<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-model href="http://www.deutschestextarchiv.de/basisformat.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="dtabf">
    <teiHeader>
        <fileDesc>
            <titleStmt>
                <title type="main">Union der festen Hand. Roman einer Entwicklung</title>
                <author>
                    <persName ref="http://d-nb.info/gnd/119483548"><lb/>
                        <surname>Reger</surname>
                        <forename>Erik</forename>
                    </persName>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher><lb/>
                    <orgName>Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien</orgName>
                    <email>redaktion@juedische-geschichte-online.net</email>
                    <address>
                        <addrLine>Am Neuen Markt 8, 14467 Potsdam</addrLine>
                    </address>
                </publisher>
                <availability>
                    <licence target="http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/">
                        <p>Dieses Werk ist gemeinfrei. Digitalisat der Universitätsbibliothek
                            Bielefeld im Rahmen des Service Digitalisierung on Demand</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno><idno type="DTAID">source-46</idno></idno>
            </publicationStmt>
            <sourceDesc>
                <bibl>
                    <author>Reger, Erik</author>
                    <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7003712">Berlin</placeName>
                    <date when="1931">1931</date>
                    <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/1042067406">Ernst Rowohlt Verlag</orgName>
                </bibl>
                <msDesc>
                    <msIdentifier>
                        <repository>Universitätsbibliothek Bielefeld</repository>
                        <idno>
                            <idno type="URLImages">https://ds.ub.uni-bielefeld.de/resolver?urn=urn:nbn:de:0070-disa-24729909</idno>
                        </idno>
                    </msIdentifier>
                    <physDesc>
                        <typeDesc>
                            <p>Antiqua</p>
                        </typeDesc>
                    </physDesc>
                </msDesc>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="deu">Deutsch</language>
            </langUsage>
            <textClass>
                <classCode scheme="http://juedische-geschichte-online.net/doku/#genre"
                    >Quelle:Text</classCode>
            </textClass>
        </profileDesc>
    </teiHeader>
    <text>
        <body>
            <pb facs="#f0001" n="[Buchdeckel vorne außen]"/>
            <p>
                <lb/>
                 ERIK REGER </p>
            <p>
                <lb/>
                 UNION <lb/>
                 DER FESTEN <lb/>
                 Hand </p>
            <p> ERNST ROWOHLT <lb/>
                 VERLAG BERLIN · W50 </p>
            <pb facs="#f0002" n="[Buchdeckel vorne innen]"/>
            <pb facs="#f0003"/>
            <pb facs="#f0004"/>
            <pb facs="#f0005" n="[1]"/>
            <pb facs="#f0006" n="[2]"/>
            <pb facs="#f0007" n="[3]"/>
            <p>
                <lb/>
                 ERIK REGER </p>
            <p>
                <lb/>
                 UNION DER FESTEN HAND </p>
            <p>
                <lb/>
                 ROMAN EINER ENTWICKLUNG </p>
            <p>
                <lb/>
                 1931 </p>
            <p>
                <lb/>
                 ERNST ROWOHLT VERLAG · BERLIN </p>
            <pb facs="#f0008" n="[4]"/>
            <p>
                <lb/>
                 Copyright 1931 <lb/>
                 by Ernst Rowohlt Verlag, K. G. a. A., Berlin W50 </p>
            <p>
                <lb/>
                 1.-6. Tausend </p>
            <pb facs="#f0009" n="[5]"/>
            <p>
                <lb/>
                 DEM DEUTSCHEN VOLKE </p>
            <pb facs="#f0010" n="[6]"/>
            <p>
                <lb/>
                 GEBRAUCHSANWEISUNG </p>
            <p>
                <lb/>
                 1. Man lasse sich nicht dadurch täuschen, daß dieses Buch <lb/>
                 auf dem Titelblatt als Roman bezeichnet wird. </p>
            <p>
                <lb/>
                 2. Man beachte, daß in diesem Buche nicht die Wirklich- <lb/>
                 keit von Personen oder Begebenheiten wiedergegeben, son- <lb/>
                 dern die Wirklichkeit einer Sache und eines geistigen Zustan- <lb/>
                 des dargestellt wird. </p>
            <p>
                <lb/>
                 3. Wenn man in den Reden einzelner Personen Stellen fin- <lb/>
                 det, die besonders unwahrscheinlich klingen, so hat man es <lb/>
                 mit tatsächlichen Äußerungen führender Geister der Nation <lb/>
                 zu tun, oder wenigstens mit Gedankengängen, die auf solche <lb/>
                 zurückgehen. Der Verfasser hat sich überlegt, ob er diese <lb/>
                 Stellen im Druck kennzeichnen solle. Er hielt es nicht für <lb/>
                 geraten, aus drei Gründen: </p>
            <p>
                <lb/>
                 a) weil es das Auge stören würde; </p>
            <p>
                <lb/>
                 b) weil der Leser sich angewöhnen würde, darüber hin- <lb/>
                 wegzusehen; </p>
            <p>
                <lb/>
                 c) weil der Leser sich vorzeitig einbilden würde, diese <lb/>
                 Stellen von selbst erkannt zu haben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 4. Man beachte, daß in diesem Buch fünf Stationen durch- <lb/>
                 laufen werden, und bemühe sich, die Zahnräder des Getrie- <lb/>
                 bes zu erkennen. Der jeweilige Haltepunkt wird auf den er- <lb/>
                 sten vier Strecken durch den Bericht des Generalanzeigers <lb/>
                 kenntlich gemacht. Bei genauer Befolgung dieser Anleitung <lb/>
                 wird es dem Leser möglich sein, nach der fünften Strecke den <lb/>
                 Bericht des Generalanzeigers selbst zu schreiben. </p>
            <pb facs="#f0011" n="7"/>
            <p>
                <lb/>
                 ÜBERRUMPELUNG </p>
            <p>
                <lb/>
                 ERSTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach dem Streik der Munitionsarbeiter war die Stadt ruhig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie war eine von den vielen Ortschaften in Deutschland, <lb/>
                 die schon im achten Jahrhundert urkundlich belegt sind, ohne <lb/>
                 daß jene frühe Zeit deutliche Spuren in ihnen hinterlassen <lb/>
                 hätte. Da sind Gebäude, Einfahrten, Mauern, Höfe — viele <lb/>
                 alt und grau, gewiß, aber es ist trotzdem nichts Besonderes <lb/>
                 an ihnen, man wird nicht einmal neugierig auf ihre Herkunft. <lb/>
                 Das mürbe, rasenbezogene Gemäuer, das in Nebengassen von <lb/>
                 der verblichenen Vornehmheit und dem schämig versteckten <lb/>
                 Wohlstand ehemaliger Patrizierfamilien träumt, hat höchstens <lb/>
                 für melancholische Menschen einen Reiz, denen dabei der <lb/>
                 welke Pergamentduft der Chroniken in die Nase steigen mag, <lb/>
                 jener Chroniken, die in den Archiven von edlen, leider ver- <lb/>
                 westen Geschlechtern erzählen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Stadt, von der hier gesprochen wird, wäre freilich auf <lb/>
                 Wahrzeichen des Altertums vielleicht nicht einmal stolz gewe- <lb/>
                 sen, denn ihre Gegenwart war so hell und besinnungslos <lb/>
                 glänzend, daß sie zur Vergangenheit keine andere Beziehung <lb/>
                 haben konnte als die Beziehung der Hoffahrt und Selbstge- <lb/>
                 fälligkeit, welche ein plötzlich reich gewordener Mann zur <lb/>
                 Armseligkeit seines einstigen Lebens haben mag. Seit Jahr- <lb/>
                 zehnten war diese Stadt nämlich der Hauptplatz des großen <lb/>
                 Kohlenreviers, in welchem, obwohl es nur anderthalb Pro- <lb/>
                 zent des deutschen Bodens umfaßte, der zehnte Teil der ge- <lb/>
                 samten Bevölkerung wohnte. Auf so engem Raum waren <lb/>
                 fünfundsiebzig Prozent der deutschen Steinkohlenförderung <lb/>
                 vereinigt, achtzig der Roheisengewinnung, fünfundzwanzig <lb/>
                 des Eisenbahnverkehrs, fünfunddreißig der Binnenschif- <lb/>
                 fahrt, dreiunddreißig der Stromerzeugung und fünfzehn der <lb/>
                 Spareinlagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 War es ein wohlhabendes Land? — Jedenfalls war es eine <lb/>
                 ungeheuere Anhäufung wirtschaftlicher Macht, aber als sol- <lb/>
                 che galt sie wenig. Der Ernst und die Verantwortung der
                <pb facs="#f0012" n="8"/>
                <lb/>
                 Arbeit, woraus sie hervorgegangen war, war in der öffent- <lb/>
                 lichen Wertschätzung gesunken, seitdem die Geschäfte flotter <lb/>
                 gingen und etwa auftretende Schwierigkeiten auch ohne per- <lb/>
                 sönliche Tüchtigkeit, allein durch den Einsatz größeren Kapi- <lb/>
                 tals, gemeistert werden konnten. Es war eine Zeit angebro- <lb/>
                 chen, wo man sich daran gewöhnt hatte, Konsequenzen zu <lb/>
                 ziehen, bevor die Voraussetzungen geschaffen waren. Die <lb/>
                 Geltung, die dieses Land genoß, rührte daher, daß das monu- <lb/>
                 mentalisierte Arbeitsideal zur grandiosen Staffage für Heer <lb/>
                 und Flotte geworden war. Die Maler schufen Handelskam- <lb/>
                 merdiplome, auf denen die Schlachtkreuzer den spritzenden <lb/>
                 Schaum mit finsteren Kanonenrohren bedrohten, während <lb/>
                 an der Küste ein bärtiger Schmied das feurige Eisen hämmerte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man hatte also diesem Industriegebiet die Funktion einer <lb/>
                 »Waffenschmiede des Reiches« übertragen, und zumal nach <lb/>
                 Ausbruch des Krieges klang durch alle Gedichte, Reden und <lb/>
                 Zeitungsartikel dieses klirrende Wort wie die zitternde Stim- <lb/>
                 me eines Greises, der von der ewigen Seligkeit berichtet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gleichwohl geschah das alles aus ziemlicher Entfernung, <lb/>
                 und man hütete sich vor der näheren Berührung mit diesem <lb/>
                 Land wie vor einem Aussätzigen. Es war ein Gebrauchs- <lb/>
                 gegenstand für Trinksprüche geworden, doch behielt es im- <lb/>
                 mer das rätselhafte, gefährliche Antlitz eines unerforschten <lb/>
                 Vulkans. Man hielt die Industrie für ein Übel, wenngleich für <lb/>
                 ein notwendiges Übel. Man sagte, sie sei für das Wohlerge- <lb/>
                 hen des Vaterlandes dasselbe, was der Dünger für das Wachs- <lb/>
                 tum der Blumen im Garten sei. Auch die Misthaufen auf den <lb/>
                 Äckern seien häßlich, und man müsse sich im Vorbeigehen <lb/>
                 die Nase zuhalten, aber man ziehe eben den Nutzen daraus, <lb/>
                 und bei gehöriger Anwendung bringe ihr Gehalt an Stick- <lb/>
                 stoff, Phosphorsäure und Kali die köstlichen Farben und <lb/>
                 Düfte der Rosen hervor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So wurde das Steinkohlenrevier nur von weitem und etwas <lb/>
                 ängstlich beobachtet, wie ein Kriegsschauplatz, dessen Ver- <lb/>
                 wesungsgeruch den Schönheitssinn abstößt, dessen heroi- <lb/>
                 sierende Verherrlichung ihn aber entzückt. Der Handelsteil <lb/>
                 der Zeitungen spiegelte bloß die börsenmäßig greifbaren Vor- <lb/>
                 gänge, der politische Teil bloß die Vorpostengefechte der
                <pb facs="#f0013" n="9"/>
                <lb/>
                 Interessengegner. In den Lesebüchern standen etliche Anek- <lb/>
                 doten von großen Unternehmern, die jetzt, wenn auch noch <lb/>
                 etwas befremdend, als Industriekapitäne neben den Heer- <lb/>
                 führern rangierten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie das Land überhaupt aussah und wie die Menschen da- <lb/>
                 rin lebten, wußte man nicht und wollte man nicht wissen. <lb/>
                 Man hatte die Vorstellung: Ruß und Asche und Kohlenstaub <lb/>
                 und graues Straßenelend, verdorrende Wälder und Sonne im- <lb/>
                 mer hinter Dunst, fürchterlich. Schweigen Sie, schweigen <lb/>
                 Sie, es läuft mir kalt über den Rücken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jedoch man wußte: DIE WAFFENSCHMIEDE DES <lb/>
                 REICHES. Das war genug. Ragende Schlote, feurige Essen, <lb/>
                 schwielige Hände, o ja, natürlich, das gehört dazu. Das ist <lb/>
                 gewaltig, das ist unsere Überlegenheit, das macht uns keiner <lb/>
                 nach. Bitte, fahren Sie nur fort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fast ein Drittel des Bodens dieser Stadt gehörte dem Stahl- <lb/>
                 werk Risch-Zander, das ihn mit Konsumfilialen bebaut hatte, <lb/>
                 mit Lesesälen, Badeanstalten, Denkmälern, Biergärten, Kolo- <lb/>
                 nien, Lazaretten, Ledigenheimen, Beamtenkasinos und an- <lb/>
                 deren Wohlfahrtseinrichtungen und Bildungsstätten. Hier be- <lb/>
                 gannen soeben neue Kurse in Hausschusterei und Kleider- <lb/>
                 machen, dort wurden Hauspflegerinnen abgegeben, dort <lb/>
                 Holzsohlen zum Anschrauben, »wärmer, wasserdichter, halt- <lb/>
                 barer und gesunder als Ledersohlen«, dort Kochrezepte für <lb/>
                 Kriegsküche, dort Molkeneiweiß, — »Molkeneiweiß ist stark <lb/>
                 eiweißhaltiger, nahrhafter, quarkartiger Brotaufstrich«, — <lb/>
                 hier wurden Wöchnerinnen unter Vorlage ihres Trauzeugnis- <lb/>
                 ses aufgenommen, dort Plätterinnen, dort Serviermädchen <lb/>
                 für die Speisehallen; hier wurde Kaffeesatz gesammelt, dort <lb/>
                 wurden Hausmütter und junge Mädchen zu Arbeitsstunden <lb/>
                 aufgerufen — »bei Mangel an Flicklappen und Nähgarnen wird <lb/>
                 nach Möglichkeit ausgeholfen«—, dort erging Befehl an die Ju- <lb/>
                 gend zur militärischen Vorbereitung, »8,15 Uhr Antreten zum <lb/>
                 Exerzieren mit anschließender Abendübung«—und diese Fünf- <lb/>
                 zehnjährigen hießen dann nicht mehr Lausejungen, wie sonst <lb/>
                 während ihrer Lehrzeit, sondern »Jungmannen«, und bei <lb/>
                 Risch-Zander nannte sich ihr Klub sogar »Jung-Roland«. </p>
            <pb facs="#f0014" n="10"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das zweite Drittel dieser Stadt war im Besitz der Kohlen- <lb/>
                 zechen und der Nachkommen kleinerer Walzwerke, die längst <lb/>
                 das Zeitliche gesegnet hatten, in den Rest teilten sich die <lb/>
                 Grundstückspekulanten, die Stadtverwaltung und die Weni- <lb/>
                 gen, die hier noch ein wirkliches Privatleben zu führen ver- <lb/>
                 mochten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der altertümliche Kern mit seiner schönen romanischen <lb/>
                 Kirche war jetzt ganz für sich, verstaubt und vermufft von <lb/>
                 dem Leichenfledderergewerbe der Kriegswirtschaftsbüros; <lb/>
                 die Stadt, wie sie jetzt war, hatte ein neues Zentrum, die <lb/>
                 Risch-Zandersche Fabrik, und die Achsen, die von dort aus- <lb/>
                 gingen, trugen nicht mehr den Stempel der historischen Fol- <lb/>
                 gerichtigkeit, sondern der sozialen Schichtung, die den Städ- <lb/>
                 tebauern über den Kopf gewachsen war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie die Rumänen, Ungarn und Italiener nach Detroit zu <lb/>
                 Ford, so waren Jahrzehnte vorher die Massen aus Ostpreußen, <lb/>
                 Sachsen und Württemberg hierhin zugeströmt, das Objekt <lb/>
                 selbst hatte sich ausgebreitet und seine Anziehungskraft auf <lb/>
                 die Menschen bis zum Letzten ausgenutzt. Der Mensch war <lb/>
                 sozusagen nur noch Zuschauer bei seiner eigenen Arbeit. <lb/>
                 »Es« ging vorwärts: der Mensch brauchte nur das Segel zu <lb/>
                 hissen, die Konjunktur blies den Wind hinein. Vier bis fünf <lb/>
                 Hektar hügeliges Ackerland wurden jeweils in wenigen Wo- <lb/>
                 chen von endlosen Häuserzeilen gefressen, es mußte schnell <lb/>
                 geschehen, die Leute warteten schon mit den Möbelwagen, <lb/>
                 ehe der Anstreicher hinaus war, schnell, schnell und billig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So häuften sich mit den burgenhaften Fabrikfassaden die <lb/>
                 Stukkateurgeschäfte, die Destillen, Kinos und Bazare in der <lb/>
                 Stadtmitte, die Villen in Barockmanufaktur und die Siedlun- <lb/>
                 gen im Schwarzwälder Puppenstil nach Westen hin, wo die <lb/>
                 Wälder rauschten und der Fluß sie lautlos spiegelte, und die <lb/>
                 proletarischen Mietskasernen gen Osten, wo das Dickicht aus <lb/>
                 gelbem Qualm unaufhörlich wogte und scharenweise die Ze- <lb/>
                 chentürme, wie Bakterien auf Gelatine, daraus hervorsproß- <lb/>
                 ten. Gas, Wasser und Kanalisation wurden in die Vertiefun- <lb/>
                 gen hineingebuddelt, die auf dem Katasteramt schon Straßen <lb/>
                 hießen, in den Lehmtrichtern hingen die Möbelwagen fest <lb/>
                 — immer herein damit, Fabriken, Häuser, Menschen, immer
                <pb facs="#f0015" n="11"/>
                <lb/>
                 herein damit, hier sitzt man sicher und warm, hier wird Geld <lb/>
                 verdient — nicht viel, wenn man die Arbeit rechnet, die dafür <lb/>
                 verlangt wird, aber ungeheuer viel, wenn man an das Elend <lb/>
                 auf den Zuckerrübenplantagen zurückdenkt, woher man ge- <lb/>
                 kommen ist. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bankerotteure setzten sich mit viertel- oder halbfertigen <lb/>
                 Häuserruinen ein Denkmal. Die Jungen spielten tagsüber Räu- <lb/>
                 ber und Schandiz darin, abends war es ein Unterschlupf für Pär- <lb/>
                 chen, und nachts wurde gestohlen, was an transportierbarem <lb/>
                 Material darin war. Die Behörde teilte den ganzen Wirrwar <lb/>
                 einfach in Blöcke ein und verausgabte Straßennamen nach <lb/>
                 Gattungsmerkmalen: hierhin Mädchennamen, dorthin Kna- <lb/>
                 bennamen, hierhin Dichter, dorthin Maler, hierhin Städte, <lb/>
                 dorthin Flüsse, hierhin Ärzte, dorthin Industrielle. Es war, <lb/>
                 als wollte sie wenigstens die Straßen sammeln, da die Stadt <lb/>
                 selbst ihr zu entlaufen drohte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aus dieser Zeit, wo die Backsteine rasend geworden wa- <lb/>
                 ren, besaßen die Erben einiger Häuserkönige noch ganze <lb/>
                 Straßenfluchten, eine endlose Einöde, immer dieselben trau- <lb/>
                 rigen Mietshäuser mit dem grauen, von Säure zerfressenen <lb/>
                 Gestein und den abbröckelnden Stuckrosetten. Es war un- <lb/>
                 möglich, sich vorzustellen, daß diese Häuser wie andere ge- <lb/>
                 baut worden waren; der Baumeister mußte zwischen zwei <lb/>
                 Pfählen eine Schnur gespannt und daran einfach einen Kilo- <lb/>
                 meter Vorderwand hingepflanzt haben, so ähnlich, wie es die <lb/>
                 Gärtner machen, wenn sie Beete anlegen. Alle diese Häuser <lb/>
                 machten den Eindruck, als seien es nur Attrappen, als hätten <lb/>
                 sie keine Tiefe, und wenn eine Tür offen stand, sah es aus wie <lb/>
                 eine Kulissenperspektive. Daher sah man ihre Bewohner im- <lb/>
                 mer auf den Treppen sitzen oder in den Fenstern liegen; sie <lb/>
                 hatten nichts, wohin sie sich zurückziehen konnten, sie wohn- <lb/>
                 ten gleichsam schon auf der Straße. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Menschen glichen sich, wie sich die Fenster glichen. <lb/>
                 Immer, auch im tiefsten Frieden, erblickte man hier fast nur <lb/>
                 Frauen und Kinder, denn die Männer waren auf Schicht, <lb/>
                 entweder gingen sie hin, oder sie kamen von dort, oder sie <lb/>
                 schliefen sich aus. Es waren also immer dieselben vom Luft- <lb/>
                 entzug vergilbten Kindergesichter und immer dieselben von
                <pb facs="#f0016" n="12"/>
                <lb/>
                 Bewegungslosigkeit aufgeschwemmten Frauenkörper, die <lb/>
                 eine ununterbrochene Schwangerschaft durchzumachen <lb/>
                 schienen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Boden war unterwühlt von den Stollen der Bergwerke, <lb/>
                 überall liefen helle Streifen, verschmierte Risse von Berg- <lb/>
                 schäden, schief durch die Häuserwände. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Manchmal stand mittendrin ein schmalgiebliges Schiefer- <lb/>
                 haus, zweihundertjährig, die Fetzen hingen herunter, unten <lb/>
                 waren die Fenster mit Brettern vernagelt, Ratten und Mäuse <lb/>
                 schien es zu beherbergen; bei aller Verkommenheit war es <lb/>
                 dennoch das einzige Haus, dem man glaubte, daß es ein rich- <lb/>
                 tiger viereckiger Kasten und nicht bloß eine Fassade ohne <lb/>
                 Tiefendimension war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Solcher Art war das Skelett dieser Stadt, die sich nicht al- <lb/>
                 lein vom Dorf hinaufentwickelt, sondern, ohne es noch zu <lb/>
                 wissen, eine Etappe auf dem Wege von der geschlossenen <lb/>
                 Ortschaft zur aufgelösten Industrielandschaft zurückgelegt <lb/>
                 hatte. Noch hielt jedermann diesen ungeordneten, haltlos <lb/>
                 auseinanderfallenden Raum für einen gut eingefriedigten Wei- <lb/>
                 deplatz, der nach Wiederkehr der fetten Friedensjahre nur <lb/>
                 desto lustiger abzugrasen sei; noch war niemand geneigt, die <lb/>
                 gelegentlichen Schwankungen des Bodens ernster zu nehmen, <lb/>
                 als man gemeinhin in unseren Breiten ein Erdbeben nimmt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Immerhin war die Ruhe, die augenblicklich in dieser Stadt <lb/>
                 herrschte, außerordentlich; es war eine Ruhe, die nicht das <lb/>
                 Gegenteil von Unruhe, sondern ein Ersatz für Unruhe war, <lb/>
                 eine nicht zum Ausbruch gelangte oder unterdrückte oder <lb/>
                 sonstwie verhinderte Unruhe. Es hatte den Anschein, als sei <lb/>
                 die Stadt vom Schicksal geplündert worden, und die Vor- <lb/>
                 sehung habe daraufhin den Belagerungszustand über sie ver- <lb/>
                 hängt. Auch waren viele Soldaten in den Straßen, aber sie <lb/>
                 sahen eher aus wie Marodeure. Es gab viele, die ohne Ur- <lb/>
                 laubsschein das Land durchzogen und ihre Ausrüstungen ver- <lb/>
                 kauften, und an den Viadukten hatte man schon Landsturm- <lb/>
                 männer mit grellroten Halstüchern beobachtet. Die Gerüch- <lb/>
                 te, daß überall Fahnenflucht und bewaffneter Aufstand vor- <lb/>
                 bereitet würde, wollten nicht verstummen, und sie traten um
                <pb facs="#f0017" n="13"/>
                <lb/>
                 so bestimmter auf, je mehr sie vom Stellvertretenden Armee- <lb/>
                 kommando verboten wurden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An jeder Straßenecke waren Konzerte von Gesangvereinen <lb/>
                 angekündigt, das schien Frohsinn und Gemütlichkeit auf Be- <lb/>
                 fehl zu sein — gleichwie ein Offizier seine ermüdete Truppe in <lb/>
                 Marsch zu halten hofft, indem er ihr zu singen befiehlt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von zehn Uhr vormittags an klingelten die Risch-Zander- <lb/>
                 schen Speisewagen, die nach Art einer Kochkiste gebaut wa- <lb/>
                 ren und nach einem bestimmten Fahrplan durch manche Stadt- <lb/>
                 teile fuhren, um die Henkelmänner mit dem Essen der ein- <lb/>
                 heimischen Arbeiter abzuholen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Straßenbahnen fuhren selten und waren überfüllt, die <lb/>
                 Schaffnerinnen konnten sich der Belästigungen nicht erweh- <lb/>
                 ren, die Führer waren eingepfercht und kaum noch imstande, <lb/>
                 Schaltung und Handbremse zu bedienen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Vorgärten der Villen, wo sonst Nelken und Gladio- <lb/>
                 len blühten, fraßen die flaumigen, schwarz und gelb gescheck- <lb/>
                 ten Raupen den Wirsingkohl, und die schwarzen Läuse saug- <lb/>
                 ten das Mark der Bohnen aus. Die Raupen klebten an den <lb/>
                 Rändern und Einkerbungen des Wirsings, dessen Blätter von <lb/>
                 vielen Adern, Warzen und dunklen Runzeln zerspalten wa- <lb/>
                 ren; unten mit den Bauchfüßen festgeklammert, den Kopf <lb/>
                 nach oben herumgebogen, staken sie wie Krampen fest. Mit <lb/>
                 den bärtigen Oberlippen bissen sie an und zermalmten zwischen <lb/>
                 einer Unzahl von Kiefern und Kauladen das wässerige, fade rie- <lb/>
                 chende Grün. Dabei quollen die Augen zu dicken, spähenden <lb/>
                 Punkten auf, und die Fühler streckten sich mißtrauisch und <lb/>
                 wachsam nach den Seiten hin; wenn nur das Blatt erzitterte, <lb/>
                 bäumte sich schon der Vorderleib mit den strohgelben Bauch- <lb/>
                 ringen und klappte so geschwind nach unten, als sei mitten im <lb/>
                 Körper ein federndes Scharnier. So zusammengerollt und ver- <lb/>
                 schrumpft, brachten sie eine geraume Zeit unter der bergen- <lb/>
                 den Blatthülle zu. Nahte sich der Verfolger, so hakten sie sich <lb/>
                 los und ließen sich rücklings zur Erde fallen, war es jedoch <lb/>
                 nur ein blinder Alarm, so krochen sie gleich wieder an. Die <lb/>
                 Hinterbeine, die wie Gabeln waren, schoben den Rumpf vor, <lb/>
                 der sich hierauf in der Mitte aufwölbte und dem Kopf einen <lb/>
                 kräftigen Stoß versetzte. Sie waren unersättlich, sie fraßen
                <pb facs="#f0018" n="14"/>
                <lb/>
                 unentwegt, sie wanderten in Kolonien, so wie sie aus den <lb/>
                 kleinen, dottergelben Eiern geschlüpft waren, von einem <lb/>
                 Freßplatz zum anderen, Löcher und Buchten fransten sie aus, <lb/>
                 über die hin und wieder noch schmale Dämme von weißen <lb/>
                 Strünken liefen, sie mußten viel in sich hineinschaffen, um <lb/>
                 den Winter über, verpuppt und eingesponnen in die Dunkel- <lb/>
                 heit kalter Winkel, hindämmern zu können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dagegen waren die Läuse ruhig und seßhaft, sie hatten <lb/>
                 Zeit, sie brauchten sich ja nicht zu verwandeln, sie legten nur <lb/>
                 immer Eier und schon saß eine neue Generation an ihrer Stelle. <lb/>
                 So lebten sie in Klumpen auf den Stengeln der Triebe und Scho- <lb/>
                 ten, die sie mit dem Saugrüssel anbohrten und deren Zellplasma <lb/>
                 sie abzapften eine große, geruhsame Familie, die zuweilen von <lb/>
                 schnorrenden Ameisen besucht wurde, denn der Honigtau, <lb/>
                 den sie absonderte, war süß und klebrig wie Sirup, aber auch <lb/>
                 von Marienkäfern, welche ihr schwarzes Blut bei lebendigem <lb/>
                 Leibe austranken. Obwohl die Läuse nicht fressen konnten, <lb/>
                 hatte ihnen die gütige Natur doch die Wollust der Freß- <lb/>
                 empfindung nicht versagt, denn wenn sie die Röhren des <lb/>
                 Rüssels wie ein Blasinstrument ein- und auszogen, so war es <lb/>
                 ihnen, als ob sie nagten, als ob sie etwas mit Zähnen vertilg- <lb/>
                 ten, als ob sie augenblicklich die Existenz eines anderen leben- <lb/>
                 den Wesens auslöschten. Aber in Wirklichkeit waren sie nur <lb/>
                 von einer unendlich langsamen, unendlich schleichenden Wir- <lb/>
                 kung, ganz allmählich verkapselte sich gallenartig das saft- <lb/>
                 lose Gewebe der Blätter und wurde von einem grauen Filz <lb/>
                 befallen, in dessen verschimmeltem Haar Millionen winziger <lb/>
                 Milben nisteten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seit Menschengedenken hatte es nicht so viele Raupen und <lb/>
                 Läuse gegeben wie in diesem Kriegsjahr. Viele erblickten dar- <lb/>
                 in eine neue vom Himmel gesandte Plage, durch welche den <lb/>
                 darbenden Menschen die letzte Nahrung noch weggezehrt <lb/>
                 wurde; andere brachten es mit einem Wechsel in den astro- <lb/>
                 nomischen und meteorologischen Verhältnissen in Verbin- <lb/>
                 dung, der durch die vielen Kanonenschüsse verursacht sein <lb/>
                 sollte; manche glaubten auch, daß das Ungeziefer nur des- <lb/>
                 halb überhand nehme, weil sich jetzt so viele Leute, die <lb/>
                 nichts davon verstünden, mit Gartenbau beschäftigten. </p>
            <pb facs="#f0019" n="15"/>
            <p>
                <lb/>
                 In den Fenster- und Balkonkästen wurden Tomaten, Peter- <lb/>
                 silie, Lauch und Sellerie gezogen, und wenn der volkswirt- <lb/>
                 schaftliche Nutzen dieser dürftigen Anpflanzungen nur gering <lb/>
                 war, so war dafür das vaterländische Beispiel um so höher zu <lb/>
                 veranschlagen, das diese Villenbewohner, Prokuristen, Ban- <lb/>
                 kiers, Diplomingenieure, Stadträte und bessere Geschäfts- <lb/>
                 leute, der Bevölkerung gaben. Überall in den Straßen der <lb/>
                 sogenannten besseren Viertel, in den zahllosen Straßen mit <lb/>
                 Dienstwohnungen, in all diesen winkligen, verdrehten, über- <lb/>
                 zuckerten Erzeugnissen einer Architektengeneration, die kei- <lb/>
                 ne Wohnhäuser, sondern »Schmuckkästen« baute —, überall <lb/>
                 waren Blumentöpfe mit verhutzelten Gurken und Endivien <lb/>
                 ausgestellt, überall roch es nach Kaninchenzucht, überall sah <lb/>
                 man alte Herren in Bratenröcken Schweizer Saanenziegen <lb/>
                 ausführen, alle Menschen schienen sich der Natur zu nähern, <lb/>
                 ein wahrhaft Rousseausches Zeitalter schien angebrochen <lb/>
                 zu sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Geschäfte und die Konsums der Fabriken waren ge- <lb/>
                 schlossen, an den Metzgereien hingen Schilder: »Fleischlose <lb/>
                 Woche! Abgabe von Speck nur an Feuerarbeiter gegen Aus- <lb/>
                 weis!« Auf anderen gedruckten Plakaten war zu lesen: »Heu- <lb/>
                 te E-Gr 2—4 ½, Uhr«, oder »J—Ko Dienstag Vormittag <lb/>
                 7—10 Uhr« — alle Einwohner waren in den Läden alphabe- <lb/>
                 tisch registriert, und wer nicht in die Kundenliste eingetragen <lb/>
                 war, hatte kein Recht, sich den langen Trauerzügen hungern- <lb/>
                 der, blutloset, von innen ausgekälteter Frauen anzuschließen, <lb/>
                 die sich schon am frühen Morgen vor den Türen der Krämer <lb/>
                 und Bäcker zu formieren begannen. Der Warenvorrat, über <lb/>
                 den diese verfügten, hätte normalerweise an zehn Kunden <lb/>
                 verkauft werden können, aber jetzt wurde er auf dreihundert <lb/>
                 verteilt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kurzum, die Stadt befand sich in einem Zustand wie ein <lb/>
                 Patient, den ein praktischer Arzt behandelt, welcher (ohne in <lb/>
                 der Lage zu sein, eine genaue Diagnose zu stellen und eine <lb/>
                 spezifische Therapie anzuwenden) allgemeine Erschöpfung <lb/>
                 konstatiert und den Kopf schüttelt: »Diese Ruhe gefällt mir <lb/>
                 nicht.« </p>
            <pb facs="#f0020" n="16"/>
            <p>
                <lb/>
                 Eigentlich war die Streikbewegung bei Risch-Zander ab- <lb/>
                 geflaut, ehe sie richtig in Gang gekommen war. Nur die Gie- <lb/>
                 ßereien und Artilleriewerkstätten waren mit einem stärkeren <lb/>
                 Prozentsatz der Belegschaft daran beteiligt gewesen. Ange- <lb/>
                 sichts der Stimmung im Lande, die weit Schlimmeres befürch- <lb/>
                 ten ließ, glaubte die Werksleitung mit diesem Verlauf zu- <lb/>
                 frieden sein zu können. Nach ihrer Meinung hatte die Ver- <lb/>
                 nunft der Leute gesiegt über die Hetzereien der landfremden <lb/>
                 Elemente, mit denen der Arbeiterstamm im Kriege durch- <lb/>
                 setzt worden war. Ein paar Kündigungen und die in der Ar- <lb/>
                 beitsordnung für unentschuldigtes Fehlen vorgesehenen <lb/>
                 Geldstrafen ausgenommen, hatte man sogar von härteren <lb/>
                 Maßnahmen Abstand nehmen können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ernstliche Unruhen waren ja auch eine bare Unmöglich- <lb/>
                 keit. Die Leute, die bei Risch-Zander beschäftigt waren, hie- <lb/>
                 ßen nicht Arbeiter und Angestellte, sondern »Angehörige«, <lb/>
                 und bezeichneten sich als eine einträchtige Familie, die Fa- <lb/>
                 milie der Rischianer. Diese stellte nicht nur eine streng abge- <lb/>
                 schlossene und sich für sozial bevorzugt haltende Gruppe dar, <lb/>
                 sondern auch eine bemerkenswerte Geistesströmung, die eine <lb/>
                 allgemeine Versicherung gegen die Zufälle des Lebens und <lb/>
                 ein hierarchisches System der Selbstentäußerung zugunsten <lb/>
                 der festen Lebensstellung erstrebte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hierfür war der Krieg allerdings eine schwere Belastungs- <lb/>
                 probe, doch die Werksleitung war überzeugt, daß ihr die <lb/>
                 guten Grundsätze einer ungetrübten Vergangenheit stand- <lb/>
                 halten würden. Hatten die Leute nicht Löhne wie nie im <lb/>
                 Leben? Billigte man ihnen nicht nach zehn Dienstjahren vier <lb/>
                 Tage Urlaub zu? Wurden nicht Extrarationen Speck und <lb/>
                 Pferdewurst ausgegeben? War nicht für die Angehörigen <lb/>
                 der Kämpfenden, Verwundeten und Gefallenen weit über <lb/>
                 jede Verpflichtung hinaus gesorgt? Verdienten nicht sogar <lb/>
                 die Frauen? Wahrhaftig, hier war keine Ursache zur Beun- <lb/>
                 ruhigung. Von revolutionären Betrieben zu sprechen, in <lb/>
                 einem Werk, wo immer das beste Einvernehmen, die Liebe <lb/>
                 der Kinder zu ihrem Vater, geherrscht hatte, wäre eine un- <lb/>
                 verzeihliche Übertreibung gewesen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regierung sprach davon. In ihrer Nervosität schickte
                <pb facs="#f0021" n="17"/>
                <lb/>
                 sie schwarzfärberische Berichte an den Kaiser. Sie entschied, <lb/>
                 daß es ein besonders schwerwiegender Umstand sei, wenn <lb/>
                 der Geist des Aufruhrs auf Risch-Zander übergreife— einerlei, <lb/>
                 ob die Arbeitsniederlegung dort spontan, schwerfällig oder <lb/>
                 widerwillig erfolgt sei. Im Gegenteil, die Stoßkraft des Kom- <lb/>
                 mandos sei prinzipiell höher zu bewerten als der spontane <lb/>
                 Antrieb. Eine Revolution sei gerade dann gefährlich, wenn <lb/>
                 die Disziplin des Exerzierplatzes dabei im Spiele sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unabhängig von diesem Widerstreit der Meinungen be- <lb/>
                 schloß das Direktorium (denn Risch-Zander hatte nicht wie <lb/>
                 andere Fabriken eine Direktion, sondern wie diktatorisch <lb/>
                 regierte Staaten ein Direktorium), eine außerordentliche <lb/>
                 Reinigung der Betriebe vorzunehmen. Wie die Armeeführer <lb/>
                 »fliegende Divisionen« unterhielten, die immer in die Brenn- <lb/>
                 punkte der Schlachten geworfen wurden, so stellte Risch- <lb/>
                 Zander »fliegende Betriebsführer« an, die nach Bedarf ein- <lb/>
                 gesetzt wurden, wo Gefahr im Verzug war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einer der erfolgreichsten, Friedrich Bilgenstock, übernahm <lb/>
                 die Eisengießerei. Er beförderte sechzig Mißliebige vom <lb/>
                 Fleck weg in den Schützengraben und warb achtzig neue Mit- <lb/>
                 glieder für den Risch-Zanderschen WERKVEREIN, dessen <lb/>
                 Vorsitzender er war, und der friedliche Arbeit und Treue zum <lb/>
                 angestammten Herrscherhaus (womit sowohl der Kaiser wie <lb/>
                 der Firmainhaber gemeint war) auf seine Fahne geschrieben <lb/>
                 hatte; eine schöne gelbe Fahne übrigens, in welche die Gat- <lb/>
                 tin des Firmainhabers eigenhändig mit blauer Seide das <lb/>
                 Fabrikzeichen hineingestickt hatte, drei Pfeile, die im Kreis <lb/>
                 hintereinander her jagten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach seinen Satzungen bezweckte der Verein »die Pflege <lb/>
                 des Zusammengehörigkeitsgefühls unter der Belegschaft und <lb/>
                 des Gedankens ihrer schicksalhaften Verbundenheit mit dem <lb/>
                 Werk«; die Beiträge waren gering, die Unterstützungsgelder <lb/>
                 der Firma flossen reichlich, und die Mitgliedschaft begründete <lb/>
                 mancherlei Vergünstigungen, zinslose Darlehen, gemeinsa- <lb/>
                 men Bezug von Kinderwäsche, Kartoffeln und Tabak, ge- <lb/>
                 sellige Abende, Einkleidung von Konfirmanden und Kom- <lb/>
                 munikanten, Rat und Hilfe in allen Lebenslagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diejenigen, die den Beitritt verweigerten, gelangten bald
                <pb facs="#f0022" n="18"/>
                <lb/>
                 in den Besitz einer Einladung des Bezirkskommandos, und es <lb/>
                 blieb ihnen nur übrig, ihre Niederlage mit einer großen Geste <lb/>
                 zu beschönigen, indem sie behaupteten, daß sie lieber in den <lb/>
                 Heldentod gingen, als daß sie sich einer Charakterlosigkeit <lb/>
                 schuldig machten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf solche Weise sicherte Friedrich Bilgenstock Ordnung <lb/>
                 und Zufriedenheit. Die Arbeiter paßten aufeinander auf; <lb/>
                 jeder suchte beim anderen etwas, was er angeben könnte, um <lb/>
                 sich »lieb Kind« zu machen; einer war des anderen Feind. <lb/>
                 Bilgenstock brüllte sie an und mißhandelte sie; so prüfte er <lb/>
                 die Festigkeit ihrer Gesinnung. »Die Frage der Disziplin«, <lb/>
                 sagte er, »ist die Frage, wie oft man jemandem in die Fresse <lb/>
                 hauen kann, ohne daß er zurückhaut.« Es war die Hölle, aber <lb/>
                 sie hatte den Vorzug, daß sie nicht das Leben kostete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zur allgemeinen Verwunderung wurde der Kranführer <lb/>
                 Adam Griguszies bei der Säuberungsaktion verschont, ob- <lb/>
                 wohl Bilgenstock natürlich über seine umstürzlerische Gesin- <lb/>
                 nung unterrichtet war. Bald darauf wurde die Munitions- <lb/>
                 arbeiterin Paula Griguszies, Adams Schwester, auf unerklär- <lb/>
                 liche Weise als Bürogehilfin in die Schreibstube des Hammer- <lb/>
                 werks hineinbugsiert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Werksklatsch, für den die Fabrik trotz ihrer riesigen <lb/>
                 Dimensionen nur die Ausmaße eines mittleren Dorfes hatte, <lb/>
                 stellte sofort zwischen diesen beiden Ereignissen Beziehun- <lb/>
                 gen her. Indessen war nichts Näheres herauszubekommen, <lb/>
                 und das Gerede wandte sich ergiebigeren Stoffen zu, die in <lb/>
                 dieser Zeit in Fülle vorhanden waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Platz des Adam Griguszies war in der Gondel unter der <lb/>
                 Brücke des großen Laufkrans, der unmittelbar unter dem <lb/>
                 Dach der Eisengießerei montiert war und mehr als zwanzig <lb/>
                 Meter Spannweite besaß. Über der Brücke waren zwei Kä- <lb/>
                 sten, die mit Hilfe von allerlei eisernem Gestänge, Rädern, <lb/>
                 Rollen und Scheiben, an einer Schiene entlang glitten; »Lauf- <lb/>
                 katzen« hießen sie bei den Technikern, denn sie schlingerten <lb/>
                 wie Katzenleiber, die sich, den kugeligen Kopf geduckt, in <lb/>
                 vollem Lauf befinden. </p>
            <pb facs="#f0023" n="19"/>
            <p>
                <lb/>
                 Im Vergleich zu der Wucht der ganzen Konstruktion sahen <lb/>
                 sie geringfügig, fast zierlich aus, aber sie waren die eigentli- <lb/>
                 chen Kraftzentren, welche an langen Ketten die Lasten hoben <lb/>
                 und bewegten, ebenso behende wie stark, jede für sich und <lb/>
                 jede in ihrer eigenen Richtung. Es bestand zwischen ihnen <lb/>
                 ein geregeltes Verhältnis, ungefähr wie zwischen zwei Natio- <lb/>
                 nen, die sich über die Ziele ihrer Raubzüge vertraglich ge- <lb/>
                 einigt haben und sich nicht mehr gegenseitig ins Gehege <lb/>
                 kommen, Niemals wirkten sie zusammen, niemals hinder- <lb/>
                 ten sie einander, niemals griff die mächtigere, die Guß- <lb/>
                 stücke von fünfundsiebzig Tonnen Gewicht spielend ver- <lb/>
                 schob, in die Sphäre der kleineren ein, die sich mit fünfund- <lb/>
                 zwanzig Tonnen begnügte; und niemals übersprang die <lb/>
                 kleinere die auf den Millimeter festgelegte Distanz zum gro- <lb/>
                 ßen Nachbar. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dennoch gab es einen Punkt, wo sich ihre Fähigkeiten ver- <lb/>
                 schmolzen, und dieser Punkt war Adam Griguszies, der sie <lb/>
                 beherrschte, der die Macht hatte, sie durch einen Hebeldruck <lb/>
                 zu dirigieren, wie ein Generalmusikdirektor seine Kapelle <lb/>
                 oder ein Generalfeldmarschall seine Armee; und wenn er da- <lb/>
                 bei auch weder den Klangrausch des einen noch den Blut- <lb/>
                 tausch des anderen empfand, so war es doch ganz sicher, daß <lb/>
                 ihm die Berechtigung, über ein automatisch gehorchendes <lb/>
                 Ding zu befehlen, nicht weniger wohl tat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während er die Laufkatzen lenkte, brauchte er sie nicht <lb/>
                 einmal zu sehen. Sein Vollzugsorgan war der Elektromotor. <lb/>
                 Sprang er an, so knatterte es mürrisch in den Katzen, aber sie <lb/>
                 mußten vorwärts, der Strom in den Induktoren war unbarm- <lb/>
                 herzig hinter ihnen her, wie der Revolver des Offiziers hinter <lb/>
                 seiner zum Sturm kommandierten Kompagnie. Krähend <lb/>
                 schaukelten die Lasten auf, hurtig schnarrten die leeren Ket- <lb/>
                 ten wieder herunter. Nur selten kam im Arbeitsfeld des Kran- <lb/>
                 führers Adam Griguszies ein Augenblick des Stillstandes, der <lb/>
                 Besinnung vor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wären die Krane nicht gewesen, so hätte in der Eisengieße- <lb/>
                 rei eine große, fast unnatürliche und gewaltsame Ruhe ge- <lb/>
                 herrscht. Es war eine Landschaft voll brodelndem Schweigen, <lb/>
                 grelle Flammen schossen auf, der Boden qualmte, abenteuer-
                <pb facs="#f0024" n="20"/>
                <lb/>
                 liche Gebirge von Mauerwerk, hölzernen Türmen und farbi- <lb/>
                 gen Sandhügeln hoben sich in das milchige Licht der Halle. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser Sand... wie er sich ins Auge einschmeichelte, wie <lb/>
                 er lockte und leuchtete! Bald war er fein und samtig, bald <lb/>
                 derb und körnig; bald glashart und mager, bald wachsweich, <lb/>
                 fettig und abfärbend; ein tonhaltiger, luftdurchlässiger und <lb/>
                 glimmerreicher Sand, in allen Schattierungen lag er da, pul- <lb/>
                 verig, faserig, blättrig, porös, marmorartig gefleckt und ge- <lb/>
                 adert wie eine Feuerwerksmischung. Ein Haufen schimmerte <lb/>
                 silbrig wie Magnesium, ein anderer bronzebraun wie Kalium- <lb/>
                 perimanganat, ein dritter mattgelb und undurchsichtig wie <lb/>
                 Meerschaum, ein vierter durchsichtig und mit herrlichem <lb/>
                 Perlmutterglanz. Hier rann dieser Sand flott und gleich win- <lb/>
                 zigen Kieseln in irisierenden Scheiben über die Schaufel des <lb/>
                 Hilfsarbeiters, dort hängte er sich an, ein zäher, speckiger Talk, <lb/>
                 wie verschwitzte Schminke. Manche dieser Sandberge waren <lb/>
                 ganz tot, perlgrau, stumpf wie Schmirgel, oder wie der Pan- <lb/>
                 zer einer Schildkröte, oder wie ausgeglühte Schlacke; aber <lb/>
                 manche trugen ein unerhörtes Leben in sich, waren wie Ma- <lb/>
                 krelen und Thunfische blauweiß geschuppt oder aus goldgel- <lb/>
                 ben und schieferblauen Flocken zusammengesetzt, als wäre es <lb/>
                 der schuppige Abfall von Diamantbarschen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Immer eigentümlichere Reflexe fesselten das Auge, und <lb/>
                 wenn man nicht gut aufpaßte, fand man darüber gar keine <lb/>
                 Menschen mehr auf. Ohnedies hockten die meisten grau, zot- <lb/>
                 tig, stumm in tiefen Gruben und hantierten mit Erde, wie die <lb/>
                 Höhlenbewohner der Diluvialzeit an rohen Gefäßen formend. <lb/>
                 Die Hilfsarbeiter fuhren den Sand heran, besprengten ihn mit <lb/>
                 Wasser und setzten ein wenig gemahlene Steinkohle zu; dann <lb/>
                 verlor er plötzlich die spezifische Gestalt und wurde plastisch. <lb/>
                 Der feuchte Sand war kein Sand mehr, sondern »Masse«, <lb/>
                 gleichförmig biegsame Formermasse, und die Preßluftstamp- <lb/>
                 fer würgten und kneteten ihn, bis er sich um das Holzmodell <lb/>
                 schmiegte wie das Trikot um die Muskeln eines Athleten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So stellten sie nun die Sandformen her, tönerne, stark er- <lb/>
                 dige oder lehmige Hohlkörper, die zur Aufnahme des flüssi- <lb/>
                 gen Metalls bestimmt waren. Die in den Gruben waren die <lb/>
                 »Herdformer«, sie arbeiteten die großen Gußstücke; die klei-
                <pb facs="#f0025" n="21"/>
                <lb/>
                 neren Teile besorgten die »Kastenformer« zwischen den vier- <lb/>
                 eckigen Rahmen einer Formlade, die man mit einer Mörtel- <lb/>
                 pfanne vergleichen konnte. Oft waren auch hohle Stücke <lb/>
                 verlangt, dann wurde noch ein Kern aus fettem Sand in die <lb/>
                 Form gepreßt, der nachher beim Eingießen die Höhlung aus- <lb/>
                 sparte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dutzende Arten gab es von jenen Holzmodellen; sie waren <lb/>
                 alle aus der Modellschreinerei hervorgegangen und glichen <lb/>
                 dem jeweils gewünschten Gußstück — nur daß sie um das <lb/>
                 »Schwindmaß« größer waren, soviel nämlich, wie das Guß- <lb/>
                 material beim Erkalten einzuschrumpfen pflegte; Modelle in <lb/>
                 Gestalt von geöffneten Koffern, Zigarrenkisten, Flaschen, <lb/>
                 Hutschachteln, Schubladen, Kasserollen, altertümlichen Fo- <lb/>
                 lianten, massenhaft waren sie hier aufgespeichert, massenhaft <lb/>
                 wurden sie hier eingebettet. Der Kran entführte die Formen <lb/>
                 zur Gießstelle, in schäumenden Bränden schoß das geschmol- <lb/>
                 zene Eisen hinein. Jene Koffer, Flaschen und Hutschachteln <lb/>
                 stellten sich auf einmal als Konstruktionsteile für Schiffe, Ge- <lb/>
                 schütze und Maschinen dar, als Räder, Zahnräder, Dampfzy- <lb/>
                 linder, Ringgranaten in komplettem Eisenguß, und die daran <lb/>
                 haftende Form wurde abgeschält und zerstört. Kaum ent- <lb/>
                 standen, war sie, wie die Techniker zärtlich sagten, »eine <lb/>
                 Verlorene«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Täglich beobachtete Adam Griguszies diese trotz ihrer Eil- <lb/>
                 fertigkeit und trotz ihrer gelegentlichen Gefahren unaufregen- <lb/>
                 den Geschehnisse; täglich verwünschte er die heillose Kalt- <lb/>
                 blütigkeit, die noch die hastigsten Bewegungen zügelte. Er <lb/>
                 haßte diese Formerarbeit; er wußte, daß die Tonfiguren, die <lb/>
                 von seinem Führerstand grotesk und primitiv aussahen, das <lb/>
                 Ergebnis genauester Berechnungen und Abmessungen wa- <lb/>
                 ren, wunderbare Kunstwerke, und daß die Erde langsam und <lb/>
                 besinnlich aufgeschmiert, gerundet, gestreckt und gekantet <lb/>
                 wurde, haarscharf den Modellen angepaßt. Dieser Vorgang <lb/>
                 schien ihm das Sinnbild einer Revolution zu sein, die aus »ge- <lb/>
                 sundem Fortschritt« und »allmählicher Entwicklung« ge- <lb/>
                 braut werden sollte, und für deren Fahnenträger das Neue nur <lb/>
                 dann einen Reiz hatte, wenn es wie diese Gußformen andäch-
                <pb facs="#f0026" n="22"/>
                <lb/>
                 tig und sozusagen wissenschaftlich gefeilt, gedrechselt und <lb/>
                 geschliffen worden war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Former waren versponnene Handwerker, in das Win- <lb/>
                 kelmaß verliebt, sie dachten nicht daran, daß man die Präzi- <lb/>
                 sion, welche es lehrte, auch als Waffe gebrauchen konnte. Ver- <lb/>
                 schwärmt und philosophisch wie die Schuster, die bei ihrem <lb/>
                 Lämpchen sitzen und sich am Geruch des Kernleders und an <lb/>
                 ihren Erleuchtungen erbauen, gehörten sie beinahe alle jener <lb/>
                 Partei an, die (wie Griguszies sich ausdrückte) nicht mehr die <lb/>
                 Befreiung, sondern nur noch die Verbürgerlichung der Ar- <lb/>
                 beiterschaft begünstigte und den Kampf um die Idee allzu <lb/>
                 früh in eine Bewerbung um Ämter verwandelt hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hingegen die Kranführer, denen ständig das Geräusch der <lb/>
                 Motoren und die lärmende Sprungbereitschaft der Laufkatzen <lb/>
                 in den Ohren summte! Sie waren nur mühsam an sich haltende <lb/>
                 Rebellen. Allenthalben zwischen den eisernen Masten und <lb/>
                 Querstreben tauchten die gespannten, harten Gesichter auf, <lb/>
                 Gesichter, die keinen Pardon geben würden, Gesichter, die <lb/>
                 asketische Körper mit wilder Entschlossenheit belebten. Voll <lb/>
                 Zuversicht blickte Adam Griguszies auch in jenen Teil der <lb/>
                 gläsernen Halle, wo die Gießer vor den Schmelzöfen das flüs- <lb/>
                 sige Eisen abschöpften: Männer mit einer krustigen, feuer- <lb/>
                 festen Haut, die matt wie Chamotte war, und mit borstigen <lb/>
                 Haaren, die von der Hitze zerfressen waren. Alles sah er von <lb/>
                 oben vergrößert und verdeutlicht, die Ungerechtigkeiten, die <lb/>
                 Beschimpfungen, die Verhöhnungen und Erniedrigungen, <lb/>
                 all die Schamlosigkeiten, die ebenso schmutzig hinunterge- <lb/>
                 schluckt wurden, wie sie ersonnen worden waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er schwieg nicht dazu. Er arbeitete, er klärte auf, er berei- <lb/>
                 tete die Heimzahlung vor. Seine Leibbinde bestand aus Flug- <lb/>
                 blättern, die er auf der Latrine losband und verteilte. Durch <lb/>
                 seinen Mund gelangten die Informationen aus Front, Etappe <lb/>
                 und Hinterland in den Betrieb, durch seinen Mund gingen die <lb/>
                 Informationen aus den Betrieben hinaus an Front, Etappe <lb/>
                 und Hinterland. Er gehörte zu jenen kleinen Verbindungs- <lb/>
                 männern der Weltgeschichte, die von der Vorsehung als <lb/>
                 Regulatoren bestellt sind, wenn die Großen Dummheiten <lb/>
                 machen. Es ist gewöhnlich ihre Tragik, daß, noch wäh-
                <pb facs="#f0027" n="23"/>
                <lb/>
                 rend sie in voller Tätigkeit sind, sich schon alles wieder ein- <lb/>
                 gerenkt hat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Immer die Hand am Hebel, murmelte er ingrimmig vor sich <lb/>
                 bin, Er geriet in eine innerlich schwelende Wut, und dieser <lb/>
                 Gemütszustand bewirkte bei ihm dasselbe, was bei etlichen <lb/>
                 seiner Kameraden vom Spartakusbund der bergische Schnaps <lb/>
                 bewirkte, nämlich Magenüberhitzung und Sodbrennen. In <lb/>
                 seinem Mund häufte sich der Speichel. Er spuckte aus; laut- <lb/>
                 los verschlang es unten der Sand. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser Sand... kein Wunder, daß romantisch erblindete, <lb/>
                 wer dauernd damit umging, kein Wunder, daß der Wille derer <lb/>
                 einschlief, die immer in der Erde vergraben waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er wartete. Man kannte ihn. Die Zeit arbeitete mit. Das <lb/>
                 große Auskämmen ging spurlos an ihm vorüber, er war un- <lb/>
                 abkömmlich, und was noch mehr wert war, er hatte einen von <lb/>
                 denen, die er die »Handlanger der Ausbeuter« und seine <lb/>
                 »Peiniger« nannte, ganz privatim in die Hand bekommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Tatsächlich bestand nämlich zwischen Paula Griguszies und <lb/>
                 Friedrich Bilgenstock eine Bekanntschaft, die diesen, der <lb/>
                 sonst alles gelenkig abschüttelte und immer über den Dingen <lb/>
                 blieb, zum ersten Mal bis zur Ratlosigkeit verstrickte. An <lb/>
                 und für sich war die schonende Behandlung, die der Kranfüh- <lb/>
                 rer erfuhr, weder ungewöhnlich noch besorgniserregend; <lb/>
                 Bilgenstock hatte schon andere Sachen getrieben, ohne sich <lb/>
                 den Hals zu brechen. Aber gerade dann sind es mitunter die <lb/>
                 Lappalien, wodurch man in die Tinte gerät, das kannte er schon. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Mädchen machte mit seinen flinken Gelenken und der <lb/>
                 auffallend reinen Haut gar nicht den Eindruck einer »dem Ar- <lb/>
                 beiterstand angehörigen Person«, wie es in den Polizeiberich- <lb/>
                 ten heißt. Für ihre Jugend war sie in der Beckengegend ein <lb/>
                 bißchen zu völlig, sonst aber durchweg von gutem Wuchs und <lb/>
                 ermunternden Formen. Der fliegende Betriebsführer hatte sie <lb/>
                 durch ihre Stimme kennen gelernt, eine klangvolle, leicht me- <lb/>
                 tallisch gefärbte Stimme, die er einmal in einem Biergarten <lb/>
                 gehört, verfolgt und festgehalten hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In dieser Zeit, wo die Liebe allgemein als Zahlungsmittel <lb/>
                 für Gegenstände des täglichen Bedarfs galt und viele Fabrik-
                <pb facs="#f0028" n="24"/>
                <lb/>
                 arbeiterinnen noch Geld zugezahlt hätten, um das Verhältnis <lb/>
                 eines Betriebsführers zu werden, bedurfte es von Seiten Bil- <lb/>
                 genstocks keiner großen Anstrengungen, um Paula Grigus- <lb/>
                 zies gefügig zu machen. Es war eine Sache, die in der Luft <lb/>
                 lag. Dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis sie intim mit- <lb/>
                 einander verkehrten. Dieses Mädchen war zwar aus Frechheit <lb/>
                 und Unschuld, Naivität und Raffiniertheit gemischt — gerade <lb/>
                 so, wie Bilgenstock es liebte, sie war auch nicht mehr ganz un- <lb/>
                 erfahren, aber sie hatte immer noch ihre natürliche Scham, <lb/>
                 die sich bei jedem Beisammensein erneuerte und sehr hart- <lb/>
                 näckig war. War sie einmal unterjocht, so ließ sie sich gehen, <lb/>
                 doch der nächste Angriff fand wieder die nämliche Verteidi- <lb/>
                 gung vor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie dachte sich zunächst gar nicht viel dabei, es gefiel ihr <lb/>
                 ganz gut, sie nutzte eine Zeitlang ihren Liebhaber nicht ein- <lb/>
                 mal aus, und Bilgenstock seinerseits geizte mit Geschenken. <lb/>
                 Auch war er sehr vorsichtig. Niemals zeigten sie sich mitein- <lb/>
                 ander, die Abende verbrachten sie in seiner Wohnung, vor <lb/>
                 Mitternacht ging sie immer nach Hause. Er durfte sie küssen <lb/>
                 und ihre Brüste haben, einmal ließ sie sich auch bis aufs Hemd <lb/>
                 entkleiden, aber dann schlug sie ihm auf die Finger. Er wußte <lb/>
                 selbst nicht, was ihn zurückhielt, Gewalt anzuwenden, er <lb/>
                 brachte es einfach nicht über sich, außerdem machte es ihm <lb/>
                 immer Spaß, bei gelinder Nachhilfe so lange Geduld zu üben, <lb/>
                 bis eine Sache von selber reif war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schließlich blieben die ewigen Gespräche der Kolleginnen <lb/>
                 über die Vorteile, die sie von ihren Verhältnissen hatten, <lb/>
                 nicht ohne Wirkung. Leni Milius hatte einen Bäcker aus der <lb/>
                 Konsumanstalt, der ihr die Taschen voll Mehl und Zucker <lb/>
                 mitbrachte, die Kriegswitwe Thomeszat einen Eisenbahner, <lb/>
                 der Säcke und Kisten aus den Waggons beiseite schaffte, die <lb/>
                 Kestermannsche, deren Mann als Feldgendarm bei der Orts- <lb/>
                 kommandantur von Pepinster stand, einen Steiger von Zeche <lb/>
                 »Glücklicher Morgenstern«, der ihren Keller mit Holz und <lb/>
                 Kohlen füllte. Da Paula Griguszies das jeden Tag zu hören <lb/>
                 bekam, — »Meiner ist gestern wieder brav gewesen« und <lb/>
                 »Meiner läßt sich nicht lumpen« — so fing sie allmählich an zu <lb/>
                 bedenken, daß auch sie nichts zu verschenken habe. Sie sann
                <pb facs="#f0029" n="25"/>
                <lb/>
                 darüber nach, was sie von Bilgenstock fordern sollte. Es <lb/>
                 mußte mehr sein, als er mit Geld erkaufen konnte; er mußte <lb/>
                 ihr ein Opfer bringen, das seinem Beruf, seiner Stellung ent- <lb/>
                 sprach. Sie wußte, wie wacklig ihr Bruder im Betrieb stand, <lb/>
                 und daß er alle Tage hinausfliegen konnte, Es wäre ein harter <lb/>
                 Schlag für die Mutter gewesen, die außer ihnen noch vier Kin- <lb/>
                 der am Bein hatte, deren jüngstes eben zur Schule gekommen <lb/>
                 war. Sie waren alle drei Jahre auseinander, das letzte war noch <lb/>
                 gekommen, nachdem der Vater auf Zeche »Glücklicher Mor- <lb/>
                 genstern« totgeblieben war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie nahm sich vor, mit Bilgenstock darüber zu sprechen, <lb/>
                 vielleicht konnte er bei Adams Betriebsführer ein Wort ein- <lb/>
                 legen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während sie an der Schokolade knabberte, die er aus den <lb/>
                 Beständen des Ausschusses für Liebesgaben mitgebracht hatte, <lb/>
                 überlegte sie, wie sie die Geschichte einfädeln sollte. Sie <lb/>
                 wollte nicht, daß es so brutal herauskäme. Ganz fern und ver- <lb/>
                 schwommen ging es ihr auch im Kopf herum, daß es unge- <lb/>
                 schickt wäre, seine Absichten Vorschub zu leisten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er stand am Fenster, die Hände auf dem Rücken, und <lb/>
                 drehte die Daumen umeinander. Plötzlich sagte er: »Ich bin <lb/>
                 in die Eisengießerei versetzt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Welch glückliche Fügung <lb/>
                 Da brauchte sie ja weiter nichts mehr zu sagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In dieser Nacht schlief sie zum ersten Mal mit ihm. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So war das also gekommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sich Adam Griguszies so unvermutet aus der Feuer- <lb/>
                 linie zurückgestellt sah, ahnte er noch nicht, wie es zusammen- <lb/>
                 hing. Eines Nachts entdeckte er durch einen Zufall, daß Paula <lb/>
                 nicht zu Hause war. Die Mutter wußte nichts, tat aber be- <lb/>
                 schwichtigend. Das brachte ihn auf, denn nun nahm er erst <lb/>
                 recht an, daß sie eingeweiht sei. Sofort setzte es sich in ihm <lb/>
                 fest: die Weiber haben ein Komplott gegen mich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Andern Tags schlug er Krach. Paula log nicht, sie brachte <lb/>
                 auch keine Entschuldigungen vor. Er schrie: »Euch Weiber <lb/>
                 durchschaue ich! Aber ein Revolutionär läßt sich um so einen <lb/>
                 Preis nicht loskaufen! Wenn ein Proletariermädel nicht mehr
                <pb facs="#f0030" n="26"/>
                <lb/>
                 Stolz hat, als sich von einem fetten Bourgeois zur Hure ma- <lb/>
                 chen zu lassen!« — »So fett ist er gar nicht«, sagte Paula ge- <lb/>
                 lassen, »und überhaupt, wer sagt dir denn, daß ich ein Pro- <lb/>
                 letariermädel sein will?« Er tobte. Mit harmloser Munterkeit <lb/>
                 erklärte sie ihm, daß ein Revolutionär auch zu Hause keine <lb/>
                 Spießermoral haben dürfe. Sie sei ein freier Mensch, so gut <lb/>
                 wie er, und könne tun und lassen, was sie wolle, und er solle <lb/>
                 sich mit seinen sozialistischen Grundsätzen schämen, ihr in <lb/>
                 ihren Lebenswandel hineinzureden. »Versteh das doch end- <lb/>
                 lich!« tief er verzweifelt, »dein Lebenswandel geht keinen <lb/>
                 was an, solange du damit nicht deine Klasse verrätst!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Quatsch, ich bin doch nicht irgend ein Schrubblappen, <lb/>
                 ich weiß, was ich tue, und ich hab doch auch keinen Kopf aus <lb/>
                 Holz.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Heimlich bewunderte er seine Schwester. Allerlei Gedan- <lb/>
                 ken schossen ihm durch den Kopf. Nachdem geschehen war, <lb/>
                 was er nicht hatte verhindern können, mußte man vielleicht <lb/>
                 diese Gelegenheit benutzen, um den Feind in seinen eigenen <lb/>
                 Schandtaten zu ersticken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vorläufig ward zwischen ihnen nicht mehr darüber ge- <lb/>
                 sprochen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstock verschaffte Paula den Posten im Büro, damit <lb/>
                 schloß er diese Affäre ab. Nach wenigen Wochen wurde er <lb/>
                 mit einer neuen Mission in Geschoßdreherei III betraut. Er <lb/>
                 verlor die Geschwister aus dem Gesichtskreis. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie ließen auch einige Monate hindurch nichts von sich <lb/>
                 hören. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Geschoßdreherei III war ein neuer Betrieb, erst kürzlich <lb/>
                 eingerichtet, in einem langgestreckten, neuen Gebäude, das <lb/>
                 seine verhältnismäßig glatte und ungeschminkte Fassade we- <lb/>
                 niger der Einsicht des Architekten als dem Zwang der Eile zu <lb/>
                 verdanken hatte, an einer halb städtisch ausgebauten Land- <lb/>
                 straße. Alles in dieser Gegend war gleichsam über Nacht er- <lb/>
                 richtet und sah, wiewohl einigermaßen unter Dach gebracht, <lb/>
                 unfertig aus — so, als hätte man nicht Zeit gehabt, die Lücken <lb/>
                 zwischen den Mauersteinen mit Mörtel dicht zu machen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gleich am Eingang schreckte die Arbeiter ein blutroter An-
                <pb facs="#f0031" n="27"/>
                <lb/>
                 schlag: »Wir bringen zur Kenntnis der Werksangehörigen, <lb/>
                 daß die Gerichte den Diebstahl oder die Zerstörung von <lb/>
                 Treibriemen als Landesverrat beurteilen. Es werden wegen <lb/>
                 solcher Diebstähle schwere Zuchthausstrafen bis zu neun Jah- <lb/>
                 ren verhängt. Wir warnen daher unsere Werksangehörigen <lb/>
                 eindringlichst.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie dieser Ton, der von Zorn und Kummer, von Wonne <lb/>
                 und Schmerz des Strafens zugleich erfüllt war, so war Bilgen- <lb/>
                 stocks Regiment; seine Erziehungsmethoden waren dem Ri- <lb/>
                 tual eines väterlichen Büttels entnommen, der dem Zögling <lb/>
                 fünfundzwanzig aufzählt und ihn bei jedem Hieb damit trö- <lb/>
                 stet, daß alles nur zu seinem Wohl geschehe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Doch war die eiserne Energie, derentwegen er so berühmt <lb/>
                 war, nicht einmal sein Hauptgerät, vielmehr bediente er sich <lb/>
                 außerdem der Macht der Liebe. Er erhöhte die Zahl der Ar- <lb/>
                 beiterinnen, so daß nunmehr in Geschoßdreherei III auf je <lb/>
                 drei Männer eine Frau kam. Es war angenehm, daß der Vor- <lb/>
                 stand des Arbeiterpersonalbüros, Herr Edelbert Körschgen, <lb/>
                 Schriftführer des Werkvereins war und das nötige Verständ- <lb/>
                 nis für die Erfordernisse des Betriebs besaß. Er überwies im- <lb/>
                 mer die hübschesten und nettesten Mädchen und hatte bei der <lb/>
                 Prüfung der Anmeldungen eine so geübte Hand, daß für die <lb/>
                 Leitung des Büros, damit es kein offenbares Bordell wurde, <lb/>
                 noch eine Dame hinzu engagiert werden mußte. Wer diese <lb/>
                 Dame war?— Nun... es traf sich günstig, daß die Schwä- <lb/>
                 gerin des Personalchefs Wackerlein endgültig auf eine Heirat <lb/>
                 verzichtet hatte; der Personalchef konnte sich daher den drin- <lb/>
                 genden Vorstellungen seiner Frau, daß ihre Schwester endlich <lb/>
                 untergebracht werden müsse, nicht verschließen. Was ver- <lb/>
                 möchte ein Mann gegen eine Frau, die ihn jeden Abend <lb/>
                 vor dem Schlafengehen fragt: »Wozu bist du eigentlich <lb/>
                 Personalchef?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies geschah jedoch erst nach der Zeit, wo Bilgenstock <lb/>
                 seine Bestellungen für Geschoßdreherei III machte. Nachdem <lb/>
                 sie von Herrn Körschgen zur völligen Zufriedenheit ausge- <lb/>
                 führt worden waren, ermunterte er, wo er konnte, die hand- <lb/>
                 greiflichen Umgangsformen, zu welchen die enganliegenden <lb/>
                 weiblichen Arbeitsanzüge reizten. Angesichts der Männer-
                <pb facs="#f0032" n="28"/>
                <lb/>
                 knappheit bestand bei den Frauen nur geringe Neigung zum <lb/>
                 Widerstand, und außerdem hätte eine ernst zu nehmende <lb/>
                 Schamhaftigkeit allzu sehr gegen ihre Interessen verstoßen; <lb/>
                 die Rücksicht auf bedrängte Familienmitglieder, die vergrö- <lb/>
                 ßerten Lebensmittelrationen, der scheinbar hohe Verdienst, <lb/>
                 die Ablenkung von dem gleichförmigen Stumpfsinn der <lb/>
                 Kriegsnachrichten und des Kriegshaushalts — das alles be- <lb/>
                 stimmte sie, die Berührungen in der Werkstatt zu erdulden, <lb/>
                 denen sie doch nur um den Preis des Verlustes ihrer Stellung <lb/>
                 hätten ausweichen können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwischen den Fabrikhallen, in der Dunkelheit der Schrott- <lb/>
                 berge, vernahm man beständig Gekicher und halberstickte <lb/>
                 Schreie, begehrliche Schläge auf bloßes Fleisch, Aufruhr des <lb/>
                 Hinsinkens — alle jene versteckten, dennoch überdeutlichen <lb/>
                 Geräusche, wie sie durch die Brutalität eines Angriffs entste- <lb/>
                 hen, der sich an eingebildeten Hindernissen entzündet, und <lb/>
                 durch die Nachgiebigkeit einer Abwehr, die sich einredet, der <lb/>
                 Gewalt zu erliegen. Zusehends wuchs die Produktion in die- <lb/>
                 ser erotisierten Atmosphäre, und wenn früher der Meister die <lb/>
                 ganze Schicht über auf dem Trab sein mußte, um den grup- <lb/>
                 penweisen und verdächtig ausgedehnten Aufenthalt seiner Ar- <lb/>
                 beiter auf der Latrine zu überwachen, so regelte jetzt die na- <lb/>
                 türliche Folge von Erhitzungs- und Abspannungszuständen <lb/>
                 die Dauer der Pausen, welche daher nur noch für kurze Zeit <lb/>
                 eine gesteigerte Arbeitsleistung unterbrachen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Anfänglich hatten sich einige Frauen beschwert, mehr zur <lb/>
                 Beruhigung ihres Gewissens als aus tatsächlicher Empörung, <lb/>
                 aber Bilgenstock hatte ihnen erklärt, daß in einer so großen <lb/>
                 und harten Zeit eben jedermann dem Vaterland die Opfer <lb/>
                 bringen müsse, die seinem Vermögen entsprächen. Oder ob <lb/>
                 sie es lieber sähen, wenn ihre Väter, Männer und Brüder wehr- <lb/>
                 los vor den unerbittlichen Feinden stünden, weil die Frauen, <lb/>
                 auf den wichtigsten Posten gestellt, den die Heimat zu ver- <lb/>
                 geben habe, ihrer Empfindlichkeit mehr Bedeutung beimäßen <lb/>
                 als der Erzeugung von Munition? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dergestalt war der Acker, auf dem Bilgenstock seine Lor- <lb/>
                 beeren pflückte; Lorbeeren, die seinen Kollegen in den Ge- <lb/>
                 heimerlassen des Direktoriums immer wieder unter die Nase
                <pb facs="#f0033" n="29"/>
                <lb/>
                 gerieben wurden, und obwohl diese von dem Geruch keines- <lb/>
                 wegs erbaut waren, mußten sie so tun, als fänden sie ihn vor- <lb/>
                 bildlich. Trotzdem hatte sich das Direktorium, wie sich spä- <lb/>
                 ter herausstellte, verrechnet, denn statt Bilgenstock nachzu- <lb/>
                 eifern, beschäftigten sich seine Kollegen nur damit, den Nach- <lb/>
                 weis seiner Unzulänglichkeit zu erbringen. Nicht, daß sie alle <lb/>
                 von der Hohlheit seines Gebäudes überzeugt gewesen wären, <lb/>
                 aber sie ärgerten sich über seine Aufgeblasenheit. Diesen Be- <lb/>
                 amten sagte ihr in langer Praxis erworbener Instinkt, daß sie <lb/>
                 vielleicht zur Bewunderung, doch niemals zur Anerkennung <lb/>
                 bereit sein dürften, und daß eher die ganze Weltersaufen müsse, <lb/>
                 als daß sie einem unter ihnen gestatten könnten, ohne Befragen <lb/>
                 der übrigen einen universalen Schwimmgürtel zu erfinden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Möglich, daß die Direktoren, weil sie selbst vom gleichen <lb/>
                 Instinkt beherrscht waren, ihn bei anderen ebenso wenig vor- <lb/>
                 aussetzten wie wir gewahr werden, daß sich die Erde dreht, <lb/>
                 weil wir selbst uns samt allem, was darauf und drumherum <lb/>
                 ist, mitdrehen. So kam es jedenfalls, daß Friedrich Bilgen- <lb/>
                 stock vom Direktorium für einen Psychologen, von seinen <lb/>
                 Kollegen für einen Streber und von der KLASSENBE- <lb/>
                 WUSSTEN ARBEITERSCHAFT für einen Schuft angese- <lb/>
                 hen wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstocks Nachfolger in der Eisengießerei wurde Herr <lb/>
                 Drees. Dieser war ein humaner Vorgesetzter, der zwischen <lb/>
                 den Interessen der Arbeiter und den Interessen der Unterneh- <lb/>
                 mer einen gerechten Ausgleich suchte. Dabei war er keines- <lb/>
                 wegs wehleidig und tränenselig, sondern durchaus aufs <lb/>
                 Zweckmäßige gerichtet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Arbeiter waren vorläufig geteilter Meinung über ihn. <lb/>
                 Die einen sagten: »Ja, wenn er könnte, wie er wollte! Aber <lb/>
                 er ist ja auch nur ein Angestellter.« Die anderen sagten, daß <lb/>
                 er Wasser auf beiden Schultern trage. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einige Tage, nachdem er den von Bilgenstock disziplinier- <lb/>
                 ten Betrieb übernommen hatte, zeigten sich schon wieder auf- <lb/>
                 sässige Gesichter. Besonders heimtückisch waren die neu an- <lb/>
                 geworbenen Mitglieder des Werkvereins. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist die natürliche Reaktion auf dieses verrückte Sy-
                <pb facs="#f0034" n="30"/>
                <lb/>
                 stem,« sagte Herr Drees zu seinem Assistenten, »aber ma- <lb/>
                 chen Sie das nun mal den Herren da oben klar. Der Charakter <lb/>
                 der Leute ist nicht schlecht. Man muß sie nicht unterdrücken, <lb/>
                 man muß sie überzeugen. Man muß ihre Seele gewinnen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon beim ersten Rundgang durch den Betrieb machte er <lb/>
                 die Wahrnehmung und teilte sie auch dem Assistenten mit, <lb/>
                 daß der Kranführer Griguszies der einzige wirklich Böswillige <lb/>
                 sei. »Da sehen Sie, was der Menschenkenner Bilgenstock <lb/>
                 wert ist, ausgerechnet diesen hat er hier behalten.« Aber auch <lb/>
                 er unternahm nichts gegen ihn. »Man muß jedermann eine <lb/>
                 ehrliche Chance geben, er hat ja noch keine gehabt. Man muß <lb/>
                 ihm etwas Zeit lassen, er soll sich freiwillig unterwerfen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Assistent dachte: das werden wir sehen, und antwor- <lb/>
                 tete nichts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Zeit schleppte sich hin, die Menschen schleppten sich <lb/>
                 hin. Kleine Zwischenfälle gab es jeden Tag. Jeder Schritt, <lb/>
                 jeder Blick war Aufruhr. Jede Antwort geschah in einem <lb/>
                 flackernden Ton drohenden Gehorsams. Jede Lautlosigkeit <lb/>
                 der Bewegungen war verbissener Trotz. Jeder heimliche <lb/>
                 Wunsch, der in scheuen Augen stand, war Sabotage. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Arbeit wurde von Tag zu Tag unbehaglicher, düsterer, <lb/>
                 zermürbender. Nur der Meister Kurbjuhn blieb heiter und <lb/>
                 lärmend. Er war Bilgenstocks Hinterlassenschaft; überall, <lb/>
                 wo er Ordnung gemacht hatte, setzte dieser nämlich einen <lb/>
                 Statthalter ein. Der Meister Kurbjuhn betrachtete sich ziem- <lb/>
                 lich ungeniert als Aufpasser, der nicht allein den Geist seines <lb/>
                 Herrn weiter zu pflegen, sondern auch den jetzigen Betriebs- <lb/>
                 führer zu überwachen habe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszies beförderte mit seinem Kran mächtige <lb/>
                 Formblöcke, ungeheure Walzen, phantastische Gewölbe, Be- <lb/>
                 cher und Fässer. Ebenmäßig ging der Betrieb, die Luft dort <lb/>
                 oben war noch heißer, noch trockener, noch zitternder als an <lb/>
                 den anderen Arbeitsplätzen der Gießerei. Der Gaumen war <lb/>
                 ihm ganz ausgedörrt, das ihm zustehende Quantum Mineral- <lb/>
                 wasser hatte er längst in den leeren Magen hinuntergespült. <lb/>
                 Es war das Gute an diesem Posten, daß man vor lauter Durst <lb/>
                 den Hunger nicht so spürte. </p>
            <pb facs="#f0035" n="31"/>
            <p>
                <lb/>
                 Plötzlich entstand an den Schmelzöfen ein Auflauf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kran vor ihm, der die Gießpfannen trug, stand mit <lb/>
                 einem Mal still und verdeckte ihm die Aussicht. Die Hilfsar- <lb/>
                 beiter eilten von ihren Karren fort, zänkisches Geschrei er- <lb/>
                 scholl, Herr Drees lief mit dem Assistenten hinzu, schon stie- <lb/>
                 gen auch die Former die Leitern hinan; von oben war es ein <lb/>
                 Anblick, als stünden Gerippe aus Gräbern auf. Alle Krane <lb/>
                 kamen zum Stehen, mit raschem Griff drosselte Griguszies <lb/>
                 seine Katzen und kletterte hinunter. In einer knappen Mi- <lb/>
                 nute lag der ganze Betrieb still. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was sich zugetragen hatte, war in den Anfängen eine all- <lb/>
                 tägliche Geschichte gewesen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein alter Gießer hatte sich vor etlichen Tagen krank ge- <lb/>
                 meldet und war wegen Grippe arbeitsunfähig geschrieben <lb/>
                 worden. Wie es das Direktorium befahl, stellte er sich dem <lb/>
                 Vertrauensarzt der Betriebskrankenkasse zur Nachuntersu- <lb/>
                 chung vor, er wußte aber nur über Kopfschmerzen und Mat- <lb/>
                 tigkeit zu klagen, jene vagen Krankheitssymptome der klei- <lb/>
                 nen Leute, die sich nicht geschickt auszudrücken verstehen <lb/>
                 und ihren Körper nur mangelhaft beobachten können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie alle Ärzte, die über einen Amtsstempel verfügen, war <lb/>
                 auch dieser überlastet. Er war nicht ohne Kenntnisse, aber <lb/>
                 immer ohne die notwendige Zeit, sie anzuwenden. Er ver- <lb/>
                 fuhr so gewissenhaft und unbefangen, wie es der knappe <lb/>
                 Spielraum, den ihm die Weisung seiner Auftraggeber ließ, <lb/>
                 gestattete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch diesmal nahm er einen sorgfältigen Befund auf: <lb/>
                 »Kräftig gebaut, gesundes Aussehen, Zunge belegt, Brust- <lb/>
                 korb wenig gewölbt, Klopfschall voll, Atmungsgeräusch <lb/>
                 rein, Herz ohne Besonderheiten.« Darauf überlegte er: der <lb/>
                 Mann fiebert nicht, organische Veränderungen sind nicht <lb/>
                 nachzuweisen, immerhin ist die Zunge belegt, also fehlt ihm <lb/>
                 etwas, aber nicht viel; noch einen Tag Schonung, und er wird <lb/>
                 ganz gesund sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In diesem Sinne füllte er den Krankenschein aus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Nächste! Wer ist dran? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Wartezimmer saß steif voll. </p>
            <pb facs="#f0036" n="32"/>
            <p>
                <lb/>
                 Kaum wieder an seine Arbeit zurückgekehrt, begann der <lb/>
                 Gießer zu taumeln, rang nach Luft, brach zusammen. Ein <lb/>
                 Kamerad, der den Ohnmächtigen aufzurichten versuchte, <lb/>
                 wurde mit Schrecken gewahr, daß seine Arme einen Sterben- <lb/>
                 den hielten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In seiner Bestürzung wußte er nicht, was er anfangen sollte, <lb/>
                 er war nicht sehr kräftig und wurde von dem zunehmenden <lb/>
                 Gewicht des Leblosen überwältigt. Er wollte um Hilfe rufen, <lb/>
                 als eine Gießlokomotive mit flüssigem Feuer durch die nahe <lb/>
                 Gleiskreuzung rollte—und sei es nun, daß der Führer zu <lb/>
                 scharf bremste, sei es, daß das Gleis nicht in Ordnung war, <lb/>
                 der Kübel kippte und goß die Glut über Kopf, Rücken und <lb/>
                 Brust des Arbeiters, der bei dem alten, röchelnden Gießer <lb/>
                 kniete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kleider und Haut fielen ab wie Zunder, rauchende Fetzen <lb/>
                 rohen Fleischs schälten sich aus dem Körper, die verstümmel- <lb/>
                 ten Augenhöhlen wimmerten leise. Er verschied nach weni- <lb/>
                 gen Augenblicken in großer Stille. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So schnell hatte sich die Katastrophe abgespielt, daß sie nur <lb/>
                 von den Nächststehenden beachtet wurde und die Kunde da- <lb/>
                 von sich nur langsam verbreitete. Erst nach und nach ent- <lb/>
                 stand ein aufbegehrendes Geraune, ein Getuschel mit Blicken, <lb/>
                 eine allgemeine Bereitschaft zum Losschlagen. Man schrie <lb/>
                 den hinzutretenden Meistern entgegen: »Das sind die Opfer <lb/>
                 eurer Antreiberei!« Andere riefen: »Die schreiben noch die <lb/>
                 Toten gesund!« Der Meister Kurbjuhn pflanzte sich auf; wo <lb/>
                 er hintrat, wuchs kein Gras mehr, ein vierschrötiger Kerl, der <lb/>
                 schon durch seine bloße Erscheinung alles an die Wand <lb/>
                 quetschte. »Wir haben Krieg, vergeßt das nicht. Im Krieg <lb/>
                 muß was geleistet werden, mag es Tote geben, soviel es will. <lb/>
                 Wem das nicht paßt, der kann seine Abkehr nehmen. Wir <lb/>
                 kriegen genug andere, die den Finger danach lecken, daß sie <lb/>
                 reklamiert werden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Drees wollte vermitteln: die Werksangehörigen dürf- <lb/>
                 ten zur Firma das Vertrauen hegen, daß ihr alle diese erschwer- <lb/>
                 ten Verhältnisse voll bekannt seien, und daß sie ihnen, soweit <lb/>
                 möglich, Rechnung tragen werde. Ihrer alten Gepflogenheit
                <pb facs="#f0037" n="33"/>
                <lb/>
                 treu, werde die Werksleitung auch künftig bemüht bleiben, <lb/>
                 die Lage der Werksangehörigen nach Kräften zu sichern, <lb/>
                 doch möchten sie andererseits bedenken, daß ihrer Fürsorge <lb/>
                 in mancher Hinsicht unüberwindliche Schwierigkeiten entge- <lb/>
                 genstünden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er sprach gütig und sanft wie ein Beichtvater und ließ sich <lb/>
                 nicht dadurch beirren, daß der Lärm immer heftiger, das Ge- <lb/>
                 lächter immer höhnischer wurde. Dies sei eben einer jener <lb/>
                 unbegreiflichen Fälle, meinte er, die jenseits des menschlichen <lb/>
                 Ermessens lägen, eine unvorhergesehene Verkettung der Um- <lb/>
                 stände, die Unvollkommenheit des derzeitigen Standes der <lb/>
                 Wissenschaft, der Zufall, das Schicksal... Kurbjuhn schrie <lb/>
                 unaufhörlich dazwischen, sie sollten sich an die Arbeit sche- <lb/>
                 ren, diese Unterbindung der Produktion sei ein verbrecheri- <lb/>
                 sches Treiben gegen die Volksgenossen an der Front... </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wat? Die schmeißen ja schon von selber die Knarre <lb/>
                 fort!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber erst muß doch der Krieg gewonnen sein...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Faule Witze! Wir haben euren Krieg nicht angefangen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es ist unverantwortlich gehandelt, gegen unser Vater- <lb/>
                 land und gegen eute eigenen wohlverstandenen Interessen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dich haben se wohl wat in’n Kaffee getan?— Macht euch <lb/>
                 keine Sorge um unsre Interessen, die werden wir schon selber <lb/>
                 verteidigen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Seid doch vernünftig, auch der Vorstand von unsrer Or- <lb/>
                 ganisation hat die Betriebsstillegungen mißbilligt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Alles bestellte Arbeit! Ihr habt ja keine Ahnung, was die <lb/>
                 Lumpen dafür kriegen, ihr fallt ja auf alles herein!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wer hier Unfrieden stiftet, ist vom Feind gekauft!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir wollen bloß unsre Menschenrechte, wir Arbeiter <lb/>
                 sind auch Menschen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Kinder, das bestreitet doch niemand, aber wie ihr das so <lb/>
                 daher sagt, sind es ja bloß geleckte Phrasen! Ihr bringt euch <lb/>
                 um die nächste Sonderzulage, wenn ihr so weiter macht. Die <lb/>
                 Firma hat Vertrauen zu euch, sie wird auch nach dem Krieg <lb/>
                 dazu beitragen, daß alle Schäden, soweit möglich, behoben <lb/>
                 und ausgebessert werden...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Kameraden! Genossen!« </p>
            <pb facs="#f0038" n="34"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das war Adam Griguszies. Streng und bedeutsam stand er <lb/>
                 da. Die slawischen Backenknochen trieben sich angestrengt <lb/>
                 vor, und die aufgerauhte, durch gewerkschaftliche Bildungs- <lb/>
                 kurse geistig profilierte Stirn zog sich heftig zusammen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben nichts zu verlieren, es kann uns gleich sein, ob <lb/>
                 wir von amerikanischen, englischen, französischen oder deut- <lb/>
                 schen Kapitalisten ausgebeutet werden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie fühlten alle, und auch Herr Drees fühlte es, daß dies die <lb/>
                 ersten Worte waren, die einen festen Inhalt hatten. Man <lb/>
                 konnte sie als töricht oder als sinnvoll, als Faustschlag oder <lb/>
                 als Balsam empfinden, doch man vermochte nicht über sie hin- <lb/>
                 wegzuspringen, man mußte sie aus dem Wege räumen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Kameraden! Genossen!« rief der Kranführer erneut, <lb/>
                 »das planlose Geschwätz hat keinen Zweck. Wir müssen eine <lb/>
                 ordentliche Betriebsversammlung abhalten und einen Antrag <lb/>
                 zur Abstimmung stellen. Ich beantrage, daß wir allesamt diese <lb/>
                 Leichen hier nach Hause bringen und unsern Weg durch die <lb/>
                 Hauptstraßen der Stadt nehmen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es wurde still. Kurbjuhn trat zurück, er vermied jede Be- <lb/>
                 rührung mit diesem Menschen, weil auch Bilgenstock sie ver- <lb/>
                 mieden hatte. Die Arbeiter waren verwirrt, man merkte, wie <lb/>
                 es in ihnen wogte. Obgleich einige von ihnen denselben Ge- <lb/>
                 danken gehabt hatten, waren sie doch betroffen, daß einer <lb/>
                 von ihnen die Kühnheit besaß, ihn auszusprechen. Etliche <lb/>
                 waten auch entsetzt; aber die meisten waren bloß ängstlich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Griguszies stand da und wartete. Es mußte sich ja nun zei- <lb/>
                 gen, ob sie wert waren, daß man sich das Maul für sie ver- <lb/>
                 brannte, ob sie einen Standpunkt hatten oder ob sie bloß im <lb/>
                 landläufigen Sinn »oppositionell« waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine dünne, weinerliche Stimme kam, lachend schauten <lb/>
                 Sie sich um: »Der Jubilar! Hallo, der Jubilar!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, das geniert mich nicht, wenn ihr lacht. Fünfzig Jahre bin <lb/>
                 ich jetzt bei die Firma gewesen. Es war viel Arbeit, wir haben <lb/>
                 aber auch viel schöne Erfahrungen gemacht. Wie ich vor <lb/>
                 fünfzig Jahren eingetreten bin, hätte keiner gedacht, daß man <lb/>
                 mal so eine böse Zeit durchmachen müßte. Aber wir können <lb/>
                 hier noch froh sein, uns alte Rischianer begleitet die FÜR- <lb/>
                 SORGE von die Firma unser ganzes Leben lang. Der Lohn
                <pb facs="#f0039" n="35"/>
                <lb/>
                 ist doch nur vor das Zeitliche, aber die Wohltätigkeit ist vor <lb/>
                 das Ewige.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir wollen keine Fürsorge, wir wollen Gerechtigkeit!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gerechtigkeit!« sagte verächtlich Adam Griguszies. »Die <lb/>
                 kriegt ihr bei Herr Drees, wenn ihr weiter nichts wollt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hier steht der wahre Feind der Arbeiterklasse!« rief einer <lb/>
                 und zeigte auf den Jubilar. »Das ganze Elend kommt nur <lb/>
                 von die Arschkriecher unter uns!« Sie machten Miene, auf <lb/>
                 ihn einzudringen, der Herdformer Fries warf sich dazwi- <lb/>
                 schen: »Vergreif’ sich keiner an den alten Mann!« — »Nur <lb/>
                 keine Aufregung«, sagte ein Gießer, »wer soll denn den <lb/>
                 dösigen Hund was tun, da ist man sich ja selbst viel zu schade <lb/>
                 dazu, daß man den anfaßt, der is ja doof, der hat ja’n Stich <lb/>
                 in die Birne.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fries strich sich mit dem Handrücken dreimal unter seinem <lb/>
                 grauen Spitzbart her, sah auf die gesträubte Spitze und sagte <lb/>
                 scharf: »Jedenfalls zeugt es nur von politischer Unreife, wenn <lb/>
                 einer glaubt, man könnte mit Arbeitseinstellungen und De- <lb/>
                 monstrationen einen Druck zugunsten des Friedens ausüben. <lb/>
                 Die feindlichen Regierungen benutzen das nur, um mit der <lb/>
                 Hoffnung auf die Auflösung unserer Ordnung den sinkenden <lb/>
                 Mut ihrer Völker zu beleben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und unsern Mut, wat belebt den? Der ist doch schon bis <lb/>
                 unter die Holzsohlen gesunken! Womit willst du dem auf die <lb/>
                 Beine helfen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mit dem Glauben an den allmählichen Sieg der Vernunft <lb/>
                 und die Verbündung der internationalen Arbeiterschaft. Das <lb/>
                 Alte ist verbraucht, es soll und muß fallen, aber es kann nicht <lb/>
                 fallen, ehe das Neue reif ist. Wer etwas in Stücke schlagen <lb/>
                 will, muß erst beweisen, daß er es auch wieder zusammen- <lb/>
                 setzen kann.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So lange hatte sich der Kranführer beherrscht, aber obwohl <lb/>
                 sein Gesicht gleichgültig gewesen war, hatte er genau aufge- <lb/>
                 paßt. In einer Sekunde wurden jetzt seine Augen fest, mit <lb/>
                 einem Satz sprang er an die nächste Formlade. »Da kriegt <lb/>
                 man ja zuviel!« schrie er und stampfte eine Form in Stücke, <lb/>
                 »verfluchter Breischmierer, Flickschuster! Zusammenleimen, <lb/>
                 habt ihr gehört, das ist eine schöne revolutionäre Logik!« Er
                <pb facs="#f0040" n="36"/>
                <lb/>
                 raffte die Trümmer zusammen und legte sie aufeinander. <lb/>
                 »Wird das nun eine saubere Form? Dreck wird es, der Mei- <lb/>
                 ster nimmt ihm den Akkord nicht ab, da kann er den Bruch <lb/>
                 noch so gut verkleistern. Die Kapitalisten lassen sich nichts <lb/>
                 zusammenstoppeln, die Ware muß egal akkurat sein, er würd’ <lb/>
                 es auch nicht wagen, ihnen sowas anzubieten, aber uns, uns <lb/>
                 will er Bruch anbieten, uns will er die alten Brocken zusam- <lb/>
                 menkleben und für neu verschleißen, da schämt er sich nicht!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Gedränge nahm zu, Flüche knallten aneinander, aus- <lb/>
                 holende Fäuste wurden über den Köpfen sichtbar. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie müssen sofort die Werkspolizei anrufen, Herr Drees!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber warum denn, Kurbjuhn?« fragte der Assistent. <lb/>
                 »Wenn sie sich schlagen, so ist das doch die beste Lösung.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie müssen dem Direktorium Meldung machen, Herr <lb/>
                 Drees! Es ist schon Werkseigentum vernichtet, wer weiß, <lb/>
                 wohin das hier noch führt! Kein Verstoß gegen die Arbeits- <lb/>
                 ordnung darf ungeahndet bleiben, Herr Drees!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser drängte den Meister Kurbjuhn, der ihm beständig <lb/>
                 etwas in die Ohren zischte, zur Seite und nahm das Wort. <lb/>
                 Er wolle sie nicht bitten, die Folgen zu überlegen, die ihr <lb/>
                 Vorgehen für sie haben würde; er wolle sie nur bitten, an die <lb/>
                 heiligen Gefühle der Familien dieser Toten zu denken, die sie <lb/>
                 durch einen so pietätlosen Akt verletzen würden. Ob es nun <lb/>
                 im gesetzlichen Sinne Leichenschändung sei oder nicht, man <lb/>
                 treibe mit diesen unglücklichen Opfern des Berufs: einen <lb/>
                 schändlichen Mißbrauch, wenn man sie zu Agitationszwecken <lb/>
                 durch die Straßen schleppe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach was, jetzt ist eben Krieg! Das sagt ihr doch auch im- <lb/>
                 mer, wenn wir einen Dreck fressen oder uns ein neues Bündel <lb/>
                 aufpacken sollen. Jetzt werden wir uns mal damit entschul- <lb/>
                 digen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Also los — wer macht mit durch die Stadt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber dieser strikte Aufruf erreichte das Gegenteil dessen, <lb/>
                 was er beabsichtigte, er verstärkte die Argumente des Herrn <lb/>
                 Drees, indem er sie zwang, darüber nachzudenken. Sie wur- <lb/>
                 den fast alle wankend, und eine tiefe Niedergeschlagenheit <lb/>
                 bemächtigte sich ihrer. Es waren nur wenige hier, die mit <lb/>
                 eigenen Augen auf den Schlachtfeldern gesehen hatten, wie
                <pb facs="#f0041" n="37"/>
                <lb/>
                 gering ein toter Mensch geschätzt wurde, aber es waren sehr <lb/>
                 viele, die sich (teils aus Aberglauben, teils aus Religiosität) <lb/>
                 vor den Toten fürchteten, auf alle Fälle war der Tod eine ehr- <lb/>
                 würdige Angelegenheit, und wenn man ihnen von »Opfern <lb/>
                 des Berufs« sprach, wurden sie weich und beinahe stolz. <lb/>
                 OPFER DES BERUFS — : war das nicht schmeichelhaft, <lb/>
                 machte das nicht alle Welt auf die Tapferkeit, die Pflichttreue <lb/>
                 der Arbeiter aufmerksam? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mittlerweile standen die Sanitäter ratlos da mit ihren Töp- <lb/>
                 fen voll Brandliniment. Schließlich trugen sie die Verunglück- <lb/>
                 ten kurzerhand hinaus. Niemand widersprach, Adam Gri- <lb/>
                 guszies zuckte die Achseln. Er wußte schon, wie es wieder <lb/>
                 kommen würde, alles würde an ihm hängen bleiben, Kame- <lb/>
                 raden und Vorgesetzte würden ihn gleich scheel ansehen; <lb/>
                 diese, weil er immer beim Vortrupp war, jene, weil trotzdem <lb/>
                 nichts geschah. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Na, glauben Sie, daß er sich die Hörner noch abrennen <lb/>
                 wird?« fragte Herr Drees den Assistenten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wahrscheinlich, aber so lange können wir doch wohl <lb/>
                 nicht warten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Scheint mir auch so Schade. Ich bin überzeugt, daß er <lb/>
                 mit der Zeit ein brauchbares Glied der menschlichen Gesell- <lb/>
                 schaft werden wird. Aber woher die Zeit nehmen? Sie haben <lb/>
                 leider recht, Herr — Kollege.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 ZWEITES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man muß wissen, daß der derzeitige Besitzer des Stahl- <lb/>
                 werks, Herr von Zander oder »der Freiherr«, wie er kurz und <lb/>
                 unpersönlich von seinen Untergebenen genannt wurde, kein <lb/>
                 geborener Industrieller war, sondern aus der Uckermark <lb/>
                 stammte. Er war ein untersetzter Mann mit einer masken- <lb/>
                 haften Starre im Gesicht, die ebensowohl weltmännische Ge- <lb/>
                 wandtheit und diplomatische Undurchdringlichkeit wie ethi- <lb/>
                 schen Ernst oder bäuerische Zurückhaltung ausdrücken konn- <lb/>
                 te. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr in den Anschauun- <lb/>
                 gen und Gewohnheiten eines ostelbischen Grundbesitzers ver-
                <pb facs="#f0042" n="38"/>
                <lb/>
                 wurzelt, war er durch seine Heirat mit der Alleinerbin des <lb/>
                 Stahlmagnaten Risch plötzlich in die erste Reihe der west- <lb/>
                 deutschen Großindustriellen gerückt. Dieser Übergang war <lb/>
                 so Jäh gewesen, und der Luftwechsel so umstürzend, daß eine <lb/>
                 gewisse Unsicherheit und kompromißlerische Schwäche die <lb/>
                 Folge waren. Nur schwer konnte er sich in die neue Rolle <lb/>
                 schicken, wo es ewig Schwierigkeiten und Aufforderungen <lb/>
                 zu schnellen Entschlüssen gab. Zum Glück hatten die Risch- <lb/>
                 werke, die zwar nach dem Tode des alten Risch formell in <lb/>
                 die »Gußstahlwerke Risch-Zander Aktiengesellschaft« um- <lb/>
                 gewandelt, doch gleichwohl unangetasteter Familienbesitz <lb/>
                 geblieben waren, eine lange Tradition, und der Freiherr mach- <lb/>
                 te es sich zu seiner Lebensaufgabe, sie aufrechtzuerhalten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Schloß, welches er bewohnte, war eines jener Gebäu- <lb/>
                 de, die wir mangels greifbarer architektonischer Substanz <lb/>
                 »imposant« zu nennen pflegen. Vielleicht kommt man der <lb/>
                 Sache am nächsten, wenn man sagt, daß es eine Kreuzung <lb/>
                 zwischen Akropolis und Walhalla war. Der alte Risch hatte <lb/>
                 die Villa bauen lassen, nachdem er fünfundzwanzig Jahre mit- <lb/>
                 ten in der Fabrik zugebracht hatte, in einem jener bescheide- <lb/>
                 nen Herrschaftshäuser alten Stils, wie man sie zuweilen heute <lb/>
                 noch in Gebirgstälern neben kleinen Papiermühlen und Blau- <lb/>
                 druckfabriken antrifft: schmucklose Bauten, denen eine <lb/>
                 Rasenfläche mit Kiesweg, Rosenbeet und Springbrunnen den <lb/>
                 Ausdruck vornehmer Zurückgezogenheit gibt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war nicht nach Rischs Kopf gewesen, daß er hier end- <lb/>
                 lich ausziehen sollte, denn er liebte es, spartanisch zu erschei- <lb/>
                 nen und mittels betont einfacher Lebensformen alle Geschäfts- <lb/>
                 freunde auf seine geringe Herkunft aufmerksam zu machen, <lb/>
                 damit sie an der zeitlichen Nähe zwischen der Abstammung <lb/>
                 von einem bankerotten Alteisenhändler und dem Aufbau die- <lb/>
                 ses gewaltigen Stahlwerks desto besser seine Energie als <lb/>
                 Techniker und seine Klugheit als Kaufmann schätzen lernten. <lb/>
                 Aber er mußte den Vorstellungen seiner Frau nachgeben, die <lb/>
                 in dem wachsenden Fabriklärm nicht mehr bleiben wollte <lb/>
                 und ein für ihre jetzige kommerzielle Stellung repräsentatives <lb/>
                 Haus verlangte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese Nachgiebigkeit war beim alten Risch keine Folge
                <pb facs="#f0043" n="39"/>
                <lb/>
                 ehelicher Gefühle. Gewohnt, alle ideellen Werte in materielle <lb/>
                 Spekulationen und alle persönlichen Beziehungen in geschäft- <lb/>
                 liche Vorteile umzusetzen, galt ihm seine Frau kraft ihrer Sie- <lb/>
                 gerländer Verwandtschaft als »Handelsvermittlerin bei der <lb/>
                 Kleineisenindustrie«, und wenn er ihre Wünsche, die sie <lb/>
                 übrigens sehr entschieden äußerte, gelegentlich erfüllte, so <lb/>
                 geschah es eben, um einen Geschäftsagenten bei Stimmung zu <lb/>
                 erhalten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er kaufte also von einer Landgemeinde etliche Waldpar- <lb/>
                 zellen in der Nähe des Flusses. Die Pläne für die Villa ent- <lb/>
                 warf er selbst, da er der Meinung war, daß ein Mann, der sich <lb/>
                 in seiner Branche hochgearbeitet habe, auf allen Gebieten als <lb/>
                 Selbstversorger auftreten müsse. So fertigte er nicht nur Kon- <lb/>
                 struktionen für Geschütze und Waggongestelle, sondern auch <lb/>
                 Bilder und Gedichte für seinen Privatbedarf an, und selbst <lb/>
                 der Handwerker, der ein neues Türschloß anbringen sollte, <lb/>
                 bekam vorher eine Zeichnung von ihm in die Hand, aus der <lb/>
                 Lage und Zweck des Verschlusses ersichtlich war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Villa baute er ungefähr nach den Vorstellungen, die <lb/>
                 ein Mensch, der nie betrunken war, von den Phantastereien <lb/>
                 eines Weintausches hat. Sein werktägliches Leben verlief <lb/>
                 knapp, sachgemäß und zielvoll, darum glaubte er, daß die <lb/>
                 Kunst als Gegengewicht sonntäglich aufgeputzt und mit sinn- <lb/>
                 losem Zierat überladen sein müsse. So hatte alles seine Ord- <lb/>
                 nung bei ihm, und die Villa mit der seltsamen Mischung von <lb/>
                 falschem Klassizismus und scheinheroischem Barock war fol- <lb/>
                 gerichtig aus seinem Wesen und seiner Lebensweise heraus <lb/>
                 entwickelt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So wahr es ist, wenn man sagt, daß der alte Risch Talent <lb/>
                 und Charakter hatte, so bliebe es doch nur eine Teilwahrheit, <lb/>
                 wenn man nicht hinzufügte, daß er unter Charakter etwas <lb/>
                 ganz Bestimmtes, nämlich einen aparten Bürgerstolz ver- <lb/>
                 stand, das Selbstbewußtsein des Selfmademan gegenüber den <lb/>
                 Eigentümern von Ahnengalerien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine Frau hingegen war anderer Ansicht, sie glaubte, daß <lb/>
                 es nunmehr für die arrivierten Bürger Zeit sei, mit Enkel- <lb/>
                 kindern in die Ahnengalerien einzudringen. Darum hielt sie <lb/>
                 darauf, ihrer Tochter Alice einen Mann von Stand zu ver-
                <pb facs="#f0044" n="40"/>
                <lb/>
                 schaffen. Unter allen möglichen Schwiegersöhnen, die sie <lb/>
                 auf zahlreichen Reisen in Augenschein genommen hatte, <lb/>
                 schien ihr der Freiherr von Zander der geeignetste zu sein. <lb/>
                 Schon als er noch Einjährig-Freiwilliger bei den Deutzer <lb/>
                 Kürassieren gewesen war, hatte er im Hause Risch verkehrt, <lb/>
                 und er war besonders empfohlen durch die Beziehungen, wo- <lb/>
                 rin sein verstorbener Vater zu den Rischwerken gestanden <lb/>
                 hatte. Lange Jahre hindurch hatte dieser nämlich gegen Pro- <lb/>
                 vision dem Verkaufskontor Risch in den Ministerien die We- <lb/>
                 ge geebnet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bei aller Würdigung dieser Momente sträubte sich der alte <lb/>
                 Risch gewaltig gegen eine Familienverbindung mit dem Adel, <lb/>
                 und obwohl er zuletzt seiner Frau abermals im Interesse ge- <lb/>
                 wisser Kaufabschlüsse weichen mußte, fand er noch einen <lb/>
                 Weg, um seinem Groll Luft zu machen. Er wies den Neuver- <lb/>
                 mählten Wohnung im alten Fabrikhaus an und beschäftigte <lb/>
                 den Freiherrn gegen das übliche Assistentengehalt von jähr- <lb/>
                 lich 2340 Mark im juristischen Büro. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das junge Paar mußte sich gehörig einschränken. Der Frei- <lb/>
                 herr mußte wie jeder andere Angestellte einen Revers unter- <lb/>
                 schreiben, wonach er sich dem allgemeinen Dienstreglement <lb/>
                 und den Vorschriften für Beamtenwohnungen unterwarf. <lb/>
                 Zum Beispiel durfte er in seinem Haus nichts verändern oder <lb/>
                 renovieren lassen, ohne vorher um Genehmigung nachge- <lb/>
                 sucht zu haben, und sein Schwiegervater ahmte in der sarka- <lb/>
                 stischen Beantwortung solcher Gesuche geflissentlich den <lb/>
                 alten Fritz nach. Es war also kein angenehmes Leben, zumal <lb/>
                 auch Frau Risch diese Tyrannei unter der Vorgabe, sie zu mil- <lb/>
                 dern, durch häufige belehrende Besuche eher unterstützte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem aber der Alte von einer Lungenentzündung weg- <lb/>
                 gerafft worden war, rächte sich der Freiherr für diese Behand- <lb/>
                 lung, indem er der prunkvollen Villa Risch bei seinem Einzug <lb/>
                 den Namen »Zandershöhe« verlieh. Indessen konnte er nicht <lb/>
                 verhindern, daß das Regiment darin auch weiterhin von seiner <lb/>
                 Schwiegermutter geführt wurde, die im Werk nach den Ini- <lb/>
                 tialen der Vornamen ihres Mannes L. A. Risch allgemein <lb/>
                 »Frau Ella« hieß. Sie bewohnte einen weitläufigen Flügel, <lb/>
                 der die »Kemenate« genannt wurde, dort veranstaltete sie
                <pb facs="#f0045" n="41"/>
                <lb/>
                 ihre Audienzen, nicht bloß für Fremde, sondern auch für <lb/>
                 Familienangehörige. Selten betrat sie andere Räume des Hau- <lb/>
                 ses und niemals mehr die Wohnung der jungen Generation; <lb/>
                 aber weder in der Familie noch im Werk geschah etwas, ohne <lb/>
                 daß sie gefragt wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Park von Zandershöhe grenzte unmittelbar an eine <lb/>
                 Bahnstation, die ihren Namen vom Schloß des Großindu- <lb/>
                 striellen hatte. Sie lag ungefähr zwölf Kilometer westlich der <lb/>
                 Hauptstadt des Steinkohlenreviers, an einer Nebenstrecke, <lb/>
                 die sich durch ein anmutiges Flußtal schlängelte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Freilich war der Fluß nur ein träger, schwärzlicher Wasser- <lb/>
                 lauf, gekrümmt wie ein Schleichenlurch, verschlammt und <lb/>
                 verfettet von den Abwässern der Fabriken und Kohlengru- <lb/>
                 ben; unappetitliche Uferlachen schmarotzten an seiner Lebens- <lb/>
                 kraft, Schilfinseln und Gewucher von Quellmoos und Frosch- <lb/>
                 löffel bezeichneten die vielen seichten Stellen. Aber überall <lb/>
                 schoben sich die Ausläufer bewaldeter Hügel vor, unregel- <lb/>
                 mäßig hintereinander gestaffelt wie ein zum Angriff formier- <lb/>
                 tes Armeekorps auf der Karte des Feldherrn, und das silbrige <lb/>
                 Blau hundertjähriger Buchenstämme hinterließ selbst auf die- <lb/>
                 sem trüben Gewässer einen Abglanz von Zartheit und Unbe- <lb/>
                 rührtheit. Obgleich die Luft von den Abgasen der Zechen <lb/>
                 und Hütten noch ein wenig dick blieb, war sie doch schon <lb/>
                 sehr gereinigt durch die feuchte Kühle des Laubes, die Würze <lb/>
                 des Kuhmistes und den säuerlichen Dunst der Melkeimer. <lb/>
                 Die ganze Niederung war besprenkelt mit weißgekälkten <lb/>
                 Bauernkotten, Gartenlokalen, Fruchtäckern, Tennisplätzen, <lb/>
                 Bootshäusern, Wiesen und Viehherden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Deshalb war es, wenn man genau hinsah, keine richtige, <lb/>
                 naive Landschaft, sondern eher ein gesetzlich geschütztes Er- <lb/>
                 holungsgelände, das sich anstrengte, mitidyllischen Abwechs- <lb/>
                 lungen und einer verhältnismäßig gesunden Vegetation den <lb/>
                 berechtigten Ansprüchen der Industriebevölkerung auf Natur- <lb/>
                 genuß entgegenzukommen, und überdies mit einer Fülle von <lb/>
                 Sommerwirtschaften und »schönen Aussichten« zur Lösung <lb/>
                 der sozialen Frage beizutragen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sonntags drängten sich auf diesem Fleck Tausende von
                <pb facs="#f0046" n="42"/>
                <lb/>
                 Ausflüglern zusammen, infolgedessen war der Bahnhof Zan- <lb/>
                 dershöhe, so einsam er die meiste Zeit dalag, ziemlich groß. <lb/>
                 Wie es sich in einem sozial denkenden Staat gebührte, er- <lb/>
                 freuten gefällige Anlagen mit Steingrotten und gewundene <lb/>
                 Treppen mit Geländern aus Naturholz das Auge der abge- <lb/>
                 arbeiteten Städter. Ein Separatausgang führte in den Park <lb/>
                 des Freiherrn, weshalb die Station allgemein der »Zandersche <lb/>
                 Privatbahnhof« hieß. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Natürlich fahr der Freiherr nicht mit der Eisenbahn ins <lb/>
                 Geschäft, er hatte einen prachtvollen, tadellos ausgerüsteten <lb/>
                 Mercedeswagen, Fabrikationsjahr 1914; doch traf er zuweilen <lb/>
                 von einer weiten Studienreise mit dem Sonderzug hier ein <lb/>
                 (denn zur Erholung oder zum Vergnügen gönnte er sich kei- <lb/>
                 ne Reisen, wenigstens wollte er es vor sich selber nicht wahr <lb/>
                 haben). Auch Fürstlichkeiten und Militärs aller Länder ka- <lb/>
                 men oft zu Besuch und wurden hier empfangen und über den <lb/>
                 breiten, blank gescheuerten Fahrweg des Parks, wo die Wa- <lb/>
                 gen so geräuschlos hinglitten, sogleich zum Schloß geleitet. <lb/>
                 So rentierte sich der Privatausgang, für den übrigens die Ei- <lb/>
                 senbahndirektion die gleiche Gebühr wie für einen Gleisan- <lb/>
                 schluß erhob. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kaiser war ein besonderer Freund des Zanderschen <lb/>
                 Hauses und sein häufiger Gast. Er war bei der Hochzeit des <lb/>
                 Freiherrn zugegen gewesen, bei der Beerdigung seines <lb/>
                 Schwiegervaters, bei der Taufe seiner ältesten Kinder, zu <lb/>
                 deren Gedächtnis von Frau Ella eine Rotbuche gepflanzt wor- <lb/>
                 den war, bei der Einweihung des neuen Verwaltungsgebäu- <lb/>
                 des, bei der Katastrophe auf Zeche »Glücklicher Morgen- <lb/>
                 stern«, wo 43 Bergleute totgeblieben waren — es gab kein <lb/>
                 ernstes oder heiteres Ereignis in der Familie und im Werk, an <lb/>
                 welchem der Kaiser nicht persönlich teilgenommen hätte. <lb/>
                 Immer waren die Gefühle, womit der Freiherr auf seiner <lb/>
                 Station den Hofzug erwartet hatte, glücklicher Natur gewe- <lb/>
                 sen; als sichtbares Zeichen dieses Glückes trug er das Komtur- <lb/>
                 kreuz des Königlichen Hausordens. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er konnte es einfach nicht glauben, daß sich nun die Wol- <lb/>
                 ken zusammenzögen. Die versteckten Absichten der Regie-
                <pb facs="#f0047" n="43"/>
                <lb/>
                 rung erfüllten ihn mit Sorge, wahrscheinlich war ein Staats- <lb/>
                 streich geplant. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In welcher Linie hätten sonst die fortgesetzten Bemühun- <lb/>
                 gen liegen können, den Kaiser zu ängstigen? Zweifellos hoff- <lb/>
                 te man, ihn auf diese Weise zu entkräften und Stück um Stück <lb/>
                 seiner Gewalt zu berauben. Und dies alles, weil sich die Mili- <lb/>
                 tärs in der Dauer des Krieges verrechnet harten und die Ber- <lb/>
                 liner Zwangswirtschaft die gesunden Instinkte des Westens <lb/>
                 korrumpierte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatten die Alarm- <lb/>
                 nachrichten den Kaiser veranlaßt, nach Zandershöhe zu rei- <lb/>
                 sen, um dort mit den unzufriedenen Arbeitern in der Werk- <lb/>
                 statt, von Mensch zu Mensch, zu sprechen. Die Tatsache, <lb/>
                 daß am Vorabend seiner Ankunft der Staatssekretär des In- <lb/>
                 neren unangemeldet und ohne Wissen Seiner Majestät in <lb/>
                 Zandershöhe eingetroffen war, und das Gespräch, das er <lb/>
                 noch in der Nacht mit diesem geführt hatte, bestärkten den <lb/>
                 Freiherrn in seinen Ängsten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es habe jetzt keinen Zweck mehr, über Nüancen zu <lb/>
                 streiten, hatte der Staatssekretär gesagt, man müsse der <lb/>
                 Wirklichkeit unerschrocken ins Auge sehen. Es handle <lb/>
                 sich darum, die Niederlage und den Aufruhr abzuwenden, <lb/>
                 und eines ginge nicht ohne das andere. Nur die äußerste <lb/>
                 Schonungslosigkeit könne noch helfen, denn es sei zu be- <lb/>
                 denken, daß über der Person des Monarchen die Idee des <lb/>
                 Vaterlandes stehe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr fand es anmaßend, in einer, wie er sie sah, völ- <lb/>
                 lig unentschiedenen Situation eine so entschiedene Sprache zu <lb/>
                 führen. Die ausgegebene Parole war ihm zu gefährlich. Ge- <lb/>
                 wiß war es denkbar, daß sie sich als nützlich erwies, in diesem <lb/>
                 Fall hätte er sich ihr natürlich gern angeschlossen, aber wer, <lb/>
                 wer, wer konnte das wissen? </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es hat niemand mehr das Recht, auch nur vorübergehend <lb/>
                 geborgen zu sein. Unbedingt muß Seiner Majestät die wahre <lb/>
                 Stimmung Ihrer Belegschaft vor Augen geführt werden, Sie <lb/>
                 müssen ihn in den radikalsten Betrieb schicken, den Sie haben, <lb/>
                 namens des Reichskanzlers verlange ich das.« Immer von <lb/>
                 neuem hatte der Staatssekretär dies dem Freiherrn einge-
                <pb facs="#f0048" n="44"/>
                <lb/>
                 schärft, aber dieser hatte nur ausweichend geantwortet, daß <lb/>
                 man das mit den Herren seines Direktoriums besprechen <lb/>
                 müsse. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Allerdings waren die Militärs in der kaiserlichen Umge- <lb/>
                 bung eifrig bestrebt, ihrem obersten Kriegsherrn klar zu <lb/>
                 machen, daß die augenblickliche Lage nur die Frucht einer <lb/>
                 Politik sei, die von ihnen nicht befürwortet, jedoch von der <lb/>
                 Zivilregierung für gut befunden werde, aber der Kaiser war <lb/>
                 jetzt gegen Soldaten, und Diplomaten gleich mißtrauisch. <lb/>
                 Er verachtete den »Troß feiler Knechte«, der sich wegwarf, <lb/>
                 sich kommandieren ließ und doch sekündlich zu jedem Ver- <lb/>
                 rat bereit war, wenn er dadurch nur eine Rückendeckung für <lb/>
                 sich selbst bekam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine romantische Sehnsucht packte ihn nach seinem Volk, <lb/>
                 das ihm jäh aufrauschend und jäh besänftigt erschien wie das <lb/>
                 große Meer; er verglich es mit dem heiligen See, über den <lb/>
                 Christus während einer Sturmbö von mindestens zwanzig <lb/>
                 Sekundenmetern unbehelligt gewandelt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So schwelgte er in biblischen Bildern und malte sich aus, <lb/>
                 wie das Gebirge schäumender Begehrlichkeit versinken wür- <lb/>
                 de, wenn er seinen Mantel ausbreitete, und wie die stille glatte <lb/>
                 Fläche, ein klarer reflektierender Spiegel, sich in Verehrung <lb/>
                 und Liebe sammeln müßte. Alsbald drang in die christlichen <lb/>
                 Allegorien die gepanzerte Ornamentik heidnischer Mythen <lb/>
                 ein, und die heroischen Farben von Märtyrertum und Man- <lb/>
                 nentreue vermischten sich miteinander zu einem leuchtenden <lb/>
                 Nebel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von diesen Vorstellungen berauscht, einem plötzlichen <lb/>
                 Impulse nachgebend, verließ er in geheimnisvoller Hast das <lb/>
                 Hauptquartier. Doch kaum hatte er sich in Fahrt gesetzt, als <lb/>
                 er auch schon in jenen noch gefährlicheren Zustand einer Er- <lb/>
                 nüchterung geriet, die auf die Übersteigerung der Unwirk- <lb/>
                 lichkeit die Umkehrung der Wirklichkeit folgen läßt. Er be- <lb/>
                 gann, das Volk, das durch Lauheit und Unwilligkeit den Herr- <lb/>
                 scher zwang, wie ein Bettler vor ihm im Staub zu knien, ab- <lb/>
                 gründig zu hassen. Unversehens ward aus der flehentlichen <lb/>
                 Gebärde eine drohende, unversehens ward aus der Verbrü-
                <pb facs="#f0049" n="45"/>
                <lb/>
                 derungszeremonie eine gebieterische Proklamation, die von <lb/>
                 dem verbrieften Recht auf Gehorsam handelte, und von der <lb/>
                 Pflicht des Volkes, sich in der Not um den Thron zu scharen, <lb/>
                 und von der Strafe, die auf Treubruch stünde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Verfärbt, gebrochen, ausgebrannt saß er in der Nacht am <lb/>
                 Schreibtisch seines Salonwagens, über einem Bogen Papier, <lb/>
                 worauf ein Tumult durchstrichener, eingefügter und wieder <lb/>
                 verworfener Sätze war, in einer gezwungenen Handschrift, <lb/>
                 die Schnörkel und Festigkeit zu vereinigen trachtete. Auf <lb/>
                 seinen Befehl war das elektrische Licht ausgeschaltet, zwei <lb/>
                 Kerzen brannten in einem Leuchter, der aus kupfernen Ge- <lb/>
                 schoßführungsringen nach Art des Eisernen Kreuzes gegos- <lb/>
                 sen war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf der ganzen Reise zeigte er sich schweigsam, verschlos- <lb/>
                 sen, fast menschenscheu. In seinem Gefolge befanden sich <lb/>
                 außer dem Chef des Zivilkabinetts nur der General von <lb/>
                 Grußenbaum, à la suite der Armee mit der Uniform des Regi- <lb/>
                 ments der Gardes du Corps, und der Oberst von Leutwitz <lb/>
                 von den Danziger Totenkopfhusaren. Sie bemerkten, daß <lb/>
                 der Kaiser im Talgdunst der Kerzen unmenschlich gealtert <lb/>
                 erschien, mit einer steinernen Haut, die über dem halbsteifen <lb/>
                 Kragen seiner Litewka knorpelige Wulste bildete, und mit <lb/>
                 Augen, die tief eingegraben waren wie schleimige Larven in <lb/>
                 Winterhöhlen. Es schreckte sie, weil sie an ihrem Herrn wohl <lb/>
                 die schnelle und oft grundlose Veränderlichkeit kannten, aber <lb/>
                 niemals Gemütsumwälzungen von solcher Gewalt und Nach- <lb/>
                 haltigkeit wahrgenommen hatten, wie sie diese Erstarrung <lb/>
                 anzukündigen schien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein geschlagener Herrscher«, fuhr es dem Kabinettchef <lb/>
                 durch den Kopf. Schnell preßte er mit Daumen und Zeige- <lb/>
                 finger die Lippen zusammen, er fürchtete, diese Worte könn- <lb/>
                 ten, ohne physiologisch erzeugt zu werden, verräterisch aus <lb/>
                 seinem Munde hervorbrechen. Es war eine ungewöhnlich <lb/>
                 schwierige Situation, und so sehr er eine solche Lage schätzte, <lb/>
                 wenn sie von Amts wegen herbeigeführt worden war, so sehr <lb/>
                 fürchtete er sie, wenn sie von Ereignissen aufgezwungen wur- <lb/>
                 de, die noch keinen Aktenvermerk trugen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während er von der Unheimlichkeit des künstlich dunkel
                <pb facs="#f0050" n="46"/>
                <lb/>
                 gehaltenen Wagens ganz benommen war, suchten die Militärs <lb/>
                 unaufhörlich nach Gegenständen zur Ablenkung und Auf- <lb/>
                 heiterung. Vom Generalquartiermeister hatten sie die strikte <lb/>
                 Weisung, »wie eine Mauer um Seine Majestät zu sein, kom- <lb/>
                 me was wolle, und ihm alle Gespenster auszureden, falls es <lb/>
                 sich nicht vermeiden ließe, daß er sie zu Gesicht bekäme.« Je- <lb/>
                 der erfüllte auf seine Art diese Aufgabe, von der beide wußten, <lb/>
                 daß sie weniger der Erhaltung des Thrones als der Erhaltung <lb/>
                 der militärischen Vormachtstellung galt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Chef des Zivilkabinetts, der immer von den Militärs <lb/>
                 gedemütigt wurde, war auch bei dieser Gelegenheit die Ziel- <lb/>
                 scheibe des Spottes, aber in dem Bewußtsein, daß sein Herr <lb/>
                 endlich diese »großspurigen Kulissenkrieger« zu durch- <lb/>
                 schauen anfing, trug er es leichter. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Obwohl aus Hinterpommern gebürtig, hatte von Leutwitz <lb/>
                 die leichte Figur eines Österreichischen Husarenleutnants mit <lb/>
                 Mödlinger Stammbaum, und so war auch sein Witz, hüpfend <lb/>
                 und über einem kleinen Brandfleck schnell verraucht, wie <lb/>
                 Spritzer von Salpetersäure; aber der General, mit dem schwe- <lb/>
                 ren und wuchtigen Leib eines Oldenburger Kutschpferds, <lb/>
                 betrieb auch den Umgang bei Hof wissenschaftlich und metho- <lb/>
                 disch. Er tat nichts aus dem Handgelenk, er ging immer erst <lb/>
                 in die Materie hinein, bevor er jemanden abfertigte, und war <lb/>
                 gefürchtet wegen seiner kühlen, sachlichen Manier, die dem <lb/>
                 Getroffenen nach den Regeln höfischer Konversation nicht <lb/>
                 einmal gestattete, sich offenkundig getroffen zu fühlen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Bahnhof der Industriestadt mußte die Lokomotive um- <lb/>
                 gesetzt werden. Auf dem verödeten und ungereinigten Bahn- <lb/>
                 steig standen einige Geheimpolizisten, in angemessenen Ab- <lb/>
                 ständen verteilt wie Pfähle, die beim Anbinden von Allee- <lb/>
                 bäumen Verwendung finden sollen. Der Fahrdienstleiter — <lb/>
                 Militäranwärter, Jahrgang 1866, durch Strammheit verjüngt, <lb/>
                 Uniform angeboren — sprang am Zug entlang und salutierte <lb/>
                 aus Furcht, das richtige zu verpassen, vor jedem Fenster. <lb/>
                 Mit einer durch Pflichtbewußtsein gemilderten Aufregung <lb/>
                 koppelte er selbst die Lokomotive ab und wieder an. Alles <lb/>
                 vollzog sich ohne Pfiff, ohne Geschrei, ohne Erschütterung. </p>
            <pb facs="#f0051" n="47"/>
            <p>
                <lb/>
                 Ganz absichtslos, nur von einer rätselhaften Unruhe ge- <lb/>
                 trieben, lüpfte der Kaiser die Gardine. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sein Auge faßte zunächst einen leeren Waggon mit einem <lb/>
                 fetten roten Plakat: »Achtung! Diebesgefahr! Luftklappen <lb/>
                 schließen! Bei Zuwiderhandlung kein Schadenersatz!« — dann <lb/>
                 eine eingerostete Wasserpumpe, und darauf einen Zipfel der <lb/>
                 Stadt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war ein Knäuel von Schornsteinen, Gasthausschildern <lb/>
                 und Ruhebänken in öffentlichen Anlagen. Der Knäuel setzte <lb/>
                 sich in ihm fest, wie ein rotierender Mechanismus war er in <lb/>
                 sein Gehirn eingepflanzt. Drohend streckte er den Kopf vor: <lb/>
                 »Abscheuliche Gegend.« Der Knäuel von Schornsteinen, <lb/>
                 Gasthausschildern und Ruhebänken in öffentlichen Anlagen <lb/>
                 diehte sich. Der Zug fuhr unterdessen weiter, Balkons von <lb/>
                 Mietskasernen zogen vorüber, einer über dem anderen, einer <lb/>
                 neben dem anderen, stummes, mit Küchenabfällen und Men- <lb/>
                 schenschutt gefülltes Vorstadtgelände. »Kahl gefressen von <lb/>
                 Ungeziefer, meine Herren. Pfui Teufel.«— </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war etwas neblig, aber schon hell, zwischen fünf und <lb/>
                 sechs Uhr morgens, im September, als der kaiserliche Hofzug <lb/>
                 mit einiger Verspätung in Zandershöhe einlief. Auch die <lb/>
                 Lokomotive des Kaisers konnte, obwohl sie als einzige noch <lb/>
                 eine Feuerbüchse aus Kupferblech hatte, im Krieg nicht auf <lb/>
                 die Minute pünktlich sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kaum erblickten die Militärs den Staatssekretär, als sie auch <lb/>
                 schon in Stellung gingen, um den von Berlin gelegten Hin- <lb/>
                 terhalt auszubrennen. Von Leutwitz hatte ein unverschämtes <lb/>
                 Grinsen: »Exzellenz wollen Majestät in Empfang nehmen, <lb/>
                 was?« Der Staatssekretär lehnte den Kopf in den Nacken, <lb/>
                 spitzte den Mund und blies ein Wölkchen Hauch wie Zigaret- <lb/>
                 tenrauch aus. »Dieser unehrerbietige Ausdruck stammt von <lb/>
                 Ihnen, Herr Oberst, nicht von mir.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und außerdem, Leutwitz,« lächelte der General, »außer- <lb/>
                 dem stimmt es nicht. Der Herr Staatssekretär hat vielmehr die <lb/>
                 Absicht, uns Militärs in Empfang zu nehmen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich bedauere sehr, den Herren diese Ehre nicht antun zu <lb/>
                 können. Sie wissen, daß ich mich streng an meine Instruk-
                <pb facs="#f0052" n="48"/>
                <lb/>
                 tionen zu halten pflege, und daß es mir weniger leicht fällt <lb/>
                 als Ihnen, meine Kompetenzen zu überschreiten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dem Kaiser schwoll die Stirn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was wollen Sie hier? Wer hat Sie hierher befohlen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Antwort des Staatssekretärs war ruhig und leiden- <lb/>
                 schaftslos wie der Vortrag eines Geheimrats, der seinem aus <lb/>
                 Urlaub zurückkehrenden Chef über die laufenden Amtsge- <lb/>
                 schäfte Bericht erstattet. Der Kanzler halte es nicht für ange- <lb/>
                 zeigt, daß Seine Majestät sich ohne Beistand und Beratung zu <lb/>
                 einer so schwierigen Begegnung mit der Arbeiterschaft an- <lb/>
                 schicke. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kaiser blitzte ihn an, ließ ihn schroff stehen und wand- <lb/>
                 te sich mit auffälliger Liebenswürdigkeit an den Freiherrn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser war unbeweglich wie eine Bildsäule geblieben, es <lb/>
                 kam ihm vor, als sähe er von weitem sich selbst hier stehen — <lb/>
                 es gibt solche Träume, sie kommen meist, wenn man abends <lb/>
                 sehr früh schlafen geht: wo man sich, ganz wie es jetzt dem <lb/>
                 Freiherrn geschah, in zwei Personen zerlegt sieht und sich <lb/>
                 einmal als Beobachter, ein andermal als Mitspieler in der <lb/>
                 Szene befindet; in dem Augenblick jedoch, wo er der ange- <lb/>
                 nehmen Pflicht, seinen Kaiser zu grüßen, endlich genügen <lb/>
                 durfte, war der Freiherr wieder der korrekte, in Überein- <lb/>
                 stimmung mit seiner Branche stahlharte Untertan, geglättet <lb/>
                 und säurebeständig und im Besitz einer unerschütterlichen <lb/>
                 Weltanschauung, die sich wie ein Dankschreiben zwischen <lb/>
                 Wohlgeboren und Hochachtungsvoll in einem fest geschlos- <lb/>
                 senen Kreis bewegte. Mit einer Vorliebe für schwungvolle <lb/>
                 Gelegenheitspoesie verband dieser untadelige Landedelmann <lb/>
                 einen ausgeprägten Sinn für die Feierlichkeit historischer <lb/>
                 Momente; er liebte es, selbst für echte Empfindungen falsche <lb/>
                 Töne einzusetzen, und fühlte sich darum bewogen, den Kai- <lb/>
                 ser jetzt mit tragischer Gebärde zu begrüßen. »Eurer Kai- <lb/>
                 serlichen und Königlichen Majestät«, begann er, »entbieten <lb/>
                 meine Schwiegermutter, meine Frau und ich ehrerbietigen <lb/>
                 Willkomm — aber in welcher Lage müssen wir Euer Maje- <lb/>
                 stät wiedersehen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unwillig zog der Kaiser seine Hand zurück. »Ich hoffe, <lb/>
                 Zander, daß wenigstens Sie dieser Lage gewachsen sind«,
                <pb facs="#f0053" n="49"/>
                <lb/>
                 sagte er kalt. Die Militärs beeilten sich zu versichern, daß es <lb/>
                 in der Tat nur noch von der Heimat abhänge, ob der Krieg <lb/>
                 gewonnen oder verloren werde, die Armeehabe an Disziplin, <lb/>
                 Moral und Tapferkeit alles geleistet, was man billigerweise <lb/>
                 von ihr verlangen könne. »Gewiß, gewiß,« erwiderte hastig <lb/>
                 der Freiherr, »wir alle verfolgen mit atemloser Spannung die <lb/>
                 Großtaten des Heeres, nur zu glücklich sind wir in der Hei- <lb/>
                 mat Gebliebenen alle, ohne Ausnahme, wenn unsere Arbeit <lb/>
                 den Arm der Kämpfer zu stärken vermag.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er kaute ein wenig mit den Backenknochen, wie ein ameri- <lb/>
                 kanischer Magnat, der seinen Kaugummi mahlt. Er war hier <lb/>
                 der einzige, der nicht bewußt Komödie spielte, er liebte diese <lb/>
                 Atmosphäre nicht, wo man sich gegenseitig durch simples <lb/>
                 Wortgeplänkel in Verlegenheit brachte und einen vernich- <lb/>
                 tenden Schlag geführt zu haben meinte, er war ihr nicht ge- <lb/>
                 wachsen, sie hatte auch eine fatale Ähnlichkeit mit dem Intri- <lb/>
                 gantentum in seinem Stahlwerk; aber dort funktionierte we- <lb/>
                 nigstens sein Generaldirektor als Schlammfang, wie der Gully <lb/>
                 in einer Kanalisationsanlage. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er drängte daher zum Aufbruch, spätestens um elf müsse <lb/>
                 der Kaiser ins Werk fahren, die Belegschaft sei, wie ge- <lb/>
                 wünscht, von dem Besuch nicht unterrichtet worden; sein <lb/>
                 Generaldirektor warte mit einem Vortrag über die industrielle <lb/>
                 Lage, und seine Frau warte mit dem Frühstück. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Natürlich, lieber Zander,« versetzte in bester Laune der <lb/>
                 Kaiser, »und eine Frau soll man bei zwei Dingen nicht <lb/>
                 warten lassen, beim Frühstück und im Bett.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine peinliche Stille entstand hierauf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von den Bäumen näßte es, durch das Blattwerk filterte die <lb/>
                 graue Feuchtigkeit und ließ einen scharfen Satz von Ruß und <lb/>
                 Kohlenstaub zurück. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr war von den Worten des Kaisers tief verletzt. <lb/>
                 Er führte ein vorbildliches Familienleben und erfüllte seine <lb/>
                 ehelichen Pflichten, ohne von außerehelichen Vorbehalten <lb/>
                 Gebrauch zu machen. In vierzehn Jahren hatte er zehn legi- <lb/>
                 time Kinder gezeugt, die Ehre seiner Frau war unantastbar; <lb/>
                 sie mit der penetranten Frivolität von Kasinoabenden in Ver- <lb/>
                 bindung zu bringen, konnte er nicht einmal seinem Kaiser ge-
                <pb facs="#f0054" n="50"/>
                <lb/>
                 statten, so gern er ihm sonst das Recht einräumte, mit seiner <lb/>
                 Person jeden beliebigen Spaß zu treiben. Als Industrieller <lb/>
                 vertrat er, wenn auch keine anderen, so doch wenigstens sitt- <lb/>
                 liche Grundsätze. Mißachteten ihn viele seiner adligen Freun- <lb/>
                 de, weil er in ein Gewerbe hineingeheiratet hatte, so setzte er <lb/>
                 ihnen ostentativ, außer der Solidität des Besitzes, die Unan- <lb/>
                 fechtbarkeit der bürgerlichen Moral entgegen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 DRITTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kemenate von Zandershöhe war durch einen <lb/>
                 offenen Säulengang in der Höhe des ersten Stockwerks <lb/>
                 mit einem Glasaufsatz verbunden, welcher von geflügelten <lb/>
                 Karyatiden getragen wurde und die Krönung der Villa bil- <lb/>
                 dete. Von weitem machte er den Eindruck einer riesigen <lb/>
                 Vitrine, die von einem Juwelier zur Schaustellung von Bril- <lb/>
                 lanten hätte gemietet werden können, aber gleichzeitig diente <lb/>
                 er als Bedachung eines Lichthofs, worin zeremoniöse Feier- <lb/>
                 lichkeiten stattfinden konnten; der Eingang führte über eine <lb/>
                 baldachinartig mit Säulen und Kuppeln ausgepolsterte Ram- <lb/>
                 pe. Hier war auch zwischen Lorbeerbäumen und blühenden <lb/>
                 Hortensien an diesem Morgen für den Kaiser die Tafel ge- <lb/>
                 deckt. Er ließ es sich indessen nicht nehmen, zunächst Frau <lb/>
                 Ella in der Kemenate zu besuchen, die ihre Gewohnheiten <lb/>
                 sogar einem so erlauchten Gast zu Ehren nicht aufgab. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war gewonnene Zeit für den General. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Außerhalb der militärischen Sphäre pflegte sich dieser mit <lb/>
                 seinen Wünschen nie an die Spitzen zu wenden, sondern un- <lb/>
                 ter Umgehung möglichst vieler Dienstgrade an jene Perso- <lb/>
                 nen, deren Amt es ist, Befehle nicht weiterzugeben, sondern <lb/>
                 unmittelbar auszuführen. Am liebsten wäre ihm jetzt für <lb/>
                 seine Zwecke ein biederer Meister gewesen, aber vorläufig <lb/>
                 konnte er nur den Generaldirektor fassen, der ihm auf alle <lb/>
                 Fälle sicherer als der Firmainhaber zu sein schien. Überdies <lb/>
                 traf es sich, daß er ein Schulfreund von ihm war: Alfons <lb/>
                 Hachenpoot, Pubertätsdichter auf dem dreihundertjährigen <lb/>
                 Gymnasium von Jever, hernach Zahlenfanatiker bei den
                <pb facs="#f0055" n="51"/>
                <lb/>
                 Raiffeisenverbänden und Direktor der märkischen Landes- <lb/>
                 genossenschaftsbank, seit acht Jahren Generaldirektor von <lb/>
                 Risch-Zander. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Für den Freiherrn bedeutete Hachenpoot ein Programm, <lb/>
                 aus dessen Wortschatz er das meiste unbesehen übernahm. <lb/>
                 Er kannte ihn, seitdem er als junger Gutsbesitzer in Kredit- <lb/>
                 angelegenheiten mit ihm zu tun gehabt hatte. Der Direktor <lb/>
                 der Landesgenossenschaftsbank erwies sich als ein außer- <lb/>
                 ordentlich kulanter Bankier und schanzte dem Freiherrn <lb/>
                 mehrmals Kredite zu, deren Verzinsung kaum sicher war, <lb/>
                 geschweige die Amortisation. Jeder Revisor hätte das als <lb/>
                 einen sträflichen Leichtsinn und einen hinreichenden Grund <lb/>
                 zur fristlosen Entlassung betrachtet; dagegen war es für <lb/>
                 Hachenpoot eine Ursache zum Karrieremachen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was nämlich seine Kreditgebarung betraf, so war er weder <lb/>
                 ein Dilettant noch ein Amtsverbrecher. Vielmehr war nach <lb/>
                 seiner Lebensauffassung ein Risiko für ihn überhaupt nicht <lb/>
                 vorhanden, und Fahrlässigkeit war ganz einfach sein Ge- <lb/>
                 schäftsprinzip. Als Illusionist, der die Welt bunt färbte, indem <lb/>
                 er sich über sie äußerte, machte er in einer Zeit, die maleri- <lb/>
                 sche Veranlagung offiziell begünstigte, sein Glück. Er spe- <lb/>
                 kulierte in Optimismus, wie andere Landwirte in Kalikuxen. <lb/>
                 Hätte sich ein nüchterner und vorsichtiger Bankdirektor zu <lb/>
                 einem so gewagten Freundschaftsdienst für den Freiherrn <lb/>
                 verleiten lassen, so wäre das mit drei Hypotheken vorbelaste- <lb/>
                 te Gut unzweifelhaft in Subhastation gegangen, und die Gläu- <lb/>
                 biger hätten froh sein können, wenn sie zum vierten Teil <lb/>
                 ihrer Gelder gekommen wären; da es aber Hachenpoot war, <lb/>
                 der Mann, dessen Weizen selbst in Mißjahren blühte, so er- <lb/>
                 hielt er eben nach wenigen Monaten eine glänzende Bürg- <lb/>
                 schaft in Gestalt einer Verlobungsanzeige, die mit »Gußstahl- <lb/>
                 fabrikant L. A. Risch und Frau« schlicht unterzeichnet war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So bewahrheitete sich an einem schönen Beispiel der Hilfs- <lb/>
                 bereitschaft die schon vorher feststehende Erfahrung, daß dort, <lb/>
                 wo Hachenpoot beteiligt war, nichts passieren konnte. Es <lb/>
                 sprach sich herum, daß ihm nichts schief ging, und man <lb/>
                 glaubte an ihn wie an einen guten Geist. Nicht nur der Frei- <lb/>
                 herr schätzte ihn ungemein, auch Frau Ellas Herz war im
                <pb facs="#f0056" n="52"/>
                <lb/>
                 richtigen Moment durch seinen sonnigen Humor gewonnen <lb/>
                 worden; indessen ließ sie sich nicht bewegen, die Frage des <lb/>
                 Generaldirektorpostens anzuschneiden, ehe sie auf natür- <lb/>
                 liche Weise aktuell wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber auch hier bewährte sich Hachenpoots sprichwört- <lb/>
                 liches Glück. Nachdem er mehrere Jahre hindurch mit der <lb/>
                 ganzen Geduld seiner robusten Gesundheit alle anderen An- <lb/>
                 gebote ausgeschlagen hatte (die Leute begannen sich um ihn <lb/>
                 zu reißen), wurde der Posten bei Risch-Zander durch den Tod <lb/>
                 des bisherigen Inhabers frei. Der von Natur boshafte Per- <lb/>
                 sonalchef Wackerlein verfaßte für die Zeitungen einen Nach- <lb/>
                 ruf, worin er die Selbstlosigkeit des Dahingeschiedenen <lb/>
                 rühmte: »Jedem ebnete er den Weg, jedem, der vorwärts <lb/>
                 strebte, machte er einen Platz frei, und so hielt er es bis in <lb/>
                 den Tod.« Die ganze Werksfamilie verstand das—außer dem <lb/>
                 Freiherrn, der über diesen Passus sehr gerührt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Übrigens wehrte sich dieser gegen die Auffassung, daß <lb/>
                 Alfons Hachenpoot ein Sonntagskind wäre. Er trat für die <lb/>
                 »Bedingtheit der menschlichen Leistung durch die Stammes- <lb/>
                 eigenschaften« ein und behauptete, es sei bei Hachenpoot die <lb/>
                 Zähigkeit des niedersächsischen Schädels, der durch Mauern <lb/>
                 brechen könne. Wie es auch war, drei Dinge waren für jeder- <lb/>
                 mann sichtbar: wo Hachenpoot auftrat, hörten alle Wider- <lb/>
                 stände auf, wo Hachenpoot organisierte, entstand ein dauer- <lb/>
                 hafter Organismus, wo Hachenpoot redete, verschwand der <lb/>
                 böse Schatten des Schicksals. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es zählte zu den besonderen Verdiensten dieses vortreff- <lb/>
                 lichen Mannes, daß er von Kindheit an mit General von Gru- <lb/>
                 ßenbaum befreundet war, denn hierdurch war er schon nach <lb/>
                 kurzem Wirken imstande, unter den Lieferanten von Heer <lb/>
                 und Flotte Risch-Zander einen bevorzugten Platz zu verschaf- <lb/>
                 fen. Allmählich bekam er nicht nur freie Hand in der Preis- <lb/>
                 gestaltung, es wurden auch die Beziehungen zu den Abnahme- <lb/>
                 kommissionen immer vertraulicher und die Beanstandungen <lb/>
                 der gelieferten Ware immer seltener. Die Offiziere wohnten <lb/>
                 jetzt in einem luxuriösen Hotel, das Hachenpoot eigens zu <lb/>
                 diesem Zweck erbauen ließ; sie durften hier verzehren, was <lb/>
                 und soviel sie wollten, und beim Scheiden wurden ihnen
                <pb facs="#f0057" n="53"/>
                <lb/>
                 kleine Gastgeschenke überreicht, deren Wert mitunter die <lb/>
                 Summe ihrer Schulden überstieg. Offiziell hieß es nur »Pri- <lb/>
                 vathotel Risch-Zander«, im Volksmund führte es den Spitz- <lb/>
                 namen »Hungerturm«, und die Eingeweihten nannten es den <lb/>
                 »Grußenbaumschen Hof«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Manche dieser Offiziere nahmen später ihren Abschied und <lb/>
                 traten als ballistische Sachverständige oder kaufmännische <lb/>
                 Vertreter bei Risch-Zander ein. Kluge Heiraten, die Hachen- <lb/>
                 poot stiftete, dienten dazu, das Verhältnis zwischen dem <lb/>
                 Stahlwerk und der Armee zu befestigen. Im Laufe der Jahre <lb/>
                 gelang es, die lahmgelegte Konkurrenz aufzukaufen, nach- <lb/>
                 dem schon vorher das Geheimnis ihrer guten Konstruktionen <lb/>
                 durch Wegengagieren der Angestellten gelüftet worden war. <lb/>
                 Zwar hatten alle diese Angestellten in ihren Verträgen eine <lb/>
                 Klausel, daß sie bei einer Konventionalstrafe von zehntausend <lb/>
                 Mark sechs Jahre lang keine Stelle bei einer Konkurrenzfirma <lb/>
                 annehmen dürften, doch konnte Hachenpoot stets den ein- <lb/>
                 wandfreien Nachweis führen, daß sie bei Risch-Zander in der <lb/>
                 Abteilung Eisenbahnbau beschäftigt würden und mit Ge- <lb/>
                 schützkonstruktionen nicht das geringste zu tun hätten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das letzte feindliche Bollwerk war die Geschütz- und Mu- <lb/>
                 nitionsfabrik Romeike. Es fiel durch einen Trick. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese Sache mit Romeike war eine der sonderbarsten Hand- <lb/>
                 lungen, die je ein Industriedirektor in solcher Lage beging. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Hoffnung, dadurch vor den Hachenpootschen Wüh- <lb/>
                 lereien Ruhe zu bekommen, ließ sich Herr Romeike zum Ab- <lb/>
                 schluß eines unbefristeten Vertrags bewegen, der ihn ver- <lb/>
                 pflichtete, für seine Produktion nur Risch-Zanderschen Stahl <lb/>
                 zu verwenden; gleichzeitig wurde eine Mindestmenge verein- <lb/>
                 bart, die er jährlich abnehmen mußte, wogegen ihm ein Vor- <lb/>
                 zugspreis eingeräumt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Merkwürdigerweise erklärte Risch-Zander nach einiger <lb/>
                 Zeit, daß man wegen gesteigerter Nachfrage die Liefer- <lb/>
                 termine nicht innehalten könne, aber man werde natür- <lb/>
                 lich die hierfür festgesetzte Konventionalstrafe loyal und <lb/>
                 prompt auszahlen. Daher blieb Herr Romeike zunächst ruhig, <lb/>
                 obschon es unangenehm war, daß der Betrieb empfindlich
                <pb facs="#f0058" n="54"/>
                <lb/>
                 eingeschränkt und die Heeresverwaltung um Aufschub er- <lb/>
                 sucht werden mußte; es schien aber keine Schwierigkeiten <lb/>
                 zu machen, man begegnete Herrn Romeike im Kriegsmini- <lb/>
                 sterium sehr wohlwollend und nachsichtig. Inzwischen ging <lb/>
                 General von Grußenbaum überall umher, um ihn zu verdäch- <lb/>
                 tigen und der konstanten Unzuverlässigkeit zu bezichtigen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie ein Blitz aus leidlich ungetrübtem Himmel traf es ihn, <lb/>
                 als er im folgenden Etatsjahr keine Aufträge bekam. Um so <lb/>
                 pünktlicher rollte jetzt der Stahl von Risch-Zander an, und <lb/>
                 man weigerte sich dort sogar, ihn auch nur für kurze Zeit <lb/>
                 von Abnahme und Zahlung zu entbinden. Romeike war reif. <lb/>
                 Es war ein furchtbarer Schlag für den alten Herrn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser letzte Sproß eines geachteten bergisch-märkischen <lb/>
                 Bürgergeschlechts, das seine technische Laufbahn mit einem <lb/>
                 kleinen Eisenhammer begonnen hatte, legte seinen Kopf auf <lb/>
                 den Block. Als er Hachenpoot gegenüberstand, hatte die Si- <lb/>
                 tuation eine große Ähnlichkeit mit jenem Bilde, wo man den <lb/>
                 gebeugten Adolphe Thiers und den diktierenden Bismarck <lb/>
                 gemalt sieht; er schien überhaupt kein lebendiger Mensch <lb/>
                 mehr zu sein, sondern das Gemälde eines Kopfes aus der <lb/>
                 Gründerzeit des Kohlenreviers, ein von dünnem weißem Voll- <lb/>
                 bart umwalltes Antlitz mit sehr forschenden Augen und einer <lb/>
                 hochfahrenden Stirn, gerahmt mit einer breiten schwarzsei- <lb/>
                 denen Halsbinde, deren bescheidener, aber durch und durch <lb/>
                 echter Schmuck eine altmodische Nadel war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf die Bitte um Zahlungsstundung und vorläufige Sus- <lb/>
                 pendierung des Vertrags erklärte sich Alfons Hachenpoot un- <lb/>
                 ter der Bedingung einverstanden, daß die Geschützfabrik Ro- <lb/>
                 meike in eine Aktiengesellschaft umgewandelt würde, in wel- <lb/>
                 che Risch-Zander als Aktionär mit absoluter Mehrheit ein- <lb/>
                 zutreten hätte. Herr Romeike tastete nach seinem Hals und <lb/>
                 war erstaunt, dort nicht einen Strick an Stelle der seidenen <lb/>
                 Binde vorzufinden, aber nach einiger Überlegung mußte er <lb/>
                 sich sagen, daß es besser sei, mit einer fremden Hand an der <lb/>
                 Gurgel zu atmen, als gar nicht. Hachenpoot wurde in den <lb/>
                 Aufsichtsrat der Geschützfabrik, Romeike in den Aufsichts- <lb/>
                 tat von Risch-Zander gewählt. Alle Organe der öffentlichen <lb/>
                 Meinung begrüßten diese freundschaftliche Übereinkunft als
                <pb facs="#f0059" n="55"/>
                <lb/>
                 den einzig anständigen Weg aus einer unhaltbar gewordenen <lb/>
                 Situation. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So arbeitete Hachenpoot, so siegte er; der Freiherr sah <lb/>
                 nur die erfreulichen Resultate. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ohne weitere Einleitung eröffnete General von Grußen- <lb/>
                 baum seinem Freunde, daß dem Kaiser ein absolut sicherer <lb/>
                 Betrieb vorzuführen sei, unnötige Aufregungen und Schreck- <lb/>
                 schüsse müßten vermieden werden. Hachenpoot versprach, <lb/>
                 den Freiherrn in dem gewünschten Sinne zu beraten. Das <lb/>
                 genüge nicht, versetzte von Grußenbaum, er müsse darauf <lb/>
                 bestehen, daß er seinen Plan unverzüglich fertig mache. Ja, <lb/>
                 dann käme eigentlich nur Geschoßdreherei III in Frage. <lb/>
                 »Was, zum Teufel, Herr, heißt ‚eigentlich‘?« schrie der <lb/>
                 General, »ist deine Bude schon so versaut?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Betriebsführer in Geschoßdreherei III heißt Bilgen- <lb/>
                 stock, er hat Zug in seiner Belegschaft.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Also bitte, Geschoßdreherei III«, sagte der General. <lb/>
                 »Bitte, telefoniere diesem Bilgenstock, ich möchte ihn spre- <lb/>
                 chen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot war ängstlich: »Jeder Lakai ist hier auf Zan- <lb/>
                 dershöhe ein Spion.« Im nämlichen Augenblick ärgerte er <lb/>
                 sich, daß er es gesagt hatte. Von Grußenbaum verkniff die <lb/>
                 Augen. »Wir könnten allerdings vom Pförtnerhaus telefo- <lb/>
                 nieren«, fuhr Hachenpoot beinahe demütig fort, »übers Amt, <lb/>
                 statt über die Hauszentrale.« — »Geht das dort?« — »Ja, <lb/>
                 dort ist ein direkter Staatsapparat, ohne Zwischenschaltung, <lb/>
                 da wird es am wenigsten Aufsehen erregen, daran muß doch <lb/>
                 auch dir gelegen sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Komm, es ist keine Zeit zu verlieren, diesem Staatssekre- <lb/>
                 tär muß ich das Wasser abgraben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Weg zum Pförtnerhaus führte durch eine Platanen- <lb/>
                 allee, die voll nasser Gespinste hing. Die Fäden klebten ihnen <lb/>
                 an Nase, Mund und Augenwimpern, sie mußten fortwährend <lb/>
                 spucken und die Gesichter abwischen. Der General schnup- <lb/>
                 pette, es war wie eine chemische Untersuchung der Luft. <lb/>
                 »Atome friesischen Heimatgeruchs«, lächelte Hachenpoot, <lb/>
                 der es bemerkt hatte. Von Grußenbaums kalkiges Gesicht
                <pb facs="#f0060" n="56"/>
                <lb/>
                 verwandelte sich für die Dauer einer Sekunde zurück in die <lb/>
                 pausbäckige Gesundheit eines Bauernjungen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sie vor dem Haus standen, sah der General zuerst nur <lb/>
                 eine Mauer von wildem Wein, der purpurn gefärbt war, da- <lb/>
                 zwischen etliche Fenster in der Größe eines Postschalters, <lb/>
                 und darüber Zacken, Türme und Wetterfahnen. Man ver- <lb/>
                 mochte sich nicht zu denken, daß diese Miniaturfestung Zim- <lb/>
                 mer enthielt, um Möbel darin aufzustellen. Dennoch wohnte <lb/>
                 der Pförtner mit seiner Familie hier; wahrscheinlich hatte er <lb/>
                 seine Möbel direkt in diesen Kasematten anfertigen lassen, <lb/>
                 denn weder Türen noch Fenster noch Treppen hätten bei <lb/>
                 ihrer Enge irgendeinen Transport zugelassen. Wenn der <lb/>
                 Pförtner einmal starb, mußte er zweifellos vor seiner Haus- <lb/>
                 tür eingesargt werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vorläufig sah er freilich noch nicht so aus, als stürbe er <lb/>
                 bald. Er war rund und speckig, aber ohne ungesundes Fett, <lb/>
                 die Schwerarbeiterrationen des Gußstahlwerks Risch-Zander <lb/>
                 schlugen offenbar gut bei ihm an. Sein Gruß war unter- <lb/>
                 tänig, doch würdevoll. Wenn der Pförtner von Zandershöhe <lb/>
                 grüßte, so nahm er nicht die Mütze vom Kopf, sondern er <lb/>
                 entblößte sein Haupt. Eine Gnade war in dieser Bewegung, <lb/>
                 eine herablassende Huld, die dem Fremdling seine Zuge- <lb/>
                 hörigkeit zum Kreise der Herrschaft bestätigte; dabei glitt <lb/>
                 ein Lächeln, das ehrfürchtig und vertraulich zugleich war, <lb/>
                 über sein angenehm gebräuntes, bartloses Gesicht. Wie er <lb/>
                 nun so, die Kopfbedeckung an die rechte Hosennaht gepreßt <lb/>
                 und das leicht ergraute Haar sorgfältig gescheitelt, vor dem <lb/>
                 General verharrte, kam er diesem wie ein Vikar vor, der ein <lb/>
                 Menschenalter hindurch auf die Erledigung einer Pfarrstelle <lb/>
                 gewartet hat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das kleine Zimmer zu ebener Erde, worin sich das Staats- <lb/>
                 telefon befand, war eine Art Warteraum für Leute, die Ge- <lb/>
                 schäfte mit der Verwaltung hatten. Außer einem grün ge- <lb/>
                 deckten Tisch und einigen Korbsesseln stand darin ein Glas- <lb/>
                 schrank mit Proben Risch-Zanderscher Chromnickelstähle. <lb/>
                 An der Wand hing ein effektvolles Gemälde in massivem <lb/>
                 schwarzem Rahmen mit breiter Goldleiste; es stellte den Ab- <lb/>
                 stich von Flußeisen aus dem Martinofen dar, an welchem Vor-
                <pb facs="#f0061" n="57"/>
                <lb/>
                 gang den Maler vor allem der Widerschein des Feuers auf <lb/>
                 den Gesichtern der Arbeiter und die umhersprühenden Fun- <lb/>
                 ken interessiert hatten. Eine Reproduktion dieses Bildes in <lb/>
                 Vierfarbendruck fand sich in dem Werksalbum wieder, das <lb/>
                 auf dem Tisch lag. Während der General ungeduldig darin <lb/>
                 blätterte, ließ sich Hachenpoot von der Post mit der Zentrale <lb/>
                 Risch-Zander verbinden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Geben Sie mir Geschoßdreherei III, Hachenpoot ist hier, <lb/>
                 Tageslosung Ziethen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hörte es klingeln, niemand meldete sich. Von Grußen- <lb/>
                 baum trat hinter ihn, wie ein Lehrer, der wollüstig auf den <lb/>
                 Moment wartet, wo der Schüler stecken bleibt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jetzt wurde am anderen Ende der Hörer abgenommen. <lb/>
                 Durch den Apparat kamen verworrene Geräusche, Schreien, <lb/>
                 klatschendes Schleudern der Treibriemen, Brummen der <lb/>
                 Transmissionswellen, Surren der Drehbankschlitten, flim- <lb/>
                 mernder Maschinenlärm. Männer sprachen durcheinander, <lb/>
                 eine Frau lachte, eine Tür wurde zugeschlagen, Tritte pol- <lb/>
                 terten hinterdrein. Dies alles schlug im Bruchteil einer Se- <lb/>
                 kunde an Hachenpoots Ohr. Eine müde Stimme sagte: »Hier <lb/>
                 Geschoßdreherei III.« — »Wo ist der Betriebsführer?’« — <lb/>
                 »Wer ist denn da?«— »Rufen Sie sofort Herrn Bilgenstock..« <lb/>
                 — »Ja, wer ist denn da?« — »Generaldirektor Hachenpoot, <lb/>
                 verstanden?« — »Augenblick mal, Herr Direkter, Herr Bil- <lb/>
                 genstock is grade mal rausgegangen.« Der Mann mußte die <lb/>
                 Tür wieder geöffnet haben: wieder drang allerlei Stimmen- <lb/>
                 gewirr durch den Draht, hallende Schritte, Pfiffe, jemand <lb/>
                 tief wiehernd: »Anna, haste Zeit?« Der Apparat quietschte, <lb/>
                 da schien sich einer mit einem Frauenzimmer zu balgen. »Geh <lb/>
                 weg, du Saukerl!« gellte es. Diese verfluchten Weiber; warum <lb/>
                 mußten sie Skandal machen, das gab Störungen im Betrieb. <lb/>
                 Warum ließen sie sich nicht gebrauchen, das wäre in drei <lb/>
                 Minuten abgemacht. »Haben wir’s denn noch nicht?« fragte <lb/>
                 von Grußenbaum. Eiliges Schlürfen, ein Krach, bums, still. <lb/>
                 Nur noch der gleichmäßige Werkstattradau, der sich zu einem <lb/>
                 scharfen Kratzen vereinigte, als riebe jemand beständig zwei <lb/>
                 Eisenplatten aufeinander. »Aha,« dachte Hachenpoot, »da <lb/>
                 ist Bilgenstock in der Nähe.« Laut sagte er: »Gleich, gleich.«
                <pb facs="#f0062" n="58"/>
                <lb/>
                 Aber es war nicht Bilgenstock; es war Schäfer, sein Assistent. <lb/>
                 »Bitte sehr, Herr Direktor, aber selbstverständlich, sofort, <lb/>
                 ich werde ihn rufen.« Schritte kamen und entfernten sich <lb/>
                 wieder; es währte noch eine geraume Weile. Das sei also <lb/>
                 der disziplinierteste Betrieb von Risch-Zander, bemerkte sar- <lb/>
                 kastisch der General, da möchte er gern wissen, was man <lb/>
                 hierzulande eigentlich undiszipliniert nenne. Hachenpoot ver- <lb/>
                 gaß sich: »Meinst du, daß es in der Armee anders ist?«— <lb/>
                 »Darüber kannst du nicht urteilen. Wenn du nicht so un- <lb/>
                 geschickt wärst, würdest du dir an uns sogar ein Beispiel <lb/>
                 nehmen.«— »Immerhin haben wir es hier mit einem Industrie- <lb/>
                 betrieb und nicht mit einer Kadettenschule zu tun. Bitte, <lb/>
                 hier hast du Bilgenstock.« Hachenpoot war ungehalten und <lb/>
                 wandte sich ab. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der General riß den Hörer an sich: »Passen Sie genau auf. <lb/>
                 Hier spricht General von Grußenbaum vom Großen Haupt- <lb/>
                 quattier. In zwei Stunden wird Seine Majestät der Kaiser <lb/>
                 Ihre Werkstatt besichtigen. Instruieren Sie Ihre Leute, Seine <lb/>
                 Majestät wird väterlich mit ihnen sprechen und erwartet ker- <lb/>
                 nige deutsche Antworten. Haben Sie verstanden?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Zu Befehl, Exzellenz.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie wissen, was Sie zu tun haben?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich verbürge mich für begeisterten Empfang.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie sind persönlich verantwortlich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein glatter Sieg, der General war befriedigt, Hachenpoot <lb/>
                 atmete auf. »Der Ton, in dem dieser Bilgenstock spricht, <lb/>
                 gibt mir Sicherheiten. Militärisch kurz und klar. Ich habe <lb/>
                 ihn stramm stehen sehen.« Jovial nahm er Hachenpoots Arm. <lb/>
                 »Man kann doch nichts besichtigen, ohne die Überraschung <lb/>
                 vorher angekündigt zu haben«, sagte er ganz ernst wie ein <lb/>
                 Kind. Hachenpoot sah ungewiß zur Seite. »Du brauchst <lb/>
                 nicht böse zu sein, Alfons.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot war nicht böse. Er war beschämt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Entschuldige«, stammelte er. »Es war natürlich nur der <lb/>
                 Ärger über die Zustände bei uns, der mich fortriß, sie zu <lb/>
                 verteidigen.« Von Grußenbaum lachte schallend, er fühlte <lb/>
                 sich jetzt völlig frei und überlegen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Zivil kann sich nun mal nicht beherrschen. Zivil ist immer
                <pb facs="#f0063" n="59"/>
                <lb/>
                 rechthaberisch, galoppiert immer gleich hitzig in die Schran- <lb/>
                 ken. Die Kunst des Militärs, lieber Alfons, besteht in der <lb/>
                 Herausforderung; man muß den Gegner veranlassen, seine <lb/>
                 Kräfte im unbedeutenden Scharmützel zu vergeuden; ist das <lb/>
                 geschehen, so beginnt die Entscheidung: der Frische gegen <lb/>
                 den Ermatteten. Denn schließlich kommt es darauf an, den <lb/>
                 totalen Feldzug zu führen, und nicht bloß eine vereinzelte <lb/>
                 Schlacht zu lenken.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot blieb stehen und spießte mit dem Stock eines <lb/>
                 der welken Blätter auf, die an der Erde klebten. Eigentlich <lb/>
                 hätte er jetzt fragen sollen, weshalb der Generalstab in den <lb/>
                 vier Jahren, wo dazu Gelegenheit war, nicht nach dieser Re- <lb/>
                 gel gehandelt, vielmehr alle Vorteile ihrer Anwendung den <lb/>
                 Feinden überlassen hatte — aber er war kein Defaitist und <lb/>
                 hütete sich, an diese Dinge zu rühren. Von Grußenbaum <lb/>
                 ließ spöttisch den Unterkiefer hingen. Nachdem er vergeblich <lb/>
                 auf eine Entgegnung gewartet hatte, setzte er seine Belehrung <lb/>
                 fort: »Natürlich schimpfen unsere Feldgrauen draußen, na- <lb/>
                 türlich fluchen sie. Es ist ein Ventil, durch das die Explosiv- <lb/>
                 stoffe ausströmen und mit blindem Geknatter verpuffen. Ich <lb/>
                 an deiner Stelle würde in jede Werkstatt ein paar Kerle <lb/>
                 setzen, die ich für ihr großes Maulwerk bezahlte, und die mir <lb/>
                 wettern müßten, was Zeug hält. Du solltest sehen, daß alsdann <lb/>
                 die Argumente der Hetzer kein Gehör mehr fänden, denn das <lb/>
                 Schimpfen und Fluchen könnten alle auf der Stelle mitma- <lb/>
                 chen, während sie über die Argumente doch erst nachdenken <lb/>
                 müssen, und du kannst dich darauf verlassen, daß sie das we- <lb/>
                 niger anstrengende und weniger umständliche Verfahren vor- <lb/>
                 ziehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot wiegte bedenklich den Kopf, Blitzableiter <lb/>
                 ohne die Möglichkeit der Kontrolle seien ihm unbehaglicher <lb/>
                 als ein ungeschütztes Haus, sagte er. Er hatte Zweifel, ob das <lb/>
                 Gehirn des Generals nicht durch Nachtwachen überanstrengt <lb/>
                 sei. »Immerhin ist es zu überlegen«, fügte er rasch hinzu. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In dem Augenblick, als Hachenpoot im Auftrag des Gene- <lb/>
                 tals anrief, war Bilgenstock in einem erregten Wortwechsel <lb/>
                 mit Paula Griguszies begriffen. Nachdem sie eine Zeitlang
                <pb facs="#f0064" n="60"/>
                <lb/>
                 für ihn verschollen gewesen war, hatte sie ihn plötzlich in sei- <lb/>
                 nem Büro mit der Mitteilung überfallen, daß sie ein Kind von <lb/>
                 ihm erwarte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er flüchtete mit ihr in den Werkzeugschuppen und riegelte <lb/>
