind, dazu veranlaßt hat. </p>
        </note></p>
      <p>
        <lb/>
         Dem objektiven Beobachter erscheint es sonnenklar, daß das maze- <lb/>
         donische Komitee die furchtbare Agitations- und Unterdrückungsmacht, <lb/>
         die es darstellt, in den Dienst des weißen Terrors gestellt hat, und nicht
        <pb facs="#f0041" n="39"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         minder, daß der reaktionäre Imperialismus im Gegensatz zu den maze- <lb/>
         donischen Freiheitsbestrebungen steht. Wie es scheint, hat LEBEDEFF <lb/>
         nicht mit Unrecht behauptet, daß die „autonomistische“ R.I.M.O. des <lb/>
         Generals PROTOGEROFF „aufgehört hat, revolutionär zu sein, und <lb/>
         einfach ein Werkzeug in den Händen der Dynastie COBURG geworden <lb/>
         ist“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Faszisten und Kosaken. </p>
      <p>
        <lb/>
         Unleugbar ermutigt die Bukarester Regierung ungeachtet ihrer Neu- <lb/>
         tralitätsversicherungen die wachsende und rührige Gruppe der anti- <lb/>
         semitischen Studenten, dieser Faszisten und Provokateure. Während sie <lb/>
         den unabhängigen Studenten einen lähmenden Schlag versetzt hat, in- <lb/>
         dem sie ihre Organisation auflöste und ihre Zeitung verbot,*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Und doch hatten die Ziele dieser Vereinigung der unabhängigen Studenten, die <lb/>
             ein Ukas vernichtet hat, nichts Umstürzlerisches. Das Wochenblatt dieser Vereinigung <lb/>
             „Das Universitätsleben“, das ebenfalls unterdrückt worden ist, faßte diese Ziele wie <lb/>
             folgt zusammen: „Beschleunigung der Rückkehr der Studenten zur Achtung des Ge- <lb/>
             setzes und der freien Meinungsäußerung, sowohl innerhalb wie außerhalb der Univer- <lb/>
             sität, und Zusammenfassung aller Bestrebungen, die zum Ziel die Besserung der <lb/>
             materiellen Lage aller Universitätsarbeiter und der Studienmöglichkeiten haben.“ Die <lb/>
             Vereinigung hatte diese Richtlinien innegehalten. Während der vier Monate ihres Be- <lb/>
             stehens hatte sie sich glänzend entwickelt. Sie zählte bei Beginn 60 Mitglieder und war <lb/>
             in der Folge, während jenes kurzen Zeitraums die mächtigste rumänische Universitäts- <lb/>
             organisation geworden. </p>
        </note> duldet <lb/>
         sie offen die Propaganda der antisemitischen Studenten. Auf diese Weise <lb/>
         ist die antisemitische Partei, die in Bukarest niemals existiert hatte, (sie <lb/>
         beschränkte sich auf Jassy unter der Leitung von COUZA, der von der <lb/>
         Höhe seines Universitätskatheders herab ganz offen den Pogrom pre- <lb/>
         digte,) durch die Liberalen in Bukarest gegründet worden. Die Anti- <lb/>
         semiten haben fünf Zeitungen zu ihrer Verfügung, machen sich mit ihren <lb/>
         Anzeigen und ihren Abzeichen auf offener Straße breit und werden in <lb/>
         ihren öffentlichen Kundgebungen niemals beunruhigt. Als einige dieser <lb/>
         Teufelskerls eines Abends vor meinem Hotel brüllten, um mich dafür <lb/>
         zu strafen, „daß ich die nationale Souveränität angetastet hätte“, hat <lb/>
         man mir versichert, daß sie von Sicherheitsbeamten umgeben waren, <lb/>
         deren Hauptsorge darin bestand, die Menge zu hindern, sie bei ihrer <lb/>
         Demonstration zu stören. Das sind jene jungen Leute, die vermöge <lb/>
         ihres besonderen Begriffes von der Ehre Rumäniens den Sekretär unserer <lb/>
         Liga für Menschenrechte daran verhindert haben, in Bukarest das Wort <lb/>
         zu nehmen. Um den Preis einiger Gefälligkeiten haben hier die Behör-
        <pb facs="#f0042" n="40"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         den ein bequemes Mittel, einen Druck auf sich ausüben zu lassen.*) <note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Seitdem ist es noch besser gekommen. Im Februar 1926 gab es einen neuen Aus- <lb/>
             bruch von Antisemitismus unter den rumänischen Studenten: Heftige Kundgebungen <lb/>
             in der Universität und auf der Straße, bei denen es zu Tätlichkeiten kam, jüdische <lb/>
             Läden geplündert und zerstört, Gewalttätigkeiten gegen die Personen unternommen <lb/>
             wurden. Die Polizei hat diesen wütigen Manifestanten eher geholfen, als daß sie sich <lb/>
             ihnen in den Weg gestellt hätte. Indessen hat ein Kriegsgericht den jüdischen Studenten <lb/>
             GH.KLEIN aus Oradea Mare, unter der Anschuldigung, „daß er der Leiter einer jüdischen <lb/>
             Studentenorganisation sei, die zu dem Zweck gebildet sei, den von den christlichen <lb/>
             Studenten gegen die jüdischen Studenten verübten Gewalttätigkeiten Widerstand zu <lb/>
             leisten oder ihnen mit Gewalt zu begegnen,“ zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Die <lb/>
             Strafe ist in Gemäßheit des Artikels 213 des Strafgesetzbuches betreffend die Ver- <lb/>
             einigungen von Übeltätern verhängt worden. </p>
          <p>
            <lb/>
             Die „Romania Muncitoare“ in Paris, die dies unglaubliche Urteil kommentiert, kon- <lb/>
             statiert mit Recht, daß in Rumänien die christlichen Studenten, d. h. die Faszisten,
            die <lb/>
             unter dem Schutze der Polizei die jungen jüdischen Studenten anspeien, schlagen und <lb/>
             prügeln und sie zwingen, in die Fremde zu gehen, anerkannte „Wohltäter“ von öffent- <lb/>
             lichem Nutzen, und daß ihre Opfer „Übeltäter“ sind. </p>
          <p>
            <lb/>
             Andererseits haben die „christlichen“ Studenten, die einen Streik begonnen hatten, <lb/>
             um ihre christlichen Ansprüche zur Geltung zu bringen, (sie haben dabei zum Gebrauch <lb/>
             giftiger Gase ihre Zuflucht genommen,) einen Schritt bei ANGELESCU, dem Minister des <lb/>
             öffentlichen Unterrichts, getan, um ihn zu bitten, diejenigen Studenten, „die im Ver- <lb/>
             dacht stehen, mit den Kommunisten zu sympathisieren“, (unter denen in diesem Fall die <lb/>
             Nichtfaszisten zu verstehen sind,) von der Universität, von den Laboratorien, sowie von <lb/>
             den Studentenkantinen und Wohnungen auszuschließen. ANGELESCU, der Vater der <lb/>
             rumänischen Universität, hat ihnen erwidert: „Verschaffen Sie mir eine Liste aller <lb/>
             Studenten, die umstürzlerischer Ideen verdächtig sind, und die Siguranza, die mit den <lb/>
             Universitätsbehörden im Einvernehmen ist, wird die nötigen Maßregeln ergreifen.“ </p>
        </note>
        <lb/>
         Man kann den künstlichen Charakter dieser antisemitischen Agitation, <lb/>
         die inmitten der am wenigsten fanatischen und am wenigsten zum Rassen- <lb/>
         haß neigenden Bevölkerung der Welt von gewerbsmäßigen Störenfrie- <lb/>
         den gewaltsam unterhalten wird, nicht genugsam betonen.**)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             **) Denken wir daran, daß der antisemitische und faszistische „Nationalistul“ die
            einzige <lb/>
             rumänische Zeitung ist, welche die Budapester Falschmünzer offen verteidigt. Nun sind <lb/>
             die ungarischen Faszisten Irredentisten, die von der Wiedereroberung Transsylwaniens <lb/>
             träumen. Die rumänischen Faszisten sind mehr faszistisch als rumänisch. </p>
          <p>
            <lb/>
             An anderer Stelle heißt es: „Das Rumänien der Bojaren hat uns die Wiederauf- <lb/>
             erstehung einer mittelalterlichen Praxis gebracht: die Religionsverfolgungen.
            Tatsächlich <lb/>
             unterrichten uns die rumänischen Zeitungen von den Verfolgungen, unter denen der <lb/>
             größte Teil der Bevölkerung des Dorfes Albesti im Bezirk Husi wegen „Lästerung der <lb/>
             Staatsreligion“ zu leiden hatte: Das große Verbrechen dieser Unglücklichen besteht <lb/>
             darin, daß sie der Sekte der Adventisten angehören. Während die rumänische Regie- <lb/>
             rung die verschiedenen Religionsansichten verfolgt, schickt sie nach auswärts Abord- <lb/>
             nungen, die der öffentlichen Meinung ihre Toleranz rühmen.“ (C. MILLE, Lupta.) </p>
          <p>
            <lb/>
             Im Februar 1926 teilten die Zeitungen mit, daß eine Kartonnagenarbeiterin, LENUTA <lb/>
             FILIPUICI, weil sie in der sozialistischen Revue einen Artikel veröffentlicht hatte,
            von dem <lb/>
             man annahm, daß er „zur Verächtlichmachung der Kirche und der konfessionellen <lb/>
             Schule geeignet sei“, zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden ist. </p>
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Noch eine andere Gruppe gewährt den Balkanregierungen ein Ge- <lb/>
         waltmittel zur Durchführung ihres Unterdrückungssystems, die früheren <lb/>
         Wrangel-Offiziere und -Soldaten. Man trifft in den Straßen Belgrads
        <pb facs="#f0043" n="41"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Kosaken in Uniform, die — einer von ihnen hat es letzthin auf der <lb/>
         Straße gelegentlich eines Tumults hinausgeschrieen — nur darauf war- <lb/>
         ten, mitzuhelfen, dem gegenrevolutionären Werk, mit dem es ihnen <lb/>
         gegen die Russen nicht geglückt war, in den Balkanländern zum voll- <lb/>
         ständigen Siege zu verhelfen. VANDERVELDE bemerkt aus Anlaß seiner <lb/>
         Reise nach den Balkanländern, daß es in Bulgarien von Tausenden von <lb/>
         Wrangel-Soldaten wimmelt. Man spricht von 40 000 Wrangel-Soldaten in <lb/>
         diesem Lande, und diese Zahl hat nichts Unwahrscheinliches. </p>
      <p>
        <lb/>
         Auf Frankreichs Verlangen hat Bulgarien die bewaffneten Wrangel- <lb/>
         Truppen aufgenommen. Diese hatten einen offiziellen Vertreter namens <lb/>
         PETRIAEFF, der in der russischen Gesandtschaft zu Sofia wohnte. STAM- <lb/>
         BOLIJSKI hielt die Wrangel-Soldaten kurz, und das Leben wurde ihnen <lb/>
         damals schwer gemacht, aber ihre entscheidende Teilnahme am Staats- <lb/>
         streich im Juni 1923 machte ihr Glück. </p>
      <p>
        <lb/>
         Auf dem Kongreß der russischen National-Liga im September 1925 hat <lb/>
         der General MILLER, der den General WRANGEL und den Großfürsten <lb/>
         NIKOLAUS vertritt, Kenntnis von einer erbaulichen Tatsache gegeben: <lb/>
         8000 Wrangel-Soldaten und 4000 Don-Kosaken stehen vollständig orga- <lb/>
         nisiert in Bulgarien. Alle russischen Flüchtlinge im Lande unterstehen un- <lb/>
         mittelbar den Monarchisten und Wrangelleuten, welche sie zum Vorteil <lb/>
         des Großfürsten unter der Androhung der Austreibung vergewaltigen <lb/>
         und sich der nichtmonarchistischen Flüchtlinge entledigen. Der Vor- <lb/>
         sitzende des russischen Komitees spielt tatsächlich die Rolle des russi- <lb/>
         schen Gesandten und legt seine schwere Hand auf die ganze russische <lb/>
         Kolonie. Die Wrangel-Soldaten, diese Spezialisten des Bürgerkrieges, die <lb/>
         „den bulgarischen Bauern verabscheuen und die bulgarische Regierung <lb/>
         lieben“, haben mit den höheren bulgarischen Offizieren oder Subalternen <lb/>
         gemischte Vereinigungen geschaffen. Sie haben ihre besonderen Ein- <lb/>
         richtungen. Sie träumen davon, ihre große Militär-Schule zu bekommen, <lb/>
         und sie werden es zweifellos erreichen. Sie haben schon eine Schule in <lb/>
         Serajewo. Auf diese Weise erneuern und vervielfachen sie sich. </p>
      <p>
        <lb/>
         In den Bergwerken von Pernik zählt man unter 6000 Arbeitern 2000 <lb/>
         alte Wrangel-Soldaten, deren Anstellung von der Regierung verlangt <lb/>
         worden ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn man die eingehenden Berichte über die Unterdrückungen liest, <lb/>
         erkennt man die bedeutende Rolle, die in dem unter den Balkanvölkern <lb/>
         angerichteten Gemetzel diese behaglich in dem armen Bulgarien einge- <lb/>
         richtete und in Jugoslawien nicht weniger festsitzende parasitische und <lb/>
         reaktionäre Organisation spielt, welche die imperialistischen und Unter-
        <pb facs="#f0044" n="42"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         drückungspläne beider Regierungen ausführt, selbst wenn diese Pläne <lb/>
         im Gegensatz zu einander stehen. Die Wrangel-Truppen waren es, die <lb/>
         1924 in Albanien eingedrungen sind, die Regierung FAN NOLIs, die sich <lb/>
         auf die bäuerischen Massen stützte, gestürzt und AHMED ZOGU zur <lb/>
         Macht gebracht haben, der die Gewalt der feudalistischen Beys wieder- <lb/>
         hergestellt und die auswärtige albanische Politik der der serbischen und <lb/>
         italienischen Dynastie unterstellt hat. Diesen Raufbolden ist die Auf- <lb/>
         gabe, die man ihnen stellt, gleichgültig, vorausgesetzt, daß sie bezahlt <lb/>
         wird und volksfeindlich ist. Einer von ihnen, der noch weiter sieht als <lb/>
         auf das fette Tageseinkommen, hat der Frau ANNA KARIMA den <lb/>
         Wrangeltraum kundgetan: Rußland wieder herzustellen und dann <lb/>
         diesem wiederhergestellten Rußland die „Balkan-Provinzen“ anzu- <lb/>
         schließen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Wirken dieser verschiedenen Kräfte hat eine systematische und <lb/>
         erbarmungslose Zerschmetterung aller auf eine wirkliche Demokratie <lb/>
         selbst in der abgeschwächtesten Form hinzielenden Bestrebungen zur <lb/>
         Folge. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Volk ist wehrlos. </p>
      <p>
        <lb/>
         Was vermag das Volk auf diesem Bürgerschlachtfeld, auf dem der <lb/>
         ganze Mechanismus der Macht dazu benutzt wird, es mundtot zu machen <lb/>
         und zu knechten? Es hat nicht das Recht, für die Verteidigung seiner <lb/>
         Interessen, für die rechtmäßige und heilige Solidarität der Arbeiter und <lb/>
         der Menschen unter einander einzutreten. Man kann sagen, daß es ein <lb/>
         Vereinsrecht in den Balkanländern nicht gibt. Wenn es nach dem Buch- <lb/>
         staben des Gesetzes existiert, so ist es doch in der Tat unmöglich, es <lb/>
         anders zu verwirklichen als nur zum Schein. Die Kongresse werden auf <lb/>
         der Stelle verboten und aufgelöst. Erlaubt sind nur klägliche Parodien <lb/>
         von Arbeiterorganisationen, deren Maske blinde Unterwürfigkeit der <lb/>
         Regierung gegenüber verdeckt, traurige Zähmungsprodukte, die Blend- <lb/>
         werke für das interessierte Volk und für die öffentliche Meinung der <lb/>
         Welt sind. Wenn die syndizierten Arbeiter in Bukarest eine Versamm- <lb/>
         lung abhalten, steht immer ein Polizei-Inspektor am Eingang des Ver- <lb/>
         sammlungsraumes und prüft und kontrolliert die Eintritts-Karten. Alle <lb/>
         öffentlichen Kundgebungen sind verboten. Die paar proletarischen Kund- <lb/>
         gebungen, die mir zu Ehren auf den öffentlichen Straßen von Bukarest <lb/>
         und Belgrad stattgefunden haben, bedeuten Ausnahmen, die im Augen- <lb/>
         blick nur aus besonderen Gründen geduldet worden sind und die sich
        <pb facs="#f0045" n="43"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         in der Folge in diesen großen Städten sicherlich nicht wiederholen <lb/>
         werden.*) <note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Ich kann dasselbe von den volkstümlichen Kundgebungen sagen, die aus Anlaß des <lb/>
             Kongresses der der zweiten Internationale angegliederten Syndikate im April 1926 zu <lb/>
             Sofia stattgefunden haben. </p>
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Es muß besonders auf die wilde Entschlossenheit hingewiesen wer- <lb/>
         den, mit der jeder Versuch faktischer Zusammenarbeit von Arbeitern, <lb/>
         auch wennes sich um nichts anderes als einen gewöhnlichen Verein han- <lb/>
         delt, verfolgt und unmöglich gemacht wird. Die bulgarischen Syndikate <lb/>
         waren in den Händen der Arbeiterklasse mächtige Hebel der Kultur <lb/>
         und des Fortschritts. Aber alle unabhängigen Arbeiterorganisationen, <lb/>
         selbst die, welche sich strikt im Rahmen der Berufsinteressen hielten, <lb/>
         wurden aus ihren Räumen vertrieben und aufgelöst. Eins der bezeich- <lb/>
         nendsten Beispiele ist das der Unterdrückung der großen bulgari- <lb/>
         schen Arbeitergenossenschaft Oswobojdenie (Emanzipation), die <lb/>
         68 000 Mitglieder, 140 Zweigstellen und 400 Agenturen zählte. Ihre Gü- <lb/>
         ter und Gelder wurden beschlagnahmt. Diese tyrannische Maßnahme <lb/>
         hatte nicht nur das Ziel, die Bande der organisierten Volkssolidarität <lb/>
         zu zerschneiden, sondern auch das, die kleinen Handelsleute von der <lb/>
         für sie furchtbaren Konkurrenz der Genossenschaft zu befreien. Letzt- <lb/>
         hin sind ohne jeden Grund siebzehn Mitglieder der Syndikatsvereini- <lb/>
         gung in Bukarest verhaftet worden. Die Vereinigung der unabhängigen <lb/>
         bulgarischen Syndikate, die 35000 Mitglieder zählte, ist aufgelöst wor- <lb/>
         den.**)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             **) Anläßlich dieser Auflösung heißt es in dem Bericht der bulgarischen Syndikate, <lb/>
             der am 13.November 1924 von den Leitern der elf Verbände unterzeichnet worden ist: <lb/>
             „Wir wiederholen noch einmal, daß die offiziellen Behauptungen, wonach die Syndikate <lb/>
             in den Bahnen der kommunistischen Partei gehen, völlig irrig sind. Die Archive und <lb/>
             die Satzungen der Syndikate sind in den Händen der Behörden. Sie mögen nur eine <lb/>
             einzige Tatsache anführen oder eine einzige Urkunde vorlegen, aus denen hervorgeht, <lb/>
             daß die Syndikate gesetzwidrige Handlungen unternommen haben.“ </p>
        </note> Ebenso wie in Ungarn, das auch eine Art Balkanland ist, hat man <lb/>
         infolge von Streiks ganzen Gewerben, wie denen der Schuhmacher und <lb/>
         Drechsler, (die nicht Kommunisten sind,) das Vereinsrecht genommen, <lb/>
         und in Rumänien wie in Bulgarien werden nur solche Vereine geduldet, <lb/>
         die zu steter Unterwürfigkeit bereit sind. Überdies werden demokra- <lb/>
         tische und sozialistische Parteien nur geduldet, wenn sie für ihren Knechts- <lb/>
         sinn Garantien gegeben haben. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Belgrad ist das schöne Lokal der blühenden Syndikatsvereinigung <lb/>
         von der Polizei beschlagnahmt und an einen Kaufmann verkauft wor- <lb/>
         den, während es in Jugoslawien 250 000 Arbeitslose gibt, (die das Ge- <lb/>
         setz als Schuldige betrachtet,) während der Arbeiter dort Steuern in
        <pb facs="#f0046" n="44"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Höhe von 6% des Lohnes, der Angestellte von 50% des Gehalts, das <lb/>
         als Einkommen behandelt wird, zahlt, während die Bürokratie, aus <lb/>
         200 000 Beamten bestehend, dort 50% des Budgets verschlingt, und <lb/>
         während die Altersversicherung aufgehoben worden ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Bulgarien ist in 90% der Unternehmungen der Achtstundentag ab- <lb/>
         geschafft worden. Das Leben ist vierzigfach teurer als vor dem Kriege, <lb/>
         und die Gehälter haben sich nur um das Fünfzehnfache erhöht. </p>
      <p>
        <lb/>
         Und das Schweigen! </p>
      <p>
        <lb/>
         In dem heutigen Rumänien, Jugoslawien und Bulgarien, dem pathe- <lb/>
         tischsten Schauplatz der Balkanhölle, wandelt sich für die Beschauer <lb/>
         die methodische Erstickung jedes Pulsschlages der Freiheit in eine Ruhe, <lb/>
         die das Herz bedrückt, weil es die Ruhe des Friedhofs ist. Man weiß <lb/>
         wohl, daß die Häupter, die sich erhoben haben, abgeschlagen worden <lb/>
         sind, und daß, wenn hier und da andere sich wieder erheben, sie ihrer- <lb/>
         seits abgeschlagen werden; daß alle lebendigen und bewußten Kräfte <lb/>
         der Stadt- und Landarbeiter vernichtet worden sind oder der Vernich- <lb/>
         tung anheimfallen werden. Diese Gesamtverstümmelung kann dem, der <lb/>
         dieses Schreckensland nur passiert, den Anschein von Ordnung vor- <lb/>
         täuschen. Aber der Friede ist nur ein Leichentuch, und die Überleben- <lb/>
         den verstehen, daß ihr Leben nur an einem Wink, nur an einem Wort hängt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien, Griechenland sterben am weißen <lb/>
         Terror. </p>
      <pb facs="#f0047" n="[45]"/>
      <p>
        <lb/>
         IV. <lb/>
         Völker am Kreuz. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir müssen nun auf die Einzelheiten der Verfolgung und der Mord- <lb/>
         taten eingehen, müssen, die Allgemeinheiten und abstrakten Be- <lb/>
         trachtungen bei Seite lassend, uns zu den Opfern stellen, sie betrachten <lb/>
         und sie zeigen und, wenn wir es vermögen, sie zählen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es sind ihrer zuviele. </p>
      <p>
        <lb/>
         Aber sie zu zählen ist unmöglich. Ich habe versucht, Statistiken auf- <lb/>
         zustellen, indem ich die feststehenden und offenkundigen Attentate <lb/>
         zusammenstellte. In dieser Aufzählung klaffen vielfache Lücken: es gibt <lb/>
         zuviel Einzelfälle und zuviel Anhäufung von Fällen. Manche schätzen <lb/>
         die Zahl der Opfer der Unterdrückung durch die bulgarische Regierung <lb/>
         seit dem Antritt des Ministeriums ZANKOFF auf etwa 18 000 Tote. Dies <lb/>
         ist, wie ich glaube, die von VANDERVELDE angegebene Zahl und unge- <lb/>
         fähr dieselbe, welche die zuverlässigsten und berufensten Zeugen, mit <lb/>
         denen ich zusammengekommen bin, geschätzt haben. Eine unabhängige <lb/>
         hohe Persönlichkeit, die wunderbarer Weise noch heut in Sofia lebt und <lb/>
         sich in Freiheit befindet, versichert, daß in der Zeit von dem Staats- <lb/>
         streich im Juni 1923 bis zu dem Attentat in der Kathedrale, im April <lb/>
         1925, 15 000 Morde begangen worden sind, und seit dem Attentat 5000. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Frauenkommission der englischen Arbeiterpartei stellt in ihrem <lb/>
         Bericht vom 10. September 1925 fest, daß ungefähr 20 000 Landleute, <lb/>
         darunter 25 Abgeordnete, ermordet worden oder verschwunden sind. </p>
      <p>
        <lb/>
         Vor etwa einem Jahr schrieb der „New Leader“ in England: „Uns <lb/>
         stehen Tatsachen zu Gebote, die fast unglaublich scheinen. In Bulgarien <lb/>
         sind im Monat Januar allein 150 politische Morde zu verzeichnen gewesen.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         CHARLES MAUS, ein amerikanischer Journalist, hat geschrieben: „Am <lb/>
         22. April, sechs Tage nach dem Attentat in der Kathedrale, gab es <lb/>
         30 000 Gefangene und 4000 Verhaftungen.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Obschon König BORIS öffentlich von Tausenden von Opfern, ZAN- <lb/>
         KOFF von Hunderten von ermordeten Lehrern gesprochen hat, obschon <lb/>
         der bulgarische Minister des Auswärtigen, der Oberst KALFOFF, zu M.
        <pb facs="#f0048" n="46"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         ERSKIN, dem Vertreter Englands in Sofia, gesagt hat, daß 5000 Men- <lb/>
         schen allein während des Monats September 1923 hingemordet worden <lb/>
         sind, — ist die offiziell zugegebene Gesamtzahl natürlich geringer. Die <lb/>
         „Mitteilungen“, welche die bulgarische Regierung in die Zeitungen, ohne <lb/>
         Erläuterungen und ohne Einzelheiten, einrücken läßt, verleiten den <lb/>
         leichtgläubigen Leser zu denken, daß die erschreckenden Zahlen, die <lb/>
         man sich zuraunt, übertrieben sind. KISSIMOFF, der Generalsekretär des <lb/>
         bulgarischen Ministeriums des Auswärtigen, den ich bereits erwähnt <lb/>
         habe, gab mir die Versicherung, daß die Anzahl der getöteten Revolu- <lb/>
         tionäre seit dem Regierungswechsel 3500 nicht überstiegen habe. Auch <lb/>
         diese Schätzung des bulgarischen Großwürdenträgers ist sogar noch, <lb/>
         wenn man einem der Männer Glauben schenkt, welche die französische <lb/>
         Republik in Sofia vertreten, übertrieben. Dieser, der mich in Abwesen- <lb/>
         heit des Gesandten, welcher verreist war, um in Genf für die allgemeine <lb/>
         Verbrüderung zu wirken, in der französischen Gesandtschaft empfangen <lb/>
         hat, ist der einzige, von dem ich die Behauptung gehört habe, daß es <lb/>
         seit dem Sturze STAMBOLIJSKIs nichtmehr als 2500 bis 3000 Opfer ge- <lb/>
         geben habe. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Kriegsminister, General WALKOFF, das tätigste Mitglied des Mini- <lb/>
         steriums, hat in der Sobranje erklärt, daß seit dem Attentat am 16. April <lb/>
         die Zahl der getöteten Revolutionäre ungefähr 25 betragen habe! Diese <lb/>
         Erklärung ist in der Tat eine unverschämte Herausforderung. Der Ab- <lb/>
         geordnete, ehemalige Ministerpräsident MALINOFF, der mir diese mini- <lb/>
         sterielle Erklärung, die er sich nicht zu eigen machte, hinterbracht hat, <lb/>
         hatte mir unmittelbar vorher erzählt, daß ihm nach der Affäre vom 16. <lb/>
         April seitens der Angehörigen von 121 aus politischen Gründen Hinge- <lb/>
         richteten Bittschriften zugegangen waren, und daß diese 121 augen- <lb/>
         scheinlich nur ein Teil der Opfer waren. </p>
      <p>
        <lb/>
         In dem Organ der bulgarischen Regierung, „Demokratitscheski Sgo- <lb/>
         wor“, vom 16. November ist die folgende Statistik für den Monat Oktober <lb/>
         1925 veröffentlicht: „46 Morde,darunter9von Frauen, 24 Selbstmorde, da- <lb/>
         runter 9 von Frauen, 15 Schwerverwundete, 2 Leichenfunde, 35 tödlich Ver- <lb/>
         letzte, darunter 5 Frauen, 4 Selbstmordversuche, darunter 2 von Frauen, <lb/>
         im ganzen 135 Opfer im Monat Oktober.“ In dieser offiziellen Statistik <lb/>
         bedeutet „Leichenfunde“: auf Befehl der Regierung ermordete Personen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Hier seien einige Stellen aus einem Geheimerlaß des Kriegsministe- <lb/>
         riums wiedergegeben, die denjenigen, welche sich versucht fühlen soll- <lb/>
         ten, den öffentlichen Erklärungen der Regierung, in der WALKOFF <lb/>
         wirkt, eine Spur von Glauben zu schenken, ihre Illusionen nehmen werden. </p>
      <pb facs="#f0049" n="47"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Geheimerlaß des Kriegsministers. </p>
      <p>
        <lb/>
         „Sämtliche Garnisonen und Militäreinheiten haben sich mit den Orts- <lb/>
         komitees der Regierungspartei zu dem Zweck in Verbindung zu setzen, <lb/>
         die Mittel zur Bekämpfung der Bauernsyndikate und der Kommunisten <lb/>
         zu vereinigen. Gegen diese besonders muß mit aller Strenge vorge- <lb/>
         gangen werden. Vor allen Dingen sind die Intellektuellen, und zwar die <lb/>
         fähigsten und kühnsten Anhänger dieser Ideen, auszurotten. Aufs <lb/>
         schnellste sind Listen dieser Leute herzustellen, damit im gegebenen <lb/>
         Augenblick alle ihre Führer, ob schuldig oder unschuldig, getötet wer- <lb/>
         den können. Überall wo Unruhen ausbrechen, sind ohne Gnade alle <lb/>
         Gefangenen, Verräter, Mitschuldigen und alle, die ihnen Unterschlupf <lb/>
         gewähren, umzubringen. Ebenso sind ihre Familien zu behandeln, und <lb/>
         ihre Häuser sind anzuzünden. </p>
      <p>
        <lb/>
         „Wenn die Aufständischen oder die „Gesetzesübertreter“ sich in einem <lb/>
         Gebäude verbergen, so ist es, um den Behörden Verluste zu ersparen, <lb/>
         anzuzünden, anstatt es im Sturm zu nehmen. Die Heereseinheiten haben <lb/>
         sich mit Spritzen zu versehen, um diese Häuser mit Petroleum zu über- <lb/>
         gießen. </p>
      <p>
        <lb/>
         „Jeder Gefangene ist binnen 24 Stunden abzuurteilen und hinzu- <lb/>
         richten. Die Aufständischen sind unter den Augen ihrer Parteigänger <lb/>
         hinzurichten. Ungehorsam gegen die Offiziere ist mit sofortiger Hinrich- <lb/>
         tung zu bestrafen. Ebenso ist die Todesstrafe über alle die zu verhängen, <lb/>
         welche, was es auch sein mag, von diesem Erlaß verraten.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Beachten wir, daß dieser Erlaß vor dem Attentat in der Kathedrale <lb/>
         ergangen ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         In einer militärischen Bekanntmachung vom August 1924 war gesagt <lb/>
         worden, daß die bulgarischen Truppen auf die Bevölkerung ohne vor- <lb/>
         herige Ankündigung feuern würden, was seitens einer staatlichen Be- <lb/>
         hörde eine Niedertracht ist, für die es wenige Beispiele gibt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Länder des Schreckens. </p>
      <p>
        <lb/>
         Unter dem trügerischen Zeichen der Ordnung und des Kampfes gegen <lb/>
         den roten Terror, unter dem Vorwand von Komplotten, Geheimverträgen <lb/>
         oder Aufruhr, die absichtlich entstellt oder provoziert waren, durch die <lb/>
         Strafzüge auf das Land und durch die Mordfallen in den Städten, durch <lb/>
         die „legalen“ und illegalen Vollstreckungen hat die Menschenvernich- <lb/>
         tung gewaltigen Umfang angenommen. </p>
      <pb facs="#f0050" n="48"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Frühere Minister und Abgeordnete, Kämpfer, Offiziere, Priester, An- <lb/>
         wälte, Ärzte und Beamte sind einzeln oder in Mengen gefallen. Man hat <lb/>
         ihre Namen, ihr Alter und die entsetzlichen Einzelheiten ihres Todes- <lb/>
         kampfes in Büchern aufgezeichnet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich erwähne einige Fälle: Die Ermordung des Abgeordneten PETKOFF, <lb/>
         dessen Fall man mit dem von MATTEOTTI verglichen hat. PETKOFF, <lb/>
         der gewagt hatte, die Sophistereien der bulgarischen Faszisten und die <lb/>
         Verbrechen ihrer Helfershelfer öffentlich zu entlarven, (er zeigte eines <lb/>
         Tages vom Rednerpult das blutbefleckte Hemd des ehemaligen Abge- <lb/>
         ordneten STOJEFF, der von der Polizei in grausamer Weise getötet <lb/>
         worden war) erhielt zahlreiche Drohungen, und niemand zweifelte da- <lb/>
         ran, daß seine Ermordung nur eine Frage von Tagen sein würde. Er <lb/>
         wurde von dem Leutnant RADEFF beim Verlassen des Parlaments ge- <lb/>
         tötet. Bei seinem Leichenbegängnis gab es drei tragische Erscheinungen: <lb/>
         seine Mutter, die an der Stelle, an der er ermordet worden war, nieder- <lb/>
         kniete, als der Zug dort vorbeikam, die Witwe GENADIEFFs und die <lb/>
         Witwe STAMBOLIJSKIs, zweier anderer hervorragender Opfer deran der <lb/>
         Macht befindlichen Henker. </p>
      <p>
        <lb/>
         DASCHIN, der Bürgermeister von Samokov, wurde von einem Hand- <lb/>
         langer der Regierung auf der Straße von Samokov am hellen Mittag ge- <lb/>
         tötet. HADJI-DIMOFF, ein kommunistischer Abgeordneter, hatte das- <lb/>
         selbe Schicksal. Der Abgeordnete und Rechtsanwalt STRASCHIMIROFF <lb/>
         wurde gleichfalls auf der Straße ermordet— weil er einen Kommunisten <lb/>
         verteidigt hatte, und am 6. März 1925 wurde eines der hauptsächlichsten <lb/>
         Vorstandsmitglieder des Eisenbahnersyndikats, STOJANOFF, der letzte <lb/>
         lebende kommunistische Abgeordnete, in derselben Weise niederge- <lb/>
         schlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Nach dem Attentat in der Kathedrale wurde eine große Anzahl länd- <lb/>
         licher Abgeordneter, besonders PETRINI und KOSSOWSKI, und zu glei- <lb/>
         cher Zeit der Journalist GRENTSCHAROFF, sowie mehrere andere Führer <lb/>
         der Arbeiter- und Bauernbewegung auf dem Wege zum Gefängnis getötet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Tabakarbeitersekretär STEFAN KYRADGIEFF wurde ebenso wie <lb/>
         der Sekretär der Vereinigung der Arbeitersyndikate, JEKO DIMITROFF, <lb/>
         ermordet. Desgleichen sind WASSIL GEORGIEFF vom Zentralkomitee <lb/>
         des Transportgewerbes, GENO PETROFF, der Sekretär der Syndikats- <lb/>
         vereinigung von Warna (dieser wurde am 9. Juni 1925 zu Ehren des Ge- <lb/>
         denktages des Staatsstreichs niedergeschlagen), TEMELKO NENOFF, der <lb/>
         Sekretär der Bergarbeitervereinigung, ermordet worden. Ebenso auch <lb/>
         NIKOLAUS GRAMOWSKI vom Zentralkomitee des Vereins der Bank-
        <pb facs="#f0051" n="49"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         angestellten, IVAN MANDEFF, der ein Mitglied dieses Komitees war, des- <lb/>
         gleichen die Doktoren TZARVULANOFF und WASSIL IWANOFF, beide Mit- <lb/>
         glieder des Zentralkomitees der Sanitätsarbeiter. </p>
      <p>
        <lb/>
         WASSIL STAMBOLIJSKI, der Bruder des früheren Ministers, wurde im <lb/>
         Gefängnis von Tatar-Pazardjik ermordet; bevor man ihn tötete, riß <lb/>
         man ihm die Augen aus. </p>
      <p>
        <lb/>
         Dem Doktor SPAS DUPARINOFF wurden von den als Soldaten ge- <lb/>
         kleideten Offizieren, die ihn im Zuge von Plowdiv nach Sofia eskortier- <lb/>
         ten, die Arme, der Hals und der Rücken mit Messerstichen durchbohrt; <lb/>
         alsdann wurde er erschossen und aus dem fahrenden Zuge geworfen. <lb/>
         TODOR TITORENKO wurde im Bezirk Widdin an ein Automobil gebun- <lb/>
         den und im Fahren zerfetzt. ALEXANDER ATHANASSOFF und NAIDEN <lb/>
         KIROFF, die zusammen mit anderen auf die Unterpräfektur von Russe <lb/>
         geladen waren, wurden im Hofe dieses Gebäudes von den Beamten <lb/>
         überfallen, die sie mit Revolverschüssen töteten. In der offiziellen Presse <lb/>
         gab man an,: daß sie eine Bombe geworfen hätten, und daß sie dann <lb/>
         bei der Verteidigung gegen die Polizei umgekommen wären. WASSIL <lb/>
         MULETAROFF und LAMBI KANDEW, sowie einige vierzig andere uner- <lb/>
         wünschte Personen wurden in dem Speisesaal des sechsten Regiments <lb/>
         in Sofia niedergemetzelt. ENEN MARKOWSKI wurde im Krankenhaus <lb/>
         von Schumen vergiftet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Außer den Erwähnten zähle ich noch einige Fälle auf, die besonders <lb/>
         von sich reden gemacht haben: In den Straßen wurden getötet: N. <lb/>
         GENADIEFF, MARIN POPOFF, GORAN PETKOFF, STOJAN KALATZOFF, <lb/>
         JORDAN VISCHEGRADSKI, KOSTA ILIEW, KOSTA ENTSCHEW (ihm wur- <lb/>
         de der Kopf abgeschnitten, Brust und Leib durchbohrt), BORIS HADJI- <lb/>
         SOTIROFF (dessen zerstückelten Leichnam die Hunde aufgewühlt haben), <lb/>
         ASSEN HADJI WASSILEW, GUTSCHO PAGNOFF, u.s.w. ... In den Ge- <lb/>
         fängnissen oder in den Amtsstuben wurden ermordet: NEDELKO GEOR- <lb/>
         GIEW, ANGEL GROSKOFF, IWAN PARWANOFF, WALKO GARWANSKI, <lb/>
         KAMON PETROFF, ALEXANDER HADJI-PETROFF, JWAN DIMITROFF, <lb/>
         WASSIL WELITSCHKOFF, JANKO HAIDUKOFF, CHRISTO BOJITSCHKI, <lb/>
         ANGEL WISSOKOFF, DIMITRI KONDOFF u.s.w.. </p>
      <p>
        <lb/>
         Bei der Überführung ins Gefängnis oder beim Transport von einem <lb/>
         Ort zum andern wurden TZONOE MATOFF, IWAN KOJUCHAROFF, <lb/>
         KANTSCHO TSCHAMOFF, GEORGI DAMIANOFF, PETKO ENEFF, u.s.w. <lb/>
         beiseite gebracht. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das sind so einige Namen, da man ja doch Namen nennen muß, die <lb/>
         fieberhaft aufs Geratewohl aus dem Aktenhaufen, den ich vor mir habe,
        <pb facs="#f0052" n="50"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         ausgewählt sind. Wir müssen nun noch einige Blicke auf die Massenhin- <lb/>
         richtungen werfen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Massenmorde erfolgten besonders in Bulgarien nach dem Sturz <lb/>
         der Regierung STAMBOLIJSKIs, dann im September 1923 anläßlich der <lb/>
         Aufstände auf dem Lande (5000 Opfer) und nach dem Attentat in <lb/>
         der Kirche (5000 Opfer), in Rumänien anläßlich der Okkupation der <lb/>
         neuen Provinzen. In Beßarabien allein wurden 18 000 Bauern ermordet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Folgendes hat mir in bezug auf die Vergeltungsmaßregeln, die in- <lb/>
         folge der ländlichen Unruhen ergriffen worden sind, ein bulgarischer <lb/>
         Flüchtling gesagt, den ich in Konstantinopel gesehen habe — er ist jetzt <lb/>
         außerhalb des Bereichs der wilden Bestien —: „Bei meiner Ankunft in <lb/>
         Burgas errichteten wir ein Komitee des Widerstandes gegen die unge- <lb/>
         setzliche Unterdrückung, das aber, da es den Wink erhielt, daß es massak- <lb/>
         riert werden würde, auseinanderstob und sich in die Weinberge flüchtete. <lb/>
         Das Heer kam, zernierte die Weinberge und schoß hinein. EFTIM WALT- <lb/>
         SCHEW aus Burgas und KRUM ATHANASSOFF wurden getötet. Zwei <lb/>
         Kameraden gelang es zu fliehen. Einer von ihnen, IWAN RASCHEFF, <lb/>
         war am Bein verwundet worden und glaubte, in Burgas zu Hause blei- <lb/>
         ben zu können, um sich behandeln zu lassen; aber sein Vater lieferte <lb/>
         ihn aus Furcht vor der Regierung den Behörden aus, und er wurde auf der <lb/>
         Straße erschossen. Der andere Kamerad, der in einem nahen Dorfe Nah- <lb/>
         rung suchen gegangen war, wurde dort ergriffen. Darauf versuchte er, sich <lb/>
         zu vergiften, aber er wurde durch den Arzt gerettet. Dieser Kamerad <lb/>
         hieß PASKAL NENOFF. Die Polizei, die erfahren hatte, daß NENOFF <lb/>
         seine Mutter zärtlich liebte, ließ sie verhaften und während einer ganzen <lb/>
         Nacht vor den Augen des Sohnes foltern. Auf diese Weise gelang es, aus <lb/>
         ihm alles herauszubekommen, was man wollte. Da indessen die Polizei <lb/>
         meinte, daß die von NENOFF preisgegebenen Geheimnisse nicht ge- <lb/>
         nügend interessant waren, tötete sie seine Mutter, die mit Hilfe von <lb/>
         Füße und Hände durchbohrenden Nägeln auf dem Fußboden ge- <lb/>
         kreuzigt war. Der Körper der alten Frau war infolge der Schläge der- <lb/>
         art geschwollen, entstellt und aufgedunsen, daß ihre Kleidungsstücke <lb/>
         am Fleisch klebten. NENOFF, der in einer Ecke des Polizeikellers, an <lb/>
         Händen und Füßen gefesselt, diesem Morde beiwohnen mußte, ist in- <lb/>
         folge davon wahnsinnig geworden und wurde am nächsten Tage im Ge- <lb/>
         bäude der öffentlichen Sicherheit erschossen.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Nachdem der bulgarische Hauptmann KUZMAZOFF Gruppen von <lb/>
         jungen Leuten vor den Augen ihrer Eltern hatte erschießen lassen, be- <lb/>
         fahl er diesen, ihm die Hände zu küssen. In den Dörfern, durch die er
        <pb facs="#f0053" n="51"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         gekommen war, haben tagelang die Hunde menschliche Glieder umher- <lb/>
         gezerrt. Anderswo band man Menschen mit Seilen an Lastautomobile, <lb/>
         ehe man die Wagen in Gang setzte. In der Stadt Ferdinand (ich greife <lb/>
         aufs Geratewohl einige Episoden heraus) tötete man alle Verwundeten, <lb/>
         ferner zwei fünfzehnjährige Krankenpflegerinnen und zwei Ärzte, die <lb/>
         sie gepflegt hatten, endlich zweiundzwanzig Kinder oder Geschwister <lb/>
         der Aufständischen. Selbst die wurden getötet, denen für den Fall der <lb/>
         Unterwerfung die Gnade versprochen worden war. </p>
      <p>
        <lb/>
         ‚Letzthin wurde über den Fall des Leutnants MORARESKU, eines Ru- <lb/>
         mänen, verhandelt. — Die Laufbahn dieses Offiziers ist eine unsag- <lb/>
         bare Kette von Morden. Er hat während zweier Jahre der militärischen <lb/>
         Okkupation Beßarabiens gewütet. Alle Zeugnisse lassen ihn in einem <lb/>
         wahrhaft phantastischen Licht’erscheinen. Als man ihn nach dem Stande <lb/>
         seiner Gesundheit fragte, erwiderte er: „Es geht mir sehr gut, ich töte.“ <lb/>
         Er hat eine Welt von Flüchtlingen erschießen lassen, welche über die <lb/>
         Dnjestrgrenze gegangen waren, und die er durch seine Versprechun- <lb/>
         gen nach Rumänien zurückgelockt hatte, und er hat sich mit dem, was <lb/>
         er ihnen raubte, bereichert. Auf seinem Wege hat er soviel Männer und <lb/>
         Frauen, wie er irgend konnte, erwürgen lassen. Er wütete gegen die <lb/>
         Soldaten, wenn sie nicht gemordet hatten. Wenn eine Bäuerin, die er- <lb/>
         würgt werden sollte, ein !Kind in den Armen trug, bestand er darauf, <lb/>
         mit eigener Hand das Kind zu töten. Er ließ die Bauern tanzen, bevor <lb/>
         sie erschossen wurden. Die Menschen, die er allein geopfert hat, und <lb/>
         die in der Nähe des Dnjestrs beerdigt worden sind, bilden zusammen <lb/>
         einen ungeheuren Friedhof — und dabei sind noch nicht die Leichen <lb/>
         eingescharrt, die er einem ihm befreundeten Arzte zum Zweck von <lb/>
         Laboratoriumsversuchen schickte, indem er vor der Hinrichtung dafür <lb/>
         Sorge trug, ihm von der Sendung Nachricht zu geben. Dieser Ver- <lb/>
         brecher, der auch ein Leichenfledderer und ein Fälscher ist, wurde nicht <lb/>
         nur freigesprochen, sondern er ist auch beglückwünscht worden, und <lb/>
         der General EPURE hat ihn vor Gericht für einen Nationalhelden er- <lb/>
         klärt. MORARESKU, dem der große rumänische Schriftsteller PANAIT <lb/>
         ISTRATI öffentlich furchtbare Wahrheiten ins Gesicht geschleudert hat, <lb/>
         ist, wie man sagt, zum Propaganda-Agenten der Regierung ernannt <lb/>
         worden.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) SLAWEIKO WASSILEW, einer der Gründer und Leiter der Militär-Verbände, der in <lb/>
             Bulgarien blutig wütet, hat geschrieben: „Die Teilnahme der Offiziere am sozialen und
            po- <lb/>
             litischen Leben des Landes ist von hoher Bedeutung. Erzogen in der Achtung der Pflicht, <lb/>
             in der Liebe zum Vaterlande, in dem Respekt vor der Moral, werden die Offiziere da- <lb/>
             zu beitragen können, unser politisches Leben zu gesunden.“ Dieser SLAWEIKO WASSI- <lb/>
