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         und liess sich vom Regen besprühen. Wie der <lb/>
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         Wagen. Dadrinnen lag Georg. Paul dachte <lb/>
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         Georg hatte dem Fenster den Rücken gewandt, <lb/>
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         jetzt verächtlich, hasserfüllt verwarf, konnte ein <lb/>
         späteres Erinnern milde wieder emporheben, und
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         — um ihrer Schönheit willen ihnen verzeihend — <lb/>
         gerührt und lächelnd, sie „Jugend“ nennen. </p>
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         Aber, was diese Abendstunde ihm gegeben, <lb/>
         blieb; immer in ihm und nur in ihm; dem Blut <lb/>
         in seinen Adern nicht bloss vergleichbar — sein <lb/>
         Blut selbst, das zu ihm geredet hatte; und darauf <lb/>
         zu horchen hatte diese Stunde gelehrt. </p>
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         Denn über dem Leben derer, deren Blut in <lb/>
         ihm floss, war Gerechtigkeit wie eine Sonne ge- <lb/>
         standen, deren Strahlen sie nicht wärmten, deren <lb/>
         Licht ihnen nie geleuchtet, und vor deren <lb/>
         blendendem Glanz sie dennoch mit zitternden <lb/>
         Händen, ehrfürchtig ihre leidenerfüllte Stirne be- <lb/>
         schatteten. </p>
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         Vorfahren, die irrend, den Staub aller Heer- <lb/>
         strassen in Haar und Bart, zerfetzt, bespieen mit <lb/>
         aller Schmach, wanderten; Alle gegen sie, von <lb/>
         den Niedrigsten noch verworfen — aber nie sich <lb/>
         selbst verwerfend; nicht, in bettelhaftem Sinn, <lb/>
         ihren Gott ehrend nach dem Maass seiner Gaben; <lb/>
         in Leiden nicht zum barmherzigen Gott — zu <lb/>
         Gott dem Gerechten rufend. </p>
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         Und vor ihnen Viele, deren Sterben ein <lb/>
         grosses Fest, Anderen bereitet, war. Rings um
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         sie Feierkleider, das Leuchten edler Steine, <lb/>
         flatternde Fahnen und Prunk und der Hall von <lb/>
         Glocken und der Gesang vesperlicher Hymnen, <lb/>
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         facht — — — sie selbst an Pfähle geschnürt, <lb/>
         das Feuer erwartend, schuldlos Sünden sich er- <lb/>
         dichtend und ihre Qualen „Strafe“ nennend, nur <lb/>
         dass ihr Gott ein Unbezweifelter, Gerechter, bleibe. </p>
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         Und hinter ihnen Allen ein Volk, um Gnaden <lb/>
         nicht bettelnd, im Kampf den Segen seines Gottes <lb/>
         sich erringend; durch Meere wandernd, von <lb/>
         Wüsten nicht aufgehalten, und immer vom Fühlen <lb/>
         des gerechten Gottes so durchströmt, wie vom <lb/>
         Blut in ihren Adern: ihr Siegen -- Gottes Sieg, <lb/>
         ihr Unterliegen — Gottes Gericht, sie selbst sich <lb/>
         bestimmend von seiner Macht zu zeugen, ein <lb/>
         Volk von Erlösern, zu Dornen gesalbt und aus- <lb/>
         erwählt zu Leiden. Und langsam ihren Gott von <lb/>
         Opfern und Räucherungen lösend, hoben sie ihn <lb/>
         hoch über ihre Häupter, bis er, kein Kampfesgott <lb/>
         von Hirten mehr — ein Wahrer allen Rechtes — <lb/>
         über vergänglichen Sonnen und Welten, unsicht- <lb/>
         bar, Allem leuchtend, stand. </p>
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         Und von ihrem Blute war auch er. </p>
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         Am Rande des Neptunbrunnens stand Paul <lb/>
         still. Ueber der steinernen modergrünen Rück- <lb/>
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         grundes zu einer Höhle sich zu vertiefen, aus der <lb/>
         steinerne Hippocampen sprengten. Braune Blätter <lb/>
         lagen wie eingewebt in den dünnen zerknitterten <lb/>
         Schleier, zu dem die Oberfläche des Wassers zu <lb/>
         erstarren begann. Von den grossen Goldfischen <lb/>
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         durch das Dunkel nach oben. Nur kurze Zeit — <lb/>
         Minuten — waren vergangen, seit er hier an <lb/>
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         längst Vergangenes, zu liegen. Damals hatte er <lb/>
         sich abgemüht, um das zu finden, woran ihn der <lb/>
         Teich und die Fische erinnerten. Mit gierig <lb/>
         schnappenden Lippen hatten die sich ans Ufer <lb/>
         gedrängt und dann satt sich sinken lassen, bis <lb/>
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         schimmerten. Nun wusste er, welche Erinnerung <lb/>
         sie in ihm geweckt hatten. An einen Traum, <lb/>
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         und Sehnsucht und Erinnerungen und gespiegeltem
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         Leben reich und prunkend beladen gewesen war. <lb/>
         In der Augustnacht hatte er ihn geträumt, in der <lb/>
         Georg gestorben war. Er dachte daran, wie er <lb/>
         Georg zuletzt gesehen; am Nachmittag vor jener <lb/>
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         sehen, war ja nicht mehr Georg. Kühl und <lb/>
         sonnenlos war jener Nachmittag gewesen. Durch <lb/>
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         sinken. Georg hatte dem Fenster den Rücken <lb/>
         gewandt, und hell umrandete das Licht seine <lb/>
         Wangen, die braungebrannt von der Sonne <lb/>
         waren. Seine Augen waren im Dunkel; aber <lb/>
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         die die Sonne gereift. Voll und ruhig aus- <lb/>
         schwingend, klang Georgs tiefe Stimme, leise <lb/>
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         ziehender Vogelschwärme. Sie sprachen von fast <lb/>
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         Kopf leicht zur Seite wandte, fiel Licht auf seine <lb/>
         Lippen. Dann sah Paul die ruhigen gütigen <lb/>
         Linien seines Mundes, die er lange kannte. Und
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         gleichgiltige Worte, die Georgs Lippen formten, <lb/>
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         gesogen von Weisheit und Güte. </p>
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         der Blick seiner Mutter, der, anschwellend von <lb/>
         Liebe, oft auf ihm geruht hatte, hatte vielleicht <lb/>
         in Georgs Gütigsein noch weiter leben dürfen; <lb/>
         und in den dunkeln Wellen seines Haares, hatte <lb/>
         vielleicht noch die Spur der Hand gelebt, die <lb/>
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         gebreitet war. Um Georgs Tod hatten quälend <lb/>
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         Feuerschein verzerrend über die Gesichter. Ein <lb/>
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         Schlagen seines eigenen Bluts. </p>
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         A. W. Hayn’s Erben, Berlin und Potsdam. </p>
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