                 sorgfältig ab, weil der Assistent Schäfer überall herumspio- <lb/>
                 nierte. Als sie ihm den klinischen Schwangerschaftsbefund <lb/>
                 ziemlich ungeniert und fast mit medizinischer Genauigkeit <lb/>
                 vortrug, glaubte er zunächst, daß sie Geld von ihm erpressen <lb/>
                 wolle. Als Erpresser betrachtete er nämlich solche Leute, die <lb/>
                 von ihm für einen Nachteil, den er ihnen zugefügt hatte, ent- <lb/>
                 schädigt werden wollten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er beschloß, sie durch versöhnliche und zum Gemüt spre- <lb/>
                 chende Worte verhandlungsunfähig zu machen, steckte ihr <lb/>
                 eine Haarflechte auf, die sich aus dem Knoten über ihrem <lb/>
                 Nacken gelöst hatte, und gestand, daß er sie noch immer <lb/>
                 nicht vergessen könne; aber sie schüttelte seine Hand ab und <lb/>
                 sah ihn ganz undramatisch an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn Sie glauben, daß ich Sie eine sentimentale Szene <lb/>
                 machen will, dann sind Sie schief gewickelt. Sie wissen ge- <lb/>
                 nau, zu welchem Zweck ich eingewilligt habe, mit Sie zu <lb/>
                 schlafen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstock drehte einen Knopf seiner Weste zwischen <lb/>
                 Daumen und Zeigefinger bin und her. Wollte sie ihm etwa <lb/>
                 dienstliche Scherereien machen? Wollte sie sagen, daß er die <lb/>
                 Macht des Vorgesetzten benutzt hätte, um sie zu verführen? <lb/>
                 Er hoffe, daß es ihr Vergnügen bereitet habe, erwiderte er <lb/>
                 dreist, denn es sei doch nicht üblich, daß ein junges Mädchen <lb/>
                 das Bett eines Junggesellen teile, wenn es dort nicht sein Ver- <lb/>
                 gnügen zu finden gedenke. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Mädchen antwortete nicht gleich, es war nicht er- <lb/>
                 schrocken, es war nicht beleidigt, es schien vielmehr den <lb/>
                 Mann trotz seiner krampfhaft freien Haltung von vornherein <lb/>
                 als den Unterlegenen anzusehen. Der Winkel des Werkzeug- <lb/>
                 schuppens, in dem sie sich befanden, war angefüllt mit alten <lb/>
                 Kisten, übereinandergestülpten Karren, Gerümpel aller Art. <lb/>
                 Durch das zugerußte Oberlicht fiel ein bösartiger Schein, <lb/>
                 der die Gesichter mit schmutziger Blässe überzog. Helle <lb/>
                 Strahlen Staub quollen in den Ritzen der Wand auf, verbrei-
                <pb facs="#f0065" n="61"/>
                <lb/>
                 terten sich keilförmig nach innen und zerlegten den Schuppen <lb/>
                 in mehrere höhnisch geschwärzte und tief zurücksinkende <lb/>
                 Hohlräume. Manchmal bebte der nackte Boden, auf dem hin <lb/>
                 und wieder etwas trockenes Häcksel verstreut war, und der <lb/>
                 grauweiße Wasserdampf einer vorbeifahrenden Lokomotive <lb/>
                 zischte in zerrissenen Wölkchen durch die Fugen. Es roch <lb/>
                 dann sonderbar, nach Schwefel und Aprikosen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man müßte Sie ja eigentlich totschlagen«, sagte Paula end- <lb/>
                 lich, und als er wie hypnotisiert einen schweren hölzernen <lb/>
                 Schlägel anstarrte, der dort sozusagen symbolisch herumlag, <lb/>
                 setzte sie sachlich hinzu: »Aber das wird erst später, vielleicht <lb/>
                 mal ganz plötzlich kommen, vorläufig sind wir noch am <lb/>
                 Überlegen und brauchen Sie noch.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstock machte einige halbe Runden mit den Absätzen, <lb/>
                 es wurde ihm kalt. Er fand diese Unterredung unheimlich, es <lb/>
                 mußte diese stickige Luft sein, diese gelbe, würgende Dun- <lb/>
                 kelheit des Schuppens. Er tappte ein paar Schritte nach der <lb/>
                 Tür, draußen kreischte ein Frauenzimmer, hinter dem einer <lb/>
                 her war. Paula Griguszies machte einen Satz wie eine räu- <lb/>
                 bernde Katze, er meinte zu sehen, wie sich dabei ihr Leib <lb/>
                 hart vorwölbte, aber das mußte eine Täuschung sein, sie war <lb/>
                 höchstens im dritten Monat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie packte ihn am Arm. Jetzt lachte er, lachte abermals, <lb/>
                 lachte in einem fort. »Soll ich dich vielleicht heiraten«, stieß <lb/>
                 er mit gequälter Lustigkeit hervor, »hast du soviel Ehrgeiz?« <lb/>
                 Er wurde grob und riß ihre Hand von sich herunter. Sie sagte <lb/>
                 langsam: »Die Leni Milius schreibt jetzt in der Eisengießerei, <lb/>
                 der Assistent hat ihr’s besorgt... Durch die hab’ ich erfahren, <lb/>
                 daß mein Bruder in die vierte Reparatur versetzt werden soll.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszies in die vierte Reparatur? Bilgenstock <lb/>
                 pfiff durch die Zähne. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jedermann wußte, daß die vierte Reparaturwerkstatt bei <lb/>
                 Risch-Zander dasselbe war, was die Genesendenkompagnien in <lb/>
                 den Garnisonen waren, Sammelbecken für neue Transporte <lb/>
                 ins Feld. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit halboffenem Mund horchte er zu ihr hin. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie senkte den Kopf: »Versprechen Sie mich, daß Sie ihn <lb/>
                 reklamieren.« </p>
            <pb facs="#f0066" n="62"/>
            <p>
                <lb/>
                 Jetzt war es also heraus, was sie wollte. »Es tut mit leid, <lb/>
                 ich bin nicht mehr sein Vorgesetzter«, sagte er. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn Sie ihn für die Geschoßdreherei anfordern, ist er <lb/>
                 gerettet.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben hier keinen Bedarf...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich hatte auch keinen Bedarf für ein Kind von Ihnen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie sie das sagte! Wie dieser Trotz ihre Brüste straffte! Es <lb/>
                 betäubte ihn. Deutlich erinnerte er sich an die erste Umar- <lb/>
                 mung, diesen Duft des flachsgelben Haars, diesen ängstlich <lb/>
                 fliegenden Atem, diese zuckende Wärme des Körpers. Durch <lb/>
                 ihre Bluse hindurch sah er jetzt alle Linien wieder, er steigerte <lb/>
                 sich in einen wahnwitzigen Rausch hinein, Plötzlich drückte <lb/>
                 er die Hand an die Schläfe; es war ihm klar, daß er sie noch <lb/>
                 einmal besitzen mußte, aber zugleich warnte ihn etwas, nicht <lb/>
                 so voreilig zu sein und sie von selbst näher herankommen zu <lb/>
                 lassen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und wenn ich es nun ablehne?« fragte er behutsam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann mache ich Skandal.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man wird dich entlassen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn sie spitz kriegen, daß ich schwanger bin, fliege ich <lb/>
                 sowieso.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er wiegte sich prahlerisch in den Hüften. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Deine Hände sind nicht dazu geschaffen, eine Säule der <lb/>
                 Ordnung zu stürzen. Es liegt nicht im Interesse der Firma, <lb/>
                 dir Glauben zu schenken.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vergessen Sie bloß nicht, daß Sie hier viele Feinde haben, <lb/>
                 Herr Bilgenstock.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Viel Feind, viel Ehr, mein Kind, das ist ein gutes deut- <lb/>
                 sches Sprichwort.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Kennen wir. Aber viele Hunde sind des Hasen Tod, das <lb/>
                 ist auch ein Sprichwort. Trauen Sie sich bloß nicht zuviel zu. <lb/>
                 Sie können auch Gift drauf nehmen, daß ich bei Herrn Drees <lb/>
                 genug Unterstützung finde, er ist Sie aus verschiedenen <lb/>
                 Gründen nicht grün, wissen Sie.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie hatte weite, glühende Pupillen von einem smaragd- <lb/>
                 grünen, seidigen Glanz, ihre Knie drangen auf ihn ein, sie <lb/>
                 war wie ein Tier. Es schmeichelte ihm, daß dieses Mädchen <lb/>
                 durch sein Dazwischentreten »zum Weib erwacht« war, wie
                <pb facs="#f0067" n="63"/>
                <lb/>
                 es in den Romanen hieß, die er der Risch-Zanderschen Biblio- <lb/>
                 thek entlieh. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er schlug ihr einen Verständigungsfrieden vor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Soviel er sehe, sagte er, sei sie entschlossen, sich zu rächen, <lb/>
                 wenn er ihrem Verlangen nicht nachkomme; dabei bliebe <lb/>
                 aber ihr Bruder noch immer seinem Schicksal überlassen. Es <lb/>
                 sei also doch wohl unbillig, wenn et, indem er sich bereit er- <lb/>
                 kläre, Adam Griguszies auch fernerhin vor dem Schützen- <lb/>
                 graben zu bewahren, davon nichts weiter haben solle, als daß <lb/>
                 sie ihn wegen des Vorgefallenen ungeschoren ließe. Er sehe <lb/>
                 nicht ein, warum er nicht den Spieß umkehren und ihr drohen <lb/>
                 solle, daß er ihren Bruder werde gemächlich zum Teufel fah- <lb/>
                 ren lassen, falls sie sich ihm nicht augenblicklich hingebe. <lb/>
                 Noch während er sprach, griff er nach ihr, ohne daß er es <lb/>
                 wagte, die Augen zu erheben. Die Haut ihres entblößten Un- <lb/>
                 terarms knisterte wie ein behaartes Fell, als er sie kräftig ge- <lb/>
                 gen den Strich berührte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein!« rief sie. »Nein! Nein! Nein! Mit einer Tour ist <lb/>
                 alles bezahlt, ich fang’ nicht wieder von vorne an, was den- <lb/>
                 ken Sie? Vergewaltigen lasse ich mich nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber diese wie Orgelakkorde aufbrausende Stimme machte <lb/>
                 ihn rasend, er packte ihre Hände und bog sie in den Gelen- <lb/>
                 ken, daß sie in der ersten Überraschung vor Schmerz brüllte; <lb/>
                 doch sofort die Gefahr bemerkend, in der sie schwebte, wenn <lb/>
                 sie sich, um dem schmerzhaften Druck zu entrinnen, in die <lb/>
                 Knie fallen ließ, biß sie die Zähne zusammen und stemmte <lb/>
                 sich verzweifelt in die Höhe. Im Nu erkannte er, daß er so <lb/>
                 nicht zum Ziel gelangen würde; er sprang zurück und blitz- <lb/>
                 schnell wieder vor, ehe sie zur Besinnung kommen und sich <lb/>
                 auf eine neue Attacke einrichten konnte. So umfaßte er sie, in- <lb/>
                 dem er die Finger in ihre Hüften und Achselhöhlen einkrallte; <lb/>
                 zwar versuchte sie noch, die Arme heftig gepreßt über der <lb/>
                 Brust zu verschränken, allein es nutzte nichts mehr. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unterdessen wurden an der Tür eilige Rufe nach Herrn <lb/>
                 Bilgenstock laut. Die drinnen hörten nichts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon drohte Paula in sich zusammenzuknicken wie ein <lb/>
                 nasser Sack, schon hing der Mann stiernackig und in seiner <lb/>
                 Bewußtlosigkeit finster und gewaltig über ihr, da schwenkte
                <pb facs="#f0068" n="64"/>
                <lb/>
                 sie mit dem jähen Antrieb einer elektrischen Entladung her- <lb/>
                 um, seine Beine flogen nach oben, sein Kopf rutschte in die <lb/>
                 Vertiefung ihrer Brust, er gab sie frei, ohne es überhaupt zu <lb/>
                 wissen, taumelte, stolperte über die Deichsel eines Karrens, <lb/>
                 die am Boden auflag, und stürzte klobig hin. Im gleichen <lb/>
                 Augenblick wurde die Tür aufgerissen, ein Stück Brett krach- <lb/>
                 te zur Erde, der Assistent Schäfer stand in der Luke und sagte: <lb/>
                 »Verzeihen Sie den Einbruch, aber da Sie nicht öffneten — —« <lb/>
                 Er hielt inne und blickte mit einer Diskretion weg, deren Zy- <lb/>
                 nismus beleidigender war, als die frechste Neugier es hätte <lb/>
                 sein können. »Herr Generaldirektor sind nämlich am <lb/>
                 Telefon.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies wirkte auf Friedrich Bilgenstock wie ein Strahl kalten <lb/>
                 Wassers. Von allem hatte er nur »Generaldirektor« verstan- <lb/>
                 den, und in der Verwirrung eines nicht völlig einwandfreien <lb/>
                 Gewissens glaubte er, Hachenpoot sei persönlich da. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Eine Bürste! Holen Sie schnell eine Kleiderbürste!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er klopfte sich mit dem Taschentuch ab, so gut es ging, <lb/>
                 und schoß hinaus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Paula Griguszies holte Atem, überlegte, eilte hinterher, er- <lb/>
                 reichte das Betriebsbüro, warf Schäfer beiseite und lief <lb/>
                 schnurstracks zu Bilgenstock hinein, der sich an dem Gespräch <lb/>
                 mit dem General zusehends erholte. Da er sich vor sich selber <lb/>
                 zu rehabilitieren wünschte, war seine Sprache fester und <lb/>
                 männlicher als je zuvor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schäfer!« rief er, kaum daß er eingehängt hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was befehlen Herr Bilgenstock?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schäfer! Seine Majestät der Kaiser besucht unseren Be- <lb/>
                 trieb! Diese Ehre! Jeden Augenblick kann er hier sein!« <lb/>
                 Nervös rückte er Papiere auf seinem Tisch hin und her, <lb/>
                 wandte sich hastig um und gewahrte erbleichend Paula Gri- <lb/>
                 guszies, die ruhig und leidenschaftslos an einem Schrank <lb/>
                 lehnte. Man sah ihr nicht mehr an, daß sie kurz vorher mit <lb/>
                 einem Mann gekämpft hatte. »Ich habe jetzt keine Zeit für <lb/>
                 Sie!« Er machte eine großartig abtuende Handbewegung. <lb/>
                 »Kommen Sie ein ander Mal! Kommen Sie morgen! Kom- <lb/>
                 men Sie meinetwegen heute Nachmittag!« </p>
            <pb facs="#f0069" n="65"/>
            <p>
                <lb/>
                 Schäfer trat mit Bleistift und Notizblock an: »Die Ver- <lb/>
                 dienstmedaille haben Herr Bilgenstock schon, da wird jetzt <lb/>
                 wohl der Rote Adlerorden vierter Klasse fällig sein«, meinte <lb/>
                 er, zu dem Mädchen hinüberschielend. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Für Sie wird auch noch was abfallen,« antwortete groß- <lb/>
                 mütig Bilgenstock, »kommen Sie gleich mit in den Betrieb <lb/>
                 hinüber, damit alles in Ordnung ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von dieser Minute an war Geschoßdreherei II in Alarm- <lb/>
                 bereitschaft. Der Pförtner am Fabriktor wurde beauftragt, <lb/>
                 sofort ein Signal zu geben, sobald er die Wagen die Straße <lb/>
                 heraufkommen sehe; das Pflaster auf dem Hof und die Dielen <lb/>
                 in der Werkstatt wurden gefegt, vor jeder Drehbank 104 Ge- <lb/>
                 schoßmäntel aufgestellt, ausgerichtet in acht Reihen zu drei- <lb/>
                 zehn Stück, zwei Gänge freigemacht, Transportwägelchen <lb/>
                 herangeschoben, die fast aussahen wie die Fahrbahren im Ope- <lb/>
                 rationssaal, und worauf die Granaten lagen wie im Lazarett <lb/>
                 die von ihnen erschlagenen Soldaten —, kurz, die Werkstatt <lb/>
                 geriet in einen Schwung, als sollte sie für einen Werkskatalog <lb/>
                 photographiert werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstock schritt durch die Reihen der Arbeiter und sah <lb/>
                 ihnen kurz in die Gesichter. Hier und da veranlaßte er, daß sie <lb/>
                 die Plätze wechselten; die strammsten mußten in die vorderen <lb/>
                 Reihen, VETERANEN DER ARBEIT, die noch unter dem <lb/>
                 alten Risch für achtundzwanzig Groschen den Zehnstunden- <lb/>
                 tag gedient hatten, zuzüglich einer kostenlosen Überstunde, <lb/>
                 Rezitatoren und Sänger der vaterländischen Abende des <lb/>
                 Werkvereins, Männer, in deren Augen sich der Ernst der Zeit <lb/>
                 und der Wille zum Endsieg zu jenem innerlichen Schimmer <lb/>
                 paarten, der von den Aufsichtsräten als Arbeitsfreude bezeich- <lb/>
                 net wurde. Die Meister und Vorarbeiter, sehnige Schnauzbärte <lb/>
                 und verträumte Nickelbrillen, stellte er auf wie die Unteroffi- <lb/>
                 ziere beim Kompagnie-Exerzieren. Die Frauen verteilte er ge- <lb/>
                 schickt an die Wägelchen und an die Drehbänke, vornean die <lb/>
                 Kestermannsche. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Beiläufig erwähnte er, daß er natürlich niemanden seines <lb/>
                 freien Willens berauben wolle, indessen wäre es unpassend, <lb/>
                 wenn sie beim Eintritt des Kaisers von der Arbeit aufsähen; <lb/>
                 er denke sich das so, daß Seine Majestät zuerst einmal das
                <pb facs="#f0070" n="66"/>
                <lb/>
                 Bild emsigen Bienenfleißes in sich aufnehmen müsse, dann <lb/>
                 werde er, Bilgenstock, ein Hoch ausbringen, das sich wie eine <lb/>
                 Welle fortzupflanzen habe, sodann sollten sie nach vorndrän- <lb/>
                 gen, einen Halbkreis schließen und die Nationalhymne ab- <lb/>
                 feuern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zuletzt ließ er an einem gut sichtbaren Pfeiler ein gewalti- <lb/>
                 ges Plakat befestigen, das zur Zeichnung von Kriegsanleihe <lb/>
                 aufrief. Zur Hälfte war es mit einer wilden Strichätzung be- <lb/>
                 druckt, die eine niedergebrannte Ortschaft darstellte; vorne <lb/>
                 ritt ein Herold wie bei einem Schützenfest, aber mit Gasmaske <lb/>
                 und Stahlhelm. Gefolgt war er von zwei schwarz vermumm- <lb/>
                 ten Knappen, die entweder zum Turnier oder zum Trachten- <lb/>
                 ball ritten, hinten humpelte eine armselige Kreatur, die offen- <lb/>
                 bar auf dem Wege zu einem mittelalterlichen Feldscher war. <lb/>
                 Wenn man das Bild längere Zeit ansah, so wurden wehmütige <lb/>
                 Erinnerungen an die Schulbilder vom Zug des letzten Hohen- <lb/>
                 staufen nach Tagliacozzo wach, und eine unsichtbare Militär- <lb/>
                 kapelle schien den Einzug der Gäste auf der Wartburg zu in- <lb/>
                 tonieren. Das Signum verkündete: »Armentieres, 5/5 18, <lb/>
                 Th. Rocholl.« Viele scharfsinnige Erläuterungen standen <lb/>
                 noch darunter, am Schluß hieß es in Fraktur: »Verhelft der <lb/>
                 Anleihe zu einem großen Erfolg, damit der Feind sieht, daß <lb/>
                 seine Versuche, unser Vaterland im Inneren zu zerreißen, zu- <lb/>
                 schanden werden.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem diese Maßnahmen getroffen waren, begab Bil- <lb/>
                 genstock sich wieder ins Büro. Seine Glieder zappelten, er <lb/>
                 fieberte vor Ungeduld. Paula Griguszies stand noch auf dem- <lb/>
                 selben Fleck, wo er sie verlassen hatte. Er entsetzte sich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bewilligt?« fragte sie lächelnd, doch in einem Ton, der <lb/>
                 entschlossen war, kein Ausweichen zu gestatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein, in Dreiteufels Namen, und nun kannst du machen, <lb/>
                 was du willst. So oder so muß ich mit euch zu Ende kommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist nicht Ihr letztes Wort.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mein letztes.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gut, dann bin ich in der Werkstatt, wenn der Kaiser <lb/>
                 kommt, dann können Sie sich Ihre Ansprache sparen. Ich <lb/>
                 rede für Sie.« </p>
            <pb facs="#f0071" n="67"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Man wird dich für verrückt erklären.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber das kann Sie nicht retten. Wenn ich Ihr Festpro- <lb/>
                 gramm störe, wenn ich unsere Geschichte an die große Glocke <lb/>
                 hänge, sind Sie geliefert, Mann, das steht fest. Sobald was <lb/>
                 rauskommt, wird die Firma verdammt moralisch.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er setzte sich schwer an den Tisch, sie trat dicht an ihn her- <lb/>
                 an: »Bewilligt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, ja—, ich will’s mir nochmal durch den Kopf gehen <lb/>
                 lassen. Ich werde es wahrscheinlich tun. Gewiß werde ich es <lb/>
                 tun. Ich will es morgen tun, hörst du?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Warum wollen Sie es nun wieder aufschieben? Es möchte <lb/>
                 Sie reuen, Herr Bilgenstock. Schreiben Sie doch gleich..« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schweigend schrieb er. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es wird beantragt, den Kranführer Adam Griguszies, Fa- <lb/>
                 briknummer...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »21 718.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »... aus der Eisengießerei aus Gründen der Betriebssi- <lb/>
                 cherheit nach Geschoßdreherei III zu überweisen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er schob den Zettel in einen Umschlag. »Setzen Sie ‚Eilt <lb/>
                 sehr‘ drauf.« Mechanisch tat er es. »So, nun hast du ja dei- <lb/>
                 nen Willen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie haben so viel Papiere da rumliegen, da könnte die <lb/>
                 Überweisung leicht mit in den Papierkorb fallen, wenn Sie <lb/>
                 mal aufräumen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ganz ausgeschlossen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vorsicht ist die Mutter des Porzellans, Herr Bilgenstock. <lb/>
                 Schicken Sie den Brief doch gleich ab.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er zögerte; der Laufjunge sei unterwegs. Resolut drückte <lb/>
                 sie auf die Klingel; der Junge erschien sofort, Bilgenstock <lb/>
                 schrie ihn an, ob er denn schon wieder zurück wäre. »Ich <lb/>
                 war doch gar nicht fort«, entgegnete treuherzig der Junge. <lb/>
                 »Esel!« Paula Griguszies mußte lachen. Während Bilgen- <lb/>
                 stock noch zornrot und wie festgewurzelt dastand, reichte sie <lb/>
                 den Brief dem Jungen, der ihn an sich nahm und schleunigst <lb/>
                 damit zur Botenmeisterei verschwand. Fast gleichzeitig <lb/>
                 klopfte Schäfer an, wobei er auch schon den Kopf herein- <lb/>
                 streckte: »Störe ich?« Als Eingeweihter durfte er sich diese <lb/>
                 draufgängerische Schüchternheit, diese unterwürfige Unver-
                <pb facs="#f0072" n="68"/>
                <lb/>
                 schämtheit erlauben. »Sie stören nicht im geringsten«, ant- <lb/>
                 wortete das Mädchen, »wir haben keine Geheimnisse. Ich <lb/>
                 danke auch schön, Herr Bilgenstock. Jetzt, wo Sie die Über- <lb/>
                 weisung geschrieben haben, dürfen Sie mich sogar den Kuß <lb/>
                 geben, den Sie mich vorhin mit Gewalt beibringen wollten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schäfer schlug die Augen nieder und tat vor Begierde, mehr <lb/>
                 zu hören, als hätte er nichts gehört. Weiter sagte sie aber <lb/>
                 nichts. Sie war in diesem Augenblick eine so vollendete <lb/>
                 Dame, daß Bilgenstock sich in völliger Geistesverwirrung <lb/>
                 über ihre Hand beugte und sie ehrfürchtig küßte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 VIERTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Beim Frühstück mußten die beiden ältesten Kinder des <lb/>
                 Freiherrn zu Seiten des Kaisers Platz nehmen. Der Freiherr <lb/>
                 saß seiner Frau gegenüber, neben sich hatte er den Staats- <lb/>
                 sekretär, der von Hachenpoot überwacht wurde — wenig- <lb/>
                 stens bildete dieser sich ein, es zu tun; der unglückliche Chef <lb/>
                 des Zivilkabinetts war von den Militärs eingekeilt und wagte <lb/>
                 kein Wort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das untere Ende der Tafel hielten der technische Direktor <lb/>
                 Neufeind und der Personalchef Wackerlein besetzt. Neu- <lb/>
                 feind sah öfters den General von der Seite her an, denn <lb/>
                 er vergötterte das Militär, wie er jede Maschinerie vergötterte, <lb/>
                 obwohl seine Untergebenen behaupteten, daß er nichts von <lb/>
                 Maschinen verstünde — Vorgesetzte verstehen nach der Mei- <lb/>
                 nung ihrer Untergebenen niemals etwas. Wackerlein hingegen <lb/>
                 spähte stets nach Gelegenheiten aus, um sich an Hachenpoot <lb/>
                 zu reiben. Der Generaldirektor haßte den Personalchef, er <lb/>
                 war überzeugt, daß er bloß auf ein Schwanken seiner Person <lb/>
                 warte, um mit dem Gebiß eines wütenden Hundes über ihn <lb/>
                 herzufallen, aber er konnte nichts gegen ihn unternehmen, <lb/>
                 weil er als Landsmann von Frau Ella protegiert wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Alice von Zander bewahrte eine anspruchslose, unze- <lb/>
                 remonielle Haltung, die in dieser Umgebung so bezaubernd <lb/>
                 wirkte, daß die Proportionslosigkeit ihrer Körperformen, der <lb/>
                 zu tief angesetzte Busen und das übermäßig große Gesicht
                <pb facs="#f0073" n="69"/>
                <lb/>
                 mit der abgeplatteten Nase weniger auffielen. Ohne die ge- <lb/>
                 botene Rücksicht auf die Person des Kaisers außer acht zu <lb/>
                 lassen, unterhielt sie sich freundlich mit allen ihren Gästen, <lb/>
                 und alle fanden sie reizend, nur der Staatssekretär erwog bei <lb/>
                 sich den Verdacht, daß ihre Ungezwungenheit nicht echt, <lb/>
                 sondern gestellten Bildern aus dem Leben von Fürstinnen <lb/>
                 nachgeahmt sei. Die Kinder ähnelten ihr im Gesicht. Es wa- <lb/>
                 ren Zwillinge, ein Knabe und ein Mädchen von elf Jahren; <lb/>
                 der Junge blaß, schlank aufgeschossen, mit weichen, grauen <lb/>
                 Augen, die von einer blasierten Stirn überschattet wurden, <lb/>
                 das Mädchen intelligent, aber noch kindlich und mit vollen, <lb/>
                 roten Backen. Es saß bescheiden und ein wenig fremd neben <lb/>
                 dem Kaiser, während der Knabe die Ehrung schon als selbst- <lb/>
                 verständlich hinzunehmen schien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Oft rief der Kaiser sie bei Namen und erfreute sich an <lb/>
                 dem singenden Klang. »Arnulf! Irmintraut!« Seine Stimme <lb/>
                 war streichelnd, und die Väterlichkeit, womit er ihnen das <lb/>
                 Essen vorlegte, fast von religiöser Inbrunst. »Ihr Haus, lie- <lb/>
                 ber Zander, ist gesegnet«, sagte er im Tonfall einer Predigt. <lb/>
                 Voll Rührung sah der Freiherr seine Frau an und löschte den <lb/>
                 intimen Scherz, womit der Kaiser ihrer noch vor kurzem ge- <lb/>
                 dacht hatte, augenblicklich aus seinem Gedächtnis. Jener <lb/>
                 fuhr fort, die Familie zu loben: »Eine tüchtige Hausfrau, <lb/>
                 fromme Kinder und eine kluge Schwiegermutter. Wollte <lb/>
                 Gott, daß ich je einen ebenso gescheiten Kanzler gehabt hät- <lb/>
                 te.« Er wußte, wie gut es ihn kleidete, wenn er sich selbst be- <lb/>
                 dauerte. Oberst von Leutwitz, der mit fremden Gefühlen, <lb/>
                 und mochten es die allerhöchsten sein, nichts anfangen konn- <lb/>
                 te, machte ein dummes Gesicht dabei. Er war noch nie bei <lb/>
                 einem Industriellen zu Besuch gewesen und schnupperte wie <lb/>
                 ein Jagdhund. »Haben immerhin Geschmack, diese Indu- <lb/>
                 strieklempner«, stellte er fest, als er die Filzsohlenkorrektheit <lb/>
                 und den diskreten Augenaufschlag der uniformierten Diener- <lb/>
                 schaft sah. Ihr Betragen, das eine gefällige Mitte zwischen <lb/>
                 Intimität und Distanz einhielt, entsprach ungefähr der Vor- <lb/>
                 stellung, die man auf deutschen Provinztheatern von einem <lb/>
                 englischen Lord hat. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Heiter und lebhaft wurden allmählich die Gespräche, jede
                <pb facs="#f0074" n="70"/>
                <lb/>
                 Partei glaubte, daß die wichtigste Frage dieses Morgens nach <lb/>
                 ihren Wünschen gelöst sei; es kam ihnen ja nicht darauf an, <lb/>
                 die Zustände zu untersuchen — von welchen die einen behaup- <lb/>
                 teten, daß sie hinreichend bekannt seien, und die anderen, <lb/>
                 daß sie nicht existierten oder maßlos übertrieben würden. <lb/>
                 Es kam ihnen nur darauf an, durch sie oder über sie hinweg <lb/>
                 den Kaiser zu beeinflussen. Was den Freiherrn betraf, so war <lb/>
                 er froh, daß Hachenpoot da war, und er nicht mehr ganz allein <lb/>
                 zwei Fronten gegenüberzustehen brauchte, die gegeneinan- <lb/>
                 der auszuspielen er sich nicht elastisch genug fühlte. Im stil- <lb/>
                 len beglückwünschte sich der Staatssekretär seinerseits zu sei- <lb/>
                 nem Feldherrntalent. Er hatte Hachenpoot nachträglich bei- <lb/>
                 seite genommen: »Sie, Herr Generaldirektor, kennen Ihre <lb/>
                 Betriebe. Seine Majestät will nichts beschönigt haben, er will <lb/>
                 das wahre Gesicht der Arbeiter sehen. Sie wissen, wo es zu <lb/>
                 finden ist«-- und dieser hatte erwidert, man werde ganz in <lb/>
                 diesem Sinne die Geschoßdreherei III besichtigen, einen Be- <lb/>
                 trieb, wo kürzlich radikale Ausschreitungen vorgekommen <lb/>
                 seien; jetzt sei die dortige Belegschaft die »richtige Durch- <lb/>
                 schnittsmischung«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Also Geschoßdreherei III, das war in Ordnung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nicht minder animiert war der Kaiser selbst, lustig begann <lb/>
                 er von seinem Besuch bei Frau Ella zu erzählen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Männer in der Fabrik, hatte sie ihm versichert, der <lb/>
                 Freiherr samt den Direktoren, wären lauter »Bangbuxen«; <lb/>
                 Revolutionäre unter den Arbeitern des alten Risch?— das <lb/>
                 könnte nur eine Erfindung von Hasenfüßen sein. Der reine <lb/>
                 Quatsch wäre das. Diese Arbeiter, treu wie Gold wären sie, <lb/>
                 es verstünde bloß keiner mehr, mit ihnen umzugehen. Wie <lb/>
                 oft hätte sie zu Lebzeiten ihres seligen Mannes neben ihnen <lb/>
                 gestanden, Körbe voll Butterbrote geschmiert, wenn sie <lb/>
                 Überstunden gemacht hätten, sich mit ihnen geduzt, sie be- <lb/>
                 muttert, sie in ihrer urwüchsigen Sprache aufgemuntert: »Na, <lb/>
                 Meister Karl, dat’s wohl en schwer Stück Arbeit?« Und Mei- <lb/>
                 ster Karl hätte geantwortet, wie ihm der Schnabel gewachsen <lb/>
                 war: »Jo, Ollsche, dat’s verdammt knifflig.« Man müßte sich <lb/>
                 eben gemein machen mit den Leuten, der feine Ton und das <lb/>
                 Unsichtbarbleiben wären pure Dummheit; rauh und herzlich,
                <pb facs="#f0075" n="71"/>
                <lb/>
                 das wäre der Umgang, durch den sie anhänglich, fügsam und <lb/>
                 geduldig würden. Jetzt hieße es nur immer: Geld! Geld! <lb/>
                 Geld! Mit Geld könnten sie nichts anfangen, aber für etwas <lb/>
                 Herz und gute Worte, für ein bißchen Sentimentalität wären <lb/>
                 sie immer empfänglich, und sie munde ihnen bestimmt besser <lb/>
                 als Brot, das hätte sie häufig genug erlebt, da könne man ihr <lb/>
                 gar nichts weismachen. Sicher hätten die neumodischen Her- <lb/>
                 ren schon viel verdorben mit ihrer Weichherzigkeit am fal- <lb/>
                 schen Platz, die nur eine Folge ihres Dünkels wäre, aber <lb/>
                 wenn es wirklich mal mit Radau zum Klappen käme, dann <lb/>
                 brauchte nur ein Weibsbild wie sie, Frau Ella, in die Fabrik <lb/>
                 zu fahren, und der ganze Spuk wäre weggeblasen. Seine Ma- <lb/>
                 jestät sollte sich nur nicht anstecken lassen vom Katzenjam- <lb/>
                 mer der Männer, die sich an possierlichen Redensarten den <lb/>
                 Magen verdorben hätten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nun befand sich niemand in der Gesellschaft, dem nicht <lb/>
                 wenigstens vom Hörensagen bekannt gewesen wäre, daß <lb/>
                 Frau Ella voller Schrullen saß; dennoch waren sie sämtlich <lb/>
                 geneigt, ihre patriarchalischen Ansichten auch in dieser ver- <lb/>
                 änderten Gegenwart ernst zu nehmen, obgleich sich manche <lb/>
                 unter ihnen ihrer Tollheit durchaus bewußt waren. Es war <lb/>
                 jedoch eine Erleichterung, ein Trost, zu wissen, daß es in <lb/>
                 der zersetzenden Irrwelt des Krieges noch ein so klar in sich <lb/>
                 selbst ruhendes Wesen gab, das von der absoluten Wahrheit <lb/>
                 seiner Aussprüche und von der ewigen Gültigkeit seiner Ver- <lb/>
                 gangenheit durchdrungen war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So war dies das erste Mal an diesem Morgen, daß sie alle <lb/>
                 ein gemeinsames Gefühl hatten. Selbst der Staatssekretär war <lb/>
                 außerstande, etwas einzuwenden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach dem Frühstück begaben sich die Herren in ein kleines <lb/>
                 Kabinett voll Portieren, Gobelins und Plafonds, die mit Göt- <lb/>
                 tern und Helden bevölkert waren. Hier hingen drei weiße <lb/>
                 Tafeln, auf denen mit blauer, schwarzer und roter Tusche <lb/>
                 mehrere Säulen von unterschiedlicher Höhe, Kurven und <lb/>
                 Kreise aufgezeichnet waren. Sie stellten die Entwicklung der <lb/>
                 Munitionserzeugung, der Belegschaftsziffer und der Löhne <lb/>
                 während der letzten acht Monate dar. Alles sah sich schroff <lb/>
                 und fiebrig an. Die Produktion hatte ihre tiefsten Punkte im
                <pb facs="#f0076" n="72"/>
                <lb/>
                 Januar und Juni, Belegschaftsziffer und Löhne zeigten eine <lb/>
                 gleichmäßig steigende Tendenz, aber es war um so auffallen- <lb/>
                 der, daß jedesmal dort, wo die Produktion sank, ein scharfes <lb/>
                 Abwärtsgleiten der Belegschaftsziffer und eine ebenso rapide <lb/>
                 Aufwärtsbewegung der Löhne folgte. Während sich nun jene <lb/>
                 rasch wieder erholte, blieb bei diesen jede Reaktion nach un- <lb/>
                 ten aus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf diese Zusammenhänge ging Hachenpoot bei seiner Be- <lb/>
                 richterstattung allerdings nicht näher ein; überhaupt betrach- <lb/>
                 tete er die statistischen Tafeln mehr als eine imponierende <lb/>
                 Dekoration, und vom Inhalt seines Vortrags her fügten sie <lb/>
                 sich auch ohne jeden Kontrast in die allgemeine Mythologie <lb/>
                 der Raumausstattung ein, die sie hier umgab. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Luft ist voll von Klagen über den harten Druck des <lb/>
                 Krieges«, begann er, »Klagen, die gewiß nicht alle unbegründet <lb/>
                 sind. Aber mit mutloser Verdrossenheit kann man das Schick- <lb/>
                 sal eines großen Volkes nicht meistern. Zwar ist der Druck <lb/>
                 des Krieges hart, doch er ist in den feindlichen Ländern nicht <lb/>
                 geringer.« Die Worte, aus einem unversiegbaren Born ge- <lb/>
                 schöpft, tropften glucksend in den Raum. Gesichert sei die <lb/>
                 Durchführung des vom Generalquartiermeister aufgestellten <lb/>
                 Mindestprogramms, noch sechs bis acht Wochen reichten die <lb/>
                 Rohstoffvorräte, dann werde man weiter sehen. Es sei bisher <lb/>
                 gegangen, warum solle es nicht auch fernerhin gehen? Zu- <lb/>
                 mal, wo sich das Verhältnis zwischen der Werksleitung und <lb/>
                 einer umsichtig gesiebten Belegschaft fortwährend bessere, <lb/>
                 und wo für die Arbeitsfriedlichen, die seit einem Jahr nicht <lb/>
                 gegen die Arbeitsordnung verstoßen hätten, eine Gratifika- <lb/>
                 tion bewilligt worden sei! Auch seien die Übergriffe subalter- <lb/>
                 ner Organe abgestellt worden, insbesondere habe man bei <lb/>
                 der achten und neunten Kriegsanleihe streng darauf geachtet, <lb/>
                 daß kein direkter Zwang zur Zeichnung mehr ausgeübt wor- <lb/>
                 den sei. Es spreche für den gesunden Sinn der Arbeiterschaft, <lb/>
                 daß die meisten nunmehr freiwillig gezeichnet hätten, und <lb/>
                 höhere Beträge als vorher. »Während des Krieges hat sich <lb/>
                 die mit Werksanlagen überbaute Fläche verdoppelt, wir ha- <lb/>
                 ben jetzt hundert Hektar Werkstätten und 100 000 Arbeiter. <lb/>
                 In einigen Kanonenwerkstätten montieren wir Monat für Mo-
                <pb facs="#f0077" n="73"/>
                <lb/>
                 nat fünfzig 15-cm-Geschütze fertig auf Lafetten. In unserem <lb/>
                 neuen, ich darf wohl sagen: gigantischen Preßbau ziehen wir <lb/>
                 täglich hunderttausend Geschosse kleineren Kalibers. Diese <lb/>
                 Zahlen reden eine so deutliche Sprache, daß ich mich gewiß <lb/>
                 damit begnügen darf, um so mehr, als nachher der klare Au- <lb/>
                 genschein noch sprechen soll; denn die Geschoßdreherei III, <lb/>
                 die Euerer Majestät vorzuführen wir die Ehre haben werden, <lb/>
                 dreht jeden Tag nicht weniger als fünfundsiebzigtausend Gra- <lb/>
                 naten...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es waren nur die Zahlen der besten Monate; er verschwieg <lb/>
                 das, aber nicht einmal aus Absicht. So sehr war er in die gro- <lb/>
                 ßen Zahlen verliebt, daß sie für ihn Wahrheit blieben, auch <lb/>
                 wenn sie ihre Gültigkeit eingebüßt hatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er fing einen antreibenden Blick des Generals auf und <lb/>
                 fuhr hastig fort: »So wurden unter und über Tage die Schätze <lb/>
                 der Erde gehoben, und wo unsere Gegner äußersten Mangel <lb/>
                 zu wittern glaubten, da häuften sich die Lager und Bestände. <lb/>
                 Zehntausende an schwere Arbeit bisher nicht gewohnte Hän- <lb/>
                 de griffen zum Hammer und zum Schraubstock, Frauen ver- <lb/>
                 ließen den Herd und die Kinderstube, um dort einzugreifen, <lb/>
                 wo des kämpfenden Mannes Arm fehlte, und aus dieser ka- <lb/>
                 meradschaftlichen Zusammenarbeit mit den Frauen schöpfte <lb/>
                 der Mann in der Werkstatt hohe sittliche Kräfte. Darum dür- <lb/>
                 fen wir dem Kommenden mit Zuversicht begegnen. Weit da- <lb/>
                 von entfernt, eine skeptische Auffassung zu rechtfertigen, <lb/>
                 scheint mir die gegenwärtige Lage ein Beweis dafür zu sein, <lb/>
                 was Unternehmerbegabung und Unternehmerinitiative auch <lb/>
                 unter schwierigen Umständen an volkswirtschaftlicher Lei- <lb/>
                 stung hervorzubringen vermögen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiernach stockte er, es war wohl alles gesagt, was zu sagen <lb/>
                 war. Vorsichtig forschte er in den Mienen seiner Zuhörer. Sie <lb/>
                 saßen da, fremd und kühl wie buddhistische Holzplastiken, <lb/>
                 und glotzten ihn an, hauptsächlich der dicke Wackerlein mit <lb/>
                 den breiigen, hämisch gefalteten Backentaschen, aber auch <lb/>
                 dieser pessimistische Staatssekretär mit dem besserwisseri- <lb/>
                 schen Lächeln, und der windige Oberst, dessen Gesicht müde <lb/>
                 und gelangweilt war und überhaupt wie ein unförmiges, in <lb/>
                 den Kragen eingeklemmtes Monokel wirkte. Es schien ihm
                <pb facs="#f0078" n="74"/>
                <lb/>
                 jedoch ziemlich sicher, daß er auf den Kaiser einen guten Ein- <lb/>
                 druck gemacht hatte. Nichts rührte sich. Dennoch war hin- <lb/>
                 ter all diesen verhüllten Stirnen etwas Böses verborgen, ir- <lb/>
                 gend etwas leicht Entzündliches, Feuergefährliches, das im- <lb/>
                 stande war, augenblicklich zu explodieren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Obwohl er eigentlich zu Ende war, mußte er weiter spre- <lb/>
                 chen, um sich durch die tönende Vibration seiner Stimm- <lb/>
                 bänder zu beruhigen. »Die durchgreifende Ausscheidung der <lb/>
                 hetzerischen Elemente, die Ausnutzung der vollen Kapazität, <lb/>
                 die Einsetzung des ganzen Kredits für die Erfordernisse der <lb/>
                 Landesverteidigung waren die Mittel, womit das Unterneh- <lb/>
                 mertum den von allen Seiten einstürmenden Schwierigkeiten <lb/>
                 bisher hat standhalten können.« Er wurde erregt, er vertei- <lb/>
                 digte sich gegen imaginäre Einwände. »Die Tatsache allein, <lb/>
                 daß die Industrie überhaupt noch in diesem Umfang besteht, <lb/>
                 müßte eigentlich als Beweis ihres Unternehmergeistes genü- <lb/>
                 gen.« Herr von Scheeven, des Freiherrn Privatsekretär, kam <lb/>
                 mit einem Brief herein und verschwand wieder, kaum daß er <lb/>
                 bemerkt wurde, mit akrobatischer Gewandtheit. »Wenn man <lb/>
                 die Schwierigkeiten anerkennt, so muß man folgerichtig auch <lb/>
                 ihre bisherige Überwindung als einen Erfolg anerkennen. <lb/>
                 Aber wir, die wir mitten im gewerbtätigen Leben stehen, wis- <lb/>
                 sen auch, daß selbst der günstigste Ausgang des Krieges für <lb/>
                 uns kein Nachlassen der Arbeit, sondern eine Vertiefung der <lb/>
                 Arbeit im wirtschaftlichen Weltkampf bedeuten wird...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er sah den Freiherrn einen Schein blässer werden und brach <lb/>
                 ab, der Kaiser schüttelte ihm die Hand, dankte, wurde leb- <lb/>
                 haft und erklärte, daß ihn diese inhaltsschweren Worte wun- <lb/>
                 derbar gestärkt und mit Fingerzeigen versehen hätten, wie <lb/>
                 seinem Volke in Zukunft Arbeit, Kraft und Freiheit zum <lb/>
                 friedlichen Wettbewerb in der Welt zu sichern sei. Er ver- <lb/>
                 spürte Lust, sich einer angeregten Unterhaltung hinzugeben, <lb/>
                 aber Hachenpoot war auf einmal wortkarg, es brannte ihm <lb/>
                 unter den Füßen, die Nerven, die Nerven, er mußte näch- <lb/>
                 stens wirklich einmal ausspannen, er rieb sich ja auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr hielt den Brief in der Hand und schien sehr be- <lb/>
                 wegt, es fiel dem Staatssekretär sofort auf, er fragte ihn. </p>
            <pb facs="#f0079" n="75"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach«, antwortete dieser und zuckte leicht zusammen, <lb/>
                 »Euer Exzellenz kennen doch die Liste der Industriellen, die <lb/>
                 ich für heute Mittag eingeladen habe? Felgenhauer war dar- <lb/>
                 unter —, diese Einladung geschah auf besonderen Wunsch <lb/>
                 Seiner Majestät.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie waren etwas abseits getreten, unauffällig öffnete der <lb/>
                 Staatssekretär eine Tür, nun standen sie auf einer schmalen <lb/>
                 Terrasse über dem dampfenden Flußtal. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Felgenhauer, natürlich, der Präsident des Kohlensyndi- <lb/>
                 kats. Er ist mir, offen gestanden, unsympathisch. Zwar <lb/>
                 kenne ich ihn nicht persönlich, aber er ist doch bekannt als <lb/>
                 Reaktionär und Scharfmacher und Annexionist —, gewiß, An- <lb/>
                 nexionisten sind die Herren von der Industrie ja schließlich <lb/>
                 alle.« Die Art des Staatssekretärs, verzeihend zu lächeln, war <lb/>
                 aufreizend. »Ich nehme es niemandem übel, wenn er seine <lb/>
                 Interessen vertritt, aber er muß dann nicht der Sprecher der <lb/>
                 Nation sein wollen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Exzellenz!« beteuerte der Freiherr, »es handelt sich um <lb/>
                 unser nacktes Leben! An wen sonst denken wir denn als an <lb/>
                 die Millionen Volksgenossen, die wir ernähren müssen, die <lb/>
                 vom Wohlstand der Industrie abhängig sind! Wir begehren <lb/>
                 wahrhaftig nichts Unnotwendiges.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber Unerreichbares.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist die Frage.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie Sie wollen, Herr von Zander. Immerhin geben Sie <lb/>
                 zu, daß es mindestens eine Frage ist. Außerdem ist Ihr Be- <lb/>
                 gehren unklug, das ist leider keine Frage.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr biß sich auf die Lippen. Hier wußte er nicht <lb/>
                 mehr weiter. »Die Wirtschaft der Zukunft,« wollte er noch <lb/>
                 sagen, »braucht eine unabhängig und sicher funktionierende <lb/>
                 Rohstoffversorgung.« Doch das verwirrte sich plötzlich in <lb/>
                 seinem Kopf. Was warten eigentlich Lebensnotwendigkeiten? <lb/>
                 Ein relativer Begriff. Da drüben, ein paar hundert Meter tal- <lb/>
                 aufwärts, war aus taubem Gestein eine Halde aufgeschüttet, <lb/>
                 ein Fördergerüst wurde daneben sichtbar. Eine jener Rand- <lb/>
                 zechen befand sich dort, die nur eine kümmerliche Ausbeute <lb/>
                 an Magerkohlen lieferten, aber dank der Preisfestsetzung des <lb/>
                 Syndikats und der vom Kriegshunger beherrschten Marktlage
                <pb facs="#f0080" n="76"/>
                <lb/>
                 dennoch die ortsüblichen Gewinne abwarfen. Zufällig wußte <lb/>
                 der Freiherr in diesen Verhältnissen ziemlich genau Bescheid, <lb/>
                 denn die Zeche war von seinem Schwiegervater abgestoßen <lb/>
                 worden, und das war die erste Transaktion gewesen, an welcher <lb/>
                 der junge Ehemann im juristischen Büro mitgearbeitet hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Lebensnotwendigkeiten? — Es gab ihm einen Ruck. »Las- <lb/>
                 sen wir das. Was Felgenhauer betrifft —, er hat abgesagt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ob er erkrankt sei? Nein, es könne sich kaum jemand ent- <lb/>
                 sinnen, daß Felgenhauer einmal krank gewesen sei. »Aber er <lb/>
                 hätte sich jedenfalls mit Krankheit entschuldigen können, ich <lb/>
                 hätte es Seiner Majestät berichtet, und alles wäre in Ordnung <lb/>
                 gewesen. Nein, er sagt ausdrücklich ab, weil er nicht mit <lb/>
                 einem Throninhaber zu Tisch sitzen will, dessen Politik — das <lb/>
                 schreibt er wörtlich, bitte! — dessen Politik Deutschland ins <lb/>
                 Verderben gestürzt habe.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber das ist ja sehr interessant!« rief der Staatssekretär aus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Felgenhauer war immer interessant, wir wissen manches <lb/>
                 Lied davon zu singen. Ein Eigenbrötler, der auch die Kreise <lb/>
                 der Industrie dauernd gestört hat, ein Starrkopf, der nur dazu <lb/>
                 da ist, vorsichtige Menschen in Verzweiflung zu bringen. <lb/>
                 Hören Sie, was er weiter schreibt: Es ist falsch, für Thron <lb/>
                 und Vaterland zu kämpfen, nur der Sinn fürs Vaterland ist <lb/>
                 von Bedeutung. Ich will die Fehler der Deutschen, die sich <lb/>
                 für national halten, wenn sie Hurra dem Kaiser schreien, <lb/>
                 nicht mitmachen. Das deutsche Volk verkommt und ver- <lb/>
                 fällt, weil es keine nationale Führung mehr hat, weil Staat <lb/>
                 und Kirche nur noch überfütterte Ornamente sind, deren ein- <lb/>
                 ziger Zweck es ist, Ziellosigkeit und Schwäche zu verhüllen. <lb/>
                 — Wie soll ich das Seiner Majestät nun sagen? Muß ich es <lb/>
                 überhaupt sagen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hatte eine kleine Narbe auf der Stirn, die, wenn er er- <lb/>
                 regt war, wie eine Koralle zu leuchten begann. Der Staats- <lb/>
                 sekretär heftete seinen Blick darauf. »Vielleicht wird Sie der <lb/>
                 Gang der Ereignisse dieser Schwierigkeit entheben.« Seine <lb/>
                 leise Stimme gellte tückisch in der blassen Herbstluft. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr beklagte bei sich, daß er keine Zeit mehr zur <lb/>
                 Sammlung hatte. Daß der Staatssekretär so gelassen neben <lb/>
                 ihm ins Zimmer zurückschreiten konnte, regte ihn noch mehr
                <pb facs="#f0081" n="77"/>
                <lb/>
                 auf. Seine Majestät hatte sich schon so um Felgenhauer be- <lb/>
                 müht, Orden und erblichen Adel hatte er ihm anbieten lassen, <lb/>
                 alles vergebens. Unverständlich, dieser Dickkopf mit seinen <lb/>
                 verschrobenen Ansichten. Damals, als der nordische Schiff- <lb/>
                 fahrtspräsident beide, den Kaiser und Felgenhauer, auf der <lb/>
                 Probefahrt seines neuen Schiffes hatte zusammenbringen wol- <lb/>
                 len, war die Antwort gekommen, daß er dem Gastgeber keine <lb/>
                 Unannehmlichkeiten bereiten und lieber daheimbleiben möch- <lb/>
                 te, die Zusammenkunft würde bestimmt nicht gut auslaufen. <lb/>
                 An einer Stiftung für die Wissenschaft hatte er sich nicht be- <lb/>
                 teiligt, weil sie mit einer Huldigung für den Kaiser verknüpft <lb/>
                 war, aus der Kirche war er ausgetreten, weil er nicht mit <lb/>
                 einer Lüge auf den Lippen sterben wollte, einen unglück- <lb/>
                 lichen Kriegsausgang hatte er vorausgesagt, weil die Deut- <lb/>
                 schen keinen Willen zur Macht hätten, seltsam, seltsam, was <lb/>
                 waren das alles für Widersprüche, die Partei der Besitzenden <lb/>
                 bekriegte er und die Partei der Arbeiter, dieser wurzelechte <lb/>
                 Industrielle war dem Freiherrn ein Buch mit sieben Siegeln. <lb/>
                 Ein nicht abreißender Zug sausender Bilder peitschte sein <lb/>
                 Gehirn, sie hatten ein stechendes Tempo, es war ein körper- <lb/>
                 liches Unwohlsein. Zusammennehmen! Er bohrte die Nägel <lb/>
                 in die Handflächen. Rasch an etwas ganz Klares und Fried- <lb/>
                 volles denken! Es fiel ihm nichts ein, es ging nur immer <lb/>
                 weiter mit dem dummen Zeug. Noch drei Sekunden, noch <lb/>
                 zwei Sekunden, noch eine Sekunde, bis er wieder vor dem <lb/>
                 Kaiser stand. Schluß jetzt, weg damit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Zimmer war laut, die Stimmung gelöst, man war be- <lb/>
                 reits im Trubel des Aufbruchs. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot erwischte den Freiherrn, der ihm den Brief <lb/>
                 von Felgenhauer zuschob und sich straffte, als sei er nun <lb/>
                 endgültig von dieser Last befreit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jede Partei war der Ansicht, daß die heitere Gunst dieser <lb/>
                 Stunde durch die vorbereitete Begegnung bestätigt werden <lb/>
                 müsse, dem General war es sogar noch gelungen, den Kaiser <lb/>
                 zur Annahme eines Rates zu bewegen. »Euer Majestät wollen <lb/>
                 nicht versäumen, stets zu betonen, daß es mit dem Aufstieg <lb/>
                 der Arbeiterschaft für alle Zeiten vorbei wäre, wenn wir <lb/>
                 jetzt mit unseren Feinden Frieden schließen müßten.« </p>
            <pb facs="#f0082" n="78"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das war einleuchtend, das mußte alle gegenteiligen Ein- <lb/>
                 flüsse wettmachen. Jedenfalls war es nicht die Schuld des <lb/>
                 Generals, daß alles anders kam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Zandershöhe führte quer durch die westliche Stadt <lb/>
                 eine ausgezeichnete Straße. Sie war vom alten Risch angelegt <lb/>
                 worden, der noch einen polierten Zweispänner benutzte (bei <lb/>
                 gutem Wetter ritt er auf seinem Schimmel), und erreichte die <lb/>
                 Fabrik beinahe in einer geraden Linie. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Autos nahmen ein schnelles Tempo, die Vorübergehen- <lb/>
                 den erkannten nur gerade die Uniformen. Die meisten dach- <lb/>
                 ten sich nichts dabei, aber einige drehten sich um und brumm- <lb/>
                 ten: »Die Wachsfiguren, die Götzenbilder, das Kroppzeug, <lb/>
                 Zinnsoldaten zum Aufdrehen, die Feder rasselt schon, wartet <lb/>
                 nur, bald wird sie knacken.« So schimpften diese schrullen- <lb/>
                 haften Rebellen, Pensionäre, erbitterte Kleinbürger, die sich <lb/>
                 auf einmal von denen, welche nahe am Fettopf der amtlichen <lb/>
                 Lebensmittelbeschaffung saßen, übervorteilt fanden, wo sie <lb/>
                 früher doch selbst das Recht zu übervorteilen genossen hat- <lb/>
                 ten. Auch in der revolutionären Geste waren sie noch könig- <lb/>
                 lich preußische Beamte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sie den Güterbahnhof passierten, zeigte von Grußen- <lb/>
                 baum auf eine Gruppe Eisenbahner, die sich zwischen den <lb/>
                 Waggons herumtrieben und mit lebhaften Gebärden aufein- <lb/>
                 ander einsprachen. »Haben Sie die gesehen?« — »Ja, alles <lb/>
                 rottet sich zusammen,« versetzte der Oberst, »lauter Agita- <lb/>
                 toren.« Das Wort »Agitator« gefiel ihm ausnehmend und <lb/>
                 er gebrauchte es oft, es klang großartig, nach intimen Kennt- <lb/>
                 nissen, und registrierte all das Verdächtige, Lauernde, dessen <lb/>
                 Spuren man nicht entziffern konnte. »Alles Aushilfsgesindel, <lb/>
                 keine Beamtenehre im Leibe«, brummte der General. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn ich Eisenbahner sehe, muß ich immer an den ollen <lb/>
                 Dieffenbach denken. Als der Verkehrsminister war, schick- <lb/>
                 ten ihm die Lokomotivführer mal ’ne Deputation, weil sie <lb/>
                 immer bloß mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen dekoriert <lb/>
                 wurden. Exzellenz wissen vermutlich?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein.« Der General sah steif geradeaus auf die Rocklitze <lb/>
                 des Chauffeurs. Zwischen den Werkstätten verfinsterte sich
                <pb facs="#f0083" n="79"/>
                <lb/>
                 die Luft um ein Geringes, ein feiner Aschenregen ging nieder <lb/>
                 und beschlug die Scheiben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Na, also sie wollten ’nen höheren Orden, saßen im Vor- <lb/>
                 zimmer beim ollen Dieffenbach, auf einmal kommt der raus, <lb/>
                 Brust voll Orden, mittenmang Allgemeines Ehrenzeichen. <lb/>
                 Meine Herren, sagt er, bedaure hören zu müssen, daß Ihnen <lb/>
                 Allgemeines Ehrenzeichen minderwertig erscheint. Sehen Sie <lb/>
                 her, Ihrem Minister ist es nicht zu gering. — Famos, was? <lb/>
                 Zogen mit langen Gesichtern ab, die Herren Lokomotiv- <lb/>
                 führer.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Grußenbaum lächelte und dachte nach. »Hören Sie, <lb/>
                 Oberst. Bei passender Gelegenheit müssen Sie das unbedingt <lb/>
                 Seiner Majestät erzählen — als Beweis dafür, daß nicht jedes <lb/>
                 finstere Gesicht und nicht jedes übereilte Wort einen hoch- <lb/>
                 politischen Charakter haben muß, sondern daß die Kerls auch <lb/>
                 über abgeschlagene Orden verärgert sein können. Verstehen <lb/>
                 Sie?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Zu Befehl, Exzellenz.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Straße wird ein Engpaß zwischen riesigen Mauern und <lb/>
                 verrußten Glashallen, Fabrikbahnen zerschneiden sie, Kipp- <lb/>
                 wagen mit glühenden Eisenstangen rollen vorbei, dicke damp- <lb/>
                 fende Röhren ziehen in gewaltigen Krümmungen dahin, Gaso- <lb/>
                 meter steigen aus düsteren Höfen, kurze Kamine wackeln <lb/>
                 über Wellblechdächern. Plötzlich steht ein mächtiger, mit <lb/>
                 pedantischer Akkuratesse gemauerter Schlot mitten im Weg, <lb/>
                 dann rückt er ebenso plötzlich weg, andere Schornsteine <lb/>
                 kommen an wie Telegraphenstangen an einer Chaussee, die <lb/>
                 Wände verräucherter Büros erbeben vom Dröhnen und <lb/>
                 Stampfen der Hammer- und Walzwerke, es blitzt und don- <lb/>
                 nert, der Flammenschein in den Fabrikhallen ist bald schwer <lb/>
                 und dunkeltot, bald zerstäubend und stechend wie Azetylen- <lb/>
                 brand. Portierbuden mit rostigen Ligustersträuchern schau- <lb/>
                 keln dazwischen, Seilscheiben der Zeche »Glücklicher Mor- <lb/>
                 genstern« laufen rund wie Nummerräder auf dem Kirmes- <lb/>
                 platz, es zischt und knallt in Zünderwerkstätten, Kessel- <lb/>
                 schmieden, Panzerwalzwerken, unter gleichmäßigem Druck <lb/>
                 werden die Abgase ausgestoßen und zerflattern in brennenden
                <pb facs="#f0084" n="80"/>
                <lb/>
                 Zungen — von allen Seiten überfallen den Außenseiter diese <lb/>
                 Nebengeräusche der Technik, die im Produktionsprozeß vom <lb/>
                 Nutzlosen herrühren, vom Untauglichen, von einem vorläu- <lb/>
                 fig noch unvermeidbaren Wärme- und Kraftverlust. Auf den <lb/>
                 Ahnungslosen stürmt es grandios und mystisch ein, er wird <lb/>
                 davon benommen, es ermöglicht ihm, die Fabrikarbeit für <lb/>
                 einen metaphysischen Vorgang zu halten und sich in seinen <lb/>
                 poetischen Empfindungen mit einer unbegreiflichen, unüber- <lb/>
                 windlichen und darum verabscheuten Welt lyrisch auszu- <lb/>
                 söhnen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine Feuergarbe, die Schwärme von Funken an eine er- <lb/>
                 blindete Glaswand spritzte, erregte die Aufmerksamkeit und <lb/>
                 das Verlangen des Kaisers, er ließ unverzüglich halten und er- <lb/>
                 klärte dem Freiherrn, daß er diesen Betrieb zu sehen wünsche. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der General sprang aus seinem Wagen. »Ist dies Geschoß- <lb/>
                 dreherei III?« rief er gleichzeitig dem Chauffeur, dem salu- <lb/>
                 tierenden Portier und den Vorübergehenden zu. »Tor 23« <lb/>
                 stand auf einem blauen Emailleschild. »Dies ist die Eisen- <lb/>
                 gießerei.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Direktoren, welche vorausgefahren waren, wurden <lb/>
                 durch ein Hupensignal benachrichtigt und kehrten um. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber dies ist doch gar nicht der verabredete Betrieb...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Befehl Seiner Majestät!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Grußenbaum wagte eine Intervention. Diesmal war <lb/>
                 auch er perplex. Sollte er denn umsonst auf seinem Posten <lb/>
                 gewesen sein? </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es wäre für Euer Majestät ein erhebendes Schauspiel, zu <lb/>
                 sehen, von welcher Zuversicht die Arbeiter in der Geschoß- <lb/>
                 dreherei erfüllt sind, die Tag für Tag nichts anderes tun als <lb/>
                 die Waffen schmieden, die den Sieg herbeiführen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Staatssekretär pflichtete ihm bei, das erstaunte ihn; <lb/>
                 im selben Moment wurden beide stutzig. »Faule Sache, wenn <lb/>
                 diese beiden Füchse einer Meinung sind«, dachte der Chef <lb/>
                 des Zivilkabinetts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war aber sowieso nichts zu machen, denn der Kaiser <lb/>
                 hörte das alles schon nicht mehr, er lief mit einer Hast, wie <lb/>
                 die Personen auf der Filmleinwand laufen, nur mühsam hielt
                <pb facs="#f0085" n="81"/>
                <lb/>
                 der Freiherr Schritt mit ihm. Herr Drees kam gerannt, der <lb/>
                 Meister Kurbjuhn sprengte in einem unbeschreiblichen Tem- <lb/>
                 po herum wie eine Windfahne beim Wirbelsturm: »Kaiser <lb/>
                 ist da, Kaiser ist da, Kaiser, Kaiser!« Atemlos zischte er es <lb/>
                 zwischen den hohlen Händen hervor, die Arbeiter sahen ihn halb <lb/>
                 verächtlich, halb amüsiert an, wie man einen Idioten ansieht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als er von außen das Feuer entdeckte, hatte der Kaiser <lb/>
                 geglaubt, es müsse ihn drinnen überwältigen. Es überwäl- <lb/>
                 tigte ihn auch, doch anders, als er es sich vorgestellt hatte. <lb/>
                 Schon die Stille peinigte ihn, die tiefen, scheinbar menschen- <lb/>
                 leeren Gruben, die glitzernde Einsamkeit des Sandgebirges, <lb/>
                 die bauchigen Mauerschächte der Schmelzöfen, das Gerassel <lb/>
                 der Laufkrane über seinem Kopf, diese ganze unübersicht- <lb/>
                 liche und undurchschaubare, gespenstisch geisternde Starte. <lb/>
                 Er war sehr abergläubisch und faßte es als böse Vorbedeu- <lb/>
                 tung auf, daß ihn sein eigener Wille in einen solchen Hinter- <lb/>
                 halt gelockt hatte. Angst überfiel ihn, er fürchtete diese Lö- <lb/>
                 cher und diese flammenden Öfen, gierig klammerten sich <lb/>
                 seine Augen an die Ruhe der schwimmenden Glut, die von <lb/>
                 den Gießlokomotiven behutsam dahergefahren wurde oder in <lb/>
                 Pfannen am kühlenden Schwenkarm eines Kranes hing. Zu- <lb/>
                 weilen floß auch ein blinkender Bach davon geradewegs vom <lb/>
                 Ofen in die Form. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das nennen die Gießer: Laufenlassen«, sagte zuvorkom- <lb/>
                 mend Herr Drees. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dann und wann schickten die Feuerarbeiter einen jähen <lb/>
                 und äußerst feindseligen Blick hinüber, aus den Löchern <lb/>
                 tauchten spähende Köpfe hervor, bis sie in Augenhöhe mit <lb/>
                 der ebenen Erde waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war eine beklemmende Gewalt in allem Gewaltlosen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von oben rief jemand: »Weitermachen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alle, auch die Arbeiter, schreckten zusammen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einförmig tönte die erklärende Stimme des Direktors Neu- <lb/>
                 feind fort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Diese Öfen heißen Kupolöfen, sie werden unten mit Holz <lb/>
                 und Koks gefüllt und von oben herunter mit der Gicht be- <lb/>
                 schickt, das sind abwechselnde Lagen von Roheisen und <lb/>
                 Koks.« </p>
            <pb facs="#f0086" n="82"/>
            <p>
                <lb/>
                 Dem Staatssekretär, der keine Spur technischen Gefühls <lb/>
                 besaß, war es nicht anders, als ginge er hinter dem Kastellan <lb/>
                 eines alten Schlosses her. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das Roheisen, das im Hochofen aus Erz gewonnen wird, <lb/>
                 muß nämlich hier umgeschmolzen werden. In diesen Öfen <lb/>
                 sind zwölfhundert Grad Hitze. Sie leisten bis zu drei Tonnen <lb/>
                 die Stunde.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kaiser bemerkte einen Mann, der unablässig vor den <lb/>
                 Öfen auf und ab ging. Vorarbeiter, Hilfsmeister oder so et- <lb/>
                 was mußte er sein. Immer an den gleichen Punkten kehrte <lb/>
                 er um, obwohl kein sichtbares Merkmal sie bestimmte; eine <lb/>
                 verdächtige Genauigkeit, die nur eine Schutzfarbe für un- <lb/>
                 ruhige Gefühle sein konnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Streng und störrisch arbeiteten die Öfen, schonungslos wü- <lb/>
                 tete das Gebläse. Keuchend preßte sich die Verbrennungs- <lb/>
                 luft durch die engen Rohrmündungen der Winddüsen, das <lb/>
                 Eisen kochte, es knisterte und sprudelte, es zerkochte zu <lb/>
                 einem feurigen Brei, der schaumig und voll zuckender Blasen <lb/>
                 war; sie zerplatzten mit einem kleinen, bösen Knall, unten <lb/>
                 im Herd sammelte sich die blendende Helligkeit des geschmol- <lb/>
                 zenen Metalls. Wenn es abgelassen wurde, war es ein zak- <lb/>
                 kiger, gefräßiger Glanz, wie man ihn manchmal des Spät- <lb/>
                 nachmittags an den Fenstern entfernter Häuser wahrnimmt, <lb/>
                 indem die Sonnenstrahlen in jenem Winkel aufs Glas treffen, <lb/>
                 der ihnen die Anwendung des physikalischen Gesetzes von <lb/>
                 der totalen Reflexion gestattet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wiederholt gab der Kaiser sein lebhaftes Interesse kund. Ein <lb/>
                 zerbrochenes Gußstück lag auf der Erde, er beklopfte es mit den <lb/>
                 Stiefelspitzen: »Unser Stahl ist besser als der englische, was?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Majestät,« versetzte der Freiherr, »wer daran zweifelte, <lb/>
                 wäre ein Landesverräter.« Der Kaiser schenkte ihm keine Be- <lb/>
                 achtung, er wollte mit den Arbeitern sprechen und von den <lb/>
                 Arbeitern Antwort haben. »Meine lieben Freunde!« rief er, <lb/>
                 hob das Gußstück auf und zeigte es herum, »hört auf diesen <lb/>
                 Block! Er ist nicht tot, er ist nicht stumm, er lebt und redet, <lb/>
                 er ruft euch zu: werdet stark wie Stahl! Das deutsche Volk, zu <lb/>
                 Stahl zusammengeschweißt, soll dem Feinde die Zähne zeigen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Da und dort verließ einer seinen Arbeitsplatz, sonst blieb
                <pb facs="#f0087" n="83"/>
                <lb/>
                 noch alles still. Eine große Leere war um den Kaiser. Das <lb/>
                 Eis muß ich brechen, sagte er sich, dies ist die Stunde, wo <lb/>
                 über alles entschieden wird. Dieser Gedanke beflügelte ihn, <lb/>
                 er gedachte den Klotz des Mißtrauens in schneidiger Attacke <lb/>
                 zu überrennen, eigentlich waren die Hemmungen ja mehr <lb/>
                 im Ort begründet als in den Menschen. Es war alles so fern, <lb/>
                 so fremd, so unverständlich, diese Hantierungen, diese Ar- <lb/>
                 beitseinteilungen blieben trotz ihrer Einfachheit und schein- <lb/>
                 baren Selbstverständlichkeit in tiefen Geheimnissen und <lb/>
                 schwierigen Hintergründen stecken. Der Laie konnte nicht <lb/>
                 in sie eindringen, aber er war ihnen ausgeliefert, er kam sich <lb/>
                 unsagbar hilflos vor, jämmerlich, überflüssig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Da war dieser Mann, der immerfort auf und ab ging; wie <lb/>
                 hinterhältig er aussah. Der Kaiser kam nahe an ihn heran: <lb/>
                 »Wir sollten uns über unseren Kleinmut schämen; der kommt <lb/>
                 aber dann, wenn man Gerüchten Glauben schenkt. Aus den <lb/>
                 Tatsachen, die ihr selber erlebt habt, solltet ihr den Glauben <lb/>
                 nehmen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Mann ließ sich dadurch nicht stören, er ging auf und <lb/>
                 ab, auf und ab. Mit betontem Trotz schaute er die Öfen an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese absichtsvolle Respektlosigkeit war erschreckend, <lb/>
                 man sah, wie der Mann an sich arbeitete, sein Herz zu ver- <lb/>
                 härten. Selbst dieses ideale Schaubild des heimlichen Empö- <lb/>
                 rers schien noch aus dem Drill eines preußischen Feldwebels <lb/>
                 hervorgegangen zu sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie ein von innen Gehetzter stürzte der Kaiser weiter; <lb/>
                 hinterher, beunruhigt und voll Spannung, der Freiherr. Stand <lb/>
                 es doch schlimmer, als er sich hatte eingestehen wollen? <lb/>
                 Hachenpoot fuhr den Assistenten an: »So schaffen Sie doch <lb/>
                 wenigstens mal die Meister und Vorarbeiter herbei!« Kurb- <lb/>
                 juhn war ihnen immer dicht auf den Fersen. Das heiße Eisen <lb/>
                 sickerte singend durch die Eingußkanäle, und mit einem <lb/>
                 dumpfen, kaum hörbaren Trillern der Windpfeifen entwich <lb/>
                 die Luft aus den Hohlräumen der Formen. Ovale Kappen <lb/>
                 aus Ton waren oben aufgesetzt, dort rann das Metall durch <lb/>
                 filtrierende Kammern, an deren Wänden sich der Schaum, <lb/>
                 Luft und Schlacke, abschied. Herr Drees sagte, geläufig und <lb/>
                 unbeirrt: »Es gibt sonst Poren im Guß.« </p>
            <pb facs="#f0088" n="84"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Halt da!« schrie Kurbjuhn, glücklich, sich endlich be- <lb/>
                 merkbar machen zu können, »die Form wird ja nicht voll! <lb/>
                 Gießkelle her, aber dalli, das gibt ja Kaltguß! War gerade <lb/>
                 genug Ausschuß für die Woche!« Zwei Männer, die mit dik- <lb/>
                 ken Säcken Arme und Beine verwickelt hatten, schleppten <lb/>
                 auf einer Gabel einen hundertpfündigen Kübel mit fließen- <lb/>
                 dem Eisen heran. »Wir dürfen doch unser nationales Gut <lb/>
                 nicht so verschleudern!« Großspurig stellte Kurbjuhn sich <lb/>
                 hin, aber es half ihm nichts, der Kaiser machte Jagd auf den <lb/>
                 gemeinen Mann, Er faßte einen Gießer an der Schulter; die <lb/>
                 Joppe war steif und schmierig und aus rauhem Papierstoff. <lb/>
                 Beim Anfühlen brannte das Zeug wie Brennesseln, deshalb <lb/>
                 trug der Mann ein altes Wams darunter, damit es nicht mit <lb/>
                 der Haut in Berührung kam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ihr seid brave Männer, die ihre Pflicht tun. Jeder von <lb/>
                 uns bekommt seine Aufgabe von oben zugeteilt. Du an dei- <lb/>
                 nem Amboß, ich auf meinem Thron.« Ganz nahe stand er <lb/>
                 dem Mann und ließ die Hand auf seiner Schulter liegen. »Ver- <lb/>
                 trauen gegen Vertrauen! Die schönste Eigenschaft des deut- <lb/>
                 schen Mannes ist die Treue, aus der Treue erwächst alles, <lb/>
                 was wir heute brauchen.« Der Mann kaute beharrlich an <lb/>
                 seinem Schnurrbart, blickte zur Seite und blieb stumm. »Un- <lb/>
                 ser Feldmarschall sagt: Es steht alles gut, die Kriegslage be- <lb/>
                 rechtigt zur größten Zuversicht.« Es war, als würden seine <lb/>
                 Worte von einem ungeheueren, kalten, mitternächtigen Ge- <lb/>
                 wölbe verschluckt. »Aber je mehr der Krieg sich seinem Ende <lb/>
                 nähert, um so weniger dürfen wir die Kräfte sinken lassen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Still, alles still, unermeßlich wuchs die Stille, auf einmal <lb/>
                 standen die Krane, die Stille wurde drohend, der Kaiser <lb/>
                 rüstete sich auf eine Entladung, ja, er fieberte danach, jetzt <lb/>
                 oder nie. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hunger!« grollte eine Stimme. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Langsam wanderten alle Augen zur Höhe, über all diese <lb/>
                 Eisenkörper hinweg, die plötzlich fahl und ausgepumpt und <lb/>
                 energielos waren, und blieben an dem Kranführer Adam <lb/>
                 Griguszies haften. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Leutwitz streifte den General mit einem Seitenblick: <lb/>
                 »Nu ja, wieder so’n Agitator.« </p>
            <pb facs="#f0089" n="85"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Hunger! — Hunger! — Hunger!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Tief und langgezogen wie ein Kanon wälzte sich das jetzt <lb/>
                 von der Decke herunter bis in die schwärzesten Winkel. Der <lb/>
                 Kaiser tiß sich herum und packte den General so heftig beim <lb/>
                 Ärmel, daß dieser, von der Bedeutung der Bewegung ergrif- <lb/>
                 fen, beinahe »Feuer!« kommandiert hätte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hunger! — Hunger! — Hunger!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In zögernden Klumpen drangen die Arbeiter vor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Majestät!« flüsterte besorgt der Freiherr und zuckte <lb/>
                 schmerzlich mit dem Kinn, aber schon stand Griguszies vor <lb/>
                 dem Kaiser. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im ersten Augenblick erschrak er selbst, doch sogleich <lb/>
                 schüttelte er diesen Rest von Untertanensinn, der ihm noch in <lb/>
                 den Knochen steckte, ab und nahm sich vor, eine Probe sei- <lb/>
                 nes revolutionären Mutes abzulegen. Er stellte sich vor, daß <lb/>
                 die Augen der Genossen in der ganzen Welt auf ihn gerichtet <lb/>
                 wären. Wenige Sekunden standen sich so die beiden schwei- <lb/>
                 gend gegenüber. Die Sporen des Kaisers klirrten noch leise <lb/>
                 nach von der Bewegung: »Gut, Leute, einer soll sprechen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir wollen Frieden«, sagte Adam Griguszies fest, aber <lb/>
                 weit zahmer, als es seine Absicht gewesen war. Außerdem <lb/>
                 schien es ihm nicht sonderlich revolutionär zu sein, Frieden <lb/>
                 zu fordern. Im Gegenteil, Krieg hätte er erklären müssen, <lb/>
                 Krieg bis aufs Messer. Er wurde darüber krebsrot vor Ärger; <lb/>
                 man deutete es als Verlegenheit. Mehrere Former unter Füh- <lb/>
                 rung von Fries rissen ihn weg, sie waren nicht damit einver- <lb/>
                 standen, daß er der Sprecher sein sollte. Er wehrte sich unge- <lb/>
                 stüm. »Keine Gewalttätigkeit!« schrie Kurbjuhn, wobei <lb/>
                 fraglich blieb, wen er meinte. Undurchdringlichen Gesichts, <lb/>
                 ein Vorbild soldatischer Härte und Unerschrockenheit, stand <lb/>
                 jetzt der General in dem entstehenden Tumult. Die Ruhe sei- <lb/>
                 ner Stimme setzte sich unheimlich durch: »Unsere Haupt- <lb/>
                 feinde sind zum Frieden noch nicht reif. Der Friede, den sie <lb/>
                 uns auferlegen wollen, würde für Deutschland dauernde Ar- <lb/>
                 beitslosigkeit zur Folge haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hinter einem Pfeiler stehend, beobachtete der Staatssekre- <lb/>
                 tär. Eine komische Gruppe: diese dreckigen Arbeitskittel, <lb/>
                 diese gebügelten Uniformen, diese gepflegten Anzüge aus
                <pb facs="#f0090" n="86"/>
                <lb/>
                 wirklichen Kammgarnen; diese abgegriffenen Käppchen, <lb/>
                 diese geschonten und wie Zinnober leuchtenden Feiertags- <lb/>
                 mützen, diese festen, schwarzen Hüte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszics war weitabgedrängt worden, nun schrie <lb/>
                 er herzhaft über die Köpfe weg: »Wir wollen, daß nicht mehr <lb/>
                 der ganze Gewinn aus unserer Arbeit in die Taschen der Un- <lb/>
                 ternehmer fließen soll!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Über Sandhaufen stürzend, bahnte sich Hachenpoot einen <lb/>
                 Weg und schwang sich auf einen eisernen Träger. »Denkt an <lb/>
                 die Millionen, die für WOHLFAHRTSZWECKE ausgege- <lb/>
                 ben worden sind! Niemals hat sich bei Risch-Zander das Ver- <lb/>
                 hältnis zwischen Werk und Belegschaft darauf beschränkt, <lb/>
                 ein bloßes Verhältnis von Arbeitsleistung und Entlohnung zu <lb/>
                 sein!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das wollen wir aber gerade! Ein sauberes, klares Ver- <lb/>
                 hältnis von Arbeit, Profit und Lohn, keine Wohlfahrtsmo- <lb/>
                 gelei!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hochaufgerichtet, die Wangen hektisch gerötet, hielt der <lb/>
                 Kaiser der Brandung stand. In einer Sekunde hatte er die pre- <lb/>
                 käre Lage vergessen, er war gleich weit entfernt von Feigheit <lb/>
                 und Tapferkeit, er genoß jetzt nur noch das Schauspiel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nur fest stehen und stark sein, dann kommt der Friede <lb/>
                 schon von selbst! Dann läßt sich über alles reden, was euch <lb/>
                 drückt. Jetzt aber steht die Tat noch über dem Wort. Der da <lb/>
                 oben kennt mein Gefühl der Verantwortung. Von Verlusten, <lb/>
                 Trauer und Sorgen ist kein Haus verschont geblieben, weder <lb/>
                 das Fürstenhaus noch das schlichte Arbeiterhaus. Glaubt mir <lb/>
                 wohl, es ist für mich nicht leicht, jeden Tag die Sorge der Ver- <lb/>
                 antwortung für ein Volk von siebzig Millionen zu tragen und <lb/>
                 dazu mehr als vier Jahre die zunehmende Not des Volkes zu <lb/>
                 sehen. Ich bin jahrelang an der Front gewesen, immer so nahe <lb/>
                 wie möglich, um meinen Truppen nahe zu sein, und ich habe <lb/>
                 auf meinen Fahrten durch das Land mit mancher Witwe, mit <lb/>
                 manchem Bauern und im fernen Osten und Westen mit man- <lb/>
                 chem Landwehr- und Landsturmmann gesprochen, der das <lb/>
                 Herz schwer hatte von Sorgen, die aber überstrahlt wurden <lb/>
                 von dem Gedanken: erst die Pflicht, das andere kommt spä- <lb/>
                 ter. In diesem Sinne haben wir denn auch eine zweite Mobil-
                <pb facs="#f0091" n="87"/>
                <lb/>
                 machung erlebt, eine großartige Mobilmachung ohne Unter- <lb/>
                 schied des Ranges, Alters und Geschlechts. Niemand war <lb/>
                 sich mehr zu schade für irgend eine Arbeit, die Vorrechte hör- <lb/>
                 ten auf, jeder fühlte sich als ein Teil vom Ganzen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hielt inne, nichts rührte sich. Ein feines Rieseln von <lb/>
                 Sand war vernehmbar. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Seht dort das Beispiel dieses alten Mannes!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Prophetisch streckte er den Arm aus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war der Jubilar, der unverdrossen fortarbeitete, jener, <lb/>
                 der immer behauptete, der Lohn sei nur für das Zeitliche, <lb/>
                 aber die Wohltätigkeit sei für das Ewige. Er saß da an seinem <lb/>
                 Formkasten wie ein Irrer, auf einem Stützbrett, wie es die <lb/>
                 Pflasterer auf den Straßen haben, und siebte unbekümmert <lb/>
                 um alles, was vor sich ging, siebte Sand auf sein Modell, <lb/>
                 stampfte ihn fest, strich das Überschüssige ab und puderte mit <lb/>
                 Kohlenstaub. Der Kaiser hielt ihn für ein außergewöhnliches <lb/>
                 Geschenk des Himmels, für eine überirdische Erscheinung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich habe euere Sorgen in tiefstem Herzen empfunden. Ich <lb/>
                 bin mit euer aller Sorge beladen. Ich habe vieles angeregt, um <lb/>
                 die Lasten zu mildern und zu verteilen. Es hätte manches <lb/>
                 anders gemacht werden können, und daß darüber hier und da <lb/>
                 Mißstimmung herrscht, ist kein Wunder. Es wird auch noch <lb/>
                 mit vielen Mißständen aufzuräumen sein, und manche Klas- <lb/>
                 senvorrechte werden noch fallen müssen, das wird keiner be- <lb/>
                 streiten wollen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß <lb/>
                 wohl in keinem Lande so viele Menschen wirtschaftlich und <lb/>
                 an Leib und Seele zu Grunde gehen wie in Amerika, das uns <lb/>
                 mit seiner Auffassung der Demokratie beglücken will.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies schien ihnen gut zu tun, allmählich wurde sein Schiff- <lb/>
                 chen flott und kam ins richtige Fahrwasser. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie konnte aber dieser Krieg kommen, wie konnte uns <lb/>
                 das alles passieren, da wir doch vierzig Jahre Frieden hatten? <lb/>
                 Ich habe lange darüber nachgedacht. Wir wissen alle aus un- <lb/>
                 serer Jugend, da haben wir es in der Schule gelernt, daß auf <lb/>
                 der Welt das Gute mit dem Bösen ficht. Das ist einmal von <lb/>
                 oben so eingerichtet; das Ja und das Nein. Das Nein des <lb/>
                 Zweiflers gegen das Ja des Erfinders, ich will mal so zu euch <lb/>
                 sagen: das Nein des Ungläubigen gegen das Ja des Frommen,
                <pb facs="#f0092" n="88"/>
                <lb/>
                 das Ja des Himmels gegen das Nein der Hölle. Nun, ich <lb/>
                 glaube, ihr werdet mir darin recht geben, daß dieser Krieg <lb/>
                 aus einer großen Verneinung hervorgegangen ist, und fragt <lb/>
                 ihr, welche Verneinung es ist, so will ich euch antworten, <lb/>
                 daß es die Verneinung der Existenzberechtigung des deut- <lb/>
                 schen Volkes ist, die Verneinung unserer Kultur, die Vernei- <lb/>
                 nung unserer Leistungen und nicht zuletzt die Verneinung <lb/>
                 unserer Arbeiterfürsorge. Das deutsche Volk war fleißig, in <lb/>
                 sich gekehrt, strebsam, erfinderisch auf allen Gebieten; es ar- <lb/>
                 beitete geistig und körperlich. Auf kargem deutschem Boden <lb/>
                 brachten wir Erzeugnisse hervor, die in solcher Vollkommen- <lb/>
                 heit und Wohlfeilheit selbst in den von der Natur gesegneten <lb/>
                 Ländern nicht zu haben waren. Es gab aber solche, die nicht <lb/>
                 zu arbeiten wünschten, das waren unsere Feinde, Wir kamen <lb/>
                 ihnen an die Nähte, durch Wissenschaft und Kunst, durch <lb/>
                 Industrie und Volkserziehung, und nicht zuletzt durch unsere <lb/>
                 soziale Gesetzgebung. Das wollen sie nun vernichten, damit <lb/>
                 sie wieder ungestört ihrer Faulheit leben können. Ihr Kraft- <lb/>
                 aufgebot gilt dir, deutscher Arbeiter, gilt deiner Zukunft, der <lb/>
                 Zukunft deiner Kinder und Kindeskinder. Sie wollen dir ein- <lb/>
                 reden, daß sie nicht gegen dich kämpfen, sondern nur gegen <lb/>
                 mich und meine Generale, gegen die deutsche Geldmacht, <lb/>
                 gegen das Kapital. Deutscher Arbeiter, glaubst du wirklich, <lb/>
                 daß die Feinde gegen diese allein jene Höllenmacht von Men- <lb/>
                 schen und Material aufgeboten haben? Glaubst du wirklich, <lb/>
                 daß sie dich schonen, dir eine glückliche Zukunft bringen wol- <lb/>
                 len? Die Feinde wissen es wohl, daß deine Kraft und deine <lb/>
                 Intelligenz Deutschland mit groß gemacht haben, Das Schick- <lb/>
                 sal Irlands und Indiens, wo Millionen sich jahrein, jahraus <lb/>
                 zum Vorteil des englischen Herrn und Gebieters abrackern, <lb/>
                 sollte dir ein abschreckendes Beispiel sein; nur um die gräß- <lb/>
                 lichen Folgen des wahnsinnigen, von ihnen leichtsinnig her- <lb/>
                 aufbeschworenen Krieges von sich abzuwenden und sie dir <lb/>
                 aufzubürden, dir, deinen Kindern und Enkeln, dafür setzen <lb/>
                 die Feinde mit der Verzweiflung des bankerotten Spielers die <lb/>
                 letzten Machtmittel der halben Welt ein. England will, daß <lb/>
                 jedes Volk in der Welt dasjenige erzeuge, wozu die Boden- <lb/>
                 schätze des Landes, sein Klima und die Eigenschaften seiner
                <pb facs="#f0093" n="89"/>
                <lb/>
                 Menschen es besonders befähigen. Was irgendwo auf der <lb/>
                 Erde besser und billiger wachsen und hergestellt werden kann <lb/>
                 als in Deutschland, das sollte nicht in Deutschland wachsen <lb/>
                 und hergestellt werden. Sie nennen das Rationalisierung der <lb/>
                 Wirtschaft, aber Rationalisierung ist kein deutsches Wort und <lb/>
                 wird von der deutschen Wirtschaft niemals gebraucht werden. <lb/>
                 Das deutsche Ideal ist, Erzeugnisse fremder Länder nicht ein- <lb/>
                 fach zu importieren, sondern sie im eigenen Lande nachzu- <lb/>
                 machen. England dagegen wollte, daß die Erzeugnisse der <lb/>
                 Länder sehr verschieden wären, daß jedes von allen anderen <lb/>
                 viel brauchte, und daß viel auszutauschen wäre. Denn nur so <lb/>
                 entstand ein großer Weltverkehr, und diesen wollte England <lb/>
                 besorgen. Das englische Ideal ist, die Welt als eine große Fa- <lb/>
                 brik zu sehen, worin jede Nation ihre wenigen besonderen <lb/>
                 Erzeugnisse zu billigsten Preisen herstellt, und wo England <lb/>
                 den Weltvermittler und Weltbankier spielt, während die an- <lb/>
                 deren Völker die niedere Arbeit leisten. Gelänge ihnen das, <lb/>
                 so wäre die gesamte deutsche soziale Gesetzgebung auf den <lb/>
                 Gebieten der Alters-, Invaliditäts-, Kranken-, Unfall-, Wit- <lb/>
                 wen- und Waisenversicherung, so wäre auch die gesamte <lb/>
                 deutsche Arbeiterbewegung mit ihren Errungenschaften und <lb/>
                 die immer weiter fortschreitende bürgerliche Gleichberechti- <lb/>
                 gung im öffentlichen Leben unseres Vaterlands, die vor allem <lb/>
                 gerade dem Arbeiter zugute kommt, so wäre das alles mit ei- <lb/>
                 nem Schlag zerstört, zerstört wahrscheinlich für immer. Der <lb/>
                 deutsche Arbeiter würde der Paria, der Auswurf der Mensch- <lb/>
                 heit werden! Überlegt das mit eueren Kameraden draußen, <lb/>
                 besprecht euch mit ihnen darüber! Wenn sich jeder von uns <lb/>
                 der Gefahren bewußt wird und bleibt, die uns von unseren <lb/>
                 Feinden drohen, dann weiß er auch, was die Stunde von ihm <lb/>
                 fordert!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mittlerweile hatte sich das Gedränge gelichtet, der angrei- <lb/>
                 ferische Haufen war zu einer Ansammlung individualistischer <lb/>
                 Zuhörer auseinandergerückt. Nicht wenige schluchzten leise <lb/>
                 und wischten sich verstohlen Tränen fort; wie ergreifend <lb/>
                 konnte nicht der Kaiser sprechen! Selbst die Verstocktesten <lb/>
                 wußten nicht, wie sie sich dem rhetorischen Schwung ent-
                <pb facs="#f0094" n="90"/>
                <lb/>
                 ziehen sollten, und lauschten aus reiner Höflichkeit; denn <lb/>
                 Höflichkeit, sagten sie sich, war schließlich nicht verboten, <lb/>
                 und auch die Revolution mußte mit energischer Vorsicht, mit <lb/>
                 resoluter Bedenklichkeit, kurzum mit Diplomatie gemacht <lb/>
                 werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber gerade dieser an sich günstige Umstand mußte dem <lb/>
                 Kaiser zum Verhängnis werden. Sein bestechliches, schnell <lb/>
                 auf Regungen des Augenblicks reagierendes und niemals <lb/>
                 kaltblütig auf weite Sicht disponierendes Naturell verführte <lb/>
                 ihn dazu, jetzt, wo er sie soweit hatte, schärfere Töne anzu- <lb/>
                 schlagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Tiefe unserer Kampfstellungen erlaubt uns, um un- <lb/>
                 nötige Opfer zu sparen, einige Linien zurückzunehmen. Der <lb/>
                 Feind weiß, daß unsere militärische Widerstandskraft unge- <lb/>
                 brochen ist, deshalb versucht er es mit der Zersetzung im In- <lb/>
                 neren. Unsere politischen Parteien sind nicht auf der Höhe, <lb/>
                 ihr Hader zerrüttet uns. Vier lange Jahre hindurch haben die <lb/>
                 Franzosen den Feind unmittelbar vor der Hauptstadt gehabt, <lb/>
                 wertvolle Landesteile sind dort auf Jahrzehnte, wenn nicht auf <lb/>
                 Jahrhunderte, vernichtet. Dennoch haben sie ihren Elan, ihren <lb/>
                 inneren Halt, ihren Glauben an die eigene Sache nicht verlo- <lb/>
                 ren. Schäme dich, deutscher Arbeiter, daß du dich von ihrem <lb/>
                 Nationalgefühl und von ihrer Heimatliebe übertreffen läßt!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der General rang innerlich die Hände, man mußte dem <lb/>
                 Verhängnis seinen Lauf lassen, Durch die Reihen lief Ge- <lb/>
                 murmel wie verschlafener Wind in dunklen Baumschluchten, <lb/>
                 ein Geröll umherspringender Laute unbestimmbaren Ur- <lb/>
                 sprungs erschütterte den Raum. Den Freiherrn schauerte es. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schäme dich, du deutscher Arbeiter, daß du dich von <lb/>
                 sinnlosem Gerede betören läßt!« Der Kaiser mißdeutete in <lb/>
                 seiner Erregung ihre Unruhe, er glaubte, sie rühre daher, daß <lb/>
                 sie in sich gingen, daß sie an ihre Brust schlügen. »Diese <lb/>
                 Flaumacherei kommt nicht aus den Kreisen des deutschen <lb/>
                 Volkes, diese Machwerke stammen von Elementen, die im <lb/>
                 Solde des Feindes stehen. Ein jeder, der auf Gerüchte hört <lb/>
                 und unverbürgte Nachrichten in der Eisenbahn oder in der <lb/>
                 Werkstatt oder anderswo weitergibt, gehört ins Zuchthaus, <lb/>
                 ganz gleich, ob er Graf sei oder Arbeiter! Wer aber das Herz
                <pb facs="#f0095" n="91"/>
                <lb/>
                 auf dem rechten Fleck hat, der verspreche mir hier an Stelle <lb/>
                 der gesamten deutschen Arbeiterschaft: wir wollen durchhal- <lb/>
                 ten bis zum Letzten, die Schwerter hoch, die Herzen stark <lb/>
                 und die Muskeln gestrafft zum Kampf gegen alles, was gegen <lb/>
                 uns steht, und wenn es noch so lange dauert. Dazu helfe <lb/>
                 uns Gott! Und wer das will, der antworte mit Ja!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja!« riefen der Freiherr und die Direktoren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja!« rief der General und trat zwei Schritte vor. Von <lb/>
                 Leutwitz, mit dem Instinkt der Kaste, stand sofort neben <lb/>
                 ihm. »Ja!« riefen sie nochmals beide, wie eine animierende <lb/>
                 Claque im Theater. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja!« riefen Herr Drees und sein Assistent. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja!« brüllte Kurbjuhn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es klatschte in die Totenstille hinein wie vereinzelte Re- <lb/>
                 gentropfen vor dem Gewitter. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja!« sagten nun auch die übrigen Meister und Vorarbei- <lb/>
                 ter, jedoch nicht im Chor, sondern nacheinander, als warte <lb/>
                 erst jeder das Stichwort des Vordermanns ab. Die Masse der <lb/>
                 Arbeiter stand lauernd da, sie stießen einander an die Ellen- <lb/>
                 bogen, nickten sich zu mit halb rückwärts gewandtem Kopf, <lb/>
                 blinzelten und schwiegen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja!« brüllte abermals Kurbjuhn aus Leibeskräften. Es <lb/>
                 knallte wie das Sausen eines Schnellzugs durch einen Tunnel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kaiser sank in sich zusammen, kalter Schweiß trat ihm <lb/>
                 auf die Stirn. Er schaute in Gesichter, die geringschätzig zu <lb/>
                 Boden gerichtet waren, monotone Gesichter von finsterem <lb/>
                 Trotz oder robuster Gleichgültigkeit. Er hatte ein Gefühl, <lb/>
                 als schrumpften alle seine Eingeweide. Langsam bildete sich <lb/>
                 eine Kruste um sein Herz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja!« quakte endlich noch der Jubilar, der nicht einmal <lb/>
                 wußte, worum es sich handelte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Minuten vergingen. Es kam nichts mehr. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der General war sich klar, daß jetzt ein starkes Herz und <lb/>
                 eine schweigsame Zunge vonnöten sei; er besaß beides. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fratzen glotzten den Kaiser an, das Weiße in ihren Augen <lb/>
                 schwelte fahl und böse. Er stand starr, vor ihm der Schutz- <lb/>
                 panzer des Generals. So hatte er doch noch die Geistesgegen- <lb/>
                 wart, den Schein zu wahren und sein Amt abzuschließen. </p>
            <pb facs="#f0096" n="92"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich danke euch. Mit diesem Ja gehe ich jetzt zum Feld- <lb/>
                 marschall. Und nun, Leute, lebt wohl!« Aber seine Stimme <lb/>
                 war dünn und welk, und seine Knie wankten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot winkte Herrn Drees zu sich heran. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich erwarte Sie um sechs Uhr in meinem Büro. Herr Per- <lb/>
                 sonalchef Wackerlein wird die Güte haben, bei unserer Un- <lb/>
                 terredung zugegen zu sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 FÜNFTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr war willens gewesen, an diesem Mittag im <lb/>
                 Namen der ganzen Industrie und im Kreise ihrer repräsen- <lb/>
                 tativsten Mitglieder zu geloben, daß man nicht erlahmen <lb/>
                 wolle, »bis Euer Majestät das Schwert in die Scheide befeh- <lb/>
                 len«. Nach den niederschmetternden Vorgängen in der Fa- <lb/>
                 brik kam es nicht dazu, er konnte nur noch ein paar ungewisse <lb/>
                 Worte zum Abschied sprechen: »Möge Gott Euerer Maje- <lb/>
                 stät die Kraft auch fernerhin erhalten zu den verantwortungs- <lb/>
                 vollen Entscheidungen, die nun auf dem Schlachtfelde wie <lb/>
                 späterhin am Verhandlungstisch zu treffen sein werden.« <lb/>
                 Wider seinen Willen klang es schwach und trostlos. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hals über Kopf reiste der Kaiser ab. Von der Fabrik fuhr <lb/>
                 er direkt zum Bahnhof und ließ sich durch keine Bitte bewe- <lb/>
                 gen, das Mittagessen noch auf Zandershöhe einzunehmen. Er <lb/>
                 war nicht verzweifelt, er war nur erzürnt und aufgebracht. <lb/>
                 England habe die unruhigen Elemente seines Volkes aufge- <lb/>
                 kauft, um sie aufzuwiegeln gegen ihren Herrscher, der vier <lb/>
                 Jahre lang Deutschlands Erde gegen jede Invasion verteidigt <lb/>
                 habe. Ob man vielleicht meine, er sei ein Tyrann? Ob man <lb/>
                 eine Ahnung habe, wie ihm das Herz blute, wenn er sein <lb/>
                 Volk so leiden sehe? Aber hier befehle nicht der Mensch, <lb/>
                 nicht der Monarch, sondern die Notwendigkeit, das Schick- <lb/>
                 sal. Der Mann aus dem Volke habe für seine Entbehrungen <lb/>
                 das allerhöchste Versprechen, welches ihm in der Zukunft <lb/>
                 Entschädigung und erweiterte Rechte zusichere. »Keinen <lb/>
                 Schritt tue ich mehr zu der Bagage! Wollen Sie, meine Her- <lb/>
                 ren, sich erkühnen, Hunger und Müdigkeit als Entschuldi-
                <pb facs="#f0097" n="93"/>
                <lb/>
                 gung für Vaterlandsverrat gelten zu lassen?« Von Grußen- <lb/>
                 baum erwiderte, den Hunger und die Müdigkeit hätten die <lb/>
                 Zivilorgane auf dem Gewissen. Der Staatssekretär zog die <lb/>
                 Brauen hoch. »Sehr richtig, Herr General, und eben das soll <lb/>
                 jetzt anders werden — soweit uns bei Ihren enttäuschenden <lb/>
                 Heeresberichten die Zeit dazu bleibt.« Der Kaiser brauste auf. <lb/>
                 »Zeigen Sie einen Weg, oder ich muß annehmen, daß Sie kei- <lb/>
                 nen wissen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich weiß einen Weg, aber er ist dunkel. Ich bezweifle, ob <lb/>
                 Euer Majestät sich entschließen werden, ihn zu gehen. Es <lb/>
                 wird leider niemand in der Lage sein, ihn für Euer Majestät <lb/>
                 zu erleuchten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachmittags zirkulierte in der Stadt das Gerücht, in der <lb/>
                 Risch-Zanderschen Fabrik sei auf den Kaiser ein Attentat ver- <lb/>
                 übt worden. Auch diejenigen, die es nicht für wahr hielten, <lb/>
                 hielten es wenigstens für wahrscheinlich und erzählten es als <lb/>
                 glaubhaft weiter. Viele Bürger sahen darin die Vollstreckung <lb/>
                 eines Gottesurteils, denn sie hegten die Meinung, daß es zwar <lb/>
                 kein Verbrechen sei, Kriege zu führen, wohl aber ein großes <lb/>
                 Verbrechen, Kriege zu verlieren. Sie konnten es dem Kaiser <lb/>
                 jetzt nicht mehr verzeihen, daß sie ihm immer so begeistert <lb/>
                 gefolgt waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wären nicht die Brot- und Fleischkarten gewesen, für die <lb/>
                 man obendrein nichts Anständiges haben konnte, und nicht <lb/>
                 die Schinderei mit all dem lausigen Schwindel, der als reelle <lb/>
                 Nahrung und Kleidung angepriesen wurde, und nicht die <lb/>
                 Gefahr, daß der Feind noch zuguterletzt ins Land käme —: <lb/>
                 so wäre an den Verhältnissen eigentlich nichts auszusetzen ge- <lb/>
                 wesen. Man hätte jeden Morgen im Generalanzeiger gelesen, <lb/>
                 wer befördert worden und wer den Heldentod fürs Vaterland <lb/>
                 gestorben war, wer das Eiserne Kreuz erster und zweiter be- <lb/>
                 kommen hatte, wer das Verwundetenabzeichen, wer das Ver- <lb/>
                 dienstkreuz für Kriegshilfe, und wer einen von den 247 übri- <lb/>
                 gen Orden der 26 deutschen Bundesstaaten. Wenn man satt <lb/>
                 wurde und sich ausschlafen konnte, war es gleichgültig, un- <lb/>
                 ter welchem System es geschah. Wenn im frisch-fröhlichen <lb/>
                 Jagen gesiegt wurde, wie es in den Lesebüchern stand, war es
                <pb facs="#f0098" n="94"/>
                <lb/>
                 gleichgültig, ob Krieg oder Frieden war. Aber man konnte <lb/>
                 sich eben nicht satt essen und sich nicht ausschlafen, und es <lb/>
                 wurde auch nicht mehr gesiegt. Daraus schloß auch die Bür- <lb/>
                 gerschaft des Industriereviers, daß das herrschende System <lb/>
                 einer Änderung dringend bedürftig sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Derweilen rannte Bilgenstock stundenlang wie ein gereiz- <lb/>
                 ter Löwe durch seinen Betrieb, der zunächst ahnungslos in <lb/>
                 Paradeaufstellung verharrte, bis es durchsickerte, daß er zu <lb/>
                 einem falschen Alarm mißbraucht worden war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstock hatte dreimal nach Zandershöhe telefoniert, <lb/>
                 zuerst stellte man sich dort, als wisse man überhaupt nichts <lb/>
                 von einem Besuch des Kaisers, das letzte Mal hieß es, der <lb/>
                 Kaiser habe die Stadt bereits wieder verlassen. Es war er- <lb/>
                 staunlich und rätselhaft. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Minute zu Minute verlotterte der Betrieb, nachdem <lb/>
                 sich die Spannung gelöst hatte. Vergebens kommandierte, <lb/>
                 fluchte, tobte Bilgenstock, durch diese Sache hatte seine Au- <lb/>
                 torität einen gewaltigen Stoß erlitten. Zynisch sagte der Assi- <lb/>
                 stent Schäfer: »Sie haben schon so viel verdientes Glück ge- <lb/>
                 habt, da dürfen Sie auch mal unverdientes Pech haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Drees war, trotz allem, bei weitem nicht so schlechter <lb/>
                 Laune wie Bilgenstock. Er hatte sich vorgenommen, wenn <lb/>
                 die Sache schon einmal vor dem Generaldirektor verhandelt <lb/>
                 würde, ordentlich auszupacken. Eine Anzahl seiner Kolle- <lb/>
                 gen, die er angerufen hatte, leitete eine Aktion ein, um ihm <lb/>
                 den Rücken zu stärken und sich notfalls mit ihm solidarisch <lb/>
                 zu erklären. Von allen Seiten wurde ihm in der Eile Material <lb/>
                 zugetragen. Jedenfalls wirkten sie vereint darauf hin, daß <lb/>
                 aus dem Einzelfall eine große grundsätzliche Aufrollung <lb/>
                 wurde; im Grunde waren sie schon mehr, als sie selbst dach- <lb/>
                 ten, von der revolutionären Handlungsweise der Arbeiter- <lb/>
                 schaft beeinflußt, nur daß sie entsprechend ihrer Vorbildung <lb/>
                 eine geschicktere Taktik mit ausgeklügelten Winkelzügen <lb/>
                 anwandten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Meister Kurbjuhn kam frech ins Büro und nahm un- <lb/>
                 aufgefordert Platz: »Da werden Sie wohl heute Abend Ihre <lb/>
                 Abkehr kriegen, Herr Drees?« Herr Drees ließ ihn sitzen,
                <pb facs="#f0099" n="95"/>
                <lb/>
                 klingelte seinem Assistenten und unterhielt sich mit ihm über <lb/>
                 technische Dinge. »Die Menschen sind eben verschieden, <lb/>
                 Herr Drees, es kann sich nicht jeder so gut Respekt verschaf- <lb/>
                 fen wie Herr Bilgenstock.« Herr Drees schien ihn weder zu <lb/>
                 hören noch zu sehen. »Nichts für ungut, Herr Drees, so’n <lb/>
                 Meister wie ich hat schon viele Betriebsführer scheitern se- <lb/>
                 hen. Sie waren noch lange nicht der schlechteste.« Er stand <lb/>
                 auf. »Kommen und gehen, das ist so der Welt Lauf. Machen <lb/>
                 Sie sich nur keine überflüssigen Gedanken, Sie waren ja schon <lb/>
                 mal im Feld, und nachher werden Sie schon anderswo wieder <lb/>
                 unterkommen. Es wird auch anderswo Brot gegessen, nicht <lb/>
                 bloß bei Risch-Zander. Aber die Hand zum Abschied nehmen <lb/>
                 Sie doch von mit, Herr Drees?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Drees tat sehr erstaunt: »Ach, Kurbjuhn? Aber <lb/>
                 selbstverständlich, es tut mir jetzt eigentlich leid, daß wir uns <lb/>
                 trennen sollen. Waren Sie schon länger im Zimmer? Sie <lb/>
                 müssen schon entschuldigen, wir hatten hier ein wichtiges <lb/>
                 Gespräch. Übrigens — ach so, daß ich das nicht vergesse: ge- <lb/>
                 hen Sie doch mal gleich in den Betrieb und rufen Sie den <lb/>
                 Kranführer Griguszies her.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Leider unmöglich, Herr Drees, ich komme gerade aus <lb/>
                 dem Betrieb und bin auf dem Weg zur Meisterstube.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diesmal war seine höhnische Renitenz nur ein Vorwand; er <lb/>
                 fürchtete sich nämlich. Die Gärung im Betrieb nahm zu, man <lb/>
                 mußte nun damit rechnen, daß sie »sich einen schnappten« <lb/>
                 und von hinten niederschlugen. Dagegen war ja wohl kein <lb/>
                 Kraut gewachsen, und die schönste Muskulatur hat wenig <lb/>
                 Wert, wenn man nicht dazu kommt, sie in Tätigkeit zu setzen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann bitte ich natürlich um Entschuldigung. Wollen also <lb/>
                 Sie die Freundlichkeit haben«, wandte sich Herr Drees an den <lb/>
                 Assistenten. »Nach allem, was vorgefallen ist, Kurbjuhn, <lb/>
                 kann ich verstehen, daß der Betrieb für Sie keinen Reiz mehr <lb/>
                 hat. Es trifft sich gut, daß die vierte Reparatur gerade einen <lb/>
                 kräftigen, furchtlosen, national zuverlässigen Meister gesucht <lb/>
                 hat. Sie haben wirklich Glück, Kurbjuhn, Sie sind der gege- <lb/>
                 bene Mann dafür. Ich denke, es wird Sie freuen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wollen Sie den Antrag vielleicht heute Abend zum Herrn <lb/>
                 Generaldirektor mitnehmen, Herr Drees?« </p>
            <pb facs="#f0100" n="96"/>
            <p>
                <lb/>
                 Kurbjuhn spottete so gemütlich, als säße er am Stamm- <lb/>
                 tisch. Das ging ihn ja alles nichts an, was der Mann da, der <lb/>
                 seit heute Morgen bei Risch-Zander auf der schwarzen Liste <lb/>
                 stand und dessen Geschick in Kürze besiegelt sein mußte, <lb/>
                 noch dienstlich aussagte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Antrag? Aber lieber Kurbjuhn, ich hatte geglaubt, Sie <lb/>
                 wüßten das schon alles, weil Sie sich doch von mir ver- <lb/>
                 abschieden wollten —? Sie sind doch auch sonst nicht <lb/>
                 schwer von Begriff. Die Betriebe haben ein Zirkular des <lb/>
                 Personalchefs bekommen, ob sie einen solchen Meister <lb/>
                 hätten, Personalien, Charakteristik und so weiter war bei- <lb/>
                 zufügen. Es war mir ein Vergnügen, Ihnen eine Freude <lb/>
                 zu bereiten, und außerdem wäre es ein Verbrechen am Ge- <lb/>
                 deihen der Firma gewesen, wenn ich verschwiegen hätte, <lb/>
                 daß ich in der Lage war, den richtigen Mana für den rich- <lb/>
                 tigen Platz zu stellen. Sie müssen mindestens zugeben, daß <lb/>
                 das zuviel Egoismus gewesen wäre. Soeben ist die Verfü- <lb/>
                 gung eingelaufen, daß Sie ab morgen zur vierten Reparatur- <lb/>
                 werkstatt versetzt sind.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kurbjuhn erblaßte. Darüber möchte er noch Herrn Fried- <lb/>
                 rich Bilgenstock befragen, stotterte er, ob er sich dabei beru- <lb/>
                 higen müsse, daß so etwas hinter seinem Rücken getrieben <lb/>
                 würde. »Wie?« fragte Herr Drees, »haben Sie uns denn ge- <lb/>
                 täuscht? Sind sie denn nicht kräftig, furchtlos und national <lb/>
                 zuverlässig?«— »Meinen Sie, ich wüßte nicht, daß das eine <lb/>
                 Strafversetzung ist? Das lasse ich nicht auf mir sitzen!« — <lb/>
                 »Ich bedauere, daß Sie die Motive der Firma so mißdeuten <lb/>
                 und auch so wenig Achtung vor Ihrer großen nationalen Auf- <lb/>
                 gabe bezeigen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kurbjuhn krümmte sich. Der Assistent brachte Adam <lb/>
                 Griguszies herein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie wollen mich jedenfalls rausschmeißen«, begann der <lb/>
                 Kranführer. »Meinetwegen. Aber denken Sie bloß nicht, <lb/>
                 daß ich zu Kreuze kriechen werde.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bei Ihren guten Beziehungen haben Sie das auch gar nicht <lb/>
                 nötig, Griguszies. Melden Sie sich morgen früh in Geschoß- <lb/>
                 dreherei III bei Herrn Bilgenstock.« Kurbjuhn horchte. »Ja, <lb/>
                 Meister, vielleicht hat Herr Bilgenstock auch einen Posten für
                <pb facs="#f0101" n="97"/>
                <lb/>
                 Sie, da Sie sich durch die ehrenvolle Berufung in die vierte <lb/>
                 Reparatur so gekränkt fühlen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszies fing laut zu lachen an: »Er in die vierte <lb/>
                 Reparatur, das ist aber komisch. Das wäre doch viel eher was <lb/>
                 für mich, wie, Herr Drees? Und Meister Kurbjuhn müßte <lb/>
                 von Rechts wegen zu Bilgenstock. Aber so geht das, alles <lb/>
                 wird auf den Kopf gestellt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kurbjuhn rückte mit einem plötzlichen Entschluß dicht an <lb/>
                 ihn heran: »Was haben Sie eigentlich mit Bilgenstock?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Da wird sicher auch Herr Drees neugierig drauf sein. War- <lb/>
                 um nicht, das darf man ruhig sagen, wo Herr Bilgenstock <lb/>
                 sich doch so edelmütig benommen hat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Umständlich und breit ausmalend erzählte er die Geschichte <lb/>
                 der Geschwister Griguszies. Herr Drees gab dem Assistenten <lb/>
                 einen Wink, sie machten beide Notizen. Kurbjuhn schluckte <lb/>
                 mehrmals, er war noch nicht völlig sicher, wessen Partei er er- <lb/>
                 greifen sollte. Vielleicht konnte er seine Position noch retten, <lb/>
                 wenn er sich gegen Bilgenstock kehrte? Wußte er denn nicht <lb/>
                 auch einiges von ihm? »Herr Drees, Herr Drees«, sagte er <lb/>
                 hastig, doch dieser bedeutete ihm ungeduldig, zu schweigen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ihre Schwester hat sich also für Sie aufgeopfert, Grigus- <lb/>
                 zies, das war von ihr bewundernswert, aber von Ihnen war es <lb/>
                 doch schofel, daß Sie die Sache geduldet haben. War Ihnen <lb/>
                 Ihre Schwester nicht zu schade dazu?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nichts und niemand ist im Interesse der Revolution für <lb/>
                 irgend eine Arbeit zu schade, alle Vorrechte haben aufgehört, <lb/>
                 jeder ist ein Teil vom Ganzen«, erwiderte großartig der Kran- <lb/>
                 führer, unwillkürlich kaiserliche Worte vom Morgen wieder- <lb/>
                 holend. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Drees saß noch lange da und erfuhr noch manches, <lb/>
                 denn auch Kurbjuhn schwatzte jetzt in einem fort. Herr <lb/>
                 Drees dachte sich dabei sein Teil, und wenn er diesen Mei- <lb/>
                 ster ansah, so wurde ihm Bilgenstock beinahe sympathisch, <lb/>
                 aber er schrieb alles auf, seine Verteidigung war eine dicke <lb/>
                 Anklageschrift gegen Friedrich Bilgenstock. Das ganze Büro <lb/>
                 mußte heran, damit sie rechtzeitig fertig wurde, Leni Milius <lb/>
                 hatte sich eine blaue Schürze vorgebunden und bediente mit <lb/>
                 blau beklexten Händen die Kopierpresse, der Assistent strich
                <pb facs="#f0102" n="98"/>
                <lb/>
                 vorüber und kniff ihr tröstend ins Ohrläppchen, abends wür- <lb/>
                 den sie zusammen ins Weinhaus Trocadero gehen, aber sie <lb/>
                 dachte dabei an ihren Bäcker, der Nachtschicht hatte, da <lb/>
                 konnte er am anderen Morgen ordentlich was abschleppen, <lb/>
                 vielleicht auch Milch und Rosinen, Sie faßte ein Blatt, um <lb/>
                 die Kopie zu prüfen, verdammt, hatte das wieder geschmiert, <lb/>
                 die ersten zehn Zeilen waren überhaupt nicht mehr zu lesen <lb/>
                 — wie, was stand da? Paula Griguszies? Das muß man lesen. <lb/>
                 »Nu sieh einer das scheinheilige Luder, mit dem Bilgenstock <lb/>
                 hat sie’s getrieben, also doch, und sie hat’s immer abge- <lb/>
                 stritten und man hat auch nichts davon gemerkt, und was <lb/>
                 hat sie uns immer ausgequetscht, was wir mit unseren täten, <lb/>
                 die Thomeszat und die Kestermannsche und mich, so ein <lb/>
                 Deuwel! Und ’nen dicken Bauch hat sie von ihm, das kommt <lb/>
                 von ihre Heimlichkeit, ich hätt’ ihr sagen können, wie sie’s <lb/>
                 machen soll.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Pünktlich um sechs stand Herr Drees in der Hauptverwal- <lb/>
                 tung auf dem Flur vor Hachenpoots Zimmer. Es war ver- <lb/>
                 schlossen, auch Wackerlein war nicht aufzufinden. Die Büro- <lb/>
                 diener wußten nichts Genaues, die Herren hätten zwar sagen <lb/>
                 lassen, daß sie um fünf Uhr kommen würden, aber es ver- <lb/>
                 lautete, daß sie mit dem Freiherrn auf Zandershöhe geblieben <lb/>
                 wären. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hinter den dicken Quadern des Hauptverwaltungsgebäu- <lb/>
                 des war es muffig kühl, ab und zu eilte ein höherer Ange- <lb/>
                 stellter mit einem Schriftstück über den Gang, in das er grüb- <lb/>
                 lerisch hineinsah, die Sorge größer Geschäfte und die Ruhe <lb/>
                 großer Planungen lasteten auf dieser Etage, die von den Di- <lb/>
                 rektoren bewohnt war. Herr Drees stellte sich an ein Fenster, <lb/>
                 das nach dem Hof ging, und wartete, unten balgten sich die <lb/>
                 Laufjungen mit den Fahrrädern, sicher war einer mit einem <lb/>
                 sauberen abgefahren und hatte sein dreckiges dafür hinge- <lb/>
                 stellt. Herr Drees sah nachdenklich zu. Gegen acht ging er <lb/>
                 nach Hause. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ganz früh am folgenden Morgen wurde er von Wacker- <lb/>
                 lein angerufen, er nahm seine Akte Bilgenstock untern Arm <lb/>
                 und ging hin, sie verhandelten eine Stunde hinter verschlos-
                <pb facs="#f0103" n="99"/>
                <lb/>
                 sener Tür. Als sie fertig waren, reichte ihm der Personalchef <lb/>
                 die Hand: »Ich danke Ihnen, Herr Drees. Nein, Sie brauchen <lb/>
                 sich nicht mehr zum Herrn Generaldirektor zu bemühen, ich <lb/>
                 werde ihn unterrichten. Es werden später noch mündliche <lb/>
                 Vernehmungen nötig sein, man wird Sie dann rufen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was lag dem Personalchef an Friedrich Bilgenstock? So <lb/>
                 wenig und so viel wie an Herrn Drees, aber dieser Fall war <lb/>
                 für ihn wieder Material gegen Hachenpoot, Frau Ella war <lb/>
                 doch sehr von diesem enttäuscht, er hatte seinen Humor zu <lb/>
                 schnell verloren, am Ende war er niemals echt gewesen. <lb/>
                 Wackerlein mußte sie auf dem Laufenden halten, sie war für <lb/>
                 strenge sittliche Zucht, wie würde sie sich entsetzen, wenn <lb/>
                 sie erfuhr, daß solche Zustände auf dem Werk eingerissen <lb/>
                 waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Generaldirektor, der in Übereinstimmung mit dem <lb/>
                 Freiherrn den gestrigen Vorfall schon wesentlich ruhiger be- <lb/>
                 urteilte und den Mantel der Gnade darüber breiten wollte, <lb/>
                 fing an zu kochen, als er hörte, daß Wackerlein schon einen <lb/>
                 Instanzenzug vorbereitet hatte. Er beschloß, die Sache zu <lb/>
                 verschleppen, denn er konnte sie nicht mehr vertuschen, und <lb/>
                 noch weniger konnte er Bilgenstock fallen lassen, denn das <lb/>
                 hätte eine Mißbilligung seines eigenen Systems bedeutet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Noch einmal hatte er Glück, die Akte Bilgenstock geriet <lb/>
                 durch die turbulenten Ereignisse der folgenden Wochen selbst <lb/>
                 bei Wacketlein in Vergessenheit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Überall war, ob eingestanden oder uneingestanden, Auf- <lb/>
                 regung und Vorahnung kommender Dinge genug, aber nir- <lb/>
                 gends war man so aufgescheucht wie auf Zandershöhe, denn <lb/>
                 nirgends hatte man sich so in Sicherheit gewiegt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Lichthof des Schlosses, wo an jenem Mittag die Indu- <lb/>
                 striellen versammelt waren, herrschte die tote, luftleere Hel- <lb/>
                 ligkeit eines photographischen Ateliers, das Tageslicht schien <lb/>
                 weiß übertüncht zu sein, all das erschlaffte Fett, all die ver- <lb/>
                 witterten Gesichtsfalten, die sonst von der auffrischenden <lb/>
                 Flut der Geschäfte retuschiert wurden, waren in bestürzender <lb/>
                 Schärfe herausgehoben. Wie auf Drähten bewegten sich die <lb/>
                 Diener. Der Freiherr hörte das Glasdach knistern, sah Risse
                <pb facs="#f0104" n="100"/>
                <lb/>
                 in den Wänden. »Unsinn,« redete er sich hundertmal ein, <lb/>
                 »wenn man nur genau hinhört und genau hinsieht, ist es <lb/>
                 nicht mehr da.« Am Ende existierte die ganze Geschichte <lb/>
                 vom Vormittag nur in ihrer Einbildung? Jetzt, in dieser <lb/>
                 Abgeschiedenheit seines herrschaftlichen Besitzes, mußte er <lb/>
                 fast darüber lächeln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schwerlich kann man sich eine seltsamere Mischung der <lb/>
                 Charaktere denken, als sie diese Großindustriellen darstell- <lb/>
                 ten. Der Unterschied der Generationen wurde an ihnen ein <lb/>
                 Unterschied der Wirtschaftsformen. Neben Herrn Romeike, <lb/>
                 dem ehemals selbständigen Kanonenfürsten, saß der greise <lb/>
                 Schellhase: beide noch Sprößlinge der fünfziger Jahre des <lb/>
                 vorigen Jahrhunderts, wo sich die Bodenschätze dem Grün- <lb/>
                 dergeist erschlossen hatten. Es mag dahingestellt bleiben, <lb/>
                 ob die Geschichte von den rostigen Nägeln, mit deren Samm- <lb/>
                 lung angeblich Schellhases Glück und Reichtum begonnen <lb/>
                 hatte, auf Wahrheit beruhte; wahr oder nicht, sie war ein <lb/>
                 Symbol für den Mann, der noch aus dem, was anderen abge- <lb/>
                 dient und unbrauchbar erschien, seinen Vorteil zu ziehen <lb/>
                 wußte. Tatsache war, daß Schellhase ebenso wie Herr Ro- <lb/>
                 meike oder der verstorbene Risch aus einer zwar ehemals <lb/>
                 nicht unbegüterten, doch zuletzt nicht mehr übermäßig wohl- <lb/>
                 habenden Familie stammte, und daß sein Vater noch mit Ko- <lb/>
                 lonialwaren gehandelt hatte. Er gehörte noch jenem ausster- <lb/>
                 benden Industriellentypus an, der in der Hauptsache aus tech- <lb/>
                 nischem Erfinderdrang zum Unternehmer geworden war und <lb/>
                 sich niemals, abgesehen von der Beschaffung des Anfangs- <lb/>
                 kapitals, Geld geliehen hatte. Er hatte seine Werke immer <lb/>
                 nur nach Maßgabe ihres Ertrages ausgedehnt, seine riesigen <lb/>
                 Hüttenanlagen, die fünfzehn Hochöfen umfaßten und Walz- <lb/>
                 werke mit Brücken- und Eisenbauwerkstätten vereinigten, <lb/>
                 waren die größten und modernsten der Zeit. Er war ein <lb/>
                 Patriarch, eine mythologische Größe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ihm gegenüber war ein Mann wie Ottokar Wirtz der ty- <lb/>
                 pische Unternehmer der hochkapitalistischen Epoche, der <lb/>
                 schon mitten im Fach geboren war und dessen Unternehmun- <lb/>
                 gen aus Lust am Risiko, an kaufmännischen Abenteuern ent- <lb/>
                 standen. Er schuf nicht mehr, er kaufte, kaufte, kaufte,
                <pb facs="#f0105" n="101"/>
                <lb/>
                 wahllos, Rentables und Unrentables. Trotzdem lag seinen <lb/>
                 Geschäften eine schöpferische Idee zugrunde, und seiner Idee <lb/>
                 eine große geistige Konzentration. Welches Maß an gedank- <lb/>
                 licher Elastizität, an Kombinationsgabe, an Dispositionsver- <lb/>
                 mögen mußte er aufbringen! Er warf zusammen, er legte <lb/>
                 still, er baute neu, er verfügte schon über einen Konzern mit <lb/>
                 offenen und versteckten Anteilen, mit ausgestreckten Füh- <lb/>
                 lern, unterirdischen Kanälen und allen Schikanen. An allem <lb/>
                 waren die Banken beteiligt, und es war kein Geheimnis mehr, <lb/>
                 daß er selbst im Begriff war, die Majorität einer Bank zu er- <lb/>
                 werben und sein eigener Bankier zu werden. Manche seiner <lb/>
                 Berufsgenossen betrachteten ihn mit Mitleid und Furcht; mit <lb/>
                 Mitleid, weil er nach ihrer Meinung seine Seele an die Börse <lb/>
                 verkauft hatte, und mit Furcht, weil diese Methodik nicht <lb/>
                 öffentlich war und auch weil sie besorgten, aus dem Verwun- <lb/>
                 derlichen könne eines Tages schnell das Wunderbare hervor- <lb/>
                 keimen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ottokar Wirtz hatte die Besessenheit des Metiers, etwas <lb/>
                 Unstetes, Flüchtiges, das er hinter einer nachdenklich ab- <lb/>
                 wägenden Sprache verbarg. Zugleich mit dem Menschen <lb/>
                 wurde die gesellschaftliche Macht sichtbar, die dahinter stand, <lb/>
                 und darüber hinaus auch das gesellschaftliche Schicksal, die <lb/>
                 Auflösung der übersteigerten Persönlichkeit, die Verästelung <lb/>
                 und Verflechtung der Interessensphären, der Übergang vom <lb/>
                 Selbstbewußtsein zum Klassenbewußtsein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Noch ein anderer war da, der sich ähnlich bewegte, das <lb/>
                 war Krogoll, der mit Ottokar Wirtz zusammen auf einem <lb/>
                 Zechenkontor in der Lehre gewesen war. Aber er war ein <lb/>
                 vorsichtigerer, und wenn man will, ehrlicherer Kaufmann; <lb/>
                 er ließ seine Pläne ausreifen, er hatte Zeit, er übernahm sich <lb/>
                 auch nicht. Neben Schellhase war er der einzige Katholik <lb/>
                 inmitten einer protestantischen Dreiklassenliberalität, und es <lb/>
                 war etwas in ihm von der Geduld und Zähigkeit seiner in <lb/>
                 Jahrhunderten denkenden Kirche. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von solchen mehr oder minder amerikanisierten Selfmade- <lb/>
                 men führte der nächste Schritt stracks zum Beamten. Die <lb/>
                 notwendige Ergänzung für einen Menschen, der in großen <lb/>
                 Umrissen denkt und in großem Tempo dahinschreitet, ist
                <pb facs="#f0106" n="102"/>
                <lb/>
                 der sachlich und organisch gliedernde Mensch. Die notwen- <lb/>
                 dige Ergänzung für Ottokar Wirtz war Näßler, der General- <lb/>
                 direktor; der Mann, der vom Gang der Ereignisse voraus- <lb/>
                 bestimmt schien, sein Erbe anzutreten; der beamtete Wirt- <lb/>
                 schaftler, aber noch nicht der reine Typ des leitenden Ange- <lb/>
                 stellten, der zum Beispiel Hachenpoot schon war. Als mensch- <lb/>
                 liche und wirtschaftliche Erscheinung bildete Näßler die Zwi- <lb/>
                 schenstufe vom Auftraggeber zum Beauftragten; er war nicht <lb/>
                 einfach auf einen Posten gesetzt worden, und er hatte mehr <lb/>
                 getan, als bloß seinen Posten befestigt und ausgebaut. Nie <lb/>
                 hatte er sich Vollmachten geben lassen, immer hatte er sich <lb/>
                 Freiheiten genommen. Als Ingenieur hatte er die Chance ge- <lb/>
                 habt, ein überschuldetes Eisenwerk zu modernisieren, und <lb/>
                 sie hervorragend genutzt. Als Ottokar Wirtz das Werk er- <lb/>
                 warb, wurde er für die große Welt entdeckt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war kein Zufall, daß er sich am besten mit Felgenhauer <lb/>
                 vertrug, der nur juristisch die Funktionen eines Generaldirek- <lb/>
                 tors versah, praktisch aber die unbeschränkte Initiative des <lb/>
                 freien Unternehmers besaß, und am wenigsten mit Kropf, <lb/>
                 dem Generaldirektor der Otto-Heinrich-Hütte, der sich so <lb/>
                 sehr als Exponent einer anonymen Familienmachtgruppefühl- <lb/>
                 te, daß er den ganzen Weg zurückführte und fast schon wie- <lb/>
                 der in der patriarchalischen Vergangenheit wurzelte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sieht man davon ab, daß dieser Kropf natürlich mehr <lb/>
                 wirtschaftliches Verständnis und mehr industriellen Sinn hatte <lb/>
                 als der Freiherr, überhaupt in diesem Milieu groß geworden <lb/>
                 war und folglich auch eine schmetternde Tätigkeit entfaltete, <lb/>
                 so kann man mit gutem Gewissen behaupten, daß er dem <lb/>
                 Freiherrn, was die Anhänglichkeit an die Tradition betraf, <lb/>
                 außerordentlich verwandt war. Beide waren daher auch eng <lb/>
                 befreundet; Risch-Zander und die Otto-Heinrich-Hütte mar- <lb/>
                 schierten in prinzipiellen Fragen nie getrennt, und die ein- <lb/>
                 zigen Aktionen, bei denen man nicht vorher miteinander be- <lb/>
                 riet, waren diejenigen, welche der »gesunde Wettbewerb« <lb/>
                 gebot. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im übrigen blieb die Person des Freiherrn als geschichts- <lb/>
                 bildende Kraft in diesem Kreise ebenso sehr außer Betracht <lb/>
                 wie die von Schellhase junior, der gleichfalls anwesend war.
                <pb facs="#f0107" n="103"/>
                <lb/>
                 War die Grundnatur des einen melancholisch und entwickelte <lb/>
                 sich dort aus dem Zwiespalt ihrer Anlagen eine außergewöhn- <lb/>
                 liche Entschlußlosigkeit, so war der andere nichts als schnei- <lb/>
                 dig, nichts als Fanfare, nichts als Anmaßung und Überheb- <lb/>
                 lichkeit; ein Assessor der Weltwirtschaft, ein Reserveleut- <lb/>
                 nant der Hochöfenbatterien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So sehr sich also auch diese Industriellen voneinander un- <lb/>
                 terschieden, so verfügte jeder von ihnen doch nur über das- <lb/>
                 jenige Maß von Individualität, welches ihm die Gattung <lb/>
                 innerhalb des augenblicklichen Stadiums der bestehenden <lb/>
                 Wirtschaftsordnung gestattete. Alle waren sie Produzenten, <lb/>
                 keiner war darunter, der nur mit fremden Produkten Handel <lb/>
                 trieb. Alle standen den Bedürfnissen des öffentlichen Lebens <lb/>
                 fremd gegenüber, alle waren bewundert, aber unbeliebt, mit <lb/>
                 keiner anderen Schicht waren sie innerlich verbunden. Es <lb/>
                 war eine Welt für sich, nach außen abgetiegelt durch über- <lb/>
                 kommene Formen und gravitätische Strenge, starrköpfig, <lb/>
                 eigensinnig und allein in sich selbst lebendig und elastisch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies alles erklärt hinreichend, daß dieser Kreis immer fest <lb/>
                 geschlossen und undurchbrechbar erschien; nach außen ver- <lb/>
                 trat er stets eine einheitliche Anschauung, zersplitterte er nie <lb/>
                 seine Machtmittel; nach innen ließ er zwar Auseinanderset- <lb/>
                 zungen zu, welche dem Blut frische Stoffe zuführten, blieb <lb/>
                 aber dabei der Erfahrung eingedenk, daß sich im Stillen alles <lb/>
                 am besten arrangieren lasse. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kein Wunder, daß sich die Industriellen an diesem denk- <lb/>
                 würdigen Tag auf Zandershöhe gegen den Staatssekretär zu- <lb/>
                 sammenschlossen. Jeder hielt die Zivilregierung für den <lb/>
                 eigentlichen Feind, der im Begriff war, Absatzkrisen herauf- <lb/>
                 zubeschwören, Produktionsumstellungen und Lohnbewegun- <lb/>
                 gen; denn mit den feindlichen Nationen hoffte man sich leicht <lb/>
                 zu verständigen, es brauchten nur wenige Industrielle aller <lb/>
                 Länder an einen Tisch gesetzt zu werden, um mehr zu er- <lb/>
                 reichen, als das eitle Geschwätz der Politiker je vermöchte. <lb/>
                 Dies und noch mehr gaben sie dem Staatssekretär mit über- <lb/>
                 triebener Deutlichkeit zu verstehen, der darüber nicht im <lb/>
                 mindesten verblüfft war. </p>
            <pb facs="#f0108" n="104"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Verzeihen Exzellenz, wenn ich die Sprache der Regierung <lb/>
                 nicht mehr verstehe,« hub Kropf an, »unsereiner hat wenig <lb/>
                 Fühlung mit Berlin.« Ottokar Wirtz sekundierte ihm: »Wir <lb/>
                 Industriellen des Westens werden dort als Gebrauchsgegen- <lb/>
                 stände behandelt. Man hört uns in Konferenzen an, tauscht <lb/>
                 Höflichkeiten mit uns und verabschiedet uns mißtrauisch.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Jawohl,« rief Hachenpoot, »ich habe immer das Gefühl, <lb/>
                 daß wir Industriellen des Westens für Berlin die Kulis sind, <lb/>
                 die brav schuften und brav verrecken können. Verzeihen Ex- <lb/>
                 zellenz, aber hierzulande ist man eben urwüchsig.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hierauf bemerkte Wackerlein anzüglich, obschon unter <lb/>
                 dem Schein eifriger Zustimmung, manche von ihnen hätten <lb/>
                 direkt das Gefühl, daß sie den Herren in Berlin zu dreckig <lb/>
                 wären. Wie ein unschuldig Verfolgter hielt er Hachenpoots <lb/>
                 wütenden Blicken stand. Das sei doch wohl eine unbegrün- <lb/>
                 dete Empfindlichkeit, beschwichtigte der Staatssekretär; <lb/>
                 Berlin wisse die großen Kenntnisse und Erfahrungen der <lb/>
                 Herren von Kohle und Eisen durchaus zu schätzen und beuge <lb/>
                 sich, obgleich nicht ihrem Diktat, so doch gern ihrem Rat. <lb/>
                 Gebotener Schlichter und Vermittler, bat der Freiherr, nicht <lb/>
                 darüber zu streiten, wer in der Vergangenheit versagt habe. <lb/>
                 »Lassen Sie uns ernsthaft nachdenken über das, was werden <lb/>
                 soll.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior war empört: eine Diskussion sei gar <lb/>
                 nicht statthaft; selbstverständlich müsse die Regierung fest <lb/>
                 bleiben; sie würde das Vaterland schädigen, wenn sie sich <lb/>
                 unter dem Druck irregeleiteter Massen zum Frieden zwingen <lb/>
                 ließe. Er, Schellhase junior, könne sich jedenfalls nicht den- <lb/>
                 ken, wie ohne Besitzzuwachs durch lothringische Minette <lb/>
                 ihre Schornsteine noch rauchen sollten. Der Alte nickte da- <lb/>
                 zu. Aber sie hätten doch auch vor dem Kriege ohne diese <lb/>
                 Bedingung geraucht, warf der Staatssekretär ein. — Das könne <lb/>
                 er heute nicht mehr begreifen, wie das möglich gewesen sei; <lb/>
                 übrigens habe er zu den Arbeitern das feste Vertrauen, daß <lb/>
                 keiner oder doch nur eine geringe Zahl von Minderwertigen <lb/>
                 sich darüber klar sei, welchen Schaden sie sich selbst zu- <lb/>
                 fügten. »Ich verstehe die Logik nicht«, sagte der Staatssekretär. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior schwieg pikiert. </p>
            <pb facs="#f0109" n="105"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Es sind nur die von auswärts Zugezogenen,« ereiferte <lb/>
                 sich nun auch der Freiherr, »durch welche eine der guten <lb/>
                 Überlieferung fremde Denkweise eindringt. Man kann schließ- <lb/>
                 lich auch nicht ohne weiteres verlangen, daß die fremden <lb/>
                 Arbeitermassen für den guten Geist der Rischianer volles Ver- <lb/>
                 ständnis haben, aber denjenigen, denen er ein Lebenswert <lb/>
                 geworden ist, liegt es ob, ihn auf die Eingewanderten zu <lb/>
                 übertragen.« Der Staatssekretär meinte, die Stunde sei zu <lb/>
                 kostbar für allgemeine Redewendungen; es sei nun einmal <lb/>
                 das Vorrecht primitiver Menschen, Gedanken offen auf der <lb/>
                 Stirn zu tragen. Sie sahen schief zu ihm hin; das war natürlich <lb/>
                 glatter Unsinn, was er da behauptete, eine von den verrück- <lb/>
                 ten Ideen aus dem dekadenten Berlin. Immerhin bestätigte <lb/>
                 Hachenpoot, daß die Lage erst dadurch kritisch geworden <lb/>
                 sei, daß die Arbeiter verlangten, mit den Unternehmern <lb/>
                 den Gewinn zu teilen. Eben hier, entgegnete der Staats- <lb/>
                 sekretär, liege der Schlüssel zu der künftigen Politik der <lb/>
                 Regierung; er selbst sehe sie zwar bereits im Prinzip, aber <lb/>
                 es würde ihn interessieren, Details von Sachverständigen <lb/>
                 zu hören. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hätte aussprechen dürfen, daß die Regierung den Kaiser <lb/>
                 absetzen, die Republik ausrufen und die Trennung von Kir- <lb/>
                 che und Staat durchführen werde — nichts von alledem hätte <lb/>
                 annähernd so revolutionär gewirkt wie diese Zumutung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dabei ist während des Krieges überhaupt nichts verdient <lb/>
                 worden! Alles mußte auf Berliner Befehl in neue Anlagen <lb/>
                 gesteckt werden!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bezweifeln Exzellenz etwa, daß der große Aufschwung <lb/>
                 Europas und Deutschlands im vorigen Jahrhundert das Pro- <lb/>
                 dukt des kapitalistischen Systems war, das auf dem Streben <lb/>
                 einzelner nach Eigentum und Gewinn beruht?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Glauben Exzellenz, daß dieses System sich dem Unter- <lb/>
                 gange zuneigt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein, meine Herren, das glaube ich nicht. Aber vielleicht <lb/>
                 unterliegen die äußeren Erscheinungsformen des Kapitalis- <lb/>
                 mus gewissen Wandlungen?« Er führte seine Hand mit einer <lb/>
                 Antwort fordernden Bewegung an der ganzen Reihe entlang <lb/>
                 und ließ sie unauffällig bei Ottokar Wirtz Halt machen. Kaum
                <pb facs="#f0110" n="106"/>
                <lb/>
                 eine Sekunde dauerte das, aber es wurde sofort von allen be- <lb/>
                 merkt, mindestens in dieser Beziehung waren sie hellsichtig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Tat konnte Ottokar Wirtz nicht der Versuchung <lb/>
                 widerstehen, als »Tatsachenmensch« unter die Anbeter <lb/>
                 schwindender Ideale zu treten, die in seinen Augen übrigens <lb/>
                 nur Nachbeter waren. Auch er hatte seine Illusionen, die ihn <lb/>
                 die Realitäten nicht immer erkennen ließen; dennoch mußte <lb/>
                 man ihn einen Realisten nennen, weil er mit den Realitäten <lb/>
                 wenigstens rechnete — freilich zu seinen Gunsten, doch wer <lb/>
                 wollte ihm das verübeln? Sah er auch ebenso wenig voraus <lb/>
                 wie die anderen, so machte er doch die Tatsachen, wenn sie <lb/>
                 einmal da waren, zur Grundlage seiner Handlungen, während <lb/>
                 die anderen sie zu unterdrücken wähnten, indem sie sie igno- <lb/>
                 rierten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Langsam und beinahe linkisch erhob er sich, denn er sprach <lb/>
                 fast immer stehend, weil er sich einbildete, seinen Zuhörern <lb/>
                 dann besser ins Auge sehen zu können; auch sprach er in <lb/>
                 Absätzen, nach Worten suchend, so daß es den Anschein <lb/>
                 hatte, als konzipiere er die Gedanken erst während seiner <lb/>
                 Rede. »Das Streben nach materiellen Erträgnissen bedeutet <lb/>
                 auf keiner Seite eine moralische Minderwertigkeit... Das <lb/>
                 Profitstreben des Unternehmers und das Lohnerhöhungsstre- <lb/>
                 ben des Arbeiters entspringt aus der gleichen Wurzel... Ge- <lb/>
                 sunder Egoismus ist weder dort noch hier ein Fehler, son- <lb/>
                 dern die Grundlage für allen wirtschaftlichen Fortschritt... <lb/>
                 Ein Überblick über die beiderseitigen Anschauungen läßt es <lb/>
                 nicht unmöglich erscheinen, in einer mündlichen Aussprache <lb/>
                 in manchen Fragen zu einer Annäherung zu kommen... <lb/>
                 Daß dies nicht in allen Fragen der Fall sein kann, ist leider <lb/>
                 eine Selbstverständlichkeit, denn gewisse Ansichten und <lb/>
                 Wünsche der Arbeiter stammen aus ihrer sozialistischen Auf- <lb/>
                 fassung... Diese zu ändern, wird uns ebensowenig gelin- <lb/>
                 gen, wie man von uns erwarten wird, daß wir unser Be- <lb/>
                 kenntnis zur freien Wirtschaft aufgeben...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mit einem Wort, wir müssen Herr im Hause bleiben«, <lb/>
                 unterbrach Kropf gereizt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber das hindert nicht, daß wir mit den Vertretern der
                <pb facs="#f0111" n="107"/>
                <lb/>
                 Arbeiter verhandeln... Es ist doch viel mehr eine Prestige- <lb/>
                 frage für sie als für uns... Es kommt nicht darauf an, daß <lb/>
                 sie gleichberechtigt sind, sondern daß sie sich für gleichbe- <lb/>
                 rechtigt halten können... Kommen wir ihnen hier entgegen, <lb/>
                 so wird es nachher nur an uns liegen, daß wir mit unserer <lb/>
                 erprobten Geschicklichkeit die Verhandlungen lenken und <lb/>
                 beeinflussen, nicht in der Sache, Exzellenz, nur in der Me- <lb/>
                 thodik, damit sie nicht ausarten und nicht ins Uferlose ab- <lb/>
                 schweifen... Wir haben bisher bei gewissen Anlässen Arbei- <lb/>
                 terausschüsse gebildet, aber wir haben gefügige Werkzeuge <lb/>
                 hineindirigiert, das muß aufhören... Wir haben, wenn sie <lb/>
                 für uns oder unsere Ziele zeugten, von den Argumenten der <lb/>
                 Arbeiterführer Gebrauch gemacht, so geht es nicht weiter, <lb/>
                 das müssen wir einsehen... Uns hat nämlich der richtige <lb/>
                 Instinkt gefehlt, wir hatten das Pech, daß die Arbeiterführer, <lb/>
                 die wir mit Wonne zitierten, immer solche waren, deren An- <lb/>
                 sehen bei den Arbeitern schon im Schwinden war... Solange <lb/>
                 sie es hatten, haben wir versäumt, uns ihrer zu bedienen... <lb/>
                 Wir müssen uns eingestehen, daß der Nachwuchs der Unter- <lb/>
                 nehmer frisches Blut aus den Kreisen der Arbeiter erhalten <lb/>
                 muß, daß die Arbeiterschaft unser großes Reservoir ist. <lb/>
                 Unsere Arbeiterausschüsse waren nichtssagende und neues <lb/>
                 Mißtrauen säende Konzessionen, die gegebenen Arbeiter- <lb/>
                 ausschüsse sind die Gewerkschaften... Wenn wir uns dazu <lb/>
                 aufraffen, sie als Verhandlungspartner anzuerkennen, werden <lb/>
                 wir keine Niederlage erlitten, sondern einen großen Sieg er- <lb/>
                 rungen haben... Wir werden eine glänzende Position in der <lb/>
                 öffentlichen Meinung bekommen, wir werden vielleicht ab- <lb/>
                 stoßen, was von unseren Gepflogenheiten sowieso nicht halt- <lb/>
                 bar ist, aber wir werden unserer Würde nichts vergeben und <lb/>
                 in allem, wo wir es für notwendig halten, um so sicherer <lb/>
                 unseren Standpunkt wahren...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und die Individualitäten vernichten!« rief Hachenpoot, <lb/>
                 worauf Krogoll fragte: »Glauben Sie wirklich, daß es in der <lb/>
                 Industrie so viele Individualitäten gibt?« Schellhase junior <lb/>
                 stieß hitzig hervor, daß er für diplomatische Finessen kein <lb/>
                 Verständnis habe, und daß er für seine Person nie und nim- <lb/>
                 mer mit den Gewerkschaften paktieren werde, es sei unsitt-
                <pb facs="#f0112" n="108"/>
                <lb/>
                 lich und ungesetzlich. Die übrigen schwiegen. Der Freiherr <lb/>
                 sah die Gesichter nur noch undeutlich; für einen kurzen <lb/>
                 Augenblick, wo sie ihr natürliches Licht zurückerhielten, <lb/>
                 entfernten sie sich voneinander, als ob neue Plätze zwischen <lb/>
                 ihnen eingeschoben würden. Die Unterhaltung ging weiter, <lb/>
                 sprang von dem unliebsamen Thema ab; kaum daß es auf- <lb/>
                 getaucht war, verging es wieder wie der konturlose Schatten <lb/>
                 einer fliehenden Wolke. Der Freiherr faßte schließlich das <lb/>
                 Ergebnis dahin zusammen, daß sie sich alle einig im Ziel <lb/>
                 seien, und wenn Meinungsverschiedenheiten über die ein- <lb/>
                 zuschlagenden Wege bestünden, so sei eben zu erwägen, ob <lb/>
                 nicht mehrere Wege zum Ziel führten; er glaube, im Namen <lb/>
                 der ganzen deutschen Industrie zu sprechen, wenn er dem <lb/>
                 Herrn Staatssekretär als Quintessenz ihrer Beratungen und <lb/>
                 als Richtschnur für ferneres Handeln die Mahnung mit auf <lb/>
                 den Weg gebe: LANDGRAF, WERDE HART! — </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dieser Ottokar Wirtz!« sagte Hachenpoot spätabends zu <lb/>
                 ihm. »Ich wette, es hat ihm bloß Spaß gemacht, anders auf- <lb/>
                 zutreten und anders zu sprechen, als es in unseren Kreisen <lb/>
                 üblich ist. Er hat ganz recht, wir haben zu wenig Humor, <lb/>
                 wir nehmen alles zu ernst.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 BERICHT DES GENERALANZEIGERS </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Nacht zum Freitag sind große Abteilungen revolu- <lb/>
                 tionärer Massen mit roten Schildern und Fahnen und um- <lb/>
                 gehängten Gewehren eingetroffen. Sie betraten nach kurzer <lb/>
                 Auseinandersetzung mit der Wachmannschaft die Stadt, fan- <lb/>
                 den hier rasch Zulauf und schritten in den frühen Morgen- <lb/>
                 stunden zur Befreiung der Gefangenen. Die Verbrecher blie- <lb/>
                 ben in Haft. Alsdann zogen die Trupps zu den Zechen und <lb/>
                 Fabriken, wo sich ihnen viele Arbeiter und Arbeiterinnen <lb/>
                 anschlossen. Während des Durchzugs durch die Stadt wur- <lb/>
                 den vielfach Zigarrengeschäfte und Waffenläden geplündert. <lb/>
                 Die Bahnhofskommandantur wurde entwaffnet und die dort
                <pb facs="#f0113" n="109"/>
                <lb/>
                 lagernden Waffen in Besitz genommen. Um neun Uhr fand <lb/>
                 auf dem Marktplatz eine stürmische Versammlung statt, wo- <lb/>
                 zu sich eine unübersehbare Menschenmenge eingefunden hat- <lb/>
                 te, die stündlich anschwoll. Im Anschluß daran wurde ein <lb/>
                 Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Auf den Fabrikgebäuden <lb/>
                 und auf den öffentlichen Gebäuden wurden rote Fahnen ge- <lb/>
                 hißt. Die Entfernung einer solchen Flagge am Hauptpostamt <lb/>
                 durch einen Offizier führte zu einem Zusammenstoß, wobei <lb/>
                 der Täter erschossen wurde. Mannschaften und Offiziere <lb/>
                 wurden von geschlossenen Zügen feiernder Arbeiter zur Ab- <lb/>
                 gabe der Waffen aufgefordert, auch die Straßenbahnwagen <lb/>
                 wurden angehalten, Soldaten mußten aussteigen und Waffen <lb/>
                 abgeben, Offiziere außerdem die Achselstücke entfernen. Die- <lb/>
                 sen Forderungen wurde überall ohne Widerstand entspro- <lb/>
                 chen. Die auf den Fabriken und Zechen arbeitenden Kriegs- <lb/>
                 gefangenen wurden befreit und mischten sich in die Umzüge. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Thron <lb/>
                 zu entsagen. Die Umwälzung vollzog sich im allgemeinen <lb/>
                 ruhig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Chef der Landwehrinspektion, der Oberbürgermeister <lb/>
                 und die Direktoren der Fabriken und Zechen unterstellten <lb/>
                 sich den Wünschen des Arbeiter- und Soldatenrats und wer- <lb/>
                 den mit ihm zwecks Vermeidung von Blutvergießen zusam- <lb/>
                 menwirken. In einem Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrats <lb/>
                 wird gesagt, daß er zusammen mit der Polizeiverwaltung im <lb/>
                 gesamten Stadtgebiet die öffentliche Ruhe, Sicherheit und <lb/>
                 Ordnung aufrecht erhalten wird. Die Bevölkerung wird auf- <lb/>
                 gefordert, seinen Weisungen unverzüglich Folge zu leisten. <lb/>
                 Gegen Überfälle auf Leben und Eigentum wird mit der <lb/>
                 Waffe eingeschritten werden. Wer plündert, wird erschossen. <lb/>
                 Jeder muß unverzüglich seinen Geschäften nachgehen, kein <lb/>
                 Streik darf den Arbeitsverkehr stören. Die Aufrechterhal- <lb/>
                 tung der Hütten- und Zechenbetriebe ist eine unbedingte Not- <lb/>
                 wendigkeit. Alle dringenden Fragen werden durch die Orga- <lb/>
                 nisationen besprochen. Jeder Arbeiter muß in Ruhe das Er- <lb/>
                 gebnis der Besprechungen abwarten. Durch eigenmächtiges <lb/>
                 Vorgehen wird der regelmäßige Gang des Wirtschaftslebens <lb/>
                 gestört, und das stellt eine große Gefahr dar in dem Augen-
                <pb facs="#f0114" n="110"/>
                <lb/>
                 blick, wo Hunderttausende aus dem Feld zurückkehren und <lb/>
                 in die Betriebe eingestellt werden müssen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die großen Arbeitgeberverbände vereinbarten mit den Ge- <lb/>
                 werkschaften der Arbeitnehmer, daß diese als berufene Ver- <lb/>
                 tretung der Arbeiterschaft anerkannt werden. Eine Beschrän- <lb/>
                 kung der Koalitionsfreiheit der Arbeiter und Arbeiterinnen <lb/>
                 ist unzulässig. Die Arbeitgeber werden die Werkvereine <lb/>
                 fortan vollkommen sich selbst überlassen und sie weder mit- <lb/>
                 telbar noch unmittelbar unterstützen. </p>
            <pb facs="#f0115" n="111"/>
            <p>
                <lb/>
                 BESTÜRZUNG </p>
            <p>
                <lb/>
                 SECHSTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die große Weihnachtsüberraschung war der jähe Schwund <lb/>
                 von Schnee und Frost und der Übergang zu warmem Regen- <lb/>
                 wetter, eine meteorologische Erscheinung, die zu den interes- <lb/>
                 santesten Ereignissen des sogenannten Revolutionswinters <lb/>
                 gehörte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seit Tagen hatte ein scharfer und unabgestufter Witterungs- <lb/>
                 gegensatz zwischen dem Osten und Westen Europas bestan- <lb/>
                 den. Von den Azoren her war eine mächtige Woge tropischer <lb/>
                 Luft über Frankreich bis zu den britischen Inseln vorgedrun- <lb/>
                 gen, aber abgeprallt an dem Kälteklotz, der schwer und unbe- <lb/>
                 weglich über dem östlichen Festland lagerte. Auf dem atlan- <lb/>
                 tischen Ozean sank das Barometer unter 740, die skandinavi- <lb/>
                 schen Eiswinde wurden hierdurch heftig angesaugt und hat- <lb/>
                 ten ein gewaltiges Gefälle. In Deutschland verstärkte sich der <lb/>
                 Frost, der Oststurm trug ihn über die blanke Ebene, raste mit <lb/>
                 ihm auf offener Straße vor, sauste gegen den schlohweißen <lb/>
                 Nachthimmel, knallte nieder auf Dörfer und Städte. Große <lb/>
                 Mengen Schnee fielen in Holland, wo die wärmere Zone be- <lb/>
                 gann, weite, weiße, gleitende Flächen Schnee. Auf einer fünf- <lb/>
                 hundert Kilometer langen Front von der Zuidersee rheinauf- <lb/>
                 wärts bis zu den Alpen standen sich die gegnerischen Luft- <lb/>
                 strömungen gegenüber. Am Heiligen Abend kam es zur Ent- <lb/>
                 scheidungsschlacht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Den unmittelbaren Anlaß zu dem großen Wettersturz, der <lb/>
                 während der Feiertage ganz Deutschland Tauwetter brachte, <lb/>
                 bildete ein überraschender Anstieg des Luftdruckes in Frank- <lb/>
                 reich. Mit Temperaturen von fünfzehn Grad Wärme gelangte <lb/>
                 nunmehr der Westwind rasch an den Rhein, wo der Gefrier- <lb/>
                 punkt schon um fünf Grad überschritten wurde, während <lb/>
                 hundert Kilometer nordöstlich, im Münsterland, noch acht <lb/>
                 Grad Kälte herrschten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit wechselndem Geschick ging der Kampf eine Zeitlang <lb/>
                 hin und her. </p>
            <pb facs="#f0116" n="112"/>
            <p>
                <lb/>
                 Neue Wellen durchkälteter Luft stießen aus dem Reservoir <lb/>
                 des skandinavischen Hochdrucks vor und schlugen den West- <lb/>
                 strom weit zurück, am Morgen des ersten Feiertags stand das <lb/>
                 Thermometer am Rhein schon wieder vier Grad unter Null, <lb/>
                 der Oststurm fetzte das Gras und die Ginsterbesen an den <lb/>
                 Böschungen, sprang gegen die Fenster, die ächzten und krach- <lb/>
                 ten, kehrte die Straßen rein von Staub und Menschen und <lb/>
                 Unrat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Inzwischen hatten sich die Schneefälle ins norddeutsche <lb/>
                 Binnenland verschoben, es trat eine Ruhepause von mehreren <lb/>
                 Stunden ein, die feindlichen Luftströmungen setzten sich <lb/>
                 abermals fest, aber die östliche hatte ihre in aller Eile zusam- <lb/>
                 mengerafften Reserven erschöpft und wurde am frühen Nach- <lb/>
                 mittag vom Angriff einer zweiten, wesentlich kräftigeren <lb/>
                 Wärmestaffel überrannt. Mit einer Stundengeschwindigkeit <lb/>
                 von hundertzwanzig Kilometern rückte das Tauwetter in brei- <lb/>
                 ter Front nach Nordosten vor, gegen Abend war die Frost- <lb/>
                 grenze bis zur Linie Hamburg-Berlin-Dresden zurückge- <lb/>
                 drängt, um Mitternacht lag sie schon östlich der Oder. Vieler- <lb/>
                 orts hatte der Regen eingesetzt, bevor sich die Luftschichten <lb/>
                 unmittelbar am Boden erwärmen konnten, die Straßen glänz- <lb/>
                 ten von glattem geschliffenem Eis. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am zweiten Feiertag waren alle europäischen Länder außer <lb/>
                 Skandinavien und Rußland frostfrei. Der Kern des kalten <lb/>
                 Hochdrucks war nach Sibirien entwichen, das warme Druck- <lb/>
                 zentrum hielt sich jetzt in den Pyrenäen auf und bestimmte <lb/>
                 von hier aus die Wetterlage Europas. Es blieb auch über den <lb/>
                 Jahresschluß hinaus mild und regnerisch, bei der Kohlen- <lb/>
                 knappheit ein großes, kaum erhofftes Glück. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber überall in den Häusern saß die Kälte noch, als ein <lb/>
                 übelriechendes Gespenst hockte sie da und trieb die Men- <lb/>
                 schen hinaus, in die politischen Versammlungen, in die Kir- <lb/>
                 chen, Kinos und Tanzlokale, wo sie sich aneinander wärmen <lb/>
                 konnten. Es gab das neue Schlagwort von der Verstaatli- <lb/>
                 chung der Betriebe, es gab neue Sekten, neue Aufklärungs- <lb/>
                 filme und neue Tänze, all das braute sich zu einem Schwaden <lb/>
                 zusammen, der in die Köpfe stieg und jene Summe von Trun- <lb/>
                 kenheit erzeugte, die das dünne schwachprozentige Bier nicht
                <pb facs="#f0117" n="113"/>
                <lb/>
                 zustandebrachte, weil es, kaum genossen, als klares Wasser <lb/>
                 wieder fortlief. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nu sitzt man auf der Kohle und muß sich trotzdem die <lb/>
                 Knochen erfrieren lassen,« schimpfte Herr Edelbert Körsch- <lb/>
                 gen im Arbeiterpersonalbüro, »seit die Roten am Ruder sind, <lb/>
                 lassen sich die Herren Arbeiter fürs Faulenzen bezahlen, <lb/>
                 Streik, Streik und wieder Streik. Proteststreik wegen der Ver- <lb/>
                 haftung irgend so ’ner Kanaille. Sympathiestreik für ausstän- <lb/>
                 dische Kumpels. Solidarität mit Rosa Luxemburg oder irgend <lb/>
                 ’nem andern Hurendreck. Und immerzu mehr Lohn, mehr <lb/>
                 Lohn. Die paar Tage, wo noch auf den Zechen Seilfahrt ist, <lb/>
                 kommt nicht mal ’n Sechstel der täglichen Friedensförderung <lb/>
                 raus. Das hätte mal passieren sollen, als wir noch unsern Kai- <lb/>
                 ser hatten!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ga, es ist ein Gammer, ein Gammer«, bestätigte Johann <lb/>
                 Bermel, der Bürodienet, der durch Körschgens Fürsprache in <lb/>
                 die Klasse der »vierzehntäglich Besoldeten« aufgerückt war. <lb/>
                 Es wurden zwar keine Marken in der Angestelltenversiche- <lb/>
                 rung für ihn geklebt, er war noch Arbeiter, aber er war ein ge- <lb/>
                 hobener Arbeiter, dem die Sonn- und Feiertage bezahlt wur- <lb/>
                 den. Er hauchte kräftig auf das Thermometer: »Sind aber <lb/>
                 jetzt siebzehn Grad hier, Herr Körschgen, wie Sie ’s wün- <lb/>
                 schen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Heizkörper sind ganz kalt, fühlen Sie mal!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bermel fühlte nach, eisig, eisig, das hatte er sowieso ge- <lb/>
                 wußt. Er drehte am Ventil herum, fuhr mit der Hand den <lb/>
                 ganzen Radiator entlang bis zum Fußboden und sagte ernst- <lb/>
                 haft: »O, aber unten wird es schon ein bißchen warm, geht <lb/>
                 eben langsam, Herr Körschgen, kein Druck auf’m Dampf, <lb/>
                 nix zu machen, hat alles keinen Zweck, wenn wir reklamie- <lb/>
                 ren, machen uns die Kesselanlagen bloß Schikanen, is nu mal <lb/>
                 kein Dampf da, sollen sehen, wird schon wieder so langsam <lb/>
                 werden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Is gut, Bermel — eigentlich soll’s jetzt <hi rendition="#g">Herr</hi> Bermel hei- <lb/>
                 ßen, das Direktorium hat extra ’ne Verfügung erlassen über <lb/>
                 die Anrede der Arbeiter und Angestellten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bei mich brauchen Sie die neue Mode nicht einzuführen, <lb/>
                 Herr Körschgen.« </p>
            <pb facs="#f0118" n="114"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Nee, wir sind alte Bekannte, Bermel. Aber das will ich <lb/>
                 Ihnen sagen, ’s war früher ’n Unrecht. Wenn der Freiherr die <lb/>
                 Geschenke an die Jubilare verteilte, dann wurden erst die Be- <lb/>
                 amten aufgerufen, Herr Schulz, Herr Müller, Herr Schneider, <lb/>
                 dann kamen die Arbeiter dran, Schulz, Müller, Schneider, <lb/>
                 hieß es da auf einmal. Bermel, das war ’n Unrecht. Wer hat <lb/>
                 dagegen protestiert? Ich, Bermel, ich hab? protestiert als <lb/>
                 Schriftführer des Werkvereins, ich hab’s dem Freiherrn ins <lb/>
                 Gesicht gesagt, daß das eine Ehrverletzung für die Arbeiter <lb/>
                 ist, er hat mich bloß angeschaut, aber nachher ist es grad um- <lb/>
                 gekehrt gemacht worden, auch bei den Beamten blieb der <lb/>
                 Herr weg. Sehn Sie, Bermel, das ist’s, was früher gefehlt hat, <lb/>
                 das Verständnis für das Ehrgefühl der Untergebenen. Wir im <lb/>
                 Werkverein haben da manches gebessert, aber dafür hat man <lb/>
                 uns von unten verfolgt und von oben aufgelöst.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ga, Herr Körschgen, Undank ist der Welt Lohn«, sagte <lb/>
                 Johann Bermel und hauchte abermals auf das Thermometer, <lb/>
                 »immer noch siebzehn Grad, Herr Körschgen, ’s scheint <lb/>
                 jetzt standzuhalten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Is gut, Bermel, und passen Sie gut auf, daß ich keinen un- <lb/>
                 gebetenen Besuch hier kriege.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Keine Bange, Herr Körschgen, wir weichen da vorn nur <lb/>
                 die Übermacht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er ging. Edelbert Körschgen schloß hinter ihm die Tür <lb/>
                 ab. Seine Augen irrten über die Wand, wo in dem verschos- <lb/>
                 senen Anstrich eine unverblaßte Stelle von der Größe eines <lb/>
                 Aktendeckels war. Das Kaiserbild, das dort gehangen hatte, <lb/>
                 war jetzt im untersten Schreibtischfach versteckt, es war zu <lb/>
                 gefahrvoll, es draußen zu lassen. Die Demobilmachung der <lb/>
                 Kriegsbelegschaft war in vollem Gange, im Arbeiterpersonal- <lb/>
                 büro ging es drunter und drüber, ein Trubel von Kommen- <lb/>
                 den und Gehenden wie auf einem Bezirkskommando in den <lb/>
                 ersten Tagen des Krieges. Niemand hatte mehr Respekt vor <lb/>
                 Türen, auf denen »Verbotener Eingang« stand; obwohl sein <lb/>
                 Zimmer ganz abseits lag, waren die Skandalmacher ein paar <lb/>
                 Mal bei Herrn Körschgen eingedrungen, er mußte sich daher <lb/>
                 immer einschließen. </p>
            <pb facs="#f0119" n="115"/>
            <p>
                <lb/>
                 Zuerst waren die Arbeiterinnen zur Entlassung gekommen, <lb/>
                 damit hatte er aber nichts zu tun gehabt. Die Firma hatte <lb/>
                 ihnen durch die Gewerkschaftsvertreter mitteilen lassen, daß <lb/>
                 keine Arbeit mehr für sie da wäre und ihre Plätze für die zu- <lb/>
                 rückkehrenden Krieger freigemacht werden müßten; jetzt <lb/>
                 hätten sie noch Gelegenheit, in Geschäften und Haushaltun- <lb/>
                 gen unterzukommen, sie sollten sich also beeilen. Nun wollte <lb/>
                 jede so schnell wie möglich hinaus, ein Schub kam auf den <lb/>
                 anderen, die Vorsteherin schuftete bis in die späte Nacht hin- <lb/>
                 ein. Herr Körschgen hielt sich ganz zurück, er hatte seinen <lb/>
                 Kopf, man war ihm damals zu nahe getreten, als man ihm die <lb/>
                 Arbeiterinnenfürsorge abnahm und der Schwägerin des Per- <lb/>
                 sonalchefs zuschanzte, mochte man also auch jetzt ohne ihn <lb/>
                 fertig werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was waren das für Zeiten gewesen, als er die spitzen Mäd- <lb/>
                 chenbrüste untersuchte, wenn sich die jungen Dinger zur Ar- <lb/>
                 beit meldeten, das Wasser lief ihm im Mund zusammen, dach- <lb/>
                 te er daran. Was war denn schon dabei gewesen, sie hatten es <lb/>
                 doch alle gern gehabt, die Anzeige damals beim Direktorium <lb/>
                 war nur ein Racheakt von solchen, die er verschmäht hatte; <lb/>
                 sie war auch nicht gewürdigt worden, man hatte ihn nicht ein- <lb/>
                 mal verhört, er war ein verdienter Beamter, daran war nicht <lb/>
                 zu deuteln; man hatte ihm einfach »diese Person« da neben- <lb/>
                 hin gesetzt und ihn so vor ferneren Versuchungen bewahrt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er freute sich über jede Schwierigkeit, die in der weibli- <lb/>
                 chen Abteilung entstand, und über jedes Mißgeschick, das <lb/>
                 der Vorsteherin zustieß. Wo er ihr etwas in den Weg legen <lb/>
                 konnte, da tat er es. Ohne jeden Grund ließ er zwei Abteilun- <lb/>
                 gen seines Büros die Plätze wechseln, mitten durch die Schar <lb/>
                 der zur Abfertigung drängenden Mädchen ging der Umzug <lb/>
                 mit Möbeln und Akten, es zog sich über Tage hin, der ganze <lb/>
                 Verkehr stockte. Herr Körschgen besaß die unverschämte <lb/>
                 Höflichkeit, sich wegen dieser »leider dringend notwendigen <lb/>
                 Maßnahme« zu entschuldigen, die Vorsteherin nahm es aber <lb/>
                 mit einem tapferen Lächeln auf und arbeitete unverdrossen <lb/>
                 weiter; sie war begierig auf Tätigkeit und gar nicht zänkisch, <lb/>
                 es fiel ihr nicht ein, ihren Schwager mit Beschwerden zu be- <lb/>
                 lästigen, was die meisten anderen an ihrer Stelle getan hätten.