             LEW, der heute Minister ist, war Kommandant des Bezirks Tatar-Pazardjik im Augenblick <lb/>
             des Staatsstreichs vom 9, Juni 1923. Unter seinem Oberbefehl geschah der Mord an STAM- <lb/>
             BOLLJSKI Im September 1923 war er Kommandant von Philippopel, und er ist verant- <lb/>
             wortlich für die Hinmordung von 50 Menschen, die dort im Gefängnis lagen, und für <lb/>
             die bestialische Massakrierung der Hunderte von Arbeitern, Bauern und Studenten, <lb/>
             die gefangen genommen und auf dem Wege nach Tatar-Pazardjik mit Maschinengeweh- <lb/>
             ren erschossen worden sind. </p>
        </note>
      </p>
      <pb facs="#f0054" n="52"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die „Gerechtigkeit“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Dennoch gibt es nach solchen Operationen noch Überlebende, denn <lb/>
         man kann nicht ein Volk wie ein Feld mähen, und so häufen sich un- <lb/>
         zählige Prozesse und darunter manche riesenhafte. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Bulgarien gibt eine auf Grund der offiziellen Blätter aufgestellte <lb/>
         Statistik der politischen Massenprozesse die folgenden Ziffern für den <lb/>
         Zeitraum vom Mai bis zum August 1925: Zahl der Prozesse 81, Anzahl <lb/>
         der Angeklagten 3557, Todesstrafe gegen 600 beantragt, Verurteilun- <lb/>
         gen 611, Todesurteile 300. In Bulgarien erwarten 300 Menschen gehängt <lb/>
         zu werden, und 4000 abgeurteilt zu werden. Nach dem Attentat im <lb/>
         April wurden mehr als 1000 Menschen, welche für die Demokratie ein- <lb/>
         getreten waren, zu Zwangsarbeit verurteilt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Dazu kommen 2800 Angeklagte, gegen die dreißig neue große Pro- <lb/>
         zesse geführt werden, z. B. der Monstre-Prozeß von Schumla mit 500 <lb/>
         Angeklagten, der von Lom mit 120 Angeklagten, der von Russe mit <lb/>
         131 Angeklagten und der von Chaskowo mit 300 Angeklagten. Das <lb/>
         gebräuchlichste Mittel, um die Anklagen zu begründen und um den <lb/>
         königlichen Staatsanwälten das Material für ihre Behauptungen zu lie- <lb/>
         fern, ist die während der Untersuchung angewendete Folter, was eben- <lb/>
         sowohl in Rumänien wie in Bulgarien der Fall ist. NIKOLAI LUPU, der <lb/>
         Führer der zaristischen und Agrarpartei, einer der in Rumänien bekann- <lb/>
         testen Politiker, erklärte im Jahre 1923 vor einem Gerichtshofe: „Die <lb/>
         Siguranza ist eine Organisation von Banditen, die vor nichts zurück- <lb/>
         schreckt. Sie rekrutiert sich aus der Hefe und dem Abschaum unseres <lb/>
         Landes. Als ich Minister war, hat sie mich ausspioniert und versucht, <lb/>
         die gemeinsten Erpressungen gegen mich auszuüben.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Schrift KOSTA FORUS, die begonnen hat, die unglaubliche Gleich- <lb/>
         gültigkeit der europäischen öffentlichen Meinung aufzurütteln, zählt <lb/>
         siebzig Fälle auf, in denen die Angeschuldigten durch die Folter zu Ge- <lb/>
         ständnissen gezwungen worden sind. Dieselbe Behandlung hat die Si- <lb/>
         guranza Frauen und jungen Mädchen angedeihen lassen. Die Frauen
        <pb facs="#f0055" n="53"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker</fw>
        <lb/>
         werden vor ihren Männern, die Männer in Gegenwart ihrer Frauen ge- <lb/>
         foltert. Es gibt kein noch so wildes und raffiniertes Verfahren, das die <lb/>
         Polizei- und Sicherheitsbeamten, die Offiziere und häufig die Unter- <lb/>
         suchungsrichter nicht angewendet haben, um den unglücklichen Männern <lb/>
         und Weibern, die vor sie geschleppt werden, das Höchstmaß an körper- <lb/>
         lichen Schmerzen zuzufügen, ohne sie gerade zu töten. Oft wohnt ein <lb/>
         Arzt der Folterung bei und verlangt Einhalt, wenn die Marter tödlich <lb/>
         zu werden droht. Man schlägt die Opfer, bis sie ohnmächtig werden, <lb/>
         dann bringt man sie mit kaltem Wasser wieder zu sich, um sie ent- <lb/>
         sprechend weiter zu schlagen. Man schlägt mit kautschukumwickelten <lb/>
         Eisenstangen, bis das Blut zu den Ohren herausdringt. Man gießt kochen- <lb/>
         des Wasser in die Ohren. Man reißt Nägel und Zähne aus, man legt <lb/>
         gekochte heiße Eier, die unheilbare Wunden hervorrufen, unter die <lb/>
         Achseln. Es gibt in der Zentralpolizeibehörde von Belgrad einen Ofen, <lb/>
         an dessen Flammen man die Gefangenen hält, von denen man etwas <lb/>
         herausbringen will. Man nennt den Namen einer Frau, der man ein zur <lb/>
         Weißglut erhitztes Eisen in den Unterleib gestoßen hat. Man sticht mit <lb/>
         Nadeln unter die Zunge und mit zur Weißglut erhitzten Nadeln unter <lb/>
         die Fingernägel. Es gibt eine besondere Maschine, mit welcher der Kopf <lb/>
         gequetscht wird, bis die Schädelknochen krachen. In Schumen gibt es <lb/>
         eine hypnotische und elektrische Behandlung, welche „Spezialisten“ <lb/>
         gegen die anwenden, die man zum Sprechen zwingen will. Verschiedene <lb/>
         Menschen sind ihnen unter den Händen gestorben. Wir haben in dem <lb/>
         Gefängnishospital einen Menschen gesehen, dessen Beine durch Folter- <lb/>
         instrumente verkrümmt und abgemagert waren. Das sind nicht bloß so <lb/>
         Sadismus- und Mordlitaneien, die man aufs Geratewohl herbetet: <hi rendition="#g">Es <lb/>
           gibt überreichlich viel nachgeprüfte und unleugbare Beispiele <lb/>
           von jeder dieser Martern.</hi> Es gibt keinen Gefangenen, der nicht gleich- <lb/>
         artige oder ähnliche Fälle mitteilt. In Warna setzte man in dem Saal, in <lb/>
         welchem die Polizeiuntersuchungen stattfinden, die Motore von drei <lb/>
         Automobilen in Gang, um die Schreie zu ersticken. Ein Zeuge hat uns <lb/>
         von GEORGI STEFANOFF, einem Metallarbeiter, der verhaftet worden <lb/>
         war, erzählt: man hatte ihm die Brust zerschmettert, sodaß er weder <lb/>
         essen noch schlafen konnte, und von einem Angestellten des Hauses <lb/>
         RADIWOEW, der geschlagen und mit verbrannter Haut sich nicht mehr <lb/>
         aufrecht halten konnte. Ein anderer, der einem gefangenen Kameraden <lb/>
         gegenübergestellt wurde, hat ihn nicht wiedererkannt, so war er seit <lb/>
         seiner Verhaftung entstellt worden. Im Mai 1925 schrieb die rumänische <lb/>
         Zeitung „Dimineatza“ in bezug auf die Führung des Prozesses gegen das
        <pb facs="#f0056" n="54"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         kommunistische Zentralkomitee: „In Massen liegen die Angeschuldig- <lb/>
         ten auf dem Boden oder auf Bänken, halb bewußtlos, mit kalten Kom- <lb/>
         pressen auf Kopf und Herz. Viele schlagen auf dem Boden um sich, <lb/>
         Schaum auf den Lippen. Man erlaubt niemandem, ihnen Hilfe zu brin- <lb/>
         gen.“ M. CHAPUISAT, vom „Journal de Genève“, der weit davon entfernt <lb/>
         ist, ein Revolutionär zu sein, der aber, wenn ich mich so ausdrücken <lb/>
         darf, zur ersten Hälfte ein Revolutionär ist, ein anständiger Mensch, <lb/>
         den das unverdiente Leiden empört, hat in pathetischen Worten das <lb/>
         Martyrium geschildert, unter dem die rumänischen Kommunisten durch <lb/>
         ihre Gefangenenwärter zu leiden haben. Der Journalist KONSTANTIN <lb/>
         MILLE, ein Politiker von äußerst gemäßigten Anschauungen, vor allem <lb/>
         aber ein Mann von Herz, hat mit beredter Empörung die Folter „des <lb/>
         Frosches“ beschrieben, die darin besteht, das zusammengekrümmte <lb/>
         Opfer um eine Stange zu binden, die Stange zu drehen und es dann <lb/>
         auf den Boden zu schleudern; er beschreibt auch das die „Seherin“ ge- <lb/>
         nannte Folterinstrument, eine Art eisernen Handschuhs, mit dem man <lb/>
         die Fingerknochen bis zur Zerschmetterung preßt... und bis der Ge- <lb/>
         fangene „gestanden“ hat. </p>
      <p>
        <lb/>
         „Es ist einer geprügelt worden“, das ist eine Redensart der Balkan- <lb/>
         bewohner. Sie ist banal geworden; sie ist schließlich nichtssagend ge- <lb/>
         worden. Die Empfindsamkeit wird durch die Gewöhnung rasch abge- <lb/>
         stumpft, wenn es sich um Geschehnisse handelt, von denen man nur <lb/>
         durch Hörensagen erfährt. Man versuche aber sich vorzustellen, was <lb/>
         das an den dunklen Stätten der Polizeiämter in voller Wirklichkeit <lb/>
         bedeutet: Waffenlose gefesselte Menschen, zahlreiche andere starke <lb/>
         Menschen, : die sich auf sie stürzen und sie grausam mißhandeln, <lb/>
         die mit stets wachsender Wut und mit: allen möglichen ausgeklügel- <lb/>
         ten Instrumenten das Fleisch, das keinen Widerstand leisten und nicht <lb/>
         schreien kann, blutrünstig schlagen, und die ohne Pause mit neuen Rei- <lb/>
         hen Gekreuzigter dasselbe beginnen, um dann wieder die früheren zu <lb/>
         martern. </p>
      <p>
        <lb/>
         Viele Gefangene der „friedlichen und demokratischen“ Regierung <lb/>
         ZANKOFFs oder BRATIANUs haben ihre Qualen abkürzen können, in- <lb/>
         dem sie sich aus den Fenstern stürzten. Vorübergehende haben ihre <lb/>
         Leichen gesehen und beobachtet, daß man ihnen die Fußnägel ausge- <lb/>
         rissen hatte, und daß ihr Gesicht blau und schwarz von Schlägen war. <lb/>
         Man hat die hohen Fenster vergittert, um die Märtyrer zu verhindern, <lb/>
         schnell den Tod zu suchen. In anderen Fällen, wie in dem der Frau GIT- <lb/>
         SCHEWA, der Gattin eines Baumeisters, die im Gefängnis von Sofia ge-
        <pb facs="#f0057" n="55"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         storben ist, bedeutet das Wort Selbstmord zweifellos nur eine offizielle <lb/>
         Beschönigung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gehen wir, da man sich nicht überall aufhalten kann, über die flagran- <lb/>
         ten Ungesetzlichkeiten hinweg, die Schandflecke für die politischen Pro- <lb/>
         zesse in allen Balkanländern sind. Es ist zweifellos, daß ‘der gesamte <lb/>
         Prozeß betreffend das Attentat in der Kathedrale vom Standpunkt des <lb/>
         gewöhnlichsten Rechts auf einer Ungesetzlichkeit beruhte, indem man <lb/>
         nämlich eine Verordnung über den Belagerungszustand rückwirkend an- <lb/>
         wendete. Nicht minder ist es für alle Rechtsverständigen offenbar, daß <lb/>
         das Militärgericht für die Aburteilung des Falls von Tatar-Bunar unzu- <lb/>
         ständig war, wie ich mich in der Studie zu zeigen bemüht habe, die ich <lb/>
         dieser Angelegenheit besonders gewidmet habe.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Diese Studie ist in besonderer Uebersetzung erschienen. </note> In dem Prozeß von <lb/>
         Tatar-Bunar sind nicht nur die Angeklagten, sondern auch Zeugen <lb/>
         gefoltert worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Serien von Attentaten. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Hunderten und Tausenden von Fällen hat man sich nicht die Mühe <lb/>
         gegeben, den Gerichtsapparat in Bewegung zu setzen. Man hat sogar <lb/>
         in Öffentlicher Sitzung der bulgarischen Deputiertenkammer diesen Ge- <lb/>
         meinplatz aussprechen können: „Die Fälle von Willkürakten und Mor- <lb/>
         den sind unter dem gegenwärtigen Ministerium häufiger geworden als <lb/>
         unter dem von STAMBOLLIJSKL“ Die Urheber der einzelnen Attentate <lb/>
         genießen Straffreiheit: Als dem Abgeordneten TODOR STRASCHIMI- <lb/>
         ROFF auf offener Straße der Schädel zerschmettert wurde, hat die Poli- <lb/>
         zei die Menge verhindert, seinen Mörder zu ergreifen. Den Mörder <lb/>
         PETKO PETKOFFS ergriff man, ließ ihn aber unmittelbar darauf wieder <lb/>
         frei, unter dem Vorgeben, daß dieser Mensch ein Polizeibeamter wäre, <lb/>
         der einen Mörder verfolgte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gegen die bekannten Mörder von PANTCHE. MICHAELOFF und <lb/>
         von zwei- oder dreitausend anderen hat keinerlei Verfolgung stattgefun- <lb/>
         den. Die offiziellen Mitteilungen, die von Zeit zu Zeit durch die Zei- <lb/>
         tungen veröffentlicht werden, wenn die Tatsachen in der Öffentlichkeit <lb/>
         bekannt geworden sind, besagen einfach: durch unbekannte Personen <lb/>
         getötet. Und damit ist die Sache erledigt.**)<note place="foot">
          <lb/>
           **) Der „Radical“, das Organ der bulgarischen radikalen Partei, hat im Januar 1926 <lb/>
           festgestellt, daß „man während zweieinhalb Jahren von keinem einzigen Beamten der <lb/>
           Regierungspolizei gehört hätte, daß er wegen seiner Missetaten verfolgt und schuldig <lb/>
           erklärt worden wäre“. </note>
      </p>
      <pb facs="#f0058" n="56"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die Grenzen bilden kein Hindernis für die offiziellen. Mörder: man <lb/>
         hat PANITZA in Wien, TSCHAULEW in Mailand getötet, — in beiden <lb/>
         Fällen mit Hilfe der bulgarischen Gesandtschaften in diesen Städten; <lb/>
         man hat DASKALOFF in Prag getötet u.s.w.. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man hat in Jugoslawien einen Mann namens DUNGARSKI verhaf- <lb/>
         tet, der zugab, mit der Ermordung der „Führer“ im Ausland be- <lb/>
         auftragt gewesen zu sein und verschiedene Auswanderer, die auf <lb/>
         Grund des Amnestiegesetzes nach Bulgarien zurückkehrten, getötet zu <lb/>
         haben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man hat einen Brief veröffentlicht, den ein Mann namens STANT- <lb/>
         SCHEW, ein bezahlter Meuchelmörder im Dienste ZANKOFFs, an den <lb/>
         jetzt im Amt befindlichen STOILOFF geschrieben hat. Dieser Brief spricht <lb/>
         von verschiedenen Mordprojekten, von dem Überfluß an Geldern und <lb/>
         den ausgedehnten Vollmachten, über die der Schreiber verfügt. Der <lb/>
         Brief lüftet einen Zipfel des Schleiers nicht nur über die niedrige Ge- <lb/>
         sinnung dieses Mannes, sondern auch über das Treiben jener Individuen <lb/>
         im Ausland, die von sich „Wir“ sagen, wie die Staatsmänner. Der Brief <lb/>
         ist von CH. MAUS in der Broschüre „Was geht in Bulgarien vor?“ <lb/>
         veröffentlicht worden, ebenso wie ein anderer nicht minder charakteristi- <lb/>
         scher Brief des bulgarischen Gesandten in Rom namens RADEFF. All <lb/>
         diese blutbefleckten Spitzbuben sind zur Stunde frei auf die großen <lb/>
         Weltstraßen losgelassen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die gewerbsmäßigen Mörder in Uniform, die von den Steuerzahlern <lb/>
         bezahlt werden, haben 2000 Arbeiter und Bauern in ihren Barken zu <lb/>
         Lom-Palanka in Bulgarien hingemetzelt. Sie haben in Tatar-Bunar an <lb/>
         einem einzigen Tage 69 Häuser niedergebrannt, 98 Bauern auf dem <lb/>
         Kirchhof getötet und 200 in den Straßen erschossen. An einer anderen <lb/>
         Stelle Beßarabiens sind Hunderte von Bauern, zu vieren an einander ge- <lb/>
         bunden, auf Befehl des Chefs der Sicherheitsbehörde, YUSARESCU, im <lb/>
         September 1924 ertränkt worden — und so ging es Monate weiter. Der <lb/>
         Beamte taugt oft nicht viel mehr als der ausgediente Soldat oder der <lb/>
         Sträflingsaufseher. KOSTURKOFF hat in öffentlicher Sitzung der bulga- <lb/>
         rischen Kammer festgestellt, daß der Präfekt von Belogradschik ein <lb/>
         nach bürgerlichem Recht Verurteilter ist. Indem Königreich FERDINANDS <lb/>
         VON HOHENZOLLERN ist die Zeitung „Wilag‘“ von Targu Muresch ver- <lb/>
        <choice>
          <sic>ver</sic>
          <corr/>
        </choice>boten worden, weil sie die von dem Präfekten VICTOR MAYOR zum <lb/>
         Schaden von 280 Bauern begangenen Unterschleife enthüllt hatte. An- <lb/>
         dererseits hat sich der Leiter einer Genossenschaft der Reklamationen, <lb/>
         die seine betrügerische Geschäftsführung hervorgerufen hatte, dadurch
        <pb facs="#f0059" n="57"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         entledigt, daß er die Anzeigenden fälschlich als Kommunisten denun- <lb/>
         zierte und auf diese Weise ihre Hinrichtung veranlaßte. </p>
      <p>
        <lb/>
         KOLAROFF, einer der Männer, die aufs hartnäckigste verfolgt wur- <lb/>
         den, und dem es gelungen ist, nach Rußland zu entkommen, beschreibt <lb/>
         eine Hinrichtungsszene, wie sie ihm von einem früher sozialistischen <lb/>
         Polizeibeamten erzählt worden ist: </p>
      <p>
        <lb/>
         „Sieben Menschen sind an einander gebunden, eine lebende Mauer.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         „Sie sollen erstochen werden. Es ist formeller Befehl ergangen, daß <lb/>
         sie nicht gehängt, sondern mit der blanken Waffe erledigt werden sol- <lb/>
         len. Wer sind sie?“ </p>
      <p>
        <lb/>
         „Der Eine war verhaftet worden, als er vom Leichenbegängnis seines <lb/>
         Sohnes kam, der Andere, als er seinen kleinen Weinberg betrat, der <lb/>
         Dritte, als er Heu fortschaffte...“ </p>
      <p>
        <lb/>
         „Der frühere Sozialdemokrat weiß es, bemerkt es — und tut seine <lb/>
         Pflicht: Im Namen der Regierung...“ </p>
      <p>
        <lb/>
         „Dumpf tönen die Schläge wie Peitschenhiebe, sie zerschneiden, sie <lb/>
         zerschmettern Rücken und Nacken. Man hört die Knochen krachen. Sie <lb/>
         fallen. In der Dunkelheit ahnt man noch, wie sie sich in ihrem Grabe <lb/>
         winden.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         „Die Schaufeln stoßen in den Boden, die Erdhaufen fliegen. Und man <lb/>
         hört in diesem Geräusch der aufgewühlten und stürzenden Erdschollen <lb/>
         aus der Grube ein ersticktes Flehen: „Ich lebe noch! ...“ - </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Leiden der Gefangenen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es wäre unmöglich, mit irgend einem Anspruch auf Vollständigkeit <lb/>
         die Darstellung des Martyriums zu unternehmen, unter dem die Ge- <lb/>
         fangenen in Bulgarien, Rumänien und Jugoslawien leiden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Rumänien gibt es ein besonderes Gefängnis für die politischen Ge- <lb/>
         fangenen. Es ist das Zentralgefängnis von Doftana, Es enthält ausschließ- <lb/>
         lich Kerker. Die Betten sind an die Mauern geschraubt. Während des <lb/>
         Tages sind sie hochgehoben, und die Gefangenen müssen alle Stunden <lb/>
         des Tages stehend zubringen. Die Ernährung ist elend, und alle Einge- <lb/>
         kerkerten leiden unter dem Hunger. In dem Gefängnis gibt es eine be- <lb/>
         sondere Abteilung, die Abteilung N., genannt die Folterabteilung. Dort <lb/>
         werden Hunderte und Tausende von Arbeitern und Bauern gefoltert. <lb/>
         Die in dieser Abteilung Eingeschlossenen sind an Händen und Füssen <lb/>
         gefesselt und erhalten dreimal in der Woche „schwarze Kost“ (trocken <lb/>
         Brot und Wasser). </p>
      <pb facs="#f0060" n="58"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Eingeschlossen in richtige steinerne Säcke, die man „Gerlos“ nennt, <lb/>
         und die aus einem einzigen Block aus Eisenbeton bestehen, erwarten <lb/>
         die Gefangenen den Tod, der sie vom Ungeziefer und von all ihren <lb/>
         Leiden befreien soll. Sie können sich nicht rühren und müssen stehend <lb/>
         schlafen. Aufrechtgestellte Särge! </p>
      <p>
        <lb/>
         Wegen der kleinsten Übertretung oder auch nur eines Versehens, <lb/>
         z.B. wegen Uhnterlassung eines Grußes, sperrt man sie in Kasematten, wo <lb/>
         sie genötigt sind, mit gefesselten Händen und Füßen auf dem Zementfuß- <lb/>
         boden und im Wasser zu sitzen. Diejenigen, welche um menschliche Be- <lb/>
         handlung bitten, werden aufgeschrieben; man verurteilt sie zu ein, zwei, <lb/>
         fünf Jahren Gefängnis und schleppt sie von einem Kerker in den anderen. <lb/>
         Sie bleiben nichtlänger als eine Woche in jedem Gefängnis und werden <lb/>
         immer mit gefesselten Händen und Füssen, ohne Wäsche, in Lumpen, <lb/>
         eingekerkert, und so machen sie eine Rundfahrt durch ganz Rumänien. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Doftana gibt es eine „Abteilung H.“, wohin man die „undiszipli- <lb/>
         nierten“ Gefangenen schafft. Da gibt es Kerker von drei Metern Länge <lb/>
         und 1,50 m Breite, ohne Lüftung, ohne Bett, ohne Tisch und Stuhl, ohne <lb/>
         irgend eine sanitäre Vorrichtung. Monatelang kein Waschwasser, keine <lb/>
         Leibwäsche. Die Nahrung ist verschmutzt und noch dazu ungenügend. <lb/>
         (30 Kilo Suppe für 200 Häftlinge.) Man gibt ihnen ungeschälte Kartof- <lb/>
         feln in einem Eimer; man kocht Schmutzwasser und füllt damit den Ei- <lb/>
         mer bis zum Rand, mit einem Wasser, das die Körper schwellen macht <lb/>
         und Nierenentzündungen verursacht. Die Gefangenen trinken aus dem- <lb/>
         selben Gefäß, selbst die Schwindsüchtigen und die Syphilitischen. Man <lb/>
         legt ihnen Handschellen an derart, daß man sehr bald eine stark merk- <lb/>
         bare Abmagerung des Handgelenks bemerken kann. Man unterzieht sie <lb/>
         fortgesetzt der Prügelstrafe. Die Gefangenen, die man auf die Fußsoh- <lb/>
         len schlägt, sind nicht mehr imstande zu gehen, wenn sie in die Zellen <lb/>
         zurückgebracht werden; ihren Kameraden ist es verboten, sie aufrecht- <lb/>
         zuhalten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man kann diese Behandlung nicht länger als einige Monate ertragen. <lb/>
         Wenn man da herauskommt, ist man stumpfsinnig oder epileptisch, oder, <lb/>
         vielmehr, man stirbt dort. In sechs Monaten sind von den 53 in der Ab- <lb/>
         teilung H. Untergebrachten nur 12 nicht gestorben, während des Früh- <lb/>
         lahrs 1923 gab es in Doftana 38 Todesfälle, davon 36 in der Abteilung H.. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die Gefangenen erkranken, läßt man sie sterben, wie z.B. <lb/>
         IWANUTZ, der in Jilawa schwindsüchtig wurde. Wohl gibt es einen Arzt, <lb/>
         aber er berührt nie einen Gefangenen. Er begnügt sich damit, von den <lb/>
         Verwandten Geschenke zu fordern, damit er den Kranken ins Sanato-
        <pb facs="#f0061" n="59"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         rium schaffen läßt. Ich habe eine arme, ganz mittellose Frau gesehen, <lb/>
         von der der Arzt die Hergabe von 10000 Lei verlangt hat, damit er <lb/>
         ihren Mann ins Krankenhaus transportieren lassen könne; sie war außer- <lb/>
         stande dazu. </p>
      <p>
        <lb/>
         Nach der Gefängnisordnung dürfte keiner in Doftana länger als sechs <lb/>
         Monate bleiben. Aber manche sind dort seit fünf Jahren wegen „pazi- <lb/>
         fistischer“ oder „syndikalistischer Propaganda“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Generaldirektor der Gefängnisse, TSCHERNATZ, hat die Zwangs- <lb/>
         arbeit für die Gefangenen eingeführt, um daraus Vorteil zu ziehen. Sie <lb/>
         müssen unter Schlägen arbeiten. Soldaten, mit dem Bajonett nur 10 cm <lb/>
         von ihren Körpern entfernt, hindern sie zu trinken oder es sich irgend <lb/>
         wie zu erleichtern, solange die Arbeit nicht beendet ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Natürlich versuchen die Gefangenen, sich selbst zu töten. Aber abge- <lb/>
         sehen vom Hungerstreik ist das schwer für sie. Man hat mir von einem <lb/>
         von ihnen erzählt, daß er zu sterben versucht hat, indem er Jodtinktur <lb/>
         schluckte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt „Rebellionen“, die von der Direktion und von den Gefäng- <lb/>
         niswärtern angestiftet sind. Ein Epileptiker war während eines Anfalls <lb/>
         auf einen Wärter getaumelt; daraufhin verbreitete man das Gerücht, <lb/>
         daß er ihn hätte töten wollen, und es gab ein Fest von Vergeltungs- <lb/>
         maßregeln. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Militär-Festung von Jilawa ist von den Deutschen während der Be- <lb/>
         setzung von Bukarest in ein Gefängnis umgewandelt worden. Es ist ein <lb/>
         Grab für die Lebenden. Das Gefängnis, das 10 m tief unter dem Boden <lb/>
         eingegraben ist, besteht ganz aus Beton. Die Behandlung ist ganz be- <lb/>
         sonders streng. Diejenigen, welche gegen die Disziplin verstoßen, wer- <lb/>
         den 10 Tage lang in „Säcken aus Zement“ eingeschlossen, in denen sie <lb/>
         sich nicht rühren können. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Gefängnis von Wakareschta ist das größte in Rumänien. Es ist <lb/>
         für 2000 Menschen gebaut, beherbergt aber jetzt nicht weniger als 3000 <lb/>
         Gefangene. Die sich eines Disziplinarvergehens schuldig machenden <lb/>
         werden in besondere Kerker von 2 Metern Länge eingeschlossen und <lb/>
         sind genötigt, darin aufrecht zu stehen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Gefängnisreglement und die Behandlung der Gefangenen sind <lb/>
         die gleichen wie in Rumänien auch in den übrigen Balkanzentren. Eine <lb/>
         Schilderung davon zu geben hieße das von mir Geschilderte unter Ände- <lb/>
         rung der Namen wiederholen.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *), Ganz neuerdings nach dem Regierungswechsel in Bulgarien hat der bulgarische Ge- <lb/>
           sandte in Paris, MOÖRSOFF, einer Abordnung des Komitees für die Verteidigung der <lb/>
           Opfer des weissen Schreckens zugestanden, daß ihm persönlich bekannt sei, daß der <lb/>
           Polizeidirektor oft Herrn LEGER, einen der drei zuerst zum Tode und dann zu lebens- <lb/>
           länglichem Gefängnis deshalb verurteilten Franzosen, weil sie einen von denen, die <lb/>
           als Täter des Attentats in der Kathedrale in Verdacht standen, bei sich aufgenommen <lb/>
           hatten, häufig ‚geschlagen hat. Die beiden anderen gefangenen Franzosen sind Frau <lb/>
           LEGER und Frau NICKOLOWA.</note>. </p>
      <pb facs="#f0062" n="60"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die Rechte der Verteidigung? Sie existieren nicht. In Bulgarien haben <lb/>
         die Anwälte nicht das Recht, sich allein mit den von ihnen verteidigten <lb/>
         Gefangenen zu besprechen; ein Beamter wohnt der Besprechung bei. </p>
      <p>
        <lb/>
         Bulgarische Gefangene, die aus den Gefängnissen entkommen waren, <lb/>
         und denen es geglückt war, die türkische Grenze zu erreichen, haben <lb/>
         uns von der willkürlichen Art berichtet, mit der man bei der Untersu- <lb/>
         chung gegen sie vorging: oft verhörte sie ein einfacher Korporal oder <lb/>
         Polizeiagent. In vielen Fällen erfolgen Verhaftungen aus Gründen der <lb/>
         Sicherheit ohne Vernehmung. In Rumänien gibt es unzählige Beispiele <lb/>
         von Fällen, wie der Fall von IWANUTZ, der ohne besonderen Grund, <lb/>
         nur wegen seiner Ansichten, oder weil er für das Plebiszit in Beßarabien <lb/>
         war, verhaftet wurde, vier und einen halben Monat in Sicherheitshaft <lb/>
         gehalten wurde, und dann schließlich darin an Tuberkulose gestorben <lb/>
         ist; andere sind so Jahre lang in Haft gehalten worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der rumänische Anwalt BUJOR, den man gefesselt in einen dunklen <lb/>
         Kerker steckte, ist wahnsinnig geworden. Der Bulgare ASSEN WAPTZA- <lb/>
         ROFF, der infolge der Quetschung des Kopfes durch die Foltermaschine <lb/>
         verrückt geworden war, wurde wieder nach Hause entlassen. Dort tö- <lb/>
         tete er mit Beilhieben seine Frau und sein Kind — und erhing sich selbst. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist jetzt der Beweis dafür erbracht, daß der Journalist HERBST in <lb/>
         dem Ofen der Zentralheizung der Sicherheitsbehörde in Sofia (und zwar <lb/>
         in demselben Gebäude, das der großen Genossenschaft Oswobojdenie <lb/>
         durch Beschlagnahme weggenommen worden war) gleichzeitig mit zwei <lb/>
         früheren Offizieren und einem anderen Journalisten lebendig verbrannt <lb/>
         worden ist; er hatte der Regierung dauernd Opposition gemacht und <lb/>
         in seiner Zeitung „Wik“ einen Artikel veröffentlicht, der höheren Ortes <lb/>
         Mißfallen erregt hatte. </p>
      <p>
        <lb/>
         MAX GOLDSTEIN, der in Bukarest zu lebenslänglichem Gefängnis ver- <lb/>
         urteilt worden war, nahm, da sein Leben in seinem Kerker nichts als <lb/>
         eine lange Marter war, seine Zuflucht zum Hungerstreik. Am vierten <lb/>
         Tage gab er den Bitten der Seinen. nach, wieder Nahrung zu sich zu <lb/>
         nehmen; der Gefängnisdirektor aber befahl, ihn nichts essen zu lassen. <lb/>
         Er starb zehn Tage danach. Der gleiche Befehl erging in dem rumäni- <lb/>
         schen Gefängnis Doftana in bezug auf siebenundzwanzig politische Ge-
        <pb facs="#f0063" n="61"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         fangene, die den Hungerstreik erst begonnen hatten, dann aber unter- <lb/>
         brechen wollten. Als man in der Öffentlichkeit davon erfuhr, hatten diese <lb/>
         27 Gefangenen seit drei Wochen keine Nahrung zu sich genommen. In <lb/>
         verschiedenen Städten Altrumäniens und Transsylwaniens ist man zur <lb/>
         Massenverhaftung von Arbeitern geschritten, die gegen den an MAX <lb/>
         GOLDSTEIN verübten Mord protestierten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Um das Wüten ihrer Henker unwirksam zu machen, steht den Ge- <lb/>
         fangenen nur dies freiwillige Opfer des Hungerstreiks zu Gebote. Man <lb/>
         hat im einzelnen die wachsenden Qualen dieses durch den Willen be- <lb/>
         stimmten körperlichen Opfers geschildert, das während der ersten Tage <lb/>
         eine fast übermenschliche Seelenkraft erfordert.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *). Ich habe die Eindrücke verschiedener Menschen gesammelt, die dieses körperliche <lb/>
             Opfer gebracht hatten. Der Beginn ist natürlicher Weise durch ein starkes Hungergefühl <lb/>
             gekennzeichnet, das in den Stunden der Mahlzeiten sich verschärft. Die Nächte bringen <lb/>
             Alpdrücken: der Leidende sieht riesige Gerichte, die er nicht essen kann. Es ist eine <lb/>
             Halluzination von Esswaren, das Vorbeiziehen von Gerichten, das Tag und Nacht den <lb/>
             Kopf schwindlig macht. Während dieser ersten Zeit muß der Wille das äußerste an <lb/>
             Anspannung hergeben. Am vierten Tage tritt eine schauderhafte Schwäche ein, die <lb/>
             keinen Wunsch aufkommen läßt. Man muß liegen bleiben. Dann hat man kein Bedürf- <lb/>
             nis, keinen Wunsch mehr und findet vom sechsten oder siebenten Tage an keinen Schlaf <lb/>
             mehr. Einer der Hungerstreikenden hat seit dem zwölften Tage eine körperliche Läh- <lb/>
             mung empfunden, bei der er die volle geistige Klarheit behielt. Nach vier Tagen verfiel <lb/>
             er in vollkommene Schwäche und Vertiertheit: „Ich konnte nicht mehr lesen und schrei- <lb/>
             ben.“ Nichts blieb ihm als das Bewußtsein des Kampfes, ein tauber und stumpfer Wille. <lb/>
             Gegen den achten Tag begannen Ohnmachten und Delirien, die bis zum vierzehn- <lb/>
             ten dauerten. Dieser Mensch hatte in den ersten acht Tagen getrunken, dann aber auf- <lb/>
             gehört zu trinken. Sehr bald hatte er nicht mal mehr das Verlangen zu trinken. Alle <lb/>
             Bewegungsfähigkeit war vernichtet: Er blieb gleichgültig, als man ihm ankündigte, daß <lb/>
             sein Bruder, zum Zweck von dessen Befreiung er den Hungerstreik unternommen hatte, <lb/>
             freigelassen worden war.</p>
          <p>
            <lb/>
             Nach Beendigung des Hungerstreiks ist die Rückkehr zum normalen Zustand schwer <lb/>
             und schmerzhaft. Der lebende Leichnam „ißt ohne Geschmack“, wiewohl er große Lust <lb/>
             zu essen hat. Er erduldet unerträgliche Magenschmerzen, eine Art dauernder Magen- <lb/>
             verstimmung. „Man fühlt sich mehr leidend als während des Hungerstreiks“, und wäh- <lb/>
             rend längerer Zeit. Noch mehrere Jahre danach leidet man trotz ärztlicher Behandlung <lb/>
             noch unter der grausamen künstlichen Krankheit, die man seinem Körper angetan hat. </p>
        </note> In jenem rumänischen <lb/>
         Gefängnis von Jilawa, wo Gefangene so furchtbar geprügelt wurden, <lb/>
         daß ihr Blut die Kleider durchdrang, ergab sich aus einer Statistik im <lb/>
         Monat Mai 1925, daß 70 Gefangene insgesamt 1840 Hungerstreiktage <lb/>
         ausgehalten hatten.**)<note place="foot">
          <lb/>
           **) Infolge schlechter Behandlung begaben sich 85 in Cluj eingekerkerte rumänische <lb/>
           politische Gefangene seit dem 8. März 1926 in den Hungerstreik. Zwei von den Strei- <lb/>
           kenden, ALEXANDER BALIND und ION SLUBOR, haben sich die Pulsadern ge- <lb/>
           öffnet. (April 1926.) </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich bewahre wie einen Wertgegenstand ein armes kleines Stückchen <lb/>
         Papier auf: einen Brief, den rumänische politische Gefangene, die, ich
        <pb facs="#f0064" n="62"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         weiß nicht wie, von meiner Durchreise Kenntnis erhalten hatten, mir zu- <lb/>
         kommen lassen konnten. Die Behandlung, welche diese Menschen er- <lb/>
         dulden, macht alle Einbildungskraft zuschanden, und dabei sind sie nur <lb/>
         wegen ihrer als verbrecherisch betrachteten Ansichten angeschuldigt, <lb/>
         ja es genügt, wie ich schon gesagt habe, daß sie im Verdacht stehen, <lb/>
         mit den Gegnern der Regierung zu „sympathisieren“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich gebe einige Zeilen dieses herzzerreißenden Appells wieder: „Die <lb/>
         ‚Tabaksbehandlung‘ bis aufs Blut mit Hilfe von Knotenstöcken und <lb/>
         Ochsenziemern, das Ausreissen der Haare, das Schlagen des Kopfes <lb/>
         gegen die Mauer, das Treten mit Füßen bis zur Bewußtlosigkeit, alle <lb/>
         diese Dinge, von denen Sie gelesen haben, sind nichts verglichen mit dem, <lb/>
         was wir im Sicherheitspolizeigewahrsam von... (ich unterdrücke den <lb/>
         Namen) gelitten haben. Wir waren so gefesselt, daß die Knie das Kinn <lb/>
         berührten, daß die Arme um die Knöchel gekreuzt waren, und geknebelt, <lb/>
         indem die Henker ihre Fußsohle auf unsere Kehle hielten, um uns <lb/>
         am Schreien zu hindern. Das dauerte Stunden und ganze Tage, man <lb/>
         benetzte uns mit Wasser, wenn wir in Ohnmacht fielen, um uns, wenn <lb/>
         wirwieder zuuns kamen, aufs Neue bis zur vollständigen Erschöpfung zu <lb/>
         foltern. Männer, die in Gegenwart ihrer Frauen, Eltern, die in Gegen- <lb/>
         wart ihrer Kinder gemartert wurden, zeigte man die einen den andern <lb/>
         als warnendes Beispiel. Einige von uns lagen neben der Marterkammer, <lb/>
         sodaß wir das Geräusch der Schläge, die Schreie und das Röcheln hören <lb/>
         mußten.“*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Als ich diese Studie beendete, erhielt ich direkt Nachricht von den hundert Ge- <lb/>
             fangenen, die PASCHITSCH in Belgrad am 21. Januar 1926 hatte festnehmen lassen, <lb/>
             um den Kongreß der unabhängigen Syndikate, der am 25. Januar abgehalten werden <lb/>
             sollte, zum Scheitern zu bringen, und auch, um die amerikanischen Kapitalisten, mit <lb/>
             denen über die Schuldenfrage und wegen einer neuen Anleihe verhandelt wurde, <lb/>
             günstig zu beeinflussen. Ich hatte in Belgrad die Bekanntschaft einiger vollkommen <lb/>
             anständiger und ehrenwerter Männer gemacht, die damals in die serbischen Kerker <lb/>
             geworfen worden waren. Der Professor und ehemalige Abgeordnete SIMAR MARKO- <lb/>
             WITSCH, der Journalist und ehemalige Abgeordnete NOWAKOWITSCH, der Pro- <lb/>
             fessor DJORDGEWITSCH, LAZAR STEFANOWITSCH und KALJEWITSCH sind <lb/>
             mit Dieben und Mördern zusammen, ohne Decken, ohne Heizung, ohne irgend welche <lb/>
             hygienische Vorrichtung auf der blossen Erde eingekerkert worden. Einer der Ge- <lb/>
             fangenen hat mir von der Behandlung erzählt, die seine Mitgefangenen zu erleiden <lb/>
             hatten. NOWAKOWITSCH ist fürchterlich geschlagen worden. KALJEWITSCH <lb/>
             war „in einem entsetzenerregenden Zustand“. „Während ich mit ihm zusammen war, <lb/>
             ist er stets an derselben Stelle geblieben, weil er sich nicht rühren konnte. Sein <lb/>
             ganzer Rücken ist von einer einzigen schwarzen Schwäre bedeckt. Seitdem spuckt <lb/>
             er. Blut.“ Anderen hat man Nägel und Zähne ausgerissen, um sie zu zwingen, das <lb/>
             „Komplott“ zu gestehen, nachdem die Regierung vorher das Gerücht davon in Um- <lb/>
             lauf gebracht hatte, das sie aber hinterher mit Rücksicht auf die heftigen aus dem <lb/>
             Westen kommenden Proteste wieder abgeleugnet hat. „Mehreren von unseren Kameraden <lb/>
             sind Arme und Beine gebrochen worden.“ „Was den Generalsekretär der Metallar- <lb/>
             beiter, MILUTINOWITSCH, betrifft, so fürchten wir, daß er das Gefängnis nicht <lb/>
             lebend verlassen wird. Er ist krank, und es wird nicht gestattet, daß ihn ein Arzt <lb/>
             untersucht. Ein anderer Kämpfer ist unter den Stockschlägen verendet, der Bewoh- <lb/>
             ner der Zelle Nr. 5 in dem Glawniatscha-Gefängnis. </p>
          <p>
            <lb/>
             Ein junger serbischer Schriftsteller, den man verhaftet hat, weil man bei ihm das <lb/>
             Manuskript einer Übersetzung gefunden hat, die er von meinem Buch „Les Enchaine- <lb/>
             ments“ (Die ewigen Ketten) gemacht hatte, ist gefangen gesetzt worden, und seine <lb/>
             Übersetzung ist vernichtet worden unter dem formellen Verbot der Wiederaufnahme <lb/>
             dieser literarischen Aufgabe, die als ein Attentat auf die Sicherheit des Staates be- <lb/>
             trachtet wurde. </p>
          <p>
            <lb/>
             Danach hat KALJEWITSCH im „Nowosti“ genaue Schilderungen des Verfahrens ge- <lb/>
             geben, das seine Henker, die Polizeibeamten SOKOLOWITSCH und RASCHITSCH, <lb/>
             angewendet haben. Am Tage seiner Verhaftung, am 21. Januar 1926 um Mitternacht, <lb/>
             schleppten sie ihn in einen dunklen Raum, knebelten ihn, entkleideten ihn, schlugen ihn <lb/>
             mit Gummiknüppeln und traten ihn mit Füßen. Darüber besitzt er ein ärztliches Zeug- <lb/>
             nis. Er fügt hinzu, daß in dem Glawniatscha-Gefängnis in einer Zelle von 30 cbm Raum <lb/>
             40 Menschen eingesperrt waren, und in einer anderen, ein wenig größeren 150. „Wir <lb/>
             wurden alle geprügelt. Einem von uns hat man Nadeln unter die Nägel gestochen.“ </p>
          <p>
            <lb/>
             In Belgrad wurde MILIWOI SOYANTSCHEWITSCH derart geprügelt, daß die Po- <lb/>
             lizei ihn zunächst mit zehn Tagen, dann mit vierzehn Tagen Gefängnis bestrafen mußte, <lb/>
             damit seine Verletzungen weniger erkennbar waren. Die Braut eines Gefangenen, die <lb/>
             man als Zeugin geladen hatte, wurde roh geprügelt, und ihr wurden die Haare ausge- <lb/>
             rissen. In der Grube, in der die politischen Gefangenen zusammengepfercht waren, <lb/>
             herrschte eine Hitze, daß sie erstickten. Eines Nachts verloren zwei Menschen das Be- <lb/>
             wußtsein, „einer von ihnen begann Blut zu spucken, und das Blut floss ihm auch aus <lb/>
             der Nase“, u.s.w..... („Jutarnis List“ in Agram vom 21. Februar 1926.) </p>
          <p>
            <lb/>
             In derselben Zeit wie in Belgrad fanden Verhaftungen, Durchsuchungen und Ver- <lb/>
             nichtungen von Urkunden zu Weles in Südjugoslawien (Mazedonien) statt. Der ehemalige <lb/>
             Abgeordnete KOSTA NOWAKOWITSCH, der verhaftet und furchtbar mißhandelt wor- <lb/>
             den war, wurde, nachdem man ihn für tot auf dem Pflaster des Gefängnisses hatte <lb/>
             liegen lassen, vom Gericht freigesprochen. Am Tage seiner Freisprechung hat ihn die <lb/>
             Polizei aufs Neue verhaftet. Da es mit dem klassischen Mittel des „Komplotts“ nicht ge- <lb/>
             glückt war, — das noch dazu in den Augen der Regierung den Vorteil hat, die im Gang <lb/>
             befindlichen Verhandlungen zur Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen <lb/>
             mit Rußland zu behindern, — haben die Gewalthaber mehrere der verhafteten Kämp- <lb/>
             fer wegen „Landstreicherei“ und „Arbeitslosigkeit“ verurteilen lassen. </p>
        </note>
      </p>
      <pb facs="#f0065" n="63"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Protokollarische Feststellungen als <lb/>
         Mittel zum Zweck. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt sehr viele Arten, sich endgültig der Gegner und Widersacher <lb/>
         zu entledigen, selbst in Rumänien, wo es die Todesstrafe nicht gibt — <lb/>
         eine Feststellung, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen in der Tat <lb/>
         wie eine traurige Ironie erscheint —, und in Bulgarien, wo der König <lb/>
         BORIS darauf besteht, die wegen politischer Vergehen ‘erlassenen To- <lb/>
         desurteile nicht zu unterzeichnen. Eines der zu dem gedachten Zweck <lb/>
         gebräuchlichen Mittel ist es, einen Fluchtversuch seitens derer, deren <lb/>
         man sich entledigen will, vorzuspiegeln. Man ist durch das Gesetz er- <lb/>
         mächtigt, die Gefangenen, die zu fliehen versuchen, zu töten. </p>
      <pb facs="#f0066" n="64"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Diese traurige Inszenesetzung hat man auch im Falle STAMBOLIJSKIs <lb/>
         vorgenommen. Ein bewaffneter Haufe unter der Führung des Kapitäns <lb/>
         HARLAKOFF, zu dem ein anderer aus Mazedoniern bestehender Trupp <lb/>
         stieß, bemächtigte sich seiner und führte ihn fort. Man machte auf einem <lb/>
