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         das Dasein hinauszutun, ehe diese Wand niedergerissen <lb/>
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         Himmel aufragte, sie stand in Abrechts Blut als ein <lb/>
         furchtbar dicker Klumpen oder Knollen von Haß und Ekel <lb/>
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         eine Silberlösung durch die Adern geleitet, da war der <lb/>
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         näher, ahnungslos und singend. Johannes hörte die Worte <lb/>
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         „Es braucht ja nicht grade Flanell sein,“ sang er und <lb/>
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         „Es kann ja auch eventuell sein,“ hörte Johannes noch. <lb/>
         Ein Lachen packte ihn über die Sinnlosigkeit dieses Textes, <lb/>
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         Schulter an seinem eisernen Schicksal vorüberstreifte.
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         dunklen, wärmenden Kleidung. Nicht lange und er stand <lb/>
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         sein Schicksal entschieden hatte. </p>
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         des Herzens, nicht das Gemeine, nicht das Grausame, <lb/>
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         Vor Johannes‘ Augen wallte roter Dunst auf. Er sah <lb/>
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         Solidarität meine Augen, die ich niederschlug. </p>
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         Glut über sie hingeweht. Doch zu mächtig war nun die <lb/>
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         Die kleine Dogge war wieder aus ihrer Schüssel her- <lb/>
         vorgekommen, saß vor Bigram und betrachtete blinzelnd <lb/>
         sein redendes Gesicht. </p>
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         Alexander hatte sich eine Zigarette angebrannt und <lb/>
         freute sich. </p>
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         „Kannst es schon noch einmal hören,“ sagte Bigram <lb/>
         zum Hunde, „bravo, fleißig!“ </p>
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         „Treu über alles, las er und hob mahnend die Hand, <lb/>
         „Hausgenosse des Menschen, wedelt beim Nahen des <lb/>
         Herrn, läßt ihn nicht schlagen, geht jener, läuft er vor- <lb/>
         aus, am Kreuzwege sieht er sich um. Macht nachts die <lb/>
         Runde. Meldet Nahende. Wacht bei Gütern, wehrt <lb/>
         das Vieh von den Feldern ab, bewacht Rinder und Schafe <lb/>
         vor wilden Tieren, - hält Löwen im Schach!“ </p>
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         Die Worte „hält Löwen im Schach“ las Bigram mit <lb/>
         plötzlicher Donnerstimme, und mit eingezogenem Schwanze <lb/>
         rannte das Hündchen zu seiner Blechschüssel zurück. </p>
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         „Nun, nun,“ sagte Bigram, „so schlimm ist es auch <lb/>
         wieder nicht.“ Und im Tone milder Anerkennung fuhr er <lb/>
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         zieht in Frankreich den Bratspieß, in Sibirien den Wa- <lb/>
         gen. Bettelt bei Tische. Heult zur Musik...“ </p>
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         Mit einem Gefühl des Neides blickte Alexander den
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         Bigrams Tun aber war das natürlichste von der Welt, <lb/>
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         Naturgeschichte vorzulesen: froh, sicher, unbekümmert <lb/>
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         Von dir wird man allerhand zu lernen haben, neuer <lb/>
         Freund, dachte Alexander. Aber ob man es lernen kann? </p>
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         Die Seitentür ging auf, und Frau Saceur erschien, <lb/>
         ausgeschlafen, rosig und duftend. Man setzte sich zum <lb/>
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         „Sie haben gut geruht, das sieht man,“ sagte Bigram <lb/>
         und lächelte. </p>
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         aufgestanden, Herr Bigram, und das ist Anlaß zum <lb/>
         Dank.“ </p>
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         Er machte ein fragendes Gesicht. </p>
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         wüsten Insel in einen einsamen Hof verschlagen und <lb/>
         fürchtet sich vor der Morgentoilette. Gewiß wird es nichts <lb/>
         geben als ein grobes Handtuch und Kernseife!“ </p>
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         „Das wäre ja noch schöner!“ sagte Bigram. </p>
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         liches Badesalz und überhaupt alles. Und man kann mit
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         Alle lachten und aßen. </p>
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         gen hin. Wohl vierzig Hunde gaben das Geleit. Groß, <lb/>
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