                <pb facs="#f0120" n="116"/>
                <lb/>
                 Man konnte ihr viel eher den Vorwurf machen, daß sie zu be- <lb/>
                 scheiden und zu gütig war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dem Personalchef paßte es gar nicht, daß er ihr nun bald <lb/>
                 wieder einen neuen Posten ausfindig machen mußte. »Ihr <lb/>
                 solltet im Hauptverwaltungsgebäude einen Empfangsraum <lb/>
                 haben,« riet seine Frau, »wo noble Besucher, die das Werk <lb/>
                 sehen möchten, von einer intelligenten Person über Geschich- <lb/>
                 te und heutige Lage instruiert werden könnten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist eine Idee«, sagte Wackerlein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Natürlich müßtet ihr eine Frau dafür haben, die Konver- <lb/>
                 sation machen und Anekdoten erzählen kann, liebenswürdi- <lb/>
                 gen Tratsch, weißt du.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich weiß, ich weiß.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Vorschlag ging durch, Frau Ella fand ihn sogar sehr <lb/>
                 vernünftig. Hachenpoot merkte kaum etwas davon, weil er <lb/>
                 andere Dinge im Kopf hatte. So wurde Wackerleins Schwä- <lb/>
                 gerin Empfangsdame in der Hauptverwaltung der Risch- <lb/>
                 Zander A.-G. »Nach menschlichem Ermessen wird dich der <lb/>
                 Posten dein ganzes Leben aushalten,« sagte der Personalchef, <lb/>
                 »ich habe noch keinen frieren sehen, der sich bei Risch-Zan- <lb/>
                 der ins Nest gesetzt hatte und es warm zu machen verstand.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eigentlich war Herr Körschgen aus dem ganzen Werk- <lb/>
                 verein der einzige, der sich rühmen konnte, den Trubel ohne <lb/>
                 Beschädigung seiner sogenannten Grundsätze überdauert zu <lb/>
                 haben, Die meisten waren Knall und Fall zu den Spartakisten <lb/>
                 übergelaufen, die Fahne war bei einer Haussuchung vom Ar- <lb/>
                 beitet- und Soldatenrat mitgenommen und auf der Straße zer- <lb/>
                 fetzt worden, Friedrich Bilgenstock endlich war geflüchtet, <lb/>
                 wohin, wußte niemand. »Ja, so lernt man die Charaktere <lb/>
                 kennen«, dachte Herr Körschgen und schloß sich ein. Selbst <lb/>
                 die Angestellten bekamen ihn selten zu Gesicht, oft wußten <lb/>
                 sie nicht einmal, ob er überhaupt da war. Er gönnte ihnen die <lb/>
                 Beschimpfungen, die sie täglich über sich ergehen lassen muß- <lb/>
                 ten, all die Schindereien und all den Ärger, all den Undank <lb/>
                 und all die Gemeinheiten, die ihnen die Arbeiter ins Gesicht <lb/>
                 spien, und es tat ihm wohl zu sehen, wie ihnen ihre Sympa- <lb/>
                 thien für die Arbeiter von diesen vergolten wurden. »Alle
                <pb facs="#f0121" n="117"/>
                <lb/>
                 Angestellten sind jetzt sozialistisch verseucht, war ganz <lb/>
                 falsch, die Heimkehrer unbesehen wieder einzustellen. Viel <lb/>
                 schmieriger Schaum dabei, was da von der Front zurück- <lb/>
                 fließt, Läuse kriechen ihnen die Rockkragen hoch.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hatte Merkblätter über kostenlose Entlausung im Arbei- <lb/>
                 terheim beantragt. »Ein einziger Läusestich kann unter Um- <lb/>
                 ständen den Tod herbeiführen,« hieß es in seinem Entwurf, <lb/>
                 »Läuse sind Verbreiter von Flecktyphus, eine Fleckfieber- <lb/>
                 seuche hat während des Krieges im Osten viele Menschen hin- <lb/>
                 gerafft.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot hatte Bedenken, ob man das jetzt so ungeniert <lb/>
                 aussprechen dürfe; Herr Körschgen fragte dagegen, ob viel- <lb/>
                 leicht noch etwas zu retten sei? Bei diesem Zusammen- <lb/>
                 bruch? Überhaupt habe nur die Geheimniskrämerei die wil- <lb/>
                 den Gerüchte und damit den Verlust des Krieges verursacht. <lb/>
                 »Ich gehöre nicht zu denjenigen, die unter Patriotismus die <lb/>
                 Beschönigung aller von oben gemachten Fehler verstehen, <lb/>
                 Herr Generaldirektor.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In dieser Weise sprach er jetzt, denn er hätte es geradezu <lb/>
                 für pflichtwidrig gehalten, wenn er nicht wenigstens so viel <lb/>
                 von der Revolution profitiert hätte. Der Generaldirektor be- <lb/>
                 absichtigte, Bürgerwehren zu gründen und eine Gegenrevo- <lb/>
                 lution zu organisieren. Herr Körschgen meinte: als ob es <lb/>
                 jetzt nichts Besseres zu tun gäbe. Vorläufig war ja noch gar <lb/>
                 nicht ausgemacht, ob die roten Revoluzzer sich nicht gegen- <lb/>
                 seitig auffressen würden, das konnte man ja wohl noch ab- <lb/>
                 warten, so eilte die Geschichte denn doch nicht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eines Tages sprach Hachenpoot den Wunsch aus, daß <lb/>
                 Herr Körschgen einen Vertrauensposten bei der Vorberei- <lb/>
                 tung der Bürgerwehr übernehme. Darauf hatte dieser gerade <lb/>
                 gewartet. Danke, sagte er, zuerst habe die Industrie in ihrer <lb/>
                 Angst vor den Gewerkschaftsrebellen die Werkvereine preis- <lb/>
                 gegeben, jetzt sollten ihre ehemaligen Mitglieder wieder gut <lb/>
                 genug sein, mit ihrem Leben schützend vor den Besitz zu tre- <lb/>
                 ten? Nein. Treue gegen Treue, das sei immer sein Wahl- <lb/>
                 spruch als Schriftführer des Werkvereins gewesen, und was <lb/>
                 auch immer der Herr Generaldirektor davon halten möge, er <lb/>
                 für seine Person werde nicht davon lassen. </p>
            <pb facs="#f0122" n="118"/>
            <p>
                <lb/>
                 Er beginnt, sein Frühstück zu essen, ein schwammiges <lb/>
                 Brot, das von einigen Bäckern, obwohl es verboten ist, aus <lb/>
                 Haferflocken gebacken und ohne Marken zu einem »freien« <lb/>
                 Preis verkauft wird, mit etwas Schmalz darauf. Er mahlt das <lb/>
                 Brot wie Gips zwischen den Zähnen und lächelt vor sich <lb/>
                 hin: »Wenn die Heirat klappt, gibt’s alle Tage Kuchen.« <lb/>
                 Das Mädel hat sich in seine gute Figur vergafft, aber der <lb/>
                 Alte ist ein schwerreicher Grossist, und obwohl er klein an- <lb/>
                 gefangen hat und erst durch die Heereslieferungen so weit <lb/>
                 gekommen ist, dünkt ihn Herr Körschgen als Schwiegersohn <lb/>
                 trotz seiner geachteten Stellung zu klein. Aber Herr Körsch- <lb/>
                 gen hat sich vorgenommen, schlauer zu sein, er lächelt, er <lb/>
                 hat seinen Plan, den er demnächst ins Werk setzen wird. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aus dem Magen kommt ihm eine Gier zu essen, und im <lb/>
                 Hals sitzt ihm ein Ekel davor; der zähe Brei des schlecht <lb/>
                 ausgebackenen Brotes klebt schleimig am Gaumen, so daß <lb/>
                 er sich selber wie ein Wiederkäuer vorkommt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es ist ganz ruhig, alle Betriebe seinem Büro gegenüber <lb/>
                 liegen ja still, und in die kalte Stille hinein rasselt plötzlich <lb/>
                 das Telefon. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hallo, Körschgen hier.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nichts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ist dort jemand?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nichts — nur ein zischendes, mehrmals absetzendes Ge- <lb/>
                 räusch, als spucke jemand in seine Hörmuschel hinein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein wahres Kreuz mit diesen neuen Selbstanschlüssen, <lb/>
                 alles Neue taugt nichts.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Lieber Gott, was für ein Lärm? Die Straße scheint daran <lb/>
                 beteiligt zu sein, ein Glück, daß sein Zimmer hintenhinaus <lb/>
                 ist. Er will Bermel klingeln, da rasselt es abermals. »Kötsch- <lb/>
                 gen, wer ist da, bitte?« Nichts. Er hält den Hörer noch in <lb/>
                 der Hand, als sich etwas über den Kortidor auf seine Tür <lb/>
                 zu wälzt. Erschrocken hängt er ein, fährt auf, horcht. Schon <lb/>
                 geht das Geklingel wieder los. »Körschgen, zum Donner- <lb/>
                 wetter!« Er steht vor dem Apparat wie vor der lautlosen <lb/>
                 Unendlichkeit des Weltalls, kein Widerhall kommt auf sein <lb/>
                 Geschrei, einmal ein hin und her rutschendes Krächzen, das <lb/>
                 ist alles. </p>
            <pb facs="#f0123" n="119"/>
            <p>
                <lb/>
                 Draußen drückt jemand heftig auf die Klinke: »Um Got- <lb/>
                 teswillen, machen Sie auf!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Stimme kennt er, aber im Moment weiß er nicht, wem <lb/>
                 sie gehört. Der Hörer fliegt in die Gabel, der Mann vor der <lb/>
                 Tür rüttelt wütend am Schloß: »Herr Körschgen! Herr <lb/>
                 Körschgen! Machen Sie doch auf!« Das Gebrüll da vorn <lb/>
                 nimmt zu, schwillt an und ab, Bermel scheint noch nicht <lb/>
                 übermannt zu sein. Deutlich ist eine rohe Stimme zu hören: <lb/>
                 »Wo ist der Hund bloß hin? Der wird kalt gemacht!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Mann scheint verfolgt zu werden, denkt Herr Körsch- <lb/>
                 gen, da muß ich also wohl aufmachen. Zögernd nähert er <lb/>
                 sich der Tür, immer noch schrillt das Telefon, er läßt es <lb/>
                 schrillen, öffnet, ein aufgedunsener Mensch fliegt vornüber <lb/>
                 ins Zimmer, schreit: »Schließen Sie schnell wieder zu, wir <lb/>
                 müssen noch einen Schrank vorstellen!« — und läuft auch <lb/>
                 schon auf den schweren Kasten zu, worin Herr Körschgen <lb/>
                 eine Sammlung der einschlägigen Gesetze und Verfügungen <lb/>
                 von zwanzig Jahren stehen hat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Körschgen prallt zurück, es ist der Meister Kurbjuhn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Konnten Sie keinen besseren Unterschlupf finden als <lb/>
                 mein Zimmer? Ausgerechnet Sie, mit Ihrer Vergangenheit! <lb/>
                 Menschenskind, was mache ich denn, wenn man Sie bei mir <lb/>
                 entdeckt? Sie hätten wahrhaftig was Gescheiteres tun kön- <lb/>
                 nen, als mich in Verdacht zu bringen!« Kurbjuhn bört nicht <lb/>
                 darauf, er arbeitet am Schrank, Herr Körschgen jammert fort: <lb/>
                 »AU die Wochen mach’ ich mich unsichtbar, damit keiner <lb/>
                 an meiner Ruhe und Neutralität zweifeln soll, damit alles so <lb/>
                 langsam einschläft, und nun kommen Sie daher und rühren <lb/>
                 womöglich alles wieder auf. Was ist denn überhaupt los?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Fragen Sie nicht lang, erst mal den Schrank vor, sie wa- <lb/>
                 ren dicht hinter mir her!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hat Kräfte, aber er ist unbeholfen. Er packt den Schrank, <lb/>
                 aber er wirft ihn eher um, als daß er ihn von der Stelle rückt. <lb/>
                 Herr Körschgen hat keine Lust, sich einen Bruch zu heben. <lb/>
                 »So ein Gewicht, wie der hat.« Die ganze Zeit schrillt das <lb/>
                 Telefon. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Akten raus!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hastig räumen sie aus, die Papiere fliegen aus den Heftern,
                <pb facs="#f0124" n="120"/>
                <lb/>
                 ein Berg von Staub und Modergeruch türmt sich mitten im <lb/>
                 Zimmer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Jetzt los, einen — Ruck! Nochmal, einen — Ruck! Man <lb/>
                 meint, das verdammte Dings wär’ festgenagelt! Einen — <lb/>
                 Ruck! Ho, jetzt kommt’s ihm. Halt, wir müssen ihn durch <lb/>
                 Drehen hinkriegen. Hängen Sie doch mal das Telefon aus, <lb/>
                 das macht einen ja verrückt!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kurbjuhn ist auf einmal so in die praktische Arbeit ver- <lb/>
                 tieft, daß er ganz vergißt, welches ihr Anlaß ist. Der Schrank <lb/>
                 steht endlich an seinem Platz, Herr Körschgen mahnt: »Was <lb/>
                 ist denn nun eigentlich los?« Aber Kurbjuhn sagt nur, bei- <lb/>
                 nahe bewundernd: »Verflucht nochmal, das hat Schweiß ge- <lb/>
                 kostet.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im selben Augenblick johlt es den Gang herauf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Da hören Sie. Die Akten wieder rein, damit’s was aus- <lb/>
                 hält!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon donnert einer gegen die Tür: »Hier muß er sein, <lb/>
                 der Hund!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Erst stehen die beiden ganz stramm vor Schreck, dann <lb/>
                 faßt Kurbjuhn Herrn Körschgen leise an der Schulter: »Werks- <lb/>
                 polizei anrufen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der tippt sich an die Stirn: »Daß uns das nicht früher ein- <lb/>
                 gefallen ist. Was haben die nur wieder für eine Nummer?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während er im Verzeichnis sucht, drückt Kurbjuhn die <lb/>
                 Gabel nieder, aber sofort fängt es wieder an zu klingeln. Von <lb/>
                 draußen fragen sie: »Wird freiwillig aufgemacht oder nicht?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »471 ist die Nummer«, sagt Herr Körschgen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er nimmt ab, wählt, das Besetztzeichen tönt. Er hängt <lb/>
                 wieder ein, es klingelt. Er nimmt ab, wählt, das Besetzt- <lb/>
                 zeichen tönt. Er hängt ein, es klingelt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was ist das nur, zum Kuckuck?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hat keinen Sinn,« meint Kurbjuhn und legt den Hörer <lb/>
                 ganz behutsam auf den Tisch, als prüfe er eine Kostbarkeit, <lb/>
                 »die Bande hängt sicher dauernd an der Strippe, damit man <lb/>
                 nicht telefonieren kann.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Eins!« ruft es draußen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Zimmer stehen sie, die Augen starr auf der Tür, und <lb/>
                 wagen nicht zu atmen. </p>
            <pb facs="#f0125" n="121"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie werden doch nichts zum Schießen bei sich haben?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Auf alle Fälle Deckung hier auf’m Boden, dicht an der <lb/>
                 Seitenwand.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Zwei!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein Knall aufs Holz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie schießen wirklich«, bebt Herr Körschgen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach was, aber die Biester haben ’ne Axt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir wollen lieber aufmachen... Ich hätte bei dieser Bar- <lb/>
                 rikade nicht mittun sollen, daß Sie mir auch hier reinlaufen <lb/>
                 mußten, das ist ja eine Qual hier, sich wie’n Verbrecher zu <lb/>
                 verstecken, ich hätte mit den Leuten reden sollen, wenn man <lb/>
                 anständig zu ihnen redet, müssen sie einen doch anhören...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kurbjuhn, der nicht mehr ein noch aus weiß, tut, was <lb/>
                 Menschen seiner Art in solchen Fällen zu tun pflegen: er <lb/>
                 wird frech und vertauscht die Rollen. »Schnappen Sie bloß <lb/>
                 nicht über«, entgegnet er. »Sie sind gerade der Richtige, <lb/>
                 den sie anhören werden. Sie wissen wohl nicht mehr, was <lb/>
                 Sie waren, so wie Sie hat doch keiner die Arbeiter gepiesackt, <lb/>
                 da war ich der reine Waisenknabe gegen.« Mittendrin schlägt <lb/>
                 seine Stimme um: »Dauert ja lang, bis das Drei kommt, <lb/>
                 haben wohl keine Courage mehr, oder sind sich uneinig.« <lb/>
                 Aber bevor Herr Körschgen sich vom Seelischen, in das er <lb/>
                 sachte hineingeraten ist, wieder aufs Banale umstellen kann, <lb/>
                 brüllt es »Drei!« und ein Axthieb spaltet die Tür. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seit der denkwürdigen Stunde bei Herrn Drees hatte der <lb/>
                 Meister Kurbjuhn keinen Boden mehr unter den Füßen. Hin <lb/>
                 und her geworfen zwischen der Furcht, daß seine alten Freun- <lb/>
                 de vielleicht trotz allem standhaft bleiben würden, und der <lb/>
                 Hoffnung, daß er sein parasitäres Dasein auch im anderen <lb/>
                 Lager fortsetzen könne, mußte er versuchen, sich bei diesem <lb/>
                 anzubiedern, ohne es mit jenen zu verderben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies durchzuführen, hätte es allerdings eines weit größeren <lb/>
                 Maßes an Verschlagenheit und Verstellungsgabe bedurft, als <lb/>
                 er besaß. Weder bei den einen noch bei den anderen gelang <lb/>
                 ihm eine sinngemäße, unmißverständliche und nicht verrä- <lb/>
                 terische Übertragung seiner Gedanken. Er glaubte heraus- <lb/>
                 zumerken, daß er von beiden Seiten scharf beobachtet wurde;
                <pb facs="#f0126" n="122"/>
                <lb/>
                 vielleicht war auch diese Annahme nur ein Zeichen seiner <lb/>
                 Unsicherheit, vielleicht stimmte sie auch, denn so gering in <lb/>
                 jenen Tagen die Neigung war, sich mit der Haltung eines <lb/>
                 einzelnen Menschen zu befassen, so groß war die Notwendig- <lb/>
                 keit, es zu tun. Wie dem auch sei, das Mißtrauen, das er <lb/>
                 allenthalben einflößte, trug gewiß nur wenig zu Kurbjuhns <lb/>
                 Untergang bei; die hauptsächliche Ursache war der Umstand, <lb/>
                 daß er gar nicht das war, wofür man ihn gehalten hatte, Wäre <lb/>
                 er das gewesen, so hätte er sich zum Beispiel nicht vor Herrn <lb/>
                 Drees geschämt. Er schämte sich aber, weil Herr Drees ihn <lb/>
                 feig gesehen hatte, weil Herr Drees Beweise hatte, daß er <lb/>
                 den Mantel nach dem Wind hing, und die Erinnerung daran <lb/>
                 hemmte ihn auf Schritt und Tritt, selbst in der vierten Re- <lb/>
                 paraturwerkstatt, wo es wie in einer Erziehungsanstalt her- <lb/>
                 ging und er viele alte Bekannte traf, die scharf auf ihn waren. <lb/>
                 Es machte ihn übertrieben vorsichtig, es ließ ihn vor lauter <lb/>
                 Bedenken nichts erreichen. Wäre er eine richtige schwarze <lb/>
                 Seele gewesen, so hätte er Herrn Drees, der ihn erkannt <lb/>
                 hatte, mit Haß verfolgen müssen, ähnlich wie ein Schuldner <lb/>
                 seinen Gläubiger, ein Beichtkind seinen Beichtiger mit Haß <lb/>
                 verfolgt. Aber er hatte von der Schurketei höchstens die An- <lb/>
                 fangsgründe gelernt; vom Standpunkt der Ethik könnte man <lb/>
                 also sagen, daß er im Grunde besser war als sein Ruf — je- <lb/>
                 doch gerade dies nahmen ihm die Arbeiter übel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Allmählich kam an den Tag, daß er kein Kraftmeier war, <lb/>
                 kein Draufgänger, kein Satan, kein geriebener Gauner, der <lb/>
                 nach nichts was fragte außer nach seinem Vorteil. Alles war <lb/>
                 nur Watte, Watte, Watte. Er war kein Lump aus Prinzip, <lb/>
                 sondern ein Lump aus Dummheit. Sobald sich dies allgemein <lb/>
                 herausstellte (und jedes seiner Worte förderte solche Erkennt- <lb/>
                 nisse), war er abgetan. Er war nicht mehr gefürchtet, nicht <lb/>
                 mehr gehaßt, nicht mehr gelitten, er war nur noch im Wege. <lb/>
                 Selten bilden im praktischen Leben Gut und Böse an sich <lb/>
                 Maßstäbe des Urteils, nur das Format wird respektiert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 War vorher bei der noch einigermaßen aufs Große und <lb/>
                 Idealische gerichteten Spannung manches übersehen worden, <lb/>
                 so wurde nach dem Umsturz Kurbjuhns Lage immer pre- <lb/>
                 kärer. Ausgenommen die »Gelben« vom Werkverein, die
                <pb facs="#f0127" n="123"/>
                <lb/>
                 aber keine feste und natürliche Masse bildeten, waren die Ar- <lb/>
                 beiter bis dahin nicht sehr genau in Parteien getrennt; Un- <lb/>
                 wille, Müdigkeit, Hunger und Angst vor dem Schützengra- <lb/>
                 ben banden sie zusammen, es gab zwar Schattierungen, aber <lb/>
                 selbst die Christlichen schimmerten noch rot und unterschie- <lb/>
                 den sich eigentlich nur durch den feineren Ton und die Teil- <lb/>
                 nahme an Fronleichnamsprozessionen. Für sie alle waren die <lb/>
                 Ideale der Revolution das sagenhafte Erbstück, das ehrfurcht- <lb/>
                 gebietend in der wohlverschlossenen Truhe auf dem Speicher <lb/>
                 ruhte; nun war die Stunde da, wo sie geöffnet wurde, und <lb/>
                 es war nichts drinnen. Um so zorniger stürzten sie sich auf <lb/>
                 die Bagatellen, die nebenherum auf dem Boden verstreut wa- <lb/>
                 ren. Darüber entzweiten sie sich endgültig, richteten Schran- <lb/>
                 ken gegeneinander auf, aber es war ihr Verhängnis, daß <lb/>
                 trotzdem alles durcheinanderging, Christen, Hirsch-Duncker- <lb/>
                 sche Demokraten, Mehrheitssozialisten, Unabhängige, Sparta- <lb/>
                 kisten, Kommunisten, Syndikalisten, nicht einmal die Na- <lb/>
                 men waren klar, wie viel weniger die Ziele. Aus lauter <lb/>
                 Verlegenheit hielt man sich bei dem auf, was am Wege lag, <lb/>
                 und dazu gehörte auch der Meister Kurbjuhn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon seit einiger Zeit hatte sich bei diesem die Meinung <lb/>
                 festgesetzt, daß er nunmehr irgendeine Handlung begehen <lb/>
                 müsse, welche die Arbeiter nötige, ihn unumschränkt als den <lb/>
                 ihrigen anzuerkennen. Es fehlte ihm nur immer an einer Ge- <lb/>
                 legenheit, und sie zu provozieren, getraute er sich nicht. Eines <lb/>
                 Nachmittags nach Beendigung der Schicht, gegen halb drei, <lb/>
                 betrat er eine Verkaufsstelle des Werkskonsums und ver- <lb/>
                 langte ein Viertel Pferdewurst. Der Höchstpreis hierfür war <lb/>
                 am Tag vorher heruntergesetzt worden, aber durch irgendein <lb/>
                 Versehen hatte der Verkäufer noch keine Kenntnis davon <lb/>
                 erhalten und forderte den alten Preis. Kurbjuhn, den Protest <lb/>
                 schon auf der Zunge, hatte eine Eingebung. Er schwieg, <lb/>
                 zahlte, ging zur Polizei und erstattete Anzeige wegen Wu- <lb/>
                 chers. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese Tat hatte eine unerwartete Wirkung. Er erzählte <lb/>
                 sie am anderen Morgen im Betrieb, die Leute sahen ungewiß <lb/>
                 zur Seite und schenkten ihm offenbar keinen Glauben. »Ihr <lb/>
                 werdet ja sehen,« versicherte er, »da wird schon was nach-
                <pb facs="#f0128" n="124"/>
                <lb/>
                 kommen. Es ist doch eine Schande, an dem bißchen Pferds- <lb/>
                 wurst noch mehr verdienen zu wollen, als ihnen zusteht, die <lb/>
                 Firma kann den Hals auch nie voll genug kriegen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nur wenige Tage waren verstrichen, als der Vertrauens- <lb/>
                 mann der vierten Reparatur von einer Sitzung des Arbeiter- <lb/>
                 ausschusses kam: »Hat hier nicht einer gesagt, daß er die <lb/>
                 Firma wegen die Pferdewurst angezeigt hat?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Klar, ich!« rief Kurbjuhn beglückt und voller Begierde, <lb/>
                 den Erfolg zu vernehmen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Firma erklärt, daß sie wegen die Anzeige überhaupt <lb/>
                 keine Pferdewurst mehr verkaufen will, sie hätte bei die <lb/>
                 hohen Preise für Schlachtpferde in fünf Monaten an dieser <lb/>
                 Wohlfahrtseinrichtung anderthalb Millionen zugesetzt, das <lb/>
                 wäre jetzt der Dank dafür.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wat? Keine Pferdswurst mehr? Was soll’n wir denn <lb/>
                 sonst fressen, wo’s noch immer kein Fleisch gibt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was geht das überhaupt den Meister an? Wegen die paar <lb/>
                 Pfennige so’n Stunk zu machen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir wollen Pferdewurst haben, und wenn sie noch drei- <lb/>
                 mal soviel kostet!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von diesen Ausbrüchen wurde nun Kurbjuhn dermaßen <lb/>
                 überrascht, daß er Feuer fing und ihnen mit dem Pathos <lb/>
                 eines echten Revolutionärs entgegentrat: »Ihr wollt den Ka- <lb/>
                 pitalismus abschaffen, ihr? Mit euch Scheißkerlen werden <lb/>
                 die Dickwänste bald fertig werden, ihr verkauft euch ja für’n <lb/>
                 Wurstzipfel.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man sieht, ein wie schlechter Taktiker er war, daß er <lb/>
                 ihnen in diesem Augenblick Wahrheiten sagen wollte. Hätte <lb/>
                 er sie stattdessen wie in vormaligen Zeiten angefahren: schert <lb/>
                 euch an die Arbeit, die Firma hat für Faulenzer kein Geld, <lb/>
                 wem’s nicht paßt, kann seine Abkehr nehmen, so hätten sie <lb/>
                 ihn vielleicht ausgelacht, aber sie hätten es in der Ordnung <lb/>
                 gefunden. Doch ihnen vorzuwerfen, daß sie mangelhafte <lb/>
                 Revolutionäre wären, und dazu noch Meister Kurbjuhn, Mei- <lb/>
                 ster Kurbjuhn, Meister Kurbjuhn! </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wer bist du denn, du — du — du Spitzel!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das war das Signal, kein anderes Wort hätte sie in solche <lb/>
                 Raserei versetzen können. Der Schlosser Walkowiak schleu-
                <pb facs="#f0129" n="125"/>
                <lb/>
                 derte eine schwere Brechstange gegen ihn, sie ging aber an <lb/>
                 ihm vorbei ins Fenster, die Glassplitter regneten nieder wie <lb/>
                 eine Fontäne, und während sie noch allesamt ziemlich ver- <lb/>
                 dutzt dorthin sahen, riß er aus. In der nächsten Minute setz- <lb/>
                 ten ihm drei, vier nach, aber da sie nicht gleich merkten, <lb/>
                 daß er auf die Straße gelaufen war, gewann er einen Vor- <lb/>
                 sprung. Es wurde eine verzweifelte Flucht. »Halt den Spitzel <lb/>
                 fest!« heulten sie hinter ihm her. Sein Vorsprung betrug nur <lb/>
                 noch wenige Meter, er dachte, das Herz hüpfe ihm aus dem <lb/>
                 Halse, da sah er das Schild »Arbeiterpersonalbüro«, hinein, <lb/>
                 die Treppe hinauf, drei Stufen auf einmal, »mein Gott, ich <lb/>
                 könnt’ einen Schlag dabei kriegen.« Beinahe hätte Walko- <lb/>
                 wiak ihn eingeholt, er war spindeldürr und sprang wie ein <lb/>
                 Reh, doch dies war ein altes Haus mit vielen verschlungenen <lb/>
                 Gängen und dunklen Winkeln, darin entkam der Verfolgte. <lb/>
                 Es wirbelte ihm unklar durchs Hirn: »Bei Körschgen muß <lb/>
                 ich hinein, bei Körschgen, bei Körschgen muß ich hinein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Johann Bermei sah die Rotte die Treppe erstürmen, schnitt <lb/>
                 ein Gesicht und machte einen ängstlichen Scherz: »Ihr hättet <lb/>
                 euch auch erst die Stiefel abputzen können, is das eine Art, <lb/>
                 bei feine Leute reinzukommen?« Walkowiak hielt ihm eine <lb/>
                 Axt unter die Nase, er zog sich schleunig zurück. Die Ar- <lb/>
                 beiter, die an den Schaltern ihre Papiere holten, mischten sich <lb/>
                 dazwischen, während die Kassierer ihre Gelder in Sicherheit <lb/>
                 brachten und die übrigen Angestellten auf die Gänge hinaus- <lb/>
                 liefen, so daß in kurzer Zeit aller Raum verstopft war. »Tele- <lb/>
                 fone besetzen!« schrie Walkowiak. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einige der Bürobeamten begannen, Vernunft zu predigen, <lb/>
                 und einer stellte sich breit, gedrungen, mit funkelndem Knei- <lb/>
                 fer hin: »Genossen, laßt euch nicht zu unüberlegten Taten <lb/>
                 hinreißen«, und als ihm Walkowiak zurief, was er Stehkra- <lb/>
                 genprolet denn wolle, fuhr er eifrig fort: »Ganz recht, wir <lb/>
                 Angestellten bekennen uns zur SACHE DES PROLETA- <lb/>
                 RIATS, wir sind nichts Besseres als ihr...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber ihr wollt was Besseres sein! Nee, mein Lieber, <lb/>
                 eure Freundschaft brauchen wir nicht. Prolet is’n Ehren- <lb/>
                 name, Stehkragenprolet ist kein Ehrenname. Arme Ludersch, <lb/>
                 seid euch ja selbst nicht gut genug, macht euch selber was
                <pb facs="#f0130" n="126"/>
                <lb/>
                 vor. Nee, ihr seid nicht, was wir sind, ihr habt Vorrechte <lb/>
                 und bildet euch was ein drauf. Also laßt uns in Ruh, wenn <lb/>
                 ihr euch mal wieder beste Butter aufs Brot schmieren könnt, <lb/>
                 seht ihr ja doch wieder hochnäsig auf uns runter. Vorwärts, <lb/>
                 Genossen. Wo ist der Hund bloß hin? Der wird kalt ge- <lb/>
                 macht...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im letzten Moment, als der Schrank an der Tür zusammen- <lb/>
                 krachte, riß Kurbjuhn das Fenster auf und sprang hinaus. <lb/>
                 Herr Körschgen stemmte sich platt gegen die Wand, seine <lb/>
                 Augen waren rot und schreckhaft geweitet, die Lippen be- <lb/>
                 wegten sich, ohne einen Laut hervorzubringen. »Halt den <lb/>
                 mal fest, der dreckige Spitzel ist entwischt!« Einer rannte <lb/>
                 ans Fenster: »Unten liegt er, hat wahrscheinlich die Knochen <lb/>
                 zerbrochen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alle drängten sich herzu, alle wollten das sehen. Sie <lb/>
                 stimmten ein Freudengeheul an, dann erblaßten etliche und <lb/>
                 winkten ärgerlich ab. Sie fühlten, wie es unheimlich still in <lb/>
                 ihnen wurde, manche schlugen insgeheim ein Kreuz. Plötz- <lb/>
                 lich traten welche vor Herrn Körschgen hin, das Entsetzen <lb/>
                 verwirrte sie: »Wir sagen, der hätte ihn runtergeschmissen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zuletzt liefen die meisten hinunter, fanden nicht sofort den <lb/>
                 Ausgang zum Hof, der wilde Rausch staute sich vor einer ver- <lb/>
                 schlossenen Tür, Walkowiak mit geschwungener Axt dazwi- <lb/>
                 schen, das Holz splitterte, der ganze Knäuel tollte hinaus <lb/>
                 wie ein Ballen Baumwolle, Walkowiak mit geschwungener <lb/>
                 Axt dazwischen — »Halt doch mal, was ist mit ihm? Is er <lb/>
                 schon hin? Fühl’ mal’n Puls!« — sie beugten sich über ihn, <lb/>
                 Walkowiak mit geschwungener Axt dazwischen — »Laßt mich <lb/>
                 mal ran!« — »Er ist ja schon tot, biste verrückt geworden, <lb/>
                 Mensch?« — Walkowiak holt aus, Walkowiak schlägt zu, <lb/>
                 Walkowiak spaltet dem Meister Kurbjuhn den Schädel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Langsam erholen sie sich von der Starte, die Köpfe sen- <lb/>
                 ken sich, Walkowiak umschlingt das Beil mit der blutigen <lb/>
                 Hand und will es nicht loslassen. »Der Anfang ist gemacht,« <lb/>
                 sagt er tonlos, »jetzt wird ganze Arbeit getan, jetzt wird <lb/>
                 aufgeräumt.« Gleichwohl geht er nicht vom Fleck. Sie sehen <lb/>
                 scheu von ihm weg, viele nehmen die Hände in die Taschen
                <pb facs="#f0131" n="127"/>
                <lb/>
                 und drücken sich. Er packt einen: »Hiergeblieben, feigen <lb/>
                 Hund!« Der blickt zitternd auf die Axt und bleibt. So stehen <lb/>
                 sie. Es beginnt zu regnen, die Blutlache auf dem schwarzen <lb/>
                 Boden verfärbt sich schnell, die Regentropfen malen helle, <lb/>
                 springende Punkte darauf. So stehen sie, sehen die neugie- <lb/>
                 rigen Angestellten vorüberschleichen, stehen lange Zeit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Beamte mit dem funkelnden Kneifer sagt wichtig, sie <lb/>
                 müßten die Leiche liegen lassen, so wie sie läge. Sie stehen <lb/>
                 da, erschlafft und düster, und antworten nicht. Auch Johann <lb/>
                 Bermel kommt für ein paar Sekunden hinaus. An der Mauer <lb/>
                 liegt ein Haufen alter Ziegelsteine. Er nimmt drei davon und <lb/>
                 will sie oben in seinen Rucksack packen. Der Beamte mit <lb/>
                 dem funkelnden Kneifer steht im Weg, er drückt sich vorbei <lb/>
                 und äußert ganz verlegen: »Fürs Gärtchen, zum Einfassen.« <lb/>
                 Der Beamte nickt, besieht sich noch einmal den Mörder <lb/>
                 Walkowiak, reckt sich, stößt im Hineingehen auf den eben <lb/>
                 eintreffenden Vorstand des Arbeiter- und Soldatenrats und <lb/>
                 begrüßt den ersten Vorsitzenden Fries, der die sofortige Ver- <lb/>
                 haftung Walkowiaks anordnet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alles läßt der Schlosser geschehen, mechanisch liefert er <lb/>
                 die Axt ab. Hunderte sind gemeine Mörder, denkt er, aber <lb/>
                 dies war doch eine gute Tat. Er ist jetzt ganz mutlos. »Hun- <lb/>
                 derte sind gemeine Mörder, aber dies geschah doch zur BE- <lb/>
                 FREIUNG DER ARBEITERKLASSE.« Er jedoch, er je- <lb/>
                 doch kommt plötzlich nicht mehr darüber hinweg. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An der Treppe im Halbdunkel lehnt Adam Griguszies. <lb/>
                 »Planlose Aktionen auf eigene Faust können nicht erlaubt <lb/>
                 werden, Genosse,« sagt er, wie Walkowiak vorübergeführt <lb/>
                 wird, »sie gefährden die Interessen der Gesamtheit.« Mit dem <lb/>
                 steigt ein Trupp mit Herrn Körschgen die Treppe herunter, <lb/>
                 Griguszies wendet sich: »Der Mann ist als Geisel festzunehmen <lb/>
                 — für den Fall, daß die Firma Anzeige gegen die anderen <lb/>
                 macht. Diese Sache hat die Arbeiterschaft unter sich auszu- <lb/>
                 machen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Als zweiter Vorsitzender haben Sie dazu kein Recht, Ge- <lb/>
                 nosse Griguszies,« protestiert Fries, »wenigstens nicht, ohne <lb/>
                 mich zu fragen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich nehme mir das Recht.« </p>
            <pb facs="#f0132" n="128"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Ihnen ist unmög- <lb/>
                 lich!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hindert Sie keiner, zurückzutreten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das würde euch Bolschewiken so passen, aber den Ge- <lb/>
                 fallen werde ich euch nicht tun. Die Firma ist berechtigt, <lb/>
                 Bestrafung der Schuldigen wegen Hausfriedensbruch zu ver- <lb/>
                 langen. Die deutsche Republik ist ein Rechtsstaat, in einem <lb/>
                 Rechtsstaat gibt es keine Geiseln.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Griguszies hebt die rechte Hand in die Höhe und verkün- <lb/>
                 det hoheitsvoll: »Genosse Fries, ich verhafte Sie wegen <lb/>
                 Verrat an der Arbeiterklasse. Von heute an übernehme ich <lb/>
                 allein den Vorsitz im Arbeiter- und Soldatenrat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Noch am selben Abend berief er eine Konferenz der Ge- <lb/>
                 sinnungsgenossen aus den Arbeiter- und Soldatenräten des <lb/>
                 ganzen Reviers, sie waren die fanatischen Mönche der Re- <lb/>
                 volution. Es wurde einstimmig beschlossen, sofort in das <lb/>
                 Stadium der direkten Aktion zu treten; nur über Art und <lb/>
                 Zweck dieses Vorgehens konnte keine Übereinstimmung er- <lb/>
                 zielt werden. Die einen wollten die Gruben besetzen und <lb/>
                 sie unmittelbar der Leitung eines Aktionskomitees unterstel- <lb/>
                 len (»wir teilen einfach den Betriebsleitern mit, daß sie nicht <lb/>
                 mehr nötig wären«, sagten sie), die anderen wollten sich da- <lb/>
                 mit begnügen, die Wirtschaftsführer zu verhaften und den <lb/>
                 Generalstreik zu proklamieren, um von der Regierung die <lb/>
                 Sozialisierung der Bergwerke zu erzwingen. Einige erhoben <lb/>
                 die Frage, ob die Arbeiter in der Lage seien, allein die Gruben <lb/>
                 zu betreiben, falls die kaufmännischen und technischen Be- <lb/>
                 amten sich weigern würden, an der Aktion teilzunehmen. Sie <lb/>
                 wurden niedergeschrien. Adam Griguszies fuhr mit starker <lb/>
                 Stimme dazwischen, indem er verlangte, daß ernsthaft disku- <lb/>
                 tiert würde. »Es ist diesem historischen Augenblick unwür- <lb/>
                 dig,« tief er aus, »wenn wir uns miteinander nicht ruhig an- <lb/>
                 hören. Wenn das so weiter geht, kommen wir ja zu nichts <lb/>
                 und ruinieren uns bloß selber. Wenn wir alle für Verräter hal- <lb/>
                 ten, die über einen Vorschlag anderer Meinung sind und be- <lb/>
                 zweifeln, daß der Erfolg allein von die große Klappe <lb/>
                 kommt, dann wird zuletzt keiner mehr übrig bleiben. Aber
                <pb facs="#f0133" n="129"/>
                <lb/>
                 denjenigen Genossen, die eben die Frage aufgeworfen haben, <lb/>
                 ob die Arbeiterschaft zur Leitung der Betriebe befähigt ist, <lb/>
                 denen muß ich antworten, daß das eine Sorge für die Zukunft <lb/>
                 ist, vorläufig geht es nur darum, daß wir die Produktions- <lb/>
                 mittel in die Hand bekommen, das Ausbeuten hat Zeit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So selbstsicher er sprach, so wenig war er mit sich im rei- <lb/>
                 nen. Manchmal konnte er im Augenblick eine energische An- <lb/>
                 ordnung treffen, manchmal war er in Stunden der Überlegung <lb/>
                 nicht imstande, einen frischen Plan zu entwerfen, Es lag wohl <lb/>
                 auch daran, daß sich alles in Kleinigkeiten verzettelte. Welche <lb/>
                 Kräfte wurden bürokratisch vergeudet, welche Ideen zer- <lb/>
                 splittert! Vom Anbeginn seiner Tätigkeit im Arbeiter- und <lb/>
                 Soldatenrat gewahrte er an sich dieses ungewohnte Dilemma <lb/>
                 zwischen Gefühl und Verstand. Es fiel ihm immer schwerer, <lb/>
                 seine gefühlsmäßigen Handlungen durch den Verstand kon- <lb/>
                 trollieren zu lassen, denn der Verstand hielt ihn und das Ge- <lb/>
                 fühl trieb ihn, und dies war ein unbehaglicher Zustand, der <lb/>
                 nicht allein aufs Gemüt schlug, sondern auch das körperliche <lb/>
                 Wohlbefinden beeinträchtigte und nur durch die Opferung <lb/>
                 des Verstandes zu beheben war. Hierzu wiederum konnte er <lb/>
                 sich jetzt nicht mehr entschließen; es war jetzt zuviel von <lb/>
                 Pflicht und Verantwortung die Rede, und es blieb ihm nichts <lb/>
                 übrig, als das Entschwinden einer Zeit zu beklagen, wo Ge- <lb/>
                 fühl und Verstand noch eins gewesen waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das kann ich gut verstehen,« sagte seine Schwester, als er <lb/>
                 es ihr einmal zu erklären versuchte, »das ist wie bei uns Frau- <lb/>
                 en das Vorher und das Nachher.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwischen den Geschwistern hatte sich nach der Geschichte <lb/>
                 mit Bilgenstock eine seltsame Angleichung vollzogen, nicht <lb/>
                 im Politischen, doch im Menschlichen. Jedes ging seiner We- <lb/>
                 ge, sie sahen sich auch nur flüchtig, schon weil Adam viel be- <lb/>
                 schäftigt war; je weniger indessen eine gewollte und begrün- <lb/>
                 dete Übereinkunft zwischen ihnen bestehen konnte, desto <lb/>
                 besser gelang es ihnen, sich unausgesprochen zu verständi- <lb/>
                 gen, und je weiter sie sich in ihren Grundsätzen voneinander <lb/>
                 entfernten, desto näher waren sie sich in den Hintergründen <lb/>
                 ihres Fühlens und Denkens. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es konnte geschehen, daß Adam Griguszies mitten in den
                <pb facs="#f0134" n="130"/>
                <lb/>
                 hitzigsten Debatten von einer großen Unruhe befallen wurde. <lb/>
                 Früher hatte er sich immer eine Schwester gewünscht, die ein <lb/>
                 Heldenmädchen der Revolution wäre, mit auf die Barrikaden <lb/>
                 ginge und im dicksten Kugelregen Munition herantrüge und <lb/>
                 Wunden wüsche und verbände; jetzt schien es ihm so, wie <lb/>
                 sie war, beinahe richtiger zu sein. Wurde sein eigenes Wesen <lb/>
                 von ihr beeinflußt? Ging es ihm an die Wurzel? War es <lb/>
                 schon ein Zeichen, daß er als Revolutionär an Festigkeit ver- <lb/>
                 lor? Er grübelte, aber erst das Grübeln lähmte ihn. Urplötz- <lb/>
                 lich schwand darüber zuweilen seine Aufmerksamkeit in den <lb/>
                 Versammlungen. Auch dies hatte er Paula anvertrauen müs- <lb/>
                 sen. Sie hatte das Plätteisen auf den Rost gesetzt und ohne <lb/>
                 eine große Sache daraus zu machen, erwidert: »Such dir end- <lb/>
                 lich mal ’n Mädel, das dich auf andere Gedanken bringt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber, aber. Er war ja gar nicht enthaltsam, in den Wach- <lb/>
                 stuben waren Frauen genug zu haben, und soweit ihm seine <lb/>
                 dienstliche Tätigkeit für die Weltrevolution Zeit dazu ließ, <lb/>
                 machte er auch Gebrauch davon. Dies wollte er ihr indessen <lb/>
                 nicht sagen. Dies konnte er ihr doch nicht sagen. Hatte er <lb/>
                 darum, wie sie behauptete, ein Talent zum Spießbürger? Sie <lb/>
                 war härter, das mußte er zugeben. Sie genierte sich nicht, ihm <lb/>
                 mitzuteilen, daß sie eine Fehlgeburt gehabt hatte: »Ist alles <lb/>
                 in Ordnung, der Doktor hat mich ausgekratzt.« Sie sah alles <lb/>
                 naturwissenschaftlich an, und ihre unbefangene Sprache war <lb/>
                 gleichsam ausgelüftet. »Sie ist freier und gesunder als ich«, <lb/>
                 sprang es ihm immer durch den Kopf, »sie ist freier und ge- <lb/>
                 sunder als ich, und das ist mehr wert, als wenn sie eine Revo- <lb/>
                 lutionärin wäre. Gut ist ihr Leben, so wie es ist, ich wünsche <lb/>
                 nichts anderes.« - </p>
            <p>
                <lb/>
                 Stets von neuem empfand er das. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So wie ihr Leben ist, so ist es gut.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie gewöhnlich, so fiel auch an diesem Abend keine Ent- <lb/>
                 scheidung. Endlos wurde fortdebattiert, Pläne, Pläne, Pläne. <lb/>
                 Es ging auf Mitternacht, und außer daß die Mehrheitssoziali- <lb/>
                 sten beschwichtigende Pfründenpfarrer wären und überall <lb/>
                 mit Gewalt aus den Räten verdrängt werden müßten, war so <lb/>
                 gut wie nichts beschlossen. Während Griguszies schonungs-
                <pb facs="#f0135" n="131"/>
                <lb/>
                 los das klägliche Fazit zog und sie einander ratlos und etwas <lb/>
                 frostig ansahen, wurde gemeldet, daß die Wachen ein ver- <lb/>
                 dächtiges Auto angehalten hätten, nahe bei der Grenze des <lb/>
                 Gebiets, das nach dem Waffenstillstand von den feindlichen <lb/>
                 Truppen besetzt worden war; unter den Insassen, die sich ge- <lb/>
                 weigert hätten, über den Zweck ihrer Fahrt eine Aussage zu <lb/>
                 machen, habe sich der junge Schellhase befunden, und es be- <lb/>
                 stehe Grund zu der Vermutung, daß er Verhandlungen mit <lb/>
                 dem Kommandeur der belgischen Okkupationsarmee geführt <lb/>
                 habe, jedenfalls habe man seine Mappe mit Papieren beschlag- <lb/>
                 nahmt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Durch diese Nachricht erfuhren die Leidenschaften den <lb/>
                 Auftrieb, den sie brauchten. Ohne daß man jemanden hätte <lb/>
                 namhaft machen können, der diese Ansicht zuerst geäußert <lb/>
                 hatte, kamen in wenigen Minuten alle überein, daß die Schell- <lb/>
                 hases den Einmarsch fremder Soldaten ins Steinkohlenrevier <lb/>
                 wünschten, um die Arbeiterschaft niederzuschlagen und sich <lb/>
                 vor der drohenden Sozialisierung zu retten. Daher wurde ihre <lb/>
                 augenblickliche Verhaftung stürmisch gefordert, in aller Eile <lb/>
                 ein provisorisches Zentralkomitee gebildet, dem sich alle <lb/>
                 Räte des Bezirks fügen sollten, Adam Griguszies zum Präsi- <lb/>
                 denten gewählt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es stärkte ihn, diese Vollmacht bedeutete für ihn die Ab- <lb/>
                 lösung von persönlichen Stimmungen und Betrachtungen. <lb/>
                 Er war froh, sich fürs erste ganz dem Augenblick überlassen <lb/>
                 zu dürfen. »Laden und sichern!« Seine große Stunde war ge- <lb/>
                 kommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So nahm er ein paar Bewaffnete, setzte sich mit ihnen ins <lb/>
                 Auto und fuhr davon in die Nacht, in die ganz tiefe und ganz <lb/>
                 stumme Nacht des fast völlig erloschenen, seiner Naturkraft <lb/>
                 entkleiptozedeten Reviers. Hinter den Wolken her rollte der Mond <lb/>
                 wie ein verlorenes Pfennigstück, seht nahe über der Erde war <lb/>
                 er und neigte sich auf die schwarzen, toten Seilscheiben herab. <lb/>
                 Im Gerippe der Fördertürme flimmerte es. Ihre eisernen Kno- <lb/>
                 chen phosphoreszierten, sie schienen erhöht und gespenstisch <lb/>
                 aufgerichtet wie Galgen, in deren magischem Umkreis die <lb/>
                 Toten Leben spielen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Straßen waren leer und von schweren Schatten ausge-
                <pb facs="#f0136" n="132"/>
                <lb/>
                 höhlt, in den schlafenden Fenstern glomm ein düsterer <lb/>
                 Schein. Krachend schaukelte das Auto durch die Senkungen, <lb/>
                 die den unterirdischen Lauf und die abenteuerlichen Verschlin- <lb/>
                 gungen der Bergwerksstollen anzeigten; das Krachen bollerte <lb/>
                 die Häuserwände hinauf, zog flach über die Dächer ab und <lb/>
                 versickerte in der drückenden Stille. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jetzt lagen die Menschen auf Haufen in den Betten, sechs <lb/>
                 Millionen Menschen als Staffage für ein Gebirge von Stein- <lb/>
                 kohle und Eisen. Jetzt krochen die Wanzen aus den Ritzen <lb/>
                 der Matratzen und schlürften das zarte Blut der Kinder, jetzt <lb/>
                 rieselten die Kakerlaken über die dunkle Wärme der Küchen- <lb/>
                 böden und die fettige Feuchte der Spülecken. Achtzig Kilo- <lb/>
                 meter fuhr das Auto. Die Stadt zog sich auseinander, aber sie <lb/>
                 nahm kein Ende. Schon befanden sie sich mitten auf dem <lb/>
                 Land, aber dieses Land war kein Gegensatz zur Stadt, sondern <lb/>
                 Peripherie der Stadt, zahllose Vororte, aufgereiht an der <lb/>
                 Heerstraße, zahllose Vororte, die sich dehnten, ohne sich je <lb/>
                 zu füllen. Diese Ortschaften bestanden nicht aus Gebäuden, <lb/>
                 sondern aus Lücken, bildeten keine Siedlung, sondern eine <lb/>
                 Gemarkung. Zwar hatten sie einen Mittelpunkt, das war die <lb/>
                 Kirche und davor das siebziger Kriegerdenkmal, doch sie hat- <lb/>
                 ten keinen Kern, die Häuser rankten sich jeweils in lockeren <lb/>
                 Gruppen um die Zechen herum. Die Grundstücke zu beiden <lb/>
                 Seiten der Landstraße waren nicht mehr Wiese und Acker <lb/>
                 und noch nicht Bauplatz, weil der Krieg dazwischengetreten <lb/>
                 war und den Zersetzungsprozeß des Landes zum Stocken ge- <lb/>
                 bracht hatte; es war ein verstaubtes, ausgefranstes, von Fuß- <lb/>
                 gängern, die den Fahrzeugen auswichen, plattgewalztes Ge- <lb/>
                 lände, dessen Bestimmung, obwohl noch Dünger abgeladen <lb/>
                 wurde, schon nicht mehr die Landwirtschaft, sondern die <lb/>
                 Baugenossenschaft war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Weiter, weiter, einmal muß sich die Gegend doch verän- <lb/>
                 dern, achtzig Kilometer fährt das Auto, hinauf und hinab <lb/>
                 springt die Straße. Feldwege verlieren sich hinter leicht ge- <lb/>
                 krümmten Hängen und hoch aufgeschütteten Bahndämmen, <lb/>
                 wo bei Tag die Ziegen der Kumpels grasen. Die Dämme sind <lb/>
                 breit, sechs Gleise laufen oben nebeneinander. Sie blitzen im <lb/>
                 Mondlicht. Jetzt geht die Straße drunterdurch und wird ein
                <pb facs="#f0137" n="133"/>
                <lb/>
                 enger, finsterer, schimmlig riechender Schlauch. In drei <lb/>
                 Stockwerken übereinander kreuzen sich die Bahnlinien, das <lb/>
                 Land ist von fortwährenden Überschneidungen zerrissen. <lb/>
                 Die Straße bohrt Hügel durch. Abraumhalden schießen vor- <lb/>
                 über, junge Birken erklimmen das vergehende Gestein. Ein <lb/>
                 Viadukt überquert eine schmale, mit Wiesen ausgelegte Tal- <lb/>
                 buchtung, der die Müllkippen in die Flanke rutschen. Der <lb/>
                 Westwind fegt die Papierfetzen in die Weißdornhecken der <lb/>
                 Bauern, fast das ganze Jahr ist hier Westwind, alle Bäume <lb/>
                 sind nach Osten geneigt. Die Kotten haben noch ihre Zieh- <lb/>
                 brunnen in Betrieb, und eine trübe, seifige Brühe fault in den <lb/>
                 Gräben. Der Boden ist lehmig, von der Kohle schwärzlich <lb/>
                 gefärbt, stark nässend, aber fruchtbar. So hoch wie kleine <lb/>
                 Weihnachtsbäume steht darin der Grünkohl mit den geripp- <lb/>
                 ten Strünken und den krausen Blättern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Neue Viadukte treiben über Lehmgruben und Ziegeleien <lb/>
                 hinweg, wo die braunen Erdkuchen gebacken werden. Frei- <lb/>
                 lich liegt jetzt alles danieder. Die Trockenstellagen sind ver- <lb/>
                 morscht, die Ringöfen verwittert. Aus den Schüttlöchern <lb/>
                 hängen dürre Grasbüschel heraus, was für ein Unrat muß erst <lb/>
                 in den Brennkanälen sitzen. Nur der Schornstein steht <lb/>
                 schlank und frei und unversehrt in die hellen Wolken hinein, <lb/>
                 ihm kann es nichts anhaben, ob der Betrieb geht oder nicht; <lb/>
                 er ist fest, er ist die Allmacht, er ist das dauernde Symbol <lb/>
                 über allem Wechsel der Konjunktur und aller Vergänglich- <lb/>
                 keit der Spekulation. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So fährt das Auto mit Adam Griguszies in die Nacht hin- <lb/>
                 ein. Die Sinne sind geschärft und nehmen sicherer als bei <lb/>
                 Tage die Eindrücke auf, obwohl diese schnell vorüberhuschen <lb/>
                 und gestaltlos in die Finsternis zurücksinken, aus der sie für <lb/>
                 zwei Sekunden in schwach belichteten Umrissen hervorge- <lb/>
                 treten sind. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Fluß kommt, die Brücke, ein salutierender Posten — <lb/>
                 das Auto führt die rote Kommandoflagge. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ohne Übergang beruhigt sich die Landschaft; breite Hö- <lb/>
                 hen mit zart sprießenden Roggenfeldern stoßen gegen Wald- <lb/>
                 säume vor, Bäche schwimmen an alten Gehöften vorbei, die <lb/>
                 Hähne krähen im Schlaf. Hier ist es träumerisch. Hier hört
                <pb facs="#f0138" n="134"/>
                <lb/>
                 alles auf, was Industrie heißt und mit Industrie zu tun hat —, <lb/>
                 bis auf die großen Herren, die darüber gebieten. Sie haben <lb/>
                 sich hierher zurückgezogen. Die Sträucher werden dichter, <lb/>
                 die Bäume höher, das hügelige Land schwingt in fliegenden <lb/>
                 Wellen aus. Da ist schon das Schloß der Schellhases, den <lb/>
                 mittelalterlichen Wasserburgen nachgebildet, mit steilen <lb/>
                 Turmhauben und wehrhaft vergitterter Balkenbrücke. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dicht heran schlurft das Auto. Hunde bellen im Hof, ein <lb/>
                 Bernhardiner rennt sich an den Torbohlen fast das Genick ein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Griguszies zieht die Glocke; ein dünner, aber langhallen- <lb/>
                 der Ton, wie ein Angelusläuten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es wurde nicht gleich geöffnet. Nach fünf Minuten began- <lb/>
                 nen sie, das Tor mit Gewehrkolben zu bearbeiten. Grigus- <lb/>
                 zies feuerte mit seiner Armeepistole einen Schuß in die Luft. <lb/>
                 Gleich darauf nahte eine Laterne, ein tapsiger Schritt, Rufe <lb/>
                 nach den Hunden, Klirren von Schlüsseln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kastellan war über diesen Besuch entsetzt und beteu- <lb/>
                 erte seine Unschuld: er habe sie nicht absichtlich warten las- <lb/>
                 sen, die Dienerschaft sei frühzeitig zu Bett geschickt worden, <lb/>
                 er habe die Herren bedienen müssen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Herren?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja —, nämlich Herr Kropf und Herr Wirtz sind am Abend <lb/>
                 noch gekommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So«, sagte Griguszies. »Vorwärts marsch.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf den Steinfliesen des Hofes klapperten die Schuhe, wie <lb/>
                 wenn eine Blechdose vorm Wind übers Pflaster kullert; der <lb/>
                 Bernhardiner wurde von diesem Geräusch aufgereizt, riß sich <lb/>
                 von der Kette und fiel einen der Wachleute an, aber der Hin- <lb/>
                 termann sah ihn losstürzen, besann sich nicht lange, entsicher- <lb/>
                 te und streckte ihn nieder. Auf diesen Schuß und das Geheul <lb/>
                 des verendenden Hundes kam Schellhase junior heraus, über- <lb/>
                 blickte sofort die Situation und rief dem Kastellan zu, weshalb <lb/>
                 er das Gesindel hereingelassen habe, er sei für niemanden die- <lb/>
                 ser Sorte zu sprechen. Der antwortete: »Gnädiger Herr...« <lb/>
                 und deutete auf die Gewehre. Gleichzeitig sagte Adam Gri- <lb/>
                 guszies: »Im Namen der Arbeiterschaft erkläre ich Sie für <lb/>
                 verhaftet.« </p>
            <pb facs="#f0139" n="135"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Das werden wir sehen,« drohte Schellhase und zog einen <lb/>
                 Browning, »ich verbitte mir jede Belästigung. Die republi- <lb/>
                 kanische Regierung sitzt in Berlin, außer ihr hat niemand et- <lb/>
                 was zu befehlen. Ich berufe mich auf die Gesetze, die von der <lb/>
                 republikanischen Regierung ausdrücklich anerkannt sind.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie selten... Herr Schellhase, das freut uns aber, daß <lb/>
                 Sie so ein guter Republikaner geworden sind, bloß wir ver- <lb/>
                 handeln hier nicht. Geben Sie auf, sonst muß ich von der <lb/>
                 Waffe Gebrauch machen lassen. Das täte mir leid. Liefern Sie <lb/>
                 Ihren Revolver gutwillig ab und lassen uns reingehen, wir <lb/>
                 haben auch Interesse an Ihren Gästen.« Er ging auf ihn zu, <lb/>
                 Schellhase junior drückte in seiner Erregung ab, die Kugel <lb/>
                 pfiff hart an Griguszies vorbei und pickte die gegenüberliegen- <lb/>
                 de Mauer an. Noch ehe der Lärm verebbt war, hatten sie den <lb/>
                 Schützen überwältigt. Sie faßten ihn am Handgelenk und zerr- <lb/>
                 ten ihn fort. Alle schwiegen. Der Kastellan leuchtete die <lb/>
                 Treppe hinauf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sie die Diele des Schlosses betraten, war ihnen feierlich <lb/>
                 zu Mut, aber es war nicht jene hochgestimmte, anfeuernde <lb/>
                 Feierlichkeit, welche durch die Erfüllung eines unendlichen <lb/>
                 Wunsches bewirkt wird, sondern es war eine verzagte, klein- <lb/>
                 herzige Feierlichkeit, die alle Gedanken in einen leeren und <lb/>
                 beziehungslosen Hohlraum entrückte. Diese Schloßdiele war <lb/>
                 ein kaltes Gewölbe mit brauner Holztäfelung und vielen Ni- <lb/>
                 schen, wo sehr breite Bänke um runde Tische herumliefen, <lb/>
                 deren Füße aus dicken Holzkugeln zusammengesetzt waren. <lb/>
                 Mit klopfenden Herzen betrachteten die Eindringlinge (denn <lb/>
                 als solche fühlten sie sich mit einem Mal) die altertümlichen, <lb/>
                 zierlich geschnitzten Kommoden, die eine abweisende Kühle <lb/>
                 ausströmten, die geheimnisvollen Wandschränke und den <lb/>
                 malerischen Kachelofen, die Vasen aus Kunstguß und die <lb/>
                 lebensgroßen Bronzefiguren, Gießer und Schmied, beide mit <lb/>
                 Schurzfellen, auf deren sorgsam gekräuselten Faltenwurf der <lb/>
                 Künstler besonderen Wert gelegt hatte. Alles dies betrachte- <lb/>
                 ten sie und fühlten sich nicht als Sieger, sei es, daß sie von der <lb/>
                 Fremdheit und distanzierten Überlegenheit dieser ungewohn- <lb/>
                 ten Umgebung eingeschüchtert wurden, sei es, daß sie ent- <lb/>
                 täuscht waren, weil sie die Üppigkeit nicht vorfanden, die sie
                <pb facs="#f0140" n="136"/>
                <lb/>
                 bei den Industriellen erwartet hatten, keine Wände aus Mar- <lb/>
                 mor, keine Tische aus Gold, keine Becher aus Edelstein, kei- <lb/>
                 nen märchenhaft ausgebreiteten Reichtum, keinen strotzen- <lb/>
                 den Überfluß, keine Orgien mit Wein und Weibern, kein <lb/>
                 vom Arbeiterschweiß genährtes Schlemmergelage. Absto- <lb/>
                 ßend nackt und nüchtern war der Raum, mochte seine Anlage <lb/>
                 noch so kostspielig gewesen sein. Vielleicht war es eine Ma- <lb/>
                 rotte von dem alten Schellhase, vielleicht war es eine Finte <lb/>
                 von dem jungen. Einerlei, es war so, es warf ihre Vorstellun- <lb/>
                 gen über den Haufen, es brachte sie aus dem Konzept. Sie <lb/>
                 verspürten nicht die geringste Lust, weiter vorzudringen; un- <lb/>
                 schlüssig verharrten sie zwischen den Kommoden, Bronzen <lb/>
                 und Bänken, und ehe sie sich dessen versahen, stand der alte <lb/>
                 Schellhase vor ihnen, das silbrig sich wölbende Haar wie ein <lb/>
                 Heiligenkranz, die goldene Brille vor den weit geöffneten, <lb/>
                 fern weilenden Augen. Er sprach, mit der bald geballten, bald <lb/>
                 gespreizten, bald ausgreifenden Hand dramatische Akzente <lb/>
                 setzend, sprach friedliche Worte, die wie des Knaben Wunder- <lb/>
                 horn tönten. Griguszies unterbrach ihn barsch: »Ihr Sohn ist <lb/>
                 viel aufrichtiger. Er nennt uns Gesindel und schießt auf uns.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich billige das nicht...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was billigen Sie nicht? Daß er schießt oder daß er auf- <lb/>
                 richtig ist?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hier trat aus der Dämmerung eines Pfeilers, die ihn ver- <lb/>
                 borgen hatte, jemand vor und sagte schnell: »Daß er auf- <lb/>
                 richtig ist, natürlich.« Griguszies blickte in das kluge, viel- <lb/>
                 seitige und vieldeutige Gesicht von Ottokar Wirtz, das er <lb/>
                 aus vielen Abbildungen kannte. Dieses Gesicht war unver- <lb/>
                 wechselbar und sein typischer Ausdruck auch in der schlech- <lb/>
                 testen Reproduktion unzerstörbar. Neben ihm erschien das <lb/>
                 viereckige Gesicht von Kropf, ein flüsternder Mund: »Ma- <lb/>
                 chen Sie bitte jetzt keine Scherze.«— »Ich scherze nicht, ich <lb/>
                 sage den Herren vom Arbeiterrat genau das, was sie zu hören <lb/>
                 wünschen, Ich möchte sie um nichts in der Welt enttäuschen. <lb/>
                 Ohne Zweifel wollen sie uns verhaften.« — »Es erschiene mir <lb/>
                 richtiger, den Leuten Vernunft zu predigen, statt sie zu rei- <lb/>
                 zen.«— »Meine Herren«, erklärte wichtig Griguszies, »Pri- <lb/>
                 vatgespräche sind Sie nicht mehr erlaubt. Sie sind verhaftet.« </p>
            <pb facs="#f0141" n="137"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Da haben Sie’s«, sagte Wirtz mit der eitlen Gelassenheit <lb/>
                 eines Propheten, der seine Voraussage erfüllt sieht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn Sie provozieren —«, entgegnete Kropf und fragte: <lb/>
                 »Darf man erfahren, weshalb Sie uns verhaften wollen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Lassen Sie doch,« wehrte Ottokar Wirtz, »das ist doch <lb/>
                 ganz gleich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich danke, ich verstehe Sie wirklich nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber was Besseres kann uns jetzt doch gar nicht passie- <lb/>
                 ren! Je tiefer der Karren in den Dreck gefahren wird, desto <lb/>
                 eher wird man uns anflehen, ihn wieder herauszuholen. Wenn <lb/>
                 wir Märtyrer gewesen sind, werden wir Bedingungen stellen <lb/>
                 können.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Diese Vabanque-Politik gefällt mir nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wissen Sie eine andere?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gerade durch, und wenn es sein muß, untergehen im <lb/>
                 Kampf.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist keine Politik, sondern Poesie. Außerdem ist es <lb/>
                 egal, auf welche Art Sie untergehen, das können Sie ohne <lb/>
                 Kampf sogar billiger haben. Zu erwägen ist allein, wo die <lb/>
                 größere Chance zu entschlüpfen ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Meine Herren, unterlassen Sie endlich die Unterhaltun- <lb/>
                 gen«, drängte Griguszies. »Sie sind verhaftet wegen ver- <lb/>
                 suchtem Landesverrat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wegen Landesverrats!« rief Schellhase junior, »so, da <lb/>
                 sich einer an. Dieser Vorwurf aus Ihrem Munde —, das ist ja <lb/>
                 die reine Perversität.« Er wollte höhnisch lachen; es war <lb/>
                 eine Anstrengung, es war sehr mühsam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In dieser Angelegenheit könnten wir offenbar keine beru- <lb/>
                 feneren Richter finden«, bestätigte Kropf, aber sein Sarkas- <lb/>
                 mus war nicht ganz echt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Worin besteht unser Verbrechen?« fragte ruhig der greise <lb/>
                 Schellhase. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie sind beschuldigt, daß Sie mit die Generäle von die <lb/>
                 Okkupationsarmee über den Einmarsch ins Kohlenrevier <lb/>
                 verhandelt haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ottokar Wirtz warf Kropf einen undurchdringlichen Blick <lb/>
                 zu: »Sie sehen, die öffentliche Meinung zwingt uns, unseren <lb/>
                 Ruf zu rechtfertigen. Ich für mein Teil möchte nicht besser
                <pb facs="#f0142" n="138"/>
                <lb/>
                 sein als mein Ruf, ich vertrage es nicht, daß man uns mehr <lb/>
                 Tüchtigkeit nachsagt, als wir besitzen, ich sträube mich da- <lb/>
                 gegen, daß wir in dem, was Sie Vabanque-Politik heißen, <lb/>
                 noch Stümper sind, wo wir schon als Meister eingeschätzt <lb/>
                 werden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben nicht so viel Platz in unserem Auto«, sagte <lb/>
                 Griguszies, »wenn die Herren uns nicht ihre Wagen zur Ver- <lb/>
                 fügung stellen wollen, müssen sie zu Fuß gehen.«— »Das <lb/>
                 wäre«, antwortete Wirtz, der mit seiner Fassung sie alle au- <lb/>
                 ßer Fassung brachte, »wenn ich schon mal Gefangener bin <lb/>
                 will ich es in meinem eigenen Wagen sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 SIEBENTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Obduktion der Leiche des Meisters Kurbjuhn gab <lb/>
                 über die Todesursache keinen bestimmten Aufschluß. <lb/>
                 Zwar hielten es die Ärzte für wahrscheinlich, daß der sofor- <lb/>
                 tige Tod durch den Hieb Walkowiaks herbeigeführt worden <lb/>
                 sei, sie ließen aber auch die Möglichkeit zu, daß die inneren <lb/>
                 Verletzungen, die Kurbjuhn sich durch den Sprung aus <lb/>
                 dem Fenster zugezogen hatte, bereits tödlich gewesen wa- <lb/>
                 ren. Gleichwohl leitete die Staatsanwaltschaft gegen Walko- <lb/>
                 wiak ein Verfahren wegen Totschlags ein, das indessen nicht <lb/>
                 durchgeführt werden konnte, indem der Arbeiter- und Sol- <lb/>
                 datenrat seine Zustimmung versagte. Walkowiak blieb et- <lb/>
                 liche Tage in Schutzhaft, wurde dann freigelassen und unter <lb/>
                 dem Druck derjenigen Arbeiter, die sich offen rühmten, jetzt <lb/>
                 werde alles kurz und klein gehauen, jetzt werde mit Gewalt <lb/>
                 enteignet, jetzt werde Blut fließen, Adam Griguszies zur Un- <lb/>
                 terstützung beigesellt. Was dieser nun fürchtete, bewahrhei- <lb/>
                 tete sich: kaum war Walkowiak in Freiheit, als die Zerknir- <lb/>
                 schung von ihm wich und einem streitsüchtigen Hochmut <lb/>
                 Platz machte, der nur in der nämlichen Charakterschwäche <lb/>
                 seinen Ursprung haben konnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kurbjuhn hatte eine schöne Beerdigung, deren Kosten von <lb/>
                 Risch-Zander bestritten wurden. Der Orchesterverein der <lb/>
                 Werksangehörigen spielte den Trauermarsch aus »Samson«
                <pb facs="#f0143" n="139"/>
                <lb/>
                 und den Choral »Forthin ist bei mir gelegt der Gerechten <lb/>
                 Krone«, hinter dem Sarg schritt der Freiherr mit Hachenpoot, <lb/>
                 dann folgten vollzählig das Direktorium, die Prokuristen, <lb/>
                 Handlungsbevollmächtigten, Betriebsführer und Assisten- <lb/>
                 ten, eine Anzahl Meister und Hilfsmeister, auch viele Arbei- <lb/>
                 ter im Gefolge von Vereinsfahnen aller Art. Es war eine <lb/>
                 offenkundige Demonstration, und es besteht Grund zu der <lb/>
                 Annahme, daß es auch dann dabei verblieben wäre, wenn die <lb/>
                 Wucherpolizei eine weniger strenge Berufsauffassung gehabt <lb/>
                 und über den Angeber des Pferdewurstpreises eine weniger <lb/>
                 hartnäckige Verschwiegenheit beobachtet hätte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Zug wurde von berittener Polizei begleitet, die mehr- <lb/>
                 mals gegen Störungsversuche mit blankem Säbel einschritt. <lb/>
                 Berge von Kränzen wurden hinterhergefahren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem die Gebete des Geistlichen am offenen Grabe ver- <lb/>
                 klungen waren, fing Hachenpoot an zu sprechen: der nim- <lb/>
                 mer rastende Baumfäller Tod habe wieder eine deutsche Eiche <lb/>
                 gefällt, »wir begraben einen schlichten Meister, uns aber war <lb/>
                 er mehr.« Der Meister Kurbjuhn sei die Verkörperung des <lb/>
                 Risch-Zanderschen Gemeinschaftsgeistes gewesen, und er sei <lb/>
                 dafür gefallen, daß dieser Geist sich auch in der Bitternis der <lb/>
                 Zeit bewähre und alle Wirren überstehe. »Ein Recke von Ge- <lb/>
                 stalt, war er zugleich ein Riese von Gemüt und deutsch bis <lb/>
                 auf die Knochen.« Man wolle an diesem Grabe niemanden <lb/>
                 anklagen, man wolle sagen, daß eine tückische, schleichende <lb/>
                 Krankheit den prächtigen Menschen hinweggerafft habe. <lb/>
                 »Die deutsche Heimaterde nimmt ihn auf, die er so lieb hatte, <lb/>
                 den Wald und die Heide, den Bach und den Weiher. Eine <lb/>
                 Mahnung ist der Tote: er gehörte zu jener alten Garde, die <lb/>
                 da stirbt, doch sich nie ergibt.« Die Fahnen neigten sich, ein <lb/>
                 schwacher Wind strich dicht über den Boden und netzte sie <lb/>
                 mit Sprühregen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot schöpfte nun eine Schaufel voll Erde, die wal- <lb/>
                 dig und schon ein wenig nach Frühling roch, und reichte sie <lb/>
                 zuerst dem Freiherrn, der sie über den Sarg streute. Dann <lb/>
                 traten der Rang- und Anciennitätsfolge nach die Direktoren, <lb/>
                 Prokuristen, Handlungsbevollmächtigten, Betriebsingenieure <lb/>
                 heran, und die Abordnungen legten ihre Kränze nieder, jede
                <pb facs="#f0144" n="140"/>
                <lb/>
                 mit einem kurzen Spruch, der darüber belehrte, von wem <lb/>
                 und wegen welcher Verdienste des Entschlafenen der Kranz <lb/>
                 gestiftet worden sei. Es dauerte eine lange Zeit, es geschah <lb/>
                 mit großer Geduld und Genauigkeit. Währenddessen sang <lb/>
                 der Männergesangverein »Polyhymnia« das Lied »Ich hatt’ <lb/>
                 einen Kameraden«, der Freiherr hatte es selbst gewünscht, es <lb/>
                 sei alt und einfach und immer wieder ergreifend, sagte er. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Obwohl die Tage schon beträchtlich zugenommen hatten, <lb/>
                 war es dämmerig, als die Zeremonie zu Ende war. Ferne <lb/>
                 Wolkenstreifen an einem müden Himmel blendeten das Licht <lb/>
                 des Tages ab, die Sträucher und die Spitzen der Gräser zitter- <lb/>
                 ten, all die lockeren, unwirklich schimmernden Knospen, <lb/>
                 die in der feuchtgrauen Milde vorzeitig aufquollen, dämmer- <lb/>
                 ten in verhaltener Erregung hin. Etwas davon ging in die <lb/>
                 Menschen über, als sie dem Grabe den Rücken wandten; sie <lb/>
                 wurden lustig und rissen Witze, die nach dem Gesetz von der <lb/>
                 Berührung der Gegensätze (da sie eben der Vernichtung des <lb/>
                 Lebens beigewohnt hatten) die Zeugung des Lebens zum Ge- <lb/>
                 genstand hatten. Die Musiker spielten, kaum daß sie aus dem <lb/>
                 Friedhof hinaus waren, das sinnige Volkslied »Das Lieben <lb/>
                 bringt groß Freud« und den munteren Militärmarsch »Warum <lb/>
                 küßt du denn die Wangen deiner Braut, küß sie auf den <lb/>
                 A-a-arm, es ist dieselbe Haut«, und alle Vereinsbrüder schick- <lb/>
                 ten sich an, ihre Stammkneipen aufzusuchen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sie aber die Straßen der Stadt betraten, fiel ihnen auf, <lb/>
                 daß die Geschäfte geschlossen und die Rolläden herunterge- <lb/>
                 lassen waren. Sie erkundigten sich nach der Ursache und er- <lb/>
                 fuhren, daß am Nachmittag die Schaufenster zertrümmert <lb/>
                 und ausgeplündert worden seien; die Polizei, die Verhaftun- <lb/>
                 gen habe vornehmen wollen, sei machtlos gewesen und un- <lb/>
                 verrichteter Sache abgerückt. Es wäre auch das klügste ge- <lb/>
                 wesen, was sie hätte tun können, wenn sie nicht selbst hätte <lb/>
                 aufgerieben werden wollen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf den Bürgersteigen standen, je weiter man in die Stadt <lb/>
                 hineinkam, um so mehr Gruppen streitender oder lebhaft er- <lb/>
                 zählender Menschen; Siebzehn- und Achtzehnjährige strolch- <lb/>
                 ten auf dem Fahrdamm herum, in verfilzten Soldatenröcken, <lb/>
                 die Kappen verwegen aufs Ohr gedrückt, mit den Händen in
                <pb facs="#f0145" n="141"/>
                <lb/>
                 den Hosentaschen an den Beinen herumjuckend. Einige ge- <lb/>
                 fielen sich darin, Betrunkenheit vorzutäuschen, gröhlten zo- <lb/>
                 tige Verse und sandten, wo sich eine Frau am Fenster blicken <lb/>
                 ließ, schamlose Aufforderungen hinauf; andere schrien in <lb/>
                 gleichmäßigen Intervallen: »Nieder mit Noske! Rache für <lb/>
                 Liebknecht!« Alle schienen sie die Taschen voll Zigaretten zu <lb/>
                 haben; zuweilen boten sie den am Weg Stehenden welche an, <lb/>
                 manche nahmen sie, manche weigerten sich. Kinder, Jungen <lb/>
                 und Mädchen, hatten sich untergefaßt und zogen in Hängeln <lb/>
                 über die ganze Straßenbreite hinterdrein, wiederholten die <lb/>
                 Lieder, die jene sangen, und wenn die kindlichen Lippen ein <lb/>
                 schmutziges Wort recht saftig herausschmetterten, drehten <lb/>
                 die Burschen sich um, warfen ihnen Zucker und Schokolade <lb/>
                 zur Belohnung hin und schürten boshaft die darüber entste- <lb/>
                 hende Balgerei. Mehrere dicke Weiber, die nicht von der be- <lb/>
                 sten Art zu sein schienen, kreischten dazwischen, riefen die <lb/>
                 Kinder, ließen sich in Wortgefechte mit den Halbwüchsigen <lb/>
                 ein und wurden von ihnen mit einem Hagel unflätiger Re- <lb/>
                 densarten bombardiert. Sie blieben einander nichts schuldig, <lb/>
                 es schwirrte hinüber und herüber, »Rotznasen« und »fette <lb/>
                 Sau« und »Schweinepriester« und »Paradekissen« und »grü- <lb/>
                 ne Bengels« und »ausgeleiertes Loch«, und jedesmal brachen <lb/>
                 die Burschen in ein unbändiges Gelächter aus, während die <lb/>
                 Weiber mit wütendem Ernst fortkeiften. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In dieses Treiben gerieten jetzt die vom Leichenbegängnis <lb/>
                 zurückkehrenden Zylinder und Fahnen hinein. Zuerst ent- <lb/>
                 stand eine Beklemmung; es war wie der Einbruch von Ge- <lb/>
                 spenstern in einen Rummelplatz, es war wie der Einbruch von <lb/>
                 Mumien in den bramarbasierenden, trotzig aufgeblähten <lb/>
                 Jahrmarkt des Lebens. Hätte nicht einer die Unvorsichtigkeit <lb/>
                 begangen, herausfordernd laut zu fragen: »Ist das die Welt- <lb/>
                 revolution?« — so wären sie unbehelligt hindurchgekommen, <lb/>
                 mit aufgesperrten Mäulern hätte man sie wie einen Spuk vor- <lb/>
                 überwandeln lassen; jedoch auf jene Frage ertönten sofort <lb/>
                 ein paar grelle Pfiffe, im Nu rollten die Zylinder auf der Straße <lb/>
                 und platzten unter den Tritten genagelter Schuhe mit einem <lb/>
                 paffenden Laut, wie Fahrradschläuche, denen die Luft aus- <lb/>
                 geht. Fahnenstangen wurden erbeutet und auf den Köpfen
                <pb facs="#f0146" n="142"/>
                <lb/>
                 derer zerschlagen, die sich nicht mehr in die Haustüren hin- <lb/>
                 ein retten konnten, Fensterscheiben eingestoßen, Messer ge- <lb/>
                 zückt—, irgendwer wirft eine Handgranate, Rauch, Stein- <lb/>
                 schlag, Geschrei, von allen Seiten kommen Verstärkungen, <lb/>
                 irgendwer schreit: »Barrikaden bauen! Barrikaden bauen..!« <lb/>
                 — schreit unentwegt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Pflaster heraus, Türen erbrochen, Möbel auf die Straße ge- <lb/>
                 schleppt. Weinende Frauen, schreiende Kinder an ihren <lb/>
                 Röcken, rennen sinnlos umher, Männer rufen: »Alles von <lb/>
                 den Fenstern weg, alles in die Keller!« Polizei eilt im Trab <lb/>
                 heran: »Straße frei!« Wieder eine Handgranate, Fetzen, <lb/>
                 Stöhnen Getroffener, »Das ist unsere Antwort, kommt ran, <lb/>
                 wenn ihr was wollt!« Die Polizei hat Verluste, die Polizei <lb/>
                 schießt. Munition auf die Barrikaden: Flaschen und Bierglä- <lb/>
                 ser. Die Weinflaschen sind fast alle noch voll, beim Aufschla- <lb/>
                 gen zischt es in Strahlen auf, saurer Dunst steigt aus den <lb/>
                 Pfützen. Die Scherben peitschen die stürmenden Polizisten, <lb/>
                 die Gaslaternen sind zertrümmert, es ist völlig dunkel. Die <lb/>
                 Polizei schießt. Denen auf der Barrikade sinkt das Herz in die <lb/>
                 Schuhe: »Rette sich, wer kann!« Die Polizei schießt. Die <lb/>
                 Polizei ist oben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Offizier befiehlt, den Fliehenden nachzusetzen. Es ist <lb/>
                 stockfinster, die Straße ist mit Toten und Verwundeten besät. <lb/>
                 Plötzlich schießt es aus einem Fenster, schießt es von vorn, <lb/>
                 schießt es aus dem Rücken, die Polizisten springen hin und <lb/>
                 her, immer neue Kämpfer tauchen auf, Gott weiß, woher, es <lb/>
                 ist unglaublich merkwürdig, es ist unglaublich toll. Die Ku- <lb/>
                 geln kennen keine Parteien mehr, niemand weiß mehr, wo der <lb/>
                 Gegner ist, man bringt einander um, gleichgültig wer, gleich- <lb/>
                 gültig wen, man fragt nicht viel, man metzelt einander nie- <lb/>
                 der, weil man nichts anderes tun kann, in diesem entsetzlich <lb/>
                 schwarzen, vollgepfropften, wahnsinnig gewordenen, töd- <lb/>
                 lich blitzenden Engpaß von Straße. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hupen plärren, Hupen, Hupen, schauerlich zwischen dem <lb/>
                 Geknall der Gewehre. Lastautos sind da, bewaffnete Arbei- <lb/>
                 ter mit roten Fahnen und Blendlaternen. Walkowiak befeh- <lb/>
                 ligt. Walkowiak entfaltet eine Fahne. Walkowiak ist wie eine <lb/>
                 Freiheitsstatue im scharfen Strahl der Lampen. Riesenhaft
                <pb facs="#f0147" n="143"/>
                <lb/>
                 deckt sein Schatten eine durchlöcherte, zitronengelb flackern- <lb/>
                 de Hauswand. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit vieler Mühe gelingt es ihm, sich verständlich zu ma- <lb/>
                 chen. Die Polizei solle sich auf der Stelle zurückziehen, er <lb/>
                 übernehme den Sicherheitsdienst mit seinen Leuten. Der <lb/>
                 Offizier weicht nicht. »Sie tragen die Verantwortung für das, <lb/>
                 was jetzt passiert«, brüllt Walkowiak; es ist dieselbe Ent- <lb/>
                 schuldigungsformel, die bei allen Parteien seit Jahrhunderten <lb/>
                 zur Hand ist, wenn Menschen nutzlos in den Tod getrieben <lb/>
                 werden. »Die Verantwortung tragen«, antwortet erregt der <lb/>
                 Offizier, »das muß ich wohl, weil Sie dazu sowieso nicht in- <lb/>
                 stande sind.« Er knirscht mit den Zähnen. Er würde diesen <lb/>
                 Menschen lieber niederknallen als mit ihm verhandeln, aber <lb/>
                 da niemand bei der Polizei eine Ahnung hat, wie weit die Be- <lb/>
                 fugnisse des Arbeiter- und Soldatenrats tatsächlich gehen, <lb/>
                 fürchtet er, staatlich anerkannte Rechte zu verletzen. Er ist <lb/>
                 ein Polizist, er ist kein Freischärler. Walkowiak beharrt auf <lb/>
                 seinem Standpunkt: »Die Menschenleben, die noch dran <lb/>
                 glauben müssen, haben Sie auf ’m Gewissen.« — »Hätten Sie <lb/>
                 sich nicht eingemischt, so wären weitere Menschenleben nicht <lb/>
                 in Gefahr gekommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So blieb jeder stehen, wo er stand, so erklärte jeder dem <lb/>
                 anderen, daß es an ihm sei, abzuziehen, wenn er Blutvergießen <lb/>
                 verhindern und sich im Rahmen einer angemessenen Amts- <lb/>
                 handlung halten wolle. Die Erbitterung, womit sie sich ineinan- <lb/>
                 der verbissen hatten, war schon zu groß, als daß sie sich noch <lb/>
                 voneinander hätten lösen können. Walkowiak, von seinen auf- <lb/>
                 stachelnden Leuten in die Enge getrieben (denn sie wachten <lb/>
                 gegenseitig über ihre revolutionäre Unerbittlichkeit), machte <lb/>
                 ein Ende, indem er den Offizier mit dem Kolben niederschlug. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach einer halben Stunde war er Herr der Lage. In der <lb/>
                 Frühe des folgenden Tages proklamierte er den Generalstreik. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf einigen Zechen waren schon die Morgenschichten <lb/>
                 nicht mehr eingefahren, auf anderen wurde nach kurzer Zeit <lb/>
                 die Ausfahrt erzwungen. Gegen zehn Uhr vormittags er- <lb/>
                 schien auf »Glücklicher Morgenstern« ein aufgeregter Hau- <lb/>
                 fen und legte den Betrieb gewaltsam still. </p>
            <pb facs="#f0148" n="144"/>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszies, der Walkowiaks selbständige Aktionen <lb/>
                 nicht guthieß, wurde kurzerhand abgesetzt. Aus Groll be- <lb/>
                 freite er, bevor er ging, den Former Fries aus seiner Haft. Sie <lb/>
                 hatten ja nun beide erfahren müssen, daß die Führung einer <lb/>
                 Revolution nicht von Prinzipien, sondern von Nüancen ab- <lb/>
                 hängig ist, und daß eine so unvorbereitete Revolution, wenn <lb/>
                 nicht von der Konterrevolution, überhaupt nicht beendet <lb/>
                 werden kann, weil es in ihrer Natur liegt, Situationen und <lb/>
                 Menschen sehr schnell abzunutzen und diesen sinnlosen Ver- <lb/>
                 brauch durch dauernde Übertrumpfungen des Vorhergegan- <lb/>
                 genen, durch immer blutrünstigere Färbungen, durch immer <lb/>
                 unsinniger sich überschlagende Vernunftwidrigkeit zu ver- <lb/>
                 tuschen. Vielleicht war es auch falsch, einem Menschen wie <lb/>
                 Walkowiak zu widersprechen; denn seine Worte waren <lb/>
                 meistens von einer Art, die keine Verteidiger gefunden hätte, <lb/>
                 wenn sich nicht so viele Widersacher gemeldet hätten. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Ausschreitungen in der Stadt und in den Fabriken <lb/>
                 mehrten sich in den nächsten Tagen. Das Direktorium von <lb/>
                 Risch-Zander appellierte an die Belegschaft: »Wir wissen, daß <lb/>
                 unserer Stammarbeiterschaft das Wohl und Wehe der Fabrik <lb/>
                 am Herzen liegt, wir vertrauen darauf, daß sie dem Eindrin- <lb/>
                 gen der Unruhestifter in die Betriebe vorbeugen und keiner- <lb/>
                 lei Putschversuche dulden wird.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser Appell, der auf die Uneinigkeit und die dünkelhafte <lb/>
                 Absonderung innerhalb der Arbeiterschaft berechnet war, <lb/>
                 funktionierte sicherer als jeder Polizeischutz. Als eines Mit- <lb/>
                 tags größere Scharen streikender Bergleute Einlaß in die <lb/>
                 Werkstätten begehrten, um zur Beteiligung am Kampf für die <lb/>
                 Sozialisierung der Bergwerke aufzufordern, wurden sie an <lb/>
                 verschiedenen Stellen von den Metallarbeitern mit Hämmern <lb/>
                 und Meißeln sehr unsanft abgewiesen. Das machte böses Blut, <lb/>
                 und Walkowiak, dem der Vorfall berichtet wurde, schwor, <lb/>
                 die Rischianer aus ihrem Bau herauszuholen, und wenn er sie <lb/>
                 ausräuchern müsse. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alle diese Leute im Arbeiter- und Soldatenrat, Griguszies, <lb/>
                 Walkowiak und wie immer sie heißen mochten, waren (bis <lb/>
                 auf Fries, der von jeher geneigt gewesen war, die Würde eines <lb/>
                 Amtes über seine Bürde zu stellen) niemals lässig, murksten
                <pb facs="#f0149" n="145"/>
                <lb/>
                 Tage und Nächte durch, gönnten sich wenig Schlaf und wenig <lb/>
                 Speise, redeten sich heiser—: aber es war nun einmal ihr <lb/>
                 Schicksal, daß sie immer nur die Einpeitscher dessen wurden, <lb/>
                 was sie nicht beabsichtigten, daß sie aus dem Nichts ins <lb/>
                 Chaos und aus dem Chaos wieder ins Nichts stürzten, daß <lb/>
                 sich unter ihren Händen alles ins Gegenteil verkehrte und sie <lb/>
                 mit allem Fleiß und allem Eifer keinen anderen Effekt erziel- <lb/>
                 ten als ein Hund, der im Kreise läuft und sich dabei in den <lb/>
                 Schwanz beißt. Es waren sicher nicht wenige unter ihnen, die <lb/>
                 ziemlich viel Verstand und eine Meinung besaßen, aber diese <lb/>
                 durften nicht herrschen, denn wenn sie auch stark genug dazu <lb/>
                 waren, so waren sie doch nicht skrupellos genug dazu; dieje- <lb/>
                 nigen aber, welche herrschten, besaßen wenig Verstand und <lb/>
                 viele Meinungen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Walkowiak war überhaupt kein Führer, sondern ein Voll- <lb/>
                 strecker. Man kann ihm nicht nachsagen, daß er nichts unter- <lb/>
                 nommen hätte, um den Plünderungen, die keinem Menschen <lb/>
                 zugute kamen, sondern das bißchen Ware nutzlos verschleu- <lb/>
                 derten, Einhalt zu gebieten; doch war er so prahlerisch und <lb/>
                 dabei so undeutlich in seinen Reden, daß diejenigen, welche <lb/>
                 sie hörten, darin statt einer Strafpredigt einen Freibrief für <lb/>
                 ihre Verbrechen erblicken mußten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So geschah es denn einmal, daß vor Tagesanbruch, als drei <lb/>
                 Kassenbeamte im Erdgeschoß des Risch-Zanderschen Lohn- <lb/>
                 büros die Gelder für die Entlöhnung der Hochofen-Nacht- <lb/>
                 schicht betreitlegten, plötzlich die Fenster klirrten und zwei <lb/>
                 Männer sich ins Zimmer schwangen, die ihre Gesichter vom <lb/>
                 Kinn bis zu den Augen mit dunklem Stoff verhüllt hatten. <lb/>
                 Während der eine mit dem Ruf »Hände hoch, Geld heraus!« <lb/>
                 den Beamten eine Pistole vorhielt, ergriff der andere einen <lb/>
                 Beutel mit 270 000 Mark Papiergeld, und bevor die Beamten <lb/>
                 sich von ihrem Schrecken erholt hatten, entwichen die Räu- <lb/>
                 ber unerkannt durch die zerschlagenen Fenster. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hundertfünfzig Arbeiter mußten infolgedessen an diesem <lb/>
                 Morgen ohne Lohn zu ihren Frauen zurück, hundertfünfzig <lb/>
                 Arbeiterfrauen, die an diesem Morgen kein Geld in die Fin- <lb/>
                 ger bekamen, reizten ihre Männer gegen die Revolution auf, <lb/>
                 die an allem schuld sei und sogar den Haushalt störe, hun-
                <pb facs="#f0150" n="146"/>
                <lb/>
                 dertfünfzig Arbeiterfamilien warben Bundesgenossen für die <lb/>
                 öffentliche Ruhe und Ordnung, welche allein auch die Ord- <lb/>
                 nung des Haushalts gewährleiste. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Walkowiak bemerkte den ungünstigen Einfluß, den dieses <lb/>
                 Vorkommnis nach beiden Seiten hin ausübte —: es war eine <lb/>
                 Ermutigung der Elemente, die er gern abgestoßen hätte, und <lb/>
                 eine Entfremdung der Elemente, die er gern gewonnen hätte. <lb/>
                 Da er, wie er es auch anstellte, nichts anderes tun konnte, be- <lb/>
                 schloß er, die Aufmerksamkeit von jenem Ereignis durch die <lb/>
                 Organisierung einer großen Ausstandsbewegung abzulenken. <lb/>
                 So, hoffte er, würde der Schwur, den er betreffs der Rischianer <lb/>
                 getan hatte, wenngleich unter veränderten Umständen, doch <lb/>
                 noch wirksam werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Arbeiter, heraus auf die Straße!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es gelang ihm auch, in einer Funktionärversammlung des <lb/>
                 Metallarbeiterverbandes den Antrag durchzubringen, daß ein <lb/>
                 Zentral-Streikkomitee einzusetzen sei; Adam Griguszies, der <lb/>
                 sich keineswegs in den Schmollwinkel begeben hatte, stimmte <lb/>
                 um der Planmäßigkeit willen dafür und seltsamerweise sogar <lb/>
                 Fries, aber dieser rechtfertigte sich später vor seinen mehr- <lb/>
                 heitssozialistischen Freunden, indem er angab, er hätte ge- <lb/>
                 hofft, in das Komitee hineingewählt zu werden und dort die <lb/>
                 Radikalen abschnüren zu können. Jedenfalls entstand durch <lb/>
                 die Teilnahme von Fries eine neue Verwirrung und Unruhe <lb/>
                 in den Betrieben, da niemand mehr recht wußte, welcher Pa- <lb/>
                 role er zu folgen habe, und es daher den meisten bei der allge- <lb/>
                 meinen Unsicherheit geraten erschien, mit dem Strom zu <lb/>
                 schwimmen. Eine große Versammlung auf dem Marktplatz, <lb/>
                 in der nicht ungeschickt viele Bergleute verteilt waren, die <lb/>
                 gar nichts mit Risch-Zander zu tun hatten, endete mit Tumul- <lb/>
                 ten und Krawallen und einer Siedehitze, von der alle Köpfe be- <lb/>
                 nommen wurden. Morgens wurden die Arbeitswilligen ohne <lb/>
                 viel Mühe von den Streikposten verjagt. Die Kesselanlagen <lb/>
                 wurden gewaltsam stillgelegt, die Feuer herausgezogen, die <lb/>
                 Luken eingeschlagen, die Führungsscheiben zertrümmert. <lb/>
                 Ein Antrag, den Fries daraufhin dem Arbeiterausschuß un- <lb/>
                 terbreitete und der forderte, die Arbeiter sollten zum Schicht- <lb/>
                 beginn im Betrieb erscheinen und in geheimer Abstimmung
                <pb facs="#f0151" n="147"/>
                <lb/>
                 über Fortsetzung oder Abbruch des Streiks entscheiden, ver- <lb/>
                 fiel der Ablehnung mit zehn gegen fünf Stimmen. »Wenn sie <lb/>
                 erst mal wieder drin sind, ist alles aus«, sagte Griguszies, und <lb/>
                 dieses Argument schlug durch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Zentral-Streikkomitee richtete ein Schreiben an die Fir- <lb/>
                 ma, worin das Direktorium ersucht wurde, sämtliche Arbeits- <lb/>
                 willigen aus den Betrieben zu entfernen. »Nur auf diese Weise <lb/>
                 können wir für Ruhe und Ordnung Garantie leisten, ande- <lb/>
                 renfalls ist zu befürchten, daß auch die Notstandsarbeiten <lb/>
                 nicht mehr verrichtet werden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wiewohl Hachenpoot die Meinung äußerte, daß man die <lb/>
                 drei Gramm Ruhe und Ordnung, für welche das Komitee al- <lb/>
                 lenfalls zu bürgen imstande wäre, auch noch entbehren kön- <lb/>
                 ne, kam es über dieses Schreiben zu einer mündlichen Be- <lb/>
                 sprechung. Walkowiak verbuchte bei sich diese Tatsache als <lb/>
                 einen gewaltigen Sieg; indessen war sie (Siege haben häufig <lb/>
                 ihre Tücken) der Anfang seiner Niederlage. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Personalchef Wackerlein, dessen unterirdische Tätig- <lb/>
                 keit nie mit solcher Leichtigkeit und solcher Fülle von Hilfs- <lb/>
                 mitteln vonstatten gegangen war wie in diesen dunklen Tagen <lb/>
                 voll verschlungener Gänge und getrübter Übersichten, be- <lb/>
                 richtete Frau Ella dahin, daß man Hachenpoot unmöglich <lb/>
                 diese Unterredung führen lassen könne. Frau Ella ihrerseits <lb/>
                 überzeugte den Freiherrn, daß Hachenpoot, alle seine Ver- <lb/>
                 dienste zugegeben (diese rücksichtsvolle Wendung glaubte <lb/>
                 sie ihrem Schwiegersohn schuldig zu sein), in diesem Falle der <lb/>
                 Elefant im Porzellanladen wäre. Man kam überein, den Fi- <lb/>
                 nanzrat Hiebenstein zu betrauen, der schon unter dem alten <lb/>
                 Risch das Privatvermögen der Familie verwaltet hatte, sehr <lb/>
                 weise und taktvoll war und vor Hachenpoots Zeit als einer der <lb/>
                 Anwärter auf den Generaldirektorposten gegolten hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Abgesehen von seiner beweinenswerten Vorliebe für <lb/>
                 grasgrüne Anzüge, und abgesehen davon, daß er nicht aus <lb/>
                 dem Siegerland, sondern aus Württemberg stammt, ist er ein <lb/>
                 tüchtiger Mann, zumal für einen Schwaben, stellte Frau Ella <lb/>
                 fest, »geschmeidige Gestalt, ausdrucksvoller Bart, aber kein <lb/>
                 argwöhnisch machender Vollbart, nichts Drapiertes, sondern <lb/>
                 eine vertrauenswürdige. Kombination aus Backen- und Kne-
                <pb facs="#f0152" n="147"/>
                <lb/>
                 belbart. Es ist wahr, man muß ihn einmal in so einer heiklen <lb/>
                 Mission ausprobieren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein empfing das Komitee, dessen Sprecher Gri- <lb/>
                 guszies war, behutsam und zuvorkommend. Sechs Mitglie- <lb/>
                 der hatte das Komitee, sechs Stühle standen da. Hiebenstein <lb/>
                 lud sie zum Sitzen ein. Sie wurden tot und setzten sich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sie alle saßen, fragte der Finanzrat: »Haben die Herren <lb/>
                 alle Platz gefunden?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese überflüssige, beinahe dumme, aber mit so ausgesuchter <lb/>
                 Höflichkeit vorgebrachte Frage verwirrte sie dermaßen, daß sie <lb/>
                 alle noch einmal aufsprangen, ihre Stühle anstarrten und erst <lb/>
                 wieder Platznahmen, nachdem sie sich vergewissert hatten, daß <lb/>
                 für jeden ein Stuhl vorhanden war. Hiebenstein beobachtete sie, <lb/>
                 scheinbar ohne sie anzusehen, und klappte eine Zigarrenkiste <lb/>
                 auf. Sie setzten sich groß in Positur, um den Bestechungsver- <lb/>
                 such entrüstet abzulehnen. Hiebenstein entnahm der Kiste je- <lb/>
                 doch keine Zigarren, sondern nur eine Drahtklammer, heftete <lb/>
                 damit zwei Papiere aneinander und bat das Komitee, seine <lb/>
                 Wünsche vorzutragen. Die Unbestechlichen waren beschämt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Griguszies sprach. Er führte aus, es geschehe nicht mehr <lb/>
                 im Namen der Arbeitnehmer zum Vertreter der Arbeitgeber; <lb/>
                 diese Begriffe hätten sich endgültig umgewandelt. Die Arbei- <lb/>
                 tet leisteten bekanntlich Arbeit, und der Unternehmer nehme <lb/>
                 sie von ihnen, um sich den Ertrag anzueignen; folglich seien <lb/>
                 die Arbeiter die Arbeitgeber, und die Fabrikanten die Arbeit- <lb/>
                 nehmer. Nach jedem Satz blickte Hiebenstein ihn an und <lb/>
                 sagte freundlich: »Bitte, fahren Sie nur fort.« Griguszies <lb/>
                 wollte um keinen Preis den Anschein erwecken, daß er <lb/>
                 schüchtern und unwissend sei, und redete von Kapital und <lb/>
                 Lohn und Warenerzeugung alles durcheinander. Hiebenstein <lb/>
                 sagte: »Bitte, fahren Sie nur fort.« Dieser Aufforderung <lb/>
                 konnte man sich nicht entziehen, ohne als einfältig zu gelten. <lb/>
                 Man konnte nicht bekennen, daß man mit seiner Weisheit zu <lb/>
                 Ende sei; das ging nicht. Griguszies baute notgedrungen ei- <lb/>
                 nen förmlichen Leitartikel zusammen. Hiebenstein sagte: <lb/>
                 »Bitte, fahren Sie nur fort.« Schließlich war es aus mit der <lb/>
                 Selbstbeherrschung, Griguszies verhaspelte sich, die Worte
                <pb facs="#f0153" n="149"/>
                <lb/>
                 paßten nicht mehr zueinander, er mußte sich einen Abgang <lb/>
                 sichern, und da entfuhr es ihm: »Ich habe nichts mehr zu sa- <lb/>
                 gen, Herr Finanzrat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein nickte und ließ langsam seine Augen über die <lb/>
                 Reihe dieser Gesichter spazieren gehen, auf denen, wie er es <lb/>
                 bei sich selbst formulierte, eine »aufrührerische Einfalt« ver- <lb/>
                 zeichnet stand. Das Komitee rückte unbehaglich auf den Stüh- <lb/>
                 len. Er ließ es eine Weile zappeln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die elektrische Uhr über der Tür tickte jede Minute mit <lb/>
                 einem kurzen, schnalzenden Schlag. Es war eine verbrauchte, <lb/>
                 nach staubigen Teppichen und verräucherten Vorhängen <lb/>
                 riechende Luft in diesem Zimmer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man muß die Arbeiter heute darauf aufmerksam machen,« <lb/>
                 hub der Finanzrat mit einer trockenen, aus gelehrten Büchern <lb/>
                 kommenden Stimme an, »daß ihr wirtschaftlicher Kampf <lb/>
                 schon nicht mehr gegen das Kapital, sondern gegen sie selbst <lb/>
                 gerichtet ist. Die Erfüllung der Lohnforderungen, die in <lb/>
                 einer kleinen Zahl von Gewerben und in wenigen Städten <lb/>
                 erreicht wird, ist nur dadurch möglich, daß die Warenpreise <lb/>
                 erhöht werden. Die Verbraucher müssen die Mehrbelastung <lb/>
                 tragen, und es trifft besonders hart jene Arbeiterschichten, <lb/>
                 die nicht in der Lage sind, entsprechend der Preissteigerung <lb/>
                 Lohnforderungen durchzusetzen — wie Sie es können, meine <lb/>
                 Herren, die Sie Ihre Daumschrauben an einer Schlüssel- <lb/>
                 industrie ansetzen. Wenn ich es ganz drastisch sagen darf, <lb/>
                 Sie gewinnen, was Ihren Kameraden abgenommen wird. <lb/>
                 Die vielgeschmähte kapitalistische Wirtschaftsordnung hat <lb/>
                 natürlich, wie alle menschlichen Einrichtungen, auch un- <lb/>
                 erfreuliche Erscheinungen gezeitigt, sie hat aber in Deutsch- <lb/>
                 land weit sozialer gewirkt als im Ausland. Grundsätzlich <lb/>
                 hat sie für jeden von uns den Zwang zur Arbeit durch <lb/>
                 den Selbsterhaltungstrieb gebracht. Sie meinen, daß die Lage <lb/>
                 der Arbeiterschaft durch den Wegfall des Kapitalgewinns ge- <lb/>
                 bessert werde; aber wenn die Produktionsmittel verstaatlicht <lb/>
                 sind, kann der Kapitalgewinn noch immer nicht ausgeschal- <lb/>
                 tet werden, denn Kapital und Kapitalgewinn braucht auch <lb/>
                 der Staat, wenn er die Erzeugung weiterführen will. Ich will <lb/>
                 Ihnen keinerlei Meinung aufdrängen, es ist hier nur von
                <pb facs="#f0154" n="150"/>
                <lb/>
                 Tatsachen die Rede. Da der Staat doch nicht die ganze Gü- <lb/>
                 tererzeugung mit allem, was drum und dran ist, übernehmen <lb/>
                 kann, würde er auch in dieser oder jener Form wiederum das <lb/>
                 Privatkapital beanspruchen müssen. Wenn der Staat sich aller <lb/>
                 Produktionsmittel bemächtigte, müßte er dennoch, um die <lb/>
                 Gütererzeugung einigermaßen in Gang zu halten, die Pro- <lb/>
                 duktionsmittel, also eben das Kapital, im Wege des Kredits <lb/>
                 wieder an einzelne Personen abgeben. Eine solche, alle Pro- <lb/>
                 duktionsmittel umfassende Kreditwirtschaft würde aber einen <lb/>
                 solchen Wirrwar und ein so allgemeines Schiebertum zur <lb/>
                 Folge haben, daß die heutigen, schon sattsam bekannten Zu- <lb/>
                 stände in dieser Hinsicht noch das reinste Paradies von Treu <lb/>
                 und Redlichkeit wären. Mit der Sozialisierung würde das Ka- <lb/>
                 pital nur seinen Besitzer wechseln, es würde nur verschoben, <lb/>
                 was ja allerdings sehr zeitgemäß wäre.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hier schmunzelte verständnisvoll das Komitee, froh, dem <lb/>
                 schrecklichen Geschaukel nationalökonomischer Begriffe ent- <lb/>
                 ronnen zu sein. Witze über Schieber waren immer populär. <lb/>
                 Der Finanzrat, der dies genau einkalkuliert hatte, blieb je- <lb/>
                 doch ohne Bewegung und fuhr fort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich kann mir vorstellen, daß es ein schöner Glaube ist, <lb/>
                 nach Beseitigung des Kapitals werde der ganze Kuchen an <lb/>
                 die Arbeiter fallen. Wenn dem so wäre — meine Herren, ich <lb/>
                 bin ein Menschenfreund, ich würde dieses Glück wahrhaftig <lb/>
                 nicht beeinträchtigen. Aber zunächst ist es doch sehr fraglich, <lb/>
                 ob dieser Kuchen nachher ebenso groß sein wird; nach allen <lb/>
                 bisherigen Erfahrungen wird er viel kleiner ausfallen, und <lb/>
                 dann nutzt dem Arbeiter auch der größte Anteil nichts. Bei <lb/>
                 allen Staatsbetrieben ist es seit Menschengedenken so, daß <lb/>
                 das Allgemeingut weniger geachtet und sorgloser behandelt <lb/>
                 wird als Privateigentum. Sie kennen doch die Geschichte <lb/>
                 von dem Schweizer Soldaten?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein, Herr Finanzrat, die kennen wir nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun, der Soldat war angeheitert und zerschlug seine <lb/>
                 Feldflasche am Gewehr, dabei rief er immerfort: Macht nix, <lb/>
                 is ja Staatseigentum.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieses einer verstaubten humoristischen Ecke entlehnte <lb/>
                 Stück wurde von allen nach Gebühr belacht, und mitten im
                <pb facs="#f0155" n="151"/>
                <lb/>
                 Gelächter reichte Hiebenstein ihnen die Hand; gleichsam ne- <lb/>
                 benbei sagte er noch: »Unseren Arbeitern ist bekannt, daß <lb/>
                 wir jetzt mit Verlust arbeiten. Wir scheuen uns aber nicht, <lb/>
                 neue Aufträge zu Verlustpreisen hereinzunehmen, um unse- <lb/>
                 ren Werksangehörigen Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Se- <lb/>
                 hen Sie, ich bin ein alter Württemberger Demokrat, und ich <lb/>
                 finde bei Risch-Zander in idealer Weise verwirklicht, was <lb/>
                 mein großer Landsmann Friedrich List in seinem System der <lb/>
                 politischen Ökonomie als Werksfortsetzung bezeichnet, daß <lb/>
                 nämlich eine Generation um die andere an demselben Werk in <lb/>
                 derselben Richtung und demselben Geist weiterbaut, nach den- <lb/>
                 selben Grundsätzen und mit denselben Mitteln. Es ist ein hoch- <lb/>
                 bedeutsames volkswirtschaftliches Prinzip, meine Herren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit dieser Belehrung, die er fest und streng wie eherne <lb/>
                 Gebote hinsprach, komplimentierte er sie hinaus, und erst <lb/>
                 als sie draußen waren, wurden sie sich bewußt, daß sie die <lb/>
                 dargebotene Hand angenommen hatten. »Hol’” mich dieser <lb/>
                 und jener,« meinte einer von ihnen, »war das von Marx oder <lb/>
                 von Lenin oder von Scheidemann, was er da zum Besten <lb/>
                 gegeben hat? Hä, Griguszies? Mich ist das jedenfalls alles <lb/>
                 zu hoch.« — »Kamel«, antwortete Griguszies wütend, und <lb/>
                 nach einer Sekunde klein beigebend: »Kameler sind wir <lb/>
                 alle.«— »Das will ich meinen,« versetzte gutmütig der an- <lb/>
                 dere, »du hast ja ooch nix mit Löffeln gefressen. War <lb/>
                 ooch nix Berühmtes, deins, was du geredet hast, das haben <lb/>
                 wir doch spitz gekriegt, Männeken. Wir fangen alles groß <lb/>
                 an, und hinterher ist alles Scheiße. Die da oben haben den <lb/>
                 Kniff raus. Wir können sie nix, genau nix. Also auf Wie- <lb/>
                 dersehn, bis nächster Tage mal.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um die Scharte auszuwetzen und die Verantwortung von <lb/>
                 sich abzuwälzen, überhäuften sie Walkowiak mit Vorwürfen. <lb/>
                 »Überhaupt!« schrie einer, »überhaupt, überhaupt! Wat ha- <lb/>
                 ben wir schon bisher gehabt?« — »Tote von uns haben auf’m <lb/>
                 Pflaster gelegen,« pflichtete ein zweiter bei, derselbe, (der <lb/>
                 schon Griguszies den Kopf zurechtgesetzt hatte, »und ’n <lb/>
                 paar arme Jungens von die Polizei, die sich gegen uns haben <lb/>
                 mißbrauchen lassen. Aber die Großen, die Großen? Die
                <pb facs="#f0156" n="152"/>
                <lb/>
                 Großen ist kein Haar gekrümmt worden, wir können sie <lb/>
                 nix, die da oben, mein’ ich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vier sind verhaftet — — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das hat noch der Griguszies gemacht, du nicht, du nicht!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Macht euch bloß nix in die Hose! Ich kann mich doch <lb/>
                 nicht mit hunderterlei Dingen zugleich beschäftigen, so’n <lb/>
                 Mist, so’n Mist, kein Wunder, wenn man was aus die Augen <lb/>
                 verliert, aber ich werde sie gleich morgen aburteilen lassen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gar nichts wirst du! Schluß jetzt, abgedankt! Die Schell- <lb/>
                 hases und der Kropf und der Wirtz wer’nlosgelassen, verstehst <lb/>
                 du, die haben mehr Grütze in den kleinen Finger als du in <lb/>
                 deinen Kopp!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das bißchen, was du davon hast, kannst du in die <lb/>
                 Aschenkiste schmeißen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er fragte mit einer Stimme, die keine mehr war: »Wollt <lb/>
                 ihr zur Konterrevolution überlaufen? Wollt ihr die ARMEE <lb/>
                 DES SCHAFFENDEN VOLKES verlassen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Du Volksbetrüger! Großmaul! Mörder!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mörder!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ihr erbärmliches Gewürm, ihr!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Licht ging aus, die Stuhlbeine krachten. Walkowiak <lb/>
                 unterlag in dieser Schlägerei. Das Dunkel barg seine Ver- <lb/>
                 legenheit und seine furchtbare Ermattung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Risch-Zander machte bekannt, daß an vier aufeinander- <lb/>
                 folgenden Tagen von zweiundzwanzigtausend zur Früh- <lb/>
                 schicht gehörenden Arbeitern das erste Mal zehntausend, <lb/>
                 das zweite Mal vierzehntausend, das dritte Mal sechzehn- <lb/>
                 tausend, das vierte Mal neunzehntausend erschienen seien. <lb/>
                 »Es ist hiernach anzunehmen, daß die Ausstandsbewegung <lb/>
                 in den nächsten Tagen vollends aufhören wird.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 ACHTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die oberen Beamten der Risch-Zander A.-G. hatten ein <lb/>
                 Kasino, ein gebirgiges Fachwerkgebäude mit Balustraden, <lb/>
                 Garten und Terrassen an der Peripherie der Fabrik, und <lb/>
                 außerdem ein von flatternden Zinnen gekröntes Klubhaus
                <pb facs="#f0157" n="153"/>
                <lb/>
                 am Fluß, wo allsommerlich eine Ruderregatta um den <lb/>
                 Wanderpreis des Freiherrn von Zander stattfand, einen sil- <lb/>
                 bergetriebenen Pokal mit seelisch beschwerten Nymphenrei- <lb/>
                 gen. Der Zutritt zu diesem Kasinoklub war an bestimmte <lb/>
                 Imponderabilien geknüpft, die ihren geheimnisvollen Aus- <lb/>
                 druck bei der Ballotage fanden. Ob er eine Frau mit gesell- <lb/>
                 schaftlicher Befähigung hatte, ob er so moralisch war, daß <lb/>
                 er seine Laster zu verstecken wußte, ob er einen Onkel oder <lb/>
                 einen Schwiegervater hatte, der im Notfall seine Schulden <lb/>
                 decken konnte, ob seine politische Gesinnung einwandfrei, <lb/>
                 sein Anzug vom Schneider, sein Auftreten den guten Sitten <lb/>
                 entsprechend und seine Heuchelei vollkommen war — dies <lb/>
                 und hundert andere Dinge bescheinigten dem Prätendenten <lb/>
                 die weißen Kugeln, die für ihn abgegeben wurden, bestritten <lb/>
                 ihm die schwarzen Kugeln, die gegen ihn abgegeben wurden. <lb/>
                 Ein versäumter Besuch bei einem Vorstandsmitglied konnte <lb/>
                 alle Aussichten zerstören, ebenso wie ein apartes Profil oder <lb/>
                 eine elegante Toilette der Gattin, die den Neid einer Vor- <lb/>
                 standsdame erregten. Ein Junggeselle wurde von den Müt- <lb/>
                 tern sofort nach den Chancen für ihre heiratsfähigen Töchter <lb/>
                 abgetastet, von den jungen Ehemännern nach der Gefahr, <lb/>
                 die seine Galanterie für die unerfahrenen Frauen bedeutete, <lb/>
                 von den betagten Familienvätern nach der Neuheit und Durch- <lb/>
                 schlagskraft der Zoten, die er kannte. Hatte er alle Klippen <lb/>
                 umschifft, so durfte er sich für einen Kavalier vom Scheitel <lb/>
                 bis zur Sohle halten. Also legitimiert, saß er dann in der ihm <lb/>
                 zugehörigen Tischrunde; der Ökonom reservierte nämlich <lb/>
                 je einen besonderen Tisch für Direktoren, Prokuristen, Hand- <lb/>
                 lungsbevollmächtigte, Betriebsführer, Verwaltungsvorstän- <lb/>
                 de, Konstrukteure, Assistenten —, und es war eine Ehre, <lb/>
                 wenn einer vom Assistententisch zur Unterhaltung an den <lb/>
                 Prokuristentisch gerufen wurde, denn abgesehen davon, daß <lb/>
                 er nun sozusagen bei einem ganz neuen Klub zu Gast war, <lb/>
                 wurden hiernach von den Kollegen allerlei schmeichelhafte <lb/>
                 Mutmaßungen über seine zukünftige dienstliche Verwendung <lb/>
                 ausgesprochen. So war auch im geselligen Beisammensein <lb/>
                 alles gegeneinander abgesetzt, die Betriebsbeamten gegen die <lb/>
                 Verwaltungsbeamten, die Techniker gegen die Kaufleute,
                <pb facs="#f0158" n="154"/>
                <lb/>
                 die Doktoren gegen die Nichtakademiker —, und in der Tat <lb/>
                 nahmen die meisten Beförderungen im Kasino ihren Anfang. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die mittleren Beamten jedoch, Bürovorsteher, Korre- <lb/>
                 spondenten, Buchhalter, Zeichner, Werkmeister, waren im <lb/>
                 »Verein der Risch-Zanderschen Beamten« zusammengeschlos- <lb/>
                 sen, hatten einen eigenen Wasserspottverein, eine eigene <lb/>
                 Wanderabteilung, eine eigene Baugenossenschaft, eine eigene <lb/>
                 Unterstützungskasse. Wer sich verheiratete, erhielt ein zins- <lb/>
                 loses Darlehen zum Möbelkauf, das ihm in bequemen Raten <lb/>
                 bei den monatlichen Gehaltszahlungen wieder einbehalten <lb/>
                 wurde; und ähnlich geschah es, wenn die Frau niederkam, <lb/>
                 oder ein Kind krank wurde, oder sonst eine unvorhergesehe- <lb/>
                 ne Ausgabe eintrat. Die Firma schoß für diese Zwecke aus <lb/>
                 ihrer Geschäftskasse reichlich zu; der erste Vorsitzende des <lb/>
                 Vereins war statutengemäß der jeweilige Chef des Risch- <lb/>
                 Zanderschen Kassenwesens. Auch hier hatte man seine ge- <lb/>
                 sellschaftlichen Normen; sie stimmten im Prinzip mit den <lb/>
                 Regeln und Gebräuchen des Kasinoklubs überein, hatten <lb/>
                 aber einen Stich ins Kleinbürgerliche, ins Militäranwärter- <lb/>
                 hafte. Um ein Beispiel zu sagen: es kam darauf an, ob die <lb/>
                 Frau selbst wusch oder eine Waschfrau hatte; und um ein <lb/>
                 anderes nicht zu verschweigen: auch der Wassersportverein <lb/>
                 veranstaltete eine Regatta, aber es war eine Herbstregatta, <lb/>
                 und die Spende des Freiherrn bestand ebenfalls in einem silber- <lb/>
                 nen Pokal, aber dieser Pokal wies keinen Nymphenreigen auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die übrigen Angestellten begnügten sich mit dem »Be- <lb/>
                 amtenverein Unter Uns«, wo sie lediglich die Gemütlichkeit <lb/>
                 pflegten. Die Frauen hatten Mittwochs ihr Kaffeekränzchen, <lb/>
                 die Männer Freitags ihren Kegelabend, die Familien Sonn- <lb/>
                 tags ihre Ausflüge mit Gesang und Tanz. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies war die neue Gruppierung seit der Auflösung des <lb/>
                 Werkvereins. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem die Unruhen ein wenig abgeflaut waren, fand <lb/>
                 im Kasinoklub ein Begrüßungsabend für die aus dem Feld <lb/>
                 heimgekehrten Mitglieder statt. Zwei junge Damen in blas- <lb/>
                 sen Kleidern trugen die Mozartsche Serenade für Violine <lb/>
                 und Klavier vor, dann erhob sich Fräulein Erika Neufeind,
                <pb facs="#f0159" n="155"/>
                <lb/>
                 die Tochter des technischen Direktors (»wirklich ein schönes <lb/>
                 Kind«, zischelten die Männer, und die Frauen: »was die <lb/>
                 auch schon hinter sich hat« — dabei hatte sie nur auf eine <lb/>
                 anständige Art ihre Verlobung gelöst, das war alles). </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fräulein Erika Neufeind erhob sich also, um mit einer <lb/>
                 dunklen, vibrierenden Stimme den 77. Psalm zu sprechen. <lb/>
                 »In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn, meine Hand <lb/>
                 ist des Nachts ausgereckt und läßt nicht ab... Ich denke <lb/>
                 der alten Zeit, der vorigen Jahre... Wird denn der Herr <lb/>
                 ewiglich verstoßen und keine Gnade mehr erzeugen? Aber <lb/>
                 doch sprach ich: ich muß das leiden; die rechte Hand des <lb/>
                 Höchsten kann alles ändern... Ja ich gedenke an deine vori- <lb/>
                 gen Wunder... Die dicken Wolken gossen Wasser, die Wol- <lb/>
                 ken donnerten und die Strahlen fuhren daher...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie hatte ihren Vortrag mit dramatischer Steigerung an- <lb/>
                 gelegt und war jetzt auf dem Höhepunkt. Es war eine un- <lb/>
                 ruhig jagende und mit schweren, aber durchsichtigen Ge- <lb/>
                 heimnissen befrachtete Sprache; wie die Kugeln auf der Ke- <lb/>
                 gelbahn rollten die Worte in den Saal. Die Zuhörer waren <lb/>
                 betroffen von dieser Wucht, sie bekamen Herzklopfen und <lb/>
                 Ohrensausen, auch die Frauen stimmten jetzt in die allge- <lb/>
                 meine Bewunderung ein, denn in diesem Augenblick war <lb/>
                 Fräulein Erika Neufeind nichtmehr Bürgerin, sondern Künst- <lb/>
                 lerin, stand rechtens jenseits von Gut und Böse, konkurrierte <lb/>
                 nicht mehr mit ihnen. Über allen Köpfen lasteten die tiefen <lb/>
                 Klänge des Psalms. Es war wie das Getöse eines Gewitters, <lb/>
                 das an eine unübersteigbare Bergwand stößt und immer wie- <lb/>
                 der ins Tal zurückflutet, bis die Schwere der Wolken aus- <lb/>
                 geschüttet ist. Ein Männerquartett sang »Gott grüße Dich« <lb/>
                 und »Wie’s daheim war«, aber immer noch war zwischen- <lb/>
                 durch der Psalm vernehmbar: die Wolken donnerten und <lb/>
                 die Strahlen fuhren daher... </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch der Freiherr mochte es fühlen, als er das Podium <lb/>
                 bestieg. Er holte weit mit der Hand aus, als wolle er den <lb/>
                 summenden Ton wegwischen, zertrümmern diesen beäng- <lb/>
                 stigenden Klagelaut. Danach wartete er etliche Sekunden, <lb/>
                 eine Dame ließ ihre Handtasche fallen, Papier knisterte, ein <lb/>
                 Uhrdeckel klappte. Jetzt saßen alle steif und betrachteten
                <pb facs="#f0160" n="156"/>
                <lb/>
                 ihn. Der Psalmist, den Fräulein Erika Neufeind so eindring- <lb/>
                 lich beschworen hatte, war gebannt, einige Herren wagten <lb/>
                 sogar, mit ihren Begleiterinnen leise zu scherzen über die <lb/>
                 Worte: »In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn, meine <lb/>
                 Hand ist des Nachts ausgereckt und läßt nicht ab.« Die Be- <lb/>
                 gleiterinnen erröteten und lächelten keusch, zum Zeichen, <lb/>
                 daß sie die Unterschiebung einer Zweideutigkeit begriffen <lb/>
                 hätten und sie ebenso prickelnd wie ungehörig fänden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr redete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er entschuldigte seine Schwiegermutter und seine Frau, <lb/>
                 die eben erst die Grippe überstanden, doch gern das Risiko <lb/>
                 eines Rückfalls getragen hätten, um an diesem Abend hier <lb/>
                 zu weilen, wenn es der Arzt nicht verboten hätte. Dafür <lb/>
                 habe er seine beiden ältesten Kinder mitgebracht, die Zwil- <lb/>
                 linge Arnulf und Irmintraut, als Zeugen der Zukunft, damit <lb/>
                 sie sich schon in frühen Jahren Achtung und Verständnis <lb/>
                 für Arbeit und Zusammenwirken einprägten. »Wir hatten <lb/>
                 gehofft,« fuhr er alsdann fort, »unsere aus dem Feld heim- <lb/>
                 kehrenden Beamten auf Zandershöhe zu einer Feier vereini- <lb/>
                 gen zu können, aber die Entwicklung der Verhältnisse hat <lb/>
                 es leider nicht gestattet. In den Trümmerhaufen des alten <lb/>
                 Deutschland ist die Revolutionsfackel geworfen worden, <lb/>
                 überall züngelt die rote Flamme empor, angefacht vom Gift- <lb/>
                 hauch des Ostens. Doch der Geist der Rischianer, der Gro- <lb/>
                 Bes im Kriege geleistet hat, Dinge, die technisch wie kauf- <lb/>
                 männisch außerhalb des Maßes des Übersehbaten lagen, wird <lb/>
                 auch trotz der veränderten politischen Formen den Erfolg <lb/>
                 gemeinsamer Arbeit im Sinne des gemeinsamen Wohles si- <lb/>
                 chern. Sie können um so mehr dazu beitragen, als Sie in <lb/>
                 Not und Gefahr die menschlichen Beziehungen unabhängig <lb/>
                 von Stand und Beruf empfunden haben. Sie können also <lb/>
                 helfen, die gute Kameradschaft zwischen Werksleitung und <lb/>
                 Beamtenschaft und zwischen Beamten und Arbeitern zu ver- <lb/>
                 tiefen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Art, wie er die Worte setzte, war dieselbe, die in den <lb/>
                 Reden aller Industriellen ständig wiederkehrte; dennoch be- <lb/>
                 stand ein Unterschied, der den Freiherrn im Wesentlichen <lb/>
                 von allen anderen trennte. Wenn er Phrasen gebrauchte, so
                <pb facs="#f0161" n="157"/>
                <lb/>
                 konnte man gewiß nicht sagen, daß er sich ihrer <hi rendition="#g">bediene</hi> — <lb/>
                 wie es die anderen taten, die sich über ihre absolute Wert- <lb/>
                 losigkeit nicht täuschten und sie eben darum als Momente <lb/>
                 einer schlüssigen Logik in das Gefüge ihrer Absichten ein- <lb/>
                 setzten. Der Freiherr war der einzige, der von der Echtheit <lb/>
                 der Phrasen durchdrungen war und an sie selbst, nicht bloß <lb/>
                 an ihre Wirkung, glaubte. Sie quollen ihm von innen, sie <lb/>
                 waren ihm Herzensbedürfnis. »Ein Kriegsandenken«, schloß <lb/>
                 er, »will die Firma Ihnen widmen, einen kleinen Anhänger, <lb/>
                 der nicht aus Gold und Silber ist, sondern aus Risch-Zander- <lb/>
                 schem Stahl, einem neuen Stahl, der nicht rostet. Wie dieser <lb/>
                 Stahl soll unsere Liebe zum Werk blank und rostfrei bleiben!« <lb/>
                 Hinter ihm stand schon das Männerquartett, das ihm das <lb/>
                 letzte Wort mit dem Gesang eines niederdeutschen »Weegen- <lb/>
                 lieds för de Kreegstied« aus dem Mund nahm, und ein Opern- <lb/>
                 sänger, der die Arie des Vasco da Gama aus der »Afrikanerin« <lb/>
                 und den »Friedericus Rex« von Löwe schmetterte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Endlich ergriff im Namen der Heimgekehrten der Diplom- <lb/>
                 ingenieur Hollerbach vom Walzwerk II das Wort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Obwohl es uns nicht vergönnt war, als Sieger vor Ihnen <lb/>
                 zu erscheinen, dürfen wir aus dem heutigen Abend entneh- <lb/>
                 men, daß wir das Vertrauen der Firma nicht verloren haben. <lb/>
                 Wir haben viel zu danken, es war ein schlimmer Krieg... <lb/>
                 Wenn wir so dalagen im Schlamm, dann wurde unsere Seele <lb/>
                 müde, nichts als Trommelfeuer, nichts als Trommelfeuer... <lb/>
                 Es war, als wenn wir.in einem verschlossenen Kasten hock- <lb/>
                 ten und der Deckel mit Hämmern bearbeitet würde, da kann <lb/>
                 man eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellen, bis wann <lb/>
                 der Deckel durch sein wird und der Hammer einem auf den <lb/>
                 Schädel saust...« Hier stotterte er noch ein paar Sätze ohne <lb/>
                 Zusammenhang. Was hatte ihn da plötzlich angewandelt? <lb/>
                 Für einen Moment brach eine Beklemmung über den Saal <lb/>
                 herein, für einen Moment störte ein Mensch, ein lebendiger <lb/>
                 Körper die automatische Vortragsfolge. Der Freiherr und <lb/>
                 die Direktoren sahen ihn befremdet an: disziplinwidriges <lb/>
                 Verhalten, auch der? Auch der? Wem konnte man noch <lb/>
                 trauen, überall erstanden Verräter aus den eigenen Reihen, <lb/>
                 die sich in der Rolle des Wahrheits- und Gerechtigkeits-
                <pb facs="#f0162" n="158"/>
                <lb/>
                 suchenden gefielen, man konnte nur den Kopf darüberschüt- <lb/>
                 teln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schnell, als erriete er diese Gedankengänge, erholte sich <lb/>
                 der Diplomingenieur: »Wie froh und beruhigt waren die Ar- <lb/>
                 tilleristen, wenn sie Risch-Zandersches Material erhielten...« <lb/>
                 Das war wieder der geläufige Ton, dessen Verstiegenheit so <lb/>
                 seltsam zu der Präzision seines Berufes kontrastierte. Es kam <lb/>
                 ihm jetzt vor, als hätte er die vorigen Sätze gar nicht ge- <lb/>
                 sprochen. »Das Entgegenkommen der Firma, die unsere <lb/>
                 Familien vor Sorge bewahrt hat, und die Liebesgaben des <lb/>
                 Kasinoklubs haben uns aushalten lassen in der Schlacht. Wir <lb/>
                 danken auch den Hausfrauen—, so oft man von diesem Kriege <lb/>
                 redet, darf man ihrer nicht vergessen, und wir danken den <lb/>
                 Mädchen, die sich unsrer in der schlichten Tracht des Roten <lb/>
                 Kreuzes annahmen. Wie oft haben sie uns erquickt, sie wuß- <lb/>
                 ten so zart zu pflegen. Heute freuen wir uns aber, daß wir <lb/>
                 unser gemütliches Kasino wieder haben, wir wollen es fleißig <lb/>
                 besuchen, um hier im Kreise gleichgesinnter Freunde Anre- <lb/>
                 gungen für die neuen Aufgaben zu finden, deren Lösung die <lb/>
                 Zeit von uns fordert. Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dem Freiherrn fiel ein Stein vom Herzen, er applaudierte <lb/>
                 dem Faust-Zitat, stand auf und schüttelte Hollerbach die <lb/>
                 Hand. Nun sang man gemeinschaftlich »Stimmt an mit hel- <lb/>
                 lem, hohem Klang« und ging, allmählich aus der Getragen- <lb/>
                 heit erwachend, in die Nacht der vom Kohlenstreik entkräf- <lb/>
                 teten Straßen, aus deren tödlicher Einöde immer noch ver- <lb/>
                 einzelte Schüsse hallten, Schüsse ohne Ursache und ohne <lb/>
                 Richtung, Schüsse aus Flinten, die zum Spaß und zum Zeit- <lb/>
                 vertreib losknallten. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot hatte an dieser Feier nicht teilgenommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er saß siech und schattenhaft in seinem Büro und arbei- <lb/>
                 tete bis drei Uhr nachts. Eine ganze Woche lang arbeitete <lb/>
                 er schon bis drei Uhr nachts. Es war das erste Mal, daß <lb/>
                 ihn die Vorbereitung der Generalversammlung so in An- <lb/>
                 spruch nahm. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bisher war die Bilanz immer eine glatte Rechnung ge- <lb/>
                 wesen, alle Posten hatten sich auf die bequeme und äußerst <lb/>
                 verdienstreiche Geschäftsverbindung mit der Armee gestützt—
                <pb facs="#f0163" n="159"/>
                <lb/>
                 obwohl in normalen Zeitläuften die Herstellung von Kriegs- <lb/>
                 material kaum mehr als den sechsten Teil des jährlich er- <lb/>
                 zeugten Stahls verbraucht hatte. Hachenpoot wandte hier <lb/>
                 übrigens eine doppelte Taktik an, indem er gegenüber den <lb/>
                 Ansprüchen der feindlichen Nationen diese Tatsache ständig <lb/>
                 betonte und zugleich an die Regierung das Ansinnen stellte, <lb/>
                 seinen Betrieb zu sanieren, weil er nur unter dem Zwang <lb/>
                 von Berlin das Gepräge einer Rüstungsfabrik angenommen <lb/>
                 hätte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es wollte ihm aber nichts mehr gelingen, überall stieß er <lb/>
                 auf ungläubige und argwöhnische Gesichter. Bei sich selbst <lb/>
                 vermißte er die geistige Beweglichkeit. Er hatte sie sonst <lb/>
                 nie vermißt — weil er ihrer sonst nie bedurft hatte. Seine <lb/>
                 Zeit war um. »Kein Geschäft läuft von selbst, es sei denn <lb/>
                 bergab« — damit sprach ihm Wackerlein das Urteil. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wackerlein und Frau Ella hatte er immer vor sich, wie <lb/>
                 sie die Köpfe zusammensteckten; aus dem Zigarrenqualm, <lb/>
                 der sein Büro füllte, tauchten sie auf und brüteten, brüteten. <lb/>
                 Er sah auch ein, welchen Fehler =r begangen hatte. Daß er <lb/>
                 Wackerlein unterschätzt hatte, war das Wenigste; gewiß <lb/>
                 hätte er gerade einen solchen Menschen nicht links liegen las- <lb/>
                 sen dürfen. Aber schlimmer war, daß er geglaubt hatte, er <lb/>
                 würde Frau Ella leicht abhalftern können, wenn er nur erst <lb/>
                 einmal dick drin säße. Er hatte sich über sie hinweggesetzt <lb/>
                 und nur noch auf offiziellem Fuße mit ihr verkehrt. Es war <lb/>
                 eine kapitale Dummheit gewesen. Was hätte er alles erreichen <lb/>
                 können, hätte er ihr weiter den Hof gemacht wie früher, vor <lb/>
                 seiner Berufung. Jetzt sah er es ein, aber jetzt war es wohl zu <lb/>
                 spät. Jetzt war ihm der Zugang versperrt, jetzt schien es, als <lb/>
                 habe nicht er sie, sondern sie ihn gemieden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während er sie auszulöschen gedachte, sengte sie ihn an. <lb/>
                 Sie war verhüllt und scheinbar friedsam, dem Zugriffentzogen <lb/>
                 wie ein schwimmender Nebel, doch ihr unfaßliches Dasein <lb/>
                 war spürbar, heimtückisch spürbar. Der alte Drache, der alte <lb/>
                 Drache. So hielten sie in der Kemenate seinen Lebensfaden in <lb/>
                 der Hand, und er war machtlos, er konnte nicht entgegen- <lb/>
                 wirken, er hatte keine Handhabe, er tappte im Dunkeln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wirklich war er in der Lage eines Mannes, der sich darüber
                <pb facs="#f0164" n="160"/>
                <lb/>
                 klar ist, daß auf ihn gezielt wird, aber weder die Beschaffen- <lb/>
                 heit des Geschosses noch die Richtung und den Zeitpunkt sei- <lb/>
                 nes Kommens zu erahnen vermag. Wackerlein hatte ihm ein <lb/>
                 Netz über den Kopf gezogen, hatte ihn völlig eingesponnen. <lb/>
                 Alle Sekretär- und Gehilfenstellen im Hauptverwaltungsbü- <lb/>
                 ro, alle Horchposten und Zubringerdienste hatte er seit Jah- <lb/>
                 ren mit Siegerländer Freunden und Freundesfreunden be- <lb/>
                 setzt, dergestalt, daß ein ganzes Stockwerk des Gebäudes nur <lb/>
                 noch die »Siegerlandschaft« genannt wurde; nichts, was Ha- <lb/>
                 chenpoot sprach, tat und zu sprechen oder tun unterließ, ent- <lb/>
                 ging diesem hellsichtigen und hellhörigen Kordon; wann er <lb/>
                 kam und ging, wo er sich während der Dienstzeit aufhielt, <lb/>
                 wie lange er da und wie lange er dort verweilte, was er zu dem <lb/>
                 und was er zu jenem sagte, wie der Ton seiner Stimme war, <lb/>
                 wie er die Bürodiener behandelte, wie oft er nach den Lauf- <lb/>
                 jungen schellte — alles wurde gewissenhaft aufgezeichnet. In <lb/>
                 Wackerleins Vorzimmer wurden die Meldungen gesammelt <lb/>
                 und der ersten Sichtung unterworfen; dieses Sekretariat war <lb/>
                 vorzüglich abgerichtet. Es waren keine vollendeten Detek- <lb/>
                 tive — die hätte man hier gar nicht gebrauchen können; es <lb/>
                 waren richtige, kleine, bohrende Maulwürfe, Keiner von ih- <lb/>
                 nen war weniger als fünfzehn Jahre bei Risch-Zander, und <lb/>
                 der älteste beinahe dreißig. Wenn ihn manche seiner Kolle- <lb/>
                 gen neckten: »Sie werden auch allmählich alt«, oder: »Sie <lb/>
                 werden auch immer dicker«, so antwortete er mit einem er- <lb/>
                 staunlichen Ernst: »Je älter und fetter man wird, desto ge- <lb/>
                 eigneter wird man für den Risch-Zanderschen Dienst.« Er <lb/>
                 hatte recht. Das Sekretariat Wackerlein war die Stelle, wo <lb/>
                 der gute Geist der Rischianer erzeugt und behütet wurde. <lb/>
                 Nicht die Zechen, welche die Kohlen, nicht die Hochöfen, <lb/>
                 welche das Eisen, nicht die Verkaufskontore, welche das <lb/>
                 Geld lieferten, waren das Zentrum der Fabrik. Das Zentrum <lb/>
                 der Fabrik war das Sekretariat Wackerlein, welches die Tra- <lb/>
                 dition und die Ämterpatronage verteidigte. Sage keiner was <lb/>
                 gegen die eingefleischten, verknöcherten, pedantischen Bü- <lb/>
                 rokraten. Es ist leicht, sich über sie lustig zu machen, doch <lb/>
                 es ist nicht leicht, zu beweisen, daß man ihnen die Spitze bieten <lb/>
                 kann. Sie lassen sich verhöhnen, aber sie lassen sich nicht,
                <pb facs="#f0165" n="161"/>
                <lb/>
                 wie man so sagt, »für dumm verschleißen«. Sie haben neben <lb/>
                 ihrer Arbeit eine ganz bestimmte Funktion, und sie wissen <lb/>
                 es nur zu genau. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot war dieser Welt kein ebenbürtiger Gegner, <lb/>
                 ebensowenig wie Herr Romeike ein ebenbürtiger Gegner für <lb/>
                 Hachenpoot gewesen war. Vom moralischen Standpunkt hät- <lb/>
                 te man ihn vielleicht sogar dazu beglückwünschen müssen, <lb/>
                 daß er es nicht war— aber er wäre wohl selbst der letzte ge- <lb/>
                 wesen, der auf einen Glückwunsch vom moralischen Stand- <lb/>
                 punkte Wert gelegt hätte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie genau Frau Ella die Akte Bilgenstock studiert hatte, <lb/>
                 wußte er nicht. Er wußte auch nicht, wie genau ihr die An- <lb/>
                 zeige der Arbeiterinnen gegen Herrn Körschgen bekannt war, <lb/>
                 und er wußte nicht, wie warm ihr alle Fehlschläge und Miß- <lb/>
                 griffe im Werk empfohlen wurden. Nein, er wußte es nicht. <lb/>
                 Aber er wußte, daß Frau Ella die untergeordneten Persön- <lb/>
                 lichkeiten gleichgültig waren: folglich würde sie alle Schuld <lb/>
                 auf den Generaldirektor laden, folglich würde es diesmal <lb/>
                 nicht dabei bleiben, daß Generalversammlung und Aufsichts- <lb/>
                 ratssitzung allein über den Bestand des Werkes Beschlüsse faß- <lb/>
                 ten, vielmehr würde auch seine Person hineingezogen werden. <lb/>
                 Darum arbeitete er. Zwischen die Arbeiten am Fabrika- <lb/>
                 tions- und Finanzprogramm schoben sich jedoch immer wie- <lb/>
                 der die Arbeiten an der Organisation der Bürgerwehr. Es war <lb/>
                 fast eine fixe Idee bei ihm geworden; er bildete sich ein, das <lb/>
                 Zustandekommen dieser Wehr hänge irgendwie mit dem Ge- <lb/>
                 lingen der Werksgeschäfte zusammen. Eine Reihe von Be- <lb/>
                 amten hatte er nun für seine Pläne gewonnen, hauptsächlich <lb/>
                 Betriebsführer, darunter auch Bilgenstocks ehemaligen Assi- <lb/>
                 stenten Schäfer, der jetzt dem Diplomingenieur Hollerbach <lb/>
                 vom Walzwerk II assistierte; dagegen waren die Kaufleute <lb/>
                 und Verwaltungsmenschen sehr zurückhaltend, sie mußten ja <lb/>
                 auch nicht, wie die Beamten der Werkstätten, in den Tumul- <lb/>
                 ten ihre Haut zu Markte tragen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 So arbeitete jetzt Hachenpoot. Ob man auch wieder würde <lb/>
                 sagen können: so siegte er—? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er selber glaubte es kaum. </p>
            <pb facs="#f0166" n="162"/>
            <p>
                <lb/>
                 Zum ersten Mal, seit das Stahlwerk eine Aktiengesellschaft <lb/>
                 war, schloß es mit einem Verlust ab. Er war gering, keine <lb/>
                 fünfzigtausend Mark in Papier, was war das schon, aber Frau <lb/>
                 Ella war empört. Gegen alle wirtschaftlichen Darlegungen <lb/>
                 und Erwägungen stellte sie sich taub. »Wir haben den Krieg <lb/>
                 verloren.«— »Ja, ja«, sagte sie, »und wie hoch ist die Divi- <lb/>
                 dende?«— »Der überstürzte Waffenstillstand, der jähe Ab- <lb/>
                 bruch unserer Kriegsmaterialherstellung...«— »Ja, ja, es <lb/>
                 war eine entsetzliche Dummheit — was sag? ich immer? Die <lb/>
                 Männer haben keine Nerven. Aber wie hoch ist die Dividen- <lb/>
                 de?«— »Das Geld ist entwertet...«— »Fürchterlich. Und <lb/>
                 wie hoch ist die Dividende?« Nichts ließ sie gelten. Wie <lb/>
                 hoch ist die Dividende, wie hoch ist die Dividende, wie hoch <lb/>
                 ist die Dividende. Das war stets ihr Schluß. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man bedeutete ihr, daß davon keine Rede sein könne. <lb/>
                 »Was, keine Dividende?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Keine Dividende! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Ella sagte von sich, daß sie ein WIRKLICHKEITS- <lb/>
                 MENSCH sei, Unter Wirklichkeit verstand sie ihr Vermögen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Keine Dividende! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Da war nun nicht mit ihr zu spaßen. So wie manche Leute <lb/>
                 sich jetzt immer erinnerten: »Ja, unter Bismarck wäre...«, <lb/>
                 so begann sie jeden zweiten Satz: »Bei Lebzeiten meines seli- <lb/>
                 gen Mannes wäre...«, und es war ihr so wenig wie jenen <lb/>
                 posthumen Bismarckverehrern begreiflich zu machen, daß <lb/>
                 eben eine historische Epoche samt ihrem zugehörigen Maß <lb/>
                 und Mittel unwiederbringlich dahin war, und daß eine strenge <lb/>
                 Gesetzmäßigkeit der Geschichte vorlag, wenn die Männer, <lb/>
                 die sich in ihr bewährt hatten, mit dem Abschluß ihrer Auf- <lb/>
                 gaben das Feld räumten. Es mag sein, daß Frau Ella nicht <lb/>
                 unrecht hatte, wenn sie behauptete, das nachfolgende Ge- <lb/>
                 schlecht sei schwächer, aber dann war diese Schwäche wieder- <lb/>
                 um eine Notwendigkeit, dann war dieses Geschlecht voraus- <lb/>
                 bestimmt, die gefährlichen Überspannungen, welche die Vor- <lb/>
                 fahren hervorgerufen hatten, zu korrigieren und ihre Turm- <lb/>
                 bauten abzureißen, welche die Tragfähigkeit des Fundaments <lb/>
                 überstiegen. Es hat nie eine Zeit gegeben, die sich zuletzt <lb/>
                 nicht selbst ad absurdum geführt hätte, und in der Bodenlo-
                <pb facs="#f0167" n="163"/>
                <lb/>
                 sigkeit, die jedesmal darauf entstand, hätten sich die Großen <lb/>
                 der Vergangenheit zweifellos noch hilfloser betragen als die <lb/>
                 Kleinen der Gegenwart. Auch die Heroen der Geistesge- <lb/>
                 schichte unterliegen einer gewissen Relativität. Ihr Wirken <lb/>
                 fällt zusammen mit einer Konstellation, die ihrem Genius <lb/>
                 günstig ist, und sie verfügen auch nur über jene Kräfte, die <lb/>
                 im Zeitpunkt ihres Antritts gebraucht werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Solchen Überlegungen stand Frau Ella natürlich fern. Sie <lb/>
                 machte dem Freiherrn die Hölle heiß. Sie stocherte mit einer <lb/>
                 aufsässigen Korrektheit in der Bilanz herum. Sie beorderte <lb/>
                 Hiebenstein, ließ sich alles genau erklären und fragte sogar <lb/>
                 nach den Unterlagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf dem Konto »Allgemeine Unkosten« entdeckte sie lau- <lb/>
                 fende Zuwendungen an irgendeinen Generalleutnant. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wer ist das?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein alter Herr, der die Feldzüge 64, 66 und 70 mitgemacht <lb/>
                 und schon sein sechzigjähriges Militärjubiläum gefeiert hat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Warum bekommt er Geld von uns?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Er gibt eine artilleristische Zeitschrift heraus.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So. Und wir— geben wir noch Kanonen heraus? Was <lb/>
                 sagen Sie, Herr Finanzrat, nein? Was interessiert uns also <lb/>
                 eine artilleristische Zeitschrift? Warum ist die Beihilfe noch <lb/>
                 nicht gestrichen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man glaubte wohl, aus alter Anhänglichkeit — — -- Das <lb/>
                 Konto war einmal da, man hat es eben fortgesetzt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wer ist das: »man“?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Generaldirektor natürlich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Ella schöpfte Luft und wiederholte in einem Ton, daß <lb/>
                 Hiebenstein, obwohl er eingeweiht war, zurückfuhr: </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Generaldirektor — natürlich!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schnell trat der Finanzrat wieder näher. »Immerhin«, <lb/>
                 sagte er verschmitzt, »er hat kleine Verdienste um die <lb/>
                 Firma...« Einen Einwand vortäuschend, schütte er unver- <lb/>
                 froren. Mit Absicht ließ er offen, ob er Hachenpoot meine <lb/>
                 oder jenen schriftstellernden Militär. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Verdienste?—Große oder kleine«, erwiderte unnachsichtig <lb/>
                 Frau Ella, »dafür wurde er bezahlt. Nachher ist alles aus. <lb/>
                 Einem Mann in gehobener Stellung trägt man Verdienste nicht
                <pb facs="#f0168" n="164"/>
                <lb/>
                 nach, das würde zu weit führen. Verdienste trägt man einem <lb/>
                 Meister nach, oder einem Schlosser, wo sie nicht so selbstver- <lb/>
                 ständlich sind. Da rentiert sich ein dankbares Gedenken, es för- <lb/>
                 dert die Ergebenheit der Arbeiterschaft. Bei den Oberen ist <lb/>
                 das ganz überflüssig. Wenn sie nicht ergeben sind, existieren <lb/>
                 sie ja gar nicht. Man braucht doch einem Menschen nicht dafür <lb/>
                 dankbar zu sein, daß er keinen Selbstmord begangen hat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein fand diese unverblümte Preisgabe der patri- <lb/>
                 archalischen Haltung in seiner Gegenwart sehr drollig. Frau <lb/>
                 Ella aber lachte nicht dabei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So war sie. Trotz ihrer Zurückgezogenheit konnte sie ver- <lb/>
                 teufelt ungemütlich werden. Haarscharf trennte sie die Ge- <lb/>
                 mütswerte von den Geschäftswerten. Je unwandelbarer sie <lb/>
                 in jenen war, desto anpassungsfähiger war sie in diesen, und <lb/>
                 wenn ihre Beobachtungen der Realität auch schon etwas ver- <lb/>
                 altet waren, so haftete ihnen im Grunde doch immer noch <lb/>
                 ein Stück Wahrheit an, und vor allem blieb ihr Grundsatz, <lb/>
                 daß nur reale Guthaben gebucht werden dürften und ihre Ver- <lb/>
                 zinsung sich auf dem gleichen Konto ausweisen müßte, ewig <lb/>
                 neu. Zwar sprach ihr Gefühl naturgemäß zugunsten ihrer ei- <lb/>
                 genen, bereits durchlebten Zeit, aber da sie sich viel darauf <lb/>
                 zugute tat, der personifizierte gesunde Menschenverstand zu <lb/>
                 sein, so gab sie die Parole aus: »Der Vergangenheit alle Trä- <lb/>
                 nen, aber keinen Pfennig!« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man sieht, wie es sich über Hachenpoot zusammenzog —: <lb/>
                 die kleinen Wölkchen waren es, die das Unwetter auslösten. <lb/>
                 Wären diese Dinge nicht gewesen, die wir für Geringfügig- <lb/>
                 keiten anzusehen geneigt sind, so hätte Hachenpoot noch <lb/>
                 zwanzig Jahre regieren können, ohne ein Programm für den <lb/>
                 Wiederaufbau der Fabrik herauszubringen. Jetzt erst, auf <lb/>
                 dem Umweg über all die Geringfügigkeiten, wurde auch be- <lb/>
                 merkt, daß die Sache mit dem Programm nicht in Ordnung war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zu allem Unglück ereignete sich zwei Tage vor der Gene- <lb/>
                 ralversammlung noch ein unangenehmer Vorfall. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Walzwerk II, Knüppelwalzwerk, Diplomingenieur Hol- <lb/>
                 lerbach und Assistent Schäfer. Ein Walzwerk, muß man wis- <lb/>
                 sen, ist in der Stahlfabrik die chirurgische Abteilung. </p>
            <pb facs="#f0169" n="165"/>
            <p>
                <lb/>
                 Die Walzen rasen. Rotgelb, wie Rabatten von Island- <lb/>
                 mohn, glühen die eisernen Knüppel, wenn sie unter hydrau- <lb/>
                 lischem Druck aus dem Ofentor herausgeschossen werden. <lb/>
                 Eine weißbrennende Sonne hat sie drinnen auf tausend Grad <lb/>
                 erhitzt und erweicht. Sie sind in flimmernden Schweiß geba- <lb/>
                 det; nun strecken sie sich, nun zucken sie in stummer Bered- <lb/>
                 samkeit wie Tiere vor der Schlachtbank, nun rollen sie schon <lb/>
                 über die mörderischen Laufgänge. Die Arbeiter haben Ka- <lb/>
                 puzen aus Draht über den Köpfen und platte Zangen in den <lb/>
                 Händen; damit steuern sie die funkenstiebenden Blöcke, rei- <lb/>
                 ßen sie herum und treiben sie geradewegs zwischen die zer- <lb/>
                 malmenden Zylinder, in die blitzende Spiegelstraße dieser rat- <lb/>
                 ternden, quetschenden, in brüllender Umdrehung befindli- <lb/>
                 chen Werkzeuge, die vom zischenden Strahl des Kühlwassers <lb/>
                 bespritzt werden. Fast sieht es wie Mühlräder aus. Aber es <lb/>
                 dampft, es dampft. Öl tropft über die Kugelzapfen, worin <lb/>
                 die Walzen hängen. Jetzt sehen sie so fettglänzend und ge- <lb/>
                 schmeidig wie Seelöwenleiber aus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Walzwerk II ist ein Triowalzwerk, denn es sitzen jedesmal <lb/>
                 drei Walzen übereinander, von denen sich die mittlere in ent- <lb/>
                 gegengesetzter Richtung bewegt. In den Schlund zwischen <lb/>
                 Unterwalze und Mittelwalze sausen die Blöcke hinein, werden <lb/>
                 mit irrsinniger Schnelligkeit gedrückt und geschwächt, aus- <lb/>
                 gespien, in den herankommenden Schlund zwischen Mittel- <lb/>
                 walze und Oberwalze geschleudert, nochmals geschwächt, <lb/>
                 nochmals herumgeworfen. Sie lauern, diese gefräßigen Un- <lb/>
                 geheuer, sie lauern fauchend ihrer Beute auf. Jeder Durch- <lb/>
                 gang durch einen Rachen heißt ein Stich, der erste Stich, der <lb/>
                 zweite Stich, und so fort bis zur gewünschten Stärke. Von <lb/>
                 prasselnden Messern werden die verkrumpelten Ränder weg- <lb/>
                 geschnitten, alle die angeschwollenen und geschwürig ver- <lb/>
                 dickten Enden, dann ist die Operation erledigt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Lasthebemagnet, der leicht und schlank, ein einfacher <lb/>
                 Bügel mit drei schaukelnden Ringen, in einer Rolle von der <lb/>
                 Decke herabhängt, saugt die gewalzten Knüppel an, sie wer- <lb/>
                 fen sich ihm an den Hals, sie schmiegen sich an, er macht mit <lb/>
                 ihnen, was er will, er fliegt mit ihnen, er turnt mit ihnen, Ei- <lb/>
                 sen gewachsen an Eisen, wie die Akrobaten am Trapez. </p>
            <pb facs="#f0170" n="166"/>
            <p>
                <lb/>
                 Nebenan ist das Maschinenhaus, wo die Elektromotoren <lb/>
                 laufen, welche die Walzen in Bewegung setzen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sieben große Kisten standen in diesem Maschinenhaus. <lb/>
                 Wochen hindurch standen sie schon da; Irrläufer wären es, <lb/>
                 unbestellbares Frachtgut, hieß es, niemand hatte sonderlich <lb/>
                 darauf geachtet. War im Betriebe von Risch-Zander eine <lb/>
                 Sache einmal abgestellt, so stand sie, ohne Neugier zu erre- <lb/>
                 gen, bis zum jüngsten Tag. Es konnte vorkommen, daß sie <lb/>
                 im Wege war; dann wurde sie an einen anderen Platz ge- <lb/>
                 schafft, aber niemandem fiel es ein, sie zu untersuchen. Sie <lb/>
                 wurde inventarisiert und von jedermann als ein langjähriger <lb/>
                 Bekannter behandelt, den man durch und durch zu kennen <lb/>
                 glaubt, weil man ihm täglich begegnet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Umstände, die diese Kisten plötzlich interessant mach- <lb/>
                 ten, lagen außerhalb des regulären Fabrikbetriebs. Es ver- <lb/>
                 breiteten sich nämlich Gerüchte von heimlichen Lebensmit- <lb/>
                 teldepots, da tatsächlich einige versteckte Vorräte aufgestö- <lb/>
                 bert und beschlagnahmt worden waren; und obwohl die amt- <lb/>
                 liche Aufklärung alles als harmlos und nicht der Rede wert <lb/>
                 und überhaupt längst bekannt erscheinen ließ, bemächtigte <lb/>
                 sich der Bevölkerung eine ungeheure Erregung. Irgendwer <lb/>
                 äußerte den Verdacht, daß die Kisten im Maschinenhaus Le- <lb/>
                 bensmittel enthalten könnten. Die Arbeiter liefen zusam- <lb/>
                 men: »Stemmeisen her und aufgebrochen!« Hollerbach <lb/>
                 fragte Schäfer, ob das die Kisten seien, die er von der Verla- <lb/>
                 dezentrale übernommen habe. Schäfer nickte. Er war sehr <lb/>
                 bleich und voll von einer inneren Unruhe, die seine Überle- <lb/>
                 gung lähmte. »Dann müssen wir doch dabei sein, damit <lb/>
                 nichts gestohlen wird«, drängte der Diplomingenieur. Aber- <lb/>
                 mals nickte Schäfer: »Ja, ja«, aber er machte keine Miene zu <lb/>
                 folgen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So kommen Sie doch endlich mit, was haben Sie nur?« <lb/>
                 Hollerbach rüttelte ihn voll Verwunderung. Jetzt schien er <lb/>
                 zu sich zu kommen, jetzt erst schien er zu begreifen, was vor <lb/>
                 sich ging. Auf einmal hatte er es eilig. Er begann, aufgeregt <lb/>
                 mit Armen und Beinen zu schlenkern: »Lassen Sie mich raus <lb/>
                 aus dem Betrieb, ich muß fort, ich muß fort!« Hollerbach
                <pb facs="#f0171" n="167"/>
                <lb/>
                 hielt ihn an, eine Ahnung stieg in ihm auf. »Sie wissen, was <lb/>
                 in den Kisten ist?« fragte er scharf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja... Waffen und Munition...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mit wem konspirieren Sie?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich bin kein Verschwörer, ich bin für Recht und Gesetz. <lb/>
                 Ich bin in der Bürgerwehr, ich habe das Vertrauen des Gene- <lb/>
                 raldirektors.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In dieser Sache wäre es besser, Sie besäßen meines. Wie <lb/>
                 konnten Sie hinter meinem Rücken diese Kisten aufstapeln? <lb/>
                 Außerdem haben Sie mich belogen...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein, ich habe die Kisten wirklich von der Verladezen- <lb/>
                 trale übernommen, das ist die reine Wahrheit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mir ist es einerlei, was für Schiebungen da gemacht wer- <lb/>
                 den, aber ich will nichts damit zu tun haben. Der Generaldi- <lb/>
                 rektor weiß also von der Munition?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Er weiß, selbstverständlich weiß er.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Auch wo sie aufbewahrt wird?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein —, das nicht, das hat er uns ausdrücklich überlassen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann kann er Sie auch nicht decken.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich muß fort, ich muß fort, lassen Sie mich raus.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwischen der unschlüssigen Hast dieser Worte und der <lb/>
                 Versteinerung seines Gesichts war ein erschütternder Zu- <lb/>
                 sammenhang; er war zugleich angewurzelt und umhergetrie- <lb/>
                 ben, sein Körper war dermaßen mit Unrast angefüllt, daß das <lb/>
                 Gehirn einfach nicht weiterarbeitete; es war leer und ohne <lb/>
                 Blut, es ruhte sich aus und sah der unabwendbaren Gefahr <lb/>
                 mit einer Starre entgegen, die zu verwünschen es gerade noch <lb/>
                 die Kraft hatte. Es war ein eigentümlicher Zustand. Der Assi- <lb/>
                 stent machte den Eindruck, daß er lief und doch still stand, <lb/>
                 oder daß er still stand und doch lief — so genau konnte man <lb/>
                 das nicht erklären. »Wenn sie mich hier erwischen, schlagen <lb/>
                 sie mich tot«, jammerte er. Hollerbach hatte Mitleid mit ihm; <lb/>
                 schließlich, dachte er, ist er mein Klassengenosse und als sol- <lb/>
                 cher gegen die Wut der Arbeiter zu schützen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schließen Sie sich in meinem Zimmer ein«, riet er. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Um Gotteswillen, nein, das tu ich nicht, bedenken Sie <lb/>
                 doch, wie sie es damals bei Körschgen mit Kurbjuhn ge- <lb/>
                 macht haben!« </p>
            <pb facs="#f0172" n="168"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Seitdem hat sich manches geändert, die Revolution hat in- <lb/>
                 zwischen parlamentarische Formen angenommen. Wenn Sie <lb/>
                 die Leute nicht durch Ihren Anblick reizen, werden sie eine <lb/>
                 Deputation ans Direktorium schicken, und dann wird ein <lb/>
                 Untersuchungsausschuß eingesetzt werden. So weit kann ich <lb/>
                 Sie retten. Nachher müssen Sie dann sehen, wie Sie’s aus- <lb/>
                 fressen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er behielt recht. Die Empörung über den Fund wurde <lb/>
                 gleich zu Anfang durch den Zwang zu Formalitäten gedämpft. <lb/>
                 Waffen und Munition mußten selbstverständlich gezählt wer- <lb/>
                 den, bevor etwas unternommen werden konnte, und über <lb/>
                 diesem Geschäft, das von allen eifrig betrieben wurde, ge- <lb/>
                 wann der Sinn für ein systematisches Vorgehen die Oberhand <lb/>
                 über die schwelenden Instinkte des Jähzorns. Man erstattete, <lb/>
                 den Umständen nach in aller Ordnung, dem Betriebsführer <lb/>
                 die dienstliche Meldung, daß man im Maschinenhaus zwei- <lb/>
                 hundertundvierzig Gewehre, neun Maschinengewehte, sie- <lb/>
                 ben schwere Mauserpistolen, drei Trommelrevolver, hundert- <lb/>
                 fünf Seitengewehre, sechshundert Handgranaten, hundert- <lb/>
                 fünfzig Patronentaschen und viertausend Patronen gefunden <lb/>
                 habe, und daß die Kisten unter Aufsicht des Assistenten <lb/>
                 Schäfer und mit falschen Angaben dort deponiert worden sei- <lb/>
                 en; hierfür müsse man Rechenschaft fordern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hollerbach versicherte, daß er von der ganzen Geschichte <lb/>
                 nichts gewußt habe, und daß er gegenüber allen Bestrebun- <lb/>
                 gen, die sich gegen die Arbeiterschaft richteten, nur seinen <lb/>
                 Abscheu ausdrücken könne; indessen sei er überzeugt, daß <lb/>
                 solche Bestrebungen überhaupt nicht vorhanden wären und <lb/>
                 auch diese Sache eine vollkommen beruhigende Aufklärung <lb/>
                 finden müsse; um so mehr bedauere er, daß diese Aufklärung <lb/>
                 nicht sogleich beschafft werden könne, weil Assistent Schä- <lb/>
                 fer sich in einer dringenden dienstlichen Angelegenheit nach <lb/>
                 einem anderen Betrieb begeben habe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gut, erklärten die Arbeiter, man wolle ihm Glauben schen- <lb/>
                 ken; »weil Sie es sind«. Sie beratschlagten, was nunmehr zu <lb/>
                 tun sei. Mehrere riefen: »Los, nicht lange gefackelt, weiter <lb/>
                 ins Direktorium!« Der Vorschlag ward beifällig aufgenom-
                <pb facs="#f0173" n="169"/>
                <lb/>
                 men; so zogen sie ab, wie Hollerbach vorausgesagt hatte. Der <lb/>
                 Diplomingenieur genoß bei ihnen einiges Ansehen. Es <lb/>
                 schrieb sich von seinen technischen Kenntnissen her, die er <lb/>
                 nicht, wie viele seiner Kollegen, dazu benutzte, den theore- <lb/>
                 tischen Besserwisser zu spielen; vielmehr schmolz er sie in <lb/>
                 eine Unmenge praktischer Erfahrungen um. Für die Eigen- <lb/>
                 schaften des Materials und die Methoden seiner Bearbeitung <lb/>
                 besaß er einen Blick, der selten irrte, doch gab es auch Fälle, <lb/>
                 wo er dieses Blicks nicht einmal bedurfte und allein durch die <lb/>
                 Anspannung des Gehörs und des Tastsinns zum Ziele kam. <lb/>
                 Dagegen war es nicht seine Gewohnheit, selbst Hand anzu- <lb/>
                 legen. Manche seiner Kollegen glaubten sich beliebt zu ma- <lb/>
                 chen, wenn sie überall mit anfaßten und herummurksten, es <lb/>
                 war ihr Ehrgeiz, ebenso schwarze Finger und ebenso ölige <lb/>
                 Röcke wie die Arbeiter zu haben —: natürlich erreichten sie <lb/>
                 damit das Gegenteil, die Arbeiter hatten für diese Art Kolle- <lb/>
                 gialität nichts übrig und ärgerten sich über die Einmischun- <lb/>
                 gen und Bevormundungen—, und dann erst das Gespött, <lb/>
                 wenn diesen WERKTÄTIG aufgekratzten Vorgesetzten eine <lb/>
                 Handhabung mißglückte! Hollerbach machte es anders. Er <lb/>
                 lief seinen Leuten nicht dauernd zwischen die Beine, nahm <lb/>
                 ihnen nicht die Arbeit aus den Händen, pfuschte nicht herum. <lb/>
                 Er hatte gepflegte Hände und einen sauberen Anzug. Im <lb/>
                 Dienst sprach er kurze und klare Worte, die ins Schwarze tra- <lb/>
                 fen. Außerhalb des Technischen hatte er eine romantisierende <lb/>
                 Redeweise und einen halb burschikosen, halb feierlichen Le- <lb/>
                 benszuschnitt. Alles in allem, entsprach er so ziemlich dem <lb/>
                 Bilde, das sich die Arbeiter von einem guten Bürger machen; als <lb/>
                 solcher wurde er geschätzt, als solcher wahrte er seine Autorität. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nicht, daß er es darauf angelegt hätte; sein Wesen war so. <lb/>
                 Vielleicht hatten die drei Jahre, die er in Wirtzschen Diensten <lb/>
                 gestanden hatte, an diesem Wesen geformt, das kann man na- <lb/>
                 türlich so genau nicht abtaxieren. Jedenfalls war mancherlei <lb/>
                 darin von der Philosophie, die sein früherer Brotgeber Otto- <lb/>
                 kar Wirtz ungefähr in diesen Sätzen zusammenfaßte: </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So wenig die Arbeiter wollen, daß der Vorgesetzte ein <lb/>
                 Knotenstock oder ein Klugscheißer sei, so wenig wollen sie, <lb/>
                 daß er ein Waschlappen sei, und so wenig sie vertragen, daß
                <pb facs="#f0174" n="170"/>
                <lb/>
                 er sich hochmütig gebärdet, so wenig vertragen sie, daß er <lb/>
                 mit ihnen auf gleicher Stufe verkehrt. Sie wünschen nieman- <lb/>
                 den, der von oben auf sie heruntersieht, aber sie wünschen <lb/>
                 jemanden, zu dem sie aufsehen können, wann und sooft <lb/>
                 ihnen das Bedürfnis aufzusehen kommt. Sie haben Achtung <lb/>
                 vor tüchtigem Fachwissen und sind vernarrt in die Formel: <lb/>
                 STRENG, ABER GERECHT. Das ist alles, was der Vorge- <lb/>
                 setzte zum Jonglieren braucht. Er darf seinen Untergebenen <lb/>
                 nie das Gefühl geben, daß sie ihn erdulden müssen, weil sie <lb/>
                 die Schwächeren sind; er muß ihnen das Gefühl geben, daß <lb/>
                 sie ihn dulden können, weil er der Stärkere ist.« — — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Knüppelwalzwerk II ist also in Marschkolonne, stramm <lb/>
                 formiert, Gleichschritt und Vordermann, Tuchfühlung, <lb/>
                 Daumen einwärts, Hand bis zum Koppelschloß — alles in ta- <lb/>
                 delloser Zucht, wie sie’s vom Exerzierreglement gelernt ha- <lb/>
                 ben. Auf den umwölkten Stirnen steht der ganze Ernst der <lb/>
                 Situation; auf den zerschlissenen Gesichtern spiegelt sich das <lb/>
                 Gefühl, daß sie für die Dauer einer Stunde schicksalbildend <lb/>
                 und ein Teil des Weltgewissens sind. Sie machen gern einen <lb/>
                 kleinen Umweg, damit man herzulaufen kann und fragen, <lb/>
                 was diesmal der Zug bedeutet, doch wenn man fragt, gehen <lb/>
                 sie stolz und wichtig schweigend weiter. Sie stoßen keine <lb/>
                 Verwünschungen aus, sie leiden auch nicht, daß andere <lb/>
                 Demonstranten sich anschließen. Sie haben eine Sache für <lb/>
                 sich allein. Sie marschieren nicht für Lohnerhöhungen und <lb/>
                 Sozialisierung und irgendwelche Aufregungen der Etappe, <lb/>
                 sie marschieren geradewegs an die Front, sie marschie- <lb/>
                 ren gegen die feindliche Offensive, sie verteidigen die <lb/>
                 ideelle Position, die Bastei der Grundrechte, sie verteidi- <lb/>
                 gen Karl Marx selber; Walzwerk II ist die Vorhut der <lb/>
                 ARBEITERBATAILLONE, so gewichtig dröhnt sein <lb/>
                 Schritt, so unheildrohend und todverkündend hallt sein Ge- <lb/>
                 sang, der beim Einschwenken zum Tor des Hauptverwal- <lb/>
                 tungsgebäudes mit einem Schlage losbricht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dem Karel Liebknecht haben wir’s geschworen...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es stört sie nicht, daß sie keine eigenen Lieder haben, sie <lb/>
                 übernehmen einfach die Lieder der dahingegangenen kaiser-
                <pb facs="#f0175" n="171"/>
                <lb/>
                 lichen Armee und tauschen nur die alten Heldennamen gegen <lb/>
                 neue ein. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Manche unter den Neugierigen, die sich auf der Straße an- <lb/>
                 sammelten, fanden das rührend, andere fanden es schlau, in- <lb/>
                 dem sie daran dachten, daß die christlichen Priester ehemals <lb/>
                 auch die heidnischen Feste übernommen und nur die Symbole <lb/>
                 ausgewechselt haben — wobei sie übersahen, daß die Priester <lb/>
                 immer mit der bewaffneten Macht im Bunde waren. Aber <lb/>
                 keiner ahnte, was für Gedanken darüber in den Köpfen um- <lb/>
                 gingen, die oben im Hauptverwaltungsgebäude hinter den <lb/>
                 Doppelfenstern auf der Lauerlagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr diktierte gerade Herrn von Scheeven, seinem <lb/>
                 Sekretär, einen Brief an jenen Generalleutnant, dem auf Frau <lb/>
                 Ellas Geheiß die Unterstützung für seine artilleristische Zeit- <lb/>
                 schrift entzogen worden war. Der Mann hatte sich an den <lb/>
                 Freiherrn persönlich gewandt und ihm mit vielen Argumen- <lb/>
                 ten klargemacht, wie nötig militärische Zeitschriften gerade <lb/>
                 jetzt, nach dem Untergang des Militärs, wären, denn es <lb/>
                 käme der Tag der Auferstehung und es gelte, gerüstet <lb/>
                 zu sein, und überhaupt gebiete es die Tradition... Der <lb/>
                 Freiherr seufzte. »Schreiben Sie, Herr von Scheeven, daß ich <lb/>
                 mich aus aktienrechtlichen Gründen nicht in die Entschlie- <lb/>
                 ßungen meines Direktoriums einmischen kann...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »... und daß die Firma prinzipiell davon absehen müsse, <lb/>
                 einen Präzedenzfall zu schaffen«, ergänzte der Sekretär. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, ja — ganz recht, schreiben Sie nur, wie wir es immer <lb/>
                 in ähnlichen Fällen tun.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So weit waren sie, als sie den Gesang der Arbeiter vernah- <lb/>
                 men. Herr von Scheeven blieb uninteressiert an seinem Pult <lb/>
                 stehen und sagte: »Da ziehen sie mal wieder.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr trat von der Seite ans Fenster heran und sah <lb/>
                 durch den Spalt zwischen Glas und Gardine hinab. Nun ging <lb/>
                 auch Herr von Scheeven von der anderen Seite hin; für einen <lb/>
                 Moment trafen sich ihre Blicke, der Freiherr klagte: »So blut- <lb/>
                 rünstig sieht das aus, so blutrünstig« und wandte sich voll <lb/>
                 Schrecken ab. Herr von Scheeven kehrte mit gemessenen <lb/>
                 Schritten zu seinem Diktat zurück und zuckte die Achseln, <lb/>
                »Immerhin sind es <hi rendition="#g">unsere</hi> Lieder, die sie singen«, sagte er
                <pb facs="#f0176" n="172"/>
                <lb/>
                 leichthin, »unsere Lieder, die ihre Offiziere sie im Krieg haben <lb/>
                 singen heißen. Ich glaube nicht an die Kraft einer Bewegung, <lb/>
                 die keine eigenen Melodien hervorbringt.«— »Aber so hören <lb/>
                 Sie doch auf den Text«, warf der Freiherr ein, »das besagt <lb/>
                 doch gerade genug.« — »Der Text, ja. Aber zuguterletzt ist <lb/>
                 es nicht der Text, sondern die Singweise, was das Gefühl be- <lb/>
                 einflußt...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr von Scheeven war, wie es oft bei den Sekretären <lb/>
                 hochgestellter Männer der Fall ist, größer und einflußreicher <lb/>
                 als sein Herr, oder richtiger ausgedrückt, er war es, der die <lb/>
                 Größe und den Einfluß seines Herrn im Verkehr mit der Welt <lb/>
                 dosierte. Dem diplomatischen Dienst entstammend, hatte er <lb/>
                 in den Referentenkammern des Auswärtigen Amtes hinsicht- <lb/>
                 lich der Art, wie man Vorgesetzte einwickelt, schiebt und <lb/>
                 leitet, eine ausgezeichnete Schule durchgemacht. Meistens <lb/>
                 waren die Briefe, die der Freiherr ihm zu diktieren glaubte, <lb/>
                 sein Werk, bis auf die Form, die freibleibend war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es ist wahr, daß die Dazwischenkunft Hachenpoots die- <lb/>
                 ses Verhältnis etwas beeinträchtigt hatte, aber Herr von Schee- <lb/>
                 ven hatte im Auswärtigen Amt auch das Warten gelernt und <lb/>
                 den sicheren Trost: er ist nur eine Episode, und sollte <lb/>
                 er auf seinem Platz noch zwanzig Jahre älter werden, er ist <lb/>
                 nur eine Episode. Überflüssig zu sagen, daß er Wackerleins <lb/>
                 Verbündeter war, obschon er nach außen nie aktiv wurde <lb/>
                 und sich im Gegenteil bemühte, bescheiden und verdienstlos <lb/>
                 zu erscheinen. Er beging seine Indiskretionen mit einer Ge- <lb/>
                 lassenheit, die auf eine Sinnestäuschung spekulierte. Der <lb/>
                 Freiherr gehörte nicht zu jenen, die von einem offenen Wort <lb/>
                 hingerissen werden; dies geschieht ja eigentlich nur bei despo- <lb/>
                 tischen Naturen, und der Freiherr war wirklich kein Despot, <lb/>
                 vielmehr erzwang sein vermittelnd fortschrittlicher Charakter <lb/>
                 gerade die versteckten Worte. Herr von Scheeven hatte aller- <lb/>
                 dings in langjähriger Übung gelernt, sie so zu setzen, daß er <lb/>
                 sie mit Bedacht für »halboffene« Worte ausgeben konnte. Er <lb/>
                 operierte mit ihnen, wie ehemals im Auswärtigen Amt mit <lb/>
                 »halbamtlichen« Nachrichten; es gab sogar von ihm selbst <lb/>
                 ein Bonmot darüber. »Es sind die einzigen Fälle«, lautete es, <lb/>
                 »wo ein Halbes doppelt so viel wert ist wie ein Ganzes.« </p>
            <pb facs="#f0177" n="173"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das Hauptverwaltungsgebäude war steildachig und hatte <lb/>
                 dicke, düstere Mauern, die hoch aus der engen Straße auf- <lb/>
                 schossen und mittels zahlreicher Vorsprünge aus unbehaue- <lb/>
                 nen Quadern auf den Eindruck eines gewalttätigen und ab- <lb/>
                 schreckenden Trotzes zurechtgemacht waren. Die kleine <lb/>
                 Schar der Walzwerkarbeiter stand davor wie vor einer unein- <lb/>
                 nehmbaren Festung. Da sie senkrecht hinaufsehen mußten, <lb/>
                 tat ihnen das Genick weh; die von vielen Pilastern unterbro- <lb/>
                 chenen Fensterfluchten waren verwirrend und abweisend, <lb/>
                 und die steinernen Flächen von einer entmutigenden Ausdeh- <lb/>
                 nung. Nirgends erspähten sie ein festes Ziel, worauf sie sich <lb/>
                 hätten konzentrieren können. Sie wußten ja nicht einmal, hin- <lb/>
                 ter welchen Fenstern die Direktionszimmer lagen, alle diese <lb/>
                 Scheiben waren inmitten der knorrigen Architektur gleich- <lb/>
                 mäßig kalt und dunkel und undurchdringlich, wie die aufge- <lb/>
                 rissenen Augäpfel im Antlitz eines Blinden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Noch während die Demonstranten anrückten, verschloß <lb/>
                 der Portier das Tor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vor den Werkstätten bestanden die Tore aus schmucklos <lb/>
                 aufgereihten Stäben, jeder sah aus wie ein Speer, den ein un- <lb/>
                 sichtbarer Wächter hielt, und die Höfe dahinter waren ewig <lb/>
                 feucht von Schmieröllachen und graukörnigen Rußkrusten; <lb/>
                 die Pförtner dort waren mürrische Invaliden, Lungenleidende <lb/>
                 und Unfallbeschädigte, die in überheizten Budiken hockten <lb/>
                 und mit sauertöpfischem Lächeln die Passierkontrolle ausüb- <lb/>
                 ten. Aber dieses Tor hier, das jetzt mit einem kleinen höhni- <lb/>
                 schen Knacks ins Schloß fiel, war von lustigen eisernen Ran- <lb/>
                 ken durchzogen, die einander ohne Überstürzung nachgin- <lb/>
                 gen und sich in spielerischen Blattnestern vereinigten. Oben <lb/>
                 saß auf jeder Stange ein dicker runder Knopf, wie bei einem <lb/>
                 Zeremonienmeister. Eigentlich war es gar kein Tor zur Ab- <lb/>
                 sperrung, sondern nur eine Fortsetzung der Architektur des <lb/>
                 Hauptverwaltungsgebäudes mit anderen Mitteln, ein illegiti- <lb/>
                 mer Schnörkel, eine feierliche Grimasse des Materials. Der <lb/>
                 Hof war geräumig und gut ausgetrocknet, der Wind fegte <lb/>
                 hindurch wie der Atem durch einen breiten Brustkasten, und <lb/>
                 die weißen Dampfballen, die gelegentlich übers Pflaster roll- <lb/>
                 ten, hatten nichts mehr an sich von dem Ernst, welcher die
                <pb facs="#f0178" n="174"/>
                <lb/>
                 Ursache ihrer Erzeugung war. Diese Umgebung machte es <lb/>
                 notwendig, daß auch der Portier ein anderer war —: er gehör- <lb/>
                 te zu der Gruppe der GEREIFTEN MÄNNER, die nicht <lb/>
                 durch Gebrechen vorzeitig zu Greisen geworden, sondern <lb/>
                 auf natürliche Art IM DIENST ERGRAUT waren. Es war <lb/>
                 nicht seine Aufgabe, zu kontrollieren, wie es seine Kollegen <lb/>
                 an den übrigen Toren tun mußten, die also, um es mit einem <lb/>
                 verwandtschaftlichen Verhältnis zu vergleichen, nur seine <lb/>
                 »Stiefkollegen« waren; seine Aufgabe war es, zu präsentie- <lb/>
                 ren. Er stand nur stramm vor Autos, nicht vor Menschen. <lb/>
                 Die Beamten, die zu Fuß kamen, grüßten ihn zuerst; jeden <lb/>
                 Morgen und jeden Nachmittag stand er da und ließ mit herab- <lb/>
                 lassendem Kopfnicken das Heer an sich vorüberziehen. Nie- <lb/>
                 mand wird sich rühmen können, je einem Portier begegnet zu <lb/>
                 sein, der ein ganzer Bedienter und nicht ein halber Vorge- <lb/>
                 setzter gewesen wäre; aber dieser hier war weder Bedienter <lb/>
                 noch Vorgesetzter, er war eine Instanz, ein Apparat, eine be- <lb/>
                 hördliche Registratur. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er alarmierte sofort den Botenmeister, dieser alarmierte den <lb/>
                 Chef der Bürobedienung, dieser den Vorsteher der Sozialab- <lb/>
                 teilung, dieser den Personalchef —, kurzum, jeder diejenige <lb/>
                 Stelle, mit welcher ihm ein direkter telefonischer Verkehr ge- <lb/>
                 stattet war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wackerlein überlegte sich, wen er jetzt informieren sollte, <lb/>
                 Hiebenstein, Hachenpoot oder den Freiherrn selbst. Er be- <lb/>
                 schloß, zunächst niemandem etwas zu sagen und auf eigene <lb/>
                 Faust herauszubekommen, was die Arbeiter wollten. So ging <lb/>
                 auf dem gleichen Weg die Weisung hinunter, sie sollten eine <lb/>
                 Abordnung schicken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Inzwischen waren unten zum Schutz des Tores drei Mann <lb/>
                 von der Werkspolizei angelangt. Man hatte sie mit einem <lb/>
                 ironischen Winseln empfangen, aber weiter geschah nichts, <lb/>
                 Walzwerk II bewahrte MUSTERGÜLTIGE DISZIPLIN. <lb/>
                 Die Werkspolizisten standen da wie Unteroffiziere vor dem <lb/>
                 zugehörigen Truppenteil, sie selber fanden es komisch. Als <lb/>
                 die Abordnung hinaufgegangen war, vertrieben sich einige <lb/>
                 Arbeiter die Zeit, indem sie allerlei Manöver machten und <lb/>
                 Sturmangriff spielten. Es wurde viel gelacht, und auch die
                <pb facs="#f0179" n="175"/>
                <lb/>
                 Polizisten lachten. So hatte die ganze Aktion ihr Gewicht ver- <lb/>
                 loren, noch bevor die Abordnung mit der Zusicherung stren- <lb/>
                 ger Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen zurückkam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um so mehr Gewicht bekam sie oben in der Direktions- <lb/>
                 etage. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem Wackerlein die Ursache der Demonstration er- <lb/>
                 fahren hatte, war es für ihn klar, daß Hachenpoot erst zu- <lb/>
                 gezogen werden dürfe, wenn die Untersuchung bereits ein- <lb/>
                 geleitet sei. Es konnte sich eine Affäre daraus entwickeln, <lb/>
                 es konnte eine Sprengmine werden. Er erriet den Zusammen- <lb/>
                 hang mit der Bürgerwehr. So war er ganz in seinem Element. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf dem Weg zum Freiherrn ging er an der Tür des <lb/>
                 Finanzrats vorbei und nahm ihn mit. Herrn von Scheeven <lb/>
                 trafen sie im Vorzimmer an; er war damit beschäftigt, die <lb/>
                 Korrespondenzmappe zu ordnen, die sich der Freiherr, um <lb/>
                 vor sich selbst als wirklicher Industrieller zu erscheinen, täg- <lb/>
                 lich aus den Verkaufskontoren einschicken ließ. Er erfuhr <lb/>
                 zwar nichts daraus, aber er dachte, daß es einen guten Ein- <lb/>
                 druck machen würde, wenn er sich in Details des Geschäfts- <lb/>
                 betriebs einließ. Dies mußte allen Angestellten zu Ohren <lb/>
                 kommen, große Transaktionen dagegen, selbst wenn er dazu <lb/>
                 befähigt gewesen wäre, hätten ihnen verborgen bleiben müs- <lb/>
                 sen; sie hätten nicht erfahren, daß er der Urheber war, oder <lb/>
                 mindestens hätten sie es nicht geglaubt. Aber wenn er auf <lb/>
                 diese Schriftstücke, die in vieler Korrespondenten und Steno- <lb/>
                 typisten Hände kamen, sein Zeichen setzte, wenn er dann <lb/>
                 und wann eines Briefinhalts wegen Nachforschungen an- <lb/>
                 stellte, dann sahen sie und erzählten es weiter, daß er sich <lb/>
                 mit den Dingen abgab, daß er tätig war, ein dienendes Glied <lb/>
                 am Ganzen und nicht bloß eine zierende Spitze. So dachte <lb/>
                 er. Aus eben dem Grunde beobachtete er auch eine genaue <lb/>
                 Dienstzeit. Wenn er nicht verreist war, fand er sich jeden <lb/>
                 Morgen pünktlich um halb neun im Werk ein und verließ <lb/>
                 es nicht vor halb zwei. Mit der Zeit kam er dahin, diese <lb/>
                 Tätigkeit für wirkliche industrielle Arbeit zu halten, Freilich <lb/>
                 sagten die Angestellten, es wären genug Bürochefs da, die <lb/>
                 in bezug auf Lappalien Schikanen machten, sie möchten
                <pb facs="#f0180" n="176"/>
                <lb/>
                 wissen, warum der Freiherr das auch noch tun müsse, er solle <lb/>
                 lieber »oben« aufpassen, daß da nichts verkorkst würde; <lb/>
                 und die Bürochefs lächelten das Zeichen auf den Korrespon- <lb/>
                 denzen an und sagten, der Freiherr hätte ebensoviel davon, <lb/>
                 wenn er es auf ein völlig unbeschriebenes Papier setzte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Indessen war Wackerlein neuerdings auf den Gedanken <lb/>
                 gekommen, diese Mappen von Herrn von Scheeven nach <lb/>
                 bestimmten Gesichtspunkten aussortieren zu lassen, ehe sie <lb/>
                 vorgelegt wurden. Gewisse Stellen in den Briefen wurden <lb/>
                 vorsichtig angestrichen und die Briefsammlung selbst so zu- <lb/>
                 sammengestellt, daß der Freiherr allmählich den unaufhalt- <lb/>
                 samen Verfall der Risch-Zander A.-G. befürchten mußte. <lb/>
                 Aus allem las er schließlich nur Klagen und Beschwerden, <lb/>
                 aber Wackerlein sorgte dafür, daß niemand in diesem Zu- <lb/>
                 sammenhang unmittelbar gegen den Generaldirektor sprach, <lb/>
                 um keinen Argwohn hervorzurufen; im Gegenteil wußte er <lb/>
                 es so einzurichten, daß Hachenpoots Name von allen, die mit <lb/>
                 dem Freiherrn in Berührung kamen, überhaupt nicht mehr <lb/>
                 genannt wurde. Er nannte das »die Existenz unterhöhlen«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun, wie stehen die Aktien?« fragte er, als Herr von <lb/>
                 Scheeven verwundert aufblickte. — »Hier—?« Der Sekretär <lb/>
                 packte die Mappe zusammen. »Alles weit unter Pari.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das heißt — wir können kaufen,« sagte der Finanzrat, <lb/>
                 »als Haussiers können wir kaufen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Für ein Termingeschäft ist das Terrain noch zu unsicher.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sichern wir uns durch eine Prolongation.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wer wird so ein Papier in Report nehmen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Halt,« sagte Wackerlein, »da kann ich nicht mehr mit, <lb/>
                 so bin ich in Börsensachen denn doch nicht bewandert. Wo <lb/>
                 haben Sie nur diese Kenntnisse her, Herr von Scheeven?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein lächelte. »Ich bitte Sie. Ein alter Mann aus <lb/>
                 dem Auswärtigen Amt wird in Börsengeschäften nicht er- <lb/>
                 fahren sein!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Damals war ich noch ein junger Mann, Herr Finanzrat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vielleicht eben darum,« meinte der Personalchef, »es <lb/>
                 war Ihre beste Lehrzeit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Immerhin«, sagte Hiebenstein. »Im übrigen erwarte ich <lb/>
                 nicht, daß einer der Herren zu einem Prämiengeschäft ge-
                <pb facs="#f0181" n="177"/>
                <lb/>
                 neigt ist.« — »Was heißt das?« — »Na ja, man kann an der <lb/>
                 Börse gegen Reugeld vom Geschäft zurücktreten, wenn die <lb/>
                 erhoffte Kursbewegung ausbleibt.« Unterdessen war der Frei- <lb/>
                 herr in seiner geräuschlos gleitenden Art ins Zimmer getreten <lb/>
                 und hatte die letzten Worte mitangehört. Er fühlte die Schat- <lb/>
                 ten, die darunter ruhten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Meine Herren —«, sagte er. Rasch erklärte der Sekretär, <lb/>
                 daß sie wegen der Demonstration von vorhin gekommen <lb/>
                 seien. »Ach so. Diese sinnlosen Aufzüge verblendeter Men- <lb/>
                 schen erschüttern mich jedesmal. Es geht Ihnen doch auch <lb/>
                 so—?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja —, davon sprachen wir gerade.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wackerlein tastete vor: »Es ist um so bedauerlicher, als <lb/>
                 es leider Fälle gibt, wo von unserer Seite nicht alles vermieden <lb/>
                 wird, was solche Erschütterungen hervorrufen kann.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wissen Sie schon Näheres?« fragte furchtsam der Frei- <lb/>
                 herr und wünschte im nämlichen Augenblick, daß sie nichts <lb/>
                 wissen möchten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein übereifriger Beamter hat im Walzwerk II sieben Ki- <lb/>
                 sten mit Waffen und Munition versteckt.« — »Aber wozu <lb/>
                 denn das? Wozu denn nur?« — »Das muß die Vernehmung <lb/>
                 ergeben, Herr von Zander. Vorläufig wissen wir nur, daß <lb/>
                 der betreffende Beamte Vertrauensmann in der Bürgerwehr <lb/>
                 war.« Der Freiherr sah an ihnen vorbei. »Auf jeden Fall <lb/>
                 war seine Handlungsweise sehr unklug.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gewiß, Herr von Zander. Waffen im Betrieb, das muß <lb/>
                 ja den vernünftigsten Arbeiter provozieren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Übrigens schienen mir die Gesichter der Demonstranten <lb/>
                 gar nicht so unvernünftig zu sein«, sagte Herr von Scheeven. <lb/>
                 — »Hatten Sie den Eindruck?« fragte ungewiß der Freiherr. <lb/>
                 — »Unbedingt, ich habe die Gesichter genau betrachtet, so <lb/>
                 weit das von hier oben möglich war, natürlich.« Der Finanz- <lb/>
                 tat bestätigte den Eindruck; erst kürzlich habe Herr Neu- <lb/>
                 feind die Belegschaft vom Walzwerk II als besonnen und <lb/>
                 tüchtig gerühmt. Der Freiherr wandte sich ab. »So, dann <lb/>
                 ist es natürlich so. Dann darf ich also erwarten, daß der <lb/>
                 Beamte wegen seines Übergriffes zur Rechenschaft gezogen <lb/>
                 wird; vielleicht können Sie glimpflich mit ihm verfahren,
                <pb facs="#f0182" n="178"/>
                <lb/>
                 seine Motive waren edel, wenn seine Handlung auch kopflos <lb/>
                 war. Aber ich überlasse das selbstverständlich der Entschei- <lb/>
                 dung des Direktoriums.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man wird prüfen müssen, Herr von Zander, ob die <lb/>
                 Schädlichkeit seines Verhaltens nicht mildernde Umstände <lb/>
                 ausschließt. Sein Verhalten läuft doch darauf hinaus, die <lb/>
                 Bürgerwehr schon in ihren Anfängen zu diskreditieren. Man <lb/>
                 wird auch prüfen müssen, ob er aus eigener Initiative oder <lb/>
                 auf Anordnung gehandelt hat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Auf Anordnung wessen? Haben Sie einen Verdacht?« <lb/>
                 fragte Herr von Scheeven malitiös. »Das wird die Unter- <lb/>
                 suchung ergeben müssen,« erwiderte Wackerlein dreist, »auf <lb/>
                 keinen Fall dürfen wir in ein schiefes Licht vor der Öffent- <lb/>
                 lichkeit geraten. Es wird unsere Pflicht sein, zu verhüten, <lb/>
                 daß das Stahlwerk Risch-Zander mit den privaten Bestrebun- <lb/>
                 gen der Bürgerwehr identifiziert wird. Es war immer unser <lb/>
                 Stolz, daß man uns keine politische Betätigung nachweisen <lb/>
                 konnte.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Tun Sie Ihre Pflicht«, sagte der Freiherr. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Herren verneigten sich und gingen. Hachenpoot war, <lb/>
                 ohne daß er erwähnt worden war, in Anklagezustand ver- <lb/>
                 setzt worden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Assistent Schäfer wurde noch in derselben Stunde von <lb/>
                 Wackerlein in Gegenwart von Neufeind und Hiebenstein <lb/>
                 verhört. Seine Aussage war für den Generaldirektor be- <lb/>
                 lastend. Auf Grund eines geheimen Abkommens mit dem <lb/>
                 Armeekommando waren die Waffen- und Munitionsbestände <lb/>
                 der Platzkommandantur in versiegelten und nicht deklarier- <lb/>
                 ten Kisten zur Verladezentrale von Risch-Zander transpor- <lb/>
                 tiert worden. Da der dortige Betriebsführer der Bürgerwehr <lb/>
                 angehörte, konnte von da aus mit Leichtigkeit und unter <lb/>
                 dem Deckmantel von Werksgut die Verteilung auf die ein- <lb/>
                 zelnen Vertrauensmänner bewirkt werden. So weit reichte <lb/>
                 die Instruktion durch Hachenpoot; die Wahl des Aufbewah- <lb/>
                 rungsorts mußten jene auf ihre eigene Kappe nehmen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Herren sahen sich an, Wackerlein fragte zweimal, ob <lb/>
                 Schäfer sich nicht des genauen Wortlauts entsinnen könne, <lb/>
                 den der Herr Generaldirektor gebraucht habe. »Hat er ge-
                <pb facs="#f0183" n="179"/>
                <lb/>
                 sagt, Sie müßten es auf Ihre Kappe nehmen?« — »Er müsse <lb/>
                 es uns überlassen, hat er gesagt, das weiß ich bestimmt, <lb/>
                 aber es ist mir, als ob auch der andere Ausdruck gefallen sei.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »War das die Antwort auf eine allgemeine Frage, wo die <lb/>
                 Kisten aufbewahrt werden sollten?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »War vorher schon die Rede davon gewesen, daß man die <lb/>
                 Kisten vielleicht in die eigenen Betriebe schaffen könne?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir hatten das erörtert.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Haben Sie die Erklärung des Herrn Generaldirektors, er <lb/>
                 müsse es Ihnen überlassen, oder Sie müßten es auf Ihre Kappe <lb/>
                 nehmen, auch auf diese Frage bezogen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Selbstverständlich, ich weiß doch, daß ein Vorgesetzter <lb/>
                 zuweilen in die Lage gerät, das Vorhaben eines Untergebenen <lb/>
                 billigen zu müssen, ohne es direkt unterstützen zu dürfen. <lb/>
                 So habe ich es auch hier aufgefaßt. Ich nahm an, daß der <lb/>
                 Herr Generaldirektor nicht böse wäre, wenn wir die Kisten <lb/>
                 bei uns aufspeicherten. Er konnte uns aber doch aus nahe- <lb/>
                 liegenden Gründen nicht einfach dazu auffordern.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Abermals sahen die Herren sich an. Es wurde alles sorg- <lb/>
                 fältig protokolliert. »Sie assistierten früher bei Herrn Bilgen- <lb/>
                 stock, nicht wahr?« fragte Wackerlein noch. »Es ist gut, <lb/>
                 Sie können gehen. Bis zur endgültigen Beschlußfassung durch <lb/>
                 das Direktorium sind Sie vom Dienst suspendiert.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Erst nachdem das Verhör beendet war, wurde Hachenpoot <lb/>
                 unterrichtet. Man verschwieg ihm jedoch, daß schon eine <lb/>
                 Vernehmung stattgefunden hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von der Demonstration selbst hatte er freilich schon durch <lb/>
                 seinen Bürodiener vernommen, aber er hatte nicht weiter ge- <lb/>
                 stört werden wollen. Es gab so viele Demonstrationen, <lb/>
                 wenn man da immer hätte nach der Ursache forschen wol- <lb/>
                 len! Jetzt verlangte er, daß ihm Schäfer sofort vorgeführt <lb/>
                 würde. Der Assistent befand sich noch im Hause; die Kunde <lb/>
                 von seinem Mißgeschick war durch das Sekretariat Wacker- <lb/>
                 lein unverzüglich weitergeleitet worden. Von allen Seiten <lb/>
                 wurde er mit Fragen bestürmt und mit einer an Schaden- <lb/>
                 freude grenzenden Teilnahme bedacht. </p>
            <pb facs="#f0184" n="180"/>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot hatte einen roten Kopf. »Sie wissen, was <lb/>
                 Ihnen blüht. Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie es auf Ihre Kappe <lb/>
                 nehmen müßten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Also habe ich mich doch nicht geirrt«, sagte Schäfer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht geirrt? Sind Sie verrückt geworden? Wieso nicht <lb/>
                 geirrt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Weil ich vorhin beim Verhör doch nicht genau sagen <lb/>
                 konnte, ob Sie sich so ausgedrückt hatten.« Er sagte das <lb/>
                 ohne Perfidie; er glaubte, dem Generaldirektor läge das Pro- <lb/>
                 tokoll seiner Aussage vor. Dieser wurde leichenblaß, er war <lb/>
                 dem Ersticken nahe. »Wer hat Sie verhört?« fragte er ton- <lb/>
                 los. — »Herr Wackerlein«, antwortete Schäfer erstaunt. »Herr <lb/>
                 Direktor Neufeind und Herr Finanzrat Hiebenstein waren <lb/>
                 zugegen, es muß doch im Protokoll stehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, ja, es steht im Protokoll«, sagte Hachenpoot und <lb/>
                 wischte sich den Schweiß ab. Er warf das Manuskript seiner <lb/>
                 für die Generalversammlung vorbereiteten Rede durchein- <lb/>
                 ander: »Wahrhaftig, es steht im Protokoll.« Schäfer fühlte <lb/>
                 sich mit einem Male wachsen und machte eine ganz große <lb/>
                 Gebärde. »Herr Generaldirektor«, begann er. »Wir können <lb/>
                 uns diese Umschweife sparen. Ich bin meines Dienstes ent- <lb/>
                 hoben und erwarte das Urteil des Direktoriums. Ich habe <lb/>
                 Ihnen einen Gefallen tun wollen, als ich in die Bürgerwehr <lb/>
                 eintrat, Ich habe gehofft, mich auszeichnen zu können, und <lb/>
                 dann auch dienstlich von Ihnen berücksichtigt zu werden. <lb/>
                 Es ist also nichts damit. Ich weiß, daß Ihre Duldung einer <lb/>
                 Tat, die Sie privatim gern sehen, aber öffentlich nicht mit- <lb/>
                 ansehen dürfen, nur so lange währen kann, wie man nicht <lb/>
                 dabei erwischt wird. Ich bin erwischt worden, also ist es <lb/>
                 aus. Ich trage die Verantwortung, wenn es schief geht, Sie <lb/>
                 haben die Ehre davon, wenn es gut geht. Das ist eine ein- <lb/>
                 fache Arbeitsteilung. Guten Tag, Herr Hachenpoot. Ich <lb/>
                 reflektiere nicht mehr auf Beförderung, ich entsage.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Entsetzt starrte Hachenpoot ihm nach, als er verschwand. <lb/>
                 »So, so«, murmelte er. »Mir steht der Verstand still.« In <lb/>
                 plötzlicher Aufwallung griff er in die Nummernscheibe des <lb/>
                 Telefons. »Sie hatten wohl schon die Freundlichkeit, Herr <lb/>
                 Wackerlein, den Betriebsassistenten Schäfer zu verneh-
                <pb facs="#f0185" n="181"/>
                <lb/>
                 men?« — »Ich wollte Ihnen diese Bagatelle abnehmen, da Sie <lb/>
                 so stark mit Wichtigerem beschäftigt sind.«— »Ja, es war sehr <lb/>
                 freundlich von Ihnen, danke.« Er kochte vor Wut. »Ich <lb/>
                 stecke in der Tat bis über die Ohren in der Arbeit.« — »Ich <lb/>
                 weiß, es ist förmlich wie eine Klausur.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Alter Fuchs,« dachte Hachenpoot, »alter Fuchs«, dachte <lb/>
                 er und sagte: »Ich beraume eine Sitzung des Direktoriums <lb/>
                 auf vier Uhr fünfzehn an, ich darf Ihnen dann für Ihre <lb/>
                 Freundlichkeit die Hand schütteln, nicht wahr?« Er wollte <lb/>
                 es mit Forschheit und Unbefangenheit versuchen und seinen <lb/>
                 Ärger auf keinen Fall merken lassen. Eine andere Taktik <lb/>
                 war auch schwerlich mehr möglich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Sitzung des Direktoriums fand in einem kleinen Zim- <lb/>
                 mer statt, das immer zu intimen Besprechungen benutzt <lb/>
                 wurde. Die sieben Direktoren saßen um einen runden Tisch. <lb/>
                 Außer dem Personalchef, dem Finanzrat und dem technischen <lb/>
                 Direktor waren noch das kaufmännische, juristische und so- <lb/>
                 zialpolitische Ressort vertreten. Rechts und links vom Gene- <lb/>
                 raldirektor waren zwei Stühle unbesetzt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot verhinderte die Verlesung des Protokolls der <lb/>
                 Schäferschen Aussage, Wackerlein hatte jedoch schon für je- <lb/>
                 den der Direktoren und Aufsichtsratsmitglieder eine Ab- <lb/>
                 schrift anfertigen lassen. Mit Spannung hörten sie nun die <lb/>
                 Darstellung des Falles, die Hachenpoot gab; er konnte sich <lb/>
                 nicht genug tun in der Brandmarkung des Assistenten, der <lb/>
                 hinter dem Rücken seines Betriebsführers so etwas gemacht <lb/>
                 habe, und plädierte sogar auf fristlose Entlassung. Einesteils <lb/>
                 tat er es, um die Diskussion abzukürzen und alle durch seinen <lb/>
                 Schneid zu überrumpeln und verblüffen, anderenteils tat er <lb/>
                 es auch aus Groll über Schäfers Frechheit und in der Ab- <lb/>
                 sicht, diesen Belastungszeugen schnell aus dem Gesichtskreis <lb/>
                 zu entfernen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Können wir die Sache nicht mit diskreten Richtlinien aus <lb/>
                 der Welt schaffen?« fragte Wackerlein in aller Harmlosigkeit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein«, entgegnete ebenso Hiebenstein. »Wir dürfen uns <lb/>
                 nur von praktischen Erwägungen leiten lassen. Da die Sache <lb/>
                 ruchbar geworden ist, sind wir gezwungen, uns zu entrüsten.« </p>
            <pb facs="#f0186" n="182"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber es ist doch schließlich unser aller Aufgabe, will- <lb/>
                 fährige Kreaturen zu züchten?« beharrte Wackerlein. Welch <lb/>
                 ein lauernder Ton, welch ein unterirdischer Mensch, welch <lb/>
                 ein unterirdischer Mensch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Immerhin«, sagte Hiebenstein. »Es kommt auf die Fein- <lb/>
                 heiten des Verfahrens an.« Hachenpoot saß wie auf glühen- <lb/>
                 den Kohlen, war das nicht ein abgekartetes Frage- und Ant- <lb/>
                 wortspiel, sollte das nicht eine Persiflage auf seine Führer- <lb/>
                 grundsätze sein? Trotzdem beherrschte er sich, er wollte <lb/>
                 sich nicht herausfordern lassen. Die Direktoren beobach- <lb/>
                 teten ihn; von diesem’ Augenblick an galt er bei ihnen als <lb/>
                 erledigter Mann. Das war genau der Eindruck, den Wacker- <lb/>
                 lein hatte erwecken wollen. Er nannte das »die seelischen <lb/>
                 Voraussetzungen schaffen«. Nach der Sitzung mußte er <lb/>
                 gleich hinausfahren auf Zandershöhe, zu Frau Ella. Schließ- <lb/>
                 lich wurde einstimmig eine Bekanntmachung an die Beleg- <lb/>
                 schaft beschlossen, die neben einem leidlich unverfänglichen <lb/>
                 Tatsachenbericht folgende Worte enthielt: </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir stellen hiernach fest, daß das Vorhandensein der <lb/>
                 Waffen nicht mit irgendwelchen gegen die Arbeiterschaft <lb/>
                 gerichteten Plänen zusammenhängt. Insbesondere hat es sich <lb/>
                 nicht um eine beabsichtigte Verteilung der Waffen auf be- <lb/>
                 stimmte Betriebe gehandelt. Wenn auch nach dem Ergebnis <lb/>
                 der bisherigen Ermittlung der Beamte sich zweifellos in gu- <lb/>
                 tem Glauben befunden hat, so hat das Direktorium doch <lb/>
                 seine eigenmächtige und unüberlegte Handlungsweise miß- <lb/>
                 billigen müssen und seine Kündigung zum nächstzulässigen <lb/>
                 gesetzlichen Termin ausgesprochen. Bis dahin bleibt er vom <lb/>
                 Dienst suspendiert. Das Direktorium bedauert lebhaft, daß <lb/>
                 durch dieses Vorkommnis ein Teil der Arbeiterschaft ernst- <lb/>
                 lich beunruhigt worden ist und spricht die Erwartung aus, <lb/>
                 daß nach der gegebenen Aufklärung diese Beunruhigung ver- <lb/>
                 schwinden wird.« — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gruppen von Arbeitern umstanden am nächsten Morgen <lb/>
                 diesen Anschlag am schwarzen Brett. »Seht ihr«, sagte der <lb/>
                 Former Fries. »Jetzt erst kuschen sie, wo die Revolution <lb/>
                 aus dem Stadium der radikalen Geste in das Stadium der <lb/>
                 sittlichen Verantwortung übergeleitet wird. Hat früher das
                <pb facs="#f0187" n="183"/>
                <lb/>
                 Direktorium einmal der Arbeiterschaft sein Bedauern ausge- <lb/>
                 sprochen? Nie. Aber jetzt, aber jetzt, und das ist ein ge- <lb/>
                 waltiger Fortschritt. Das Land kann eben nicht von Elemen- <lb/>
                 ten der Willkür regiert werden, es muß verantwortliche <lb/>
                 Männer haben, ich hab’s ja immer gesagt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sein Mundwerk ging wie geschmiert, er sprach ein auswen- <lb/>
                 dig gelerntes Hochdeutsch und zwirbelte dabei sein Bärtchen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bleibt bloß zu bedenken, welche Esel sie aussuchen <lb/>
                 dürfen«, sagte Adam Griguszies, der an diesem Tage wieder <lb/>
                 Kranführer in der Eisengießerei wurde, aber als Fries giftig <lb/>
                 werden wollte, beschwichtigte er: »Schon gut, meinswegen <lb/>
                 mag der Papst auf Stelzen gehn, mich können sie alle — — —« <lb/>
                 Fries redete verächtlich weiter. »So enden die Radikalinskis <lb/>
                 gewöhnlich, sie werden indifferent. Überhaupt — ihr wißt <lb/>
                 es ja. Seine Schwester war schon immer konterrevolutionär. <lb/>
                 Es hieß doch, daß sie es mit dem Bilgenstock hatte. Abge- <lb/>
                 trieben hat sie auch, sie hat nur die Schande gut vertuschen <lb/>
                 können, und jetzt geht sie mit einem Beamten, der im <lb/>
                 Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband organisiert ist. <lb/>
                 In so einer Umgebung, überhaupt — ihr wißt es ja.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und dann kommt also für die Risch-Zander A.-G. einer <lb/>
                 jener Tage, auf welche die Begriffe »Schicksalstag« und <lb/>
                 »Zeitwende« geprägt worden sind. Sie gehören zu den klüg- <lb/>
                 sten Erfindungen des Menschengeschlechts, denn es hat da- <lb/>
                 mit alle Verantwortung für den Gang der Dinge dem uner- <lb/>
                 forschlichen Ratschluß der Gestirne zugeschoben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Ella setzt sich den Hut auf, der einen wallenden <lb/>
                 Federbusch hat und so groß ist wie ein Wagenrad, und läßt <lb/>
                 anspannen. Nie trennt sich Frau Ella von der Hutmode ihrer <lb/>
                 Jugendjahre, der Hut sieht aus, als gehöre er einem mexika- <lb/>
                 nischen Rebellengeneral. Nie trennt sich Frau Ella von dem <lb/>
                 Landauer ihrer Jugendjahre, sie sitzt darin wie die Queen <lb/>
                 Victoria. Umsonst hat der Freiherr ihr seinen Mercedes an- <lb/>
                 geboten, sie hat energisch abgelehnt: »Das neumodisch Zeug <lb/>
                 paßt nicht zur alten Generation. Ihr habt keine Lebensart <lb/>
                 mehr, ihr habt nur noch Tempo. Zu meiner Zeit ist man ge- <lb/>
                 fahren, um zu zeigen, daß man was Besseres war als die
                <pb facs="#f0188" n="184"/>
                <lb/>
                 Fußgänger, und deshalb ist man in einem vornehmen, be- <lb/>
                 dächtigen Trab gefahren, damit es alle haben sehen können. <lb/>
                 Heutzutage fahrt ihr, um zu zeigen, wie wenig Zeit ihr <lb/>
                 habt, und deshalb rast ihr wie die Irrsinnigen, wirbelt Staub <lb/>
                 auf und stinkt hinterher wie die Pest. Dafür kommt ihr <lb/>
                 überall zu früh an, also auch auf dem Kirchhof, und eure <lb/>
                 Arbeit sieht genau so eilig aus wie eure Fahrt mit den Ben- <lb/>
                 zinstinkern.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es ist das erste Mal seit der Einweihungsfeier, daß sie <lb/>
                 wieder zum Hauptverwaltungsgebäude fährt. Den Ange- <lb/>
                 stellten, die sie unter ihren Bürofenstern vorbeifahren sehen, <lb/>
                 wird andächtig zu Mut. »Das ist ein großer Tag für die <lb/>
                 Rischianer,« denken sie, »jetzt werden auch wieder bessere <lb/>
                 Zeiten kommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie ein Triumphator betritt sie das Gebäude, schreitet <lb/>
                 durch einen dämmerigen Kreuzgang zur Marmortreppe, die <lb/>
                 sonst mit einer gedrehten Schnur abgesperrt ist, denn sie ist <lb/>
                 nur für auserwählte Anlässe und auserwählte Personen. Auf <lb/>
                 dem Treppenabsatz erhebt sich eine Statue aus Eisenkunst- <lb/>
                 guß, den Segen der Arbeit darstellend: eine weibliche Figur <lb/>
                 in griechischen Gewändern, die auf den Fingerspitzen einen <lb/>
                 Korb mit Früchten balanciert. Rote Plüschläufer dämpfen <lb/>
                 die Schritte. Es ist auch ein Fahrstuhl da, aber Frau Ella <lb/>
                 verschmäht ihn natürlich. Er ist auch nur den oberen Beam- <lb/>
                 ten zugänglich, vom Handlungsbevollmächtigten aufwärts; <lb/>
                 für die anderen gibt es Paternosteraufzüge, »Personen unter <lb/>
                 sechzehn Jahren und weiblichen Personen ist die Benutzung <lb/>
                 untersagt« steht daran, aber »weibliche Personen« ist jetzt <lb/>
                 durchgestrichen, es ist eine Errungenschaft der Revolution, <lb/>
                 daß auch Frauen in Deutschland die Paternosteraufzüge be- <lb/>
                 nutzen dürfen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im ersten Stock laufen Arkaden um einen Lichthof herum, <lb/>
                 Arkaden mit dorischen Säulen, gotischen Bogen und zwölf- <lb/>
                 flächigen Renaissance-Ampeln; der Baumeister hat es sich <lb/>
                 angelegen sein lassen, alle Stile aus einem Handbuch der <lb/>
                 Kunstgeschichte hier anzusammeln. Von den Arkaden laufen <lb/>
                 Gänge nach allen Richtungen, vielfach gekrümmte Gänge <lb/>
                 mit hellbraunen Wänden, stumme, trügerische, bei jedem
                <pb facs="#f0189" n="185"/>
                <lb/>
                 Schritt aufhorchende und vom Weg ablenkende Gänge, in <lb/>
                 denen man sich verirren muß, und in die jeden Augenblick <lb/>
                 eine schwarze Tür hineinspringt, als ginge es in die Sarg- <lb/>
                 kammern einer Leichenhalle. Auf jeder Tür ist ein Messing- <lb/>
                 plättchen mit dem Namen dessen, der dahinter vergraben ist. <lb/>
                 Ab und zu steht eine schwarze Bank da, damit man warten <lb/>
                 kann, bis er aufsteht und Audienz erteilt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gleich dort, wo die Marmortreppe mündet, liegt das große <lb/>
                 Konferenzzimmer. Neben dem Eingang befindet sich ein <lb/>
                 Glaskasten, worin die Glückwunschadressen ausgestellt sind, <lb/>
                 die bei der Einweihung des Gebäudes von befreundeten Fir- <lb/>
                 men, Handelskammern und Verbänden überreicht wurden. <lb/>
                 Manchmal sind es nur gerahmte Bilder, aber manchmal sind <lb/>
                 es kostbare Alben aus gepreßtem Leder. An jeder Spende <lb/>
                 liest man das Vermögen des Spenders ab, nur im Geschmack <lb/>
                 sind sie alle gleich. Immer kehren dieselben allegorischen <lb/>
                 Frauengesichter wieder, immer haben sie dieselben schlep- <lb/>
                 penden Kleider und dieselben üppigen Brüste, deren Lage <lb/>
                 zum Überfluß noch mit einem runden Panzer bezeichnet ist. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Botenmeister geht wichtig hin und her, er vertritt <lb/>
                 die Würde des Direktoriums, solange kein Direktor in der <lb/>
                 Nähe ist. Er ist dick und unnahbar, und seine stahlgraue <lb/>
                 Uniform mit den blanken Aufschlägen ist an den Schultern <lb/>
                 übermäßig ausgestopft. Seit dem frühen Morgen steht die <lb/>
                 Tür zum Konferenzzimmer offen, im Vorbeigehen blicken <lb/>
                 die Angestellten neugierig scheu hinein. Sie erblicken das <lb/>
                 große Wandgemälde, auf dem der Akademieprofessor die <lb/>
                 Weihe des Hauses verewigt hat; der Freiherr steht auf dem <lb/>
                 Podium, in einem Hain von Lorbeer und Palmen, die zur <lb/>
                 Feier des Tages tiefer als üblich ergrünen, und spricht edel <lb/>
                 gesetzte Worte in ein Auditorium von markant geschnittenen <lb/>
                 Köpfen, man kann sie fühlen, diese Worte, der Maler hat <lb/>
                 sie nicht malen können, aber er hat das Fluidum malen kön- <lb/>
                 nen, das hinüber und herüber strahlt, und dieses Fluidum <lb/>
                 sieht man, es ist würzig wie Seeluft und regt die Blutzir- <lb/>
                 kulation beim Redner und seinen Hörern an, die roten Äder- <lb/>
                 chen platzen und ergießen einen kräftigen Glanz über die <lb/>
                 Haut; vorn sitzt der Kaiser in der Uniform des Chefs eines
                <pb facs="#f0190" n="186"/>
                <lb/>
                 Dragonerregiments, die Bordüren glitzern, daneben die Kai- <lb/>
                 serin in einem rosa Kleid voller Rüschen und Spitzen, dann <lb/>
                 Frau Ella und Frau Alice und viele Militärs und Ehrengäste, <lb/>
                 die Spitzen der Behörden, viele Kleider, viele Fräcke und <lb/>
                 viele Litzen und Streifen auf funkelnden Waffenröcken, ein <lb/>
                 buntes, ein festliches, ein malerisches Bild. Dies alles er- <lb/>
                 blicken die Angestellten, sie erblicken auch die breiten Fen- <lb/>
                 ster mit den grünen Vorhängen und den langen, grün ge- <lb/>
                 deckten Tisch und die hohen geschnitzten Lehnen der Eichen- <lb/>
                 stühle und den Stuhl des Vorsitzenden, der die höchste Lehne <lb/>
                 hat und außerdem noch Armstützen. Die Angestellten er- <lb/>
                 blicken es und haben eine leichte Gänsehaut, denn es sieht <lb/>
                 erhaben aus und dabei ein wenig geisterhaft. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot ließ sich noch schnell von dem alten Friseur <lb/>
                 rasieren. Dieser war ein pensionierter Hausmeister, der allen <lb/>
                 Oberbeamten während der Dienstzeit die Haare schnitt und <lb/>
                 den Bart schabte. Er machte es für das halbe Geld wie die <lb/>
                 Friseure in der Stadt, und war ein angenehmer Geschichten- <lb/>
                 träger. Aus einer Tür schlüpfte er zur anderen hinein wie <lb/>
                 ein Wiesel und hinterbrachte dem Nächsten brühwarm, was <lb/>
                 er beim Vorgänger gesehen und gehört oder aus Andeutun- <lb/>
                 gen und absichtslos hingeworfenen Worten kombiniert hatte. <lb/>
                 Sein Mund war fast zahnlos, und er hatte eine weiße »Mücke« <lb/>
                 unterm Kinn. Wenn er sprach, sah es sich an, als sei er <lb/>
                 beim Essen. Während er einseifte, taten sich alle Wände im <lb/>
                 Hause auf, alle Schränke, alle Taschen, ja sogar die Privat- <lb/>
                 wohnungen mit ihrem Mobiliar und den intimsten Kleidungs- <lb/>
                 stücken—, und man sah alles, inwendig und auswendig, durch <lb/>
                 und durch, Sitten und Gebräuche und Abenteuer und Ver- <lb/>
                 gnügungen und helle und dunkle Punkte von jedermann, <lb/>
                 der im Hause beschäftigt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An diesem Morgen war er Hachenpoot widerlich, so gern <lb/>
                 er ihn sonst gehabt hatte, er konnte dieses Gewäsch plötzlich <lb/>
                 nicht mehr ausstehen. Wie er so unterm Messer saß, emp- <lb/>
                 fand er mit einem Schauder, daß der Friseur jetzt doppelt <lb/>
                 so lang zu sein und gönnerhaft zu ihm herunter zu sprechen <lb/>
                 schien. »Beeilen Sie sich, ich muß in die Sitzung«, sagte er.