         Felde Halt, und dort zwang man ihn, sich sein Grab zu graben, dann <lb/>
         verstümmelte man ihn und schnitt mit Messern Stücke aus seinem Fleisch. <lb/>
         Man schnitt ihm Nase und Hände ab, man riß ihm die Augen aus und <lb/>
         riß dem bäurischen Hünen, ehe man ihn tötete, die Haut vom leben- <lb/>
         digen Leibe. Der Kapitän HARLAKOFF nahm das bei solchen Gelegen- <lb/>
         heiten übliche Protokoll auf, aus dem sich ergab, daß STAMBOLIJSKI <lb/>
         getötet worden war, „als er einen Fluchtversuch unternahm“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Hier der typische Fall auf rumänischer Seite: </p>
      <p>
        <lb/>
         In der Stadt Plakhtoffko wurden 13 Bauern verhaftet. Man hatte sie <lb/>
         im Verdacht, an dem Aufstand von Tatar-Bunar beteiligt gewesen zu <lb/>
         sein. Man führte sie aufs freie Feld, wo ein „Fluchtversuch“ veranstaltet <lb/>
         wurde, d. h.: man befahl ihnen zu fliehen, man verfolgte sie und er- <lb/>
         schoß sie von hinten. Da die Gendarmen des Todes der Leute nicht <lb/>
         ganz sicher waren, ließen sie den Krankenpfleger PIERPEDARU kommen, <lb/>
         um festzustellen, ob sie noch lebten. Zwei von ihnen atmeten noch. Man <lb/>
         erledigte sie. Darauf erschossen die Gendarmen den Krankenpfleger, <lb/>
         um sich des Zeugen zu entledigen. </p>
      <p>
        <lb/>
         LEONTE FILIPESCU, der fieberkrank war, wurde kurzer Hand wegen <lb/>
         Fluchtversuchs von dem Adjutanten BRATU erschossen. Ein Zeuge, zu <lb/>
         dem ich Beziehungen hatte, hat gesehen, wie BRATU aus zwei Metern <lb/>
         Entfernung schoss. </p>
      <p>
        <lb/>
         „Hunderte von unschuldigen Menschen wurden während des Trans- <lb/>
         ports erschossen“, hat der Abgeordnete Pope DUMBRAWA in der <lb/>
         rumänischen Kammer gesagt. „Große Mengen von Märtyrern hat man, <lb/>
         Ellenbogen an Ellenbogen gebunden, mit zerschmetterten Händen <lb/>
         und Füßen gefunden.“ Man kann sich also in einem derartigen Fall <lb/>
         nicht auf den „Fluchtversuch“ berufen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In wie vielen Fällen hat diese traurige protokollarische Feststellung des <lb/>
         Fluchtversuchs feige Morde sanktioniert! Die Sache ist sogar sprichwört- <lb/>
         lich geworden: Man pflegt zu sagen, jemanden „protokollarisch erledigen“, <lb/>
         oder auch „das beßarabische System“ — und alle Welt versteht.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Man hat anläßlich der letzten rumänischen Wahlen Leute, die sich anschickten, <lb/>
             dabei eine Rolle zu spielen, ihre Vorsichtsmaßregeln treffen gesehen, indem sie <lb/>
             öffentlich bekannt machten, daß sie im Fall einer Verhaftung nicht zu fliehen ver- <lb/>
             suchen würden. („Aurora“ vom 18. Februar 1926.) </p>
        </note>
      </p>
      <pb facs="#f0067" n="65"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die Verschwundenen! </p>
      <p>
        <lb/>
         Man hat Tote gesehen, die haufenweise in den Dörfern und auf den <lb/>
         Feldern lagen, die im Wasser schwammen, die im Freien faulten oder <lb/>
         an Bäumen aufgehängt oder mitsamt dem Gerüst ihrer Hütten verkohlt <lb/>
         waren oder einzeln oder in Reihen in den Straßen der Städte herum- <lb/>
         lagen. Es gibt auch die „Verschwundenen“, d. h. die Toten, die man <lb/>
         lange Zeit wiederzusehen gehofft hat. „Hunderte von Frauen“, sagt <lb/>
         KOSTURKOFF, der Führer der bulgarischen radikalen Partei, „sind zu <lb/>
         mir gekommen, um über das Verschwinden ihrer Männer zu klagen. <lb/>
         Diese waren verhaftet worden, und darauf waren sie verschwunden.“ <lb/>
         Wir, die wir ein so kurzes Gedächtnis haben, wir rufen uns dennoch die <lb/>
         erschütternde Tragödie ins Gedächtnis, die während des Krieges an so <lb/>
         vielen Herden das „Verschwinden“ eines teuren Wesens verursacht hat. <lb/>
         Man war ohne Nachrichten. Vielleicht lebte er noch irgend wo. Da gab <lb/>
         es ein gemischtes Gefühl von Angst und Hoffnung. Dann aber auf die <lb/>
         Länge der Zeit mußte das schwache Licht wohl erlöschen. An dieser <lb/>
         langen, langsam schleichenden herzzerreißenden Qual leiden dort unten <lb/>
         unzählige Familien.*) <note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Frau KARIMA, die Gründerin der Union der bulgarischen Frauen, hat mich <lb/>
             brieflich gebeten, bei den Leitern der bulgarischen Liga der Menschenrechte einen <lb/>
             Schritt zu tun, um die Namen der Verschwundenen zu erhalten. Zahlreiche Petitionen <lb/>
             desselben Sinnes gehen augenblicklich an die Behörden, die darauf keine Antwort <lb/>
             geben. </p>
          <p>
            <lb/>
             Seit der teilweisen Änderung im bulgarischen Ministerium hat sich eine Gruppe <lb/>
             von Frauen und Müttern Verschwundener wiederholt beim Ministerpräsidenten ein- <lb/>
             gefunden, ist aber stets hinauskomplimentiert worden. „Empört über eine solche Be- <lb/>
             handlung,‘ schreiben sie, „erheben wir Protest und erklären, daß die Regierung die <lb/>
             Pflicht hat, uns über das Schicksal unserer Männer und Söhne Auskunft zu erteilen. <lb/>
             ... Wir werden weiter protestieren! Wir werden an die Türe schlagen, bis sie sich <lb/>
             öffnet!“ </p>
        </note> Ich habe darunter solche gesehen, die sich an das <lb/>
         Unwahrscheinliche klammern. Ich habe in Sofia eine junge Frau getrof- <lb/>
         fen, die leidenschaftlich an dem Glauben festhielt, daß ihr seit Monaten <lb/>
         abwesender Mann wieder nach Hause kommen würde. Und dabei weiß <lb/>
         alle Welt, daß der verstümmelte Leichnam dieses Mannes auf irgend <lb/>
         einem Schindanger verwest, aber niemand wagt es der Frau zu sagen. <lb/>
         Übrigens würde sie es auch nicht glauben. Die fixe Idee, daß ihr Ge- <lb/>
         fährte noch lebt, hat ihren Verstand verwirrt; in der vollen Sicherheit <lb/>
         ihres Glaubens lacht und scherzt sie über die Abwesenheit ihres Mannes. </p>
      <pb facs="#f0068" n="66"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die Verwandten sind verantwortlich. </p>
      <p>
        <lb/>
         In den Balkanländern werden die Verwandten der Verfolgten als für <lb/>
         sie verantwortlich betrachtet. Letzthin sind 26 Personen verhaftet wor- <lb/>
         den, deren Vergehen darin bestand, einer Familie von Mitgliedern der <lb/>
         bulgarischen Bauernliga anzugehören, die sich ins Ausland geflüchtet <lb/>
         hatten. Man geht sehr weit, so weit wie möglich, mit dieser unbilligen <lb/>
         Theorie der prinzipiellen Mitschuld der Verwandten. Im übrigen sind <lb/>
         so und so viele Anwälte verurteilt und ‚hingerichtet worden, weil sie <lb/>
         Leute verteidigt haben, die als umstürzlerisch angesehen worden waren, *) <note
          place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Ich habe von TODOR STRASCHIMIROFF gesprochen, der ermordet worden ist, <lb/>
             weil er die Verteidigung von der Behörde verhassten Angeklagten übernommen hatte. <lb/>
             Ich erwähne einige notorische Fälle: Bei PALEFF in Burgas, bei KLOBAROFF in <lb/>
             Plewna, bei DUMANOFF und TATARDIEFF in Plewen wurden Bomben geworfen. <lb/>
             TANEW wurde gefoltert, der Vermieter eines seiner Kollegen wurde ins Wasser <lb/>
             geworfen. In Plewen wurden Anwälte verhaftet, weil sie die Verteidigung gewisser <lb/>
             Angeschuldigter übernommen hatten u. s. w.. Derartige Gewalttaten sind sozusagen <lb/>
             das Alltägliche. Die letzte, von der wir erfahren haben, ist, daß am 10. Februar 1926 <lb/>
             gegen ein Fenster im Hause des Anwalts der in Sewliewo abgeurteilten „Verschwörer“ <lb/>
             eine Bombe geworfen worden ist. </p></note>
        <lb/>
         so und so viel Ärzte, weil sie solche Leute behandelt hatten! Verges- <lb/>
         sen wir auch nicht, daß es nach dem von den augenblicklichen Gewalt- <lb/>
         habern erfundenen neuen Strafgesetzbuch ein Verbrechen ist, wenn man <lb/>
         seine Angehörigen nicht anzeigt. Ein Artikel dieses Gesetzes zur Sicher- <lb/>
         heit des Staates, das einstimmig, mit alleiniger Ausnahme der Stimme <lb/>
         KOSTURKOFFs, von der Sobranje beschlossen worden ist, bestimmt: <lb/>
         „Straffrei bleiben die, welche den Behörden Anzeige erstatten.“ </p>
      <pb facs="#f0069" n="[67]"/>
      <p>
        <lb/>
         V. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Regierenden gegen die Völker. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist, besonders in Bulgarien, unbedingt verboten, auf irgend eine <lb/>
         Weise den Eltern oder Kindern der von Soldaten, Richtern oder Poli- <lb/>
         zisten Hingeopferten beizustehen. Die Hilfe, die man Kindern der <lb/>
         Opfer leistet, wird als „Hehlerei“ betrachtet, ähnlich dem Verbrechen, <lb/>
         dessen sich die schuldig machen, welche Verschwörer der behördlichen <lb/>
         Verfolgung zu entziehen suchen. Wir haben uns genötigt gesehen, zu <lb/>
         außerordentlich komplizierten indirekten Methoden unsere Zuflucht zu <lb/>
         nehmen, um im Verlauf unserer Reise einige uns zu diesem Zweck von <lb/>
         der Internationale der Arbeiter-Intellektuellen und von der Internationale <lb/>
         der früheren Kriegsteilnehmer anvertraute Geldhilfen an ihre Bestim- <lb/>
         mung abzuführen. Keine Organisation hat es gewagt, sich an dieser <lb/>
         Handlung einfacher menschlicher Solidarität zu beteiligen, aus Furcht <lb/>
         vor Maßregelungen. Die Amerikaner haben nach Wien eine Summe von <lb/>
         9000 Dollars gesendet als Ergebnis einer Sammlung, die den dringend- <lb/>
         sten Bedürfnissen der infolge der Ermordung ihrer natürlichen Ver- <lb/>
         sorger ins Elend gestürzten bulgarischen Familien abhelfen sollte. Es <lb/>
         ist bis jetzt nicht möglich gewesen, diese Summe denen, für die sie be- <lb/>
         stimmt war, zukommen zu lassen. Wollte man sie den amtlichen Stellen <lb/>
         übergeben, so kann man sicher sein, daß sie ihrer Bestimmung entfremdet <lb/>
         werden würde. ZANKOFF hat in bezug auf die Versuche zu helfen, die <lb/>
         formellsten und zynischsten Erklärungen vor dem terrorisierten Parlament <lb/>
         abgegeben. Die von der englischen Frauendelegation gesendeten Hilfen <lb/>
         wurden konfisziert. Die tschechische Abordnung, die gekommen war, <lb/>
         um den verlassenen Familien zu helfen, wurde ausgewiesen. Den in der- <lb/>
         selben Absicht gekommenen Wiener und Baseler Abordnungen wurde <lb/>
         das Einreise-Visum verweigert. Nach dem einwandfreien Zeugnis des <lb/>
         Generals BURNHAM haben es die serbischen Behörden in Montenegro <lb/>
         ebenso gemacht. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gegen die Frauen und Kinder. </p>
      <p>
        <lb/>
         Kommen wir auf die Metzeleien zurück. Weder Geschlecht noch Alter <lb/>
         wird geschont. In Deutschland ist eine Broschüre erschienen, die be-
        <pb facs="#f0070" n="68"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         sonders dem Schicksal gewidmet ist, das die Frauen und die Kinder in <lb/>
         dieser großen Passion der Balkanvölker erdulden. Aus der Menge der <lb/>
         Tatsachen hebe ich folgende auf Grund einer Information aus Bulgarien <lb/>
         hervor: „In dem Dorf Alexandrowo im Kreise Swischtow fand man eine <lb/>
         ganze Familie, Vater, Mutter, Großvater, Tochter, Schwager und vier <lb/>
         Kinder im Alter von vier bis zu zwölf Jahren erwürgt und verstümmelt. <lb/>
         Die Liste der ähnlich liegenden Fälle würde lang sein. Zwei Jahre lang, <lb/>
         Tag für Tag, nach der Ergreifung der Macht durch ZANKOFF, wurde die <lb/>
         Erzieherin ANNA MEIMUNKOWA auf den Kirchhof von Sofia geschleppt <lb/>
         und dann schließlich enthauptet, nachdem man sie vergewaltigt hatte. Sie <lb/>
         war zwanzig Tage lang nach ihrer Festnahme derart geschlagen worden, <lb/>
         daß ihre Freundinnen sie im Gefängnis nicht wiedererkannt hatten. An- <lb/>
         dere Frauen wurden mit Säbelhieben zerfetzt (ANKA DIMITROWA, <lb/>
         eine Frau von sechzig Jahren, die sich geweigert hatte, das Versteck <lb/>
         ihres Sohnes zu verraten), andere wurden gehängt, wieder andere unter <lb/>
         unsagbar raffinierten Foltern langsam getötet. Fräulein TZOLA DRA- <lb/>
         GOJTSCHEWA war vor langer Zeit zum Tode verurteilt worden. Aber <lb/>
         nachdem sie von den Polizeibeamten vergewaltigt worden war, ist sie <lb/>
         schwanger geworden, und man erwartete ihre Entbindung, um sie dann <lb/>
         hinzurichten. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Rumänien sind ROSA ELBERT, eine siebzehnjährige Studentin, und <lb/>
         TUBA MERSKAJA, ein achtzehnjähriges Mädchen, gezwungen worden, <lb/>
         sich zu entkleiden und dann vor einer Abteilung Polizeibeamter und <lb/>
         einer Kompanie Soldaten geprügelt worden. Die Erzieherin MARGA- <lb/>
         RETE ROTHE wurde zugleich mit ihrer Mutter und zwei Kindern ver- <lb/>
         haftet. Die Mutter wurde in Gegenwart ihrer Tochter geprügelt; frei- <lb/>
         gelassen hat sich die alte Frau erhängt; die in der Gefangenschaftzurück- <lb/>
         gehaltene Tochter durfte zur Beerdigung gehen; auf dem Rückweg fiel <lb/>
         sie in Ohnmacht und wurde von den Polizeibeamten vergewaltigt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man fand eines Tages in der Umgebung Sofias den verstümmelten <lb/>
         Leichnam einer siebzehnjährigen Studentin aus dem Bezirk Tatar-Pa- <lb/>
         zardjik; auf ihr war ein Zettel befestigt mit der Aufschrift: „Vaterlands- <lb/>
         verräterin. Wer vorbeigeht, speie sie an und gehe weiter!“ Die Frau <lb/>
         des Kapitäns KROTNEFF wurde im Bett, mit ihrem Kind an der Brust, <lb/>
         erschlagen, und am Morgen des nächsten Tages fand man ihren Leich- <lb/>
         nam auf der Straße. Grund: Ihr Mann sympathisierte mit der Bauern- <lb/>
         organisation. Ganz nahe bei der Eisenbahnstation Belowo, wo im Sep- <lb/>
         tember 1923 sechsundzwanzig Menschen ermordet worden waren, fand <lb/>
         man einen Mann und eine Frau und ein sechsjähriges Kind zerfetzt. „Der
        <pb facs="#f0071" n="69"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Anblick, der sich den Vorübergehenden bot, war so entsetzlich, daß <lb/>
         mehrere Personen in Ohnmacht fielen.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Der vierzehnjährige Sohn des BORIMSCHTKOFF aus Sofia wurde <lb/>
         verhaftet und gefoltert, um von ihm Enthüllungen über seinen Vater zu <lb/>
         erpressen, der in den September-Unruhen getötet worden war. Da er <lb/>
         nichts sagte, schlug man ihn tot. Die Arbeiterin DIMITROWA, die Frau <lb/>
         eines Ausgewanderten, wurde nach dem 16. April verhaftet. Ihre beiden <lb/>
         Kinder von 12 und 8 Jahren, denen niemand Hilfe zu bringen wagte, <lb/>
         starben Hungers, und sie wurde geisteskrank. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man muß all diese Aufzählungen unterbrechen, all diese Listen ver- <lb/>
         kürzen, viele, die ausgedehnte Mord-Organisation betreffende Tatsachen <lb/>
         gewissermaßen in der Versenkung verschwinden lassen, um nicht ein- <lb/>
         fach mit Namen und mit einer Übersicht der Tatsachen alle Blätter eines <lb/>
         Buches zu füllen. Dennoch muß noch gesagt werden, mit welcher plan- <lb/>
         mäßigen und unerbittlichen Gewalttätigkeit diereaktionären Monomanen, <lb/>
         die dort unten über Leben und Tod bestimmen, gegen die Jugend wüten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gegen die Jugend. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die kommunistischen bulgarischen Jugendbünde, die bis vor kurzem <lb/>
         eine ausgedehnte und blühende Vereinigung bildeten, hat man außer- <lb/>
         halb des Gesetzes gestellt, und man!versucht, diejenigen, welche sich daran <lb/>
         beteiligt hatten, einzeln verschwinden zu lassen. Schon haben sich große <lb/>
         Lücken gezeigt. Die früheren Mitglieder der Jugendbünde sind verfolgt, <lb/>
         eingekerkert und ermordet worden, und häufig hat man auch ihre Ver- <lb/>
         wandten ermordet. Die Mitglieder einiger Jugendbünde sind sämtlich <lb/>
         getötet worden. Das war besonders der Fall in Bulgarien zu Dona- <lb/>
         Bania, zu Warschets, zu Loposchna, zu Orkanie. </p>
      <p>
        <lb/>
         Viele Lyzeums- und andere Schüler sind aus den Lyzeen und Schulen <lb/>
         ausgestoßen worden. Hunderte von Studenten in Sofia sind eingeker- <lb/>
         kert worden. In Berkowitza und in Sofia hat der Staatsanwalt die To- <lb/>
         desstrafe gegen sechzehnjährige Schüler und Schülerinnen beantragt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Alle Organisationen, die sich nicht vollständig in die Hand der Regie- <lb/>
         rung geben, selbst die Sportvereine, werden aufgelöst. Vor kurzem hat <lb/>
         die Polizei junge Leute, die Fußball spielten, ergriffen und ins Gefäng- <lb/>
         nis geführt. Sie werden wegen Errichtung eines umstürzlerischen Vereins <lb/>
         vor das Kriegsgericht gestellt werden, in diesem Bulgarien, wo es von <lb/>
         Boy-scouts und von patriotischen Vereinen wimmelt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Schulinspektor PENTSCHEW teilt in einer, von der deutschen Liga <lb/>
         für Menschenrechte herausgegebenen Broschüre mit, daß sein Sohn,
        <pb facs="#f0072" n="70"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         ein Schüler der dritten Klasse der Vorschule, ihm erzählt hat, daß <lb/>
         man in der Schule „mit Vorliebe Kommunist spielt“. Einer spielt den <lb/>
         gehängten Kommunisten FRIEDMANN, ein anderer den zum Tode verur- <lb/>
         teilten Kommunisten PETER ABADJIEFF, ein dritter den Bauernführer <lb/>
         und Abgeordneten PETRINI, der ermordet und verbrannt wurde, und <lb/>
         gegen den man dann das Todesurteil gefällt hat, nachdem er bereits tot <lb/>
         war; ein vierter Schüler spielt den ermordeten. Kommunisten DRIENKOFF. <lb/>
         Die übrigen Schüler stellen die Polizei dar, welche die ersterwähnten <lb/>
         verfolgen, festnehmen und hinrichten soll. Einmal, als die Kinder eine <lb/>
         öffentliche Hinrichtung spielten, wurde das den FRIEDMANN spielende <lb/>
         Kind wirklich erhängt und starb. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gegen die Lehrer und die Intellektuellen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein besonderes Kapitel in der ‘Geschichte des reaktionären Vorge- <lb/>
         hens der -Balkanregierungen ist das des ausgezeichneten Einverständ- <lb/>
         nisses derselben unter einander. Rumänien liefert an Bulgarien die bul- <lb/>
         garischen Flüchtlinge aus. Es verschlägt nichts, daß sich TATARESKU in <lb/>
         meiner Gegenwart mit Unwillen über „den Blutstrom, der in Bulgarien <lb/>
         fließt“, geäußert hat. Man kann diesen seinen Unwillen mit dem des jugo- <lb/>
         slawischen Ministerpräsidenten PASCHITSCH vergleichen, der letzthin <lb/>
         geäußert hat: „In meinem Lande gibt es weder einen Staatsstreich noch <lb/>
         auch Hinrichtungen wie in Bulgarien, in Griechenland, in Albanien und <lb/>
         in Rumänien!“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Sollen wir von den Lehrern und Erziehern sprechen, die man als „Bri- <lb/>
         ganten“ bezeichnet, und auf die Treibjagden unternommen werden? <lb/>
         Abgesetzte Lehrer gibt es im Überfluß und in erstaunlicher Menge in <lb/>
         Sofia, in Bukarest, in Belgrad und in Budapest. Neuerdings (1925) warf <lb/>
         „eine Schulreform“ des Ministers des öffentlichen Unterrichts, ZANKOFF, <lb/>
         820 Vorschullehrer sowie 2958 Erzieher und Lehrer an den Mittelschulen <lb/>
         und an den höheren Schulen aufs Pflaster. In Bulgarien sind vier Gym- <lb/>
         nasien, sieben pädagogische Unterrichtsinstitute und von je vier Mittel- <lb/>
         schulen zwei geschlossen worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es gab eine (sozialistische) Vereinigung bulgarischer Lehrer, die 3500. <lb/>
         Mitglieder hatte. Sie besteht nicht mehr. Mit Messerstichen und Schwert- <lb/>
         hieben ist in ihren Reihen unerhört gewütet worden, und die Leiter der <lb/>
         Vereinigung, beginnend mit ihrem Sekretär LAMI KANDEW, sind einer <lb/>
         nach dem andern hingemordet worden. Der Lehrer GEORG MALINOFF <lb/>
         wurde zu Slamowits in Stücke gehauen. Dem Gründer des Lehrersyn-
        <pb facs="#f0073" n="71"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         dikats, WALTSCHO IWANOFF, riß man die Nägel aus und zerschlug ihm <lb/>
         die Brust, während sein Körper von einem mit voller Geschwindigkeit <lb/>
         durch die Straßen von Sofia rasenden Automobil herabgeschleudert <lb/>
         wurde. Glücklich die, welche durch Selbstmord dem Sadismus der Ker- <lb/>
         kermeister entgehen konnten, wie jener edle ANASTAS GENTSCHEFF, <lb/>
         dem es, als es mit seiner Widerstandskraft zu Ende ging, gelang, sich <lb/>
         in dem Gefängnis von Starazagora mit einer Gabel das Leben zu <lb/>
         nehmen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gegen das freie Wort. </p>
      <p>
        <lb/>
         Pressefreiheit gibt es ebenso wenig wie Vereinsfreiheit unter „der Re- <lb/>
         gierung der Professoren und der Generäle“. In unserem Nachbarlande, <lb/>
         hat TATARESKU gesagt, indem er sich an das rumänische Parlament <lb/>
         wendete, hat jeder Polizist das Recht, eine Zeitung zu beschlagnahmen, <lb/>
         die gegen die bestehende Ordnung schreibt. Die Sendung bulgarischer <lb/>
         Zeitungen ins Ausland ist verboten, aus Furcht vor einer Mitteilung, <lb/>
         die der Zensur entschlüpft sein könnte. „Die offiziellen bulgarischen <lb/>
         Nachrichten entbehren jeder Spur von Wahrhaftigkeit“, hat eine wohl- <lb/>
         unterrichtete ausländische Persönlichkeit festgestellt. Vor meinen Augen <lb/>
         liegt ein Verzeichnis von 36 hervorragenden bulgarischen Journalisten, <lb/>
         Chefredakteuren und Hauptmitarbeitern bei Tageszeitungen und Zeit- <lb/>
         schriften, die ohne eine Spur von Prozeß-Verfahren getötet worden sind. <lb/>
         Der Dichter GEO MILEW, der wegen eines Gedichtes verfolgt, aber <lb/>
         freigesprochen worden war, wurde darauf, nachdem man ihn in furcht- <lb/>
         barer Weise verstümmelt hatte, ermordet, weil er es gewagt hatte, der <lb/>
         Abordnung der englischen Labour Party als Dolmetsch zu dienen. <lb/>
         Der feste Vorsatz der Agenten ZANKOFFS ist: auf den Kopf zu schla- <lb/>
         gen. Im Verfolg dieses Regierungsprinzips sind die Intellektuellen dezi- <lb/>
         miert worden, hunderte von Lehrern, mehr als 40 Abgeordnete und <lb/>
         frühere Minister, Offiziere, Ingenieure, Ärzte und Priester. </p>
      <p>
        <lb/>
         Sobald ein Bauernblatt eine den Unterdrückungsplänen im Wege <lb/>
         stehende Erklärung veröffentlichte, die mit Bestimmtheit die Kollusion <lb/>
         zwischen Landleuten und Kommunisten dementierte, sind alle Exemplare <lb/>
         der diese Erklärung enthaltenden Nummern von der Polizei beschlag- <lb/>
         nahmt worden. Unter dem Titel „Die zerbrochene Feder“ ist eine Samm- <lb/>
         lung von Protesten gegen die Unterdrückung der Freiheit der Presse <lb/>
         erschienen. Eine hervorragende ethische Persönlichkeit in Sofia, der be- <lb/>
         deutende Schriftsteller ANTON STRASCHIMIROFF, welcher für die Sache <lb/>
         der unter der Herrschaft von WALKOFF Gemordeten große persönliche
        <pb facs="#f0074" n="72"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Opfer gebracht hat, verteidigt in jener Schrift beredt ein heiliges Recht. <lb/>
         Der Abgeordnete und bekannte Journalist PETKO PETKOFF hat für die <lb/>
         „Zerbrochene Feder“ eine halbe Stunde vor seiner Ermordung einen <lb/>
         Aufruf zu Gunsten der Pressefreiheit, „der Grundlage aller übrigen <lb/>
         Freiheiten“, geschrieben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein ungarischer Journalist, DESIDER ANDORCA, der über den Tod <lb/>
         zweier sozialistischer Redakteure in Nepszawa geschrieben hatte, welche <lb/>
         aus ihren Wohnungen heraus verhaftet und in der Donau ertränkt wor- <lb/>
         den waren, wurde nach dem Konzentrationslager von Zalaegerseg ge- <lb/>
         schickt, wo er 28Monate blieb. Augenblicklich wird er verfolgt, weil er <lb/>
         versucht hat, im Ausland ein die Gewalttaten und Verbrechen, denen er <lb/>
         beigewohnt hatte, schilderndes Buch zu veröffentlichen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Demgegenüber können die Bestechungsfeldzüge nicht abgeleugnet <lb/>
         werden, die bei den ausländischen Zeitungen mit Hilfe von Geldern <lb/>
         aus den Geheimfonds unternommen werden. Wir haben verschiedene <lb/>
         Beweise dafür in den Händen. Bei uns sind gewisse Pressebüros einge- <lb/>
         richtet, subventionierte und subventionierende, die weder Vertrauen <lb/>
         noch Achtung verdienen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn es dort unten wie überall vereinzelt unabhängige Schriftsteller <lb/>
         gibt — solche leben noch, sogar in Sofia —, so gibt es dort auch wie <lb/>
         überall literarische Vereine, die nicht blühen und die nur infolge ihrer <lb/>
         Gefälligkeit gegenüber der bestehenden Gewalt existieren, eine Ge- <lb/>
         fälligkeit, die man verschämt politische Neutralität nennt. Es muß her- <lb/>
         vorgehoben werden, daß eins der einflußreichen Mitglieder des Komi- <lb/>
         tees der rumänischen Schriftstellervereinigung — das ich nicht auf <lb/>
         Grund dieser Tatsache allein zu beurteilen mich getraue — der Chef <lb/>
         der Sicherheitsbehörde, ROMULUS VOINESKU, ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Und es fängt von neuem an... </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe mir Mühe gegeben, eine eilige Übersicht der organisierten <lb/>
         Verfolgung der Bevölkerung in einigen großen Balkanzentren zu geben, <lb/>
         indem ich nur einige typische Fälle und einige gemeinsame charakteristi- <lb/>
         sche Tatsachen unterstrichen habe. Ich muß hervorheben, daß diese <lb/>
         Dinge nicht nur der Vergangenheit angehören, und daß es sich um ein <lb/>
         politisches System handelt, das überall in der Fortentwicklung begriffen <lb/>
         ist. Nach den großen Affären, die von den Gerichten und von der Poli- <lb/>
         zei auf ihre Art erledigt worden sind, gibt es andere, die im Gange <lb/>
         sind, und andere, die im Entstehen sind. Als ich in Bulgarien war, ersah
        <pb facs="#f0075" n="73"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         ich aus den in Sofia erscheinenden französischen Zeitungen in einem <lb/>
         entsetzlichen Lakonismus gehaltene Mitteilungen über die Gerichtsver- <lb/>
         handlungen betreffend eine gewisse „Sofiotische Tscheka“. Nach dem <lb/>
         Prozeß von Tatar-Bunar, der zu Ende gegangen ist, hat man einen an- <lb/>
         deren Monstreprozeß wegen eines zu Galatz in Beßarabien entdeckten <lb/>
         „Komplotts“ eingeleitet. Zur Zeit, als ich in Rumänien war, hatte man <lb/>
         wegen dieser Galatz-Affäre*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) In Kischinev findet jetzt ein Prozeß gegen 65 junge Leute im Alter von 15 bis <lb/>
           19 Jahren statt, die der Zugehörigkeit zu den kommunistischen Jugendverbänden an- <lb/>
           geklagt sind (April 1926).</note> bereits einige fünfzig Verhaftungen vor- <lb/>
         genommen. Man kann also keine Pause und kein Nachlassen in der <lb/>
         Offensive feststellen, die gegen das, was in den Balkanländern noch an <lb/>
         demokratischem Geist übriggeblieben ist, geführt wird. Aus einer gan- <lb/>
         zen Anzahl von Gründen sehe ich mich genötigt anzunehmen, daß der <lb/>
         Mann gut unterrichtet war, der mir neulich dort unten sagte: „Es gibt <lb/>
         in Bulgarien noch 20 000 Menschen, die von liberalen Ideen belebt sind, <lb/>
         die noch Spuren von sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit repräsen- <lb/>
         tieren, und die man noch verschwinden lassen muß.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Man plant den Bau neuer Gefängnisse in Bulgarien. Es gibt Re- <lb/>
         gierungen, die an den Bau von Bibliotheken und Schulen denken. Die <lb/>
         bulgarische träumt von großen Gefängnissen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich verzichte darauf, die neuesten Nachrichten, die ich empfange, wie- <lb/>
         derzugeben, die von Todesurteilen durch Erhängen, von Einkerkerung <lb/>
         und Zwangsarbeit berichten, ganz abgesehen von den neuesten Mord- <lb/>
         taten in den Provinzen. In der Liste der Märtyrer wimmelt es täglich <lb/>
         von neuen Namen. Man möchte wohl alles sagen, aber das ist tatsäch- <lb/>
         lich unmöglich.**)<note place="foot">
          <lb/>
           **) Ich gebe dennoch ein Telegramm wieder, das in den bulgarischen Zeitungen „Narod“ <lb/>
           und „Radical“ vom 10. Februar 1926 veröffentlicht ist, und das 54 Bauern aus Litakowo <lb/>
           im Bezirk Orkanie an den Ministerpräsidenten LJAPTSCHEW gesendet haben: „Mitten <lb/>
           in der Nacht vom dritten zum vierten dieses Monats ist unser Verwandter und Mitdorf- <lb/>
           bewohner ILIA MONEW in seinem Bett zwischen seinen Kindern und seiner Frau von <lb/>
           einer Kugel durchbohrt worden. Seit dem9. Juni (1923) bis zu diesem Augenblick sind wir <lb/>
           in Unruhe und Schrecken. Finden Sie den Mörder und sichern Sie unser Leben! Wozu <lb/>
           haben wir für das Vaterland gekämpft, wenn wir des nächsten Tages nicht sicher sind? <lb/>
           800 Familien sind hier verzweifelt. Sagen Sie uns, wie wir uns verhalten sollen und wo- <lb/>
           hin wir gehen sollen, um nicht umzukommen.“ </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Verantwortlichen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ziehen wir nun die Bilanz. „Wer trägt letzten Endes die Verantwor- <lb/>
         tung?“ Das ist eine der Fragen, die ich aufs eindringlichste an alle die
        <pb facs="#f0076" n="74"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         gerichtet habe, die in der Lage waren, darauf zu antworten, sowohl in <lb/>
         Rumänien wie in Bulgarien. Abgesehen von der Auskunft einiger her- <lb/>
         vorragender offizieller Persönlichkeiten war die Antwort, die ich erhielt, <lb/>
         einstimmig und formell: „Einzig und allein die Regierung. Die Regierung <lb/>
         ist verantwortlich, und man kann nicht behaupten, daß sie durch Über- <lb/>
         schreitung der Befugnisse der von ihr angenommenen Hilfskräfte ent- <lb/>
         lastet wird.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Frau KATHARINA PETKOFF, deren Mann in Sofia ermordet wurde, <lb/>
         hat, als dann auch ihr Sohn ermordet worden war, vor Gericht und vor <lb/>
         dem Polizeiagenten, der ihn getötet hatte, erklärt: „Heute wissen es <lb/>
         selbst die Kinder in Bulgarien, daß mein Sohn durch die Regierung <lb/>
         ZANKOFF und nicht durch den Unglücklichen, der vor Ihnen steht, und <lb/>
         der nichts als ein Instrument war, getötet worden ist.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Nein, es ist nicht richtig zu sagen, daß die öffentlichen Gewalten nicht <lb/>
         mehr Herren ihrer Helfershelfer aller Art sind, und daß sie genötigt <lb/>
         seien, ob sie wollen oder nicht, Mitschuldigen nachzugeben, deren Be- <lb/>
         gierden sie entfesselt haben. Die rumänische und die bulgarische Re- <lb/>
         gierung, ebenso wie die jugoslawische und die ungarische, sind wirklich <lb/>
         und tatsächlich die verantwortlichen Urheber der nicht endenwollenden <lb/>
         Tragödie, auf die wir aufs Geratewohl und wie tastend einige Perspek- <lb/>
         tiven eröffnen. </p>
      <p>
        <lb/>
         ZANKOFF hat auf Anfragen des Parlaments oder auf Petitionen, wie <lb/>
         die von 20 bäuerischen Abgeordneten zwecks Protestes gegen die Er- <lb/>
         mordung von 15 Abgeordneten unterzeichnete, mit Drohungen und mit <lb/>
         einer heftigen und kategorischen Rechtfertigung der Morde geantwortet. <lb/>
         Der Mann, der den Anlaß zu einer vielleicht beispiellosen Reihe von <lb/>
         sozialen Katastrophen gegeben hat, hat die Stirn, sich als einen Mann <lb/>
         der Ordnung und des Friedens hinzustellen .... Es ist möglich, daß in- <lb/>
         folge der Schwankungen der Politik die Persönlichkeit, der die Ver- <lb/>
         treter der anderen Nationen heute bei den Zeremonien die blutigen <lb/>
         Tatzen drücken, plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Wird aber <lb/>
         das ganze System, das er symbolisiert und das er in Gang erhält, die <lb/>
         von ihm angenommene Methode des Massenmordens, infolge einer <lb/>
         Änderung in der Person des Leiters sich ändern? Man sagte in Sofia, <lb/>
         als ich dort war, daß LJAPTSCHEW und der General WALKOFF auf der <lb/>
         Stelle in Bulgarien eine neue Regierung der bürgerlichen Konzentration <lb/>
         herstellen würden. Es ist gleicher Weise möglich, daß in diesem Frühling, <lb/>
         zumal in Rumänien, wenn die Agrarier und die Volkspartei zu einem <lb/>
         Einverständnis gelangen, eine ministerielle Krise eintritt. Natürlich wäre
        <pb facs="#f0077" n="75"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         nichts schlimmer als ZANKOFF und BRATIANU. Wenn aber auch die Leiter <lb/>
         gestürzt werden, dürfen wir uns nicht allzu übereilten Hoffnungen hin- <lb/>
         geben. Möge unsere vertrauensselige öffentliche Meinung, die zur Un- <lb/>
         tätigkeit und aus Liebe für ihre Bequemlichkeit zu endlosen Anfällen <lb/>
         von Optimismus neigt, sich nicht ohne reifliche Überlegung durch par- <lb/>
         lamentarische Prozeduren betören lassen, welche die Organisation und <lb/>
         das Funktionieren eines eingewurzelten Systems unberührt lassen und <lb/>
         nur zum Schein die grundlegenden Fehler der Regierung beseitigen <lb/>
         würden. </p>
      <pb facs="#f0078" n="[76]"/>
      <p>
        <lb/>
         VI. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Vorwand ist: Die Bekämpfung des <lb/>
         Bolschewismus. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es steht für uns alle fest, daß eines der wenigen, vielleicht sogar das <lb/>
         einzige Anzeichen des moralischen Fortschrittes in unserer Epoche das <lb/>
         ist, daß gewisse Dinge nicht mehr öffentlich verkündet werden dürfen, <lb/>
         und daß man statt dessen der öffentlichen Meinung mit Vorwänden <lb/>
         kommen muß. Der Vorwand, dessen sich die herrschende Reaktion in <lb/>
         den Balkanländern durchweg bedient, ist der Kampf gegen den Bol- <lb/>
         schewismus. Die Minister und die Generäle haben zu mir von Anfang an <lb/>
         von dieser großen Staatsraison gesprochen, die, nach ihrer Ansicht, <lb/>
         ihrem Lande die Rolle des sozialen Verteidigers und sogar des Schüt- <lb/>
         zers des übrigen Europas sichere. Die autokratischen Minister in Rumä- <lb/>
         nien und in Bulgarien stellen die Völker, die sie in ihren blutbefleckten <lb/>
         Händen halten, als den Wall gegen die russische Barbarei und gegen <lb/>
         die Propaganda der dritten Internationale hin. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist nicht meine Absicht, hier in eine Erörterung sozialer und wirt- <lb/>
         schaftlicher Natur einzutreten, sowie das revolutionäre und das gegen- <lb/>
         revolutionäre Prinzip an und für sich zu betrachten. Zweifellos besteht <lb/>
         in unserer Epoche eine Agitation für die Befreiung der Menschenmas- <lb/>
         sen. Die kommunistische Internationale hat infolge des Zwanges der Tat- <lb/>
         sachen Anhänger unter den Unterdrückten in der ganzen Welt, und man <lb/>
         kann vor den Augen so vieler Opfer das fatale Leuchten nicht zum Er- <lb/>
         löschen bringen, das die Bauern- und Arbeiter-Republik durch die inte- <lb/>
         ressierten Entstellungen hindurch strahlen läßt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das aber ist nicht der Gegenstand unserer Untersuchung. Wenn die <lb/>
         blutigen Verfolgungen, die eine Handvoll Despoten gegen das Fleisch <lb/>
         ihres eigenen Landes unternehmen, tatsächlich durch die drohende kom- <lb/>
         munistische Gefahr gerechtfertigt würden, so würde sich die Frage in der <lb/>
         Tatzu der Höhe des großen organischen Streites erheben, der in diesem <lb/>
         Augenblick allgemein die Massen und Klassen trennt. Aber diese An- <lb/>
         rufung der bolschewistischen Gefahr ist in der Mehrzahl der Fälle nichts <lb/>
         als ein demagogischer Vorwand und eine Lüge des weißen Schreckens. </p>
      <pb facs="#f0079" n="77"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die Fälschung </p>
      <p>
        <lb/>
         Beschäftigen wir uns eindringlich und aufs sorgsamste mit all die- <lb/>
         sen wichtigen Fragen. Wie ich gesagt habe, ist man in den Balkanlän- <lb/>
         dern Zeuge der tatsächlichen wilden Ausmerzung aller der Menschen, <lb/>
         die in der Bauernpartei und in der kommunistischen Partei, bevor diese <lb/>
         außerhalb des Gesetzes gestellt worden war, eine Rolle gespielt haben, <lb/>
         ebenso wie der Vernichtung der „Verdächtigen“, ferner der mit den <lb/>
         proletarischen Ideen Sympathisierenden aller Schattierungen und endlich <lb/>
         derer, die danach streben, die korporative Arbeitersolidarität zu orga- <lb/>
         nisieren. Aber die Herren der Stunde haben aus politischen Erwägun- <lb/>
         gen heraus, auf Grund von Berechnung und nicht aus den Gründen, die <lb/>
         sie den Mut haben vorzugeben, zur direkten Unterdrückung ihre Zu- <lb/>
         flucht genommen. Ihr Zorn ist nur gespielt; siehaben es sich in den Kopf <lb/>
         gesetzt, eine große Idee, die der Befreiung der Massen, in Blut zu erträn- <lb/>
         ken, und sie haben, eins nach dem andern, die angeblichen Komplotte und <lb/>
         Attentate erfunden, und alle die als Fallen dienenden Provokationen <lb/>
         in Szene gesetzt, die ihnen gestatten, ihre mörderische Bartholomäus- <lb/>
         nacht endlos auszudehnen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Und überdies haben sie sich die von ihnen zurechtgemachte Legende <lb/>
         und die von ihnen geschaffene Atmosphäre zunutze gemacht, um mit <lb/>
         ihrer Rache alle ihre Gegner, wer sie auch sein mochten, zu treffen. Der <lb/>
         radikale Abgeordnete KOSTURKOFF, der ein prinzipieller Gegner der <lb/>
         Kommunisten ist, aber ein Bürger, dessen Rechtschaffenheit .von allen <lb/>
         anerkannt wird, hat es gewagt, in der Sobranje zu verkünden: „Die <lb/>
         Regierung entbehrt der Unterstützung der anständigen Menschen. Ihre <lb/>
         Unterdrückungsmaßregeln treffen nicht nur die illegalen Vereinigungen, <lb/>
         sondern auch die legalen,“ womit er sagen wollte, daß von ihnen alle <lb/>
         die betroffen werden, die nicht Parteigänger der absoluten Reaktion <lb/>
         sind. KOSTURKOFF hat auch erklärt: „Wir wollen, daß alle Parteien unter <lb/>
         dem Gesetz bestehen und mit einander ringen können, Idee gegen Idee. <lb/>
         Darin besteht die wahre Demokratie, die nicht die der demokratischen <lb/>
         Entente ist.“ Kein Mensch von gesunden Sinnen und von gutem Glau- <lb/>
         ben kann, selbst nach einer nur oberflächlichen Betrachtung des öffent- <lb/>
         lichen Lebens in Bulgarien, — und überhaupt in allen Balkanländern <lb/>
         — anders sprechen als KOSTURKOFF: (wobei nur zu bedauern ist, daß <lb/>
         dieser selbe KOSTURKOFF im übrigen s so viel Nachgiebigkeit gegenüber <lb/>
         dem Kabinett ZANKOFF gezeigt hat). </p>
      <pb facs="#f0080" n="78"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die weißen Regierungen mit den blutroten Händen Rumäniens, Ser- <lb/>
         biens, Bulgariens und Ungarns belieben, die Kommunisten, Agrarier und <lb/>
         Syndikalisten den Terroristen oder den Banditen gleichzustellen. TATA- <lb/>
         RESKU verwechselte unaufhörlich wissentlich die einen mit den anderen, <lb/>
         als er zu mir von der Henkerarbeit der rumänischen Regierung sprach, <lb/>
         welche die in erster Reihe stehende Vorkämpferin der (seit dem Mittel- <lb/>
         alter) bestehenden Ordnung im alten Europa ist.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) PANGALOS, der dieselben Methoden in Griechenland mit der Unverschämtheit <lb/>
           eines Tollwütigen anwendet, hat die Zeitung „Demokratia“, das offizielle Organ der de- <lb/>
           mokratischen Partei, unterdrückt und ihren Leiter, PURNARAS, der sich öffentlich <lb/>
           dieser Parteiangeschlossen hatte, als „Kommunisten“ verhaftenlassen. Derselbe PAN- <lb/>
           GALOS hat entschieden, daß die „Vulgaristen“ (die Anhänger der Sprachreform) <lb/>
           Kommunisten seien. </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         „Ich habe ZANKOFF und andere von den Regierenden persönlich ge- <lb/>
         sehen,“ schrieb M<hi rendition="#sup">e</hi> PLISNIER von der Brüsseler Anwaltschaft. „Sie
        ha- <lb/>
         ben offenherzig mit mir gesprochen und mir gesagt: allerdings sind <lb/>
         Exzesse vorgekommen, aber als unsere Soldaten die Kommunisten nie- <lb/>
         dermähten, haben sie Euch anderen eine große Gefahr abgewehrt. Indem <lb/>
         sie die Ordnung wiederherstellten, ermöglichten sie es den europäischen <lb/>
         Kapitalisten, in voller Sicherheit ihre Kapitalien in unsere Länder zu <lb/>
         senden. Aus diesem Grunde werden die Diplomaten, welche die impe- <lb/>
         rialistischen und kapitalistischen Interessen verteidigen, der Energie der <lb/>
         bulgarischen Diktatoren Beifall bezeigen.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Falsch ist die Behauptung, die aufgestellt worden ist, das Ministerium <lb/>
