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            <p> Dieses Werk ist gemeinfrei. Digitalisat der Universitätsbibliothek Salzburg im
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         Käse belegt war. Sie fraßen gewaltig und lange und <lb/>
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         Immer mehr Soldaten kamen an. Auf den Puffern <lb/>
         und auf den Dächern saßen russische Gefangene in <lb/>
         ihren lehmgelben Uniformen. Ein ganzer Trupp Re- <lb/>
         kruten, ganz junge Buben, die ihren Offizieren davon- <lb/>
         gelaufen waren, rannte noch auf und ab. Sie stellten <lb/>
         sich auf die Trittbretter und auf die Stufen vor dem <lb/>
         Bremserhäuschen. „Kinder, haltet euch fest, wenn der
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         Da erschien auf einmal der schwarze Philosoph Gack <lb/>
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         Er sah furchtbar wild aus, sein Bart war gewachsen <lb/>
         in den letzten Tagen, die Augen lagen tief in den Höhlen <lb/>
         und seine Stimme klang todtraurig: </p>
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         den ihr geschworen habt und kehrt zu eurem Hauptmann <lb/>
         zurück!“ Er sagte es so laut, daß es der ganze Zug hören <lb/>
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         er geendet hatte, antwortete ihm ein schallendes Ge- <lb/>
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         mußte, und schoß sich in die Brust. Er warf noch einen <lb/>
         Blick auf Schlump und brach zusammen. </p>
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         Der Tornister rutschte über seinen Kopf, die Riemen <lb/>
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         gelbes Konzeptpapier quollen über sein Gesicht. </p>
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         Sie fuhren in die rauhen Berge der Eifel hinein <lb/>
         In der Nacht hielt der Zug irgendwo. Jolles <lb/>
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         zu sehen. Oben auf den Dächern lagen noch ein paar, sie <lb/>
         waren erfroren. Jolles verschwand in der Finsternis. <lb/>
         Der Abschied war kurz, sie haben sich nie wiedergesehen. </p>
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         In Jingerrath hielt der Zug. Er fuhr nicht weiter. <lb/>
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         wärmen. Er war allein. Nebenan schliefen ein paar <lb/>
         Landser. Nach ein paar Stunden ging er hinauf. Oben <lb/>
         auf dem Bahnsteig stand — wie ein riesiger Block — <lb/>
         eine ungeheure Kolonne Soldaten. Sie hatten sich <lb/>
         zu etwa zwanzig Mann hintereinander gestaffelt, Reihe <lb/>
         an Reihe, und so warteten sie auf dem endlosen Bahn- <lb/>
         steig, schweigend und unbeweglich. Es mußten weit über <lb/>
         tausend Mann sein. Sie warteten auf einen Schnellzug <lb/>
         aus Straßburg, der nach Köln weitergehen sollte. <lb/>
         Schlump wußte, hier würde es einen furchtbaren Kampf <lb/>
         geben. Und richtig: Man hörte ein Klopfen in den <lb/>
         Schienen. Wie ein riesiges Untier, zum Sprunge ge- <lb/>
         duckt, standen die Soldaten und warteten gespannt. <lb/>
         Ein paar weiße Lichter erschienen in der Nacht. Sie <lb/>
         kamen heran, aber weit draußen vor dem Bahnhof <lb/>
         blieben sie stehen. Da bewegte sich das Tier — und mit <lb/>
         einem Male raste und stürmte es auf die Lichter zu. <lb/>
         Schlump rannte hinterdrein. Ein furchtbarer Kampf <lb/>
         entspann sich um jedes Fenster. Auf die Lokomotive, <lb/>
         auf den Kohlenwagen krochen sie hinauf, Schreie gellten <lb/>
         durch die Nacht, Glas splitterte. Dann war es still, die <lb/>
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         Schlump ging wieder hinunter. Er hatte Hunger. Er <lb/>
         packte aus und aß in aller Ruhe. Oben fuhr wieder ein
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         Zug ein. Er aß weiter. Nach ein paar Stunden ging er <lb/>
         hinauf. Ein langer, langer Personenzug stand da. <lb/>
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         still. Da hörte er jemand sprechen. </p>
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         „Habt ihr noch Platz?“ fragte Schlump. </p>
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         Keine Antwort. Jemand lachte. Da wußte er, daß <lb/>
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         zurück, nach der Lokomotive zu. Dort hatte er vorhin <lb/>
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         tete. Wartete lange. Endlich kam jemand heraus. <lb/>
         Ein Postschaffner. Schlump ging auf ihn zu und gab <lb/>
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         Tag, Kamerad, habt ihr noch ein bißchen Platz für <lb/>
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         war es gemütlich. Ein paar Kraftfahrer und Train- <lb/>
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         dafür!“ Schlump hatte ein paar Schachteln in seinem <lb/>
         Rock stecken. Die stammten noch aus dem Kasino der <lb/>
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         In Köln stiegen sie aus. Matrosen standen da mit dem <lb/>
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         In der Unterführung lagen Gewehre aufgestapelt bis <lb/>
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         er ausgezogen war. </p>
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