                <pb facs="#f0191" n="187"/>
                <lb/>
                 Der Friseur war beleidigt, er fing von etwas anderem an. <lb/>
                 Neuerdings befaßte er sich viel mit der menschlichen Ernäh- <lb/>
                 rungsweise, er redete also über das Gesetz von der gemisch- <lb/>
                 ten Kost. Hachenpoot hatte eine unendliche Bilderflucht im <lb/>
                 Gehirn. Er sprang auf, lief an den Wasserhahn, wusch sich <lb/>
                 ab, riß den Rock vom Haken — der Friseur war feinfühlig, <lb/>
                 er schwieg sofort, war behilflich, packte zusammen, nahm <lb/>
                 das Geld, dankte und eilte zu Wackerlein, dem er von dem <lb/>
                 sonderbaren Benehmen des Generaldirektors Mitteilung <lb/>
                 machte, um sich an Hand dieses Beispiels über die Nervosi- <lb/>
                 tät im allgemeinen zu verbreiten, die nur daher rühre, daß <lb/>
                 die Kriegsernährung das Gesetz von der gemischten Kost <lb/>
                 gestört habe. »Nur daher kommt es«, bekräftigte Wackerlein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr eröffnete die Generalversammlung, indem <lb/>
                 er der Freude darüber Ausdruck gab, daß seine Schwieger- <lb/>
                 mutter ihr beiwohne. Die fünfzehn Herren des Aufsichts- <lb/>
                 rats und Direktoriums sahen zu ihr hinüber; sie bewegte sich <lb/>
                 nicht. Unmerklich zitterten die Vorhänge unter den Schlä- <lb/>
                 gen eines Dampfhammers, die aus unwirklichen Fernen in <lb/>
                 eine große Stille hineinfielen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich erteile das Wort Herrn Generaldirektor Hachenpoot«, <lb/>
                 sagte der Freiherr. Es wurde noch stiller, der Dampfhammer <lb/>
                 dröhnte wie dumpfe Pauken. Nach drei Sätzen wußte jeder- <lb/>
                 mann, daß Hachenpoot sich verteidigen wollte. Das war <lb/>
                 schlimm — denn noch hatte ihn niemand öffentlich ange- <lb/>
                 griffen. Er sprach erregt; das Geschäftsjahr, dessen Abschluß <lb/>
                 nun vorliege, falle zur einen Hälfte noch in den Krieg. Wer <lb/>
                 an die umfangreiche Arbeitsleistung des letzten Kriegssom- <lb/>
                 mers denke, könne vielleicht erstaunt sein, daß das Ergebnis <lb/>
                 nicht dieser Anstrengung entspräche, doch gerade in der <lb/>
                 Kriegszeit liege die Ursache des Verlustabschlusses. Infolge <lb/>
                 langfristiger Abschlüsse seien die Preise gleich geblieben, <lb/>
                 aber die Gestehungskosten seien dauernd gestiegen, die Er- <lb/>
                 satzstoffe hätten die Maschinen ruiniert, die Unterbringung <lb/>
                 und Beköstigung der fremden Arbeitermassen und die Kriegs- <lb/>
                 neubauten hätten ungeheuere Summen verschlungen. Äußer- <lb/>
                 lich habe die Firma dadurch ein starkes Ansehen bekommen,
                <pb facs="#f0192" n="188"/>
                <lb/>
                 aber ihre finanziellen Mittel seien deshalb gerade bei Eintritt <lb/>
                 der Katastrophe aufs schärfste angespannt gewesen, von den <lb/>
                 angesammelten Rücklagen hätten hundertzwanzig Millionen <lb/>
                 zur Verzinsung und Abdeckung ausländischer Verpflichtun- <lb/>
                 gen, besonders für Erzbezüge, herangezogen werden müs- <lb/>
                 sen. Die Heeres- und Marineverwaltung, unter deren Druck <lb/>
                 die neuen Werkstätten gebaut und mit teuren Maschinen <lb/>
                 ausgestattet worden seien, habe es verstanden, sich freie <lb/>
                 Hand zur Außerkraftsetzung von Auftragserteilungen zu <lb/>
                 sichern, so sei jeder Kriegsauftrag ein um so größeres Risiko <lb/>
                 gewesen, als die früher überwiegende Erzeugung von Frie- <lb/>
                 densgerät habe vernachlässigt werden müssen, so sei auch <lb/>
                 keine Grundlage für die Berechnung der Gestehungskosten <lb/>
                 dagewesen. Die auf Verlangen der Regierung angeschafften <lb/>
                 Maschinen seien für Friedenswirtschaft nicht verwertbar, die <lb/>
                 riesigen Betriebsanlagen seien tot. »Aber sie sind nicht tot, <lb/>
                 wenn sie durch geistige und körperliche Arbeit lebendig ge- <lb/>
                 macht werden«, warf Frau Ella ein. Zwischenrufe waren <lb/>
                 hier so ungewöhnlich, daß alle Teilnehmer für eine Sekunde <lb/>
                 die Situation vergaßen und die Stirn runzelten. Hachenpoot <lb/>
                 benutzte die Empörung, um schnell einzufallen: natürlich <lb/>
                 sei das richtig, aber es sei auch eine Binsenwahrheit, daß <lb/>
                 Aktivwerte produktiv würden, wenn sie durch den Produk- <lb/>
                 tionsprozeß umgetrieben würden; jedenfalls könnten sie nicht <lb/>
                 einfach zu Geld gemacht werden, weil sonst die Unterneh- <lb/>
                 mung selbst dahin sei, und nur das habe er sagen wollen. <lb/>
                 Wenn man dies alles berücksichtige, müsse man die Arbeit <lb/>
                 der Werksleitung anerkennen, die trotzdem den Verlust so <lb/>
                 niedrig gehalten habe. Man könne ihn ohne weiteres auf <lb/>
                 neue Rechnung vortragen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die oft erprobte Wirkung seines sonoren Organs wollte <lb/>
                 sich nicht einstellen, er wurde heftig, begann zu improvi- <lb/>
                 sieren und verwirrte sich. »Freiheit! heißt es auf den Pla- <lb/>
                 katen,« rief er, »und die meisten verstehen darunter weniger <lb/>
                 Arbeit und mehr Verdienst. Man gebärdet sich, als habe man <lb/>
                 nie mehr eine Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu bestehen. <lb/>
                 Nimmt die jetzige Regierung den Friedensvertrag an, so <lb/>
                 wird unser Auslandsgeschäft in Kriegsmaterial aufhören und
                <pb facs="#f0193" n="189"/>
                <lb/>
                 das Inlandsgeschäft zu einem Nichts zusammenschrumpfen; <lb/>
                 immer neue Unsicherheitsfaktoren, die wir nicht beeinflussen <lb/>
                 können und die unsere Arbeit erschweren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Warum erwähnen Sie das?« fragte Herr Romeike, der <lb/>
                 alt und streng dasaß wie ein Senator. Die übrigen rückten <lb/>
                 ab, die beiden standen sich gegenüber, es war ein großer <lb/>
                 leerer Kreis um sie. Plötzlich waren sie wieder die Gegner <lb/>
                 von ehemals. Diesmal hatte der Geschützfabrikant die <lb/>
                 Trümpfe in der Hand. Die Leidenschaft seiner Augen war <lb/>
                 noch nicht erloschen. »Warum erwähnen Sie das?« wieder- <lb/>
                 holte er, »da doch nach Ihren eigenen Angaben die Herstel- <lb/>
                 lung von Kriegsmaterial bei Risch-Zander immer eine unter- <lb/>
                 geordnete Rolle gespielt hat?« Einige Herren sprangen auf, <lb/>
                 dieses Thema sollte nicht weiter angeschlagen werden. Frau <lb/>
                 Ella ergriff die silberne Glocke, die auf dem Tisch lag und <lb/>
                 seit Menschengedenken nicht mehr geschwungen worden <lb/>
                 war. Es bildeten sich kleine Gruppen, die ihre Meinung <lb/>
                 austauschten, »Was Sie sagen, Herr Generaldirektor, ist <lb/>
                 nicht das, was wir wissen wollen,« stellte Frau Ella fest, <lb/>
                 »wir wollen uns nach Ihren Maßnahmen erkundigen, nach <lb/>
                 Ihrem Programm.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich muß wenigstens Gelegenheit haben, auf die Schwie- <lb/>
                 rigkeiten hinzuweisen, die sich meinen Maßnahmen entgegen- <lb/>
                 stellen. Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mir Schutz gegen <lb/>
                 diese Unterbrechungen zu gewähren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hallo, dachte Wackerlein, alter Junge, gehst du so ins <lb/>
                 Geschirr? Langsam kehrten die Herren zu ihren Plätzen zu- <lb/>
                 rück, sie waren gespannt, was der Freiherr tun würde. Frau <lb/>
                 Ella legte die Hand auf den Tisch und sah geradeaus auf <lb/>
                 ihr Konterfei im Wandgemälde. Dort war ihr Gesicht noch <lb/>
                 glatt. Jetzt war es doch schon eine zerklüftete Landschaft. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr stand auf und sagte ablenkend: »Der Deutsche <lb/>
                 hat bisher in der ganzen Welt mehr und zuverlässiger gear- <lb/>
                 beitet als irgend ein anderes Volk, das kann auch für die <lb/>
                 Zukunft kein feindlicher Wille wehren. Heute schon wird <lb/>
                 die deutsche Arbeit von unseren siegestrunkenen Gegnern <lb/>
                 wieder gefürchtet. Was wir erstreben, läßt sich nur in ruhiger <lb/>
                 und allmählicher Entwicklung erreichen.« Hachenpoot hörte
                <pb facs="#f0194" n="190"/>
                <lb/>
                 das apathisch an. Es kam zu ihm wie durch eine spanische <lb/>
                 Wand hindurch. Er besänftigte sich und nahm noch einmal <lb/>
                 einen zuversichtlichen Anlauf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben Kohlenknappheit, wir haben Mangel an Roh- <lb/>
                 material und Halbfabrikaten, aber wir haben in Deutschland <lb/>
                 einen noch bedauerlicheren Mangel an volkswirtschaftlicher <lb/>
                 Erkenntnis. Das sind Tatsachen, gegen die Programme über- <lb/>
                 haupt machtlos sind. In den Hüttenbetrieben können wir <lb/>
                 kaum noch die Arbeiter beschäftigen, und auch die verarbei- <lb/>
                 tenden Werkstätten werden infolge der Bergarbeiterausstände <lb/>
                 bald zum Exliegen kommen, dennoch kann ich mich nicht <lb/>
                 zu Entlassungen größeren Umfangs entschließen. Ich habe <lb/>
                 die Arbeiter veranlaßt, den ihnen nach den neuen Bestim- <lb/>
                 mungen zustehenden Urlaub während der Zeit der Betriebs- <lb/>
                 einschränkung zu nehmen, widrigenfalls ihnen nur sechzig <lb/>
                 Prozent des Durchschnittlohns für ihre Urlaubstage vergütet <lb/>
                 werden.« — »Ich fürchte,« bemerkte Neufeind darauf, »daß <lb/>
                 für jeden Mann, den wir jetzt schonen, später zwanzig auf <lb/>
                 die Straße geworfen werden müssen.« — »Das wäre ja fürch- <lb/>
                 terlich«, sagte der Freiherr. »Trotz all ihrer Verhetzung tun <lb/>
                 mir die Leute leid.« — »In dieser Hinsicht wird es von Inter- <lb/>
                 esse sein,« entgegnete Hachenpoot, »den Gedanken nach- <lb/>
                 zugehen, die den hochseligen Herrn L. A. Risch geleitet <lb/>
                 haben. Auf einen Vorschlag der Prokura wegen Arbeiter- <lb/>
                 entlassungen antwortete er: Übereilung ist nicht notwendig, <lb/>
                 denn es warten nicht Aktionäre auf die Dividende. Nun —«, <lb/>
                 setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, »heute ist Risch- <lb/>
                 Zander zwar eine Aktiengesellschaft, aber es hieße die Ehre <lb/>
                 der Aktionäre antasten, wollte man annehmen, daß sie unter <lb/>
                 solchen Aspekten auf eine Dividende warten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das war ein starker Moment, die Lautlosigkeit im Saal <lb/>
                 bezeugte es. Frau Ella trommelte mit den Fingern unhörbar <lb/>
                 auf der Tischdecke, dann nahm sie ein Tuch und wischte <lb/>
                 sich über die Augen, aber welcher Art ihre Gemütsbewegung <lb/>
                 war, war nicht zu ergründen. Hachenpoot fuhr fort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben den Bau von Verbrennungsmotoren und land- <lb/>
                 wirtschaftlichen Maschinen aufgenommen, wir haben auch <lb/>
                 einen schönen Erfolg im Ausland erzielt, indem wir bei der
                <pb facs="#f0195" n="191"/>
                <lb/>
                 Konkurrenz für die Eisenbahnbrücke über das Hafengebiet <lb/>
                 von Hammarbyleden bei der Arsta-Insel unter dreißig Bewer- <lb/>
                 bern aller Nationen den ersten Preis bekommen haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hammarbyleden, wo liegt das, bitte?« fragte ein Herr <lb/>
                 vom Aufsichtsrat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In der Nähe von Stockholm«, erwiderte froh der kauf- <lb/>
                 männische Direktor, ein jovialer Herr, der leichte Arbeit ge- <lb/>
                 wohnt war und auch jetzt noch nicht verzagte. Neufeind <lb/>
                 öffnete seine Mappe und legte eine Zeichnung auf den Tisch. <lb/>
                 »Hier der Entwurf.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er reichte das Blatt dem Freiherrn, der es ansah und ohne <lb/>
                 Bewegung weitergab. Es ging durch drei, vier Hände mit <lb/>
                 der gleichen automatischen Funktion, womit ein zur Unter- <lb/>
                 schrift vorgelegtes Papier abgefertigt wird. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was wichtiger ist,« unterbrach Frau Ella, »ist der Brük- <lb/>
                 kenbau auch an uns vergeben worden?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein,« sagte Hachenpoot, »nein, obwohl unser Angebot <lb/>
                 hundertfünfzig Kronen die Tonne billiger war als das nied- <lb/>
                 rigste schwedische und obwohl die Lieferfrist bei der schwe- <lb/>
                 dischen Konkurrenz doppelt so lang war.« Die Augen seiner <lb/>
                 Zuhörer ruhten auf dem Blatt, das von Hand zu Hand ging. <lb/>
                 Dieses Blatt irritierte ihn, er hob die Stimme. »Die schwe- <lb/>
                 dische Behörde glaubt, daß sie sich auf deutsche Werke nicht <lb/>
                 verlassen könne, solange die Streiks andauern. Es ist zum <lb/>
                 Heulen, aber es ist ein Beweis mehr für das, was ich vorhin <lb/>
                 erklärt habe.« Das Blatt war jetzt bei Wackerlein; er putzte <lb/>
                 umständlich seine Brille, setzte sie noch umständlicher auf <lb/>
                 und hielt das Blatt mit ausgestreckten Armen vor sich hin. <lb/>
                 »Wir haben die Hände wahrhaftig nicht in den Schoß gelegt,« <lb/>
                 sagte Hachenpoot, »wir haben keinen Lehrling nach Beendi- <lb/>
                 gung seiner Lehrzeit weiter beschäftigt und den Eltern und <lb/>
                 Vormündern überhaupt geraten, ihre Söhne und Mündel zu <lb/>
                 einem anderen Lehrherrn zu bringen. Sicherlich wird manch <lb/>
                 tüchtiger Handwerksmeister sie aufnehmen und ihnen eine <lb/>
                 bessere Grundlage für die Zukunft geben können, als dies <lb/>
                 zur Zeit auf der Fabrik möglich ist. Wir haben ihnen eine <lb/>
                 kleine Abfindung gezahlt, und wer auf eine technische Schule <lb/>
                 wollte, dem haben wir Stipendien verschafft.« </p>
            <pb facs="#f0196" n="192"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Diese Fürsorge ist gut,« sagte Frau Ella, »aber augen- <lb/>
                 blicklich haben wir’s nicht dazu.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben einen Sparausschuß gebildet, der die überzäh- <lb/>
                 ligen Büromöbel und Büromaschinen einsammelt, so daß wir <lb/>
                 in absehbarer Zeit nichts zu kaufen brauchen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Weiter—, ist das Ihr ganzes Programm?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben unter den Werksangehörigen ein Preisaus- <lb/>
                 schreiben erlassen, um Vorschläge für die Anfertigung von <lb/>
                 Massenartikeln zu bekommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Weiter, weiter —, wo ist Ihr Programm?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir haben auch ein Presse- und Propagandabüro einge- <lb/>
                 richtet, alles neue Ideen, die bisher in solcher Form bei uns <lb/>
                 nicht üblich waren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und Ihr Programm? Ihr Programm?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Späteren Jahren wird es vorbehalten bleiben, uns zu <lb/>
                 rechtfertigen und das neue Leben, zu dem wir jetzt den Keim <lb/>
                 legen, in den Betrieben wachsen zu sehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein Priester betet«, sagte Frau Ella, »und ein Dichter <lb/>
                 dichtet. Sie sollten anderen Ehrgeiz haben, Herr Hachen- <lb/>
                 poot. Ihre Prüfung geschieht weder durch das Himmelreich <lb/>
                 noch durch das Versmaß, sondern durch die Betriebe da <lb/>
                 draußen.« Sie reckte die Hand gegen das Fenster, die welke <lb/>
                 Haut mit dem versiegenden Blut bildete tiefe Rinnsale. »Weil <lb/>
                 Sie nichts daraus zu machen wissen, erwecken Sie den An- <lb/>
                 schein, als sei nichts daraus zu machen.« Niemand hatte sie <lb/>
                 je so sprechen hören. Immer hatte ihre Entschiedenheit und <lb/>
                 Couragiertheit etwas spaßhaft geklungen, obgleich sie es nie <lb/>
                 gewesen sein mochte, doch jetzt klang sie auch finster und <lb/>
                 ernst. Hachenpoot verlor die Besinnung, er ließ sich zu <lb/>
                 einem schweren Affront hinreißen. »Das einzige Programm, <lb/>
                 das was bezwecken könnte,« rief er, »wäre, endlich mit die- <lb/>
                 ser Unterrockswirtschaft Schluß zu machen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein jäher Tumult entstand, selbst der Freiherr schnellte <lb/>
                 empor. Jedermann in diesem Kreise respektierte die Fami- <lb/>
                 lienautorität der Frau Ella, zumindest erachtete man ihren <lb/>
                 Anspruch auf die Mitbestimmung in diesem Werke für unver- <lb/>
                 letzlich. Sie saß inmitten der Aufregung ruhig am Tisch, <lb/>
                 keine Miene ihres Gesichts verriet ihre Genugtuung darüber,
                <pb facs="#f0197" n="193"/>
                <lb/>
                 daß es ihr gelungen war, den Generaldirektor so zu reizen, <lb/>
                 daß er sich von selbst unmöglich machte. Es sollte nicht <lb/>
                 so aussehen, als sei er zu Fall gebracht worden. Für die Dauer <lb/>
                 eines Atemzugs suchte sie Wackerleins Augen. Diese flak- <lb/>
                 kerten ein wenig, blieben aber verschlossen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Herr Generaldirektor ist überarbeitet«, sagte der <lb/>
                 Freiherr. »Es ist noch übrig, die Bilanz zu genehmigen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die anschließende Sitzung des Aufsichtsrats war kurz. <lb/>
                 Hachenpoot hatte bereits sein Abschiedsgesuch eingereicht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Aufsichtsrat bestand aus acht Mitgliedern, außer dem <lb/>
                 Freiherrn, der den Vorsitz führte; zwei waren ehemalige <lb/>
                 Artilleriekonstrukteure, die auf Grund ihrer Verdienste be- <lb/>
                 rufen worden waren, die übrigen waren Vertreter ehemals <lb/>
                 selbständiger Werke, an denen Risch-Zander jetzt führend <lb/>
                 beteiligt war. Hierzu gehörte ja auch Herr Romeike. Noch <lb/>
                 befand sich kein einziger Bankier darunter, und man war <lb/>
                 sehr stolz darauf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir werden leider gezwungen sein, die Rücksicht auf <lb/>
                 die Gesundheit des Herrn Generaldirektors den Rücksichten <lb/>
                 auf das Befinden des Werkes überzuordnen«, sagte der Frei- <lb/>
                 herr bekümmert. Herr Romeike berührte mit zwei Finger- <lb/>
                 spitzen die Tischkante. Er nickte leise: »Der Herr General- <lb/>
                 direktor kann mit der Behauptung, daß er nichts von den <lb/>
                 Dingen verstünde, allzu leicht außer Gefecht gesetzt werden, <lb/>
                 da er sich früher zu wenig mit den Dingen befaßt hat — <lb/>
                 obwohl es durchaus richtig war, was er in bezug auf die <lb/>
                 gegenwärtige Lage dachte und wollte.« Sie schauten alle <lb/>
                 kurz auf und saßen dann wieder gefaßt und reglos. Der Frei- <lb/>
                 herr zögerte, niemand nahm das Wort, auch Frau Ella be- <lb/>
                 teiligte sich nicht mehr. So mußte er sie befragen, ob sie <lb/>
                 der Bewilligung des Gesuches zustimmten. Er tat es mit einer <lb/>
                 Stimme, die von Tränen bedroht war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich enthalte mich«, erklärte Herr Romeike. Ein ritter- <lb/>
                 licher Gegner, dachten sie. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es hätte wohl auch dann niemand der Verabschiedung <lb/>
                 widersprochen, wenn irgendwer anderer Meinung gewesen <lb/>
                 wäre. Diese Sitzungen waren rein formell, weil das Gesetz
                <pb facs="#f0198" n="194"/>
                <lb/>
                 sie verlangte. Die Fragen, die an sie herantraten, waren vor- <lb/>
                 her im Schoß der Familie oder hinter den Kulissen des Direk- <lb/>
                 toriums entschieden worden. Im Grunde genommen gingen <lb/>
                 sie die Leute, die hier saßen, auch nichts an. Zudem brachte <lb/>
                 ihr Amt in der Familien-Aktiengesellschaft nur geringe Tan- <lb/>
                 tiemen; es galt für die einen als Krönung ihres Daseins, für <lb/>
                 die anderen als Pflaster auf eine Wunde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann«, sagte der Freiherr, »darf ich Ihr Einverständnis <lb/>
                 damit voraussetzen, daß ich dem scheidenden Herrn den <lb/>
                 Dank des Aufsichtsrats für seine Tätigkeit ausspreche.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf Zandershöhe kam ihm seine Frau weinend entgegen. <lb/>
                 »Um Gotteswillen, was ist?« fragte er mit leeren Augen. — <lb/>
                 »Fräulein Valentine Deiseroth ist vor einer halben Stunde <lb/>
                 sanft entschlummert.« — »Im Alter von vierundneunzig Jah- <lb/>
                 ren ist das ganz natürlich«, sagte Frau Ella. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fräulein Valentine Deiseroth hatte schon die Obhut über <lb/>
                 die Kindheit von Frau Alice gehabt. Sie war fast zur selben <lb/>
                 Zeit gestorben, da Hachenpoot entlassen worden war. Der <lb/>
                 Freiherr empfand das als Symbol. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Blödsinn, Symbol!« entschied Frau Ella, bevor sie sich <lb/>
                 in die Kemenate zurückzog. »Mir ist in meinem Leben noch <lb/>
                 kein Symbol begegnet. Keinem Menschen begegnet ein Sym- <lb/>
                 bol, der nicht selber eins ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Altem Brauch gemäß mußte eine schlichte Abschiedsfeier <lb/>
                 die Herren des Aufsichtsrats und Direktoriums und ihre Frauen <lb/>
                 auf Zandershöhe vereinigen. Nichts konnte dies ändern, <lb/>
                 niemand konnte sich dagegen sträuben. Es mußte alles sein, <lb/>
                 als wäre nichts Unerwünschtes vorgefallen. Niemand konnte <lb/>
                 sich diesem System entziehen, niemand konnte seinen freien <lb/>
                 Willen äußern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war eine schmucklose Tischrunde im Lichthof, nur die <lb/>
                 Kandelaber brannten schwärmerisch. Der Freiherr schlug <lb/>
                 an sein Glas und dankte mit warmen und herzlichen Worten <lb/>
                 in seiner Schwiegermutter, seiner Frau und seinem Namen <lb/>
                 für die vielseitige und sachliche Beratung, die er von Hachen- <lb/>
                 poot erfahren habe, und für die weitblickende Geschäftspo-
                <pb facs="#f0199" n="195"/>
                <lb/>
                 litik, die jeden Augenblickserfolg und jede persönliche Eitel- <lb/>
                 keit abgelehnt habe. Ohne mit der Wimper zu zucken, <lb/>
                 lauschte die Gesellschaft diesen Worten. Es war keine Heu- <lb/>
                 chelei, es war das Schema der Tradition, was hier sprach. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot erinnerte daran, daß dem alten Risch einmal <lb/>
                 über einen Beamten, den er engagieren wollte, die Auskunft <lb/>
                 gegeben worden sei: der wird Ihnen stets seine Meinung <lb/>
                 sagen, und darauf habe der alte Risch erklärt, das sei gerade <lb/>
                 das, was er brauche. In diesem Sinne sei auch er, Hachen- <lb/>
                 poot, dem Rufe des Freiherrn gefolgt. Er habe hier eine <lb/>
                 Staatsidee verfochten, nicht in der Weise, daß Risch-Zander <lb/>
                 ein Staat im Staate sein, sondern daß er Dienst am Staate <lb/>
                 und an der Allgemeinheit leisten solle. Er könne sagen, <lb/>
                 daß er auch im Direktorium einen großen Zug angetroffen <lb/>
                 habe, ein von gegenseitigem Vertrauen getragenes Zusam- <lb/>
                 menwirken und eine gemeinsame höhere Lebensauffassung. <lb/>
                 Er wolle nicht bestreiten, daß bei jedem auch menschliche <lb/>
                 Schwächen unterliefen, und er sei ehrlich genug, an die eigene <lb/>
                 Brust zu schlagen, aber man habe bei Risch-Zander doch <lb/>
                 immer das Gefühl, auf reinlichem Boden zu stehen, und es <lb/>
                 sei doch auch wunderbar, daß es in einem siebengliedrigen <lb/>
                 Direktorium, wo jeder seinen eigenen Kopf habe, überhaupt <lb/>
                 so gut gegangen sei. Jedenfalls nehme er das Bewußtsein <lb/>
                 mit, daß es ihm vergönnt gewesen sei, die besten Arbeits- <lb/>
                 jahre seines Lebens dem Dienste dieses Werkes zu widmen, <lb/>
                 dessen künftiges Gedeihen nicht allein vom materiellen Be- <lb/>
                 sitz, sondern vor allem vom Besitz ideeller Güter abhängen <lb/>
                 werde, denn dieser ideale Besitz sei ein bedeutsamer Bestand- <lb/>
                 teil des Ansehens und Kredits der Firma und ein Grund- <lb/>
                 pfeiler ihrer Stellung in der Weltwirtschaft. »Diese Ideale«, <lb/>
                 schloß er, »sind die Wurzeln des Baumes, den der alte Risch <lb/>
                 gepflanzt hat. Wenn sie gesund bleiben, werden auch in Zu- <lb/>
                 kunft Tausende und aber Tausende Deutscher unter seinen <lb/>
                 schattenden Zweigen wohnen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So wurde es doch noch ein guter Abgang. Es war das, was <lb/>
                 man einen unvergeßlichen Eindruck nennt. Alfons Hachen- <lb/>
                 poot war darauf bedacht gewesen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dennoch blieb der Freiherr lange Zeit sehr niedergeschla-
                <pb facs="#f0200" n="196"/>
                <lb/>
                 gen, es war etwas in ihm zusammengestützt, ein Stück von <lb/>
                 dem Leben, das er gelebt hatte, war von ihm genommen, eine <lb/>
                 unverbrüchliche Weisheit hatte ihn plötzlich im Stich gelas- <lb/>
                 sen. Er suchte Einsamkeit und Trost in der Kunst. Er hatte <lb/>
                 eine Bildersammlung, die er nun zusammen mit seinem Biblio- <lb/>
                 thekar durchsah und ausbaute. Der Bibliothekar war ein <lb/>
                 feinsinniger und myriadenfach beseelter Mensch, er sagte zu- <lb/>
                 weilen: »Daß wir arm sind, verpflichtet diejenigen, die noch <lb/>
                 etwas besitzen, nicht, uns reich zu machen; aber es ver- <lb/>
                 pflichtet sie, uns den Mut zum Glauben an eine Zukunft zu <lb/>
                 geben.« Er war auch ein Kunstkenner und schwor, daß die <lb/>
                 Kunst seit 1890 aufgehört habe zu existieren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die westdeutschen Industriellen galten nicht als Kunst- <lb/>
                 mäzene. Sie förderten die Wissenschaft, die sie brauchten, <lb/>
                 um technische und wirtschaftliche Fortschritte machen zu <lb/>
                 können. Die Gelder, die sie hierfür verausgabten, waren Ge- <lb/>
                 schäftsunkosten, die wieder hereinkamen, sie waren Darle- <lb/>
                 hen, die gute Zinsen trugen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gelegentlich zeichneten sie auch auf öffentlichen Aufruf <lb/>
                 hin eine kleine Summe, sei es für ein Museum, eine Kirche, <lb/>
                 einen Konzertsaal oder zur Prämiierung einer guten Milch- <lb/>
                 ziege. Das war eine gesellschaftliche Verpflichtung. Alle <lb/>
                 Welt sah sie infolgedessen als Ausbeutungsobjekte an, sie <lb/>
                 fühlten es und wurden noch zugeknöpfter; aber schließlich <lb/>
                 mußten sie, nachdem sie jemandem fünfmal die Tür gewie- <lb/>
                 sen, das sechste Mal anbeißen, um eine lästige Bettelei los zu <lb/>
                 werden. Auch hatten sie sich meistens selbst ärmlichen Be- <lb/>
                 ratern ausgeliefert, die auf Zopf, Kitsch, Mittelmäßigkeit <lb/>
                 und blendende Gaunertricks hereinfielen. Der Freiherr mach- <lb/>
                 te hier keine Ausnahme. Dafür, daß er nicht Gefahr lief zu <lb/>
                 irren, hatte er die Sicherheit, irregeführt zu werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aus Amsterdam und dem Haag wurden ihm einige Bilder <lb/>
                 kleinerer flämischer Maler angeboten, die ihm sehr gefielen. <lb/>
                 Er kaufte sie zu marktgängigen Preisen; sie waren zweifellos <lb/>
                 echt, und die Kunsthändler hatten nun sein Vertrauen. Dann <lb/>
                 tauchten Meldungen in den Zeitungen auf, daß ein wertvolles, <lb/>
                 lange verschollenes Kunstwerk aus der niederländischen <lb/>
                 Schule des siebzehnten Jahrhunderts wieder aufgefunden
                <pb facs="#f0201" n="197"/>
                <lb/>
                 worden sei. Der Freiherr hatte das Glück, daß ihm dieses <lb/>
                 Gemälde zur Ansicht ins Haus geschickt wurde, er war ent- <lb/>
                 zückt und zahlte eine hohe Summe dafür. Nach und nach ge- <lb/>
                 langte er auf diese Weise in den Besitz vieler dekorativen Bil- <lb/>
                 der, Stilleben und mythologischen Darstellungen, die dem <lb/>
                 van Dyck, Teniers, Jordaens, Snyders oder wenigstens der <lb/>
                 Rubenswerkstatt zugeschrieben wurden. Der Bibliothekar er- <lb/>
                 klärte sie alle für echt. »Dies ist ein gesegneter Kunstsom- <lb/>
                 mer«, sagte er und der Freiherr pflichtete ihm bei, denn es <lb/>
                 waren in Anbetracht des tatsächlichen Wertes wohlfeile Ge- <lb/>
                 legenheitskäufe. Der Bibliothekar sagte auch, daß Fälschun- <lb/>
                 gen in solchem Ausmaß niemals in Deutschland vertrieben <lb/>
                 würden, weil bei dem hohen Stand der Bildung die Aussich- <lb/>
                 ten zu gering seien. Das Dorado für Kunstfälscher sei Ame- <lb/>
                 rika, das sei doch bekannt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er war auf Urlaub, als die Nachricht eintraf, daß die Am- <lb/>
                 sterdamer Kunsthändler verhaftet worden seien. Ein Ameri- <lb/>
                 kaner, dem sie einen Ruisdael offerierten, hatte die Fälschung <lb/>
                 entdeckt. Die ganze Bande war ausgehoben worden, allen <lb/>
                 ihren Geschäftsverbindungen wurde nachgespürt. In- und <lb/>
                 ausländische Kriminalisten meldeten sich auf Zandershöhe, <lb/>
                 Der Freiherr war ganz kopflos, er telegraphierte dem Biblio- <lb/>
                 thekar. Alle Bilder waren falsch, bis auf die wenigen aus der <lb/>
                 ersten Zeit. Frau Ella nahm Fühlung mit der Polizei; der <lb/>
                 Name des Freiherrn kam nicht in die Zeitungen, aber es stand <lb/>
                 im Bericht, daß die Fälscher mit Vorliebe westdeutsche Indu- <lb/>
                 striekreise heimgesucht hätten. Das war nicht zu verhindern. <lb/>
                 Der Bibliothekar traf ein und sagte: »Irren ist menschlich. <lb/>
                 Außerdem waren es Juden.« Auch klagte er über die gesun- <lb/>
                 kene Moral in der Republik. »Aber die Verbrecher saßen <lb/>
                 doch in Holland«, sagte der Freiherr. — »Früher hätten sie <lb/>
                 eben nicht gewagt, Deutschland zum Feld ihrer Spekulation <lb/>
                 zu wählen.« — »Seit Hachenpoot weg ist, habe ich kein Glück <lb/>
                 mehr.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als Ottokar Wirtz später die Geschichte erfuhr, sagte er zu <lb/>
                 seinem Adjutanten Näßler: »Mir kann das nicht passieren. In <lb/>
                 meiner Heimat gibt es ein Sprichwort, das heißt: Halt dich <lb/>
                 druus, dann kömmst du nicht drin. Ich halte mich draus, wo
                <pb facs="#f0202" n="198"/>
                <lb/>
                 ich nichts zu suchen habe..., so falle ich nicht rein. Von <lb/>
                 Kunst weiß ich nichts, Kunst ist etwas, was von der Masse <lb/>
                 der Bedürftigen getragen werden muß, die keine Bibliothek <lb/>
                 und keine Galerie anlegen und nur einen Bücherschrank und <lb/>
                 ein paar Bilder besitzen.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 NEUNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf, Wirtz und die beiden Schellhases waren also wie- <lb/>
                 der in Freiheit, auch Herr Edelbert Körschgen, den man <lb/>
                 beinahe vergessen hatte, war es. Sie hatten alle ein paar <lb/>
                 Wochen hindurch wenig Licht gehabt und eine eklige <lb/>
                 Pampe essen müssen, aber sonst war es ihnen gut bekommen, <lb/>
                 Sie fanden draußen auch nicht viel verändert, Herr Körsch- <lb/>
                 gen hatte jetzt sogar einen Teppich im Zimmer, allerdings <lb/>
                 vermißte er seinen Bürodiener Johann Bermel. Diesen hatte <lb/>
                 inzwischen ein eigenartiges Geschick betroffen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jener Beamte des Arbeiterpersonalbüros, der am Todestag <lb/>
                 des Meisters Kurbjuhn namens der Angestellten sich zur <lb/>
                 Sache des Proletariats bekannte, jener Beamte mit dem fun- <lb/>
                 kelnden Kneifer pflegte öfters Laufjungen zu privaten Besor- <lb/>
                 gungen in die Stadt zu schicken, und Bermel verbot es kur- <lb/>
                 zerhand. Der Beamte blähte sich auf und zeigte ihn wegen <lb/>
                 Diebstahls an. Das war seine Rache; es handelte sich um jene <lb/>
                 verwitterten Ziegelsteine, die Bermel damals vom Hof ge- <lb/>
                 nommen hatte. Es stellte sich heraus, daß er im ganzen drei- <lb/>
                 ßig davon entwendet und in seinem Schrebergarten benutzt <lb/>
                 hatte. Die Firma sah von einem Strafantrag ab, aber er <lb/>
                 wurde entlassen, und die Sache lief auch schon bei der Polizei, <lb/>
                 Bermel kam vors Amtsgericht und fand milde Richter. Zwar <lb/>
                 erklärten sie die Sache nicht für eine Bagatelle, wodurch sie <lb/>
                 die Möglichkeit gehabt hätten, das Verfahren niederzuschla- <lb/>
                 gen; aber sie vertraten den Standpunkt, daß er die Ziegel- <lb/>
                 steine als »Gegenstände des hauswirtschaftlichen Gebrauchs <lb/>
                 in unbedeutendem Wert und zu alsbaldigem Verbrauch« ge- <lb/>
                 stohlen habe, und da ein solches, »Mundraub« genanntes De- <lb/>
                 likt nur auf Antrag des Bestohlenen strafbar war, sprachen sie
                <pb facs="#f0203" n="199"/>
                <lb/>
                 ihn frei. Der Staatsanwalt legte jedoch Berufung ein, und <lb/>
                 Bermel irrte wie ein geschlagener Hund umher. Bald darauf <lb/>
                 wurde der Beamte mit dem funkelnden Kneifer Sekretär beim <lb/>
                 Zentralverband der Angestellten. Dort gaben sie ihm den <lb/>
                 Spitznamen »Brillengucker«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Assistent Schäfer war bei seiner Verabschiedung mit sechs <lb/>
                 Monatsgehältern abgefunden worden und hatte die Summe in <lb/>
                 einer Metallhandelsfirma investiert. Er stand sich gut und <lb/>
                 lebte flott dabei. Die Arbeiter- und Soldatenräte waren aufge- <lb/>
                 löst, Walkowiak war wegen Landfriedensbruchs verhaftet <lb/>
                 worden. Das Verfahren zog sich bis in den Winter hin. Fries <lb/>
                 und Griguszies wurden als Zeugen vernommen. Mehrere <lb/>
                 Male war es nahe daran, daß der Kranführer ebenfalls <lb/>
                 festgesetzt wurde, mit knapper Not entrann er diesem Schick- <lb/>
                 sal. Endlich wurde Walkowiak zu vier Jahren Festung ver- <lb/>
                 urteilt, da ihm ideale Beweggründe zugebilligt wurden — »ob- <lb/>
                 wohl erhebliche Bedenken dagegen bestanden«, hieß es in der <lb/>
                 Urteilsbegründung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gut, daß wir den ungehobelten Menschen, den Walko- <lb/>
                 wiak, losgeworden sind, die Revolution wäre sonst noch in <lb/>
                 Selbstzerfleischung ausgeartet, Selbstmord hätte die Arbei- <lb/>
                 terschaft begangen.« So sprach man in den Arbeitervierteln. <lb/>
                 Hier und dort wagte einer den bitteren Einwand, das Bürger- <lb/>
                 tum ehre das Andenken seiner Vorkämpfer, nur die Arbeiter <lb/>
                 seien treulos und undankbar. Dann schrie man: »Wir sind <lb/>
                 Masse, bei uns gibt’s keine Heldenverehrung, was ist bei uns <lb/>
                 Einer, einer ist wie der andere, wir sind Masse, das ist gerade <lb/>
                 unsere Stärke!« Fries war unter diesen Schreiern, während <lb/>
                 Griguszies ein Individualist reinsten Wassers geworden war. <lb/>
                 Doch hatte sich eigentlich nichts verändert, es war nur etwas <lb/>
                 deutlich geworden, was früher bloß für scharfe Augen sicht- <lb/>
                 bar gewesen war. Adam lächelte nur, wenn Fries sagte, bald <lb/>
                 käme das Betriebsrätegesetz, und damit sei die Beteiligung <lb/>
                 der Arbeiter an der Führung der Werke in der Verfassung <lb/>
                 verankert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was auch im einzelnen vorgegangen war, und wie sich <lb/>
                 auch der Einzelne damit abfinden mochte, der revolutionäre <lb/>
                 Elan äußerte sich nur noch in gegenseitigen Beschimpfungen;
                <pb facs="#f0204" n="200"/>
                <lb/>
                 wie rechts jede Partei den Patriotismus, so wollte links jede <lb/>
                 Partei den richtigen, allein seligmachenden Sozialismus ge- <lb/>
                 pachtet haben. So wurden die Arbeiter teils den Flaumachern, <lb/>
                 teils den Nihilisten in die Arme getrieben. Die Versammlun- <lb/>
                 gen wurden nur noch besucht, damit man den Stand der neue- <lb/>
                 sten Lohnverhandlungen erfahren und ein bißchen Radau <lb/>
                 machen konnte, und die kleinen Krakeeler hatten das große <lb/>
                 Wort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Da die Frauen ihre Bundesgenossinnen waren, mußten die <lb/>
                 Flaumacher triumphieren. Die Heizer und Kesselwärter, die <lb/>
                 während der Streikunruhen die Feuer aus den Kesseln geris- <lb/>
                 sen hatten, wurden zu harten Gefängnisstrafen verurteilt; die <lb/>
                 Frauen und Mütter gingen schluchzend umher, verfluchten <lb/>
                 »die ganze Kiste« und behaupteten, ihre Männer und Söhne <lb/>
                 seien von gewissenlosen Hetzern verführt worden. Jede <lb/>
                 Träne, die sie vergossen, war ein Nagel zum Sarge der Revo- <lb/>
                 lution. Sie setzten sich hin und schrieben Briefe an das Direk- <lb/>
                 torium und flehten um Gnade und Barmherzigkeit. Man ant- <lb/>
                 wortete ihnen, daß man aufrichtig bedauere, nicht in ein <lb/>
                 schwebendes Verfahren eingreifen zu können; es müsse diese <lb/>
                 Sache eine Lehre für sie und alle übrigen Frauen sein, in Zu- <lb/>
                 kunft auf ihre Männer einzuwirken, damit diese der Überre- <lb/>
                 dung zu Unbesonnenheiten widerstünden und nicht ihre Ar- <lb/>
                 beitsstelle verlören, ihren ehrlichen Namen befleckten und <lb/>
                 ihre Angehörigen in Unglück und Elend stürzten. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 So verging der Sommer und es wurde Herbst, jener frühe <lb/>
                 und unnatürliche Herbst des Kohlenreviers, wo die Blätter <lb/>
                 vor der Zeit schrumpfen und gilben, weil die Schwefelgase <lb/>
                 ihr Chlorophyll zersetzen und ihre Atmungswege verstopfen. <lb/>
                 Sie haben ein langes Siechtum und ein schweres Sterben, die <lb/>
                 schweflige Säure würgt und kratzt sie, ein trockener Filz <lb/>
                 bohrt sich in ihr Gewebe hinein und verdickt ihr Blut. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war alles so schnell hereingebrochen. Seit den ersten <lb/>
                 Kriegstagen war kein Ereignis gewesen, das nicht, kaum daß <lb/>
                 man seine Schwere begriffen hatte, durch ein noch schwereres <lb/>
                 überholt worden wäre. Über Nacht war eine ungeheuere <lb/>
                 Teuerung da, über Nacht vermehrten sich die Nullen hinter
                <pb facs="#f0205" n="201"/>
                <lb/>
                 den Zahlen auf den Geldscheinen, über Nacht wurde sozusa- <lb/>
                 gen eine ganz neue Rechenmethode eingeführt, über Nacht <lb/>
                 fehlten plötzlich Tausende von Wohnungen. Die National- <lb/>
                 ökonomie wurde plötzlich eine begehrte Wissenschaft. Sie <lb/>
                 sagte, das seien ganz selbstverständliche wirtschaftliche Er- <lb/>
                 scheinungen. Im Krieg seien keine Häuser gebaut, aber viele <lb/>
                 Ehen geschlossen worden, und nach dem Krieg mit den Ent- <lb/>
                 behrungen der Häuslichkeit und der Förderung des Sexual- <lb/>
                 triebs wolle erst recht alle Welt heiraten und einen Hausstand <lb/>
                 gründen, aber kein Mensch könne Wohnungen bauen. Was <lb/>
                 die Teuerung betreffe, so sei es gar keine Teuerung, im Ge- <lb/>
                 genteil würden alle Waren zu Spottpreisen verschleudert, <lb/>
                 man müsse nur die entwertete Mark umrechnen in gutes <lb/>
                 Geld. Das Ausland taxiere eben die Mark so gering, weil der <lb/>
                 Zustand der deutschen Finanzen miserabel sei, weil man die <lb/>
                 Löcher nur immer mit neuen Noten ausstopfe statt mit Ver- <lb/>
                 nunft, weil viel eingeführt werden müsse und nichts auszu- <lb/>
                 führen da sei. Alles, was hereinkäme, müsse fünfeinhalbmal <lb/>
                 so teuer bezahlt werden wie vor dem Kriege, und im Westen, <lb/>
                 wo infolge der Besetzung nichts kontrolliert werden könne, <lb/>
                 werde die Passivseite noch durch den Import von Luxusarti- <lb/>
                 keln belastet. Jede ausländische Zigarette, jede Tafel fremder <lb/>
                 Schokolade verschlechtere das deutsche Geld, und jedermann <lb/>
                 könne daher zur Besserung beitragen, wenn er solche Waren <lb/>
                 nicht kaufe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Werkskonsums, die mit volkswirtschaftlichen Be- <lb/>
                 trachtungen keine Geschäfte machen konnten, wurden sie <lb/>
                 jedoch feilgeboten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber die Leute sahen nur immer, daß die Preise stiegen, <lb/>
                 und verlangten daher mehr Geld, und die Industriellen wie- <lb/>
                 derum sagten, alle Lohnerhöhungen nutzten nichts, weil die <lb/>
                 Preise stiegen, und daß die Preise stiegen, das rühre eben von <lb/>
                 den Lohnforderungen her. Der Wirrwarr wurde immer <lb/>
                 schlimmer, wem sollte man glauben? Die Unternehmer rede- <lb/>
                 ten von Inflation und Valuta, die Gewerkschaften von Nomi- <lb/>
                 nal- und Reallohn, und die Gelehrten von beidem. Diese Be- <lb/>
                 griffe setzten sich als Schlagworte in der Bevölkerung fest, <lb/>
                 ehe ihr Inhalt verstanden wurde, und gestützt auf solche wis-
                <pb facs="#f0206" n="202"/>
                <lb/>
                 senschaftlichen Formeln, trug sie ihr Los mit größerer Ge- <lb/>
                 duld. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Organe der öffentlichen Meinung beschworen sie, <lb/>
                 mehr zu arbeiten, denn es käme nicht auf die Vermehrung der <lb/>
                 Einkünfte, sondern auf die Vermehrung der Erzeugnisse an. <lb/>
                 Zwar habe in der Republik die Gesamtheit des Volkes für den <lb/>
                 Einzelnen einzustehen, aber wer dafür nicht auch mehr arbei- <lb/>
                 ten wolle, der könne nicht beanspruchen, so gut zu leben wie <lb/>
                 früher, geschweige besser. Ein Taugenichts in der Familie <lb/>
                 könne über Wasser gehalten werden, doch wenn die ganze <lb/>
                 Familie nichts tauge, müsse alles in die Brüche gehen; und <lb/>
                 die Blätter der Sozialdemokratie erinnerten beharrlich an das <lb/>
                 Wort SOZIALISMUS IST ARBEIT. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Lohnverhandlungen gaben die Vertreter der Indu- <lb/>
                 strie Übersichten über die wirtschaftliche Lage, und die Ge- <lb/>
                 werkschaftssekretäre stellten ebendasselbe als eigene Er- <lb/>
                 kenntnis ihren Mandanten dar. Teils waren sie von der Exakt- <lb/>
                 heit dieser Ausführungen bestochen und von ihrer Glaub- <lb/>
                 würdigkeit überzeugt; teils erschien ihnen der Ruf nach <lb/>
                 Mehrarbeit geeignet, die Vorwürfe »abzuwimmeln«, sie ver- <lb/>
                 stünden nicht, in den Verhandlungen größere Zugeständ- <lb/>
                 nisse herauszuholen. »Wenn man den Bogen überspannt,« <lb/>
                 sagten sie, »dann bricht er, und wer das eierlegende Huhn <lb/>
                 schlachtet, um sich einmal einen guten Tag zu machen, der <lb/>
                 verübt Selbstbetrug.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie erzählten, wie im Friedensdiktat das wichtigste Erzver- <lb/>
                 sorgungsgebiet im Westen an Frankreich habe abgetreten <lb/>
                 werden müssen; wie schon vor dem Kriege die Hälfte des <lb/>
                 deutschen Roheisens aus ausländischen Erzen erblasen wor- <lb/>
                 den sei; wie künftig drei Viertel des in Deutschland zu ver- <lb/>
                 hüttenden Erzes vom Ausland bezogen werden müßten, <lb/>
                 wenn man die Hochofenanlagen voll ausnutzen wolle; wie <lb/>
                 wegen des Verlustes großer Überschußgebiete im Osten <lb/>
                 auch mehr Lebensmittel eingeführt werden müßten als vor <lb/>
                 dem Kriege; und wie zur Bezahlung der gewaltigen Einfuhr- <lb/>
                 mengen so gut wie gar keine Naturprodukte zur Verfügung <lb/>
                 ständen, denn die Bodenschätze, Kohle und Kali, müßten <lb/>
                 auf lange Jahre ohne Entgelt an die Entente geliefert werden,
                <pb facs="#f0207" n="203"/>
                <lb/>
                 und außerdem wären die guten elsässischen Kalifelder flöten- <lb/>
                 gegangen. »Nur unsere Arbeitskraft bleibt uns, um uns die <lb/>
                 Mittel zur Ernährung und Bekleidung zu verschaffen! Arbeit <lb/>
                 steckt in der Kohle, die ihr fördert, im Eisen, das ihr erblast, <lb/>
                 im Stahl, den ihr bereitet, in der Schiene, die ihr walzt. Arbeit <lb/>
                 ist unser einziges, überall vollwertiges Zahlungsmittel. Bei <lb/>
                 Risch-Zander habt ihr ein Beispiel. Aus Mangel an Kohlen <lb/>
                 kann er jetzt nur ein Viertel seiner Leistungsfähigkeit produ- <lb/>
                 zieren. Wenn er für noch einen Hochofen Koks bekäme, <lb/>
                 könnte er mit dem Erlös der mehr erzeugten und im Ausland <lb/>
                 abgesetzten Walzware die Schulden abdecken, die er während <lb/>
                 dem Krieg im Ausland auf Veranlassung der monarchistischen <lb/>
                 Regierung eingegangen ist. Wir müssen eben doppelt so viel <lb/>
                 arbeiten, wie wir nötig hätten, um unsere eigenen Bedürf- <lb/>
                 nisse zu befriedigen. Von zwei Ballen Baumwolle, die wir <lb/>
                 importieren, können wir nur einen zur Bekleidung unseres <lb/>
                 Volkes benutzen, aus dem anderen müssen wir Exportware <lb/>
                 herstellen, damit wir von ihr die beiden Ballen bezahlen kön- <lb/>
                 nen. Deshalb müssen wir auch doppelt so viel Kohlen för- <lb/>
                 dern, wie wir zum Hausbrand und zur Versorgung unserer <lb/>
                 Industrie brauchen, und doppelt so viel Eisen erblasen, wie <lb/>
                 der Bedarf im Inland beträgt. Zwei halbe Überschichten <lb/>
                 müßten die Bergleute mindestens verfahren. Zwei halbe <lb/>
                 Überschichten. Das Leben der Städte ist bedroht, die Land- <lb/>
                 wirtschaft kann das Getreide nicht dreschen. Dauert der Zu- <lb/>
                 stand noch lange, dann muß unser Volk verhungern. Das <lb/>
                 erste Opfer werden die Massen der Industriebevölkerung <lb/>
                 sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 All dies vermehrte die Verwirrung, und die Verwirrung <lb/>
                 vermehrte die Müdigkeit. Die unabhängigen und kommuni- <lb/>
                 stischen Zeitungen schrieben: »Kämpft für die Sechs-Stun- <lb/>
                 den-Schicht!« — aber wie sollte man das machen, ohne Geld <lb/>
                 zu verlieren? Die Mehrheitssozialisten und Hirsche forder- <lb/>
                 ten: »Weniger diskutieren, mehr produzieren!«— aber wie <lb/>
                 sollte man das machen, ohne wohlerworbene Rechte zu ver- <lb/>
                 lieren? Die Christlichen schrien: »Nur Arbeit kann uns ret- <lb/>
                 ten!«— aber wie sollte man das machen, ohne freie Zeit zu
                <pb facs="#f0208" n="204"/>
                <lb/>
                 verlieren? Es drehte sich alles im Kreise; um Wohnungen zu <lb/>
                 bauen, brauchte man Baustoffe; um Baustoffe herzustellen, <lb/>
                 brauchte man Kohlen; um der Kohlennot zu steuern, müßte <lb/>
                 man mehr fördern; um mehr zu fördern, brauchte man mehr <lb/>
                 Arbeiter; für diese Arbeiter brauchte man mehr Wohnungen; <lb/>
                 um Wohnungen zu bauen, brauchte man Baustoffe; um Bau- <lb/>
                 stoffe herzustellen, brauchte man Kohlen; um der Kohlennot <lb/>
                 zu steuern — — — und so ging die Litanei fort, bis man ver- <lb/>
                 rückt wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch in der Kolonie, worin Adam Griguszies wohnte, <lb/>
                 drehten sich die Debatten um dieses ewige Thema. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war die Kolonie »Flammende Scholle«. Sie gehörte zur <lb/>
                 Zeche »Glücklicher Morgenstern« und war noch von den <lb/>
                 ehemaligen Gewerken gegründet worden, fünf Jahre vor der <lb/>
                 Zeit, wo der alte Risch die Grube in die Hand bekam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Anlaß zur Gründung war die erste der beiden großen <lb/>
                 Katastrophen gewesen, von denen »Glücklicher Morgen- <lb/>
                 stern« heimgesucht worden war. Siebzig Tote waren es da- <lb/>
                 mals gewesen. Um die allgemeine Erregung zu beschwichti- <lb/>
                 gen, hatte man gleich darauf den Grundstein zu dieser Berg- <lb/>
                 mannssiedlung gelegt. »Der Bäcker, der backt wohl sein <lb/>
                 Brot schon allein, auch fügt ohne Hilfe der Tischler den <lb/>
                 Schrein, aber der Bergmann auf allen seinen Pfaden braucht <lb/>
                 tapfere getreue Kameraden.« Das war der Bauspruch gewe- <lb/>
                 sen. Es war eine Wohltätigkeitsstiftung, von der fraglich er- <lb/>
                 schien, ob sie das Leid wert war, das sie gekostet hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Den Namen trug sie von einer Abraumhalde, die in der <lb/>
                 Nähe lag und ständig von schleichenden Dämpfen umkreist <lb/>
                 wurde. In der Nacht tanzten Phosphorflämmchen darauf. <lb/>
                 Seit Jahrzehnten glühte die Halde, entzündet von dem riesi- <lb/>
                 gen Druck, und nichts vermochte sie zu löschen. Langsam <lb/>
                 hatte sich der Brand durchgefressen, durch die Erde hin- <lb/>
                 durch, bis zu einem Bahndamm hin. Die Telegraphenstangen <lb/>
                 fielen um, der Oberbau senkte sich, die Schwellen begannen <lb/>
                 zu glimmen. Man grub Rinnen zwischen Damm und Halde <lb/>
                 und füllte sie mit Wasser, die Glut umging sie und kroch wei- <lb/>
                 ter. Da es nicht möglich war, die Halde abzutragen, zerschnitt
                <pb facs="#f0209" n="205"/>
                <lb/>
                 man sie bis auf den gewachsenen Boden und stampfte die <lb/>
                 Spalte voll Lehm, doch die Glut verminderte sich nicht, ja sie <lb/>
                 gewann noch an Kraft und vernichtete auch die Lehmschicht. <lb/>
                 Der Prozeß, den die Eisenbahn mit Risch-Zander um die <lb/>
                 Haftpflicht führte, lief durch vier Instanzen; die ersten <lb/>
                 Schriftsätze hatte der Freiherr noch bearbeitet. Zuletzt er- <lb/>
                 langte die Eisenbahn ein obsiegendes Urteil. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kolonie hatte eine schnurgerade Straße, die fünf Me- <lb/>
                 ter breit und vierhundert Meter lang war. Laut Anschlag war <lb/>
                 auf ihr verboten: mit Flaschenbierwagen zu fahren, zu hau- <lb/>
                 sieren und Fußball zu spielen. Sie war nicht an das allgemeine <lb/>
                 Wegenetz angeschlossen. Ihr Anfang war eine Filiale des <lb/>
                 Konsums, ihre Mitte eine Hebammenwohnung, ihr Ab- <lb/>
                 schluß eine Wäschebleiche. Eine Patrouille mit blauer Dienst- <lb/>
                 mütze sorgte auf ihr für Ordnung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man erreichte sie über einen unbebauten Platz, auf dem in- <lb/>
                 mitten von Abfällen aller Gesellschaftsschichten eine Tafel <lb/>
                 stand mit der Inschrift »Schuttabladen verboten, die Polizei- <lb/>
                 verwaltung«, und man mußte dieselbe Straße wieder zurück- <lb/>
                 gehen, weil sie am anderen Ende durch einen Drahtzaun ge- <lb/>
                 gen die Außenwelt abgeriegelt war. Von dort war nur noch <lb/>
                 eine geringe Entfernung bis zum Zechengerüst von Schacht I. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf jeder Seite hatte die Straße siebenundzwanzig Häuser, <lb/>
                 nur einmal bog die linke Fluchtlinie etwas aus, um erst noch <lb/>
                 einen Kinderspielplatz vorbeizulassen. Die Häuser waren aus <lb/>
                 Backsteinen und ohne Bewurf, jedes war acht Meter zehn <lb/>
                 breit und drei Meter sechzig tief, einstöckig, mit Mansarden- <lb/>
                 aufsatz und von zwei Familien bewohnt. In der Mitte war <lb/>
                 eine Paradetür mit selbstgravierten Messingschildern, durch <lb/>
                 die man jedoch das Haus nicht betreten konnte, weil sie im- <lb/>
                 mer verschlossen war. Der Eingang war im Hof, der fünf <lb/>
                 Meter vierzig breit, durch ein Lattengitter von der Straße ge- <lb/>
                 trennt und immer zwei Häusern gemeinsam war. Die Intimi- <lb/>
                 täten wurden hier öffentlich, Unterröcke und Windeln hingen <lb/>
                 auf der Wäscheleine beisammen, das Zeugen war ein Natur- <lb/>
                 vorgang. Es gab in der Kolonie drei Familien mit neunzehn <lb/>
                 Kindern, zwei mit achtzehn, elf mit siebzehn, fünfzehn mit
                <pb facs="#f0210" n="206"/>
                <lb/>
                 sechzehn, siebzehn mit fünfzehn und einundzwanzig mit vier- <lb/>
                 zehn. Ein Witwer mit sieben Kindern hatte eine Witwe mit <lb/>
                 fünf geheiratet, und sie hatten miteinander noch drei bekom- <lb/>
                 men. Ein neunundsechzigjähriger Kumpel hatte mit zwei <lb/>
                 Frauen zusammen vierunddreißig Kinder gehabt, von denen <lb/>
                 aber nur die Hälfte noch lebte. Die starke Rassenmischung in <lb/>
                 der Bevölkerung begünstigte offenbar die Fruchtbarkeit. <lb/>
                 Kinder zu zeugen war das Hauptvergnügen, und nur Wenige <lb/>
                 wußten zu verhindern, daß sie sie auch bekamen; man lebte <lb/>
                 animalisch dahin, dumpf und brünstig, und die Frauen hatten <lb/>
                 eine untergeordnete Stellung als Geschlechts- und Arbeits- <lb/>
                 tiere. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Häusern wurde der schmale Flur durch herumste- <lb/>
                 hendes Gerät, Putzeimer, Badewanne, Schrubber, Holz- <lb/>
                 schuhe, noch schmäler. Unter einem Vorhang von gemuster- <lb/>
                 tem Kattun waren die Arbeitskleider untergebracht, Hosen, <lb/>
                 Kittel, Schürzen. Vor der Küchentür stand ein Löschgerät, <lb/>
                 ein rotes Bassin mit Handpumpe und Schlauch, mit der Auf- <lb/>
                 schrift »Feuer-Anihilator«. Das Gefäß mußte stets mit Was- <lb/>
                 ser gefüllt sein, oft kam der Brandinspektor von der Fabrik- <lb/>
                 feuerwehr zur unvermuteten Revision. Die Küchen waren <lb/>
                 vollgepfropft mit Geschirr, Gewürztonnen, Löffelgestellen <lb/>
                 und Überhandtüchern. Alles hatte seinen vorgeschriebenen <lb/>
                 Platz, dort sollte nach der Aufschrift Reis hinein, dort Mehl, <lb/>
                 dort Zucker, dort Sago; dort sollte der Fettlöffel hängen, <lb/>
                 dort der Schaumlöffel, dort das Tellertuch, dort das Gläser- <lb/>
                 tuch. Aber entweder waren die Plätze leer, oder was sich an <lb/>
                 ihnen befand, wurde niemals benutzt. Reis, Zucker und <lb/>
                 Mehl standen im Schrank, in Beuteln, wie sie aus dem Kon- <lb/>
                 sum gekommen waren. Sago wurde nie gekauft. Fett und <lb/>
                 Schaum wurden mit gewöhnlichen Eßlöffeln geschöpft. Glä- <lb/>
                 ser und Teller wurden mit demselben Lappen abgewischt, <lb/>
                 der an der Herdstange zum Trocknen hing. So spiegelten <lb/>
                 sich diese Menschen eine nach ihren Verhältnissen eingerich- <lb/>
                 tete Ordnung und einen über ihren Bedarf hinausgehenden <lb/>
                 Besitz vor. In den Schlafstuben (und alles waren Schlafstu- <lb/>
                 ben, denn es war eine Bestimmung der Stifter, daß in jedem <lb/>
                 Zimmer ein Bett stehen mußte — wahrscheinlich, damit nicht
                <pb facs="#f0211" n="207"/>
                <lb/>
                 das Gefühl eines überflüssigen Wohnraums aufkam), in die- <lb/>
                 sen Schlafstuben, unter den Betten, standen Korbflaschen <lb/>
                 mit selbstgemachtem Johannisbeer- und Rhabarberwein. Das <lb/>
                 Bildnis des alten Risch, mit seiner faksimilierten Unterschrift, <lb/>
                 nahm einen Ehrenplatz ein, an seinem Begräbnistage war es <lb/>
                 allen Werksangehörigen verliehen worden. Was noch an Be- <lb/>
                 wegungsraum übrig war, wurde von Paradekissen, büßenden <lb/>
                 Magdalenen, Engelsköpfen und gestickten Wandschonern <lb/>
                 zugesperrt. Es wurde nicht viel gelüftet, weil man vor lauter <lb/>
                 Mobiliar nur schwer an die Fenster heran konnte. Wurde die <lb/>
                 Tür aufgemacht, so schlug ein Brodem heraus wie aus einem <lb/>
                 Kaninchenstall. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Fenster waren auch noch mit dicken Gardinen ver- <lb/>
                 hängt und mit Blumenstöcken und Buketts zugestellt. Frau <lb/>
                 Griguszies hatte am Fenster eine teilnehmend gebeugte weib- <lb/>
                 liche Gipsfigur stehen, die eine winzige Kanne in der Hand <lb/>
                 hatte und eine Blattpflanze begoß. Sie hatte sie auf dem Jahr- <lb/>
                 markt in Pillkallen am Glücksrad gewonnen, damals, gerade <lb/>
                 nach ihrer Hochzeit; sie und ihr Mann waren auf dem gleichen <lb/>
                 Gut Magd und Knecht gewesen. Lange vor der Silbernen <lb/>
                 war er umgekommen, aber an vielen Fenstern der Kolonie <lb/>
                 sah man Myrtenstöcke und Geschenkkörbe mit silbernen <lb/>
                 Schleifen und der Zahl 25. Zwischen grünen und silbernen <lb/>
                 Hochzeiten verlief das Leben. Vorher war nichts und nachher <lb/>
                 war nichts. Die Kinder waren sehr schmutzig, scheu und <lb/>
                 lautlos, als ob sie gewußt hätten, daß sie immer im Wege und <lb/>
                 überhaupt gegen die Absicht ihrer Eltern auf der Welt wa- <lb/>
                 ren. Sie zählten erst etwas, wenn sie verdienen halfen, aber <lb/>
                 dann wußten sie sich zu rächen, die Söhne gaben nur Kost- <lb/>
                 geld her, und die Töchter staffierten sich mit ihrem bißchen <lb/>
                 Verdienst, ob sie nun Näherinnen, Glanzbüglerinnen oder <lb/>
                 Verkäuferinnen waren, modisch aus. Nur diejenigen, die un- <lb/>
                 gefähr in der Mitte des Kinderhaufens waren, hatten Un- <lb/>
                 glück. Sie blieben stecken, sie durften nicht aus dem Haus, <lb/>
                 sie mußten die Nachgeborenen auf dem Arm herumschlep- <lb/>
                 pen, sie sahen nichts, sie lernten nichts, sie mußten die abge- <lb/>
                 legten, verwaschenen Fahnen der älteren anziehen, sie ver- <lb/>
                 schlampten und kriegten, wenn es gut ging, wieder einen
                <pb facs="#f0212" n="208"/>
                <lb/>
                 Bergmann, während ihre Schwestern kleine Büroangestellte <lb/>
                 heiraten konnten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es wohnten auch viele alte Leute in der Kolonie, aber die <lb/>
                 wenigsten waren hier alt geworden. Sie hatten in Ostpreußen <lb/>
                 gelebt, bis ihre Kinder alle ins Kohlenrevier gezogen waren, <lb/>
                 dann hatten diese sie zu sich genommen, weil es ihnen un- <lb/>
                 möglich war, sie aus der Ferne zu unterstützen. Auch Wit- <lb/>
                 wen waren hier genug, und Invaliden, Schwindsüchtige und <lb/>
                 Verunglückte; die Schnurrbärte waren gelb vom Tabaks- <lb/>
                 qualm, die Haut auf den ausgemergelten Gesichtern war ab- <lb/>
                 gestorben, nur die Kohlenstaubnarben lebten noch. So <lb/>
                 drückten sie sich im Haus herum, hüteten die Enkel und die <lb/>
                 Kaffeekanne auf dem Herd, hackten Holz, schaufelten die <lb/>
                 Deputatkohlen in den Keller, keuchend und jedesmal aus- <lb/>
                 spuckend, oder putzten die Fenster. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber selbst die Sorgen sind weniger schrecklich, wenn sie <lb/>
                 gleichförmig sind. Kommen die Kinder aus der Schule, so <lb/>
                 werden sie mit einem Stück Brot zum Spielplatz geschickt, <lb/>
                 die Kleinen sind den ganzen Morgen dort, die Mütter rech- <lb/>
                 nen damit, daß sie sich beim Spiel vergessen und nicht gleich <lb/>
                 nach Hause laufen, wenn sie Hunger spüren. Regnet es ein- <lb/>
                 mal so stark, daß sie sich in der Küche herumtreiben müssen, <lb/>
                 so geht an einem Vormittag ein Laib Brot weg. Morgens <lb/>
                 zum Kaffee gibt es Kartoffeln, weil sie sparsamer sind als <lb/>
                 Brot, man wird schneller satt davon. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Meistens sehen die Familienmitglieder einander nur an <lb/>
                 Sonntagen beim Essen. Sie haben alle andere Beschäftigungs- <lb/>
                 zeiten, die Frau kann aber nicht viermal kochen, sie bereitet <lb/>
                 eine Hauptmahlzeit mit Fleisch für die Kumpels und stellt den <lb/>
                 übrigen die aufgewärmten Reste hin, dazu Bratheringe oder <lb/>
                 einen Brei aus Reis und Brot oder eine Suppe von toten <lb/>
                 Rüben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alles ist darauf angelegt, das Tageslicht zu dämpfen, die <lb/>
                 Bäume, die die Häuser überdachen, die verdunkelten Fen- <lb/>
                 ster, die Ranken von wildem Wein an den Türen. Der Berg- <lb/>
                 mann ist bei der Arbeit an Dunkelheit gewöhnt, Helligkeit in <lb/>
                 geschlossenen Räumen ängstigt ihn, auch die Kneipen, die er
                <pb facs="#f0213" n="209"/>
                <lb/>
                 besucht, sind dämmerig. Wozu auch soll er im Hause etwas <lb/>
                 sehen? Wenn er morgens von Schicht kommt, legt er sich <lb/>
                 schlafen. Kommt er mittags, so hantiert er draußen herum, <lb/>
                 schlägt die Waschmaschine, gräbt auf dem Land, das er hin- <lb/>
                 ter dem Haus hat, versorgt das Vieh. Wenn er fertig ist, ist <lb/>
                 es Nacht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies ist das Leben der Bergleute in der Kolonie. Wenn <lb/>
                 aber einer von ihnen stirbt, verkleiden sie sich als Berg- <lb/>
                 knappen, um ihn zu begraben; dann haben sie schwarze <lb/>
                 Joppen und Kappen mit roter Paspel und das Arschleder <lb/>
                 um und die Grubenlampen in der Hand, der Tod ist soli- <lb/>
                 darisch mit der mittelalterlichen Tracht. Alles ist bis ins <lb/>
                 kleinste ordentlich und gleichartig. Nur die Tiere dieser <lb/>
                 Menschen haben ihre Verschiedenheiten in Pflege und Unter- <lb/>
                 kunft. Es gibt Hühner, Gänse, Enten, Tauben, Ziegen, <lb/>
                 Schafe, Schweine, Kaninchen. Manche Enten waten in einem <lb/>
                 Tümpel, worin ein bunter Glasballon aufgesteckt ist, manche <lb/>
                 Taubenschläge sind bemalte Öltonnen auf hohen Pfählen und <lb/>
                 mit geschnitzten Windfahnen, manche Hühnerhöfe haben <lb/>
                 kunstvolle Leitern und gedrehte Futternäpfe aus Holz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So geregelt und unerschütterlich traurig sieht die Kolonie <lb/>
                 aus, sie macht die Unglücklichen nicht glücklich, aber sie <lb/>
                 macht sie vergeßlich, sie beseitigt das Elend nicht, aber sie <lb/>
                 bietet ihm Haus und Hof, wo es sich fortpflanzen kann. Sie <lb/>
                 schenkt ihm Bäume, in deren Schatten es ausruhen kann, <lb/>
                 sie weist ihm einen Platz an, sie macht es ansässig, sie gibt <lb/>
                 ihm ein Heimatrecht und eine Dienstordnung. In der Zechen- <lb/>
                 kolonie wird das Elend den Menschen zu einer lieben Ge- <lb/>
                 wohnheit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jeder Hof in der Kolonie »Flammende Scholle« hatte zwei <lb/>
                 Bäume, in der Mitte eine Sauerkirsche, die spät im August <lb/>
                 zu reifen begann, am Gitter eine amerikanische Eiche, die <lb/>
                 widerstandsfähiger gegen Rauchgase war als die deutsche. <lb/>
                 Manchmal waren die Höfe noch mit einem Grubenseil ab- <lb/>
                 geteilt: dieses Seil erfüllte dieselbe Funktion wie die Warnung <lb/>
                 vor bissigen Hunden, die man zuweilen an Hoftüren findet, <lb/>
                 es kündigte dem Eintretenden an, daß hier streitbare Nach-
                <pb facs="#f0214" n="210"/>
                <lb/>
                 barn wohnten. Für die Bewohner selbst hatte es außer der <lb/>
                 räumlichen Abgrenzung keine Bedeutung, sie konnten sich <lb/>
                 trotzdem nicht abschließen, sie waren einander ausgeliefert <lb/>
                 und hatten kein privates Leben. Hinter den Häusern war <lb/>
                 ein Anbau mit Waschküchentür, Stalltür, Klosettür, alle von <lb/>
                 gleicher Größe und Farbe, und jede Öffnung und Schließung <lb/>
                 dieser Türen war der gegenseitigen Überwachung unterwor- <lb/>
                 fen. Die Freude an planmäßigen Sistierungen ersetzte hier <lb/>
                 die Freude an erforschten Geheimnissen, denn es gab ja kaum <lb/>
                 Geheimnisse. Es war bei allen dasselbe Kommen und Gehen <lb/>
                 zu denselben Zeiten. Es waren bei allen dieselben Verrich- <lb/>
                 tungen und dieselben Vergnügungen, Sie hatten dieselben <lb/>
                 Zimmer, Küche und zwei Schlafstuben, und sie hatten die- <lb/>
                 selben Möbel, wie sie dieselben Gewohnheiten und dasselbe <lb/>
                 Essen und Trinken hatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dort in den Höfen war die Werkstatt des Kolonieklatsches, <lb/>
                 allerdings kam man in diesen unfreundlichen Zeiten weniger <lb/>
                 zusammen, um die Verhältnisse des Nachbars durchzuhe- <lb/>
                 cheln, als um die Probleme des Tages zu erörtern. Es waren <lb/>
                 nicht die Dinge an sich, die das Interesse immer wieder an- <lb/>
                 fachten, es war vielmehr die Beziehung, worein man diese <lb/>
                 Dinge zum System Risch-Zander setzte, unter dem man <lb/>
                 schließlich gewohnt war zu leben. Alle Bedingungen dieses <lb/>
                 Lebens gerieten ins Wanken. Risch-Zander war stets als der <lb/>
                 nie versiegende Brunnen betrachtet worden. Bei Risch-Zan- <lb/>
                 der Arbeit zu haben, war ebensogut gewesen wie sein Geld <lb/>
                 auf der Städtischen Sparkasse zu haben oder in Staatsdien- <lb/>
                 sten zu stehen. Generationen waren der Fabrik mit Haut <lb/>
                 und Haar verschrieben. Schon das Kind im Mutterleib war <lb/>
                 für einen Posten vorgemerkt. Es war der höchste Ehrgeiz <lb/>
                 des Familienvaters, der es nur bis zum Vorarbeiter gebracht <lb/>
                 hatte, seinen Ältesten auf dem Büro unterzubringen und sei- <lb/>
                 nem Tochtermann von außerhalb eine Stelle im Werk mit <lb/>
                 Aussicht auf Pension zu verschaffen. Adam Griguszies hatte <lb/>
                 oft darüber geschimpft: »Ja, dafür kriecht ihr eurem Meister <lb/>
                 zehnmal hintenrein. Wenn ihr nur das habt. Auf eurem Weg <lb/>
                 von und zur Schicht liegt die Schankwirtschaft, auf eurem <lb/>
                 Weg von und zur Kirche liegt das Gewerkschaftshaus. Ihr
                <pb facs="#f0215" n="211"/>
                <lb/>
                 denkt, das Werk der Befreiung des Proletariats teilt sich in <lb/>
                 Frühschoppen und Kegelabende, und euer Kalender rechnet <lb/>
                 nach der Hebamme.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jetzt gingen die Gespräche um die Sozialisierung. Man <lb/>
                 wurde sich darüber nicht einig. Die einen sprachen von Ge- <lb/>
                 meinwirtschaft und Vergesellschaftung, die anderen von Ver- <lb/>
                 staatlichung, die dritten von Nationalisierung und Kommu- <lb/>
                 nalisierung, die vierten von Planwirtschaft. Sie hatten es so <lb/>
                 gehört, darunter vorstellen konnten sie sich nichts. Der For- <lb/>
                 mer Fries hatte in einer Versammlung erklärt: »Das vergan- <lb/>
                 gene Jahr hat gezeigt, daß wir den Kapitalismus noch nicht <lb/>
                 durch den Sozialismus ersetzen können. Wir haben noch <lb/>
                 nicht das Menschenmaterial dazu.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Also«, sagten die Frauen. »Laßt den Unsinn sein. Nach- <lb/>
                 her hätten wir am Ende keine Wohlfahrtseinrichtungen mehr, <lb/>
                 Risch-Zander hat doch viel getan und ganz schön gesorgt für <lb/>
                 uns.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das hat er«, sagte Griguszies. »Es war eine Wohlfahrt <lb/>
                 auf Möglichkeit, es hieß immer »nach Kräften“ und »wenn <lb/>
                 möglich“.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie saßen auf der Treppe im Hof und rauchten ihren Kna- <lb/>
                 ster, die Frauen saßen auf der Bank und rieben den Rücken an <lb/>
                 der Hauswand. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Rabatt im Konsum ist immer eine Stange Geld auf <lb/>
                 den Herbst, das kommt einen grad’ zupaß für Kartoffeln.« — <lb/>
                 »Ja, aber ihr müßt auch kaufen, was euch vorgesetzt wird, <lb/>
                 und wenn ihr was Extras wollt, heißt es eben: wird hier nicht <lb/>
                 geführt, und damit basta.« — »Ist immer tadellose Ware da, <lb/>
                 und billiger wie beim Krämer, und wünschen tun wir uns so- <lb/>
                 wieso nichts.«— »Daran erkennt man die Proleten, zufrie- <lb/>
                 dene Lämmchen seid ihr, laßt euch die Wolle scheren und <lb/>
                 wenn ihr dann friert, haltet ihr dem Herrgott euren Buckel <lb/>
                 hin, damit er die Sonne schön warm drauf scheinen läßt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wieso«, erzählte ein anderer, »ich hab’ mich mal beschwert, <lb/>
                 vor Jahren war das. Da hatten sie eine feine Sechs-Pfennig- <lb/>
                 Zigarre im Konsum. In der Stadt gab’s die auch, aber da war <lb/>
                 ja kein Rabatt. Nachher kam die Steuer drauf, da kostete sie <lb/>
                 im Konsum acht und in der Stadt bloß sieben. Da bin ich zum
                <pb facs="#f0216" n="212"/>
                <lb/>
                 Vorsteher hin und hab’ gefragt, wie das käme. Was sie kost’, <lb/>
                 das kost’ sie, hat er gesagt, und wie ich dann wieder nach die <lb/>
                 Zigarre fragte, hieß es, die führen wir nicht mehr.«— »Na <lb/>
                 also, du hast eben den Risch-Zanderschen Dreh noch immer <lb/>
                 nicht raus. Da schaffen sie den Gegenstand der Beschwerde <lb/>
                 einfach beiseit, statt ihn zu verbessern.« — »Dat stimmt,« <lb/>
                 sagte ein anderer, »das haben wir doch hier in die Kolonie er- <lb/>
                 lebt, Früher war ein Uhrtürmchen auf ’n Spielplatz, bloß <lb/>
                 ging die Uhr immer falsch, und wir haben’s die Wohnungs- <lb/>
                 verwaltung gemeldet. Wer kam? Der Uhrmacher? Nee. <lb/>
                 Die Maurer kamen und haben dat ganze Dingen abgebrochen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nu ja«, sagte Frau Griguszies mit ihrem polnischen Ak- <lb/>
                 zent, »is d’r nicht alles Gold, was glänzt. Da is doch d’r Ent- <lb/>
                 bindungsheim und d’r Hauspflege, wo d’r Männer Mädels <lb/>
                 kriegen könn’, wo’s Haus versorgen und kochen, wenn d’r <lb/>
                 Frau im Wochenbett ist. Nu, ihr wißt doch, d’r Kestermann, <lb/>
                 wie d’r Kestermannsche draußen in d’r Heim war. Morgens <lb/>
                 kam se schon um fünf, wo se doch erst um sieben brauchte, <lb/>
                 d’r Pflegerin mein’ ich, und abends blieb se bis elf, wo se doch <lb/>
                 wieder nur bis sieben brauchte, bloß damit se d’r Kestermann <lb/>
                 noch ’n bißken in d’r Bett liegen schn konnte. Und was die den <lb/>
                 verwirtschaft’ hat. Die haben fein zusammen gelebt, aber wenn <lb/>
                 se alleine war, hat se sich noch extra was gemacht. Was bei <lb/>
                 die immer auf’n Herd gebruzzelt hat, damals wie d’r Gas <lb/>
                 streikte. D’r Kestermannsche hat bloß so gestaunt, wie se <lb/>
                 wiederkam. Nu, das is dafür, daß sie’s mit d’r hochnasigen <lb/>
                 Steiger gekonnt hat, wie er fort war bei die Feldgendatmerie. <lb/>
                 Und d’r feine Trine von d’r Vaterländische Frauenverein, wo <lb/>
                 doch nachsehn kommen soll nach die Vorschrift, is nie dage- <lb/>
                 wesen, kein einziges Mal. Aber das muß man sagen, d’r <lb/>
                 Firma war nobel, er hat d’r Pflegerin nicht zu bezahlen brau- <lb/>
                 chen, wo er doch d’r Arbeit gemacht kriegte und’s Vergnü- <lb/>
                 gen mit sie obendrein gehabt hat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Frauen lachten. »Nu ja, also Wohlfahrt doppelt und <lb/>
                 dreifach, was wollt ihr Männer noch mehr?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Is wahr«, stimmten die Kumpels bei. »Wenn man’s rich- <lb/>
                 tig betracht’, was haben wir schon für Opfer gebracht, und is <lb/>
                 alles für die Katz.« Adam Griguszies wandte ein, daß auf den
                <pb facs="#f0217" n="213"/>
                <lb/>
                 ersten Hieb kein Baum fiele. »Na, nu hör’ aber auf«, rief ein <lb/>
                 junger Lehrhauer, »da frag’ mal die Mädels in die Kolonie, <lb/>
                 die mit’n ledigen Kind rumlaufen, was die zu dein’ Sprich- <lb/>
                 wort sagen.« Die Frauen stemmten die Hände in die Hüften <lb/>
                 und kreischten auf. Adam bezwang seinen Unwillen, er <lb/>
                 wollte sich nicht mehr so erhitzen. »Es kommt bloß darauf <lb/>
                 an, ob die Sache gut ist, wofür man die Opfer bringt«, sagte <lb/>
                 er endlich. — »Das is’s ja eben«, sagten die Frauen. »Sowas <lb/>
                 kann doch nicht gut sein, was so viel neues Unglück bringt <lb/>
                 und das alte noch schlimmer macht. Guckt mal die Woh- <lb/>
                 nungskommissionen an, sind Leute von die Partei drin, nu, <lb/>
                 kriegt eins von uns daher ’ne Wohnung?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wo nix ist, kann man doch nix holen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So— wo nix is. Is genug da, ich weiß, wo was leer steht, <lb/>
                 hinterm Bahnhof, wo’s nach’n Stadtpark zu geht, ’n ganzen <lb/>
                 Stock.« — »Weibertratsch, wenn man die Sache nachgeht, <lb/>
                 ist nichts dahinter.«— »Du kannst überhaupt nicht mitreden, <lb/>
                 dich haben sie ja gar nicht rangelassen an die Pöstchen, wo’s <lb/>
                 was zu schieben und zu schmieren gibt. Beschlagnahmen tun <lb/>
                 sie, heißt’s. Haben sie schon mal in die feinen Fillas was be- <lb/>
                 schlagnahmt, hä? Oben beim Freiherrn? Das wär’ was für <lb/>
                 unsre Blagen, da sollten se bald nicht mehr so käsig aussehn, <lb/>
                 war, Grigusziessche? Setz deinen Jungen mal ’n Kopp zu- <lb/>
                 recht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und dann die Lebensmittel — wo bleiben denn die? Erst <lb/>
                 haben sie gesagt, die Engländer sind schuld, jetzt sagen sie, <lb/>
                 die Schieber sind schuld, nu, warum gehn se denn nicht mit <lb/>
                 die Bremse ran an die Schieber? Weil sie alle selber schieben, <lb/>
                 die Genossen. Wo sind denn die hundert Zentner Zucker <lb/>
                 hingekommen, die sie bei Risch-Zander im Beamtenkasino <lb/>
                 beschlagnahmt haben?« — »Was wir vom Arbeiter- und Sol- <lb/>
                 datenrat beschlagnahmt haben, ist immer sofort gegen Quit- <lb/>
                 tung ans Lebensmittelamt abgeführt worden.«— »Nu, und <lb/>
                 beim Lebensmittelamt? Das kennt man doch.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Laßt mich doch in Ruh. Wofür war denn der Zucker <lb/>
                 überhaupt? Für eure Wohlfahrtseinrichtungen, hat das Di- <lb/>
                 rektorium gesagt, er hätte nur im Kasino gelagert, weil er da <lb/>
                 besser bewacht werden könnte. Ja, da lacht ihr auf einmal.
                <pb facs="#f0218" n="214"/>
                <lb/>
                 Sonst freßt ihr doch alles, was euch die Direktoren erzählen. <lb/>
                 Mit meinen zukünftigen Schwager, wo im nationalen Ver- <lb/>
                 band ist, kann man gescheiter reden wie mit euch, da weiß <lb/>
                 man doch, woran man ist. Ja, es soll Auslandszucker gewe- <lb/>
                 sen sein, dadurch hätten sie auf den Zucker von die Stadt ver- <lb/>
                 zichten können, der wäre dann ganz die Einwohner zugut <lb/>
                 gekommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hast du was gesehn davon? Wir nicht. Und überhaupt <lb/>
                 steht in die Zeitung — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mich könnt ihr nix erzählen. Was ihr schon für Zeitungen <lb/>
                 lest, lauter arbeiterfeindliche Blätter, alle von PR verkappten Re- <lb/>
                 aktionären gemacht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Zeitung, wo ich lese, hat schon mein Großvadder ge- <lb/>
                 lesen, warum soll ich die denn abbestellen? Ich bin’s nun mal <lb/>
                 so gewohnt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »An die Parteizeitungen is ja kein Papier dran,« sagten die <lb/>
                 Frauen, »womit sollen wir denn die Schränke auslegen? Und <lb/>
                 so wenig Annoncen, was soll man denn da lesen? Vielleicht <lb/>
                 die Romane? Die sind ja so langweilig, lauter alten Kappes, <lb/>
                 und wenn sie neu sind, reden sie immer vom Proletarierelend. <lb/>
                 Das wissen wir ja selber, und es ist auch gar nicht so, wie sie <lb/>
                 schreiben. Wenn ich einen Roman lese, will ich ’nen Licht- <lb/>
                 schimmer sehn, da muß was von oben drin vorkommen, von <lb/>
                 die Vornehmen, ich krieg’ ja nie so’n Leben, da darf ich doch <lb/>
                 wohl wenigstens davon träumen.«— »So, und dabei verliert <lb/>
                 ihr das Zutrauen zu euch selber, das ist ja wie Alkohol, das <lb/>
                 betäubt euch und macht euch schwach, kruzifixnochmal, <lb/>
                 wie wollt ihr euch denn befreien? Wollt ihr denn ewig so le- <lb/>
                 ben?«— »Quatsch doch nicht, wir wissen doch immer, daß <lb/>
                 es eben Romane sind.«— »Wenn ihr besoffen seid, wißt ihr <lb/>
                 auch, daß es Schnaps war, aber davon werdet ihr doch nicht <lb/>
                 nüchtern und kommt nicht bei Verstand.«— »Jedenfalls ha- <lb/>
                 ben wir noch immer unser proletarisches Standesbewußtsein, <lb/>
                 junger Mann.« — »Scheiß euch was drauf«, sagte Adam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kolonie blieb sich immer gleich. Dann und wann ein <lb/>
                 anderes Gesicht, dann und wann ein anderer Gesprächsstoff, <lb/>
                 das war alles. Die Zeit stand still, und die Veränderungen an
                <pb facs="#f0219" n="215"/>
                <lb/>
                 der Oberfläche genügten gerade, daß die Menschen den Stil- <lb/>
                 stand der Zeit nicht bemerkten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nur in großen Abständen wurden sie aufgeschreckt und <lb/>
                 daran gemahnt, daß »Flammende Scholle« auf unsicherem <lb/>
                 Boden stand. Die brennende Halde war längst alltäglich und <lb/>
                 fast ein Spielzeug der Kinder geworden, und die Stelle am <lb/>
                 Ende der Straße, wo der Boden langsam um drei bis vier Me- <lb/>
                 ter sank, zeigte man sich beinahe mit Stolz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie alle Grubenbaue im Stadtgebiet, so hatte auch »Glück- <lb/>
                 licher Morgenstern« durch zweihundert Meter Mergelge- <lb/>
                 birge und dann noch durch Kohlensandstein hindurch abge- <lb/>
                 teuft werden müssen, ehe man an die Kohlenflöze herankam. <lb/>
                 Der zähe Mergel schloß die Gruben gas- und wasserdicht ab, <lb/>
                 aber der Sandstein war rissig und voller Höhlen. Je mehr die <lb/>
                 Kohle abgebaut wurde, desto mehr sank das darauf lastende <lb/>
                 Gebirge nach. Manchmal hörte unten die Kohle plötzlich auf, <lb/>
                 es waren dort Verwerfungen in den Erdschichten, dann hielt <lb/>
                 auch die Erde darüber stand, und es bildeten sich »Fest- <lb/>
                 punkte«. Innerhalb der Hauptstadt des Reviers gab es nur <lb/>
                 zwei davon, aber an der Peripherie waren ihrer vier oder fünf. <lb/>
                 Um so stärker rutschte die Erde daneben, doch rutschte sie <lb/>
                 nicht gleichmäßig und auch nicht überall gleich schnell, da <lb/>
                 die Spannungen im Gebirge mit unterschiedlichen Kräften <lb/>
                 und nach unterschiedlichen Richtungen wirkten. Überdies <lb/>
                 gab der Mergel, der viel bituminösen Schiefer enthielt, dem <lb/>
                 natürlichen Druck ebenso langsam nach, wie der Sandstein <lb/>
                 rasch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eines Nachmittags geht da unten wieder das Sandsteinge- <lb/>
                 wölbe auf etliche hundert Meter zu Bruch. Der Stoß rollt <lb/>
                 durch das Gebirge fort und versetzt die Erde in eine hastige <lb/>
                 Schwingung. In der »Flammenden Scholle« wackelt es, man <lb/>
                 sieht deutlich, wie sich alle Gegenstände kurz bewegen, und <lb/>
                 hat für den Bruchteil einer Sekunde das Gefühl, sanft in die <lb/>
                 Höhe gehoben und gleich sanft wieder abgesetzt zu werden. <lb/>
                 »Ein Erdbeben!« rufen die Frauen erschrocken. Die Kum- <lb/>
                 pels, die daheim sind, sagen: »Ein Gebirgsschlag« und lau- <lb/>
                 schen. Die Erschütterung kommt nicht wieder. »Ein Ge- <lb/>
                 birgsschlag —?« fragen die Frauen und besinnen sich lang-
                <pb facs="#f0220" n="216"/>
                <lb/>
                 sam, daß ein Gebirgsschlag die Ursache der letzten Schlag- <lb/>
                 wetterkatastrophe gewesen ist. »Du lieber Gott.«— »Na, <lb/>
                 nicht alle Schläge lösen Wetter aus«, beruhigen die Kumpels, <lb/>
                 »Gottseidank ist es sogar selten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber einige Frauen, deren Männer auf Schicht sind, wer- <lb/>
                 den von Grauen und Unruhe ergriffen, die Furcht, daß es sie <lb/>
                 einmal treffen wird, schweigt ja nie. Sie binden die Schürze <lb/>
                 ab und eilen zum Zechenplatz, um zu fragen, was passiert sei. <lb/>
                 Es ist nichts passiert, doch als sie wieder heimkommen, fin- <lb/>
                 den sie Trubel und Aufregung in der Straße und alle Bewoh- <lb/>
                 ner vor den Tüten, die Kinder haben einen tiefen Schrecken <lb/>
                 in den Augen, sind ganz hinter Atem, überstürzen ihre Worte <lb/>
                 und wiederholen fortwährend: »Wir haben ihm noch zuge- <lb/>
                 rufen, er soll schnell weggehn, da war er schon fort...«— <lb/>
                 »Wer war fort? Was? Was?« fragen die Frauen, die von der <lb/>
                 Zeche kommen. — »Der kleine Griguszies, der in die zweite <lb/>
                 Klasse geht.« — »Wo? Wie?« — »Draußen an die Halde, wo <lb/>
                 der dürre Grasplatz ist...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie rennen alle hin. Der Platz ist nicht mehr da, er ist in die <lb/>
                 Tiefe gerissen, ein gewaltiges Loch ist an seiner Stelle. »Das <lb/>
                 ist seine zwanzig Meter tief«, sagen die Kumpels, »und gut <lb/>
                 dreißig breit. Wenn er in dem Trichter verschüttet ist...« — <lb/>
                 »Wir haben hier gespielt«, antworten die Kinder, »der Gri- <lb/>
                 guszies war am weitesten vorn, da hat es auf einmal gezittert, <lb/>
                 da sind wir schnell abgehauen, und dann ist das auch alles <lb/>
                 gleich zusammengesackt.« Frau Griguszies ist wie gelähmt, <lb/>
                 keine Träne will ihr fließen, es schlägt ihr alles aufs Herz. <lb/>
                 »Der Jüngste«, sagt sie, und ihr Kopf fällt tief herab, »nu, <lb/>
                 wo er schon so weit war und wo ich eigentlich keine Sorgen <lb/>
                 mehr mit die Blagen hatte.« Dann schreit sie auf einmal: <lb/>
                 »Holt ihn raus! Holt ihn raus!« und stürzt auf den Trichter <lb/>
                 zu. »Wegbleiben!« Schutzleute kommen und Zechenarbei- <lb/>
                 ter und sperren ab. Die Grubenbeamten erklären, daß noch <lb/>
                 Einsturzgefahr besteht und daß man die Leiche jetzt nicht ber- <lb/>
                 gen kann. »Ja, ist er denn tot?« schreit Frau Griguszies. <lb/>
                 »Muß längst erstickt sein«, antwortet ein Polizist, der die <lb/>
                 Neugierigen zurücktreibt. »Ich bin doch die Mutter, Herr,« <lb/>
                 fleht die Frau voll Demut, »ist er denn tot, er kann ja nicht
                <pb facs="#f0221" n="217"/>
                <lb/>
                 tot sein, er muß ja noch leben, oder ist er schon tot, er kann <lb/>
                 ja nicht tot sein, ich bin doch die Mutter,« wimmert sie. — <lb/>
                 »Das konnte ich nicht wissen, das tut mir leid, aber da ist der <lb/>
                 Mensch doch machtlos«, sagt der Schutzmann unbeholfen, <lb/>
                 es soll ein Trost sein, und er drängt etwas sanfter. Ein alter <lb/>
                 Invalide meint, daß man die Leiche nie mehr herausbekäme, <lb/>
                 da sei ein alter Schacht, der nicht ordentlich zugeschüttet sei. <lb/>
                 »So vor dreißig, vierzig Jahren hat man sich da nicht viel <lb/>
                 drum bekümmert, da gab’s noch kein Gesetz, da war von <lb/>
                 richtigem Bergeversatz keine Rede. Da hat man die Kohle <lb/>
                 rausgeklopft und die Löcher einfach mit ein paar Balken ab- <lb/>
                 gedeckt und fertig war die Laube.«— »Über die Ursache <lb/>
                 wird eine Untersuchung eingeleitet werden«, sagt der Poli- <lb/>
                 zist. »Weitergehen, weitergehen, nicht stehen bleiben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie bekamen die Leiche nicht heraus, alles Graben war ver- <lb/>
                 gebens. »Wer weiß, was da für Hohlräume drunter waren«, <lb/>
                 sagten die Bergleute, »was die Erde hat, gibt sie nicht wieder <lb/>
                 raus. Das is ’ne geheimnisvolle Tiefe.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszies lief auf viele Ämter. Es wurden Ermitt- <lb/>
                 lungen angestellt. Über das Ergebnis wurde nichts bekannt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Krater geriet in Vergessenheit. Als der erste Schnee <lb/>
                 fiel, rodelten die Kinder den Abhang hinunter, mit dem <lb/>
                 Bauch platt auf ihren Kastenschlitten liegend. Das brachte <lb/>
                 das Leben hier so mit sich. Alles, was eine Gefahr war, wurde <lb/>
                 vertraut und umgänglich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein Kind weniger in der Kolonie — es wurden viele neue da- <lb/>
                 für geboren. Weitergehen, weitergehen, nicht stehen bleiben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man sprach wieder über die Sozialisierung, man sprach <lb/>
                 dasselbe wie früher darüber. In Berlin tagte eine Kommission <lb/>
                 und füllte Protokolle und Druckschriften mit gründlichen <lb/>
                 Beratungen über Voraussetzungen und Behauptungen, und <lb/>
                 mit gelehrten Auslegungen von Wenn und Aber. Die Arbei- <lb/>
                 ter lasen es nicht, sie wußten schon, daß Verhandlungen da- <lb/>
                 zu da waren, um zu nichts zu führen. Desto mehr beunruhigte <lb/>
                 es die Angestellten, die noch glaubten, daß wo Rauch sei, <lb/>
                 auch Feuer sein müsse. Darum beriefen sie eine Versamm- <lb/>
                 lung ein, wo Für und Wider abgewogen werden sollte. </p>
            <pb facs="#f0222" n="218"/>
            <p>
                <lb/>
                 Der große Saal der Stadthalle war überfüllt, fast viertau- <lb/>
                 send Menschen waren da, die Gänge standen schon dicht voll <lb/>
                 und immer noch strömte es zu den Türen herein. »Eine nette <lb/>
                 Volksversammlung«, sagte ein schmalbrüstiger junger Mann, <lb/>
                 der bei Paula Griguszies im Arm hing. Es war Otto Witt- <lb/>
                 kamp, ihr Bräutigam, der in dem neuen Presse- und Propa- <lb/>
                 gandabüro beschäftigt war. »Da ist mein Chef«, fuhr er fort <lb/>
                 und zeigte auf einen kahlgeschorenen Kopf, der ohne Hals <lb/>
                 auf der leicht ausgewölbten Schulter zu sitzen schien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Volksversammlung?« fragte Adam Griguszies zurück, <lb/>
                 der auch mitgekommen war, »da könnte man eher Bildungs- <lb/>
                 verein sagen, die Revolution ist überhaupt ein Bildungsver- <lb/>
                 ein geworden, siehst du da oben, was sie für Lehrer hat.« <lb/>
                 Auf dem Podium nahm gerade der Finanzrat Hiebenstein <lb/>
                 Platz, die Leute vom Angestelltenausschuß bemühten sich <lb/>
                 sehr um ihn. Einige, die er noch nicht kannte, wurden ihm <lb/>
                 vorgestellt, man reichte ihm Flugblätter, er nahm sie interes- <lb/>
                 siert, faltete sie zusammen und steckte sie in die Brusttasche. <lb/>
                 Im Saal quetschten sich die Werber der Angestelltenverbände <lb/>
                 durch und priesen die Vorzüge ihrer Weltanschauung an. <lb/>
                 Vorne sprach jemand stolzierende Weisheiten mit einer <lb/>
                 flennenden Stimme, hinten verstanden sie nichts und <lb/>
                 riefen: »Lauter!« Der Mann verstärkte ein wenig seine <lb/>
                 Stimme und fiel gleich wieder in seinen weinerlichen <lb/>
                 Ton zurück. »Ach, da ist ja die Leni«, sagte Paula <lb/>
                 und winkte der Freundin, »Leni Milius, wie lang hab’ <lb/>
                 ich die nicht mehr gesehen.« Leni war aber zu weit weg, man <lb/>
                 konnte nicht durch. »Ist die aber aufgedonnert, gebatikte <lb/>
                 Bluse, hu, wie fein.« — »Kunststück«, sagte Wittkamp, »die <lb/>
                 ist doch Tippmädel beim Vorsteher vom Rechnungsrevisi- <lb/>
                 onsbüro.« — »Sieh mal einer an, daß der Assistent von der <lb/>
                 Eisengießerei sie Stenographieren und Maschinenschreiben <lb/>
                 hat lernen lassen, das wußt’ ich ja, aber wo sie jetzt ist, das <lb/>
                 hab’ ich nicht gewußt.«— »Auf’m Werk heißt es, daß sie mit <lb/>
                 dem Vorsteher ein Verhältnis hat.« — »Was du nicht sagst? <lb/>
                 Die nimmt auch jeden mit.«— »St! Ruhe!« opponierten die <lb/>
                 Umstehenden. »Na, wie denn?« rief Adam, »wozu denn? <lb/>
                 Der Brillengucker verliest bloß einen Leitartikel.« Vorne im
                <pb facs="#f0223" n="219"/>
                <lb/>
                 Saal wurde geklatscht, andere zischten, aus einer Ecke schrie <lb/>
                 einer: »Bermel! Bermel!« Jetzt stand Hiebenstein auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Meine Damen und Herren«, sagte er. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Genossen!« berichtigte Adam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »<hi rendition="#g">Volks</hi>genossen«, lächelte Hiebenstein. »Auf dem hiesi- <lb/>
                 gen Rathaus hat jüngst ein Mitglied der unabhängigen So- <lb/>
                 zialdemokratie verkündet, man würde der Arbeiterschaft die <lb/>
                 Bildung verschaffen, von der sie bisher ausgeschlossen gewe- <lb/>
                 sen wäre. Zur selben Zeit mußten hier, wo wir auf der Kohle <lb/>
                 sitzen, die Schulen wegen Kohlenmangels geschlossen wer- <lb/>
                 den. Sind das Anzeichen einer neuen Kultur? Kultur kann <lb/>
                 man nicht mit schönen Reden vom Himmel herunterholen, <lb/>
                 Kultur kostet Geld und ist daher an die Volkswirtschaft ge- <lb/>
                 bunden. Wir sehen es ja, die Tarifsätze der Städtischen Bade- <lb/>
                 anstalten müssen verdoppelt werden, die Krankenanstalten <lb/>
                 erhöhen die Gebühren, die Straßenbahnfahrscheine werden <lb/>
                 alle paar Wochen teurer.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist bloß die Folge der Geldentwertung!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ganz recht, aber wovon ist die Geldentwertung die Fol- <lb/>
                 ge? Unser Transportwesen fällt von einer Krise in die an- <lb/>
                 dere, Elektrizitätswerke werden stillgelegt, die Bergwerke <lb/>
                 haben kein Material zur Instandhaltung, die Landwirtschaft <lb/>
                 ist ohne Dünger. Was schiert es die Eisenbahner? Nun, da <lb/>
                 haben wir ja gleich die Probe aufs Exempel. Der Eisenbahn- <lb/>
                 betrieb ist staatlich, seit Jahrzehnten ist kein Privatkapital <lb/>
                 mehr drin, hier schuftet der Arbeiter nicht für den Privatun- <lb/>
                 ternehmer. Da konnte sich also der Gemeinsinn des Sozialis- <lb/>
                 mus entfalten, wie? Merkwürdig, aber auch erklärlich, daß <lb/>
                 es gerade hier am trostlosesten aussieht. Die Leute wollen <lb/>
                 doch etwas von der Sache haben, und da wollen sie eben be- <lb/>
                 quemer leben. Wenn sie nichts Greifbares sehen, pfeifen sie <lb/>
                 doch auf den ganzen Schwindel.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sehr richtig!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sehr richtig, ja. Der Staatsbeamte hantiert mit fremdem <lb/>
                 Geld und verwaltet fremde Interessen, in der Privatwirtschaft <lb/>
                 heißt es: auf eigene Rechnung und Gefahr! Das ist das <lb/>
                 Schwungrad und der Regulator, beim Staatsbetrieb sind Vor- <lb/>
                 schrift und Kontrolle doch nur ein mangelhafter Ersatz.« </p>
            <pb facs="#f0224" n="220"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Kaufleute und Ingenieure können doch aus der Pri- <lb/>
                 vatindustrie übernommen werden!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn zwei dasselbe tun, ist es eben nicht dasselbe. Diese <lb/>
                 Persönlichkeiten würden dann sofort wieder die Führung an <lb/>
                 sich reißen, der Betrieb würde also doch nicht in den Händen <lb/>
                 der Gesamtheit liegen. Dann wäre der Sozialismus durch So- <lb/>
                 zialisierung getötet worden, und ein bekannter sozialistischer <lb/>
                 Schriftsteller hat ja schon lange gesagt, daß der Ausbruch der <lb/>
                 wirtschaftlichen Revolution die größte Niederlage der So- <lb/>
                 zialdemokratie wäre. Das Privateigentum ist von jeher ein <lb/>
                 mächtiger Faktor des kulturellen Fortschritts gewesen, weil <lb/>
                 es automatisch den Geist der Ordnung, Sparsamkeit und ge- <lb/>
                 genseitigen Überwachung einschaltet. Nicht umsonst heißt <lb/>
                 das christliche Gebot: was mein ist, das ist dein, nicht aber <lb/>
                 umgekehrt: was dein ist, das ist mein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ist hier eine Bibelstunde?« rief Griguszies, »zur Sache!« <lb/>
                 Diese Versammlung, wo einer der großen Widersacher zu <lb/>
                 Tausenden redete, machte ihm Spaß, er war hier nur Zu- <lb/>
                 schauer und ohne Verantwortlichkeit, und vor allem, vor <lb/>
                 allem nicht allein, wie damals, als ihn der Finanzrat einge- <lb/>
                 seift hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Jawohl,« sagte Hiebenstein, »ich komme zur Sache. Ge- <lb/>
                 halt und Lohn werden aus dem Rohertrag der Fabrik ge- <lb/>
                 schöpft und in guten wie schlechten Zeiten gezahlt, das Risiko <lb/>
                 trägt der Unternehmer allein. Sie wollen Mitbeteiligung. Da <lb/>
                 würden Sie sich aber wundern, wenn das schwankende Ele- <lb/>
                 ment an Stelle der festen Bezüge treten würde. Gewinnbetei- <lb/>
                 ligung in gesunder Form haben Sie bei Risch-Zander schon <lb/>
                 immer gehabt — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aha!« rief Griguszies, »Wohlfahrtl!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gewiß, wem sind denn die großen Beträge zugeflossen, <lb/>
                 die die Firma für Pensions- und Unterstützungskassen ausge- <lb/>
                 geben hat, von all den sanitären und kulturellen Einrichtun- <lb/>
                 gen gar nicht zu reden? Zweihundert Millionen waren es in <lb/>
                 den letzten zehn Jahren, das macht auf den Kopf der Beleg- <lb/>
                 schaft mehr als zweihundert Mark im Jahr. Die Dividende <lb/>
                 betrug im selben Zeitraum auch nur zweihundert Millionen, <lb/>
                 aber siebzig sind überhaupt nicht ausgeschüttet, sondern zur
                <pb facs="#f0225" n="221"/>
                <lb/>
                 Vermehrung des Aktienkapitals und Verbesserung der Anla- <lb/>
                 gen verwandt worden, demnach erhielt die Belegschaft an- <lb/>
                 derthalb mal soviel vom Gewinn wie die Familienaktionäre, <lb/>
                 und wenn man noch die Hälfte der Dividende verteilen wollte, <lb/>
                 kämen auf jeden Werksangehörigen höchstens siebzig bis <lb/>
                 achtzig Mark.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie rechnen Sie denn?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sehr genau, das sollen Sie gleich sehen. Im letzten Ge- <lb/>
                 schäftsjahr hat die Firma dreihundert Millionen für Wohlfahrt <lb/>
                 ausgegeben, außerdem noch fünfzehn Millionen für Ange- <lb/>
                 stellten- und Arbeiterversicherung. Das sind zusammen fast <lb/>
                 dreihundertfünfzig Millionen, oder auf den Kopf der Beleg- <lb/>
                 schaft rund viertausend Mark, und demgegenüber würde <lb/>
                 schließlich die Verteilung einer Dividende von sechseinhalb <lb/>
                 Millionen noch keine zwei Prozent bedeuten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie werfen ja das entwertete Geld mit dem guten durch- <lb/>
                 einander!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mark ist Mark«, sagte Finanzrat Hiebenstein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und das Privatvermögen oben auf Zandershöhe, was ist <lb/>
                 mit dem?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schade, daß dieses laut begackerte Ei ein Windei ist. Die <lb/>
                 Werksleitung kann selbstverständlich in den schwierigen Zei- <lb/>
                 ten der Gegenwart darauf zählen, daß ihr das Privatvermögen <lb/>
                 der Familie zur Deckung der Verbindlichkeiten der Firma zur <lb/>
                 Verfügung steht, es kommt also indirekt abermals der Beleg- <lb/>
                 schaft zugute.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So wogte das noch lange hin und her, Mitternacht war <lb/>
                 längst vorbei, keiner ging und Hiebenstein wich nicht vom <lb/>
                 Platz. Ein Mann schwang sich aufs Podium und las von einem <lb/>
                 Zettel viele Zahlen ab, um zu beweisen, daß das Notgeld der <lb/>
                 Konsumanstalt ein Geschäft für die Firma sei. Jedermann <lb/>
                 freute sich, daß der Firma einmal etwas »auf Heller und Pfen- <lb/>
                 nig« nachgerechnet wurde, aber die ganze Sache hatte schon <lb/>
                 einen humoristischen Hintergrund, um so mehr, als Hieben- <lb/>
                 stein schlagfertig bewies, das das Notgeld kein Geschäft, son- <lb/>
                 dern ein Verlust sei. Eine Resolution ging ein, die sich für die <lb/>
                 Sozialisierung aussprach, Hiebenstein blieb ganz ruhig, sie <lb/>
                 hatte schon keine Aussicht mehr auf Annahme. Er sagte auch
                <pb facs="#f0226" n="222"/>
                <lb/>
                 noch, daß jetzt Ausschüsse für die Konsumanstalt und die <lb/>
                 Wohnungsverwaltung gebildet werden sollten, woran die Be- <lb/>
                 legschaft teilhabe, und daß die Entwicklung der Zahlungs- <lb/>
                 weise nicht auf der Höhe der Zeit stünde, deshalb könnten <lb/>
                 die Beamten sich von nun an ein zu fünf Prozent verzinsliches <lb/>
                 Bankkonto bei der Gehaltskasse anlegen, wohin dann die Ge- <lb/>
                 hälter einfach überwiesen würden. »Noch ein Geschäft für <lb/>
                 die Firma«, fügte er ironisch hinzu und nahm damit die Ein- <lb/>
                 wände vorweg. Sie hätten dann ihr Geld nicht mehr nutzlos <lb/>
                 den ganzen Monat zu Hause, wo es gestohlen werden könn- <lb/>
                 te. — »Hätten wir bloß erst Geld, um es nutzlos hinzulegen!« <lb/>
                 — Ja, dann müßte eben mehr gearbeitet werden. Geld sei <lb/>
                 kein Wertmaßstab mehr, nur noch Arbeit. Alle Leute entle- <lb/>
                 digten sich vor Angst des Besitzes deutscher Wertpapiere, <lb/>
                 und die Ausländer kauften sie »um ’nen Appel unn’n Ei«, <lb/>
                 Deutschland werde ausgepowert, und wenn erst die Amerika- <lb/>
                 ner alles hätten, dann ließen sie unter den Bajonetten des Mi- <lb/>
                 litärs zehn Stunden arbeiten im Akkord. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine zweite Resolution ging ein, die nur noch eine »sorg- <lb/>
                 fältige Prüfung« verlangte, welche Zweige der Wirtschaft für <lb/>
                 die Nationalisierung reif seien, eine dritte kam von den Ober- <lb/>
                 beamten und verwarf jedes »Experiment am kranken Wirt- <lb/>
                 schaftskörper«. Während abgestimmt wurde, hielt ein statt- <lb/>
                 licher Mann mit listigen Augen von seinem Platz aus eine <lb/>
                 Rede; Monarchie oder Republik, das sei gleichgültig, jeder- <lb/>
                 mann müsse seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit tun, <lb/>
                 die Tugend des Fleißes habe das preußische Königtum aufge- <lb/>
                 baut und auf diesem Boden müsse auch die Republik hochge- <lb/>
                 führt werden. Einige schrien scherzhaft Hurrah, die meisten <lb/>
                 aber Bravo; etliche riefen auch dazwischen: »Kommerzien- <lb/>
                 rat! Kommerzienrat!« Denn es war Herr Edelbert Körsch- <lb/>
                 gen, der dort herumfuchtelte, und der Zuruf galt seinem Ver- <lb/>
                 hältnis mit der Tochter des Grossisten, der von einem kleinen <lb/>
                 thüringischen Fürsten noch kurz vor der Revolution zum <lb/>
                 Kommerzienrat ernannt worden war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Tochter des Grossisten war keine Schönheit, Herr <lb/>
                 Körschgen sagte bei sich selbst, sie sehe vorn aus wie ein Ka-
                <pb facs="#f0227" n="223"/>
                <lb/>
                 mel und hinten wie ein Ohrwurm. Herrn Körschgen standen <lb/>
                 nämlich alle Tonarten zur Verfügung, die mannhafte, die <lb/>
                 kriecherische, die phrasenhafte, die verständige und die ge- <lb/>
                 meine. Er war der Sohn eines Fahrradhändlers, der alles ver- <lb/>
                 soffen hatte, und er hatte bei Risch-Zander als Schreiber bei <lb/>
                 der Werkspolizei angefangen. Aber er hatte frühzeitig die <lb/>
                 Aufstiegmöglichkeiten erkannt, die im Werkverein lagen, <lb/>
                 und sich gewaltig hervorgetan. So war er allmählich zu sei- <lb/>
                 nem Posten im Arbeiterpersonalbüro gekommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eva hieß das Mädchen. Er hatte sie wenige Wochen vor <lb/>
                 dem Kriege zum ersten Mal gesehen, damals hatte ihr Vater <lb/>
                 noch einen bescheidenen Kolonialwarenladen. Das bürgerliche <lb/>
                 Kalendarium, das Sonntags Langschlafen, Generalanzeiger- <lb/>
                 lesen, Kirchgang, Frühschoppen, ehelichen Zwist wegen an- <lb/>
                 gebrannter Kartoffeln, Stulleneinpacken, feuchtfröhlichen <lb/>
                 Spaziergang und gesetzlich geschützte Kinderzeugung vor- <lb/>
                 schrieb, wurde zu dieser Zeit zwar noch respektiert, aber be- <lb/>
                 reits als unzulänglich empfunden. Man befolgte die einzelnen <lb/>
                 Programmpunkte, aber man neigte in jedem zu Exzessen. <lb/>
                 Der Werktag war ruhig, eintönig, auskömmlich — da wollte <lb/>
                 man Sonntags außer sich geraten und sich aufregen und über <lb/>
                 seine Verhältnisse leben. Da der Werktag zum dauernden <lb/>
                 Idyll geworden war, brauchte man einmal in der Woche den <lb/>
                 Reiz der Unsicherheit, der Hemmungslosigkeit, der Unver- <lb/>
                 antwortlichkeit. An solchen Sonntagen spürte man, daß jen- <lb/>
                 seits aller Geschäfte und alles Hausfriedens etwas Entschei- <lb/>
                 dendes sich vorbereitete, das den gleichförmigen Ablauf der <lb/>
                 Werktage vielleicht für länger als für vierundzwanzig Stun- <lb/>
                 den unterbrechen würde. An solchen Sonntagen war man <lb/>
                 mehr als Dreher und Büroangestellter und Kolonialwaren- <lb/>
                 händler —: wie sehnte man sich danach, einmal wirklich mehr <lb/>
                 zu sein! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Edelbert Körschgen genoß vorläufig seinen Sonntags- <lb/>
                 rausch als Kompagnieführer im »Jung-Roland«. Er hatte eine <lb/>
                 Schärpe über der Weste, und die Tochter des Grossisten, die <lb/>
                 also noch die Tochter des Kolonialwarenhändlers war, sandte <lb/>
                 ihm heimlich Kußhände zu, aber damals hatte er noch keine <lb/>
                 Ursache, sie zu begehren. Das kam später, als sie ein Gold-
                <pb facs="#f0228" n="224"/>
                <lb/>
                 fisch wurde, wie er sie schnalzend bei sich nannte, und das <lb/>
                 Mädchen nahm ihn liebevoll auf, doch gegen das unerbittliche <lb/>
                 Nein des Vaters war kein Kraut gewachsen. »Werden Sie <lb/>
                 wenigstens erst Prokurist«, das war sein letztes Wort, und da- <lb/>
                 gegen half nur eine Kriegslist. Der Alte hatte ihm, als er zu- <lb/>
                 dringlich wurde, sogar das Haus verboten. Warte, alter Stinker. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie alle Häßlichen, war Eva anhänglich, liebebedürftig <lb/>
                 und besorgt, das festzuhalten, was sie einmal hatte — un- <lb/>
                 bekümmert um anderweitige Chancen, die ihr das Geld <lb/>
                 des Vaters bot. Sie ließ sich Herrn Körschgen nicht aus <lb/>
                 dem Herzen reißen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als er aus der Haft heraus war, besuchte sie ihn im Büro. <lb/>
                 Er schloß die Tür ab und küßte sie. Die Füße traten ange- <lb/>
                 nehm auf dem dicken, weichen Teppich. Er nahm sie in die <lb/>
                 Arme und küßte sie noch mehr, auf Schulter und Hals, sie bog <lb/>
                 sich hintenüber, er drückte sie sachte weiter hinunter. Mit <lb/>
                 dem Fatalismus ihres Geschlechts, der weiß, daß man den <lb/>
                 Ablauf eines schicksalhaften Vorgangs nicht stören kann, legte <lb/>
                 sie sich hin. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Körschgen redete noch fort, die Versammlung wurde <lb/>
                 stürmisch. Herr Körschgen war nicht kleinzukriegen, seine <lb/>
                 Eva hatte ihm morgens erzählt, daß sie in Hoffnung sei. Jetzt <lb/>
                 war sie in dieser Versammlung und betrachtete seine schaumi- <lb/>
                 gen Lippen. Die Resolution mit der sorgfältigen Prüfung <lb/>
                 wurde angenommen. »Das geht zu weit«, rief er, »diese Re- <lb/>
                 solution bringt nicht die Ansicht der Stammbeamten zum <lb/>
                 Ausdruck, die schon vor dem Krieg im Dienst der Firma <lb/>
                 standen!« Zugleich dachte er: jetzt muß der Alte klein bei- <lb/>
                 geben, er hat eine Scheißangst vorm Skandal, schon weil so <lb/>
                 viel über seinen Kommerzienrat gemunkelt wird, jetzt muß <lb/>
                 er ran und Haare lassen. »Man muß nur den Mut zur Unpo- <lb/>
                 pularität haben«, sagte er zu einem Bekannten in seiner Nähe. <lb/>
                 Er bezog es auf beides, auf sein Auftreten in der Versamm- <lb/>
                 lung und gegen den Grossisten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Selbst auf Zandershöhe drang das Thema des Tages unru- <lb/>
                 hevoll ein. Alle Augenblicke reiste ein anderer Direktor nach
                <pb facs="#f0229" n="225"/>
                <lb/>
                 Berlin. Die Lage war nicht ungünstig, die Referenten in den <lb/>
                 Ministerien waren meistens die alten geblieben, was wollten <lb/>
                 die neuen Minister ohne sie beginnen. Nach und nach begriff <lb/>
                 der Freiherr den Umschwung, der sich unabhängig von der <lb/>
                 Politik vollzog, ausgelöst von unkontrollierbaren, unaufhalt- <lb/>
                 baren Kräften. Die alte Tradition war nicht mehr der Sockel, <lb/>
                 auf den man ein Denkmal stellen konnte, sie wurde aus einer <lb/>
                 zahmen Metapher zu einer ultimativen Drohung. Der Staats- <lb/>
                 und Wirtschaftsverfassung, die selbst den Vater zum Beam- <lb/>
                 ten, zum Vorgesetzten seiner Kinder gemacht hatte, wurde <lb/>
                 der Boden entzogen. Eine große Niederlage der Gefühle, <lb/>
                 ein Triumph der baren Zahlung bereitete sich vor. Ottokar <lb/>
                 Wirtz, der Schöpfer einer neuen Tradition, riß die Herrschaft <lb/>
                 an sich. Zwar führte der Aktienbesitz noch nicht zur Anony- <lb/>
                 mität, das nicht; der Unternehmer blieb noch immer ein ganz <lb/>
                 persönlicher Begriff. Aber die Unternehmung wurde pseudo- <lb/>
                 nym, die Furcht vor der Entscheidung, die zuletzt ein Kenn- <lb/>
                 zeichen der entarteten individualistischen Gesinnung gewor- <lb/>
                 den war, wurde der Anlaß, daß man jetzt Masken trug. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In früheren Zeiten sagte der Freiherr einfach: »Allen Ge- <lb/>
                 walten zum Trotz sich erhalten«, und dann war alles, alles <lb/>
                 gut. Jetzt wirkte das nicht mehr. Er wollte hören, wie die an- <lb/>
                 deren dachten. Unter dem Vorwand einer durch die Verhält- <lb/>
                 nisse verspäteten Feier zur Befreiung von Kropf, Wirtz und <lb/>
                 Schellhases lud er die Industriellen auf sein Schloß. Diesmal <lb/>
                 kam auch der alte Felgenhauer. Er ging sofort auf Schellhase <lb/>
                 junior zu und fragte ihn, ob irgend etwas wahr gewesen sei <lb/>
                 an der Beschuldigung, daß er mit dem Feind über den Ein- <lb/>
                 marsch ins Revier verhandelt hätte; er solle es als deutscher <lb/>
                 Mann gerade heraus sagen, dann könne er, Felgenhauer, <lb/>
                 nicht mit ihm an einem Tisch sitzen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der junge Schellhase stützte sich auf einen Stuhl und sagte <lb/>
                 scharf: »Fragen Sie meinen Vater, was wir in Lothringen ver- <lb/>
                 loren haben. Die Gesamtförderung an Erzen betrug 1913 in <lb/>
                 Deutschland 28,6 Millionen Tonnen, davon fielen allein 21,1 <lb/>
                 auf Lothringen. Sie wissen selbst, wieviel unser Haus davon <lb/>
                 besessen hat, es war mehr als die Hälfte. Ich habe versucht, <lb/>
                 auf dem Weg über die Generale eine wirtschaftliche Verstän-
                <pb facs="#f0230" n="226"/>
                <lb/>
                 digung anzubahnen, ehe das Friedensdiktat perfekt wurde. <lb/>
                 Im übrigen nehme ich natürlich in diesen Zeiten die Ordnung, <lb/>
                 wo ich sie finde.« Felgenhauer schwieg; Wirtz sah sein läng- <lb/>
                 liches, weißbärtiges Gesicht an und seine Stirn, die groß und <lb/>
                 mächtig in die Höhe und Breite wuchs, und flüsterte Näßler <lb/>
                 ins Ohr: »Mit dem müssen wir zusammenkommen.« Dann <lb/>
                 sah er auch den jungen Schellhase an und mußte dabei an sei- <lb/>
                 nen eigenen Sohn denken, der nicht viel taugte. Plötzlich <lb/>
                 sagte er: »Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß der <lb/>
                 Reichtum der Eltern die geistige Entwicklung der Nachkom- <lb/>
                 men hemmt...« Da kein äußerer Zusammenhang mit seinen <lb/>
                 Worten erkennbar war, blickten sie zaghaft zu ihm hinüber. <lb/>
                 Der Freiherr erzitterte, Schellhase junior sagte: »Natürlich ist <lb/>
                 das Ganze eine Führerkrise, aber Sie haben uns doch durch <lb/>
                 Ihre Arbeitsgemeinschaft mit den Gewerkschaften die Hände <lb/>
                 gebunden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was das betrifft —, wir haben mit den Gewerkschaften die <lb/>
                 besten Erfahrungen gemacht. Sie haben vor lauter Stolz, daß <lb/>
                 sie jetzt bei jeder Kleinigkeit befragt werden, immer Ja ge- <lb/>
                 sagt zu unseren Plänen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dafür haben Sie ja auch ein Kohlenschiff auf den Namen <lb/>
                 eines ihrer Häuptlinge getauft«, sagte Schellhase junior sehr <lb/>
                 spitz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es war mir nicht sympathisch«, antwortete Wirtz, »aber <lb/>
                 ich hielt es für notwendig. Ich habe den Häuptling sogar bei <lb/>
                 mir zu Tisch gehabt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In meinem Hause, ja. Wir müssen aufhören, die Gegner <lb/>
                 zu kränken, wir müssen sie einladen... Wir müssen aufhö- <lb/>
                 ren, die Unbotmäßigen zu entlassen, wir müssen sie beför- <lb/>
                 dern... Wir haben uns bisher zu sehr unserer wirtschaftli- <lb/>
                 chen Tagesarbeit gewidmet, wir müssen uns eine Rücken- <lb/>
                 deckung im Bereich des politischen Lebens schaffen...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior horchte auf. Vorsichtig fragte er: »Wie <lb/>
                 meinen Sie das? Mir sind Kreise bekannt, die über eine Ge- <lb/>
                 genrevolution beraten...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Um Gotteswillen,« sagte der Freiherr, »wir brauchen Ru- <lb/>
                 he, Ruhe, Ruhe! Das würde uns ja wieder ins Chaos stürzen!« </p>
            <pb facs="#f0231" n="227"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Furcht vor der Gegenrevolution ist völlig unbegrün- <lb/>
                 det«, meinte Krogoll, »sie kommt ja doch nicht. Auch die <lb/>
                 politischen Gegner des Umsturzes müssen zugeben, daß ein <lb/>
                 wirtschaftlicher Aufstieg auf absehbare Zeit nur in der Re- <lb/>
                 publik möglich ist.« Der junge Schellhase sagte nichts mehr <lb/>
                 dazu, es war nicht ratsam, sich hier zu verraten. Ottokar <lb/>
                 Wirtz behauptete, man müsse die politische Tätigkeit gera- <lb/>
                 dezu damit anfangen, daß man die Gegenrevolution, gäbe es <lb/>
                 eine, bekämpfe; nie habe die Industrie solche Chancen ge- <lb/>
                 habt wie jetzt unter dem neuen Regime, er werde sich über- <lb/>
                 legen, ob er sich nicht in den Reichstag wählen lassen solle. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das kostet zuviel Zeit«, bemerkte Näßler, der hier eine <lb/>
                 Gefahr sah. »Gewisse Dinge gedeihen besser, wenn man <lb/>
                 sie nicht selbst tut. Der Reichstag braucht Männer, die <lb/>
                 sonstwo entbehrlich sind, Männer, die Freiheit genug be- <lb/>
                 sitzen, unsere Politik zu vertreten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Industriellen wurden unruhig. Außer Felgenhauer und <lb/>
                 Schellhase senior saß keiner mehr auf seinem Stuhl. Schellhase <lb/>
                 junior forderte, daß die Werkvereine wiederkämen, und Kropf <lb/>
                 nahm die Forderung auf: ja, aber etwas Taktik konzediere <lb/>
                 er, sie müßten nach außen in Form einer Gewerkschaft auf- <lb/>
                 gezogen werden. »Ich bin spekulativen Erwägungen ab- <lb/>
                 hold«, beharrte der junge Schellhase, und der alte sekun- <lb/>
                 dierte ihm: »Mein Sohn ist ein aufbauender Charakter.« — <lb/>
                 »Nun also«, schloß Wirtz. »Dazu gehört nicht bloß der Ruf <lb/>
                 nach Ordnung, sondern noch mehr der Wille zur Unter- <lb/>
                 ordnung... Ich bin auch kein Philanthrop, ich tue das, was <lb/>
                 sich bezahlt macht... Ich habe meine Interessen, warum sol- <lb/>
                 len die Arbeiter nicht die ihren haben? Es handelt sich darum, <lb/>
                 wer mehr Zeit und mehr Klugheit hat, die Geldmacht ist <lb/>
                 nicht einmal die Hauptsache... Was heißt Sieg der: Welt- <lb/>
                 anschauung? Was heißt Sieg des Kapitals? Es gibt nur <lb/>
                 Siege des Raffinements... Die Arbeiter begehen den Feh- <lb/>
                 ler, daß sie offene Gewalttaten verüben, wir sind im Vor- <lb/>
                 teil, weil wir unsere Gewalttaten logisch motivieren und in- <lb/>
                 nerhalb des geschriebenen Rechts erscheinen lassen...« Der <lb/>
                 Freiherr opponierte, er weigerte sich aufrichtigen Herzens, <lb/>
                 daran zu glauben, daß die Industrie Gewalttaten begehe.