         STAMBOLIJSKI hätte mit den Kommunisten gemeinsame Sache gemacht. <lb/>
         Diese Behauptung, auf welche sich die bulgarischen Behörden gestützt <lb/>
         haben, um die Agrarier und dann die Kommunisten zu vertilgen, hält <lb/>
         weder stand gegenüber den formellen, in den Hauptstädten Europas <lb/>
         im Jahre 1920 von STAMBOLIJSKI selbst abgegebenen Erklärungen, noch <lb/>
         gegenüber den von ihm gegen die Kommunisten geplanten Gesetzen, <lb/>
         noch endlich gegenüber der von ihm vorgenommenen gewaltsamen Un- <lb/>
         terdrückung des Streiks der Eisenbahner. Im Mai 1921 warf GEORGI <lb/>
         DAMIANOFF, einer der hervorragendsten agrarischen Abgeordneten, eine <lb/>
         Bombe in eine kommunistische Versammlung, und es geschah ihm nichts; <lb/>
         ist diese einfache Tatsache nicht symptomatisch? Weiter steht es fest, <lb/>
         daß die damals gut organisierte und sehr mächtige kommunistische <lb/>
         Partei sich geweigert hat, STAMBOLIJSKI zu Hilfe zu kommen und bei <lb/>
         seinem Sturz zu intervenieren. Ebenso wie diese Enthaltung entkräftet <lb/>
         die Tatsache, daß die Partei damals keinerlei Agitation zu treiben versucht
        <pb facs="#f0081" n="79"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         hat, die Anklagen dieser Art und nimmt auch ZANKOFF das Recht zu <lb/>
         sagen, daß die von ihm inaugurierte Politik ein Gegenschlag gegen <lb/>
         Machenschaften und Provokationen gewesen sei. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ohne Zweifel sind bei den Wahlen, welche die Regierung nach dem <lb/>
         Staatsstreich vom 9. Juni hatte vornehmen lassen, die Agrarier und die <lb/>
         Kommunisten auf Grund von gemeinsamen Listen gewählt worden. Das <lb/>
         aber liegt daran, daß diese beiden Parteien tatsächlich die einzigen <lb/>
         Oppositionsparteien waren, während die anderen sogenannten Opposi- <lb/>
         tionsparteien durch ihren Knechtssinn und ihre Gleichgültigkeit gegen <lb/>
         die Geschehnisse alles Recht auf diese Bezeichnung verloren hatten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist unrichtig, daß die Arbeiterorganisationen, deren Leiterman ge- <lb/>
         opfert und deren berufliche, so lange und so teuer erkaufte Errungen- <lb/>
         schaften man vernichtet hat, kommunistisch gewesen sind, selbst wenn, <lb/>
         was doch das Normale ist, Kommunisten unter ihnen gewesen sein sollten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Derselbe Schluß ist für die blutigen Unruhen zwingend, die nach dem <lb/>
         Staatsstreich ZANKOFFS entstanden sind. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die furchtbaren Verfolgungen vom September 1923, deren Ergebnis <lb/>
         so viel Tausende von Verhaftungen und so viel Tausende von Morden <lb/>
         auf dem Lande in Bulgarien war, sind als Folge der behaupteten Ent- <lb/>
         deckung eines von der dritten Internationale herrührenden Dokumentes <lb/>
         in Szene gesetzt worden, — während man, und mit gutem Grund, nie- <lb/>
         mandem gestattet hat, sich über dieses Dokument zu äußern, geschweige <lb/>
         denn, Einsicht in dasselbe zu nehmen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Bei dem Prozeß, der im Juni 1925 geführt wurde, ist keinerlei Ur- <lb/>
         kunde vorgelegt worden, aus der sich ergeben hätte, daß die aufrühre- <lb/>
         rischen Bewegungen im September kommunistischen Ursprungs gewesen <lb/>
         wären. KOLAROFF hat formell geleugnet, daß ein seinen Namen tra- <lb/>
         gender und vom September 1923 datierter Aufruf von ihm herrührte, <lb/>
         und hat ihn für eine Fälschung erklärt. Ein positiver Beweis dafür, daß <lb/>
         die erwähnten Unruhen nicht von den Kommunisten geplant und organi- <lb/>
         siert gewesen sind, ist die Tatsache, daß sie von Anfang an keinen <lb/>
         Versuch gemacht haben, aus den Unruhen Nutzen zu ziehen, was zum <lb/>
         mindesten unverständlich ist, wenn sie die Triebfeder gewesen wären. </p>
      <p>
        <lb/>
         VANDERVELDE hat sich in einer belgischen Zeitung in etwas leicht- <lb/>
         fertiger Weise zum Echo der offiziellen Legende gemacht, indem er <lb/>
         behauptete, daß der Putsch im September 1923 auf Grund der formellen <lb/>
         von Moskau gekommenen Befehle veranstaltet worden sei. Indessen <lb/>
         das, was er hinzusetzt, macht diese Anschuldigung zuschanden, die <lb/>
         weder VANDERVELDE, noch sonst jemand auf annehmbare Weise begrün-
        <pb facs="#f0082" n="80"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         den kann. Er sagt in der Tat: „Es scheint indessen nicht zweifelhaft zu <lb/>
         sein, daß, wenn die Kommunisten die Leiter des Aufstandes gewesen <lb/>
         sind, es die zur Agrarpartei gehörigen und durch die Ermordung STAM- <lb/>
         BOLIJSKIs erbitterten Landleute gewesen sind, die den Hauptteil ihrer <lb/>
         Truppen bildeten. <hi rendition="#g">In Sofia, wo die Bolschewisten mächtig <lb/>
           waren, rührte sich niemand.</hi> In den Landesteilen im Gegenteil, wo <lb/>
         die Agrarier treue Anhänger STAMBOLIJSKIs waren, gab es sehr heftige <lb/>
         Kämpfe.“ Was kann man vernünftiger Weise aus diesen Tatsachen schlie- <lb/>
         ßen? Daß die Kommunisten an einzelnen Stellen Provokationen und <lb/>
         Metzeleien entgegentreten konnten, daß sie aber nicht die Verantwor- <lb/>
         tung für die Ereignisse tragen. Die einfache Wahrheit ist: Der Wahl- <lb/>
         erfolg der Agrarier und Kommunisten war gesichert. Da bringt man ein <lb/>
         Dokument vor, das eine revolutionäre Handlung für den 17. September <lb/>
         ankündigt. Diese „Enthüllung“ gibt der Regierung den erwünschten <lb/>
         Vorwand, um die Agrarier und die Kommunisten in Massen verhaften <lb/>
         zu lassen. Diese Verhaftungen rufen Widerstand und Aufruhr auf dem <lb/>
         Lande hervor, wo die agrarische Partei ihren Sitz hat. Das ist ein neuer <lb/>
         erwünschter Vorwand für Vergeltungsmaßregeln und Metzeleien. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein anderer Beweis dafür, daß die September-Unruhen spontane Er- <lb/>
         hebungen und nicht die vorbedachte Mache einer politischen Organi- <lb/>
         sation gewesen sind, ist es, daß sie nicht gleichzeitig im ganzen Lande <lb/>
         stattfanden, sondern auf einander folgende Reaktionen gegen die Vergel- <lb/>
         tungsmaßregeln waren: „Erst nach dem Blutbad in Südbulgarien sind die <lb/>
         Unruhen in Nordbulgarien ausgebrochen. Hätte wirklich ein Revolutions- <lb/>
         plan bestanden, so würden die Revolutionäre nicht den Fehler begangen <lb/>
         haben, sich vereinzelt massakrieren zu lassen.“ (Aus dem Schreiben einer <lb/>
         Gruppe bulgarischer Intellektueller an die Liga der Menschenrechte.) </p>
      <p>
        <lb/>
         Nach dem offiziellen Gerede sollen zwei andere kapitale Ereignisse <lb/>
         die Folge der Einmischung der Russen und der dritten Internationale <lb/>
         sein. Dadurch ist es möglich geworden, der Welt das Gespenst des <lb/>
         Mannes mit dem Messer zwischen den Zähnen als Schreckbild erscheinen <lb/>
         zu lassen. Es handelt sich um den Bauernaufstand von Tatar-Bunar <lb/>
         (Rumänien) vom September 1924, von dem noch die Rede sein wird, <lb/>
         und um die Explosion in der Kathedrale (der Kirche der Heiligen Ne- <lb/>
         delia) in Sofia am 16. April 1925. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die eingehende Untersuchung dieser Ereignisse gestattet, ohne daß <lb/>
         man irgend eine Ableugnung zu befürchten brauchte, festzustellen, daß <lb/>
         auch in diesen Fällen das große Argument, welches den Balkandespo- <lb/>
         ten zur Rechtfertigung aller ihrer Handlungen dient, in nichts zerfällt. </p>
      <pb facs="#f0083" n="81"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Das Attentat in der Kirche der heiligen Nedelia zu Sofia, das den <lb/>
         Tod von ungefähr 170 Personen und eine sehr große Anzahl von Ver- <lb/>
         wundungen zur Folge gehabt hat, ist eine Tathandlung, die prinzipiell <lb/>
         im Gegensatz zu der kommunistischen Propaganda steht, welche stets <lb/>
         das individuelle Handeln mißbilligt und ausschließlich die Gesamtor- <lb/>
         ganisation und das Handeln der Massen für das Richtige erklärt hat. <lb/>
         ‚Die Explosion einer Bombe inmitten einer Menschenmenge konnte die <lb/>
         Reaktion von oben nur auf das Fürchterlichste stärken; bei vernünftigen <lb/>
         Menschen kann es in dieser Hinsicht nicht zweierlei Meinungen geben. Es <lb/>
         ist von vornherein unsinnig vorauszusetzen, daß eine Partei diese mon- <lb/>
         ströse Ungeschicklichkeit, diesen politischen Selbstmord ins Auge fassen <lb/>
         konnte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist sinnfällig, daß in der Folge einer langen Kette von Schrecknissen, <lb/>
         Mordtaten, Foltern und Attentaten gegen Menschen auf öffentlicher <lb/>
         Straße dieser Wahnsinnsakt, den alle Welt verurteilt, die direkte Ge- <lb/>
         genwirkung gegen den Zankowistischen und Walkowistischen Terror <lb/>
         gewesen ist.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Man hat uns die Ergebnisse einer Enquete mitgeteilt, die zwei Monate nach dem <lb/>
             Attentat vom 16. April 1925 in einigen Sekundärschulen vorgenommen worden ist. 70%, der <lb/>
             Schüler verurteilten das Attentat, 20% erklärten es für „eine verdiente Antwort an die <lb/>
             Spekulanten, an die Wucherer, an die Ausbeuter und an die Henker des Volkes“. 10%o <lb/>
             erklärten: „Das Attentat war etwas Unerhörtes, aber seine Urheber haben aus edlen <lb/>
             Beweggründen gehandelt.“ </p>
          <p>
            <lb/>
             Das Attentat in der Kathedrale, das muß hervorgehoben werden, ist nicht, wie man <lb/>
             vorgegeben hat, nach einer Periode der Ruhe und der sozialen Befriedung erfolgt. Die <lb/>
             Bilanz des vorangegangenen Monats (März 1925) ergibt in der Tat das folgende: </p>
          <p>
            <lb/>
             Am 12. März sind 40 Menschen in Berkowitza, und 20, darunter 12 Frauen, in Ferdi- <lb/>
             nand verhaftet worden. Am 15. wurde der Versuch gemacht, den mazedonischen Föde- <lb/>
             ralisten ATHANASSOFF zu ermorden. Am 18. wurde in Berkowitza der Lyzeums- <lb/>
             schüler TSCHERNEFF ermordet. Am 20. verhaftete die Polizei 300 Personen in Schu- <lb/>
             men, 150 in Stara-Zagora, 60 in Russe, 50 in Sewliowo, 40 in Philippopel, 12 junge Stu- <lb/>
             denten in Sliwen, 30 Personen in Sofia, 60 in Samokoff, 40 in Warna, u. s.w.. Am <lb/>
             22. wurde ein Kommunist in Elena umgebracht. Am 23, wurde in Samokoff KHRASTOFF <lb/>
             und in Sofia der Lehrer J. DOROSSIEW ermordet. Am 25. wurde in Sofia der Stu- <lb/>
             dent A. SIMIONOFF von der Polizei umgebracht. Am 28. fielen in Russe unter den <lb/>
             Kugeln von Polizisten GALTSCHANOFF und PISKOWA. Am 29. fanden Massenver- <lb/>
             haftungen in Sofia statt, und zwei Kommunisten wurden getötet. Am 30. gab es Massen- <lb/>
             verhaftungen in ganz Bulgarien. </p>
        </note></p>
      <p>
        <lb/>
         Hinsichtlich der genauen Tatsachen der Beteiligung der Kommunisten <lb/>
         und hinsichtlich der Beweise für sie habe ich KISSIMOFF, den Ministerial- <lb/>
         direktor und Generalsekretär im bulgarischen Ministerium des Auswär- <lb/>
         tigen befragt, der mich, als ich mich im Ministerium vorstellte, an Stelle <lb/>
         des abwesenden Ministers empfangen hat. Da das Gerücht von unserer <lb/>
         Enquete in Sofia wie in Bukarest sich verbreitet hatte, so unterliegt es <lb/>
         keinem Zweifel, daß dieser hohe Beamte — ganz wie TATARESKU —
        <pb facs="#f0084" n="82"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         die schlagenden Beweise zu meiner Kenntnis gebracht haben würde, <lb/>
         wenn er sie besessen hätte. Nun aber waren die Erklärungen KISSI- <lb/>
         MOFFs mehr als unbestimmt, und das einzige „Argument“, das er vor- <lb/>
         bringen konnte, ist folgendes: „Es hat Leute gegeben, die zu einer ge- <lb/>
         wissen Zeit kein Geld hatten, und die einige Zeit danach Ausgaben <lb/>
         gemacht haben; es war also klar, daß diese Leute durch Moskau sub- <lb/>
         ventioniert worden sind.“ Ich erkläre, daß der Vertreter des Mini- <lb/>
         sters des Auswärtigen in Sofia mir nichts anderes über die Schuld gesagt <lb/>
         hat, welche die kommunistische Partei in dieser Angelegenheit haben soll. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die Teilnahme des Küsters ZADGORSKI an der Organisation <lb/>
         des Attentats zur Not als annehmbar erscheinen kann, so sind doch die <lb/>
         beiden anderen Hauptverurteilten, KOEW und FRIEDMANN, der eine <lb/>
         höchstwahrscheinlich, der andere sicher, unschuldig. Durch nichts wird <lb/>
         MARCO FRIEDMANN auch nur im geringsten ernstlich mit dem Verdacht <lb/>
         der Mittäterschaft belastet. Er hat nicht aufgehört, feierlich und ent- <lb/>
         schieden seine Unschuld zu beteuern, bis zu dem Augenblick, in dem <lb/>
         er selber dem Henker, einem Zigeuner, geholfen hat, seine Pflicht zu <lb/>
         tun, unter den Augen von 50 000 Zuschauern, und während der Hergang <lb/>
         photographiert und gefilmt wurde. </p>
      <p>
        <lb/>
         Was man aber weiß, ist, daß auf das Attentat vom 16. April, wie ich <lb/>
         schon gesagt habe, eine polizeiliche Schlächterei gefolgt ist, für die es <lb/>
         wenige Beispiele selbst in diesen fluchbeladenen Ländern gibt. Am Ta- <lb/>
         ge des Attentats selbst wurden durch Massenverhaftungen die Gefäng- <lb/>
         nisse vollgestopft mit Leuten, deren Namen auf offenbar im Voraus <lb/>
         hergestellten Listen verzeichnet waren. Drei Stunden nach der Bomben- <lb/>
         explosion hörten die Verhafteten in den Räumen der Zentralpolizei- <lb/>
         direktion durch die Wände hindurch die Schreie der Gemarterten, und <lb/>
         drang zu ihnen aus den Oeffnungen der Zentralheizung der Geruch der <lb/>
         lebendig verbrannten Körper. Ich habe selbst Einige gesehen, die mir <lb/>
         Einzelheiten erzählt haben, wie man sie nicht erfinden kann. </p>
      <p>
        <lb/>
         Da nach dem 16. April die Gefängnisse unzureichend geworden waren, <lb/>
         wandelte man Kasernen, Schulen und selbst Privatwohnungen in Ge- <lb/>
         fängnisse um.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Letzthin hat KOSTURKOFF, dessen Bekanntschaft ich in Sofia machte und von <lb/>
           dem zu sprechen ich schon wiederholt Gelegenheit gehabt habe — KOSTURKOFF, <lb/>
           dessen Loyalität niemand anzuzweifeln wagt —, in einer Rede auf dem radikalen bul- <lb/>
           garischen Kongress an die Unterstützung erinnert, welche die radikale Partei dem <lb/>
           Staat anläßlich der „traurigen und furchtbaren Ereignisse“ geleistet hat, die das Land <lb/>
           nach dem 16. April durchleben mußte, und hat hinzugefügt: „Diese Ereignisse beun- <lb/>
           ruhigen mein Gewissen fürchterlich. Eine große Anzahl Menschen wurde ohne Urteil <lb/>
           ums Leben gebracht. Wo sind denn die Tausende von bulgarischen Bürgern, die ver- <lb/>
           haftet und seitdem auf mysteriöse Weise verschwunden sind ? Aber, sie waren doch in <lb/>
           den Händen der Behörden. Zu unserer Schande hat die Barbarei das Bürgerrecht in un- <lb/>
           serem Lande erworben und den Namen unserer Rasse mit Schmach bedeckt. Diese Er- <lb/>
           eignisse werden in der Geschichte Bulgariens unvergessen bleiben. Und die aufgeklärte <lb/>
           Menschheit wird die nicht durch das bulgarische Volk, wohl aber durch seine Regie- <lb/>
           renden begangenen Verbrechen nicht leicht verzeihen können.“ </note>
      </p>
      <pb facs="#f0085" n="83"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Die Regierung hatte ein kommunistisches Komplott für den 15. April <lb/>
         vorausgesagt und legte diesmal ein Dokument vor. Dieses „vertrau- <lb/>
         liche Rundschreiben“ ist eine offenbare Fälschung.*) <note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Man müßte ein ganzes Kapitel über die Geschichte der Industrie der politischen <lb/>
             Fälschungen schreiben, über das Papierbanditentum, das sich im Laufe dieser letzten <lb/>
             Jahre in den großen europäischen Zentren und selbst in Asien hauptsächlich zu dem Zweck <lb/>
             des Kampfes gegen Rußland entwickelt hat. Eine große Zahl jener Abenteurer, von denen <lb/>
             es in den Spezialgebieten der Polizei und des Spitzeltums wimmelt, hat sich der Her- <lb/>
             stellung von „Keulendokumenten“ gewidmet, welche sie sich von den Beweismittel <lb/>
             suchenden Regierungen mit Gold aufwiegen lassen. Selbst CHAMBERLAIN erkannte <lb/>
             in einer im Dezember 1924 im Unterhaus gehaltenen Rede an, daß es zahlreiche Fa- <lb/>
             brikanten von Fälschungen politischer Natur überall in der Welt gibt. Diese Leute haben <lb/>
             fast immer eine grenzenlose Unwissenheit, welche sich in einigen Dummbheiten in ihren <lb/>
             Machwerken zeigt, und all diese Fälschungen sind schließlich als solche entlarvt
            worden. <lb/>
             Nichtsdestoweniger hatten sie unter gewissen Umständen außerordentlich wichtige Fol- <lb/>
             gen: Der unmittelbare, auf das nicht allzu genau prüfende Publikum hervorgebrachte <lb/>
             Eindruck ist fast immer beträchtlich und genügt dazu, die Erregung der öffentlichen <lb/>
             Meinung hervorzurufen, die man höheren Ortes braucht. Die Widerlegung kommt zu <lb/>
             spät, und dann bleibt nach der tiefen Einsicht BASILs immer etwas von der Verleumdung <lb/>
             hängen, und zudem erkennen die Regierungen wohlverstanden nicht an, daß sie sich <lb/>
             mehr oder weniger willentlich von den Fälschern haben täuschen lassen, und sie haben <lb/>
             die Mittel dazu, Recht zu bekommen.</p>
          <p>
            <lb/>
             Vergessen wir nicht das sensationelle Ereignis der im September 1918 in den ameri- <lb/>
             kanischen Zeitungen erschienenen Fälschung, die LENIN und TROTZKI als von Deutsch- <lb/>
             land gekauft schilderte. Diese Dokumente, die der Hauptmann ROBINS, der Präsident <lb/>
             des Roten Kreuzes, dem sie für Geld angeboten worden waren, als Fälschungen erkannt <lb/>
             hatte, fielen endlich in die Hände eines gewissen EDGARD SISSON, der, weniger <lb/>
             skrupulös, sie mit Eifer an sich nahm und veröffentlichte. Niemand vertritt heute mehr <lb/>
             ihre Echtheit. Aber der Schlag war geführt worden. Vergessen wir auch nicht den <lb/>
             gefälschten SINOWJEW-Brief, dessen Verbreitung die letzten englischen Wahlen stark <lb/>
             beeinflußt und den Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Groß-Britannien <lb/>
             und Rußland zur Folge gehabt hat. </p>
          <p>
            <lb/>
             Es ist bestätigt und öffentlich bewiesen worden, daß der angebliche Brief von C. <lb/>
             RAKOWSKI, der in Rumänien veröffentlicht wurde, um die Agrarpartei und RA- <lb/>
             KOWSKI selbst verächtlich zu machen, durch den berüchtigten internationalen Spion <lb/>
             ROTSCHESKO-BIZON fabriziert worden ist, der nach einer bewegten und bunten <lb/>
             Laufbahn sich mit einem ganzen Personal für die Herstellung von Artikeln dieser Art <lb/>
             spezialisiert hatte. Die Berliner Polizei hat bei dem nicht weniger bekannten Fälscher <lb/>
             DRUJELOWSKI das vollständige Gerät zur Herstellung von falschen Titeln, Stempeln <lb/>
             und Siegeln beschlagnahmt, die dazu bestimmt waren, einer ungeheuren „Literatur“, <lb/>
             welche in England, in Polen, in Bulgarien verbreitet war, den Stempel des Sowjetur- <lb/>
             sprungs aufzudrücken. Eine der vervollkommneten Werkstatt DRUJELOWSKIs in <lb/>
             Berlin ähnliche ist die, welche man in Wien bei JAKUBOWITSCH entdeckt hat, ebenso <lb/>
             das Büro von SINGLETON in London und von KEDROLIWANSKI in China. </p>
          <p>
            <lb/>
             Das Dokument, von dem ich gesprochen habe, das von ZANKOFF in der Sobranje <lb/>
             verlesen worden ist, und das ihm dazu diente, die Roheiten der Unterdrückung zu recht- <lb/>
             fertigen, sowie von den Alliierten die Erlaubnis für die Vergrößerung des bulgarischen <lb/>
             Heeres zum Zweck des Krieges im Innern zu erlangen, setzt den Plan einer von den <lb/>
             rumänischen, polnischen, tschechoslowakischen Kommunisten und von denen auf dem <lb/>
             Balkan vereinbarten Aktion auseinander. Dieser Plan ist das Werk DRUJELOWSKISs, <lb/>
             wovon die bei ihm beschlagnahmten phantastischen Zeichnungen von Stempeln und <lb/>
             Emblemen Zeugnis ablegen. In diesem Dokument wimmelt es im übrigen von offen- <lb/>
             sichtlichen Irrtümern: Irrige Benutzung der Embleme und Stempel, handgreifliche Un- <lb/>
             genauigkeit der technischen Ausdrücke; einige darin erwähnte Persönlichkeiten sind <lb/>
             erdacht, andere hatten nicht oder nicht mehr die offizielle Stellung, die ihnen auf
            diesem <lb/>
             Papier zugeschrieben war, andere wieder waren unleugbar außerhalb des Landes, in <lb/>
             dem sie angeblich die Agitation betrieben hatten. Es ist eine grobe Fälschung. Aber <lb/>
             als sie bewiesen wurde, war es zu spät; die Regierung hatte ihren Zweck erreicht. KIS- <lb/>
             SIMOFF hat mir von diesem Dokument kein Wort gesagt. </p>
          <p>
            <lb/>
             Ebensoviel Kredit verdient das Dokument, das „La Bulgarie“, die in französischer
            Sprache <lb/>
             geschriebene Zeitung in Sofia, und das „Journal“ in Paris im Fac-simile veröffentlicht hat.<lb/>
             Ebenso steht es mit dem angeblichen Dokument, das in die Hände der rumänischen <lb/>
             Sicherheitsbehörde gefallen sein soll, wenn man dem Regierungsblatt „Victorul“ glauben <lb/>
             wollte, wonach die antisemitische Hetze in Rumänien eines der Ziele der dritten Inter- <lb/>
             nationale sein soll. </p>
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Attentat gegen den König BORIS, das als Tat der kommunisti- <lb/>
         schen Partei vollkommen unerklärlich sein würde, muß wohl eher von <lb/>
         den Ultrazankisten angestiftet worden sein — oder einfach von den Zanki- <lb/>
         sten. Unterlassen wir nicht zu bemerken, daß die Kommunisten sich nach <lb/>
         der Katastrophe in der Kirche ruhig verhalten haben. Nicht nur taten sie <lb/>
         nichts, um aus der Verwirrung Nutzen zu ziehen, sondern sie lieferten <lb/>
         sich selbst der Unterdrückung aus, indem sie untätig blieben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es sei mir vergönnt, etwas bei dieser Tatsache zu verweilen. Ich be- <lb/>
         absichtige hier nicht, im Interesse einer Sache irgend etwas zu unter- <lb/>
         drücken, und ich möchte loyal und in voller Klarheit die These, die ich <lb/>
         behaupte, erklären. Gewiß, ich erkenne es ein für allemal an, daß die <lb/>
         kommunistische Propaganda sich über die ganze Welt erstreckt. Sie be-
        <pb facs="#f0086" n="84"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         steht darin, den städtischen und ländlichen Arbeitern den Plan einer tief- <lb/>
         gehenden sozialen Erneuerung einzuhämmern, die sich auf die Gleich- <lb/>
         heit aller, die ausschließliche Herrschaft der produktiven Arbeit und <lb/>
         auf die Hinausschiebung der Grenzen der menschlichen Gesellschaft <lb/>
         bis zu den Enden der Erde gründet. Diese Propaganda vollzieht sich <lb/>
         durch das Eindringen in das Innere der unterdrückten Massen und durch <lb/>
         ihre Organisation. Diese Idee und diese Sache an sich stehen hier — <lb/>
         noch einmal sei es gesagt — nicht zur Diskussion. Aber was man da- <lb/>
         rüber sagen kann, das ist, daß sie ein „Parteiprogramm“ bedeuten, das <lb/>
         im Prinzip allen anderen politischen und sozialen Programmen ver- <lb/>
         gleichbar ist. Theoretisch sind sie nicht mehr umstürzlerisch als die Pro- <lb/>
         gramme der übrigen Parteien, die alle mit einander das Ziel haben, ihre <lb/>
         Vorstellungen den anderen und dem bestehenden Zustand entgegenzu- <lb/>
         stellen. Die Revolution ist nichts anderes als ein Mittel zur Herstellung <lb/>
         eines Zustandes, der einer Lehre entspricht; aber diese Lehre verlangt
        <pb facs="#f0087" n="85"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         an sich in keiner Weise nach der Gewalt, ganz im Gegenteil. Sie er- <lb/>
         scheint ihren Anhängern logischer als die anderen Lehren, fortgeschrit- <lb/>
         tener, besser angepaßt den schreienden Bedürfnissen und den zusammen- <lb/>
         fassenden Kräften der Gesamtheiten. Der Keim von Ungesetzlichkeit <lb/>
         besteht darin, daß man die geltenden Gesetze ändern will; aber eben- <lb/>
         so wie in der kommunistischen Partei findet er sich in gewisser Weise <lb/>
         auch bei allen anderen Parteien — und die Anwendung der Mittel zur <lb/>
         Verwirklichung ist nicht eine Frage des Prinzips, sondern eine Tatfrage. <lb/>
         Sonderbar ist es zu sehen, daß Regierungen, die sich nur durch den <lb/>
         Bürgerkrieg und durch den Einbruch von Polizei und Militär in die Mi- <lb/>
         nisterien zur Macht gebracht haben und die eine bestialische Gegenre- <lb/>
         volution anzetteln, ehe noch eine Revolution ausgebrochen ist, — die <lb/>
         kommunistische Theorie als gesetzwidrig und umstürzlerisch beschul- <lb/>
         digen und die kommunistische Partei anklagen, daß sie eine andauernde <lb/>
         Verschwörung unterhält. Unter allen Umständen, und um auf das zurück- <lb/>
         zukommen, was uns mehr unmittelbar interessiert, ist es etwas ganz be- <lb/>
         sonders Hassenswertes, wenn Behörden, die auf Unterdrückung des <lb/>
         Volkes ausgehen, Legenden von Komplotten und Verbrechen fabrizieren, <lb/>
         um die unbeugsamste Gruppe ihrer politischen Gegner verächtlich zu <lb/>
         machen und niederzuschlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man hat sich deshalb auf das Köpfen im grandiosesten Maßstab ge- <lb/>
         stürzt, die Zahl der Märtyrerverzeichnisse hat sich in phantastischer <lb/>
         Weise vervielfältigt, man hat die Arbeiterklasse und den Bauernstand in <lb/>
         allen ihren Verteidigern getroffen, indem man sich des Mittels der Lügen <lb/>
         und der Fälschungen bediente. </p>
      <p>
        <lb/>
         So sind Hekatomben hingeopfert worden, aber das hat auch dazu ge- <lb/>
         führt, die Idee zu stärken und den Zorn anzufachen. Es istnichts Neues, daß <lb/>
         die Verfolgung den Samen ausstreut, aus dem Proselyten hervorgehen. <lb/>
         Die noch nicht Revolutionäre sind, werden es. Man hat mir von Menschen<lb/>
         erzählt, die bis dahin politisch gleichgültig gewesen waren, die, grundlos <lb/>
         verhaftet, beim Verlassen des Gefängnisses zum Kommunismus bekehrt <lb/>
         waren. Indem der Staat mit dem Vorwand des Bolschewismus spielte, hat <lb/>
         er die bolschewistische Idee gekräftigt. So mußte es kommen. — Ich er- <lb/>
         innere mich, mit welcher Leidenschaftlichkeit ein bulgarischer Flüchtling <lb/>
         in Konstantinopel mit mir darüber gesprochen hat. „Sie können uns nicht <lb/>
         alle bis zum Letzten töten. Darum sind sie verloren. Immer werden noch <lb/>
         einige übrig bleiben, die wieder andere voranschicken.“ Der Glaube dieser <lb/>
         Überlebenden, der durch das Leiden geschaffen und geschmiedet ist, ist <lb/>
         härter als die Schläge. Ihre Hoffnung:hat etwas Schreckenerregendes. </p>
      <pb facs="#f0088" n="[86]"/>
      <p>
        <lb/>
         VII. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Balkan-Minderheiten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Balkan-Halbinsel leidet unter den durch die Frage der völkischen <lb/>
         Minderheiten naturgemäß hervorgerufenen Zwistigkeiten. Die Verträge, <lb/>
         die nach dem Kriege von 1914 gemacht worden sind, und durch welche <lb/>
         die Grenzen aller dieser verschiedenen Länder geändert worden sind, <lb/>
         haben zum Vorteil der einen und zum Nachteil der anderen ganze Lan- <lb/>
         desteile abgeschnitten, die nunmehr der Gegenstand sich untereinander <lb/>
         bekämpfender Irredentismen und heftiger „Entnationalisierung“ sind. <lb/>
         Nun bilden mehrere dieser verstümmelten Länder geographische Ein- <lb/>
         heiten und auch gleichartige Gesamtheiten vom Standpunkt der Über- <lb/>
         lieferungen und der Kultur. Abgesehen von den Rivalitäten zwischen <lb/>
         den Ländern ergeben sich aus dieser Zerreißung eine unruhige innere <lb/>
         Lage, chronische Anstrengungen zur Befreiung und unaufhörliche Kon- <lb/>
         flikte, gegen welche die auf dem Balkan herrschenden Länder (d.h. <lb/>
         die siegreichen Länder, die von der Länderbeute Nutzen gezogen ha- <lb/>
         ben), mit Knüppel und Säbel wüten, und die sie durch eine Gesetzgebung <lb/>
         der Erstickung niederzuhalten suchen. Derartige Regierungen haben nicht <lb/>
         die Aussicht auf Dauerhaftigkeit. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Kriegsglück nach der Niederlage Österreichs, Bulgariens und der <lb/>
         Türkei hat das kleine Serbien, das nicht einmal drei Millionen Einwoh- <lb/>
         ner hatte, zu Jugoslawien gemacht, das'nun vierzehn Millionen Einwohner <lb/>
         zählt. Man hat ihm außer der Hälfte Mazedoniens, Kroatien, Slawonien, <lb/>
         Bosnien und Montenegro einverleibt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Von all diesen neuen Provinzen ist Kroatien die reichste und am <lb/>
         meisten entwickelte. „Nach allgemeiner Ansicht“, berichtet M. NEMA- <lb/>
         NOFF in einem Artikel, den er im Jahre 1923 nach einer Studienreise <lb/>
         durch diese Gegenden veröffentlicht hat, „war die österreichische Ver- <lb/>
         waltung, die bis dahin funktioniert hatte, verhältnismäßig anständig, <lb/>
         korrekt, der Bevölkerung zugänglich und handelte soviel wie möglich <lb/>
         gesetzlich.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Anstatt mit Rücksicht und mit Klugheit vorzugehen, behandeln die . <lb/>
         Serben diese Provinzen als eroberte Länder, ohne irgend welche Scho- <lb/>
         nung, indem sie ihre teuersten Überlieferungen vor den Kopf stoßen,
        <pb facs="#f0089" n="87"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         (die Slowaken sind Katholiken, viele Bosnier sind Muselmänner): Die <lb/>
         serbische Verfassung, genannt die Verfassung von Widowden, verord- <lb/>
         nete eine sofortige und summarische Zentralisation in dem ganzen Ge- <lb/>
         triebe, und alle Beamten kamen aus dem alten Serbien und aus Belgrad. <lb/>
         Die Annexionen brachten „die balkanischen Methoden“ zur Anwendung, <lb/>
         überschütteten die neuen Territorien mit arroganten kleinen Tyrannen, <lb/>
         die grobschlächtig und oft käuflich waren, und das Ergebnis war, daß <lb/>
         die friedliche Bevölkerung, die feiner gebildet war als ihre Sieger, ver- <lb/>
         letzt wurde. </p>
      <p>
        <lb/>
         STEPHAN RADITSCH, der Leiter des kroatisch-bosnischen Blocks, er- <lb/>
         klärte zu jener Zeit: „Wir sind Republikaner und Föderalisten, die Ser- <lb/>
         ben sind Monarchisten und Zentralisten. Wir haben eine andere Psycho- <lb/>
         logie, eine andere Geschichte und andere Sitten... Wir sind immer die <lb/>
         Verlängerung Europas nach Osten hin gewesen, der Vortrupp der euro- <lb/>
         päischen Kultur, und jetzt will man aus uns die Verlängerung des Ostens <lb/>
         gegen den Westen machen, den Nachtrab der Balkan-Wildheit.* </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Wahlen, die auf der „Plattform des Kampfes gegen den serbi- <lb/>
         schen Zentralismus“, der durch PASCHITSCH repräsentiert wurde, statt- <lb/>
         fanden, erbrachten für diesen 108 Mandate auf 310. In allen neu ange- <lb/>
         schlossenen Provinzen triumphierten die Föderalisten vollständig, und <lb/>
         RADITSCH konnte über 114 Mandate verfügen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Grundlage des von RADITSCH personifizierten Irredentismus war <lb/>
         die Neugestaltung Jugoslawiens auf Grund von föderativen Prinzipien, <lb/>
         die jedem der das Reich bildenden Teile, mit Einschluß des alten Ser- <lb/>
         biens, eine gleiche Stellung innerhalb des Ganzen geben sollten: „Wir <lb/>
         verlangen, daß der jugoslawische Staat unser Haus für uns alle und <lb/>
         nicht ein Gefängnis sein soll.“ Aber seitdem hat sich RADITSCH, wie <lb/>
         wir gesehen haben, mit PASCHITSCH verbündet. und ist in die Zentral- <lb/>
         regierung eingetreten, und zwar um den Preis von Zugeständnissen, die <lb/>
         einer Aufgabe der Prinzipien gleichkommen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Rumäniens Gebiet und Bevölkerung hat sich infolge des Weltkrieges <lb/>
         verdoppelt. Ein ungeheurer Kreis neuer Provinzen umgibt den Kern <lb/>
         des „alten Rumäniens“: Die Dobrudscha, Beßarabien, die Bukowina, <lb/>
         Transsylwanien, das Banat. Die Bevölkerung Rumäniens zählt augen- <lb/>
         blicklich mehr als ein Drittel nicht-rumänischer Elemente. So steht diese <lb/>
         Nation hauptsächlich mit Ungarn und Rußland in dauerndem Kampf. Sie <lb/>
         bemüht sich durch militärische Okkupation, Deportation der Einwohner, <lb/>
         erbarmungslose Unterdrückung der traditionellen Bestrebungen und <lb/>
         Tendenzen und dadurch, daß sie die Hand auf die Schulen legt, die
        <pb facs="#f0090" n="88"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         mehr oder minder künstlichen Annexionen, von denen sie infolge des <lb/>
         Ausganges des Krieges profitiert hat, endgültig festzulegen. Eine Ge- <lb/>
         setzesvorlage untersagt den Nicht-Rumänen den Unterricht ihrer Mutter- <lb/>
         sprache in den Schulen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In der Bukowina sind so 160 000 Kinder behindert, ihre Studien zu <lb/>
         machen. Selbst rumänisch verstehende Studenten sind an der Universi- <lb/>
         tät von Czernowitz nicht zugelassen worden. Vier Berufsschulen wur- <lb/>
         den geschlossen, weil sie von Ukrainern gegründet waren. Die Eisen- <lb/>
         bahn, die Gerichts- und Verwaltungsbehörden bedienen sich befehls- <lb/>
         gemäß nur des Rumänischen, obgleich 68 Prozent der Bevölkerung diese <lb/>
         Sprache nicht verstehen.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Ein Befehl aus Bukarest vom Jahre 1926 verordnet, daß nur die rumänische Sprache <lb/>
           in öffentlichen Versammlungen gebraucht werden darf, was tatsächlich einem Verbot <lb/>
           dieser Versammlungen in den annektierten Landbezirken gleichkommt. </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Die städtische Selbstverwaltung ist aufgehoben. Die durch die Re- <lb/>
         gierung ernannten Verwalter ersetzen die von der Bevölkerung erwählten <lb/>
         Beamten. Die Einrichtung der Fron ist wieder eingeführt worden, ebenso <lb/>
         sind es die willkürlichen Requisitionen und Kontributionen. In den Grenz- <lb/>
         bezirken gestattet der Vorwand des Schmuggels den Gendarmen, die <lb/>
         Händler und Bauern auszuplündern. Der Belagerungszustand ist seit <lb/>
         der Okkupation nicht wieder aufgehoben worden. Die Löhne der Ar- <lb/>
         beiter belaufen sich auf 40% der Vorkriegslöhne. In den weltverlorenen <lb/>
         Karpathendörfern kommt es noch vor, daß man die Bauern öffentlich <lb/>
         auspeitscht. Friedliche Bürger sind Banditen geworden — um sich zu <lb/>
         rächen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In dieser selben Bukowina ist die Agrar-Reform ein Kolonisations- <lb/>
         unternehmen geworden, welches die eingeborene Bevölkerung zur Aus- <lb/>
         wanderung zwingt. Nach einer rein politischen Annexion, die in schreien- <lb/>
         dem Widerspruch zu dem im Jahre 1919 feierlich erklärten Willen der <lb/>
         Bukowiner steht, hat es sich die rumänische Besitzergreifung zum Vor- <lb/>
         satz gemacht, nicht nur die „nationale“ Sprache und Seele in dem gan- <lb/>
         zen Lande auszutilgen, sondern auch noch es von der eingeborenen <lb/>
         Bevölkerung durch die Verfolgung leer zumachen und diese Bevölkerung <lb/>
         durch Beamte zu ersetzen, denen’man das Land zuwendet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In der Dobrudscha, die früher zu Bulgarien gehörte, haben 35000 <lb/>
         Einwohner die Heimat verlassen müssen. Die Zentralregierung behin- <lb/>
         dert, wie es scheint, absichtlich in dieser Provinz die ökonomische und <lb/>
         kulturelle Entwicklung. Die Schulbauten sind enteignet, die bulgarischen <lb/>
         Dorfschulen geschlossen worden; die Landessprache ist überall ausge-
        <pb facs="#f0091" n="89"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         schlossen worden. Zu diesen summarischen Angleichungsprozeduren <lb/>
         kommen die Ausplünderung der Bevölkerung durch die rumänischen <lb/>
         Beamten, die Grausamkeiten und Belästigungen, die sich — man möchte <lb/>
         sagen — zum Zwecke der Provokation und behufs Rechtfertigung harter <lb/>
         Vergeltungsmaßregeln sowie der Militärherrschaft vervielfältigen, hinzu. </p>
      <p>
        <lb/>
         In bezug auf die Dobrudscha ist letzthin unter dem Vorsitz TATA- <lb/>
         RESKUs, des tatsächlichen Ministers des Innern in Rumänien, eine Kon- <lb/>
         ferenz in Bukarest abgehalten worden. Die offiziellen Entscheidungen <lb/>
         dieser Konferenz sind: Verstärkung der Gendarmerie und der Truppen <lb/>
         an der Grenze; Gesamt-Verantwortlichmachung der Dörfer im Falle von <lb/>
         Angriffen der Tschetas (Banden); des weiteren sind strenge Maßregeln <lb/>
         gegen alle Mitschuldigen der Komitatschis (der bewaffneten Separa- <lb/>
         tisten) beschlossen worden. Auf dieser Konferenz wurden andere ge- <lb/>
         heime Beschlüsse gefaßt, die aus einer unmittelbar nachher durch den <lb/>
         Präfekten von Silistria, TASCHKU PUTSCHEREA, den Urheber der Er- <lb/>
         mordung der fünf Bauern in 'Asfatköi im Jahre 1924, veröffentlichten <lb/>
         Verordnung erhellten. In dieser Verordnung heißt es: „Jeder, der einen <lb/>
         Banditen oder einen Komitatschi tötet, erhält eine Belohnung von <lb/>
         10000 Lei für den Kopf des getöteten Banditen oder Komitatschis.“ <lb/>
         Die gemäßigte Zeitung „Adeverul“, welche diese Mitteilungen bringt, <lb/>
         sieht darin mit vollem Recht Prämien auf den Mord: „Das heißt jedem <lb/>
         Beliebigen das Recht geben, einen Menschen zu verfolgen, ihn als Ban- <lb/>
         diten zu bezeichnen und ihn für eine Belohnung umzubringen, und zwar <lb/>
         ohne alle Formalitäten; die persönliche Auffassung desjenigen, dessen <lb/>
         Geschmack es ist, Menschenjäger zu werden, genügt.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Fügen wir hinzu, wie es viele Male vernünftige Beobachter anerkannt <lb/>
         haben, daß die Komitatschis einen breiten Rücken haben, und daß man <lb/>
         ihre Zahl nach Belieben durch Bekanntmachungen, behufs Rechtferti- <lb/>
         gung der gewaltsamen Angleichungsprozeduren, in jenen Gegenden <lb/>
         vermehrt, in denen die rumänische Kolonisation durch die Vertreibung <lb/>
         oder die Ermordung der eingeborenen Bevölkerung durchgesetzt wird, <lb/>
         und in denen das, was davon übrig bleibt, gezwungen wird, unentgelt- <lb/>
         lich zum Nutzen der bewaffneten Kolonisten zu arbeiten.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Am 22. Januar 1926 hat der Prozeß gegen 78 Bauern in Constanza begonnen. Sie sind <lb/>
           angeklagt, ein Komplott bulgarischer irredentistischer Komitatschis angestiftet zu haben <lb/>
           — obwohl es unter ihnen Türken gibt. Sie haben 11 Monate in Untersuchungshaft sit- <lb/>
           zen müssen, haben die Druckkosten einer umfangreichen Anklageschrift bezahlen müs- <lb/>
           sen, und einige unter ihnen sind derart geprügelt worden, daß Fetzen ihrer Kleider in <lb/>
           ihr Fleisch eingedrungen sind. </note>
      </p>
      <pb facs="#f0092" n="90"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Transsylwanien. </p>
      <p>
        <lb/>
         Am 1. Dezember 1925 waren sieben Jahre verstrichen, seit die Ru- <lb/>
         mänen Transsylwaniens, einer ungarischen Provinz, in Alba Julia ihren <lb/>
         Anschluß an das Königreich Rumänien beschlossen hatten, und aus An- <lb/>
         laß dieses Jahrestages gab es große Festlichkeiten, bei denen viele Re- <lb/>
         den gehalten wurden. Betrachten wir die Wirklichkeit durch die Worte <lb/>
         hindurch. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es gab im Dezember 1918 in Transsylwanien eine revolutionäre <lb/>
         Volksbewegung zu Gunsten der Unabhängigkeit, eine Bewegung, die <lb/>
         sich gleicher Weise auf Ungarn erstreckte. Die Führer der rumänischen <lb/>
         Mittelklasse hatten damals die Wahl: entweder die Revolution mit den <lb/>
         besiegten Ungarn gemeinsam zu machen oder sich der rumänischen <lb/>
         Armee zu unterwerfen, die schon von Osten her ins Land kam und aufs <lb/>
         Stärkste durch die Balkan-Armee der Entente unter dem Befehl des Ge- <lb/>
         nerals FRANCHET D’ ESPERAY unterstützt wurde. Sie zogen die An- <lb/>
         nexion durch Rumänien vor. Die Rumänen Transsylwaniens hatten, wie <lb/>
         üblich, ihren Anschluß von einer gewissen Anzahl von „demokratischen“ <lb/>
         Bedingungen abhängig gemacht, aber diese Klauseln wurden, wie eben- <lb/>
         falls üblich, immer weniger beachtet und endlich von Rumänien, das <lb/>
         sich auf seine Okkupations-Armee stützte, ganz und gar bei Seite ge- <lb/>
         schoben, und die „befreiten rumänischen Brüder“ wurden all ihrer <lb/>
         Freiheiten beraubt. Wie sich WOIWOD, der frühere rumänische Minister- <lb/>
         präsident, ausdrückte, wurde die Vereinigung „mit der Mistgabel“ voll- <lb/>
         zogen. Und die transsylwanischen Nationalisten sind dadurch jetzt dahin <lb/>
         gebracht worden, „das bittere Brot der Opposition zu essen“. Es ergibt <lb/>
         sich aus den in vollem Licht der parlamentarischen Verhandlungen durch <lb/>
         die Vertreter Transsylwaniens abgegebenen Erklärungen, daß die Sterb- <lb/>
         lichkeit auf dem Lande zunimmt, daß dort eine fortgesetzte Massen- <lb/>
         auswanderung stattfindet, daß, was die „Agrar-Reformen“ betrifft, von <lb/>
         530 000 Bauern nur 45 000 Land bekommen haben, daß die Industrie, <lb/>
         die in Transsylwanien stark entwickelt ist, und der Handel zurückgehen. <lb/>
         Die transsylwanischen Banken sind auf ein Zehntel ihrer Bedürfnisse <lb/>
         reduziert, während die rumänischen Banken reichlich unterstützt werden, <lb/>
         was den Bukarester Kapitalisten gestattet, ihre Hand auf die Unter- <lb/>
         nehmungen zu legen. Überall Arbeitslosigkeit, Stillstand der Arbeiten. <lb/>
         Die Riesenwerke von Reschitz, die ungefähr 8000 Arbeiter beschäf- <lb/>
         tigten, haben jetzt nicht mehr als 1200. Im Hausbau hat die Zahl der <lb/>
         unbeschäftigten Arbeiter 100% erreicht. In der Metallurgie erhob sich
        <pb facs="#f0093" n="91"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         der Prozentsatz von 40 zu 50 und 60%. 15 000 Holzarbeiter von 40 000 <lb/>
         sind arbeitslos. Der Achtstundentag ist außer Gebrauch gesetzt worden. <lb/>
         Die Gendarmen haben die Holzarbeiter gezwungen, zwölf Stunden zu ar- <lb/>
         beiten. Der Unterstützungsfond für die kranken Arbeiter ist nach Buka- <lb/>
         rest gebracht worden. In den Bergwerksbezirken werden Tausende von <lb/>
         Gehältern nicht bezahlt; der Alkoholismus blüht zu gleicher Zeit wie die <lb/>
         Hungersnot. In Transsylwanien und im Banat wie in Beßarabien hat <lb/>
         sich die Zahl der Schankstätten erstaunlich vermehrt (200% in 7 Jahren). <lb/>
         40 bis 50% der Schulen sind geschlossen worden, und die Schul- <lb/>
         räume, ebenso wie die zahlreichen Volkshäuser, sind beschlagnahmt <lb/>
         und militärischen Zwecken zugewendet worden. Der Belagerungszustand <lb/>
         wütet: Verhaftungen, Razzien und Wahlterrorismus. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der eingeborene rumänische Bauer leidet nicht weniger als die trans- <lb/>
         sylwanischen Minderheiten unter der Kolonisation, welche die Bauern <lb/>
         den Wucherern preisgibt. Man hört von Fällen, besonders im Komitat <lb/>
         Satumare, wo, in ungesunden Baracken zusammengepfercht, die Bauern <lb/>
         zum großen Teil Epidemien erlegen sind — der Rest ist entflohen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es gibt in Ungarn 150 000 transsylwanische Flüchtlinge, welche die <lb/>
         Militärdiktatur und die ökonomische Krise in Ungarn dem rumänischen <lb/>
         Terrorismus vorgezogen haben. Beamte, Erzieher, Angestellte, Rich- <lb/>
         ter haben für Ungarn optiert und hausen dort in Eisenbahnwagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Beßarabiens Rumänisierung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Beßarabien, das zu Rußland gehört hatte, ist durch die Entente zu <lb/>
         Rumänien gekommen. Diese Annexion einer russischen Provinz, die <lb/>
         ohne Zustimmung Rußlands, das doch kein feindlicher Staat war, erfolgt <lb/>
         ist, eine Zuteilung, die durch keinen zweiseitigen Vertrag sanktioniert <lb/>
         worden ist, ist ein in der zeitgenössischen Geschichte vielleicht allein- <lb/>
         stehender Willkürakt. Patriotische, rumänische Politiker, wie der Dr. <lb/>
         LUPU, die erklären, daß die beßarabische Bevölkerung im Grunde mol- <lb/>
         dauisch-rumänisch ist, sind dennoch der Ansicht, daß in dieser Sache <lb/>
         die Alliierten ihre Befugnisse überschritten haben, und daß es absolut <lb/>
         notwendig ist, die Zustimmung Rußlands zu erlangen, um eine derartige <lb/>
         Situation in Ordnung zu bringen. Wie dem auch sei, die „Entrussifizie- <lb/>
         rung“ Beßarabiens wird mit allen Mitteln fortgeführt. Beßarabien wird <lb/>
         wie eine rebellische Kolonie behandelt. Man verbietet die russische <lb/>
         Sprache. Spitzel richten dort sogenannte russische Komitees ein. Man <lb/>
         veranstaltet Massenmorde. TATARESKU hat COSTA FORU zugestanden,
        <pb facs="#f0094" n="92"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         daß in Beßarabien viel Blut vergossen worden ist, aber „daß es sein <lb/>
         mußte“. Nach der Bauern-Zeitung „Tsaranul“ haben die rumänischen <lb/>
         Besatzungs-Truppen von 1918 bis 1925 in Beßarabien 18 833 Menschen <lb/>
         getötet, u.a. 1918:3000, 1919:11000 (Erhebung in Khotine), 1924:2000 <lb/>
         (Tätar-Bunar). </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Rumänisierung Beßarabiens hat unsagbares Elend zur Folge ge- <lb/>
         habt. Alle diese Riesenflächen, auf denen der Wohlstand blühte, und <lb/>
         die belebt waren, gleichen jetzt Wüsten, welche vom Beginn der Welt <lb/>
         an nicht bebaut worden sind, und die neuesten Berichte von Reisenden, <lb/>
         welche durch die beßarabischen Ebenen gekommen sind, klingen ver- <lb/>
         zweiflungsvoll. Infolge von Ohnmacht oder Unfähigkeit oder aus wel- <lb/>
         chem Grunde sonst hat die Zentralregierung (man hat sie beschuldigt, <lb/>
         absichtlich die Ursachen der Unzufriedenheit aufrecht zu erhalten, um <lb/>
         die militärische Okkupation zu verlängern und zu verstärken) sehr wenig <lb/>
         getan, um dem Elend Beßarabiens abzuhelfen. Ich werde auf die Lage <lb/>
         Beßarabiens noch zurückkommen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das mazedonische Problem. </p>
      <p>
        <lb/>
         Dieses ist eine wirkliche Wunde im Herzen der Balkanländer. Dieses <lb/>
         große mazedonische Land, das so malerische und so außerordentlich <lb/>
         starke Züge der Rassen- und Seelen-Einheit zeigt, ist im Laufe vieler <lb/>
         historischer Epochen je nach den Siegen und Niederlagen der es um- <lb/>
         gebenden Völker zerstückelt worden. In der gegenwärtigen Periode, im <lb/>
         Juli 1913, hat König KONSTANTIN, um die hellenische Herrschaft in Süd- <lb/>
         mazedonien, wo die Griechen nur eine Minderheit, ungefähr 1/10, der Be- <lb/>
         völkerung bildeten, zu festigen, 161 bulgarische Dörfer mit 16 000 Häusern <lb/>
         und 70 000 Einwohnern, die ihr Leben nur durch die Flucht nach Bul- <lb/>
         garien retten konnten, den Flammen preisgegeben. Nach dem Frieden <lb/>
         wurden alle bulgarischen Kirchen (378), ebenso wie 340 von 19 000 <lb/>
         Schülern besuchte Schulen von den griechischen Behörden geraubt, und <lb/>
         300 Priester und 750 Lehrer wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Das- <lb/>
         selbe Schicksal traf übrigens die rumänischen Kirchen und Schulen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Heroisch war der Kampf, den die revolutionäre mazedonische Orga- <lb/>
         nisation von 1897 bis 1912 zur Befreiung Mazedoniens vom türkischen <lb/>
         Joch geführt hat. Aber nach dem ersten Balkankriege begingen Bulga- <lb/>
         rien, Serbien und Griechenland den Fehler, sich Mazedonien zu teilen. <lb/>
         Nach dem zweiten Balkankriege wurde das besiegte Bulgarien von der <lb/>
         Teilung so gut wie ausgeschlossen. Nach dem Weltkriege, an dem Bul-
        <pb facs="#f0095" n="93"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         garien in der Hoffnung teilnahm, Rumänien die Dobrudscha und Ser- <lb/>
         bien Mazedonien zu entreißen, mußte es endgültig alle seine Wünsche <lb/>
         zu Gunsten Serbiens und Griechenlands aufgeben. Erinnern wir uns, daß <lb/>
         der Vertrag von Neuilly Mazedonien in drei ungleiche Teile zerschnit- <lb/>
         ten hat: eine Hälfte wurde Jugoslawien zugeteilt, Griechenland erhielt <lb/>
         einen fast ebenso großen Teil, und der Rest — Petritsch mit Umgebung <lb/>
         — kam zu Bulgarien. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wem kommt von Rechts wegen Mazedonien zu? Hüten wir uns, in <lb/>
         bezug auf diese Frage, wenn man sie so stellt, Stellung zu nehmen. Das <lb/>
         Problem ist unlösbar. Es hat zu einer fabelhaften Menge von sich wi- <lb/>
         dersprechenden Plaidoyers Veranlassung gegeben. In Wirklichkeit ist <lb/>
         Mazedonien, dessen Sprache der bulgarischen nahe verwandt ist, maze- <lb/>
         donisch, und was es vor allem lebendig erhalten will, das ist seine Ein- <lb/>
         heit. Die Angleichung im Wege der Zerstückelung durch die Militär- <lb/>
         diktatur und Unterdrückung hat zwingend — wie zur Zeit der Türken <lb/>
         — die R.I.M.O. wieder belebt. Terror gegen Terror, das war das Er- <lb/>
         gebnis des Systems der chirurgischen Zentralisation. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das serbische Gesetz zur Sicherheit des Staates wurde gegen die Ma- <lb/>
         zedonier angewendet. Zu Tausenden bevölkerten die Aufständischen <lb/>
         oder die Verdächtigen die Gefängnisse. Die Dörfer mußten für die Kosten <lb/>
         der Einquartierung der Okkupations-Truppen aufkommen. Überall <lb/>
         nahm man Geiseln. Man deportierte die Bevölkerung ganzer Dörfer, <lb/>
         wie die von Strumnya im Jahre 1924. Manchmal wurde die Hälfte der <lb/>
         Dorfbewohner ausgerottet, und der Schrecken verursachte die Flucht <lb/>
         der übrigen von Haus und Hof. Alle Zeitungen, welche diese Tatsachen <lb/>
         berichtet haben, sind wegen Attentats auf die Sicherheit des Staates <lb/>
         verboten worden. Auch dort erfolgte die Entnationalisierung durch ge- <lb/>
         waltsame Ausrottung der Sprache und durch brutale Unterdrückung. <lb/>
         Die Griechen haben nach dem Erlaß einer Verordnung, welche die Er- <lb/>
         öffnung von Minderheitsschulen unter gewissen drakonischen Bedin- <lb/>
         gungen gestattete, ein lächerliches Lesebuch geschaffen, das man dort <lb/>
         unten den Kindern in die Hände gegeben hat, und das eine Mischung <lb/>
         aus in lateinischen Buchstaben geschriebenem Griechisch und Bulgarisch <lb/>
         ist, und das die Schullehrer beauftragt sind, gewaltsam in die Köpfe der <lb/>
         Schüler einzuprägen.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Ein Schüler von zwölf Jahren namens POPOFF, der sich in der Hitze der Erho- <lb/>
           lung hatte gehen lassen, einige Worte in bulgarischer Sprache zu äußern, wurde von <lb/>
           dem Lehrer von Konomladi gefaßt, der ihm den Kopf mit dem Rasiermesser zerfetzte. <lb/>
           Das Kind erlag seinen Verletzungen. („La Macedoine Libre“ vom 15. 4. 1926.) </note>
      </p>



      <pb facs="#f0096" n="94"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Es steht fest, daß in vielen Fällen die Deportation der mazedonischen <lb/>
         Bevölkerung weder durch irgend eine Meuterei noch sonst eine auf- <lb/>
         rührerische Unternehmung begründet war, sondern daß sie einfach in <lb/>
         Ausführung eines planmäßigen Systems erfolgte und fortgesetzt wurde, <lb/>
         um griechischen Flüchtlingen, besonders solchen aus Klein-Asien, Platz <lb/>
         zu schaffen. In Massen haben die Mazedonier, da sie in die Unmöglichkeit <lb/>
         versetzt waren, auf ihren Feldern zu leben, auswandern und nach Bul- <lb/>
         garien flüchten müssen. Bulgarien, das durch sechs Kriegsjahre und drei <lb/>
         Niederlagen verarmt, in territorialer Hinsicht durch die Verträge ver- <lb/>
         stümmelt und auf 5 Millionen Einwohner reduziert worden ist, beher- <lb/>
         bergt gegenwärtig eine ansehnliche Anzahl mazedonischer und thra- <lb/>
         zischer Flüchtlinge: ungefähr 400 000, hat mir KOSTURKOFF gesagt, <lb/>
         500 000, hat mir der Präsident des mazedonischen Hilfskomitees ver- <lb/>
         sichert. Die wirtschaftliche Verwirrung, die durch diesen Massenzufluß <lb/>
         von bis zum Äußersten entblößten Menschen hervorgerufen ist, schädigt <lb/>
         aufs Schwerste die nationale Entwicklung und ihr Gleichgewicht. 32 0000 <lb/>
         Flüchtlinge, so unterrichten uns die Zeitungen, sind hilfsbedürftig, und <lb/>
         unter ihnen befinden sich im Zustand der äußersten Hilflosigkeit 70 000 <lb/>
         Personen, von denen 20 000 Kinder sind. Der Balkanwinter mit seinen <lb/>
         18—20 Grad Frost dringt durch die Holzbaracken der Quarantaine von <lb/>
         Swilengrad, der ersten Station des Leidensweges der Vertriebenen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Anderweit, an der Küste des Schwarzen Meeres, haben 40 000 ver- <lb/>
         bannte Familien nicht die Mittel zum Ankauf von Handwerkszeug: 15000 <lb/>
         "leben in kleinen Hüttchen, 25000 sind ohne Obdach. </p>
      <p>
        <lb/>
         VANDERVELDE hat mit Recht die Massenauswanderung der Mazedo- <lb/>
         nier einen „europäischen Skandal“ genannt. Diese Bezeichnung ge- <lb/>
         brauchte auch LUCIEN CRAMER, ein Mitglied des Komitees vom Roten <lb/>
         Kreuz, der im Auftrage des Roten Kreuzes durch Mazedonien gereist ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         In den annektierten bulgarischen Gebietsteilen von Zaribrod, Bos- <lb/>
         silegrad und anderen ist die Lage ebenso tragisch wieim serbischen Ma- <lb/>
         zedonien. Der serbische Kapitän STANKOWITSCH hat erklärt, „daß er <lb/>
         die Grenzen mit bulgarischen Leichen verbarrikadieren würde“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das verwüstete Thrazien. </p>
      <p>
        <lb/>
         Was in Mazedonien geschieht, geschieht ebenso in Thrazien. Thrazien, <lb/>
         das auch ein geographisches Ganzes ist, ist durch die Sieger im großen <lb/>
         Kriege willkürlich in drei Stücke geteilt worden:der Westen wurde Grie- <lb/>
         chenland gegeben, der Osten der Türkei und ein kleiner Teil nur Bul-
        <pb facs="#f0097" n="95"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         garien. Wie in Mazedonien überwiegt das bulgarische Element auch in <lb/>
         Thrazien, und das Werk der Entnationalisierung hat auch dort den Er- <lb/>
         folg, das Land in eine Wüste zu verwandeln. Süd-Thrazien, wohin seit un- <lb/>
         vordenklichen Zeiten die bulgarischen Hirten herabstiegen, und die <lb/>
         thrazischen Häfen des Ägäischen Meeres sind im Zustand stockenden <lb/>
         Lebens. Die griechischen Behörden sind, indem sie sich auf einen un- <lb/>
         geschickt abgefaßten Vertrag, genannt das Übereinkommen der frei- <lb/>
         willigen Auswanderung, stützen, dazu gelangt, die Bulgaren in Thra- <lb/>
         zien fast vollständig auszurotten. Im Jahre 1922 haben sie 2000 Familien <lb/>
         nach den Inseln verschickt, wo 3000 Personen umgekommen sind. Als <lb/>
         eine interalliierte Untersuchung, die unter den obwaltenden Umständen <lb/>
         Garantien der Unparteilichkeit bieten konnte, in betreff der behördlichen <lb/>
         Maßregeln in Thrazien geführt wurde, ist festgestellt worden, daß fried- <lb/>
         liche Bauern umgebracht worden sind, ohne daß irgend eine räuberische <lb/>
         oder rebellische Handlung diese Massenmorde gerechtfertigt hätte. In <lb/>
         den Bezirk von Burgas sind 69000 thrazische Flüchtlinge geflohen, von <lb/>
         denen 21000 infolge von Entbehrungen gestorben sind. </p>
      <p>
        <lb/>
         Montenegro aus der Reihe der Nationen <lb/>
         gestrichen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Vor dem großen Kriege war Montenegro eine Nation, eine Persönlich- <lb/>
         keit des internationalen Rechts. Jetzt ist es nicht mehr als ein Teil des <lb/>
         serbisch-kroatisch-slowenischen Staates: Jugoslawiens. Warum? Das <lb/>
         Sonderbare an dieser Annexion ist, daß Montenegro sich schon bei <lb/>
         Beginn des Krieges an die Seite der Alliierten gestellt hat. Das monte- <lb/>
         negrinische Heer hat unter den größten Opfern während der düsteren <lb/>
         Tage des Jahres 1916 den serbischen Rückzug gedeckt, und wenn mein <lb/>
         Gedächtnis mich nicht täuscht, hat POINCARE Montenegro als „den klein- <lb/>
         sten und tapfersten unserer Bundesgenossen“ bezeichnet. Auf der Pa- <lb/>
         riser Konferenz im Jahre 1919 war Montenegro in der Liste der Staaten <lb/>
         verzeichnet, die an den Verhandlungen teilnehmen sollten. Aber es ist <lb/>
         an der Teilnahme verhindert worden, und nach schmachvollem und be- <lb/>
         klagenswertem Schacher, dem üblichen Verfahren in der grandiosen <lb/>
         internationalen „Küche“, für das Frankreich in erster Reihe, dann Italien <lb/>
         und England die Verantwortung tragen, wurde Montenegro Serbien <lb/>
         ausgeliefert. Diese schreiende Verletzung des Völkerrechts, von dem <lb/>
         man soviel spricht, eine der auffallendsten von allen denen, die in un- <lb/>
         serer Zeit so häufig dagewesen sind, läßt sich durch nichts rechtfertigen. </p>
      <pb facs="#f0098" n="96"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Sie hat durchgesetzt werden können dank dem Mißkredit, in den die <lb/>
         herrschende Dynastie gefallen war, deren Sache man nicht ohne Hinter- <lb/>
         list als die dieses Landes mit der Seele voll glühenden Unabhängig- <lb/>
         keitsgefühls behandelt hat. Sie stützt sich auch dank der üblichen In- <lb/>
         szenierung auf den Beschluß einer Versammlung, die keine Berechtigung <lb/>
         hatte, die Nation zu vertreten und zu verpflichten, einer Versammlung, <lb/>
         welche Serbien gewaltsam zusammengebracht hatte, und welche diese <lb/>
         Entschließung unter der militärischen serbischen Besetzung und unter <lb/>
         dem Druck der Bajonette gefaßt hat. Die serbischen Besatzungstruppen <lb/>
         standen unter dem Oberbefehl des französischen Generals VENEL. In- <lb/>
         folge der Vornahme dieser Annexion brach unter den montenegrini- <lb/>
         schen Bergbewohnern eine heftige Revolte aus. Der Aufruhr wurde <lb/>
         blutig unterdrückt. 95% des montenegrinischen Landbesitzes wurden <lb/>
         ausgeplündert und verwüstet. 5000, oft mit menschlichen Wesen gefüllte <lb/>
         Häuser wurden verbrannt. Man hat Männer und Frauen mit nicht-vor- <lb/>
         stellbarem Raffinement hingerichtet: auf Frauen ließ man tollwütige <lb/>
         Katzen los, bohrte ihnen Dornen unter die Nägel, „verdächtige“ Offi- <lb/>
         ziere wurden verhaftet und derart gefoltert, daß die Sektion ergab, daß <lb/>
         ihnen verschiedene Rippen gebrochen und die Nieren zerrissen waren; <lb/>
         schwangeren Frauen wurde der Bauch aufgeschlitzt u.s. w.. Es sind <lb/>
         massenhaft Postkarten in Umlauf gesetzt worden, die Bilder von Men- <lb/>
         schenjagden zeigen: Reihen von Märtyrern der nationalen Unabhängig- <lb/>
         keit hingestreckt vor den serbischen Bataillonen. Der Völkerbund hat <lb/>
         den Beschwerden Montenegros das taube Ohr gezeigt und gab ernst- <lb/>
         haft (nach dem Bericht von PAUL MANTOUX) als Grund seiner Haltung <lb/>
         an, daß „niemand als legitimiert zur Vertretung des Landes anzusehen <lb/>
         gewesen sei“, und daß es „unmöglich gewesen sei, die Wahrhaftigkeit <lb/>
         der von den Montenegrinern geäußerten Ansichten nachzuprüfen“. </p>
      <p>
        <lb/>
         STEPHAN RADITSCH und die 70 kroatischen Abgeordneten des Bel- <lb/>
         grader Parlaments hatten vor zwei Jahren, am 1. Mai 1924, eine Adresse <lb/>
         an die Montenegriner gerichtet, die folgende Sätze enthält: </p>
      <p>
        <lb/>
         „Wir Kroaten haben auf den schönsten Blättern unserer Literatur <lb/>
         Montenegro einen majestätischen Altar der Freiheit in dem wunder- <lb/>
         baren Tempel der Gottesschöpfung genannt. Wir haben von Euch Monte- <lb/>
         negrinern verkündet, daß Ihr nicht nur das Ideal des Heroismus repräsen- <lb/>
         tiert, sondern auch das echte Beispiel der Gradheit und Anständigkeit <lb/>
         seid. Wir Kroaten, wir bekämpfen den Belgrader Zentralismus und die <lb/>
         Korruption von PASCHITSCH, besonders weil sie mit ihrem unreinen <lb/>
         Handeln den Tempel der montenegrinischen Freiheit zerstören, weil sie
        <pb facs="#f0099" n="97"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Euch mit Wildheit verfolgen und weil sie Euch teuflisch martern. Selbst <lb/>
         wenn der Belgrader Zentralismus nichts anderes Schlimmes getan <lb/>
         hätte, als schändlich und mit Wildheit den Stolz, die Ehre und die Frei- <lb/>
         heit Montenegros mit Füßen zu treten und die Tscherna-Gora in einen <lb/>
         Ort des Schreckens zu verwandeln, könnten wir Kroaten uns niemals <lb/>
         mit so abscheulichen Verbrechern versöhnen!“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Keine der großen siegreichen Mächte, mit Ausnahme der Vereinigten <lb/>
         Staaten — vorübergehend, während der Anwesenheit des Präsidenten <lb/>
         Wilson —, hat sich jemals Montenegros angenommen. Im übrigen hat <lb/>
         allein Sowjet-Rußland offiziell gegen die Versklavung der Schwarzen <lb/>
         Berge bei den internationalen Konferenzen, an denen es teilgenommen <lb/>
         hat, protestiert. Die öffentliche Meinung hat sich zum Teil, in Kanada, <lb/>
         Norwegen und Holland, über das unbillige Schicksal des kleinen Landes <lb/>
         erregt, und selbst in der englischen und italienischen Presse hat sich ge- <lb/>
         legentlich ein Protest vernehmen lassen. In Frankreich nichts. Die Gleich- <lb/>
         gültigkeit Frankreichs geht den montenegrinischen Patrioten ganz be- <lb/>
         sonders zu Herzen; sie hatten sich gewöhnt, unser Land als einen stets <lb/>
         bereiten Hort der Verteidigung unterdrückter Freiheit zu betrachten, <lb/>
         und man liest in der Zeitung „Crnogorac“ in Podgoritza bittere Be- <lb/>
         trachtungen anläßlich des Jahrestages der Erstürmung der Bastille, der <lb/>
         von dem französischen Volke mit Feuerwerk und Proklamationen ge- <lb/>
         feiert wurde, diesem Volk, das gezähmt und geblendet durch seine <lb/>
         Plutokratie und seine großen Geschäftsmänner mit voller Überlegung <lb/>
         die „großen Symbole von ehemals“ verwirft und sich von den Uhter- <lb/>
         drückten abwendet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich erwähne endlich, damit es nicht vergessen wird, daß auch das <lb/>
         schwierige Problem Albaniens besteht, dieses im Prinzip unabhängigen <lb/>
         Landes, das zu kolonisieren Italien offiziös trachtet, indem es sich <lb/>
         dort „Rechte“ schafft, und das wohl auch von Jugoslawien begehrt wird. </p>
      <p>
        <lb/>
         In all dem liegt eine flagrante und mit bestialischer Gewalt vollführte <lb/>
         Verletzung eines der heiligsten Menschenrechte: des Rechts der Men- <lb/>
         schen, ihr Leben zu leben, geboren zu werden und fortzuleben, wie es <lb/>
         ihre Vorfahren getan haben, in der Umgebung, die ihnen zukommt und <lb/>
         die sie gebildet hat. Es ist immer eine bedenkliche Tat, die viel Unge- <lb/>
         rechtigkeit und Unglück nach sich ziehen muß, sich an der ethnischen <lb/>
         Persönlichkeit einer Menschengemeinschaft zu vergreifen. Die land- <lb/>
         schaftlichen, moralischen und geistigen Züge eines im Laufe der Zeit ent- <lb/>
         standenen Ganzen, die Umgebung, die Umstände tun nicht an und für <lb/>
         sich den höheren Prinzipien übernationaler Einrichtungen Abbruch.
        <pb facs="#f0100" n="98"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Wenn die große Gesellschaft der Lebenden gut geordnet wäre, so würden <lb/>
         diese Züge bewahrt und nicht vernichtet werden und könnten sich in <lb/>
         dem Rahmen der Gesamtbeziehungen frei entwickeln. Es ist selbstver- <lb/>
         ständlich, daß die politische Einigung der einzelnen Völkerschaften eine <lb/>
         große Idee ist, die deren Interesse und infolgedessen dem menschlichen <lb/>
         Fortschritt entspricht, und daß man nicht ernsthaft daran denken könnte, <lb/>
         in dem ungeheuren Gemisch des gegenwärtigen Lebens die einzelnen <lb/>
         Teile hermetisch gegen einander abzuschließen. Aber schließlich vollzieht <lb/>
         sich diese schicksalsgemäß notwendige Vereinigung und Zentralisation <lb/>
         ganz und gar zum Wohle der Bevölkerungen und nicht künstlich im aus- <lb/>
         schließlichen Interesse einer einzelnen, überernährten Nation, im Gegen- <lb/>
         satz zu den anderen. Mit gutem Recht haben in alten Zeiten diese hohen <lb/>
         Prinzipien des Gleichgewichts und der Billigkeit ganz Italien gegen die <lb/>
         privilegierte Vorherrschaft Roms in jenem sozialen Kriege, den MARIUS <lb/>
         und SULLA gewaltsam beendeten, erregt. JAURES hat mit Recht ausge- <lb/>
         rufen, daß „die Nationalität die Schatzkammer des menschlichen Ge- <lb/>
         schlechts und des Fortschritts“ ist. Aber ungeachtet aller Sophismen <lb/>
         erlangt die „Nationalität nicht ihren wahrhaften Charakter und kann <lb/>
         sich nicht vollständig entwickeln, außer wenn sie entwaffnet und frei in <lb/>
         ein Ganzes eingefügt ist“. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das stärkste Zeichen der ethnischen Persönlichkeit ist ihre Sprache. <lb/>
         Die Menschen sind durch zahlreiche künstliche Hemmnisse geschieden, <lb/>
         die eine vernünftige Organisation der, Gemeinschaft hinwegräumen kann <lb/>
         — und durch ein einziges wirklich tiefes Hindernis: die Verschieden- <lb/>
         heit der Sprache. Es gibt in der Welt keine Fremden, außer durch die <lb/>
         Sprachen. Aber dieses Hindernis steht einer wirklichen, dem allgemei- <lb/>
         nen Interesse entsprechenden politischen Organisation nicht mehr ent- <lb/>
         gegen als das berechtigte Bedürfnis nach Freiheit. Eine auf den Prinzi- <lb/>
         pien des gemeinsamen Nutzens beruhende Gesellschaft, die bis jetzt <lb/>
         kaum ins Werk gesetzt worden ist, d. h. eine Gesellschaft, die keine an- <lb/>
         dere Berechtigung ihres Bestehens hätte als in dem Wohl ihrer Mitglie- <lb/>
         der und nicht, wie es jetzt ist, in den Begierden des Stärksten, würde <lb/>
         zweifellos von selbst und in „natürlichem“ guten Willen die Ver- <lb/>
         einigung der Sprachen erstreben, die zur Erleichterung des öffentlichen <lb/>
         Lebens wünschenswert ist. Vielleicht wird die Zukunft die Lösung des <lb/>
         Problems in seinem ganzen logischen Umfange bringen, miteiner Mensch- <lb/>
         heit, die gleichzeitig eine lokale Sprache in jedem ihrer großen Zentren, <lb/>
         und eine allgemeine Sprache, den höchst bewundernswerten Schlüssel <lb/>
         zum Internationalismus, benutzen wird. </p>
      <pb facs="#f0101" n="99"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Übrigens, und ohne die Grenzen: der Gegenwart zu überschreiten, <lb/>
         sehen wir, daß die ausgesprochene. Verschiedenheit der Sprachen, <lb/>
         die in der Schweiz geographisch neben einander bestehen, die nationale <lb/>
         Einheit und die politische Solidarität der Kantone nicht in Frage stellt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Aber nicht in diesem Geiste, das wissen wir wohl, vollzieht sich in <lb/>
         den Balkanländern die Angleichung der neuen Provinzen. Sie ist nur <lb/>
         eine hastige und brutale Verschlingung von Ländern und Bevölkerun- <lb/>
         gen durch junge gierige Staaten. In diesem Geist des Kampfes unter- <lb/>
         drücktman gewaltsam die Muttersprache und entwurzelt auf diese Weise <lb/>
         die Bewohner an Ort und Stelle. Diese Kriegsoperation wird in über- <lb/>
         stürzter Weise geführt aus Furcht, daß die Länderbeute und die leben- <lb/>
         dige Beute entwischen könnte. Sie ist also unsicher, immer provisorisch <lb/>
         und trägt den im Augenblick durch die Gewalt erstickten Keim der <lb/>
         Zerstörung in sich. Sie ist fluchwürdig. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Judenverfolgung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe bereits die großen Fortschritte angedeutet, die in Rumänien <lb/>
         von den antisemitischen Organisationen. gemacht sind. Die antisemiti- <lb/>
         schen Studenten haben vor nicht langer Zeit eine Expedition nach den <lb/>
         jüdischen Friedhöfen von Piatra Neamtz gemacht, wo sie die Grabdenk- <lb/>
         mäler umgestürzt, die Gitter ausgerissen und die Gräber beschmutzt <lb/>
         haben, und zwar unter dem Gesang der Mussolini-Hymne. Das dem <lb/>
         Büro des rumänischen Parlaments vorgelegte Gesetz ANGELESCU be- <lb/>
         droht mehr als eine Million Kinder mit der Entziehung des jüdischen <lb/>
         Religionsunterrichts. Man hat das jüdische Volkserziehungshaus in Bu- <lb/>
         karest geschlossen. Und man hat das ganze Komitee der Unterrichts- <lb/>
         vereinigung, alle Mitglieder mit einander; ins Gefängnis geworfen, da- <lb/>
         runter den Dichter MANGER, der gekommen war, um einen Vortrag zu <lb/>
         halten, und die Personen, die in der Bibliothek zu der Zeit lasen, als <lb/>
         die Polizisten einbrachen. Die Verfolgungen, deren Opfer die in den <lb/>
         Balkanländern zur Zeit lebende Minderheit ist, haben in Bulgarien <lb/>
         einen furchtbaren Umfang angenommen. Die Juden werden unter <lb/>
         Todesdrohungen durch das mazedonische Komitee ausgeplündert. Un- <lb/>
         bekannte erschlagen in den Straßen der'Städte die Juden und ihre Kin- <lb/>
         der, z. B. ASCHKENASY und seinen dreizehnjährigen Sohn, wenn sie sich <lb/>
         weigern, die besonderen Steuern zu Gunsten der mazedonischen Or- <lb/>
         ganisation zu zahlen. In Sofia hat die unter dem Befehl des Generals <lb/>
         SCHKOJNOFF stehende „Rodna Saschtita“ (Verteidigung des Vater-
        <pb facs="#f0102" n="100"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         landes) das Programm, dem Hass gegen die Fremden wirksame Formen <lb/>
         zu verleihen. Nach dem Attentat vom 16. April hatte man ihr für alle <lb/>
         ihre Unternehmungen die fortschrittlicher Ansichten verdächtigen Ar- <lb/>
         beiter und Angestellten preisgegeben. Die „Rodna Saschtita“ und <lb/>
         die Zeitung „Kubrat“ ereifern sich täglich gegen die Juden und provo- <lb/>
         zieren Pogrome. Der Kriegsminister WALKOFF und der Polizeiminister <lb/>
         RUSSEW haben in der Presse Erklärungen abgegeben, welche diese Pro- <lb/>
         vokationen begünstigten und Attentate und Hinrichtungen zur Folge <lb/>
         hatten.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Die von der Regierung anerkannte Union der rumänischen Juden hat am 17. Januar <lb/>
             1926 einen Aufruf an die Öffentlichkeit gerichtet, aus dessen Inhalt folgendes mitge- <lb/>
             teilt sei: </p>
          <p>
            <lb/>
             „Seit vier Jahren werden in den Universitäten, den höheren, mittleren und Volks- <lb/>
             schulen, an öffentlichen Orten, den Theatern, Konzerten, Restaurants, in den allgemei- <lb/>
             nen Verkehrsmitteln, auf der Straße oder in ihren Privatwohnungen die jüdischen <lb/>
             Mitbürger beschimpft und brutal behandelt, und sie müssen mit ansehen, wie ihre Güter <lb/>
             vernichtet werden. Seit vier Jahren hat man in zahlreichen Städten Synagogen und <lb/>
             Friedhöfe entweiht, Hunderte von Häusern verbrannt, Schäden im Betrage von meh- <lb/>
             reren Millionen angerichtet, und niemals sind die Täter verurteilt, ja sie sind nicht
            ein- <lb/>
             mal verfolgt worden.“ </p>
        </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Infolge des Elends und der Verfolgung flüchten die Bevölkerungen, <lb/>
         wie wir gesehen haben, in die Nachbarländer. Aber es gibt noch etwas <lb/>
         Schlimmeres: die planmäßige Entvölkerung, die gewisse Landstriche <lb/>
         vermittelst der Auswanderung in die weite Ferne, besonders nach Süd- <lb/>
         Amerika, leert. Man sieht „Auswanderungs-Agenten“, Spezial-Industri- <lb/>
         elle auf diesem Gebiet, Leute, die es sich zum Gewerbe gemacht haben, <lb/>
         Menschen durch betrügerische Mittel zur Auswanderung zu verleiten, <lb/>
         in Beßarabien, in der Dobrudscha, in Transsylwanien wie die Pilze aus <lb/>
         der Erde schießen und skandalöse Gewinne einheimsen, indem sie die <lb/>
         Verödung der Felder, denen es an Händen zur Arbeit fehlt, organisie- <lb/>
         ren, und zwar unter Duldung der Regierung, die diese Entvölkerung <lb/>
         mit freundlichen Augen betrachtet. Die massenhaft den Transport-Ge- <lb/>
         sellschaften und den überseeischen Pflanzern verkauften Landleute unter- <lb/>
         zeichnen Verträge, die sie ruinieren und versklaven. Im Laufe des Jahres <lb/>
         1925 wanderten 2961 Menschen nach den Vereinigten Staaten, 1909 <lb/>
         nach Kanada, 537 nach Argentinien, 14661 nach Brasilien und 1825 nach <lb/>
         Palästina aus. </p>
      <pb facs="#f0103" n="[101]"/>
      <p>
        <lb/>
         VI. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Rolle der Großmächte... und die unsrige. </p>
      <p>
        <lb/>
         Hier nun ergibt sich die Frage: Und die Großmächte? Was tun die <lb/>
         Großmächte? </p>
      <p>
        <lb/>
         Sie sind an der blutigen Unordnung auf dem Balkan, um nicht mehr <lb/>
         zu sagen, mitschuldig. Sie üben über die Balkanvölker eine Vorherrschaft <lb/>
         aus, die diese Völker auseinanderreißt und die sich dort an die Stelle <lb/>
         der alten Rivalität des russischen Reiches und Österreichs gesetzt hat, <lb/>
         die aber nicht weniger verderblich für jene Völker ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Frankreich, in England — und in Amerika — tut sich die mittlere <lb/>
         öffentliche Meinung auf Liberalismus und Voraussicht viel zugute. Es <lb/>
         liegt eine Übertreibung darin, soweit es sich um den Liberalismus han- <lb/>
         delt, ist aber ganz ungerechtfertigt hinsichtlich der Voraussicht. Man <lb/>
         muß die Dinge ansehen nicht wie man wünscht, daß sie sein sollten, <lb/>
         sondern wie sie sind. Und überdies, da man hier die Rolle Europas zu <lb/>
         beurteilen hat, so gilt das, was ich in bezug auf die südöstlichen Län- <lb/>
         der gesagt habe, auch für die unseren: man darf eine Nation weder mit <lb/>
         den einzelnen Persönlichkeiten noch auch mit den Regierungen verwech- <lb/>
         seln, die tatsächlich ihre innere und äußere Politik bestimmen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die schwere, erdrückende und unablässige Einmischung der Groß- <lb/>
         mächte auf der Balkan-Halbinsel, die sie soundso oft willkürlich zurecht- <lb/>
         geschnitten haben, ist die Folge politischer Ziele, welche sich diese <lb/>
         Mächte gesteckt haben, und nimmt nicht das Interesse der Balkan-Völker <lb/>
         wahr — und noch weniger ist sie im Interesse des allgemeinen Friedens. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Gründe, welche England, Frankreich und Italien veranlassen, in <lb/>
         diesen Teil des alten Kontinents sich einzumischen, bestehen darin, daß <lb/>
         sie zu kolonisieren wünschen, und zwar wirtschaftlich und politisch. Es <lb/>
         handelt sich für jedes Land darum, „die Interessen seiner Staatsange- <lb/>
         hörigen wahrzunehmen“, recht verstanden: dort Fuß zu fassen, Unter- <lb/>
         nehmungen zu gründen und zu leiten, Land und Volk aufs Äußerste <lb/>
         auszubeuten, dort Interessensphären zu schaffen und sich auszubreiten. <lb/>
         Fügen wir hinzu: Kombinationen für militärische Bündnisse und wirt-
        <pb facs="#f0104" n="102"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         schaftliche Propaganda zu machen. Das moderne offizielle Evangelium <lb/>
         „des Rechts und der Zivilisation“ ist der größte Betrug aller Zeiten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist ganz klar, daß die Zerwürfnisse, welche diese zerstückelten und <lb/>
         gezähmten Länder zerreißen, nicht, die europäischen Folgen haben <lb/>
         würden, die sie haben, wenn die Großmächte sich nicht so tief in die <lb/>
         Angelegenheiten dieser Länder eingemischt und sich nicht durch <lb/>
         ihre Begierden und Intrigen gebunden hätten, wenn die Balkanländer <lb/>
         nicht die Einsätze in dem Spiel wären, welches London, Paris und Rom <lb/>
         auf dem breiten dreieckigen Schachbrett spielen — nach Maßgabe des <lb/>
         Gesetzes des Stärkeren und unter vollständiger Nichtachtung des <lb/>
         Selbstbestimmungsrechts der Bevölkerung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man weiß, daß, um den status quo der durch die Verträge von Ver- <lb/>
         sailles, von Trianon und von Neuilly neu geschaffenen Balkan- und <lb/>
         Donau-Staaten um jeden Preis aufrecht zu erhalten, die Regierungen der <lb/>
         Tschecho-Slowakei, Jugoslawiens und Rumäniens durch die Entente ge- <lb/>
         nötigt worden sind, einen Vertrag zu schließen, den man die kleine En- <lb/>
         tente genannt hat. Aber die Schwäche dieser unter Vormundschaft ste- <lb/>
         henden Allianz hat sich klar erwiesen. Die drei verbündeten Länder <lb/>
         haben andere Sonderbündnisse geschlossen: Jugoslawien mit Italien, <lb/>
         die Tschecho-Slowakei mit Frankreich ; dazu kommen die Verständigung <lb/>
         zwischen der Tschechö-Slowakei und Italien, sowie die Abmachungen <lb/>
         zwischen Rumänien und Polen einerseits und zwischen Bulgarien und der <lb/>
         Türkei andererseits. Neue Kombinationen erscheinen am Horizont, die <lb/>
         von dem Westen dem Osten zugetragen werden: Schaffung einer Tripel- <lb/>
         Allianz zwischen Jugoslawien, Griechenland und Rumänien, Erweiterung <lb/>
         der kleinen Entente durch den Eintritt Polens, Bildung einer Föderation <lb/>
         der Donaustaaten. Jede dieser Kombinationen wird, ich wiederhole es, in <lb/>
         den großen europäischen Ländern inspiriert. Das erstgenannte Bündnis <lb/>
         beruht auf einer Reihe von außerordentlich komplizierten politischen <lb/>
         Berechnungen und Kombinationen von Geschäften, die ihm alle Aus- <lb/>
         sicht auf Beständigkeit nehmen müssen. Der Eintritt Polens in die kleine <lb/>
         Entente könnte dieser nicht das Ansehen geben, das ihr fehlt. Was die <lb/>
         Donau-Föderation betrifft, so ist das ein Projekt, das von England aus- <lb/>
         geht, welches Land augenblicklich der wahre Herr auf dem Balkan ist <lb/>
         infolge der finanziellen Krise in Frankreich, die dieses Land so gut wie <lb/>
         unfähig macht, weiter neue Rüstungen zu bezahlen. Es wäre zum <lb/>
         Vorteil Englands, auf dem Wege eines Konsortiums die wirtschaftliche <lb/>
         Entwicklung Österreich-Ungarns zu begünstigen. Wir sprechen nicht von <lb/>
         der Idee der Mittelmeer-Entente, die von Italien zu seinem ausschließ-
        <pb facs="#f0105" n="103"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         lichen Vorteil gehätschelt wird.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Nach den Abmachungen von Locarno hat Frankreich sich, der Ausdrucksweise von <lb/>
             G. PERI zufolge, von seinen Vasallen in Zentral- und West-Europa abgeschnitten ge- <lb/>
             sehen, und seine Oberherrschaft ist in Frage gestellt. Es muß Stellung nehmen und <lb/>
             versuchen, die kleine Entente umzuformen. England und besonders: Italien, dessen <lb/>
             annexionistische Begierden sich außerordentlich klar zu enthüllen beginnen, sind emsig <lb/>
             bei dieser Arbeit. </p>
          <p>
            <lb/>
             Italien hat mit dem jugoslawischen Gesandten NINTSCHITSCH eine Vereinbarung <lb/>
             getroffen, welche den Endzweck hat, erst Rumänien und dann die übrigen Balkanstaaten <lb/>
             in seinen Machtbereich hineinzuziehen. </p>
          <p>
            <lb/>
             Die Nachricht von einem Vertrage zwischen MUSSOLINI und PANGALOS zwecks <lb/>
             eines militärischen Bündnisses und Kriegslieferungen ist verbreitet worden, ohne bis- <lb/>
             her offiziell bestätigt worden zu sein, und hat die britische Presse sehr erregt. </p>
          <p>
            <lb/>
             Die italienisch-albanesischen Verhandlungen, in deren Folge die albanesische Natio- <lb/>
             nalbank mit einer Majorität von italienischen Aktien gegründet, und ein Übereinkommen <lb/>
             betreffend eine Anleihe von fünfzig Millionen erzielt worden ist, werden Albanien <lb/>
             in wenigen Jahren an den Rand des Bankrotts bringen, und zwar mit Rücksicht auf die <lb/>
             ihm auferlegten Bedingungen: Es hat sich verpflichtet, diese fünfzig Millionen mit
            drei- <lb/>
             zehn Prozent zu verzinsen, beginnend mit dem Tage der Unterzeichnung und garantiert <lb/>
             durch sein Zolleinkommen. Die fünfzig Millionen aber werden nicht eher bezahlt, als <lb/>
             bis eine italienische Gesellschaft die Konzession zur Erneuerung der Straßen und Häfen. <lb/>
             erhalten hat: Binnen kurzem wird Italien eine absolute Kontrolle über Valona und die <lb/>
             übrigen Häfen ausüben können. Dieser den Interessen des Landes so klar zuwider- <lb/>
             laufende Vertrag ist dank einer enormen Bestechung des albanesischen Finanzministers <lb/>
             MUFID BEY LIBOHOWA zustande gekommen. Aus dieser Veranlassung gab es einen <lb/>
             Protest und einen Skandal in den beiden albanesischen Kammern, und es wurde die Ein- <lb/>
             leitung einer Untersuchung beantragt. Aber da MUFID BEY öffentlich: in zynischer. <lb/>
             Weise zugestand, daß er die „Provision“ mit dem Diktator ACHMED ZOGU selbst ge- <lb/>
             teilt hatte, wurde die Untersuchung seitens der Kammer auf unbestimmte Zeit verschoben.