                <pb facs="#f0232" n="228"/>
                <lb/>
                 »Ich habe es auch nicht gern, wenn man es so nennt,« sagte <lb/>
                 Kropf, »und sei es unter uns, man soll den Teufel nicht <lb/>
                 an die Wand malen.« — »Sicher ist es der klügste Kurs ,« be- <lb/>
                 merkte Ottokar Wirtz, »überhaupt keine Versprechungen zu <lb/>
                 machen, dann kommt man nicht in die Verlegenheit, sie ent- <lb/>
                 weder zu halten oder der Gewalt geziehen zu werden. Es <lb/>
                 gibt aber auch unausgesprochene Versprechungen, die in der <lb/>
                 Natur des Betriebs liegen... Die größte Unzufriedenheit hat <lb/>
                 immer die kleinsten Ursachen, irgend ein Gezänk mit dem <lb/>
                 Meister, oder dergleichen... Wenn der Meister dann brutal, <lb/>
                 unehrlich und hinterhältig ist, wird es auf unser und der <lb/>
                 kapitalistischen Wirtschaft Konto geschrieben... Deshalb <lb/>
                 müssen wir dafür sorgen, daß die unteren Organe in kleinen <lb/>
                 Dingen gegenüber dem einzelnen Mann nachgiebig sind und <lb/>
                 ihr Wort halten, desto fester und zweideutiger können wir <lb/>
                 in großen Dingen gegenüber den Gewerkschaften sein...« <lb/>
                 Der Freiherr hielt es nicht länger aus, er fiel ihm ins Wort: <lb/>
                 »Bei den großen Fortschritten, die die Arbeiter gemacht ha- <lb/>
                 ben, daß man von ihnen auch etwas soziales Verständnis <lb/>
                 für die Unternehmer erwarten. Wo kämen wir denn hin? <lb/>
                 Sozialisierung, Betriebsräte, Reparationen — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Glauben Sie, daß wir die je zahlen müssen?« fragte Kro- <lb/>
                 goll, »damit rechne ich gar nicht. Die Feinde haben schon <lb/>
                 auf die Auslieferung unserer Offiziere verzichtet, sie werden <lb/>
                 noch auf manches andere verzichten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vorläufig haben wir die Inflation«, sagte Wirtz. »Immer <lb/>
                 herunter mit dem Geld, da hört das Zahlen von selber auf... <lb/>
                 Wir haben den Krieg verloren, jetzt heißt es die Geldschlacht <lb/>
                 gewinnen... Die Betriebsräte werden unser gefügiges In- <lb/>
                 strument sein, sie kommen unseren Grundsätzen sehr zu- <lb/>
                 statten, ihr Mitbestimmungsrecht wird die Pflicht zur Mit- <lb/>
                 verantwortung sein... In einer sozialistischen Zeitschrift <lb/>
                 stand vor kurzem, daß die Wirtschaft noch in der Pflege der <lb/>
                 Privatkapitalisten zu belassen sei, nur müsse das Produzieren <lb/>
                 von Gütern in Zukunft eine Art öffentlichen Amtes und da- <lb/>
                 her moralischer Kontrolle unterworfen sein...« — »Was?« <lb/>
                 tief erfreut der Freiherr aus, »das haben wir ja längst. War <lb/>
                 es nicht immer der Leitstern für Risch-Zander, dem allge-
                <pb facs="#f0233" n="229"/>
                <lb/>
                 meinen Wohl zu dienen?« — »Sie sehen, Herr von Zander, <lb/>
                 daß sich die Auffassungen der Kapitalisten und Sozialisten <lb/>
                 zu nähern beginnen... Jetzt fängt die Zeit des Kapitalismus <lb/>
                 erst richtig an, meine Herren! Ich möchte, daß wir eine Ver- <lb/>
                 einigung gründeten zur Wahrung unserer gemeinsamen In- <lb/>
                 teressen... Ich möchte sie scherzhaft taufen die »Union der <lb/>
                 festen Hand“ — wenn Sie nichts dagegen haben. Herr Kro- <lb/>
                 goll könnte Vorsitzender werden, er ist nicht so belastet... .« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Soll das ein Kompliment sein?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Oder nicht so exponiert, wenn Sie wollen... Als Ge- <lb/>
                 schäftsführer wüßte ich einen General, der mich besucht hat <lb/>
                 und mir brauchbar zu sein scheint... Herrn von Grußen- <lb/>
                 baum... Sie kennen ihn wohl, Herr von Zander, er war <lb/>
                 zuletzt im Gefolge des Kaisers. Und dann müssen wir un- <lb/>
                 bedingt noch einen Kulturphilosophen haben, einen Pessi- <lb/>
                 misten, der eine neue Geschichtsauffassung vertritt...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Felgenhauer saß steif aufgerichtet da und sah ihn die ganze <lb/>
                 Zeit über an. Ihre Blicke ruhten lange ineinander. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was halten Sie davon?« fragte Kropf, der noch mit dem <lb/>
                 Freiherrn zusammen blieb, als die anderen weg waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich weiß nicht. Ist es töricht oder teuflisch? Auf alle <lb/>
                 Fälle ist es verblüffend.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich vermisse die befreiende Tat, Herr von Zander. Dieser <lb/>
                 Ottokar Wirtz besitzt ein Maß von Vorurteilslosigkeit, das <lb/>
                 mir nahe an Urteilslosigkeit zu grenzen scheint.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 BERICHT DES GENERALANZEIGERS </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unter dem Vorsitz des Arbeitsministers wurde in der Ar- <lb/>
                 beitsgemeinschaft ein Überschichtenabkommen getroffen, <lb/>
                 wonach die Belegschaften des Steinkohlenreviers unter Tage <lb/>
                 wöchentlich zweimal im Anschluß an die regelmäßigen Schich- <lb/>
                 ten je eine halbe Überschicht (3 ½, Stunden) zur Erhöhung <lb/>
                 der Kohlenförderung verfahren werden. Für diese Über- <lb/>
                 stunden wird anstatt des tarifmäßigen Lohnzuschlags von
                <pb facs="#f0234" n="230"/>
                <lb/>
                 25%, unter Tage ein solcher von 100%, und über Tage, so- <lb/>
                 weit dort Überstunden erforderlich sind, ein solcher von <lb/>
                 50%, gezahlt werden. Die Lebensmittelversorgung der an die- <lb/>
                 ser Arbeit Beteiligten wird auf folgende Grundlage gestellt: <lb/>
                 monatliche Brotmenge 12 kg, wöchentliche Fettmenge ½ kg. <lb/>
                 Der Preis ist derselbe wie für die rationierten Lebensmittel. <lb/>
                 Dieses Abkommen gilt vorläufig für einen Monat. Es <lb/>
                 wird sowohl inner- wie außenpolitisch die beste Wirkung <lb/>
                 erzielen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am Samstag Morgen gegen neun Uhr hielt Unter den <lb/>
                 Linden ein Offizier der Reichswehr zu Pferde. Er verlas eine <lb/>
                 Kundgebung, in der erklärt wird, daß die Reichsregierung <lb/>
                 abgesetzt ist. An Stelle des bisherigen Reichskanzlers ist der <lb/>
                 Generallandschaftsdirektor getreten. Eine von der Reichs- <lb/>
                 kanzlei ausgegebene Mitteilung besagt: Die Regierung hat <lb/>
                 aufgehört zu sein. Eine neue Regierung der Ordnung, der <lb/>
                 Freiheit und der Tat wird gebildet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Polizei- und Sicherheitsbehörden werden in dieser <lb/>
                 kritischen Lage nichts anderes tun, als die Ruhe und Sicher- <lb/>
                 heit aufrechterhalten. In den Betrieben legten die Arbeiter <lb/>
                 am Nachmittag die Arbeit nieder, da die Gewerkschaftskom- <lb/>
                 mission den Generalstreik proklamiert hat. Die Straßen sind <lb/>
                 stark belebt. Bei den Massendemonstrationen in der Haupt- <lb/>
                 stadt des Reviers beteiligten sich gegen 20 000 Arbeiter. Her- <lb/>
                 nach kam es zu Zusammenstößen auf dem Platz vor dem <lb/>
                 Rathaus, der schon lange Sammelpunkt zahlreicher Neugie- <lb/>
                 riger und solcher Elemente war, die nur die günstige Gele- <lb/>
                 genheit zu Ausschreitungen abwarteten. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der anhaltische Gesandte in Berlin telegraphierte der an- <lb/>
                 haltischen Regierung in Dessau, daß der Generallandschafts- <lb/>
                 direktor den bedingungslosen Rücktritt erklärt habe. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am Morgen brachen schwere Kämpfe aus zwischen den <lb/>
                 in der Nacht angekommenen Truppen, der Bürger- und Si- <lb/>
                 cherheitswehr einerseits und den bewaffneten Arbeitern an- <lb/>
                 dererseits. Gegen Mittag setzten sich die Arbeiter in den Be- <lb/>
                 sitz der Stadt. Soweit bisher festgestellt werden konnte, hat <lb/>
                 der Kampf 70 Tote und 200 Verwundete gekostet. Die ge- <lb/>
                 schlagenen Reste des Freikorps sind auf der Flucht. Der Voll-
                <pb facs="#f0235" n="231"/>
                <lb/>
                 zugstat des Arbeiterrats macht bekannt, daß er die öffent- <lb/>
                 liche Gewalt übernommen hat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An der Nordwestgrenze des Reviers hat sich ein regel- <lb/>
                 rechter Stellungskrieg entwickelt. 6000 Mann Reichswehr- <lb/>
                 truppen stehen im Kampf. Die Arbeiter versuchten, ihre <lb/>
                 Stellungen zu stürmen, wurden aber durch heftiges Artillerie- <lb/>
                 feuer daran gehindert. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regierung hat der Roten Armee ein Ultimatum ge- <lb/>
                 stellt. Die Bedingungen sind: Anerkennung der verfassungs- <lb/>
                 mäßigen Staatsautorität, Wiedereinsetzung der staatlichen <lb/>
                 Verwaltungs- und Sicherheitsorgane, sofortige Auflösung <lb/>
                 der Roten Armee, völlige Entwaffnung der gesamten Bevöl- <lb/>
                 kerung unter Aufsicht der rechtmäßigen Organe, sofortige <lb/>
                 Freigabe der Gefangenen. Anderenfalls erfolgt ein umfassen- <lb/>
                 der Angriff durch die Truppen. Hierzu erläßt das Wehrkreis- <lb/>
                 kommando Ausführungsbestimmungen, worin es heißt, daß <lb/>
                 die Bedingungen als nicht erfüllt gelten, falls binnen zwölf <lb/>
                 Stunden noch Teile der Roten Armee unter Waffen stehen <lb/>
                 oder nur ein Gefangener sich noch in den Händen der Auf- <lb/>
                 rührer befindet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Minister erklärt, daß die militärischen Stellen keinen <lb/>
                 Einfluß auf seine Entschlüsse haben, die Entscheidung, ob <lb/>
                 Militär einzugreifen hat, hängt allein von ihm ab. Es ist auch <lb/>
                 Vorsorge getroffen, daß die Truppen nicht in den Verdacht <lb/>
                 geraten, Gegenrevolutionäre zu sein. Sie sollen daher <lb/>
                 schwarzrotgoldene Fahnen und Embleme mit sich führen. <lb/>
                 Außerdem ist der Befehl gegeben, möglichst schonend vor- <lb/>
                 zugehen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Besetzung der Stadt durch die Reichswehr nahm den <lb/>
                 planmäßigen Verlauf. Um 3 Uhr nachmittags war der Kampf <lb/>
                 in vollem Gange. Zwei Granaten zerbrachen die Kuppel des <lb/>
                 Rathausturms. Unter Führung eines Leutnants wurde das <lb/>
                 Rathaus von vierzehn Mann gestürmt. Dann wurde in schwe- <lb/>
                 ren Kämpfen die Innenstadt gesäubert. Reichswehrtruppen <lb/>
                 und Rote Garde beschossen sich mit Maschinengewehren. <lb/>
                 Panzerautomobile trugen zum schnellen Erfolg der Truppen <lb/>
                 bei. Einige als Spartakistenführer bezeichnete Leute wur- <lb/>
                 den festgenommen und im Hof des Rathauses erschossen,
                <pb facs="#f0236" n="232"/>
                <lb/>
                 da sie den Begleitmannschaften in den mit Passanten ange- <lb/>
                 füllten Fluren entwichen waren. Auch einige von der Stadt <lb/>
                 aufgestellte Sicherheitsposten wurden versehentlich erschos- <lb/>
                 sen. Der Befehlshaber hat dem Oberbürgermeister zugesagt, <lb/>
                 daß die Irrtümer untersucht werden sollen. Ein Standgericht <lb/>
                 ist eingesetzt, die Urteile werden sofort durch Erschießen <lb/>
                 vollstreckt. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frankfurt am Main wurde von französischen Truppen be- <lb/>
                 setzt. Der Oberkommandierende der alliierten Besatzungs- <lb/>
                 truppen begründet diesen Bruch des Friedensvertrags wie <lb/>
                 folgt: »Die Berliner Regierung hat unter dem Druck der Mi- <lb/>
                 litärpartei eine plötzliche Offensive der Reichswehr gegen die <lb/>
                 Arbeiterschaft des Industriegebiets angeordnet. Dadurch hat <lb/>
                 sie eine der wesentlichsten und feierlichsten Bestimmungen <lb/>
                 des Friedensvertrags verletzt.« Die Reichsregierung hat an <lb/>
                 die Bevölkerung folgenden Aufruf gerichtet: »Unerhörter ist <lb/>
                 mit dem Weltfrieden nie gespielt worden, als es hier Frank- <lb/>
                 reich tut. Die Reichsregierung weiß, daß die Bevölkerung <lb/>
                 der betroffenen Städte die Notwendigkeit versteht und be- <lb/>
                 stätigt, daß im Industrierevier Ordnung geschaffen werden <lb/>
                 mußte, damit das deutsche Wirtschaftsleben nicht aus Koh- <lb/>
                 lenmangel zugrunde gehe.« </p>
            <pb facs="#f0237" n="233"/>
            <p>
                <lb/>
                 UMSTELLUNG </p>
            <p>
                <lb/>
                 ZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der mystisch umwitterte Felgenhauer entstammte einem <lb/>
                 lebensfrohen rheinischen Weberhaus. Hatte er sich in sei- <lb/>
                 ner Jugend kaum von den verwöhnten Fabrikantensöh- <lb/>
                 nen der Zeit unterschieden, die das behagliche Leben im <lb/>
                 gutsituierten Elternhaus mit der wirtschaftlichen Wirk- <lb/>
                 lichkeit verwechselten, so wurde er doch noch früh genug <lb/>
                 dem gleichgültigen Schicksal einer Generation entrissen, die <lb/>
                 das Eigentum als ererbten Begriff hinnahm und jenseits dieses <lb/>
                 Bezirks so wenig Interessen hatte, daß bei einem regelmäßi- <lb/>
                 gen Gang der Dinge selten der wahre Charakter und die <lb/>
                 wahre Fähigkeit eines Menschen zum Durchbruch kamen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Christian Felgenhauer wurde verwandelt, als das heimische <lb/>
                 Milieu zusammenfiel. Er entfaltete sich, als die Widerstände <lb/>
                 eines fremden Milieus ihn entzündeten. Plötzlich starb der <lb/>
                 Vater, die Weberei machte Bankerott, der Geschäftsführer <lb/>
                 schoß sich eine Kugel in den Kopf. Das war ausgangs der <lb/>
                 fünfziger Jahre. Der Felgenhauersche Betrieb war zu kon- <lb/>
                 servativ gewesen und hatte sich nicht rechtzeitig von der <lb/>
                 Hand auf die Maschine umgestellt. Die Welt sah also anders <lb/>
                 aus, und Christian Felgenhauer lernte sie auch anders sehen. <lb/>
                 Nicht nur, daß Geldverdienen jetzt nicht mehr die Möglich- <lb/>
                 keit es auszugeben bedeutete, sondern die Notwendigkeit sich <lb/>
                 zu ernähren —; auch ein Naturgesetz wurde offenbar, näm- <lb/>
                 lich daß es im Wesen des Besitzes liegt, überhaupt nicht er- <lb/>
                 halten, nur vergrößert oder vernichtet werden zu können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was sollte nun geschehen? — Gerade machte das Stein- <lb/>
                 kohlenrevier von sich reden, jedermann raffte dort, Einhei- <lb/>
                 mische und Ausländer. Schwarze Diamanten! Das Wort <lb/>
                 wirkte wie ein Fieberbazillus. Schwarze Diamanten in auf- <lb/>
                 teizenden Mengen. Spezereiwarenhändler, Lehrer, Rechtsan- <lb/>
                 wälte, Ärzte und Landwirte ließen ihr Erspartes in Kohlen- <lb/>
                 minen arbeiten. Eine neue Zunft stand auf, die Zunft der <lb/>
                 Anteilbesitzer, der Bergwerksgesellschafter oder »Gewer-
                <pb facs="#f0238" n="234"/>
                <lb/>
                 ken«, wie sie in Kürze sich nannten, Leute, die keine über- <lb/>
                 legenden Unternehmer im üblichen Sinne waren, sondern ri- <lb/>
                 gorose Bodenausbeuter, die eine neue und außerordentlich <lb/>
                 gewinnbringende Art der Vermögensanlage witterten, brutal <lb/>
                 auf ihren Nutzen bedachte Aktionäre, die mit ihrem dicken <lb/>
                 Kopf und mit ihrem Unverstand den Technikern und Kauf- <lb/>
                 leuten, den Fachmännern und Sachverständigen zu gebieten <lb/>
                 suchten. Hier wird es darauf ankommen, wer den längern <lb/>
                 Atem hat, dachte Felgenhauer schon damals und nahm in <lb/>
                 seiner Phantasie den späteren Sieg der Verwaltungsbeamten <lb/>
                 über die Aktionäre vorweg. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Daß zwischen Felgenhauer und Näßler, wenn auch keine <lb/>
                 kommerzielle Fühlung, so doch eine gewisse berufliche Sym- <lb/>
                 pathie bestand, war kein Geheimnis; daß dagegen Felgen- <lb/>
                 hauer niemals mit Wirtz zusammenkommen könne, war nicht <lb/>
                 nur für die Industriellen eine ausgemachte Sache, sondern <lb/>
                 überhaupt für alle, die Felgenhauers sprichwörtlich gewor- <lb/>
                 denen Eigensinn kannten, seine stolze, herrische Natur, seine <lb/>
                 unbeugsame Geradheit und vor allem seine Gewohnheit, auf <lb/>
                 nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen und aller Welt, <lb/>
                 ob Freund, Feind oder Verhandlungspartner, grob und un- <lb/>
                 beirrt seine Meinung ins Gesicht zu schleudern. Er hegte <lb/>
                 eine unaussprechliche Geringschätzung gegenüber einer Ge- <lb/>
                 neration, die ihr entscheidendes Erlebnis am kaiserlichen Hof <lb/>
                 hatte, ja er selbst hatte Kirche und Kaisertum den Rücken <lb/>
                 gekehrt zu einer Zeit, wo das noch auffällig und auch für <lb/>
                 einen Kohlensouverän nicht ganz ungefährlich war, und nie- <lb/>
                 mand kann sagen, was es für Folgen gehabt hätte, wäre es zu <lb/>
                 ebendieser Zeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gewor- <lb/>
                 den. Stattdessen wurde aber nur bekannt (und vielleicht war <lb/>
                 dies die Rache der Krone), daß er der schärfste Gegner der Ko- <lb/>
                 alitionsfreiheit der Arbeiter war. In der Tat wäre er nie zu be- <lb/>
                 wegen gewesen, ein Wort mit einem Gewerkschaftsführer <lb/>
                 zu wechseln, er hätte es nicht allein für unter seiner Würde, <lb/>
                 er hätte es auch für den Anfang vom Ende der Privatwirt- <lb/>
                 schaft gehalten. Dieser grollende Bismarckianer, der auf die <lb/>
                 Einpeitscher der Sozialgesetzgebung schimpfte und auf sei-
                <pb facs="#f0239" n="235"/>
                <lb/>
                 nem Landsitz hauste wie der Alte im Sachsenwald, dieser <lb/>
                 FÜRST DER ARBEIT — und Ottokar Wirtz, der Speku- <lb/>
                 lant, der Opportunist, der Kompromißler, der Gedanken ver- <lb/>
                 barg und Handlungen mit List beging? Nein, das war wie <lb/>
                 Feuer und Wasser. Übrigens hatten sie einander auch stets <lb/>
                 gemieden und keiner hatte sich je über den anderen geäußert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dennoch hatte der Spürhund Wirtz gewisse Übereinstim- <lb/>
                 mungen entdeckt, mindestens ließen sich gewisse Tatsachen <lb/>
                 als Übereinstimmungen deuten. Daß sie beide auf Kredit an- <lb/>
                 gefangen hatten, mochte zufällig und äußerlich sein, immer- <lb/>
                 hin war es interessant. Felgenhauer hatte der ersten Zeche, <lb/>
                 die ihn als kaufmännischen Leiter engagierte, zehntausend <lb/>
                 Taler Kaution stellen sollen und keine hundert besessen. Er, <lb/>
                 Ottokar Wirtz, mit fünfundzwanzig Jahren Prokurist in der <lb/>
                 Kohlenhandelsfirma, die sein verstorbener Vater gemeinsam <lb/>
                 mit seinen vier Brüdern betrieben hatte, brauchte damals <lb/>
                 dreißigtausend Mark für ein eigenes Geschäft und hatte keine <lb/>
                 tausend. Beide hatten sie das Geld leihen müssen, womit sie <lb/>
                 loslegten, und wie loslegten. Beide waren sie in eine faule <lb/>
                 Zeit, in eine träge Sippe hineingeraten. Beide hatten sie, je- <lb/>
                 der freilich mit seinen Mitteln, ihre organisatorischen Ideen <lb/>
                 durchgesetzt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon in den siebziger Jahren war der Markt mit Kohlen <lb/>
                 gesättigt, dreihundert Schächte warten im Revier abgeteuft. <lb/>
                 Das dauernde Überangebot drückte auf den Preis: ums Jahr <lb/>
                 achtzig kostete die Tonne Fettkohle nur noch 5,48 Mark und <lb/>
                 an den Kontoren der Eisenindustrie stand »Der Eintritt ist <lb/>
                 den Kohlenreisenden verboten«, denn auch dort war Flaute <lb/>
                 und die größeren Werke versorgten sich schon alle aus eige- <lb/>
                 nen Gruben. Bei den Bergwerksgesellschaften aber herrschte <lb/>
                 Anarchie: Gewerke gegen Verwaltung, Verwaltung gegen <lb/>
                 Betriebsführer, Ressortstreitigkeiten, Intrigen. Jeder Ge- <lb/>
                 werke zeigte die hatte Stirn, jeder Kohlenpütt gebärdete sich <lb/>
                 als Mittelpunkt der Erde; keiner verdiente etwas, aber keiner <lb/>
                 wollte einen Zoll von seinen Ansprüchen aufgeben. Die Ar- <lb/>
                 beiter wurden in der Öffentlichkeit noch nicht gehört, sie <lb/>
                 mußten für die schlechte Konjunktur büßen, es ward nicht <lb/>
                 viel Federlesen mit ihnen gemacht. Trostlose Jahre schlichen
                <pb facs="#f0240" n="236"/>
                <lb/>
                 hin; mit viel Mühe und Not kam zwischen einzelnen Zechen <lb/>
                 eine Förderkonvention zustande, die zwar ein wenig System <lb/>
                 in das Verhältnis zwischen Produktion und Nachfrage brach- <lb/>
                 te, aber an der Absatzkrise und den Preisen nicht viel änderte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Immer länger wurden die Ketten hoffnungslos aufgeschüt- <lb/>
                 teter Kohlenhalden, die begehrten »schwarzen Diamanten« <lb/>
                 waren zu einem gewöhnlichen Dreck geworden. Man schrieb <lb/>
                 88, und noch kostete die Tonne nicht mehr als 6,40 Mark. <lb/>
                 Da kam eine Hilfe, und woher kam sie? Sie kam von den <lb/>
                 Arbeitern, die ihre Waffe noch nicht führen gelernt hatten. <lb/>
                 Zum ersten Mal traten die Bergleute in den Ausstand und <lb/>
                 verletzten dabei einen ökonomischen Grundsatz, demzufolge <lb/>
                 die Anwendung dieser Waffe in Zeiten niedergehender Kon- <lb/>
                 junktur aussichtslos ist. Vorübergehend stieg der Kohlen- <lb/>
                 preis auf 10,72 Mark. Die Gewerken, die in wirtschaftliche <lb/>
                 Bedingungen vielleicht noch weniger Einsicht hatten als die <lb/>
                 Arbeiter, glaubten schon über die pessimistischen Gruben- <lb/>
                 vorstände triumphieren zu können. Sie lachten über Felgen- <lb/>
                 hauer, der davon sprach, daß die Unternehmer Solidarität <lb/>
                 üben und den Verkauf organisieren müßten. Solidarität? <lb/>
                 Jeder mußte sehen, daß er nach all den Entbehrungen zu- <lb/>
                 nächst einmal etwas Fett für sich selber abschöpfte. Wenn <lb/>
                 sie erst alle wieder der Schuh drückte, würden sie noch <lb/>
                 genug Solidarität üben können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein bißchen skeptisch bei all ihrer Selbstsicherheit sind <lb/>
                 sie ja doch, dachte Felgenhauer, und dieses Bißchen Skepsis <lb/>
                 war die Bresche, durch die seine Gedanken Einschlupf fan- <lb/>
                 den in die engstirnige Fronde der Partikularisten. Die wilde <lb/>
                 Konkurrenz müsse einem statutarisch geregelten Wettbewerb <lb/>
                 weichen, sagte et, anstelle des gegenseitigen Unterbietens <lb/>
                 müsse das feste Gefüge einer Dachgesellschaft treten, die jede <lb/>
                 Grube mit einer bestimmten Quote am Gesamtverkauf zu <lb/>
                 beteiligen habe, und endlich müsse man begreifen, daß eine <lb/>
                 straffe Organisation in guten Jahren ebenso zum Angriff <lb/>
                 tauge wie zur Abwehr in schlechten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und dies war nun auch der Punkt, von wo Ottokar Wirtz, <lb/>
                 nachdem er Felgenhauer einmal aufs Korn genommen hatte, <lb/>
                 Parallelen zog zum Wirken seiner eigenen Person. »Zu seiner
                <pb facs="#f0241" n="237"/>
                <lb/>
                 Zeit,« sagte er zu Näßler, der schon statistisches Material <lb/>
                 für das geplante Vorgehen zusammentrug, »zu seiner Zeit <lb/>
                 bestand der Unsinn darin, daß die Produktion planlos auf <lb/>
                 den Markt geworfen wurde... Zu meiner Zeit besteht der <lb/>
                 Unsinn darin, daß planlos produziert wird... Er machte <lb/>
                 dem Nebeneinander und Aneinandervorbei ein Ende, und <lb/>
                 will ich nicht genau dasselbe? Damals war es lächerlich, daß <lb/>
                 jeder Pütt sein eigenes Verkaufsbüro hatte, heute ist es lächer- <lb/>
                 lich, daß der eine Kohle gräbt, der andere damit handelt <lb/>
                 und der dritte beliebige Erzeugnisse damit herstellt... Diese <lb/>
                 wirtschaftlichen Vorgänge müssen in einer Hand vereinigt <lb/>
                 werden... Kohle ist heute der Ursprung aller Bedarfsgegen- <lb/>
                 stände, Kohle steckt selbst im Gemüse, denn zur Gemüse- <lb/>
                 zucht braucht man künstlichen Dünger und zur Düngerge- <lb/>
                 winnung Kohle... In der Kartoffelsuppe, die die Frau dem <lb/>
                 Kumpel auf den Tisch stellt, stecken mindestens zwei Kilo- <lb/>
                 gramm Kohle, zusammengesetzt aus Düngerfabrikation, Bo- <lb/>
                 denbearbeitung, Wasserleitung und Herdbefeuerung... Wer <lb/>
                 Kohle hat, beherrscht alles, beherrscht selbst noch diesen <lb/>
                 Topf mit Kartoffelsuppe auf dem Tisch des Kumpels... <lb/>
                 Also ist es logisch, daß wer Kohle hat, mit ihr auch alles <lb/>
                 selber fabriziert, was irgendwo gebraucht wird, Eisen, Elek- <lb/>
                 trizität, Verkehrsmittel, Nahrungsmittel, Papier, was immer <lb/>
                 es sei... Eine vertikale Gliederung möchte ich das nennen, <lb/>
                 wissen Sie, vom Rohstoff zum Fertigfabrikat und wieder <lb/>
                 zurück zu neuen Rohstoffen und wieder vorwärts zu neuen <lb/>
                 Fertigfabrikaten und so fort, und so fort, alles in einer Hand... <lb/>
                 Es garantiert eine Verbilligung für den Verbraucher und ein <lb/>
                 Mehr an Gewinn für den Unternehmer... Sollte der Mann, <lb/>
                 der das erste Kartell geschaffen hat, dafür kein Verständnis <lb/>
                 haben?« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Anfangs der neunziger Jahre wurde Christian Felgenhauet, <lb/>
                 der mittlerweile nicht müßig gewesen war, Kohlenkuxe für <lb/>
                 sich zu erwerben, Vorstandsmitglied beim Westdeutschen <lb/>
                 Bergwerksverein, dem zu dieser Zeit außer mehreren Schäch- <lb/>
                 ten in Lothringen und Oberschlesien schon fünfzehn Gruben <lb/>
                 und eine Eisenhütte im Revier gehörten. Indem er sich die
                <pb facs="#f0242" n="238"/>
                <lb/>
                 Verbesserung des Brikettierungsverfahrens angelegen sein <lb/>
                 ließ, sicherte er die Rentabilität einiger Magerkohlenzechen, <lb/>
                 die unter dem Besitz seiner Gesellschaft waren; sein Ansehen <lb/>
                 stieg und seine Macht, nach drei Jahren wurde er General- <lb/>
                 direktor. 7,29 notierte die Tonne Kohlen, jetzt hieß es biegen <lb/>
                 oder brechen. Er steckte sich hinter einen Bankier, der be- <lb/>
                 reits in einigen Unternehmungen führend war. Es gelang, <lb/>
                 diese zu einer Verkaufsgemeinschaft zusammenzuschließen, <lb/>
                 das Beispiel fand Nachahmung, die verschiedenen Verkaufs- <lb/>
                 vereine kartellierten sich auch untereinander. Schon hatte <lb/>
                 Felgenhauer den Vertrag eines allgemeinen Kohlensyndikats <lb/>
                 entworfen, schon war unter seinem Vorsitz die entscheidende <lb/>
                 Versammlung zusammengetreten, da standen einige Dele- <lb/>
                 gierte auf und verlangten Änderungen zu ihren Gunsten. Un- <lb/>
                 ruhe kam in die Versammlung, aus allen Ecken meldete man <lb/>
                 sich zum Wort, Felgenhauer wurde rot und blaß, der Zorn, <lb/>
                 daß eine Sekunde vorm Erfolg ein paar Querulanten die <lb/>
                 Schlacht verpatzen könnten, führte ihm den Arm, der mit <lb/>
                 weit ausholender Bewegung die Versammlung für aufgelöst <lb/>
                 erklärte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ob diese Gebärde nun unwillkürlich oder berechnet war <lb/>
                 — sie beförderte ihren Urheber auf den Platz des Diktators. <lb/>
                 Eine Panik brach aus, man scharte sich um ihn, man be- <lb/>
                 schwor ihn, den Zwischenfall zu entschuldigen; jene Dele- <lb/>
                 gierten, an deren Einspruch die Versammlung gescheitert <lb/>
                 war, standen ganz verschüchtert da, taten im stillen einen <lb/>
                 Kniefall und ließen nachträglich mit sich reden. Wenige Mo- <lb/>
                 nate darauf ritt Christian Felgenhauer an der Spitze des Koh- <lb/>
                 lensyndikats und dirigierte seine Kerntruppe, den West- <lb/>
                 deutschen Bergwerksverein, tapfer durch alle Schlachten hin- <lb/>
                 durch, die in der Folgezeit um die Quoten entbrannten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nichts hatte sich geändert in den dreißig Jahren, die seit- <lb/>
                 dem verflossen waren. Nur, daß der Westdeutsche Berg- <lb/>
                 werksverein jetzt auch ein gewaltiges Kabel-, Draht- und <lb/>
                 Röhrenwerk besaß, und daß Felgenhauer, mittlerweile in den <lb/>
                 siebzig, seinem Aufsichtsrat präsidierte und auch in den Roh- <lb/>
                 stahl-, Stabeisen- und Röhrenkartellen ein gewichtiges und <lb/>
                 selten angenehmes Wort zu reden hatte. </p>
            <pb facs="#f0243" n="239"/>
            <p>
                <lb/>
                 Freilich war er sowohl in seinen Grundsätzen wie in seiner <lb/>
                 Methodik beim neunzehnten Jahrhundert stehen geblieben. <lb/>
                 Darüber täuschte sich am wenigsten Wirtz, der keine unab- <lb/>
                 änderlichen Grundsätze kannte; aber gerade hieraus schöpfte <lb/>
                 er Hoffnung für das Geschäft, das er vorhatte. Er meinte: <lb/>
                 wo es um die Existenz geht, muß sich auch die Prinzipien- <lb/>
                 starrheit schnell orientieren. Der Pessimist Felgenhauer <lb/>
                 braucht jetzt einen Optimisten, der ihm auf dem glatten Bo- <lb/>
                 den einer neuen Zeit die Sorge für die Sicherheit seiner Füße <lb/>
                 abnimmt, damit er seiner Gewohnheit, den Kopf nach den <lb/>
                 Sternen zu wenden, auch weiterhin nachgehen kann, ohne <lb/>
                 zu straucheln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mochte dabei Felgenhauers Name ruhig in der vordersten <lb/>
                 Linie bleiben. Wirtz hatte kein Interesse daran, seine Unterneh- <lb/>
                 mungen, noch viel weniger die Beweggründe seiner Unterneh- <lb/>
                 mungen, ins Licht zu rücken. Er war ein Verehrer des Clair- <lb/>
                 obscur und empfand die Pikanterie des Zwielichts als Ge- <lb/>
                 schäftselement, nicht etwa als schmeichlerischen Hintergrund <lb/>
                 seines Porträts. Andererseits täuschte er nie Interesse vor, <lb/>
                 wo er keins hatte. Weder von sich noch von anderen for- <lb/>
                 derte er Idealismus, da er überall eine Möglichkeit sah, auch <lb/>
                 mit Materialismus fertig zu werden, und da er außerdem <lb/>
                 überzeugt war, daß es in der Welt kein ideelles Motiv gebe, <lb/>
                 das nicht durch einen materiellen Hintergedanken veranlaßt <lb/>
                 wäre. Er führte den Segen der Widersprüche ein, wo man <lb/>
                 vor lauter Folgerichtigkeit zu erstarren drohte, war frei von <lb/>
                 Tradition, frei von familiären Sentiments und hielt nichts von <lb/>
                 persönlicher Aufmachung, wiewohl er auch nichts von dem <lb/>
                 Kokettieren mit persönlicher Schlichtheit und vernachlässig- <lb/>
                 tem Äußeren hielt, das manche Industriellen beliebten und <lb/>
                 das er als »negativen Hochmut« zu bezeichnen pflegte. Aber <lb/>
                 er repräsentierte nicht, er stellte nichts vor, er lebte gleichsam <lb/>
                 unterirdisch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was er begann, war im allgemeinen mehr Unterwerfung <lb/>
                 als Erwerbung, doch sagte er nie, wenn er jemanden ver- <lb/>
                 schluckt hatte: wir haben ihn gezwungen sich zu ergeben, <lb/>
                 sondern immer: »wir haben es ihm wesentlich erleichtert, <lb/>
                 uns entgegenzukommen«. Daß er deswegen vielerorts ver-
                <pb facs="#f0244" n="240"/>
                <lb/>
                 rufen war, wußte er. Es hieß, daß er über Leichen ginge. <lb/>
                 »Ist das ein Einwand,« fragte er, »wo sie doch schon von <lb/>
                 der Zeit als Tote gezeichnet sind?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es bietet sich eine günstige Gelegenheit: Christian Felgen- <lb/>
                 hauer feiert den 75. Geburtstag. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man ist ein wenig erstaunt, daß es Wirtz ist, der den Vor- <lb/>
                 schlag macht, den alten Streithahn durch eine Huldigung der <lb/>
                 Bergherren zu ehren, doch ist man es nicht zu sehr, weil <lb/>
                 man sich mehr und mehr daran gewöhnt hat, daß er in allen <lb/>
                 Tagesfragen der Industrie die Initiative ergreift. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So nehmen denn dreihundert Bergwerksdirektoren, die <lb/>
                 sich bescheidentlich »Bergmänner« nennen, feierlich Auf- <lb/>
                 stellung; jeder eine Fackel in der Hand, nehmen sie Auf- <lb/>
                 stellung weit jenseits des Flusses im Wald, in dessen nacktem <lb/>
                 Geäst der junge Saft noch braust und stöhnt. Es ist Ende <lb/>
                 April, aber die Erde ist noch stumpf und kalt, der deutsche <lb/>
                 Märzputsch scheint auch den Frühling zurückgeschreckt zu <lb/>
                 haben. Der Sturm springt in den Gehröcken und Paletots <lb/>
                 herum, der Regen trommelt auf den Zylinderhüten, an den <lb/>
                 Schuhen kleben Lehmbrocken und braune Blätter vom vori- <lb/>
                 gen Herbst, die nassen verschmierten Hosen ringeln sich um <lb/>
                 die Beine, alle Eleganz geht zum Teufel. Die Wolken brül- <lb/>
                 len, mit wildem Geheul fällt die Finsternis über die Fackeln <lb/>
                 her, ehemalige Militärmusiker spielen, aufgescheuchte Raben <lb/>
                 schreien; dazwischen Pfiffe der Ordnungspolizei irgendwo- <lb/>
                 her aus der Dunkelheit, fern verflatternde Autosignale, Trom- <lb/>
                 petenstöße. Es geht los. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man braucht nicht viel zu marschieren, man wird vorwärts <lb/>
                 gepeitscht vom Wind. Aus einer Lichtung zwischen Tannen <lb/>
                 tauchen die verschwommenen Konturen eines Landsitzes auf, <lb/>
                 »Trutzburg« hat ihn der Alte genannt. Am Dach flammt ein <lb/>
                 Transparent: Schlägel und Eisen, darunter die Zahl 75 zwi- <lb/>
                 schen den Buchstaben CH und F. Unten formieren sich die <lb/>
                 Fackelträger im Halbkreis. Ottokar Wirtz tritt vor und <lb/>
                 spricht. Die Nacht verschlingt es, man vernimmt abgerissene <lb/>
                 Stücke: »Dreihundert Grubendirektoren, jeder für sich ein <lb/>
                 Machthaber, der es mit jedem aufnimmt und mit keinem auf-
                <pb facs="#f0245" n="241"/>
                <lb/>
                 zunehmen braucht, wenn er nicht will... Dreihundert Gru- <lb/>
                 bendirektoren verlieren ihren Schatten, verschmelzen in der <lb/>
                 Nacht, werden Masse vor einer Persönlichkeit, die nichts an- <lb/>
                 deres ist als was sie selbst sind, nur eben dreihundert in <lb/>
                 Einem...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf der Terrasse der Trutzburg steht jemand und schwenkt <lb/>
                 unaufhörlich den Hut. Musik, Musik, Musik. »Der Gott, <lb/>
                 der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwei Tage danach folgte Wirtz einer privaten Einladung <lb/>
                 zur Trutzburg. Die Unterhaltung kam schwer in Gang und <lb/>
                 stockte häufig, obgleich Näßler als Mittelsmann gute Stich- <lb/>
                 worte brachte. Entscheidende Wendungen sprach man jeden- <lb/>
                 falls noch nicht zu Ende. Wirtz bezeugte seine Hochachtung <lb/>
                 vor dem Mann, der Zeit seines Lebens aus seinem Herzen <lb/>
                 keine Mördergrube gemacht habe, und verzeichnete mit Ge- <lb/>
                 nugtuung, daß die INDUSTRIEKAPITÄNE große Pro- <lb/>
                 bleme großzügiger lösen könnten als die nachgeordneten In- <lb/>
                 teressenten, die immer um Stellung und Einkommen besorgt <lb/>
                 seien. Felgenhauer entgegnete unverbindlich, daß jedermann <lb/>
                 nach seiner Überzeugung zu handeln habe, und daß man na- <lb/>
                 türlich im Augenblick zwischen Irrtum und Wahrheit keine <lb/>
                 objektive Grenze ziehen könne, doch hätten sich starke Irr- <lb/>
                 tümer für die großen Entwicklungsepochen der Menschheit <lb/>
                 stets wirksamer erwiesen als mattherzige Wahrheiten. »Wis- <lb/>
                 sen Sie übrigens«, fragte er beiläufig, »daß der FEINDBUND <lb/>
                 neunzig Milliarden Goldmark von uns verlangt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Innerhalb von dreißig Jahren, jawohl. Daraus wird wohl <lb/>
                 nichts werden. Die Mark fällt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In den Abgrund.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So Gott will, Herr Felgenhauer.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Damit ging man auseinander — »an die Arbeit«, sagte Fel- <lb/>
                 genhauer, als wäre schon eine Verabredung getroffen wor- <lb/>
                 den. Für Wirtz jedoch bedeutete »Arbeit« ebensoviel wie <lb/>
                 »Bearbeitung«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der internationalen Elektroindustrie hatte um diese Zeit <lb/>
                 ein großes Rennen auf die Absatzmärkte eingesetzt, und die
                <pb facs="#f0246" n="242"/>
                <lb/>
                 große deutsche Elektrizitätsgesellschaft hätte gern daran teil- <lb/>
                 genommen, obwohl das Mißtrauen der Welt, die ungeklärte <lb/>
                 Reparationsfrage und verschiedene Paragraphen des Friedens- <lb/>
                 vertrages dies sehr erschwerten. Um so notwendiger erschien <lb/>
                 es, zunächst die Inlandsbasis zu verstärken und die techni- <lb/>
                 schen Fortschritte dem Ausbau des deutschen Stromnetzes <lb/>
                 dienstbar zu machen. Indessen fehlte zu so kostspieligen Pro- <lb/>
                 jekten nach der Stagnation der Kriegsjahre das Kapital, und <lb/>
                 was noch bedenklicher war, die Produktionskosten der Elek- <lb/>
                 trizitätsgesellschaft waren viel zu hoch. Es handelte sich also <lb/>
                 ebenso sehr um die Finanzierung der Produktion wie um die <lb/>
                 Finanzierung des Konsums. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Näßler hatte diese Dinge genau beobachtet und unterbrei- <lb/>
                 tete Wirtz das Material. Der fragte sofort: »Was brauchen <lb/>
                 diese Leute also, damit sie imstande sind, fürs in- und auslän- <lb/>
                 dische Geschäft gute Ware wohlfeil herzustellen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie brauchen billiges Geld, billige Kohle, Eisen, Röhren, <lb/>
                 Kabel, Draht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun.... Röhren, Kabel, Draht hat Felgenhauer, Kohle <lb/>
                 und Eisen habe ich selbst und Geld hat mein Bankier, Herr <lb/>
                 Hugo Mehren. Kommt die Allianz zustande, so kriegt er da- <lb/>
                 für einen neuen Aufsichtsratsitz und wir andern kriegen billi- <lb/>
                 gen Strom für unsere Betriebe.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Bankier Mehren, der hier in Frage stand, war ein <lb/>
                 Mann, der sowohl zu Wirtz wie zu Felgenhauer paßte. Ob- <lb/>
                 gleich er in nahen finanziellen Beziehungen zum Kaiser und <lb/>
                 zu den kaiserlichen Ministern gestanden hatte, hatte er jede <lb/>
                 Titelverleihung energisch ausgeschlagen. Das verband ihn <lb/>
                 mit Felgenhauer. Unter denselben Gesichtspunkten, worun- <lb/>
                 ter die »Union der festen Hand« projektiert war, hatte er den <lb/>
                 Bankierverband begründet und war immer darauf bedacht ge- <lb/>
                 wesen, durch verborgenes Wirken neue Arbeitsgebiete zu er- <lb/>
                 schließen. Das verband ihn mit Wirtz. Eigentlich hieß er <lb/>
                 Hugo Nathan, aber er war evangelisch getauft, denn seine <lb/>
                 Mutter war eine Christin gewesen, die auffallend schöne Toch- <lb/>
                 ter eines bergischen Scherenfabrikanten, dessen Gläubiger <lb/>
                 das Nathansche Bankhaus war. Hugo Mehren war schon mit <lb/>
                 zweiundzwanzig Jahren in die Reihe der Geschäftsinhaber
                <pb facs="#f0247" n="243"/>
                <lb/>
                 aufgenommen worden. Jetzt war er der Senior, doch befan- <lb/>
                 den sich die Aktien nach wie vor in vielen Händen einer weit <lb/>
                 verzweigten und zum Teil untereinander verfeindeten Fami- <lb/>
                 lie. Dieser Umstand kam Ottokar Wirtz zustatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch der Dollarstand kam ihm zustatten. Viele Familien, <lb/>
                 die sich früher bei großem Besitz spartanisch gebärdet hatten, <lb/>
                 gaben sich nämlich jetzt bei verringertem Besitz einem aus- <lb/>
                 schweifenden Leben hin. Zusehends größer wurde der Hun- <lb/>
                 ger nach Geldscheinen. Was hatten diese Leute von Aktien- <lb/>
                 paketen? Sie kamen an den Bettelstab damit, es war totes <lb/>
                 Kapital. Wirtz kaufte sie ihnen ab für lebendiges Geld, das <lb/>
                 sie umsetzen konnten, heute und morgen, das lustig rollte, <lb/>
                 obwohl es aus Papier war, und das ihnen infolge der aufge- <lb/>
                 druckten Ziffern die Illusion eines vervielfachten Reichtums <lb/>
                 gewährte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf diese Weise also ging die Majorität des Bankhauses <lb/>
                 Nathan nach und nach auf Wirtz über. Es geschah keineswegs <lb/>
                 ohne Wissen von Hugo Mehren, im Gegenteil, dieser för- <lb/>
                 derte die Transaktion, denn er wurde dadurch seine Familien- <lb/>
                 querulanten los, und mußte er dafür auch eine gewisse Zeit <lb/>
                 unter der Botmäßigkeit des Industriellen verbringen, so ent- <lb/>
                 schädigte ihn das Bewußtsein, daß die Wirtzsche Expansions- <lb/>
                 politik auf die Dauer für niemanden anders als den überleben- <lb/>
                 den Bankier segensreich sein werde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So standen die Dinge, als Wirtz mit seinem Konzernplan <lb/>
                 an ihn herantrat. Er überlegte: das hieß von der Elektroin- <lb/>
                 dustrie das Bekenntnis zu einer vollkommen neuen Geschäfts- <lb/>
                 politik verlangen. »Sollen wir sie dazu zwingen? Es gibt na- <lb/>
                 türliche Mittel...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bitte«, sagte Wirtz. »Wir werden sie aber nur so weit an- <lb/>
                 wenden, daß die Elektrizität es vorziehen muß, in freund- <lb/>
                 schaftlichem Geist mit uns zusammenzuarbeiten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Gerüchte über ungeheueren Kreditbedarf der Elektri- <lb/>
                 zitätsgesellschaft verstummten an der Börse nicht mehr: von <lb/>
                 Amerikanern läge ein Angebot vor, das einer Aufgabe der <lb/>
                 Selbständigkeit des Unternehmens gleichkäme, überdies be- <lb/>
                 reite die Regierung ein Gesetz gegen die Überfremdung der <lb/>
                 deutschen Wirtschaft vor. Mehren selbst kurbelte den De-
                <pb facs="#f0248" n="244"/>
                <lb/>
                 mentierapparat an und sorgte dafür, daß die Dementis so ab- <lb/>
                 gefaßt wurden, daß sie in erster Linie das zurückwiesen, was <lb/>
                 gar nicht behauptet worden war. Die Börse stürzte sich dat- <lb/>
                 auf und fand in den Lücken reichliche Nahrung. »Die Be- <lb/>
                 wegung ist so rapide,« erklärte Mehren, »daß ich eher brem- <lb/>
                 sen als antreiben muß.« Den Generalangriff wollte er an <lb/>
                 einem Freitag ansetzen, »Freitag ist Baissiertag,« sagte er, <lb/>
                 »da haben die Kurse schon vier Tage Trommelfeuer hinter <lb/>
                 sich und können keinen Stoß mehr vertragen, und über Sams- <lb/>
                 tag und Sonntag gibt es an der Börse bekanntlich keine Erho- <lb/>
                 lungsmöglichkeit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als der Tag der Friedensunterzeichnung sich zum ersten <lb/>
                 Mal jährte, hatten Wirtz und Mehren dreißig Prozent Elektri- <lb/>
                 zitätsaktien in Besitz; elf fehlten noch zur relativen Mehrheit. <lb/>
                 Die Verwaltung der Gesellschaft wurde nervös, sie ließ bei <lb/>
                 Wirtz sondieren, welche Absichten er hätte und unter welchen <lb/>
                 Bedingungen er gegebenenfalls eine weitere Beunruhigung <lb/>
                 des Marktes unterlassen würde. Langsam und vorsichtig kam <lb/>
                 der Plan der Interessengemeinschaft ans Licht, aber die Her- <lb/>
                 ren von der Elektrizitätsgesellschaft sahen sofort seine Tük- <lb/>
                 ken. »Ihnen,« sagten sie zu Näßler, »Ihnen sichert er einen <lb/>
                 alsbald wirksamen Vorteil, Ihnen räumt er die Beherrschung <lb/>
                 eines bedeutenden ‚Absatzgebietes Ihrer Produkte ein, oben: <lb/>
                 drein legen Sie Beschlag auf einen Teil unserer Stromerzeu- <lb/>
                 gung, und was bieten Sie uns?«— »Wir machen Betriebsmit- <lb/>
                 tel für die Erweiterung Ihres Unternehmens flüssig, ohne daß <lb/>
                 Sie mit Zinsendienst belastet werden, ist das nichts? Diese <lb/>
                 Gegenleistung sollten Sie wohl zu würdigen wissen.«— »Aber <lb/>
                 diese Art der Investierung läuft doch wieder auf eine Kon- <lb/>
                 fiszierung hinaus, die wir von anderer Seite einfacher haben <lb/>
                 könnten.« Näßler wurde sehr liebenswürdig: »Nur daß Sie, <lb/>
                 wenn Sie mit uns zusammengehen, nach außen Ihr Prestige <lb/>
                 wahren.« — »Sie irren, wenn Sie glauben, daß uns sowieso <lb/>
                 nichts anderes übrig bliebe.« — »Also wollen Sie nicht?«— <lb/>
                 »Das hängt davon ab, ob Sie uns sagen wollen, was Sie für <lb/>
                 den Fall unserer Ablehnung zu tun gedenken.«— »Gewiß, <lb/>
                 wir werden uns entweder auf dem offenen Markt verschaffen, <lb/>
                 was Sie uns nicht gönnen, oder. wir werden selbst ein Elektri-
                <pb facs="#f0249" n="245"/>
                <lb/>
                 zitätswerk errichten, je nachdem, was im Augenblick vorteil- <lb/>
                 hafter sein wird.« Hierauf erklärten die Herren, daß man ja <lb/>
                 die Verhandlungen einmal aufnehmen könne, der Rücktritt <lb/>
                 stehe ihnen dann immer noch frei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Felgenhauet, der durch den Verlust seines lothringischen <lb/>
                 und oberschlesischen Besitzes nicht unwesentlich geschwächt <lb/>
                 worden war und dessen Kohlensyndikat nur noch durch die <lb/>
                 Zwangsaufsicht der Regierung zusammengehalten wurde, <lb/>
                 war »im Prinzip« mit allem einverstanden. Das Prinzip ge- <lb/>
                 nügte Wirtz, die Einzelheiten regelte Näßler. Außer diesem <lb/>
                 beschäftigte er jetzt noch einen zweiten Adjutanten, den Be- <lb/>
                 triebsdirektor Clemens Faulstich, der schon vor Jahren ein- <lb/>
                 mal als Grubeninspektor bei ihm gewesen war und als der <lb/>
                 beste Kenner aller Kohlenflöze des Reviers galt. In seiner <lb/>
                 Jugend hatte er aber nicht nur hier, sondern auch in den Gru- <lb/>
                 ben von Lothringen, Belgien, England und Amerika selbst <lb/>
                 die Hacke geführt; er genoß einen gleich guten Ruf als Wis- <lb/>
                 senschaftler, Techniker, Kaufmann und Propagandist. War <lb/>
                 Näßler der Arbeiter, so war er der Beller von Wirtz — gele- <lb/>
                 gentlich nannte sie dieser Spaßes halber auch Pferd und <lb/>
                 Hund. Hatte Näßler im stillen zu minieren und bauen, so <lb/>
                 hatte Faulstich die Gegner öffentlich einzuschüchtern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Einigung erfolgte schnell, da man sich schließlich aller- <lb/>
                 seits mit dem Willen zur Einigung an den Verhandlungstisch <lb/>
                 begeben hatte. Wirtz unterbreitete Formulierungen, die <lb/>
                 kaum umstritten wurden, da sie der Auslegung einen kleinen <lb/>
                 Spielraum ließen. Nicht die Härte und Zähigkeit war das Ge- <lb/>
                 fährliche an diesem Mann, die Ruhe war es, womit er Über- <lb/>
                 raschungen in Selbstverständlichkeiten verwandelte. Seine <lb/>
                 Ansicht ging dahin, daß die Auslegung von Vertragsbedin- <lb/>
                 gungen eine Angelegenheit sei, deren Erledigung einem spä- <lb/>
                 teren Zeitpunkt vorbehalten bleiben müsse, und die Herren <lb/>
                 von der Elektrizitätsgesellschaft pflichteten ihm bei, daß man <lb/>
                 das Einigende über das Trennende stellen müsse. Schließlich <lb/>
                 konnten sie sich mit einer Lage abfinden, die ihnen nicht ohne <lb/>
                 reelle Garantien die Hände band. Wirtz war zwar ein Erobe- <lb/>
                 rer, aber kein Halsabschneider. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Meine Herren, die Felgenhauer-Wirtz-Elektro-Allianz ist
                <pb facs="#f0250" n="246"/>
                <lb/>
                 perfekt... Ein phantastischer Block, wird es draußen hei- <lb/>
                 ßen... Gerade darum werden alle Teile gut dabei fahren.« <lb/>
                 Ottokar Wirtz erhob sich, schwer und verschlossen wie im- <lb/>
                 mer, man merkte ihm nichts an als die ernste und scheinbar <lb/>
                 selbstlose Sorge um den Bestand der Wirtschaft. Innerlich <lb/>
                 freute er sich, daß er auf einem Höhepunkt seiner Macht an- <lb/>
                 gelangt war. Macht? Hatte er eigentlich Machthunger? Nein, <lb/>
                 auch keinen Ehrgeiz und keine Eitelkeit. Aber es machte ihm <lb/>
                 Spaß, seine Macht zu gebrauchen — ohne daß er sich über die <lb/>
                 Triebfeder seiner Aktionen sonderlich Rechenschaft abgelegt <lb/>
                 hätte. Die öffentliche Meinung war geteilt, ebenso viele, wie <lb/>
                 ihn für schädlich hielten, hielten ihn für nützlich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In diesen Tagen ging eine neue Reparationsforderung ein, <lb/>
                 269 Milliarden auf 42 Jahre. Ottokar Wirtz traf sich in Frank- <lb/>
                 reich mit einem französischen Marquis. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unterdessen waren in den Hütten und Zechen die ersten <lb/>
                 Betriebsräte nach dem neuen Gesetz gewählt worden. Kurz <lb/>
                 und heftig war der Wahlkampf gewesen, jedoch ohne den <lb/>
                 inneren Schwung, den führende Sozialpolitiker angesichts <lb/>
                 eines Gesetzes erwartet hatten, das (wie sie glaubten) den Ar- <lb/>
                 beitern die Mitverwaltung der großen Unternehmungen über- <lb/>
                 trug. Man schrieb dies hauptsächlich dem Umstand zu, daß <lb/>
                 die Gewerkschaften in den Wirren, die auf den Putsch gefolgt <lb/>
                 waren, ihre Standorte nicht hatten bewahren können. In der <lb/>
                 Tat benutzten sie die Betriebsratswahlen, um sich vor ihren <lb/>
                 Mitgliedern zu rehabilitieren. Die Christlichen, die wegen <lb/>
                 ihrer unentschiedenen Haltung in den Vollzugstäten viel Ter- <lb/>
                 rain verloren hatten, bemühten sich, den freien Gewerkschaf- <lb/>
                 ten den Rang abzulaufen, indem sie einen weit radikaleren <lb/>
                 Ton anschlugen und die Lohnforderungen jener ständig um <lb/>
                 ein Drittel überboten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Achtzehn Prozent der Kinder im Revier seien unterernährt; <lb/>
                 nirgends sei die Unfallsterbeziffer so groß wie hier; nur fünf- <lb/>
                 undzwanzig Prozent der Industriearbeiterkinder hätten ein <lb/>
                 Bett für sich; in jeder zweiten Familie müßten Knaben und <lb/>
                 Mädchen in einem Raum schlafen; in jeder fünften teilten sie <lb/>
                 dasselbe Bett; die Ernährung bestehe fast nur noch aus He-
                <pb facs="#f0251" n="247"/>
                <lb/>
                 ringen, Margarine, Brot und Kartoffeln; das Wohnungs- <lb/>
                 elend erzeuge Familienzerrüttung, die Statistik der Eheschei- <lb/>
                 dungen beweise das; die Körperkräfte der Bergleute seien er- <lb/>
                 schöpft, zu Hause fänden sie keine Erholung; das Kost- und <lb/>
                 Schlafgängerwesen verderbe die Jugend — was das denn für <lb/>
                 eine Lotterwirtschaft sei in dieser HOCHBURG DES KA- <lb/>
                 PITALS? Freilich sei der Einfluß der modernen Großstadt- <lb/>
                 reklame schuld an der Erzeugung falscher Bedürfnisse, durch <lb/>
                 die das geringe Einkommen noch empfindlicher fühlbar <lb/>
                 werde, und die Sozialisten vernichteten mit ihrer Lehre auch <lb/>
                 noch den Glauben an das Edle und Schöne. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies stellten die Christlichen fest. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Freigewerkschaftlichen ihrerseits parierten diese Attak- <lb/>
                 ken mit der Behauptung, daß die Christen nur in den Ar- <lb/>
                 beiterversammlungen ein großes Maul hätten, in den Ver- <lb/>
                 handlungen mit den Unternehmern aber ihre Pflöcke gleich <lb/>
                 um hundert Meter zurücksteckten und es überhaupt grund- <lb/>
                 sätzlich anderen überließen, die Kastanien aus dem Feuer zu <lb/>
                 holen. Die Republik sei gewiß voll Not, Verwirrung und <lb/>
                 Häßlichkeit, aber sie sei auch kühn und gestaltend und gebe <lb/>
                 aus ihrer Fülle jedem, der mit ihr wachsen wolle; auch sie <lb/>
                 werde aus der Welt kein Paradies machen können, aber sie <lb/>
                 werde der Welt ein klareres Gesicht geben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hierfür verbürgten sich die Sozialisten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwischen beiden standen die Hirsche, welche die Maximen <lb/>
                 der demokratischen Vernunft verteidigten; in der Praxis <lb/>
                 führte es dazu, daß sie wenig Anhänger hatten und sich bald <lb/>
                 nach dieser, bald nach jener Seite verneigen mußten. Sie sag- <lb/>
                 ten, daß man im Streit der Meinungen sachlich bleiben, das <lb/>
                 Vergangene ruhen lassen, die Gegensätze überbrücken und <lb/>
                 aus allen Geschehnissen und Bestrebungen das Gute heraus- <lb/>
                 lesen müsse, und daß der goldene Mittelweg der beste sei. <lb/>
                 Deshalb hielten sie auch unentwegt die Fahne der Paragra- <lb/>
                 phen aufrecht, in denen die neuen Rechte der Arbeitnehmer <lb/>
                 verankert sein sollten. Paragraph 66! Der Betriebsrat hat <lb/>
                 über die Durchführung der Schiedssprüche zu wachen, für <lb/>
                 die Wahrung der Vereinigungsfreiheit einzutreten und an der <lb/>
                 Verwaltung der Wohlfahrtseinrichtungen mitzuwirken! Pa-
                <pb facs="#f0252" n="248"/>
                <lb/>
                 ragraph 70! Betriebsratsmitglieder werden in den Aufsichts- <lb/>
                 rat entsandt! Paragraph 71! Der Unternehmer muß Aufschluß <lb/>
                 geben über die Lage! Paragraph 74! Der Unternehmer muß <lb/>
                 es zuerst dem Betriebsrat mitteilen, wenn er Arbeiter entlas- <lb/>
                 sen will! Paragraph 84! Arbeitnehmer können gegen die Kün- <lb/>
                 digung Einspruch erheben! Paragraph 96! Der Betriebsrat <lb/>
                 muß gefragt werden, ob er der Entlassung eines seiner Mit- <lb/>
                 glieder zustimmen will! Wie? Ist das kein vortreffliches Ge- <lb/>
                 setz? Ist darin nicht alles unverbrüchlich festgelegt, was wir <lb/>
                 immer gefordert haben? </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das zwar nicht«, antwortete in seinen Versammlungen <lb/>
                 darauf der Former Fries, der bei Risch-Zander Spitzenkandi- <lb/>
                 dat auf der freigewerkschaftlichen Liste war. »So bescheiden <lb/>
                 sind wir Sozialdemokraten nicht. Aber Gesetz hin, Gesetz <lb/>
                 her, das einzig Wahre ist doch, was man aus einem Gesetz <lb/>
                 macht, und das laßt nur mal meine Sorge sein!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine Versammlungen wurden oft von Unabhängigen und <lb/>
                 Kommunisten gesprengt, die gemeinsam eine Gegenliste auf- <lb/>
                 gestellt hatten. Adam Griguszies lautete der oberste Name. <lb/>
                 Es war eigentümlich mit ihm. Im Grunde war er ja stets ein <lb/>
                 skeptischer und durchaus persönlicher Charakter gewesen, <lb/>
                 selbst dort hatte sich das ausgewirkt, wo ihn der Sturm der <lb/>
                 Gedanken und Empfindungen aufgewühlt und ein großer <lb/>
                 Glaube ihn über sein eigentliches Selbst hinausgehoben hatte. <lb/>
                 Die praktischen Erfahrungen der letzten Jahre und die Fa- <lb/>
                 milienerlebnisse, das Abenteuer der Schwester, der grausame <lb/>
                 Tod des kleinen Bruders hatten ebenfalls ihre Spuren hinter- <lb/>
                 lassen. Daß er sich dabei vom Fanatiker zum Räsoneur, vom <lb/>
                 Klassenkämpfer zum Menschenverächter entwickelt hatte, <lb/>
                 fand mancher begreiflich, auch ohne seine häuslichen Verhält- <lb/>
                 nisse und seine noch unter dem Willenspanzer verletzliche <lb/>
                 Natur zu kennen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Allerdings machten ihm die Gegner seine sogenannten <lb/>
                 Wandlungen zum Vorwurf und bauschten kleine Dinge un- <lb/>
                 gebührlich auf, zumal die Auseinandersetzungen zwischen <lb/>
                 den sozialistischen Richtungen mangels sachlicher Argumente <lb/>
                 mit persönlichen Verleumdungen geführt wurden. Aber <lb/>
                 Adam hatte jetzt ein großes Verdienst entgegenzusetzen: er
                <pb facs="#f0253" n="249"/>
                <lb/>
                 hatte sich während des Putsches nicht in Büros, Proviant- <lb/>
                 ämtern und Kommandostäben aufgehalten, er hatte als ein- <lb/>
                 facher Soldat in der vordersten Linie der Roten Armee ge- <lb/>
                 dient. Er hatte es getan, weil er des Führerspielens gründlich <lb/>
                 überdrüssig geworden war und dennoch die Kameraden in <lb/>
                 der Stunde, wo sie die rote Fahne trugen, nicht allein lassen <lb/>
                 wollte, Es wurde ihm hoch angerechnet; jetzt, wo die ge- <lb/>
                 schlagenen Arbeiter überall die Schuldfrage aufrollten, hatte <lb/>
                 er die Hände frei, war kein Makel an ihm. Das Amt im Be- <lb/>
                 triebsrat nahm er nur an, weil er hoffte, für die Genossen eine <lb/>
                 ruhige Kleinarbeit leisten zu können, ohne dauernd mit ihnen <lb/>
                 in Berührung zu kommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Paula setzte ihm oft auseinander, wie er bei unscheinbaren <lb/>
                 Anlässen jene Konsequenz selbst vermissen lasse, deren Ab- <lb/>
                 wesenheit er an den anderen rüge. Sie tat es neckend, aber sie <lb/>
                 sah ihm auf die Finger und ertappte ihn: »Siehst du, du hast <lb/>
                 für all das, wovon du sagst, daß es das Verderben der Arbei- <lb/>
                 terschaft wäre, mindestens ganz hübsche Anlagen.« Schock- <lb/>
                 schwerenot, Er konnte also sarkastisch von den Arbeitern <lb/>
                 sprechen, ohne zu bemerken, daß er dieselben Fehler hatte, <lb/>
                 daß er keinen Deut anders war als sie alle? War das möglich? <lb/>
                 War das mit der Arbeiterklasse ein leerer Wahn? Waren die <lb/>
                 geistigen Elemente der Arbeiterschaft überhaupt der Klas- <lb/>
                 senbildung hinderlich? War sie ewig durch sich selbst dazu <lb/>
                 verurteilt, als degradiertes Bürgertum dahin zu vegetieren? <lb/>
                 Mußte es dabei bleiben, daß neben dem Wunsch zu herrschen, <lb/>
                 das Bedürfnis beherrscht zu werden in ihr war? Oder war das <lb/>
                 nur Ballast aus der bürgerlichen Erbmasse, den man leicht <lb/>
                 über Bord werfen konnte? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die »Gelben« waren auch wieder da, einer im Arbeiterrat, <lb/>
                 zwei im Angestelltenrat. Sie hießen jetzt »Nationaler Arbei- <lb/>
                 terbund« und waren nicht mehr, wie früher, eine reine Werks- <lb/>
                 organisation. In den Fachgruppenverbänden der Unterneh- <lb/>
                 mer hatte Kropf eine Umlage durchgesetzt, die sie finanzierte. <lb/>
                 Auf sein Anraten wurden die Unterstützungen auf indirektem <lb/>
                 Wege überwiesen, indem der Nationale Arbeiterbund irgend- <lb/>
                 eine wohltätige Sammlung veranstaltete, sei es für Kriegs-
                <pb facs="#f0254" n="250"/>
                <lb/>
                 waisen oder Blinde oder Hinterbliebene der Putschfreunde, <lb/>
                 und die eingegangenen Gelder dann für seine Organisation <lb/>
                 verwandte. Den Vorsitz hatte Herr Edelbert Körschgen, der <lb/>
                 zu diesem Zweck aus Risch-Zanderschen Diensten ausge- <lb/>
                 schieden war, seine Eva geheiratet und sich mit dem Gelde <lb/>
                 seines Schwiegervaters selbständig gemacht hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nicht alle Industriellen waren mit diesen Manipulationen <lb/>
                 einverstanden, zumal sie Kropf ziemlich selbstherrlich ins <lb/>
                 Werk gesetzt hatte. Einige verhielten sich abwartend. Risch- <lb/>
                 Zander beobachtete wohlwollende Neutralität. Wirtz er- <lb/>
                 klärte das Ganze kurzerhand für Mumpitz. In einer Versamm- <lb/>
                 lung, die über die zukünftige Organisationsform der Interes- <lb/>
                 senvertretungen Beschluß fassen sollte, prallten die Köpfe <lb/>
                 hitzig aufeinander. Kropf schrie, wie man denn die Werke <lb/>
                 gegen das Übergewicht der Betriebsräte schützen solle? <lb/>
                 »Gar nicht,« sagte Wirtz, »weil dieses Übergewicht nicht <lb/>
                 existiert. Was Sie nur haben... Diesem Gesetz sind schon <lb/>
                 bei seiner Entstehung alle Giftzähne ausgebrochen worden... <lb/>
                 Paragraph 66, der Betriebsrat hat den Betrieb vor Erschütte- <lb/>
                 rungen zu bewahren... Paragraph 70, die Betriebsratsver- <lb/>
                 treter im Aufsichtsrat sind verpflichtet, Stillschweigen zu be- <lb/>
                 obachten... Paragraph 71, der Unternehmer ist nur aus- <lb/>
                 kunftpflichtig, soweit Geschäftsgeheimnisse nicht gefährdet <lb/>
                 sind... Paragraph 87, der Arbeitgeber kann die Weiterbe- <lb/>
                 schäftigung eines Arbeiters, dessen Einspruch für gerecht- <lb/>
                 fertigt erklärt wurde, trotzdem ablehnen... Gegen eine <lb/>
                 Geldentschädigung... Kann man bequemer aus der Affäre <lb/>
                 kommen, als wenn man zahlt? Den unerwünschten Gesellen <lb/>
                 wird man also auf alle Fälle los... Paragraph 96, die Zu- <lb/>
                 stimmung des Betriebsrats zur Entlassung eines seiner Mit- <lb/>
                 glieder ist nicht erforderlich, wenn der Betrieb stillgelegt <lb/>
                 wird oder ein gesetzlicher Kündigungsgrund vorliegt... <lb/>
                 Meine Herren, getrauen Sie sich nicht, einen solchen Grund <lb/>
                 jederzeit ausfindig zu machen? Wie? Ist das kein vortreffli- <lb/>
                 ches Gesetz? Ist darin nicht alles unverbrüchlich festgelegt, <lb/>
                 was wir immer gefordert haben?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das zwar nicht«, erwiderte Krogoll, »so bescheiden bin <lb/>
                 ich für mein Teil nicht. Aber Gesetz hin, Gesetz her, es
                <pb facs="#f0255" n="251"/>
                <lb/>
                 kommt darauf an, was damit gemacht wird, und das eben <lb/>
                 muß unsere Sorge sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior spitzte höhnisch den Mund: »Es ist viel- <lb/>
                 leicht erklärlich, daß Herr Wirtz einen anderen Standpunkt <lb/>
                 vertritt als wir, die wir unsere Verantwortung für ererbte <lb/>
                 Werke tragen und mit unseren eigenen Schöpfungen eng ver- <lb/>
                 bunden sind.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er war bleich vor Aufregung, aber diese Aufregung schien <lb/>
                 zumeist Angst vor der Courage zu sein. Seit Wirtzens Ver- <lb/>
                 bindung mit Felgenhauer haßte er ihn, der alte Schellhase hatte <lb/>
                 nicht mehr die Kraft, ihm in den Arm zu fallen, er war abge- <lb/>
                 klärt und fügsam und gab bei allen wichtigen Beratungen die <lb/>
                 Stimme seines Sohnes ab. Auch diesmal ließ er den Jungen <lb/>
                 gewähren. Der kam sich sehr gewaltig vor, da er hinter den <lb/>
                 abwehrenden Gesichtern, die zu bedenken gaben: »sowas <lb/>
                 sagt man doch nicht, sowas sagt man doch nicht«, deutlich <lb/>
                 die Freude darüber wahrnahm, daß der Abstand zu dem <lb/>
                 »Aufkäufer« einmal klar betont worden war. Bevor daher <lb/>
                 Wirtz (der sich übrigens nicht im geringsten kränkte) eine Zu- <lb/>
                 rechtweisung unternahm, wandte sich Schellhase junior un- <lb/>
                 mittelbar und herausfordernd ihm zu mit der Frage, was er <lb/>
                 in der Sozialisierungskommission zu suchen gehabt habe? <lb/>
                 Kein Industrieller außer ihm sei persönlich hineingegangen, <lb/>
                 jeder habe seine Beauftragten geschickt, nur Ottokar Wirtz <lb/>
                 habe eine sozialistische Einrichtung durch seine Mitwirkung <lb/>
                 anerkannt. »Überall paktieren Sie, das geht so nicht fort, wir <lb/>
                 kommen in ein schiefes Licht durch Sie!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Junger Freund,« antwortete Wirtz mit einer tiefen, ruhi- <lb/>
                 gen und überlegenen Stimme, die zu der schrillen Art Schell- <lb/>
                 hases effektvoll kontrastierte und diesen wie ein Peitschenhieb <lb/>
                 schmerzte, »junger Freund... Ich bin in die Sozialisierungs- <lb/>
                 kommission gegangen, um die Sozialisierung zu verhindern, <lb/>
                 ebenso wie ich in die Kohlenkonferenz gehen werde, um über- <lb/>
                 triebene Kohlenlieferungen nach dem Westen Europas zu <lb/>
                 verhindern.« Felgenhauer rief Bravo und klatschte in die <lb/>
                 runzligen Hände. »Bravo, der Erfolg entscheidet!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zunächst verstummten sie alle, Schellhase junior tat hoch- <lb/>
                 mütig, als verweigere er die Antwort. Wirtz fuhr fort: »Wir
                <pb facs="#f0256" n="252"/>
                <lb/>
                 müssen mithelfen, damit im Wortlaut der Gesetze die Ideolo- <lb/>
                 gie der Zeit mit unserem Sinn für Gegenständlichkeit verei- <lb/>
                 nigt wird... Wir können dazu beitragen, daß gewisse Ge- <lb/>
                 setze dem Namen nach durchkommen, ohne daß ihre Idee <lb/>
                 durchkommt... Die Folge wird sein, daß diese Gesetze in <lb/>
                 der Praxis scheitern — dann können wir sagen: seht, es geht <lb/>
                 nicht, wir haben nicht umsonst vor übereilten Schritten ge- <lb/>
                 warnt...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach was,« rief Kropf, »es gehören eben Fachleute in die <lb/>
                 Regierung!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Unser Vorteil ist, daß sie keine Fachleute hat. Fachleute <lb/>
                 wären schwierig, schon um uns zu ärgern und zu zeigen, daß <lb/>
                 wir uns verrechnet haben, wenn wir sie gefügig glaubten... <lb/>
                 Besser ist, die Regierung braucht von Zeit zu Zeit Sachver- <lb/>
                 ständige, und die Sachverständigen sind wir, die Interessen- <lb/>
                 ten... Ich werde immer zur Stelle sein, um die Regierung zu <lb/>
                 regieren, so oft sie es wünscht...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bloß daß die Gewerkschaften ihre Nebenregierung vor <lb/>
                 Ihnen etabliert haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wirtz zuckte die Achseln: »Ich etabliere nichts, ich bin <lb/>
                 nur da, das ist alles.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir dürfen nicht länger wie die Katze um den heißen Brei <lb/>
                 herumgehen,« schnarrte der junge Schellhase, »wenn keiner <lb/>
                 zu reden wagt — ich rede.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bitte.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es verlautet, daß Herr Wirtz privatim Reparationsver- <lb/>
                 handlungen angeknüpft hat. Die Frage der Kriegsentschädi- <lb/>
                 gungen betrifft aber die ganze deutsche Industrie. Wer hier <lb/>
                 auf eigene Faust handelt, versündigt sich am Vaterland. Darf <lb/>
                 man wissen, wie es hierum steht?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Lähmung kroch an den Gesichtern entlang. Reparatio- <lb/>
                 nen...? Das Wort hörte man nicht gern aus der Nähe. Re- <lb/>
                 parationen...? Das war eigentlich etwas Unwirkliches, ein <lb/>
                 Gespenst, das in einer sagenhaften Ferne umging. Beachtete <lb/>
                 man es nicht, mußte es sich in Wohlgefallen auflösen. Die <lb/>
                 Industriellen rückten unruhig auf den Sitzen. Ottokar Wirtz <lb/>
                 setzte einen Fuß vor, wie wenn er auf den jungen Schellhase <lb/>
                 zuschreiten wollte, und blieb dann jählings stehen. »Die Ver-
                <pb facs="#f0257" n="253"/>
                <lb/>
                 handlungen haben den Zweck, Sachlieferungen an Stelle von <lb/>
                 Barzahlungen zu vereinbaren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase, dem es durch den Kopf fuhr, was Wirtz wohl <lb/>
                 daran verdienen würde, fand diese Auskunft unbefriedigend, <lb/>
                 da stecke etwas dahinter. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie meinen —,« sagte Felgenhauer und bohrte seinen <lb/>
                 schweren Blick tief in ihn hinein, »Sie meinen, daß hinter <lb/>
                 Verhandlungen mit dem Feind immer etwas steckt —?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Worauf spielen Sie an?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Auf nichts, aber warum soll Wirtz nicht mit einem Mar- <lb/>
                 quis verhandeln, da Sie doch auch schon einmal mit Genera- <lb/>
                 len von der anderen Fakultät verhandelt haben — ebenso <lb/>
                 harmlos, versteht sich?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase brauste nicht auf, er setzte sich nur hin mit einem <lb/>
                 verächtlichen Blick. Es war eine unbehagliche Situation. <lb/>
                 Einerseits wollte man nicht, daß es den Anschein habe, als <lb/>
                 beuge man sich vor der Autorität von Ottokar Wirtz (er ist <lb/>
                 nicht groß, er ist nur gerissen, dachten sie), andererseits durfte <lb/>
                 dieser Streit unter keinen Umständen auf die Spitze getrieben <lb/>
                 werden. Der Freiherr hatte eine Eingebung. »Wir sind doch <lb/>
                 hier, um Erfahrungen auszutauschen«, sagte er ablenkend, <lb/>
                 »wie sind Sie mit Ihrem Betriebsrat zufrieden, Herr Krogoll?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »O, da kann ich nur sagen, aufs allerbeste. Ich habe die <lb/>
                 Leute selbst empfangen und in Güte zu ihnen gesprochen: <lb/>
                 ich enthalte mich, euch einen sozialpolitischen Rat zu geben, <lb/>
                 der doch wahrscheinlich anders ausgelegt würde, als er ge- <lb/>
                 meint ist; aber als ältester Arbeiter des Werks erinnere ich <lb/>
                 euch daran, daß im Leben jeder arbeiten muß und keinem et- <lb/>
                 was unverdient in den Schoß fällt; ob Kopf- oder Handarbei- <lb/>
                 ter, nur gegenseitige Achtung dieser Tätigkeit kann Ersprieß- <lb/>
                 liches schaffen. Ja, also so war das. Und dann hat jeder von <lb/>
                 uns Kehrt gemacht, und alle Anordnungen, die ich für nötig <lb/>
                 halte, beginnen seitdem mit der schmeichelhaften Einleitung: <lb/>
                 im Einvernehmen mit dem Betriebsrat wird bestimmt — — —« <lb/>
                 Wirtz fiel ein: das sei die allein förderliche Haltung, man <lb/>
                 könne dem Rad der Zeit nicht in die Speichen fallen, aber man <lb/>
                 könne sich seine Rotation dienstbar machen; hierauf basiere <lb/>
                 ja auch die vorgeschlagene Vereinigung der Wirtschaft.
                <pb facs="#f0258" n="254"/>
                <lb/>
                 »Meine Herren... Wenn ich diese Union als eine Union der <lb/>
                 festen Hand bezeichne, so setze ich, indem ich Festigkeit <lb/>
                 sage, Geschicklichkeit voraus...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Eine papierne Protestiermaschine mehr wird das sein,« <lb/>
                 sagte Schellhase junior, »ich dächte, wir hätten schon genug <lb/>
                 Gelegenheit, Resolutionen zu fassen, die außer dem Teil der <lb/>
                 Öffentlichkeit, der uns sowieso ergeben ist, niemanden zur <lb/>
                 Achtung nötigen.« Kropf unterstützte diesen Einwand: »Ich <lb/>
                 wüßte auch wirklich nicht, weshalb unsere Fachgruppenver- <lb/>
                 bände nicht ausreichen sollten, wir haben hier bei uns den Ar- <lb/>
                 beitgeberverband Bergbau und den Arbeitgeberverband Ei- <lb/>
                 sen und Stahl, Gruppe Westen — und wenn wir alle über <lb/>
                 Deutschland verstreuten Arbeitgeberverbände zusammen- <lb/>
                 fassen, mit einer Spitze also in Berlin — — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                »<h rendition="#g">Gegen</h> Berlin!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Alles, was in Berlin arbeitet, arbeitet auch gegen Ber- <lb/>
                 lin — dann also haben wir, wie mir scheint, alles getan, was <lb/>
                 zu tun jetzt nötig ist. Selbst ein so leidenschaftlicher Infla- <lb/>
                 tionist wie Herr Wirtz sollte sich vor einer Inflation der Un- <lb/>
                 ternehmerverbände hüten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wirtz beugte sich zu Näßler und flüsterte ihm ins Ohr: »Er <lb/>
                 fürchtet, daß die Union seine Macht in den Fachgruppenver- <lb/>
                 bänden lahmlegt.« — »Halten Sie ihn wirklich für so befä- <lb/>
                 higt, daß er die Absicht durchschaut haben sollte?« fragte <lb/>
                 Näßler. »Pst, pst«, machte Wirtz und hielt gleichzeitig Faul- <lb/>
                 stich zurück, der in die Debatte eingreifen wollte, »Nicht <lb/>
                 jetzt.« In prekären Lagen waren seine Entschlüsse schnell ge- <lb/>
                 faßt. »Wir wollen uns noch ein bißchen privatim mit Felgen- <lb/>
                 hauer unterhalten.« Sie zogen sich in eine Ecke zurück, indes <lb/>
                 das Projekt von den anderen erörtert wurde. Krogoll legte <lb/>
                 dar, daß die Fachgruppenverbände die Gewerkschaften der <lb/>
                 Unternehmer seien. Der Freiherr sah ihn schräg an. Ja ge- <lb/>
                 wiß, bestätigte der alte Schellhase, er habe sie gründen hel- <lb/>
                 fen, damals nach dem Fall des Sozialistengesetzes, sie seien <lb/>
                 die andere Front im sozialen Kampf. Kropf wollte wissen, <lb/>
                 was das mit der vorliegenden Frage zu tun hätte. Soviel, ver- <lb/>
                 setzte Krogoll, daß diese Arbeitgeberverbände mehr intern <lb/>
                 verwandt würden und ihren eigentlichen Aufgaben nicht ent-
                <pb facs="#f0259" n="255"/>
                <lb/>
                 zogen werden dürften; wogegen es sich jetzt um eine politi- <lb/>
                 sche Institution im Wirtschaftskampf handle, die mittels Ge- <lb/>
                 heimdiplomatie die Aufklärung der Öffentlichkeit zu betrei- <lb/>
                 ben und gleichzeitig eine Art industrieller Freimaurerloge <lb/>
                 darzustellen habe. Kropf, der von Wirtz zuweilen der <lb/>
                 »oberste Klassenkämpfer« genannt wurde, widersprach hef- <lb/>
                 tig, fast böse: man müsse sparen, die vorhandenen Organisa- <lb/>
                 tionen benutzen und ausbauen. Hiebenstein bekannte sich zu <lb/>
                 Krogoll, die Industrie müsse im Leben der Nation ein sicht- <lb/>
                 barer geistiger Faktor werden und die ethischen Momente in <lb/>
                 den Vordergrund stellen. Schellhase junior machte geheim- <lb/>
                 nisvolle Andeutungen über das Wirken vaterländischer Män- <lb/>
                 ner, auf die allein Verlaß sei. »Nach diesem kläglichen <lb/>
                 Putsch?« fragte Hiebenstein. Der andere zog die Mundwin- <lb/>
                 kel herab zum Zeichen, daß er mehr wisse, als er preisgeben <lb/>
                 dürfe, während der Freiherr mahnte: »Der anormale Geistes- <lb/>
                 zustand, der durch Kriegsnot und Sinken der Moral herbei- <lb/>
                 geführt war, muß wieder in allen Kreisen der Vernunft und <lb/>
                 Gesundung, der Geneigtheit zur ruhigen Überlegung Platz <lb/>
                 machen. Wo soll das hin, wenn Werksleitung und Werksan- <lb/>
                 gehörige mitten in ihrer Arbeit von einem gewaltsamen Um- <lb/>
                 sturz vollkommen überrascht werden?« — »Das ist richtig«, <lb/>
                 sagte Kropf, »wenn der Umsturz so schlecht vorbereitet ist, <lb/>
                 daß er mißlingt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie werden also praktische Maßnahmen begrüßen, Herr <lb/>
                 von Zander?«— Mit diesen Worten trat Ottokar Wirtz wie- <lb/>
                 der in den Kreis. Der Freiherr erschrak über die direkte An- <lb/>
                 rede — hatte er etwas gesagt, worauf er festgenagelt werden <lb/>
                 konnte? Hiebenstein stand neben ihm mit verschränkten Ar- <lb/>
                 men, in beredtem Schweigen; diese Pose kannte er genau; <lb/>
                 bei der Stange bleiben also, bei der Stange bleiben! In welche <lb/>
                 Falle würde er nun wohl hineinschlittern? Wirtz fuhr fort: <lb/>
                 »Wir haben den Entwurf des Gründungsstatuts der Union <lb/>
                 hier... Wir sind fest entschlossen, die Sache durchzuführen, <lb/>
                 Felgenhauer und ich... Sie treten doch bei, Herr von Zan- <lb/>
                 der?« Welche Überrumpelung! Der Freiherr war sehr ver- <lb/>
                 legen, faßte sich mit dem Zeigefinger zwischen Hals und Kra- <lb/>
                 gen und rieb dort ein wenig herum. »Wenn Sie meinen, daß
                <pb facs="#f0260" n="256"/>
                <lb/>
                 es zweckmäßig ist, Herr Finanzrat?« — »Es ist zweckmäßig«, <lb/>
                 antwortete der bedächtig, doch mit Nachdruck. Krogoll wie- <lb/>
                 derholte: »Es ist zweckmäßig.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf und Schellhase blieben allein, der Generaldirektor <lb/>
                 der Otto-Heinrich-Hütte sah beklommen und zögernd den <lb/>
                 Freiherrn an und erbat Bedenkzeit. »Die Herren, die heute <lb/>
                 ihre Zusage noch nicht geben wollen, können binnen drei <lb/>
                 Monaten beitreten«, sagte Wirtz, »danach müssen wir die <lb/>
                 Liste schließen«. — »Niemals! Niemals trete ich bei!« rief der <lb/>
                 Heißsporn Schellhase, aber Ottokar Wirtz fragte sanft: »War- <lb/>
                 um wollen Sie mit aller Gewalt schon heute sagen, was Sie <lb/>
                 erst in drei Monaten zu sagen brauchen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zum ersten öffentlichen Meeting der Union war der große <lb/>
                 Saal der Stadthalle ausersehen, derselbe, worin Hiebenstein <lb/>
                 damals die Angestellten abgefertigt hatte. Welch ein Unter- <lb/>
                 schied von jenem Tag zu diesem! Der Saal bot das Bild einer <lb/>
                 unerschütterlichen Ordnung, einer einheitlichen und in ge- <lb/>
                 sicherten Verhältnissen befindlichen Menschenklasse; er war <lb/>
                 bis zum letzten Platz besetzt mit leitenden Persönlichkeiten <lb/>
                 aus Industrie, Handel, Gewerbe und Hochfinanz; Minister, <lb/>
                 Oberbürgermeister und Chefredakteure waren da, der Wirt- <lb/>
                 schaft dienstbare Techniker und Wissenschaftler, auch einige <lb/>
                 Frauen, diese aber meistens auf der Galerie. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In drei Abteilungen, gut ausgerichtet, standen die Stühle, <lb/>
                 auf Tuchfühlung und Vordermann saßen die Generale und <lb/>
                 Offiziere des Wirtschaftsheers, streng und eisern, Augen ge- <lb/>
                 rade aus, in Wuchs und Haltung eine einzige Masse, nirgend- <lb/>
                 wo eine Lücke, in die sich ein Angehöriger einer anderen Ge- <lb/>
                 sellschaftsschicht hätte einschleichen können. Von den Lor- <lb/>
                 beerbäumen, deren starte Kugeln das Rednerpult umzingel- <lb/>
                 ten, bis zu den gestärkten Hemdbrüsten, die sich kühl <lb/>
                 schimmernd von den schwarzen Röcken abhoben, war alles <lb/>
                 normiert. Zwar bestand das Einzelwesen hier noch als Per- <lb/>
                 sönlichkeit, aber nicht mehr als Privatschicksal; eine beruf- <lb/>
                 liche Individualität, keine menschliche war spürbar. Die Stel- <lb/>
                 lung des Individuums vor sich selber war nicht mehr wich- <lb/>
                 tig, nur noch seine Stellung vor dem gemeinsamen Ziel, und
                <pb facs="#f0261" n="257"/>
                <lb/>
                 so entstand das Individuelle nicht mehr aus Selbstbespiege- <lb/>
                 lung, sondern aus öffentlicher, wenn auch nicht immer durch- <lb/>
                 sichtiger, so doch kontrollierbarer Tätigkeit. Der Individua- <lb/>
                 lismus der Eitelkeit war abgelöst vom Individualismus der <lb/>
                 Arbeit. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Vorsitzende Krogoll begrüßte die Gäste, zu denen <lb/>
                 auch noch die Schellhases zählten, und die Mitglieder, denen <lb/>
                 Kropf sich bereits beigesellt hatte; »als des Königs allerge- <lb/>
                 treueste Opposition«, hatte er bei seiner Aufnahme scherzend <lb/>
                 geäußert. Krogoll sah gut aus mit dem landesväterlichen <lb/>
                 Ausdruck des Gesichts und dem vom Londoner Schneider <lb/>
                 angezogenen Körper. Er erteilte das Wort dem Professor Jo- <lb/>
                 doci, der sich eben durch sein Buch »Cäsars Wiedergeburt in <lb/>
                 der neuen Welt« einen Namen gemacht hatte. Er war der <lb/>
                 Kulturphilosoph, den Wirtz gesucht, kein Professor mit <lb/>
                 Brille und Bart, nein, ein neuer Typ mit gewelltem Künstler- <lb/>
                 haar und dem glattrasierten Gesicht eines smarten Amerika- <lb/>
                 ners. Sein Thema lautete: »Lieber verroht als vergeistigt«. <lb/>
                 Wirtz war es nicht ganz recht, aber er hoffte einerseits, den <lb/>
                 jungen Schellhase damit zu fangen, andererseits reizte es ihn, <lb/>
                 zu erproben, was man einem solchen Auditorium alles bieten <lb/>
                 könne. »Mag er soviel Worte aneinanderreihen, bis der Hau- <lb/>
                 fen einen Sinn vortäuscht«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Professor Jodoci war ein glänzender Redner. Er hatte ein <lb/>
                 Manuskript und sprach trotzdem frei, die Worte loderten. <lb/>
                 »Der Weltkrieg war nicht sinnlos, er hatte eine tragische Dy- <lb/>
                 namik. Man kann heute, in dieser literarisierten Epoche, wo <lb/>
                 alles so kompliziert ist, nicht einfältig genug sein«, meinte er. <lb/>
                 Jeder siebzehnjährige pommersche Gutsbesitzersohn, der <lb/>
                 vor den Intellektuellen ausspucke, sei ihm wesentlicher und <lb/>
                 wahlverwandter als alles, was derzeit als geistig beweihräu- <lb/>
                 chert werde, denn in diesem Jungen lebe der schöpferische <lb/>
                 Glaube an den Mythos Volk. Der pommersche Junge sei ein <lb/>
                 deutsches Symbol, sei der tumbe Parzival, der nur Gott <lb/>
                 fürchte, sonst nichts in der Welt, sei ein wesentlicher Raum <lb/>
                 völkischen Selbstbewußtseins. Der David, der dem Götzen <lb/>
                 Goliath mit der Hirtenschleuder den Schädel zerschmetterte, <lb/>
                 sei auch solch ein respektloser pommerscher Junge gewesen.
                <pb facs="#f0262" n="258"/>
                <lb/>
                 Die Herrschaft der Minderwertigen müsse abgelöst werden <lb/>
                 durch einen starken aktiven Zug, der neues Planen über <lb/>
                 philosophisches Grübeln setze. Aufklärung und Liberalis- <lb/>
                 mus hätten den Egoismus des menschlichen Ich übersteigert— <lb/>
                 weg damit! Kollektivismus sei die organisierte Begehrlich- <lb/>
                 keit der Masse — weg damit! Sein geistiger Ausdruck sei die <lb/>
                 Großstadt — weg damit! Während der Mammut Berlin im- <lb/>
                 mer mehr anschwelle, verarme die Provinz mit ihrer Kultur <lb/>
                 und ihrem Kinderreichtum. Nur vierzigtausend Säuglinge <lb/>
                 gebe es in Berlin, aber zweihunderttausend Hunde, daran er- <lb/>
                 kenne man den sittlichen Tiefstand. Deshalb sei der demo- <lb/>
                 kratische Staat durch ein ständisches Gesellschaftsleben zu <lb/>
                 ersetzen, das von einem neuen Adel geleitet werden müsse; <lb/>
                 darunter verstehe er eine Auswahl biologisch und ökono- <lb/>
                 misch führender Kräfte. Man werde ihm das Wort »Mittel- <lb/>
                 alter« entgegenschleudern; jawohl, er scheue das nicht, er <lb/>
                 spreche es aus, daß er ein neues Mittelalter wolle, in dem der <lb/>
                 Geist der Kraft über die Kraft des Geistes triumpfiere. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Endlose Ovationen erntete er, man trampelte mit den Fü- <lb/>
                 ßen und beglückwünschte sich gegenseitig, den Aufgang eines <lb/>
                 neuen Propheten miterlebt zu haben, die Presseleute eilten ans <lb/>
                 Telefon, auf daß die Weisheit, die berufen schien, das schwer- <lb/>
                 geprüfte Volk wieder aufwärts zu führen, in den Morgen- <lb/>
                 blättern verkündet werde. Schellhase junior meldete unver- <lb/>
                 züglich seinen Beitritt zur Union an; »das konnte ich nicht <lb/>
                 voraussehen,« sagte er zu Wirtz, »Sie hatten Ihre Pläne wirk- <lb/>
                 lich etwas verworren dargelegt, aber nun diese Klarheit, diese <lb/>
                 Klarheit, ich bin erfreut.« — »Ich auch,« versetzte dieser mit <lb/>
                 einem Anflug ehrlicher Dankbarkeit und drückte Jodoci einen <lb/>
                 Scheck auf das Bankhaus Mehren in die Hand, »hinter diesen <lb/>
                 geistigen Schleiern werden wir mutig vorangehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Glückauf«, sagte Jodoci. Er hielt es für zum guten Ton <lb/>
                 gehörig, sich jener Bergmannssprache zu befleißigen, die <lb/>
                 vom Obersteiger aufwärts gesprochen wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Natürlich war Wirtz sich darüber klar, daß diese erste Be- <lb/>
                 geisterung nicht vorhalten werde, es hieß eben immer auf <lb/>
                 dem Posten sein. Krogoll war zuverlässig, dafür sorgte schon <lb/>
                 Kropf. Da dieser von alters her im Arbeitgeberverband
                <pb facs="#f0263" n="259"/>
                <lb/>
                 Eisen und Stahl, Gruppe Westen, den Ton angab, mußte <lb/>
                 es über kurz oder lang zu einem Machtkampf mit dem Füh- <lb/>
                 rer der Union kommen. Deshalb war es Krogolls eigenstes <lb/>
                 Interesse, die Union zu stärken, und er war ja bekannt als <lb/>
                 ein Mann, der auf lange Sicht arbeitete; vor Zeiten hatte er <lb/>
                 zu Wirtz gesagt: »Wenn ich einmal Arm in Arm mit Kropf <lb/>
                 in die Brandung gehe, dann muß er so viel Wasser saufen, <lb/>
                 daß er sich nicht mehr wiedererkennt« — das konnte er jetzt <lb/>
                 also wahr machen. Nach außen schwieg er viel, und die <lb/>
                 Öffentlichkeit wußte nicht, schwieg er, weil er nichts zu <lb/>
                 sagen hatte, oder schwieg er, weil er so Gewaltiges zu sagen <lb/>
                 hatte, daß es die Welt nicht ertragen konnte. Einerlei, in <lb/>
                 jedem Fall mußte er als klug gelten. Ein solches Sphinxge- <lb/>
                 sicht wurde augenblicklich gerade an dieser Stelle benötigt, <lb/>
                 am besten wäre sogar ein unschuldiger Mann mit Alterser- <lb/>
                 scheinungen gewesen, aber dergleichen war ja unter den bo- <lb/>
                 denständigen Industriellen nicht zu haben, der Verkehr mit <lb/>
                 Eisen und Stahl hielt frisch und unternehmungslustig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Mitarbeiter, Syndikus von Grußenbaum, war gut ge- <lb/>
                 wählt. Er hatte die Kenntnis eines überall Dabeigewesenen <lb/>
                 und das Temperament eines Menschen, der von Vergangen- <lb/>
                 heit und Zukunft gleichmäßig ergriffen ist. Den Kulturphi- <lb/>
                 losophen Jodoci (bei sich nannte Wirtz ihn »Professor Phra- <lb/>
                 sendrescher«) hatte man für alle Fälle im Stall stehen. Was <lb/>
                 noch fehlte, war ein tüchtiger Pressechef mit der Formkraft <lb/>
                 eines Phantasiemenschen. Wirtz sagte, sie müßten es halten <lb/>
                 wie die Staatsmänner, welche die Zeitungen gegen irgend- <lb/>
                 welche Ziele toben ließen, um unterdessen gegenüber eben- <lb/>
                 diesen Zielen eine Politik der Ruhe und Vernunft fortsetzen <lb/>
                 zu können — so nähmen jene die gefühlsmäßigen Impon- <lb/>
                 derabilien des Bürgers, diese die wohlverstandenen Interessen <lb/>
                 der Nation wahr, und beiden Teilen sei damit Genugtuung <lb/>
                 widerfahren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Grußenbaum war der Meinung, daß man dann gleich <lb/>
                 einen gewesenen Staatsmann für dieses Geschäft engagieren <lb/>
                 solle, und schlug den Staatssekretär a. D. vor, der sich zwar <lb/>
                 beim letzten Kaiserbesuch im Revier nicht industriefreund- <lb/>
                 lich gezeigt, jetzt jedoch sich völlig umgestellt habe; niemals
                <pb facs="#f0264" n="260"/>
                <lb/>
                 werde besser Hand in Hand gearbeitet als zwischen zwei <lb/>
                 alten Feinden, und das seien sie beide doch in der Monarchie <lb/>
                 gewesen. Wirtz lachte herzhaft: »Lassen Sie ihn kommen..« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf seinerseits war auch nicht müßig. Als der Zusam- <lb/>
                 menschluß der Fachgruppenverbände erfolgt war, lancierte <lb/>
                 er den Geheimrat Püschel, einen Chemiker, an die Spitze des <lb/>
                 Reichsverbandes. In der Person dieses Mannes, der aus einer <lb/>
                 anderen Branche kam, hoffte er ein genügendes Gegenge- <lb/>
                 wicht gegen Ottokar Wirtz zu haben. Er ahnte nicht, daß <lb/>
                 dieser längst die Fühlung mit der Chemie aufgenommen <lb/>
                 hatte. Im übrigen wurde Geheimrat Püschel in allen Kabi- <lb/>
                 nettskrisen als mutmaßlicher Ministerkandidat genannt; da <lb/>
                 von ihm mehrere staatserhaltende Aufsätze erschienen waren, <lb/>
                 galt er in der Politik stets als der »kommende Mann«. Aber <lb/>
                 er kam nie, er stand sozusagen in den Wandelhallen des Par- <lb/>
                 laments zum Abholen bereit. So trat er allmählich, ohne als <lb/>
                 Reservist zu den Fahnen berufen zu werden, in den Land- <lb/>
                 sturm über. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Desto mächtiger wurde er in der Wirtschaft. Seine chemi- <lb/>
                 schen Werke, die größten der Welt, hatten den Friedensver- <lb/>
                 trag gut überstanden. Die Befürchtung, daß die neuzeit- <lb/>
                 lichen Stickstoffabriken zerstört werden müßten, erwies sich <lb/>
                 als unbegründet; eine befriedigende Übereinkunft über die <lb/>
                 Auslieferung der Farbenpatente stand bevor. Die Herstel- <lb/>
                 lung von Benzin, Arzneimitteln und photographischen Uten- <lb/>
                 silien war in gewaltigem Aufschwung begriffen, zukunfts- <lb/>
                 reiche Patente waren in Püschels Hand. Der neueste Produk- <lb/>
                 tionszweig war Kunstseide, das neueste Experiment in den <lb/>
                 Laboratorien die künstliche Ölgewinnung durch Kohlever- <lb/>
                 flüssigung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Püschels Großvater war mit siebzehn Jahren in eine Far- <lb/>
                 ben- und Lackfabrik eingetreten und sehr bald Teilhaber ge- <lb/>
                 worden. Durch seine Einheirat in eine Wasserglasfabrik hatte <lb/>
                 sich das Unternehmen ausgedehnt, schon zu seinen Lebzeiten <lb/>
                 hatten seine beiden Söhne wichtige Erfindungen gemacht <lb/>
                 und den Bau einer Glyzerinfabrik begonnen. Diese wurde <lb/>
                 in den neunziger Jahren der Ausgangspunkt zu jenen An- <lb/>
                 lagen, die das Staunen der Welt erregten und alle Märkte
                <pb facs="#f0265" n="261"/>
                <lb/>
                 im Flug eroberten. Auf den meisten Gebieten der chemischen <lb/>
                 Produktion hatten die Püschels schon damals eine internatio- <lb/>
                 nale Monopolstellung. Immer steiler ging die Kurve in die <lb/>
                 Höhe, da starben die Brüder kurz nacheinander und beide <lb/>
                 kinderlos. Geheimrat Püschel zog aus einer Seitenlinie ein, <lb/>
                 ein geschmeidiger und anpassungsfähiger Kopf, der neue <lb/>
                 Typus eines beamteten Wissenschaftlers, vollgesaugt mit na- <lb/>
                 tionalökonomischen Theorien, erfahren in Einkreisungs- und <lb/>
                 Durchkreuzungspolitik; immer bereit, eine neue Idee zu <lb/>
                 übernehmen, nicht um sie zu fördern, sondern um sie abzu- <lb/>
                 biegen und unschädlich zu machen, immer bereit, in eine <lb/>
                 neue Front einzuschwenken, nicht um sie zu beleben, son- <lb/>
                 dern um sie zu erdolchen. Außerdem war er ein Freund des <lb/>
                 deutschen Männergesangs und der modernen Sportbewe- <lb/>
                 gung. »Mit Körperpflege, Wandern, Singen, Sport und Spiel <lb/>
                 wirft man die Problematik über Bord«, pflegte er zu sagen; <lb/>
                 »so wird die Jugend nüchtern und unsentimental und über <lb/>
                 die Klassengegensätze hinaus kameradschaftlich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So sah der Mann aus, in dem Kropf den natürlichen Wider- <lb/>
                 sacher von Wirtz vermutete und Wirtz seinen natürlichen <lb/>
                 Verbündeten, und der in der Folgezeit schweigend seine <lb/>
                 Doppeltolle spielte, je nach den Trümpfen, die er gerade <lb/>
                 in der Hand hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 ELFTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr hatte Hachenpoots Posten nicht wieder <lb/>
                 besetzt. Einen Mann der neuen Epoche wollte er sich nicht <lb/>
                 auf den Hals laden — die besaßen so eine brutale Art, die <lb/>
                 Dinge zu betrachten, und hatten auch schon den Satz er- <lb/>
                 funden: »Jetzt wird es höchste Zeit, in der Wirtschaft auf <lb/>
                 Wirtschaftlichkeit zu achten«, worunter sie offenbar nichts <lb/>
                 anderes als Nörgeln und Geizen verstanden. Ein Mann der <lb/>
                 alten Epoche hatte wiederum keinen Zweck mehr, der würde <lb/>
                 es doch nicht schaffen. Die dritte Möglichkeit, eins der bis- <lb/>
                 herigen Vorstandsmitglieder zum Generaldirektor zu ernen- <lb/>
                 nen, durfte als ausgeschlossen gelten, es hätte den Grundsatz
                <pb facs="#f0266" n="262"/>
                <lb/>
                 der Konzilianz verletzt und zu offener Auflehnung der Übri- <lb/>
                 gen geführt, die sich natürlich zurückgesetzt und benach- <lb/>
                 teiligt gefühlt hätten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So blieb es bei dem Zustand, der freilich inoffiziell trotz <lb/>
                 Hachenpoots Titel und Vollmacht schon immer bestanden <lb/>
                 hatte: das Werk wurde kollegial geleitet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das erste Wort mußte jetzt ohnehin der Techniker haben, <lb/>
                 Herr Neufeind also, der nun zeigen konnte, ob seine Schul- <lb/>
                 freunde einen guten Instinkt bewiesen hatten, als sie ihn <lb/>
                 »Kraft« nannten. Er erzählte gern davon, um sich als ge- <lb/>
                 borenen Techniker zu präsentieren, und versäumte nie hinzu- <lb/>
                 zufügen, daß er als junger Regierungsbaumeister den eiser- <lb/>
                 nen Dachstuhl des Ulmer Münsters konstruiert hatte. Später <lb/>
                 hatte er im Orientalischen Seminar die chinesische Sprache <lb/>
                 erlernt und war von Li Hung Tschang, dem Vizekönig der <lb/>
                 Provinz Tschili, zum Oberinstrukteur für Eisenbahnen er- <lb/>
                 nannt worden. Damals schon hatte er im Auftrag des alten <lb/>
                 Risch die Entwicklung der chinesischen Eisenbahn beobach- <lb/>
                 tet; nach dem Boxeraufstand war er dann nach Deutschland <lb/>
                 zurückgekehrt und hatte seine Erfahrungen dem Stahlwerk <lb/>
                 zur Verfügung gestellt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kein Wunder also bei dieser Vergangenheit, wenn er nun- <lb/>
                 mehr die Parole »Von der Kanone zur Lokomotive« ausgab. <lb/>
                 Im Grunde war er froh, daß der Friedensvertrag zur Ver- <lb/>
                 nichtung vieler Einrichtungen verpflichtete, zahlreicher Ge- <lb/>
                 senke, Pressen, Härteöfen, Drehbänke, Kühlanlagen, Leh- <lb/>
                 ren, Fräs- und Bohrmaschinen, an die achthunderttausend <lb/>
                 Stück. Das meiste davon war nicht gerade modern, und so <lb/>
                 teuer wie jetzt hätte man es nie verkaufen können. Selbst- <lb/>
                 verständlich waren erhebliche Entschädigungsansprüche an <lb/>
                 die Regierung zu stellen, Neufeind berechnete an die hun- <lb/>
                 dert Millionen Goldmark, vierzig Prozent des Maschinen- <lb/>
                 parks; andererseits war es immer eine Entschuldigung für <lb/>
                 ihn, wenn in der neu aufgenommenen Fabrikation etwas <lb/>
                 nicht in Ordnung war, wie es ihm umgekehrt, wenn alles <lb/>
                 glatt verlief, um so höheren Ruhm eintrug. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schnell liquidierte er das Hachenpootsche Erbe des Preis- <lb/>
                 ausschreibens für Werksangehörige, prämiierte der Form
                <pb facs="#f0267" n="263"/>
                <lb/>
                 halber einige der eingelaufenen Fabrikationsvorschläge und <lb/>
                 warf den ganzen Plunder in den Papierkorb. Was konnte <lb/>
                 Neues drin sein? So schlau wie die übrigen Angestellten war <lb/>
                 das Direktorium wahrscheinlich auch, nur daß es die prak- <lb/>
                 tischen Möglichkeiten und Auswirkungen viel besser über- <lb/>
                 sah. War es denn überhaupt der Zweck des Wettbewerbs <lb/>
                 gewesen, brauchbare Vorschläge zu bekommen? Gewiß <lb/>
                 nicht, er hatte nur dem Geltungsbedürfnis der Angestellten <lb/>
                 Genüge leisten sollen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber Lokomotiven bauen, das war nun doch leichter ge- <lb/>
                 sagt als getan. Fine Lokomotive war keine Kleinigkeit, wie <lb/>
                 etwa ein Milchentrahmer, den man getrost auf Vorrat arbei- <lb/>
                 ten konnte, ohne daß der Absatz gesichert war. Zudem hatte <lb/>
                 Risch-Zander immer Lokomotivbleche, Feuerbüchsen, Fe- <lb/>
                 dern und Achsen hergestellt, und es war damit zu rechnen, <lb/>
                 daß die bisherigen Abnehmer, das hieß: die Lokomotivfabri- <lb/>
                 ken, verärgert über die neue Konkurrenz ihren Bedarf anders- <lb/>
                 wo decken würden. Da mußte man sich also doppelt vor- <lb/>
                 sehen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der kaufmännische Direktor fuhr mit Hiebenstein nach <lb/>
                 Berlin. Anfangs war das Eisenbahnministerium sehr schroff: <lb/>
                 die bestehenden Fabriken seien ausreichend, eine neue werde <lb/>
                 auf keinen Fall die Unterstützung des Staates finden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Immerhin, meinte der Finanzrat, der Minister ist ein Sozia- <lb/>
                 list und wäre froh, wenn er was zu sozialisieren hätte; <lb/>
                 schlagen wir ihm mal was Ähnliches vor. »Zum Beispiel?« <lb/>
                 fragte der Kaufmann. — »Zum Beispiel, daß wir dem Staat <lb/>
                 die Einsichtnahme in die Geschäfts- und Betriebsverhältnisse <lb/>
                 des kommenden Lokomotivbaus gestatten.« — »Famos.« <lb/>
                 Und es klappte. Der Minister erteilte einen Jahresauftrag von <lb/>
                 hundert Lokomotiven und zweitausend Waggons, knüpfte <lb/>
                 daran allerdings die Bedingung, daß Risch-Zander nur drei <lb/>
                 Prozent verdienen dürfe und der überschießende Gewinn der <lb/>
                 Staatskasse zufallen müsse. »Einverstanden«, sagte der Fi- <lb/>
                 nanzrat nach kurzer Überlegung. Der Kaufmann machte ein <lb/>
                 verdutztes Gesicht, Hiebenstein aber schlug sich fröhlich auf <lb/>
                 die Schenkel: »Wissen Sie, wenn es uns wider Erwarten ge- <lb/>
                 lingen sollte, billiger zu arbeiten als die seit Jahrzehnten ein-
                <pb facs="#f0268" n="264"/>
                <lb/>
                 gedrillte Konkurrenz —, dann werden wir gerade drei Pro- <lb/>
                 zent verdienen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber wenn Verluste entstehen? Die übernimmt der Staat <lb/>
                 doch nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Verluste? Immerhin. Selbst damit ist das Gaudium nicht <lb/>
                 zu teuer bezahlt, daß wir zwei nach Berlin reisen und im <lb/>
                 Ministerium die Gestehungskosten prüfen lassen. Ich sehe <lb/>
                 die Ministerialräte schon Blut schwitzen..« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Für Neufeind fingen die Schwierigkeiten eigentlich jetzt <lb/>
                 erst an. Unter dem System Hachenpoot, wo alles von selbst <lb/>
                 lief, war der Verkehr zwischen Konstrukteuren und Betriebs- <lb/>
                 leuten gänzlich unterbunden gewesen, aber jetzt, wo alles <lb/>
                 neu war, wo alles auf praktischen Austausch ankam, hätte <lb/>
                 dieser Zustand zur Katastrophe führen können. Aber wie <lb/>
                 sollte von oben herunter aufgelockert werden, wenn von <lb/>
                 unten her Resistenz geübt wurde? Neufeind wurde grob: <lb/>
                 »Früher war früher, und jetzt ist jetzt. Wenn jemand einer <lb/>
                 Offiziersfamilie entstammt und Lebensauffassung und Ge- <lb/>
                 sinnung dieser Kreise auf seinen Beruf überträgt, so ist das <lb/>
                 gerade die Ursache, weshalb er vor den neuen Aufgaben ver- <lb/>
                 sagt. Der hydraulisch-elektrisch gesteuerte 38-cm-Turm eines <lb/>
                 großen Kampfschiffes war natürlich eine schöne Sache, es <lb/>
                 war einmal, behüt dich Gott, es wär’ so schön gewesen. <lb/>
                 Was Teufel, wer nicht mitkann, bleibt liegen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In aller Herrgottsfrühe lief er durch die Betriebe und Büros, <lb/>
                 kontrollierte die Chefs und ließ die ältesten »Knacker« pen- <lb/>
                 sionieren. Da er rötliches Haar hatte und sommersprossig <lb/>
                 war, gaben sie ihm den Spitznamen »Blaufuchs«. Desto bis- <lb/>
                 siger und pedantischer wurde er. Er ließ einen Graphologen <lb/>
                 kommen und einen Professor vom Psychotechnischen Insti- <lb/>
                 tut, die ihn durch Handschriftendeutungen und Eignungs- <lb/>
                 prüfungen beraten mußten. Eine Menge Apparate wurde <lb/>
                 angeschafft, die meistens schöne griechische Namen hatten <lb/>
                 und außerdem die besondere Eigenschaft, daß gerade die in- <lb/>
                 telligentesten Prüflinge vor ihnen versagten, während die <lb/>
                 Dummköpfe sich auch durch diese unheimlich schnell funk- <lb/>
                 tionierenden Hebel und Räder nicht aus der Fassung bringen
                <pb facs="#f0269" n="265"/>
                <lb/>
                 ließen. Der Personalchef meinte, früher sei man bei Engage- <lb/>
                 ments eben ohne Brimborium hereingefallen, jetzt werde auch <lb/>
                 der ‚Hereinfall wissenschaftlich unterbaut, und Hiebenstein <lb/>
                 behauptete, das alles sei nur erfunden worden, um einen neu- <lb/>
                 en Industriezweig für psychotechnische Apparatur ins Leben <lb/>
                 zu rufen. »Bessere Art von Vivisektion.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Apparate wurden dem Betriebsrat vorgeführt. »Setzen <lb/>
                 Sie sich hierhin«, sagte der Professor zu Griguszies. Adam <lb/>
                 saß hinter einem Brettgehäuse, das von vorn beinahe wie <lb/>
                 eine umgedrehte Briefwage aussah. »Beobachten Sie genau <lb/>
                 diese Öffnung«, sagte der Professor und deutete auf einen <lb/>
                 kleinen Ausschnitt im Brett, der von der anderen Seite durch <lb/>
                 einen Schieber verschlossen zu sein schien. Adam starrte <lb/>
                 darauf, es geschah zunächst nichts, auf einmal tickte irgend- <lb/>
                 ein Haken, für drei Sekunden flog der Schieber weg und <lb/>
                 eine Photographie erschien in der Öffnung, dann schnellte <lb/>
                 sie wieder zu. Der Professor fragte, was er gesehen habe. <lb/>
                 »Für ’n Augenblick war ’n Bild da.« — »Was für ein Bild?« <lb/>
                 — »Irgend ’ne Person.« — »Mann oder Frau?« — »Das hab’ <lb/>
                 ich so schnell nicht entscheiden können..« Der Professor hatte <lb/>
                 ein stummes Lächeln. »Hier prüfen wir nämlich die Auf- <lb/>
                 nahmefähigkeit für rasch vorübergehende Gesichtseindrücke.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann lassen Sie mich mal ran«, sagte Fries und schob <lb/>
                 Griguszies geringschätzig fort. Wieder tickte der Haken, <lb/>
                 wieder blitzte ein Bild für drei Sekunden auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Natürlich ein Mann.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Klar Mensch,« sagte Griguszies, »jetzt, wo du gehört <lb/>
                 hast, worum sich’s dreht, hast du gut aufpassen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Einen Augenblick,« unterbrach der Professor, »war es <lb/>
                 ein unauffälliger Mensch oder hatte er was Besonderes an <lb/>
                 sich?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein Mann wie wir alle.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Professor holte das Bild aus dem Objektträger heraus <lb/>
                 und zeigte es. Es stellte eine Reklamefigur aus Pappe dar, <lb/>
                 von der Leipziger Messe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mensch ärgere dich nicht«, sagte Griguszies aufgeräumt. <lb/>
                 Der Professor führte ihn nunmehr an ein Kästchen, das ihm
                <pb facs="#f0270" n="266"/>
                <lb/>
                 wie eine kleine Telefonzentrale vorkam, mit einer Reihe Fen- <lb/>
                 sterchen und Stöpseln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Beobachten Sie mal diese Fenster.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein Motor begann zu surren, ein schwarzes Band schoß <lb/>
                 unter den Fenstern vorbei, ab und zu waren weiße Punkte <lb/>
                 darin. Der Professor stellte den Motor ab. »Nun, sehen Sie. <lb/>
                 Zu jedem Fenster gehört ein Stöpsel. Jedesmal, wenn durch <lb/>
                 irgendein Fenster eine von den weißen Marken geht, drücken <lb/>
                 Sie auf den entsprechenden Stöpsel. Los!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Motor surrte, das Band schnurrte vorüber, Adam <lb/>
                 drückte auf die Stöpsel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Genug, nun wollen wir uns mal das Ergebnis ansehen. <lb/>
                 Der Apparat hat nämlich selbsttätige Zählwerke. Hier bitte, <lb/>
                 das ist die Zahl der tatsächlich durchgelaufenen weißen Mar- <lb/>
                 ken, 21. Und dies hier ist die Zahl der von Ihnen bemerkten <lb/>
                 und durch Stöpsel registrierten Durchgänge, 14. Es ist ein <lb/>
                 Aufmerksamkeitsprüfer. — Was sind Sie von Beruf?« wandte <lb/>
                 er sich an Fries, »Former, so. Dann wird das Tremometer <lb/>
                 für Sie das Richtige sein. Ein Former braucht Ruhe und <lb/>
                 Sicherheit der Hand. Kommen Sie her.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Da stand ein Metallkasten mit S-förmigen Schlitzen im <lb/>
                 Deckel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nehmen Sie diesen Metallstift und fahren Sie damit durch <lb/>
                 diese Schlitze hindurch, ohne die Ränder zu berühren.« Fries <lb/>
                 entgegnete, als Former sei er. gewohnt, in Löchern zu hok- <lb/>
                 ken. »Ich muß mich wenigstens auf den Boden knien, sonst <lb/>
                 bin ich nervös.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja gewiß. Stellen wir den Kasten herunter.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Professor hatte ein Mikrophon. »Sie berühren«, stellte <lb/>
                 er fest. »Jetzt wieder. Und jetzt. Und jetzt. Es gibt nämlich <lb/>
                 jedesmal einen elektrischen Kontakt, wenn Sie berühren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Alles was recht ist,« sagte Griguszies, »jedenfalls ist er <lb/>
                 einer der besten Formarbeiter, die ich kenne, trotz Ihrem <lb/>
                 Apparat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Trotz Ihrem Apparat«, wiederholte Fries. »Und das vor- <lb/>
                 hin mit den Stöpseln —, wer garantiert dafür, daß das Zähl- <lb/>
                 werk nicht mal versagt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Professor blähte sich auf. </p>
            <pb facs="#f0271" n="267"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Das technische Instrument kann wohl irren, aber selbst <lb/>
                 dann ist es noch zuverlässiger als der Mensch, und vollends <lb/>
                 in Verbindung mit der Psychologie ist es unwiderlegbar.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schließlich stand die erste Lokomotive zur Probefahrt be- <lb/>
                 reit, eine schwere Güterzuglokomotive, die mit voller Aus- <lb/>
                 rüstung fast ihre hunderttausend Kilo wog; der Tender allein <lb/>
                 faßte sechs Tonnen Kohle und zwanzig Kubikmeter Wasser <lb/>
                 und hatte ein Gewicht von achtundvierzigtausend Kilo. Es <lb/>
                 war ein ganz neues Modell. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ruhig und ohne Dampf fuhr sie aus der Halle heraus, <lb/>
                 Puffer, Rahmen, Kessel und Führerstand waren mit Fichten- <lb/>
                 girlanden bekränzt. Auf dem Platze waren Aufsichtsrat, Di- <lb/>
                 rektorium, Betriebsrat und die Belegschaft der Werkstatt <lb/>
                 vollzählig versammelt, neben dem Freiherrn stand sein Sohn <lb/>
                 Arnulf, angetan mit einer blauen Werkstattschürze. Als die <lb/>
                 Lokomotive hielt, geleitete ihn der Freiherr zum Führer- <lb/>
                 stand. Arnulf stieg auf das Trittbrett, der Freiherr sprach <lb/>
                 einige festliche Worte, zuletzt rief er aus: »Auf dem jungen <lb/>
                 Deutschland beruhen unsere Hoffnungen; so ergreife denn <lb/>
                 du, Arnulf, als sein Vertreter den Hebel zum Regler und <lb/>
                 leite das erste Risch-Zandersche Stahlroß seiner aufbauenden <lb/>
                 Bestimmung entgegen. Seid beide pünktlich, zuverlässig und <lb/>
                 unermüdlich und seid auch mäßig im Rauchen und Qualmen, <lb/>
                 seid gute Rischianer!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Arbeiter auf der Lokomotive führte Arnulf die Hand, <lb/>
                 langsam überwanden die geschmeidigen Pleuelstangen die <lb/>
                 Totlage, die Räder gehorchten ihnen ohne einen Laut. Der <lb/>
                 Freiherr und Neufeind fuhren mit, es war eine tadellose Fahrt, <lb/>
                 der »Blaufuchs« hatte Glück. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Freilich gab es auch Fehlschläge, viele Fehlschläge, doch <lb/>
                 hatte er nicht schon Hachenpoot davor gewarnt, mehr als <lb/>
                 fünfzehntausend Arbeiter zu behalten? Der Zwang, allen <lb/>
                 Beschäftigung zu verschaffen, führte zu einer fürchterlichen <lb/>
                 Kräftezersplitterung. Manche Betriebe, in die große Summen <lb/>
                 gesteckt wurden, waren nichts weiter als Versorgungsanstal- <lb/>
                 ten. </p>
            <pb facs="#f0272" n="268"/>
            <p>
                <lb/>
                 Es war logisch, Maschinen zu bauen, da man den Stahl <lb/>
                 und die Halbfabrikate sowieso erzeugte. Nur, daß die alten <lb/>
                 Fabriken einen mächtigen Vorsprung hatten und fest auf <lb/>
                 den Märkten saßen. Nur, daß die Kirchturmpolitik der Risch- <lb/>
                 Zanderschen Betriebe die Fertigfabrikation ungeheuer ver- <lb/>
                 teuerte. In Wirklichkeit zerfiel die Fabrik nämlich in viele <lb/>
                 Fabriken, von denen gewissermaßen jede einem anderen klei- <lb/>
                 nen Machthaber gehörte, von denen jede ihre Gestehungs- <lb/>
                 kosten berechnete und einen Nutzen draufschlug. Jede Werk- <lb/>
                 statt hatte ihren Etat für sich und war besorgt, günstig ab- <lb/>
                 zuschneiden, was natürllich nur auf Kosten der übrigen ge- <lb/>
                 schehen konnte, Bei den Bergwerken fing es an und hörte <lb/>
                 bei den Lokomotiven und Automobilen auf; darüber war <lb/>
                 nun nichts mehr, an diesen blieb alles sitzen. Die Gießerei <lb/>
                 verdiente am Walzwerk, das Walzwerk verdiente an der <lb/>
                 Blechbearbeitungswerkstatt, die Blechbearbeitungswerkstatt <lb/>
                 verdiente am Kesselbau, der Kesselbau verdiente am Loko- <lb/>
                 motivbau. Neufeind konnte es nicht abstellen, der Finanz- <lb/>
                 rat erklärte, jeder Betriebsführer müsse zur Arbeitsrentabili- <lb/>
                 tät erzogen werden, anders sei eine Finanzkontrolle nicht <lb/>
                 möglich; er schätze die technische Seite keineswegs gering, <lb/>
                 aber gerade darum sei Geld mehr als je die Hauptsache, und <lb/>
                 wer denn schließlich für die Finanzen verantwortlich sei? <lb/>
                 Es wäre sicher billiger gewesen, die Halbfabrikate von außer- <lb/>
                 halb zu beziehen, aber nun kam es wieder darauf hinaus, <lb/>
                 daß die vielen Fabriken eben doch eine Fabrik bildeten und <lb/>
                 der Maschinenbau gegenüber den anderen notleidenden Be- <lb/>
                 trieben die Rolle eines regulären Abnehmers spielen mußte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um so schlimmer, daß er auch noch durch Neufeinds Ehr- <lb/>
                 geiz belastet wurde. Überall wollte er neue Modelle haben, <lb/>
                 wenn möglich Sensationen. Dutzende Spezialtypen von Wag- <lb/>
                 gons und Automobilen wurden zugleich gestartet und der <lb/>
                 Markt, der erst gewonnen werden sollte, wurde schon zu <lb/>
                 Beginn in Verwirrung gebracht, und dies alles zu einer Zeit, <lb/>
                 wo die Stellen, die als Abnehmer für diese Dinge in Frage <lb/>
                 kamen, für Neuanschaffungen weder Lust noch Geld hatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch innerhalb des Werkes kam es zu Mißhelligkeiten. <lb/>
                 Um den Ruhm der Erfindung eines nichtrostenden Stahls
                <pb facs="#f0273" n="269"/>
                <lb/>
                 stritten sich der Betriebsführer und der Assistent des Labora- <lb/>
                 toriums. Der Betriebsführer wurde zum Doktor ehrenhalber <lb/>
                 promoviert, der Assistent quittierte daraufhin seinen Dienst <lb/>
                 und begann einen öffentlichen Feldzug um seine Erfinder- <lb/>
                 ehre. Dies nahm den Betriebsführer derart in Anspruch, daß <lb/>
                 die Schellhases unterdessen Zeit gewannen, eine epochema- <lb/>
                 chende Verbesserung herauszubringen. Monatelang währte <lb/>
                 der Streit um die Patente. Um die Scharte auszuwetzen, warf <lb/>
                 sich der Betriebsführer mit einem kostspieligen Eifer auf die <lb/>
                 Ausnutzung der neuen Stahlsorte. Er ließ daraus Gebiß- <lb/>
                 platten verfertigen, ärztliche Instrumente, Röhren für che- <lb/>
                 mische Destillation, Spiegel, Kochtöpfe, Bestecke — das <lb/>
                 ganze Werk war besessen davon, die ganze Stadt war es, <lb/>
                 jedermann suchte einen Taschenspiegel aus nichtrostendem <lb/>
                 Stahl zu erhaschen, von Risch-Zander und nicht von Schell- <lb/>
                 hase, der Lokalpatriotismus schäumte auf, dieser Werkstoff <lb/>
                 schien ein neues Zeitalter einzuleiten. Er trieb Frau Elia <lb/>
                 noch einmal aus der Kemenate hinaus, sie begab sich zur <lb/>
                 Siegerländer Verwandtschaft, in eigener Person besuchte sie <lb/>
                 die weitläufig verschwägerten Prinzipale der Schneidwaren- <lb break="yes"/>
                 und Schloßindustrie im Bergischen und schnappte den Schell- <lb/>
                 hases die fettesten Aufträge weg. »Das wäre ja noch schöner,« <lb/>
                 sagte sie, »daß wir das Bett machen und andere sich hinein- <lb/>
                 legen.« Gewiß hatte das plumpe Übervorteilen in der Wirt- <lb/>
                 schaft aufgehört, aber auch der solide zwangsläufige Wett- <lb/>
                 bewerb hatte nicht minder sein scharfes ungeschriebenes Ge- <lb/>
                 setz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ach, es war noch die vertraute Siegerländer und Bergische <lb/>
                 Landschaft, es war noch dasselbe Patronatsverhältnis zwi- <lb/>
                 schen Herren und Tagelöhnern, unberührt von Revolution <lb/>
                 und Kommunismus, immer noch stand der Prinzipal mitten <lb/>
                 unter seiner Handvoll Arbeiter am Schraubstock, es waren <lb/>
                 noch dieselben kleinen Gesenkschmieden, Drahtziehereien, <lb/>
                 Kaltwalzwerke und Tempergießereien in stillen Tälern, un- <lb/>
                 berührt von den wirtschaftlichen Umwälzungen der verflos- <lb/>
                 senen Jahrzehnte, nur daß sie Elektromotore hatten an Stelle <lb/>
                 der Wasserräder, dieselben kleinen Lagerschuppen mit der <lb/>
                 Sorglosigkeit der alten Zeit, ein Stück Naturschutzpark des
                <pb facs="#f0274" n="270"/>
                <lb/>
                 Unternehmertums — der Himmel mochte wissen, wovon sie <lb/>
                 jetzt lebten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jenseits der märkischen Grenze war ein neuer Name aufge- <lb/>
                 taucht, der mit Argwohn aufgenommen wurde —: Siegfried <lb/>
                 Hillgruber, der vor kurzem in der dortigen Gegend ein Fein- <lb/>
                 blechwerk erworben hatte. Es hieß, daß er ein Kriegsgewinn- <lb/>
                 ler sei und in einer rheinischen Stadt ein großes Haus führe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nun, das waren die Aufregungen der Leutchen im Sieger- <lb/>
                 land. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So wechselten Erfolge und Mißerfolge. Bierfässer aus <lb/>
                 nichtrostendem Stahl waren kein Geschäft, die Brauereien <lb/>
                 waren zu konservativ, Bier müsse in Holz lagern, das sei ech- <lb/>
                 ter deutscher Brauch, Metall erzeuge keinen Kellergeruch. <lb/>
                 Dann wieder erregte ein Risch-Zanderscher Trockenbagger <lb/>
                 für Braunkohlengewinnung großes Aufsehen, beinahe soviel <lb/>
                 wie die erste Dampfmaschine, die vor hundert Jahren im Re- <lb/>
                 vier gebaut worden war. Achtzig Quadratmeter Heizfläche <lb/>
                 hatte der Kessel des Baggers, der zwölf Atmosphären Dampf <lb/>
                 erzeugte, 265 Umdrehungen leistete die Maschine in der Mi- <lb/>
                 nute, 7500 Kubikmeter gewachsenen Boden schöpfte der <lb/>
                 Bagger in vierundzwanzig Stunden. »Wühlt und schleudert <lb/>
                 so boshaft wie der Rüssel eines gereizten Elefanten«, sagten <lb/>
                 die Ingenieure, die alle ihre Maschinen als lebende Wesen be- <lb/>
                 trachteten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Hauptverwaltung wurden neue Namenschilder aus <lb/>
                 nichtrostendem Stahl für die Türen der Direktoren und Pro- <lb/>
                 kuristen verfertigt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vom Handlungsbevollmächtigten abwärts verblieb es_bei <lb/>
                 den alten Schildern aus Messing. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr hielt sich im allgemeinen an Hiebenstein. Auf <lb/>
                 seine Empfehlung wurde der Dr. van der Gathen aus dem <lb/>
                 Statistischen Reichsamt ins Direktorium berufen und mit der <lb/>
                 Aufsicht über die Wohlfahrtseinrichtungen betraut, deren <lb/>
                 steigender Zuschußbedarf Sorge machte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. van der Gathen wurde von seinen künftigen Kollegen <lb/>
                 mit höflicher Geringschätzigkeit empfangen. Wenn sie unter
                <pb facs="#f0275" n="271"/>
                <lb/>
                 sich waren, sprachen sie von ihm als dem »Konsumverwal- <lb/>
                 ter«, und obwohl er neunundvierzig Jahre zählte, war er für <lb/>
                 den Finanzrat stets »der junge Mann«. Er wollte dadurch der <lb/>
                 Wortbildung »der neue Mann« zuvorkommen, die immerhin <lb/>
                 einen giftsüßen Beigeschmack hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An sich hätte Dr. van der Gathen, der über ein großes Wis- <lb/>
                 sen und einen großen Fleiß verfügte, es leicht gehabt, sich <lb/>
                 zum Herrn der Sechs aufzuwerfen. Was ihn daran hinderte, <lb/>
                 war ganz einfach, daß er es nicht wollte, und dies war seine <lb/>
                 Stärke und seine Schwäche zugleich. Seine Stärke, weil ihm <lb/>
                 keine Minute durch die Einfädelung oder Hintertreibung von <lb/>
                 Kabalen gestohlen wurde; seine Schwäche, weil seine be- <lb/>
                 scheidene und ein wenig skurrile Natur für den Umgang mit <lb/>
                 Menschen anderen Schlags überhaupt untauglich war. Er <lb/>
                 konnte noch von Glück sagen, daß er einen gutmütigen Se- <lb/>
                 kretät hatte, der ihm seinen sonderbaren, plötzlich ausbre- <lb/>
                 chenden Jungenshumor nicht verübelte. Es kam nämlich vor, <lb/>
                 daß der Sekretär in seinem Sitzkissen Stahlfedern mit der <lb/>
                 Spitze nach oben stecken hatte oder daß die Blätter seines <lb/>
                 Schreibblocks verklebt waren. Zuerst hatte er die Laufjun- <lb/>
                 gen im Verdacht — bis er eines Tages den Dr. van der Gathen <lb/>
                 bei dieser undirektorialen Beschäftigung ertappte. So kam <lb/>
                 dieser obendrein in den Geruch eines sonderbaren Kauzes. <lb/>
                 Hätte er seine Ellbogen zu gebrauchen gewußt, so hätte er <lb/>
                 mit seiner Veranlagung zur Gründlichkeit trotzdem das ganze <lb/>
                 Direktorium an die Wand drücken können. Nun jedoch lä- <lb/>
                 chelten sie nur über seine Arbeitswut, die ihn unter den gege- <lb/>
                 benen Umständen bei Risch-Zander gänzlich ungefährlich er- <lb/>
                 scheinen ließ. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wenn er gelegentlich einmal über die Aufgaben seines Res- <lb/>
                 sorts hinausgriff und Denkschriften verfaßte über die allge- <lb/>
                 meine Schwierigkeit des Werks und wie ihr vielleicht abzu- <lb/>
                 helfen wäre, so geschah es nicht aus Streberei, sondern aus <lb/>
                 schöpferischem Drang. Es war eine Angelegenheit für ihn <lb/>
                 allein, und er bewahrte diese Denkschriften, die auf detaillier- <lb/>
                 ten statistischen Erhebungen beruhten und mitunter kühne <lb/>
                 und weitreichende Gedanken enthielten, lange Zeit in seiner <lb/>
                 Schublade auf — wie ein verschämter Dichter, der im Schreib-
                <pb facs="#f0276" n="272"/>
                <lb/>
                 tisch ein Tagebuch mit seinen Herzensbekenntnissen liegen <lb/>
                 hat. Aber eines Tages brachte ein Gespräch mit dem Frei- <lb/>
                 herrn es dahin, daß er sich verriet; er wußte nicht, wie er <lb/>
                 einen geordneten Rückzug antreten könne, und mußte seine <lb/>
                 Manuskripte hervorholen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es ereignete sich das Merkwürdige, daß der Freiherr sie las, <lb/>
                 ohne vorher einem Menschen ein Wort davon zu sagen, so <lb/>
                 sehr hatte ihn die leise Art des Doktors gefangen genommen, <lb/>
                 Er war auch gebildet genug, um den düsteren Ernst dieser <lb/>
                 methodischen Denkarbeit zu erkennen, und obwohl die <lb/>
                 allzu schlüssigen und für einen Rischianer geradezu revolu- <lb/>
                 tionären Folgerungen sein Empfinden verletzten, obwohl er <lb/>
                 sogar etwas enttäuscht darüber war, daß ein so in sich gekehr- <lb/>
                 ter Mensch so temperamentvoll aus sich herausgehen konnte, <lb/>
                 sobald er etwas niederschrieb —, so glaubte er doch aus der <lb/>
                 Besorgtheit des Beamten um das Gesamtwerk eine Überein- <lb/>
                 stimmung mit der Tradition herauszulesen. Dies veranlaßte <lb/>
                 ihn, nachträglich mit Hiebenstein darüber zu sprechen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Finanzrat murmelte etwas von zügellosem Ungestüm, <lb/>
                 das man in seine Schranken verweisen müsse, das aber durch <lb/>
                 den Übertritt aus der Enge der Staatsbürokratie in die unbe- <lb/>
                 grenzten Möglichkeiten der freien Wirtschaft zu erklären sei. <lb/>
                 Der Freiherr hatte schon die Bemerkung auf der Zunge, daß <lb/>
                 er es gar nicht abgestellt zu sehen wünsche, unterdrückte sie <lb/>
                 aber, als er im Türrahmen den kahlen Schädel von Scheevens <lb/>
                 auftauchen sah, wie ein mahnendes Zeichen, von der gewohn- <lb/>
                 ten Bahn nicht abzuweichen. Hiebenstein ging also zum Dok- <lb/>
                 tor und bedeutete ihm, daß es besser wäre, wenn er seine Sa- <lb/>
                 chen in Zukunft dem Finanzrat vorlegen würde, bevor sie <lb/>
                 dem Freiherrn zu Gesicht kämen. »Aber es war doch gar <lb/>
                 nicht meine Absicht...«, stotterte der Doktor. — »Schon <lb/>
                 gut, schon gut.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man nahm den Fall nicht ernst, beschloß aber vorsichtiger- <lb/>
                 weise, dem Neuling die Flügel zu stutzen. Dies geschah, in- <lb/>
                 dem man ihn in seinem eigenen Ressort unsicher machte, Als <lb/>
                 er die Mietverhältnisse in den Werkswohnungen regeln woll- <lb/>
                 te, sagte Hiebenstein, das sei eine Finanzfrage und folglich <lb/>
                 seine Domäne. Als er im Bildungsverein Vorträge über den
                <pb facs="#f0277" n="273"/>
                <lb/>
                 Friedensvertrag veranstalten wollte, behauptete der sozial- <lb/>
                 politische Kollege, das müsse mit dem Betriebsrat besprochen <lb/>
                 werden, und dafür sei er zuständig. Als er Läden für neue <lb/>
                 Konsumfilialen mieten wollte, hieß es, das sei eine juristische <lb/>
                 Frage. Als er sich um die Beheizung der Badeanstalten küm- <lb/>
                 mern wollte, meldete der Techniker Neufeind seine An- <lb/>
                 sprüche an, Kein Gegenstand war zu winzig, als daß sich die <lb/>
                 angeblich überlasteten Herren nicht damit hätten befassen <lb/>
                 können. Der kaufmännische Direktor behielt sich den Ver- <lb/>
                 kauf alter Zeitungen vor, die in einem Lesesaal ausgelegen <lb/>
                 hatten, und Wackerlein wollte als Personalchef durchaus <lb/>
                 auch in das Engagement eines energischen Konsumleiters hin- <lb/>
                 einreden, das sich infolge verschiedener Vorkommnisse als <lb/>
                 notwendig herausgestellt hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Werkskonsum war man mit den Kunden niemals lie- <lb/>
                 benswürdig verfahren. Als Objekte der Wohlfahrt wurden <lb/>
                 sie schlecht und recht abgefertigt. Seit dem Kriege war zwar <lb/>
                 dank der Preistreiberei und dem Verteilungssystem allenthal- <lb/>
                 ben ein unverschämter Geschäftston eingerissen, aber der <lb/>
                 Werkskonsum, wo man es schon als Beleidigung aufzufassen <lb/>
                 schien, daß überhaupt ein Käufer die Ruhe des Personals zu <lb/>
                 stören wagte, hatte kaum seinesgleichen. Es lag wohl daran, <lb/>
                 daß die Verkäuferinnen, die überall sonst schon nach Tarif <lb/>
                 entlohnt wurden und auch noch mit einem halben Prozent an <lb/>
                 ihrem eigenen Tagesumsatz beteiligt waren, hier noch will- <lb/>
                 kürliche Bezüge hatten —, doch was fragt der Käufer nach sol- <lb/>
                 chen Ursachen, wenn ihm ein Packen Schuhe einfach vor die <lb/>
                 Füße geworfen wird mit der Aufforderung, sich die passenden <lb/>
                 selbst auszusuchen? Er ist böse auf die Verkäuferin, die mitt- <lb/>
                 lerweile den Freundinnen im Lagerraum ihren Freund be- <lb/>
                 schreibt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Solange dergleichen in Lokalitäten geschah, wo keine Di- <lb/>
                 rektors- und Prokuristengattinnen Einkäufe machten, war <lb/>
                 alles gut. Als jedoch auch hier die Aufmerksamkeit nachzu- <lb/>
                 lassen begann und (sei es aus Gleichgültigkeit, sei es aus klas- <lb/>
                 senkämpferischer Gesinnung) das System der bevorzugten <lb/>
                 Bedienung ins Wanken geriet, war es klar, daß etwas dage-
                <pb facs="#f0278" n="274"/>
                <lb/>
                 gen geschehen müsse. Ein Vorfall, der sich eines Mittags in <lb/>
                 einer Manufakturwaren-Verkaufsstelle der westlichen Villen- <lb/>
                 stadt zutrug, schlug dem Faß den Boden aus, und es muß <lb/>
                 leider gesagt werden, daß ein Mädchen namens Paula Grigus- <lb/>
                 zies, welche erst kürzlich durch Vermittlung des zweiten Be- <lb/>
                 triebsratsvorsitzenden Adam Griguszies hier angenommen <lb/>
                 worden war, die Schuldige gewesen ist. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Konsum schließt mittags um zwölf, es ist fünf Minu- <lb/>
                 ten vor. Paula Griguszies räumt ein paar Reste von der Theke <lb/>
                 und geht nebenan ins Zimmer, um sich ein bißchen zu frisie- <lb/>
                 ren. Sie ist nie sehr bei der Sache, sie will sich hier nur noch <lb/>
                 ein wenig Aussteuer verdienen. Tags vorher hat sie sich einen <lb/>
                 Bubikopf schneiden lassen — »es steht mich doch reizend, ich <lb/>
                 hab’ gewonnen dadurch, nicht?« fragt sie das andere Mäd- <lb/>
                 chen, während sie sich im Spiegel betrachtet, »mein Bruder <lb/>
                 hat gemeint, mein Verehrer tät’ ein Gesicht drüber schneiden, <lb/>
                 weil er im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband ist, <lb/>
                 dort täten sie sagen, ein deutsches Mädel müßte lange Haare <lb/>
                 und kurzen Verstand haben, ich hab’ bloß gelacht, weißt du, <lb/>
                 mein Verehrer ist nämlich gar nicht so.« Mitdem dreht sie <lb/>
                 sich um und wirft einen Blick zur Tür hinaus in den Laden, <lb/>
                 da steht eine altfränkisch gekleidete Frau mit einem Rock bis <lb/>
                 auf die Zehenspitzen, und über dem Haarknoten schaukelt <lb/>
                 ein Federhut. Das Zeug, das sie anhat, scheint nicht billig ge- <lb/>
                 wesen zu sein, aber was nützt das, wenn es unmodern ist, <lb/>
                 sieht es doch nicht fein aus, und wer heutzutage unmodern <lb/>
                 gekleidet ist, hat eben kein Geld, sich Modernes zu kaufen. <lb/>
                 So blitzschnell klassifiziert Paula diese Frau; es ist also nicht <lb/>
                 viel dran, man braucht sich ihretwegen nicht zu inkommo- <lb/>
                 dieren, um fünf Minuten vor zwölf schon gar nicht, und <lb/>
                 Paula sagt ganz ungeniert laut zu dem anderen Mädchen: <lb/>
                 »Du, geh mal raus, da ist noch so ’ne Ollsche gekommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Mädchen schlappst widerwillig hinaus, die Frau ver- <lb/>
                 langt ein Paar schwarzwollene Damenstrümpfe. Schwarzwol- <lb/>
                 lene Damenstrümpfe? Die liegen oben im letzten Fach, um <lb/>
                 fünf Minuten vor zwölf kann man keine Leiter mehr holen. <lb/>
                 Deshalb sagt das Mädchen kalt: »Die haben wir nicht, sowas <lb/>
                 trägt man nicht mehr.« Die Frau sagt »danke« und geht.
                <pb facs="#f0279" n="275"/>
                <lb/>
                 Das Mädchen sieht ihr nach, die hat sie doch schon irgendwo <lb/>
                 gesehen. »Du, die kommt mich so bekannt vor«, sagt sie zu <lb/>
                 Paula. Paula ist schon in ihren neuen Gabardine-Mantel ge- <lb/>
                 schlüpft und erwidert sorglos: »Gott ja, die wird wohl schon <lb/>
                 öfters hier gewesen sein.« — »Nein,« beharrt das Mädchen, <lb/>
                 »ich muß sie mal auf einem Bild gesehen haben.«— »Nu, <lb/>
                 vielleicht war’s die Kaiserin«, lacht Paula. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gegen Abend wird sie vor den Abteilungsvorsteher zitiert <lb/>
                 und erfährt, daß die alte Frau keine Ollsche gewesen ist, son- <lb/>
                 dern eine wirkliche große und noch immer große Dame, näm- <lb/>
                 lich Frau Ella, Aufgeregt erzählt sie es ihrem Bruder, man <lb/>
                 weiß noch nicht, was nachkommen wird. Adam ist wütend. <lb/>
                 »Grad erst hab’ ich dich die Stelle besorgt, man mault sowieso <lb/>
                 schon drüber, ich hätte schon Beziehungen, das wäre die Art, <lb/>
                 wie das Kapital seine Feinde so langsam kauft, das schleichen- <lb/>
                 de Korruptionsgift wär’ das...«— »Hab’ dich doch nicht so, <lb/>
                 Mann, dich mit dein’ Radikalismus müßt? es doch recht sein, <lb/>
                 wenn man gegen einen BURSCHWA respektlos ist!« — »Das <lb/>
                 hat da gar nichts mit zu tun, in dem Augenblick war die Oll- <lb/>
                 sche kein Burschwa, sondern ein Geschäftskunde, Angestell- <lb/>
                 tendisziplin muß auch im sozialistischen Staat sein, gradsogut <lb/>
                 hätt’s eine Arbeiterfrau sein können, dann hätt’st du sie genau <lb/>
                 so verächtlich behandelt!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber der Zank war überflüssig. Frau Ella, der aus ihren al- <lb/>
                 ten patriarchalischen Zeiten das Wort »Ollsche« noch ver- <lb/>
                 traut im Ohr klang, war darüber gar nicht so entsetzt gewe- <lb/>
                 sen. Nur über die Art der Bedienung hatte sie sich beschwert, <lb/>
                 und seltsamerweise mit dem Argument des Adam Griguszies: <lb/>
                 es hätte ja auch eine Arbeiterfrau sein können. Wie man sie, <lb/>
                 Frau Ella, behandle, sei ihr gleichgültig; aber daß die Rischi- <lb/>
                 anerinnen einer solchen Behandlung ausgesetzt seien, das <lb/>
                 wolle sie nicht. Sie wolle auch nicht, daß ein einzelnes Mäd- <lb/>
                 chen deswegen bestraft würde — nein. Von oben herunter <lb/>
                 müsse Remedur geschaffen werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So wurde Paula nicht entlassen und stattdessen ein Chef <lb/>
                 aus einem Berliner Warenhaus engagiert, ein propagandisti- <lb/>
                 sches Talent und ein durchgreifender kaufmännischer Geist <lb/>
                 mit neuzeitlichen Ansichten über Kundenwerbung. </p>
            <pb facs="#f0280" n="276"/>
            <p>
                <lb/>
                 Es wurde viel gekauft. Die meisten kauften aus gedanken- <lb/>
                 loser Begierde, denn die Lust, Waren zu erwerben, war groß <lb/>
                 nach all der Entbehrung, und die Lockung der Schaufenster <lb/>
                 unwiderstehlich nach der langen Zeit der leeren Geschäfte. <lb/>
                 Einige kauften auch schon mit Berechnung, weil sie die Wert- <lb/>
                 losigkeit der prahlerischen Geldnoten einsahen und in die <lb/>
                 Realität der SACHWERTE zu flüchten gedachten, aber die <lb/>
                 Masse des Volkes vertraute noch immer auf die Ziffern, wel- <lb/>
                 che die Geldscheine vorspiegelten, ja sie trug davon noch auf <lb/>
                 die Sparkasse und viele hungerten freiwillig weiter, da sie <lb/>
                 das Hungern einmal gewohnt waren, und legten möglichst <lb/>
                 viel »auf die hohe Kante« und rechneten sich aus, wie mühe- <lb/>
                 los sie in einiger Zeit zu Millionären würden, einmal müßten <lb/>
                 die alten Geldverhältnisse ja wiederkehren, und dann könnten <lb/>
                 sie sich mit ihren Guthaben zur Ruhe setzen. Andere machten <lb/>
                 zu Papier, was sie noch an Gold und Silber hatten, und glaub- <lb/>
                 ten in ihrer Verblendung, unwahrscheinlich hohe Werte da- <lb/>
                 für einzuheimsen. Zwiefach wurden sie betrogen: von der <lb/>
                 Notenpresse und von den Aufkäufern, die den Publikums- <lb/>
                 kurs niedrig hielten und sich in Holland hohe Guldenkonten <lb/>
                 anlegten. Im übrigen machte sich niemand viel Gedanken, <lb/>
                 so lange nur in Abständen die Löhne hinaufgingen (man <lb/>
                 nannte es eben immer noch »hinauf«, obwohl man längst <lb/>
                 hätte gewitzigt sein sollen). </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man störte sich nicht daran, daß die Reparationsforderung <lb/>
                 jetzt auf 226 Milliarden gestiegen war, das brauchte man ja <lb/>
                 nicht zu zahlen, man besaß doch nichts, da mußten mal die <lb/>
                 Schieber und Kriegsgewinnler bluten. Adam Griguszies <lb/>
                 wurde ausgelacht, als erfragte, ob sie denn immer noch nicht <lb/>
                 gelernt hätten, daß alles auf die Schultern der ARBEITEN- <lb/>
                 DEN MASSEN abgewälzt würde. Former Fries, erster Be- <lb/>
                 triebsratsvorsitzender, machte dagegen geltend, daß die Ge- <lb/>
                 nossen in der Regierung dies zu verhindern wüßten, aber <lb/>
                 wenn es so weiter ginge mit dem Siegerwahnsinn der Enten e, <lb/>
                 dann hätten die Arbeiter wie ein Mann hinter die Industriellen <lb/>
                 zu treten und zu rufen: »Hände weg von unsern Arbeits- <lb/>
                 stätten!«— »Und wer,« fragte Adam, »wer ist schuld, daß <lb/>
                 die Franzosen uns jetzt auf’n Kopp tanzen können? Keiner
                <pb facs="#f0281" n="277"/>
                <lb/>
                 wie die, die halb Frankreich fressen wollten, falls sie den Krieg <lb/>
                 gewonnen hätten, und außerdem die Sozialdemokraten, die <lb/>
                 ihre Begeisterung und ihre Habgier mitgemacht haben.« <lb/>
                 Aber weder der eine noch der andere hatte viele Zuhörer, man <lb/>
                 hatte andere Sorgen, man lebte darüber hinweg, das war <lb/>
                 höchstens ein Problem für diskutierende Gewerkschaftssekre- <lb/>
                 täre, die vor sich selber ihren Verstand zeigen wollten. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Industriellen tagten jetzt häufig in der Villa, welche die <lb/>
                 Union einem Geheimen Medizinalrat abgekauft hatte, und <lb/>
                 welche so reich verziert war, daß sie aus allen Steinen zu blu- <lb/>
                 ten schien. Der Staatssekretär a. D. lud die Presse zu Em- <lb/>
                 pfangsabenden ein und bewies in kraftvollen Verlautbarun- <lb/>
                 gen Einigkeit nach außen hin, aber hinter dieser schönen Ku- <lb/>
                 lisse entzweiten sich die Industriellen mehr und mehr über <lb/>
                 jenem Problem, das als solches anzuerkennen sie sich so lange <lb/>
                 gesträubt hatten. General von Grußenbaum war immer in <lb/>
                 Berlin. Faulstich veröffentlichte lange Artikel. Wirtz riet dem <lb/>
                 Außenminister, die Forderungen abzulehnen. Geheimrat <lb/>
                 Püschel vom Reichsverband schüttelte den Kopf: das sei <lb/>
                 keine Art, sich mit Gläubigern auseinanderzusetzen. Schell- <lb/>
                 hase junior verbat sich diese Redeweise, hier gebe es keine <lb/>
                 Gläubiger und Schuldner, sondern nur Shylocks auf der einen <lb/>
                 Seite und Tributpflichtige auf der anderen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Da wir ohne Entrichtung des Tributs nicht vor der Welt <lb/>
                 davonkommen werden, haben wir eine geeignete Form zu <lb/>
                 finden«, sagte Püschel. »Es war ein Fehler der Regierung, <lb/>
                 daß sie die Sache immer an sich herankommen ließ, statt <lb/>
                 selbst die Initiative zu ergreifen.« Wirtz hörte aufmerksam <lb/>
                 zu. Es schien ihm richtig, sich auf Püschels Seite zu stellen, <lb/>
                 es war eine Gelegenheit, sich seiner gegen Kropf zu ver- <lb/>
                 sichern. Vielleicht war Püschels Weg auch tatsächlich klüger. <lb/>
                 Er überlegte, wie er die Schwenkung vollziehen könne. Der <lb/>
                 Freiherr wandte gerade ein, daß die Regierung doch ein kla- <lb/>
                 res Angebot gemacht habe. »Gewiß, fünfzig Milliarden, nach- <lb/>
                 dem schon 226 gefordert waren. So etwas geht natürlich nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf verlangte sofortigen Abbruch aller Verhandlungen — <lb/>
                 das bestärkte Wirtz in seinen Absichten. Krogoll sagte, er <lb/>
                 glaube immer noch, daß das Ganze nur ein Bluff der alliierten
                <pb facs="#f0282" n="278"/>
                <lb/>
                 Staatsmänner sei, um ihren Völkern, die sich mit »Le Boche <lb/>
                 payera tout« getröstet hätten, Sand in die Augen zu streuen, <lb/>
                 Der beste Beweis dafür sei das haltlose Schwanken der gefor- <lb/>
                 derten Summe. Um so mehr verspreche er sich von einer in- <lb/>
                 ternationalen Finanzkonferenz, man müsse die Bankiers vor- <lb/>
                 anlassen, um erst einmal das finanzielle Gleichgewicht herzu- <lb/>
                 stellen, aber Hugo Mehtren erklärte, so sehr ihn diese Ansicht <lb/>
                 ehre, so müsse er doch sagen, daß es mit theoretischen Gut- <lb/>
                 achten, die in die Aktenkammern wanderten, nicht getan sei, <lb/>
                 wo es sich um eine konkrete Notwendigkeit handle. Ja, <lb/>
                 nickte Wirtz, und die sei eben, Reparationen zu leisten, ohne <lb/>
                 sie zu zahlen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und dafür demütigen und erniedrigen Sie sich!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bismarck, Herr Schellhase, Bismarck hat gesagt: wo ich <lb/>
                 sitze, ist immer oben... Übrigens ist es weniger schlimm, <lb/>
                 wenn ich mich demütige, als wenn das Vaterland gedemütigt <lb/>
                 wird... Die Situationen ändern sich... Man will unseren <lb/>
                 guten Willen sehen. Nun gut... Der englische Admiral Sir <lb/>
                 John Fisher hat auf der ersten Haager Konferenz über die <lb/>
                 Kriegsführung gesagt: Als Vertreter Ihrer Britischen Maje- <lb/>
                 stät werde ich alle Verbote unterzeichnen, die man unterzeich- <lb/>
                 net haben will, aber als Führer der englischen Flotte werde <lb/>
                 ich im Kriegsfall mit allen sich bietenden Mitteln den Sieg zu <lb/>
                 erringen suchen... Wissen Sie, wer mich daran erinnert <lb/>
                 hat? Ausgerechnet der Marquis... Die wirtschaftlich Den- <lb/>
                 kenden verstehen sich zuletzt über alle Abgründe hinweg, sie <lb/>
                 haben zwar verschiedene Arten zu sprechen, aber nur eine <lb/>
                 Sprache in der ganzen Welt... Der humane Gedanke wird <lb/>
                 heute selbst bei der. Raubtierdressur zur Anwendung ge- <lb/>
                 bracht... Warum soll man, wie mit dem Säbel, nicht auch <lb/>
                 mit der Friedenspalme rasseln können? Treiben wir also eine <lb/>
                 ERFÜLLUNGSPOLITIK, wie sollten wir schließlich sonst <lb/>
                 beweisen können, daß die Erfüllung unmöglich ist? Nehmen <lb/>
                 wir das letzte Ultimatum mit 132 Milliarden und sechsund- <lb/>
                 zwanzig vom Hundert der Ausfuhr an und überlassen wir das <lb/>
                 Weitere der Entwicklung...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hm«, sagte Krogoll, »vielleicht bieten wir der Regierung <lb/>
                 einen Kredit der Industrie zu Reparationszwecken an?« </p>
            <pb facs="#f0283" n="279"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Dieses Kreditangebot ist ein Angebot derjenigen, die <lb/>
                 selbst keinen Kredit haben!« rief Kropf, und während Kro- <lb/>
                 goll entgegnete: »Aber es wird einen guten Eindruck ma- <lb/>
                 chen...«, verließ er mit Schellhase junior unter Protest das <lb/>
                 Beratungszimmer. Das ist ein sturer Kopf, dachte Wirtz, er <lb/>
                 merkt nichts, er merkt nichts, er nimmt alles für bare Münze. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Püschel sagte: »Inzwischen müssen wir den gesunden <lb/>
                 Wirtschaftsverstand der Engländer und Amerikaner mobili- <lb/>
                 sieren. Kleinigkeit — bei meinen Beziehungen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 ZWÖLFTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Dollar notierte 271, als Otto Wittkamp in Paula <lb/>
                 drang: er wolle heiraten. Sie fragte: »Bei der unsicheren <lb/>
                 Zeit?« Er sah sie sonderbar an. »Ach so«, sagte sie. <lb/>
                 »Aber das kannst du doch auch so haben, was willst du noch <lb/>
                 mehr?«— »Ja, ich will es aber nicht immer so flüchtig und <lb/>
                 heimlich haben, und dann soll doch auch nichts passieren, <lb/>
                 jetzt kann man sowas doch nicht gebrauchen, wo man kaum <lb/>
                 für sich selber sorgen kann.« — »Siehst du. Also viel weniger <lb/>
                 für zwei.«— »So mein’ ich das nicht.«— »Laß man. Und <lb/>
                 was das andre anbelangt, keine Bange, ich hab’ Lehrgeld ge- <lb/>
                 geben, mein Rezept ist sicher. Gott, wenn ich an die dummen <lb/>
                 Weiber in die Kolonie denke, die immer schwarzen Kaffee <lb/>
                 trinken und glauben, davon geht’s weg.« — »Laß uns wenig- <lb/>
                 stens Möbel kaufen, die können ja auf Lager bleiben.« — <lb/>
                 »Gut, machen wir.« Sie legten zusammen und zahlten ein <lb/>
                 Viertel an, Küche und Schlafzimmer. Die Küche hieß beim <lb/>
                 Möbelhändler »Elfriede« und das Schlafzimmer »Ruth«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Paula war oft bei der Kestermannschen, die den kleinen <lb/>
                 Jungen hatte. Bald zwei Jahre war er jetzt alt. Paula hielt ihn <lb/>
                 auf dem Schoß und dachte viel und dachte auch wieder <lb/>
                 nichts. Es kamen viele Leute zu der Kestermannschen, auch <lb/>
                 viele ehemalige Munitionsarbeiterinnen, die Paula kannte, <lb/>
                 und alle sagten »Bruder« und »Schwester«, wenn sie einander <lb/>
                 anredeten. Sie waren alle aus der Landeskirche ausgetreten <lb/>
                 und verabscheuten die Pfarrer, die sie »Lohnprediger« schal-
                <pb facs="#f0284" n="280"/>
                <lb/>
                 ten; dafür sprachen sie viel von der Wiederkunft Christi, von <lb/>
                 Aposteln und Hirten und Zungenreden, und die Kester- <lb/>
                 mannsche, die sonst keineswegs freigebig, ja fast hartherzig <lb/>
                 und duckmäuserisch war, wurde in dieser Gesellschaft ein gu- <lb/>
                 tes Seelchen und beschenkte ihre Gäste mit Blumensträußen. <lb/>
                 Sie hatte ein Harmonium in der Stube und einen Vierfarben- <lb/>
                 druck nach Gebhardts Gemälde von der Himmelfahrt Christi <lb/>
                 und setzte ihren Ehrgeiz darein, Paula Griguszies zu bekeh- <lb/>
                 ren, denn dies war, wie sie sagte, ihre Pflicht als Mitglied der <lb/>
                 apostolischen Gemeinde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schließlich willigte Paula ein, sie einmal zum Gottesdienst <lb/>
                 zu begleiten. Es war ein verschleierter Oktobersonntag, eine <lb/>
                 Säule weißlichen Schimmers und der Duft ausgeglühter <lb/>
                 Früchte stand über der Erde. Sie mußten eine Anlage durch- <lb/>
                 queren, der Wind war in den Bäumen, aber seine Leiden- <lb/>
                 schaft war hin, zittrig fuhr er ins gelöste Haar der Trauerwei- <lb/>
                 den und tauchte es in das müde Wasser des Teichs. Dann ka- <lb/>
                 men sie durch ein paar Straßen, ausdruckslose Straßen mit <lb/>
                 zweistöckigen Kleinstadthäusern aus den siebziger Jahren, <lb/>
                 nun eine Lichtung mit halb abgeernteten Schrebergärten. In <lb/>
                 der Nähe erblickten sie acht Zechen. Den Rain hinab lief ein <lb/>
                 Pfad, zwischen Sonnenblumen und Margeritengesichtern hin- <lb/>
                 durch, was für große, wissende, verlangende Augen die hat- <lb/>
                 ten! Eine Hummel saugte an den süßen Eutern der Trichter- <lb/>
                 winde, Paula scheuchte sie auf, da summte sie böse. Der Pfad <lb/>
                 lief weiter, an verwahrlosten Höfen vorbei, die von den Ze- <lb/>
                 chen aufgekauft und wieder verpachtet waren, manchmal so- <lb/>
                 gar an die vormaligen Besitzer. Das gebräunte Gras war naß <lb/>
                 und voll schmierigem Ruß, auf den Wäscheleinen hingen <lb/>
                 blaue Hosen und Blusen. Auf einer Halde balgten sich alte <lb/>
                 Leute und barfüßige Kinder um Kohlenbrocken, eine Gänse- <lb/>
                 herde schnatterte in einem grünen Tümpel, unter einem <lb/>
                 Apfelbaum war mit drei Tischen und einer Kinderschaukel <lb/>
                 eine Gartenwirtschaft errichtet. Trübe Dünste lagerten in <lb/>
                 Schichten, das rauchte, stank und ätzte. Eine neue Straße <lb/>
                 kam, die Anmarschstraße von vielen tausend Bergleuten, in <lb/>
                 der Frühe des Sonntags leer, schwarz und fettig. Eine Stra- <lb/>
                 ßenbahn bimmelte, als wollte sie die Einöde verscheuchen.