          </p>
        </note> Diese gesamte Politik hat einen Cha- <lb/>
         rakter der Künstlichkeit; sie stützt sich auf Sonderinteressen und auf <lb/>
         Rücksichten der augenblicklichen Zweckmäßigkeit; sie bedient sich plötz- <lb/>
         licher, unvorbedachter Maßnahmen, je nach den Umständen, und kann <lb/>
         nur die dauernden Ursachen der Schwächung vermehren, unter der die <lb/>
         Vasallenstaaten auf der Halbinsel leiden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Balkan-Kontinent ist ein Kreuzungspunkt wichtiger Weltverkehrs- <lb/>
         straßen, und die Großmächte sind darauf aus, eine jede die andere dort mög- <lb/>
         lichst auszustechen. Es ist dort unten ein geographischer Ausschnitt der <lb/>
         Konkurrenz und des allgemeinen imperialistischen Kampfes, und unge- <lb/>
         achtet der schönen Beteuerungen und der feierlichen Zeremonien wird das <lb/>
         Balkan-Drama durch diese Vergewaltigung genährt und vergiftet. Wenn <lb/>
         die orientalische Frage in ihrem kritischen Zustand seit so langer Zeit <lb/>
         besteht, so liegt das daran, daß die Großmächte sie schaffen und <lb/>
         nach Belieben gestalten. Diese Großmächte haben nur allzu viele <lb/>
         Gründe von ihrem imperialistischen Gesichtspunkt aus, den Haß der <lb/>
         Rassen zu erhalten, wie sie es in so offenbarer Weise bei Beendigung <lb/>
         des Krieges von 1914 getan haben, indem siebesondere Dienste durch <lb/>
         willkürliche und aufreizende Zuteilungen von Land und durch Rüstungskre-
        <pb facs="#f0106" n="104"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         dite belohnten, indem sie verschiedenen Staaten scheinbare Rechte ver- <lb/>
         liehen, und indem sie Ungarn, Rumänien, Rußland, Jugoslawien, Bulga- <lb/>
         rien und die Türkei, das eine Land gegen das andere hetzten. Diese <lb/>
         Länder befinden sich in einem endemischen Kriegszustand, und es genügt <lb/>
         der geringste Zwischenfall, um Verwicklungen hervorzurufen. Im Laufe <lb/>
         des vergangenen Jahres ist die alte griechisch-türkische Feindschaft <lb/>
         wieder aufgelebt, dann drohte Krieg zwischen Bulgarien und Jugo- <lb/>
         slawien. Es ist noch nicht lange her, daß die Beziehungen zwischen <lb/>
         Griechenland und Jugoslawien wegen der Saloniki-Frage aufs Äußer- <lb/>
         ste gespannt waren. Zuguterletzt gab es den griechisch-bulgarischen <lb/>
         Konflikt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die große reaktionäre Politik. </p>
      <p>
        <lb/>
         Über den von jeder Macht auf dem Balkan verfolgten Ausbeutungs- <lb/>
         zielen zeichnet sich klar ein doppeltes weiteres Ziel ab, das sie alle im <lb/>
         Auge haben und zwar immer, wenn auch nicht offen, so doch tatsäch- <lb/>
         lich: der Kampf gegen Rußland, und die Organisation einer gegenrevo- <lb/>
         lutionären Unterdrückungsbewegung und, um die Dinge beim Namen <lb/>
         zu nennen, eines internationalen Faszismus. In der Welt haben die <lb/>
         Räuber, die auf den Thronen sitzen, ihre verschiedenen kleinen In- <lb/>
         teressen, aber ihre großen Interessen sind ihnen allen gemeinsam. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man muß mit Blindheit geschlagen sein oder wünschen es zu sein, um <lb/>
         nicht zu verstehen, daß der Kapitalismus und der Faszismus überall <lb/>
         auf der Erde Hand in Hand gehen. Der Faszismus ist das offiziöse In- <lb/>
         strument des Zwanges, der die allgemeine Reaktion unter zwei Formen <lb/>
         verteidigt und aufrecht erhält: die politische Form: die Regierungen der <lb/>
         konservativen Diktatur, die soziale Form: die Mächte des Geldes. Er <lb/>
         hat wie, EMIL KAHN geschrieben hat, zwei Kriegsziele: die Ergreifung <lb/>
         der Gewalt im Staat und die Ausbeutung der Arbeit. Eine haupt- <lb/>
         sächlich aus den unzufriedenen und verängstigten Mittelklassen stam- <lb/>
         mende Gendarmerie ist überall in der Entwicklung, sei es vorn auf <lb/>
         der Bühne, sei es in der Kulisse, inmitten der Länder des weißen Schrek- <lb/>
         kens dort unten und der Länder des „rosenroten Schreckens“, wie in <lb/>
         den unsrigen. Man hat nicht das Recht zu sagen, daß der Faszismus sich <lb/>
         nicht überall mit dem Imperialismus und mit der kapitalistischen Reak- <lb/>
         tion eins fühlt. Und man hat auch nicht das Recht zu sagen, daß er nicht <lb/>
         überall der gleiche ist, ungeachtet der verschiedenen Masken, die er <lb/>
         annimmt. Und überall zieht er Nutzen aus der Mitschuld oder aus dem <lb/>
         Entgegenkommen der bestehenden Gewalten. </p>
      <pb facs="#f0107" n="105"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Wundern wir uns nicht über das wachsende Ansehen, das in den öst- <lb/>
         lichen Mittelmeerländern MUSSOLINI, der augenblickliche Herr des schö- <lb/>
         nen Italiens, und Polizeipräfekt des weißen Europas, genießt. Aber wun- <lb/>
         dern wir uns auch des weiteren nicht darüber, wenn uns eines Tages <lb/>
         die gesamte Ansammlung der Begierden, der Vorbereitungen, der <lb/>
         Kombinationen und der Trompetenstöße den Krieg bringt, und lassen <lb/>
         wir nicht an jenem Tage heuchlerischer Weise die Verantwortung, die <lb/>
         alle tragen, auf einen Einzelnen fallen. Der Haß ist das dem Kapitalis- <lb/>
         mus zu Grunde liegende Prinzip, der Krieg ist seine Existenzberech- <lb/>
         tigung — im Äußeren wie im Inneren. Der Krieg ist gegenrevolutionär; <lb/>
         denn er führt zu gleicher Zeit die Völker irre und verschlingt sie. </p>
      <p>
        <lb/>
         Und muß man nicht über die Gefälligkeit erstaunen, mit der die Re- <lb/>
         gierungen der westlichen Länder die Handlungen und die Taten der <lb/>
         Mörderregierungen betrachten! Welches Echo findet eine Reihe von <lb/>
         weder abzuleugnenden noch zu verteidigenden Verbrechen in unseren <lb/>
         offiziellen Kreisen? Die größten Lobgesänge auf die Regierungen BRA- <lb/>
         TIANU und ZANKOFF-WALKOFF habe ich in den französischen Gesandt- <lb/>
         schaften gehört. Der Geschäftsträger der französischen Republik in Bu- <lb/>
         karest, JAPY, benahm sich dort königlicher als der König, und dieser <lb/>
         vollkommene Gentleman fand es ganz natürlich, besonders in Rumänien, <lb/>
         „wo man die Gewohnheit hat, die Soldaten zu prügeln,“ daß man auch <lb/>
         die Gefangenen prügelte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der französische Vize-Konsul in Sofia, GÉRARDY, hielt das Geschrei, <lb/>
         das man in bezug auf die durch die Regierung veranlaßten Metzeleien <lb/>
         erhob, für übertrieben. Er antwortete, daß die Einmischung der Ver- <lb/>
         treter Frankreichs zu Gunsten der Verurteilten und Gefangenen immer <lb/>
         von Erfolg begleitet gewesen sei. „Die französischen Behörden können <lb/>
         Existenzen retten.“ Das ist ein Ausspruch, den man für außerordentlich <lb/>
         schwerwiegend ansehen muß, wenn man bedenkt, welche Scheußlichkei- <lb/>
         ten begangen worden sind und noch jeden Tag in der Hauptstadt weiter <lb/>
         begangen werden, in der die französische Gesandtschaft glänzt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Bulletin der rumänischen Presse, das durch unseren Minister <lb/>
         des Auswärtigen herausgegeben wird, ist mit seinem jesuitischen Ge- <lb/>
         bahren von Grundsatzlosigkeit ein Eintreten von tadelloser Parteilich- <lb/>
         keit zu Gunsten der rumänischen Regierung. </p>
      <p>
        <lb/>
         In ihren öffentlich mit Trompetenstößen abgegebenen Erklärungen <lb/>
         sprechen unsere Regierungen nur von Frieden und Ordnung. </p>
      <p>
        <lb/>
         ZANKOFF und WALKOFF sprechen auch in denselben Ausdrücken. <lb/>
         ZANKOFF, der Professor mit den Armen eines Schlächters, will nicht
        <pb facs="#f0108" n="106"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         einmal zugeben, daß man seine Regierung für reaktionär hält. Das, sagt <lb/>
         er, ist ein Gerücht, welches die „Humanité“ und andere kommunistische <lb/>
         Zeitungen verbreiten. In Wirklichkeit, versichert er, ist seine Regierung <lb/>
         die liberalste, die es gibt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Heuchelei ist hassenswerter als der Zynismus. In Wirklichkeit <lb/>
         sind ZANKOFF und sein anderes Ich, WALKOFF, die Stützen des sozialen <lb/>
         Konservatismus und der Reaktion gewesen. Sie sind entfesselte Agen- <lb/>
         ten. der Gegenrevolution. Man ist bereit, sie zu verleugnen, aber man <lb/>
         tut nichts, um sie zu behindern. Und diese offenbare Gleichgültigkeit <lb/>
         von Leuten, die genau informiert sind, klagen wir an, und wir brand- <lb/>
         marken diese Einstellung als eine politische Haltung und Verhal- <lb/>
         tungslinie. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man darf durchaus nicht vergessen, daß eines der Organe der Entente, <lb/>
         die interalliierte Reparationskommission, eingeschritten ist, um eine An- <lb/>
         zahl von Gesetzen und Maßregeln ausgesprochen demokratischen Cha- <lb/>
         rakters, die STAMBOLIJSKI erlassen hatte, rückgängig zu machen. Er <lb/>
         war der Schöpfer eines Gesetzes zur Organisation von Konsortien durch <lb/>
         den Staat, die zum Zweck hatten, die Spekulanten und die zwischen der <lb/>
         Produktion und dem Verbrauch stehenden Zwischenhändler auszuschal- <lb/>
         ten, ferner eines anderen Gesetzes betreffend die Verantwortlichkeit <lb/>
         für den Weltkrieg, d. h. gegen alle diejenigen, die sich hinsichtlich der <lb/>
         Teilnahme Bulgariens am Kriege hatten Fälschungen zu Schulden kom- <lb/>
         men lassen, und gleichzeitig gegen die skandalösen Kriegsgewinnler, <lb/>
         außerdem eines anderen Gesetzes, das eine Unterscheidung zwischen <lb/>
         produktivem und spekulativem Kapital schuf, von denen das erste der Ent- <lb/>
         wicklung von Ackerbau und Industrie dienen, das zweite durch die Dis- <lb/>
         konto- und Wechsel-Banken verwaltet werden sollte; dieses letzte Gesetz <lb/>
         war mit Härte durchgesetzt worden. Die Reparationskommission, die <lb/>
         die großen europäischen Demokratien vertritt, hat sich eingemischt und <lb/>
         hat kurzerhand diese drei allzu volkstümlichen Gesetze unterdrückt.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Lassen wir uns durch die geringfügigen Verschiedenheiten der Parteien, die sich <lb/>
           bei uns als republikanisch bezeichnen, nicht irreführen. Ich will nicht von der inneren <lb/>
           Politik sprechen, die äußere Politik des Ministeriums des Blocks der Linken ist genau <lb/>
           so reaktionär wie die des nationalen Blocks. Ein Beispiel, das ich besonders anzuführen <lb/>
           berechtigt bin in meiner Eigenschaft als Generalsekretär des Pro-Hindu-Komitees, mag <lb/>
           genügen: Wie es jede andere konservative Regierung gemacht hätte, hat das Kartell- <lb/>
           Ministerium den für die nationale Sache eintretenden Hindu ROY und eine gewisse An- <lb/>
           zahl anderer nationaler Hindus aus Frankreich ausgewiesen. Nach den Leitern der <lb/>
           Schweiz und Deutschlands hat auch Frankreich den Vorstellungen Englands nachge: <lb/>
           geben, dem es gelingt,. die Menschen, deren Ideal es ist, ihre Heimat von einem ab- <lb/>
           scheulichen Joch zu befreien, nach einander aus. allen Ländern der Erde verjagen zu <lb/>
           lassen und sie für alle Zeiten zu Flüchtlingen zu machen.</note>
      </p>
      <pb facs="#f0109" n="107"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Seitdem hat die Entente der bulgarischen Regierung die Heereser- <lb/>
         gänzung von 10000 Soldaten zugestanden, die dieser Regierung not- <lb/>
         wendig erscheint, um auf dem Boden ihres Landes auch die letzten <lb/>
         Zuckungen der Unabhängigkeit und der Menschenwürde zu unter- <lb/>
         drücken.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Nach dem Vertrage von Trianon hat Ungarn nur das Recht, ein Heer von 35 000 <lb/>
           Mann zu unterhalten. Aber „die schwarze Wehr“ Ungarns, die unter der Leitung der <lb/>
           Levente-Organisation steht, zählt tatsächlich 400 000 Mann bewaffneter und heimlich <lb/>
           organisierter Truppen unter dem Anschein von Sportvereinen. MUSSOLINI liefert dem <lb/>
           Admiral HORTHY Kriegsmaterial in großen Mengen: Letzthin entdeckten die öster- <lb/>
           reichischen Eisenbahner auf dem Bahnhofe von Gratz verschiedene Waggons, die Ma- <lb/>
           schinengewehre und Munition mit dem Bestimmungsort Budapest enthielten. Bis dahin <lb/>
           hatte die schwarze Wehr noch keine Uniformen. Im März 1926 kamen in Budapest aus <lb/>
           Italien 60 0000 grauschwarze Uniformen an — der Handel ist in Rom durch den Abge- <lb/>
           ordneten JEAN BOGYA im Namen der ungarischen Regierung abgeschlossen worden. <lb/>
           Der Baron PERENYI, derselbe, an den Graf BETHLEN einen Brief richtete, der seine <lb/>
           Schuld in der Angelegenheit der Fälschung der französischen Noten bewies, hat einen <lb/>
           ähnlichen Handel in London abgeschlossen. </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Niemandem ist es heutzutage unbekannt, daß die bulgarische Regierung <lb/>
         ihrerseits der europäischen Presse Anerbietungen gemacht hat und auf <lb/>
         alle Weise, einschließlich des Mittels der Geldunterstützungen, die wohl- <lb/>
         wollende Neutralität oder sogar die Sympathie zahlreicher Zeitungen er- <lb/>
         langt hat. CHARLES MAUS, ein amerikanischer Journalist, der keine po- <lb/>
         litische Meinung hat oder zum wenigsten nicht Kommunist ist, einer <lb/>
         von der großen Presse, welche die europäische öffentliche Meinung be- <lb/>
         einflußt, hat schreiben können: „Die große Presse des Auslands, be- <lb/>
         sonders die „Neue freie Presse“ in Wien, die „Times“ von London und <lb/>
         der „Temps“ von Paris unterstützen in der skandalösesten Weise die <lb/>
         Politik des Generals WALKOFF.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Pariser Zeitung, die sich demokratisch und antifaszistisch nennt, <lb/>
         übernimmt die Informationen, die sie von bulgarischen Pressebüros er- <lb/>
         hält, in dem Maße, daß sie einen Artikel überschreibt: „Es gibt keinen <lb/>
         Faszismus in Bulgarien.“ Was für ein Urteil kann man über eine Presse <lb/>
         fällen, die anläßlich von nicht mehr geheim gebliebenen Ereignissen in <lb/>
         derartig gelehriger Weise die Parolen der Mussolinis des Balkans ent- <lb/>
         gegennimmt? </p>
      <p>
        <lb/>
         Einige lebhafte Proteste sind erfolgt, aber abgesehen von der „Hu- <lb/>
         manite“, vom „Populaire“, vom „Quotidien“, von der „Ere Nouvelle“, <lb/>
         vom „Peuple“ in Brüssel, vom „Abend“ und von der „Arbeiter-Zeitung“ <lb/>
         in Wien würde die Liste der übrigen großen Zeitungen, die gewagt <lb/>
         haben, ihre Stimme zu erheben, nicht lang sein. Und zweifellos werde
        <pb facs="#f0110" n="108"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         ich eines Tages von den Ablehnungen sprechen, die man erfährt, wenn <lb/>
         man sich wegen der Balkanfragen an solche bedeutende Zeitungen in <lb/>
         Frankreich und anderwärts wendet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Was tun? </p>
      <p>
        <lb/>
         Es darf uns nicht mehr genügen, die Tatsachen festzustellen. Für je- <lb/>
         den Zustand, welcher er auch sein möge, gibt es immer eine Abhilfe. <lb/>
         In dieser Balkanfrage, die uns beschäftigt und die uns quält, ist es die <lb/>
         erste Pflicht des anständigen Menschen, zu einem unvoreingenommenen <lb/>
         Urteil zu kommen, die Wahrheit von den Lügen zu befreien, die sie be- <lb/>
         graben. Er muß auch — und das ist nicht weniger zwingend — alles <lb/>
         versuchen, was möglich ist, um die Zukunft zu retten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir dürfen nicht auf die offiziellen Mächte, welche es auch sein mö- <lb/>
         gen, rechnen. Das Heil kann nicht von da kommen. Nicht Bittschriften <lb/>
         und nicht Zustimmungsadressen an die Leiter unserer Geschicke sind <lb/>
         in der Lage, irgend ‘etwas an dem Räderwerk der großen politischen <lb/>
         Maschine zu modeln, die den Gang der Ereignisse bestimmt. Und die <lb/>
         bestehenden Gewalten werden sich ebenso wenig in diesem Falle wie <lb/>
         sonst zu den Wortführern des Menschheitsgewissens machen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Völkerbund? </p>
      <p>
        <lb/>
         Prinzipiell ist der Völkerbund eine Einrichtung, die unmittelbar von den <lb/>
         leitenden Organen der siegreichen Mächte ausgeht. Er ist gezwungen, <lb/>
         die imperialistische Politik der Konkurrenz und der gegenseitigen Ver- <lb/>
         hetzung der Staaten zu machen, die ihn geschaffen haben, die ihn len- <lb/>
         ken und unterstützen. Es ist wirklich nur ein Wortspiel, wenn man <lb/>
         ihn als einen Bund der Völker hinstellt. Er ist nur ein Bund der Kanz- <lb/>
         leien, nur ein internationales Ministerium der die alte Welt Regierenden, <lb/>
         welches an der Ausführung der Friedens-Verträge arbeitet, die den- <lb/>
         selben Ursprung haben wie er selbst — d. h. er ist das gerade Gegen- <lb/>
         teil eines Bundes der Völker. </p>
      <p>
        <lb/>
         In der Tat ist sein Ergebnis nur eine ununterbrochene Reihe von <lb/>
         Fehlschlägen in dem, was die Beilegung der neuen Konflikte betrifft — <lb/>
         Fehlschläge, die er durch eine laute periodische Publizität verhüllt; in <lb/>
         der Tat hat er nie etwas anderes sein können und wird nie etwas ande- <lb/>
         res sein können als eine aufgeputzte Fassade, auf der die anspruchsvolle <lb/>
         Formel prangt: „Schiedsgerichtsbarkeit, Sicherung, Entwaffnung“, die <lb/>
         den Bluthunden der bestehenden Ordnung teuer ist, und hinter der
        <pb facs="#f0111" n="109"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         dem Völkerbund allerlei Geschäfte aufgepackt sind, die alle darauf ab- <lb/>
         zielen, das Werk der westlichen Imperialismen zu befestigen und den <lb/>
         bestehenden sozialen Zustand international und unerschütterlich festzu- <lb/>
         legen. Als man es unternahm, den Völkerbund zu schaffen, haben die <lb/>
         Angelsachsen, diese praktischen und klarsehenden Leute, ihn als ein <lb/>
         „Gegengift“ gegen die Organisation der ausgebeuteten Massen ge- <lb/>
         rühmt. Der Völkerbund ist ein Instrument der Könige gegen die Völker <lb/>
         — und alles, was man sonst darüber sagen kann, ist nur Wortgeklingel, <lb/>
         das im Winde zerstiebt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man kann wohl lächeln, wenn man Träumer behaupten hört, daß der <lb/>
         Friede aus den Wolken durch das jetzt bestehende System hindurch <lb/>
         auf die Erde herabkommen wird, ohne etwas an diesem System zu <lb/>
         ändern, und zwar vermittelst irgend einer Zauberstabsbewegung — man <lb/>
         kann lächeln, weil eine Paradoxie kaum noch eine Lüge ist. Aber man <lb/>
         kann nicht ohne zu zürnen mit anhören, wie die Fälscher des Völker- <lb/>
         bundes ankündigen, daß sie den Beginn eines neuen Zeitalters und <lb/>
         eines neuen Geistes herbeiführen, weil, indem sie sich so mit ihrem ge- <lb/>
         wichtigen Machthaber-Ansehen ausdrücken, sie viele brave Leute hinters <lb/>
         Licht führen. Der Gesellschaft, so wie sie augenblicklich eingerichtet ist, <lb/>
         Gerechtigkeit und Gleichheit anpassen zu wollen, das ist in bezug auf <lb/>
         die Wirtschaft und die Politik ein der Quadratur des Zirkels gleich- <lb/>
         wertiges Problem — und unsere Politiker haben nur zum Ziel, die un- <lb/>
         lösbaren Probleme zu verwirren. </p>
      <p>
        <lb/>
         Im übrigen genügt es hier festzustellen, ohne genötigt zu sein, noch <lb/>
         weiter zu argumentieren, daß der Völkerbund die Beschwerden und <lb/>
         Gesuche der illegalen Organisationen nicht entgegennimmt. Nun haben <lb/>
         aber Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Griechenland und Ungarn alle <lb/>
         Organisationen für illegal erklärt, die einen Protest zu Gehör bringen <lb/>
         könnten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Liga der Menschenrechte? Hat sie, auf diesem Wege wie auf an- <lb/>
         deren Wegen, versucht, alles durchzusetzen, was sie hätte tun sollen <lb/>
         oder können?*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Das Rote Kreuz hat in den Balkanländern keine klare Haltung eingenommen. Der Ge- <lb/>
           neral BURNHAM kann es mit Recht in dem, was die von ihm in Montenegro geführte Un- <lb/>
           tersuchung betrifft, beschuldigen, daß es „ein Instrument der Politik der Alliierten“
          ist. </note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Organisation, die am meisten getan hat, um die Handlungsweise <lb/>
         der Polizei-Königreiche und die im Namen des Gesetzes gebrachten <lb/>
         menschlichen Opfer auf dem Balkan ins Licht zu stellen, ist die inter- <lb/>
         nationale Rote Hilfe. Diese edle Einrichtung, die Anspruch auf die Dank-
        <pb facs="#f0112" n="110"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         barkeit aller Menschen von Herz hat, ist ganz ohne Rücksicht auf die <lb/>
         Politik ausschließlich auf die Solidarität der Proletariate gegründet und <lb/>
         hält sich hoheitsvoll abseits von der offiziellen Maschinerie. </p>
      <p>
        <lb/>
         Deshalb muß die öffentliche Meinung sich unmittelbar geltend machen, <lb/>
         und sie darf die große Gerechtigkeitsregelung nicht den großen Schau- <lb/>
         spielern überlassen, die ihre Rolle zu spielen haben. Jetzt weniger als <lb/>
         je darf sie sich angesichts des Todesschreis, der vom Balkankontinent <lb/>
         her ertönt, angesichts der realistischen Tragödie der Teilung der Beute, <lb/>
         der Jagd nach Konzessionen und nach wirtschaftlichem und politischem <lb/>
         Einfluß, durch die klingende Regierungs-Rhetorik, ihre Wortkomödien <lb/>
         und die alten heuchlerischen Lieder von Genf und Locarno umgarnen <lb/>
         lassen. Sie muß für ihre eigene Rechnung handeln und frei und laut ihrer <lb/>
         eigenen Stimme Gehör verschaffen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Es ist unmöglich, daß sie es dieses Mal nicht mit Hartnäckigkeit tut. <lb/>
         Man kann die empörenden Attentate, sobald man von ihnen weiß, <lb/>
         nicht ruhig hinnehmen, die unsere ganze „Zivilisation“ beflecken und <lb/>
         in den Augen der Geschichte alle die der Verachtung preisgeben wer- <lb/>
         den, die, während sie laut sprechen konnten, das nicht getan haben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Im übrigen kann ein starker Aufruf der anständigen Menschen, der <lb/>
         geraden und klaren Gewissen, die es überall noch in großer Anzahl <lb/>
         gibt, einen entscheidenden Einfluß haben. Vergessen wir nicht, daß in- <lb/>
         folge der energischen Intervention einer gewissen Anzahl von euro- <lb/>
         päischen Persönlichkeiten in Budapest RAKOSI dem sicheren Tode ent- <lb/>
         gangen ist: unmittelbar unter dem Druck dieses Appells hat sich der <lb/>
         furchtbare ungarische Kriegsgerichtshof, genannt das Statarium, dessen <lb/>
         Beschluß nichts anderes sein konnte als ein innerhalb der nächsten zwei <lb/>
         Stunden vollstrecktes Todesurteil, für unzuständig erklärt. Ich habe <lb/>
         selbst die außerordentliche Tragweite festgestellt, die in allen von mir <lb/>
         bereisten Ländern der Ausdruck des öffentlichen Empfindens des Westens <lb/>
         hatte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Verteidigungs-Komitees. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die politische Opposition kann in den Balkanländern nichts durch <lb/>
         gesetzliche Mittel erreichen, weil alles, was zur Opposition gehört, für <lb/>
         ungesetzlich erklärt ist. Aber auch die Regierungen könnten nichts tun <lb/>
         — sie könnten sich nicht einmal einen Tag lang halten, wenn sie aus- <lb/>
         schließlich auf die gesetzlichen Mittel beschränkt wären. Es ist zweifel- <lb/>
         los, daß in jedem dieser Länder wirklich freie Wahlen den Staats-Faszis- <lb/>
         mus hinwegfegen würden. Dennoch wächst die Opposition von Tag zu
        <pb facs="#f0113" n="111"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Tag.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Die letzten rumänischen und bulgarischen Gemeindewahlen (1926) beweisen das: <lb/>
           In Rumänien hat die liberale Regierung ungeachtet des Wahlterrors und der falschen <lb/>
           Zählungen die absolute Mehrheit in den Städten eingebüßt. In Bulgarien haben die Ge- <lb/>
           meindewahlen die Bildung einer ansehnlichen Protestbewegung, sowohl von rechts wie <lb/>
           von links (Nationalliberale, Agrarier, Demokraten) gezeigt; in Sofia haben die offi- <lb/>
           ziellen Kandidaten ein Drittel der Stimmen auf sich vereinigt, in den Provinzen zwei <lb/>
           Fünftel, und zwar trotz des Druckes der lokalen Behörden: der offen ausgesprochenen <lb/>
           Drohungen, der Stockprügel, der Gewalttätigkeiten, des Verbots von Versammlungen <lb/>
           und der Morde. (In Schumen ist ein Bürger, der beauftragt worden war, wegen der <lb/>
           durch die bewaffnete Macht erfolgten Auseinandersprengung einer Versammlung. ein <lb/>
           Gesuch einzureichen, verschwunden.) </note> Doch hat sie, um noch zu wachsen, das Licht
        nötig. „Man soll <lb/>
         dort unten wissen, was sich hier zuträgt“, das ist der Wunsch der Mär- <lb/>
         tyrer im Südosten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Einer von ihnen hat mir einen Brief mitgeteilt, den ihm ein Gefange- <lb/>
         ner aus Belgrad hatte zukommen lassen können : „Sage den französi- <lb/>
         schen Kameraden, daß wir nur um eins bitten: Daß sie über die Leiden, <lb/>
         die wir erdulden, schreiben und gegen die Akte der Barbarei der faszi- <lb/>
         stischen jugoslawischen Regierung protestieren. Wir können den Hunger <lb/>
         ertragen, wir sind daran gewöhnt, jede Verteidigung vor Gericht zu <lb/>
         entbehren, wir können ohne Geld auskommen, da wir ja sowieso nie <lb/>
         welches gehabt haben, aber gebt uns die Stimme der Presse, die allein <lb/>
         uns trösten kann!“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Um der Meinung der anständigen Leute die Möglichkeit zu geben, <lb/>
         sich ohne Rücksicht auf jedes vorgefaßte Urteil politischer Art und ein- <lb/>
         zig und allein auf Grund der unverjährbaren Prinzipien der Billigkeit <lb/>
         und der menschlichen Solidarität vernehmen zu lassen, haben wir in <lb/>
         Paris, in London und in Wien Komitees zur Verteidigung der Opfer <lb/>
         des weißen Schreckens in den Balkanländern gegründet. Diese Komitees <lb/>
         haben zum Ziel, den Protest der Gewissen zu veröffentlichen, ihn lebendig <lb/>
         zu machen, und — ich wage es zu versichern — ihn handeln zu lassen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ihre Aufgabe wird zunächst darin bestehen, die der Welt durch die <lb/>
         perfiden Veröffentlichungen verheimlichten Tatsachen allenthalben be- <lb/>
         kannt zu machen und mit Hilfe von nachgeprüften Informationen ein ge- <lb/>
         naues Bild dieser Tatsachen und eine objektive Schilderung ihrer Ur- <lb/>
         sachen darzubieten. Es gibt keinen eindringlicheren Protest als den, <lb/>
         der sich auf eine unparteiische Erzählung ohne „Literatur“ — und <lb/>
         selbst ohne Kommentar — stützt, und dessen Echtheit offensicht- <lb/>
         lich ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Verteidigungskomitees werden eingehendere Feldzüge unter- <lb/>
         nehmen für umfassende und vollständige Amnestierung aller politi-
        <pb facs="#f0114" n="112"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         schen Gefangenen und Verbannten. Man hat in den Balkanländern mit der <lb/>
         Amnestie gespielt, aber diese Amnestie war niemals etwas anderes als <lb/>
         die Verzerrung einer Amnestie, die besonders den Henkern und Mördern <lb/>
         zugute gekommen ist. Die Verteidigungs-Komitees werden im weite- <lb/>
         sten Umfange auf diese Episode der Regierungskomödie und Völker- <lb/>
         tragödie und auf die Maßregeln zurückkommen, die allein geeignet sind, - <lb/>
         das, was von der Vergangenheit übrig geblieben ist, fortzufegen und die <lb/>
         Gegenwart zu gesunden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In zweiter Reihe — und hier handelt es sich besonders um Bulgarien <lb/>
         — werden wir für die Durchsetzung dieses dringendsten Rechtes kämp- <lb/>
         fen: Den Überlebenden und den Familien der Opfer Hilfe bringen zu <lb/>
         können. Ich habe bereits gesagt, daß diese Hilfeleistung in Bulgarien, <lb/>
         wo die Kinder und die Mütter der Ermordeten als mitschuldig betrach- <lb/>
         tet werden, und wo auch die als mitschuldig betrachtet werden, die sie <lb/>
         nicht Hungers sterben lassen wollten, formell verboten war. Wir wer- <lb/>
         den noch neue Komitees gründen, und wir werden diese Komitees <lb/>
         durch ein internationales Band dergestalt zusammenschließen, daß sie <lb/>
         eine mehr zusammenhängende und stärker wirkende Aktion vornehmen <lb/>
         können. Wir werden ein Blatt veröffentlichen, das zuverlässige Be- <lb/>
         richte geben und die vom Interesse diktierten Entstellungen einer reak- <lb/>
         tionären oder gekauften Presse richtigstellen wird. </p>
      <p>
        <lb/>
         Endlich werden wir in Konsequenz unserer Absicht, der blutigen Ver- <lb/>
         wirrung in den Balkanstaaten eine logische Lösung zu bereiten, dafür <lb/>
         kämpfen, die große und fruchtbare Idee der Balkan-Föderation bekannt <lb/>
         zu machen und zu verbreiten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Balkan-Föderation. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn die verschiedenen Länder und Gegenden auf dem Balkan, die <lb/>
         jetzt arm, geschwächt und dauernd in Konflikten mit einander sind, ein <lb/>
         harmonisches Ganzes bildeten, in dem der Charakter und die geistige <lb/>
         Autonomie einer jeden Gegend gewissenhaft gewahrt würde, so stände <lb/>
         da ein starker Block, der rechtlich und tatsächlich Respekt einflößen <lb/>
         würde, und das Höchstmaß an Frieden und Wohlergehen würde logi- <lb/>
         scher Weise dort unten entstehen. Dies ist die einzige praktische Lö- <lb/>
         sung, die man sich hinsichtlich der Frage der ethnischen Minderheiten <lb/>
         vorstellen kann, und diese breite Verwirklichung der Demokratie würde <lb/>
         widerspruchslos den Beginn einer wirtschaftlichen Wiederbelebung für <lb/>
         jedes dieser Länder und für das freie, von ihnen gebildete Ganze bedeuten. </p>
      <pb facs="#f0115" n="113"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Ein einfacher Blick auf die Karte beweist, daß die Balkanländer, die <lb/>
         eins in das andere hineingepreßt und gedrückt sind, sich in verkümmer- <lb/>
         ten Lebensbedingungen befinden, wenn jedes von ihnen nach der wilden <lb/>
         Regel „jedes nur für sich“ leben will. Sie befinden sich tatsächlich in <lb/>
         einer engen gegenseitigen Abhängigkeit von einander, insofern es sich <lb/>
         um den Zugang zum Meere handelt. Dieses Problem der Meereshäfen <lb/>
         quält Jugoslawien — die dalmatische und die albanesische Frage und <lb/>
         besonders die Frage von Saloniki. Bulgarien, das nur noch einen Teil <lb/>
         der Küste des Schwarzen Meeres besitzt, welches durch den Bosporus <lb/>
         geschlossen ist, bedarf tatsächlich einer Öffnung nach dem Ägäischen <lb/>
         Meere heraus. Aber man könnte unter dem Zeichen des Nationalismus <lb/>
         und des Imperialismus diese an und für sich legitimen Bestrebungen <lb/>
         nicht anders befriedigen, als indem man Griechenland beraubt. Diese <lb/>
         Fragen sind also buchstäblich unlösbar, und die beiden „neuralgischen <lb/>
         Punkte“ des Balkan-Organismus, wie sie JEAN ZYROMSKI nennt, — Sa- <lb/>
         loniki und Dedeagatsch — sind unheilbar im gegenwärtigen Zustand der <lb/>
         Dinge. Das ganze wirtschaftliche Leben der Balkanländer leidet in seiner <lb/>
         Entwicklung unter ähnlichen Anomalien. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Idee einer Balkan-Föderation hat ihre Daseinsberechtigung und <lb/>
         ihre Bedeutung nur, wenn es sich um einen Bund aller Staaten und Län- <lb/>
         der auf dem Balkan ohne jede Ausnahme handelt. Jede nur teilweise <lb/>
         Durchführung würde dem Ziel entgegenstehen, weil sie einen Imperia- <lb/>
         lismus zum Schaden der anderen stärken würde. Nehmen wir das erste <lb/>
         sich bietende Beispiel: Eine serbisch-bulgarische Union (es handelt sich <lb/>
         hier wohlverstanden nicht um die Vereinbarung guter Beziehungen und <lb/>
         eines Bündnisses, die ja immer wünschenswert ist, sondern um eine <lb/>
         organische Verbindung) würde, weit entfernt, ein Schritt auf dem Wege <lb/>
         zur Balkan-Föderation zu sein, deren Verneinung sein. Sie wäre nur <lb/>
         eine Kombination, die dazu bestimmt sein würde, den Ansprüchen bei- <lb/>
         der Länder auf Kosten Griechenlands (Saloniki an Jugoslawien, Kawalla <lb/>
         oder Dedeagatsch an Bulgarien) mehr Gewicht zu verleihen, und sie <lb/>
         würde letzten Endes nur dem jugoslawischen Machtstreben nützen. Man <lb/>
         sollte sich wie vor einer Falle vor dieser Formel des schlecht verhüllten <lb/>
         Expansionismus hüten, für welche die föderative mazedonische Organi- <lb/>
         sation inihrer Zeitung „Makedonsko Soznani&amp;“ unter dem Vorwand ein- <lb/>
         tritt, daß sie eine Etappe bedeute.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Hinsichtlich der Bezeichnung „mazedonische Föderalisten“ sollte man nicht außer <lb/>
           Betracht lassen, daß es der linke Flügel der R.I.M.O. war, der im Jahre 1908 nach der <lb/>
           jung-türkischen Revolution und nach der Verkündung der türkischen Verfassung sich <lb/>
           als föderative Volkspartei konstituierte. Die Gründer dieser gesetzlichen Partei sind <lb/>
           gewesen: SANDANSKY, KANTARDJIEFF, PANITZA, WLAKHOFF, JANKOFF, <lb/>
           TSCHERNOPEEFF und DOBRI DASKALOFF. Aber die um die Zeitung „Make- <lb/>
           donsko Soznanie“ gruppierten Föderalisten sind nur Agenten der Regierung PA- <lb/>
           SCHITSCH. Sie haben nichts mit der alten föderativen Volkspartei gemein. Ihre Leiter <lb/>
           TERZIEFF und H. RINDOFF führen die Befehle der serbischen Regierung aus, das <lb/>
           mazedonische Volk zu entnationalisieren und zu assimilieren und den Expansionsbe- <lb/>
           strebungen des serbischen Imperialismus nach dem Süden hin zu dienen.</note> KOSTA
        TODOROFF, ein entschie-
        <pb facs="#f0116" n="114"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         dener Parteigänger eines bulgarisch-jugoslawischen Staates, beruft sich <lb/>
         auf schlagende Analogien wie diese: „Warum sollte Jugoslawien nicht <lb/>
         das Piemont des Balkans sein!“ Man sieht in diesem Aufruf den Ge- <lb/>
         danken der jugoslawischen Vorherrschaft auf der Halbinsel sich klar <lb/>
         abzeichnen, aber man bemerkt weit weniger klar, daß diese Vorherr- <lb/>
         schaft niemals zu einer Föderation gleichberechtigter Länder führen <lb/>
         könnte. Mazedonien, das gekreuzigt oder, genauer gesagt nach der <lb/>
         Ausdrucksweise von DANIEL RENOULT, durch die Alliierten gevierteilt <lb/>
         ist, würde durch einen Vertrag dieser Art, der aus dem unglückseligen <lb/>
         Lande nur ein Schlachtfeld unter einer neuen Form machen würde, nicht <lb/>
         befreit werden. Dasselbe gilt für die Autonomisten, welche die maze- <lb/>
         donische Frage durch die des größeren Bulgariens lösen wollen. Der <lb/>
         Kampf der Balkan-Minderheiten für die Unabhängigkeit läßt sich prak- <lb/>
         tisch nicht anders denken als eine breite Verbündung aller unterdrückten <lb/>
         Minderheiten, als ein Bündnis, das sich auf die arbeitenden Klassen <lb/>
         stützt, die auf die gleiche Art und durch dieselben Henker unterdrückt <lb/>
         werden, und welches Bündnis eine „geschlossene Front“ gegen die bal- <lb/>
         kanischen und internationalen Imperialismen und Reaktionen bildet.*)<note place="foot">
          <lb/>
          <p>
            <lb/>
             *) Bei der Gründungskonferenz der mazedonischen revolutionären Einheitsbewegung, <lb/>
             die im Oktober 1925 stattfand, waren vertreten: die Linke der R.I.M.O., sowie die <lb/>
             Komitees und Gruppen, die in dem unter serbischer und griechischer Herrschaft stehen- <lb/>
             den Teil von Mazedonien auf der Grundlage des Manifestes vom 6. Mai 1924 organi- <lb/>
             siert waren, ferner die Gruppen früherer Revolutionäre von Serres (dem Tätigkeitsfeld <lb/>
             von SANDANSKY, PANITZA und KANTARDJIEFF), dann die kommunistischen maze- <lb/>
             donischen Ausgewanderten, die Union. der mazedonischen Auswanderung und die Or- <lb/>
             ganisation von Sainte-Elie der alten Revolutionäre in Bulgarien. </p>
          <p>
            <lb/>
             Die geeinigte R.I.M.O. verfolgt offensichtlich dieses Ziel: die Unabhängigkeit Maze- <lb/>
             doniens als Glied der Balkanföderation; und sie richtet sich gegen den Imperialismus <lb/>
             sowohl der gegenwärtigen Balkanstaaten wie der westlichen Länder. </p></note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich habe mich dort, wo ich hindurch gekommen bin, mit dem Gedan- <lb/>
         ken der Balkanföderation beschäftigt, dessen Verwirklichung als erste <lb/>
         Bedingung die Unterdrückung der augenblicklich herrschenden Tyran- <lb/>
         neien und die Einsetzung von wirklich demokratischen Regierungen <lb/>
         einschließen würde. Ich habe gefunden, daß dieser Gedanke überall <lb/>
         dort unten zahlreiche überzeugte Parteigänger hat, so sehr entspricht er
        <pb facs="#f0117" n="115"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         offenbar all den verschiedenen Bestrebungen der Bevölkerungen, die <lb/>
         durch die Fremden ausgebeutet und in ihrer Entwicklung durch die An- <lb/>
         forderungen der großen europäischen Politik aufgehalten werden, und <lb/>
         die durch ihre andauernden Eifersüchteleien sich noch mehr abnutzen und <lb/>
         arm machen und sich in regellose Verbindungen stürzen. Aber alle für <lb/>
         dieses vernünftige Ideal schwärmenden Enthusiasten fügen hinzu: „Die <lb/>
         Großmächte werden es nichtzugeben. Es steht im Widerspruch zu deren <lb/>
         Plänen, daß die Balkanvölker eine Art größerer Nation mit mehreren <lb/>
         Köpfen bilden, die politisch befriedet und wirtschaftlich geeint ist.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Ohne Zweifel darf man sich nicht die Schwierigkeiten verhehlen, die <lb/>
         seitens derer, welche sich als Schiedsrichter der Geschicke der anderen <lb/>
         aufspielen, der Bildung der „Vereinigten Staaten des Balkans“ in den <lb/>
         Weg gelegt werden. Die Großmächte klammern sich gewaltsam an die <lb/>
         Aufrechterhaltung des zusammenhanglosen und todbringenden Zustan- <lb/>
         des, der durch die Friedensverträge aufgezwungen ist, und den diese <lb/>
         vernünftige Ummodelung der Bevölkerungen über den Haufen stürzen <lb/>
         würde. Das ist ein Grund, aus dem diese von innen und von außen <lb/>
         doppelt versklavten Bevölkerungen leidenschaftlich einen Fortschritt <lb/>
         wünschen, der sie sowohl von dem inneren wie von dem äußeren Feinde <lb/>
         befreien und überdies den europäischen Frieden entscheidender sichern <lb/>
         würde als irgend ein anderes Mittel. Um eine Idee in die Wirklichkeit <lb/>
         umzusetzen, muß man damit beginnen, ihr Ausdruck zu geben und sie <lb/>
         zu verbreiten. Wenn sie erst da ist, dann schlägt sie von selbst Wurzeln. <lb/>
         Unter dieser Beleuchtung würden aus einer lebhaften Erörterung über <lb/>
         die betrübende und endlose orientalische Frage, die bisher so viele Er- <lb/>
         schütterungen der Menschheit hervorgerufen hat, früher oder später <lb/>
         die vernünftigen Wege sich ergeben, diebegangen werden müssen. Die <lb/>
         Scheingründe, die man nicht offen eingestehen mag, werden angesichts <lb/>
         der Tatsachen rasch zunichte werden.*)<note place="foot">
          <lb/>
           *) Eine große von dem mit den zuverlässigsten Informationen versehenen Journal <lb/>
           „La Federation Balcanique“ unternommene Untersuchung hat bereits mit großer Klar- <lb/>
           heit die Elemente dieses Problems ins Licht gesetzt. </note></p>
      <p>
        <lb/>
         Ich richte einen glühenden Appell an alle die, welche sich für das ge- <lb/>
         genwärtige Schicksal der Menschen und für die Zukunft der Menschheit <lb/>
         interessieren, und bitte sie, durch ihre Zustimmung und durch ihre <lb/>
         Anstrengungen die ehrenvolle und gesunde Aufgabe, welche die Ko- <lb/>
         mitees unternommen haben, zu unterstützen. Jeder soll und muß nach <lb/>
         dem Verhältnis seiner Mittel uns seine Hilfe leihen. Eine kräftige Inter- <lb/>
         vention, um das Ende einer Reihe von unerhörten Attentaten, einer Ära
        <pb facs="#f0118" n="116"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         der Barbarei, diesich inmitten unserer zeitgenössischen Epoche aufgetan <lb/>
         hat, herbeizuführen, ist allzu lange verzögert worden, und wir sind alle <lb/>
         in der Lage, uns unsere Tatenlosigkeit und Trägheit verzeihen lassen <lb/>
         zu müssen.*)<note place="foot">
          <p>
            <lb/>
             *) Die Zusammensetzung des französischen Komitees für die Verteidigung der Opfer <lb/>
             des weißen Schreckens in Bulgarien und in den Balkanländern (März 1926) ist folgende: </p>
          <p>
            <lb/>
             ROMAIN ROLLAND, SEVERINE, MME DE SAINT PRIX, FREDERIC BRUNET <lb/>
             (Vizepräsident der Kammer), CAZALS, ERNEST LAFONT, FERDINAND FAURE, <lb/>
             COMPERE-MOREL, FONTANIER, EUGENE FROT, ANDRE BERTHON, HELIES, <lb/>
             MARIUS MOUTET, VAILLANT-COUTURIER, CHASTANET, JULES UHRY, EV- <lb/>
             RARD, CHARLES BARON, REYNAUD, ALBERT FOURNIER (Abgeordnete), ALE- <lb/>
             XANDRE LUQUET, JEAN GARCHERY, ANDRE GAYOT, ROBERT BOS, LOUIS <lb/>
             SELLIER (Generalräte der Seine), JEAN LONGUET, BRACKE (ehemalige Abgeord- <lb/>
             nete), HENRY TORRES, MARCEL WILLARD (Advokaten), LEON JOUHAUX (Sekre- <lb/>
             tär der C.G.T.), LANGEVIN, PRENANT, VICTOR BASCH, ALBERT MATHIEZ <lb/>
             (Professoren), MATHIAS MORHARDT, GEORGES DUHAMEL, PANAIT ISTRATI, <lb/>
             VICTOR MARGUERITTE, LEONBAZALGETTE, MARCEL MARTINET, GEORGES <lb/>
             CHENNEVIERES, LEONWERTH, JEAN-RICHARD BLOCH, CHARLES VILDRAC, <lb/>
             HENRI MARX, GEORGES PIOCH, ANDRE GYBAL, PAUL LOUIS, BERNARD LE- <lb/>
             CACHE, ANDRE SALMON, FRANCIS JOURDAIN, ZYROMSKI-HENRI BARBUSSE, <lb/>
             Präsident; MARCEL WILLARD und DANIEL RENOUET, Sekretäre. </p>
          <p>
            <lb/>
             Ein zweites französisches Komitee hat sich aus freien Stücken in Nancy gebildet. </p>
          <p>
            <lb/>
             Das Wiener Komitee hat zum Präsidenten den Professor RUDOLF GOLDSCHEID, <lb/>
             das Londoner Komitee den Hauptmann WEDGWOOD, Mitglied des Parlaments. </p>
          <p>
            <lb/>
             Präsident des Genfer Komitees ist der Professor DUVILLARD, der Direktor der <lb/>
             Schularchive. </p></note>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Studie war niedergeschrieben, als uns die Nachricht von der <lb/>
         Demission ZANKOFFs zuging. Nichts kann uns zu der Annahme bewegen, <lb/>
         daß die von ZANKOFF — diesem Manne, den ein einfacher parlamen- <lb/>
         tarischer Zwischenfall, durch den zwei Fraktionen der demokratischen <lb/>
         Vereinigung mit einander in Streit geraten sind, im Augenblick in die <lb/>
         Kulisse zurücktreten läßt (auf den Sessel des Kammerpräsidenten) — <lb/>
         angewendeten Methoden des Regierungsbanditentums vonnun an durch <lb/>
         ein Ministerium verworfen werden, in dem ZANKOFFs verdammte Seele, <lb/>
         der General WALKOFF das Portefeuille des Krieges behält, in das <lb/>
         einer der Gründer und Leiter der Militär-Liga, SLAWEIKO WASSILEW <lb/>
         ebenso wie ein anderer militärischer Henker des Volkes, KIMON <lb/>
         GEORGIEW, eintritt, und in dem der frühere Präsident der Sobranje, <lb/>
         KULEFF, welcher formell angeklagt war, eine Abstimmung gefälscht <lb/>
         zu haben, um ZANKOFF zu retten, Justizminister wird. </p>
      <p>
        <lb/>
         Welche Maßregeln wird LJAPTSCHEW gegen die Militär-Liga, gegen <lb/>
         die mazedonischen „Autonomisten“, gegen die Wrangel-Leute und gegen
        <pb facs="#f0119" n="117"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         die Faszisten ergreifen? Welche Stellung wird er gegenüber dem un- <lb/>
         erhörten Gesetz zur Sicherheit des Staates, und zur Frage einer ehr- <lb/>
         lichen Amnestie einnehmen? Wir werden leider nur allzubald hinsicht- <lb/>
         lich dieser Fragen zur Klarheit gelangen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die öffentliche Meinung — ich will es zum Schluß wiederholen — <lb/>
         liebt es, sich in einen Nebel von Optimismus zu hüllen, und die großen <lb/>
         Zeitungen, die vervollkommneten Leiter des Gewissens dieser öffent- <lb/>
         lichen Meinung fördern mit Vergnügen diese Verblendung. Es mußte <lb/>
         der Mord an MATTEOTTI kommen — und das war doch nur eine unter <lb/>
         tausend Episoden —, um die öffentliche Meinung dahin zu bringen, den <lb/>
         wahren MUSSOLINI von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Es bedurfte <lb/>
         der Mitschuld der Regierung in einer gemeinen Geldfälschersache, da- <lb/>
         mit sie sich von dem wahren Gesicht des Regenten HORTHY und seiner <lb/>
         Umgebung Rechenschaft gab. Tatsächlich sind die wenigen sich vor- <lb/>
         wagenden unabhängigen Zeitungen Rufer in der Wüste. Und wenn <lb/>
         diese öffentliche Meinung durch irgend eine sensationelle Enthüllung <lb/>
         sich gestört gesehen hat, dann fällt sie ohne den geringsten Vorwand <lb/>
         gern in ihre süße Torheit zurück; denn vor allem wünscht sie, daß man <lb/>
         sie in Frieden läßt. Es genügt irgend eine Ungeschicklichkeit an der <lb/>
         Spitze der leitenden Maschinerie und die hohle Reklame, die durch die <lb/>
         Erklärungen eines neuen Portefeuille-Inhabers in Umlauf gebracht wird» <lb/>
         um sie zu beruhigen. Es ist zu befürchten, daß dies für Bulgarien und <lb/>
         eventuell für Rumänien zutrifft. Und an dem Tage, an dem irgend ein <lb/>
         großes skandalöses Ereignis, wie das unumgänglich ist, endgültig den <lb/>
         Bankrott des Völkerbundes und seines Programms eines imperialistischen <lb/>
         Heilkünstlers des Krieges herbeiführen wird, wird es genügen, daß diese <lb/>
         Einrichtung den Namen ändert, um das allgemeine Vertrauen aufs Neue <lb/>
         zu gewinnen und die zeitgenössische Gesellschaft in aller Ruhe ihren <lb/>
         Weg zum Abgrund wieder aufnehmen zu lassen. </p>
      <pb facs="#f0120" n="[118]"/>
      <p>
        <lb/>
         IX. </p>
      <p>
        <lb/>
         Beßarabien unterm Joch. </p>
      <p>
        <lb/>
         Das Geschick Beßarabiens ist einer der krassesten Fälle der packen- <lb/>
         den und tragischen Geschichte der gewaltsamen Annexionen. Es ist ein <lb/>
         riesenhaftes, lebendes Beispiel, das sich so vielen anderen anreiht. </p>
      <p>
        <lb/>
         Vor dem Kriege war Beßarabien, das zwischen dem Pruth und dem <lb/>
         Dniestr liegt, eine Provinz des russischen Reiches. Die Ausdehnung <lb/>
         Beßarabiens ist größer als die der Schweiz, und im Jahre 1915 zählte <lb/>
         es 2686000 Einwohner, von denen die Hälfte Moldauer, 19% Ukrainer, <lb/>
         11% Juden und 8% Groß-Russen waren. </p>
      <p>
        <lb/>
         Unter der Zarenherrschaft wurde Beßarabien ziemlich hart behandelt, <lb/>
         hatte aber trotzdem eine blühende Landwirtschaft: Die beßarabische <lb/>
         Ernte bildete ein Zehntel der Ernte des russischen Reiches. </p>
      <p>
        <lb/>
         Im Jahre 1917, nach der russischen Revolution, entstand in Beßara- <lb/>
         bien, hervorgerufen von den Gegnern der russischen Herrschaft eine <lb/>
         moldauisch-nationale Bewegung, während gleichzeitig eine starke rumä- <lb/>
         nische Propaganda für den Anschluß an Rumänien einsetzte. </p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Propaganda wurde besonders intensiv zu der Zeit, als Beßa- <lb/>
         rabien durch die deutsche Besetzung der Ukraine von Rußland getrennt <lb/>
         wurde. Beßarabien wurde damals von einer Art Nationalrat, dem Sfatul- <lb/>
         Tseri, verwaltet. Dieser nahm im Laufe der Zeit verschiedene vollkommen <lb/>
         gegensätzliche Stellungen ein. Nachdem er die Unabhängigkeit der <lb/>
         „Republik Moldau“ proklamiert hatte, stimmte er für den Anschluß <lb/>
         an Rumänien, zuerst unter gewissen Bedingungen und Garantien, um <lb/>
         schließlich in einen bedingungslosen Anschluß zu willigen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Diese letzte Abstimmung, die am 25. November 1918 stattfand, wurde, <lb/>
         vom Standpunkt des unparteiischen Geschichtsschreibers aus gesehen, <lb/>
         durch Überrumpelung und unter dem Druck der rumänischen Armee, die <lb/>
         damals angeblich behufs Aufrechterhaltung der Ordnung in Beßarabien <lb/>
         eingerückt war, erreicht. Der vollkommen künstliche und erzwungene <lb/>
         Charakter dieses Beschlusses geht unwiderleglich aus einer Protestkund- <lb/>
         gebung hervor, die im Anschluß an jene Ereignisse durch eine große <lb/>
         Anzahl von Mitgliedern des Sfatul-Tseri abgefaßt wurde. Dies ist übri-
        <pb facs="#f0121" n="119"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         gens auch formell festgelegt durch eine Erklärung des Herrn MARGHILO- <lb/>
         MAN, des damaligen Ministerpräsidenten, der späterhin zugab, „daß er <lb/>
         sich genötigt gesehen habe, Drohungen und Gewalt anzuwenden, um <lb/>
         die Führer des Sfatul-Tseri dahin zu bringen, die Annexion Beßarabiens <lb/>
         zu beschließen.“ Ich will auf die Einzelheiten der Vollziehung dieser ge- <lb/>
         waltsamen und rechtswidrigen Annexion nicht näher eingehen. Ich habe <lb/>
         darüber ausführlich in meinem Buch „Der größte politische Prozeß der <lb/>
         Welt“ gesprochen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Selbstverständlich protestierte und protestiert Rußland noch immer <lb/>
         gegen die Konfiskation dieser Provinz, die ihm auch noch zu einer Zeit <lb/>
         gehörte, als es nicht im Kriegszustand mit der Entente war. Die Frage <lb/>
         dieser Annexion, die im krassesten Widerspruch zum Völkerrecht steht, <lb/>
         das für territoriale Angliederungen dieser Art ein gegenseitiges Ab- <lb/>
         kommen verlangt, ist gegenwärtig vom Standpunkt des internationalen <lb/>
         Rechts aus noch unentschieden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Frankreich und England haben die Usurpierung Beßarabiens durch <lb/>
         Rumänien anerkannt, aber es fehlen diesem Gewaltakt noch die Unter- <lb/>
         schriften Italiens und Japans. Man kann sich vorstellen, welcher Art die <lb/>
         diplomatischen Machenschaften sind, die jetzt ins Werk gesetzt werden, <lb/>
         um die offizielle Zustimmung dieser beiden Mächte zu erreichen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Tatsache bleibt, daß Beßarabien in dieser Angelegenheit nicht be- <lb/>
         fragt wurde, da man den Beschluß des Sfatul-Tseri vernünftiger Weise <lb/>
         nicht für eine von der Bevölkerung gebilligte Entscheidung halten kann. </p>
      <p>
        <lb/>
         Viele rumänische Politiker geben zu, daß diese Frage noch endgültig <lb/>
         geregelt werden muß, wenn sie auch Beßarabien ethnographisch als zu <lb/>
         Rumänien gehörig betrachten. (Dr. LUPU, einer der Führer der Agrar- <lb/>
         Partei, gab mir gegenüber besonders dieser Meinung Ausdruck.) </p>
      <p>
        <lb/>
         Wie dem auch sein mag, man kann behaupten, daß „die Besitzergreifung <lb/>
         durch Rumänien für Beßarabien in der Tat der Anfang einer Ära des <lb/>
         Leidens und Elends war“. Eine Hinrichtung von nicht loyalen Rumänen <lb/>
         folgte der anderen, und das ganze Gebiet wurde als erobertes Land be- <lb/>
         handelt. Der Militarismus und die Plutokratie Rumäniens nisteten sich <lb/>
         dort ein, und ihnen folgte die Unheil bringende Horde rumänischer <lb/>
         Polizisten und Beamten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Bauern wurden in einer Art gequält und gepeinigt, die alle Vor- <lb/>
         stellungen übersteigt. Die ganze Bevölkerung wurde von Polizisten, <lb/>
         Steuererhebern, Gendarmen und Militärs wahrhaft gefoltert. Wie immer, <lb/>
         so wurden auch hier, um die Angleichung dieser Provinz zu erreichen, <lb/>
         die brutalsten Mittel zur Unterdrückung der nationalen Schule, Sprache
        <pb facs="#f0122" n="120"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         und Traditionen angewandt. Das Resultat war ein schrecklicher Ruin <lb/>
         der Felder; 80% der einst bebauten Erde sind heute nicht mehr bebaut. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wenn man durch diese Gegenden reist, wie ich es getan habe, so <lb/>
         kann man sich unmöglich dem Eindruck des Verfalls und der Verwahr- <lb/>
         losung entziehen, den diese Felder machen, und man hat die Vorstellung, <lb/>
         daß sich eine Erdrevolution ereignet hat. </p>
      <p>
        <lb/>
         Mehr als einmal hat man erfahren, daß beßarabische Bauern, diese <lb/>
         „Ressechs“, die ein starkes Freiheitsideal verkörpern, geschlagen, be- <lb/>
         schimpft und gehängt worden sind, daß Bauern getötet worden sind, <lb/>
         weil sie sich nicht von den Gendarmen ausplündern lassen wollten, und <lb/>
         daß der Wagen des Steuereinnehmers, der durch die Dörfer zieht, häufig <lb/>
         mit Möbeln, Samovars und anderem Hausgerät beladen ist, die der Fis- <lb/>
         kus geräubert hatte, wo kein Geld mehr zu holen war. </p>
      <p>
        <lb/>
         Besonders populäre Persönlichkeiten in Beßarabien, wie zum Beispiel <lb/>
         der Abgeordnete STERE, haben mir von dem offenkundigen Krieg er- <lb/>
         zählt, der gegen die Kandidaten der Bauernpartei und gegen alle nicht <lb/>
         offiziellen Kandidaten zur Zeit der Wahlen geführt wird. Es gibt keine <lb/>
         Quälereien und keine Gewalttätigkeiten, die diese wahren Vertreter der <lb/>
         Bevölkerung nicht von der Polizei und von den Verwaltungsbehörden <lb/>
         zu dulden haben. Zuguterletzt ist man so weit gegangen, bei den öffent- <lb/>
         lichen Wahlversammlungen auf dem Lande jede andere Sprache als die <lb/>
         rumänische zu verbieten, was mit einem gänzlichen Verbot dieser Ver- <lb/>
         sammlungen überhaupt gleichbedeutend ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Gewisse Namen, wie die der Offiziere DIMITRIU, ISVORANU und Mo- <lb/>
         RAVESKU, haben in den Annalen der militärischen Besetzung Beßara- <lb/>
         biens eine grauenvolle Berühmtheit erlangt. Tatsache ist, daß es vor <lb/>
         und besonders nach den Bauernaufständen von Khotine und Tatar-Bunar <lb/>
         zu blutigen Massenopfern gekommen ist. </p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Aufstände, der erste im Januar 1919, der zweite im Septem- <lb/>
         ber 1924, sind durch die Erbitterung der bis aufs Äußerste gereizten, <lb/>
         als Sklaven und Feinde behandelten Bauern hervorgerufen worden. <lb/>
         Diese Bauern waren durch die Geldentwertung, durch den Steuerdruck, <lb/>
         durch den Wegfall Rußlands als Absatzgebiet ruiniert und durch die <lb/>
         angebliche „Agrarreform“, aus der nur ihre Henker und Tyrannen <lb/>
         Nutzen zogen, betrogen worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Nach den Grundsätzen, die unter solchen Umständen die Regel sind, <lb/>
         wurden diesen Aufständen von den Behörden mehrmals politische Mo- <lb/>
         tive untergeschoben, und bolschewistische Propaganda vorgeschützt. In <lb/>
         Wirklichkeit erklärt sich alles aber nur allzu leicht als Reaktion gegen
        <pb facs="#f0123" n="121"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         ein verabscheuungswürdiges Regime, und in keinem Falle konnten Be- <lb/>
         weise dafür erbracht werden, daß die Russen oder die Kommunisten die <lb/>
         Urheber dieser Unruhen gewesen sind. </p>
      <p>
        <lb/>
         Man hat sich aber diesen Vorwand erst recht zunutze gemacht, um <lb/>
         den Methoden der brutalen und zynischen Annexion einen umfassenden <lb/>
         Plan politischer Unterdrückung aufzupfropfen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Aufstände von Khotine hatten ungefähr 11000 Morde angeb- <lb/>
         licher Revolutionäre zur Folge. Die Aufstände von Tatar-Bunar gaben <lb/>
         zur gewaltsamen Tötung von dreitausend Bauern Anlaß. Seit der soge- <lb/>
         nannten friedlichen Besitzergreifung Beßarabiens durch die Rumänen <lb/>
         bis Ende 1925 zählt man mehr als achtzehntausend Opfer, und das, ich <lb/>
         wiederhole es, hatte nichts anderes zur Folge als Elend und Hungersnot. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Lage in Beßarabien verschlechtert sich tatsächlich von Tag zu Tag. <lb/>
         Sogar die gemäßigten Zeitungen beschuldigen die Regierung, daß sie <lb/>
         nicht unternimmt, was sie unternehmen könnte, um der unglücklichen <lb/>
         Bevölkerung Hilfe zu bringen, und dies aus Gründen der Politik. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Verarmung Beßarabiens hat eine neue Industrie hervorgebracht: <lb/>
         die der Auswanderungsagenten, die mit menschlicher Ware handeln <lb/>
         wie mit Vieh, indem sie die Leute an die amerikanischen Ansiedler ver- <lb/>
         kaufen. Noch von einer anderen fürchterlichen Industrie hört man, zu <lb/>
         der die unglücklichen Bewohner eines einst blühenden Landes greifen <lb/>
         müssen — von dem Handel mit Kindern. </p>
      <pb facs="#f0124" n="[122]"/>
      <p>
        <lb/>
         X. </p>
      <p>
        <lb/>
         An die Balkan-Völker. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich bin in Eurer Mitte gewesen. Ich habe Eure Hände, Ihr Arbeiter <lb/>
         und Bauern, Ihr Männer und Frauen, Ihr jungen Leute, in den Räumen, in <lb/>
         denen Ihr zusammengepfercht ward, gedrückt. Und wir haben uns einan- <lb/>
         der anvertraut, in Bukarest, in Sofia, in Belgrad, in Budapest, in Wien <lb/>
         — und dann und wann in Euch fremden Ländern, weit ab von euren Ge- <lb/>
         burtsländern, die Ihr wie die Pest zu fliehen gezwungen ward. </p>
      <p>
        <lb/>
         Voll von dem Bild Eures Leidensweges und gestärkt durch den Schlag <lb/>
         Eurer Herzen glaube ich, daß ich Euch nunmehr nichts weiter sagen soll <lb/>
         als dieses: Proletarier, ungeachtet des Beistandes, den Eurer Sache einige <lb/>
         zerstreut lebende edle Geister leihen, vertraut auf der Welt nur auf Euch <lb/>
         selbst. Nichts wird jemals von oben zu Euch gelangen als Täuschungen <lb/>
         und Schläge. Wie die ehemaligen Kriegsteilnehmer, die mit Gewissensbis- <lb/>
         sen daran denken, daß sie Gehorsam geleistethaben, legt alles ab, was in <lb/>
         Euren Massen von Respekt, von Achtung vor den Regierungen und vor <lb/>
         den leitenden Persönlichkeiten übriggeblieben ist, die Euch nötig haben, <lb/>
         um ihre Missetaten zu vollbringen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Eure Regierenden, sie sind Eure Feinde! </p>
      <p>
        <lb/>
         Die große europäische Bühne hallt wider von den pomphaften <lb/>
         Redensarten über das Völkerrecht und über den Frieden, die von Per- <lb/>
         sonen gehalten werden, welche als Minister und als mit unbeschränkten <lb/>
         Vollmachten ausgestattete Staatsbeamte gekleidet sind. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich, der ich Franzose bin, ich kenne die verhängnisvolle Rolle, die das <lb/>
         offizielle Frankreich seit dem Kriege in Europa gespielt hat. Ich rechne <lb/>
         es mir zur Ehre an, daß ich mich bei verschiedenen Gelegenheiten öffent- <lb/>
         lich mit den brüderlichen Ausländern vereinigt habe, welche die Fehler <lb/>
         und die Verbrechen der französischen Regierung brandmarkten, und ich <lb/>
         bin niemals auf den Gedanken gekommen, Frankreich mit den Leuten <lb/>
         zu verwechseln, die in den Ministerien von Paris aufeinanderfolgen. <lb/>
         Deren Frankreich war es, das die erste deutsche Revolution erstickt <lb/>
         hat, das die proletarische Revolution in Ungarn erstickt hat und das <lb/>
         unmittelbar an der Aufrichtung der Herrschaft der Soldateska beteiligt <lb/>
         war, das triumphierend in Polen, in den baltischen Staaten, in Spanien
        <pb facs="#f0125" n="123"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         dazu beigetragen hat, die Völker wieder in Fesseln zu schlagen, und <lb/>
         das alles, was ihm möglich war, getan hat, um in der gleichen Weise <lb/>
         mit Rußland zu verfahren. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Regierungen BRATIANU, WALKOFF, PASCHITSCH: PANGALOS <lb/>
         und bis gestern die Regierung HORTHY hatten keine stärkere Stütze <lb/>
         als die der Vertreter des Frankreichs der Revolution und des freien <lb/>
         Englands. Alle diese Leute lächeln sich verständnisvoll an und helfen <lb/>
         sich gegenseitig. Im übrigen ähneln sie sich. Die einen sind nur das <lb/>
         blutigere Abbild der anderen. Sie verkörpern überall dasselbe Sy- <lb/>
         stem, dieselbe Idee: Krieg zu führen mit dem Volk in den Städten und <lb/>
         auf dem Lande, um jeden Preis die Arbeiter zu verhindern, durch eine <lb/>
         naturgemäße Verbindung Einfluß und den ihnen gebührenden Macht- <lb/>
         bereich zu erlangen, ihre Führer niederzuschlagen, die Lebenden zu <lb/>
         dezimieren und die Überlebenden zum Schweigen zu bringen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Eure Regierenden, die Diener der großen internationalen Geschäfts- <lb/>
         leute, sind Eure Feinde. Der internationale Faszismus ist zu gleicher <lb/>
         Zeit die weiße Diktatur des Staates und die Ausbeutung der Arbeit. Sie <lb/>
         stehen auf der anderen Seite der Barrikade. Und auch diejenigen sind Eure <lb/>
         Feinde, die sich des demokratischen Vorwandes bedienen, wie die ande- <lb/>
         ren sich des patriotischen Vorwandes bedienen, um Euch zu einer ernie- <lb/>
         drigenden Disziplin und einer beschämenden Gelehrigkeit zu bewegen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Eure Länder, das seid Ihr. Das Proletariat ist eins mit einem Land, <lb/>
         ebenso wie die die Nahrung hervorbringende Erde selbst. Und das <lb/>
         einzige wirkliche und feste Prinzip, das aus dem zeitgenössischen sozia- <lb/>
         len Chaos entspringt, ist die Solidarität des Proletariats. Alle Prole- <lb/>
         tariate und das ganze Proletariat: Ihr Arbeiter, Bauern, und auch Ihr, <lb/>
         ausgebeutete Angestellte oder Intellektuelle, und auch Ihr jungen Men- <lb/>
         schen in den Schulen, in denen das glühende jugendliche Gewissen des <lb/>
         Volkes lebt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Auf Grund der Solidarität werdet Ihr eines Tages den knechtischen <lb/>
         Gehorsam verweigern. Um die Bauern auf den Feldern, die Arbeiter <lb/>
         in den Straßen zu massakrieren, um die Häuser zu entvölkern und um <lb/>
         die Gefängnisse und Friedhöfe zu bevölkern, braucht man Heere; <lb/>
         um Heere zu bilden, braucht man Eure Zustimmung. Es ist der bulga- <lb/>
         rische Soldat und der rumänische Soldat, wie es anderweit der franzö- <lb/>
         sische Soldat ist, der das Elend hervorbringt, das sich verbreitet, und <lb/>
         der Soldat, das seid Ihr. </p>
      <p>
        <lb/>
         Vermöge der Solidarität werdet Ihr auf logischen und natürlichen <lb/>
         Grundlagen jene Gemeinschaft der Menschen organisieren, von der die
        <pb facs="#f0126" n="124"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         bürgerlich-demokratische Ideologie nur ein blasser abstrakter Entwurf <lb/>
         ist, der für die offiziellen Lenker keinen weiteren Wert als den eines <lb/>
         Vorwandes hat. An jenem Tage werdet Ihr endlich nur Eurem eigenen <lb/>
         Geschick gehorchen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Aber während dieser Zeitperiode, in der wir leben, ist Eure Aufgabe <lb/>
         in Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Mazedonien und Griechenland <lb/>
         die schwerste. Euer Geschick ist das traurigste in dem großen, zur Hälfte <lb/>
         noch gedanklichen Kampf, den wir herbeizuführen suchen, indem wir <lb/>
         uns Ellenbogen an Ellenbogen in diesem Befreiungs-Bürgerkrieg stellen, <lb/>
         in dem es bisher nur Vorposten-Gefechte gibt, und den man eines <lb/>
         Tages auf all den Jahrhunderte alten Schlachtfeldern der Rassenkriege <lb/>
         entfesseln muß — um ein für allemal die Räuberei und die Barbarei zu <lb/>
         vernichten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Wir fühlen die Zukunft voraus. Aber indessen rinnt Euer Blut, und <lb/>
         wir erfahren tagtäglich mit Beklemmung von dem Tribut, den Ihr dem <lb/>
         heiligen Klassenkampfe zahlt, und der Schmerz, den wir dadurch erdul- <lb/>
         den, erpreßt uns leider bisher nur einen Schrei der Empörung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Dennoch ist Eure Anstrengung nicht vergeblich, selbst wenn Ihr <lb/>
         schwankt, selbst wenn Ihr im Augenblick zur Ohnmacht verurteilt seid. </p>
      <p>
        <lb/>
         Für uns ist es ein herrliches Beispiel. Eure unbezwingliche Märtyrer- <lb/>
         entschlossenheit über der traurigen Ernte erweckt aufs Neue unsere <lb/>
         Hoffnung und belebt unser Handeln. Sie treibt uns mit verzweiflungs- <lb/>
         voller Energie zu der fruchtbaren Organisation, zur befreienden Eini- <lb/>
         gung der Unterdrückten und zur Kühnheit. Sie bereitet das Reich des <lb/>
         sozialen Gleichgewichts vor, das man auch das Reich der Gerechtigkeit <lb/>
         nennen kann. Sie beschleunigt eine geschichtliche Entwicklung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich, der ich zu Euch gekommen war, um Friedhöfe zu sehen und Tote <lb/>
         zu zählen, ich habe bei Euch eine bessere Überzeugung von unserer <lb/>
         lebendigen Pflicht gewonnen. Als ich von Euch zu den Proletariern <lb/>
         Frankreichs und Mitteleuropas gesprochen habe, als ich ihnen, wie Ihr <lb/>
         es von mir verlangt habt, von Eurer Freundschaft und von Eurem Ver- <lb/>
         trauen gesagt habe, und als ich ihnen Eure Leiden geschildert habe, <lb/>
         da habe ich gefühlt, wie bei der Erschütterung durch solche Lehren das <lb/>
         Volk eine bestimmtere Auffassung von dem Genius seiner Kraft und von <lb/>
         den Anforderungen seiner herrlichen Parole gewinnt: Verbrüderung der <lb/>
         Menschen unter der Hülle des Elends, unter der Uniform des Soldaten <lb/>
         und unter der Gemeinschaft des Blutes. </p>
      <p>
        <lb/>
         31. Dezember 1925. </p>
      <pb facs="#f0127" n="[125]"/>
      <p>
        <lb/>
         XI. </p>
      <p>
        <lb/>
         Anhang. </p>
      <p>
        <lb/>
         Herr LJAPTSCHEW und die Gesetzlichkeit. </p>
      <p>
        <lb/>
         Einzelne Teile dieses Buches sind in verschiedenen französischen und <lb/>
         sonstigen europäischen Zeitungen erschienen: im „Quotidien“, in der <lb/>
         „Humanité“, in der „Evolution“ in Paris, im „Peuple“ von Brüssel, im <lb/>
         „Gudok“ von Moskau, im „Abend“ von Wien, in „Foreign Affairs“ in <lb/>
         London, in „Het Volk“ von Amsterdam, in „Göteborgs Handels“ von <lb/>
         Gothenburg, in der „Arbeiter-Illustrierten“, in der „Weltbühne“ von <lb/>
         Berlin, in „La Razon“ von Buenos Aires, im „Kaizo“ von Tokio und <lb/>
         so weiter. </p>
      <p>
        <lb/>
         Diese Veröffentlichungen haben einige Proteste von Seiten der Re- <lb/>
         präsentanten oder der Verteidiger der offiziellen Balkanstellen zur Folge <lb/>
         gehabt. </p>
      <p>
        <lb/>
         In diesen von der Polemik und von Voreingenommenheit eingege- <lb/>
         benen Protesten allgemeinen Inhalts finde ich nichts, das mich veranlassen <lb/>
         könnte, meine Darstellung der Tatsachen und der Statistiken, ebenso <lb/>
         wie die Schlüsse, die meiner Ansicht nach von selbst daraus folgen, <lb/>
         in irgend einer Hinsicht zu ändern. Man hat mir kein ernsthaftes De- <lb/>
         menti entgegengestellt; ich brauche deshalb nicht auf jene angeblichen <lb/>
         Richtigstellungen einzugehen, und ich nehme bis auf weiteres an, daß <lb/>
         ich im Voraus darauf erwidert habe. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich will indessen eine Mitteilung erwähnen, die auf Veranlassung <lb/>
         der bulgarischen Gesandtschaft in Paris im „Temps“ erschienen ist und <lb/>
         die im wesentlichen besagt, daß ich einen der Vergangenheit angehö- <lb/>
         rigen Zustand schildere, da der Regierungsantritt des Kabinetts LJAPT- <lb/>
         SCHEW Bulgarien die Gesetzlichkeit und den inneren Frieden wieder- <lb/>
         gebracht habe. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich kann eine derartige, der Wahrheit völlig zuwiderlaufende Behaup- <lb/>
         tung nicht hingehen lassen. Und da ich in diesem Punkt keinerlei Zwei- <lb/>
         deutigkeit bestehen lassen will, erinnere ich daran, daß am 20. Februar
        <pb facs="#f0128" n="126"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         der Bezirksgerichtshof in Sliwen über die 151 Angeklagten der „Ver- <lb/>
         schwörerorganisation“ geurteilt hat. Es sind 31 zum Tode, 12 zu lebens- <lb/>
         länglicher Zwangsarbeit, die übrigen zu 15, 12 und 6 Jahren Gefäng- <lb/>
         nis verurteilt worden. Am selben Tage hat in Sofia der Prozess gegen <lb/>
         die Vertreter der Bauernpartei und der kommunistischen Partei im <lb/>
         Ausland begonnen. Dieser Prozeß ist am 8. März mit 27 Todesur- <lb/>
         teilen in contumaciam zu Ende gegangen. Unter LJAPTSCHEW ist die <lb/>
         Ermordung der früheren Minister KYRILLPAWLOW und P. JANEW lega- <lb/>
         lisiert worden. Sie waren im Jahre 1925 freigesprochen, aber mehrere <lb/>
         Monate lang in den unterirdischen Gefängnissen der allgemeinen Sicher- <lb/>
         heit in Sofia gefangen gehalten worden. Dort sind sie am 17. April <lb/>
         1925 lebendig verbrannt worden. Damit war die Sache erledigt. LJAPT- <lb/>
         SCHEW hat das Verfahren wieder aufgenommen, um die beiden Mär- <lb/>
         tyrer,, in contumaciam“ aburteilen zu lassen, und man hat sie zum Tode <lb/>
         verurteilt. — Am 24. April 1926 endete das Verfahren gegen das alte <lb/>
         Komitee der kommunistischen Jugendbünde mit vier Todesurteilen. <lb/>
         Die Gerichte sind mit einer großen Anzahl von Prozessen gleicher Art <lb/>
         beschäftigt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich weise darauf hin, daß ganz neuerdings folgende Personen ermor- <lb/>
         det worden sind: Der Agrarier KOSTA YURUKOFF, der Agrarier IVAN <lb/>
         SPASSOFF. Aus dem „Zora“ erfahren wir, daß zwei verhaftete Bürger <lb/>
         wegen, Fluchtverdachts“ getötet worden sind. Der in Sofia verhaftete <lb/>
         IWANOFF ist unter Schlägen verendet. TRAIKUSKY aus Borina ist ver- <lb/>
         schwunden. Nach dem Kongreß der Syndikate hat man versucht, JORDAN <lb/>
         MITEZ, den Sekretär der unabhängigen Syndikate, zu ergreifen, und die <lb/>
         faszistische Gruppe Guerilla hat, wie man sagt, neun der hervorragend- <lb/>
         sten Vorkämpfer der unabhängigen Syndikate zum Tode verurteilt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ich stelle ferner fest, weil es eine Tatsache ist, daß die von LJAPT- <lb/>
         SCHEW als Gabe aus dem erfreulichen Anlaß seines Regierungsantritts <lb/>
         gewährte Amnestie hauptsächlich den Mördern und Dieben zustatten <lb/>
         gekommen ist, während sie auf politische Vergehen nur ganz besonders <lb/>
         beschränkte Anwendung gefunden hat. Zahlreiche politische Opfer, un- <lb/>
         gefähr tausend, sind im Gefängnis geblieben, besonders die drei Fran- <lb/>
         zosen, Herr und Frau LEGER und Frau NICOLAWA, die ungerechter <lb/>
         Weise zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden waren. Hinsichtlich der <lb/>
         Art, wie die amnestierten Verbannten, wenn sie zurückkehren, aufge- <lb/>
         nommen werden, sei darauf hingewiesen, daß dreizehn aus der Gegend <lb/>
         von Küstendil Ausgewanderte gleich nach ihrer Rückkehr zum häus- <lb/>
         lichen Herd massakriert worden sind; daß anderen aus der Gegend
        <pb facs="#f0129" n="127"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         von Burgas, dank einem ‚sie denunzierenden hetzerischen Artikel des <lb/>
         Generals JOSTOFF in dem Regierungsblatt „Slovo“, dasselbe Schick- <lb/>
         sal zweifellos bevorsteht, und daß noch andere Gegenstand von Be- <lb/>
         drohungen, Quälereien und Grausamkeiten sind; daß der amnestierte <lb/>
         KABATSCHIEFF verhaftet worden ist, weil er zu entfliehen versuchte, <lb/>
         da er annahm, daß sein Leben in Gefahr wäre, u.s.w.. </p>
      <p>
        <lb/>
         Danach werde ich hier einfach in Beantwortung des kühnen, durch <lb/>
         eine bedeutende französische Zeitung kolportierten Sophismas die Will- <lb/>
         kürakte und Gewalttaten aufzählen, die zur Zeit der Gemeindewah- <lb/>
         len in Bulgarien im Februar 1926 „unter der Regierung LJAPTSCHEW“ <lb/>
         begangen worden sind. Die Dokumente darüber sind von der bulgari- <lb/>
         schen Presse veröffentlicht worden. In vielen Fällen ist die Wahrheit <lb/>
         dieser Angaben dadurch bestätigt worden, daß bekannte Persönlich- <lb/>
         keiten beim Ministerium Proteste erhoben haben, in verschiedenen Fäl- <lb/>
         len auch durch ärztliche Zeugnisse. Ich setze hinzu, daß diese Liste <lb/>
         sicher nicht vollständig ist. </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Morde</hi>. — In Borowan hat der Korporal NAKOFF dem Demokraten <lb/>
         PARWANOFF den Schädel eingeschlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Stanimaka hat die Miliz den Lehrer IWAN SPASSOFF am hellen <lb/>
         lichten Tage vor den Augen des Gemeindevorstehers PETER GROZEFF <lb/>
         niedergeschlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Willkürliche Verhaftungen</hi>.—Der agrarische Abgeordnete PETER <lb/>
         MINOFF wurde von Gendarmen verhaftet, die auf Befehl des Gemeinde- <lb/>
         vorstehers PENTSCHOFF und des Unterpräfekten die Revolver auf ihn <lb/>
         anlegten. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Kritschime ist der Bauerngeneralrat BOGDANOFF verhaftet worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Radomir hat der Unterpräfekt bei Gelegenheit der Wahlen SIMEO- <lb/>
         NOFF und WUTSCHKOFF aus Provalenitza sowie vier andere Bauern <lb/>
         aus Negovantzi verhaftet. Andere Verhaftungen sind gefolgt. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Melikadanowo wurden vier bäuerliche Kandidaten verhaftet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Sliwen sind zahlreiche Bauern aus den benachbarten Dörfern ver- <lb/>
         haftet und nach der Stadtabgeführt worden. Der Agent, der den Mehr- <lb/>