                <pb facs="#f0285" n="281"/>
                <lb/>
                 An der Böschung lag verbrauchter Hausrat, Kommißstiefel, <lb/>
                 Schnurrbartbinden, bronzierte Engelsköpfe, verwanzte Ma- <lb/>
                 tratzen. »Sieh mal da, das Bergmannsklavier«, sagte Paula <lb/>
                 und stocherte mit dem Fuß an einer Ziehharmonika herum, <lb/>
                 die mitten im Weg lag, »sieht noch ganz gut aus.«— »Wird <lb/>
                 ein Besoffener verloren haben, komm, wir müssen uns eilen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hoch oben stand die Sonne, sie schien durch ein berußtes <lb/>
                 Glas. Auf der anderen Straßenseite war eine lange Zechen- <lb/>
                 mauet, die hellen Schnittflächen der aufgestapelten Gruben- <lb/>
                 hölzer glänzten dahinter wie Flaschenböden. Nun mußten <lb/>
                 sie über einen freien Platz mit kargem Baumbestand, zertre- <lb/>
                 tenem Gesträuch, Sandhaufen und vielen Bänken. Alles krab- <lb/>
                 belte voll Kindern. »Hier hat auch der Teufel seinen Sack <lb/>
                 ausgeleert«, sagte Paula. Invaliden und Pensionäre, die auch <lb/>
                 Sonntags früh aufstanden, weil sie nicht mehr schlafen konn- <lb/>
                 ten und an diesem Tage, wo alles daheim war, der Hölle des <lb/>
                 Hauses entfliehen wollten, saßen auf den Bänken herum. Hier <lb/>
                 gab es keine Absonderung, auch das Ausruhen war Massen- <lb/>
                 schicksal, man saß eng aufeinander, kein Luftraum lag zwi- <lb/>
                 schen den Bänken. Diese Erholung in der freien Natur war <lb/>
                 Ausdünstung, weiter nichts. Es waren friedfertige Menschen, <lb/>
                 die hier saßen, sie kannten sich alle, seit Jahren erzählten sie <lb/>
                 sich dieselben Geschichten. Alle waren sie gezeichnet mit der <lb/>
                 graugelben Gesichtsfarbe der Bergleute und den blauen <lb/>
                 Pünktchen auf der von Schweiß und Kohlenstaub zerstörten <lb/>
                 Haut. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Plötzlich ein Hügel mit einer uralten, zutraulichen Kirche. <lb/>
                 Paula dachte, die Geheimnisse ihrer Beichtkinder müßten gut <lb/>
                 aufgehoben sein da drinnen in dem welken Gemäuer. Die <lb/>
                 Straße fiel, wieder eine Kirche, neu und drohend wie eine <lb/>
                 Festung oder wie ein Hauptverwaltungsgebäude. Paulas <lb/>
                 Auge lief durch eine schräge Gasse hindurch, sie war eng und <lb/>
                 dunkel und die Häuser waren wohl seit zehn Jahren ohne An- <lb/>
                 strich; am Ende der Gasse stand ein Betonkoloß, Paula <lb/>
                 mußte stehen bleiben und das Auge immer langsam an der <lb/>
                 riesigen, glatten, weißen Wand auf und ab wandern lassen. <lb/>
                 Sie dachte darüber nach, wie wenig sie eigentlich von der <lb/>
                 Stadt und dem Revier kannte; die Kolonie »Flammende
                <pb facs="#f0286" n="282"/>
                <lb/>
                 Scholle«, ein Stück von der Risch-Zanderschen Fabrik, ein <lb/>
                 paar Geschäfte und Anlagen und die Ausflugslokale am Fluß, <lb/>
                 das war alles, und jedes dieser Dinge hatte in ihren Augen für <lb/>
                 sich bestanden, jetzterst fing sie an, sie miteinander in Verbin- <lb/>
                 dung zu bringen und in eine einzige Landschaft einzureihen. <lb/>
                 »Was ist das für ein Betonklotz?« fragte sie die Kestermann- <lb/>
                 sche, »ist das ein Schlachthaus oder ein Zuchthaus?« Die <lb/>
                 Kestermannsche, die diesen Weg oft machte, rannte weiter: <lb/>
                 »Das ist die neue Kokerei von Risch-Zander.« Ach so, ja, <lb/>
                 Adam hatte davon erzählt, das war also Schacht III von »Glück- <lb/>
                 licher Morgenstern«. Komisch, so hing also dieses Kohlen- <lb/>
                 feld zusammen, nachtschwarze Gänge tief unter der Stadt hin- <lb/>
                 durch. Ja — und da war nun diese Gasse verschlossen, die Be- <lb/>
                 wohner konnten nicht entrinnen, es blieb nur die Zuflucht in <lb/>
                 die Kirche, die sie im Rücken hatten. »Das sieht ja aus, wie’s <lb/>
                 in die Ilustrierte immer von Amerika steht.«— »Ja, ja, <lb/>
                 komm nur, komm, ist höchste Zeit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie gerieten jetzt in viele Trupps eiliger Leute hinein, alles <lb/>
                 Kirchgänger und Sektierer, Apostolische, Adventisten, Bap- <lb/>
                 tisten, Bibelforscher. An Toreinfahrten klebten kleine Zettel, <lb/>
                 da waren die Versammlungslokale. Die Mystik stieg, wie der <lb/>
                 Dollar stieg. Die Apostolischen hatten einen Saal im Hof <lb/>
                 eines Grünkramhändlers, die Einfahrt lag voll Papier, neben- <lb/>
                 an war der Stall, eine Handkarre mit Obst stand da, es roch <lb/>
                 nach Pferdemist und gärenden Birnen. Aus dem Saal kam in- <lb/>
                 brünstiger Gesang, es hatte also schon angefangen. Rasch <lb/>
                 schlüpften sie durch einen Türspalt hinein in die letzte Bank, <lb/>
                 niemand beachtete sie, diese Versunkenheit übertraf die An- <lb/>
                 dacht einer Kirche. Paula blickte herum, es waren sicher <lb/>
                 ebensoviele Männer wie Frauen da, fast alle aus dem Arbei- <lb/>
                 terstand; sie dachte flüchtig an die Männer in ihrer Kolonie, <lb/>
                 nun ja, die meisten waren tranig und weibisch und redselig, <lb/>
                 schlimmer als Waschweiber. Die Kestermannsche schlug ihr <lb/>
                 Gesangbuch auf und legte kräftig los. Die Wände waren weiß <lb/>
                 getüncht und ohne Schmuck, die Bänke ansteigend, es war <lb/>
                 wie in einer Schule, Schule des Glaubens, dachte Paula und <lb/>
                 wurde immer ungläubiger. </p>
            <pb facs="#f0287" n="283"/>
            <p>
                <lb/>
                 Als der Gesang aufgehört hatte, bestieg ein Mann den Ka- <lb/>
                 theder, ein Mann mit Bratenrock, weißer Chemisette, alter- <lb/>
                 tümlichem Umlegekragen und runden Manschetten, die er <lb/>
                 während seiner Predigt ständig zurückstreifte, da sie immer <lb/>
                 wieder bis über den Handballen vorrollten. Er sprach in einem <lb/>
                 trockenen Berichtston, der von menschlichen Sympathien <lb/>
                 und Antipathien gleich weit entfernt zu sein schien; seine ein- <lb/>
                 tönige, niemals erhobene Stimme schläferte Paula. Sie ver- <lb/>
                 stand nur, daß jedes Haus eine Vordertür und eine Hintertür <lb/>
                 habe, so auch das Herz des Menschen, und wenn ein Böse- <lb/>
                 wicht Christum durch die Vordertür hinauswerfe, so schleiche <lb/>
                 er sich durch die Hintertür wieder ein. Sie schaute zu der Ke- <lb/>
                 stermannschen hinüber und flüsterte: »Das ist doch dasselbe, <lb/>
                 was die Pfarrer sagen.« Die Kestermannsche hatte die Brille <lb/>
                 auf der Nase, sah sie obendrüberweg unwirsch an und gab zu- <lb/>
                 rück: »Das ist doch gerade der Unterschied, bei uns kann es <lb/>
                 jedermann sagen — da hörst du«, und sie deutete mit dem <lb/>
                 Kopf zur Seite, wo plötzlich ein alter Mann mit einer weiner- <lb/>
                 lichen, aber schneidenden Stimme den Redestrom des Predigers <lb/>
                 zerriß. »Der Geist ist über ihn gekommen«, erklärte die Kester- <lb/>
                 mannsche. »O du Tochter Jerusalem, was soll aus dir wer- <lb/>
                 den«, weinte der Greis, »was soll aus dir werden, o du Toch- <lb/>
                 ter Jerusalem!« Das möchte ich auch wissen, dachte Paula <lb/>
                 nicht gerade gottesfürchtig, aber im nämlichen Augenblick <lb/>
                 fingen vier Frauen auf einmal zu reden an — sie sah scharf hin, <lb/>
                 abgehärmte Frauen waren es mit schmalem Mund und tiefen <lb/>
                 tuberkulösen Gruben hinter den Ohren; man hätte nicht ge- <lb/>
                 glaubt, daß sie bis drei zählen könnten, und hier hatten sie ein <lb/>
                 helles Pathos und setzten ungewohnte Worte zierlich und ge- <lb/>
                 läufig. So ging das fort, ein anderer bestieg den Katheder, <lb/>
                 andere redeten mit prophetischen Zungen, dieser Gottesdienst <lb/>
                 wollte kein Ende nehmen. Die Luft roch nach Schimmel, irgend- <lb/>
                 wo mußte eine feuchte Wand sein, dieser Saal war eine nahrhafte <lb/>
                 Weide für Tuberkeln und Grippebazillen. Paula wurde übel, <lb/>
                 sie schlängelte sich hinaus und wartete draußen das Ende ab. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kestermannsche wußte, daß sie für die Bekehrung ver- <lb/>
                 loren war, wechselte sofort den Ton und wurde einsilbig und <lb/>
                 hochfahrend. </p>
            <pb facs="#f0288" n="284"/>
            <p>
                <lb/>
                 Die Mystik stieg, wie der Dollar stieg. Wie, hatte Deutsch- <lb/>
                 land keine Zeit, kein Geld und keine Kraft mehr für anderes <lb/>
                 als den Kampf ums tägliche Brot? Wenn unser Kampf ums <lb/>
                 Brot so furchtbar ist, behaupteten die Propheten, dann brau- <lb/>
                 chen wir eben etwas mehr als dieses Brot, um bei Kräften zu <lb/>
                 bleiben, denn wenn die Herzen blutleer sind, nützen auch <lb/>
                 volle Schüsseln dem Magen nichts. Die Rischianer hatten we- <lb/>
                 nigstens ihren Bildungsverein, dessen Kunstabende jetzt im- <lb/>
                 mer überfüllt waren, weil sie (so wurde verkündet) dem Er- <lb/>
                 werb eines tieferen Verständnisses für alles Schöne dienten, <lb/>
                 und der Erholung nach des Tages Last und Häßlichkeit; ihr <lb/>
                 Ziel war »das gesteigerte Lebensgefühl, ein Mehr an Lebens- <lb/>
                 freude und Lebensbejahung.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dort begegnete Paula der Witwe Thomeszat, sie entsann <lb/>
                 sich sofort des Eisenbahners, den diese gehabt hatte, und war <lb/>
                 neugierig: »Na, was ist daraus geworden?« — »Mein Mann <lb/>
                 ist daraus geworden«, antwortete die Witwe Thomeszat. »Er <lb/>
                 war doch auch Witwer.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, er hatte doch eine Dienstwohnung an die Zandershö- <lb/>
                 her Strecke, hör’ du, ich muß dich das vorlesen.« Damit öffnete <lb/>
                 sie ihre Handtasche, welche einen Kamm, ein Taschentuch, <lb/>
                 eine Geldscheinmappe, einen Bodensatz Brotkrumen, vier alte <lb/>
                 Straßenbahnfahrscheine, zwei Knöpfe, einen Schlüsselbund, <lb/>
                 einen angebissenen Riegel Schokolade, ein zerlesenes Trak- <lb/>
                 tätchen und mehrere Warenhauszettel enthielt, und nachdem <lb/>
                 sie das alles mit einer unnötigen Hast um und um gewendet <lb/>
                 hatte, zog sie ein bröckliges Papier hervor und entfaltete es. <lb/>
                 »Hier hab’ ich’s—: daß die Person — das bin ich, verstehste, die <lb/>
                 Person —, nach einem in nicht mehr völlig aufklärbarer Gesell- <lb/>
                 schaft unternommenen Sonntagsausflug an einem im Flußtal be- <lb/>
                 legenen, mittels Eisenbahn erreichbaren Ort den letzten fahr- <lb/>
                 planmäßigen Zug versäumte und von dem Streckenwärter an- <lb/>
                 geblich aus Mitleid das Angebot erhielt, in seiner Dienstwoh- <lb/>
                 nung zu übernachten. — Das ist nämlich das amtliche Protokoll <lb/>
                 überunsere Liebesnacht, da mußte er also von die Bahn weg, und <lb/>
                 nach’m Umsturz konnte er bei Risch Zander ankommen, da ha- <lb/>
                 ben wir gleich geheiratet. Schöner Steckbrief, das hier, wat?« </p>
            <pb facs="#f0289" n="285"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Wo hast du den Wisch denn her?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Och, den haben sie beim Putsch aus die Eisenbahndirek- <lb/>
                 tion geklaut, da lagen ja die Akten nur so rum. ’n Schlosser <lb/>
                 namens Walkowiak hat ’ne ganze Menge solcher Dinger ge- <lb/>
                 funden und an die, wo’s angeht, verkauft. Wir haben fuffzig <lb/>
                 Mark für gegeben, ’s is doch ’n Andenken.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Walkowiak? Walkowiak? Is das der, wo im Arbeiter- <lb break="yes"/>
                 und Soldatenrat war?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Klar, der wo nachher gebrummt hat. Beim Putsch sollen <lb/>
                 sie ihn befreit haben und jetzt is er glaub’ ich amnestiert. <lb/>
                 Aber du, mein Mann ist so häuslich, der trinkt und raucht <lb/>
                 nicht mehr, du mußt uns mal besuchen, Grusonstraße 16 woh- <lb/>
                 nen wir, in meiner alten Wohnung, selbstredend, wir wollen <lb/>
                 mal sehen, vielleicht kaufen wir das Haus. Du, noch ’ne <lb/>
                 Neuigkeit. Ich bin bei die Jünger des Heiligen Amtes.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bist du plemplem, was ist das denn?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Aldenhövel, verwitwete Thomeszat, tat beleidigt. <lb/>
                 »Wir haben die Kraft, Kranke zu heilen, wir müssen jeden <lb/>
                 Mittwoch ins städtische Krankenhaus beten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Darf ich da mal mit?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Du bist noch nicht geweiht, komm heut Abend mit zum <lb/>
                 Meister.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich komme, klar, den Hokuspokus will ich sehn.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Meister der Jünger des Heiligen Amtes wohnte im <lb/>
                 dritten Stock eines Hauses; das unten eine Gold- und Silber- <lb/>
                 ankaufstelle und im ersten Stock eine Tanzbar beherbergte. <lb/>
                 Böse Zungen sagten, daß er auch der Besitzer dieser weltli- <lb/>
                 chen Lokale sei und von diesen Einkünften den Luxus seiner <lb/>
                 Heiligkeit bestreite. Die Wohnung war dick voll orientali- <lb/>
                 scher Teppiche, man lagerte sich darauf, Stühle gab es nicht, <lb/>
                 eine Art Absinth wurde in grünen Schalen gereicht. Paula <lb/>
                 nippte nur daran, dennoch drehte sich nach einiger Zeit alles <lb/>
                 mit ihr herum. Es waren nur Frauen da, sie umschlangen und <lb/>
                 küßten den Meister, der sich ihrer kaum erwehren konnte. <lb/>
                 Pfui wie unappetitlich, dachte Paula, haben die denn alle den <lb/>
                 Samenkoller? Nach einer Weile willigte der Meister ein, an <lb/>
                 ihr die Weihe zu vollziehen. Er forderte sie auf, sich zu ent-
                <pb facs="#f0290" n="286"/>
                <lb/>
                 kleiden. Ihr schwindelte. »Wie soll ich die Reinheit deines <lb/>
                 Herzens sehen können, wenn ich dich nicht so, wie Gott dich <lb/>
                 erschaffen hat, prüfen kann?« rief er salbungsvoll, ergriff ih- <lb/>
                 ren Rock, warf ihr ihn über den Kopf, es war das Werk einer <lb/>
                 Sekunde, die Frauen hielten sie fest und schrien schrecklich: <lb/>
                 »Das ist der böse Geist, der böse Geist sitzt noch in ihr, treib’ <lb/>
                 ihn aus, Meister, treib ihn aus!« Paula stand schon im Hemd, <lb/>
                 der Meister drückte einen mitleidigen Kuß auf ihre Stirn, wäh- <lb/>
                 rend er ihr über Brust und Schenkel strich — verflucht, hatte <lb/>
                 sie denn keinen Willen mehr? War das nicht die Witwe Tho- <lb/>
                 meszat, die ihr das Hemd auszog? Stieg da nicht ein blauer <lb/>
                 betäubender Rauch aus einer Vase? Sie war ganz benommen. <lb/>
                 »Sie schämt sich noch, sie schämt sich noch, der böse Geist <lb/>
                 ist noch in ihr«, schrien die Weiber, und der Meister sprach: <lb/>
                 »Weiche, Scham, aus diesem Körper, erkenne dich selbst <lb/>
                 und gewinne die Wunderkraft im Gebet!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er fiel vor ihr nieder und schien zu beten, alle schienen zu <lb/>
                 beten. Paula stand nackt und frei und rührte sich nicht. Das <lb/>
                 bläuliche Licht des Rauchs stach ihr in die Augen. Mecha- <lb/>
                 nisch dachte sie: ich muß still halten, damit ich wieder zu mei- <lb/>
                 nen Kleidern komme. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nun erhob sich der Meister, alle erhoben sich und umstan- <lb/>
                 den sie im Kreise. Eine nach der anderen trat heran, jede legte <lb/>
                 ihr ein Kleidungsstück um, der Meister selbst das Hemd, da <lb/>
                 machten wieder seine ekligen feuchten Finger Abdrücke in <lb/>
                 ihre Haut, sie schüttelte sich wie ein Huhn, das eben der Hahn <lb/>
                 verlassen hat. Endlich sagte er: »Du bist geweiht zum Dienst <lb/>
                 einer Jüngerin des Heiligen Amtes und sollst hinfort den Namen <lb/>
                 Virginia tragen.« Frau Aldenhövel, verwitwete Thomeszat, <lb/>
                 belehrte sie, daß jede Jüngerin einen besonderen Namen habe <lb/>
                 und sie selbst Amanda heiße. »Seid kommenden Mittwoch ge- <lb/>
                 rüstet«, mahnte der Meister noch, dann brachen sie auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als Paula die bittersüße Nachtluft um die Schläfen spürte, <lb/>
                 war sie belustigt. Das Abenteuer muß ich ganz auskosten, <lb/>
                 dachte sie, das ist mir ja ein schöner Heiliger. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwanzig Jüngerinnen stehen vor der Pforte des Kranken- <lb/>
                 hauses und begehren Einlaß. Der Pförtner aber ist durch die
                <pb facs="#f0291" n="287"/>
                <lb/>
                 früheren Besuche der Gesundbeterinnen vorbereitet und hält <lb/>
                 das Tor verschlossen. Die Frauen werfen sich zur Erde und <lb/>
                 murmeln Gebete, Paula Griguszies wirft sich auch hin, um <lb/>
                 nicht aufzufallen. Der Pförtner steht hinter dem Tor und <lb/>
                 lacht. Jetzt springen die Frauen auf, schwingen die Regen- <lb/>
                 schirme über ihren Köpfen und rennen dreimal gegen das Tor <lb/>
                 an, indem sie rufen: »Wir sind die Kraft Gottes! Wir sind die <lb/>
                 Kraft Gottes! Wir sind die Kraft Gottes!« Der Pförtner be- <lb/>
                 ruhigt sie: »Na, dann geht mal heim und kocht euern Män- <lb/>
                 nern was zu Mittag und paßt auf, daß eure Blagen nicht ver- <lb/>
                 lausen, das ist gescheiter«, doch das Lachen vergeht ihm, als <lb/>
                 ihm ein Stein an den Kopf fliegt. Das sind keine Frauen mehr, <lb/>
                 das sind Besessene, das sind Hexen. Der Meister jedoch ist <lb/>
                 wohlweislich in seinem Teppichgemach geblieben. Paula <lb/>
                 drückt sich zur Seite hinter einen. Baum, das sieht hier nicht <lb/>
                 geheuer aus. Auf der Straße sammeln sich Menschen an. Die <lb/>
                 Frauen raffen ihre Röcke hoch und machen sich zum Sturm <lb/>
                 bereit, die ahnungslose Menge auf der Straße johlt, sie ist im- <lb/>
                 mer auf der Seite derjenigen, die an eine versperrte Tür po- <lb/>
                 chen. Einige klettern übers Gitter, entreißen dem Pförtner <lb/>
                 den Schlüssel und öffnen, hereinbricht wie eine wandernde <lb/>
                 Mauer die Schar der Jüngerinnen des Heiligen Amtes, <lb/>
                 schwirrt durch die Gänge, verteilt sich dahin und dorthin, <lb/>
                 reißt die Türen zu den Krankenzimmern auf, auf jeder Schwel- <lb/>
                 le hockt mit irren, rollenden Augen eine Frau und betet irre, <lb/>
                 rollende Worte. Die Schwestern flüchten entsetzt, vergeb- <lb/>
                 lich intervenieren die Ärzte, der Pförtner alarmiert die Polizei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Präsidium ist in der Nähe, sogleich saust eine Bereit- <lb/>
                 schaft an und geht mit gefälltem Bajonett gegen die Menge <lb/>
                 vor. »Bluthunde!« und »Nieder!« wird gerufen, Paula steht <lb/>
                 klopfenden Herzens hinter dem Baum. Die Polizisten rennen <lb/>
                 ins Gebäude und ergreifen die Jüngerinnen, die sich mit bei- <lb/>
                 den Händen an den Türpfosten anklammern und eher sterben <lb/>
                 wollen als weichen. »Wir sind von Gott gesandt, wir müssen <lb/>
                 ihm gehorchen!« Zureden hilft nichts, bei Kopf und Beinen <lb/>
                 werden sie gepackt und hinaus auf ein Lastauto geschleift, ein <lb/>
                 paar Schuhe und falsche Zöpfe gehen dabei verloren. »Ho, <lb/>
                 ho, der Wilhelm geht stiften!« gröhlt die Menge, die endlich
                <pb facs="#f0292" n="288"/>
                <lb/>
                 weiß, worum es sich handelt. Das Auto fährt an, mit Mär- <lb/>
                 tyrerstolz knien darauf die Jüngerinnen hinter den grünen <lb/>
                 Röcken der Polizei, die Menge pfeift und tobt und verläuft <lb/>
                 sich nach und nach in angeregtem Geplauder. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Paula steht noch immer da und ist kalt am ganzen Körper. <lb/>
                 »Nu aber Schluß,« sagt sie zuletzt zu sich selbst, »getzt hab’ <lb/>
                 ich genug davon, getzt blast mich an’n Kopp, ins Kittchen will <lb/>
                 ich nu doch nicht.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf Umwegen kam sie nach Hause. »Virginia«, dachte sie <lb/>
                 noch einmal, ehe sie einschlief, und lachte. Sie schlief aber <lb/>
                 gut und das Lachen war noch morgens auf ihren Lippen. »Es <lb/>
                 hat mir nichts geschadet, mir schadet überhaupt nichts — wie <lb/>
                 sagt der Adam? Auf das Mädel ist Verlaß, sagt er, aber hier- <lb/>
                 von will ich ihm doch lieber nichts verraten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Aldenhövel, verwitwete Thomeszat, wurde mit den <lb/>
                 Übrigen wegen Hausfriedensbruchs zu vierzehn Tagen Ge- <lb/>
                 fängnis verurteilt. Der Meister war unterdessen mit seinen <lb/>
                 Teppichen ins Ausland gereist. </p>
            <p>
                <lb/>
                 DREIZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Otto Wittkamp, Paulas Bräutigam, hatte die dienstliche <lb/>
                 Obliegenheit, Zeitungsausschnitte im Archiv des Presse- und <lb/>
                 Propagandabüros der Risch-Zander A.-G. zu registrieren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Abteilung Propaganda kam einstweilen über den fort- <lb/>
                 gesetzten Kollisionen mit der Tradition nicht zur Wirksam- <lb/>
                 keit. Angefangen von der Erwägung, ob es überhaupt vor- <lb/>
                 nehm sei, Waren anzupreisen, und ob eine zugkräftige Re- <lb/>
                 klame nicht schon zu marktschreierisch sei, bis zur strengen <lb/>
                 Weisung, unter allen Umständen dezent zu bleiben, war es <lb/>
                 eine einzige lange Kette von Hindernissen. Jeder Entwurf <lb/>
                 des Büros mußte durch dreißig Hände von Ingenieuren, Kauf- <lb/>
                 leuten und Direktoren gehen, jeder wollte gefragt sein, jeder <lb/>
                 trat mit autoritativer Geste auf, jeder stelzte wichtigtuerisch <lb/>
                 und prall von Sachkenntnis daher, und der Effekt war nach <lb/>
                 vielen saueren Wochen ein ungemein teures und ungemein <lb/>
                 schlechtes Inserat. </p>
            <pb facs="#f0293" n="289"/>
            <p>
                <lb/>
                 Hingegen war es in der Abteilung Nachrichtendienst und <lb/>
                 Presse sehr lebendig. Sie war das andere Kalkulationsbüro <lb/>
                 des Unternehmens: das Kalkulationsbüro für die öffentliche <lb/>
                 Meinung. Sie säte Pressestimmen aus und fuhr Pressestim- <lb/>
                 men ein in die Scheuer der Archive: nicht zur Aufklärung <lb/>
                 war sie da, sondern zur Verschleierung, durch ausgiebige <lb/>
                 Erörterung des Nebensächlichen hatte sie das Wesentliche <lb/>
                 dem Kreuzfeuer der Meinungen zu entrücken. Da sie nun <lb/>
                 einmal existierte, veröffentlichten die Redaktionen keine Mit- <lb/>
                 teilungen über die Vorgänge im Werk, ohne vorher bei ihr <lb/>
                 anzufragen; andererseits wurde sie selbst über diese Vorgänge <lb/>
                 so wenig unterrichtet, war sie in ihren Auskünften so sehr <lb/>
                 auf den vorgeschriebenen Instanzenweg angewiesen, daß ein- <lb/>
                 deutige Informationen nie zu erlangen waren. So blieb ihren <lb/>
                 Angestellten zwischen Pflicht und Verantwortung ein Schwe- <lb/>
                 bezustand, welcher ihnen gestattete, über das bloße Pflicht- <lb/>
                 bewußtsein hinauszukommen, ohne ihnen zu erlauben, in <lb/>
                 ein höheres Verantwortungsbewußtsein hineinzuwachsen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Pressebüro war aber nicht allein die Durchgangsstation <lb/>
                 vom Werk in die Welt, es war auch die Durchgangsstation <lb/>
                 von Ressort zu Ressort. Man sagt es am leichtesten mit einem <lb/>
                 Vergleich aus der Chemie: im ersten Fall wirkte es als Filter, <lb/>
                 im zweiten als Katalysator. Im ersten Fall bezweckte es, <lb/>
                 möglichst viel aufzunehmen und möglichst wenig abzugeben. <lb/>
                 Im zweiten Fall diente es dazu, gewisse Aufbau- oder Zer- <lb/>
                 setzungsprozesse innerhalb des Werks zu beschleunigen. Es <lb/>
                 hielt die Fiktion vom Geschäftsgeheimnis aufrecht, von der <lb/>
                 Spionagegefahr, von der Unwissenheit der Konkurrenz. Es <lb/>
                 griff aber auch mittelbar ein in den Gang der Produktion, <lb/>
                 in die Buchhaltung, in die Finanzwirtschaft, indem es brü- <lb/>
                 chige Positionen mit alarmierenden Statistiken und Gegen- <lb/>
                 überstellungen sturmreif machte. Manchmal griff es sogar <lb/>
                 in die geistige und soziale Anschauung der Machthaber hin- <lb/>
                 über. Gewiß entstanden keine Erschütterungen, aber die <lb/>
                 Tatsache, daß sich die Direktoren in allem, was die Spiege- <lb/>
                 lung der Wirtschaft in der Welt betraf, auf das Pressebüro <lb/>
                 verließen, konnte schon von einem Angestellten minderen <lb/>
                 Ranges (wie es zum Beispiel Otto Wittkamp war) ausgenutzt
                <pb facs="#f0294" n="290"/>
                <lb/>
                 werden. Die Direktoren lasen nämlich keine Zeitungen, son- <lb/>
                 dern ließen sich daraus nur Ausschnitte vorlegen, in deren <lb/>
                 Auswahl die Angestellten des Pressebüros ein zwar schwaches, <lb/>
                 doch dauerhaftes Mittel der Beeinflussung hatten. Sie mach- <lb/>
                 ten schon aus Bosheit, wenn nicht aus Spekulation, gern Ge- <lb/>
                 brauch davon, und die Vermutung, daß die Direktoren dies <lb/>
                 sehr genau wußten, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn <lb/>
                 sie nicht dagegen einschritten, so hatte es seinen Grund darin, <lb/>
                 daß sie schließlich keine subalternen Naturen waren, die nur <lb/>
                 dasaßen und abwarteten, bis eine Insubordination mit frist- <lb/>
                 loser Entlassung geahndet werden könne. Sicher waren sie <lb/>
                 auch nicht weltmännisch und weitherzig; aber sie waren ein <lb/>
                 jovialer Mittelstand, der in allen Sachen, die nicht gerade- <lb/>
                 wegs das kapitalistische System untergruben, dem Laissez- <lb/>
                 faire huldigte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Pressechef selbst war zugleich Horchposten und Fach- <lb/>
                 berater in der Stadtverordnetenversammlung und im Pres- <lb/>
                 byterium der evangelischen Gemeinde. Ohne eine Spur jour- <lb/>
                 nalistischer Begabung, niemals herausfordernd, niemals über- <lb/>
                 legen tuend, war er gut gelitten; er wußte, daß er nicht als <lb/>
                 ehemaliger Kollege auftreten durfte, der nunmehr Autorität <lb/>
                 erlangt hatte; er wußte, daß er am besten fahren würde, wenn <lb/>
                 er sich in allen Pressefragen als Laie hinstellte; er wußte, <lb/>
                 wovon sein Erfolg abhing: daß er nicht immer lügen durfte, <lb/>
                 sondern im geeigneten Augenblick auch einmal den Eindruck <lb/>
                 unbedingter Ehrlichkeit machen mußte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mischung aus Zechkumpan, Magister und Philosoph, <lb/>
                 hielt er zwischen speckiger Glätte und geriebener Trocken- <lb/>
                 heit eine verführerische Mitte. Depeschenbote und Befehls- <lb/>
                 empfänger in einer Person, Zwischenträger, Parolenschmied, <lb/>
                 Intimus, Stafettenläufer zwischen Konferenzen, Heimlich- <lb/>
                 tuer, Werksgewissen, plapperndes Faktotum — so hatte er <lb/>
                 viel geschäftig zu sein und wenig zu arbeiten. Er begann <lb/>
                 jeden zweiten Satz mit »Wenn ich reden dürfte« und »Wenn <lb/>
                 Sie wüßten, was ich weiß«, Was seiner Überredungskunst <lb/>
                 nicht gelang, gelang seiner Spekulation auf Mitgefühl; er <lb/>
                 brachte es dahin, daß peinliche Fragen nur auf eine verklau-
                <pb facs="#f0295" n="291"/>
                <lb/>
                 sulierte Art angeschnitten wurden, welche die schuldige <lb/>
                 Rücksicht sowohl auf die Unabhängigkeit der Presse wie <lb/>
                 auf die menschlich nahegerückte Person des Pressechefs <lb/>
                 wahrte. Er repräsentierte in Journalistenkreisen die Indu- <lb/>
                 strie, aber er galt trotzdem noch als ihr Angestellter, und <lb/>
                 die Zeitungsleute, welche die Industrie nicht schonen woll- <lb/>
                 ten, mußten doch die Angestellten schonen — hier wurde <lb/>
                 dieselbe Taktik verfolgt, die mittelalterliche Feldherren an- <lb/>
                 wandten, indem sie vor ihren eigenen Reihen die Gefangenen <lb/>
                 hertrieben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Tisch des Pressechefs war immer voll von Zeitungen, <lb/>
                 Aktendeckeln, nationalökonomischen Schriften und gelehr- <lb/>
                 ten Jahrbüchern. Obenauf lag gewöhnlich ein hektogra- <lb/>
                 phiertes Blatt mit einem breiten Stempel: »Streng vertraulich! <lb/>
                 Nur zum Gebrauch innerhalb des Werks!« Es lag so, daß <lb/>
                 der Blick des Besuchers unbedingt darauf fallen mußte. Mei- <lb/>
                 stens war es nur eine Abschrift aus den jedermann zugäng- <lb/>
                 lichen Publikationen des Statistischen Reichsamts, aber die <lb/>
                 Besucher waren Journalisten, die, auch wenn sie hundertmal <lb/>
                 davon überzeugt waren, daß vertrauliche Dinge nirgendwo <lb/>
                 in der Welt offen herumliegen, dem Magnetismus dieses <lb/>
                 Wortes verfallen blieben. Da saßen sie dann, unruhig, zer- <lb/>
                 streut, fortgesetzt mit dem Gedanken beschäftigt, wie sie <lb/>
                 an das vermeintliche Geheimdokument herankommen könn- <lb/>
                 ten; sie vergaßen darüber die bohrenden Fragen, die sie hat- <lb/>
                 ten stellen wollen, und die, wären sie gestellt worden, vom <lb/>
                 Pressechef zweifellos bis an die Grenze der Offenheit beant- <lb/>
                 wortet worden wären. Unterdessen erhielten sie einen Über- <lb/>
                 blick über die allgemeine wirtschaftliche Lage, den sie sich <lb/>
                 ebensogut aus ihren eigenen Zeitungen hätten verschaffen <lb/>
                 können, und der Pressechef schüttelte ihnen kameradschaft- <lb/>
                 lich die Hand und sagte: »Wenn Sie wieder eine Auskunft <lb/>
                 brauchen, stehe ich zur Verfügung, aber lassen Sie, bitte, <lb/>
                 Ihre Kollegen nicht merken, daß ich Sie bevorzuge.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einmal im Jahr, drei Tage, bevor der Geschäftsabschluß <lb/>
                 publiziert wurde, lud er die ortsansässigen Presseleute zum <lb/>
                 Diner in den »Grußenbaumschen Hof«, wo sie zwischen <lb/>
                 Gänsebraten, Wein und Zigarren über die Risch-Zandersche
                <pb facs="#f0296" n="292"/>
                <lb/>
                 Bilanz derart ihre <hi rendition="#g">private</hi> Meinung sagten, daß sie sich
                jede <lb/>
                 weitere Glosse in den Organen der <hi rendition="#g">öffentlichen</hi> Meinung <lb/>
                 schenken konnten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies also war Wittkamps Vorgesetzter. Er saß in einem <lb/>
                 Raum, der durch Glaswände von einem schmalen, unförmig <lb/>
                 langen Saal abgeteilt war, und überwachte von hier aus seine <lb/>
                 Untergebenen, die vor ihm in einer schönen offenherzigen <lb/>
                 Gemeinschaft an vierzehn Tischen verteilt waren. Es war <lb/>
                 das dienstliche Leben aller Angestellten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fortwährend liefen Bewerbungsschreiben studierter Leute <lb/>
                 ein, beinahe allwöchentlich sprach irgendein blutjunger Mensch <lb/>
                 vor, der aussah wie ein Unterprimaner, dabei aber schon auf <lb/>
                 der Universität ein Kriegs-Notexamen gemacht hatte und <lb/>
                 eine Visitenkatte mit dem Schnörkel »Dr. rer. pol.« vor sei- <lb/>
                 nem Namen abgab. So groß war der Andrang von Volks- <lb/>
                 wirtschaftlern, daß dieser Schnörkel täglich wertloser wurde, <lb/>
                 fast in schnellerem Tempo als das Geld, und alle diese Leute <lb/>
                 stammten aus verarmten Familien. Sie boten sich für eine <lb/>
                 Papiersumme an, die monatlich noch nicht vierzig Mark in <lb/>
                 Gold ausmachte, verzichteten freiwillig auf den Achtstunden- <lb/>
                 tag und wirkten aus sozialer Not und menschlicher Unreife <lb/>
                 mit, den ganzen Angestelltenstand zu Boden zu drücken. <lb/>
                 Ihre theoretischen Kenntnisse waren gering, ihre praktischen <lb/>
                 Arbeiten blamabel. Neben Wittkamp saß einer von ihnen, <lb/>
                 »aushilfsweise« (denn eine feste Anstellung wurde ihnen sel- <lb/>
                 ten zuteil), der während der Dienstzeit Übersetzungen aus <lb/>
                 dem englischen »Economist« anfertigte und diese als seine <lb/>
                 Originalaufsätze an ein Lokalblatt verkaufte, welches sie mit <lb/>
                 der Einleitung »Unser Londoner Korrespondent berichtet« <lb/>
                 versah. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Scharenweise lungerten diese vorzeitig entlassenen Schüler <lb/>
                 auf dem Arbeitsmarkt herum, und noch war kein Ende dieses <lb/>
                 Zustroms abzusehen, denn die Wirtschaft, die früher nur <lb/>
                 an der Peripherie der romantischen Kaiser-Idylle »Deutsches <lb/>
                 Reich« geduldet worden war, wurde jetzt zum allmächtigen <lb/>
                 Götzenbild republikanischer Gläubigkeit. Das Pressebüro <lb/>
                 war überhäuft mit Gesuchen naiver, lebensfremder und wil-
                <pb facs="#f0297" n="293"/>
                <lb/>
                 lensschwacher Studenten, die nicht mehr aus und ein wuß- <lb/>
                 ten und daher ihre Zuflucht zu einer nationalökonomischen <lb/>
                 Doktorarbeit nahmen, die sie in ihrer Bedrängnis auf den <lb/>
                 abgeweideten Äckern industrieller Archive zusammenzustop- <lb/>
                 peln gedachten. Vielen gelang zuletzt der Einbruch mit der <lb/>
                 Gewalt der Verzweiflung und der Protektion; sie setzten sich <lb/>
                 fest, klebten an, bildeten Zellen, fraßen um sich, bliesen sich <lb/>
                 selbstherrlich auf und standen endlich da mit dem geschwol- <lb/>
                 lenen Bauch einer triumphalen Wirtschaftsbürokratie. Ge- <lb/>
                 schäftsführer waren nicht mehr für die Organisationen da, <lb/>
                 sondern Organisationen für die Geschäftsführer: neue Ziele, <lb/>
                 neue Weltanschauungen, neue Arbeitsmethoden wurden er- <lb/>
                 funden, um Verbände dafür zu gründen, neue Verbände <lb/>
                 wurden gegründet, um neue Perspektiven für die Akademi- <lb/>
                 ker zu eröffnen, und all diese stinkende Betriebsamkeit wurde <lb/>
                 als amerikanischer WEG ZUM ERFOLG plakatiert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ottokar Wirtz nannte diese Krankheit die »Syndikuspest«, <lb/>
                 aber die meisten Industriellen begünstigten sie, und wenn sie <lb/>
                 in den stellenlosen Doktoren auch nicht gerade die heran- <lb/>
                 wachsenden Klassengenossen erblickten, so sahen sie in ihnen <lb/>
                 doch zumindest die gutwilligen und rasch geschirrten Pferde, <lb/>
                 die sich diensteifrig vor ihren Wagen spannen ließen. Auch <lb/>
                 die Skeptiker, die ein wenig über die Hitze lächelten, womit <lb/>
                 hier der kleine Mann den Großen gefällig zu sein trachtete, <lb/>
                 fanden es immerhin der Anerkennung wert. Konnten sie <lb/>
                 doch um so nüchterner und elastischer sein, je fetter und <lb/>
                 boshafter die Leute waren, die eine Ehre darin sahen, einen <lb/>
                 Schild über sie zu halten, den sie gar nicht benötigten, der <lb/>
                 ihnen aber nicht übel anstand. So erschien die Industrie als <lb/>
                 Leidtragender und Schutzbedürftiger, so hatte sie eine Garde <lb/>
                 vor sich, die gleichzeitig Sturmtrupp und Kugelfang war, <lb/>
                 und die Welt sagte: »Die Industriellen selbst sind ja gar <lb/>
                 nicht so schlimm, es sind nur die Syndizi, die päpstlicher <lb/>
                 sind als der Papst.«— </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war die Zeit, wo die akademisch gebildeten Stände <lb/>
                 auch in die Arbeiterschaft eindrangen, einerseits in Gestalt <lb/>
                 der ehemaligen Boheme, jener Intellektuellen, die sich durch <lb/>
                 schlechte Anzüge, schmutzige Kragen, unrasierte Gesichter
                <pb facs="#f0298" n="294"/>
                <lb/>
                 und ungekämmte Haare einen proletarischen Anstrich zu ge- <lb/>
                 ben vermeinten, andererseits in Gestalt der Werkstudenten, <lb/>
                 jener Bildungsbeflissenen, die (sei es aus Geldnot, sei es aus <lb/>
                 Wißbegierde, sozialem Drang oder Blasiertheit) während der <lb/>
                 Ferien in Zechen und Hütten Arbeit suchten. Die erste Ka- <lb/>
                 tegorie überließen die Industriellen getrost dem Schicksal, <lb/>
                 das die Arbeiterschaft ihnen zu bereiten sich anschickte; über <lb/>
                 die zweite hatten sie verschiedene Ansichten. Ein Teil fürch- <lb/>
                 tete, daß die jungen Leute von den Arbeitern angesteckt <lb/>
                 würden, ein anderer hoffte, daß die Arbeiter von ihnen an- <lb/>
                 gesteckt würden, ein dritter dachte nur praktisch, daß der <lb/>
                 Leistungsnutzen, in Tonnen ausgedrückt, zu’ gering sei ge- <lb/>
                 genüber dem moralischen Aufwand, der dafür vertan werde. <lb/>
                 Der Freiherr wiederum begrüßte die Vermischung der Volks- <lb/>
                 schichten, die nach seiner Meinung im Schützengraben be- <lb/>
                 gonnen hatte und hier eine glückliche Fortsetzung finden <lb/>
                 konnte. Alle vier mochten auf ihre Art und hinsichtlich ein- <lb/>
                 zelner Fälle recht haben, doch war all dies nicht maßgeblich, <lb/>
                 weil Arbeiter wie Werkstudenten die ganze Geschichte nach <lb/>
                 anfänglicher gegenseitiger Reserviertheit nur noch amüsant <lb/>
                 fanden. Die Werkstudenten betrachteten die politischen und <lb/>
                 sozialen Diskussionen als interessante Abwechslung, und bei <lb/>
                 den Arbeitern überwog die kindliche Freude, einem Fremden <lb/>
                 ihr Milieu zeigen zu können, so wie jemand, der in einer <lb/>
                 sehr lebhaften und charakteristischen Stadt wohnt, sich dar- <lb/>
                 auf freut, einen Ortsfremden durch ihre Straßen und Sehens- <lb/>
                 würdigkeiten zu führen. Es war eine nette Episode, sonst <lb/>
                 nichts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zugleich war dies die Zeit, wo die Angestellten nach den <lb/>
                 Perioden des Hochmuts und der Anbiederung zur Feind- <lb/>
                 schaft gegen die Arbeiter übergingen. Wenn sie sich nach- <lb/>
                 mittags um vier nach Hause trollten, abgespannt und mit <lb/>
                 teigigen Gesichtern und eingetrockneten Augen, seit der <lb/>
                 Frühe nichts im Magen als ein Margarinebrot und einen Tel- <lb/>
                 ler Reis mit Pflaumen oder Erbsen mit Sauerkraut, der ihnen <lb/>
                 in der halbstündigen Mittagspause in den ehemaligen Kriegs- <lb/>
                 menagen verabreicht wurde, kahlen Räumen, deren frostige
                <pb facs="#f0299" n="295"/>
                <lb/>
                 Wandflächen durch einen gerahmten Steindruck noch drük- <lb/>
                 kender und trauriger wurden —: so begegneten ihnen viele <lb/>
                 jüngere Arbeiter der Morgenschicht, die schon im Sonntags- <lb/>
                 anzug frisch und lustig auf den Bummel gingen, in die Kinos, <lb/>
                 in die Tingeltangels, in die Bordelle. Sie wußten, daß diese <lb/>
                 Arbeiter ebensoviel oder gar mehr verdienten als sie selbst, <lb/>
                 und waren darüber entrüstet. Die Arbeiter sind also schuld <lb/>
                 an unseren niedrigen Gehältern, folgerten sie, die Arbeiter <lb/>
                 powern die Werkskasse aus, daß für uns nichts übrig ist, <lb/>
                 dabei faulenzen sie und wir müssen uns plagen. »Kopfarbeit <lb/>
                 wird nicht mehr bezahlt in Deutschland«, sagte mancher, <lb/>
                 »ich nehme meinen Jungen vom Gymnasium und lasse ihn <lb/>
                 Schlosser werden...«, doch sie taten es nicht und hungerten <lb/>
                 lieber, als daß sie etwas aufgaben, was zum guten Ton ge- <lb/>
                 hörte. »Die Regierung will uns mit Gewalt proletarisieren, <lb/>
                 aber das wird sich noch rächen.« Dies war ihr Trost. <lb/>
                 Zwischen den Polen Kapital und Arbeit hatten sie eine <lb/>
                 unglückselige Mittelstellung inne, die Flankenfeuer von bei- <lb/>
                 den Seiten bekam. Sie mußten eine Abwehrstellung nach <lb/>
                 unten einnehmen, ohne eine Anlehnung nach oben hin dafür <lb/>
                 zu gewinnen. Obwohl sie eine abgetrennte Gruppe waren, <lb/>
                 richteten sie auch noch Grenzpfähle untereinander auf. Ihre <lb/>
                 Gesamtheit trat nicht für den Einzelnen ein, wenn er seine <lb/>
                 Existenz verlor, nur die Existenz der Kaste durfte nicht aufs <lb/>
                 Spiel gesetzt werden. Die Jüngeren waren organisiert, die <lb/>
                 Älteren konnten es noch immer nicht fassen, daß man der- <lb/>
                 gleichen jetzt ungestraft tun dürfe, und waren überzeugt, <lb/>
                 daß die Herrlichkeit nicht lange dauern würde, deshalb ver- <lb/>
                 suchten sie es schon gar nicht. Aber auch die Organisierten <lb/>
                 machten nicht viel Aufhebens von ihrem Mut und waren <lb/>
                 froh, wenn es nicht herauskam; nicht wenige zahlten ins- <lb/>
                 geheim ihre Beiträge und sagten, wenn sie gefragt wurden, <lb/>
                 nein, sie seien nicht dabei. Selbstverständlich war das Koali- <lb/>
                 tionsrecht unbeschränkt; nur war es eben ratsam, keine gro- <lb/>
                 ßen Worte darüber zu machen, denn die Vorgesetzten hatten <lb/>
                 so viele Druckmittel in Händen, die durchaus nicht unge- <lb/>
                 setzlich, doch darum nicht weniger schmerzhaft waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Daß Otto Wittkamp organisiert war, war nur ein Zufall.
                <pb facs="#f0300" n="296"/>
                <lb/>
                 Daß er im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband or- <lb/>
                 ganisiert war, war erst recht ein Zufall. Von einem Werber <lb/>
                 hatte er »sich breit schlagen lassen« — so sagte er selbst. <lb/>
                 Er war aus Gutmütigkeit, weil er schlecht Nein sagen konnte, <lb/>
                 nicht aus Prinzip dabei; es ging den meisten so. Abermals <lb/>
                 aus Gutmütigkeit nahm er die Wahl zum Obmann des Bü- <lb/>
                 ros an. Abermals aus Gutmütigkeit hielt er still, als der <lb/>
                 Pressechef sich seiner Vertrauensstellung bediente, um ihn <lb/>
                 über den ganzen Stand der Angestelltenbewegung auszu- <lb/>
                 horchen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So lebten die Risch-Zanderschen Beamten im neuen <lb/>
                 Deutschland. Die Konstrukteure behandelten die Verkäufer <lb/>
                 mit Geringschätzung, und ebenso machten es die Kassenbe- <lb/>
                 amten mit den Buchhaltern, die Buchhalter mit den Korre- <lb/>
                 spondenten, die im Hauptverwaltungsgebäude Beschäftigten <lb/>
                 mit den in Nebengebäuden Beschäftigten. Selbst die Büro- <lb/>
                 diener im Hauptverwaltungsgebäude erhoben sich über ihre <lb/>
                 Kollegen, sie waren sauber und blitzblank und glattrasiert <lb/>
                 mit einem bißchen Backenbart wie ein amerikanischer Aus- <lb/>
                 tauschprofessor, sie sahen stets wie frisch gebadet aus und <lb/>
                 hatten Bügelfalten in der Hose. Die Lehrlinge standen unter <lb/>
                 der Fuchtel der Stenotypisten, die Stenotypisten unter der <lb/>
                 Fuchtel der Bürovorsteher, die Bürovorsteher unter der <lb/>
                 Fuchtel der Abteilungsvorsteher, die Abteilungsvorsteher un- <lb/>
                 ter der Fuchtel der Gruppenvorstände, und alle zusammen <lb/>
                 standen unter der Fuchtel der Hausmeister, welche die Haus- <lb/>
                 polizei ausübten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dienstvergehen wurden bis zum Bürovorsteher mit Be- <lb/>
                 strafungen geahndet, darüber hinaus nur mit vorbeugenden <lb/>
                 Maßnahmen, welche eine Wiederholung verhindern sollten. <lb/>
                 Zum Ausgleich war verfügt, daß niemand mit einem Titel <lb/>
                 angeredet werden dürfe. Alles andere bestimmte ein General- <lb/>
                 regulativ, das Pünktlichkeit, Fleiß, Gehorsam und Verschwie- <lb/>
                 genheit in Gehaltsfragen vorschrieb. Verbesserungen und <lb/>
                 Erfindungen, die ein Beamter in der Fabrik machte, waren <lb/>
                 Eigentum der Firma, die sich eine Belohnung des Erfinders <lb/>
                 nach Gutdünken vorbehielt, und außerhalb der Fabrik war <lb/>
                 jede Nebenbeschäftigung untersagt, selbst die Ehefrau durfte
                <pb facs="#f0301" n="297"/>
                <lb/>
                 kein Geschäft betreiben. So war die Strenge der Berufsauf- <lb/>
                 fassung über allen Zweifel erhaben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch sonst war die Firma bemüht, das Privatleben ihrer <lb/>
                 Angestellten zu ordnen. Otto Wittkamp zahlte zum Beispiel <lb/>
                 niemals Kirchensteuern und ließ es stets auf eine Gehalts- <lb/>
                 pfändung ankommen. Von Zeit zu Zeit empfing der Presse- <lb/>
                 chef ein Schreiben Wackerleins: dieser Angestellte sei dahin <lb/>
                 zu belehren, daß er seine Kirchensteuer pünktlich entrichten <lb/>
                 müsse, weil die Kasse bei der Pfändung zuviel Schreiberei <lb/>
                 habe. Hierauf erwiderte Wittkamp jedesmal, daß er nicht <lb/>
                 Geld genug besitze, und der Personalchef bewilligte ihm <lb/>
                 eine kleine Zulage, damit er nicht aus der Kirche auszu- <lb/>
                 treten brauche. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies war Wittkamps Originalrezept, bei Risch-Zander in <lb/>
                 den Genuß einer Gehaltserhöhung zu gelangen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Lange hatten die Angestellten nämlich auf einen Gehalts- <lb/>
                 tarif warten müssen; die Industriellen waren gegen die <lb/>
                 »Gleichmacherei durch die Tarife«, das sei unerhört bei einem <lb/>
                 so gehobenen Stand, wie es die Angestellten seien, hier sei <lb/>
                 nur eine individuelle Behandlung am Platz. Auch hätten sie <lb/>
                 ein Übriges getan, indem sie ihre Beamten in Gemeinschaft <lb/>
                 mit der Unfallberufsgenossenschaft gegen alle Schädigungen <lb/>
                 durch politische Unruhen versichert hätten — vorausgesetzt <lb/>
                 natürlich, daß die Beamten nicht gegen die Interessen der <lb/>
                 Unternehmer tätig wären. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als endlich dennoch über einen Tarif verhandelt wurde, <lb/>
                 standen sich die Angestelltenverbände und die Gruppe We- <lb/>
                 sten gegenüber, und obgleich beide Teile in sich uneins wa- <lb/>
                 ren, so waren doch die Angestelltenverbände insofern be- <lb/>
                 nachteiligt, als sie mit ihren Zwistigkeiten offen und unge- <lb/>
                 deckt vor einem Gegner saßen, der sich wenigstens von Fall <lb/>
                 zu Fall zusammenfand und dann in eiserner Geschlossenheit <lb/>
                 anrückte. Zeigte sich bei ihm nur von fern eine Meinungs- <lb/>
                 verschiedenheit, so wurde die Sitzung aufgehoben, die Un- <lb/>
                 ternehmer zogen sich zurück und bereinigten die Streitfrage <lb/>
                 unter sich. Auch die Angestelltenverbände versuchten dies, <lb/>
                 jedoch vergebens, denn ihre materiellen Differenzen beruh-
                <pb facs="#f0302" n="298"/>
                <lb/>
                 ten auf weltanschaulichen Differenzen und außerdem auf pro- <lb/>
                 pagandistischen Gesichtspunkten für die Mitgliederwerbung, <lb/>
                 und solche Risse waren nicht einmal notdürftig zu verkitten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Industriellen tischten haufenweise Statistiken auf, zu <lb/>
                 deren Widerlegung die Angestelltenvertreter zeitraubende <lb/>
                 Untersuchungen mit unzulänglichen Unterlagen anstellen <lb/>
                 mußten. Die Industriellen waren auch von gewiegten Juri- <lb/>
                 sten umgeben, die in allen einschlägigen Paragraphen und <lb/>
                 noch mehr in den Lücken zwischen diesen Paragraphen be- <lb/>
                 wandert waren. Der Syndikus der Gruppe Westen war Dr. <lb/>
                 Krewett, ein früherer Staatsanwalt, der aus dem Justizdienst <lb/>
                 ausgeschieden war, weil er von einer »sozialistisch regierten <lb/>
                 Republik« (vorsichtigerweise sagte er nicht bloß »von einer <lb/>
                 Republik«) kein Geld annehmen wollte. Er war der Gegen- <lb/>
                 spieler des Generals von Grußenbaum und ersetzte durch advo- <lb/>
                 katischen Zungenschlag und sachverständiges Auftrumpfen, <lb/>
                 was ihm an Verschlagenheit und psychologischen Rechen- <lb/>
                 künsten abging. Hinter ihm stand der rechthaberische Kropf, <lb/>
                 wie der tüftlerische Wirtz hinter von Grußenbaum stand. <lb/>
                 War es immer fesselnd, dem erfinderischen General zuzuhören, <lb/>
                 und nicht immer ungefährlich, auf ihn zu hören, so verstand <lb/>
                 es der schmiegsame Krewett meisterhaft, seine Gegner matt- <lb/>
                 zusetzen, indem er ihren Einwänden so weit stattgab, wie <lb/>
                 er es wagen konnte, ohne seine Linie direkt zu verlassen, <lb/>
                 und indem er zuletzt mit einem kühnen Salto alle die kleinen <lb/>
                 Ausbuchtungen, die auf diese Weise entstanden, als seine <lb/>
                 ursprüngliche Idee reklamierte. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die deutsche Volkswirtschaft,« sagte Finanzrat Hieben- <lb/>
                 stein, der in den Tarifverhandlungen den Vorsitz hatte, <lb/>
                 »gleicht zur Zeit einem wohlgefüllten Faß, aus dem man jetzt <lb/>
                 am Boden den Hahn herausgeschlagen hat, um schneller zu <lb/>
                 dem süßen Inhalt zu kommen. Aber man vergißt es, oben <lb/>
                 zum Spundloch das Nötige an produktiver Arbeit wieder <lb/>
                 hineinzugießen. Die Kohlenförderung im Revier betrug im <lb/>
                 Frieden 114 536 000 Tonnen jährlich, heute nur 70 885 000, <lb/>
                 der Fehlbetrag ist also 44 Millionen, das Überschichtenab- <lb/>
                 kommen aber ergibt nur zwölf. Mitten in unseren Werken
                <pb facs="#f0303" n="299"/>
                <lb/>
                 sitzt die interalliierte Kohlenkommission, viele unserer An- <lb/>
                 gestellten haben aus ihren altvertrauten Büroräumen auszie- <lb/>
                 hen müssen, damit Engländer und Franzosen es sich bequem <lb/>
                 machen können. Auch hätten die Bergleute erwarten können, <lb/>
                 daß ihnen die Kameraden in anderen Erwerbszweigen mit <lb/>
                 erhöhter Arbeitszeit gefolgt wären. Ist es nicht ein Unrecht, <lb/>
                 nur einer einzigen Berufsschicht Opfer aufzuerlegen? Wie, <lb/>
                 meine Herren?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich bin erstaunt,« sagte der »Brillengucker«, der so dick <lb/>
                 geworden war, daß er kaum noch aus den Augen sehen <lb/>
                 konnte, »ich bin erstaunt, eine solche Frage aus dem Mund <lb/>
                 eines Unternehmers zu hören. Ich erlaube mir die Gegen- <lb/>
                 frage: wo sind Ihre Opfer? Wie, meine Herren?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »O,« erwiderte Fliebenstein, »dreißig Mark Löhne und <lb/>
                 Gehälter pro Kopf im Monat mehr, das macht bei fünfzig- <lb/>
                 tausend Mann im Jahr fünfzehn Millionen. Ein hübsches Op- <lb/>
                 fer, ob Sie wollen oder nicht wollen. Immerhin, denken Sie <lb/>
                 an das Bild vom Faß. Bald wird das Faß leer sein, und kein <lb/>
                 Knuff und kein Fußtritt wird daran was ändern.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Mann vom Deutschnationalen Handlungsgehilfenver- <lb/>
                 band fragte, weshalb diese Schwierigkeiten immer den Ange- <lb/>
                 stellten so drastisch entgegengehalten würden, die Bewilli- <lb/>
                 gungen für die Arbeiter schienen der Industrie viel leichter <lb/>
                 zu fallen. Hiebenstein antwortete, das läge daran, daß die <lb/>
                 Arbeiter unvernünftig seien, da habe es keinen Zweck, und <lb/>
                 die Angestellten vernünftig, da habe es einen Sinn, an ihre <lb/>
                 Vernunft zu appellieren. Der »Brillengucker« sah an sich <lb/>
                 herunter und strich sich den Bauch, der Deutschnationale <lb/>
                 Handlungsgehilfe verbeugte sich geschmeichelt, während der <lb/>
                 demokratische Gauführer Zahlen auspackte. »Immerhin«, <lb/>
                 sagte Hiebenstein. »Achtzig Prozent unserer Werksangehö- <lb/>
                 rigen haben noch Geld auf der Werkssparkasse.« Der »Bril- <lb/>
                 lengucker« fuhr auf: »Ich dächte, nach dem Versprechen des <lb/>
                 Freiherrn sollte die Werkssparkasse niemals ein Argument <lb/>
                 für Lohndrückerei sein?« — »Dieses Versprechen wird ge- <lb/>
                 halten,« entgegnete der Finanzrat, »hier handelt es sich nur <lb/>
                 um eine Tatsachenfeststellung.« Der Demokrat beharrte bei <lb/>
                 seinen Zahlen; der Finanzrat habe die wertlosen Restguthaben
                <pb facs="#f0304" n="300"/>
                <lb/>
                 von drei Mark mitgezählt. Hiebenstein blickte ironisch in <lb/>
                 die Runde: »Nun, ohne die kleinen Restguthaben sind es <lb/>
                 noch immer sechzig Prozent der Werksangehörigen, die zur <lb/>
                 Zeit sparen, — und von den Beamten sind es sogar achtzig <lb/>
                 Prozent.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Demokrat schwieg erschöpft, Dr. Krewett nahm den <lb/>
                 Faden auf: »Dieser Bestand an Spareinlagen spricht unbe- <lb/>
                 streitbar für sich selbst.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Also doch Lohndrückerei?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. Krewett machte eine bedauernde Handbewegung. »Ich <lb/>
                 muß es natürlich prinzipiell ablehnen, daß die Industrie der <lb/>
                 Lohndrückerei bezichtigt wird, aber ich muß andererseits be- <lb/>
                 tonen, daß ein Versprechen des Herrn von Zander, welcher <lb/>
                 Art immer es sei, für die übrigen der Gruppe Westen ange- <lb/>
                 schlossenen Werke in keiner Weise bindend ist. Es ist hier <lb/>
                 nicht allein die Rede von Risch-Zander. Die Industrie hat <lb/>
                 von der Arbeitnehmerschaft gelernt, Einzelinteressen zu- <lb/>
                 rückzustellen und Solidarität zu üben. Wollen Sie mich bitte <lb/>
                 nicht mißverstehen. Diese Solidarität erstreckt sich einzig und <lb/>
                 allein auf das Bestreben, alle Fragen zwischen Arbeitgeber <lb/>
                 und Arbeitnehmer in einem Geiste gegenseitiger Achtung zu <lb/>
                 regeln.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun, nun«, beschwichtigte der Deutschnationale Hand- <lb/>
                 lungsgehilfe. »Wir Angestellten haben wirtschaftliche Ein- <lb/>
                 sicht, wir erheben keine überspannten Forderungen, wir wis- <lb/>
                 sen nur zu gut, daß die Unternehmungslust in Deutschland <lb/>
                 infolge der Unruhen gelähmt ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das eben ist es, meine Herren. Bedenken Sie, wieviele <lb/>
                 Aufträge den Werken verloren gehen. Bitte, hören Sie ge- <lb/>
                 nau zu. Otto-Heinrich-Hütte, Numro Schm-Le 119/21, <lb/>
                 Schiffswellenleitung für eine holländische Werft. Abteilungs- <lb/>
                 direktoren reisen eigens nach Holland, verhandeln münd- <lb/>
                 lich. Antwort der Holländer: die andauernden Streiks haben <lb/>
                 das Vertrauen in die Lieferungsfähigkeit der deutschen In- <lb/>
                 dustrie vollkommen untergraben, Auftrag wird zu einem <lb/>
                 zwanzigtausend Gulden höheren Preis nach England verge- <lb/>
                 ben. Weiter. Stahlwerk Risch-Zander, Numro Rdw-P 2004/ <lb/>
                 22, Radsatzlieferung für die norwegischen Staatsbahnen.
                <pb facs="#f0305" n="301"/>
                <lb/>
                 Auftrag geht nach Amerika, weil pünktliche Lieferung <lb/>
                 Deutschland nicht zugetraut. Weiter. Krogollsche Eisen- <lb/>
                 hütte, Numro Ks-Gor 17/21, zweihundert Dampfkessel nach <lb/>
                 Spanien. Der Krogollsche Preis ist äußerst günstig, ein Drit- <lb/>
                 tel Anzahlung wird verlangt, weil das Betriebskapital zu sehr <lb/>
                 erschöpft ist. Ablehnung, Spanien hält unter den heutigen <lb/>
                 Verhältnissen alle an Deutschland vorausbezahlten Gelder <lb/>
                 für verloren, Auftrag geht zum dreifachen Preis nach Eng- <lb/>
                 land. Immer dasselbe, bitte, eine ganze Mappe voll solcher <lb/>
                 Beispiele, hier, sehen Sie es sich an. Und zusammen mit die- <lb/>
                 sen Aufträgen entgeht uns nicht nur ein wirksames Mittel <lb/>
                 zur Stützung unserer Valuta, sondern auch zur Schaffung <lb/>
                 von Guthaben im Ausland, mit denen wir Lebensmittel kau- <lb/>
                 fen könnten. Sie haben das schon oft gehört, aber gerade <lb/>
                 das Selbstverständliche muß man immer wieder sagen, weil <lb/>
                 es schon so bekannt ist, daß es nicht mehr beachtet wird.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sehen Sie«, bekräftigte der Finanzrat, während sie ge- <lb/>
                 spannt in Dr. Krewetts Mappe schauten. »Die Hauptstadt <lb/>
                 unseres Steinkohlenreviers bekam vor dem Kriege täglich <lb/>
                 130 000 Liter Milch, das war auf den Kopf ungefähr ein hal- <lb/>
                 bes Liter. Heute bekommt sie zwanzigtausend Liter täglich, <lb/>
                 das ist auf den Kopf ein Zwanzigstel Liter. Wenn nun das <lb/>
                 Einkommen der Bevölkerung verdreifacht würde — wieviel <lb/>
                 Milch entfiele dann auf den Kopf?« — »Selbstverständlich im- <lb/>
                 mer noch ein Zwanzigstel,« erwiderten die Angestelltenver- <lb/>
                 treter, »das ist doch klar — solange nicht mehr Milch in die <lb/>
                 Stadt geschafft wird — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Statt mehr Geld, da haben Sie’s.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »— — und da es an Kühen und auch an Futter bei uns <lb/>
                 fehlt, muß die Milch eben aus dem Ausland herein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was ich Ihnen sagte — da haben Sie’s. Immerhin, wie ist <lb/>
                 es in Wirklichkeit? Nur immer mehr Geld wird beschafft, <lb/>
                 die staatliche Notenpresse reicht schon nicht mehr, Länder, <lb/>
                 Städte, Handelskammern, Fabriken müssen Notgeld druk- <lb/>
                 ken, um die Löhne und Gehälter zahlen zu können. Denn <lb/>
                 welches sind die normalen Voraussetzungen dieser Zahlung? <lb/>
                 Der einfache bürotechnische Vorgang, daß der Arbeitnehmer <lb/>
                 eine Lohntüte in die Hand kriegt, ist ein sehr komplizierter
                <pb facs="#f0306" n="302"/>
                <lb/>
                 volkswirtschaftlicher Vorgang. Erstens müssen die erforder- <lb/>
                 lichen Summen durch Warenverkäufe oder aber durch Kre- <lb/>
                 dite auf künftige Erlöse hereingebracht sein; jenes besorgt <lb/>
                 die kaufmännische, dieses die Finanzverwaltung. Zweitens <lb/>
                 müssen die notwendigen Zahlungsmittel, die Banknoten, <lb/>
                 verfügbar sein. In gewöhnlichen Zeiten ist dies nur eine <lb/>
                 Sache zweckmäßiger Disposition; die Geldeingänge müssen <lb/>
                 eben so verteilt werden, daß sie dem Geldbedarf zeitlich ent- <lb/>
                 sprechen, und für alle Fälle muß ein sofort greifbares Bank- <lb/>
                 konto bereit gehalten werden, das jeweils in Zahlungsmittel <lb/>
                 umgewandelt werden kann. Keine dieser Voraussetzungen <lb/>
                 trifft heute noch zu, keine dieser bewährten Einrichtungen <lb/>
                 hat heute noch Gültigkeit — und andere gibt es noch nicht. <lb/>
                 Was ist also zu tun, meine Herren?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ja —, was war wohl zu tun? »Wir schlagen vor, eine <lb/>
                 Kommission einzusetzen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das heißt, daß wir das Fragezeichen in einen Punkt ver- <lb/>
                 wandeln sollen. Immerhin. Wir werden aber trotzdem vor <lb/>
                 dem Fragezeichen nicht eher Ruhe haben, als bis es besei- <lb/>
                 tigt ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kommission teilte die Angestellten zwecks Festsetzung <lb/>
                 der Gehaltssätze in vier Gruppen. Gruppe I waren die mit <lb/>
                 unselbständigen Arbeiten; Gruppe II die mit unselbständigen, <lb/>
                 aber teilweise verantwortlichen Arbeiten; Gruppe III die mit <lb/>
                 vorwiegend selbständigen Arbeiten; Gruppe IV die mit selb- <lb/>
                 ständigen und vorwiegend verantwortlichen Arbeiten. Die <lb/>
                 Eingruppierung erfolgte durch eine paritätische Kommission, <lb/>
                 etwa neunzig Prozent aller Angestellten wurden zu den Grup- <lb/>
                 pen I und II geschlagen. Die oberen Beamten blieben »außer <lb/>
                 Tarif«. Dem Widerwillen der Unternehmer gegen eine sche- <lb/>
                 matische Regelung wurde Rechnung getragen, indem die <lb/>
                 Tarifsätze für Mindestgehälter erklärt wurden, die bei guter <lb/>
                 Führung durch Leistungsprämien erhöht werden sollten. So <lb/>
                 entstand unter den Angestellten ein Wettrennen nach Grup- <lb/>
                 penzugehörigkeit und Leistungszulagen, das sie mit gegen- <lb/>
                 seitigem Neid und Mißtrauen erfüllte. Es war in veränderter <lb/>
                 Form der alte Zustand. </p>
            <pb facs="#f0307" n="303"/>
            <p>
                <lb/>
                 Otto Wittkamp kam in Gruppe II. Da der Tarif um einen <lb/>
                 Monat zurückdatiert war, erhielt er eine Nachzahlung. »Da- <lb/>
                 mit können wir gerade das Schlafzimmer und die Küche fer- <lb/>
                 tig bezahlen«, sagte Paula. Er schämte sich ein bißchen, als <lb/>
                 er die Schuld beim Möbelhändler tilgte, denn er hatte das <lb/>
                 Gefühl, als seien es lauter gefälschte Scheine, die er auf- <lb/>
                 zählte. Aber auch der Händler glaubte noch, eine Mark sei <lb/>
                 eine Mark, überdies fürchtete er die Wucherpolizei, und so <lb/>
                 sagte er »Besten Dank«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So kamen die Geschäftsleute immer mehr herunter, weil <lb/>
                 sie für das Geld, das sie vereinnahmten, ihre Lager nicht <lb/>
                 mehr auffüllen konnten. Etliche verkauften nur noch hin- <lb/>
                 tenherum gegen Dollarkurs, obwohl sie, wenn sie angezeigt <lb/>
                 wurden, ihre Bestrafung gewärtigen mußten, denn es war <lb/>
                 verboten. Aber es war eben kein Halten mehr. Nach der Re- <lb/>
                 bellion der Konsumenten begann die Rebellion der Kauf- <lb/>
                 leute; sie schlossen die Geschäfte, man mußte Bittgänge ma- <lb/>
                 chen, wenn man eine Kleinigkeit haben wollte, sie sagten <lb/>
                 »Gehen Sie doch woanders hin«, wenn man sich bescheident- <lb/>
                 lich über die schlechte Beschaffenheit einer Ware beklagte, <lb/>
                 sie waren die Herren, jeder kleine Schuppen eines Kohlen- <lb/>
                 händlers war ein größerer Machtbereich als das Regierungs- <lb/>
                 viertel in Berlin. Vor den Läden bildeten sich wieder Schlan- <lb/>
                 gen wie im Kriege. Jeden Freitag stand im kommunistischen <lb/>
                 Blatt ein Verzeichnis der Geschäftsleute, die ihre Angestell- <lb/>
                 ten ausbeuteten und ihre proletarische Kundschaft mißach- <lb/>
                 teten; jeden Freitag wurde aufgefordert, keine ARBEITER- <lb/>
                 GROSCHEN mehr dorthin zu tragen; jeden Samstag stan- <lb/>
                 den die Proletarierfrauen dichtgedrängt bis auf die Straße <lb/>
                 hinaus in ebendiesen Läden, die Inhaber sagten: »Habt ihr <lb/>
                 nicht gelesen, daß ihr bei uns nicht mehr kaufen sollt? Also <lb/>
                 packt euch nur, wir reflektieren nicht auf euch, wir werden <lb/>
                 unsere Ware wahrhaftig auch ohne euch los« — und die Frau- <lb/>
                 en baten: »Ach, laßt die doch schreiben, seien Sie so gut, <lb/>
                 geben Sie nur.« — »Kost’ heut aber mehr!« — »Schad’t nix, <lb/>
                 geben Sie nur.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Überall schwirrte das Wort »Devisen«, wieder ein neues <lb/>
                 Wort, dessen Sinn die Wenigsten verstanden, von dem man
                <pb facs="#f0308" n="304"/>
                <lb/>
                 nur wußte, daß es soviel wie Kaufkraft und Reichtum und <lb/>
                 Glück bedeutete. Es war verboten, Devisen zu besitzen, des- <lb/>
                 halb wollte jeder sie besitzen. Aus dunklen Straßenwinkeln <lb/>
                 flüsterte es: »Gulden — Dollars — Gulden — Dollars.« Wilde <lb/>
                 Händler, wilde Preise. Wer Verbotenes kauft, muß dreifach <lb/>
                 zahlen. Nur in Berlin herrschte Ordnung, in Berlin saß ein <lb/>
                 Kommissar, der einen amtlichen Kurs festsetzte — wofür man <lb/>
                 sich freilich die Devisen malen konnte. Wer einen längstver- <lb/>
                 gessenen Verwandten oder Bekannten in Amerika hatte, <lb/>
                 schrieb ihm jetzt freundliche Briefe. Mutter Griguszies hatte <lb/>
                 eine Schwester in Cincinnati (Ohio) wohnen, sie waren böse <lb/>
                 auseinandergegangen und hatten nie mehr voneinander ge- <lb/>
                 hört. Eines schönen Morgens stand die Amerikanerin in der <lb/>
                 »Flammenden Scholle«. Vierzehn Tage wohnte sie bei <lb/>
                 ihrer Schwester, kaufte Porzellan und Garderobe für ihre <lb/>
                 ganze Familie, aß und trank in den besten Restaurants, be- <lb/>
                 schenkte die Schwester und dampfte wieder ab, ohne einen <lb/>
                 Cent mehr als zwanzig Dollars, alles in allem, verbraucht zu <lb/>
                 haben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Frauen holten die Löhne und Gehälter schon morgens <lb/>
                 bei ihren Männern in der Fabrik ab, und dann setzte der <lb/>
                 Sturm auf die Läden ein, aus Furcht, daß mittags alles wieder <lb/>
                 teurer sein würde. Immer schwieriger wurden die Lohnver- <lb/>
                 handlungen; bis die neuen Tarife herauskamen, waren sie <lb/>
                 schon überholt, Vorschüsse wurden gefordert, jeden dritten <lb/>
                 Tag war Löhnung, jeden achten Gehaltszahlung. Freie Ver- <lb/>
                 einbarungen kamen nicht mehr zustande, der staatliche <lb/>
                 Schiedsrichter mußte eingreifen, die Schiedssprüche wurden <lb/>
                 nicht anerkannt und vom Arbeitsminister dennoch für ver- <lb/>
                 bindlich erklärt. Auf der einen Seite schrie man: Schluß! <lb/>
                 und auf der anderen: Weitermachen! Auf der einen: Fest <lb/>
                 bleiben! und auf der anderen: Nachgeben! Keiner wußte in <lb/>
                 dem Taumel eine wirkliche Hilfe, einen wirklichen Rat. Alle <lb/>
                 Behörden arbeiteten fieberhaft und nach bestem Wissen und <lb/>
                 Gewissen, aber sie arbeiteten ahnungslos am Zusammen- <lb/>
                 bruch. »Wir müssen einen Zahlungsaufschub für die Repa- <lb/>
                 rationen beantragen,« sagte Geheimrat Püschel, »es liegt uns <lb/>
                 fern, die Zahlungen hintertreiben zu wollen, die Gegner
                <pb facs="#f0309" n="305"/>
                <lb/>
                 haben unsere ehrliche Anstrengung gesehen, sie werden uns <lb/>
                 das Moratorium nicht verweigern.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jede Werkstatt hatte jetzt ihre eigenen Lohnforderungen, <lb/>
                 ihre eigenen Streiks. Alle Tage rückte ein Trupp Rischianer <lb/>
                 vors Hauptverwaltungsgebäude und demonstrierte mit Pfif- <lb/>
                 fen und erregtem Geschrei. Das Direktorium hielt ihnen vor, <lb/>
                 daß die gesetzliche Vertretung der Arbeiterschaft der Betriebs- <lb/>
                 rat sei, daß sie sich nicht über die berufenen Vertrauensmän- <lb/>
                 ner hinwegsetzen dürften, und daß wilde Streiks auch von <lb/>
                 den Gewerkschaften mißbilligt würden. Fries und Griguszies <lb/>
                 waren ständig unterwegs, um zu vermitteln. Wohin sie ka- <lb/>
                 men, mußten sie hören: »Ihr — ja ihr. Ihr habt gut reden, <lb/>
                 ihr seid ja immer in feiner Kluft.« Sie besänftigten hier und <lb/>
                 besänftigten dort, »Kollegen,« sagten sie, »aber Kollegen, <lb/>
                 wir tun doch, was wir können«, dabei hatten sie beide das <lb/>
                 Gefühl einer gewissen Geborgenheit, eine kleine Sprosse wa- <lb/>
                 ren sie doch auf der sozialen Leiter gestiegen, als Mitglieder <lb/>
                 des engeren Betriebsausschusses waren sie sogar von der Ar- <lb/>
                 beit befreit, und selbst Griguszies hatte seinen grauen Sweater <lb/>
                 abgelegt und einen reinen Gummikragen an, weshalb sollte <lb/>
                 er nicht? Es war gewiß nichts dabei, dennoch wurde es ihm <lb/>
                 verdacht. »Aber wir!« jammerten die Arbeiter, »wir haben <lb/>
                 ja nie große Sprünge machen können, doch früher hat man <lb/>
                 wenigstens gewußt, wann man vor die Hunde ging, heute <lb/>
                 weiß man nicht mal das mehr.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Elend stieg, wie der Dollar stieg — und auch die <lb/>
                 Fröhlichkeit stieg, wie der Dollar stieg. Die Tanzdielen und <lb/>
                 Cafés füllte eine eigentümlich gemischte Gesellschaft, die vom <lb/>
                 Abteilungsvorsteher und Winkelbankier bis zum Lohnbuch- <lb/>
                 halter und Bürohilfsarbeiter, von der Stenotypistin und Druk- <lb/>
                 kereiarbeiterin, KINDERN ACHTBARER ELTERN, bis zur <lb/>
                 berufsmäßigen Dirne alle Nüancen umfaßte. Was nicht hier <lb/>
                 war, trieb sich auf den Kirmesplätzen herum, in die alle un- <lb/>
                 bebauten Ecken verwandelt worden waren. Nur die Indu- <lb/>
                 striellen selbst, die Prokuristen, die Handlungsbevollmäch- <lb/>
                 tigten, die Syndizi, die besseren Finanziers sah man nirgends <lb/>
                 bei Lustbarkeiten. </p>
            <pb facs="#f0310" n="306"/>
            <p>
                <lb/>
                 Leni Milius war der Betrieb mit dem »ollen Knopp«, ihrem <lb/>
                 Bürovorsteher, zu eng geworden. Auch war sie das Gerede <lb/>
                 satt und die Sticheleien und Anzüglichkeiten der jüngeren <lb/>
                 Angestellten. Wenn der »olle Knopp« nicht da war, kam <lb/>
                 alle Augenblicke einer herein unter einem dienstlichen Vor- <lb/>
                 wand und fing eine zweideutige Unterhaltung an. Zuweilen <lb/>
                 ging sie darauf ein, zuweilen auch nicht, je nachdem, wie <lb/>
                 sie aufgelegt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der »olle Knopp« hatte von alters her ein Sofa im Büro <lb/>
                 stehen, worum ihn alle Kollegen beneideten. Jeder dieser <lb/>
                 unteren Chefs suchte nämlich den anderen in seiner Büroein- <lb/>
                 richtung zu übertreffen, jeder wollte in seinem kleinen Reich <lb/>
                 ein kleiner Direktor sein. Nun, der »olle Knopp« im Rech- <lb/>
                 nungsrevisionsbüro hatte also ein Sofa, und eines Tages <lb/>
                 höhnte ein junger Mann, dem Leni verbot, sich darauf zu <lb/>
                 räkeln: »Machen Sie doch keinen Fez, Fräulein Milius, das <lb/>
                 Sofa hat doch schon lang seine Unschuld nicht mehr.« Da <lb/>
                 wurde sie giftig und spedierte ihn hinaus. »Ich meinte, ich <lb/>
                 hätte zuviel gekriegt«, erzählte sie dem »ollen Knopp«. Nein, <lb/>
                 hier blieb sie nicht mehr, unter keinen Umständen. Der »olle <lb/>
                 Knopp« nahm beruhigend ihre Hand, da schrie sie: »Herr, <lb/>
                 was erlauben Sie sich?« Er stand da und sperrte Mund und <lb/>
                 Nase auf. Warum nur auf einmal diese Unnahbarkeit? Er <lb/>
                 verstand, nach berühmten Mustern, die Welt nicht mehr. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Leni ging und trat bei der Metallhandelsfirma »Spirabo« <lb/>
                 ein. Das war eine Abkürzung von Spiralbohrer, dem Spezial- <lb/>
                 artikel der Firma, die, glatt herausgesagt, ein gewerbsmäßi- <lb/>
                 ges Hehlernest war, mit der Teilhaberschaft des vormaligen <lb/>
                 Assistenten Schäfer; und siehe da, wen traf Leni noch dort <lb/>
                 an? Friedrich Bilgenstock, der nach der Revolution vor den <lb/>
                 Arbeiterfäusten ins besetzte Gebiet geflohen und jetzt zu- <lb/>
                 rückgekehrt war, in der ruhigen Gemütsverfassung eines <lb/>
                 Menschen, der nach einem Gewitter das Fenster Öffnet und <lb/>
                 die klare Luft einatmend sagt: ach, es regnet ja gar nicht <lb/>
                 mehr. Bei der. »Spirabo« war er als Vermittler auf Provision <lb/>
                 angestellt; allerdings war die polizeiliche Kontrolle verschärft, <lb/>
                 auf den Werken wurde zuviel gestohlen. Kropf betrieb seit <lb/>
                 geraumer Zeit durch den Reichsverband ein Gesetz über den
                <pb facs="#f0311" n="307"/>
                <lb/>
                 Handel mit Metallen. Bei Schichtende wurden die Arbeiter <lb/>
                 an den Toren visitiert. Lauter widrige Umstände, zudem war <lb/>
                 auch dieses Gewerbe überbesetzt. Einem Inserat der »Spi- <lb/>
                 rabo« wurde von den Zeitungen die Aufnahme verweigert. <lb/>
                 Als Schäfer erfuhr, daß es auf Wunsch von Risch-Zander <lb/>
                 geschehen war, verfaßte er ein »Eingesandt«, das in der so- <lb/>
                 zialistischen Zeitung unter der Überschrift »Wem gehört die <lb/>
                 bürgerliche Presse?« erschien. Risch-Zander sandte eine Be- <lb/>
                 richtigung, daß die Firma zur bürgerlichen Presse keine finan- <lb/>
                 ziellen Beziehungen habe und daß diese daher völlig unab- <lb/>
                 hängig sei; ihr Vorgehen sei nur veranlaßt durch die redliche <lb/>
                 Bemühung, den Anreiz zu Diebstählen aus der Welt zu schaf- <lb/>
                 fen. Die Zeitung druckte die Berichtigung mit dem Zusatz, <lb/>
                 daß sie, obschon sie nicht den pressegesetzlichen Bestim- <lb/>
                 mungen entspräche, »um des lieben Friedens willen« aufge- <lb/>
                 nommen worden sei. Dieses Geplänkel war ja nun ganz <lb/>
                 schön, doch wurde das Geschäft davon nicht gehoben. Es <lb/>
                 war eine peinliche Lage — bis sich plötzlich der Schlosser <lb/>
                 Walkowiak als Lieferant gestohlener Ware meldete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Leni Milius wurde Schäfers Geliebte. Abends hatte sie ihr <lb/>
                 wundervolles schwarzes Samtkleid und den Hermelinmantel <lb/>
                 mit Nerzkragen an, und dann saßen sie in der schäbigen Vor- <lb/>
                 nehmheit des Weinhauses Trocadero, wo eine dezente Musik <lb/>
                 gemacht wurde und der Jazz die schluchzende Weichheit des <lb/>
                 Walzers hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie wohnte ziemlich weit vor der Stadt, in einem Kotten, <lb/>
                 der ihrem Onkel gehörte. Dieser hatte einen Stand auf dem <lb/>
                 Marktplatz und eine Milchfuhre, aber die Milch wurde ihm <lb/>
                 nicht von seinen Kühen, sondern von der städtischen Milch- <lb/>
                 zentrale geliefert. Die beiden Söhne arbeiteten schon im Pütt, <lb/>
                 doch setzten sie ihre bäuerlichen Lebensformen fort, und die <lb/>
                 Tochter war mit einem Bergmann in einer Zechenkolonie <lb/>
                 verheiratet, wo nebenbei wieder Landwirtschaft betrieben <lb/>
                 wurde, denn während die Industrie in den ländlichen Haus- <lb/>
                 halt eindrang, ohne ihn aufzulösen, siedelte sie viele ihrer <lb/>
                 Arbeiter wieder ländlich an, ohne sie aus dem Kasernement <lb/>
                 der Schachtanlage zu entlassen. Diese Bewegung glich der
                <pb facs="#f0312" n="308"/>
                <lb/>
                 Bewegung der Abraumhalden: dort, wo zuviel taube Steine <lb/>
                 in der Grube waren, entstanden neue Halden und deckten <lb/>
                 ein paar Felder zu, aber daneben wuchsen Klee und Hafer <lb/>
                 weiter, wenn auch die Frucht oft schorfig und brandig war; <lb/>
                 dort, wo Versatzberge in der Grube fehlten (und das war <lb/>
                 hauptsächlich bei den jüngeren Zechen der Fall), wurden alte <lb/>
                 Halden fremder Gruben abgetragen und auf abgebaute Sohlen <lb/>
                 geschafft, hunderttausend Tonnen im Revier Tag für Tag, <lb/>
                 aber der Acker darunter ward nicht wieder fruchtbar. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schäfer haßte die Straße, die dort hinaus führte, eine jener <lb/>
                 breiten, dennoch drückenden und traurigen Straßen des Ar- <lb/>
                 beiterviertels, worin man sich so unnütz vorkommt, wo man <lb/>
                 bei jeder Laterne ängstlich auf seinen Schatten achtgibt, ob <lb/>
                 er auch mitgeht, und wo die Rauchschwaden wie Nebel über <lb/>
                 die Dächer ziehen und die Luft verpesten. Es gab auch Läden <lb/>
                 in dieser Straße, Grünkram, Ramschbazare, trüb und schmud- <lb/>
                 delig, Flaschenbier, Schnaps, ein Kino, einer Scheune ähn- <lb/>
                 lich, mit luxuriösen Gesellschaftsfilmen, ein gutsituiertes Fahr- <lb/>
                 radgeschäft, »Unternehmen der Gewerkschaften« stand dar- <lb/>
                 an. Nahrungsmittel, Betäubungsmittel, Transportmittel. <lb/>
                 Daraus bestand hier das Leben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In einer kalten Nacht geht er wieder hier hinaus, er hat <lb/>
                 Leni um den Leib gefaßt und die Finger dabei auf ihrer rech- <lb/>
                 ten Brust liegen, da ist es schön warm. Der Mond leckt <lb/>
                 gierig die Häuserfronten, die Sterne sind unruhig und ent- <lb/>
                 setzlich fern. Die Schritte dröhnen, als gingen sie über einen <lb/>
                 trockenen, auf hohlen Tonnen ruhenden Steg. Kein Mensch <lb/>
                 ist auf der Straße, kein Hund rührt sich. Hie und da dunst- <lb/>
                 beschlagene Scheiben vor matten Lampen, das werden wohl <lb/>
                 die Küchen sein. Da sind sie also in der Enge zusammen- <lb/>
                 gepfercht und verfolgen sich mit lauernden Augen; da essen <lb/>
                 die Proleten also ihren Pannas, ein zementfarbenes, in Wasser <lb/>
                 dick gekochtes Gemengsel aus Blutwurst, Buchweizenmehl <lb/>
                 und Grieben. Er sieht sie, die Männer, sie glühen böse, sie <lb/>
                 haben die Karten und die Schnapsflaschen vor sich, und die <lb/>
                 Frauen trinken aufgewärmten, übelriechenden Kaffee aus un- <lb/>
                 förmigen Tassen und gehen gleich wieder an die Windel-
                <pb facs="#f0313" n="309"/>
                <lb/>
                 wäsche, wenn sie getrunken haben. Die Männer husten, <lb/>
                 fluchen und trinken, trinken, fluchen und husten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er schrickt zusammen, unablässig kaut er kalte Luft. »Was <lb/>
                 hast du?« fragt Leni. »Nichts,« sagt er, »diese verdammten <lb/>
                 Drinks im Trocadero liegen mit so schwer im Kopf. — Sag <lb/>
                 mal, diese Straße ist schauderhaft. Ich wollte dir doch ein <lb/>
                 möbliertes Zimmer mieten in der Stadt, warum nimmst du <lb/>
                 es nicht an?« — »Danke, ich werd’ mich doch das schöne <lb/>
                 Heim bei meinen Onkel nicht verscherzen und mir so ’ne <lb/>
                 Last machen mit ’nem möblierten Zimmer, wo ich schön in <lb/>
                 die Klemme sitze, wenn du mich aufgibst.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich geb’ dich nicht auf.« Sie wiegt sich in den Hüften <lb/>
                 und erwidert nichts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich sehe immer dahinten einen Arbeiter stehn«, hebt er <lb/>
                 wieder an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wo siehst du einen Arbeiter stehn?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht so, vor dem geistigen Auge, verstehst du. Einen <lb/>
                 Arbeiter vor dem Feuerkessel, der sich langsam hin und her <lb/>
                 dreht und ihm Glut ins Gesicht funkt... Das ist Phantasie, <lb/>
                 was?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das is ’ne nervöse Magenstörung, du mußt dich in die <lb/>
                 Apotheke mal Baldriantinktur holen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Oder hier, hier laufen wir übers Pflaster, und da drunter <lb/>
                 — hier drunter,« er stampft mit dem Fuß auf, »fünfhundert, <lb/>
                 sechshundert, siebenhundert Meter hier drunter liegen sie <lb/>
                 halbnackt auf dem Rücken...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wär’s nicht schönet, wenn ich so läge?« fragt sie, um <lb/>
                 ihn auf andere Gedanken zu bringen, aber er fährt unbeirrt <lb/>
                 fort: »Mach keine Witze jetzt, Leni, das mag ich jetzt nicht. <lb/>
                 Siehst du, da hauen sie mit dem Preßlufthammer in die Kohle, <lb/>
                 und der Schweiß kocht Suppe aus dem Pech auf ihrer Haut... <lb/>
                 Hier drunter... Merkwürdig, in der Straße werd’ ich me- <lb/>
                 lancholisch..« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Du meiner Güte, bist du ’nen Seltenen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hat doch einen Gehörigen sitzen, denkt Leni und <lb/>
                 läßt ihn in Ruhe. Er sagt auch nichts mehr und strengt sich <lb/>
                 an, durch ihren dicken Mantel hindurch die Brustwarze zu <lb/>
                 tasten. Leni sagt sich: es ist nicht Liebe, es ist bloß Nervosi-
                <pb facs="#f0314" n="310"/>
                <lb/>
                 tät, dafür bin ich mich doch zu gut, da kannst du dich wo- <lb/>
                 anders austoben, spiel’ wo du willst mit deinen Fingern, aber <lb/>
                 nicht bei mich, runter damit. Sie macht sich frei, sie geht <lb/>
                 sogar einige Schritte voraus, er merkt es gar nicht. Was, <lb/>
                 wird er schon kalt? Sie biegt um die Ecke, wo die Lager- <lb/>
                 plätze von Risch-Zander sind, er ist ein wenig hinter ihr. <lb/>
                 Wie er ebenfalls um die Ecke will, liegt sie ihm mit einem <lb/>
                 kleinen Schrei im Arm. Drei Meter vor ihr ist ein Mann <lb/>
                 über den Bretterzaun eingestiegen. »Sei doch still,« sagt <lb/>
                 Schäfer, »der will bloß stehlen, das ist nichts Schlimmes.« <lb/>
                 Sie hakt ihn ein, sie setzen den Weg fort. »Halt!« ruft es. <lb/>
                 Erschrocken stehen sie. »Mein Gott, gilt das uns, wo ist <lb/>
                 das?« — »Das ist da drin, ein Wächter.« — »Halt!« ruft es <lb/>
                 wieder, »stehen bleiben, Hände hoch, oder ich schieße!« <lb/>
                 Fliehende Schritte sind hinter dem Zaun; ein paarmal stocken <lb/>
                 sie, da nimmt der Verfolgte wohl Deckung. Ganz nahe <lb/>
                 kracht ein Schuß, dem sofort ein anderer weiter drüben ant- <lb/>
                 wortet, ein rasendes Feuergefecht bricht los, Schäfer und <lb/>
                 Leni halten sich starr und gefaßt umschlungen, als gelte es, <lb/>
                 gemeinsam in den Tod zu gehen. Es ist kaum eine Minute, <lb/>
                 aber es scheint eine Ewigkeit. Ein Mann keucht den Zaun <lb/>
                 hinauf, schießt, schon im Sprung, noch einmal nach rück- <lb/>
                 wärts, aber der andere schießt nicht blindlings, der Flücht- <lb/>
                 ling plumpst auf die Straße, ein magerer, zappelnder Kör- <lb/>
                 per, Schäfer beugt sich zu ihm hinunter. »Helfen Sie mich <lb/>
                 schleunigst fort«, sagt der Mann, verflucht, was für eine <lb/>
                 Stimme, sie sehen sich ins Gesicht — »Walkowiak?« »Herr <lb/>
                 Schäfer?« Blut sickert den Oberschenkel hinab. »Los, Leni, <lb/>
                 faß ihn unter, ich pack’ ihn hier...« Alarmpfiffe gellen, der <lb/>
                 Wächter springt über den Zaun, einen Augenblick denkt <lb/>
                 Schäfer daran, ihn niederzuschlagen. Wenn man wüßte, wo <lb/>
                 Walkowiaks Revolver hingefallen ist —. Dummes Zeug. Es <lb/>
                 sind ja zwei, und ein dritter kommt eben im Laufschritt her- <lb/>
                 an. Sie müssen alle mit zur Polizeiwache. So eine Unvor- <lb/>
                 sichtigkeit von dem Walkowiak, an dieser Stelle in mond- <lb/>
                 heller Stunde einzubrechen. Aber wenn es so lange gut geht, <lb/>
                 werden sie eben dreist. </p>
            <pb facs="#f0315" n="311"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das war nun auch wieder aus. Leni Milius fand Unter- <lb/>
                 kunft bei Herrn Edelbert Körschgen im Büro des Nationalen <lb/>
                 Arbeiterbundes. Schäfer wanderte wegen Hehlerei auf drei <lb/>
                 Monate ins Gefängnis, der andere Teilhaber lebte schon seit <lb/>
                 einiger Zeit in der Schweiz. Walkowiak wurde nur wegen <lb/>
                 versuchten Einbruchsdiebstahls bestraft. Er kam mit vier Wo- <lb/>
                 chen davon. Bilgenstock blieb wieder eine Zeitlang ver- <lb/>
                 schwunden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Zufall wollte es, daß am Tage der Verhandlung gegen <lb/>
                 Schäfer und Walkowiak auch der Berufungstermin gegen <lb/>
                 Johann Bermel, den Räuber der dreißig alten Ziegelsteine, <lb/>
                 stattfand. Während des Putsches hatte er als unbeteiligter <lb/>
                 Zuschauer einen Bauchschuß abbekommen, mehrfach war er <lb/>
                 operiert worden. Jetzt bezog er eine kleine Unterstützung <lb/>
                 von der Stadt. Er hatte bei seinem alten Chef wegen Arbeit <lb/>
                 vorgesprochen, Herr Körschgen sagte, es sei nichts zu ma- <lb/>
                 chen, bevor er nicht vom Gericht herunter sei. Deshalb <lb/>
                 hätte er die Strafe von vierzehn Tagen, die ihm nun zudik- <lb/>
                 tiert wurde, gern angenommen, um nur die Sache endlich <lb/>
                 vom Halse zu haben; doch der Staatsanwalt meldete Revi- <lb/>
                 sion an, weil auch das Landgericht »Ziegelsteine als zur <lb/>
                 Hauswirtschaft gehörig« betrachtet habe. Im übrigen hatte <lb/>
                 es freilich grundsätzlich anerkannt, daß man Ziegelsteine nur <lb/>
                 gebrauchen, nicht verbrauchen könne; von einem Verbrauch <lb/>
                 habe die Vorinstanz nur sprechen dürfen, wenn der Dieb <lb/>
                 keine Ziegelsteine, sondern Zement oder Kalk gestohlen <lb/>
                 hätte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So gingen die gewichtigen Akten Bermel zum Oberlan- <lb/>
                 desgericht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 VIERZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Siegfried Hillgruber, von dessen Existenz Frau Ella zum <lb/>
                 ersten Mal im Siegerland gehört hatte, war ein Außen- <lb/>
                 seiter. Gebürtiger Böhme, hatte er kurz vor dem Krieg <lb/>
                 einen Handel mit industriellen Produkten angefangen. Ob- <lb/>
                 wohl er es als einfallreicher, wagemutiger und entschlußkräf-
                <pb facs="#f0316" n="312"/>
                <lb/>
                 tiger Kaufmann zu einem großen Vermögen gebracht hatte, <lb/>
                 war ihm die Gesellschaft der Industriellen verschlossen ge- <lb/>
                 blieben, weil er nur ein Händler war und keine Bodenschätze <lb/>
                 besaß. Er war auch keiner von denen, die öffentliche Aner- <lb/>
                 kennung suchen; mitunter hatte er eine grenzenlose Angst, <lb/>
                 wenn er von seinem Schreibtisch aufstehen mußte, um einen <lb/>
                 Besucher zu begrüßen. Im Theater saß er oft in der Loge <lb/>
                 und verbarg in den Pausen sein Gesicht hinter dem Pro- <lb/>
                 grammheft. Er glaubte, er sei so populär, daß ihn alle er- <lb/>
                 kennen und mit Fingern auf ihn zeigen müßten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Klein und rundlich von Statur, hatte er hängende Arme <lb/>
                 und unbefriedigte Augen. Wenn er sich im Spiegel sah, tat <lb/>
                 ex, als kenne er sich nicht, aber wenn er an seinem Schreib- <lb/>
                 tisch saß und den Schutzwall von Kaufverträgen und Bör- <lb/>
                 senpapieren vor sich aufgerichtet hatte — dann wiederum war <lb/>
                 er für den Beobachter unkenntlich, entstellt von einer grauen- <lb/>
                 vollen Unerbittlichkeit, zu unterjochen, um sich zu greifen, <lb/>
                 sich irgendwo hineinzuzwängen und sich auszubreiten und <lb/>
                 einen Teil der Welt in sich einzuverleiben, nicht um ihn zu <lb/>
                 verdauen, sondern um ihn mit seinem Magensaft zu ätzen <lb/>
                 und dann wieder auszuspucken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Obgleich er es scheute, unter Menschen zu gehen, war er <lb/>
                 keineswegs scheu, wenn er sich unter Menschen befand. <lb/>
                 Meistens bestand sein Umgang allerdings aus jungen Künst- <lb/>
                 lern, expressionistischen und futuristischen Malern, Schau- <lb/>
                 spielern und Dichtern, die ihn schröpften. Aus erster Ehe <lb/>
                 hatte er einen Sohn, der Filmregisseur war, nicht weil er <lb/>
                 Talent, sondern weil sein Vater Geld hatte; seine zweite <lb/>
                 Frau war eine Tänzerin aus der Labanschule, die vor ihrer <lb/>
                 gymnastischen Ausbildung Klavierspiel und Aquarellmalerei <lb/>
                 betrieben hatte. Er selbst hatte eine Passion für Musik und <lb/>
                 sagte oft, wenn er nicht Kaufmann geworden wäre, hätte <lb/>
                 er Kapellmeister werden mögen. Er sagte es so oft, daß er <lb/>
                 schließlich auf die Idee kam, einen privaten Konzertsaal zu <lb/>
                 bauen, wo er vor geladenen Gästen eine Hauskapelle diri- <lb/>
                 gieren und seine Frau tanzen könnte. Ein Berliner Archi- <lb/>
                 tekt stellte ihm auf seinen Wunsch eine dämmerige Tropf- <lb/>
                 steinhöhle her, voll Üppigkeit und barockem Geriesel, die
                <pb facs="#f0317" n="313"/>
                <lb/>
                 verschwenderisch ausgestattet wurde und die Pracht ehema- <lb/>
                 liger Fürstenschlösser weit übertraf. Es war nämlich eigen- <lb/>
                 tümlich, daß er, der auf allen anderen künstlerischen Gebie- <lb/>
                 ten einem beängstigend wirren und unfundierten Radikalis- <lb/>
                 mus huldigte, in der Musik das Epigonenhafte und Bene- <lb/>
                 belnde bevorzugte; folglich war auch dieser Konzertsaal in <lb/>
                 entsprechender Weise hergerichtet, und es konnte nicht aus- <lb/>
                 bleiben, daß er ein Tummelplatz eitler Nichtskönner wurde, <lb/>
                 die sich hier als verkannte Genies spreizten oder als die <lb/>
                 STILLEN IM LANDE umwerben ließen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber, was noch eigentümlicher war, die Zeit verhallte <lb/>
                 nicht weit draußen, sobald die Türen zu dieser Weihestätte <lb/>
                 geschlossen waren, im Gegenteil, gerade hier hielt sie wis- <lb/>
                 pernd ihren Einzug. Hillgruber wurde leicht und beflügelt, <lb/>
                 nachdem er einmal auf dem Podium den Magnetismus des <lb/>
                 Taktstocks verspürt hatte, das elektrisierende Gefühl eines <lb/>
                 Wünschelrutengängers. Der Kreis der Gäste wurde weiter <lb/>
                 gezogen und immer weiter, die Bankwelt fand sich ein, die <lb/>
                 ganze Kaufmannschaft, der Beamtenkörper der staatlichen <lb/>
                 und städtischen Verwaltung. In dieser von Luftgeschäften <lb/>
                 lebenden Zeit wurde Hillgrubers Konzertsaal ein Börsenplatz <lb/>
                 für die Auswertung von Beziehungen, nirgends war der Um- <lb/>
                 satz so gut wie bei ernster Musik in der Intimität eines <lb/>
                 schummrigen Raums. Jedermann, der in dies Allerheiligste <lb/>
                 hineingelangen konnte, begrüßte daher Hillgrubers Initiative, <lb/>
                 zumal man einander versicherte, daß die Eintrittspreise der <lb/>
                 öffentlichen Konzerte unerschwinglich seien und nur noch <lb/>
                 von Arbeitern aufgebracht werden könnten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hillgrubers Gesellschaft wurde Geschäft. Nur die Indu- <lb/>
                 strie fehlte noch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit dem Ankauf des märkischen Feinblechwerks hatte der <lb/>
                 Händler den ersten Vorstoß in die Produktion unternommen. <lb/>
                 Bald folgten neue und größere, ein Eisenwerk an der Saar <lb/>
                 und Braunkohlenfelder in Mitteldeutschland, Hier erschreck- <lb/>
                 te er die Konkurrenten durch eine betriebliche und organisa- <lb/>
                 torische Konzentration, die noch nicht dagewesen und daher, <lb/>
                 wie die Handelskammer des dortigen Bezirks verlautbarte,
                <pb facs="#f0318" n="314"/>
                <lb/>
                 auch nicht am Platze war. Man tief um Hilfe, weil »dieser <lb/>
                 ausländische Privatmann« dabei sei, sich eine monopolähn- <lb/>
                 liche Stellung zu verschaffen. Geheimrat Püschel gab ein <lb/>
                 Rundschreiben heraus, das auf den Eindringling hinwies; er <lb/>
                 sei um so mehr im Auge zu behalten, als er nicht, wie alle <lb/>
                 Unternehmer vor ihm, regional beginne, sondern sprung- <lb/>
                 haft gleich in ganz Deutschland Fuß fasse. Da sei also ein <lb/>
                 neuer wendiger Typ, der vorläufig an das organisch Gewor- <lb/>
                 dene (wie es scheine, absichtlich, darum sei es so gefährlich) <lb/>
                 keinen Anschluß suche. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn er ihn sucht, wird er verweigert«, befahl Schell- <lb/>
                 hase junior mit dem Selbstgefühl seiner Dynastie. »Warum?« <lb/>
                 fragte Wirtz. — »Komische Frage, dieser...dieser... Aus- <lb/>
                 länder!« — »Ja so... Aber warum sagen Sie das eine Mal, <lb/>
                 Böhmen sei deutsch trotz des SCHANDVERTRAGS, und <lb/>
                 das andere Mal, es sei Ausland?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach was,« rief Kropf wütend, »Sie haben nur wieder <lb/>
                 was mit dem Kerl vor, das ist immer so, wenn Sie mit Ihren <lb/>
                 Spitzfindigkeiten und Sophismen kommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja— nein, Herr Kropf. Es ist ein bißchen dumm, ent- <lb/>
                 schuldigen Sie..., es gibt Leute, die jede Rede eines Men- <lb/>
                 schen damit abtun wollen, daß sie sagen: das ist zugespitzte <lb/>
                 Dialektik... Das sind gewöhnlich Leute, die selbst keine <lb/>
                 Dialektik haben, weder eine zugespitzte noch eine abge- <lb/>
                 stumpfte...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Solche Argumente dulden wir nicht! Dieser Ton darf in <lb/>
                 der Union nicht einreißen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wissen Sie was? Ich habe oft darüber nachgedacht, wa- <lb/>
                 rum das bei uns immer so gemacht wird...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun, daß ein Mensch, der uns stört, weil er auf eine <lb/>
                 andere, womöglich intensivere Art arbeitet als wir, als Aus- <lb/>
                 länder oder Jude abgemurkst werden muß...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mich stört er nicht!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Krogoll strich die Asche von seiner Zigarre. »Ich weiß <lb/>
                 nicht, es ist hier im Haus der Union so gemütlich, aber so- <lb/>
                 bald wir sprechen, ist es, als wäre eine Sauerstoffbombe ge- <lb/>
                 platzt. Warum die Aufregung?« </p>
            <pb facs="#f0319" n="315"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn Herr Wirtz einen Händler hier einschmuggeln <lb/>
                 will!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich will ihn nicht einschmuggeln...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sondern einführen‚« ergänzte Schellhase junior, »wie, so <lb/>
                 ist es doch? Sie machen ja alles legal, bekanntlich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bei Gelegenheit, vielleicht, ja, will ich ihn einführen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun und nimmer!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hören Sie zu. Ein Händler kann ein Mann sein, der die <lb/>
                 Verteilung der Ware als Selbstzweck betrachtet, er muß es <lb/>
                 nicht sein... Ein Produzent wiederum kann ein Mann sein, <lb/>
                 der vor lauter Produktion den Absatz seiner Ware vergißt, <lb/>
                 er muß es nicht sein... Handel bedeutet Verwertung der <lb/>
                 Produktion und Versorgung der Verbraucher, diese zwei <lb/>
                 Pole bestimmen seine Preisgestaltung... Reichtum ist keine <lb/>
                 Schande, warum soll Reichwerden eine Schande sein? Hill- <lb/>
                 gruber ist ein bescheidener Mann, der seinen Vergnügungen <lb/>
                 innerhalb seines Hauses nachgeht... Er ist kein gewöhn- <lb/>
                 licher Schieber, der seine Feste auf dem Parkett der großen <lb/>
                 Hotels feiert, wo jeder Zahlungsfähige willkommen ist...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Mann kommt hoch durch Minderwertigkeitsgefühle«, <lb/>
                 sagte von Grußenbaum, der diesen zwanglosen Gedanken- <lb/>
                 austausch in der Union zu einer ständigen Einrichtung ge- <lb/>
                 macht hatte, denn es war seine Aufgabe, alle unter einen <lb/>
                 Hut zu bringen und allen gerecht zu werden. Kropf ging <lb/>
                 auf einen Augenblick hinaus, der junge Schellhase folgte ihm: <lb/>
                 »Was sagen Sie nun? Der Wirtz wird gemeingefährlich.« — <lb/>
                 »Kann nicht mehr so lange mit ihm dauern.« — »Sollen wir <lb/>
                 nicht lieber den Austritt aus der Union erklären?« — »Aber <lb/>
                 Herr Schellhase, wegen einer solchen Lappalie? Austreten, <lb/>
                 das wäre! Wie sollten wir die Union dann jemals in die Hand <lb/>
                 bekommen?« — »Je nun, der Krogoll läßt sich ja ganz ins <lb/>
                 Schlepptau nehmen.« — »Eben darum.« — »Aber im Fall <lb/>
                 Hillgruber Widerstand bis zum Äußersten, nicht wahr? Er <lb/>
                 gehört nicht zu uns.« — »Das ist sicher.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Etliche Wochen nach dieser informatorischen Besprechung <lb/>
                 in der Union fanden zwei denkwürdige Begegnungen statt; <lb/>
                 denkwürdig insofern, als sie eine Interessenverlagerung ein-
                <pb facs="#f0320" n="316"/>
                <lb/>
                 leiteten, die zunächst im Programm der handelnden Personen <lb/>
                 nicht vorgesehen war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die erste Begegnung fand statt zwischen Hillgruber und <lb/>
                 Wirtz, der Bankier Mehren hatte sie vermittelt. Siegfried <lb/>
                 Hillgruber saß noch immer an seinem Schreibtisch wie ein <lb/>
                 zusammengerollter Igel. Er lehnte es schlankweg ab, in die <lb/>
                 Union einzutreten, falls nicht sämtliche Mitglieder ihre Zu- <lb/>
                 stimmung gäben. »Aber was macht Ihnen denn das bißchen <lb/>
                 Opposition unserer beiden Fanfarenbläser Kropf und Schell- <lb/>
                 hase aus?« fragte Wirtz geradewegs, aber ein wenig lauernd. <lb/>
                 »Sie als Musiker sollten doch solche sporadischen Fortissimi <lb/>
                 nicht überschätzen...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hillgruber zog die Stirn kraus. »Nun ja,« fuhr Wirtz <lb/>
                 fort, »ich verstehe gar nichts von Musik, aber daß man ein <lb/>
                 großes Orchester nicht ohne Pauken musizieren lassen kann, <lb/>
                 ist doch gewiß...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bitte, nicht solche Vergleiche, Herr Wirtz, sie tun mir <lb/>
                 weh.« Er hob abwehrend die Hand, sie war innen in den <lb/>
                 stark eingetieften Furchen voll winziger Schweißtropfen, wie <lb/>
                 Stecknadelköpfe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann sage ich Ihnen unverblümt, daß Kropf ein gut- <lb/>
                 mütiger Polterer ist und Schellhase ein grüner Junge.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es bleibt bei meiner Antwort, Herr Wirtz.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und das Geschäft?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Darüber läßt sich eher reden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ottokar Wirtz hatte eine Interessengemeinschaft vorge- <lb/>
                 schlagen, bei welcher im allgemeinen nur lose Bindungen be- <lb/>
                 stehen, alle bedeutenden Pläne aber gemeinsam durchgeführt, <lb/>
                 oder wo dies nicht angängig wäre, gegeneinander abgegrenzt <lb/>
                 werden sollten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »O ich verstehe,« sagte Hillgruber, »Sie wollen mich klein- <lb/>
                 halten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wirtz gedachte jener Worte des Generals: der Mann <lb/>
                 kommt hoch durch Minderwertigkeitsgefühle. Bevor er je- <lb/>
                 doch antworten konnte, machte Hillgruber einen Gegenvor- <lb/>
                 schlag. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein Aktienpaket des größten metallurgischen Werkes in <lb/>
                 Rumänien ist durch den Zusammenbruch einer Bank frei
                <pb facs="#f0321" n="317"/>
                <lb/>
                 geworden, man hat es mir angeboten. Gute Kohlengruben, <lb/>
                 etwas Eisenerz, zwei Hochöfen, Lokomotivfabrik und neun- <lb/>
                 zigtausend Hektar Wald. Neunzigtausend Hektar Wald, Herr <lb/>
                 Wirtz! Ich liebe Wald. Taufrischer, rumänischer Wald, da <lb/>
                 macht man sich ja gar keinen Begriff davon.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man könnte ihn in einer Papierfabrik verwerten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und mit dem Papier eine Zeitung begründen, wie?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht übel.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schlechte Finanzwirtschaft da unten, kostspieliger Be- <lb/>
                 amtenapparat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wäre rasch aufgeräumt. Nichts leichter für deutsche In- <lb/>
                 dustrielle, als abzubauen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, wenn man die Mehrheit hätte.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie steht es denn damit?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Passen Sie auf. Ein Drittel des Kapitals hat ein franzö- <lb/>
                 sisches Konsortium, das gern an die Saar möchte. Wäre es <lb/>
                 dort, könnte man Rumänien von ihm haben. Ich kann meine <lb/>
                 Saarhütte nicht abgeben, aber ich kenne eine holländische <lb/>
                 Beteiligung, die zu haben wäre, wenn sie etwas anderes in <lb/>
                 Deutschland dafür bekäme. Nun, ich biete ihr ein Eckchen <lb/>
                 Mitteldeutsche Braunkohle. Soweit ist alles klar — ich gebe <lb/>
                 Braunkohle an die Holländer, die Holländer geben mir die <lb/>
                 Saarbeteiligung, ich gebe die Saarbeteiligung an die Fran- <lb/>
                 zosen, die Franzosen geben mir Rumänien, das jeweilige <lb/>
                 Aufgeld wird entweder in Bar oder in Form von anderen <lb/>
                 Beteiligungen entrichtet. Nur — ich brauche einen Partner <lb/>
                 für Rumänien, für mich ist die Sache zu umfangreich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Welches sind Ihre Bedingungen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Tauschen Sie mit ein Eckchen Felgenhauet-Wirtz-Elek- <lb/>
                 tro-Allianz gegen ein Eckchen Braunkohle ein, das ich auch <lb/>
                 noch abhacke, und wir machen das rumänische Geschäft mit <lb/>
                 Zeitung und allem zusammen. Ist das nicht verlockend?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sehr«, sagte Wirtz und dachte: aha, so machst du das. <lb/>
                 Du hast also ein internationales Verschachtelungsverfahren, <lb/>
                 um die Besitzverhältnisse undurchsichtig zu machen, es geht <lb/>
                 dir nicht bloß um die Besitztümer, es geht dir vor allem da- <lb/>
                 rum, überall hineinzuschnüffeln, überall liiert zu sein, von <lb/>
                 allem fremden Gut einen Brocken mitzuhaben. Bist du nicht
                <pb facs="#f0322" n="318"/>
                <lb/>
                 ein potenzierter Ottokar Wirtz? Wie? Da muß ich einschla- <lb/>
                 gen. »Ich bin prinzipiell bereit«, erklärte er und sah lauter <lb/>
                 Linien vor sich, die wie bei einem Stammbaum ausstrahlten <lb/>
                 und sich immer von neuem teilten. »Ich komme mit Näßler <lb/>
                 wieder, dann untersuchen wir die Details.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sobald wie möglich, bitte, die Sache eilt.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Näßler war nicht entzückt, er fand irgendetwas nicht in <lb/>
                 Ordnung. »Was ist es denn?«— »Wenn ich es nur wüßte...« <lb/>
                 — »Na also, es ist nichts,« sagte Wirtz ärgerlich, »es ist doch <lb/>
                 wirklich keine abgefeimte Schurkerei dahinter.« Näßler sah <lb/>
                 ihn von unten herauf an und senkte rasch den Blick. Beide <lb/>
                 hatten sie denselben Gedanken. Bereits zum zweiten Mal <lb/>
                 hatte Wirtz sich an einen anderen angeschlossen, statt ihn <lb/>
                 sich anzuschließen. Das erste Mal war es mit Püschel ge- <lb/>
                 wesen. Ja, ja. »Ich glaube nicht an Vorbedeutungen«, sagte <lb/>
                 Wirtz schroff. »Aber wieso denn auch?« fragte mit gezwun- <lb/>
                 genem Lachen Näßler und dachte: Siegfried Hillgruber be- <lb/>
                 herrscht Verbindungen von Osten nach Westen, ein guter <lb/>
                 Händler ist auch ein guter Unterhändler. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es blieb trotz aller Zuversicht eine dumme Geschichte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die zweite Begegnung fand statt zwischen Oberst von Leut- <lb/>
                 witz, dem Freiherrn, Kropf und Schellhase junior, von Grußen- <lb/>
                 baum hatte sie vermittelt. Man entsinnt sich, daß die beiden <lb/>
                 Militärs zusammen im Gefolge des Kaisers gewesen waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Leutwitz war in der Reichsleitung der Nationalsozia- <lb/>
                 listischen Arbeiterpartei und hatte Verbindung mit allen Ge- <lb/>
                 heimbünden und mit vielen Offizieren des alten und neuen <lb/>
                 Heeres. Hierfür interessierte sich besonders der junge Schell- <lb/>
                 hase, der dieser Partei mit reichen Spenden unter die Arme <lb/>
                 griff. Kropf stieß sich an dem Wort »Sozialismus«, Schell- <lb/>
                 hase junior hingegen meinte, ein Firmenschild müsse nicht <lb/>
                 immer gleich gestatten, dem Inhaber ins Herz zu sehen. <lb/>
                 »Ach?« sagte Kropf. »Seit wann denken Sie so diploma- <lb/>
                 tisch?« Daß das Wort nur zum Köder für die Arbeiter diene, <lb/>
                 sei doch wohl ein holder Wahn; er wolle nicht bezweifeln, <lb/>
                 daß nur dies die Absicht der Partei sei, aber jenes Wort habe <lb/>
                 nun einmal das Böse in sich. </p>
            <pb facs="#f0323" n="319"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Na, wenn sie wirklich mal revolutionär werden sollten, <lb/>
                 sperren wir ihnen eben die Gelder!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf hob die Schultern und hielt den Kopf schief auf die <lb/>
                 rechte Seite. Es sei fraglich, ob das alsdann noch genügen <lb/>
                 werde, ob man nicht sagen müsse, die Geister, die ich rief, <lb/>
                 die werd’ ich nun nicht los. Nein. Der Kampf um die deut- <lb/>
                 sche Seele des Arbeiters könne nur dann Erfolg versprechen, <lb/>
                 wenn er von vornherein jeden Gedanken an Sozialismus ver- <lb/>
                 banne. Nun zuckte Schellhase die Achseln: er halte es für <lb/>
                 wichtiger, daß erst einmal der Gedanke an Nationalismus <lb/>
                 hineingebracht werde, gerade jetzt sei die Zeit günstig, wo <lb/>
                 die Arbeiter infolge der Reparationserpressung den Glauben <lb/>
                 an die Internationale zu verlieren begännen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropfs erste Frage an von Leutwitz war daher: »Was ist <lb/>
                 also nationaler Sozialismus?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Front gegen das internationale Judentum und das <lb/>
                 internationale Finanzkapital.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das Judentum interessiert mich nicht, in der Schwerin- <lb/>
                 dustrie gibt es keine Juden. Aber das Finanzkapital.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich bitte um Verzeihung, aber eben dieses besteht doch <lb/>
                 aus Juden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein Jude, der Bankier ist, ist kein Jude mehr, sondern <lb/>
                 ein Wirtschaftler. Sie wollen also das Finanzkapital beseiti- <lb/>
                 gen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das nationale nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das nationale Finanzkapital ist ein integrierender Bestand- <lb/>
                 teil des internationalen. Ebensogut könnten Sie sagen, daß <lb/>
                 Sie den Erdball vertilgen und Europa leben lassen wollten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir sehen das nicht so an...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie scheinen überhaupt nichts anzusehen. Aber —,« fügte <lb/>
                 er in völlig verändertem Ton hinzu, »deshalb können wir <lb/>
                 ruhig miteinander Umgang pflegen. Ihre Partei ist noch jung, <lb/>
                 sie wird — das heißt: sie kann sich entwickeln.« Die Betonung <lb/>
                 war leicht, doch sinnfällig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Partei wünscht nichts sehnlicher, Herr Kropf.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior erkundigte sich nach irgendwelchen Vor- <lb/>
                 gängen beim Heer. »Treibt denn die Reichswehr tatsächlich <lb/>
                 Politik?« ließ sich der Freiherr vernehmen. </p>
            <pb facs="#f0324" n="320"/>
            <p>
                <lb/>
                 Der Oberst machte eine Verbeugung, die Überraschung <lb/>
                 und Ahnungslosigkeit ausdrückte. »In der Reichswehr gibt <lb/>
                 es keine politischen Strömungen, sondern nur Gehorsam ge- <lb/>
                 gen die erlassenen Befehle.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber wer erläßt die Befehle?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Diejenigen, denen die Reichswehr gehorcht.... .« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr fühlte einen Zwang, zu schlucken, aber er <lb/>
                 kämpfte dagegen an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie sprechen von politischen Strömungen, ich sprach von <lb/>
                 Politik schlechthin, das könnte ein Unterschied sein, es muß <lb/>
                 natürlich keiner sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was ist überhaupt Politik?« lachte Schellhase, von Leut- <lb/>
                 witz erwiderte: »Politik?— Politik ist nie das, was die Reichs- <lb/>
                 wehr tut.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gut gesagt, Herr Oberst. Ich halte es für gefährlich, <lb/>
                 alles offen auszusprechen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Halten Sie einen Augenblick.« Der Freiherr war von <lb/>
                 einer sonderbaren Hartnäckigkeit. »Wem dient die Reichs- <lb/>
                 wehr nach Ihrer Meinung?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dem Staat — der Idee des Staates«, verbesserte sich der <lb/>
                 Oberst. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich möchte Sie nicht examinieren, ich frage das nur, weil <lb/>
                 der ernste Wirtschaftler die Pflicht hat, sich von Extremen <lb/>
                 fernzuhalten.« Sie starrten ihn verblüfft und unhöflich an; <lb/>
                 interessant, wie die Zeit auch an ihm arbeitete. »Unsere <lb/>
                 Werke,« sprach er unterdessen fort, »unsere im Wiederauf- <lb/>
                 bau begriffenen Werke können keine Erschütterung vertra- <lb/>
                 gen. Ehe wir an anderes denken können, muß die Arbeits- <lb/>
                 lust wieder zu einem behüteten Hausschatz werden. Es liegt <lb/>
                 vielleicht in der menschlichen Natur begründet, daß in dieser <lb/>
                 erregten Zeit namentlich die jüngeren Elemente, teils ge- <lb/>
                 tragen von idealen Bestrebungen, teils aber auch nur von <lb/>
                 dem Willen, sich ein Abenteurerleben zu verschaffen, über <lb/>
                 die Stränge schlagen. Darum müssen alle erfahrenen Männer <lb/>
                 zusammenstehen, um auch unter den veränderten politischen <lb/>
                 Verhältnissen das ausgleichende Element zu bilden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er sagte niemals »die Republik« oder auch nur »der neue <lb/>
                 Staat«, sondern immer »die veränderten politischen Verhält-
                <pb facs="#f0325" n="321"/>
                <lb/>
                 nisse«. Als er geendet hatte, verbeugte von Leutwitz sich <lb/>
                 abermals: die Nationalsozialisten hätten in richtiger Würdi- <lb/>
                 gung dieses Standpunktes einen erfahrenen Mann zur Lei- <lb/>
                 tung der Partei im Revier berufen, einen ehemaligen Schlos- <lb/>
                 ser, der gute Fühlung mit der Arbeiterschaft, aber auch mit <lb/>
                 anderen Kreisen der Bevölkerung habe, Walkowiak heiße er. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Niemand erinnerte sich dieses Namens. Lang, lang war’s <lb/>
                 her, daß er unter den Erlassen des Arbeiter- und Soldaten- <lb/>
                 rats gestanden hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war kurz vor Weihnachten, der Dollar notierte 7425. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Spiritisten und Sektierer, Devisenschleichhändler und Wu- <lb/>
                 cherer, Bettler und Hungrige vagabundierten in den Straßen. <lb/>
                 Dazwischen schob sich eine Menge ehrsamen Mittelstandes <lb/>
                 mit fadenscheinigen Kleidern aus anständiger Gesinnung. <lb/>
                 Sie wurde langsam aufgerieben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber nicht allein das Leben, auch das Sterben war kaum <lb/>
                 noch erschwinglich. Fast jeder Betrieb, fast jedes Büro grün- <lb/>
                 dete daher zwei Kassen, eine Begräbniskasse und eine <lb/>
                 »Schmalzkasse«. Die Sterbekassen nannten sich »Treue Ge- <lb/>
                 nossen« oder »Kranzspende« oder »Pietät« und brachten die <lb/>
                 Beerdigungsgelder jeweils durch eine Umlage auf. Was aber <lb/>
                 die »Schmalzkassen« betraf, so sollten sie die Beteiligten <lb/>
                 wenigstens ein einziges Mal in den Genuß einer Goldmark- <lb/>
                 summe setzen, die eine größere Anschaffung ermöglichte, <lb/>
                 den Einkauf eines Kleidungsstücks oder eines Haushaltungs- <lb/>
                 gegenstandes. Jeder gab von seiner Gehalts- oder Vorschuß- <lb/>
                 summe einen vollen Dollar ab, nach dem Tageskurs und je- <lb/>
                 weils zugunsten dessen, der nach dem aufgestellten Turnus <lb/>
                 empfangsberechtigt war. Es waren keine Versicherungsma- <lb/>
                 thematiker dazu nötig, es war die primitive Selbsthilfe der <lb/>
                 Verzweiflung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Märkte und Läden wurden geplündert. Die Polizei schoß. <lb/>
                 Der Staat, der die Ruhe mit Papiergeld störte, stellte sie mit <lb/>
                 Metallkugeln wieder her. Die Landeswährung verschwand <lb/>
                 aus dem Verkehr, Gesetze und Polizeiverordnungen hoben <lb/>
                 sich gegenseitig auf, und beide zusammen wurden von der <lb/>
                 Wirklichkeit lächerlich gemacht. </p>
            <pb facs="#f0326" n="322"/>
            <p>
                <lb/>
                 Die Schiedssprüche des staatlichen Schlichters waren ein <lb/>
                 politisches Lotteriespiel. Da der Treffer notgedrungen auf <lb/>
                 einen Punkt fiel, der zwischen den Forderungen der Parteien <lb/>
                 lag, gingen diese, um die Chancen zu verbessern, beiderseits <lb/>
                 bis zum Äußersten. Anfangs bewilligte der Schlichter drei <lb/>
                 Viertel der Gewerkschaftsforderungen; später zog er ein ge- <lb/>
                 rechtes Mittel; zuletzt entschied er sich für drei Viertel der <lb/>
                 Unternehmerforderungen. So zeichnete sich auch in dieser <lb/>
                 Linie das Wunder ab, das man in Deutschland »Wiederauf- <lb/>
                 bau« nannte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Hütten und Zechen wurde entweder gestreikt oder <lb/>
                 passive Resistenz geübt. Sirenen zeigten den Zusammentritt <lb/>
                 von Betriebsversammlungen an, die regelmäßig mit einem <lb/>
                 Marsch auf die Verwaltungsgebäude endeten. Risch-Zander <lb/>
                 erlebte seine zehn bis zwölf Demonstrationen pro Tag. Die <lb/>
                 Arbeit des Direktoriums bestand nur noch in Verhandlungen <lb/>
                 mit dem Betriebsrat. Eines Morgens rückte der ganze Loko- <lb/>
                 motivbau vor die Hauptverwaltung und forderte statt der <lb/>
                 bisher gewährten Produktionsprämien einen festen, einheit- <lb/>
                 lichen Stundenlohn. Das Direktorium antwortete, daß es <lb/>
                 nur mit der gesetzlichen Vertretung der Arbeiterschaft ver- <lb/>
                 handeln werde, die durch diese Arbeitsniederlegung eben- <lb/>
                 falls überrascht worden sei. Hierauf brach der Lokomotiv- <lb/>
                 bau in die Werkstätten rechts und links der Straße ein und <lb/>
                 legte die ganze Strom- und Wasserversorgung still, das Haupt- <lb/>
                 verwaltungsgebäude wurde erstürmt, die Direktoren und <lb/>
                 Prokuristen flüchteten in den Keller. Hiebenstein wollte stand- <lb/>
                 halten, doch der Freiherr beschwor ihn, sein Leben nicht <lb/>
                 unnütz der rohen Gewalt auszuliefern. Er selbst begab sich <lb/>
                 mit Herrn von Scheeven in den Fahrstuhl und ließ ihn mitten <lb/>
                 im dunklen Schacht zwischen zwei Stockwerken anhalten. <lb/>
                 Ein Glück, daß die Exsatzleitung zum städtischen Elektri- <lb/>
                 zitätswerk intakt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So horchen sie. Rack, rack, rack, hallen die genagelten <lb/>
                 Schuhe auf dem Linoleum. Rufe zerstreuen sich in den tiefen <lb/>
                 gewölbten Gängen. Türen knallen auf und zu. Mit einem <lb/>
                 Mal schreit jemand etwas wie ein Kommando, alles rennt <lb/>
                 zurück, eine letzte Tür fällt ins Schloß. Großer Gott, was
                <pb facs="#f0327" n="323"/>
                <lb/>
                 ist geschehen? »Hoffentlich kein Totschlag«, sagt Herr von <lb/>
                 Scheeven. — »Fürchten Sie?« — »Das nicht, jedenfalls war <lb/>
                 es das Tollste, was ich hier erlebt habe.« Der Freiherr horcht <lb/>
                 noch zwei Minuten, dann fährt er wieder hinauf, sucht selbst <lb/>
                 die Zimmer der Direktoren ab — noch keiner zurück, natür- <lb/>
                 lich nicht, aus dem Keller können sie noch nicht wieder oben <lb/>
                 sein. Wie vom Blitz getroffen steht er still: »Sie werden sie <lb/>
                 doch nicht im Keller entdeckt haben?« Mitdem erblicken sie <lb/>
                 einen Bürodiener am Korridorfenster, Herr von Scheeven <lb/>
                 eilt zu ihm hin. »Die Polizei kommt.« — »O Gott,« sagt der <lb/>
                 Freiherr, »was wird nun werden? Sind noch viele Leute auf <lb/>
                 der Straße? Gehen Sie, Herr von Scheeven, sprechen Sie mit <lb/>
                 dem Offizier, daß nicht geschossen wird, ich will kein Blut- <lb/>
                 bad in der Fabrik.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr von Scheeven hat es nicht so eilig, was soll diese <lb/>
                 dumme Humanität, er ist dafür, daß man die Polizei nicht <lb/>
                 hindert, ein Exempel zu statuieren; doch wagt er keine Wi- <lb/>
                 derrede, als er des Freiherrn vibrierende Backenknochen sieht, <lb/>
                 ein Zeichen, daß es sehr innerlich bei ihm sitzt. Da kracht <lb/>
                 auch schon eine Gewehrsalve. »Himmel,« sagt der Freiherr <lb/>
                 und wankt in sein Zimmer, »das habe ich nicht gewollt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine schwangere Frau ist getötet, einsam liegt sie mitten <lb/>
                 auf der Straße, die Markttasche hält sie an sich gepreßt, mit <lb/>
                 der anderen Hand scheint sie die blutigen Eingeweide hinein- <lb/>
                 zustopfen, die aus dem offenen Leib hervorquellen. Der Po- <lb/>
                 lizeioffizier entschuldigt sich beim Freiherrn: er habe keinen <lb/>
                 Befehl zum Schießen erteilt, aber er könne seinen Leuten <lb/>
                 auch keinen Vorwurf machen; schon in der Stadt seien sie mit <lb/>
                 Steinen beworfen worden, und dann dieses ewige Gebrüll <lb/>
                 »Bluthunde!« und »Nieder!«— da müsse man ja Nerven <lb/>
                 aus Eisen haben, um das auszuhalten, schließlich seien die Po- <lb/>
                 lizisten doch auch Menschen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unterdessen haben sich große Teile der Menge wieder ge- <lb/>
                 sammelt und ziehen zur Otto-Heinrich-Hütte in die Nachbar- <lb/>
                 stadt, fünf Kilometer sind es bis dahin, ununterbrochen strö- <lb/>
                 men Menschen zu. In den vordersten Reihen geht ein Mann, <lb/>
                 der von den anderen ein wenig absticht. Er hat eine kurze
                <pb facs="#f0328" n="325"/>
                <lb/>
                 Pfeife im Mund und die Hände auf dem Rücken. Er hat einen <lb/>
                 blauen Anzug an mit weit heruntergerutschten Hosen und <lb/>
                 einen schwarzen, hoch zugeknöpften Sweater unter dem Rock <lb/>
                 wie ein Metzger. Er hat eine braune Sportmütze auf und eine <lb/>
                 große Hornbrille über den Augen und ein rundes Medaillon <lb/>
                 mit Sichel und Hammer am Rockaufschlag — und dieser Mann <lb/>
                 ist niemand anders als Friedrich Bilgenstock, einstmals Vor- <lb/>
                 sitzender des Risch-Zanderschen Werkvereins. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vor dem Portal der Hütte wogt es hin und her, ein Last- <lb/>
                 auto bahnt sich, immerzu hupend, den Weg. Papierballen <lb/>
                 hat es geladen. Es fährt ganz langsam, ein paar Jungen stei- <lb/>
                 gen hinauf und treiben Allotria. Einer hat das Papier unter- <lb/>
                 sucht und ruft: »Das ist ja die Hüttenzeitung!« Hüttenzei- <lb/>
                 tung — das ist ein verhaßtes Wort. Hüttenzeitung — das ist <lb/>
                 journalistischer Schmuggel, das ist die Arbeiterpresse von <lb/>
                 Unternehmers Gnaden. Schon fliegt ein Ballen auf die Straße. <lb/>
                 Das Auto kann nicht weiter. Der Chauffeur schimpft, der <lb/>
                 Beifahrer schimpft ebenfalls. Sie werden herausgeholt und <lb/>
                 durchgewalkt, da gibt es kein Erbarmen, sind Chauffeure <lb/>
                 vielleicht auch Arbeiter? Bilgenstock schreit: »Alles runter, <lb/>
                 den ganzen Mist, runter auf die Straße!« Ein Scheiterhaufen <lb/>
                 liegt da, »Kohlenglut her!« schreit Bilgenstock. Jungens <lb/>
                 rennen in die Schmiede. »Platz da, Platz!« Eine schwere <lb/>
                 Schaufel blakender Glut, hinein damit in den Papierstoß. <lb/>
                 »Platz da, Platz, es geht an!« Sie geben etwas Raum, der <lb/>
                 Wind fegt durch. Es flammt auf, ruhig und ohne zu knistern, <lb/>
                 aber mit furchtbarer Geschwindigkeit läuft die Flamme fort, <lb/>
                 als wenn es Pulver wäre. Hoch über die Dächer weg fliegt <lb/>
                 das verkohlte Papier. Die Straße hinauf klingelt die Feuer- <lb/>
                 wehr. »Wir wollen Brot, keine Werkszeitungen! Keine <lb/>
                 Werkszeitungen, Brot wollen wir!« Der Wasserstrahl löscht <lb/>
                 Brand und Geschrei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach diesen Vorfällen fuhr Kropf nach Berlin und bot der <lb/>
                 Regierung an, die Otto-Heinrich-Hütte zu sozialisieren. Es <lb/>
                 käme bald der Zeitpunkt, wo das Werk überhaupt nicht mehr <lb/>
                 bestehen könne, und er werde den guten Namen bis zuletzt
                <pb facs="#f0329" n="325"/>
                <lb/>
                 hochhalten und lieber freiwillig den Betrieb einstellen als es <lb/>
                 dahin kommen lassen, daß die Verbindlichkeiten nicht erfüllt <lb/>
                 würden. Die notwendigen Schritte habe er schon unternom- <lb/>
                 men, damit die Liquidation in Ehren geschehen könne. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Ministerialräte machten lange Gesichter, der Wirt- <lb/>
                 schaftsminister schüttelte den Kopf und erklärte im Namen <lb/>
                 der Regierung, daß eine Auflösung des Unternehmens mit <lb/>
                 Rücksicht auf die Arbeiterschaft, aber auch im Interesse der <lb/>
                 Allgemeinheit sehr bedauerlich sei. Die Regierung könne in- <lb/>
                 dessen nicht daran denken, ein Unternehmen zu sozialisieren, <lb/>
                 das nicht mehr lohnend arbeite. Selbstverständlich müsse die <lb/>
                 Arbeiterschaft auskömmliche Löhne haben, andererseits <lb/>
                 müsse sie sich an die Lohnvereinbarungen halten und dürfe <lb/>
                 nicht durch Unruhen und Streiks dem Werk unermeßliche <lb/>
                 Verluste zufügen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese Erklärung ließ Kropf durch Anschlag in der Otto- <lb/>
                 Heinrich-Hütte verbreiten; sie wirkte abkühlend. Hieben- <lb/>
                 stein dagegen erzielte denselben Erfolg ohne besondere An- <lb/>
                 strengung. Er versprach, über die Forderungen des Loko- <lb/>
                 motivbaues mit sich reden zu lassen, wenn die Arbeit wieder <lb/>
                 aufgenommen sei. Die Bedingung wurde nach einigem Zö- <lb/>
                 gern erfüllt, das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Be- <lb/>
                 triebsrat aber lautete dahin, daß für die Prämienermittlung <lb/>
                 neue Grundlinien festgestellt werden sollten. Der einheit- <lb/>
                 liche Stundenlohn und die Bezahlung der. ausgefallenen <lb/>
                 Schichten wurden abgelehnt, weil die Belegschaft i in unge- <lb/>
                 setzlicher Weise in den Streik getreten sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies alles wurde »mit Zustimmung des Betriebsrats« be- <lb/>
                 kannt gemacht. Man kann nicht sagen, daß seine Autorität <lb/>
                 dadurch gestärkt wurde. »So schlägt man zwei Fliegen mit <lb/>
                 einer Klappe«, sagte der Finanzrat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf hatte sich vergeblich bemüht, den Nationalen Arbei- <lb/>
                 terbund tariffähig zu machen und beim Arbeitsminister seine <lb/>
                 Anerkennung als Gewerkschaft zu erreichen. Wäre es gelun- <lb/>
                 gen, so wäre der Nationale Arbeiterbund berechtigt gewe- <lb/>
                 sen, an den Lohnverhandlungen teilzunehmen — »ein Pfahl <lb/>
                 im Fleisch der Gewerkschaftssekretäre wäre das«, meinte
                <pb facs="#f0330" n="326"/>
                <lb/>
                 Kropf. Da es nicht gelungen war, verfolgte er eine neue <lb/>
                 Idee. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie ging davon aus, daß die Gewerkschaften für das ein- <lb/>
                 zelne Werk und seine Arbeiter kein Verständnis hätten und <lb/>
                 ohne Einblick wären in die individuellen Bedürfnisse, Mög- <lb/>
                 lichkeiten und Notwendigkeiten. Deshalb müßten die Be- <lb/>
                 triebsräte auf eine andere Basis gebracht werden; sie sollten <lb/>
                 nicht auf Grund gewerkschaftlicher Listen gewählt werden, <lb/>
                 sie sollten ein Gremium der vertrauenswürdigsten Angestell- <lb/>
                 ten ohne jede gewerkschaftliche Bindung sein. Oberstes Ge- <lb/>
                 bot habe nicht die Berufung auf Gesetzesparagraphen zu sein, <lb/>
                 die doch von außerhalb, und dazu mit Unverstand, hineinge- <lb/>
                 tragen seien, sondern die Berufung auf den Konnex mit dem <lb/>
                 Werk, auf die Vertrautheit mit seiner Eigenart und seiner Ge- <lb/>
                 schichte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieses Programm nannte er die »Werksgemeinschaft«. <lb/>
                 Ihm diente auch jene Hüttenzeitung, die alle vierzehn Tage <lb/>
                 herauskam, Bilder und Aufsätze aus dem Werk enthielt und <lb/>
                 an alle Arbeiter und Angestellten umsonst ausgeteilt wurde. <lb/>
                 Es war erst ein Anfang. Die Redaktion hatte Herr Drees — <lb/>
                 das waren nun auch schon vier Jahre her seit jenem Auftritt <lb/>
                 in der Risch-Zanderschen Eisengießerei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ottokar Wirtz hatte gegen den Gedanken der Werksgemein- <lb/>
                 schaft vieles einzuwenden, auch die Form schien ihm noch <lb/>
                 sehr unklar zu sein. »Es ist zu durchsichtig,« sagte er, »jeder- <lb/>
                 mann wird darin mühelos die übliche Beherrschung der Klei- <lb/>
                 nen durch die Großen erkennen... Vor allem muß die Wohl- <lb/>
                 fahrt hinaus, ich habe keine einzige Wohlfahrtseinrichtung in <lb/>
                 meinen Werken. Das unglückliche Beiprodukt der Wohl- <lb/>
                 fahrt ist der Argwohn.... Wenn sie sich bezahlt machte, <lb/>
                 wäre sie eine gute Kapitalanlage, aber wir haben es ja erlebt, <lb/>
                 daß diejenigen unter uns, die die meisten Wohlfahrtseinrich- <lb/>
                 tungen haben, auch die meisten Arbeiterunruhen haben... <lb/>
                 Man soll für niemanden etwas tun, was er gescheiter für sich <lb/>
                 selbst täte, und organisierte Menschenfreundlichkeit ist <lb/>
                 noch viel unangenehmer als spontane...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Immerhin«, parierte Hiebenstein, »wer zuletzt lacht, <lb/>
                 lacht am besten. Ich bin sehr für die alten Sprichwörter.« </p>
            <pb facs="#f0331" n="327"/>
            <p>
                <lb/>
                 Eine große öffentliche Tagung der Union, zu der auch der <lb/>
                 Reichsverband geladen war, beschäftigte sich mit diesem <lb/>
                 Ideenkreis. Zum ersten Mal sprach hier der General: der <lb/>
                 Klassenkampfstandpunkt der Gewerkschaften habe erst den <lb/>
                 Herr-im-Hause-Standpunkt der Unternehmer zur Folge ge- <lb/>
                 habt; sie möchten ihn von Herzen gern aufgeben, nur die <lb/>
                 Existenz der Gewerkschaften hindere sie daran; es sei Zeit, <lb/>
                 die Arbeiter daran zu erinnern, daß ihre Führer unmittelbar <lb/>
                 nach Kriegsschluß das Gelöbnis abgelegt hätten, Deutsch- <lb/>
                 lands Wiederaufbau nur mit den Unternehmern, nicht gegen <lb/>
                 sie durchzuführen; die Unternehmer, die ihnen geglaubt hät- <lb/>
                 ten, seien jetzt schändlich betrogen, denn die Gewerkschaf- <lb/>
                 ten erstrebten die Diktatur ihrer Klasse in Staat und Wirt- <lb/>
                 schaft; die Gewerkschaftspolitik schließe die Vertretung der <lb/>
                 Kapitalinteressen von vornherein aus, während — welche <lb/>
                 Ungerechtigkeit! — die Unternehmerverbände auch die Inter- <lb/>
                 essen der Arbeiter wahrnähmen; auf Arbeitgeberseite werde <lb/>
                 sicherlich nicht der Gedanke erwogen, eine Mitwirkung an <lb/>
                 Einrichtungen zu verlangen, deren Kosten allein die Arbeit- <lb/>
                 nehmer trügen; dagegen die Gewerkschaften! Obwohl doch <lb/>
                 die Beiträge zur Unfallberufsgenossenschaft ausschließlich <lb/>
                 von den Unternehmern aufgebracht würden, rührten die Ge- <lb/>
                 werkschaftsbeamten so lange im Arbeitsministerium herum, <lb/>
                 bis sie auch in die Unfallverhütung dreinzureden hätten; man <lb/>
                 solle sich vergewärtigen, welche Steigerung der Verwal- <lb/>
                 tungskosten damit verbunden sei, ganz von der Frage abge- <lb/>
                 sehen, wo der Nachweis für die sachliche Eignung dieser <lb/>
                 Leute bleibe; wenn nun auch noch die Unfallberufsgenossen- <lb/>
                 schaften zum Tummelplatz weltanschaulicher Kämpfe ge- <lb/>
                 macht würden, sei es mit der objektiven Durchführung des <lb/>
                 Gesetzes vorbei; nun, die Unternehmer hätten ja nichts da- <lb/>
                 von, nur im Interesse der versicherten Arbeiter sei es zu be- <lb/>
                 dauern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Da also die Gewerkschaften auf der ganzen Linie versagt <lb/>
                 hätten, meinte Dr. Krewett, an die Ausführungen des »ver- <lb/>
                 ehrten Vorredners« anknüpfend, so müßten andere Wege be- <lb/>
                 schritten werden. »Die Erkenntnis, daß eine großzügige Lohn- <lb/>
                 politik eine Frage des wirtschaftlichen Erfolges ist, kann nur
                <pb facs="#f0332" n="328"/>
                <lb/>
                 in einer WERKSGEMEINSCHAFT von Menschen geför- <lb/>
                 dert werden, die das gleiche Tätigkeitsfeld haben. Nicht <lb/>
                 länger darf die Arbeit als ein Mittel zur Befriedigung der <lb/>
                 leiblichen Notdurft betrachtet werden, sie ist ein seelischer <lb/>
                 Wert, sie hat einen ethischen Boden, der den Menschen <lb/>
                 als verantwortliches Wesen packt. Diese Arbeit wird nicht <lb/>
                 geleistet, damit irgendwer einen Lohn davon trägt; sie <lb/>
                 wird geleistet in dem Bewußtsein, daß sie der Gesamtheit <lb/>
                 des Werkes gilt. Die Stärkung dieses Zusammengehörig- <lb/>
                 keitsgefühls ist aber die allerpersönlichste Angelegenheit <lb/>
                 jedes Einzelnen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem der Applaus verklungen war, ein donnernder <lb/>
                 Applaus, der von ganz Deutschland gespendet zu sein schien, <lb/>
                 wurde Professor Jodoci vorgeschickt, währenddessen schlich <lb/>
                 der Staatssekretär a. D. auf Zehenspitzen durch den Saal, um <lb/>
                 den Presseleuten die Manuskripte der Reden einzuhändigen. <lb/>
                 Gebannt lauschte die Versammlung; die Sozialdemokratie <lb/>
                 sei eine Lehre der Verneinung, sagte der Professor, und es <lb/>
                 könne nicht anders werden, bevor der MARXISMUS über- <lb/>
                 wunden sei. Der Marxismus verneine die Staatsordnung, <lb/>
                 deshalb habe er die Monarchie durch die Republik ersetzt; er <lb/>
                 verneine die Wirtschaftsordnung, deshalb habe er den Privat- <lb/>
                 kapitalismus durch den Fiskalismus ersetzt; er verneine die <lb/>
                 Arbeitsordnung, deshalb habe er das Zusammenwirken durch <lb/>
                 die Diktatur ersetzt. »Was tut not? Wir müssen die Städte <lb/>
                 abreißen und die Arbeiterschaft auf dem Lande ansiedeln, wir <lb/>
                 müssen ihr Heimstätten schaffen für Gartenbau und Klein- <lb/>
                 viehzucht, Häuschen mit Wohnküche und Kochnische, <lb/>
                 einem Elternschlafzimmer, einem Kinderschlafzimmer und <lb/>
                 einem Baderaum, und vor allem zweitausend Quadratmeter <lb/>
                 Land, alles ohne den alten Werkswohnungscharakter und <lb/>
                 doch zur Seßhaftigkeit anreizend« — beinahe hätte er gesagt <lb/>
                 ‚verdammend‘ —, »nehmen Sie, meine Herren vom Bergbau, <lb/>
                 einen Aufschlag auf den Kohlenpreis, um das Projekt zu <lb/>
                 finanzieren! Genügt es nicht, so ist das Zivildienstjahr für <lb/>
                 Männer und Frauen einzuführen, ferner müssen Männer aus <lb/>
                 Arbeitgeber- und Arbeitnehmerkreisen, deren Sachkenntnis <lb/>
                 über allen Zweifel erhaben ist, die vom Vertrauen ihrer Be-
                <pb facs="#f0333" n="329"/>
                <lb/>
                 rufskollegen getragen und ohne Sonderinteressen sind, einen <lb/>
                 Wirtschaftssenat bilden, worin diejenigen Fragen in aller Auf- <lb/>
                 richtigkeit und mit aller Offenheit beraten werden, die das <lb/>
                 Wohl der Gesamtwirtschaft betreffen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, lieber Professor, wo wollen Sie denn die Männer mit <lb/>
                 solchen Eigenschaften finden?« fragte der Bankier Mehren <lb/>
                 nachher beim Abendessen. »Entweder haben sie Sachkennt- <lb/>
                 nis — dann haben sie nicht das Vertrauen der Kollegen; oder <lb/>
                 sie haben das Vertrauen der Kollegen — dann haben sie keine <lb/>
                 Sachkenntnis.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Lassen Sie’s gut sein,« sagte der Staatssekretär a. D., »der <lb/>
                 Eindruck auf die Presse war vorzüglich. Glänzende Regie, <lb/>
                 dieser Abend, und ein ganz großartiges Aufbauprogramm, <lb/>
                 Professor Jodoci, gratuliere, gratuliere.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hinterher schreiben die Presseonkels ja doch wieder, was <lb/>
                 sie wollen,« warf von Grußenbaum ein, »sie müssen noch <lb/>
                 viel mehr an die Kandare genommen werden. Die Kunst ist <lb/>
                 eben, sie zu streicheln, ohne ihnen das Bewußtsein zu geben, <lb/>
                 daß sie gestreichelt werden. Schließlich sind doch nicht lauter <lb/>
                 Esel unter ihnen, aber irgendwo ist jeder zu packen, irgend- <lb/>
                 wo hat jeder seine verwundbare Stelle — eine, warten Sie mal, <lb/>
                 wie sagte doch mein Oberst Leutwitz immer? Sowas Grie- <lb/>
                 chisches war’s — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vielleicht eine Achillesferse?« half Professor Jodoci <lb/>
                 nach. — »Eine Achillesferse, jawohl. Also mehr individuelle <lb/>
                 Behandlung, den einen rupfen, den andern zupfen, den einen <lb/>
                 dreimal einseifen, den andern gleich rasieren — Herr Presse- <lb/>
                 chef, Sie müssen sich noch die Sporen als Schaumschläger <lb/>
                 verdienen, Sie hartgesottener Zivilist!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der muntere Ton, in dem er sprach, deutete auf einen <lb/>
                 Spaß, aber etwas Borstiges, das in seiner Stimme mitschwang, <lb/>
                 ließ gleichzeitig eine gewisse Bosheit vermuten. Der Staats- <lb/>
                 sekretär a. D. versuchte, auf den Ton einzugehen: »Ja, links <lb/>
                 hat man es eben leicht, von Generalsattacken, Kürassier- <lb/>
                 stiefeln und scharfmacherischen Pensionären der Republik zu <lb/>
                 schreiben...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich weiß gar nicht, was die Leute wollen. Dabei war ich
                <pb facs="#f0334" n="330"/>
                <lb/>
                 schon als General Realpolitiker. Auf welchem Posten ich auch <lb/>
                 stehen mag, in vorderster Linie stehe ich immer auf dem <lb/>
                 BODEN DER TATSACHEN!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der ungefähr aussieht wie das Gestade der Lotophagen, <lb/>
                 wo man alles Frühere durch Lotosessen vergißt, ohne des- <lb/>
                 wegen mehr von der Zukunft zu wissen — um bei dem Grie- <lb/>
                 chischen Ihres Herrn Kameraden zu bleiben«, sagte der Staats- <lb/>
                 sekretär a. D., immer in der kitzelnden Manier fortfahrend. <lb/>
                 Mehren lachte übermäßig laut: »Oder wie das Labyrinth des <lb/>
                 Minos«, und selbst Jodoci wurde witzig und meinte, daß <lb/>
                 dann der Herr General die Wahl habe, sich als listigen Odys- <lb/>
                 seus, menschenfressenden Minotauros oder auch als Theseus <lb/>
                 mit dem rettenden Faden zu betrachten. »Gott,« unterbrach <lb/>
                 ihn der General, gleichsam, um die Nutzanwendung aus die- <lb/>
                 ser Mythologie zu ziehen, »wenn ich links wäre und die <lb/>
                 Macht gehabt hätte, die die Linksleute nach dem Umsturz <lb/>
                 hatten — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann wäre der Sozialismus durchgekommen«, vollendete <lb/>
                 Mehren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein kam dazwischen und nahm den Professor in <lb/>
                 Beschlag. »Ich höre, Ihre Universität ist sehr in Bedrängnis <lb/>
                 wegen geeigneter Räume für das volkswirtschaftliche Semi- <lb/>
                 nar...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn Sie etwas tun könnten, Herr Finanztat — der Dank <lb/>
                 der Universität wäre Ihnen gewiß.« Die Unterhaltung lok- <lb/>
                 kerte sich, Jodoci hatte schon zuviel Wein getrunken und <lb/>
                 erzählte überall herum: »Finanzrat Hiebenstein will den <lb/>
                 Doctor honoris haben.« Ich muß den Schwätzer ein <lb/>
                 bißchen im Zaum halten, dachte der Pressechef und ging <lb/>
                 ihm nach. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Püschel berichtete, daß der englische Chemietrust eine <lb/>
                 Liga für Industriefrieden gegründet habe. »Sie wollen die <lb/>
                 soziale Frage nicht durch Zerstörung des Kapitals lösen, son- <lb/>
                 dern durch die Verwandlung der Arbeiter in Kapitalisten. <lb/>
                 Nach fünfjähriger Beschäftigung sollen sie Anrecht auf Be- <lb/>
                 förderung haben und Gesellschaftsanteile unter Marktpreis <lb/>
                 erstehen dürfen. Auch Tanzsäle und Sportpaläste werden für <lb/>
                 sie angelegt — schließlich ist ein neuer Lebensstil da, der vom
                <pb facs="#f0335" n="331"/>
                <lb/>
                 sachlichen Geist der Technik beeinflußt wird, da muß sich <lb/>
                 alle Welt umstellen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der junge Schellhase war knurrig. »Dergleichen kann sich <lb/>
                 bloß die Chemie erlauben, die hat’s ja dazu.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nein, erwiderte Geheimrat Püschel, was Deutschland be- <lb/>
                 treffe, leider gar nicht. »Der Düngerabsatz ist sehr schlecht. <lb/>
                 Wir müssen die Regierung veranlassen, die Landwirtschaft <lb/>
                 zu stützen, ich denke, daß die Herren von der anderen Fakul- <lb/>
                 tät ihr doch auch Maschinen verkaufen wollen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Selbstverständlich! Selbstverständlich!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So blieben sie auch nach dem Essen noch lange in kleinen <lb/>
                 Zirkeln beisammen. Ottokar Wirtz wies immer von neuem <lb/>
                 darauf hin, welch großartige Exportprämie die Inflation dar- <lb/>
                 stelle, Mehren warnte vor der Überschätzung einer Konjunk- <lb/>
                 tur, die nur scheinbar eine sei, aber Wirtz wollte davon noch <lb/>
                 nichts wissen. »Und wie hat man die Regierung dabei in <lb/>
                 der Hand!« rief er lebhaft, »man braucht doch ein Kabinett <lb/>
                 nur zu fragen: wo stand bei eurem Amtsantritt die Mark, <lb/>
                 und wo steht sie jetzt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So redeten sie Weises und Törichtes, Verschmitztes und <lb/>
                 Naives durcheinander, wie alle Menschen, die ein Tage- <lb/>
                 werk, eine Versammlung und ein Abendessen hinter sich <lb/>
                 haben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von den Reparationen wurde wenig gesprochen. Der Frei- <lb/>
                 herr gab der allgemeinen Ansicht Ausdruck, als er sagte: »In- <lb/>
                 folge der gewaltigen Abgaben an den Feindbund kann nicht <lb/>
                 einmal die deutsche Wirtschaft genügend mit Kohlen belie- <lb/>
                 fert werden, und so können wir gar nicht in die Lage kom- <lb/>
                 men, die uns durch den Friedensvertrag zugemuteten Lasten <lb/>
                 auf uns zu nehmen.« Trotzdem warf er die Frage auf, ob <lb/>
                 jemand ernstlich glaube, daß sich der Franzose selbst im <lb/>
                 deutschen Land die Pfänder holen werde, wie er angedroht <lb/>
                 habe. »Er wird es nicht wagen,« entgegnete Geheimrat Pü- <lb/>
                 schel, »die Engländer werden es nicht dulden, sie werden <lb/>
                 uns beistehen. Wir müssen uns mehr und mehr nach Eng- <lb/>
                 land hin orientieren, Kleinigkeit — bei meinen Beziehungen.« </p>
            <pb facs="#f0336" n="332"/>
            <p>
                <lb/>
                 BERICHT DES GENERALANZEIGERS </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gegen elf Uhr vormittags erschien auf der Landstraße eine <lb/>
                 Patrouille der französischen und belgischen Besatzungstrup- <lb/>
                 pen. Bald darauf folgte die Vorhut, bestehend aus Radfah- <lb/>
                 rern und Kavallerie. Die Truppen marschierten sämtlich mit <lb/>
                 äußerster Vorsicht und Sicherung. Das Gros traf am späten <lb/>
                 Nachmittag in der Stadt ein, abends waren alle Plätze und <lb/>
                 Straßen mit Artillerie besetzt. Die Arbeitgeber und Arbeit- <lb/>
                 nehmer haben beschlossen, sich angesichts der Gefahr der <lb/>
                 Stunde solidarisch zu. erklären, alle Streitfragen zurückzu- <lb/>
                 stellen und einen Burgfrieden zu schließen. Die Arbeit in <lb/>
                 den Werken soll in Ruhe fortgesetzt werden, im Fall einer <lb/>
                 Betriebsbesetzung sollen die Sirenen in Tätigkeit gesetzt wer- <lb/>
                 den und die Belegschaften in den Proteststreik treten, ein <lb/>
                 Lohnausfall soll dadurch nicht entstehen. Die Franzosen er- <lb/>
                 klären, daß sich die Besetzung nicht gegen die Arbeiter rich- <lb/>
                 te, sie solle dem Schutz einer aus Franzosen, Belgiern und <lb/>
                 Italienern zusammengesetzten Ingenieurkommission dienen, <lb/>
                 welche zur Beaufsichtigung des Kohlensyndikats und zur <lb/>
                 Durchführung des Reparations- und Sachlieferungspro- <lb/>
                 gramms entsandt worden sei. Die Besatzung besteht aus <lb/>
                 fünf Divisionen, fünfundsiebzig Tanks und mehreren hun- <lb/>
                 dert Flugzeugen. Der Dollar notiert 10425. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regierung hat eine feierliche Protestnote an alle Staa- <lb/>
                 ten der Welt gerichtet und den passiven Widerstand verkün- <lb/>
                 det. Kein Beamter darf unter französischen Bajonetten Dienst <lb/>
                 tun, keine Zeche darf Kohlen liefern. England hat seine <lb/>
                 strikte Neutralität in dem Konflikt erklärt. Die Franzosen <lb/>
                 haben die Eisenbahnen in eigene Regie übernommen und <lb/>
                 einen Zollkordon gezogen. Die Beamten, die sich weigern, <lb/>
                 mit der Besatzungsbehörde zusammenzuarbeiten, werden aus- <lb/>
                 gewiesen. Die Regierung hat allen Deutschen die Benutzung <lb/>
                 der Regiebahn verboten. Einige Industrielle und Gewerk- <lb/>
                 schaftssekretäre sind wegen der Befolgung der Gebote der <lb/>
                 deutschen Regierung von den Franzosen verhaftet worden. <lb/>
                 Der Dollar notiert 21 000. Dieser Kurs wird stabil bleiben, <lb/>
                 da die Regierung ihn stützt. — </p>
            <pb facs="#f0337" n="333"/>
            <p>
                <lb/>
                 Aus vielen Orten werden blutige Zusammenstöße gemel- <lb/>
                 det. Auch Kommunisten und Separatisten versuchen Auf- <lb/>
                 stände, die jedoch dank der Besonnenheit der Bevölkerung <lb/>
                 unterdrückt werden. Infolge der zahlreichen Sprengversuche <lb/>
                 an den Regiebahnlinien haben die Franzosen Repressalien <lb/>
                 ergriffen, Straßensperren und Geldbußen auferlegt und Licht- <lb/>
                 kabel durchgeschnitten. Die französischen Kriegsgerichte ar- <lb/>
                 beiten ununterbrochen. Die deutsche Regierung anerkennt <lb/>
                 die vaterländischen Beweggründe der Gewalttaten gegenüber <lb/>
                 den Anordnungen der Besatzung, bedauert sie aber lebhaft <lb/>
                 im Interesse der leidenden Bevölkerung und der Politik des <lb/>
                 passiven Widerstandes, deren Erfolg dadurch in Frage ge- <lb/>
                 stellt werde. Sie hat einen neuen Vorschlag auf der Grund- <lb/>
                 lage einer deutschen Gesamtschuld von 120 Milliarden ge- <lb/>
                 macht. Der Dollar notiert 74 750. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alle Kohlen- und Geldtransporte werden von den Fran- <lb/>
                 zosen beschlagnahmt. Es herrscht großer Mangel an Nah- <lb/>
                 rungsmitteln, die Sterblichkeitsziffer ist erschreckend. Die <lb/>
                 Stadt ist ohne Gas und Licht. Frankreich verlangt die Auf- <lb/>
                 gabe des passiven Widerstandes, bevor eine Diskussion über <lb/>
                 den neuen deutschen Vorschlag eröffnet werden könne, die <lb/>
                 deutsche Regierung verlangt dagegen die Wiederherstellung <lb/>
                 des vorigen Zustandes. Der Dollar notiert 154 500. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regierung kündigt an, daß Unternehmungen, die in- <lb/>
                 folge der Besetzung brach liegen, aus öffentlichen Mitteln <lb/>
                 unterstützt werden sollen. Hierfür werden wöchentlich 3500 <lb/>
                 Billionen benötigt. Der Dollar notiert 284 000. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regierung ist zurückgetreten. Ein neues Kabinett der <lb/>
                 Großen Koalition wird gebildet unter der Losung: Wehr- <lb/>
                 pflicht des Besitzes, der Arbeit und des Beamtentums. Die <lb/>
                 Industrie hat sich entschlossen, mit den Franzosen Verhand- <lb/>
                 lungen anzubahnen. Der Dollar notiert 3 700 000. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regierung erklärt den passiven Widerstand für beendet, <lb/>
                 gleichzeitig wird der Ausnahmezustand verhängt. Der Dol- <lb/>
                 lar notiert 121 Millionen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Finanz- und Wirtschaftsminister sind zurückgetreten, die <lb/>
                 Regierung verlangt ein Ermächtigungsgesetz für ernährungs-, <lb/>
                 sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen. Die Arbeits-
                <pb facs="#f0338" n="334"/>
                <lb/>
                 zeit soll auf der Grundlage des Achtstundentags neu geregelt <lb/>
                 werden, und zwar in der Weise, daß weitgehende Erlaubnis <lb/>
                 zur Überschreitung des Achtstundentags erteilt wird. Der <lb/>
                 Dollar notiert 838 Millionen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwecks Sanierung der Währung wurde eine Rentenbank <lb/>
                 gegründet, deren Notenausgabe auf 3,2 Millionen beschränkt <lb/>
                 ist. Das bisherige Papiergeld wird daneben in Umlauf bleiben. <lb/>
                 Der Dollar notiert 3 Milliarden 760 Millionen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gegen Sachsen wurde die Reichsexekutive eingeleitet und <lb/>
                 die dortige Regierung der republikanischen und proletari- <lb/>
                 schen Verteidigung mit militärischer Gewalt entfernt. Um <lb/>
                 zu verhindern, daß die Erregung der bayrischen nationalen <lb/>
                 Kreise über die Beendigung des passiven Widerstandes die <lb/>
                 staatlichen Bande sprengt, hat die bayrische Regierung den <lb/>
                 Belagerungszustand verhängt und mit der nationalsozialisti- <lb/>
                 schen Opposition Fühlung genommen. Der nationalsozia- <lb/>
                 listische Führer gab sein Ehrenwort, daß er keinen Umsturz <lb/>
                 versuchen werde. Der Dollar notiert 130 Milliarden. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Minister des Innern ist zurückgetreten. In München <lb/>
                 kam es zu umstürzlerischen Aktionen der Nationalsozialisten. <lb/>
                 Der Generalquartiermeister war als Haupt der künftigen na- <lb/>
                 tionalen Armee ausersehen. Die Reichswehr erwies sich je- <lb/>
                 doch als zuverlässiges Werkzeug der Reichsgewalt, da ihre <lb/>
                 Offiziere mit der Gesamtheit aller guten Patrioten der Mei- <lb/>
                 nung sind, daß der gegenwärtige Augenblick zu Putschver- <lb/>
                 suchen nicht geeignet ist. Die Reichswehr stand schußbereit <lb/>
                 vor der Münchener Feldherrnhalle, wo infolgedessen die Re- <lb/>
                 volution der Nationalsozialisten zum Erliegen kam. Der Dol- <lb/>
                 lar notiert 630 Milliarden. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Lieferungsverträge zwischen der französischen Regie- <lb/>
                 rung und den deutschen Industriellen sind unterzeichnet wor- <lb/>
                 den. Unter dem Vorsitz eines amerikanischen Generals soll <lb/>
                 eine internationale Sachverständigenkommission zusammen- <lb/>
                 treten, um die Mittel zum Ausgleich des Staatshaushalts und <lb/>
                 die Maßnahmen zur Stabilisierung der Währung zu erwägen. <lb/>
                 Der Dollar notiert 4,2 Billionen. </p>
            <pb facs="#f0339" n="335"/>
            <p>
                <lb/>
                 SAMMLUNG </p>
            <p>
                <lb/>
                 FÜNFZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach einem schwülen und gewitterreichen Frühsommer <lb/>
                 war der Fluß voll von olivengrünen und stahlblauen Treib- <lb/>
                 stücken, die in trägen Kringeln daherschwammen und zu- <lb/>
                 weilen, im Geschaukel des Winds oder im plötzlichen Hin- <lb/>
                 schnellen durch eine Drift, von der Seite her weißlich auf- <lb/>
                 leuchteten. Aus der Ferne sah es wie eine seltsame Wande- <lb/>
                 rung entwurzelter Seerosen aus, etwas wächsern und gespen- <lb/>
                 stisch, doch wie alle Abenteuerlichkeit fließender Gewässer <lb/>
                 unheimlich körperhaft und gemästet mit der Hinterlassen- <lb/>
                 schaft eines übersatten Lebens. Je näher man kam, desto <lb/>
                 mehr erschrak man über die von Regengüssen aufgeschwemm- <lb/>
                 te Starre des Flusses und über den glitzernden Tod, den er <lb/>
                 mit sich führte. Das Wasser war lehmig und rostbraun ver- <lb/>
                 färbt und roch brenzlig wie Rauch und verglimmende Asche; <lb/>
                 es biß auf der Zunge, wenn man sie damit netzte, und in <lb/>
                 den fahlen Gebilden, die da ziellos trieben, erkannte man <lb/>
                 alsbald die glasigen Leiber toter Kaulbarsche, Stichlinge und <lb/>
                 Salme. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zu Hunderten starben die Fische, die ahnungslos und ihrer <lb/>
                 Gewohnheit treu den Fluß hinaufgerudert waren, um an den <lb/>
                 grasigen Ufern zu laichen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Woran starben sie? — Die Fischer, die sich um den Ertrag <lb/>
                 ihrer Gerechtsame betrogen sahen, sagten, das Wasser sei <lb/>
                 vergiftet; jawohl, sagten die Städter, die aus den Strandbä- <lb/>
                 dern schmutziger herauskamen als sie hineingegangen waren, <lb/>
                 jawohl, es ist eine Phenolvergiftung durch die Trockende- <lb/>
                 stillation der Kohle, die Kokereien sind schuld, allen Dreck <lb/>
                 lassen sie ablaufen in den Fluß. So, antwortete der Bergbau- <lb/>
                 verband, ihr sucht wohl nach einem zahlungsfähigen Sünden- <lb/>
                 bock, ist es nicht genug, daß wir euch für jedes brüchige <lb/>
                 Mauerwerk, für jede Ritze in euern Dalleshäusern entschä- <lb/>
                 digen müssen? Ein Kommando namhafter Gutachter trat an. <lb/>
                 Allerdings, berichteten die Professoren, sind in dem Wasser
                <pb facs="#f0340" n="336"/>
                <lb/>
                 Spuren von Phenol, das kann ja auch gar nicht anders sein, <lb/>
                 Aber, fuhren sie fort, das Phenol wird durch die biologische <lb/>
                 Selbstreinigung unschädlich gemacht, dieses Gift wird durch <lb/>
                 die nämlichen Bakterien abgebaut, die alle Abfallstoffe aus <lb/>
                 Niederschlägen und Überschwemmungen zersetzen. Wie es <lb/>
                 kommt, daß trotzdem die Fische sterben? Nun, das ist ganz <lb/>
                 natürlich. In Gewittersommern ersticken sie durch die Ver- <lb/>
                 schmutzung des Wassers mit Erde. Sie gehen zugrunde an <lb/>
                 Sauerstoffmangel, weil jene Bakterien bei ihrer Arbeit große <lb/>
                 Mengen von Sauerstoff verbrauchen. Sie werden getötet <lb/>
                 durch Schwefelwasserstoffgase, die bei niedrigem Luftdruck <lb/>
                 von der schlammigen Fäulnis unter den Wasserpflanzen aus- <lb/>
                 geschieden werden. Sie werden ausgezehrt durch die Wasser- <lb/>
                 blüte, die in warmen Nächten, wo viel Plankton nach oben <lb/>
                 steigt und Sauerstoff veratmet, eine dichte grünliche Decke <lb/>
                 über sachte strömendes Wasser zieht und vor Sonnenaufgang <lb/>
                 schon wieder verweht, so daß sie die Fischer nicht einmal <lb/>
                 wahrnehmen. Lauter natürliche Ursachen. Die Zechen sind <lb/>
                 unschuldig daran. Die Zechen sind nicht haftbar. Es ist <lb/>
                 höhere Gewalt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese Gutachten kosteten 300 000 Goldmark, denn obwohl <lb/>
                 die Mark stabilisiert war, rechneten vorsichtige Gelehrte noch <lb/>
                 mit Inflationsbegriffen. »Ein teurer Spaß«, meinte Ottokar <lb/>
                 Wirtz, als er den Umlagebescheid vom Bergbauverband in <lb/>
                 Händen hielt; er konnte sich an die Geldknappheit nicht ge- <lb/>
                 wöhnen und knauserte jetzt wie ein Pfennigfuchser. Kropf <lb/>
                 dachte hämisch: da sieht man, wie eine Inflationsblüte zer- <lb/>
                 fällt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber wenngleich es ein Zerfall war, so war er doch lang- <lb/>
                 sam und nicht ohne aufbegehrende Zuckungen. Kropf über- <lb/>
                 sah, daß diese Blüte zwar durch die Inflation begünstigt, doch <lb/>
                 nicht von ihr gezeitigt worden war. Er übersah den flüssigen <lb/>
                 Geist, der dahinter wirkte, der vielleicht etwas eingedickt <lb/>
                 war, der aber mindestens den Willen zur Beweglichkeit nicht <lb/>
                 eingebüßt hatte. So sann Wirtz jetzt auf Mittel, die Kosten <lb/>
                 des Gutachtens produktiv zu machen. Nachdem er die Ge- <lb/>
                 meinden hatte aufwiegeln lassen, bis sie andere Professoren <lb/>
                 mit der Anfertigung eines Gegen-Gutachtens beauftragten,
                <pb facs="#f0341" n="337"/>
                <lb/>
                 arbeitete er zusammen mit Näßler und Faulstich das Projekt <lb/>
                 einer Flußgenossenschaft aus, die unter Beteiligung der <lb/>
                 Union, der Handelskammern und der Kommunen die Klä- <lb/>
                 rung des Wasserlaufs betreiben sollte. Durch unverdächtige <lb/>
                 Mittelspersonen bewog er Abgeordnete verschiedener Partei- <lb/>
                 en, den Plan zur Grundlage eines Initiativantrags zu machen; <lb/>
                 der entsprechende Gesetzentwurf, den die Regierung bald <lb/>
                 darauf vorlegte, fand in allen Lesungen eine große Mehrheit, <lb/>
                 und die Organe der öffentlichen Meinung unterstrichen den <lb/>
                 Sieg der Naturfreunde über den Vielfraß Industrie. Niemand <lb/>
                 ahnte, daß der Hintermann ein Industrieller war, der hier <lb/>
                 seine Klassengenossen hinterging und ihren Widerstand <lb/>
                 schwächte, um sich auf allgemeine Kosten zu bereichern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf nichts anderes lief das Projekt hinaus. Zwar war es <lb/>
                 im Einklang mit der Wirtzschen Methode, Vorwürfen durch <lb/>
                 halbes Entgegenkommen den Boden zu entziehen, und daher <lb/>
                 auch, im Rahmen der Anschauungen seines Urhebers, durch- <lb/>
                 aus im Einklang mit den Interessen der Industrie; aber außer- <lb/>
                 dem hatte es ein persönliches Raffinement, das erst im aller- <lb/>
                 letzten Stadium ans Licht kam. Außer den Extraktionsanla- <lb/>
                 gen, die das Phenol auslaugten, umfaßte es nämlich eine rie- <lb/>
                 sige Kläranlage, die etwa 250 000 Tonnen Schlamm aufhielt, <lb/>
                 eine Fräsmaschinenstation, die unter Wasser festen Mergel <lb/>
                 ausschnitt, mehrere Pumpwerke und eine Trocknungsan- <lb/>
                 lage, die den Wassergehalt des Schlamms auf zwei Prozent <lb/>
                 reduzierte. Dies nun war es, worauf es Wirtz hauptsächlich <lb/>
                 ankam, denn diese Anlagen waren in unmittelbarer Nähe jenes <lb/>
                 neuen Kraftwerks der Felgenhauer-Wirtz-Elektro-Allianz <lb/>
                 vorgesehen, welches auf schlanken Überlandmasten den <lb/>
                 Strom durchs ganze Revier und in die angrenzenden Berge <lb/>
                 und Ebenen trug, und eben hier sollte der Schlamm, zu <lb/>
                 Brennstaub gemahlen, verfeuert werden. Näßler hatte eine <lb/>
                 Ersparnis von fünfundzwanzig Prozent errechnet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war der letzte große Schlag, den Ottokar Wirtz noch <lb/>
                 eigenhändig führte, und er wurde sich nicht einmal bewußt, <lb/>
                 daß er damit eigentlich die Durchlöcherung seiner Lehre von <lb/>
                 der Allmacht der Kohle persönlich sanktionierte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Komisch — bisher war nie genug Kohle dagewesen, jetzt
                <pb facs="#f0342" n="338"/>
                <lb/>
                 war auf einmal zuviel da. Binnen weniger Monate wuchsen <lb/>
                 die unverkäuflichen Haldenbestände auf sieben Millionen <lb/>
                 Tonnen an, Der für Rechnung des Syndikats erfolgende Ver- <lb/>
                 sand der Zechen belief sich auf höchstens 200 000 Tonnen pro <lb/>
                 Tag, Koks und Briketts eingeschlossen; schon wurden hie <lb/>
                 und da Feierschichten eingelegt. Nun hieß es wieder, die <lb/>
                 Löhne seien zu hoch, daher sei man auf dem Weltmarkt nicht <lb/>
                 konkurrenzfähig. Die Gewerkschaften hingegen behaupte- <lb/>
                 ten, daß die veralteten Einrichtungen die Schuld trügen, seit <lb/>
                 zehn Jahren habe der deutsche Bergbau für technische Ver- <lb/>
                 besserungen keine Zeit gehabt. Und jetzt haben wir kein <lb/>
                 Geld dafür, entgegneten die Grubenherren, ruht denn nicht <lb/>
                 auf uns die ganze Last der Lieferungsverträge mit den Fran- <lb/>
                 zosen? Ja— wie kommen wir eigentlich dazu, dem Staat <lb/>
                 seine Reparationspflichten abzunehmen? »Der Staat ist unser <lb/>
                 Schuldner,« verkündete der Pressechef der Union, »der <lb/>
                 Staat muß zahlen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wirtz, Krogoll und von Grußenbaum präsentierten in Ber- <lb/>
                 lin die Rechnung: »Wir haben getan, was der Staat hätte tun <lb/>
                 müssen. Wir haben der Regierung 577 Millionen gestundet— <lb/>
                 so hoch belaufen sich unsere Lieferungen an Frankreich, für <lb/>
                 die wir bis jetzt keinen Pfennig gesehen haben. Wir sind am <lb/>
                 Ende unserer Kraft.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Wirtschaftsminister tat erstaunt: »Ich hatte allerdings <lb/>
                 geglaubt, die Herren wollten dem Vaterland ein Opfer brin- <lb/>
                 gen. Wenn wir geahnt hätten, daß Sie mit Forderungen nach- <lb/>
                 kämen, hätten wir Ihr selbständiges Vorgehen mit diesen Ver- <lb/>
                 trägen damals nicht gebilligt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So,« sagte der General, »pfeift der Wind aus dem <lb/>
                 Loch. Damals, als sie dastand wie ein verlassenes Kind, <lb/>
                 wußte die Regierung genau, daß diese Verträge die ein- <lb/>
                 zige Rettung waren. Jetzt, wo eine anderweitige Regelung <lb/>
                 bevorsteht, zu der wir den Weg geebnet haben, sitzt sie <lb/>
                 wieder auf dem hohen Pferd. Nun wohl, der Moor hat <lb/>
                 seine Schuldigkeit getan. Aber wenn er geht, verlassen <lb/>
                 Sie sich drauf, dann werden noch verschiedene Positionen <lb/>
                 wackeln.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Soll das eine Drohung sein?« </p>
            <pb facs="#f0343" n="339"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist die Konstatierung wirtschaftlicher Zusammen- <lb/>
                 hänge.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Minister bewahrte seine Haltung. Ohne mit der Wim- <lb/>
                 per zu zucken, bat er um die Einzelheiten der Forderung. <lb/>
                 Der General setzte sich befriedigt und legte Rechnung. <lb/>
                 Wirtz stieß heimlich Krogoll in die Hüfte: »Da haben Sie <lb/>
                 nun den Volksparteiler in der Regierung. Wäre es ein Sozial- <lb/>
                 demokrat, so hätten wir längst unser Geld. Grußenbaum hat <lb/>
                 nicht unrecht, wenn er sagt, daß die Pferde am meisten bok- <lb/>
                 ken, die man selbst gezüchtet hat.«— »Er sagt aber auch, <lb/>
                 daß man sich trotzdem mit Pferdezucht beschäftigen muß«, <lb/>
                 erwiderte Krogoll. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Minister war aufgestanden. »Ich werde dem Kanzler <lb/>
                 Bericht erstatten. Wie das Kabinett sich dazu stellen wird, <lb/>
                 weiß ich nicht, bisher war nirgendwo von Stundung die Rede. <lb/>
                 Weshalb haben die Herren das nicht gleich gesagt?« General <lb/>
                 von Grußenbaum antwortete, indem er ihm fest ins Auge sah: <lb/>
                 »Weil es unter ehrlichen Leuten selbstverständlich ist, daß <lb/>
                 man seine Schulden nicht von Dritten bezahlen läßt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sie sich verabschiedet hatten, kam Krogoll noch ein- <lb/>
                 mal zurück. »Vergessen Sie bitte nicht,« sagte er, »dem Kanz- <lb/>
                 ler auch zu berichten, daß wir zu Arbeiterentlassungen gro- <lb/>
                 ßen Umfangs gezwungen wären, wenn wir hier mit diplomati- <lb/>
                 schen Redensarten abgespeist würden. Die Verantwortung <lb/>
                 fiele auf die Regierung. Das ist unser letztes Wort.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Drei Tage nach dieser Audienz traf bei der Union die Mit- <lb/>
                 teilung ein, daß das Kabinett beschlossen habe, in Anbe- <lb/>
                 tracht der außergewöhnlichen Umstände den Industriellen <lb/>
                 eine Beihilfe von siebenhundert Millionen zu gewähren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Geld wurde zum Ankauf neuer Maschinen für die <lb/>
                 Bergwerke verwandt. Viele Arbeiter wurden infolgedessen <lb/>
                 überflüssig, und es wären ihrer noch mehr zum Feiern ge- <lb/>
                 nötigt worden, wäre nicht die Anwendung von Maschinen <lb/>
                 durch die unregelmäßige Lagerung, die unreine Beschaffen- <lb/>
                 heit und die gefährliche, Schlagwetter und Kohlenstaub- <lb/>
                 explosionen begünstigende Tiefe des Kohlengebirges er- <lb/>
                 schwert worden, Vergebens fragten die Gewerkschaften, <lb/>
                 welchen ökonomischen Sinn die Rentabilitätssteigerung
                <pb facs="#f0344" n="340"/>
                <lb/>
                 durch Maschinen haben sollte, wenn nicht den, vermehrte <lb/>
                 Arbeitsgelegenheit zu schaffen; vergebens wiesen sie darauf <lb/>
                 hin, daß die Bergwerke imstande seien, ihre Belegschaften bis <lb/>
                 zu dem Zeitpunkt durchzuhalten, wo sich die Auswirkung <lb/>
                 der neuen Maschinen zu zeigen beginne; vergebens appellier- <lb/>
                 ten sie an das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Kapi- <lb/>
                 tal und Arbeit, das in der Franzosenzeit so schöne Früchte ge- <lb/>
                 tragen habe. »Solche Friedensschalmeien von Gewerkschaf- <lb/>
                 ten,« sagte Griguszies, »dahin mußte es kommen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Solche Friedensschalmeien von Gewerkschaften,« sagte <lb/>
                 auch Kropf, »dahin mußte es kommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Haldenbestände verminderten sich nicht. Geheimrat <lb/>
                 Püschel erklärte es damit, daß die Kohle überhaupt ihre Rolle <lb/>
                 ausgespielt habe. »Es ist eine internationale Krise. Es ist <lb/>
                 mehr Kohle da als früher, aber es wird weniger benötigt als <lb/>
                 früher. Neue Kohlenvorkommen sind erschlossen worden, <lb/>
                 aber die Technik bedient sich lieber anderer Stoffe, wie der <lb/>
                 Öle und Wasserkräfte. Man kehrt wieder mehr zur Natur zu- <lb/>
                 rück, die von der Industrie bisher vergewaltigt wurde. Die Na- <lb/>
                 tur rächt sich an den Kohlengräbern, die ihr Antlitz befleckt <lb/>
                 haben. In Zukunft wird die Chemie dominieren, schon sind <lb/>
                 elf Prozent des deutschen Gesamtexports Chemikalien, schon <lb/>
                 wird im Außenhandel mit chemischen Produkten ein Aus- <lb/>
                 fuhrüberschuß von einer Milliarde erzielt. Die Ernährungs- <lb/>
                 wirtschaft, die wissenschaftliche Forschung — alles ist ab- <lb/>
                 hängig von der Chemie. Sie hat einen Stamm tüchtiger Ar- <lb/>
                 beiter, deren Fleiß ein wertvolles Gut ist, das von ihr auch <lb/>
                 dann gepflegt wird, wenn einmal weniger Arbeit vorhanden <lb/>
                 ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist ein Hieb gegen uns«, sagte Näßler. Wirtz hörte <lb/>
                 ruhig zu. Er brauchte jetzt Stützpunkte — Hillgruber war der <lb/>
                 eine, Püschel der andere, Näßler freilich sah es etwas anders an, <lb/>
                 er dachte: Ottokar Wirtz verflüchtigt sich, seine Bestandteile <lb/>
                 machen sich selbständig und überwuchern ihn, seine Gedan- <lb/>
                 ken werden Fleisch in fremden Körpern. Erkannte er in Pü- <lb/>
                 schel und Hillgruber sein zweites, überhöhtes Ich? War es <lb/>
                 ein Versuch der Selbstbehauptung, wenn er vor dem einen
                <pb facs="#f0345" n="341"/>
                <lb/>
                 kapitulierte und vor dem anderen auf den Knien lag? Einer- <lb/>
                 lei, ein Zögern, ein Ausweichen war nicht mehr möglich. <lb/>
                 Näßler drängte: »Gut, wenn die reine Kohle keine Zukunft <lb/>
                 hat — um so mehr Zukunft haben die Nebenprodukte. Teer, <lb/>
                 Ammoniak, Naphthalin, Karbolineum, Benzol, damit kann <lb/>
                 man doch was machen. Setzen wir gegen Püschels indirekte <lb/>
                 Chemie die direkte Chemie der Kohle. Destillieren wir sie in <lb/>
                 großem Ausmaß gleich hier im Revier.« Wirtz faßte sich an <lb/>
                 den Kopf, er wußte jetzt, wie es mit ihm stand, und in seinen <lb/>
                 Augen war ein Kummer, den auszusprechen er sich schämte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mehren disponiert jetzt so zurückhaltend... Er will kein <lb/>
                 Geld in neue Anlagen stecken. Ich kann ihn nicht zwingen. <lb/>
                 Ich kann doch meine eigene Bank nicht ruinieren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich gehe zu Hillgruber«, sagte Näßler mitleidig und be- <lb/>
                 obachtete den dankbaren Blick, der ihn traf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Woher nur dieser Niedergang? Es war für Näßler beinahe <lb/>
                 ein wissenschaftliches Problem. Gewiß war die Stabilisierung <lb/>
                 für ein Geschäft, das sich allmählich daran gewöhnt hatte, <lb/>
                 vom Währungsverfall zu leben, eine schwere, aber doch keine <lb/>
                 unheilbare Verletzung; gewiß wurde die Theorie der Sach- <lb/>
                 werte Blödsinn in dem Augenblick, wo ein holländischer <lb/>
                 ‚Gulden weiter nichts mehr war als eine lächerliche Um- <lb/>
                 schreibung für eine Mark und siebzig, aber unter der Aufer- <lb/>
                 stehung dieser halbverschollenen Schulweisheit litten doch <lb/>
                 alle Inflationsgewinne gleichmäßig, jetzt wurde eben alles <lb/>
                 mal wieder umrangiert. Überstand nicht auch der mensch- <lb/>
                 liche Organismus die heimtückischsten Krankheiten, indem <lb/>
                 man ihm ein Serum aus abgeschwächten Formen ebendersel- <lb/>
                 ben Bakterien einimpfte, die den Ausbruch der Krankheit <lb/>
                 hervorgerufen hatten? War das Fieber, das alsdann mit mo- <lb/>
                 mentanen Schrecknissen entstand, nicht heilsam — — voraus- <lb/>
                 gesetzt, daß der Organismus im Kern gesund war? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Halt, das war nun wohl die Frage. War die Wurzel der <lb/>
                 Wirtzschen Unternehmungen gesund? Ottokar Wirtz hatte <lb/>
                 sich ein bißchen übernommen, das war richtig. Aber allen <lb/>
                 Utopien war er, Generaldirektor Näßler, rechtzeitig entgegen- <lb/>
                 getreten. Wirtz hatte Seitensprünge gemacht, ja, aber ein <lb/>
                 paar Exzesse mußte man ihm eben zugeben, wenn man ihn
                <pb facs="#f0346" n="342"/>
                <lb/>
                 zügeln wollte. Er hatte in Berlin ein Hotel gekauft, schön, <lb/>
                 es war nicht notwendig, es war vielleicht sogar verrückt, <lb/>
                 doch es war nicht sehr schlimm, wenn der Fall vereinzelt <lb/>
                 blieb. Er blieb es nicht ganz, denn eine Margarinefabrik war <lb/>
                 hinzugekommen. Gleichviel. Es waren keine Objekte, um <lb/>
                 derentwillen man sich die Haare ausraufen mußte, sie konn- <lb/>
                 ten mit Verlust abgestoßen oder verschrottet werden, was <lb/>
                 lag daran? Wirtz hatte freilich weiter gehen wollen, das Ho- <lb/>
                 tel braucht Bier und Wein, hatte er gesagt, also muß ich <lb/>
                 Brauereien und Weinberge haben, es braucht Fässer und Glä- <lb/>
                 ser, also muß ich Sägewerke und Glashütten haben, es braucht <lb/>
                 Kartoffeln, Gemüse und Fleisch, Brot, Butter, Eier und Käse, <lb/>
                 also muß ich Landwirtschaft, Mühlen, Bäckereien und <lb/>
                 Schlachthöfe haben, es braucht Kaffee, also muß ich Kaffee- <lb/>
                 plantagen haben, es braucht Möbel, Vorhänge und Decken, <lb/>
                 also muß ich Tischlereien und Webereien haben, die Webe- <lb/>
                 reien brauchen Baumwolle, also muß ich Baumwollpflanzun- <lb/>
                 gen haben, Kaffee und Baumwolle müssen herüber, also muß <lb/>
                 ich Frachtschiffe auf See haben. So phantasierte er ins Unend- <lb/>
                 liche hinein, so lief er sich förmlich heiß, und während er <lb/>
                 glaubte, daß sich die Dinge verbanden, strebten sie ausein- <lb/>
                 ander. Sie gewannen an Ausdehnung statt an Festigkeit, an <lb/>
                 Sprunghaftigkeit statt an Stetigkeit, an Ballung statt an <lb/>
                 Dichte. Nirgends schloß sich die Kette. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon während er redete, verlor man die Übersicht, wie <lb/>
                 hätte es erst in der Wirklichkeit gehen sollen? Und es war <lb/>
                 ihm ja Ernst damit, es waren ja seine Ideale. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber Näßler gebot Einhalt, bevor die Dinge weiter ge- <lb/>
                 diehen. »Glauben Sie,« fragte er kühl, »daß eine so hetero- <lb/>
                 gene Produktion durch eine Verwaltungsbürokratie zusam- <lb/>
                 mengehalten werden könnte? Um dies möglich zu machen, <lb/>
                 müßten Sie für jede einzelne dieser Unternehmungen wieder- <lb/>
                 um einen Ottokar Wirtz zur Verfügung haben.« Und der <lb/>
                 Mann, mit dem er es zu tun hatte, wäre nicht Ottokar Wirtz <lb/>
                 gewesen, wenn er das nicht eingesehen hätte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kam aber ein so peinlich abwägender und so materiell den- <lb/>
                 kender Kopf wie Näßler zu dem Ergebnis, daß die Hauptzel- <lb/>
                 len des Wirtzschen Organismus frei von Krankheitskeimen
                <pb facs="#f0347" n="343"/>
                <lb/>
                 waren — mußte es dann nicht Wahrheit sein? Die Situation <lb/>
                 erforderte nur, daß das Steuer mit Entschlossenheit herumge- <lb/>
                 worfen wurde; und schloß nicht gerade das Wirtzsche Sy- <lb/>
                 stem folgerichtig eine ständige Revision der Ansichten in <lb/>
                 sich? Warum nur brachte Wirtz diese Entschlossenheit und <lb/>
                 Folgerichtigkeit nicht mehr auf? Warum stellte er sich lieber <lb/>
                 dermaßen in den Schatten anderer, daß er bald bloß noch als <lb/>
                 Schatten weiterleben konnte? Die Zeit war rasch und hart <lb/>
                 und duldete Kronen nur so lange, wie sie Glanz hatten. Heute <lb/>
                 der, morgen der. Warum zerfiel Wirtz? Näßler wußte ge- <lb/>
                 nauer als irgendeiner, daß seine Krise tatsächlich lange vor <lb/>
                 der Stabilisierung begonnen hatte. Er war der nächste Tat- <lb break="yes"/>
                 und Augenzeuge. Aber zu erklären vermochte er es nicht, <lb/>
                 und schließlich blieb ihm nichts übrig als das Wort des ein- <lb/>
                 fachen Mannes: alles hat seine Zeit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alles hat seine Zeit, einmal muß jeder Platz machen, jeder <lb/>
                 ist nur Vorläufer, Schrittmacher und Wegbereiter. Mit die- <lb/>
                 sem Gedanken trat Näßler bei Hillgruber ein. Als er nach <lb/>
                 zwei langen und ziemlich bitteren Stunden wieder heraus- <lb/>
                 kam, hatte er schwerwiegende Vorschläge in der Tasche. Vor- <lb/>
                 schläge? Man sagte wohl besser: Bedingungen. Sie lauteten: <lb/>
                 Rücktritt Felgenhauers vom Präsidium des Kohlensyndikats <lb/>
                 und von allen aktiven Geschäften, Auflösung der Felgen- <lb/>
                 hauer-Wirtz-Elektro-Alianz, Umtausch von Aktien des <lb/>
                 Westdeutschen Bergwerksvereins gegen solche der Mittel- <lb/>
                 deutschen Braunkohle in einem noch näher zu bestimmenden <lb/>
                 Verhältnis, Wahl Näßlers zum Präsidenten des Kohlensyn- <lb/>
                 dikats, Entschädigung Felgenhauers durch eine prozentual <lb/>
                 stärkere Beteiligung an der neu zu gründenden »Aktienge- <lb/>
                 sellschaft für Kohlebewirtschaftung«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was hieß das? — Es hieß, daß sich die Bedingungen eigent- <lb/>
                 lich kaum gegen Wirtz richteten, doch gerade das war bezeich- <lb/>
                 nend, gerade das war desto böser. Es war klar, daß Hillgruber <lb/>
                 auf diesem Umweg den Einfluß von Feigenhauer zurückdäm- <lb/>
                 men wollte, und Felgenhauer — Christian Felgenhauer war <lb/>
                 zwar ein alter Mann, der außer Aktienbesitz keine Ambitionen <lb/>
                 mehr hatte, der jedoch mit dem, was er seine Schöpfung <lb/>
                 nannte, verwachsen war wie die Blutgefäße mit dem Herzen. </p>
            <pb facs="#f0348" n="344"/>
            <p>
                <lb/>
                 Was für eine Operation, dies zu trennen! Näßler schüttelte <lb/>
                 sich. Hillgruber war ein Vampyr, bei Gott, aber mit ihm war <lb/>
                 die Hoffnung, da gab es keine Wahl. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Ereignisse überstürzten sich. Jeder wollte sich schleu- <lb/>
                 nigst konsolidieren. Püschel, der bisher seinen Bedarf an <lb/>
                 Kohle teils bei Wirtz, teils bei Kropf gedeckt hatte, über- <lb/>
                 raschte die Industriellen des Reviers mit dem Kauf mehrerer <lb/>
                 Gruben im westlichen Grenzkohlenbecken. Das Patent für <lb/>
                 Kohleverflüssigung, das ihm auf unabsehbare Zeit noch nicht <lb/>
                 rentabel erschien, trat er gegen fünfzig Millionen Dollars an <lb/>
                 eine amerikanische Ölfirma ab. Er hatte nur Bankguthaben, <lb/>
                 keine Bankschulden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf ergrimmte: »Er darf uns nicht über den Kopf <lb/>
                 wachsen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wirtz blieb lässig: »Ich war es nicht, der den Chemiker an <lb/>
                 die Spitze des Reichsverbands gestellt hat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wollen Sie Ihren Liebling, die Kohle, unsere Kohle! so <lb/>
                 schnöde im Stich lassen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es ist vorläufig nichts zu machen... Die Zeit, wo <lb/>
                 Deutschland und Großbritannien den europäischen Kohlen- <lb/>
                 exportmarkt beherrschten, scheint für immer dahin zu sein... <lb/>
                 Der gegenwärtige Wettbewerb führt dazu, daß Kohle in den <lb/>
                 kohlearmen Ländern billiger angeboten wird als in den pro- <lb/>
                 duzierenden... Nur eine internationale Vereinbarung über <lb/>
                 die Absatzgebiete könnte einen geordneten Zustand herstel- <lb/>
                 len, aber dafür ist es noch zu früh... Haben wir nicht aus <lb/>
                 den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts gelernt, daß interna- <lb/>
                 tionale Vereinbarungen immer erst dann zustandekommen, <lb/>
                 wenn das Faustrecht sich ausgetobt hat? Wissen wir nicht, <lb/>
                 daß der Mensch erst dann die Vernunft willkommen heißt, <lb/>
                 wenn die Willkür Verheerungen angerichtet hat, die kaum <lb/>
                 wiedergutzumachen sind?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aus Ihnen spricht schon der Geheimrat Püschel!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wirtz war müde und gramvoll und wischte sich die Augen, <lb/>
                 wie um sie aufzufrischen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie Sie wollen,« antwortete Krogoll an seiner Statt, »je- <lb/>
                 denfalls ist es die Wirklichkeit. Sehen Sie sich doch um. Die
                <pb facs="#f0349" n="345"/>
                <lb/>
                 holländischen Gruben in Limburg sind Meisterwerke mo- <lb/>
                 dernster Technik. Während wir mit der Liquidation der <lb/>
                 Kriegsfolgen beschäftigt sind, hat sich die Kohlenförderung <lb/>
                 dort versiebenfacht. Unsere tüchtigsten Hauer, verstehen <lb/>
                 Sie, solche, die wir nie entlassen würden, wandern dorthin <lb/>
                 ab. In der Kohlenstadt Heerlen wohnen die Bergleute wie im <lb/>
                 Paradies, der holländische Staat bettet die Kohlenzone in blü- <lb/>
                 hende Gärten — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach, gehen Sie doch. An Ihnen ist ja ein sozialistischer <lb/>
                 Wanderprediger verloren gegangen!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Begreifen Sie denn nicht, Herr Kropf, daß wir den Reich- <lb/>
                 tum der Anderen mindestens in ebenso krassen Farben malen <lb/>
                 müssen wie unsere Armut? Aber unter uns gesagt, es ist Tat- <lb/>
                 sache, daß unsere Bergmannssiedlungen keinen Vergleich mit <lb/>
                 den holländischen aushalten. Nun schön, sie sollen es auch <lb/>
                 gar nicht, nach meiner Meinung. Das ist ja auch Nebensache. <lb/>
                 Aber sehen Sie weiter: die belgische Campine! Gerade erst <lb/>
                 erschlossen, liefert sie schon vier Millionen Tonnen im Jahr! <lb/>
                 Überall neue Angebote, überall verringerte Nachfrage. Die <lb/>
                 polnische Kohle will Skandinavien erobern, alle wollen sich <lb/>
                 ein hohes Exportkontingent verschaffen, ein anspruchsvolles <lb/>
                 Unterpfand für den Fall, daß es einmal zur internationalen <lb/>
                 Aufteilung der Exportgebiete kommt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und warum,« fiel ihm Kropf ins Wort, »warum diese <lb/>
                 Vorteile der anderen Länder? Doch nur, weil sie die billigen <lb/>
                 Wasserfrachten bis zu ihren Häfen haben. Wir haben die <lb/>
                 teure Eisenbahn, unsere Kanäle sind unzulänglich, heute <lb/>
                 schon ist die englische Kohle in den Nordseehäfen billiger als <lb/>
                 unsere, Das geht nicht, es brennt uns auf den Nägeln, es muß <lb/>
                 etwas geschehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was das anbelangt, so ist Abhilfe in Sicht. Bei der Neu- <lb/>
                 ordnung der Eisenbahn wird die Industrie den Präsidenten <lb/>
                 des Verwaltungsrats stellen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach, was Sie nicht sagen.« Kropf tat harmlos. »Wer wird <lb/>
                 es sein? Sie, Herr Krogoll? Das wäre ein Vorschlag.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Kein guter«, versetzte Krogoll und dachte: er will mich <lb/>
                 auf gute Art aus dem Vorsitz der Union herauslotsen, das soll <lb/>
                 ihm nicht gelingen. »Mich dünkt, daß vielmehr Sie der ge-
                <pb facs="#f0350" n="346"/>
                <lb/>
                 eignete Mann sind, Herr Kropf, da Sie sich mit der Materie <lb/>
                 schon näher befaßt zu haben scheinen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es wird eine undankbares Amt sein, aber wenn es so ge- <lb/>
                 wünscht wird, werde ich mich nicht entziehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wozu der Streit um des Kaisers Bart?« sagte der junge <lb/>
                 Schellhase, der bisher sich still verhalten hatte, weil er nur wenig <lb/>
                 mehr an Kohlenvorräten besaß, als er selbst in seinen Hütten <lb/>
                 verbrauchte; nun jedoch befürchtete er, daß Kropf als <lb/>
                 Eisenbahn-Manager den Löwenanteil an Schienenlieferungen <lb/>
                 der Otto-Heinrich-Hütte zuschanzen werde. Kropf, der ihn <lb/>
                 durchschaute, bemerkte obenhin, daß er also seine Zusage <lb/>
                 gewissermaßen auf Vorschuß gebe, und sprach dann rasch <lb/>
                 und mit einem übermütigen Blick auf Schellhase weiter: <lb/>
                 jedenfalls sei ein neuer Kanal nach den Nordseehäfen notwen- <lb/>
                 dig, denn auf dem Wasser werde der Transport von Kohle <lb/>
                 und Eisen nur halb so teuer sein wie mit der Bahn; auch die <lb/>
                 Hanseaten seien sehr daran interessiert, sei doch Hamburg <lb/>
                 schon von Antwerpen und Rotterdam überflügelt und hätten <lb/>
                 doch schon alle ausgehenden deutschen Seeschiffe eine passive <lb/>
                 Tonnenbilanz; für die Öffentlichkeit könne man die Sache ja <lb/>
                 damit schmackhaft machen, daß man sie als ARBEITSBE- <lb/>
                 SCHAFFUNGSPROGRAMM für die Erwerbslosen auf- <lb/>
                 ziehe, sozial, sozial, das wirke ja immer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie denken Sie sich die Linienführung des Kanals?« <lb/>
                 fragte mißtrauisch Schellhase junior, der mit seinem Instinkt <lb/>
                 für Nebengeräusche auch bei diesem aufs allgemeine Wohl <lb/>
                 zielenden Plan sogleich einen unreinen Ton heraushörte. <lb/>
                 Kropfs gewundene Auskunft, die deutlich genug durch- <lb/>
                 blicken ließ, daß die neue Wasserstraße besonders günstig für <lb/>
                 die Otto-Heinrich-Hütte verlaufen sollte, gab ihm recht. <lb/>
                 Näßler schmunzelte daher, als er sagte, daß zur Zeit nicht ein- <lb/>
                 mal die vorhandenen Verkehrsanlagen voll ausgenutzt seien <lb/>
                 und der Güterverkehr auf den deutschen Bahn- und Kanal- <lb/>
                 linien kaum vier Fünftel des Verkehrs vor dem Kriege aus- <lb/>
                 mache; und Krogoll, der eine diebische Freude daran hatte, <lb/>
                 den ehemaligen Widerpart der Union jetzt, wo er um ihren <lb/>
                 Beistand verlegen war, zappeln zu lassen — Krogoll also <lb/>
                 meinte, man dürfe sich nicht mit jenen Wasserstraßenpoliti-
                <pb facs="#f0351" n="347"/>
                <lb/>
                 kern identifizieren, die von der Kanalbauwut befallen seien <lb/>
                 und nirgendwo ernst genommen würden. Dagegen kehrte <lb/>
                 der junge Schellhase auf einmal den Techniker hervor; der <lb/>
                 Kanalbau sei unwirtschaftlich, wenn man nicht maschinell <lb/>
                 arbeite, mit ganzen Geschwadern von Baggern, und tue man <lb/>
                 dies, so sinke wiederum die Zahl der Menschen, die dabei <lb/>
                 Arbeit finden könnten. Kurz, jeder äußerte seine grundsätz- <lb/>
                 liche Zustimmung und zugleich seine augenblicklichen Be- <lb/>
                 denken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber Kropf ließ nicht locker, sagte: »Wer nicht für mich <lb/>
                 ist, ist wider die ganze Industrie«, und wandte sich mit die- <lb/>
                 ser Parole an die kleineren Werksdirektoren, die sich die <lb/>
                 Handelskammern zur Domäne erkoren hatten, da sie in der <lb/>
                 Union nur Piedestal und Folie für die Größeren sein konnten, <lb/>
                 Wozu sich die Großen bisher zu schade gewesen waren, das <lb/>
                 tat nun Kropf: er ließ sich zum Vorsitzenden der Handels- <lb/>
                 kammer wählen, engagierte einen Reichstagsabgeordneten <lb/>
                 als Syndikus und baute diese allgemeine Berufsvertretung der <lb/>
                 Kaufmannschaft aus zu einem politischen Forum der Indu- <lb/>
                 strie. Bald gab es keine Angelegenheit des sozialen, wirt- <lb/>
                 schaftlichen, politischen und kulturellen Lebens mehr, in die <lb/>
                 sich die Handelskammer des Kohlenreviers nicht ungefragt <lb/>
                 hineinmischte. Ihre gewerblichen Befugnisse, die Vereidigung <lb/>
                 von Sachverständigen, die Überwachung der Börsen, die Be- <lb/>
                 tätigung als Einigungsamt oder als Zoll- und Steuerbe- <lb/>
                 ratungsstelle, die Mitwirkung bei der Führung des Firmen- <lb/>
                 registers, bei Ausstellungen, Messen und Hafenverwaltungen, <lb/>
                 die Erteilung von Ursprungszeugnissen im internationalen <lb/>
                 Warenverkehr und was sonst noch unter den dehnbaren Be- <lb/>
                 griff einer »Selbstverwaltung der Wirtschaft« fallen mochte, <lb/>
                 die einer Verwaltung der Öffentlichkeit durch die Wirtschaft <lb/>
                 gleichkam —, alles wurde dank Kropfs straffer Personalpolitik <lb/>
                 zum privaten Machtinstrument, und General von Grußen- <lb/>
                 baum fing an, sich zu ängstigen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Persönlich war er Kropf eigentlich näher gekommen, seit <lb/>
                 seiner Rede gegen die Gewerkschaften. Kropf war ja viel <lb/>
                 zu hausbacken, um zu ahnen, daß sie ein für das Echo der <lb/>
                 Öffentlichkeit und den Widerstand der Linie Kropf-Krewett
                <pb facs="#f0352" n="348"/>
                <lb/>
                 berechnetes Täuschungsmanöver war. So gut von Grußen- <lb/>
                 baums Dialektik zwischen öffentlicher und interner Wirkung <lb/>
                 unterschied, so gut wußte sie beides, wo es notwendig er- <lb/>
                 schien, in Übereinstimmung zu bringen. Indem er den An- <lb/>
                 schein erweckte, daß er mit Dr. Krewett einer Meinung sei, <lb/>
                 nahm er diesem die Oppositionsmotive fort. Begreiflich, <lb/>
                 daß er sich ärgerte, wenn diese Entwicklung nun wieder un- <lb/>
                 terbrochen wurde. Seiner stets auf die ausführenden Organe <lb/>
                 gerichteten Denkweise hatte es gewiß nie entsprochen, daß <lb/>
                 die Union das Gros der Werksdirektoren vernachlässigte. Es <lb/>
                 hatte im Anfang nur immer an Zeit gefehlt, aber jetzt blies <lb/>
                 er energisch zum Sammeln. »Gemeinnützigkeit gegen Eigen- <lb/>
                 nutz!« war sein Feldgeschrei, das den Vorzug der Verwend- <lb/>
                 barkeit auf allen Fronten hatte. Glücklicherweise half auch <lb/>
                 hier Kropfs Primitivität, er polterte viel zu viel, als daß er <lb/>
                 einen Überfall, einen Husarenstreich kriegsgerecht hätte <lb/>
                 durchführen können. Der General bot den ganzen Einfluß <lb/>
                 Hiebensteins, Näßlers und Faulstichs auf, um alle jene krank- <lb/>
                 haft eitlen und ehrgeizigen Halbgötter herüberzuziehen. Er <lb/>
                 machte ihnen Avancen aller Art und richtete neben den Chef- <lb/>
                 besprechungen ständige Ausschüsse ein, wo die nachgeord- <lb/>
                 neten Persönlichkeiten praktische Arbeit leisten durften. <lb/>
                 Konnte Kropf soviel Ehre bieten? Nein, das konnte er nicht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unterdessen nahmen die Dinge eine unvorhergesehene <lb/>
                 Wendung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kaum hatte Kropf seinen Kanalplan publiziert, als die Han- <lb/>
                 delskammer des Grenzkohlenbeckens ihrerseits einen außeror- <lb/>
                 dentlich detaillierten Antrag auf Bau eines Kanals in ihrem Ho- <lb/>
                 heitsgebiete an die Regierung richtete. Was anders war dies <lb/>
                 als ein Versuch, die Industrie des Steinkohlenreviers aus dem <lb/>
                 Sattel zu heben? Sofort wurden alle Fehden abgeblasen, so- <lb/>
                 fort rückte die Union in geschlossener Phalanx vor. Es konn- <lb/>
                 te kein Zweifel darüber sein, daß dieser Kanalwettstreit ein <lb/>
                 Teil des Kampfes der Chemie um die Vorherrschaft war und <lb/>
                 Püschel dahinter steckte, obwohl er als Vorsitzender des <lb/>
                 Reichsverbandes seine Neutralität betonte; nur gab er Kropf <lb/>
                 in aller Freundschaft zu verstehen, daß gerade die gebotene <lb/>
                 Neutralität seines Amtes es erforderlich erscheinen lasse, die
                <pb facs="#f0353" n="349"/>
                <lb/>
                 Interessen des Grenzkohlenbeckens ebenso zu berücksichti- <lb/>
                 gen wie alle übrigen, und daß man ihm deshalb nicht zu- <lb/>
                 muten dürfe, so ohne weiteres in das Revanchegeschrei der <lb/>
                 Union einzustimmen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sind Sie vielleicht unparteiisch, wo Sie da hinten jetzt <lb/>
                 Gruben haben?« fragte Kropf, aber Püschel überhörte ihn <lb/>
                 geflissentlich und sagte: »Sie argumentieren, daß jede Tonne, <lb/>
                 um welche das Grenzkohlenbecken seinen Absatz erhöht, <lb/>
                 Ihnen verloren geht. Das macht keinen guten Eindruck, das <lb/>
                 sieht aus, als duldeten Sie nichts und niemanden neben <lb/>
                 sich — —, o ich weiß, was Sie erwidern wollen,« fügte er <lb/>
                 hinzu, als Kropf unwillig mit der Hand quer durch die Luft <lb/>
                 strich, »Sie wollen sich nicht beklagen, wenn sich all dies im <lb/>
                 Rahmen des freien Wettbewerbs hält und die Kohle des Kon- <lb/>
                 kurrenten nicht mit Staatsgeldern verbilligt wird. Richtig, <lb/>
                 aber können die Anderen nicht dasselbe gegen Ihren Kanal- <lb/>
                 plan einwenden?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie verkennen, Herr Geheimrat, daß es sich bei uns um <lb/>
                 ungleich größere und überhaupt um volkswirtschaftliche BE- <lb/>
                 LANGE handelt. Das Revier ist identisch mit der Volkswirt- <lb/>
                 schaft schlechthin.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich weiß, ich weiß,« lächelte Püschel, »das Revier ver- <lb/>
                 teidigt die Gemeinnützigkeit gegen den Eigennutz, das ist <lb/>
                 allgemein anerkannt. Aber eben darum. Ihr Revier erzeugt <lb/>
                 hundertvier Millionen Tonnen im Jahr, das Grenzkohlen- <lb/>
                 becken drei Komma fünf. Angesichts einer solchen Überle- <lb/>
                 genheit, verzeihen Sie gütigst, ist es ein bißchen komisch, <lb/>
                 wenn Sie vor dieser winzigen Konkurrenz Angst haben. Sie <lb/>
                 könnten es sich wirklich leisten, mit einer noblen Geste dar- <lb/>
                 über hinwegzugehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf wies ihn barsch zurück: »Wir haben Ihnen unsere <lb/>
                 Wünsche gemeldet, Herr Geheimrat, aber wir haben Sie <lb/>
                 nicht um Belehrungen gebeten. »Der Zorn riß ihn fort. <lb/>
                 »Schließlich bin ich es, von dem Sie Ihr Amt haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ohne eine Spur von Gereiztheit, eher voll Nachsicht, rich- <lb/>
                 tete der Geheimrat sich auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich bedauere, daß ich trotzdem meine Meinung von nie- <lb/>
                 mandem als mir selbst beziehen kann. Im übrigen muß ja
                <pb facs="#f0354" n="350"/>
                <lb/>
                 eine gegnerische Meinung nicht von vornherein die schlech- <lb/>
                 tere sein, und über Wert oder Nutzlosigkeit der vorliegenden <lb/>
                 Pläne kann nur die Untersuchung ihrer Wirtschaftlichkeit ent- <lb/>
                 scheiden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So endete diese Unterredung mit allen Anzeichen unver- <lb/>
                 söhnlicher Gegnerschaft, doch überschätzte Püschel wohl <lb/>
                 seine Position und das zahlenmäßige Übergewicht der anderen <lb/>
                 im Reichsverband vertretenen Industrien. Die Wucht der <lb/>
                 Union wog alle Majoritäten auf, und sein Gegenspiel hatte <lb/>
                 nur so lange einen realen Hintergrund, wie innerhalb der <lb/>
                 Union selbst sich Gegenspieler befanden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hart auf hart ging es jetzt, Sentiments und Ressentiments <lb/>
                 wurden zum alten Eisen geworfen. Die Zeit eilte. Als der <lb/>
                 Kanalstreit die Öffentlichkeit erregte, war er schon nicht <lb/>
                 mehr um der Sache selbst willen da, sondern nur noch als <lb/>
                 eine willkommene Schutzdecke, um wesentlichere Vorgänge <lb/>
                 der Belichtung zu entziehen. Während also die begutachten- <lb/>
                 den Kapazitäten beider Lager mit gewichtigem Ernst ihre <lb/>
                 vortrefflichen und gewiß nicht wohlfeilen Gründe Für und <lb/>
                 Wider vortrugen, während die Eisenbahn in zu Herzen spre- <lb/>
                 chenden Sätzen das Versagen der Schiffahrt bei Frost, Nebel, <lb/>
                 Hoch- und Niedrigwasser schildern ließ, während die tech- <lb/>
                 nischen Beiräte des Verkehrsministeriums mit der Autorität <lb/>
                 der Mathematik und der konzessionierenden Behörde die Li- <lb/>
                 nienführung der beiderseitigen Kanäle bemängelten und die <lb/>
                 Organe der öffentlichen Meinung, soweit sie nicht infolge <lb/>
                 innerer Verbindlichkeiten nach dieser oder jener Richtung <lb/>
                 festgelegt waren, die Verleugnung des Solidaritätsgefühlszwi- <lb/>
                 schen zwei Wirtschaftsgebieten beklagten —: während dieser <lb/>
                 ganze kreischende Jahrmarkt einer entfesselten Interessenten- <lb/>
                 meute auf und ab wogte, war die Union mit Problemen be- <lb/>
                 schäftigt, hinter denen das Kanalprojekt selbst in den Augen <lb/>
                 seines Urhebers bis zur Unsichtbarkeit verblaßte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon lange hatte sich Christian Felgenhauer mit der Ab- <lb/>
                 sicht getragen, das Präsidium des Kohlensyndikats niederzu- <lb/>
                 legen. Näßler war sein Vertrauter geworden; Näßler war nir- <lb/>
                 gendwo unbeliebt, denn er war ruhig und konzentriert und
                <pb facs="#f0355" n="351"/>
                <lb/>
                 ohne jene ausfallende Dämonie, die man seinem Herrn und <lb/>
                 Meister so schwer ankreidete. Seine Wahl zum Nachfolger <lb/>
                 Felgenhauers ging daher glatt vonstatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch die Auflösung der Felgenhauer-Wirtz-Elektro-Alli- <lb/>
                 anz bereitete keine sonderliche Schwierigkeit. Die Situation, <lb/>
                 welche sie zusammengefügt hatte, war längst umgewandelt, <lb/>
                 diese Vereinigung von Fanatismus, Phantasie und Logik, von <lb/>
                 altem und neuem wirtschaftlichen Denken war mit dem Ab- <lb/>
                 schluß der inflationistischen Geld- und Geistperiode zum Ana- <lb/>
                 chronismus geworden. Jeder wartete eigentlich nur darauf, <lb/>
                 daß der andere den Anstoß zur Lösung gebe. Sanierungsbe- <lb/>
                 dürftig war jetzt Ottokar Wirtz, nicht mehr die Elektrizitäts- <lb/>
                 gesellschaft; kein Wunder, daß die Auseinandersetzung auf <lb/>
                 seine Kosten ging. Um bares Geld zu bekommen, hatte er <lb/>
                 seine Bankbeteiligung an Hillgruber und Mehren verkauft, <lb/>
                 mithin wanderte auch der größte Teil seiner Elektrizitätsak- <lb/>
                 tien dorthin; umgekehrt blieb die Beteiligung der Elektrizi- <lb/>
                 tätsgesellschaft an seinen Zechen bestehen. Es war eine trübe <lb/>
                 Bilanz. An seinem Tisch aßen Felgenhauer, Hillgruber, die <lb/>
                 Elektrizitätsgesellschaft und Hugo Mehren mit, und was hatte <lb/>
                 er noch dagegen? Knapp zehn Prozent Elektrizität, fünf- <lb/>
                 zehn Mitteldeutsche Braunkohle und fünfzehn Westdeutscher <lb/>
                 Bergwerksverein, aber die wurden bereits von Hillgruber re- <lb/>
                 klamiert. Das rumänische Aktienpaket, das gut florierte, war <lb/>
                 der einzige Lichtblick, doch verhehlte er sich nicht, daß ihn <lb/>
                 Siegfried Hillgruber, so gut er ihn hineingebracht hatte, auch <lb/>
                 jederzeit und gegen irgendeine fragwürdige Abfindung wie- <lb/>
                 der hinausdrängen konnte. Wenn es vorläufig noch nicht ge- <lb/>
                 schah, so unterblieb es nur deshalb, weil Hillgruber ihn noch <lb/>
                 als Vorspann für seine Transaktionen benötigte; darum, al- <lb/>
                 lein darum wurde er einstweilen über Wasser gehalten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sein Geschäft war auf der Kohle aufgebaut — und die Koh- <lb/>
                 le sackte ab. Die Binnenschiffahrt lag darnieder, seine Schlepp- <lb/>
                 dampfer und Kähne waren tot. Seine Hütten und Maschinen <lb/>
                 nahmen nur einen verschwindenden Bruchteil seiner Kohlen- <lb/>
                 förderung auf, und obwohl die Stockung in der Erzverhüt- <lb/>
                 tung allgemein war, so war doch bei ihm der Geschäftsgang <lb/>
                 besonders miserabel. </p>
            <pb facs="#f0356" n="352"/>
            <p>
                <lb/>
                 Dies freilich hing mit Dingen zusammen, die außerhalb al- <lb/>
                 ler wirtschaftlichen Erwägungen lagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war bekannt, daß Ottokar Wirtz gelegentlich pessimi- <lb/>
                 stische Äußerungen über die Qualität des Nachwuchses tat, <lb/>
                 weil er den mißratenen Sohn hatte. Wie es häufig vorkommt, <lb/>
                 daß diejenigen, welche in der Welt rücksichtslose Neuerer <lb/>
                 sind, im Familienkreis einem schematischen Konservatismus <lb/>
                 huldigen, so hatte auch Wirtz ohne viel Überlegung dem <lb/>
                 Sohn gegenüber die Erziehungsart angewandt, die sein Vater <lb/>
                 an ihm selbst geübt hatte. Schon dem kleinen Schuljungen <lb/>
                 hatte er nicht die deutschen Hausmärchen erzählt, sondern <lb/>
                 wahre Begebenheiten aus der Wirtschaft, die sich freilich wie <lb/>
                 ein Märchen anhörten, zumal er, um sie dem Verständnis des <lb/>
                 Kindes anzupassen, die gravierenden und sehr komplizierten <lb/>
                 Einzelheiten fortlassen und sich auf die Wiedergabe zauber- <lb/>
                 hafter Handlungen beschränken mußte. So glaubte der Jun- <lb/>
                 ge, daß in diesen Geschichten doch wieder die alten Ritter, <lb/>
                 Feen, Hexen und Heinzelmännchen aufträten, lustig verklei- <lb/>
                 det und mit tollem Gerät. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vielleicht war Ottokar Wirtz zu dieser Zeit auch selbst <lb/>
                 noch nicht zu der Einsicht gekommen, die er später mit Vor- <lb/>
                 liebe kundtat: daß nämlich die offenbaren Handlungen der <lb/>
                 Industrie weniger interessant seien als ihre geheim bleibenden <lb/>
                 Voraussetzungen und das Wesen der Industrie sich in Sitzun- <lb/>
                 gen hinter verschlossenen Türen erschöpfe. Wie immer dem <lb/>
                 sein mochte, der Sohn besaß nicht die Gabe des Vaters, Ein- <lb/>
                 drücke aus Gehörtem durch Gegenüberstellung mit Gesehe- <lb/>
                 nem zu vervollständigen, und je mehr der Vater die Sorgen <lb/>
                 betonte, desto mehr stellte sich der Sohn die Industrie als das <lb/>
                 Reich der unbegrenzten Möglichkeiten vor — denn war nicht <lb/>
                 das Ende aller Sorgen doch immer wieder der Erfolg? Und <lb/>
                 was für ein Erfolg! Immer besser lernte er ihn kennen, als er <lb/>
                 heranwuchs und der Vater ihn mitnahm in die Büros; Mühe <lb/>
                 und Arbeit und alle Zwischenstufen beachtete er nicht, nur <lb/>
                 das Gewaltige berauschte ihn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hernach hatte er bei knappem Taschengeld als Volontär <lb/>
                 im Zollbüro der väterlichen Werke arbeiten müssen, und wie <lb/>
                 das unter solchen Umständen zu gehen pflegt, er hatte mehr-
                <pb facs="#f0357" n="353"/>
                <lb/>
                 fach als zollpflichtiges Einfuhrgut solche Waren deklariert, <lb/>
                 die einem niedrigeren Zolltarif unterlagen, während die tat- <lb/>
                 sächlich eingeführten Waren mit einem höheren Betrag zu <lb/>
                 verzollen gewesen wären, den er denn auch der väterlichen <lb/>
                 Firma mittels gefälschter Zollpapiere in Rechnung stellte. <lb/>
                 Den Unterschied steckte er in seine Tasche, nach und nach <lb/>
                 hatte er dreißigtausend Mark verdient, soviel wie sein Vater <lb/>
                 sich einst geborgt hatte, als er sich selbständig machte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ottokar Wirtz hatte der Zollbehörde den Schaden sofort <lb/>
                 ersetzt, und die Sache war nicht weiter verfolgt worden. <lb/>
                 Mehr als die Tat schmerzte den Vater der Leichtsinn, womit <lb/>
                 der Junge das Geld verspielt, verwettet und verhurt hatte. <lb/>
                 »Man wird dein genießerisches und müßiggängerisches Le- <lb/>
                 ben der ganzen Industrie zur Last legen«, hatte er gesagt und <lb/>
                 ihn kurzerhand in eine Kohlengrube gesteckt, wo ein stren- <lb/>
                 ges Regiment über ihn geführt wurde. Sichtlich besserte er <lb/>
                 sich, ja er wurde sogar besonnen und männlich. Eines Tages <lb/>
                 jedoch wurde er wegen Beleidigung eines Bergmanns, dem <lb/>
                 er »du trübe Lampe!« zugerufen hatte, zu zwanzig Mark <lb/>
                 Geldstrafe verurteilt; zwar verteidigte er sich damit, daß <lb/>
                 er es nicht habe mitansehen können, wie dieser Mann <lb/>
                 unter zehn Wagen Kohle immer zwei Wagen Berge gehabt <lb/>
                 hätte, aber die Zeugen sagten aus, daß die ganze Kame- <lb/>
                 radschaft keine besseren Kohlen habe laden können, weil <lb/>
                 das Flöz so unrein gewesen sei, und der Amtsanwalt bot ein <lb/>
                 schönes Beispiel sozialer Gerechtigkeit, indem er erklärte, <lb/>
                 daß gerade der Sohn des Besitzers sich den Arbeitern gegen- <lb/>
                 über ebenso anständig zu benehmen habe, wie es umgekehrt <lb/>
                 von den Arbeitern verlangt würde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese geringfügige Geschichte war es, die den jungen <lb/>
                 Wirtz mehrere Jahre später, als sie längst in Vergessenheit ge- <lb/>
                 raten war, von neuem aus der Bahn warf. Bis dahin hatte er, <lb/>
                 von etlichen Anläufen zu einer Art Kronprinzenfronde ab- <lb/>
                 gesehen, zur Zufriedenheit des Vaters in der Verwaltung mit- <lb/>
                 gewirkt. Schon wurde er für den Aufsichtsrat eines befreun- <lb/>
                 deten kleineren Unternehmens vorgeschlagen, als dort ein <lb/>
                 gegnerischer Bankier aufstand: man dürfe sich nicht mit einem <lb/>
                 Mann belasten, der wegen persönlicher Beleidigung eines Ar-
                <pb facs="#f0358" n="354"/>
                <lb/>
                 beiters vorbestraft sei, eines Vergehens, das in Industriekrei- <lb/>
                 sen aufs strengste beurteilt werde und für einen Industriellen- <lb/>
                 sproß, der die Qualifikation zum Wirtschaftsführer zu erwer- <lb/>
                 ben habe, außerordentlich schimpflich sei; ja er möchte sa- <lb/>
                 gen, weit schimpflicher, als wenn ein Angestellter eine Un- <lb/>
                 terschlagung oder ein Arbeiter einen Diebstahl begehe. Au- <lb/>
                 ßer Sinnen vor Wut, verschaffte sich der junge Wirtz die Ge- <lb/>
                 richtsakte und vernichtete sie — eine Affekthandlung, die un- <lb/>
                 ter Zubilligung mildernder Umstände und scharfer Geiße- <lb/>
                 lung des Verhaltens jenes Bankiers mit drei Tagen Gefängnis <lb/>
                 geahndet wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von nun an war es gänzlich aus mit ihm. Er wurde in so <lb/>
                 viele ehrenrührige Affären verwickelt, daß der Vater ihn nir- <lb/>
                 gends mehr zeigte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch diese bange Frage, wessen Händen sein Lebenswerk <lb/>
                 einmal überantwortet werde, trug im jetzigen Stadium nicht <lb/>
                 wenig zu seiner Müdigkeit und vorzeitigen Zerstörung bei. <lb/>
                 Das Schlimmste aber geschah erst jetzt. In der Inflationszeit <lb/>
                 hatte der Sohn allerlei faule Spekulationen auf eigene Rech- <lb/>
                 nung gemacht, Gründungen zweifelhafter Geldinstitute und <lb/>
                 Handelsgesellschaften, die alle in der Stabilisierungskrise in- <lb/>
                 solvent wurden und ihre Gläubiger mit dem Namen Wirtz <lb/>
                 betäubten. Zahlreiche Anfragen gelangten dieserhalb an die <lb/>
                 Direktion des väterlichen Unternehmens, der Sohn fing sie <lb/>
                 alle im Postbüro ab und beantwortete sie namens der Direk- <lb/>
                 tion mit trostreichen Auskünften. Als diese Manipulationen <lb/>
                 ruchbar wurden, schädigten sie natürlich auch das Geschäft <lb/>
                 des Vaters, viele alte Kunden sprangen ab, entdeckten plötz- <lb/>
                 lich Mängel in den Waren, meinten, wo so eine böse Sache <lb/>
                 sei, müsse auch das Vertrauen zu allem Übrigen schwinden —, <lb/>
                 denn nirgends beruhte das Verhältnis zur Kundschaft so sehr <lb/>
                 auf alten Gewohnheiten und festen Anschauungen von Soli- <lb/>
                 dität und Korrektheit und auf einer solchen Pedanterie der <lb/>
                 Formen wie in der Eisen- und Stahlindustrie. Ein Wechsel <lb/>
                 im Briefstil oder in der Farbe der Briefumschläge hätte es <lb/>
                 schon stören können, und nun gar dies, nun gar dies! Es war <lb/>
                 nicht auszudenken. </p>
            <pb facs="#f0359" n="355"/>
            <p>
                <lb/>
                 So stand es mit Ottokar Wirtz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber Felgenhauer? — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alles kam darauf an, ob man ihn für die von Hillgruber ge- <lb/>
                 forderte Transaktion zwischen dem Westdeutschen Berg- <lb/>
                 werksverein und der Mitteldeutschen Braunkohle gewinnen <lb/>
                 konnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um ihn dafür empfänglich zu machen, hatte ihn Näßler bei <lb/>
                 der Auflösung der Allianz sehr geschont, ihm auch einige Vor- <lb/>
                 teile eingeräumt. Näßler sagte sich auch, daß Hillgruber die <lb/>
                 Auflösung hauptsächlich darum verfügt hatte, weil Felgen- <lb/>
                 hauer an der Börse isoliert werden sollte. Gewiß würden die <lb/>
                 Kurse seiner Aktien, losgelöst vom Nimbus des großen <lb/>
                 Blocks Kohle-Eisen-Elektrizität und umschwirrt von dunk- <lb/>
                 len Mutmaßungen, keinen leichten Stand haben — aber würde <lb/>
                 das genügen? Würde das genügen? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der erste Versuch schlug fehl. Zwar war Felgenhauer von <lb/>
                 der Aktiengesellschaft für Kohlebewirtschaftung begeistert, <lb/>
                 doch wies er die Preisgabe des Westdeutschen Bergwerks- <lb/>
                 vereins weit von sich. Er werde doch nicht von dem Kriegs- <lb/>
                 schauplatz desertieren, wo er so lange befehligt habe! </p>
            <p>
                <lb/>
                 An diesem Tage standen die Aktien des Westdeutschen <lb/>
                 Bergwerksvereins noch auf 194. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vierzehn Tage später standen sie auf 132, wogegen der <lb/>
                 Mitteldeutsche Braunkohlenkurs 241 war. Näßler wagte einen <lb/>
                 präzisierten Vorschlag: 11,7 Millionen Mitteldeutsche Aktien <lb/>
                 sollten in Westdeutsche umgetauscht werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Felgenhauer rechnete: »Das hieße, bei diesem Börsenkurs, <lb/>
                 daß elf Komma sieben Millionen Mitteldeutsche einundzwan- <lb/>
                 zig Komma fünfunddreißig Millionen Westdeutschen ent- <lb/>
                 sprechen, nicht wahr?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Jawohl, und da Ihr Aktienkapital hundert Millionen be- <lb/>
                 trägt — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Würde ich mit Wirtz zusammen die Majorität behalten, <lb/>
                 stimmt das?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vollkommen, das Angebot ist durchaus vorteilhaft für <lb/>
                 Sie, zumal Sie dann mit Wirtz zusammen auch in der Mittel- <lb/>
                 deutschen einen nicht ganz unmaßgeblichen Einfluß haben <lb/>
                 werden.« </p>
            <pb facs="#f0360" n="356"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Lassen Sie noch einmal sehen, wie sich die Sache bei mir <lb/>
                 verteilen würde. Etwas über zwanzig Prozent würde dieser <lb/>
                 Hillgruber haben, fünfzehn die Elektrizität, fünf die Hollän- <lb/>
                 der, nochmal fünf liegen bei einem Schock von Kleinaktionä- <lb/>
                 ren, blieben fünfundfünfzig für mich und Wirtz, falls — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Falls?« fragte Näßler. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Felgenhauer sah ihn durchdringend an, entdeckte aber <lb/>
                 keine Arglist. »Falls Wirtz zuverlässig ist«, sagte er dann. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie brauchen keine Benachteiligung zu befürchten, denn <lb/>
                 selbst wenn er es nicht wäre, so wäre es doch äußerst unwahr- <lb/>
                 scheinlich, daß jemals eine qualifizierte Mehrheit gegen Sie <lb/>
                 zustandekäme, bei so verschieden gearteten Aktionärinteres- <lb/>
                 sen auf der Gegenseite.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein, Herr Näßler. Nein. Auf eine so vage Wahrschein- <lb/>
                 lichkeitsrechnung kann ich nicht eingehen. Die absolute <lb/>
                 Mehrheit muß mir gesichert sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Näßler sah durchs offene Fenster in die Halbnacht des Wal- <lb/>
                 des hinaus, auf den Wallgraben der »Trutzburg«, wo im <lb/>
                 Schilf die Wildenten girrten. Tief in die Lunge drang der Ge- <lb/>
                 ruch von Lauberde und Moos. Dabei dachte er: man muß <lb/>
                 ihm die Schlinge der eigenen Ehrenhaftigkeit über den Kopf <lb/>
                 werfen, und sagte: »Nun wohl, Herr Felgenhauer. Daran <lb/>
                 soll ein Plan nicht scheitern, der allen am Herzen liegen muß, <lb/>
                 die die Kohle lieben. Wir geben das Aktienpaket, das sich in <lb/>
                 unserem Besitz befindet, an Sie zurück..« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wollen Sie das wirklich!« rief Felgenhauer erfreut und <lb/>
                 reichte ihm seine sehr spitze und schmale, aber noch immer <lb/>
                 starkknochige Hand, »dann ist ja alles gut, dann ist ja alles in <lb/>
                 Ordnung.« Er hatte die Gewohnheit, seine Uhr zu ziehen, <lb/>
                 sobald der glimpfliche Ausgang einer Sache in Sicht war. Er <lb/>
                 tat es auch jetzt. Es war eine schwergoldene, altertümliche <lb/>
                 Uhr, die mit einem Schlüsselchen aufgezogen werden mußte. <lb/>
                 »Sie ist bald fünfundsechzig Jahre alt,« sagte er, »ich bekam <lb/>
                 sie von meinem Paten zur Konfirmation.« — »Ja,« scherzte <lb/>
                 Näßler, »die Uhrenindustrie ist nicht auf der Höhe. Wie <lb/>
                 kann sie gute Gewinne machen, wenn ihre Erzeugnisse in alle <lb/>
                 Ewigkeit hinein haltbar sind? Rascher Umlauf des Geldes, <lb/>
                 rasche Abnutzung der Ware, nur dann blüht die Produktion.« </p>
            <pb facs="#f0361" n="357"/>
            <p>
                <lb/>
                 Beide lachten, Felgenhauer fragte: »Dann kann unsere Sache <lb/>
                 also vorangehen?« — »Freilich«, erwiderte Näßler und erwog <lb/>
                 inzwischen, daß da ja noch die Elektrizitätsgesellschaft war, <lb/>
                 für welche die Zersplitterung ihrer Kohleninteressen einen <lb/>
                 Schönheitsfehler bedeutete, jedenfalls konnte man ihr das <lb/>
                 suggerieren. Wie wäre es, wenn sie ihre Beteiligung bei <lb/>
                 Felgenhauer gegen eine vermehrte Beteiligung bei Wirtz <lb/>
                 abgäbe? Das mußte gehen, so konnte für das, was Hillgru- <lb/>
                 ber entgangen war, Ersatz geschafft werden, und Felgenhauer <lb/>
                 war doch betrogen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So wurde es ein Ringtausch, ganz nach dem Muster jener <lb/>
                 Leute, die auf diese Weise ihre Wohnungen tauschten, wobei <lb/>
                 auch immer mindestens zwei übers Ohr gehauen wurden. <lb/>
                 Hillgruber tauschte mit Felgenhauer, Felgenhauer mit Wirtz, <lb/>
                 Wirtz mit der Elektrizität, und die Elektrizität auf dem indi- <lb/>
                 rekten Weg über Wirtz wieder mit Hillgruber. Da dieser <lb/>
                 obendrein die holländischen Anteile erwarb, saß er nunmehr <lb/>
                 mit vierzig Prozent im Westdeutschen Bergwerksverein; die <lb/>
                 Macht schien ihm ausreichend zu sein, um Felgenhauer nahe- <lb/>
                 zulegen, daß sie ausbaufähig sei und die Klugheit daher ge- <lb/>
                 biete, ihn nicht zu überstimmen. Er wurde denn auch zum <lb/>
                 Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was die Gesellschaft für Kohlebewirtschaftung betraf, so <lb/>
                 wünschte er sie auf die breiteste Basis zu stellen. Näßler trat <lb/>
                 an Krogoll und Kropf heran, der Augenblick war in jeder <lb/>
                 Hinsicht günstig, der Syndikatsvertrag lief ab, die Erneue- <lb/>
                 rung machte Schwierigkeiten. Die von Risch-Zander und <lb/>
                 Schellhase geführten Hüttenzechen standen als starke Selbst- <lb/>
                 verbraucher gegen die Übrigen, die ihre Kohle ganz oder vor- <lb/>
                 wiegend in den Handel brachten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein Verrechnungspreis war den Syndikatsmitgliedern für <lb/>
                 ihre Kohlenlieferungen garantiert, das war der im Reichsan- <lb/>
                 zeiger veröffentlichte Preis abzüglich Handelsnutzen und Um- <lb/>
                 satzsteuer. Da jedoch infolge der Marktlage dieser Preis sel- <lb/>
                 ten erzielt wurde, wenn überhaupt etwas verkauft werden <lb/>
                 sollte, so wurde die Spanne zwischen dem wirklichen Erlös <lb/>
                 und dem Verrechnungspreis durch eine allgemeine Umlage
                <pb facs="#f0362" n="358"/>
                <lb/>
                 ausgeglichen. Damit müsse nun Schluß gemacht werden, for- <lb/>
                 derte Schellhase junior, das sei doch grotesk, daß die Selbst- <lb/>
                 verbraucher helfen müßten, den Kohlenhändlern die Defizite <lb/>
                 zu decken; »jedes industrielle Unternehmen muß seine Da- <lb/>
                 seinsberechtigung selber nachweisen, es kann nicht Aufgabe <lb/>
                 der Hütten sein, den Syndikatsabsatz zu subventionieren, <lb/>
                 wir wollen frei sein wie unsere Väter waren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er drohte mit dem Austritt, ein Kampf zwischen Eisen und <lb/>
                 Kohle schien bevorzustehen, obwohl es ganz sicher war, daß <lb/>
                 er niemals ausgetragen werden konnte, denn da es unter den <lb/>
                 Großen keinen gab; der nur auf einem dieser Flügel stand, <lb/>
                 hätte sich ja jeder selbst bekriegen müssen. Aber wie stets <lb/>
                 im industriellen Leben, so waren auch diesmal nicht die <lb/>
                 Kampfresultate, sondern die bloßen Kampfmomente das We- <lb/>
                 sentliche — so wie Wirtz in seinen guten Zeiten gesagt hatte: <lb/>
                 »Der Sieg des einen und die Niederlage des anderen ist nur <lb/>
                 eine Beigabe zu den industriellen Kämpfen, ausschlaggeben- <lb/>
                 des Ziel ist allein der Ausbau von Kampfstellungen... Es <lb/>
                 kommt weniger darauf an, daß man einen Kampf bis zum <lb/>
                 Ende durchficht, als darauf, daß man in Bereitschaft ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schnell, sehr schnell sehen Krogoll und Kropf ein, daß die <lb/>
                 Gesellschaft für Kohlebewirtschaftung eine Bereitschaft in <lb/>
                 diesem Sinne darstellen wird, eine bedeutende Position in den <lb/>
                 Syndikatsverhandlungen, ein besonderes Druckmittel gegen <lb/>
                 die Hüttenzechen, also muß man dabei sein, aber es heißt <lb/>
                 auch, schon hier eine günstige Beteiligungsziffer zu erlangen. <lb/>
                 Wirtz spornt zur Eile, Wirtz redet mit einer höllischen Logik <lb/>
                 auf sie ein. Die Lage verschlechtert sich zusehends, es gibt <lb/>
                 kein Zurück mehr, auch dann nicht, als sie erfahren, daß Hill- <lb/>
                 gruber sogar seine Mitteldeutsche Braunkohle mit in die <lb/>
                 Wagschale wirft, um sich die Herrschaft zu sichern. Näßler <lb/>
                 führt die Verhandlungen mit einer Robustheit, die alles in den <lb/>
                 Schatten stellt, was je dagewesen ist; bevor Kropf unterzeich- <lb/>
                 net, bleibt ihm gerade noch Zeit zu sagen: »Erlauben Sie, <lb/>
                 das ist eine Unverschämtheit.« Dennoch muß er unterzeichnen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wer, zum Teufel, hat ihm eigentlich die Feder in die Hand <lb/>
                 gedrückt? Dennoch ist er überzeugt, daß dieser Schritt vor
                <pb facs="#f0363" n="359"/>
                <lb/>
                 dem wirtschaftlichen Gewissen der Otto-Heinrich-Hütte be- <lb/>
                 stehen kann, jetzt hat er nur noch sein privates Gewissen zu <lb/>
                 beschwichtigen, und er tut es, indem er sich sagt, daß man <lb/>
                 Siegfried Hillgruber, obgleich er in seinen Augen nach wie vor <lb/>
                 ein »Händler« bleibt, nicht mehr gut abweisen kann, nach- <lb/>
                 dem der Sohn eines Industriellen die Etikette des Reviers <lb/>
                 selbst so scheußlich verletzt hat. Es ist der letzte Stich, den er, <lb/>
                 wenigstens im stillen, Wirtz versetzt, von nun an werden sie <lb/>
                 treue Gefährten sein, und überdies, denkt er weiter, überdies <lb/>
                 ist ja eine Arbeitsgemeinschaft noch keine Gesinnungsge- <lb/>
                 meinschaft, zwischen ihm und Hillgruber wird es so sein <lb/>
                 wie es zwischen Wirtz und Felgenhauer war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Kommen Sie, Herr Kropf«, sagt Krogoll. »Gehen wir <lb/>
                 in die Union und begraben wir allen Hader bei einer Flasche <lb/>
                 Bernkasteler Doktor. Sie alter Kämpe lieben doch Mosel, <lb/>
                 nicht wahr?« — »Das will ich meinen,« antwortet Kropf, <lb/>
                 »er hat eine rauhe Schale und einen süßen Kern, das mag ich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ottokar Wirtz faßt ihn unter. Er ist ganz fröhlich. »Schade <lb/>
                 nur, daß Hillgruber nicht bei uns ist... Sie müßten ihn ein- <lb/>
                 mal kennen lernen.« Näßler denkt: das werden sie früh genug <lb/>
                 und mehr, als ihnen lieb ist, aber diese Ausgelassenheit von <lb/>
                 Wirtz mißfällt mir, bei solchen Naturen pflegt sie vor dem <lb/>
                 Sterben zu kommen —— </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Meine Herren,« sagt Näßler in der Versammlung der Ze- <lb/>
                 chenbesitzer, »was wir bei der Neuordnung des Syndikats <lb/>
                 unter allen Umständen erreichen müssen, ist die Unterdrük- <lb/>
                 kung des Hangs zu Neubauten.« Er steht da, gestrafft und ge- <lb/>
                 bieterisch, so wie in der Geburtsstunde des Syndikats Chri- <lb/>
                 stian Felgenhauer vor den Gewerken gestanden hat. Sein <lb/>
                 Haar ist aufwärts gebürstet, in der Art, die im Volksmund <lb/>
                 »Stiftenkopf« heißt, dadurch erscheint seine Stirn höher als <lb/>
                 sie in Wirklichkeit ist. »Die Überkapazität im Bergbau muß <lb/>
                 beseitigt werden —, natürlich darf die Kapazität den norma- <lb/>
                 len Konjunkturschwankungen entsprechen, aber es muß <lb/>
                 verhindert werden, daß man neue Schächte abteuft. Für <lb/>
                 solche Neuanlagen darf es keine Beteiligungserhöhung mehr <lb/>
                 geben, zumal die heutigen Verkaufsbeteiligungen <sic>bestenfals</sic>
                <pb facs="#f0364" n="360"/>
                <lb/>
                 zu siebzig Prozent ausgenutzt werden können. Neubauten <lb/>
                 wären also höchstens zulässig, wenn sie einer besseren Aus- <lb/>
                 nutzung dienten, Beteiligungserhöhungen nur dann, wenn <lb/>
                 die Beschäftigung einer Zeche über dem zweijährigen Durch- <lb/>
                 schnitt aller Syndikatsmitglieder läge. Meine Herren! Wir <lb/>
                 müssen auf Reinlichkeit achten. Es hat sich leider ereignet, <lb/>
                 daß eine Zeche die Beteiligung für eine Doppelschachtanlage <lb/>
                 verlangt, obwohl sie nur einen einzigen Schacht niederge- <lb/>
                 bracht und anstelle des zweiten einen Querschlag mit einer <lb/>
                 befreundeten Grube durchgeführt hat. Solche Praktiken dür- <lb/>
                 fen nicht einreißen. Meine Herren! Wir müssen auch auf Ge- <lb/>
                 rechtigkeit achten. Die Hüttenzechen sollten von der stritti- <lb/>
                 gen Umlage entbunden werden, aber wir werden als solche <lb/>
                 nur noch diejenigen anerkennen können, die mindestens ein- <lb/>
                 undachtzig Prozent ihrer Förderung dem eigenen Verbrauch <lb/>
                 zuführen, und vor allem wollen wir das westliche Grenzkoh- <lb/>
                 lenbecken in unser Syndikat einbeziehen; auf dieser Basis, <lb/>
                 denke ich, werden wir über die Beteiligungsziffern handels- <lb/>
                 einig werden...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber man kommt schlecht vom Fleck, jeder Teilnehmer <lb/>
                 hat die Landkarte der wirtschaftlichen Interessensphären ge- <lb/>
                 nau im Kopf und steckt seine Fähnchen so weit wie möglich <lb/>
                 vor. Mit ihnen sitzen Selbstgefühl und Furcht am Verhand- <lb/>
                 lungstisch. Mit möglichst großem Gepäck will jeder durchs <lb/>
                 Ziel gehen, jeder ist wachsam, jeder ist zäh. Wie sie sich voll- <lb/>
                 ständig festgefahren haben, droht die Regierung mit Zwang. <lb/>
                 Sie atmen auf, jetzt hat jedermann vor sich selbst eine Ent- <lb/>
                 schuldigung für Konzessionen. Ein Zwangssyndikat der Re- <lb/>
                 gierung, da wäre ja die Sozialisierung perfekt. Die Preise <lb/>
                 setzt schon der Reichskohlenrat, die Löhne der staatliche <lb/>
                 Schlichter fest. Noch ein staatlicher Eingriff, das wäre das <lb/>
                 Ende der Unternehmerverantwortlichkeit, dahin darf man es <lb/>
                 nicht kommen lassen. Der Wirtschaftsminister ist auch kein <lb/>
                 Unmensch, er erleichtert ihnen die Entscheidung, indem er <lb/>
                 die Einbeziehung des Grenzkohlenbeckens dekretiert. Die <lb/>
                 Rivalen Kropf und Püschel haben beide auf das Ministerium <lb/>
                 eingewirkt; nur Wenige sind davon unterrichtet, daß Kropf <lb/>
                 durch unterirdische Kanäle von Hillgruber mit scharfer Mu-
                <pb facs="#f0365" n="361"/>
                <lb/>
                 nition versorgt wird. So wird der Geheimrat besiegt, so ak- <lb/>
                 zeptiert man Näßlers Grundlinien, so gibt dieser hier und je- <lb/>
                 ner dort ein wenig nach, so schließt man auf zehn Jahre ab. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Siegfried Hillgruber hatte nur darauf gewartet, um anfan- <lb/>
                 gen zu können. »Wissen Sie,« belehrte er Näßler, »jetzt erst <lb/>
                 können wir richtig davon profitieren, daß die elastisch ge- <lb/>
                 prägte Form dieser Kartelle durch mannigfaltige Strukturän- <lb/>
                 derungen verhärtet worden ist und unrentable Quetschen <lb/>
                 künstlich durchgeschleppt worden sind. Da wollen wir also <lb/>
                 jetzt mal angehen. Wir kaufen eine Portion davon auf, legen <lb/>
                 sie still und übernehmen ihre Syndikatsbeteiligung auf den <lb/>
                 Westdeutschen Bergwerksverein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Quotenramsch« nannte er das selbst. »Werke kaufen?« <lb/>
                 sagte er, »fällt mir nicht ein. Ich kaufe Quoten. Die Quoten <lb/>
                 stellen ja den einzigen Kapitalwert dieser Werke dar, ihre <lb/>
                 Existenz geht infolgedessen zu unseren Lasten, darum — ver- <lb/>
                 schrotten, nichts als verschrotten!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Anderen machten es nach, und es begann eine Jagd auf <lb/>
                 die kleinen Zechen, die freilich ständig teurer wurde, weil die <lb/>
                 Kaufreflektanten sich gegenseitig überbieten mußten und die <lb/>
                 Kaufobjekte die Situation weidlich auszunutzen verstanden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bei diesem ganzen Hin und Her, den Käufen, Interessenge- <lb/>
                 meinschaften, Freundschaftsabkommen, Verschmelzungen, <lb/>
                 Tauschhändeln in Aktien und Aufsichtsräten, bei all diesen <lb/>
                 wechselnden Beziehungen, diesem verschlungenen Fäden- <lb/>
                 spiel, diesen gauklerischen Variationen einunddesselben The- <lb/>
                 mas, diesem Gemenge aus Intrigen, Eifersucht und Streberei <lb/>
                 verlor die Öffentlichkeit vollends den Überblick. Die Persön- <lb/>
                 lichkeiten schienen sich in Konzerne zu verwandeln, aber war <lb/>
                 es nur Expansion oder war es auch Konzentration? Wer woll- <lb/>
                 te das feststellen? Außer einigen sicheren Zahlen und einigen <lb/>
                 unsicheren Schätzungen hatte man wenig Anhaltspunkte. <lb/>
                 Der Westdeutsche Bergwerksverein hatte im Syndikat eine <lb/>
                 Verkaufsbeteiligung von acht Millionen Tonnen und eine <lb/>
                 Eigenverbrauchsbeteiligung von einer halben Million; Wirtz <lb/>
                 hatte noch immer vier Millionen dort, eine Million hier; Kro- <lb/>
                 goll viereinhalb und anderthalb Millionen; Kropf dreiein-
                <pb facs="#f0366" n="362"/>
                <lb/>
                 halb und zwei; Schellhase eine und vier; Risch-Zander zwei <lb/>
                 und drei. Das Vermögen des Freiherrn wurde auf zweihun- <lb/>
                 dert Millionen geschätzt, das der Schellhases auf hundert- <lb/>
                 achtzig, das von Hillgruber auf hundertdreißig, das von <lb/>
                 Wirtz noch auf hundert, das der Übrigen auf je hundertzwan- <lb/>
                 zig. Die Zahl der im Revier beschäftigten Bergleute war <lb/>
                 370 000, die der entlassenen 110 000. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das war der nackte Tatbestand. Die Ziffern sagten viel, <lb/>
                 aber wer konnte wissen, ob sie nicht noch mehr verschwie- <lb/>
                 gen als sie aussprachen? Lesen konnte man sie, sehr wohl, <lb/>
                 aber war es nicht vermessen zu behaupten, daß man sie deu- <lb/>
                 ten konnte? </p>
            <p>
                <lb/>
                 In Amerika wußte man mehr darüber, den Amerikanern <lb/>
                 mußte man gründlichere Aufschlüsse geben als den Deut- <lb/>
                 schen, denn Amerika bekundete seine Bereitwilligkeit, den <lb/>
                 Wiederaufbau des Kohlenreviers zu fördern, Amerika sandte <lb/>
                 seine Bankiers. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Gesellschaft für Kohlebewirtschaftung nahm eine <lb/>
                 Zehn-Millionen-Dollaranleihe auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Well,« sagte der Amerikaner, »bei Ihnen will man Kapi- <lb/>
                 tal durch Spaten bilden, bei uns durch Ausgeben; Sie denken <lb/>
                 so, wir so reich zu werden. Das ist eine Sache des Tempera- <lb/>
                 ments — oder des Geschmacks. Ihre Leute haben wie die Bett- <lb/>
                 ler gelebt, um sich ein Sparkassenbuch anlegen zu können. <lb/>
                 Nachher— was hatten sie nachher davon? Ihre Hunderter und <lb/>
                 Tausender waren weniger wert als ein faules Ei, das enthält <lb/>
                 wenigstens noch Schwefelwasserstoff, hahaha! And now? — <lb/>
                 Nun fangen sie geduldig und gehorsam wieder von vorn an, <lb/>
                 leben wie die Bettler und tragen ihre Marks zur Sparkasse. <lb/>
                 Es ist eine bewundernswert gute Moral, of course, aber eine <lb/>
                 erstaunlich schlechte Wirtschaft. Sehen Sie das blühende Ame- <lb/>
                 rika, the States, my glorious country! Jeder kauft sich für <lb/>
                 sein Geld, was sein Herz und das Herz des Fabrikanten nur <lb/>
                 begehrt. Prosperity first! Was nutzt es, wenn der einzelne <lb/>
                 knausert und die Nation nichts hat? That’s what I say. Privat- <lb/>
                 vermögen sind bei uns gar nicht geachtet, aber auf den Reichtum <lb/>
                 der Nation sind wir stolz! Wir Amerikaner haben genügend <lb/>
                 Industrieführer, doch wenig große Politiker, ihr Europäer habt
                <pb facs="#f0367" n="363"/>
                <lb/>
                 viele Politiker, doch keine großen Industrieführer.«-- »Wie?« <lb/>
                 rief Kropf, »höre ich recht? Kann der deutschen Wirtschaft <lb/>
                 der Vorwurf gemacht werden, daß sie es an den nötigen Vor- <lb/>
                 stellungen und Vorschlägen habe fehlen lassen?«— »Well,« <lb/>
                 versetzte der Amerikaner, »Ihr altes Deutsches Reich ist an <lb/>
                 der Uneinigkeit, Selbstsucht und Kurzsichtigkeit der Für- <lb/>
                 sten zugrundegegangen. Wenn Sie nicht bald zur Einsicht <lb/>
                 kommen, wird das Deutsche Reich des zwanzigsten Jahrhun- <lb/>
                 derts zugrundegehen an der Uneinigkeit, Selbstsucht und <lb/>
                 Kurzsichtigkeit der Industrieführer!« Näßler bemerkte, man <lb/>
                 wolle sich über Geldfragen unterhalten, nicht über Geschichts- <lb/>
                 fragen. »Well, well—that’s good enough, aber Geldfragen <lb/>
                 kann man ohne historische Erkenntnisse nicht beantworten.« <lb/>
                 Wie eine Gouvernante hob er den Zeigefinger auf. »Im Geld <lb/>
                 ist Wahrheit, meine Herren. Darum haben wir in Amerika <lb/>
                 ein tiefes Mißtrauen gegenüber einer Machtstellung des Gel- <lb/>
                 des und senden unseren Überfluß nach Europa. Auch unsere <lb/>
                 wirtschaftlichen Ideale sind Freiheit, Unabhängigkeit und <lb/>
                 DIENST AM KUNDEN. Well, deshalb bin ich hier. Das <lb/>
                 amerikanische Volk kennt das deutsche seit sechs Jahren als <lb/>
                 ein fleißiges und hart arbeitendes Volk. Das Eindringen des <lb/>
                 deutschen Handels in die Vereinigten Staaten hat unsere Auf- <lb/>
                 merksamkeit auf die formidablen Fortschritte Ihrer Industrie <lb/>
                 gelenkt, yes, meine Herren, es gibt kein Land, dessen Kapi- <lb/>
                 talansprüche mehr von uns anerkannt werden als das Ihre — <lb/>
                 allright, es ist gerade so, als wenn Sie den Krieg gewonnen <lb/>
                 hätten, und ich schätze mich glücklich, Ihnen diese Botschaft <lb/>
                 vom Glauben an Deutschland überbringen zu dürfen...« <lb/>
                 »Was muß man nicht alles schlucken, wenn man Geld ha- <lb/>
                 ben will!« sagte Kropf nachher zu Näßler, »was für Sottisen <lb/>
                 und Impertinenzen, entschuldigen Sie, ich gebrauche nicht <lb/>
                 gern Fremdwörter, aber hierfür ist mir die deutsche Sprache <lb/>
                 doch zu schade. A propos, demnächst ist die Neuwahl für <lb/>
                 das Präsidium im Reichsverband fällig. Haben Sie schon dar- <lb/>
                 über nachgedacht? Ah... Sie haben noch nicht darüber <lb/>
                 nachgedacht. Püschel dürfte doch auch für Sie nicht mehr in <lb/>
                 Frage kommen?«— »Was uns betrifft, Herr Kropf, wir sind nie <lb/>
                 aus der Reihe getanzt.«— »Nun ja. Nun ja. Ich habe mich seiner-
                <pb facs="#f0368" n="364"/>
                <lb/>
                 zeit geirrt...«— »Verspekuliert«, unterbrach kaltschnäuzig <lb/>
                 Näßler, aber es erregte in Kropf keinerlei Bitterkeit, und er <lb/>
                 sagte sanft: »Meinetwegen auch das«, und dann etwas lauter: <lb/>
                 »Lassen wir es ruhen. Es war halt ein kleines Intermezzo mit <lb/>
                 der Chemie. Die Schwerindustrie gibt wieder den Ton an. <lb/>
                 Strafe genug für mich, daß ich jetzt überall gegen den Ge- <lb/>
                 heimrat Stimmung machen muß, wie ich es ehedem für ihn <lb/>
                 tat. Wissen Sie auch noch, daß er uns immer falsche Tips ge- <lb/>
                 geben hat? Daß er gesagt hat, England werde nicht Gewehr <lb/>
                 bei Fuß stehen, wenn die Franzosen deutsches Industrieland <lb/>
                 okkupierten? Kleinigkeit — bei meinen Beziehungen, wis- <lb/>
                 sen Sie noch?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja — und?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Na, das werde ich jetzt gehörig ausschlachten, falscher <lb/>
                 Prophet, das ist ein schlechter Leumund..« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Tun Sie das lieber nicht, Püschel ist nicht der einzige, es <lb/>
                 sind zu viele unter uns, die nie im richtigen Augenblick brem- <lb/>
                 sen können und immer auf dem falschen Fuß Kommandos <lb/>
                 geben...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kropf erwiderte nichts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach einer Weile sondierte er zaghaft: »Ob Krogoll eine <lb/>
                 Wahl zum Präsidenten des Reichsverbandes annehmen wür- <lb/>
                 de——?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Krogoll?— Der verdiente Führer der Union? Weshalb <lb/>
                 wollen Sie den abschieben?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie Sie gleich alles auffassen«, sagte Kropf gekränkt und <lb/>
                 ließ das Thema fallen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Abends war in der Union ein Bankett zu Ehren des ameri- <lb/>
                 kanischen Bankiers. Mit bewegten Worten toastete Kropf auf <lb/>
                 den Überbringer der Botschaft von Amerikas Glauben an <lb/>
                 Deutschland. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Spät in der Nacht war Näßler noch bei Hillgruber. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Präsident im Reichsverband wird Kropf«, bestimmte der. <lb/>
                 »Alle Ehrenämter, die wir noch zu vergeben haben, und alle <lb/>
                 Pöstchen, auf denen Katze und Maus zu spielen ist, kriegt <lb/>
                 Kropf, damit er eine gesunde Beschäftigung hat. Dagegen <lb/>
                 der Verwaltungsrat der Reichsbahn, das ist kein Ehrenamt <lb/>
                 und kein Katz-und-Maus-Pöstchen, das ist eine Realität, da
                <pb facs="#f0369" n="365"/>
                <lb/>
                 werden Aufträge vergeben, dahinein kommen Sie, Herr Näß- <lb/>
                 ler. Wie geht es Wirtz?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Er ist sehr krank, eine Herzbeutelentzündung, Perikar- <lb/>
                 ditis... Ich glaube nicht, daß er wieder aufkommt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Tut mir leid. Aber dann müssen wir eben mit seinem <lb/>
                 Ableben rechnen. Der Sohn wird froh sein, wenn er bares <lb/>
                 Geld bekommt, die Erbschaft der Werke — — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Haben Sie bereits angetreten, Herr Hillgruber.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht schmeicheln. Hören Sie zu...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich höre.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Amerikaner hat von der Uneinigkeit und Kurzsich- <lb/>
                 tigkeit der deutschen Industriellen gesprochen, sagen Sie?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und von der Selbstsucht...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das tut nichts zur Sache. Jene beiden Fehlerquellen aber <lb/>
                 werden wir abstoppen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aus Nächstenliebe, hoffe ich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hillgruber sagte, er hätte sich in seiner böhmischen Hei- <lb/>
                 mat nie träumen lassen, daß die deutschen Industriellen von <lb/>
                 Haus aus so talmudisch wären. Dabei faltete er eine Karte <lb/>
                 auseinander, die so groß war, daß sie alsbald den ganzen <lb/>
                 Tisch bedeckte. »Das Steinkohlenrevier und seine Neben- <lb/>
                 felder.« Ein weither rollendes Geräusch spaltete die Ruhe <lb/>
                 der Nacht und brandete wider die Fenster. »Der Expreß <lb/>
                 Paris- Warschau mit Kurswagen nach Prag.« Er hatte den <lb/>
                 Kopf ein wenig erhoben und horchte, seine Gedanken schie- <lb/>
                 nen sich zu entfernen. »Jetzt ist er über die Rheinbrücke <lb/>
                 hinüber.« Das Geräusch war nur noch ein brechendes Mur- <lb/>
                 meln. Die Stille schloß sich wieder zusammen wie das Meer <lb/>
                 hinter dem Kielwasser eines Schiffes. »Wie weit man nachts <lb/>
                 hört.« — »Ja, es ist ungeheuer poetisch«, sagte Näßler flüchtig <lb/>
                 und etwas unsicher. Hillgruber zeigte auf die Fensterscheiben: <lb/>
                 »Wie sie nachtönen. Ich liebe diese musikalischen Reflexe.« <lb/>
                 Näßler fragte: »Die schwarzen Punkte auf der Karte, das ist <lb/>
                 wohl die Kohle?«-»Die blauen das Eisen und die roten das Erz.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie schauten beide in der gleichen Sekunde von der Karte <lb/>
                 auf und blickten sich schweigend an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es liegt nicht überall beisammen, was zusammen gehört«, <lb/>
                 sagte Näßler. </p>
            <pb facs="#f0370" n="366"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Das lehrt die Karte. Muß das so bleiben, wie es der Zu- <lb/>
                 fall zusammengewürfelt hat?« Hillgruber wurde lebhaft, in <lb/>
                 seine Augen trat ein selbstvergessener Schimmer, sie dunkel- <lb/>
                 ten langsam nach wie eine Lackpolitur. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Verfassen Sie einen Zeitungsartikel, Herr Näßler, Ihr <lb/>
                 Name darf aber nicht genannt werden, von besonderer Seite, <lb/>
                 muß es heißen. Schreiben Sie ungefähr Folgendes. Die For- <lb/>
                 derung der Gegenwart sei, ohne Mehraufwand an Kraft, <lb/>
                 Stoff und Zeit mehr zu erzeugen; rasche Ausdehnung oder <lb/>
                 Einschränkung der Produktion ohne erheblichen Verlust an <lb/>
                 Zeit und Geld, billige Herstellungskosten, wirtschaftlicher <lb/>
                 Nutzen und daher bessere Löhne durch präzise Einspannung <lb/>
                 des Arbeiters in einen auf die Minute geregelten Fertigungs- <lb/>
                 prozeß— das seien die Ziele eines organisierten menschlichen <lb/>
                 Produktionswillens. Gebrauchen Sie das Wort Rationalisie- <lb/>
                 rung, der Deutsche fliegt auf wissenschaftliche Ausdrücke <lb/>
                 wie der Falter aufs Licht. Machen Sie ein Beispiel, etwa so. <lb/>
                 Ein Hochofenwerk, ein Walzwerk, dicht beisammen, aber <lb/>
                 verschiedene Besitzer. Das Hochofenwerk hat Erzgruben weit <lb/>
                 weg. Das Walzwerk besitzt eine Erzgrube in der Nähe, da- <lb/>
                 für ist sein Hochofen weit weg. Was muß da geschehen? <lb/>
                 Sie müssen sich vereinigen. Das Hochofenwerk legt seine <lb/>
                 entfernten Erzgruben still und bezieht seinen Rohstoff von <lb/>
                 der Grube des Walzwerks, dafür legt das Walzwerk seinen <lb/>
                 entfernten Hochofen still und speist sich mit Roheisen und <lb/>
                 mit Gasen des benachbarten Hochofenwerks. Weisen Sie <lb/>
                 darauf hin, daß schon vor dem Kriege zwanzig Prozent des <lb/>
                 Aktienkapitals aller deutschen Maschinenbauanstalten ohne <lb/>
                 Dividende blieben und das Nominalkapital unserer sämtli- <lb/>
                 chen Aktiengesellschaften, das damals vierzehn Milliarden <lb/>
                 betrug, nur einen Gewinn von einer Milliarde und hundert <lb/>
                 Millionen abwarf. Fragen Sie: und heute? Malen Sie schwarz. <lb/>
                 Sprechen Sie von der Verschuldung, von dem Debakel, das <lb/>
                 selbstüberalte Industriefamilien hereinzubrechen droht. Kün- <lb/>
                 digen Sie das Emporkommen eines Überstaates der Finanziers <lb/>
                 an, der mächtiger als der Völkerbund sein werde. Betonen Sie, <lb/>
                 daß wer heute von ökonomischen Problemen redet, schon <lb/>
                 nicht mehr die Industrie, sondern die Bankwelt meint, ge-
                <pb facs="#f0371" n="367"/>
                <lb/>
                 brauchen Sie das Wort Zinsknechtschaft. Flechten Sie dann <lb/>
                 ein, daß eine Last leichter wiegt, wenn sie von vielen Schul- <lb/>
                 tern gemeinsam getragen wird, und daß man endlich beden- <lb/>
                 ken müsse, was für Geld und was für Nerven ein Kampf <lb/>
                 aller gegen alle koste, gerade wenn er, wie es in unserer In- <lb/>
                 dustriewelt zu sein pflege, in den freundschaftlichsten For- <lb/>
                 men geführt werde. Die Folgerung —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Also die Notwendigkeit einer Trustbildung«, fiel Näßler <lb/>
                 ein. Hillgruber neigte den Kopf etwas auf die rechte Schul- <lb/>
                 ter und äußerte sich nicht dazu. »Die Folgerung,« fuhr er <lb/>
                 fort, »überlassen Sie den Lesern. Wenn Sie aus Gelehrsam- <lb/>
                 keit und Gemeinverständlichkeit, aus Biedermeier und stan- <lb/>
                 dardisiertem Amerikanismus die richtige Mischung treffen, <lb/>
                 kann es nicht fehlen. Verstehen Sie, der Artikel muß so ab- <lb/>
                 gefaßt sein, daß man dahinter eine interessierte Persönlich- <lb/>
                 keit, aber keinen Interessenten vermutet. Der Unterschied <lb/>
                 wiegt nur wenige Gramm, und auf die kommt es an.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und mir trauen Sie das zu?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ihnen traue ich das zu.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wo soll der Artikel erscheinen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun —, in einem respektablen Blatt, das uns sehr nahe <lb/>
                 steht und doch unabhängig geleitet wird.« — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als der Artikel erschien, summte es in der Union wie in <lb/>
                 einem aufgescheuchten Wespennest. Der General glaubte <lb/>
                 seine Parole »Gemeinnützigkeit gegen Eigennutz« darin wie- <lb/>
                 derzuerkennen. Der Freiherr aber sagte zu Hiebenstein: »Ra- <lb/>
                 tionalisierung? Hat das nicht schon vor sechzig Jahren mein <lb/>
                 hochseliger Schwiegervater im Generalregulativ niederge- <lb/>
                 legt?« Der Finanzrat las in dem kleinen, grauen Heft, wel- <lb/>
                 ches das Brevier für die Risch-Zanderschen Beamten dar- <lb/>
                 stellte: »Rohstoffe sind stets in bester Qualität anzuschaffen, <lb/>
                 die möglichst vollkommene Fabrikationsmethode ist anzu- <lb/>
                 wenden, jede Verschwendung von Materialien muß vermie- <lb/>
                 den werden, keine Maschine und keine Kraft darf unbeschäf- <lb/>
                 tigt sein, immer muß erfinderische Ökonomie in Erschei- <lb/>
                 nung treten... Wahrhaftig. Welch simple Gebote der Pro- <lb/>
                 sperität! Und jetzt werden sie als Wirtschaftsmetaphysik neu <lb/>
                 entdeckt und wandeln mit geistigem Aufputz einher. Was
                <pb facs="#f0372" n="368"/>
                <lb/>
                 ich immer sage, die Alten haben die Probleme gelöst, ohne <lb/>
                 zu wissen, daß es welche waren. Immerhin. Immerhin.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die erste Rationalisierungsmaßnahme ging von der Gesell- <lb/>
                 schaft für Kohlebewirtschaftung aus. Sie bestand darin, daß <lb/>
                 die Gaswerke der westdeutschen Städte von den Zechenko- <lb/>
                 kereien mit Leuchtgas beliefert wurden. Es hieß, daß es Ver- <lb/>
                 schwendung sei, die Umwandlung in Energie fern von den <lb/>
                 Rohstoffen vorzunehmen. Es hieß, daß es Landesverrat sei, <lb/>
                 wenn manche Gaswerke billige englische Kohle verarbeiteten. <lb/>
                 Es hieß, daß es Unsinn sei, wenn die Gaswerke, die Koks <lb/>
                 als Nebenprodukt gewannen, bei erhöhtem Gasbedarf auf <lb/>
                 ihrem erhöhten Koksanfall sitzen blieben, während umge- <lb/>
                 kehrt die Kokereien jederzeit imstande seien, die erforder- <lb/>
                 lichen Mengen Gas als Nebenprodukt zu besorgen. Es hieß, <lb/>
                 daß es eine Verrücktheit sei, wenn die neun Milliarden Ku- <lb/>
                 bikmeter Gas, welche die Kokereien jährlich erzeugten, zur <lb/>
                 Beheizung von Koksöfen und Dampfkesseln vergeudet wür- <lb/>
                 den, wozu mindere Gassorten ebenso gut seien. Die Städte <lb/>
                 wehrten sich eine Zeitlang, die Sozialisten betrachteten das <lb/>
                 Vorhaben der Gesellschaft für Kohlebewirtschaftung als einen <lb/>
                 Schlag des Hochkapitalismus gegen die Gemeinwirtschaft, <lb/>
                 einige Kommunen erwarben sogar Kohlenfelder und Mu- <lb/>
                 tungen. Siegfried Hillgruber machte ein fröhliches Gesicht <lb/>
                 dabei. »Diese Oberbürgermeister«, sagte er, »mögen mit ge- <lb/>
                 pumptem Geld, das sie teuer zu stehen kommen wird, kau- <lb/>
                 fen, was und soviel sie wollen. Zechenbesitzer werden sie <lb/>
                 nie sein. Unter dreißig Milliönchen erschließt man heutzu- <lb/>
                 tage keine rentable Ausbeute, da werden sie gaffen, wenn <lb/>
                 sie aus ihrem Bluff mal was Ernstes machen sollen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aus seiner Schublade holte er ein Manuskript hervor. Es <lb/>
                 wurden darin dem Gaswerk einer großen Stadt Mißwirtschaft <lb/>
                 und Millionenverluste nachgewiesen. Er ließ es vervielfäl- <lb/>
                 tigen und an dreihundert Zeitungsredaktionen senden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So,« sagte er, »die Seifenblase der Oberbürgermeister <lb/>
                 mit Unternehmergelüsten ist geplatzt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alsbald schoben sich die Landstraßen entlang bleigraue <lb/>
                 Stahlrohre, gewaltig und glatt wie Nilpferdbäuche und zu-
                <pb facs="#f0373" n="369"/>
                <lb/>
                 sammengeschweißt zu Schlangenleibern von zweihundert Me- <lb/>
                 ter Länge; Kompagnien von Erdarbeitern warfen die Grä- <lb/>
                 ben aus, worein diese Ungetüme versenkt werden sollten, <lb/>
                 Ingenieure mit Plänen und Meßgeräten patrouillierten auf <lb/>
                 und ab, hemdärmelige Meister brüllten Befehle, Vorarbeiter <lb/>
                 schwenkten rote Fahnen, wenn die Sprengschüsse dumpf ins <lb/>
                 Gestein hieben. Viele tausend Meter liefen die Ferngaslei- <lb/>
                 tungen, immer neue Städte ergaben sich, die städtischen <lb/>
                 Werke funktionierten nur noch als örtliche Verteilungsstel- <lb/>
                 len und hatten pro Kubikmeter bloß drei Pfennig zu zahlen, <lb/>
                 was sie nicht abhielt, vom Verbraucher zwanzig zu nehmen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hillgruber sagte zu Näßler: »Sehen Sie. Hätte ich die Fel- <lb/>
                 genhauet-Wirtz-Elektro-Allianz nicht gesprengt, so wäre die- <lb/>
                 ses Geschäft nicht zu machen gewesen, wir hätten der Elek- <lb/>
                 trizitätsgesellschaft doch nicht mit dem Gas in die Quere <lb/>
                 kommen dürfen.« — »In der Tat,« entgegnete Näßler, »ich <lb/>
                 bewundere Ihre konstruktiven Ideen. Wie Ihr ganzes Werk, <lb/>
                 so ist auch dieses dem Fortschritt gewidmet, zunächst der <lb/>
                 technischen Entwicklung und durch sie dem wirtschaftlichen <lb/>
                 und ethischen Aufstieg.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bei alledem blieb Siegfried Hillgruber, er, der Konzern- <lb/>
                 baumeister, der zurückhaltende Mann des Hintergrundes. <lb/>
                 Er ließ die Anderen sich als die Großen fühlen, denn er, er <lb/>
                 war der Große. Sein Siegerländer Feinblechwerk baute er <lb/>
                 zur Holdinggesellschaft aus, die alle seine Beteiligungen zu <lb/>
                 verwalten hatte, und er erreichte damit eine vollkommene <lb/>
                 Undurchdringlichkeit seines Besitzes. Zwischendurch grün- <lb/>
                 dete er eine deutsch-französische Kolonialgesellschaft, die <lb/>
                 deutsche Industrieprodukte in den französischen Kolonien <lb/>
                 und französische Kolonialerzeugnisse in Deutschland ver- <lb/>
                 treiben sollte; hier saß er mit Mehren zusammen im Auf- <lb/>
                 sichtsrat; auch gliederte er sich eine holländische Erzhandels- <lb/>
                 gesellschaft an und zwei Motorenfabriken mit dreiundfünf- <lb/>
                 zig Millionen Jahresumsatz, welche Summe ungefähr dem <lb/>
                 Verkauf von neunzehntausend Motoren entsprach. Von <lb/>
                 Risch-Zander erwarb er die Majorität der ehemaligen Ge- <lb/>
                 schützfabrik Romeike, die in eine schlecht gehende Lokomo- <lb/>
                 tivbauanstalt umgewandelt worden war. Herr Romeike war
                <pb facs="#f0374" n="370"/>
                <lb/>
                 inzwischen verstorben, die Erben bewirtschafteten ein Gut <lb/>
                 in Mecklenburg. »Sie sind heimgekehrt,« sagte Hillgruber, <lb/>
                 »von der Scholle kamst du, zur Scholle sollst du wieder ge- <lb/>
                 hen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es gelang ihm, von der Regierung eine Subvention von <lb/>
                 fünfzehn Millionen zu ergattern — »ja, da kräht kein Hahn <lb/>
                 danach, ist Romeike als Geschützfabrik nicht eigentlich im- <lb/>
                 mer ein verkappter Staatsbetrieb gewesen?« Mittels dieser <lb/>
                 fünfzehn Millionen unterbot er im Auslandsgeschäft alle üb- <lb/>
                 rigen Lokomotivfabriken. Die schrien um Hilfe: das sei eine <lb/>
                 nette Geschichte, einen kranken Betrieb zu subventionieren, <lb/>
                 damit er die gesunden auch noch krank mache! Das wirke <lb/>
                 ja direkt demoralisierend, wenn man einen Lebensunfähigen <lb/>
                 mit Unterstützungen am Leben erhalte, statt die Ursache sei- <lb/>
                 ner Lebensunfähigkeit zu beseitigen! Na schön, sagte Hill- <lb/>
                 gruber, eben das will ich ja. Bilden wir mal einen Ring, <lb/>
                 wir Lokomotivfabriken, und regeln wir unseren Absatz ent- <lb/>
                 sprechend unserer Kapazität. Dann könnt ihr mir ja meine <lb/>
                 Quote abkaufen und nachher meine Bude zumachen. —Wa- <lb/>
                 rum sollte er sein Verfahren nicht auch einmal am eigenen <lb/>
                 Leibe ausprobieren lassen, wenn es zu seinen Gunsten ging? <lb/>
                 Denn selbstverständlich hatte er nicht versäumt, mittels jener <lb/>
                 fünfzehn Millionen vorher noch schnell seine Kapazität zu <lb/>
                 erhöhen. Und siehe da, sein Wille geschah. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So lebte er im Schutze eines persönlichen, wirtschaftlichen <lb/>
                 und finanziellen Geheimnisses. So war er mit Näßlers und <lb/>
                 Mehrens Freundeshilfe überall da, wo Entscheidungen fielen, <lb/>
                 ohne daß er jemals hervortrat. Die Fernwirkung ging von <lb/>
                 seinem Schreibtisch aus. Die Bilanzen seiner Holdinggruppe <lb/>
                 zeigten keine Spuren von Aktienkäufen. Er operierte mit <lb/>
                 nicht ausgeschütteten und nicht ausgewiesenen Gewinnen. <lb/>
                 Wer hundert Millionen Aktien hat, dem werden noch weitere <lb/>
                 hundert gegeben, pflegte er zu sagen; die Bilanz für den <lb/>
                 internen Gebrauch ist schnell gemacht, das ist ja nur eine <lb/>
                 fachliche Angelegenheit, aber eine Bilanz für den öffent- <lb/>
                 lichen Gebrauch herzustellen, das streift schon das Gebiet <lb/>
                 des Künstlerischen, das ist eine Angelegenheit der Psycho- <lb/>
                 logie; ob man mit Gewinn oder Verlust abschließt, ist mei-
                <pb facs="#f0375" n="371"/>
                <lb/>
                 stens keine kaufmännische Frage, sondern eine Frage der <lb/>
                 Einfühlung in die jeweilige öffentliche Atmosphäre; zum <lb/>
                 Glück hat man in dem Posten »Abschreibungen« immer <lb/>
                 einen beweglichen Koeffizienten zur Verfügung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dreimal im Winter dirigierte er in seinem Konzertsaal. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Meisterhaft handhabte er die Telekinese. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon nannte man ihn die »Montansphinx«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kohle trat in eine neue Epoche ein. Nach gefährlichen <lb/>
                 Schwankungen triumphierte sie über Öle und Wasserkräfte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als die Ferngasversorgung in vollem Gange war, starb <lb/>
                 Ottokar Wirtz. Seine letzten Worte waren: »Es wird ge- <lb/>
                 glaubt, daß die Führer industrieller Werke diese Unterneh- <lb/>
                 mungen tatsächlich leiten... In Wirklichkeit werden wir von <lb/>
                 den Werken geleitet... Sie verfügen über unsere Person und <lb/>
                 unsere Zeit mit einer Despotie, die ohnegleichen ist...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine Angestellten widmeten ihm einen. Nachruf, worin <lb/>
                 sie gelobten, das Andenken an diesen vorbildlichen Führer <lb/>
                 in Ehren zu halten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An seinem Grab legte Krogoll einen Kranz aus Marechal- <lb/>
                 Niel-Rosen nieder. Auf der Schleife las man: »Die Soldaten <lb/>
                 der Union von Kohle und Eisen neigen sich vor dem Sarg <lb/>
                 ihres Waffenbruders.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 SECHZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schacht III der Risch-Zanderschen Zeche »Glückli- <lb/>
                 cher Morgenstern« gehörte zu den modernsten im Kohlen- <lb/>
                 revier. Der Koloß des Kohlenturms der Kokerei, derselbe, <lb/>
                 der Paula Griguszies in eine seltsame Unruhe versetzt hatte, <lb/>
                 sah von weitem wie das Felsplateau eines kriegerischen Boll- <lb/>
                 werks aus; und die Turmförderanlage, die, um Platz zu spa- <lb/>
                 ren, unmittelbar über dem Schacht errichtet war und in fünf- <lb/>
                 zig Meter Höhe das Maschinenhaus trug, fügte der Silhouette <lb/>
                 der Stadt neue Züge ein von einer bestürzenden Wucht. <lb/>
                 Dreihundert Tonnen Eisen staken in dem Turm, achthundert <lb/>
                 Tonnen Hochofenzement und sechstausend Tonnen Rhein-
                <pb facs="#f0376" n="372"/>
                <lb/>
                 kies, und in seinem Verließ war Raum für dreitausend Ton- <lb/>
                 nen Feinkohle und dreihundert Tonnen Löschwasser. Dabei <lb/>
                 ruhte dieses furchtbare Gewicht samt den Koksöfen, wo die <lb/>
                 Kohle unter Luftabschluß erhitzt wurde, auf einem rissigen <lb/>
                 und wackligen Baugrund, und ein einziger Bruch in der <lb/>
                 Ofenwand hätte schon einen verstärkten Heizgasverbrauch <lb/>
                 bedingt und verringerte Gewinnung von Teer und Ammo- <lb/>
                 niak aus den entweichenden Dämpfen; aber die mürbe Erde <lb/>
                 war gestrafft durch ein orthopädisches Fundament, ihr aus- <lb/>
                 gehöhlter Leib gegürtet mit einem Streckkorsett aus lauter <lb/>
                 einzelnen Drahtkästen, die untereinander gitterförmig ver- <lb/>
                 strebt waren und ausgestopft mit Beton. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Obgleich Pessimismus die große Mode war, drosselte Neu- <lb/>
                 feind nicht das Bauprogramm. Er sagte: »Alle unsere Neu- <lb/>
                 anlagen dienen der Verbesserung unserer Erzeugnisse und <lb/>
                 der Verbilligung unserer Selbstkosten, beides Ziele, die <lb/>
                 um so erstrebenswerter sind, je unbefriedigender der <lb/>
                 Markt ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Fördermaschinenhaus hing da in der Luft wie eine <lb/>
                 Keule; es war ganz verglast, taghell war es drinnen; der elek- <lb/>
                 trische Antriebsmotor verbürgte eine Zugleistung von 5000 <lb/>
                 Pferdekräften. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf einem Stuhl sitzend, bediente der Maschinist mit der <lb/>
                 rechten Hand den Steuerhebel, der den Gang des Motors <lb/>
                 leitete, und den Bremshebel mit der linken. Achtzehn Meter <lb/>
                 in der Sekunde war die Geschwindigkeit des Förderkorbes <lb/>
                 für Güter, zehn für Personen; und unabhängig von der Mus- <lb/>
                 kelkraft, der Nervosität und dem Temperament des Maschi- <lb/>
                 nistenarmes setzte sich der Korb in Fahrt, beschleunigte und <lb/>
                 verlangsamte er sie, denn dieser Arm, mochte er zart oder <lb/>
                 grob, ruhig oder zitternd sein, berührte den Steuerhebel nur <lb/>
                 mittelbar durch einen Druckknopf, der sofort eine automa- <lb/>
                 tische, gleichmäßige und langsam schleifende Bewegung aus- <lb/>
                 löste. Ohne die gefahrvollen Stöße, welche die Seile so <lb/>
                 schnell abnutzten und so leicht zum Rutschen brachten ‚ohne <lb/>
                 Pendeln und Klopfen sausten die Körbe in den Schacht hin- <lb/>
                 unter, mit einer übermenschlichen Sicherheit setzten sie an <lb/>
                 den einzelnen Schachtsohlen auf. </p>
            <pb facs="#f0377" n="373"/>
            <p>
                <lb/>
                 Für einen Menschen war die Verantwortung zu schwer, <lb/>
                 Tag für Tag in der surrenden, flimmernden Einsamkeit die- <lb/>
                 ses Maschinenhauses zu leben, Tag für Tag in der zerstören- <lb/>
                 den Angst vor einem kleinen Fehlgriff, einem winzigen Nach- <lb/>
                 lassen der geistigen Spannkraft — in jeder Ladung saß das <lb/>
                 Unglück, saß der Tod und wartete nur darauf. Die technische <lb/>
                 Energie trug die Verantwortung leichter. In jeder Sekunde <lb/>
                 meldete der Teufenzeiger die Stellung der Körbe im Schacht. <lb/>
                 In jeder Sekunde schrieb ein automatischer Zeichenstift die <lb/>
                 Geschwindigkeit an. In jeder Sekunde vermerkte ein anderer <lb/>
                 die von Hängebank und Füllort, den verschiedenen Halte- <lb/>
                 stellen, eingehenden Signale, die sich gleichzeitig durch Glok- <lb/>
                 ken und aufflammende Lichter ansagten. So war der Maschi- <lb/>
                 nist entlastet, so stand er aber auch unter Kontrolle, seine <lb/>
                 Unachtsamkeit war jederzeit ablesbar. Jedes Versagen des <lb/>
                 Stromes, jede Fahrlässigkeit, jede Abweichung vom Regel- <lb/>
                 mäßigen wurde von der Maschine mit einer mechanischen <lb/>
                 Einschaltung der Sicherheitsbremse beantwortet. Die För- <lb/>
                 derkörbe waren vierstöckig und mit vierundsechzig Mann be- <lb/>
                 setzt, acht Sätze zu je acht Mann, die ihre Plätze zu gleicher <lb/>
                 Zeit von besonderen Bühnen aus einnahmen; auf jeder Bühne <lb/>
                 stand ein »Anschläger«, so hieß der Melder, der ohne Rück- <lb/>
                 sicht auf die Anderen sein Signal auf Fertig stellte, sobald sein <lb/>
                 Satz fahrbereit war; aber erst wenn alle acht fertiggemacht <lb/>
                 hatten, erschien selbsttätig beim Maschinisten das Signal zur <lb/>
                 Anfahrt, löste sich selbsttätig die Bremse, die bis zu diesem <lb/>
                 Zeitpunkte automatisch gesperrt war. Das Gehirn, das Ge- <lb/>
                 fühl, das Nervensystem dieser Maschine, die für jede Störung <lb/>
                 das Heilmittel in sich trug, war vollkommener als es bei <lb/>
                 einem Menschen je sein könnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Trotzdem, vergessen wir es nicht, trotzdem war sie nichts <lb/>
                 ohne die Überwachung durch den Geist des Menschen, aus <lb/>
                 dem sie geboren war. Der Maschinist fühlte sich weder als <lb/>
                 ihr Herr noch als ihr Sklave. Er fühlte sich als ihr Genosse. <lb/>
                 Er ging mit ihr um, wie er mit dem Mechanismus seiner <lb/>
                 Familie umging, er schläferte sie ein, wie er seine Kinder <lb/>
                 einschläferte, und feuerte sie an, wie er seine Frau in der <lb/>
                 Umarmung anfeuerte. Es war ganz alltäglich, und es war
                <pb facs="#f0378" n="374"/>
                <lb/>
                 keine Unnatürlichkeit dabei und auch keine außergewöhn- <lb/>
                 liche Empfindung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vom Maschinenhaus überblickte man den ganzen Betrieb, <lb/>
                 Gebäude, Krane, Ofenbatterien, Kohlenwäsche, Gleisdrei- <lb/>
                 ecke, Lokomotiven, Kohlenverladung, Seilbahnen, an denen <lb/>
                 die Kippwägelchen schwebten wie Regentropfen am Telefon- <lb/>
                 draht, und ganz am Ende, bereits in das Dächergetümmel der <lb/>
                 wie ein plastisches Spielzeug ausgebreiteten Stadt übergehend, <lb/>
                 die neue Brikettfabrik. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fast die Hälfte der Förderung im Revier war kleinkörnige <lb/>
                 Feinkohle, die in den Kokereien verarbeitet wurde, wenn sie <lb/>
                 aus Fettflözen stammte, und in den Brikettfabriken, wenn sie <lb/>
                 aus Magerflözen kam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf »Glücklicher Morgenstern« war die Brikettfabrik ein <lb/>
                 schmales, sehr hohes und langes Gebäude, an welches drei <lb/>
                 rechteckige Holztürme angeklebt waren, die unten noch ein <lb/>
                 schräges Nebengelaß hatten: Becherwerke, welche die Roh- <lb/>
                 stoffe, Baggern gleich, an den Zubereitungsort beförderten. <lb/>
                 In jenen Türmen lagerte die aufbereitete Brikettkohle, um <lb/>
                 von dort in die Mischteller zu rieseln, die wie unförmige, auf- <lb/>
                 recht stehende Schalltrichter waren. Ein Schneckengang <lb/>
                 knirschte, ein zähnefletschender Rachen spie Pechmehl hinein; <lb/>
                 das wurde nun miteinander ein zäher Brei; durch überhitzten <lb/>
                 Dampf zu Teig geknetet, rollte er fort in die Presse, die mit <lb/>
                 zwei Stempeln von oben und unten darauf drückte, bis es <lb/>
                 harte Kuchen wurden; endlich ausgestoßen, fielen sie auf ein <lb/>
                 Band, das sie flatternd aufgriff und fortschob, hops, über eine <lb/>
                 Rutsche weg, gleich in den Waggon. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hier, an der Brikettpresse, arbeitete Hellmut Fries, der <lb/>
                 Sohn des Betriebsrates, ein schwächlicher Mensch mit träu- <lb/>
                 merisch umflorten und ein wenig schräg gestellten Augen. <lb/>
                 Seine schäumende Sehnsucht, der Industrie zu entfliehen, <lb/>
                 wurde gezähmt durch den Zwang, sich mit ihr abzufinden, <lb/>
                 weil’ sie das tägliche Brot hergab. Er war ein Lyriker und <lb/>
                 sang Hymnen auf die Maschinen, die er mit Kirchenorgeln <lb/>
                 verglich; er sagte, Arbeit hieße die neue Religion, ein Leben <lb/>
                 in Arbeit, Schönheit und Liebe sei der Dreiklang in Harmo-
                <pb facs="#f0379" n="375"/>
                <lb/>
                 nie, aber seine Hymnen waren im Grunde nur eine andere <lb/>
                 Art zu hassen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wenn die Presse keuchte, wanderte er ruhelos herum, <lb/>
                 hörte die schwarzen Kuchen wimmern unter dem greulichen <lb/>
                 Druck, das Blut strömte ihm zu Herzen, eine unirdische Ver- <lb/>
                 wandlung ging mit ihm vor, seine Stirn schmerzte, auf einmal <lb/>
                 fühlte er sich aller Schwere ledig und begann, in fremden <lb/>
                 Zungen zu reden. Was er redete, das schrieb er nieder; es <lb/>
                 war ihm, als sei etwas Innerliches von ihm gefallen, als hät- <lb/>
                 ten sich seine Adern geöffnet und verspritzten in ekstatischen <lb/>
                 Strahlen sein Blut, wenn es in ihm sang: </p>
            <lg type="verse">
                <lg>
                    <lb/>
                    <l>»Hei — mein Brikett! Wie schwarz es funkelt,</l>
                    <lb/>
                    <l>Gepreßt in Schmerzen und in Not;</l>
                    <lb/>
                    <l>Und wenn es abendlich nun dunkelt, </l>
                    <lb/>
                    <l>Glüht im Kamin die Wunde rot —</l>
                </lg>
                <lg>
                    <lb/>
                    <l>So wie in alten Märchentagen</l>
                    <lb/>
                    <l>Des Helden Wunde neu entbrannt,</l>
                    <lb/>
                    <l>Wenn der, so tückisch ihn erschlagen,</l>
                    <lb/>
                    <l>Im Dom vor seiner Leiche stand.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <lb/>
                    <l>Der Schwärze trotzt dein Lichtgefunkel,</l>
                    <lb/>
                    <l>In dir pulst noch die Lebenskraft:</l>
                    <lb/>
                    <l>Doch mein Herz ist voll tiefem Dunkel,</l>
                    <lb/>
                    <l>Ein Dornenhag ohn’ Wunderkraft.«</l>
                </lg>
            </lg>
            <p>
                <lb/>
                 Sie wußten es alle, und der Vater, der sich selbst eines <lb/>
                 großen künstlerischen Empfindens bezichtigte, erzählte es <lb/>
                 voller Stolz: Hellmut Fries machte Gedichte, die Lokalzei- <lb/>
                 tungen waren voll davon, Hellmut Fries war der Arbeiter- <lb/>
                 dichter von Risch-Zander. Er selbst sagte von sich, daß <lb/>
                 er aus Seelennot, Kraftgefühl und Stolz zum Dichten ge- <lb/>
                 kommen sei. Einerlei — ein Volksschüler konnte Reime <lb/>
                 schmieden, ein ungebildeter Mann beherrschte das Versmaß, <lb/>
                 ein einfacher Arbeiter hatte die Gabe, Werkstattschuppen <lb/>
                 mit derselben Wehmut zu sehen wie ein Kornfeld, und ein <lb/>
                 Gemisch aus Kohlenstaub und Pechmehl ebenso human zu <lb/>
                 betrachten wie ein menschliches Herz — was für soziale Er- <lb/>
                 rungenschaften, was für Umwälzungen auf dem Markt- der
                <pb facs="#f0380" n="376"/>
                <lb/>
                 Literatur! Bald, bald mußte es so weit sein, daß es für vor- <lb/>
                 nehm galt, eine schwielige Faust zu haben und eine unge- <lb/>
                 schlachte Ausdrucksweise. »Unser der Sieg!« sagte Fries. <lb/>
                 Auch der Freiherr war gerührt, als er davon vernahm, ließ <lb/>
                 sich den Dichter vorstellen, sah ihm lange in die schöpferi- <lb/>
                 schen Augen und beauftragte ihn mit der Erschaffung einer <lb/>
                 Nationalhymne für die Rischianer. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bis zur Siebenhundertfünfzig-Meter-Sohle war Schacht III <lb/>
                 jetzt abgeteuft. Auf der siebenten Sohle war eine warme, <lb/>
                 radioaktive Quelle angeschlagen worden, die auf Vorschlag <lb/>
                 des Wohlfahrtsdirektors van der Gathen in ein Badehaus ge- <lb/>
                 leitet wurde und den Kassenpatienten zur Kur gegen Rheu- <lb/>
                 matismus und Ischias diente. Die Aufsicht darüber wurde <lb/>
                 dem Waschkauenwärter Jakob Kalinna übertragen, einem <lb/>
                 feuerfesten Rischianer, der schon die Siebzig hinter sich hatte <lb/>
                 und von allen Bergleuten, Übertagarbeitern und Steigern <lb/>
                 »Opa« genannt wurde. Er war Mitwisser aller Vorfälle, die <lb/>
                 sich irgendwo auf der Schachtanlage zutrugen, und schlich- <lb/>
                 tete alle Streitigkeiten ohne Ansehen der Partei, denn als <lb/>
                 Überbleibsel aus der Patriarchenzeit durfte er sich vieles <lb/>
                 herausnehmen. Auch über die Steiger hatte er die Gerichts- <lb/>
                 barkeit. Da war zum Beispiel einer, der die Gewohnheit <lb/>
                 hatte, vollbeladene Kohlenwagen umzukippen, bevor sie <lb/>
                 zum Förderschacht kamen, und die schlecht beladenen damit <lb/>
                 auffüllen zu lassen. Es sei ein gutes Erziehungsmittel, sagte <lb/>
                 er, wenn die Allgemeinheit für die betrügerischen Schufte <lb/>
                 büße, die ihre Wagen nicht ordentlich voll machten —, denn <lb/>
                 nach der Zahl der zum Schacht geschickten Wagen richtete <lb/>
                 sich ja der Akkordlohn, das »Gedinge«, wie es bei den Kum- <lb/>
                 pels hieß. Jakob Kalinna aber war es, der den Steiger stellte: <lb/>
                 »Ihr nehmt ja den guten Arbeitern die Wagen fort, das ist <lb/>
                 doch nicht recht, das ist doch Diebstahl, da werden die ja um <lb/>
                 ihr Sauerverdientes gebracht! Mein seliger Herr, der alte Herr <lb/>
                 Risch, hätte Euch eins mit dem Krückstock gegeben!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jakob Kalinna sprach salomonisches Recht, Jakob Kalinna, <lb/>
                 der Opa, war besser als das Berggericht. Sein Kopf war wie <lb/>
                 aus unbehauenem Granit, sein Bart sah aus, als sei er aus
                <pb facs="#f0381" n="377"/>
                <lb/>
                 Barbarossas Steintisch herausgezogen worden, von der Mitte <lb/>
                 aus war er nach unten in zwei lange Zotteln geteilt, die ihr <lb/>
                 Ende erst unterhalb der Brust erreichten. Als ganz junger <lb/>
                 Arbeiter in der Reparaturwerkstatt des Bessemerwerks be- <lb/>
                 schäftigt, hatte er im Jahre 1876 das Glück gehabt, unter den <lb/>
                 Auserwählten zu sein, die mit dem alten Risch zur Weltaus- <lb/>
                 stellung nach Philadelphia fuhren; später hatte er immer am <lb/>
                 Tisch der großen Herren von der Schützengesellschaft »St. <lb/>
                 Sebastianus« sitzen dürfen, die ihn als Spaßmacher gern hat- <lb/>
                 ten — er freilich glaubte, daß sie den Standesunterschied auf- <lb/>
                 heben wollten, »das sind noch Herren!« sagte er. Während <lb/>
                 des Krieges hatte er mit einem Soloquartett eine Reise in die <lb/>
                 Etappe gemacht und in Lazaretten und Quartieren seine ker- <lb/>
                 nigen Lieder erklingen lassen, wovon er jetzt noch ein per- <lb/>
                 sönliches Dankschreiben des Feldmarschalls in der Brust- <lb/>
                 tasche und »den Sängerschlapphut kecklich im Genick« trug, <lb/>
                 wie dergleichen in der Landessprache genannt wurde. Immer <lb/>
                 hatte er diesen Hut auf. Es war ein unabsetzbarer Hut. <lb/>
                 Jakob Kalinna besaß auch den Ehrenbrief des Deutschen <lb/>
                 Sängerbundes für fünfzigjährige Sängertätigkeit. Er war Mit- <lb/>
                 glied des Trainvereins und Kassierer des Theatervereins <lb/>
                 »Heideblümchen«, außerdem Ehrenvorsitzender der Frei- <lb/>
                 willigen Sanitätskolonne Risch-Zander. Als solcher hatte er <lb/>
                 bei der Fahnenweihe eine schöne Ansprache gehalten; »eigent- <lb/>
                 lich ist das hier keine Zeit, für Feste zu feiern,« hatte er ge- <lb/>
                 sagt, »aber wir haben dem vielseitigen Wunsch der Kamera- <lb/>
                 den nachkommen müssen, und so möchte die Feier auch ge- <lb/>
                 tragen sein in aller Ehrfurcht vor die gute Sache, weil das <lb/>
                 liebe rote Kreuz auf die weiße Fahne doch bedeuten soll, <lb/>
                 daß der Mensch edel, hilfreich und gut ist.« Aber so schön <lb/>
                 das war, so war doch der letzte Rosenmontag in der Karne- <lb/>
                 valsgesellschaft »Hahnenköppen« noch schöner gewesen, <lb/>
                 hatte doch endlich das Narrenlicht der Fastnachtsbräuche wie- <lb/>
                 der aufgehen dürfen. Mit neun jungen Burschen hatte der <lb/>
                 Opa auf dem Karrenrad gesessen, das auf einem Pfahl wie eine <lb/>
                 Drehscheibe befestigt war, und von wo aus während des <lb/>
                 Rundlaufs mit dem Holzsäbel der Kopf eines toten Hahns <lb/>
                 abgeschlagen werden mußte, der über dem Rad an einem
                <pb facs="#f0382" n="378"/>
                <lb/>
                 Galgen baumelte. Es war eine gar ehrwürdige Sitte, und <lb/>
                 unter neun schneidigen Mitbewerbern hatte Jakob Kalinna, <lb/>
                 der Alte und Ewigjunge, die Würde des Hahnenkönigs er- <lb/>
                 rungen. Dafür hatte er allerdings »einen ausgeben« müssen, <lb/>
                 doch Mutter Kalinna, die sonst knickrig war, sah so etwas <lb/>
                 gern und hielt tüchtig mit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von seinen Kindern gehörten zwei Söhne und zwei <lb/>
                 Schwiegersöhne ebenfalls zum Volksstamm der Rischianer, <lb/>
                 und auch mit dem dritten Schwiegersohn sollte es nicht an- <lb/>
                 ders sein. Dieser war nämlich, o Ironie des Schicksals, die- <lb/>
                 ser war Adam Griguszies. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seit einem Jahr ging er nun mit Alma Kalinna. Sie war <lb/>
                 älter als er, fast dreißig, gefallsüchtig und ein wenig hoch- <lb/>
                 staplerisch veranlagt; eben dies war auch der Grund, <lb/>
                 weshalb sie noch keinen Mann hatte. Zwar hatte es ihr an <lb/>
                 Freiern nicht gefehlt, aber ein gewöhnlicher Arbeiter war <lb/>
                 ihr nicht fein genug, hu, jede Woche blaue Hosen und Kittel <lb/>
                 waschen und jedes Jahr ein Kind kriegen! — und die kleinen <lb/>
                 Angestellten, nach denen sie angelte und die auch mit ihr <lb/>
                 anbändelten, zogen sich zurück, sobald sie merkten, daß sie <lb/>
                 nicht einmal eine Wäscheaussteuer hatte. Wie sollte sie auch, <lb/>
                 sie stand in jenem Werkskonsum, wo auch Paula Griguszies <lb/>
                 bediente, an der Packtheke, und da sie immer sehr nobel <lb/>
                 herausgeputzt war, ging ihr Lohn natürlich drauf. Obwohl <lb/>
                 heimlich froh, wenn ihr die Kavaliere auf der Straße nach- <lb/>
                 stiegen, ließ sie sich doch nicht mit solchen ein, die sie nur <lb/>
                 zum Vergnügen haben wollten. »Ehrbar ist sie,« erzählte <lb/>
                 Paula Griguszies von ihr, »ganz andre Rasse wie Leni Milius, <lb/>
                 alles was recht ist, und häuslich, kann kochen und nähen, <lb/>
                 wenn sie bloß nicht den hochtrabenden Sparren hätte, nich! <lb/>
                 Denk’ mal, ihr Vadder heißt Jakob, der Name is ihr aber zu <lb/>
                 proletarisch, da gibt sie an, daß er Viktor hieße, Mann, is dat <lb/>
                 ’ne Prahlschickse!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf einem Spaziergang war Adam mit ihr zusammen- <lb/>
                 getroffen, in den ergrünenden Wäldern am Fluß. Der Kuk- <lb/>
                 kuck rief und Alma sagte schelmisch: »Hoffentlich haben Sie <lb/>
                 jetzt Geld in der Tasche, Herr Griguszies, da haben Sie näm- <lb/>
                 lich das ganze Jahr welches.« Ihre melodische Stimme lockte
                <pb facs="#f0383" n="379"/>
                <lb/>
                 ihn, sie erinnerte von fern an die Stimme seiner Schwester, <lb/>
                 er verliebte sich gleich in sie; und Alma dachte: »Der wäre <lb/>
                 eine Partie für mich, ein Betriebsrat ist schon was Besseres, <lb/>
                 der braucht wenigstens nicht zu arbeiten und kann sich immer <lb/>
                 anständig anziehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ringsum eilten die Menschen den Gartenwirtschaften zu, <lb/>
                 sie trugen Schuhkartons in der Hand, worin sie die Butter- <lb/>
                 brote verpackt hatten; Adam fragte, ob sie auch irgendwo <lb/>
                 Kaffee trinken sollten, und Alma nannte ein Lokal, wo keine <lb/>
                 Musik war, aber über jedem Tisch ein Sonnenschirm, und wo <lb/>
                 infolgedessen nur gute Bürger sich niederließen. Die »Ge- <lb/>
                 wöhnlichen« suchten nämlich jene Etablissements auf, wo <lb/>
                 ein Lautsprecher grunzte, ein Vereinskomiker Couplets vor- <lb/>
                 trug und der Garten abends bunt illuminiert war (doch gab <lb/>
                 es auch hier noch Absonderungen nach Farbe und Art der <lb/>
                 Tischdecken); und die Proleten schreckten überhaupt zu- <lb/>
                 rück vor gedeckten Tischen und gingen nur in jene kleinen <lb/>
                 Bauernwirtschaften, wo ungehobelte Bänke rund um eben- <lb/>
                 solche Tische liefen. Nebendran hatten sie dann die Kinder- <lb/>
                 wagen stehen, und die griesgrämigen Frauen schütteten <lb/>
                 Milch in die Schreihälse hinein aus Flaschen, die dick in Zei- <lb/>
                 tungspapier eingewickelt und zwischen den Federkissen warm <lb/>
                 gehalten waren. Puh, wie ordinär, Alma rümpfte die Nase. <lb/>
                 Einmal hatte sie mit ihrem Bruder in einem solchen »Bums« <lb/>
                 gesessen, der Tisch roch sauer von den Rückständen der Bier- <lb/>
                 gläser und war voll Brotgebröckel; ein Stück Torte hatte sie <lb/>
                 verlangt, und der Sonntagskellner mit seinem schmierigen <lb/>
                 Wischtuch hatte gesagt: »Torte is keine da, haben wir früher <lb/>
                 mal gehabt, is uns immer verdorben, Torten können se ja <lb/>
                 in der Stadt haben, laß se Bauernstuten essen, wenn se hier <lb/>
                 rauskommen.« Es war zum Lachen, so eine Anmaßung, den <lb/>
                 Gästen vorzuschreiben, was sie essen sollten; na, einmal und <lb/>
                 nicht wieder, dachte Alma. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So saßen sie jetzt im Ratsgarten am Fluß, unter blühenden <lb/>
                 Kastanien, und die kleinen Motorboote furchten das Wasser, <lb/>
                 taktmäßig pochend wie Spechte an den Bäumen, und an den <lb/>
                 Landebrücken, die bei diesen eingekapselten Binnenländern <lb/>
                 »Wasserbahnhöfe« hießen, quetschten sich schwarze Men-
                <pb facs="#f0384" n="380"/>
                <lb/>
                 schenhaufen, eingeschüchtert von dem rohen Geschtei <lb/>
                 schnauzbärtiger Schiffer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alma beobachtete Adam, er gefiel ihr, er wußte sich zu be- <lb/>
                 nehmen. »Wenn er auch Kommunist ist —, pah, die Politik <lb/>
                 ist mir schnuppe.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und Adam? War für ihn etwa die Politik erquicklich? <lb/>
                 Seit der Vereinigung der Unabhängigen mit den Mehrheits- <lb/>
                 sozialisten war die Partei voll unsicherer Kantonisten, die <lb/>
                 nicht wußten, wohin sie gehörten, voller Überläufer und <lb/>
                 Nutznießer der Konjunktur aus allen Lagern. Ein Bilgen- <lb/>
                 stock war Redakteur. des Parteiblattes geworden, Friedrich <lb/>
                 Bilgenstock, jener Lump, der im Krieg der niedrigste unter <lb/>
                 den Kapitalsvögten gewesen war! Vergebens hatte Griguszies <lb/>
                 versucht, die Erinnerung daran aufzufrischen und die ver- <lb/>
                 hängnisvolle Meinung der Genossen zu bekämpfen, daß die <lb/>
                 Vergangenheit eines Menschen gleichgültig sei; sie hatten <lb/>
                 ihm entgegnet: »Wir haben in die Partei so viele frühere <lb/>
                 Unteroffiziere, die ihre Rekruten in’n Arsch getreten haben, <lb/>
                 wenn wir die alle rausschmeißen wollten! Das System hat <lb/>
                 eben die Menschen so gemacht, Schwamm darüber, wir haben <lb/>
                 einen Mann nötig, der federgewandt ist und ein bißchen re- <lb/>
                 präsentieren kann, und überhaupt — unserer Idee können so- <lb/>
                 gar die Mitläufer nichts schaden.« Das also war die Antwort, <lb/>
                 und im Fall Bilgenstock mußte er sich sogar in acht nehmen, <lb/>
                 daß sie ihn nicht noch einer persönlichen Rachsucht verdäch- <lb/>
                 tigten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstock aber gab eine verrückte Parole nach der an- <lb/>
                 deren aus, putschte die Arbeiter auf und jagte sie von Nieder- <lb/>
                 lage zu Niederlage. Adam, der doch alles übersehen konnte, <lb/>
                 wurde nicht gefragt; es wurde einfach von ihm verlangt, daß <lb/>
                 er mit dem Kopf durch die Wand renne. Im Betriebsrat hatte <lb/>
                 er einen ewigen Zweifrontenkrieg zu führen, gegen die <lb/>
                 menschenunmöglichen Parolen Bilgenstocks und gegen den <lb/>
                 verbrecherischen Revisionismus des »Sozialfaschisten« Fries. <lb/>
                 Es war so dumm, es ekelte ihn an. Der eine denunzierte den <lb/>
                 anderen, der eine nannte unbesehen alles unvernünftig, was <lb/>
                 von dem anderen kam; lehnte Fries eine Forderung ab, weil <lb/>
                 sie zuerst von den Kommunisten aufgestellt worden war (ob-
                <pb facs="#f0385" n="381"/>
                <lb/>
                 wohl er ihre Richtigkeit bei sich selber nicht bestreiten konn- <lb/>
                 te), so wurde Griguszies von Bilgenstock gezwungen, eine <lb/>
                 Forderung, mochte sie noch so richtig sein, abzulehnen, <lb/>
                 wenn sie von den Sozialdemokraten erhoben wurde. Ent- <lb/>
                 rüstete sich Fries: »Was würden unsere Arbeitgeber sagen, <lb/>
                 wenn wir uns von Moskau ins Schlepptau nehmen ließen!«—, <lb/>
                 so entrüstete sich Bilgenstock: »Unsere Genossen würden <lb/>
                 sagen, wofür seid ihr Kommunisten, wenn ihr mit den Sozial- <lb/>
                 faschisten gemeinsame Sache macht!« Es war so dumm, es <lb/>
                 ekelte an. Der lachende Dritte war der Finanzrat Hiebenstein. <lb/>
                 Allmonatlich einmal empfing er den Betriebsausschuß zu <lb/>
                 einer Besprechung über die wirtschaftliche Lage, und gleich <lb/>
                 das erste Mal, als wieder von der Erhöhung der Arbeitszeit <lb/>
                 die Rede war und Griguszies etwas Programmatisches vor- <lb/>
                 bringen wollte, schnitt ihm Fries das Wort ab: ihm stehe gar <lb/>
                 kein Widerspruchsrecht zu, wo doch in Sowjetrußland die <lb/>
                 zwölfstündige Arbeitszeit mit Zwangsmitteln eingeführt sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Finanzrat schob die Hände in seine Rocktaschen und <lb/>
                 sagte: »Immerhin. Mehrarbeit ist das einzige Mittel, die Ar- <lb/>
                 beiterschaft vor Entlassungen und die Wirtschaft vor dem <lb/>
                 Abgrund des Bankerotts zu bewahren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Betriebsrat Fries wohnte in der Grusonstraße, welche sich <lb/>
                 in einem Stadtviertel befand, das ungefähr fünf Jahre vor dem <lb/>
                 Krieg entstanden war. Es war eine Gegend, die in dem dama- <lb/>
                 ligen Stadtbauplan als Übergang vom proletarischen zum <lb/>
                 bürgerlichen Klima gedacht war. Die Straßen waren meist <lb/>
                 kurz, hatten breite Bürgersteige und neben dem Fahrdamm <lb/>
                 noch einen freien Streifen Erde, der mit Gras besät und mit <lb/>
                 Bäumen bepflanzt werden sollte. Die Häuser waren zwar aus <lb/>
                 dem billigsten Material erstellt, suchten sich aber mit Er- <lb/>
                 kern, Kuppeln, Löwenköpfen und Stuckgirlanden dem vor- <lb/>
                 nehmen Geschmack der Zeit anzupassen. Sie hatten kein <lb/>
                 elektrisches Licht, keine Badezimmer und keine Klosette mit <lb/>
                 Wasserspülung, aber sie hatten abgeschlossene Türen mit <lb/>
                 Schnitzereien und Glasfüllungen, und in manchen waren die <lb/>
                 Treppen sogar mit Kokosläufern belegt und die Flurfenster- <lb/>
                 nischen mit Blumenkrippen und künstlichen Palmen dekoriert. </p>
            <pb facs="#f0386" n="382"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das Viertel war noch im Bau begriffen, als sich eine Kon- <lb/>
                 junkturstockung ankündigte. Es war auf einmal schwer, bei <lb/>
                 dem ungeheueren Angebot von Wohnungen etwas zu ver- <lb/>
                 mieten. Die fertigen Häuser in der Grusonstraße standen <lb/>
                 monatelang leer, die Mieten wurden unerträglich gedrückt, <lb/>
                 Konkurse der Spekulanten waren die Folge. Von den ur- <lb/>
                 sprünglichen Bauherren, Wirten, Rentnern, Krämern, blieb <lb/>
                 fast keiner mehr übrig. Die Bauten wechselten mitunter <lb/>
                 schon ihre Besitzer, bevor die Zimmerleute das Richtfest ge- <lb/>
                 feiert hatten. Zuletzt mußten die Gläubiger, Brauereien, klei- <lb/>
                 nere Privatbanken und Grossisten, die ganze zweifelhafte <lb/>
                 Masse übernehmen. Ihre einzige Sorge war, Geld aus diesen <lb/>
                 Häusern einzutreiben und keins mehr in sie hineinzustecken, <lb/>
                 Darum waren sie hinsichtlich der Beschaffenheit der Mieter <lb/>
                 nicht wählerisch und hinsichtlich notwendiger Reparaturen <lb/>
                 völlig zugeknöpft. Es bedurfte in der säurehaltigen Luft, bei <lb/>
                 der Unzahl auswaschender Regengüsse in dieser meteorologi- <lb/>
                 schen Zone und bei der Unbedachtheit und dem Kinderreich- <lb/>
                 tum vieler Mieter nur einer kurzen Zeitspanne, um den schnel- <lb/>
                 len Verfall einzuleiten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Waren also die Aussichten dafür, daß der im Stadtbauplan <lb/>
                 vorgesehene Charakter dieses Viertels gewahrt werden konn- <lb/>
                 te, schon außerordentlich ungünstig geworden, so kam nun <lb/>
                 noch der Krieg hinzu, der alles über den Haufen warf. Die <lb/>
                 Straßen hatten einen notdürftigen Schotterbelag, von vielen <lb/>
                 Gaslaternen standen nur erst die Pfosten da, neben dem <lb/>
                 Fahrdamm lag noch die öde Lehmkruste, mit welcher die <lb/>
                 Kinder die Häuserwände beschmierten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es gab Häuser mit vierzig Kindern; die Verheirateten <lb/>
                 wohnten wieder bei den Eltern und brachten erneut Kinder <lb/>
                 zur Welt, so daß die Verbindung zwischen den Generationen <lb/>
                 nicht abriß. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als Krieg und Inflation vorüber waren, wurde mit aller <lb/>
                 Gewalt die Verschönerung des Stadtbildes betrieben. Die <lb/>
                 Straßen waren nun mit Hochofenschlacke bestückt und oben- <lb/>
                 drüber geteert, aber sie sahen dennoch unsauber aus. Von <lb/>
                 den Senkschächten der Kanalisation rissen die Kinder die <lb/>
                 Roste fort, schöpften die schwarze Schlammbrühe heraus und
                <pb facs="#f0387" n="383"/>
                <lb/>
                 spritzten sie umher. In unaufhörlichen Zügen durchfuhren <lb/>
                 die fliegenden Händler das Viertel und erfüllten es mit ihrem <lb/>
                 Gebell: »Ko-o-o-ohlen! Ko-o-o-ohlen! Brenn-ho-o-o-olz! <lb/>
                 Neue Heringe! Blutapfelsinen, herrliche süße Ware, Leut, <lb/>
                 zehn Stück für fünfzig Pfenni-je! Kar-toffe-le, echte Thürin- <lb/>
                 ger Mäuse, Leut, schöne gelbfleischige Ware, achtzehn <lb/>
                 Pfund für eine Mark noch! Weinsaure Äpfel, Leut! Saftige <lb/>
                 Birnen zum Austrinken!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In allen Tonarten erschollen diese Rufe, endlos, von mor- <lb/>
                 gens bis abends; manchmal waren sie von Schellen begleitet, <lb/>
                 manchmal hörten sie sich an wie energische Kommandos, <lb/>
                 manchmal wie Klagelaute und Wehgeschrei. Alle diese Wa- <lb/>
                 gen hatten gute Kundschaft. Man litt hier nicht gerade Not, <lb/>
                 man brachte sich nur durch Bequemlichkeit in Bedrängnis. <lb/>
                 Man speicherte keine Vorräte auf, und so war oft nichts da, <lb/>
                 wenn man etwas brauchte. Man lebte von der Hand in den <lb/>
                 Mund, kaufte sich um zehn einen Eimer Kohlen, um das <lb/>
                 Mittagessen zu kochen, um elf ein paar Pfund Kartoffeln, <lb/>
                 um zwölf einen Packen grüne Heringe, um eins etwas Obst. <lb/>
                 Und der Kohlenstaub bedeckte in Rinnsalen die Straße, das <lb/>
                 tranige Zeitungspapier, worin die Heringe eingepackt waren, <lb/>
                 tummelte sich im Wind, die Schalen von Orangen und Erd- <lb/>
                 nüssen setzten sich an den Bordsteinen fest, vermischt mit <lb/>
                 den Abfällen einer Gemüsebude, die in einer Baulücke aufge- <lb/>
                 schlagen war, und mit den gefärbten Federn, welche die Kinder <lb/>
                 von den »Klüngelskerlen« eintauschten, den Lumpensamm- <lb/>
                 lern, die Flöte blasend vor ihren Kleppern einherschritten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Rasen war nun gesät, die Bäume waren gepflanzt. Je- <lb/>
                 ner wurde zertrampelt, ehe er aufging, diese wurden ab- <lb/>
                 gebrochen, ehe sie ausschlugen. Neue Bäume wurden ein- <lb/>
                 gesetzt und Schutzgitter um die Stämmchen gelegt; die Kin- <lb/>
                 der kletterten daran in die Höhe und zerstörten die Kronen. <lb/>
                 Danach gab man es auf. Dieses Stadtviertel, mit dem man <lb/>
                 eigentlich höher hinaus gewollt hatte, gliederte sich augen- <lb/>
                 scheinlich von selber ein. Bestimmt zur künstlichen Heran- <lb/>
                 züchtung einer Zwischenschicht, bewies es jetzt nur die un- <lb/>
                 glückliche Existenz eines Bündels haltlos treibender Men- <lb/>
                 schen, die eine Schicht weder bilden konnten noch wollten. — </p>
            <pb facs="#f0388" n="384"/>
            <p>
                <lb/>
                 Fünf Straßen weiter stand das Gewerkschaftshaus, ein Re- <lb/>
                 naissancebau aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhun- <lb/>
                 derts, mit Miniaturpyramiden, die wie Ausrufungszeichen <lb/>
                 über die Giebelspitzen ragten. Bald nach der Revolution <lb/>
                 hatte einer jener reichen Bürger, denen das Herz plötzlich <lb/>
                 proletarisch schlug, damit ihr Verstand um so ungestörter <lb/>
                 seinen kapitalistischen Geschäften nachgehen konnte, die- <lb/>
                 sem Haus das Gemälde zweier Proletarierfrauen von Otto <lb/>
                 Dix geschenkt; aber kaum war es aufgehängt, so mußte es <lb/>
                 schon wieder entfernt werden, weil die Frauen der Gewerk- <lb/>
                 schaftler behaupteten, das sei eine Verhöhnung, und die Män- <lb/>
                 ner sagten, wenn sie ihre Weiber die ganze Woche leibhaftig <lb/>
                 vor sich hätten, wollten sie im Gewerkschaftshaus nicht auch <lb/>
                 noch ihr Bild an der Wand sehen, man solle lieber etwas Def- <lb/>
                 tiges aufhängen, ein Motiv aus der Kaschemme oder aus dem <lb/>
                 Kientopp. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf Betreiben von Fries wurde dann vor dem Portal die <lb/>
                 Statue eines Bergarbeiters aufgestellt. Sie stand da, mit vor- <lb/>
                 gestrecktem rechtem Bein, wie ein Generalsdenkmal, nur <lb/>
                 ohne Sockel, und statt des Degens hing eine Grubenlampe <lb/>
                 im Gürtel; da man jedoch mit der Grubenlampe nicht gut <lb/>
                 eine ebenso herausfordernde Bewegung machen kann wie <lb/>
                 mit dem Degen, so hatte der Bildhauer die trotzige Sieges- <lb/>
                 zuversicht auf andere Weise zum Ausdruck gebracht: die <lb/>
                 Hände waren in den Hosentaschen zur Faust geballt, und die <lb/>
                 Augen schleuderten gewissermaßen der bürgerlichen Gesell- <lb/>
                 schaft den Fehdehandschuh hin. Griguszies fragte: »Fangt <lb/>
                 ihr jetzt eine Siegesallee an?«, und Fries antwortete: »Der <lb/>
                 Arbeitsmann kann auch einmal eine saubere Jacke anhaben, <lb/>
                 dafür soll das hier ein Sinnbild sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zu Hause hatte Fries ein Studierzimmer, wie er es nannte, <lb/>
                 mit Diplomatenschreibtisch und Marmorgarnitur und Vasen <lb/>
                 aus Bleikristall und einem Bücherbrett, auf dem man die Titel <lb/>
                 folgender Werke las: Karl Marz, Die Klassenkämpfe in <lb/>
                 Frankreich; Lassalle-Brevier; Friedrich Engels vergessene <lb/>
                 Briefe; Das geheimnisvolle Zimmer; Der Mann mit der Nar- <lb/>
                 be; Käthe und ihre Zehn; Der lustige Zitaterich; Die Tra- <lb/>
                 gödie Trotzki; Myrte, Silber und Gold; Wirtshaushumor;
                <pb facs="#f0389" n="385"/>
                <lb/>
                 Aus Welt und Wald von Eichendorff; Betriebsrätegesetz nebst <lb/>
                 Wahlordnung und Ausführungsverordnungen; Baumbachs <lb/>
                 Lieder von der Landstraße. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In diesem Studierzimmer verfaßte Hellmut Fries spät nachts <lb/>
                 bei Kerzenschein die Nationalhymne der Rischianer, die mit <lb/>
                 den Worten begann: »Risch-Zander-Stahl und deutscher <lb/>
                 Sang, die beiden haben guten Klang.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um diese Zeit beging Jakob Kalinna sein fünfzigjähriges <lb/>
                 Dienstjubiläum und gleichzeitig auch das Fest seiner golde- <lb/>
                 nen Hochzeit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als er morgens in die Waschkaue kam, wo die Kumpels <lb/>
                 sich reinigten und umkleideten und der feuchtwarme Schwa- <lb/>
                 den der Brausen die Grubenkamisole dämpfte, die, mit den <lb/>
                 zugehörigen Fabriknummern versehen, an Seilen bis dicht <lb/>
                 unter die Decke gezogen waren, da fand er einen Tisch auf- <lb/>
                 gebaut mit Blumensträußen, und dabei lag eine halblange <lb/>
                 Pfeife. Die Tränen traten ihm in die Augen, als er sinnend <lb/>
                 den Deckel aufklappte und auf dem Porzellankopf die ein- <lb/>
                 gebrannte Widmung »Unserm Opa« entdeckte; und als er <lb/>
                 später über den Zechenplatz ging, dankte er jedem, dem er <lb/>
                 begegnete, und sagte: »Ja, ja. Da habt ihr mich wat Schönes <lb/>
                 geschenkt. Da kann ich getzt wohl ruhig abkratzen, das soll <lb/>
                 wohl sein. Da wird die alte deutsche Gemütlichkeit wieder- <lb/>
                 kommen, wenn ihr mal alle wieder halblange Pfeife raucht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Den darauffolgenden Sonntag saß er unter sechshundert <lb/>
                 Mitjubilaren, die freilich meistens erst fünfundzwanzig Jahre <lb/>
                 hinter sich hatten, im großen Saal der Stadthalle. Rechts vom <lb/>
                 Rednerpult, das mit dem Fabrikwappen geschmückt war, <lb/>
                 stand eine Büste des alten Risch, die Wedel einer Phönix- <lb/>
                 palme bogen sich wie eine Glorie über seine Schläfen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jakob Kalinna saß an einem bevorzugten Platz, denn es <lb/>
                 war ihm die Ehre zugedacht, den Dank der Jubilare auszu- <lb/>
                 sprechen. Gleich neben sich hatte er den Betriebsrat, die <lb/>
                 »Arbeiteraristokratie«, wie die Kumpels sagten, und ihm <lb/>
                 gegenüber, um den Standort des Freiherren geschart, sollten <lb/>
                 Frau Ella, Frau Alice von Zander, die Kinder und die Direk- <lb/>
                 toren sich niederlassen. Krampfhaft hielt er zwischen den
                <pb facs="#f0390" n="386"/>
                <lb/>
                 blutleeren Händen das Manuskript seiner Rede, die vom <lb/>
                 Pressechef aufgesetzt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gewichtig und auch ein wenig verlegen, rückten die Köpfe <lb/>
                 der Jubilare hin und her, es war doch eine große Sache, so <lb/>
                 gefeiert zu werden und nachher an dem Freiherrn vorbei- <lb/>
                 zudefilieren und seinen Handschlag zu empfangen, da durfte <lb/>
                 man sich doch nicht durch tapsiges Benehmen blamieren, das <lb/>
                 mußte man doch männlich aushalten. Durch die Reihen <lb/>
                 summte ein aufgeregtes Geflüster, jene selige Unruhe der <lb/>
                 Kinder vor der Bescherung; jeder hatte seinen Nachbar noch <lb/>
                 schnell etwas zu fragen, ob man von links herantreten müsse <lb/>
                 oder von rechts, ob man eine Verbeugung machen müsse, <lb/>
                 wenn man so dicht vor dem Freiherrn stände, und ob wohl <lb/>
                 auch die Frau und die Kinder von Zandershöhe so nahe da- <lb/>
                 bei wären, daß man sie deutlich sehen könne. Einige taten, <lb/>
                 als wenn sie hier zu Hause wären und festen Boden unter den <lb/>
                 Füßen hätten, großspurig und übertrieben sicher, und gaben <lb/>
                 sich den Anschein, in allem Bescheid zu wissen. Ach, es warja <lb/>
                 nur, um ihr klopfendes Herz zu übertönen. Ab und zu stan- <lb/>
                 den auch welche auf und blickten sich neugierig um. Vier <lb/>
                 Meter waren zwischen dem Podium und der ersten Sitzreihe <lb/>
                 frei für eine lange weißgedeckte Tafel, auf welcher sechs- <lb/>
                 hundert Krawattennadeln aus nichtrostendem Stahl aufge- <lb/>
                 reiht waren; darauf ruhten nun die Blicke, auf diesen Nadeln <lb/>
                 mit den kleinen, grell glänzenden Kreisen, worin drei Pfeile <lb/>
                 um eine Zahl, fünfundzwanzig oder fünfzig, Ringelreihen <lb/>
                 tanzten, und auf dem fremden Herrn in Schwarz, der hof- <lb/>
                 färtig daneben stand und noch eine Kleinigkeit ordnete. Ihn <lb/>
                 kannten selbst diejenigen nicht, die alle Direktoren zu ken- <lb/>
                 nen behaupteten. Es war der gelassene Einsiedler und Groß- <lb/>
                 siegelbewahrer von Scheeven. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Punkt elf Uhr zogen durch die Mitteltür Frau Ella, der <lb/>
                 Freiherr, Frau Alice und die Kinder mit den Paladinen aus <lb/>
                 dem Direktorium ein. Alle Hälse reckten sich zu ihnen hin- <lb/>
                 über. Kein Laut war mehr vernehmbar. Da sah man nun <lb/>
                 Licht und Menschen und einen Ausschnitt aus der großen <lb/>
                 schönen Welt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Orchesterverein intonierte den Marsch aus dem »Som-
                <pb facs="#f0391" n="387"/>
                <lb/>
                 mernachtstraum«, Fräulein Erika Neufeind deklamierte einen <lb/>
                 Vorspruch (sie war noch immer ledig und hieß in den oberen <lb/>
                 Beamtenregionen schon die Hofschauspielerin von Risch- <lb/>
                 Zander), und der Vorspruch besagte, daß die scharfen <lb/>
                 Schwerter in der Glut des Feuers hingeschmolzen seien und <lb/>
                 friedliche Pflugscharen jetzt die Schmieden verließen, und da <lb/>
                 man imstande sei, Eisenschlangen durch Walzenstraßen hin- <lb/>
                 zuleiten, so müsse es auch gelingen, ein neues Leben zu <lb/>
                 bereiten. Jakob Kalinna glotzte immerzu auf ihre schwellen- <lb/>
                 den Halsmuskeln, er brauchte irgendeinen beruhigenden <lb/>
                 Punkt, um sich innerlich vorzubereiten, und nun hub <lb/>
                 auch schon der Freiherr an mit einer fernen, schwelge- <lb/>
                 rischen Stimme: </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Am heutigen Sonntag ruht der Hammer und die Zange, <lb/>
                 ruht die Esse und das Schwungrad, ruht das ganze äußere Ge- <lb/>
                 triebe des immer noch gewaltigen deutschen Wirtschaftsle- <lb/>
                 bens; zumal in sozialer Hinsicht ist Deutschland der Riese <lb/>
                 unter den Zwergen. Wie wenig Ruhe aber finden wir in un- <lb/>
                 serem Inneren! Da dröhnt und faucht es, da drängt ein Zwei- <lb/>
                 fel den anderen, so oft auch das arme Herz nach einem Aus- <lb/>
                 schalten sprühender Funken sich sehnt. Ganz ausschalten <lb/>
                 läßt sich nun freilich unser Gedankengang nicht, denn Leben <lb/>
                 und Denken ist eins, aber die Ruhestunde, zu der wir hier <lb/>
                 vereint sind, kann unseren Gedanken eine neue Richtung <lb/>
                 weisen und kräftigend auf uns wirken. Als äußeres Zeichen <lb/>
                 der Dankbarkeit meiner ganzen Familie ist es uns zur Ge- <lb/>
                 wohnheit geworden, daß sich meine Schwiegermutter, meine <lb/>
                 Frau und meine Kinder zur Ehrung der Jubilare einfinden, <lb/>
                 und besonders wünsche ich, daß meine Kinder sich an dieser <lb/>
                 Stelle über die Bedeutung der gemeinsamen Arbeit klar wer- <lb/>
                 den.« Dabei weilten seine Augen zärtlich auf Arnulf, dem <lb/>
                 Ältesten, der jetzt als Lehrling in der Fabrik war. Der Frei- <lb/>
                 herr hatte streng darauf geachtet, daß er eine ebensolche <lb/>
                 weiße Emaillekaffeekanne, eine ebensolche Steinguttasse und <lb/>
                 einen ebensolchen derbblauen Werkstattanzug aus dem Kon- <lb/>
                 sum bekam wie die anderen Lehrlinge. Frau Alice grämte <lb/>
                 sich im stillen darüber, doch widersprach sie nicht, sie war <lb/>
                 eine duldende Natur und fügte sich in allem der Fabrikraison. </p>
            <pb facs="#f0392" n="388"/>
            <p>
                <lb/>
                 Langsam zum Manuskript zurückkehrend, fuhr der Frei- <lb/>
                 herr fort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Stellung des Stahlwerks Risch-Zander innerhalb der <lb/>
                 deutschen Wirtschaft hat sich seit dem Kriege von Grund aus <lb/>
                 geändert. Früher war es sehr selbständig und gewährte seinen <lb/>
                 Angehörigen Schutz gegen die Stürme, die draußen irgend- <lb/>
                 wo wehten. Heute ist es ein Industrieunternehmen wie jedes <lb/>
                 andere auch, heute ist es allen Schwankungen der Konjunk- <lb/>
                 tur ausgesetzt, und alle wirtschaftlichen Kämpfe werfen ihre <lb/>
                 Wellen auch an die Mauern unserer Fabrik. Es sind dies Nö- <lb/>
                 te, die ich nicht erwähne, um zu klagen, denn ich glaube, Sie <lb/>
                 wissen von mit, daß ich jede noch so schwere Verantwortung <lb/>
                 gern auf mich nehme — nein, die ich erwähne, weil sie die <lb/>
                 Grundlagen der Werksgemeinschaft berühren und jeden Ein- <lb/>
                 zelnen von Ihnen angehen, weil sie zeigen, daß wir in einem <lb/>
                 Abgrund zwischen Wollen und Können leben. In diesem Sinne <lb/>
                 wird die Werksleitung bemüht bleiben, der Werksgemeinschaft <lb/>
                 den Stolz der Mitarbeit und Mitverantwortung zu erhöhen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es gibt ja auch trotz allem noch Labsale in dieser Zeit, <lb/>
                 Kürzlich ging die Nachricht durch den Blätterwald, daß im <lb/>
                 Waschraum einer Fabrik eine Arbeiterin beim Stillen ihres <lb/>
                 Kindes angetroffen worden sei. Der Ehemann war arbeitslos <lb/>
                 und hatte das Baby während der Mittagspause in den Betrieb <lb/>
                 gebracht, damit die Mutter ihrer Pflicht genüge. Ist das nicht <lb/>
                 ein geradezu religiöses Bild, ein köstliches Zeichen, daß unser <lb/>
                 Volk sich die Seelenkraft bewahrt hat? Müßte nicht ein neuer <lb/>
                 Meister, auf den wir alle noch warten, so die Mater Dolorosa <lb/>
                 malen? Alles Leid im menschlichen Leben kann zum Guten <lb/>
                 ausschlagen, sofern nur der Mensch in sich selbst gut ist. So <lb/>
                 wird auch Arbeitslosigkeit Segen, so wird auch Sorge zum <lb/>
                 Gebet.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine Sprache steigerte sich ins Balladeske. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Als auf tückischem Korallenriff der deutschen Seemacht <lb/>
                 letzter Auslandskreuzer, das Segelschiff Seeadler, auseinan- <lb/>
                 derbrach, da hörte sein Kommandant Graf Luckner, als er <lb/>
                 schon alles verloren gab, den frohen Ruf aus der Meeresbran- <lb/>
                 dung: De Eikboom, de steit noch! Das gab ihm neuen Mut <lb/>
                 und bald hatte er seine Mannschaft auf trockenem Boden.