         heitsabgeordneten MICHAIKOFF begleitete, „hat seine Pistole einem <lb/>
         Landmann auf die Brust gesetzt.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Wrangel-Soldat und ein Mazedonier terrorisieren die Bauern. <lb/>
         Wenn diese willkürlich verhaftet und dann vom Staatsanwalt freigelas- <lb/>
         sen worden sind, wagen sie infolge des Regierungsterrors nicht, nach <lb/>
         Hause zurückzukehren. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Tschiken wurden TSCHOBAN und UREN verhaftet. </p>
      <pb facs="#f0130" n="128"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Der Priester des Dorfes DEWEDERE ist verhaftet worden, und die <lb/>
         Polizeibeamten haben die Wähler des Dorfes auseinandergetrieben. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Karnobat wurden acht Demokraten verhaftet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Krumowo sind am Tage der Wahlen die drei in Aussicht genom- <lb/>
         menen Kandidaten der demokratischen Partei: LAZAROFF, NIKOLOFF <lb/>
         und STOMONJAKOFF verhaftet worden, um sie zu verhindern, die Wahl- <lb/>
         liste dieser Partei einzureichen. Das Mitglied des Wahlbüros derselben <lb/>
         Partei, MLADENOFF, ist ebenfalls verhaftet worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Tatar-Pazardjik wurde das Mitglied des höheren Rats der demo- <lb/>
         kratischen Partei, ZEKOFF, zusammen mit seinem Sohn verhaftet. Viele <lb/>
         Mitglieder der Opposition sind vor dem Regierungsterror geflüchtet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Alexandrowo hat der Gemeindevorsteher die liberalen Führer <lb/>
         ANGEL und PETKO GELEZKOFF verhaftet und an die Wähler keine <lb/>
         Stimmzettel verteilt. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Zlaten haben die Gendarmen am Tage der Wahlen TSCHAKAROFF <lb/>
         und seinen Sohn, ebenso wie die Gebrüder GROZEW verhaftet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Lokorsko wurde GUNDEROFF, der Kandidat der nationalliberalen <lb/>
         Partei, verhaftet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Polizei hat die Dörfer Kalatschlie, Baltajie und Solali blockiert, <lb/>
         indem sie Drohungen gegen die Wähler ausstieß. Es sind verschiedene <lb/>
         Verhaftungen vorgenommen worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Auf dem Bahnhof von Wetowo sind die Rechtsanwälte KALTZEFF <lb/>
         und KOSTOFF verhaftet worden; der Polizeikommisar hat die Wahlauf- <lb/>
         rufe des nationalliberalen Kandidaten weggenommen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Verschiedene Verhaftungen in Kritschim, die Wahllisten der Oppo- <lb/>
         sition verboten. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Peruschtiza wurde MILUSCHEW verhaftet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Kojnare hat der Polizeiadjunkt willkürlich BELIAKOFF, GRAW- <lb/>
         SCHOWSKI und DIMITROFF verhaftet. Der Gendarm STOJANOWO be- <lb/>
         drohte jeden, der wagen würde, eine Bauernliste vorzulegen, mit dem Tode. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Mursalewo wurden die bäuerlichen Kandidaten verhaftet, und die <lb/>
         bäuerische Wahlliste verboten. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Bistriza sind die bäuerlichen Kandidaten verhaftet, und ist die <lb/>
         bäuerische Wahlliste verboten worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Malkokadiewo wurde der Bauer GROSEW verhaftet und nach Stara- <lb/>
         Zagora abgeführt. </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Grausamkeiten.</hi> — Der ehemalige Abgeordnete ST. SCHIWAROFF <lb/>
         wurde in der Nähe des Dorfes Dulewo überfallen, geschlagen und sehr <lb/>
         schwer am Kopf verletzt. </p>
      <pb facs="#f0131" n="129"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Am Abend vor den Wahlen wurde der ehemalige Gemeindevorsteher <lb/>
         WITSCHO PETEW durch den Gemeindevorsteher KARKOWSKI, der zur <lb/>
         Regierungspartei gehört, und durch den Förster W. CHRISTOFF über- <lb/>
         fallen. Der Schädel wurde ihm eingeschlagen, ein Arm und eine Rippe <lb/>
         zerbrochen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Zu Plewen mißhandelten am 29. Januar nach einer Bauernversamm- <lb/>
         lung die Behörden den sechzigjährigen PAWEL ATHANASSOFF aus Mat- <lb/>
         witza, der den Vorsitz in dieser Versammlung gehabt hatte. Auf der <lb/>
         Unterpräfektur wurde der Greis geprügelt, nachdem er durch den Unter- <lb/>
         präfekten KIRKOFF mit dem Tode bedroht und beleidigt worden war. <lb/>
         (Das Zeugnis der Doktoren LESSITSCHKOFF und HAIDUKOFF stellte <lb/>
         die Verletzungen fest, die durch ein stumpfes Instrument verursacht <lb/>
         worden sind.) </p>
      <p>
        <lb/>
         In Kalarare wurde der angesehene Bauer JORDAN USUNOFF durch <lb/>
         den Gendarmeriewachtmeister und den Korporal DELIRADEW ‚„fürchter- <lb/>
         lich geschlagen“. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Drugan haben die Polizisten den eben amnestierten ehemaligen <lb/>
         Minister BOTEW mit Verhaftung bedroht und eine Flinte gegen seine <lb/>
         Brust gerichtet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Suschitza haben die Terroristen der Polizei GEORGI TRIFONOFF <lb/>
         auf das Gemeindeamt kommen lassen und ihn dort in Gegenwart des <lb/>
         Gemeindevorstehers heftig geschlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Dolna-Manastiritza ist der Bauernkandidat TRIFON TRIFONOFF <lb/>
         mißhandelt worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Polikraitsche wurden vier Bauern-Kandidaten erbarmungslos ge- <lb/>
         prügelt. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Brdarski-Geran wurden die Bauern-Kandidaten am Tage der Wah- <lb/>
         len geschlagen und verwundet. </p>
      <p>
        <lb/>
         Eine Woche nach den Wahlen wurden nach Koschawa Gendarmen <lb/>
         geschickt, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Am Wahltage wurde <lb/>
         der bäuerliche Vorsteher eines Wahlbüros, FLORO POPOFF, von einem <lb/>
         Gendarmen und vom Gemeindevorsteher verhaftet, nach dem Gemeinde- <lb/>
         haus geführt und dort mit Kolbenschlägen getötet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Tschelopetsche hat sich der Regierungsabgeordnete PANTSCHOFF <lb/>
         gegenüber den Bauern in einer öffentlichen Versammlung zu wilden <lb/>
         Drohungen verstiegen und von ihnen verlangt, daß sie für die Regie- <lb/>
         rung stimmten. Die Bauern-Kandidaten wurden nach dem Gemeinde-. <lb/>
         haus geladen und bedroht. Am Tage der Wahlen wurden sie geschla- <lb/>
         gen, unter ihnen der Gemeindevorsteher PETKOFF. </p>
      <pb facs="#f0132" n="130"/>
      <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
      <p>
        <lb/>
         In Demirdjeli haben der Gendarmeriewachtmeister PULEW und der <lb/>
         Polizist SMAILOFF versucht, durch Drohungen die Opposition dahin zu <lb/>
         bringen, keine Kandidaten aufzustellen. Dessen ungeachtet gelang es <lb/>
         dem Bauern-Kandidaten PETKOFF, die Liste der Bauern-Kandidaten. <lb/>
         niederzulegen. Die Vertreter der Gewalt haben ihn verhaftet. Er wurde <lb/>
         zur Erde geworfen und hundertmal mit Knotenstöcken geschlagen. Darauf <lb/>
         wurde er vor das Büro geführt, um ihn zu veranlassen, die von ihm <lb/>
         überreichte Liste zurückzuziehen. Er weigerte sich dessen. Darauf nahm <lb/>
         der Wachtmeister PULEW selbst die Bauern-Liste fort und verbrannte <lb/>
         sie vor den Augen des Bauern-Kandidaten. (Zeugnis des Doktors DAI- <lb/>
         ROFF, aus dem sich ergibt, daß PETKOFF auf Kopf und Rumpf zahlreiche <lb/>
         Schläge mit einer harten, elastischen und stumpfen Waffe erhalten hat.) </p>
      <p>
        <lb/>
         Während der den Wahlen vorangehenden Nacht wurden in Drago- <lb/>
         man IWAN KOLEW, der Führer der Nationalliberalen, und sein Sohn <lb/>
         RASKO in einen Hinterhalt gelockt und totgeschlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Alexandrowo haben vier ausdrücklich wegen der Wahlen ange- <lb/>
         kommene Gendarmen DIMO DRAGOEW verhaftet und entsetzlich miß- <lb/>
         handelt. Verschiedene Bauern sind geflüchtet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Drugan haben die Gendarmen SERGUI ZAHARINOFF grausam ge- <lb/>
         schlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Messemaria haben Gendarmen und Polizisten Flüchtlinge mißhan- <lb/>
         delt. Ein Detektiv hat einen thrazischen Flüchtling, CHRISTO, geohrfeigt, <lb/>
         weil er gewagt hatte, seine Kandidatur aufzustellen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Tschikem wurde SALI KARA MEHMEDOFF grausam geschlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Beli-Mel hatte JORDAN KRSTEW dasselbe Schicksal, ebenso wie <lb/>
         eine gewisse Anzahl von Gemeinderäten, deren Demission man er- <lb/>
         langen wollte. Nach den Wahlen hat WRBANOFF, ein Parteigänger LJAP- <lb/>
         TSCHEWs, in Begleitung eines Gendarmen IWAN SPASSOFF und MARKO- <lb/>
         WIDOFF geschlagen; WIDOFF wurde unter den Schlägen ohnmächtig. <lb/>
         (Ärztliches Zeugnis.) </p>
      <p>
        <lb/>
         In Tscherkowna wurde MURADULI IBRAIMOFF geprügelt, um ihn zu <lb/>
         verhindern, seine Kandidatur aufzustellen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Osmo-Kalugerowo haben Polizisten die Bauern terrorisiert und <lb/>
         den Kandidaten PEEW mißhandelt. Sie haben auch IVAN LAZAROFF ge- <lb/>
         schlagen und ihm die Stimmzettel weggenommen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Karlowo durchfuhren „unverantwortliche Agenten“, begleitet von <lb/>
         Polizisten, im Lastwagen die Dörfer der Umgebung, terrorisierten die <lb/>
         Bevölkerung und verboten den Kandidaten der Opposition, sich auf- <lb/>
         stellen zu lassen. </p>
      <pb facs="#f0133" n="131"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         In Plowdiw ist der Sozialdemokrat DAFOFF von dem Korporal LIT- <lb/>
         ZOFF geschlagen worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Malaritza hat der Kommissar SAPUNDJEW den Sozialisten GROSEW <lb/>
         geschlagen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Brdarski-Geran sind am: Wahltage die Bauern-Kandidaten ge- <lb/>
         schlagen worden. </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Tyrannische Maßnahmen, welche die Behörden getroffen <lb/>
           haben</hi>. — In Gabrowo wurden die Führer der Bauernschaft auf die <lb/>
         Unterpräfektur bestellt; man verbot ihnen unter sehr nachdrücklichen <lb/>
         Drohungen, sich für die Wahlen aufstellen zu lassen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Abgeordnete von Warna, TSCHERNEW, hat an den Minister des <lb/>
         Innern, LJAPTSCHEW, telegraphiert, um ihn: von Akten „unerhörten Re- <lb/>
         gierungsdrucks“ in Kenntnis zu setzen. „Die Polizeibeamten, Agenten, <lb/>
         Gendarmen, der Sekretär der Präfektur, sowie andere Beamte verbieten <lb/>
         die Bauern-Liste und bedrohen die Bauern.“ TSCHERNEW setzt hinzu: <lb/>
         „Wir bitten Sie, selbst Ihre Gemeindevorsteher zu bestimmen. Wir <lb/>
         wollen keine Wahlen.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         In Suschitza wurde den bekannten Mitgliedern der Opposition ver- <lb/>
         boten, während der Wahlen auszugehen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Lowetsche erging ein Verbot der Teilnahme an den Wahlen auf <lb/>
         Grund der Liste der Bauern-Vereinigung. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Baldjii-Omur fanden während der Nacht des 20. Februar Durch- <lb/>
         suchungen in den Häusern angesehener Landleute statt, um ihnen Listen <lb/>
         und ‚Stimmzettel fortzunehmen. Am Wahltage wurde das Wahllokal <lb/>
         durch bewaffnete Polizei gesperrt, und den Bauern der Zugang "nicht <lb/>
         gestattet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Koschawa wurde das Haus, in dem die Wahl stattfinden sollte, <lb/>
         vom Tage vor den Wahlen an mit Stacheldraht umgeben und des Mor- <lb/>
         gens von zehn Polizisten bewacht. Alle Bauern wurden durchsucht. Man <lb/>
         nahm ihnen die Stimmzettel der Bauernpartei ab, und ersetzte sie durch <lb/>
         solche der Regierungspartei. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Baldji-Omur wurde am Wahltage die Bauernliste vernichtet. Die <lb/>
         Bauernkandidaten wurden durch. den Gendarmen der Unterpräfektur <lb/>
         von Popovo, DIMITRE MARINOFF, auseinandergetrieben. Darauf um- <lb/>
         gaben die Förster IVANOFF und DRAGOSCHINOFF mit gezogenem <lb/>
         Säbel und unterstützt durch Milizsoldaten das Haus, in dem die Wahlen <lb/>
         vorgenommen wurden und verhinderten die Bauern am Eintritt. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Kun Bunar ließ der Kommissar der Unterpräfektur, BOGDAONFF, <lb/>
         in Begleitung von Gendarmen das Wahllokal besetzen. Um 5½ Uhr nach-
        <pb facs="#f0134" n="132"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         mittags ließ er alle Führer der Oppositionspartei zu sich rufen und be- <lb/>
         drohte sie mit Verhaftung. Er hat die Aufstellung einer Liste der Oppo- <lb/>
         sition untersagt. Die Mitglieder des Wahlbüros wurden durchsucht. Der <lb/>
         Kommissar hat 270 Bürger ihres Wahlrechts beraubt, und nur 130 ha- <lb/>
         ben gestimmt. Aus diesem Anlaß ist ein eingehend begründeter Protest <lb/>
         erhoben worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In verschiedenen Gemeinden haben die Gemeindevorsteher vor den <lb/>
         Wahlen willkürlich bestimmt, daß alle Wahllokale 18—20 Stunden lang <lb/>
         geschlossen bleiben sollten, und alle Ansammlungen der Bürger ver- <lb/>
         boten, besonders in Borowan, in Orlandowtzi und in Beli-Mel. </p>
      <p>
        <lb/>
         NIKOLA KRSTEW, Gemeindevorsteher von Strowo, hat befohlen, daß <lb/>
         bis auf weiteres alle Bürger nach sieben Uhr zu Hause sein sollten. Er <lb/>
         hat ferner in seiner Verordnung bestimmt, daß auch in den Häusern <lb/>
         eine Versammlung von mehr als zwei Personen als Bildung heimlicher <lb/>
         Verbände, welche gegen die Staatssicherheit gerichtet sind, angesehen <lb/>
         werden würden, und daß die Veranstalter nach Maßgabe des Gesetzes <lb/>
         zur Sicherheit des Staates abgeurteilt werden würden. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Semerdjiewo wurde das ganze Dorf während der Wahlen in Be- <lb/>
         lagerungszustand versetzt. Der Gemeindevorsteher hat bei den Sozia- <lb/>
         listen Haussuchung gehalten, ihnen die Stimmzettel weggenommen und <lb/>
         die Mehrzahl von ihnen aus dem Bezirk verwiesen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Verwaltung hat auf die Wähler einen unmittelbaren Druck mit <lb/>
         allen Mitteln ausgeübt. Es wurden Versammlungen abgehalten und Vor- <lb/>
         tragsreisen unternommen, um für die Regierungskandidaten zu werben, <lb/>
         es wurden Drohungen und Gewalttaten angewendet. Hierher gehört <lb/>
         das Vorgehen der Präfekten von Burgas und von Wratza, der Unter- <lb/>
         präfekten von Schumen, von Radomir, von Eski-Djumaja. Dieser letzte <lb/>
         hat eigenhändig mehrere Personen geschlagen; er hat auf den fünfund- <lb/>
         siebzigjährigen Nationalliberalen HUSSEIN schießen lassen und ihn dann <lb/>
         samt seinem Sohne verhaften lassen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Lenitza haben die Behörden nach den Wahlen den Radikalen <lb/>
         IWAN GAZDOFF verhaftet und gegenihn ein Verfahren auf Grund des <lb/>
         Gesetzes zur Sicherheit des Staates eingeleitet. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Modrana ist den Bauern nicht gestattet worden, sich in die Listen <lb/>
         der Bauernvereinigung eintragen zu lassen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Stroewo-Bogoewo wurde die Bauernliste verboten. Der Agent <lb/>
         BOGDANOFF mißhandelte die Bauern. </p>
      <p>
        <lb/>
         In vielen Gemeinden haben die Schutzleute während der Nacht vor <lb/>
         den Wahlen in den Häusern verschiedener Mitglieder der Opposition
        <pb facs="#f0135" n="133"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Durchsuchungen vorgenommen und ihnen die Dokumente und Papiere <lb/>
         weggenommen, auf Grund deren sie die Wahllisten hätten aufstellen <lb/>
         können, ebenso wie die Stimmzettel. Das ist besonders in Winograd, <lb/>
         in Gorni-Dabnik und in Stob geschehen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In Katunetze sind Agenten mit dem Revolver in der Hand in das <lb/>
         Haus von NAIDENOFF eingedrungen. Es gelang ihm zu flüchten. Am <lb/>
         Tage der Wahl haben dieselben Agenten in Begleitung des Försters <lb/>
         und des Flurwächters die Führer der Opposition, die gekommen waren, <lb/>
         um die Listen ihrer Partei niederzulegen, halbtot geschlagen. Die von <lb/>
         den Nationalliberalen niedergelegte Liste wurde dem Vorsteher des <lb/>
         Wahlbüros weggenommen und unter den Augen aller Anwesenden zer- <lb/>
         rissen. </p>
      <p>
        <lb/>
         An verschiedenen Orten haben die Gemeindebehörden den zur Oppo- <lb/>
         sition gehörigen Wählern die Ausweispapiere nicht ausgehändigt und <lb/>
         sie dadurch am Stimmen verhindert. Das ist besonders in dem Bezirk <lb/>
         Osman Pazar, in der Gemeinde Tschelopetsch, in dem Bezirk von Ta- <lb/>
         tar Pazardiik, im Dorf Lewski, im Nowosseltzi und in Kramolin geschehen. </p>
      <p>
        <lb/>
         In mehr als 15 Stadtbezirken hat die Regierung die Einregistrierung <lb/>
         der bäuerlichen Listen verboten. </p>
      <p>
        <lb/>
         Im übrigen ergingen Verbote des Stimmens, oder es wurde angeord- <lb/>
         net, daß mit dem Stimmzettel, der die Farbe der Regierung trug, zu <lb/>
         stimmen sei, (in Bulgarien wird mit Stimmzetteln von verschiedener <lb/>
         Farbe abgestimmt) oder es wurde verlangt, daß für Regierungslisten <lb/>
         gestimmt werden sollte, die als „Bauerngemeindelisten“ frisiert waren. </p>
      <p>
        <lb/>
         Im übrigen sind die Ziffern der offiziell mitgeteilten Wahlergebnisse <lb/>
         von allen Seiten beanstandet worden. </p>
      <p>
        <lb/>
         Schluß: Die von KOSTURKOFF dem radikalen Kongreß vorgetragenen <lb/>
         Erklärungen lauten: „Die Wahlen vom 14. und 21. Februar haben unter <lb/>
         bis heut in Bulgarien unbekannten Bedingungen stattgefunden ... Nie- <lb/>
         mand war seines Lebens sicher.“ („Radical“ vom 8. März.) </p>
      <p>
        <lb/>
         Endlich seien noch drei aus drei sehr verschiedenen Quellen stam- <lb/>
         mende Urteile hier wiedergegeben: </p>
      <p>
        <lb/>
         Der Vorsitzende des bulgarischen Anwaltvereins, KUTSCHUKOFF, <lb/>
         nennt im „Radical“ eine gewisse Anzahl von Fällen, die beweisen, „daß <lb/>
         die Regierung LJAPTSCHEW in keiner Weise das Regierungssystem <lb/>
         ZANKOFFSs geändert hat, auch in keiner Weise die willkürliche Verwen- <lb/>
         dung ‚unverantwortlicher Elemente‘ verhindert hat.“ </p>
      <p>
        <lb/>
         Die Auffassung der Sozialdemokraten: Die Zeitung der bulgarischen <lb/>
         Sozialdemokraten „Narod“ schreibt, nachdem sie gleicher Weise die Tat-
        <pb facs="#f0136" n="134"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         sachen aufgeführt hat: „Während der Regierung ZANKOFF leugnete <lb/>
         die Regierungspresse und die bürgerliche Presse, daß es einen von der <lb/>
         Regierung ausgeübten Terror gäbe. Nach dem Sturze ZANKOFFSs gibt <lb/>
         dieselbe Presse zu, daß es in der Tat einen Terror gegeben hat, daß <lb/>
         sein Wüten aber während der Regierung ZANKOFFS stattgefunden habe. <lb/>
         Jetzt, sagt sie, unter der Leitung LJAPTSCHEWs beginnt eine neue <lb/>
         Ära. Die Wahrheit ist, daß sowohl unter der Regierung ZANKOFFS, wie <lb/>
         auch jetzt unter der Regierung LJAPTSCHEWs die anständigen Leute <lb/>
         ermordet, gefoltert und vergewaltigt worden sind und werden. Die Tat- <lb/>
         sachen sind bekannt.“ („Narod“ vom 17. April 1926.) </p>
      <p>
        <lb/>
         Die bulgarische Liga der Menschenrechte, die bisher der Regierung <lb/>
         ein unerfreuliches Entgegenkommen gezeigt hatte, hat eine Resolution <lb/>
         angenommen, in der sie „gegen die Akte der Gewalt und der Unge- <lb/>
         setzlichkeit, die gegenwärtig in Bulgarien vorgenommen werden, pro- <lb/>
         testiert“, Sie stellt fest, daß diese Akte, die zuerst vereinzelt waren, <lb/>
         schließlich in ihrer Massenhaftigkeit ein ganzes politisches System aus- <lb/>
         machen, und sie fügt hinzu: „Die Regierung muß tatsächlich für die <lb/>
         durch die verschiedenen ‚Verschwörerorganisationen‘ und die angeblich <lb/>
         unverantwortlichen Elemente begangenen Taten verantwortlich gemacht <lb/>
         werden.“ Ist es notwendig, zum Schluß daran zu erinnern, daß LJAPT- <lb/>
         SCHEW dafür besorgt gewesen ist, wissen zu lassen, daß er beabsich- <lb/>
         tige, die Politik ZANKOFFSs fortzuführen, und daß er, als er von dem <lb/>
         Ministerium des Innern Besitz nahm, durch die Präfekten dem Verwal- <lb/>
         tungs- und Polizei-Personal für die von ihnen unter seinem Vorgänger <lb/>
         geleisteten Dienste öffentlich Dank sagen ließ? </p>
      <p>
        <lb/>
         April 1926. </p>
      <pb facs="#f0137" n="[135]"/>
      <p>
        <lb/>
         Fremdwörtererklärung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ära: Zeitraum, Periode. <lb/>
         Affäre: Ereignis. <lb/>
         Akt: Handlung. <lb/>
         Analogie: ähnliches Verhältnis. <lb/>
         Analphabet: Lesens und Schreibens Unkundiger. <lb/>
         Annexion: gewaltsame Besitzergreifung von einem Lande. <lb/>
         Anomalie: Regelwidrigkeit. <lb/>
         Antisemit: Judenhasser. <lb/>
         Appell: Aufruf. <lb/>
         Argument: Begründung. <lb/>
         Arrogant: anmaßend. <lb/>
         Attentat: Angriff. <lb/>
         Authentizität: Echtheit. <lb/>
         Autokrat: unbeschränkter Herrscher.<lb/>
         Autonomie: Selbstregierung. <lb/>
         Autonomist: ein nach staatlicher Selbstständigkeit Strebender. <lb/>
         Autorität: Ansehen. <lb/>
         Avenue: breite Straße. </p>
      <p>
        <lb/>
         Baisse: Sinken der Preise. <lb/>
         Bastille: die Pariser Zwingburg, die in der großen Revolution zerstört wor- <lb/>
         (den ist.<lb/>
         Bojaren: die adligen Gutsbesitzer auf dem Balkan. <lb/>
         Budget: Staatshaushalt. <lb/>
         Bulletin: Bericht, Nachrichtenblatt. </p>
      <p>
        <lb/>
         Chaos: Zustand der Wirrniß. <lb/>
         Chauvinistisch: hetzerisch, völkisch. <lb/>
         Conseil: Ministerrat. <lb/>
         Chronisch: andauernd, wiederkehrend. </p>
      <p>
        <lb/>
         Delikt: Vergehen. <lb/>
         Delirien: Fieberphantasien. <lb/>
         Demagogie: Volksverhetzung. <lb/>
         Dementi: Ableugnung. <lb/>
         Demission: Entlassung, Rücktritt. <lb/>
         Deportation: Abschiebung, Verbannung. <lb/>
         Despot: Gewaltherrscher.<lb/>
         Detektiv: Geheimpolizist. <lb/>
         Dilettant: jemand, der ohne Fachbildung, eine Sache aus Liebhaberei betreibt.
        <pb facs="#f0138" n="136"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Diskreditieren: verächtlich machen, herabsetzen. <lb/>
         Disziplin: Regeln des Verhaltens. <lb/>
         Drakonisch: grausam. <lb/>
         Dynastie: Herrschergeschlecht. </p>
      <p>
        <lb/>
         Element: Bestandteil, auch Bezeichnung gewisser Personen. <lb/>
         Elementar: einfach, natürlich.<lb/>
         Elite: Auslese. <lb/>
         Emanzipation: Befreiung. <lb/>
         Emblem: Kennzeichen. <lb/>
         Endemisch: im Volk verbreitet. <lb/>
         Entnationalisierung: Raub der Staatszugehörigkeit. <lb/>
         Epidemie: ansteckende Massenkrankheit. <lb/>
         Episode: Beiwerk, Zwischenspiel.<lb/>
         Epoche: Zeitabschnitt. <lb/>
         Etappe: Station auf einem Wege. <lb/>
         Ethnisch: völkisch, Volks- (persönlichkeit). <lb/>
         Expansionismus: Ausdehnungsbestreben. </p>
      <p>
        <lb/>
         Fac-simile: mechanische Nachbildung. <lb/>
         Feudalismus: die Einrichtung des aus dem Mittelalter stammenden Lehns- <lb/>
         Flagrant: klar, offenbar. [wesens. <lb/>
         Föderalist: Anhänger des staatlichen Zusammenschlusses. <lb/>
         Föderation: Zusammenschluß von Staaten. <lb/>
         Funktionieren: wirken, tätig sein. </p>
      <p>
        <lb/>
         Galons: rote Streifen an den Militärhosen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Halluzination: krankhafte Einbildung.<lb/>
         Hegemonie: Oberherrschaft. <lb/>
         Hekatombe: Hunderte (von Opfern). <lb/>
         Hermetisch: dicht. <lb/>
         Humanité: Menschheit, Titel einer freiheitlichen französischen Zeitung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Identisch: gleichartig. <lb/>
         Illegal: ungesetzlich. <lb/>
         Inaugurieren: einleiten, ins Leben rufen.<lb/>
         In contumaciam: in Abwesenheit des Angeklagten. <lb/>
         Initiative: Antrieb. <lb/>
         Inspirieren: eingeben (einen Gedanken, einen Plan). <lb/>
         Instrument: Werkzeug. <lb/>
         Intellektuelle: geistige Persönlichkeiten. <lb/>
         Interpellation: Anfrage (im Parlament). <lb/>
         Interview: Unterredung, z. B. mit ausfragenden Pressevertretern. <lb/>
         Intim: das Innerste betreffend, vertraut. <lb/>
         Irredentismus: Streben der Bevölkerung eines annektierten Landes nach<lb/>
         Wiedervereinigung mit dem Stammland. <lb/>
         Journalisten: Zeitungsschreiber. </p>
      <pb facs="#f0139" n="137"/>
      <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
      <p>
        <lb/>
         Kabinett: Ministerium. <lb/>
         Kapital: (als Beiwort) bedeutend. <lb/>
         Karikatur: Zerrbild. <lb/>
         Kasematte: unterirdischer Festungsraum. <lb/>
         Katastrophe: trauriges Ereignis. <lb/>
         Kollusion: heimliches Einverständnis. <lb/>
         Kolportieren: verbreiten. <lb/>
         Kombination: Zusammenstellung, Verbindung. <lb/>
         Kompliziert: verwickelt. <lb/>
         Komplott: Verschwörung. <lb/>
         Konak: der Königspalast in Belgrad. <lb/>
         Konflikt: Streit. <lb/>
         Konsortium: Vereinigung (z. B. von Industriellen u. s. w.). <lb/>
         Kontribution: Kriegssteuer, Brandschatzung. <lb/>
         Kontrolleur: Aufsichtsbeamter. <lb/>
         Konzession: verliehenes Recht zu einem Unternehmen (auch Zugeständnis). <lb/>
         Korrekt: ordentlich, ordnungsgemäß. <lb/>
         Korrektheit: Anstand. <lb/>
         Korruption: Verderbnis. <lb/>
         Kriminell: verbrecherisch. <lb/>
         Krise: Schwankung (in der Wirtschaft). <lb/>
         Kulturell: gebildet, die Bildung betreffend. </p>
      <p>
        <lb/>
         Laboratorium: Versuchsanstalt. <lb/>
         Latifundien: Großgründbesitz. <lb/>
         Legal: gesetzlich. <lb/>
         Legende: Sage. <lb/>
         Liga: Bund, Verband. <lb/>
         Literarisch: schriftstellerisch, Literatur betreffend. <lb/>
         Logisch: schlüssig, richtig.<lb/>
         Loyal: ehrlich. </p>
      <p>
        <lb/>
         Machinationen : Machenschaften. <lb/>
         Majorität: Mehrheit.<lb/>
         Mandat: Sitz in der Volksvertretung. <lb/>
         Martyrium: Leiden. <lb/>
         Maximum: das größte, das höchste Maß. <lb/>
         Mechanik: gesetzmäßige Entwicklung. <lb/>
         Mechanismus: Maschinerie. <lb/>
         Methode: Verfahrungsweise. <lb/>
         Mission: Auftrag, Sendung. <lb/>
         Monarch: Herrscher. <lb/>
         Monomane: an fixer Idee leidender Geisteskranker. <lb/>
         Monströs: unerhört.<lb/>
         Monument: Denkmal. </p>
      <p>
        <lb/>
         Neuralgisch: krankhaft. <lb/>
         Notorisch: allgemein bekannt.
        <pb facs="#f0140" n="138"/>
        <fw type="header" place="top">Henri Barbusse.</fw>
        <lb/>
         Obrenowitsch: Name der serbischen Herrscherfamilie. <lb/>
         Offensive: Angriff. <lb/>
         Offiziell: amtlich. <lb/>
         Offiziös: halbamtlich. <lb/>
         Okkupation: Besetzung. <lb/>
         Oligarchie: Herrschaft Weniger. <lb/>
         Opportunismus: Politik von Fall zu Fall, ohne festen Grundsatz. </p>
      <p>
        <lb/>
         Pakt: Vertrag. <lb/>
         Pappemachee: ein minderwertiges Material aus Papier und Kleister. <lb/>
         Pathetisch: leidenschaftlich. <lb/>
         Paradoxie: sonderbare Behauptung. <lb/>
         Parodie: spöttische Nachbildung. <lb/>
         Patriarchalisch: altmodisch, väterlich. <lb/>
         Perfidie: Heimtücke, Niedertracht.<lb/>
         Phantastisch: märchenhaft. <lb/>
         Phantom: Trugbild. <lb/>
         Physiognomie: Gesicht. <lb/>
         Plaidoyer: Rede (vor Gericht besonders), Verteidigung einer Sache. <lb/>
         Plebiszit: Volksabstimmung. <lb/>
         Plutokratie: Herrschaft der Reichen.<lb/>
         Positiv: bestimmt. <lb/>
         Präfekt: staatlich bestellter Verwalter einer Stadt oder eines Kreises. <lb/>
         Praktiken: Machenschaften. <lb/>
         Primitiv: ganz einfach. <lb/>
         Prinzipiell: von grundlegender Bedeutung. <lb/>
         Problem: Aufgabe, Frage, Rätsel. <lb/>
         Produzent: Erzeuger. <lb/>
         Profitieren: Nutzen ziehen. <lb/>
         Projekt: Plan. <lb/>
         Proklamieren: verkünden. <lb/>
         Propaganda: Werbetätigkeit. <lb/>
         Proselyt: Neubekehrter.<lb/>
         Protest: Widerspruch. <lb/>
         Provokation: An- oder Aufreizung. <lb/>
         Provozieren: an- oder aufreizen. <lb/>
         Prozedur: Maßnahme. <lb/>
         Psychologie: seelische Verfassung (auch Lehre von der Seele im wissen- <lb/>
         schaftlichen Sinne). <lb/>
         Publizität: Öffentlichkeit, Veröffentlichungen. </p>
      <p>
        <lb/>
         Quadratur des Zirkels: Verwandlung eines Kreises in ein Viereck: eine <lb/>
         unmögliche Aufgabe. </p>
      <p>
        <lb/>
         Raffinement: künstliche (boshafte) Berechnung. <lb/>
         Reaktion: Rückschrittlichkeit, auch Gegenwirkung. <lb/>
         Reduzieren: zurückschrauben, beschränken. <lb/>
         Regime: Verwaltungssystem.
        <pb facs="#f0141" n="139"/>
        <fw type="header" place="top">Die Henker.</fw>
        <lb/>
         Rekord schlagen: die erste Stelle einnehmen. <lb/>
         Repräsentieren: vertreten, darstellen. <lb/>
         Requisition: Brandschatzung. <lb/>
         Resolution: Beschluß. <lb/>
         Rhetorik: Redekunst. </p>
      <p>
        <lb/>
         Sadismus: krankhafte Sucht nach Grausamkeit. <lb/>
         Sanitär: gesundheitlich. <lb/>
         Sanktionieren: rechtfertigen. <lb/>
         Schikanös: böswillig. <lb/>
         Schularchiv: Schulbücherei. <lb/>
         Sektion: Leichenöffnung.<lb/>
         Sensationell: Aufsehen erregend. <lb/>
         Separatist: Jemand, der auf Abtrennung eines Landesteils ausgeht. <lb/>
         Situation: Lage.<lb/>
         Skrupulös: gewissenhaft. <lb/>
         Sophismen: Spitzfindigkeiten. <lb/>
         Souverän: (als Beiwort) selbständig (von Staaten). <lb/>
         Spontan: von selbst, ohne äußere Einwirkung erfolgend. <lb/>
         Status quo: der bestehende Zustand. <lb/>
         Subvention: Unterstützung. <lb/>
         Sukzessiv: aufeinanderfolgend. <lb/>
         Summarisch: kurz, überstürzt.<lb/>
         Symbolisieren; versinnbildlichen. <lb/>
         Sympathie: Wohlwollen, Gleichgefühl.<lb/>
         Symptomatisch: bezeichnend.<lb/>
         Syndikat: Vereinigung. <lb/>
         Syndiziert: zu einer Vereinigung zusammengeschlossen. <lb/>
         Synode: Versammlung der Kirchenvorsteher. </p>
      <p>
        <lb/>
         Taktik: Art des Vorgehens. <lb/>
         Territorium: Landgebiet. <lb/>
         Terror: Schrecken. <lb/>
         Theorie: Lehre.<lb/>
         These: Behauptung. <lb/>
         Tradition: Überlieferung. <lb/>
         Typisch: charakteristisch, bezeichnend. <lb/>
         Typus: Wesenszug.<lb/>
         Tyrann: Gewaltherrscher. </p>
      <p>
        <lb/>
         Undiszipliniert: widerspenstig, unerzogen, schwer lenkbar. <lb/>
         Usurpierung: gewaltsame Aneignung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Zentralisation: Zusammenfassung (z. B. der Verwaltung an einer Stelle). <lb/>
         Zentren: Mittelpunkte, Brennpunkte. <lb/>
         Zynisch: allzu offen, roh. </p>
      <pb facs="#f0142" n="[140]"/>
      <pb facs="#f0143" n="[141]"/>
      <p>
        <lb/>
         Inhaltsverzeichnis. </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#right">Seite</hi>
      </p>
      <p>
        <lb/>
         Vorwort des Übersetzers. <space dim="horizontal"/>5 <lb/>
         Vorwort des Verfassers für die deutsche Ausgabe. <space dim="horizontal"/>8 <lb/>
         I. Unsere „Mission“. <space dim="horizontal"/>11 <lb/>
         Il. Mord und Totschlag! <space dim="horizontal"/> 21<lb/>
         III. Die Organisationen der Zerschmetterung. <space dim="horizontal"/>35 <lb/>
         IV. Völker am Kreuz. <space dim="horizontal"/>45 <lb/>
         V. Die Regierenden gegen die Völker. <space dim="horizontal"/>67 <lb/>
         VI. Der Vorwand ist: Die Bekämpfung des Bolschewismus. <space dim="horizontal"/> 76<lb/>
         VII. Die Balkan-Minderheiten. <space dim="horizontal"/> 86<lb/>
         VII. Die Rolle der Großmächte.... und die unsrige. <space dim="horizontal"/> 101<lb/>
         IX. Beßarabien unterm Joch. <space dim="horizontal"/> 118<lb/>
         X. An die Balkan-Völker. <space dim="horizontal"/> 122 <lb/>
         XI. Anhang. <space dim="horizontal"/> 125<lb/>
         Fremdwörtererklärung. <space dim="horizontal"/> 135 </p>
      <pb facs="#f0144" n="[142]"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Balkanländer vor dem Balkankrieg (vor 1912). </p>
      <pb facs="#f0145" n="[143]"/>
      <p>
        <lb/>
         Die Balkanländer und Ungarn nach dem Weltkrieg. </p>
      <pb facs="#f0146" n="[144]"/>
      <pb facs="#f0147" n="[Buchumschlag hinten innen]"/>
      <p>
        <lb/>
         Ahasvers Wanderung<lb/>
         und Wandlung. </p>
      <p>
        <lb/>
         Ein Märchenroman von Heinrich Nelson.<lb/>
         337 Seiten. 2 Mark. </p>
      <p>
        <lb/>
         Verlag „Öffentliches Leben“, Stuttgart,<lb/>
         Eberhardstr. 10.</p>
      <p>
        <lb/>
         „In dem vorliegenden Buch wird die alte Legende vom ewigen Juden neu <lb/>
         umgestaltet. Mit einem enormen Wissen, ohne irgend welchen Gelehrtendünkel, <lb/>
         schildert der Verfasser verschiedene Momente der Weltgeschichte, in denen <lb/>
         seine Phantasie Ahasver eine Rolle spielen läßt. Mehr als literarische Bedeu-<lb/>
         tung hat deshalb dieses Werk mit seinen scharfsinnigen, originellen historischen <lb/>
         Auffassungen, meines Erachtens wissenschaftlichen Wert. ... Unbeirrt von den <lb/>
         Wertungen der modernen Kultur ringt Nelson die Sitten und Prinzipien unserer <lb/>
         Zeit, von aufrichtiger Wahrheitsliebe und den edelsten sittlichen Beweggründen <lb/>
         geleitet. In dieser Hinsicht hat das Werk eine Tendenz, die mutig verteidigt <lb/>
         wird: ,Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit auf Erden unzerstörbar zu <lb/>
         erhalten‘.“ („Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande.“ Vom 15. Nov. 1924.)</p>
      <p>
        <lb/>
         „Der geistige Mensch urn die zweite Jahrtausendwende wird Ahasver anders <lb/>
         sehen, als er bisher in der Vision des Mythos stand. Für ihn wird der ewige <lb/>
         Wanderer zum Träger alter Sehnsucht nach der Verwirklichung der reinen Idee: <lb/>
         Wahrheit, Güte, Schönheit, von Anbeginn auf der Suche nach ihnen, ohne sie <lb/>
         zu finden. So hat auch Heinrich Nelson Ahasver in sich gefühlt und zu gestalten <lb/>
         &gt; versucht ... Bücher, die nicht verdunkeln, sondern aufhellen, sind in dieser <lb/>
         Zeit der Wirrnis spärlich und darum fördernswert.“ („Berliner Tageblatt“ vom <lb/>
         13. Oktober 1924.)</p>
      <p>
        <lb/>
         „So darf dieses Buch gewiss sein, da6 es in all den Kreisen, die ein wirk-<lb/>
         liches Interesse far geistige Fortentwicklung haben, eine wilikommene Gabe <lb/>
         sein wird. Man kann von ihm wirklich sagen, daß man es innerlich bereichert <lb/>
         aus der Hand legt.“ („Jüdische Volkszeitung" in Bratislava, vom 30. Mai 1924.) </p>
      <pb facs="#f0148" n="[Buchumschlag hinten außen]"/>
      <p>
        <lb/>
         ISK </p>
      <p>
        <lb/>
         Monatsschrift </p>
      <p>
        <lb/>
         Herausgegeben vom Vorstand des Inter-<lb/>
         nationalen Sozialistischen Kampf-Bundes.</p>
      <p>
        <lb/>
         Die Zeitschrift „ISK“ bildet die tagespolitische <lb/>
         Ergänzung der Schriftenreihe <lb/>
         „Öffentliches Leben".</p>
      <p> Aus dem Geleitwort (Januar 1926):<lb/>
         „Wir sehen die einzige Möglichkeit zur Ver-<lb/>
         wirklichung des Sozialismus in der Vereini-<lb/>
         gung von zielbewußtem Wollen und dogmen-<lb/>
         freier Forschung. 'Eine Vereinigung, die, wie <lb/>
         sich bei näherem Zusehen zeigt, auf nichts <lb/>
         anderes hinausläuft als das von MARX ge-<lb/>
         forderte Bündnis zwischen Wissenschaft und <lb/>
         Proletariat.“ / „Eine Zeitschrift kann den Kampf <lb/>
         nur vorbereiten helfen. Das Mittel des Wortes <lb/>
         ist gewiß unentbehrlich, um den Zugang zu <lb/>
         Menschen zu finden, um sich über Tatsachen, <lb/>
         sowie über Ziele und Wege zu verständigen. <lb/>
         Aber die Welt lässt sich nicht durch Worte aus <lb/>
         den Angeln heben.“ </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Bezugspreis</hi>: Vierteljährlich 60 Pfennig. Bestellungen nimmt in Deutsch-<lb/>
         land und den meisten europäischen Ländern <hi rendition="#g">jedes Postamt</hi> entgegen. </p>
      <p>
        <lb/>
        <hi rendition="#g">Probehefte</hi>
        <lb/>
         versendet der Verlag „<hi rendition="#g">Öffentliches Leben</hi>“, <hi rendition="#g"
          >Stuttgart</hi>, Eberhardstr. 10. </p>
      <pb facs="#f0149"/>
    </body>
  </text>
</TEI>