                <pb facs="#f0393" n="389"/>
                <lb/>
                 Meine Herren Jubilarel Die deutsche Eiche, sie steht auch <lb/>
                 heute noch, sie soll auch künftig stehen bleiben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der große Augenblick des Namenaufrufs war gekommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sechshundert Jubilare marschierten nacheinander unter <lb/>
                 dem Gesang des Liedes »Stimmt an mit hellem hohem <lb/>
                 Klang« an den Tisch, wo der Freiherr unter Assistenz von <lb/>
                 Frau Alice und Herrn von Scheeven die Jubiläumsnadeln ver- <lb/>
                 teilte. Jakob Kalinna war der Letzte, der Pressechef griff ihn <lb/>
                 sogleich beim Ärmel und führte ihn aufs Podium; er machte <lb/>
                 sich stark, die Befangenheit war von ihm gewichen, er war <lb/>
                 jetzt wieder der Opa, der von Jugend an mit hohen Herren <lb/>
                 vertrauten Umgang gepflogen hatte. Wie der Berggeist Rü- <lb/>
                 bezahl lugte er mit seinem härenen Antlitz zwischen den <lb/>
                 Lorbeerpyramiden hervor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hochgeehrte Frau Risch! Hochgeehrte Herr und Frau <lb/>
                 von Zander!« begann er. »Ich bitte um Erlaubnis, Ihnen im <lb/>
                 Namen der diesjährigen Jubilare den herzlichsten Dank für <lb/>
                 die Feier und die Ehrengaben auszusprechen. Die veränder- <lb/>
                 ten politischen Verhältnisse haben den Arbeitern und Ange- <lb/>
                 stellten Rechte eingeräumt, die wir früher nicht kannten, und <lb/>
                 wir müssen dafür sorgen, daß wir darüber unsere Pflichten <lb/>
                 nicht vergessen. Wir wollen es nicht verschweigen, daß die <lb/>
                 letzten schweren Jahre in uns Rischianern die Erkenntnis <lb/>
                 einer ernsten Schicksalsgemeinschaft haben reifen lassen. <lb/>
                 Die Taten des Menschen, wenn sie aus redlichem Willen ge- <lb/>
                 boren sind, gehen nicht verloren, und so wollen wir auch <lb/>
                 fernerhin mitschaffen an unserer Arbeitsstätte, damit die In- <lb/>
                 dustrie bald wieder zur Blüte kommt. So rufen wir Jubilare <lb/>
                 dem Hause Risch-Zander zu: Ihre Sorge soll unsere Sorge <lb/>
                 sein, Ihre Not unsere Not, und so wollen wir alles, was wir <lb/>
                 für unseren obersten Chef an Wünschen und Hoffnungen in <lb/>
                 unseren Herzen hegen, zusammenfassen in den Ruf: Das <lb/>
                 Haus Risch-Zander, die Firma und die ganze Familie, sie le- <lb/>
                 ben hoch! Hoch! Hoch!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Machtvoll brauste die Nationalhymne der Rischianer durch <lb/>
                 den Saal, die der Dirigent des Männergesangvereins »Poly- <lb/>
                 hymnia« in aller Eile vertont hatte. »Risch-Zander-Stahl und <lb/>
                 deutscher Sang, die beiden haben guten Klang!« </p>
            <pb facs="#f0394" n="390"/>
            <p>
                <lb/>
                 Nachmittags erschien der Freiherr mit Frau Alice in der <lb/>
                 »Flammenden Scholle«. Sie kamen zu Fuß und traten in die <lb/>
                 Wohnung Kalinnas ein, um ein Diplom des Reichspräsiden- <lb/>
                 ten für treu geleistete Dienste und außerdem ihre persönli- <lb/>
                 chen Glückwünsche zum goldenen Ehejubiläum zu überbrin- <lb/>
                 gen. Der Jubelbräutigam wurde vom Freiherrn mit einer gol- <lb/>
                 denen Uhr beschenkt, die Jubelbraut von Frau Alice mit ei- <lb/>
                 nem Bild der Familie von Zander. Währenddessen trat vor <lb/>
                 dem Hause der Männergesangverein »Polyhymnia« zum <lb/>
                 Ständchen an. Noch viele andere alte Leute besuchte der <lb/>
                 Freiherr, Frau Alice-befragte sie über diese und jene Einzel- <lb/>
                 heit des Haushalts, bescherte kleine Lebensmittelpakete und <lb/>
                 empfahl ihnen, sich in allen Fährnissen des Lebens an die <lb/>
                 Risch-Zandersche Familienberatung zu wenden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie eine gütige Fee und Landesmutter schien sie dahinzu- <lb/>
                 schweben. Als sie die Kolonie verließen, blickten ihnen hin- <lb/>
                 ter den feldgrau gestrichenen Hofzäunen (denn vom Kriege <lb/>
                 her waren noch unermeßliche Vorräte dieser Farbe da) viele <lb/>
                 hundert Augen nach. »Was für ein guter Herr,« schienen sie <lb/>
                 zu sagen, »was für eine gute Frau. Und sie sind zu Fuß zu <lb/>
                 uns in die Kolonie gekommen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was der Freiherr in seiner Rede poetisch umschrieben <lb/>
                 hatte, war Wahrheit: es ging im Augenblick nicht gut im <lb/>
                 Werk. Neufeinds Umstellung war zu weitschweifig gewe- <lb/>
                 sen, man hatte sich übernommen und es war nichts einge- <lb/>
                 wurzelt. Das krause Durcheinander moderner und veralteter <lb/>
                 Fabrikationsanlagen, ein ineinandergeschachtelter Haufen <lb/>
                 hochstrebender Dächer und verbauter Winkel, war schon <lb/>
                 äußerlich ein Zeichen der Konfusion, des unorganischen Ge- <lb/>
                 mischs aus Rückständigkeit und Fortschritt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es galt jetzt, sich auf eine schmalere Basis zurückzuziehen, <lb/>
                 Betriebe zusammenzulegen, von manchem schon halb aus- <lb/>
                 geführten Projekt Abstand zu nehmen und eine weit inten- <lb/>
                 sivere Arbeit zu leisten als bisher geschehen war. Hiebenstein <lb/>
                 hatte bis zum Äußersten gewartet, ehe er den Freiherrn ein- <lb/>
                 weihte; dieser nahm es mit Gefaßtheit auf, und als der Finanz- <lb/>
                 rat vorschlug, für die nächsten Jahre auf Dividende zu ver-
                <pb facs="#f0395" n="391"/>
                <lb/>
                 zichten und die Rücklagen zu vermehrten, das Vermögen <lb/>
                 bleibe ja doch im Werk —, da konnte er am Freiherrn sogar <lb/>
                 eine unverhohlene Opferfreudigkeit konstatieren, denn er <lb/>
                 bestimmte aus freien Stücken, daß von nun an die Verwal- <lb/>
                 tung von Zandershöhe nicht mehr aus der Geschäftskasse be- <lb/>
                 zahlt werden solle; er wolle sich einschränken, so gut es <lb/>
                 ginge, eingedenk seines Schwiegervaters, der in den Anfän- <lb/>
                 gen einmal sein Silberzeug verkauft habe, um seine Arbeiter <lb/>
                 entlohnen zu können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Etwas Ähnliches müssen wir auch tun,« sagte Hieben- <lb/>
                 stein, »nur daß wir gleich das halbe Werk verpfänden müs- <lb/>
                 sen. Kurz und gut, wir müssen eine Anleihe aufnehmen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sachte erschrocken, faltete der Freiherr die Hände. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ganze deutsche Volk lebt sozusagen auf Abzahlung. <lb/>
                 Es ist nicht gut, wenn man sich großborgt statt sich großzu- <lb/>
                 hungern, wie es im alten Preußen üblich war.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In einem industrialisierten Land kann man sich den Luxus <lb/>
                 der Entbehrung nicht mehr leisten, Herr von Zander. Um <lb/>
                 die Anleihe zu bekommen, werden wir zu etlichen organisato- <lb/>
                 rischen Änderungen genötigt sein. Zunächst wird das aufge- <lb/>
                 schwemmte Aktienkapital in der Goldmarkbilanz auf hundert- <lb/>
                 fünfzig Millionen heruntergesetzt. Alsdann werden wir die <lb/>
                 Fabrik in drei Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht <lb/>
                 aufteilen. Stahlwerk, Maschinenbau, Bergwerke. Jede wird <lb/>
                 selbständig bilanzieren, da werden wir ja sehen, wie sie arbei- <lb/>
                 ten können und was überhaupt dahinter steckt. Die Aktien- <lb/>
                 gesellschaft bleibt obendrüber als Finanzierungsinstitut. Die <lb/>
                 Untergruppen kriegen eine Stammeinlage von zwanzigtau- <lb/>
                 send Mark, nachher geben die Gesellschafter, das werden als <lb/>
                 Strohmänner unsere Prokuristen sein, ein paar Millionen <lb/>
                 Darlehen. Das bietet uns bedeutende steuerliche Vorteile. <lb/>
                 Unsere Gewerbesteuerschuld an die Stadt tragen wir durch <lb/>
                 Übereignung von unverwertbarem Grundbesitz ab, außer- <lb/>
                 dem engagieren wir den Steuerdirektor der Stadt, da bleibt <lb/>
                 alles in der Verschwiegenheit der Familie. Herr Wackerlein <lb/>
                 und der Pressechef haben das schon in Ordnung gebracht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr sah ihn voll Erstaunen an, als er so unge- <lb/>
                 wöhnlich exakte Pläne entwickelte. Der Finanzrat seinerseits
                <pb facs="#f0396" n="392"/>
                <lb/>
                 hielt es für nützlich zu verschweigen, daß sie van der Gathens <lb/>
                 geistiges Eigentum waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr sagte, daß es ihm unangenehm sei, einen Ban- <lb/>
                 kier im Aufsichtsrat zu haben, was sich dann doch wohl nicht <lb/>
                 vermeiden lasse. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schließlich war Herr Hachenpoot doch auch eine Art <lb/>
                 Bankier«, versetzte arglistig Hiebenstein und fuhr, als der <lb/>
                 Freiherr zusammenzuckte, schnell fort: »Ich werde vorher <lb/>
                 versuchen, einen Reichskredit herauszuschinden, wenngleich <lb/>
                 seit dem Fall Hillgruber nicht mehr viel zu wollen ist. Ich <lb/>
                 werde sagen, daß der Staat, der uns seinerzeit zu einer Rü- <lb/>
                 stungsfabrik erniedrigte, jetzt die Konsequenzen ziehen muß. <lb/>
                 Ich werde mit Arbeiterentlassungen drohen. In einem sozia- <lb/>
                 len Staat ist dies die bewährteste Methode, seinen Willen <lb/>
                 durchzusetzen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr entsetzte sich und mußte ein paar Mal <lb/>
                 schlucken. »Aber Herr Finanzrat«, warnte er. »Das geht <lb/>
                 doch nicht. Ich bin immer gegen das Spiel mit Menschenle- <lb/>
                 ben gewesen.« Hiebenstein antwortete: »Es war eben noch <lb/>
                 nie so ernst wie jetzt, da werden wir nun mal in den sauren <lb/>
                 Apfel beißen müssen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mittlerweile waren auf Grund des Näßlerschen Zeitungs- <lb/>
                 artikels die Verhandlungen über den Stahltrust in Gang ge- <lb/>
                 kommen. Hillgruber wollte die interne Verwaltung der <lb/>
                 Gründerwerke selbständig lassen, der Trust sollte nur die <lb/>
                 Vertretung nach außen haben und die Regelung von Produk- <lb/>
                 tion und Absatz. »Ich gründe doch keinen Trust,« sagte er, <lb/>
                 »um dem Westdeutschen Bergwerksverein die Operationsfrei- <lb/>
                 heit zu rauben! Der Rationalisierungsgedanke wird ein Vor- <lb/>
                 wand sein, um die Anderen zu schwächen. Krogoll zum Bei- <lb/>
                 spiel hat ein Kabelwerk, das muß er stillegen, weil es an un- <lb/>
                 sere Kapazität nicht heranreicht. Kropf walzt Feinbleche, <lb/>
                 das muß er aufgeben, das wird in Zukunft nur bei mir im Sie- <lb/>
                 gerland gemacht. Und so weiter. Die ausgebooteten Inge- <lb/>
                 nieure und Kaufleute berufen wir in den Vorstand des Trusts.« <lb/>
                 Näßler meinte, das werde ja eine schöne Hydra werden. <lb/>
                 »Eben«, erwiderte Hillgruber. Er rechne mit fünfzig Direk-
                <pb facs="#f0397" n="393"/>
                <lb/>
                 toren im Trust. »Sie werden sich gegenseitig munter machen, <lb/>
                 jeder wird ausreichend damit beschäftigt sein, wie er seinen <lb/>
                 Posten erhalten und dafür den Lebensbaum des Kollegen an- <lb/>
                 nagen kann. Es wird ein ehrenwertes KOLLEKTIV sein, <lb/>
                 besonders wenn wir ihm von Zeit zu Zeit einen Schrecken <lb/>
                 einjagen mit Unkenrufen über den hohen Personaletat. Wir <lb/>
                 werden auch ein pikfeines Verwaltungsgebäude erbauen las- <lb/>
                 sen, modernste Architektur, außen ganz Sachlichkeit und <lb/>
                 Zweckbau, innen ganz Schönheitssinn mit Marmor und Ro- <lb/>
                 senholz. Unterdessen werden wir hier, in diesem kleinen <lb/>
                 Zimmer, die eigentliche Arbeit tun: Sie, Herr Näßler, als <lb/>
                 Generaldirektor und Faulstich als Verbindungsmann und <lb/>
                 Einpeitscher in der Union.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Allerdings«, sagte Näßler, »pflichte ich Ihnen darin bei, <lb/>
                 daß der Trust nur einen überragenden Mann braucht, aber er <lb/>
                 hat großen Bedarf an gutem Mittelmaß.« Siegfried Hillgruber <lb/>
                 kniff ein Auge zu, das andere hatte eine dunkle, unbewegliche <lb/>
                 Pupille wie ein Murmel aus Glas. »Er hat Bedarf an hervorra- <lb/>
                 genden Werksbeamten mit großem Privatvermögen«, sagte <lb/>
                 er und schaute Näßler, der aus der Wirtzschen Erbmasse <lb/>
                 mancherlei an sich gebracht hatte, prüfend an. »Wirtz hat zu- <lb/>
                 weilen geweissagt, daß aus der Suppenterrine der Arbeiter- <lb/>
                 schaft die Fettaugen nach oben kämen, um an die Stelle der <lb/>
                 verbrauchten Familien zu treten. Falsch. Den Nachwuchs <lb/>
                 stellen die Generaldirektoren, und ich habe eine Garnitur da- <lb/>
                 von in meinen Unternehmungen.«— — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior hatte kategorisch abgewinkt. Er trieb <lb/>
                 eine ausgesprochene Hausmachtpolitik und war gegen alle <lb/>
                 Fusionsbestrebungen; er sagte: »Diese vornehmlich von <lb/>
                 finanziellen Interessen diktierten Veränderungen und die dem <lb/>
                 Fabrikat gefühllos gegenüberstehenden Verbände bedingen <lb/>
                 eine verhängnisvolle Zurückdrängung der Persönlichkeit.« <lb/>
                 Hillgruber mußte lachen, als er das hörte. »Ja,« sagte Näß- <lb/>
                 ler, »die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln. Er <lb/>
                 hat als Einziger von allen schon vor dem Krieg modernisiert <lb/>
                 und arbeitet rationell auch ohne uns, mit hundertprozentiger <lb/>
                 Ausnutzung und gesteigertem Arbeitseffekt, alles am laufen- <lb/>
                 den Band, von der Grube in die Kokerei und weiter zum
                <pb facs="#f0398" n="394"/>
                <lb/>
                 Hochofen, von da direkt ins Martinwerk und weiter ins <lb/>
                 Walzwerk, sozusagen binnen vierundzwanzig Stunden und in <lb/>
                 einem Arbeitsgang exportfähig, und alles mit Gichtgas aus <lb/>
                 den Hochöfen gespeist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine Zeitlang beteiligte sich Risch-Zander an den Ver- <lb/>
                 handlungen, dann sprang er ab. Vielleicht war Näßler hier <lb/>
                 doch etwas ungeschickt, indem er die Risch-Zanderschen <lb/>
                 »Salondirektoren« (wie er sie nannte) unterschätzte und sie <lb/>
                 bei der Wertfeststellung des in den Trust einzubringenden <lb/>
                 Besitzes allzu sehr zu übertölpeln suchte. Vielleicht hatte <lb/>
                 Risch-Zander auch von vornherein nur teilgenommen, um <lb/>
                 zu horchen — wie hätte auch der Freiherr die verpflichtende <lb/>
                 Überlieferung der Rischianer preisgeben können, und was <lb/>
                 hätte wohl Frau Ella dazu gesagt? Der Freiherr hätte so et- <lb/>
                 was tun sollen, der Freiherr, der keine unvornehmen Effekte <lb/>
                 wünschte, für den es schon ein Problem war, ob es nicht zu <lb/>
                 wenig zurückhaltend sei, Kataloge mit Photomontage zu <lb/>
                 drucken, ob es nicht aufdringlich sei, leuchtende Transpa- <lb/>
                 tente an den Werkstätten neben den Eisenbahnlinien anzu- <lb/>
                 bringen, wie es Kropf schon lange tat! Auch machte es einen <lb/>
                 tiefen Eindruck auf ihn, als Dr. van der Gathen bewies, daß <lb/>
                 jeder Arbeiter eine ebensolche Kapitalanlage sei wie eine Ma- <lb/>
                 schine. »Für jeden Rischianer sind, wenn man die Einrich- <lb/>
                 tung seines Arbeitsplatzes, die Werkzeuge, die Wohlfahrt <lb/>
                 rechnet, sechstausend Mark investiert. Seine Erziehung in <lb/>
                 Schule und Lehrlingswerkstatt hat zweitausend gekostet, von <lb/>
                 den Ausgaben für Volkshygiene und öffentliche Ordnung <lb/>
                 entfallen mindestens achttausend Mark auf ihn. Somit schä- <lb/>
                 digt jeder Mensch, der durch die Maschine vertrieben wird, <lb/>
                 das private und allgemeine Vermögen um vierzehntausend <lb/>
                 Mark.« Wunderbar, wie dieser Doktor alles betrachtete. <lb/>
                 Ganz neue Seiten wußte er dem Wirtschaftsleben abzugewin- <lb/>
                 nen. Seine Statistik hatte Leib und Leben. Wunderbar. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schließlich blieben von den großen Konzernen als Ver- <lb/>
                 handlungspartner für Hillgruber nur Krogoll und Kropf <lb/>
                 übrig, die beide in eine gewisse Lethargie verfallen waren und <lb/>
                 die Aufrüttelung nötig hatten, die der Trust gewähren sollte. </p>
            <pb facs="#f0399" n="395"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das Aktienkapital wurde auf achthundert Millionen festge- <lb/>
                 setzt. Hiervon übernahm der Westdeutsche Bergwerksverein <lb/>
                 ein Drittel, Krogoll und Kropf jeder ein Viertel, Das rest- <lb/>
                 liche Sechstel entfiel auf die kleineren Trabanten. Das Geld <lb/>
                 kam aus Amerika. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein Bündnis Hillgruber-Krogoll, das leicht herzustellen <lb/>
                 war, kontrollierte also mit vierhundertsechzig Millionen den <lb/>
                 Trust. Kropf teilte dem Freiherrn mit, daß er schweren, aber <lb/>
                 festen Herzens nach reiflicher, gewissenhafter Prüfung die <lb/>
                 Gründungsakte mit seinem Namen unterschrieben habe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr sagte kein Wort dazu. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jene paar Zahlen waren das Einzige, was über den Trust <lb/>
                 zuverlässig bekannt wurde, und sie stimmten schon nach we- <lb/>
                 nigen Monaten nicht mehr. Die in sich wandelbare Form, die <lb/>
                 man gewählt hatte, gestattete keinen Einblick von außen und <lb/>
                 erleichterte die Ableugnung jedes zufällig in die Öffentlich- <lb/>
                 keit dringenden Details. Sie war einer Steinplatte vergleich- <lb/>
                 bar, die auf Humuserde liegt und unter deren Schutz zahl- <lb/>
                 reiche Insekten und Mikroben eine verzehrende Tätigkeit <lb/>
                 entfalten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Faulstich redete viel, aber er redete nur, um die Dinge unter <lb/>
                 Verschluß zu halten. Es sei einfältig, sagte er, vom Quoten- <lb/>
                 hunger der großen Werke zu sprechen, denn damit spreche <lb/>
                 man an der Ursache des wirtschaftlichen Elends, der falschen <lb/>
                 Sozial- und Finanzpolitik nämlich, vorbei; erst diese hätte die <lb/>
                 Existenz der kleinen Werke, die jetzt zum Verkauf kämen, <lb/>
                 untergraben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Indem er redete, wurde man fortgesetzt überrascht durch <lb/>
                 Meldungen über Vorgänge, deren Antrieb rätselhaft und de- <lb/>
                 ren Wirkung unabsehbar war. Bald hieß es, an der Börse <lb/>
                 seien langandauernde Käufe von Chemie-Aktien beobachtet <lb/>
                 worden, dahinter stehe Hillgruber, der Püschel mattsetzen <lb/>
                 wolle; bald hieß es, der Trust habe im Interesse des Stahlab- <lb/>
                 satzes »beratenden Einfluß« auf eine große Automobilfirma <lb/>
                 genommen, das sei ein Schlag gegen Risch-Zander. Dann <lb/>
                 wieder erfuhr man, daß der Trust mehrere Unternehmungen <lb/>
                 aus dem Reich, die im Revier Fuß gefaßt hatten, hinausge-
                <pb facs="#f0400" n="396"/>
                <lb/>
                 drängt und die betreffenden Werke aufgesaugt habe, dafür <lb/>
                 werde er bei den Muttergesellschaften im Reich seinen Bedarf <lb/>
                 an Fabriklokomotiven und Lastkraftwagen decken; und noch <lb/>
                 ein ander Mal kam die Nachricht, daß zwei Verwandte des In- <lb/>
                 habers einer Firma, die im Trust »aufgegangen« war, einen <lb/>
                 Handelsbetrieb unter dem alten Namen eröffnet hätten und <lb/>
                 dafür vom Trust verklagt worden seien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser Trust fraß also nicht nur die Gegenstände, er fraß <lb/>
                 auch die Namen. Was er nicht vom Erdboden tilgte, das tilg- <lb/>
                 te er wenigstens aus dem Gedächtnis. Auch in diesem Falle <lb/>
                 siegte er, und der alte Firmenname mußte gelöscht werden. <lb/>
                 Die Organe der öffentlichen Meinung schrieben: »Daran er- <lb/>
                 kennt man den starken Arm der Industrie.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Manche kleinere Unternehmung machte den Versuch; ihre <lb/>
                 Selbständigkeit zu bewahren, indem sie sich rasch vergrößer- <lb/>
                 te und eine eigene Stahlbasis schuf, um nicht mehr als begeh- <lb/>
                 renswertes Angliederungsobjekt zu erscheinen. Sie stürzten <lb/>
                 sich jedoch darüber in solche Schulden, daß sie dem Trust <lb/>
                 nach einiger Zeit wie überreife Früchte dennoch in den Schoß <lb/>
                 fielen. Es war kein Entrinnen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der freie Handel mit Werksprodukten wurde unterbunden. <lb/>
                 Der Trust gründete seine eigenen Handelsgesellschaften. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war kein Entrinnen. Alles zerging. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bald wußten die Arbeiter nicht mehr, wen ihr Arbeitsplatz <lb/>
                 eigentlich gehörte. Sie interessierten sich auch nicht dafür, <lb/>
                 wohin die Dinge gingen, die sie herstellten. Von der Union <lb/>
                 vollends war ihnen so gut wie nichts bekannt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sicher war jedenfalls, daß man unterscheiden mußte zwi- <lb/>
                 schen den Aktionen, die der Trust gegen Außenstehende un- <lb/>
                 ternahm, und denjenigen, welche die Trustgründer gegenein- <lb/>
                 ander unternahmen. Hillgruber, Krogoll und Kropf wett- <lb/>
                 eiferten darin, die kleinen Gesellschaften an sich zu ziehen, <lb/>
                 in deren Portefeuille ebenfalls Trustaktien ruhten. »Bäum- <lb/>
                 chen wechsel dich« spielten die Aufsichtsräte. Jeden Tag aufs <lb/>
                 neue mußte das Direktorenkollektiv raten, welcher von den <lb/>
                 Triumvirn nun wieder ein paar Prozent mehr gewonnen hatte. <lb/>
                 Eine Stillegung folgte der anderen, eine Massenkündigung <lb/>
                 der anderen. Mit der Gründung einer »Gesellschaft zur Ver-
                <pb facs="#f0401" n="397"/>
                <lb/>
                 schrottung industrieller Unternehmungen« setzte der Trust <lb/>
                 seiner Wirksamkeit die Krone auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Stillegungsverhandlungen bei der Regierung waren <lb/>
                 eine reine Formsache, nichts war leichter als der Nachweis <lb/>
                 der Untentabilität, wer wollte da hineinsehen? Der Regie- <lb/>
                 rungspräsident verharrte in verantwortungsvoll zustimmen- <lb/>
                 der Haltung, Faulstich sagte von ihm in seiner überspitzen- <lb/>
                 den Manier: »Dieser Sozialdemokrat ist der beste Deutsch- <lb/>
                 nationale, der mir je begegnet ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alles wurde normalisiert, Büropapier, Maschinenteile, Be- <lb/>
                 griffe, Menschen. In zehn Monaten stieg die Tagesleistung <lb/>
                 der Hochofenarbeiter um siebenunddreißig Prozent auf an- <lb/>
                 derthalb Tonnen, die der Walzwerksarbeiter um vierund- <lb/>
                 vierzig Prozent auf einunddreiviertel Tonnen. Die Arbeiter <lb/>
                 trieben einander an, weil jeder auf die Produktion des ande- <lb/>
                 ren warten mußte und der Langsame die Leistung und mit- <lb/>
                 hin den Verdienst der Flinken minderte. Es war wie bei den <lb/>
                 Soldaten, wo die Schwächlinge, um derentwillen die Kom- <lb/>
                 pagnie gebimst wird, nachts von den Kameraden verprügelt <lb/>
                 werden. Wie dort die Korporäle, so brauchten hier die Auf- <lb/>
                 seher nur zu sagen: »Bedankt euch beidem und dem...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wer an Hilfsmaterial, Schmirgel, Putzwolle, Bleistiften, <lb/>
                 Notizblöcken und dergleichen mehr als den vorgeschriebenen <lb/>
                 Durchschnittssatz verbrauchte, mußte für das Überschießen- <lb/>
                 de selbst aufkommen, wer weniger verschliß, dem wurde ein <lb/>
                 entsprechender Betrag vergütet. In allen Betrieben hingen <lb/>
                 Zettelkasten zur Aufnahme von Verbesserungsvorschlägen, <lb/>
                 vermöge deren jedermann seiner Selbstgefälligkeit genugtun <lb/>
                 konnte, auch wenn nichts davon durchgeführt wurde, ja <lb/>
                 dann erst recht, denn nun konnte jeder sich einbilden, daß <lb/>
                 dieser oder jener Fehlschlag nur daher rühre, weil aus seinem <lb/>
                 persönlichen Scharfsinn kein Nutzen gezogen worden sei. <lb/>
                 So konnte man sagen, daß hier der große Wurf gelungen war, <lb/>
                 jeden Arbeiter und Angestellten mit der Denkart und dem <lb/>
                 Gefühl des selbständigen Unternehmers zu versehen... Auch <lb/>
                 wurde jeder Gegenstand nur noch dort produziert, wo er am <lb/>
                 besten und billigsten produziert werden konnte, aber die An- <lb/>
                 zahl der besten und billigsten Produktionsstätten wurde nicht
                <pb facs="#f0402" n="398"/>
                <lb/>
                 durch technische, sondern durch finanzielle Verhältnisse be- <lb/>
                 stimmt, nämlich durch den Umfang der Aktienpakete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Näßler schuf eine zentrale Betriebsstatistik, eine Stelle, an <lb/>
                 die alle Angaben über Produktion nach Menge und Wert, <lb/>
                 Belegschaft, Löhne, Ein- und Verkäufe, Lagerbestände, <lb/>
                 Ausfuhr und den Anteil der einzelnen Länder daran wöchent- <lb/>
                 lich zu melden waren. In jeder Rubrik wurde ein graphisches <lb/>
                 Blatt geführt, wo die Kurve von Monat zu Monat weiter <lb/>
                 ging, und dessen Größe so bemessen war, daß es den Über- <lb/>
                 blick über ein Jahrzehnt gestattete. Alsdann begann die pro- <lb/>
                 duktive Verarbeitung dieser Statistik, alle Zahlen wurden un- <lb/>
                 tereinander in Beziehung gesetzt, das Verhältnis von Kapital <lb/>
                 und Umsatz wurde fortlaufend ermittelt, von Produktion <lb/>
                 und Belegschaft, von sozialen Ausgaben und Umsatz, von <lb/>
                 Steuern und Umsatz, von Löhnen und Umsatz, Eine zweite <lb/>
                 Blattreihe verglich die einzelnen Produktionszweige mitein- <lb/>
                 ander, eine dritte beleuchtete an Hand der Bilanzen und Pro- <lb/>
                 spekte die Lage fremder Werke. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Betriebsstatistik war dem Chef der Hauptbuchhaltung <lb/>
                 unterstellt. Näßler ermahnte ihn, maßzuhalten und sich nicht <lb/>
                 von den Zahlen verführen zu lassen, vielmehr Nebensächli- <lb/>
                 ches von Bedeutendem zu unterscheiden; wenn jede Zahl nur <lb/>
                 da sei, um eine neue zu gebären, wirke die Statistik leicht ein- <lb/>
                 schläfernd, man rede dann nur noch mit ihr statt mit den Tat- <lb/>
                 sachen, die sie zu erkunden habe. In bestimmten Zeiträumen <lb/>
                 ließ er sich die Blätter vorlegen. Er begnügte sich nicht da- <lb/>
                 mit, die Tabellen zur Kenntnis zu nehmen; er schmunzelte <lb/>
                 nicht, wenn er eine Anschauung, die er sich schon gebildet <lb/>
                 hatte, durch sie bestätigt fand; er zog nicht nur seine Schlüsse <lb/>
                 daraus, er handelte auch demgemäß, systematisch und unver- <lb/>
                 züglich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Innerhalb eines Vierteljahrs erreichte der Trust einen Um- <lb/>
                 satz von 407 Millionen Mark und eine Produktion von <lb/>
                 6 960 000 Tonnen Kohle, 2 608 000 Tonnen Koks, 1 719 000 <lb/>
                 Tonnen Roheisen, 1 882 000 Tonnen Rohstahl. Jedermann <lb/>
                 warf sich in die Brust, als er diese Zahlen vernahm, jeder- <lb/>
                 mann tat, als habe er teil daran. Endlich sah man wieder einen <lb/>
                 leibhaftigen Zipfel Macht und Größe. Es war ein ähnliches
                <pb facs="#f0403" n="399"/>
                <lb/>
                 Gefühl, wie es früher die Köchinnen hatten, wenn sie einen <lb/>
                 Wachtmeister von der Kavallerie sahen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Außenseiter Risch-Zander und Schellhase waren un- <lb/>
                 terdessen nicht müßig, beide schnappten dem Trust Fabriken <lb/>
                 weg, auf die er ein Auge geworfen hatte, doch das war nicht <lb/>
                 alles. Der Trust besaß ein Röhrenwerk, das vordem seinen <lb/>
                 Stahl von den Schellhases bezogen hatte, jetzt war es natür- <lb/>
                 lich aus damit. Sofort baute Schellhase junior ein eigenes <lb/>
                 Röhrenwerk; der Trust antwortete mit der Auflösung des <lb/>
                 Röhrensyndikats und stellte die Freiheit der Preisbildung wie- <lb/>
                 der her. Sicherlich wurden den Schellhases Verluste zuge- <lb/>
                 fügt, aber sie wußten wohl, daß die Kampfpreise des Trusts <lb/>
                 auf die Dauer nicht zu halten waren, und zuguterletzt zogen <lb/>
                 sie in ein neues Syndikat mit einer starken Quote ein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Risch-Zander erstellte zwei neue Hochöfen von äußerster <lb/>
                 Vollkommenheit, die sich als Wunderwerke der Technik <lb/>
                 rechtfertigten und die gesamte Energiewirtschaft des Stahl- <lb/>
                 werks auf eine neue Grundlage hoben. In ihrer Umgebung <lb/>
                 entstand ein Hafen von achthundert Meter Länge, mit elf <lb/>
                 Ausladebrücken und drei Verladekränen. Das Ziel war über- <lb/>
                 all eine erhöhte Beteiligung in den Eisen- und Stahlverbän- <lb/>
                 den, die jetzt erneuert und internationalisiert werden sollten. <lb/>
                 Die Umrisse dieser Verträge standen seit langem fest, aber <lb/>
                 auch diese Entscheidung blieb wieder in der Schwebe, bis <lb/>
                 die Verzögerung einen neuen Konjunkturrückgang bewirkte; <lb/>
                 denn die Abnehmer waren schlau genug, keine Aufträge zu <lb/>
                 erteilen, wo vielleicht in wenigen Wochen, wenn die Syndi- <lb/>
                 kate nicht erneuert wurden, die plötzliche Freiheit des Mark- <lb/>
                 tes einen Preissturz veranlassen konnte. Monatelang wurde <lb/>
                 gefeilscht, der Abschluß schien eine schiere Unmöglichkeit <lb/>
                 zu sein, und zuletzt war binnen zwölf Stunden alles geordnet <lb/>
                 — war man nicht daran gewöhnt, war es nicht immer so? »Ich <lb/>
                 bin kein unbedingter Freund der Verbände«, sagte Kropf <lb/>
                 einem Interviewer, »und ich glaube, daß es gut gewesen <lb/>
                 wäre, für ein paar Jahre dem Individualismus Raum zu ge- <lb/>
                 ben, aber die Preise wären dann sehr stark geworfen worden, <lb/>
                 und das konnte jetzt, wo die öffentliche Hand die Wirtschaft
                <pb facs="#f0404" n="400"/>
                <lb/>
                 wie eine Zitrone auspreßt, niemand auf sich nehmen, der sich <lb/>
                 für die Allgemeinheit mitverantwortlich fühlt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In diesen Tagen wurden die Direktionen der Werke mit <lb/>
                 Bitten bestürmt, Besichtigungen der Betriebe zu genehmigen. <lb/>
                 Drei Führungen wöchentlich waren bei Risch-Zander die Re- <lb/>
                 gel. Die Bittsteller waren Professoren, die ihre Studenten <lb/>
                 in die Geheimnisse der Rationalisierung einweihen wollten, <lb/>
                 und Reporter, die unbedingt dahinter kommen und ihren Le- <lb/>
                 sern erzählen wollten, wie schlau sie es angefangen hatten. <lb/>
                 Wackerleins Schwägerin empfing sie alle mit der gleichen <lb/>
                 Liebenswürdigkeit, mochten sie verdächtig oder unverdäch- <lb/>
                 tig sein, mochte ihnen von den Akten des Pressebüros das <lb/>
                 Prädikat »Ohne Gefahr« oder »Vorsicht!« vorausgeschickt <lb/>
                 sein. Wenn sie lächelte, war sie anzuschauen wie ein Kind, <lb/>
                 das träumt, und sie lächelte oft und gern, ein unverfäng- <lb/>
                 liches Lächeln inmitten des interessantesten Geplauders, ein <lb/>
                 Lächeln, das ansteckend war. Ihr schwarzes Haar hatte einen <lb/>
                 solchen Glanz, daß es von weitem dunkelblau erschien, nur <lb/>
                 dicht über der Stirn waren ein paar weißlich gekräuselte <lb/>
                 Strähnen, so daß es aussah, als trüge sie einen Kranz aus <lb/>
                 Sternblumen. Daher begannen alle Feuilletons über das Stahl- <lb/>
                 werk Risch-Zander mit einer Ode auf den Silberstreifen am <lb/>
                 Haupt der Empfangsdame. Auf diese Weise schlugen sie dem <lb/>
                 neugierigen Leser ein Schnippchen; sie fesselten ihn mit einer <lb/>
                 gleichgültigen Sache, indem sie behaupteten, daß es eine <lb/>
                 Merkwürdigkeit sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Etliche Besucher kamen auch mit radikalen Absichten, <lb/>
                 schnaubend vor Selbstsicherheit; aber sie wurden leicht ge- <lb/>
                 zähmt und zu langsamer Gangart erzogen, sobald sie einer <lb/>
                 der professionellen »Bärenführer« an die Leine nahm. Es <lb/>
                 waren immer dieselben tumultuarischen Werkstätten, in die <lb/>
                 sie geführt wurden, und dort kamen sie vor lauter Feuer und <lb/>
                 Gekreisch, das sie umbrandete, nicht zu sich. Die Arbeiter <lb/>
                 sahen diese Aufzüge, an die sie sich allmählich gewöhnten, <lb/>
                 stolz und verächtlich an; sie freuten sich, daß ihre Arbeit <lb/>
                 zum Demonstrationsobjekt wurde, aber zugleich verschmäh- <lb/>
                 ten sie die Freundschaft dieser Zaungäste und »Nassauer«. <lb/>
                 Kein Besucher durfte ein Wort mit ihnen wechseln, und das
                <pb facs="#f0405" n="401"/>
                <lb/>
                 war ihnen nur lieb. So manches Mal standen oben an der <lb/>
                 Brüstung der Galerien die Männer der Feder bereit, die ar- <lb/>
                 beitenden Brüder da unten vor den Öfen in die Arme zu <lb/>
                 nehmen, derweil diese nur den schlichten Gedanken hatten: <lb/>
                 »Leckt uns doch am Arsch.« Sie kamen nie zusammen, weil <lb/>
                 beiden Teilen, während sie die Wirklichkeit zu betrachten <lb/>
                 wähnten, die kritische Erkenntnis ebendieser Wirklichkeit <lb/>
                 fehlte. — — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jene »Akte wirtschaftlicher Notwehr«, wie Hiebenstein <lb/>
                 die Neuerungen bezeichnete, waren teuer. Eine Rentabilität <lb/>
                 der neuen Anlagen war vorläufig nicht zu erzielen, Sonder- <lb/>
                 abschreibungen in der Bilanz suchten ihren Bilanzwert dem <lb/>
                 tatsächlichen Nutzungswert anzunähern. So ging das überall. <lb/>
                 Man prüfte nicht lange, ob ein Bedürfnis zur Errichtung <lb/>
                 neuer Anlagen oder zur Erweiterung der alten vorhanden <lb/>
                 war. Die Sache war nun einmal im Zuge, jeder wollte mit- <lb/>
                 gehen, jeder wollte Staat machen, auch auf die Gefahr hin, <lb/>
                 daß er seinen Stammbesitz selbst entwertete. Die maßlosen <lb/>
                 Investitionen verursachten eine verhängnisvolle Überkapa- <lb/>
                 zität: nutzte man das Leistungsvermögen aus, so überstieg <lb/>
                 die Menge der erzeugten Waren die Nachfrage der Käufer, <lb/>
                 deren Verhältnisse sich ja nicht verändert hatten; paßte man <lb/>
                 die Erzeugung dem Bedarf an, so war man wieder dort an- <lb/>
                 gelangt, von wo man ausgegangen war, nur daß man in- <lb/>
                 zwischen große Summen zum Fenster hinausgeworfen hatte. <lb/>
                 So scheiterte die Idee der Rationalisierung, soweit sie über- <lb/>
                 haupt einen wirklichen Inhalt hatte, an jener Eigenschaft der <lb/>
                 Industriellen, die der amerikanische Bankier Selbstsucht ge- <lb/>
                 nannt hatte, und es war charakteristisch genug, daß Sieg- <lb/>
                 fried Hillgruber, soviel er sonst auch ausstreichen wollte, <lb/>
                 diese Eigenschaft ausdrücklich stehen gelassen hatte. Indem <lb/>
                 die Rationalisierung proklamiert wurde, geschah nichts, als <lb/>
                 daß die unrationelle Wirtschaft auf eine andere Ebene pro- <lb/>
                 jiziert wurde. Die Technik war fortgeschritten, und der <lb/>
                 Geist war ihr nicht gefolgt; aber statt daß die Menschen den <lb/>
                 Geist anklagten, weil er säumig war, klagten sie die Technik <lb/>
                 an, weil sie den Säumigen überrannte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das allgemeine Dilemma zeichnete sich ab in der finan-
                <pb facs="#f0406" n="402"/>
                <lb/>
                 ziellen Bedrängnis der Risch-Zander A.-G. Der Staatskredit <lb/>
                 war durch eine vorzeitige Indiskretion vereitelt worden, das <lb/>
                 Bankkapital hatte im öffentlichen Anleiheprospekt genaue <lb/>
                 Auskünfte verlangt. Was ging die Börsenjuden der Familien- <lb/>
                 betrieb Risch-Zander an, dessen Aktien keiner Börse ausge- <lb/>
                 liefert waren? Publizität, das war der neueste Fimmel, alle <lb/>
                 Welt drängte darauf. Der Finanzrat ärgerte sich, der Bankier <lb/>
                 sagte sanft: die Obligationen müßten doch nachher gehandelt <lb/>
                 werden, und das sei bei der Zulassungsstelle zu beantragen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Risch-Zander gewissermaßen vor einer Paßkontrolle! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Bankier — ein hagerer Mensch mit fünf angeklebten <lb/>
                 Haarsträhnen, durch welche die Glatze hindurchschimmerte, <lb/>
                 mit schleuderndem Gang und formloser, schwach gebogener <lb/>
                 Nase, jedoch bis auf die jüdische Urgroßmutter arischen Ge- <lb/>
                 blüts — war von einer gewissenhaften und eigensinnigen Neu- <lb/>
                 gierde. Er sagte: »Die Bilanzierungsgewohnheiten der Werke <lb/>
                 sind sehr verschieden, Herr Finanzrat. Die Zulassungsstelle <lb/>
                 erachtet daher die Bilanzangaben, namentlich der kapitalmä- <lb/>
                 ßig verflochtenen Unternehmungen, nicht als genügende <lb/>
                 Grundlage für ein Urteil über die Rentabilität.« Hiebenstein <lb/>
                 wandte ein, daß die verlangte Publizität die Beziehungen zu <lb/>
                 den Kunden stören könne, es könnten unrichtige Schlüsse <lb/>
                 auf das Preisgebaren gezogen werden... »Diese Möglich- <lb/>
                 keit besteht in der Wirtschaft allgemein, Herr Finanzrat. Sie <lb/>
                 ist für die Börse weniger unangenehm als ein Fehlurteil über <lb/>
                 die Rentabilität. Aus Ihrer letzten Gewinn- und Verlustrech- <lb/>
                 nung geht beispielsweise nicht hervor die Höhe des Umsatzes <lb/>
                 und der Zins- und Beteiligungserträgnisse... Es gehen dar- <lb/>
                 aus auch nicht hervor die Betriebsunkosten und die Verwal- <lb/>
                 tungskosten...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das wollen Sie alles wissen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht ich, die Zulassungsstelle... Ja«, zwinkerte der <lb/>
                 Bankier, »die Börse ist das wahrhafte Wirtschaftsministe- <lb/>
                 rium. Die Regierung ist nur Attrappe, oder auch das Adop- <lb/>
                 tivkind der Börse, wenn Sie wollen. Die Wirtschaft ernährt <lb/>
                 den Staat— na, wem sage ich das? Wenn die Regierung von <lb/>
                 Links zu einer Enquete über die Kalkulationsbasis der Wirt- <lb/>
                 schaft veranlaßt wird— was macht Ihr Statistiker? Er be-
                <pb facs="#f0407" n="403"/>
                <lb/>
                 weist, daß die Kostenrelationen für die einzelnen Produkte <lb/>
                 Ihrer Fabrik derart wechseln, daß überhaupt nichts fest- <lb/>
                 zustellen ist, daß Sie also mit Schätzungen und Gefühlsmo- <lb/>
                 menten arbeiten müssen und die Sicherheit immer erst nach <lb/>
                 der vollzogenen Tatsache gewinnen... Aber an der Börse <lb/>
                 hat man nicht den Sinn für Ihre Gefühlsmomente, den man in <lb/>
                 der Regierung hat. An der Börse müssen Sie Rede und Ant- <lb/>
                 wort stehen. Übrigens, müssen Sie wissen, halte ich eine <lb/>
                 gute Aufklärung auch für eine gute Verteidigung in Lohn- <lb/>
                 fragen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie lächelten einander an und schwiegen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dem Freiherrn berichtete Hiebenstein, daß dieser Finanz- <lb/>
                 gewaltige doch ein ganz anderer Typus sei als der Mehren <lb/>
                 von Wirtzschen Gnaden, »lebendig und weise, ohne doch <lb/>
                 überlegen zu sein, sprühend, ein wenig ritzend —, gerade so- <lb/>
                 viel, wie die Personen der Legende die Haut ihres Arms <lb/>
                 ritzen mußten, wenn sie ihre Seelen dem Teufel vermachten <lb/>
                 und das Testament mit Blut unterschrieben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das stimmte. Der Bankier von Risch-Zander war ein ge- <lb/>
                 mütvoller Humorist und daher der populärste Mann an der <lb/>
                 Börse. Er war gegen alle »Gebote der Stunde« und für den <lb/>
                 »Stempel der Persönlichkeit«. Er hatte nirgendwo in der Pro- <lb/>
                 vinz Depositenkassen und Filialen. Er war der letzte Privat- <lb/>
                 bankier, der letzte Nachfahr Rothschilds, Mendelssohns und <lb/>
                 Bleichröders. Wenn man ihn über sein Leben befragte, ant- <lb/>
                 wortete er, daß er einmal in Südamerika gewesen sei. Wenn <lb/>
                 man ihn bat, seine Eindrücke von dieser Reise zu schildern, <lb/>
                 erzählte er, daß die Deutschen in Brasilien zu Weihnachten <lb/>
                 Christbäume schmückten, daß aber leider infolge des heißen <lb/>
                 Klimas die Kerzen sich krümmten. Alles in allem, durfte man <lb/>
                 behaupten, nahm er sich im Aufsichtsrat am Platz des Herrn <lb/>
                 Romeike und auch im Lichthof von Zandershöhe sehr gut aus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach all den Kämpfen war niemand geschwächt und jeder <lb/>
                 gestärkt, nur die Kleinen, mochten sie heimliche Feinde, <lb/>
                 Neutrale oder Mitläufer sein, waren auf der Strecke geblie- <lb/>
                 ben. Abermals trafen sich die Großen in verständnisvoller <lb/>
                 Freundschaft auf einer gemeinsamen Linie. </p>
            <pb facs="#f0408" n="404"/>
            <p>
                <lb/>
                 Den Konsum der gewaltigen Stahlmengen zu fördern, be- <lb/>
                 durfte es einer diktatorischen Herrschaft über die eisenverar- <lb/>
                 beitende Industrie. Diese bescheidenen, übers Land ver- <lb/>
                 streuten und in viele widerstreitende Lager zerfallenden Fa- <lb/>
                 brikanten von Schlössern, Schlüsseln, Möbelbeschlägen, <lb/>
                 Schrauben, Werkzeugen, Schneidwaren und Armaturen aller <lb/>
                 Gattungen waren die Puffer zwischen Erzeugern und Ver- <lb/>
                 brauchern. Jeder Ton, den die Eisenindustriellen anschlu- <lb/>
                 gen, verursachte im Geschäft der Verarbeiter die umgekehrte <lb/>
                 Resonanz; jede Vergünstigung, die jenen zustatten kam war <lb/>
                 eine Erschwerung für-diese; jeder Mißgriff dort rächte sich <lb/>
                 an ihnen zuerst, die Russen und Polen, vor dem Krieg ihre <lb/>
                 besten Kunden, wurden dauernd vor den Kopf gestoßen, alle <lb/>
                 ausländische Konkurrenz wurde durch die Exportinteressen <lb/>
                 der Union von Kohle und Eisen ermuntert. Gewiß hatten <lb/>
                 auch sie ihren Verband, aber die Firmeninhaber hatten nicht <lb/>
                 die Zeit zu Sitzungen, die auf der anderen Seite die Legion <lb/>
                 der Direktoren aufbrachte, sie verfügten auch nicht über die <lb/>
                 Finanzen, womit jene nicht bloß die materiellen, sondern <lb/>
                 auch die geistigen Waffen zu schärfen verstanden, sie waren <lb/>
                 nie klar zum Gefecht, wenn geblasen wurde, den Zeitpunkt <lb/>
                 bestimmten ja die Anderen —: da war es wohl nicht ratsam, <lb/>
                 in wortreichen, doch rasch verhallenden Kundgebungen ein <lb/>
                 Dasein zu heucheln, das nicht mehr existierte. Jedenfalls war <lb/>
                 es erträglicher, sich zu unterwerfen und unter weit ausge- <lb/>
                 spannte Flügel zu schlüpfen, die, obzwar sie Raubvögeln ge- <lb/>
                 hörten, darum nicht weniger oder am Ende sogar besser <lb/>
                 wärmten und schirmten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wo Tyrannen regieren, bleibt zwischen Leben und Tod <lb/>
                 immer der Ausweg zu schmarotzen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Union wurde Treuhänder der Eisenverarbeiter. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die außerordentliche Generalversammlung des Westdeut- <lb/>
                 schen Bergwerksvereins fand in einem Saal des Hotels »Rie- <lb/>
                 sen-Fürstenhof« statt und wurde von der Opposition der klei- <lb/>
                 nen Aktionäre zu Vorstößen gegen den Vorsitzenden des Auf- <lb/>
                 sichtsrats benutzt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Hotel lag an einem runden Platz, der wie ein Luft-
                <pb facs="#f0409" n="405"/>
                <lb/>
                 schacht in der Altstadt wirkte, welche jetzt von den aufstre- <lb/>
                 benden Bürgern, Modesalon- und Gaststättenbesitzern, nach <lb/>
                 Londoner Vorbild »City« genannt wurde. Links führte eine <lb/>
                 Straße vorbei, verdunkelt von den massiven Baulichkeiten der <lb/>
                 Großbanken, die breit und wuchtig wie eingerammte Brük- <lb/>
                 kenpfeiler im beizenden, räuchernden Strom der Industrie- <lb/>
                 dämpfe standen, welche der Wind zu Boden drückte, so daß <lb/>
                 die Straßenpassanten immerzu blinzeln und die Rußkörner <lb/>
                 aus den Augen reiben mußten. Gegenüber wurde ein Grund- <lb/>
                 stück ausgeschachtet für ein Hochhaus von vierhundertfünf- <lb/>
                 zig Büroräumen. Alte, grindige Bäume hatten früher dort ge- <lb/>
                 standen, Reste eines Patriziergartens, jetzt war ein hoher <lb/>
                 Bretterzaun drumherum mit aufgemalten bunten Figuren, <lb/>
                 die neugierig durch ein Loch auf den Bauplatz blickten, von <lb/>
                 weitem konnte man sich täuschen und sie für wirkliche Men- <lb/>
                 schen halten, denn sie hatten Lebensgröße und waren sehr <lb/>
                 plastisch, aber schon befleckt von den Lehmfuhren. Rechts <lb/>
                 war eine ganz schmale Gasse mit niedrigen Lädchen, und das <lb/>
                 Eckhaus war ein gelbes zweistöckiges Kästchen und hatte <lb/>
                 seine Treppe mitten im Bürgersteig; es trug ein viereckiges <lb/>
                 Schild, das neben der Treppe befestigt war wie ein Kratzeisen <lb/>
                 für schmutzige Schuhsohlen, nur ein bißchen zu hoch. <lb/>
                 »Bank« stand darauf, Bank, weiter nichts. Es mochte noch <lb/>
                 aus einer Zeit stammen, wo es in der Hauptstadt des Kohlen- <lb/>
                 reviers nur diese eine Bank gegeben hatte, und der Inhaber <lb/>
                 war sicherlich so vergilbt wie das Haus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dazwischen stand der »Riesen-Fürstenhof« mit der Fassade <lb/>
                 eines besseren Stadttheaters. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Platz davor war jetzt voller Autos, es waren blitz- <lb/>
                 blanke, rassige Limusinen, Horchs und Protos, denn es war <lb/>
                 Ehrensache bei den Industriellen, keine ausländischen Wagen <lb/>
                 zu fahren, aber ihrerseits so viel wie möglich ins Ausland zu <lb/>
                 exportieren. Vermutlich machten es ihre Kollegen in der <lb/>
                 ganzen Welt ebenso, so war die Aufgabe gelöst, national und <lb/>
                 international zugleich zu sein, wie die Zeit es befahl. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kleinaktionäre kamen mit der Straßenbahn an und <lb/>
                 quetschten sich durch die Auffahrt der Autos hindurch, was <lb/>
                 ihren Oppositionsgeist beträchtlich vermehrte. Es waren
                <pb facs="#f0410" n="406"/>
                <lb/>
                 vierschrötige, verbissene Haudegen einer dahingeschwunde- <lb/>
                 nen Epoche. Manche hatten es vorgezogen, ihre Stimmen ei- <lb/>
                 nem Rechtsanwalt zu übertragen, der sich dazu durch Zei- <lb/>
                 tungsinserate angeboten hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Vestibül grüßte die Eintretenden aus sprechenden Au- <lb/>
                 gen ein Porträt des letzten Kaisers. Die Palme hingegen, die <lb/>
                 früher darunter gestanden hatte, war jetzt unter das Bild des <lb/>
                 Feldmatschalls versetzt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Generaldirektor Näßler saß am Verwaltungstisch inmitten <lb/>
                 des Vorstands. Durch die Wände wühlten sich ab und zu ein <lb/>
                 paar Musiktakte vom-Tanztee einer wohltätigen Mittelstands- <lb/>
                 vereinigung. Eine Garbe Sonnenstrahlen brach durch die <lb/>
                 Fensterbekleidung herein und hob etliche Köpfe wie vergol- <lb/>
                 dete Kugeln aus der matten Beleuchtung des Saals. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Geschäftsbericht war von Näßler auf ein Minimum be- <lb/>
                 schränkt worden. Zwar hatte die Börsenzulassungsstelle an- <lb/>
                 gesichts des großen Kapitalbedarfs der Gesellschaft auf Bi- <lb/>
                 lanzerläuterungen Gewicht gelegt, aber Näßler gedachte sie <lb/>
                 erst nachträglich bei der Publikation im Reichsanzeiger zu ge- <lb/>
                 ben, wenn die Generalversammlung vorüber war. Hätten die <lb/>
                 Opponenten das gewußt, so wäre ihre Empörung noch erup- <lb/>
                 tiver gewesen, doch wußte außer Hillgruber, Mehren und <lb/>
                 Näßler überhaupt kein Mensch etwas von der Geschäftsgeba- <lb/>
                 rung des Westdeutschen Bergwerksvereins. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein Rechtsanwalt im Marengo-Cutaway sprang sogleich <lb/>
                 voll Erregung auf und streckte den Arm aus wie die Statisten <lb/>
                 auf der Bühne, wenn sie einem Römerhelden huldigen: »Din- <lb/>
                 ge,« rief er, »Dinge, Dinge werden hier offen zur Sprache <lb/>
                 kommen, die bisher nur gerüchtweise ventiliert wurden. Die <lb/>
                 Verwaltungsmitglieder fusionierter Gesellschaften sind mit <lb/>
                 Abfindungssummen bedacht worden, ich ersuche um Aus- <lb/>
                 kunft über die Höhe!« Näßler erwiderte ruhig, daß es be- <lb/>
                 dauerlich sei, wenn solche Anschuldigungen vorgebracht <lb/>
                 würden. »Es handelt sich nicht um Anschuldigungen!« schrie <lb/>
                 der Rechtsanwalt, »es handelt sich um die Feststellung von <lb/>
                 Tatsachen!« — »Ich weiß nicht, was man eigentlich will,« <lb/>
                 sagte Näßler, »es ist lediglich in einem Fall eine Vergütung <lb/>
                 an einen Herrn gezahlt worden, der in Berlin ständige Ar-
                <pb facs="#f0411" n="407"/>
                <lb/>
                 beit im Interesse der Gesellschaft verrichtet, was doch nur <lb/>
                 zugunsten der Aktionäre ausschlagen kann.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Rohüberschuß ist um vier Millionen gestiegen, die <lb/>
                 Abschreibungen sind ganz ungerechtfertigterweise um nahe- <lb/>
                 zu zwei Millionen erhöht worden, es könnte eine bessere Di- <lb/>
                 vidende gezahlt werden, wenn es mit rechten Dingen zu- <lb/>
                 ginge!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die erhöhten Abschreibungen erklären sich aus den Neu- <lb/>
                 anlagen. Später kann man vielleicht eine höhere Dividende <lb/>
                 ausschütten, heute muß die Gesellschaft für die kommenden <lb/>
                 Aufgaben finanziell gerüstet sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein alter Herr mit weißem Bart stand auf und stützte sich <lb/>
                 auf den silbernen Knauf seines Ebenholzstocks. »Wenn nicht <lb/>
                 die Interessen des Aufsichtsratsvorsitzenden mit den Aktio- <lb/>
                 närinteressen im Widerspruch stünden,« sagte er, »dann <lb/>
                 könnte der Gewinn weit größer sein.« Er wippte dabei mit <lb/>
                 dem Kopfe vorwärts und rückwärts, abwechselnd liefen Strie- <lb/>
                 men von Schatten und Licht über sein Gesicht, so daß es <lb/>
                 aussah, als sei es aus Bast geflochten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ganze acht Druckzeilen stehen im Bericht über die Stahl- <lb/>
                 trust-Transaktion,« fing der Rechtsanwalt wieder an, »nichts <lb/>
                 an Zahlen und kein Wort der Würdigung dieses in die Struk- <lb/>
                 tur des deutschen Wirtschaftslebens tief einschneidenden <lb/>
                 Vorgangs. Reinweg nichts findet man von der Liierung mit <lb/>
                 der Mitteldeutschen Braunkohle. Auf Grund der in der letz- <lb/>
                 ten ordentlichen Generalversammlung beschlossenen Statu- <lb/>
                 tenänderung konnte niemand annehmen, daß eine derartig <lb/>
                 weittragende Sache damit gemeint war. Der Blankowechsel, <lb/>
                 den die Aktionäre der Verwaltung gegeben haben, ist nicht <lb/>
                 in ihrem Interesse benützt worden, jetzt werden sie vor voll- <lb/>
                 endete Tatsachen gestellt. In der Bilanz sieht man nur ein <lb/>
                 Anwachsen des Kontos Rechnung der Tochtergesellschaften, <lb/>
                 das ist alles! Das ist alles!« Er knallte seine Mappe auf den <lb/>
                 Tisch. »Man muß annehmen, daß die Verwaltung Beträge <lb/>
                 dafür aufwandte, die sie nicht über die Gewinn- und Ver- <lb/>
                 lustrechnung geleitet hat! Jahrelange stille Reserven, von <lb/>
                 denen keiner was ahnte! Geheime Thesaurierungspolitik! Pu- <lb/>
                 blizität im Sinne des Aktiengesetzes war ja nie eine starke
                <pb facs="#f0412" n="408"/>
                <lb/>
                 Seite der Verwaltung. Die Gewinnrechnung war immer un- <lb/>
                 durchsichtig, sie läßt auch jetzt wieder keine Unkosten er- <lb/>
                 kennen!« Näßler entgegnete, daß eine andere Gliederung der <lb/>
                 Gewinnrechnung nicht ohne Mißverständlichkeiten durch- <lb/>
                 zuführen sei, man solle der Konkurrenz nicht ohne Not etwas <lb/>
                 offenbaren, auch in Amerika gebe es viel weniger Publizität, <lb/>
                 als die Herren Aktionäre in Deutschland glaubten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es fehlt jegliche Begründung für die Aufgabe der mate- <lb/>
                 riellen Selbständigkeit des Unternehmens, es sei denn, daß <lb/>
                 man sie in der eindeutigen Unterstützung der persönlichen <lb/>
                 Pläne des Aufsichtsratsvorsitzenden erkennt. Die Erklärun- <lb/>
                 gen der Verwaltung sind ein Appell an die Leichtgläubigkeit <lb/>
                 der Aktionäre!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Entscheidung darüber, wie der Vorstand sich ver- <lb/>
                 halten sollte, als die Anregung zum Stahltrust erging, war <lb/>
                 schwer, aber mit seinem Amt hat er es auch übernommen, <lb/>
                 sie zu treffen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist eine nichtssagende Ausrede!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Eine gesunde Opposition fördert das Gedeihen der Ge- <lb/>
                 sellschaft, die Verwaltung sieht sie nicht ungern. Aber schließ- <lb/>
                 lich muß man doch fragen, wer denn eigentlich die Opposi- <lb/>
                 tion ist...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist unerhört! Das Ideal der Verwaltung scheint die <lb/>
                 aktionärlose Aktiengesellschaft zu sein!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man muß zwischen berechtigter und unberechtigter <lb/>
                 Opposition unterscheiden. Was sich hier als Minderheits- <lb/>
                 schutz hinstellt, ist in Wirklichkeit Minderheitsterror und <lb/>
                 Entrechtung der Majorität. Es gibt berufsmäßige Op- <lb/>
                 ponenten...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich stelle den Antrag auf Vertagung der Generalversamm- <lb/>
                 lung gemäß § 264 des Handelsgesetzbuchs.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bitte sehr..., der Antrag kommt zur Abstimmung.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er wurde mit 33 804 Stimmen gegen 1040 abgelehnt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn gefragt worden ist,« sprach Näßler weiter, »warum <lb/>
                 wir in den Stahltrust gegangen sind — so ist mir das unver- <lb/>
                 ständlich. Wichtig wäre allein die Frage gewesen, ob unser <lb/>
                 Vorgehen gut war. Ich kann daher nur solche Fragen be- <lb/>
                 antworten, die praktisch für den Aktionär von Interesse sind.« </p>
            <pb facs="#f0413" n="409"/>
            <p>
                <lb/>
                 Der alte Herr, den Näßler im stillen den Weihnachtsmann <lb/>
                 getauft hatte, stand wieder da. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann frage ich, wie die Aktien des Stahltrusts in der <lb/>
                 Bilanz gewertet sind...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Da es sich um einen Dauerbesitz handelt, stehen sie al <lb/>
                 pari zu Buch.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hierauf meldete sich das in den Aufsichtsrat entsandte Be- <lb/>
                 triebsratsmitglied. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vorhin ist hier von einem Herrn gesagt worden, das Ideal <lb/>
                 der Verwaltung wäre die aktionärlose Aktiengesellschaft. <lb/>
                 Man kann auch sagen, was einer von den Wirtschaftskriti- <lb/>
                 kern neulich gesagt hat, daß es der arbeiterlose Betrieb ist, <lb/>
                 aber für die entlassenen Arbeiter hat keiner der Herren Aktio- <lb/>
                 näre ein Wort übrig gehabt.« Verbindlich wandte sich Näß- <lb/>
                 ler ihm zu: bei der Vielgestaltigkeit des Geschäfts würden <lb/>
                 Einschränkungen in dem einen Betrieb durch Produktions- <lb/>
                 erhöhung im anderen gewöhnlich ausgeglichen, doch könn- <lb/>
                 ten die Schwankungen natürlich auf die Belegschaft nicht im- <lb/>
                 mer ohne Einfluß bleiben. Der Betriebsrat fragte noch, wo- <lb/>
                 her es käme, daß die gesetzlichen Sozialbeiträge gesunken, <lb/>
                 die freiwilligen Aufwendungen aber auf sechs Millionen ge- <lb/>
                 stiegen seien, und welche Kreise von diesen freiwilligen Auf- <lb/>
                 wendungen erfaßt würden. Näßler entgegnete, der Rückgang <lb/>
                 der gesetzlichen Beiträge erkläre sich doch ohne weiteres aus <lb/>
                 der Verringerung der Arbeiterzahl; und die freiwilligen Auf- <lb/>
                 wendungen kämen allen bedürftigen Arbeitern und Ange- <lb/>
                 stellten zu. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Inzwischen hatte sich der Rechtsanwalt wieder gesammelt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die geschäftlichen Beziehungen zur Handelsfirma des Auf- <lb/>
                 sichtsratsvorsitzenden sind unklar. Herr Hillgruber hat sich <lb/>
                 Übergewinne verschafft, die hinterher von der Verwaltung <lb/>
                 sanktioniert worden sind. In den Originalrechnungen sind <lb/>
                 Abzüge vorgenommen worden, Millionenbeträge, die ein <lb/>
                 Mehrfaches der vereinbarten Vermittlerprovision bedeuten. <lb/>
                 Außerdem sind reich dotierte Lager zu Schrottpreisen der <lb/>
                 Handelsfirma des Aufsichtsratsvorsitzenden übergeben wor- <lb/>
                 den. Ich beantrage zu beschließen, daß die Verwaltung — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich beantrage Schluß der Debatte«, sagte Hugo Mehren.
                <pb facs="#f0414" n="410"/>
                <lb/>
                 Die Opponenten wurden niedergestimmt. Unter ungeheurem <lb/>
                 Lärm gab der Rechtsanwalt Protest zu Protokoll. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wie jedes Jahr«, sagte Näßler und klappte seine Akten zu. <lb/>
                 »Herr Mehren — der Sieg ist wieder einmal unser.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gott,« versetzte dieser, »es ist ja nur pro forma, daß man <lb/>
                 der Opposition antwortet und ihr einen gewissen Spielraum <lb/>
                 gibt. Es liest sich nämlich gut in den Organen der öffent- <lb/>
                 lichen Meinung.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gewiß. Die Hauptsache für unsereins ist das Tastgefühl.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 SIEBZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam und Paula Griguszies hatten Hochzeit auf ein <lb/>
                 und denselben Tag. Bei Mutter Griguszies sollte nach- <lb/>
                 mittags Kaffee getrunken, bei Vater Kalinna der Abend <lb/>
                 verbracht werden. Schon drei Tage vorher war Frau Gri- <lb/>
                 guszies beim Teigmachen, sie hatte den Kopfhörer vom Radio <lb/>
                 über den Ohren und wiegte sich zur Musik in den Hüften, <lb/>
                 während sie mit den weißflaumigen Armen den Schmand aus <lb/>
                 Milch und Mehl mengte und die Eier auf dem Schüsselrand <lb/>
                 aufschlug und den Dotter hineinklatschte; aber außerdem be- <lb/>
                 stellte sie noch Torten in der Bäckerei des Werkskonsums. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Schon wieder so’n deutsches Frischei«, knurrte sie, wenn <lb/>
                 eins schlecht war. »Da meinen d’r Leut, wenn d’r Stempel <lb/>
                 drauf wär’, wär’s gutt. Das wissen d’r Schwindler auch schon, <lb/>
                 da haben se d’r eben alles gestempelt. Nu, ich werd’ d’r <lb/>
                 kein’ Respekt mehr vor ’n Stempel haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch Kalinnas trafen ihre Vorbereitungen. Einen Tag vor <lb/>
                 Löhnung ging Frau Kalinna in den Konsum und ließ dort <lb/>
                 eine lange Liste aufschreiben von allem, was sie brauchte. <lb/>
                 Die Verkäuferinnen machten es ihr in einem Korb zurecht, <lb/>
                 sie brauchte dann nur noch zu zahlen und abzuholen. Jakob <lb/>
                 Kalinna schleppte fünf Kasten Bier nach Hause und Flaschen <lb/>
                 voll »Klarem«, einem billigen wasserhellen Schnaps, der im <lb/>
                 Konsum wie Petroleum aus dem Keller heraufgepumpt wur- <lb/>
                 de. In beiden Häusern waren die Treppen mit Blumen be- <lb/>
                 streut und über der Tür hing in einer Papiergirlande ein rotes
                <pb facs="#f0415" n="411"/>
                <lb/>
                 herzförmiges Schild mit der Aufschrift »Hoch lebe das Braut- <lb/>
                 paar!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Waschkaue hatten sie ihn zuerst gehänselt: »O weh, <lb/>
                 Opa, auf deine alten Tage noch ’n Feuerroten für'n Schwieger- <lb/>
                 sohn!« Was er geantwortet hatte? Adam Griguszies sei kein <lb/>
                 Kommunist, sondern ein Betriebsrat. »Ich kenn’ doch den <lb/>
                 Jungen genau, so ’n alter Kolonist wie ich sieht jeden ins <lb/>
                 Herz, und in dem seinen Herz ist nichts Rotes, genau nix.« <lb/>
                 Nur das eine war ihm nicht angenehm, daß keine kirchliche <lb/>
                 Trauung sein sollte, aber deswegen allein konnte er doch <lb/>
                 wohl kein Spielverderber sein? Schließlich mußte die Alma <lb/>
                 mal unter die Haube kommen, damit ihr die Grillen vergin- <lb/>
                 gen, und wurde nicht so vieles in dieser wunderlichen Zeit <lb/>
                 über Bord geworfen? Dagegen konnte ein Einzelner sowieso <lb/>
                 nicht an. Genug, daß man sich selber treu blieb; mochten <lb/>
                 die Anderen in Gottes Namen nach ihrer Fasson selig werden. <lb/>
                 Man weiß bereits, daß Jakob Kalinna noch flink war; man <lb/>
                 sieht nun, daß er auch noch flink genug war, um sein Ge- <lb/>
                 wissen zu beruhigen, wenn es der Vorteil so wollte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Abends vorher sammelten sich nach Eintritt der Dunkel- <lb/>
                 heit Haufen von Kindern vor den Häusern an, jedes hatte <lb/>
                 einen alten Kochtopf oder eine Blechbüchse bei sich für den <lb/>
                 Polterabend. Plötzlich brach das Geklapper los, es war ein <lb/>
                 exakter Einsatz wie bei einem Orchester. Die Bleche don- <lb/>
                 nerten gegen die Hauswand. Schulentlassene mischten sich <lb/>
                 drein und warfen Flaschen in Scherben, die sie vorher mit <lb/>
                 Wasser gefüllt hatten, damit es einen schrilleren Knall gab. <lb/>
                 Das dauerte so lange, bis jemand aus dem Haus kam und <lb/>
                 Kuchen austeilte. Den Zeitpunkt zu bestimmen, wann dies <lb/>
                 zu geschehen hatte, war eine Sache, die man im Gefühl haben <lb/>
                 mußte; es wäre gleich anstößig gewesen, das Gepolter zu <lb/>
                 früh zu unterbrechen oder die Kinder zu lange warten zu <lb/>
                 lassen. Auch die »Flammende Scholle« hatte ihre Etikette. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am Morgen lasen die Frauen die Scherben auf, dann fuh- <lb/>
                 ren die Paare mit den Trauzeugen in zwei Mietautos zum <lb/>
                 Standesamt. Als sie zurückkamen, sahen sie sich abermals von <lb/>
                 einer großen Kinderschar umringt. Vor der Tür war ein Seil <lb/>
                 gespannt, und nicht eher wurde ihnen Einlaß gewährt, als
                <pb facs="#f0416" n="412"/>
                <lb/>
                 bis sie ein paar Geldmünzen in die Luft geworfen hatten, <lb/>
                 die mit streitsüchtigem Jubel aufgefangen wurden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach dem Kaffee spielten die Kinder auf der Straße mit <lb/>
                 den Tortenböden, die von den Hochzeitsgästen zum Fenster <lb/>
                 hinausgefeuert wurden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bei Kalinnas gab es Heringssalat und Schnittchen mit Käse, <lb/>
                 Wurst und Speck. »Dat is hiesigen«, sagte Frau Kalinna <lb/>
                 empfehlend, »von unser Ferkel, eigenes Wachstum, nu <lb/>
                 frett man feste.« Es wurde aber mehr getrunken als gegessen. <lb/>
                 »Is schon wieder alles am Supen«, seufzte die bekümmerte <lb/>
                 Frau Kalinna. »Frett mal gescheiter noch war, sonst räum’ <lb/>
                 ich gleich ab. Is beste Butter aufs Brot, hier, Herr Dinges, <lb/>
                 nehmen Sie sich mal wat!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Kalinnas hatten einen Lautsprecher gebastelt, einer der <lb/>
                 Söhne stellte ihn an. In abgehackten, kurzatmigen Sätzen <lb/>
                 sprach eine hohle Stimme über die Diät während des Haar- <lb/>
                 wechsels der Rinder. Es hörte sich an, als äße der Sprecher <lb/>
                 zwischendurch immer Reibekuchen. »Mann, halt’ die Klap- <lb/>
                 pel Der hat wohl ’n Stich in die Birne! Dreh ab, Mensch, <lb/>
                 dreh ab!« Die Stimme sagte: »Angebracht ist vor allem eine <lb/>
                 Melasse aus Kleie und Runkelrüb — —«, knacks, da war sie <lb/>
                 erledigt. »Großartige Erfindung,« sagte Griguszies, »wo <lb/>
                 man die Quasselköppe so schnell das Maul stopfen kann.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Mädchen sangen ein sentimentales Lied, heiliger Ernst <lb/>
                 war auf ihren Gesichtern. »Und dennoch hab’ ich harter <lb/>
                 Mann die Liebe auch gefühühühlt...« Die Männer rede- <lb/>
                 ten über die Löhne. »Die haben eher keine Ruhe, als bis <lb/>
                 sie die Schiedssprüche ganz beseitigt haben, bald werden die <lb/>
                 sich ’nen Dreck um die Verbindlichkeitserklärung scheren.« <lb/>
                 Die — das waren die Unternehmer. Worte wie »Kapitalisten« <lb/>
                 und »Schlotbatone« gebrauchten die Arbeiter seltener, als sie <lb/>
                 in den Parteiblättern standen. Die — das genügte. Von wem <lb/>
                 sonst sollte die Rede sein? </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber in die Kokerei und an’n Hochofen kriegen wir jetzt <lb/>
                 wenigstens wieder die Achtstundenschicht.« — »Dafür wird <lb/>
                 dann immer von drei Mann einer abgebaut, damit die anderen <lb/>
                 zwei mehr schuften müssen, weißt’ dat auch?« — »Mein <lb/>
                 Jung is in die Lehrwerkstatt, der macht seine zehn Stunden
                <pb facs="#f0417" n="413"/>
                <lb/>
                 ab, da heißt es einfach, zwei Stunden wär’ er mit Sauber- <lb/>
                 machen und so beschäftigt, das fällt ja nicht unter die gesetz- <lb/>
                 liche Arbeitszeit.« — »Ich will euch mal was sagen«, meinte <lb/>
                 Griguszies. »Was die Gesetze angeht, nämlich. Da ist doch <lb/>
                 für die Betriebe mit mehr wie acht Stunden Arbeitszeit eine <lb/>
                 Stunde Mittag vorgeschrieben. Da ist aber eine ganze Reihe, <lb/>
                 die haben freiwillig auf ihren Mittag verzichtet, bloß damit <lb/>
                 sie früher heimkommen. Wat sagt das Direktorium, wenn <lb/>
                 der Betriebsrat vorstellig wird? Die Arbeiter wollen diese <lb/>
                 Gesetze ja gar nicht, heißt es. Da schlag’ doch einer lang <lb/>
                 hin. Mal wollt ihr alles kaputt machen, mal seid ihr euch <lb/>
                 selbst im Weg. Der Sinn von einer Revolution ist eigentlich, <lb/>
                 daß es keine faulen und fetten Drohnen mehr geben soll. <lb/>
                 Bei uns haben sie aber einfach mal die Rollen vertauschen <lb/>
                 wollen, hatten sie denn Ideale? Was wollten sie denn? Satt- <lb/>
                 werden? Scheiße. Auch mal überfressen wollten sie sich <lb/>
                 wie die Wänste da oben. Am Profit beteiligt sein? Scheiße. <lb/>
                 Auch mal den Nichtstuer wollten sie spielen wie die Wänste <lb/>
                 da oben.« Er sprach beinahe wie Hiebenstein. »Wißt ihr,« <lb/>
                 tief er, indem er klirrend die Gabel auf den Teller warf, <lb/>
                 »wenn ich Unternehmer wäre, ich gäbe jeden Arbeiter frei- <lb/>
                 willig zwanzig Pfennig die Stunde mehr und ’ne Pulle Dop- <lb/>
                 pelkorn alle Lohntage, dann täten sie auf alle Mitbestim- <lb/>
                 mungsrechte und auch auf die Gewerkschaften was pfeifen.« <lb/>
                 »Du hast gerade nötig, sowas zu sagen,« rief einer mit <lb/>
                 einem buschigen Schnurrbart, an dem der Bierschaum klebte, <lb/>
                 »ihr Kommunisten seid doch die Spaltpilze in die Gewerk- <lb/>
                 schaften!« — »Quatsch nicht so dumm,« erwiderte Grigus- <lb/>
                 zies, »wir sind immer gegen die Anarchisten und Syndika- <lb/>
                 listen gewesen, die die Gewerkschaften vernichten wollen, <lb/>
                 wir wollen sie bloß von innen her reformieren.« — »Kein <lb/>
                 Zank nicht«, mahnte Jakob Kalinna. — »Nu ja,« resümierte <lb/>
                 Griguszies, »das bißchen Leben, das wir noch haben, das <lb/>
                 haben wir nur, weil die Unternehmer immer noch zu dumm <lb/>
                 sind. Sie glauben, der Lohn wär’ schon ein Rechtsanspruch <lb/>
                 von die Arbeiter und sie vergäben sich was, wenn sie ihm <lb/>
                 nachkämen, und das is ’ne Dummheit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man kriegt aber noch sein Recht,« sagte ein junger Hauer,
                <pb facs="#f0418" n="414"/>
                <lb/>
                 »man muß es nur richtig anstellen. Mich haben sie die Depu- <lb/>
                 tatkohlen abgelehnt, nich, weil ich noch einen Bruder hätte, <lb/>
                 der auch bei meine Mütter wohnt, nich. Achtzehn Mark <lb/>
                 Rente bezieht meine Mutter im Monat, nich. Da bin ich <lb/>
                 vors Arbeitsgericht gegangen, nich, aber jetzt krieg’ ich mein <lb/>
                 Deputat.« — »Und beim nächsten Mal wirst du gekündigt!« <lb/>
                 — »Dann geh ich eben nochmal vors Gericht.«— »Wird dich <lb/>
                 nix helfen, Meister, beweis’ die mal, daß sie dich nur aus <lb/>
                 Schikane gekündigt haben!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich hab’ soviel Deputatkohlen,« sagte einer ganz ver- <lb/>
                 schmitzt, »daß ich noch immer was davon verkaufen kann.« <lb/>
                 — »Laß dich nicht erwischen, Männeken, sie sagen, das wär’ <lb/>
                 Betrug, das Deputat wär’ kein Teil vom Lohn, da könnt’ <lb/>
                 man nicht mit machen, was man will...« — »Warum bloß <lb/>
                 alles noch so teuer is, wo das alte Geld doch wieder da is?« <lb/>
                 — »Is kein altes Geld, is neues, viel weniger wert, alles <lb/>
                 Dreck.« — »Der Fries hat für mich gesagt, in die ganze <lb/>
                 Welt wär’ alles teuer, die Goldvorräte wären zu knapp, man <lb/>
                 rechnet nur noch nach Silber, da muß man eben mehr Geld <lb/>
                 für hergeben.« — »Der Fries, so, der, da kauf” ich mich nix <lb/>
                 für, was der sagt. Bei mich war gestern ’n Zeitungsfritze aus <lb/>
                 Berlin, von die Zentrale, der hat ganz was anders gesagt, <lb/>
                 ich hab’s bloß vergessen.« Griguszies horchte auf. »Ein <lb/>
                 Reporter war da? Weiß ich nix von.« — »Der Bilgenstock <lb/>
                 war mit.«— »Was war das denn für ’n Mann?« — »Och, so <lb/>
                 einer mit ’ne Hornbrille, hatte ’ne Windjacke an... Wenn <lb/>
                 ich soviel Geld verdiente, tät’ ich mich aber ’nen feinen <lb/>
                 Mantel verpassen... Na, trotz die Windjacke war’s ja auch <lb/>
                 ’nen Feinen, Edelkommunist, wird auch von die Burschwas <lb/>
                 geschätzt...« — »Die behaupten, er wär ’n einflußreicher <lb/>
                 Mann, wat denn sonst? Damit sie sagen können: das Bürger- <lb/>
                 tum ist in Gefahr.« — »Nach uns ist er auch gekommen,« <lb/>
                 sagte eine Frau, »es wär’ ’ne Schande, daß wir so kleine <lb/>
                 Fenster hätten, mehr Licht, : Luft und Sonne müßten wir <lb/>
                 haben. Lieber Mann, hab’ ich für ihn gesagt, ich kann <lb/>
                 so das. Geld nicht aufbringen für die Gardinen, da braucht’ <lb/>
                 ich ja noch mehr Stoff, wenn die Fenster größer wären, <lb/>
                 und alle Augenblick wären Löcher im Vorhang von die
                <pb facs="#f0419" n="415"/>
                <lb/>
                 Sonne, und wie lang sollt’ mich das Scheibenputzen denn <lb/>
                 aufhalten?« — »Denkt euch an,« berichtete eine andere, <lb/>
                 »wir haben doch einen Drahtzaun gegen unseren Nach- <lb/>
                 bar hin, da hat er gesagt, der müßte weg, der tät’ das <lb/>
                 Gemeinsamkeitsgefühl untergraben. Feines Wort, wat? Ge- <lb/>
                 meinsamkeitsgefühl? hab’ ich ihn gefragt, wir haben den <lb/>
                 Zaun gesetzt, weil der Hund von nebenan uns immer die <lb/>
                 Beete ruiniert hat, wollen Sie mich vielleicht die Sämereien <lb/>
                 ersetzen? Der Ärger, wo man damit hat, der zehrt doch an <lb/>
                 die Gesundheit!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Köpfe schwirrten ihnen von all dem Geschnatter. Das <lb/>
                 Grammophon krähte das »Mädel vom Rhein«. Der Geruch <lb/>
                 des Zigarettenrauchs haftete an den Kleidern wie zerstäub- <lb/>
                 tes Parfüm. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gegen neun Uhr ging einer fort zum Krämer außerhalb <lb/>
                 der Kolonie, um noch Zigaretten zu holen. Da der Laden <lb/>
                 geschlossen war, ging er hintenherum. Dieser Krämer lebte <lb/>
                 nur von dem, was er nach sieben Uhr abends oder Sonntags <lb/>
                 »hintenherum« verkaufte, und von den »drei Kröten«, die <lb/>
                 er ins Buch schreiben durfte, wenn es kurz vor Lohntag war, <lb/>
                 denn im Konsum wurde ja nicht geborgt. Dabei zahlte der <lb/>
                 Konsum nicht einmal Gewerbesteuer, er war ja nur ein Teil <lb/>
                 vom großen Ganzen, und alle Welt konnte dort kaufen; die <lb/>
                 Vorschrift, daß ein Ausweis vorzuzeigen sei, stand nur auf <lb/>
                 dem Papier. Die Krämer gifteten sich gewaltig, aber ihre <lb/>
                 Proteste waren nutzlos: weder die Aufklärung durch Inse- <lb/>
                 rate, daß nur der selbständige Fleischermeister fachmännische <lb/>
                 Bedienung garantieren könne, noch der Boykott Risch-Zan- <lb/>
                 derscher Lieferautos fruchtete etwas. Auch vereint waren die <lb/>
                 Schwachen nicht stark gegen den Mächtigen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein älterer Mann sagte: »Ich habe zwanzig <sic>Gahre</sic> Beiträge <lb/>
                 in die Krankenkasse berappt, mit: Zinsen und Zinseszinsen <lb/>
                 waren das mindestens dreitausend Mark. Ich bin nie krank <lb/>
                 gewesen. Jetzt hatte ich einen Furunkel in die Achselhöhle, <lb/>
                 da war ich bei’n Arzt. Da werde ich genau so schofel be- <lb/>
                 handelt wie einet, der nur zwei <sic>Gahre</sic> Beiträge bezahlt hat, der <lb/>
                 säuft und fortwährend blau macht und krank feiert. Billigste <lb/>
                 Salbe, ’n Fingerhut voll wird verschrieben. Einmal Verbands-
                <pb facs="#f0420" n="416"/>
                <lb/>
                 zeug, können Sie ja waschen, heißt es. Nach die Mindest- <lb/>
                 sätze von die preußische Gebührenordnung! Überall muß <lb/>
                 man für die Faulenzer zahlen, auch in die Erwerbslosenfür- <lb/>
                 sorge. Wenn ich arbeitslos werde, kriege ich nicht mehr, ob <lb/>
                 ich zwanzig oder zwei <sic>Gahre</sic> gearbeitet und Beiträge geleistet <lb/>
                 habe. Alles wird über einen Kamm geschoren, verdammte <lb/>
                 öde Gleichmacherei, keine gestaffelten Leistungen, wie’s Ge- <lb/>
                 rechtigkeit wäre!« — »Nu ja, es bleibt dabei, wer’s Geld hat, <lb/>
                 hat die Macht.« — »Nein, das ist es nicht allein. Die Dick- <lb/>
                 bäuche haben mehr Einigkeit wie wir und mehr Raffniert- <lb/>
                 heit.« — »Damals nach dem Krieg wär’ Zeit und Gelegen- <lb/>
                 heit für uns gewesen.« — »Ja, ja«, betonte langsam Adam <lb/>
                 Griguszies. »Da habt ihr den Schlüssel für die heutigen Zu- <lb/>
                 stände.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alma saß bei Wittkamp und Paula, von der Gesellschaft <lb/>
                 mußte sie sich doch so viel wie möglich distanzieren! Witt- <lb/>
                 kamp war doch ein gebildeter Mensch, ein Beamter! Die <lb/>
                 Paula hatte Glück. Sie hatte ja auch eine Aussteuer. Aber <lb/>
                 sie hatte nicht so feine Kleider. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich geh nächstens in den Stahlhelm,« sagte Otto Witt- <lb/>
                 kamp gerade, »da braucht man keine Angst mehr zu haben, <lb/>
                 daß man abgebaut wird. Es sind auch schon viele Arbeiter <lb/>
                 drin. Wißt ihr, die Arbeitslosigkeit befördert eine nationale <lb/>
                 Welle herauf.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein Bergmann erzählte, daß Walkowiak bei ihm gewesen <lb/>
                 sei. »Pfui!« schrien einige, und »Nieder!« Der Bergmann <lb/>
                 sagte: »Na, na, is’n netten Jungen geworden, der Walkowiak, <lb/>
                 sieht jetzt aus wie ’n Langstreckenläufer. Ich überleg’ mit, <lb/>
                 ob ich nicht bei die Nationalsozialisten eintreten soll, da hat <lb/>
                 man allerhand Vorteile. Wählen kann ich deshalb doch noch <lb/>
                 kommunistisch. Die Kommunisten vertreten meine Inter- <lb/>
                 essen im Reichstag und die Nationalsozialisten bei die Zechen- <lb/>
                 leitung.« — »Nu hör’ aber bloß auf, wer die einen Finger <lb/>
                 gibt, der is verratzt.« — »Du, das is noch lang nicht so <lb/>
                 dumm, was der sagt, das is ’n pfiffigen Jungen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf dem Bergmannsklavier spielte einer die »Post im Wal- <lb/>
                 de«. Das Flötensolo pfiff er mit dem Mund. Die Mädchen <lb/>
                 bildeten noch eine Gruppe für sich. »Du,« sagte eins von
                <pb facs="#f0421" n="417"/>
                <lb/>
                 ihnen zur Freundin und wies mit den Augen auf den Burschen, <lb/>
                 der zu den Nationalsozialisten gehen wollte, »sieh mal, wie <lb/>
                 der feurig ist. Mit den möcht’ ich... Ich möcht’ mit geden, <lb/>
                 der ’n hübsches Gesicht hat.« — »Och du, du bekämst ja <lb/>
                 Senge von deine Brüder!«— »Haha, was du nicht sagst. <lb/>
                 Die machen’s ja selbst, ich merk’s doch jeden Montag, wenn <lb/>
                 ich ihre Hosen ausbürste.« — »Auf meine Morgenstelle, <lb/>
                 nich,« sagte eine andere, »da hab’ ich ein Buch gesehn, da <lb/>
                 stehn Sachen dein, was man alles machen kann, das weiß <lb/>
                 meine verheiratete Schwester nicht mal.« — »Hör’ auf jetzt,« <lb/>
                 versetzte die erste, »ich bin schon ganz naß.« Der Lautspre- <lb/>
                 cher wurde wieder eingeschaltet. Es war eine sanfte Musik, <lb/>
                 die aus dem Kasten kam, es waren ausschwingende Töne, <lb/>
                 als sollten sie einem Sterbenden die Augen zudrücken. »Scha- <lb/>
                 de, daß heut nicht der Lustige Abend im Radio ist«, sagte <lb/>
                 Jakob Kalinna. — »Nee, der kommt nachher im Bett, die <lb/>
                 Paula...«— »Oho, Frau Wittkamp, bitteschön!« —»... ist <lb/>
                 schon ganz ungeduldig.« — »Was ihr euch einbildet,« ent- <lb/>
                 gegnete Paula und ihre schaumweißen Zähne glitzerten, »wir <lb/>
                 haben es nicht so eilig, wir kennen uns schon lange.« — »Das <lb/>
                 ist aber mal recht,« sagte Jakob Kalinna, »man kauft doch <lb/>
                 nicht die Katz im Sack, man muß was vorarbeiten, das haben <lb/>
                 wir auch so gemacht, wat Mutter? Laß mal die Politik sein, <lb/>
                 Adam, denk’ daran, was dich mit die Alma bevorsteht, alles <lb/>
                 andere is Kappes!« — »Adam treibt jetzt die Politik des Er- <lb/>
                 reichbaren.« — »Na, bei seine Frau wird er schon ’n paar <lb/>
                 schöne Sächelchen erreichen können!« Es war elf Uhr, der <lb/>
                 Alkohol wirkte auch auf die Trinkfesten, es wurde immer <lb/>
                 toller. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Frauen rückten näher an die Männer heran. »Es war <lb/>
                 mal eine Müllerin, ein wunderschönes Weib“, sangen sie. <lb/>
                 Einer faßte seinem Mädchen unter den Rock, sie hielt seine <lb/>
                 vorwitzige Hand fest, kreischte auf und schüttelte die Beine <lb/>
                 heftig hin und her. Ein Jüngelchen ergriff eine Blutwurst und <lb/>
                 schwenkte sie gegen Alma: »Hier — ’n Negerbimmel!« — <lb/>
                 »Schnösel!« rief Alma verächtlich und ging hinaus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um zwölf Uhr wurde die Küche ausgeräumt. Sie begannen <lb/>
                 zu tanzen, Der Gesang ging in Gebrüll über. Die Frauen
                <pb facs="#f0422" n="418"/>
                <lb/>
                 boxten mit den Männern, rangen mit ihnen, ließen sich auf <lb/>
                 die Erde gleiten, sprangen davon, die Männer ihnen nach, <lb/>
                 durch alle Zimmer hindurch, über Tische und Stühle hinweg, <lb/>
                 Die Türen knallten zu, der Kalk bröckelte von den Wänden, <lb/>
                 Es ging die Treppe hinauf, in die Mansarde, auch dort wurde <lb/>
                 getanzt. Ein Mädchen taumelte zum Fenster und mußte sich <lb/>
                 übergeben. Sie tanzten die Treppe hinunter und tanzten auf <lb/>
                 die Straße. Einer hatte Kalinnas Sängerbrief aus dem Rahmen <lb/>
                 gerissen, er zerzauste das Papier in viele kleine Stücke, die <lb/>
                 er in der hohlen Hand behielt und zuletzt mit mächtigem <lb/>
                 Atemstoß in die Luft streute. Der Wind, der die Straße hin- <lb/>
                 unterging, nahm sie ein Stück mit. Jakob Kalinna sah nichts <lb/>
                 mehr, er sah diese Schändung eines teuren Andenkens nicht <lb/>
                 mehr, er hockte in der Küche und hatte das Diplom des <lb/>
                 Reichspräsidenten in der Hand und war selig und schwatzte <lb/>
                 von Philadelphia. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um ein Uhr saßen sie wieder alle da, tranken aus den Fla- <lb/>
                 schen und sangen schmerzliche Lieder, »wenn die Hoffnung <lb/>
                 nicht wär’ auf ein Wieder-Wiedersehn«, wohl fünfzigmal hin- <lb/>
                 tereinander. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um zwei Uhr liebten sich einige Paare an der Wand im <lb/>
                 Hausflur. »Schweinebande«, sagte Mutter Kalinna morgens, <lb/>
                 als sie die Spuren wegwusch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um drei Uhr wurde wieder getanzt. Um vier krakehlten <lb/>
                 etliche und stießen Drohungen gegen das Leere aus. Um <lb/>
                 fünf torkelten sie mit den käsigen, übernächtigen Gesich- <lb/>
                 tern, die von der Morgendämmerung unbarmherzig ange- <lb/>
                 prangert wurden, in vereinzelten Gruppen nach Hause wie <lb/>
                 eine geschlagene Armee. Die Neuvermählten schliefen vor <lb/>
                 Erschöpfung ein, ohne einander berührt zu haben. Sie hol- <lb/>
                 ten es nach, als sie erwachten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Lohntag war bei Kalinnas drauf gegangen. Der Opa <lb/>
                 mußte Abschlag holen. Nun, das war man so gewohnt. Mut- <lb/>
                 ter Kalinna gab immer gleich das ganze Geld aus, sie wußte, <lb/>
                 daß sie nicht disponieren konnte und nicht rationell wirt- <lb/>
                 schaften. Sie hatte auch beim Einkaufen kein Augenmaß, <lb/>
                 nicht weil sie zu verschwenderisch war, sondern weil sie zu
                <pb facs="#f0423" n="419"/>
                <lb/>
                 wenig Geld in die Finger bekam. Sie wurde übervorteilt, <lb/>
                 wertlose und überflüssige Dinge wurden ihr aufgeschwatzt; <lb/>
                 wenn sie nicht in den Konsum ging, ging sie in unreelle Ge- <lb/>
                 schäfte, weil sie die reellen für zu teuer hielt und auch die <lb/>
                 Begegnung mit der wohlhabenden Kundschaft fürchtete. Sie <lb/>
                 kaufte immer Geschenke, Teekannen, Tortenplatten, Blu- <lb/>
                 menvasen, keine Gebrauchsgegenstände; als ob alle Tage in <lb/>
                 einem Arbeiterhaushalt Verwendung für diese Dinge wäre, <lb/>
                 als ob alle Tage Verlobung, Hochzeit und Kindtaufe wäre. <lb/>
                 Im Laden standen die Sachen auf der mit Zeitungsmakulatur <lb/>
                 ausgeschlagenen Theke herum, nachher standen sie ebenso <lb/>
                 zum Ansehen auf den Schränken. Der Verkäufer hatte Soli- <lb/>
                 des und Einfaches neben süßem Kitsch. Er sagte: »Dies ist <lb/>
                 sehr praktisch« und »Dies ist auch sehr schön«, und Mutter <lb/>
                 Kalinna wandte die Dinge zehnmal um und um und tat wäh- <lb/>
                 lerisch, obgleich es feststand, daß sie das Vergoldete und <lb/>
                 Bemalte nehmen würde, weil es billig war und doch nach <lb/>
                 Teuer und Vornehm aussah. Erst der ständige Umgang mit <lb/>
                 einer ausreichenden Summe, die nicht zum Rechnen zwingt, <lb/>
                 lehrt wirklich rechnen. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wittkamps zogen in eine Beamtensiedlung. »Drei Räume«, <lb/>
                 sagte Otto, und Paula: »Aber wir haben ja bloß Brocken für <lb/>
                 zwei.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie fingen also an, ein Möbelstück nach dem anderen zu <lb/>
                 kaufen, War das eine abgezahlt, kam das andere dran. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie aßen schlecht und sparsam. Otto Wittkamp meinte, <lb/>
                 daß einem ja niemand in den Magen sehen könne, wohl aber <lb/>
                 in die Wohnung. Sein Bruttogehalt war zweihundertsieben <lb/>
                 Mark, einschließlich Frauen- und Leistungszulage. Er sagte: <lb/>
                 »Wenn wir erst ein Kind haben, werden es acht Mark mehr.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Siedlung war ein großer viereckiger Block, innendrin <lb/>
                 war die Bleiche. »Sie können hier Ihre Teppiche klopfen«, <lb/>
                 sagte schnippisch die Frau von oben, »da sind die Stangen.«— <lb/>
                 »Ich?« stotterte Paula und log: »Ach ja, ich hab’s besser, ich <lb/>
                 hab? einen Staubsauger.« Die Frau von oben legte sich mit <lb/>
                 dem Ohr auf den Fußboden, ob sie den Staubsauger surren <lb/>
                 hörte. Sie hörte ihn nicht surren, niemals. Bald darauf wußte
                <pb facs="#f0424" n="420"/>
                <lb/>
                 das ganze Haus, daß Wittkamps nicht einmal einen Teppich <lb/>
                 besaßen. Aber was sie denn nun besaßen, wußte es noch <lb/>
                 nicht. Die Frau von oben schellte an: »Es ist wegen das <lb/>
                 Treppenputzen...« und dabei zwängte sie sich in den Korti- <lb/>
                 dor hinein. Paula vertrat ihr den Weg, unglücklicherweise <lb/>
                 stand die Tür offen in das leere Zimmer. »Mein Mann ist in <lb/>
                 Gruppe III«, sagte die Frau nebenbei, als sie wieder ging. <lb/>
                 Eine Stunde später wußten es alle, daß Wittkamps noch kein <lb/>
                 Möbel für das dritte Zimmer hatten, was man übrigens schon <lb/>
                 vermutet hatte, denn man hatte beim Einzug aufgepaßt, ob- <lb/>
                 wohl es zwischen Tag und Dunkel war. Ein Glück nur für <lb/>
                 Paula, daß sie schöne Wäsche und besonders schöne Nacht- <lb/>
                 hemden hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie hatte sich vorgenommen, ganz für sich zu bleiben, aber <lb/>
                 das war einfach unmöglich. Unausgesetzt klingelte es. Jede <lb/>
                 der Hausbewohnerinnen wollte der jungen Frau unaufgefor- <lb/>
                 dert irgendeine Auskunft über die Hausordnung geben. <lb/>
                 Paula konnte es nicht mehr verhindern, daß sie in die Küche <lb/>
                 vordrangen. Da zeigte sie ihnen die ganze Wohnung und <lb/>
                 legte ihnen alles wahrheitsgemäß dar; dann werden sie mich <lb/>
                 bemitleiden und austragen, dachte sie, aber ich habe wenig- <lb/>
                 stens Ruhe vor ihnen. Doch sie hatte keine Ruhe, denn jetzt <lb/>
                 wurde sie ihrerseits mit den Verhältnissen der Hausbewohner <lb/>
                 bekannt gemacht. Sie erfuhr, wer Silber hatte und wer nicht, <lb/>
                 wer Kristall und wer eine Standuhr, wer einen Kachelofen <lb/>
                 und wer eine chinesische Tischlampe, wer Korbmöbel aus <lb/>
                 Weide und wer aus Peddigrohr. Alle Einzelheiten wurden be- <lb/>
                 obachtet. Ging jemand aus, so lauerten die Mitbewohner hin- <lb/>
                 ter den Gardinen, und dann gingen die Klingeln: »Haben Sie <lb/>
                 gesehen, was die wieder anhatte? Wovon die das bloß <lb/>
                 machen...?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was sollte Paula tun? Ihnen die Tür vor der Nase zuma- <lb/>
                 chen? »Bloß nicht,« sagte Otto, »da wäre gleich der Krach <lb/>
                 da.« Natürlich, man mußte in Frieden leben. Otto tröstete: <lb/>
                 »In unserer Zeit gehört man nun einmal zusammen, da ist <lb/>
                 alles Masse, da kann sich keiner ’ne Extrawwurst braten.« — <lb/>
                 »Aber wenn die Masse so eklig ist? Die Weiber da sind doch <lb/>
                 alle duckmäusig, hochnäsig, doof und verfressen, soll ich
                <pb facs="#f0425" n="421"/>
                <lb/>
                 denn auch so werden?« Er drohte im Spaß mit dem Finger: <lb/>
                 »Du verdrehst mir ja das Wort im Munde! Die Hauptsache <lb/>
                 ist, daß sie nicht merken, daß du nicht so bist. Meinst du, die <lb/>
                 Männer wären anders? Die sind bestimmt feig und krieche- <lb/>
                 risch, wo käme ich hin, wenn ich mich da strack vor sie hin- <lb/>
                 stellen wollte! Kollegialität ist die Hauptsache, weißt du, <lb/>
                 KAMERADSCHAFT, weißt du, mit die Wölfe muß man <lb/>
                 heulen, wofür wären wir denn sonst im Krieg gewesen?« — <lb/>
                 »So«, sagte sie und richtete sich danach. Sie sah den Anderen <lb/>
                 den Zuschnitt der Gardinen ab, sie ging in die Wohnungen <lb/>
                 und wenn ihr etwas gefiel, mochte es eine Kakteenbank sein <lb/>
                 oder ein Lampenschirm oder ein Kaffeewärmer oder ein Sofa- <lb/>
                 kissen, so sagte sie zu Otto: »Du, das muß ich auch haben — <lb/>
                 aus Kameradschaft.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Abends schlug er Nägel ein, zimmerte Wandschränke, be- <lb/>
                 sohlte Schuhe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Pünktlich ein Viertel vor fünf legte er im Büro den Feder- <lb/>
                 halter weg, zog den Bürorock aus, wusch sich, bürstete sich <lb/>
                 ab, trödelte herum, bis es fünf war. So machten es alle. Dann <lb/>
                 gingen sie zwei und zwei nach Hause und teilten einander aus <lb/>
                 ihrer Arbeit, den Gehaltsverhältnissen und der übrigen Tages- <lb/>
                 chronik der Rischianer mit. Jeden Nachmittag war das so, <lb/>
                 Zeit, Gangart, Vokabeln — immer dieselben; die Augen sa- <lb/>
                 hen nicht rechts, nicht links, nicht geradeaus, sie sahen immer <lb/>
                 nur auf einen imaginären Punkt, der ihre Heimat war, die <lb/>
                 Atmosphäre des Risch-Zanderschen Generalregulativs. Viele <lb/>
                 tausend Mal hatten sie nun den Weg zurückgelegt, aber sie <lb/>
                 kannten ihn nicht, und hätte sie jemand auf irgendeine Eigen- <lb/>
                 tümlichkeit der Straße aufmerksam gemacht, so wären sie <lb/>
                 verängstigt gewesen wie eine Waise in der Fremde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wer aber dächte, daß sie das stumpfsinnig fanden, wäre im <lb/>
                 Irttum. Es war für sie ein Genuß, vielleicht ein selbstquäle- <lb/>
                 rischer Genuß, jedenfalls ein Genuß. Es waren alles normale <lb/>
                 und durchaus befähigte Staatsbürger, die im Männergesang- <lb/>
                 verein oder im Kegelklub oder im Militäravanciertenverein <lb/>
                 organisiert waren. Sie haßten die Arbeiter, weil sie sie für So- <lb/>
                 zialisten hielten; sie haßten den Sozialismus, weil sie meinten, <lb/>
                 er sei bereits verwirklicht; sie haßten die Verwirklichung,
                <pb facs="#f0426" n="422"/>
                <lb/>
                 weil sie ihr die Schuld an ihren schlechten Gehältern zuschrie- <lb/>
                 ben und an der geringeren Achtung, der ihr Stand allenthal- <lb/>
                 ben jetzt begegnete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einige aßen mittags in einer Speisewirtschaft in der Nähe <lb/>
                 der Fabrik. Auch Arbeiter aßen da, aber sie wurden von der <lb/>
                 Wirtin in die hinterste Ecke gesetzt. Eines Mittags jedoch, <lb/>
                 als es sehr voll war, wies der Kellner einem Arbeiter seinen <lb/>
                 Platz am Tisch der Angestellten an; diese beschwerten sich <lb/>
                 bei der Wirtin, und der Kellner wurde fristlos entlassen, <lb/>
                 Später verurteilte das Arbeitsgericht die Wirtin zur Zahlung <lb/>
                 des Lohns bis zum, Ablauf der ordnungsmäßigen Kündi- <lb/>
                 gungsfrist. In der Begründung stand folgender Satz: »Man <lb/>
                 vermag wahrhaftig nicht einzusehen, warum die Arbeiter für <lb/>
                 ihr gleiches Geld nicht die gleichen Rechte in einer Gaststätte <lb/>
                 beanspruchen können wie die Angehörigen anderer Stände.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Büros wurden immer älter statt moderner. Manche <lb/>
                 glichen einer Rumpelkammer. Bestellungen auf Tische, <lb/>
                 Stühle, Schreibmaschinen oder Telefone wurden durch Lie- <lb/>
                 ferung jener ehemals überzähligen Wracks erledigt, die an <lb/>
                 Hachenpoots Sparausschuß abgegeben worden waren. Im- <lb/>
                 merfort mußte daher etwas in Reparatur geschafft werden, <lb/>
                 das wurde langsam und teuer gemacht und taugte doch <lb/>
                 nichts. Nur wer den Hausmeister karessierte und seine all- <lb/>
                 mächtige Vermittlung gewann, erfreute sich eines brauch- <lb/>
                 baren Inventars. Es wurde übrigens behauptet, daß der Haus- <lb/>
                 meister des Hauptverwaltungsgebäudes mehr und mehr die <lb/>
                 Gesichtszüge des alten Risch annehme. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Kündigungen der Beamten begannen, als eines Tages <lb/>
                 Dr. van der Gathen dem Finanzrat vorrechnete, daß nunmehr <lb/>
                 auf drei Arbeiter ein Beamter entfiele. Hinsichtlich der Art, <lb/>
                 wie der Abbau erfolgen sollte, bildete Wackerlein vier Schich- <lb/>
                 ten. Schicht eins erhielt einfach ein Schreiben, daß die Firma <lb/>
                 angesichts der wirtschaftlichen Lage leider auf weitere Dienste <lb/>
                 verzichten müsse, oder wenn es noch glimpflich ausfiel, daß <lb/>
                 der Empfänger sich mit Gehaltskürzung und Arbeitszeitver- <lb/>
                 längerung einverstanden erklären möge, widrigenfalls er <lb/>
                 dieses als Kündigung zu betrachten habe. Schicht zwei waren
                <pb facs="#f0427" n="423"/>
                <lb/>
                 die Angestellten mit vielen Dienstjahren, meistens aus den <lb/>
                 Gruppen II und IV. Ihnen wurde eröffnet, daß die Firma <lb/>
                 bereit sei, sie weiter zu beschäftigen, falls sie selbst ein Unter- <lb/>
                 kommen in einem anderen Büro des Werks fänden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Pressebüro war ein technischer Lektor, den dieses traf. <lb/>
                 Ein Konstruktionsbüro wollte ihn übernehmen. Er bat um <lb/>
                 seine Versetzung. Der Pressechef ließ die Eingabe bis zum <lb/>
                 Entlassungstermin liegen, erwiderte aber auf die Frage, ob <lb/>
                 noch keine Antwort vom Personalchef da sei, stets: es sei <lb/>
                 wohl alles auf dem besten Wege. Plötzlich, am letzten Tage, <lb/>
                 kam dann der Bescheid: da der Entlassungstermin schon da <lb/>
                 sei, erledige das Gesuch sich wohl von selbst. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die dritte Schicht rekrutierte sich aus den Beamten »außer <lb/>
                 Tarif«. Ihnen wurde zunächst nicht gekündigt, sondern es <lb/>
                 wurde ihnen allmählich die Arbeit entzogen. Jeden Morgen <lb/>
                 war das Häufchen ihrer Eingänge kleiner auf dem Bock, <lb/>
                 schließlich mußte sie doch die Selbstachtung dazu treiben, <lb/>
                 über Mangel an Arbeit zu klagen, und dann hieß es: »Ja, <lb/>
                 wenn Sie das selbst sagen...! Da müssen wir zu unserem Be- <lb/>
                 dauern die Konsequenzen ziehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Meistens wurde diese Aktion mit dem Auftrag eingeleitet, <lb/>
                 eine Geschichte der Werksfeuerwehr zu schreiben. Es war <lb/>
                 eine Kennzeichnung, ähnlich jener Anschälung, womit der <lb/>
                 Förster die zu fällenden Bäume markiert. Der Nächste setzte <lb/>
                 die Historie dort fort, wo der inzwischen abgebaute Vorgän- <lb/>
                 ger aufgehört hatte. Das bedeutsame Werk wurde infolge- <lb/>
                 dessen vom Sekretariat Wackerlein auch die Armesünder- <lb/>
                 chronik genannt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Endlich die oberste Schicht, beginnend mit den Handlungs- <lb/>
                 bevollmächtigten. Hier wurde nicht abgebaut, hier wurde <lb/>
                 nur kaltgestellt. Dies geschah durch Überweisung an die Ber- <lb/>
                 liner Vertretung »zur besonderen Verwendung«. Das Sekre- <lb/>
                 tariat Wackerlein ließ in der Aussprache das »w« weg. »Ver- <lb/>
                 endung« hieß es alsdann. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Otto Wittkamp wurde nicht abgebaut. Er hatte sich durch <lb/>
                 den Pressechef beim Stahlhelm anmelden lassen. Die Gelän- <lb/>
                 deübungen machten ihm Freude wie den Reservisten die Ma- <lb/>
                 növer. Sie führten in ländliche Gegenden, wo man den
                <pb facs="#f0428" n="424"/>
                <lb/>
                 »Bauernlümmels« die Mädels ausspannen und ohne Ängst- <lb/>
                 lichkeit »fremd gehen« konnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Obwohl seinem Rang eigentlich nur der Beamtenverein <lb/>
                 »Unter uns« angemessen war, wurde er doch der Mitglied- <lb/>
                 schaft in der höheren Stufe des Vereins der Risch-Zanderschen <lb/>
                 Beamten würdig gefunden, und auch an ihm erwies sich die <lb/>
                 Darlehenskasse als eine segensreiche Einrichtung. Insgesamt <lb/>
                 gewährte der Verein jährlich fünfzigtausend Mark an zinslo- <lb/>
                 sen Darlehen. Das Vereinsvermögen betrug 100 051 Mark, <lb/>
                 die Mitgliederzahl 3137, der Beitrag zwei Mark im Monat ein- <lb/>
                 schließlich Sterbekasse. Zwar hatte Hiebenstein verkündet, <lb/>
                 daß die Wohlfahrtseinrichtungen sich selbst tragen müßten, <lb/>
                 doch hatte auch das ja wohl seine Grenzen. An gewissen <lb/>
                 Punkten hörte jede Unbedingtheit auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszies bekam eine Wohnung in der Gruson- <lb/>
                 straße Nummer sechzehn. Das Haus gehörte jetzt dem Werks- <lb/>
                 eisenbahner Aldenhövel, der bekanntlich die Witwe Tho- <lb/>
                 meszat geehelicht hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach Verbüßung ihrer Strafe war sie noch keineswegs vom <lb/>
                 Gesundbeterinnenwahn geheilt gewesen. Die Jünger des <lb/>
                 Heiligen Amtes hatten einen neuen Meister gefunden, einen <lb/>
                 Rohköstler mit nackten Waden und schwärmerischem Haar- <lb/>
                 schopf, der ihnen sogar einen Tempel versprach; der Herr <lb/>
                 selbst werde erscheinen, um den Grundstein zu legen, nur <lb/>
                 müßten sie ihr Scherflein zu den Baukosten beitragen. Sie <lb/>
                 opferten, soviel sie nur konnten. Als der Meister genug bei- <lb/>
                 sammen hatte, führte er sie in der Mitternachtsstille auf einen <lb/>
                 Berg am Fluß. Von unten herauf sang der Nebel und in der <lb/>
                 Ferne brannten die Fackeln der Hochöfen, und dem rötlichen <lb/>
                 Dunstkreis der Stadt entstiegen schneeweiße Wolkenballen, <lb/>
                 das waren die Kühltürme der Kokereien, aber die Jüngerin- <lb/>
                 nen hielten es für überirdische Erscheinungen und kauerten <lb/>
                 sich eng aneinander. Zweimal schlug der Meister mit einem <lb/>
                 kleinen Hammer an einen Stamm, das dritte Mal sollte Gott- <lb/>
                 vater herabschweben; in stummer Verzückung hockten sie <lb/>
                 da, als der dritte Schlag verklang, und harrten in Geduld. <lb/>
                 Endlich wurden ihre Knie auf dem feuchten Boden wie Eis,
                <pb facs="#f0429" n="425"/>
                <lb/>
                 sie wagten aufzustehen, der Meister war fort. »Unser Geld!« <lb/>
                 war das erste, was sie schrien, dann jagten sie voll Entsetzen <lb/>
                 in die Stadt zurück. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie manche Menschen durch ein unfaßbares Glück irr- <lb/>
                 sinnig werden, so fanden die Jünger des Heiligen Amtes <lb/>
                 durch diese unfaßbare Enttäuschung ihre Besinnung wieder. <lb/>
                 Frau Aldenhövel, verwitwete Thomeszat, beglaubigte ihre <lb/>
                 geistige Erholung durch den Ankauf des Hauses in der Gru- <lb/>
                 sonstraße, wo sie ja schon mit ihrem Seligen gewohnt hatte. <lb/>
                 Nur die Verzückung stand ihr noch mit einer durchscheinen- <lb/>
                 den Zartheit, einer friedlichen Blässe auf den Wangen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während der Inflation waren die meisten Häuser dieser <lb/>
                 Straße in andere Hände übergegangen. Handwerker, kleine <lb/>
                 Händler, hie und da auch Arbeiter waren die Käufer. Alden- <lb/>
                 hövels hatten ein wenig Unternehmungsgeist, nicht für Kin- <lb/>
                 der zu sorgen, und konnten es daher »etwas machen«. Den <lb/>
                 kleinen Leuten erschien der Hausbesitz als der Inbegriff der <lb/>
                 kapitalistischen Wirtschaft, und sie wünschten nichts sehn- <lb/>
                 licher, als sich aus einem Objekt in ein Subjekt des Kapitalis- <lb/>
                 mus zu verwandeln. Sie zahlten also an und gerieten selbst <lb/>
                 in die größte Verwunderung darüber, daß ihre Schuld sozu- <lb/>
                 sagen unter den Händen wegschmolz; aber obwohl sie nicht <lb/>
                 begreifen konnten, wie dies zuging, wußten sie doch die Ge- <lb/>
                 legenheit beim Schopfe zu fassen und die wenig eifreuten <lb/>
                 Gläubiger in aller Eile abzufinden. Das dicke Ende kam frei- <lb/>
                 lich nach: Aufwertungsgesetz, Feierschichten, Aufnahme <lb/>
                 von Goldmarkhypotheken. Aber diese Arbeiter verteidigten <lb/>
                 ihren Besitz mit einer Verbissenheit und einer Ausdauer, deren <lb/>
                 die mittelständischen Bürgergeschlechter kaum noch fähig <lb/>
                 waren. Sie opferten alles, um die Häuser behalten zu können. <lb/>
                 Sie opferten die Behaglichkeit des Haushalts und die Erho- <lb/>
                 lung des Sonntags und die Befriedigung bescheidener Wün- <lb/>
                 sche. Sie waren nicht gesonnen, sich aus dem Kleinbürger- <lb/>
                 stand, in den sie eben hineingerutscht waren, wieder ver- <lb/>
                 drängen zu lassen. Sie ließen die Häuser neu herrichten, an- <lb/>
                 streichen und mit elektrischer Beleuchtung, Türschließern und <lb/>
                 Spülklosetts versehen, damit sie beim Mieteinigungsamt den <lb/>
                 Antrag auf Erhöhung der Friedensmiete stellen konnten. Es war
                <pb facs="#f0430" n="426"/>
                <lb/>
                 jetzt alles im Schuß, sie paßten auf, daß die Flure ordentlich ge- <lb/>
                 reinigt wurden und die Kinder nichts verdarben. Sie wandten <lb/>
                 die ausgeklügeltsten Methoden bei der Umlegung des Wasser- <lb/>
                 geldes und der Grundvermögenssteuer an, sie verwandten ihre <lb/>
                 ganze Freizeit auf die Lösung der Frage, wie sie die Mieter her- <lb/>
                 anziehen könnten, um die Kosten ihres Besitzes aufzubringen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Obschon immer noch Arbeiter, waren sie geschworene <lb/>
                 Feinde der Gewerkschaften und jeder Sozialpolitik, von der <lb/>
                 sie glaubten, daß sie ihr soziales Avancement als Hausbe- <lb/>
                 sitzer verhindere. Nicht, daß sie hochmütig auf die anderen <lb/>
                 Arbeiter herabsahen und den »dicken Wilhelm markierten«; <lb/>
                 der Hausbesitz war für sie ja kein Genuß, er war nur eine <lb/>
                 teuer bezahlte Genugtuung. Aber die Vorstellung, daß zu <lb/>
                 jedem Haus ein Hauspascha gehöre, war dermaßen in ihnen <lb/>
                 eingewurzelt, daß sie diesen Anspruch, nun sie selbst dazu <lb/>
                 in der Lage waren, unter allen Umständen geltend machen <lb/>
                 wollten. Es war sicher merkwürdig, daß ihre Mieter, die alle <lb/>
                 Arbeiter waren und zum Teil als revolutionär angesehen wur- <lb/>
                 den, von ihnen sich gefallen ließen, was sie sich von keinem <lb/>
                 Hausherren irgendwelchen anderen Standes hätten gefallen <lb/>
                 lassen. Aber es war so, und es war auch so bei Aldenhövels. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schon bald nach dem Einzug wurde Adam Griguszies <lb/>
                 durch ein ganz banales Erlebnis tief erschüttert: </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eines Samstagnachmittags nämlich kündigte Aldenhövel <lb/>
                 an, daß er die Flurtreppe streichen wolle, und daß zu diesem <lb/>
                 Behuf ab sechs Uhr niemand mehr seine Wohnung verlassen <lb/>
                 dürfe. Die Mieter murrten innerhalb ihrer vier Wände, aber <lb/>
                 sie fügten sich, wie sie sich hundert anderen Dingen schon <lb/>
                 gefügt hatten. Die Treppe wurde also gestrichen. Mitdem <lb/>
                 kam die Gattin eines Werkmeisters herauf, um bei einer im <lb/>
                 Hause wohnenden Schneiderin ein Kleid anzuprobieren. <lb/>
                 Frau Aldenhövel fuhr sie an: wer sie wäre? Was sie wolle? <lb/>
                 Zu wem sie wolle? Die korpulente Dame schnaufte vor Em- <lb/>
                 pörung. Das ginge denn doch zu weit, sie wäre Frau Werk- <lb/>
                 meister, und eine solche Anrempelung könne sie sich nicht <lb/>
                 bieten lassen. Auf der Stelle machte sie Kehrt, und die <lb/>
                 Schneiderin verlor ihre Kundschaft. Ihr Vater schwieg dazu. <lb/>
                 »Ich will mit dem Mann keinen Krach haben«, sagte er. </p>
            <pb facs="#f0431" n="427"/>
            <p>
                <lb/>
                 Alle wollten sie keinen Krach haben, alle wollten sie in <lb/>
                 Frieden leben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alma war das nur angenehm, trotzdem wurde sie hier nicht <lb/>
                 heimisch. Ihre großen Töne imponierten in dieser Straße nie- <lb/>
                 mandem, weil sie fast alle um so größere Töne machten, je <lb/>
                 weniger große Sprünge sie machen konnten, Diese Arbeiter <lb/>
                 hatten in den Augen ihrer Frauen alle einen höheren Beruf; <lb/>
                 während sie selbst wahrheitsgemäß von sich sagten, daß sie <lb/>
                 Dreher oder Elektriker oder Speditionsfuhrmann seien, <lb/>
                 nannten sie ihre Frauen »Techniker« oder »Ingenieur« oder <lb/>
                 »Faktor«, und ihre Kinder hießen nicht mehr wie die Eltern <lb/>
                 Karl und Johann und Anna und Maria, sondern Wilfried und <lb/>
                 Hans-Günther und Waltraut und Ingrid. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wenn Alma sich »Frau Betriebsrat« nannte, fiel sie nicht <lb/>
                 einmal auf. Wenn sie sagte: »Wir reisen ins Bad«, indem sie <lb/>
                 Adams Urlaub bei einer Tante im Lippischen verbrachten, <lb/>
                 wo sie das Essen mit Erntearbeit abdienen mußten — so sagte <lb/>
                 sie nur, was alle sagten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Nachbarschaft wohnte auch Johann Bermel, dessen <lb/>
                 Ziegelsteingeschichte mit vier Monaten Gefängnis geen- <lb/>
                 det hatte. Griguszies behauptete, daß sich in diesem Ge- <lb/>
                 schick das Geschick der Arbeiterschaft spiegele. Nach An- <lb/>
                 sicht des Oberlandesgerichtes hatte sich der Angeklagte eines <lb/>
                 ganz groben Vertrauensbruchs schuldig gemacht: der Be- <lb/>
                 stand der vermoosten Steine hätte ihm um so heiliger sein <lb/>
                 müssen, als er anscheinend der Einzige gewesen sei, der von <lb/>
                 der Existenz dieses Werksguts wußte; auch habe er keines- <lb/>
                 wegs die Absicht gehabt, die Ziegelsteine »alsbald« zu ver- <lb/>
                 brauchen, da er nicht eher in seinen Garten gegangen sei, als <lb/>
                 bis gutes Wetter eingetreten wäre. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem er auf die Revision beim Reichsgericht verzich- <lb/>
                 tet hatte, war ihm für drei Monate Bewährungsfrist bewilligt <lb/>
                 worden, alsdann war er dem Nationalen Arbeiterbund bei- <lb/>
                 getreten und auf Herrn Körschgens Fürsprache in die Werks- <lb/>
                 feuerwehr von Risch-Zander aufgenommen worden. »Man <lb/>
                 muß mal einen sichtbaren Strich unter jene anormalen Jahre <lb/>
                 ziehen«, hatte Herr Edelbert Körschgen gesagt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der war jetzt richtig in Fahrt. Der Grossist war gestorben.
                <pb facs="#f0432" n="428"/>
                <lb/>
                 Eva hatte ihn beerbt. Herr Körschgen war selten zu Hause, <lb/>
                 »Du hast ja das Kind«, sagte er zu seiner Frau. »Du hast <lb/>
                 häusliche, ich habe nationale Pflichten.« Im Büro war die mol- <lb/>
                 lige Leni Milius. Zum Reinbeißen war die, ganz was anderes <lb/>
                 als die Eva, »das Säugetier«, knirschte Herr Körschgen, <lb/>
                 »ihre Brüste hängen auf den Nabel herunter, es ist noch <lb/>
                 schlimmer geworden jetzt, wo sie das Kind gesäugt hat, der <lb/>
                 Leni ihre sind Paradiesäpfel dagegen.« Aber als Führer der <lb/>
                 Arbeitsgemeinschaft Vaterländischer Verbände, wozu er <lb/>
                 etlicher splendiden Stiftungen halber gewählt worden war, <lb/>
                 sprach er anders. Das Familienleben sei das Rückgrat der Na- <lb/>
                 tion, sagte er dort— und dies traf ja auch insofern bei ihm zu, <lb/>
                 als seine Ehe ihm die kostspielige nationale Existenz ermög- <lb/>
                 lichte. Herr Edelbert Körschgen praßte, und er brauchte <lb/>
                 eigentlich seiner Frau nichts mehr vorzuwerfen, denn auch <lb/>
                 seine gute Figur ging dahin. Er trug einen spitzen Bauch vor <lb/>
                 sich her wie ein Känguruh ihr Junges, und Leni sagte zu <lb/>
                 Schäfer, den sie nun ihrerseits aushalten mußte: »Mit dem <lb/>
                 kann man schon nicht mehr normal verkehren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Nationale Arbeiterbund war reich, doch er florierte <lb/>
                 nicht. Die Arbeiter des Kohlenreviers wollten von allem, <lb/>
                 was nach Gewerkschaft aussah, nicht mehr viel wissen. <lb/>
                 Kaum ein Viertel war noch organisiert. Edelbert Körschgen? <lb/>
                 Da gingen sie lieber gleich zu Walkowiak, da war wenigstens <lb/>
                 Klamauk dabei. Außerdem war Walkowiak aus dem Arbei- <lb/>
                 terstand hervorgegangen. Hatte er nicht schon früher für sie <lb/>
                 gekämpft und bewiesen, daß er vor nichts zurückschreckte? <lb/>
                 Der hatte den richtigen Dreh heraus, mit Hammer und Sichel <lb/>
                 war es nichts, man mußte es einmal mit dem Hakenkreuz ver- <lb/>
                 suchen. Nur nicht festlegen, das war ganz falsch, freibleibend <lb/>
                 mußte man sein, ein auswechselbares Programm haben. Hal- <lb/>
                 fen auch die Nationalsozialisten nichts, mußte man eben mal <lb/>
                 wieder Sozialdemokrat und auch wieder mal Kommunist <lb/>
                 werden. Jedenfalls war Walkowiak lustig, jedenfalls hatte er <lb/>
                 kein eingeschworenes Programm und war doch Partei, jeden- <lb/>
                 falls war er uneigennützig und unabhängig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bei die Nationalsozialisten sind doch sogar Söhne vom <lb/>
                 Kaiser bei«, hieß es, »da kann es doch nix Schlechtes sein«. </p>
            <pb facs="#f0433" n="429"/>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Körschgen dagegen war trocken, war »überpartei- <lb/>
                 lich«, also ein Söldling des Kapitals. Herr Körschgen war <lb/>
                 ein Parasit, mit dem man nichts zu schaffen haben konnte. <lb/>
                 Soweit, nein, soweit konnte man sich nicht erniedrigen. <lb/>
                 Sollte denn die Revolution umsonst gewesen sein? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Für die Tagungen des Nationalen Arbeiterbundes genügte <lb/>
                 die Schankwirtschaft »Zur Hütte« am Rande der Fabrik. <lb/>
                 Alle Richtungen verkehrten hier, der Wirt war unpartei- <lb/>
                 isch. An Lohntagen war das Lokal überfüllt. Die Frauen <lb/>
                 standen mit den Einkaufstaschen an den Fabriktoren und <lb/>
                 nahmen den Männern das meiste Geld ab, damit sie nicht <lb/>
                 die ganze Lohntüte versoffen. Zuweilen wurden mit den <lb/>
                 Rufen »Rotfront!« oder »Deutschland erwache!« oder »Tod <lb/>
                 dem Faschismus!« die Fensterscheiben eingeschlagen und <lb/>
                 die Biergläser zertrümmert. Die Sieger kamen dann an <lb/>
                 die Theke »einen heben«. »So’n Haß«, sagte der Wirt ge- <lb/>
                 dankenvoll. »Ja, ja, die politische Zwietracht is’n Erbübel <lb/>
                 der Deutschen. Aber so ’n bißchen Krawall hebt den Um- <lb/>
                 satz. Prost!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wenn die Luft rein war, faßte Herr Edelbert Körschgen im <lb/>
                 »Gesellschaftszimmer« nebenan, wo die Tische mit ehemals <lb/>
                 weißen, jetzt graugetupften Leintüchern bedeckt waren, im <lb/>
                 trauten Kreise seine Resolutionen zur Lohnfrage. »Entlas- <lb/>
                 sungen und Feierschichten«, hieß es da, »vermindern das <lb/>
                 Einkommen der Arbeiterschaft. Die Lohnpolitik der Mono- <lb/>
                 polgewerkschaften führt in den Abgrund. Der Nationale Ar- <lb/>
                 beiterbund ist willens, eine neue Lohnpolitik einzuleiten. <lb/>
                 Jetzt werden die Tariflöhne durch die Erwerbslosigkeit illu- <lb/>
                 sorisch gemacht, daher fordern wir die Beseitigung der Ta- <lb/>
                 rife, damit eine verstärkte Produktion einsetzen kann, die <lb/>
                 allen Arbeitern Brot gibt. Die Gewerkschaftsbürokratie, die <lb/>
                 nicht die Zusammengehörigkeit aller schaffenden Stände vom <lb/>
                 Unternehmer bis zum Tagelöhner fühlt, muß verschwinden! <lb/>
                 Dem Versklavungsplan des Feindbundes muß ein einmütiges <lb/>
                 Nein entgegengesetzt werden! Die Arbeiterschaft muß von <lb/>
                 ihrem ideologischen Klassenkampfstandpunkt abkommen! <lb/>
                 Ist das geschehen, dann wird der Nationale Arbeiterbund <lb/>
                 mit friedlichen Mitteln dafür sorgen können, daß die Ar-
                <pb facs="#f0434" n="430"/>
                <lb/>
                 beitgeber uns Arbeitnehmer als gleichberechtigte Faktoren <lb/>
                 im Wirtschaftsleben betrachten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Finanzrat Hiebenstein hatte eine solche Resolution auf dem <lb/>
                 Tisch liegen, als er gemäß § 72 des Betriebsrätegesetzes den <lb/>
                 Betriebsausschuß zur Bilanzerläuterung empfing. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In diesem Zimmer war Adam Griguszies stets ein wenig <lb/>
                 befangen, aber Fries bewegte sich selbstsicher, saß er nicht <lb/>
                 etwa mit im Aufsichtsrat, an der Repräsentationstafel des <lb/>
                 reichen Mannes? War er dorthin nicht durch das Vertrauen <lb/>
                 der Arbeiterschaft berufen? Hatte ihm nicht der Freiherr so- <lb/>
                 gar eine Kur gegen seinen Gelenkrheumatismus in Bad <lb/>
                 Oeynhausen ermöglicht, damit er sich in alter Frische seinem <lb/>
                 Amte widmen konnte? Ja— man rechnete mit ihm, er stand <lb/>
                 nicht unbeachtet irgendwo in der Ecke. Burschikos griff er <lb/>
                 nach dem Papier auf Hiebensteins Tisch: »Die Resolution <lb/>
                 da, Herr Finanzrat? Keinen Schuß Pulver ist die wert. Aber <lb/>
                 was von den friedlichen Mitteln drin steht, das kann Herr <lb/>
                 Körschgen auf seinen Eid nehmen. Das ist bestimmt ehr- <lb/>
                 licher, als wenn der Nationalbolschewist Walkowiak sein <lb/>
                 Ehrenwort gibt, daß sie die Verfassung auf legalem Wege be- <lb/>
                 seitigen wollen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er lachte breit, vertraulich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am Fenster saß stumm Dr. van der Gathen und betrachtete <lb/>
                 die Kamine draußen. Wenn man geradeaus sah, erblickte man <lb/>
                 nur Luft und Kamine. Die Werkstätten lagen tief darunter, <lb/>
                 man mußte sich vorbeugen, um sie zu sehen. Die Direktions- <lb/>
                 etage atmete gleichsam die Höhenluft der Industrie. Hier <lb/>
                 oben war die Materie idealisiert und stilisiert. Man bemerkte <lb/>
                 nicht mehr die Anstrengung, nur noch den Rhythmus, nicht <lb/>
                 mehr die pressende Kraft, nur noch den Extrakt. Die SYM- <lb/>
                 PHONIE DER ARBEIT war es, eine ratternde Sphärenmu- <lb/>
                 sik, jene großartige Poesie, welche die Arbeiterdichter in ih- <lb/>
                 ren Werkstattschürzen einsammelten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein nahm einen Bleistift und bohrte die Spitze in <lb/>
                 eine lederne Schreibunterlage, bis sie abbrach. »Immerhin,« <lb/>
                 sagte er dann plötzlich, als hole ihn das Knacken der bre- <lb/>
                 chenden Bleistiftspitze aus weiten Fernen in die Gegenwart
                <pb facs="#f0435" n="431"/>
                <lb/>
                 zurück, »es ist ein schmerzliches Bewußtsein, daß Zechen <lb/>
                 stillgelegt werden müssen, weil es der Belegschaft gesetzlich <lb/>
                 verboten ist, die liebgewordene Arbeitsstelle durch Mehrar- <lb/>
                 beit zu retten. Es ist ein bedauerliches Zeichen der Politisie- <lb/>
                 rung unserer Wirtschaft, daß das Arbeitszeitgesetz und die <lb/>
                 vom Staat diktierten Löhne zum Ersatz menschlicher Arbeit <lb/>
                 durch Maschinen zwingen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »So?« sagte Fries. »Der Lohnanteil ist aber von sieben <lb/>
                 Mark achtzehn die Tonne auf sechs Mark vierundsiebzig ge- <lb/>
                 sunken, weil die Leistungssteigerung von 1133 Kilo auf <lb/>
                 1335 pro Schicht und Mann alle Lohnerhöhungen wettmacht.« <lb/>
                 »Und warum?« fragte der Finanzrat, »warum? Die Stei- <lb/>
                 gerung des Arbeitseffekts ist eine Folge der Mechanisierung, <lb/>
                 und die Mechanisierung bedingt vermehrte Zinsen und ver- <lb/>
                 mehrte Abschreibungen.«— »Ohne Rationalisierung könnte <lb/>
                 die Wirtschaft das eben gar nicht aushalten«, sagte van der <lb/>
                 Gathen. »Vierzehn Milliarden beträgt die Mehrbelastung in <lb/>
                 Deutschland in einem einzigen Jahr.« Hiebenstein wieder- <lb/>
                 holte: »Vierzehn Milliarden in einem einzigen Jahr!« und <lb/>
                 schüttelte den Kopf, als könne er es selbst nicht glauben. <lb/>
                 »Die Wirtschaft ist den Gewerkschaften schutzlos preisge- <lb/>
                 geben. Die Schiedssprüche sind nur in der Färbung ökono- <lb/>
                 misch, im Wesen sind sie politisch. Wird ein Schiedsspruch <lb/>
                 verbindlich erklärt, muß die Wirtschaft zahlen, weil sie die <lb/>
                 Gesetze achtet und ja auch haftbar gemacht würde; paßt aber <lb/>
                 den Arbeitern eine Verbindlichkeitserklärung nicht, dann <lb/>
                 fangen sie seelenruhig einen Streik an, man kann sie ja nicht <lb/>
                 auf Schadenersatz verklagen, sie haben nichts.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Griguszies war es schwer und dumpf im Kopf, wie wenn <lb/>
                 sich etwas in seinem Hirn wälze, was nicht Form werden <lb/>
                 konnte. Das Niederträchtige an diesen Unternehmerworten <lb/>
                 war, daß sie so eine konsequent verbohrte Logik hatten und <lb/>
                 nur mit sehr verzwickten Gedankengängen, die allzuleicht <lb/>
                 Irrgänge wurden, zu umfassen waren. »Ich meine,« sagte er, <lb/>
                 »das hätte alles nichts zu bedeuten, wenn die Generalunko- <lb/>
                 sten nicht so hoch wären. Das steht da so mir nichts, dir <lb/>
                 nichts in die Bilanz, neunundsiebzigeinviertel Millionen, als <lb/>
                 wenn das ein Pappenstiel wäre. Wo kommt das Geld denn
                <pb facs="#f0436" n="432"/>
                <lb/>
                 alle hin? Ich möchte wissen, was für Gehälter der Vorstand <lb/>
                 hat. Wer alles Pension kriegt. Was für Reisespesen bezahlt <lb/>
                 werden. Können Sie mich das sagen, Herr Finanzrat?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein erwiderte, nein, das könne und dürfe er nicht, <lb/>
                 Griguszies behauptete, daß nach § 2 des Betriebsbilanzge- <lb/>
                 setzes über die Bilanzposten Auskunft zu geben sei, Fries be- <lb/>
                 lehrte ihn: nur insoweit, als es mit dem Zweck der Betriebs- <lb/>
                 räte in Einklang stünde. »Das Reichsarbeitsgericht hat ver- <lb/>
                 kündet, daß die Vorstandsgehälter und Reisespesen im In- <lb/>
                 teresse des Betriebs geheimgehalten werden müssen«, sagte <lb/>
                 er gewichtig. »Ich bin ja auch anderer Meinung, aber die Ge- <lb/>
                 richte der Republik respektiere ich selbstverständlich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Vielleicht wird die Zeit kommen,« bemerkte der Finanz- <lb/>
                 rat, »wo auch die Gewerkschaften den Staatseingriff wegen <lb/>
                 seiner moralischen Gefahren <sic>ablehen</sic>. Das Hineindrängen <lb/>
                 der Staatsgewalt zwischen die beiden sozialen Partner ertötet <lb/>
                 die wertvollsten Impulse zu einem Gemeinschaftsleben auf <lb/>
                 höherer sittlicher Grundlage, die Staatsgewalt aber wird dann <lb/>
                 am sichersten sein, wenn beide soziale Gruppen zu ihr das <lb/>
                 Vertrauen haben dürfen, daß sie unabhängig über den Parteien <lb/>
                 steht.« Dr. van der Gathen gab bekannt, daß Risch-Zander <lb/>
                 jährlich fünfzehneinhalb Millionen für Steuern und zwölf <lb/>
                 Millionen für Soziallasten aufwende. »Wo bleibt da die Ka- <lb/>
                 pitalbildung?« fragte Hiebenstein, »das muß doch alles von <lb/>
                 der Substanz genommen werden! Wir haben die Armut eine <lb/>
                 Zeitlang mit Wagenladungen voll Auslandsgeldern über- <lb/>
                 tüncht, aber eine Wirtschaft, die keine Rücklagen mehr machen <lb/>
                 kann, läßt sich durch Anleihen ebenso wenig ankurbeln wie ein <lb/>
                 Motor, bei dem die Handbremse angezogen ist. Die Zwangs- <lb/>
                 bewirtschaftung der Löhne verhindert die Erzielung einer Wirt- <lb/>
                 schaftlichkeit, die den großen Kapitalaufwendungen entspricht, <lb/>
                 und durch die öffentliche Hand, die den Verdienst vorweg- <lb/>
                 nimmt, wird die Schaffung von Reserven und die Überwin- <lb/>
                 dung schlechter Zeiten unmöglich gemacht. Wo soll das noch <lb/>
                 hin, wenn das Sozialrentnerideal bei uns Mode wird? Nächstens <lb/>
                 wird jedem Säugling ein Bündel Versorgungsscheine in die <lb/>
                 Wiege gelegt werden!« Griguszies sagte: »Wer hat denn die <lb/>
                 Arbeiter gelehrt, sich als Wohlfahrtsempfänger zu fühlen?«
                <pb facs="#f0437" n="433"/>
                <lb/>
                 Hiebenstein war über diese Anzüglichkeit nicht ungehalten, <lb/>
                 er sagte: »Wir haben menschliche Fragen niemals mecha- <lb/>
                 nisch betrachtet, das ist der Unterschied. Jetzt wird die so- <lb/>
                 ziale Initiative des deutschen Unternehmertums, seine innere <lb/>
                 Hingabe an die Idee des Vorrangs der Allgemeinheit, durch <lb/>
                 die Paragraphen des sozialen Obrigkeitsstaats gelähmt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fries kam auf den Vorschlag der Gewerkschaften zu spre- <lb/>
                 chen, allgemein die Arbeitszeit zu verkürzen, um die Er- <lb/>
                 werbslosen wieder in den Produktionsprozeß einzufügen. <lb/>
                 »Das Ei des Kolumbus«, sagte Hiebenstein. »Leider reagiert <lb/>
                 das komplizierte Getriebe der Fabriken sauer darauf, ganz <lb/>
                 sauer. Es kommt daraufan, mehr und billiger zu produzieren, <lb/>
                 das ist das A und das O. Nicht ein Happen Wert wird mehr <lb/>
                 geschaffen, ob zwei Arbeiter zusammen sechzehn Stunden <lb/>
                 arbeiten oder vier je vier. Im Gegenteil, das treibt die Un- <lb/>
                 kosten hinauf. Aber wenn zwei zusammen zwanzig arbeiten, <lb/>
                 dann flutscht es.« Fries bemerkte, um so mehr läge es doch <lb/>
                 im Interesse der Arbeitgeber, daß die Sozialversicherung lei- <lb/>
                 stungsfähig erhalten werde. »Leistungsfähig?« sagte der <lb/>
                 Finanzrat, »Sie müssen sich mal von Ihren Kollegen infor- <lb/>
                 mieren lassen, wie miserabel die Pflichten gegenüber den <lb/>
                 Versicherten erfüllt werden.« Griguszies dachte an das, was <lb/>
                 der Mann auf der Hochzeit erzählt hatte, und schwieg. Van <lb/>
                 der Gathen hauchte seinen Kneifer an und wischte ihn eifrig. <lb/>
                 »Jetzt schon macht die Erwerbslosenfürsorge fünf Prozent <lb/>
                 des deutschen Aktienkapitals aus«, sagte er, worauf der <lb/>
                 Finanzrat ausrief: »Bedenken Sie, wenn diese Summe auf <lb/>
                 dem Kreditwege der Wirtschaft zugeführt werden könnte, <lb/>
                 welche Belebung wäre das!« Fries meinte, Kapitalbildung er- <lb/>
                 folge durch Warenumsatz, Warenumsatz durch Kaufkraft, <lb/>
                 Kaufkraft durch Löhne. »Also!« schloß er mit einem schlau- <lb/>
                 en Gesicht, aber Hiebenstein übertrumpfte ihn: »Sie be- <lb/>
                 trachten den Lohn immer bloß als Einkommen des Arbeiters, <lb/>
                 der Lohn ist aber doch auch ein Teil der Erzeugungskosten <lb/>
                 und beeinflußt die Preise! Ihre Theorie von der verbrauch- <lb/>
                 steigernden Wirkung der Löhne ist nur in Amerika richtig, <lb/>
                 wo der zusätzliche Konsum aus Inlandsmaterial hergestellt <lb/>
                 wird. Aber bei uns? Was kauft der Arbeiter bei uns mehr,
                <pb facs="#f0438" n="434"/>
                <lb/>
                 wenn er mehr Lohn hat? Mehr Baumwolle — die kommt aus <lb/>
                 Amerika. Mehr Fett—das kommt aus Amerika. Mehr <lb/>
                 Schmalz — das kommt aus Sibirien. Mehr Butter — die kommt <lb/>
                 aus Dänemark. Mehr Tabak — der kommt aus Asien, Ame- <lb/>
                 rika und vom Balkan. Mehr Margarine — die kommt von den <lb/>
                 Kokospalmen aus den Tropen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Donnerwetter!« staunte Fries. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, meine Herren. Wie Sie sehen, hat die schematische <lb/>
                 Einführung des Achtstundentags die Verwalter des Kapitals <lb/>
                 gezwungen, den Ausfall an Arbeitsleistung durch erhöhte <lb/>
                 Geistestätigkeit wettzumachen. Stabeisen ißt der deutsche Ar- <lb/>
                 beiter doch nicht, wie? Wie sollte also da mit den Löhnen <lb/>
                 unsere Rentabilität steigen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Van der Gathen fragte: »Meinen Sie nicht, daß der Staat <lb/>
                 mindestens achthundertfünfzig Millionen Erwerbslosengel- <lb/>
                 der sparen könnte, wenn er der Wirtschaft einen Kredit von <lb/>
                 einer Milliarde zuleiten würde? Es wären nur hundertfünfzig <lb/>
                 Millionen für die Rohstoffe abzusetzen, alles andere würde <lb/>
                 in Löhnen für die Nebenindustrien investiert — beispiels- <lb/>
                 weise Ziegeleien, Installationsgeschäfte, Zementwerke, Stein- <lb/>
                 brüche, Papierfabriken, denn selbst der Hauptwert des <lb/>
                 Papiers, das in den Büros verbraucht wird, besteht in <lb/>
                 Löhnen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie haben bloß einen Posten ausgelassen,« versetzte Gri- <lb/>
                 guszies, »wo bleibt denn der Profit der Unternehmer in den <lb/>
                 Nebenindustrien?« Fries ärgerte sich über diese Schlagfer- <lb/>
                 tigkeit und fing schnell von etwas anderem an, statt den ge- <lb/>
                 meinsamen Vorteil wahrzunehmen: es sei eben kurzsichtig <lb/>
                 von den Unternehmern gewesen, nach der Währungsstabili- <lb/>
                 sierung die Löhne unter das Existenzminimum zu drücken <lb/>
                 und jeden Revisionsversuch der Arbeiter mit eiligen Preis- <lb/>
                 steigerungen zu beantworten; Sabotage sei es, wenn der <lb/>
                 Starke vom Schwachen Opfer verlange, um selbst verschont <lb/>
                 zu bleiben. Hiebenstein entgegnete: »Wir verkennen nicht <lb/>
                 die treibende Bedeutung der Lohnpeitsche für den ökonomi- <lb/>
                 schen Fortschritt. Aber wenn das Rennpferd unterernährt <lb/>
                 ist, bringt keine Peitsche und kein Sporn es über die Hürde <lb/>
                 mehr weg. Die Kapitalknappheit bedingt einen hohen
                <pb facs="#f0439" n="435"/>
                <lb/>
                 Kapitalpreis, also einen hohen Zinsfuß, und den überspringt <lb/>
                 die ausgesaugte Wirtschaft nicht mehr.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und der Amerikaner?« fragte Griguszies, »der jetzt in <lb/>
                 Deutschland angefangen hat, Automobile zu bauen? Er zahlt <lb/>
                 Löhne, die sechzig Prozent über die Tarife liegen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ford? Immerhin. Dafür hat seine Belegschaft in Berlin <lb/>
                 auch auf die gesetzliche Betriebsvertretung verzichtet.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Griguszies war betroffen und erwiderte nichts; Fries sag- <lb/>
                 te, dieser Verzicht sei natürlich eine Masse wert, das könne <lb/>
                 er sich denken. Im übrigen, fuhr der Finanzrat fort, sei die <lb/>
                 Anwesenheit dieses Amerikaners auch eine sehr ernste Ge- <lb/>
                 fahr für den Risch-Zanderschen Automobilbau. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam wollte noch sagen, daß die Unternehmer ja immer <lb/>
                 nach Zöllen geschrien hätten; wenn es ihnen in den Kram <lb/>
                 passe, höben sie also auf einmal die Gesetze des freien Wett- <lb/>
                 bewerbs auf; dann verlangten sie, daß man teure und schlech- <lb/>
                 te Inlandsware kaufe statt der billigeren und besseren Aus- <lb/>
                 landsware; die hohen Zölle hätten den Amerikaner erst ge- <lb/>
                 reizt, herüberzukommen und den Kampf im Lande selbst <lb/>
                 aufzunehmen. Das alles wollte er sagen. Er sagte es nicht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Plötzlich dachte er: Was hat es schon für einen Zweck? <lb/>
                 Es ist alles schön und gut, aber was erreicht man mit allen <lb/>
                 Argumenten, solange man sich selbst nicht geändert hat? <lb/>
                 Zuerst muß man mal gegen den Bürger kämpfen, den man <lb/>
                 selber in sich hat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fries sagte noch, als sie gingen: »Man lernt doch manches <lb/>
                 hier oben, wenn man sich so näher kennt. Beide Teile lernen <lb/>
                 was, meine ich. Wir sollen ja nicht bloß glauben, wir sollen <lb/>
                 auch wissen, wir Arbeiter. Wir brauchen das Wissen, damit <lb/>
                 wir den richtigen Weg erkennen, und den Glauben, damit <lb/>
                 wir den Schwierigkeiten trotzen können.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Abends lag Adam wach im Bett, und während seine Hand <lb/>
                 warm auf Almas Schoß ruhte, grübelte er. Da war der Fries; <lb/>
                 berufsmäßiger Vermittler zwischen Proletatiat und Bourgeoi- <lb/>
                 sie; er sprach nicht die Sprache der Massen, er hatte Edel- <lb/>
                 mut, körperliche und moralische Sauberkeit und eine die <lb/>
                 sogenannte Fahne tragende Nachkommenschaft. Die Armut <lb/>
                 jedoch — wohin man sah, war sie unsauber, unedelmütig,
                <pb facs="#f0440" n="436"/>
                <lb/>
                 fahnenflüchtig. »Du bist nicht bei der Sache«, sagte Alma <lb/>
                 verdrießlich, drehte sich um und schlief ein. Gab es über- <lb/>
                 haupt eine Sprache der Massen? War nicht alles bloß ver-<lb/>
                 puffendes Geschwätz? Sollte man proletarisierte Spießbür- <lb/>
                 gerlichkeit als Etappe der Weltrevolution verkünden? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ungefähr um dieselbe Stunde sagte Hiebenstein zu Dr. van <lb/>
                 der Gathen: »Sie wollten diese Leute ja mal kennen lernen. <lb/>
                 Ich kenne sie nicht erst seit der Revolution, aber nach der <lb/>
                 Revolution, wo sie doch Chancen hatten, haben sie sich be- <lb/>
                 stätigt: als wandelnde Reallexika der Gemeinplätze aus der <lb/>
                 Parteipresse. Was nicht drin steht, haben sie nicht gehabt. <lb/>
                 Aus drei Elementen, Doktor, bestand ihr sozialer Kampf: <lb/>
                 aus dem Gefühl, ein gefährlicher Gegner des Bürgertums zu <lb/>
                 sein, aus dem Bewußtsein, von ihm gefürchtet zu werden, <lb/>
                 und aus der Hoffnung, ihm bald selber anzugehören. Alle <lb/>
                 schicken sie jetzt ihre Kinder aufs Gymnasium oder minde- <lb/>
                 stens zur Mittelschule. Die Arbeiter wollen in den Angestell- <lb/>
                 tenstand, die Angestellten wollen in den Akademikerstand.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun,« sagte van der Gathen, »das höhere Streben ist <lb/>
                 doch nicht gerade ein schlechtes Zeichen. Der alte Staat hat <lb/>
                 ihnen so viele Bildungsmöglichkeiten verschlossen — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und heute sind sie offen, da fallen sie hinein, wie das <lb/>
                 Wasser in die Schleuse. Immerhin, was ist das Ende? Bald <lb/>
                 wird jeder Dachdecker Aristoteles und Kant gelesen haben, <lb/>
                 aber durch die Dächer, die von ihm gedeckt sind, wird es <lb/>
                 durchregnen. Alle Handwerker wollen ihren Stand heben, <lb/>
                 aber nicht durch bessere und praktischere Arbeit, sondern <lb/>
                 durch Bildung. Uns wirft man vor, daß wir keine Volks- <lb/>
                 schüler mehr als Bürolehrlinge einstellen. Aber wir wären <lb/>
                 doch Esel, wenn wir das Massenangebot der sogenannten <lb/>
                 höheren Schüler und den natürlichen sozialen Druck, der <lb/>
                 dadurch entsteht, uns nicht zunutze machten. Lieber Dok- <lb/>
                 tor, nach dem Lebenszuschnitt der Väter ist es ausgeschlos- <lb/>
                 sen, daß sie ihre Söhne etwa nur deshalb ins feindliche Lager <lb/>
                 senden, damit sie dort spähen und sich bewaffnen. Das Ar- <lb/>
                 gument der Väter ist: der Junge soll es mal besser haben als <lb/>
                 ich, das heißt doch, daß er ins Bürgertum überlaufen soll.
                <pb facs="#f0441" n="437"/>
                <lb/>
                 Eine Klasse, die über eine andere triumphieren will, müßte <lb/>
                 sich doch mit allen Mitteln als solche erhalten und zur Ge- <lb/>
                 schlossenheit heranbilden. Selbstverständlich, daß die Arbei- <lb/>
                 ter aufrücken wollen, aber nur dann selbstverständlich, wenn <lb/>
                 sie als Klasse, in ihrer Gesamtheit, aufrücken wollen. Dazu <lb/>
                 fehlt ihnen nun die menschliche Haltung, deshalb erliegen <lb/>
                 sie auch weltanschaulich. Die Arbeiterklasse, behaupte ich, <lb/>
                 ist gar nicht existent. Die Arbeiter sind eine abgesprengte <lb/>
                 Gruppe. Sie suchen ihre Ausdrucksvorbilder und ihre An- <lb/>
                 knüpfungspunkte im bürgerlichen Lager auch dann noch, <lb/>
                 wenn die Schuppen der Schulzeit von ihnen abgefallen sind. <lb/>
                 Glauben Sie mit, Doktor, sie werden niemals andere Mittel <lb/>
                 besitzen als diejenigen, die ihnen das geistige Arsenal der <lb/>
                 Bildungsschicht zu liefern geruht. Die Elemente des Bürger- <lb/>
                 tums bleiben die ewigen Lehr- und Zuchtmeister, sie durch- <lb/>
                 dringen den vierten Stand und saugen ihn wieder auf — denn <lb/>
                 was ist er anders als degradiertes Bürgertum? Weit davon <lb/>
                 entfernt, einen Klassenkampf zu führen, hat er nur das Be- <lb/>
                 dürfnis, das Exil zu beenden und seinen Nachwuchs in den <lb/>
                 Schoß der großen, weltbeherrschenden Klasse zurückkehren <lb/>
                 zu sehen, aus dem seine Vorfahren ausgestoßen worden sind.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. van der Gathen war verwundert, von Hiebenstein ein <lb/>
                 so ausführlich begründetes Urteil zu vernehmen. Es war <lb/>
                 sonst nicht die Art des Finanzrats, in der Erklärung seiner <lb/>
                 Taktik über eine zynische Bemerkung hinauszugehen. Viel- <lb/>
                 leicht hatte die wissenschaftliche Methodik des Doktors be- <lb/>
                 reits auf ihn abgefärbt; sicher war, daß sich zwischen beiden <lb/>
                 ein kameradschaftliches Verhältnis anbahnte. Dr. van der <lb/>
                 Gathen war als einziger Junggeselle des Direktoriums von <lb/>
                 den Frauen der Direktoren schlecht gelitten, für Einladungen <lb/>
                 konnte er sich nicht revanchieren, und als Objekt einer Hei- <lb/>
                 ratsstiftung war er schon zu alt. Hiebenstein jedoch suchte <lb/>
                 seine Gesellschaft; oft rief er ihn mitten in der Nacht an und <lb/>
                 bat ihn, zu einem Gespräch zu kommen; der Finanzrat liebte <lb/>
                 nächtliche Gespräche, einmal infolge eines Anflugs mittel- <lb/>
                 alterlicher Scholastik, der ihm zweifellos im Blute lag, so- <lb/>
                 dann infolge seiner Neigung zu Schlaflosigkeit. Van der Ga- <lb/>
                 then war Wohlfahrtsdirektor nur noch dem Namen nach; in
                <pb facs="#f0442" n="438"/>
                <lb/>
                 Wahrheit war er Hiebensteins Lieferant für programmatische <lb/>
                 Ideen, wofür er seinerseits soziologischen Aufklärungsunter- <lb/>
                 richt genoß. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nicht sehr lange nach jenem Gespräch wurde der Finanz- <lb/>
                 rat zum Ehrendoktor jener kleinen süddeutschen Universität <lb/>
                 promoviert, die vom Licht des Professors Jodoci erleuchtet <lb/>
                 wurde. Die Promotion geschah wegen einer verdienstlichen <lb/>
                 Schrift über den Kapitalbedarf der Wirtschaft, die vom Presse- <lb/>
                 büro entworfen und von Dr. van der Gathen redigiert wor- <lb/>
                 den war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Redaktion einer Zeitung, die sich neuerdings häufig <lb/>
                 Zweifel daran erlaubte, daß die Äußerungen der Industriel- <lb/>
                 len von ihnen selbst herrührten, nahm von dem Ereignis <lb/>
                 keine Notiz. Der Pressechef fragte, ob man mit Annoncen- <lb/>
                 entzug drohen solle. »Was fällt Ihnen ein!«, sagte Hieben- <lb/>
                 stein, »sowas macht doch höchstens ein Kinobesitzer. Schrei- <lb/>
                 ben Sie, die Redaktion verkenne offenbar die Tragweite des <lb/>
                 Ereignisses, und kürzen Sie, wenn der Annoncen-Akquisi- <lb/>
                 teur vorspricht, unter Berufung auf die schlechte Wirtschafts- <lb/>
                 lage unseren Auftrag um ein Drittel.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 ACHTZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Heim der Union stand in der Straßenflucht etwas <lb/>
                 zurück, in einem Vorgarten mit Platanen und ellipsen- <lb/>
                 förmigen Blumenbeeten, durch welchen breite Steinstufen <lb/>
                 zur Eingangstür geleiteten. Hatte man diese passiert, so be- <lb/>
                 fand man sich in einer jener Empfangshallen, die darauf an- <lb/>
                 gelegt sind, dem Besucher das Herz so schwer zu machen, <lb/>
                 daß er sein Anliegen kaum noch über die Lippen bringt, und <lb/>
                 wo jedes Möbelstück von der Reserviertheit eines hochherr- <lb/>
                 schaftlichen Papageis ist und fortgesetzt zu plappern scheint: <lb/>
                 der Herr ist beschäftigt, bedauere sehr, es sind noch Viele <lb/>
                 vor Ihnen angemeldet, wollen Sie bitte hier warten, bis Sie <lb/>
                 an der Reihe sind, der Herr läßt bitten, bedenken Sie, daß <lb/>
                 Zeit Geld ist... Rechts war ein kleines Rauchzimmer, wo
                <pb facs="#f0443" n="439"/>
                <lb/>
                 von einem Sekretär im Vorübergehen diejenigen abgefertigt <lb/>
                 wurden, um die es sich keiner Mühe verlohnte, zum Beispiel <lb/>
                 die Redakteure der Lokalzeitungen, die hier im Ansehen von <lb/>
                 Schnupftabakhändlern standen, welche Gewürznäpfe ins <lb/>
                 Fenster stellen, um als feine Leute zu gelten; links lag die <lb/>
                 Bibliothek, die mit Gemälden und Graphiken, industriellen <lb/>
                 und militärischen Sujets, tapeziert war und nur den Ehren- <lb/>
                 gästen gezeigt wurde, vornehmlich links gerichteten Publi- <lb/>
                 zisten. Geradeaus führte eine Treppe zum Vortragsraum und <lb/>
                 in den angrenzenden Speisesaal, wo außer intimen und ein- <lb/>
                 fachen Banketten solche mit exquisitem Menu für Behörden, <lb/>
                 Professoren und Journalisten veranstaltet wurden; diese Räum- <lb/>
                 lichkeiten waren erst durch einen Anbau gewonnen worden. <lb/>
                 Oben lagen die Arbeitsräume der Geschäftsführung, einige <lb/>
                 Sitzungszimmer und das Pressebüro. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In dieser Heimstatt derer, von welchen es hieß, daß sie <lb/>
                 das Tempo und die Unrast der Zeit fabrizierten, war von <lb/>
                 Unrast und Tempo nichts zu spüren. Eine feierliche Kälte <lb/>
                 war hier, eine schweigsame Andacht, eine gelassene Größe. <lb/>
                 Es wimmelte nicht von fliegenden Botenjungen, es liefen <lb/>
                 keine verzweifelten Menschen, auf deren Gesichtern schreck- <lb/>
                 hafte Visionen von Überlastung und Verantwortung ihre <lb/>
                 Runen gezeichnet hatten, von einer Tür zur anderen, keine <lb/>
                 Rohrpostpatronen unterbrachen den klaren Geschäftsgang, <lb/>
                 keine Telephone hatten sich selbständig gemacht — die Men- <lb/>
                 schen, welche die Zeit besiegen wollten, nahmen sich Zeit <lb/>
                 dazu und sputeten sich nicht und erlagen nicht der Hetze <lb/>
                 des Tagewerks oder der Tyrannei des toten Materials. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In demselben Maße, wie von Grußenbaum darauf drang, <lb/>
                 daß die Industriekapitäne selbst als öffentliche Redner auf <lb/>
                 dem Forum der Union erschienen, in demselben Maße wuchs <lb/>
                 die Bedeutung des Pressechefs der Union. Vielleicht war <lb/>
                 Christian Felgenhauer in der Blüte seiner Jahre der letzte <lb/>
                 Machthaber von Genie gewesen, der nicht nur das Recht <lb/>
                 des Herrn im Hause ausübte, sondern auch der Herr im Hause <lb/>
                 war, kraft seiner elementaren Natur, die niemals das Bedürf- <lb/>
                 nis fühlte, sich zu rechtfertigen. Das war nun vorbei, dieser <lb/>
                 Christian Felgenhauer hatte sich selbst überlebt, mehr und
                <pb facs="#f0444" n="440"/>
                <lb/>
                 mehr tobte sich jetzt der Despotismus des von den Presse- <lb/>
                 büros gesammelten Materials aus, jener Institutionen, die als <lb/>
                 Gegenspieler der Publizistik und Jongleure der Logik funk- <lb/>
                 tionierten. Die neuen Machthaber kamen nicht mehr ohne <lb/>
                 Projektionsapparate aus. Während sie faszinierende Reden <lb/>
                 zu halten anfingen, verwandelten sie sich in Diapositive, die <lb/>
                 hinter das Objektiv des Pressebüros geschoben wurden und <lb/>
                 als riesengroße Schatten auf die Leinwand fielen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Staatssekretär a. D. hatte viele Fäden in der Hand, <lb/>
                 er vereinigte sie zu einem Netz von Kanälen und Querka- <lb/>
                 nälen, die teils im Sande verrannen, teils unterirdisch weiter- <lb/>
                 liefen, je nach dem Bedarf und je nach den Erfordernissen <lb/>
                 einer guten TARNUNG. Sein Büro war wie einer jener <lb/>
                 handlichen Koffer, die man mit wenig Griffen in ein Gram- <lb/>
                 mophon verwandeln kann. Schnell war eine Platte aufgelegt, <lb/>
                 schnell war sie abgeschnurtt, und ebenso schnell war der <lb/>
                 Deckel zugeklappt und die Herkunft der verräterischen Töne <lb/>
                 verdeckt. Oft war es nur die Begleitmusik zu den Reden der <lb/>
                 Industriellen. Am meisten sprach Kropf, denn er hörte sich <lb/>
                 gern sprechen, und die Anderen überließen ihm neidlos das <lb/>
                 Odium, das mit dieser öffentlichen Stellungnahme unweiger- <lb/>
                 lich verknüpft war. Er wetterte gegen die Steuern, gegen die <lb/>
                 soziale Belastung, gegen die Ausgaben der Städte für wer- <lb/>
                 bende Anlagen, gegen ihre wirtschaftliche Betätigung in städ- <lb/>
                 tischen Fuhrparks, städtischen Molkereien, städtischen Stra- <lb/>
                 ßenbahnen und Gärtnereien, die er die »kalte Sozialisierung« <lb/>
                 nannte. Aber die eigenen Taten störten sich wenig daran. <lb/>
                 Ebenso wie Risch-Zander den Wirten Konkurrenz machte <lb/>
                 und den »Grußenbaumschen Hof« zu einem öffentlichen <lb/>
                 Gasthaus umgestaltete, richtete Kropf, unbekümmert um <lb/>
                 die privatwirtschaftliche Lage der Gärtner, Treibhäuser ein, <lb/>
                 die er mit dem überschüssigen Dampf seiner Kesselanlagen <lb/>
                 heizte und deren Produkte, Frühgemüse, Gurken, Tomaten <lb/>
                 und Blumen, er zum allgemeinen Verkauf stellte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als die Gärtner gegen diese neue Bedrückung des Mittel- <lb/>
                 standes von einer Seite, von der man es nicht hätte erwarten <lb/>
                 sollen, protestierten, ließ der Staatssekretär a. D. einen prin- <lb/>
                 zipiellen Aufsatz verfassen, worin nachgewiesen wurde, daß
                <pb facs="#f0445" n="441"/>
                <lb/>
                 die Kropfschen Treibhäuser eine großzügige Aktion zum <lb/>
                 Schutz der Privatgärtner gegen die holländische Einfuhr dar- <lb/>
                 stellten. »Politik und Geschäft sind zweierlei,« schloß dieser <lb/>
                 Aufsatz, »und müssen es bleiben, soll die Weste rein ge- <lb/>
                 halten werden. Aber eine kluge Geschäftspolitik treiben, <lb/>
                 heißt doch wahrhaftig noch nicht: mit der Politik verwerf- <lb/>
                 liche Geschäfte machen. Wollte man diese beiden Dinge <lb/>
                 auf eine Stufe stellen, so hätte es nichts mit Objektivität und <lb/>
                 noch weniger mit dem gebotenen Kampf gegen Korruption <lb/>
                 zu tun; es wäre vielmehr die Korruption der Objektivität.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Verfasser dieses Aufsatzes war Privatdozent an einer <lb/>
                 rheinischen Universität. Er versandte ihn an die Zeitungen <lb/>
                 als private Arbeit und bezog dafür von der Union ein Hono- <lb/>
                 rar von zweihundert Mark unter der Bedingung, daß in min- <lb/>
                 destens fünf Organen der öffentlichen Meinung ein Abdruck <lb/>
                 erzielt würde; bei jedem weiteren Abdruck stieg es um zwan- <lb/>
                 zig Mark. Von Grußenbaum sagte: »Man muß die Pferde knapp <lb/>
                 halten, damit sie nicht der Haber sticht.« Außerdem erhielt <lb/>
                 der Autor natürlich auch Zeilenhonorar von den Zeitungen, <lb/>
                 die seine geheime Verbindung mit der Union nicht kannten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser Gelehrte war von Frau Wackerlein an den General <lb/>
                 empfohlen worden. Frau Wackerlein führte nämlich den Vor- <lb/>
                 sitz in der Ortsgruppe des Königin-Luise-Bundes, einem <lb/>
                 Kaffeekränzchen ehrgeiziger und unbefriedigter Frauen. Sie <lb/>
                 erklärten, ihre Ehre verlange, daß ein Deutscher keine Apfel- <lb/>
                 sinen äße, denn die deutsche Erde bringe an Früchten so <lb/>
                 viel Gutes und Edles hervor, daß man nicht auf das charak- <lb/>
                 terlose Ausland angewiesen sei, und ferner dürfe ein Sieb- <lb/>
                 zigmillionenvolk nicht willen- und tatenlos in der Knecht- <lb/>
                 schaft eines Tributplans untergehen. Indessen hatten ihre Zu- <lb/>
                 sammenkünfte keinen verschwörerischen Inhalt, vielmehr <lb/>
                 wurden sie durch Liedervorträge einer Singschar heiter wie <lb/>
                 ein Häkelmuster. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hier nun hatte der Privatdozent einen instruktiven Vortrag <lb/>
                 über die Presse gehalten, über die Presse vom technischen, <lb/>
                 historischen, kulturellen und religiösen Standpunkt. Die Zei- <lb/>
                 tung sei die Haut des Menschen, hatte er gesagt, eine Haut
                <pb facs="#f0446" n="442"/>
                <lb/>
                 mit Poren, durch die nur ganz bestimmte Einflüsse hindurch- <lb/>
                 wirkten. Beim Schlafengehen erzählte Frau Wackerlein ihrem <lb/>
                 Mann davon; sie glühte wie eine junge Braut; man müsse <lb/>
                 etwas für die nationalen Journalisten tun. Der Personalchef <lb/>
                 sagte, im Werk halte man sich die Finger sauber; diese heik- <lb/>
                 len Geschichten überlasse man der Union. Am Morgen <lb/>
                 schrieb Frau Wackerlein an den General. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Staatssekretär a. D. sagte: »Wir haben zwar schon <lb/>
                 einige Schriftsteller an der Krippe, sie fressen allerdings mehr <lb/>
                 Hafer als sie verdienen, und was sie schreiben, ist so hunds- <lb/>
                 föttisch schlecht, daß man es erst noch ins Deutsche über- <lb/>
                 setzen muß.« — »Sehr verehrte gnädige Frau,« lautete dem- <lb/>
                 zufolge die Antwort von Grußenbaums, »wenn Sie mir einen <lb/>
                 nationalen Journalisten nennen können, der nicht bloß ein <lb/>
                 plumper Schildknappe, sondern auch ein Stilist ohne Furcht <lb/>
                 und Tadel ist, bin ich Ihnen dankbar.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Darauf ging die Bewerbung des Privatdozenten ein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir werden prüfen, ob er sein Visier so schließen kann, <lb/>
                 daß man ihn nicht schon auf tausend Meter erkennt. Wenn <lb/>
                 die Industrie einen Ritter mietet, soll er auch reiten können <lb/>
                 und seine Waffen sollen scharf und durchschlagend sein und <lb/>
                 nicht rostig und voll Scharten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie vergessen nur eins,« lächelte der Pressechef, »daß <lb/>
                 es nie die beste Qualität sein wird, die sich uns zur Auswahl <lb/>
                 stellt.« — »Unsinn, wir hatten früher beim Militär auch im- <lb/>
                 mer erstklassige Spione.« — »Das weiß ich nicht, aber das <lb/>
                 ist nach Art der Tätigkeit auch gar kein Vergleich.« — »Das <lb/>
                 sagen Sie nur, weil es was Militärisches ist. Widerspruchs- <lb/>
                 geist ist der ganze Schneid des Zivilisten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie lachten beide und stellten den Privatdozenten ein. Er <lb/>
                 sah aus wie ein Studienassessor mit der Lehrbefähigung für <lb/>
                 Geschichte und Deutsch in der Unterstufe. »Es ist nicht im- <lb/>
                 mer nötig, daß Sie in der Sache recht haben,« belehrten sie <lb/>
                 ihn, »auf keinen Fall aber darf man merken, in welcher Ab- <lb/>
                 sicht Recht gesucht wird.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aber der Privatdozent war von einem krankhaften Ehr- <lb/>
                 geiz und sprach nach einer Weile die Bitte aus, ihm eine <lb/>
                 Professur zu verschaffen, Jodoci, der ihn tödlich haßte, gab
                <pb facs="#f0447" n="443"/>
                <lb/>
                 ein vernichtendes Gutachten ab; der Privatdozent hatte näm- <lb/>
                 lich zu einer Zeit, wo er noch nicht wußte, ob er zweck- <lb/>
                 mäßiger rechts oder links Anschluß suchen sollte, Jodocis <lb/>
                 Buch in einer Rezension als »schwülstig und verquollen« ab- <lb/>
                 getan. General von Grußenbaum sagte, als er das Gutachten <lb/>
                 gelesen hatte: »Den Professor macht uns keiner nach, tüch- <lb/>
                 tiger Kerl, militärisch, erinnert mich an den Generalstab.« <lb/>
                 — »So wollen Sie im Ernst auf dieses Gutachten hören?« <lb/>
                 fragte der Staatssekretär a. D. — »Weil es mich an den Ge- <lb/>
                 neralstab erinnert?« Ein dröhnendes Lachen entfuhr dem <lb/>
                 General. »Sie ahnungsloser Zivilist! Ganz im Gegenteil, der <lb/>
                 Fetzen besteht doch nur aus Neid und Eifersucht. Wir schik- <lb/>
                 ken den Privatdozenten nach Rußland, damit er sich die Spo- <lb/>
                 ren verdient. Wir müssen mal wieder einen Groschen in den <lb/>
                 geistigen Automaten werfen. Wir brauchen mal ein richtiges <lb/>
                 Volksbuch über den Bolschewismus, das soll er schreiben. <lb/>
                 Den Verlag finanziert die Union.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es zeigte sich, daß der Privatdozent seiner Sendung ge- <lb/>
                 wachsen war. Er bot eine glänzende Schilderung der bol- <lb/>
                 schewistischen Greuel und malte die Szenen, wo Karbol- <lb/>
                 mäuschen Gefangene bespuckten, die Tscheka politische Geg- <lb/>
                 ner nackt in die Erde verscharrte und Rotgardisten den Bau- <lb/>
                 ern große Stücke Fleisch aus dem Gesäß schnitten, mit so <lb/>
                 realistischer Wucht, daß man ihm die Professur nicht vor- <lb/>
                 enthalten konnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Krieg war doch nicht umsonst,« sagte der General, <lb/>
                 »wir haben von Belgien gelernt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Organen der öffentlichen Meinung erschienen von <lb/>
                 Zeit zu Zeit kurze Nachrichten von jener etwas obskuren <lb/>
                 Interessantheit, wie sie früher, als noch nicht jeder Bluff von <lb/>
                 fetten Lettern wichtig genommen wurde, unter der Rubrik <lb/>
                 »Vermischtes« zu lesen waren. Die Überschriften lauteten: <lb/>
                 »Steiger sind vogelfrei!«; »Übergriffe der Betriebsräte«; <lb/>
                 »Ein sozialistischer Musterarbeitgeber«; »Kommunistische <lb/>
                 Aufmarschpläne«; »Brennende Zigarettenstummel im Koh- <lb/>
                 lenklein«; »Eine neue Krankheit — die Weihnachtskrank- <lb/>
                 heit«. Man erfuhr daraus, daß die Grubenkatastrophen von
                <pb facs="#f0448" n="444"/>
                <lb/>
                 leichtsinnigen Bergleuten verschuldet würden, daß die Ar- <lb/>
                 beiter die Krankenkassen ausbeuteten, um sich vergnügte <lb/>
                 Feiertage zu machen, daß die Vorgesetzten ständig bedroht <lb/>
                 seien und niemals vor den Gerichten Recht bekämen, daß so- <lb/>
                 zialistische Parteiunternehmungen die unsozialsten Arbeitge- <lb/>
                 ber und alle Verbrecher Kommunisten seien (»der verhaftete <lb/>
                 Falschmünzer soll früher in der kommunistischen Partei tätig <lb/>
                 gewesen sein«, hieß es zuweilen) — kurz, daß es eine Lust sei, <lb/>
                 als Arbeitnehmer, und ein Kreuz, als Arbeitgeber zu leben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dann wieder erschienen Statistiken über Löhne und Ren- <lb/>
                 ten, die angeblich-»im Mitte!« errechnet waren, so daß der <lb/>
                 Leser glauben mußte, es handle sich um die Durchschnitts- <lb/>
                 zahl, während es in Wirklichkeit nur die Mitte zwischen <lb/>
                 dem höchsten und niedrigsten Betrag war. Auf diese Weise <lb/>
                 sahen sich Löhne und Renten höher an als sie waren, denn <lb/>
                 wenn man etwa die Zahlen acht, sechs, fünf und vier hätte, <lb/>
                 dann wäre sechs die Mitte, der Durchschnitt aber nur 5,75 — <lb/>
                 das ist ein einfaches Beispiel, das leuchtet doch ein, nicht <lb/>
                 wahr? Beim Vergleich der deutschen Löhne mit den eng- <lb/>
                 lischen wurden das eine Mal die Versicherungsbeiträge der <lb/>
                 Arbeitgeber hinzugerechnet, das andere Mal weggelassen, <lb/>
                 wodurch die deutschen Schichtlöhne fast sechzig Pfennigüber <lb/>
                 den englischen zu liegen schienen. »Jetzt schlägt’s aber drei- <lb/>
                 zehn!« entrüstete sich der Leser des Generalanzeigers und <lb/>
                 nahm noch ein Stück Zucker in seinen Morgenkaffee, »so <lb/>
                 eine Schweinerei! Das kann doch nicht so weiter gehen, die <lb/>
                 deutsche Wirtschaft wird ja ruiniert!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und dieser Aufschrei war ein Effekt der Maschinerie, an <lb/>
                 deren Hebel der Staatssekretär a. D. stand im Pressebüro der <lb/>
                 Union. »Wirft man Steine in den Teich, so hört man die <lb/>
                 Frösche quaken«, sagte er. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als er noch in der Regierung war, hatte er zuweilen ge- <lb/>
                 sagt: »Die Tätigkeit der westdeutschen Industriellen ist vor- <lb/>
                 wiegend politischer Natur«, und wenn Kropf die Verantwor- <lb/>
                 tung des Unternehmers in die Wagschale werfen wollte, hatte <lb/>
                 er vertraulich gelacht: »Ja, ja, man spricht am liebsten über <lb/>
                 das, was man nicht besitzt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um so sachkundiger konnte er sein Amt nun ausüben. —
                <pb facs="#f0449" n="441"/>
                <lb/>
                 General von Grußenbaum erinnerte sich seines Schulfreun- <lb/>
                 des Alfons Hachenpoot. Dieser lebte seit seiner Verabschiedung <lb/>
                 als Aufsichtsratsvorsitzender der märkischen Landesgenos- <lb/>
                 senschaftsbank, deren Direktor er vordem gewesen war. Von <lb/>
                 Grußenbaum ernannte ihn zum politischen Direktor der Union <lb/>
                 und verschaffte ihm die Mittel für die Gründung eines »Rings <lb/>
                 nationaler Zeitungen«. Diese geschah, indem eine große An- <lb/>
                 zahl von Provinzblättern aufgekauft und von einer Korre- <lb/>
                 spondenzzentrale mit politischem und wirtschaftlichem Stoff <lb/>
                 beliefert wurde. Am Orte selbst bestand immer nur eine <lb/>
                 Lokalredaktion. Nebenher wurden mehrere Wochenblätter <lb/>
                 neu geschaffen und aus ganzseitigen Matern der Zentrale zu- <lb/>
                 sammengesetzt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eins davon wurde in die Dienste des Nationalen Arbeiter- <lb/>
                 bundes des Herrn Körschgen gestellt. Es hatte den Titel <lb/>
                 »Die freie Meinung« und enthielt jede Woche Sätze wie: <lb/>
                 »Clemenceau hat gesagt, er wünsche den Deutschen die Pest <lb/>
                 und freue sich darum über die vielen Sozialdemokraten im <lb/>
                 Reichstag« oder »Das Arbeitslosenproblem kann nur durch <lb/>
                 einen Befreiungskrieg gelöst werden, dessen Menschenopfer <lb/>
                 uns von der Qual der Übervölkerung befreien« oder »Der <lb/>
                 Sportenthusiasmus der Bevölkerung ist der beste Beweis da- <lb/>
                 für, daß unserer Jugend das fehlt, was ihr früher die mili- <lb/>
                 tärische Dienstzeit schenkte« oder »Es ist absolut sicher, <lb/>
                 daß es in zwei Jahren keinen Arbeitslosen mehr geben würde, <lb/>
                 wenn die siebzigtausend Arbeitersekretäre verschwänden und <lb/>
                 die Wirtschaft von einem Diktator geführt würde« oder »Auch <lb/>
                 für die Außenpolitik brauchen wir einen erfahrenen Fach- <lb/>
                 mann, der sich auf die Geistesverfassung der Ausländer und <lb/>
                 das Ränkespiel diplomatischer Verhandlungen besser versteht <lb/>
                 als unsere Gewerkschaftssekretäre« oder »Die Gewerkschaf- <lb/>
                 ten wollen den Arbeitern ihren unschuldigen Branntweinge- <lb/>
                 nuß an Lohntagen verbieten, das ist der Geist des alten Obrig- <lb/>
                 keitsstaats«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Berliner Zentrale leitete Hachenpoot, Oberst von Leut- <lb/>
                 witz war der Assistent, der die politischen Konspirationen <lb/>
                 besorgte. Nun war der abgedankte Generaldirektor wieder <lb/>
                 in seinem Fahrwasser. Er legte besonderen Wert auf Mit-
                <pb facs="#f0450" n="446"/>
                <lb/>
                 leidsreportagen, jede Nummer mußte eine enthalten, über <lb/>
                 das Verschwinden eines Zeitungsverkäufers oder über die Ab- <lb/>
                 weisung eines bettelnden Alten, der natürlich bessere Tage <lb/>
                 gesehen hatte, durch die mondänen Gäste eines Cafés. »Das <lb/>
                 lesen die Leute gern,« sagte er, »das ist in der Feuilletonistik <lb/>
                 so zeitgemäß wie es sonst das Leben von Prinzen und Baro- <lb/>
                 nen war.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Papier für die Zeitungen lieferte Hillgrubers rumäni- <lb/>
                 sche Fabrik. So wurde, ein wenig spät und auch in verän- <lb/>
                 derter Form, aber vielleicht mit desto größerem Gewinn ein <lb/>
                 Plan verwirklicht, der noch zusammen mit Ottokar Wirtz <lb/>
                 gefaßt worden war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nicht immer vollzog sich die Redaktion reibungslos. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während der Ring nationaler Zeitungen das neue Repa- <lb/>
                 rationsstatut bekämpfte und alle Andersdenkenden insultierte <lb/>
                 und verleumdete, schrieb der Jahresbericht der Märkischen <lb/>
                 Landesgenossenschaftsbank, daß nur die Annahme dieses <lb/>
                 Planes die wirtschaftliche und politische Unsicherheit been- <lb/>
                 den könne. Die gegnerische Polemik stürzte sich darauf. <lb/>
                 Hachenpoot entließ einen Redakteur, weil er den Zwiespalt <lb/>
                 nicht genügend kaschiert hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als der Ring nationaler Zeitungen die bedingungslose Rück- <lb/>
                 gabe des Saargebiets von Frankreich forderte, sandte Kropf <lb/>
                 ein Telegramm an den Staatssekretär a. D.: welcher Esel denn <lb/>
                 das wieder angerührt habe, ob man nicht wisse, daß die <lb/>
                 ganze deutsche Kohlenerzeugung Not leide, und was denn <lb/>
                 wohl werden solle, wenn nun auch noch die elf Millionen <lb/>
                 Tonnen Saarkohle darauf drückten? Der Staatssekretär fuhr <lb/>
                 nach Berlin und sprach noch einmal die eindringliche Mah- <lb/>
                 nung aus, daß die Agitation vor den Interessen der Wirt- <lb/>
                 schaft Halt machen müsse. Hachenpoot entließ den schuldi- <lb/>
                 gen Redakteur. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um ganz sicher zu gehen, stattete der General die beiden <lb/>
                 entlassenen Journalisten mit einem Kapital von zwanzigtau- <lb/>
                 send Mark aus. Unter dem Namen »Wirtschaftlicher Hilfs- <lb/>
                 dienst« riefen sie daraufhin eine unabhängige Korrespondenz <lb/>
                 ins Leben, die vom Pressechef der Union mit Nachrichten <lb/>
                 beliefert wurde. Von Grußenbaum meinte, es sei immer gut,
                <pb facs="#f0451" n="447"/>
                <lb/>
                 wenn die Leute sich nicht auf ein Angestelltenverhältnis be- <lb/>
                 rufen könnten. »Man muß sie finanziell selbständig machen. <lb/>
                 Die beiden sind jetzt in ihrer Eigenschaft als Herausgeber <lb/>
                 unbeschränkt. Woher sie ihre Nachrichten beziehen — das <lb/>
                 ist nur noch eine Frage der moralischen Verpflichtung. Gott- <lb/>
                 seidank gilt im Journalistenstand die Moral noch etwas. Wem <lb/>
                 sie Dank schulden, dem statten sie ihn auch ab. Man soll <lb/>
                 niemanden hindern, sich erkenntlich zu zeigen, man muß <lb/>
                 nur dafür sorgen, daß man nicht das Gefühl hat, ihn dazu <lb/>
                 veranlaßt zu haben. Ich für mein Teil habe nicht das <lb/>
                 Gefühl.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In einer Zeit, wo die Wirtschaft zum Mittelpunkt des po- <lb/>
                 litischen Kampfes geworden war und die Parteien die gün- <lb/>
                 stigsten Plätze auf ihren Wahllisten meistbietend an die Wirt- <lb/>
                 schaftsgruppen versteigerten, hatte die Liaison mit jener <lb/>
                 Volkspartei, die (wie Faulstich sich ausdrückte) »nicht dem <lb/>
                 Interesse der einen oder anderen Gruppe, sondern der Ge- <lb/>
                 samtwirtschaft diente und daher ihre Entschließungen nur <lb/>
                 im Einverständnis mit der Kohlen- und Eisenindustrie faß- <lb/>
                 te«, für die Union nicht mehr die Bedeutung wie ehedem, als <lb/>
                 über dem Kampf um die Plätze der Kampf um die Platzin- <lb/>
                 haber noch nicht in Erscheinung trat. Nunmehr kam es zu <lb/>
                 einem hitzigen Guerillakrieg der Syndizi. Auch Dr. Kre- <lb/>
                 wett von der Gruppe Westen gelüstete es nach einem Reichs- <lb/>
                 tagsmandat, und wäre es dem General nicht gelungen, ein <lb/>
                 paar andere Vertrauensmänner auf der Liste vorzuschieben, <lb/>
                 so daß Dr. Krewett an eine ganz aussichtslose Stelle rückte, <lb/>
                 so wäre er imstande gewesen, der Volkspartei die Wahlgel- <lb/>
                 der der Union zu sperren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An taktischen Verbindungen aller Art war ja kein Mangel, <lb/>
                 und im Grunde waren sie wertvoller, denn hier konnte man <lb/>
                 balancieren, weil hier alles labiler war und der jeweiligen Si- <lb/>
                 tuation gemäß verschiebbar. Im Notfall konnte man ein sol- <lb/>
                 ches Seil, auf dem die gedungenen Landsknechtsmarionetten <lb/>
                 tanzten, einfach abreißen lassen. Politik könne nur durch <lb/>
                 Politik überwunden werden, sagte von Grußenbaum. Das <lb/>
                 Ziel sei die Zerschlagung der Gewerkschaften — dies invol-
                <pb facs="#f0452" n="448"/>
                <lb/>
                 viere eine Anfechtung des Wirtzschen Testaments der Ar- <lb/>
                 beitsgemeinschaft, indem sich herausgestellt habe, daß die <lb/>
                 Konkurrenz der gewerkschaftlichen Richtungen untereinan- <lb/>
                 der seine sachliche Durchführung verhindere; ja man müsse <lb/>
                 sagen, daß die Christen, diese Zentrumsbolschewisten, sich <lb/>
                 noch weniger zügelten als die Sozialdemokraten. Es frage <lb/>
                 sich nun, ob man auf dem bisher eingeschlagenen Wege wei- <lb/>
                 terkomme. Ein Block der bürgerlichen Parteien sei nicht <lb/>
                 möglich, weil die Mehrzahl der Wähler nun einmal aus Ar- <lb/>
                 beitnehmern bestehe und die Parteien darauf Rücksicht neh- <lb/>
                 men müßten. Die Sozialdemokratie sei in der Regierung ab- <lb/>
                 genutzt worden, in dieser Hinsicht habe sich die Voraussage <lb/>
                 von Ottokar Wirtz erfüllt; jetzt sei der Augenblick da, sie <lb/>
                 hinauszustoßen, und dazu brauche man einen Popanz, der <lb/>
                 die Bürgerlichen in Schach halte. Zur Verfügung stünden <lb/>
                 die Kommunisten und die Nationalsozialisten, aber ein Bünd- <lb/>
                 nis mit dem Bolschewismus käme natürlich nicht in Frage, <lb/>
                 weil er unsympathisch sei und die Grundlagen der abend- <lb/>
                 ländischen Kultur bedrohe. Abgesehen davon sei es freilich <lb/>
                 gleichgültig, denn die Wählermassen dieser beiden Parteien <lb/>
                 seien, was die Arbeiterschaft beträfe, die gleichen, die glei- <lb/>
                 chen Ideologen und die gleiche unzufriedene, hin und her <lb/>
                 schwimmende Hefe, die heute dort lande und morgen <lb/>
                 dort. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit großer Umsicht und ebenso großer Vorsicht betrieb <lb/>
                 General von Grußenbaum diese Dinge. Es war ihm bekannt, <lb/>
                 daß einige Mitglieder der Union einer offenen Unterstützung <lb/>
                 der Nationalsozialisten aus Ängstlichkeit oder Zweifelsucht <lb/>
                 abgeneigt waren. Es stand auch nicht in seiner Absicht, die <lb/>
                 einzelnen Werke damit zu befassen, denn die Entschuldigung <lb/>
                 mit dem angespannten Finanzstatus lag zu nahe für sie. Aus <lb/>
                 dem großen Topf der Union, der sowieso, und einerlei <lb/>
                 wofür, stets mit Geld gespickt sein mußte, ließ sich weit <lb/>
                 angenehmer schöpfen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bevor ihm jedoch die Sache spruchreif erschien, kam ihm, <lb/>
                 obgleich verschiedentlich verwarnt, der Tolpatsch Walko- <lb/>
                 wiak in die Quere. </p>
            <pb facs="#f0453" n="449"/>
            <p>
                <lb/>
                 Eines Tages fand Siegfried Hillgruber unter seiner persön- <lb/>
                 lichen Post folgenden Brief: </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sehr geehrter Herr! Die Nationalsozialistische Deutsche <lb/>
                 Arbeiterpartei hat außer vielen anderen Punkten auch den <lb/>
                 Schutz des rechtmäßig erworbenen Eigentums auf ihr Pro- <lb/>
                 gramm geschrieben. Leider ist die wirksame Vertretung nicht <lb/>
                 ohne bedeutsame Geldmittel möglich. Die Kassen des rei- <lb/>
                 chen Judentums sind uns verschlossen und dienen ausschließ- <lb/>
                 lich der Finanzierung linksradikaler Umsturzvorbereitungen. <lb/>
                 Es bleibt uns daher nichts anderes übrig, als uns an die <lb/>
                 deutschgesinnten Kreise aus Industrie und Handel zu wen- <lb/>
                 den. Wenn uns auch einmalige größere Spenden willkommen <lb/>
                 sind, so legen wir doch besonderen Wert auf regelmäßige <lb/>
                 Wiederholung derselben, da wir nur dadurch in die Lage <lb/>
                 kommen, unsere laufenden Unkosten zu bestreiten. Für eine <lb/>
                 gute Verwendung der Gelder bietet Ihnen die Ehrlichkeit <lb/>
                 unserer Bewegung und die selbstlose Hingabe ihrer Anhän- <lb/>
                 ger volle Gewähr. Wer rasch gibt, gibt doppelt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit völkischem Gruß <lb/>
                 Walkowiak <lb/>
                 Gauführer im Steinkohlenrevier.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hillgruber, der diesen Brief im ersten Schreck für eine Ver- <lb/>
                 höhnung hielt, rief Mehren an: der hatte ihn auch bekommen. <lb/>
                 Mehren rief Näßler an: auch der. Näßler rief Krogoll an, <lb/>
                 dieser Kropf, dieser den Freiherrn: auch der, auch der, auch <lb/>
                 der. Der Freiherr endlich rief Schellhase junior an: der sagte <lb/>
                 nein, ihm sei nichts zugegangen. Das war eine Unvorsich- <lb/>
                 tigkeit. Man schloß daraus, daß er bereits laufend zahle, so <lb/>
                 daß sich bei ihm ein Bettel erübrige. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Grußenbaum wurde gestellt, und nach einigem Hin <lb/>
                 und Her, wobei zunächst dem Walkowiak der Kopf gewa- <lb/>
                 schen wurde (aber er war standhaft wie ein Märtyrer), ward <lb/>
                 eine inquisitorische Verhandlung angesetzt, um den Fall end- <lb/>
                 gültig zu klären. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Neben Oberst von Leutwitz erschien Walkowiak. Er war <lb/>
                 ein gestählter Mann geworden und sah in seinem braunen <lb/>
                 Hemd martialisch aus wie ein britischer Kolonialsoldat. Noch <lb/>
                 immer war er ein wenig mager, doch erschien die Magerkeit
                <pb facs="#f0454" n="450"/>
                <lb/>
                 jetzt als der Effekt einer sportlichen Dressur und nicht mehr <lb/>
                 als der Effekt der Unterernährung und der seelischen Ver- <lb/>
                 zweiflung. Nur wenn man ihm schärfer in die unstäten Augen <lb/>
                 blickte, erkannte man jenen Schlosser Walkowiak wieder, <lb/>
                 der über dem Meister Kurbjuhn die Axt geschwungen, den <lb/>
                 Polizeioffizier niedergeschlagen, Akten und Metall geraubt <lb/>
                 hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er glaubte jetzt an Astrologie, und die Bittbriefe hatte er <lb/>
                 geschrieben, nachdem er sich bei einem Astrologen verge- <lb/>
                 wissert hatte, daß sie ihm Heil bringen würden. Das Horo- <lb/>
                 skop war günstig, die Konstellation der Planeten zu seinem <lb/>
                 Punkte der Ekliptik besonders vortrefflich in den Häusern <lb/>
                 des Reichtums und der Würden. So stand er hier im Schutze <lb/>
                 seiner guten Sterne und erzählte, daß die tiefsten Quellen <lb/>
                 des deutschen Menschen aus unklarem Ahnen und dunklem <lb/>
                 Erfühlen genährt seien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dem Freiherrn gefielen diese Worte weit besser als das, <lb/>
                 was er früher vom Oberst vernommen hatte, und er bewegte <lb/>
                 sie in seinem Herzen. »Ist es das,« fragte er, »worauf Ihre <lb/>
                 Bewegung beruht? Eine blutvolle Seelenarchitektonik? Ein <lb/>
                 inneres Lebensbekenntnis?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein inneres Lebensbekenntnis nordischen Volkstums <lb/>
                 schlechtweg«, antwortete Walkowiak. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Faulstich fragte lakonisch: »Was ist Nationalsozialismus?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber Sie haben es doch schon gehört,« sagte Schellhase <lb/>
                 junior, »es ist der Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts von <lb/>
                 der Rassenseele«, und der Oberst fügte noch hinzu: »Der ge- <lb/>
                 staltende Geist, entstanden aus dem deutschen Wesen und <lb/>
                 der damit verbundenen Eigenstämmigkeit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, ja, natürlich,« sagte Krogoll, »aber das alles muß <lb/>
                 doch wohl in irgendein Staatsgefüge hineinpassen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Staat,« entgegnete von Leutwitz, »der Staat ist ein <lb/>
                 Zweck an sich. Die Erhaltung des Staates ist ein Zweck an <lb/>
                 sich. Die Erhaltung des Staates dient der Armee. Die Armee </p>
            <p>
                <lb/>
                 wird aber auch selbst wieder zum Zweck.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Einen Augenblick,« unterbrach Näßler, »das muß ich <lb/>
                 doch nochmal in Gedanken rekapitulieren, das scheint sehr <lb/>
                 schwer zu sein.« </p>
            <pb facs="#f0455" n="451"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun, ich kann es vereinfachen. Für den völkischen Ge- <lb/>
                 danken ist der Staat ein Mittel zum Zweck. Staatliche Formen <lb/>
                 können sich ändern. Der Volksgedanke, das Fleisch, das <lb/>
                 Blut kann sich nicht ändern, höchstens sich verbessern. Da- <lb/>
                 mit ist der völkische Gedanke an den Begriff Volk gebunden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Faulstich sagte: »Sie lieben, scheints, die Unbestimmtheit <lb/>
                 der Begriffe. Sie sprechen abwechselnd vom Volksgedanken <lb/>
                 und vom völkischen Gedanken. Wissen Sie, daß Sie das tun?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es geschieht bewußt. Der völkische Gedanke hat nichts <lb/>
                 zu tun mit der parteipolitischen Überzeugung.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Also auch nichts mit der Nationalsozialistischen Partei?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn wir die Mehrheit haben, wird der Nationalsozia- <lb/>
                 lismus eben der völkische Gedanke sein. Der staatliche Ge- <lb/>
                 danke ist gebunden an den Begriff Staat. Der völkische Ge- <lb/>
                 danke ist gebunden an den Begriff Volk. Wenn der Staat <lb/>
                 zerbricht, zerbricht der staatliche Gedanke, nicht der völ- <lb/>
                 kische.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Hm, hm.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Nationalsozialismus setzt an die Stelle des bestehen- <lb/>
                 den Systems der Schamlosigkeit und der Korruption die sitt- <lb/>
                 liche Idee des Bismarckreichs«, sagte Walkowiak. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann wollen Sie also das alte Deutsche Reich wieder auf- <lb/>
                 richten?« fragte Mehren. »Die Industrie hat kein Interesse <lb/>
                 an der Wiederherstellung der Monarchie. Ihre Belange sind <lb/>
                 in der Republik viel besser aufgehoben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Verfassung kann nicht das Ziel sein. Das Ziel ist <lb/>
                 die Erhaltung der Nation.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist sehr gut,« applaudierte der junge Schellhase, <lb/>
                 »nicht Reaktion, sondern Gesundung. Nicht paragraphierte <lb/>
                 Gesetze, sondern die Imponderabilien völkischen Empfin- <lb/>
                 dens sollen maßgebend sein.« Kropf sagte, für seine Stel- <lb/>
                 lungnahme könnten nur die praktischen Interessen des Koh- <lb/>
                 lenreviers maßgebend sein, und da müsse er allerdings sagen, <lb/>
                 daß ihn ein allzu gesteigerter proletarischer Kampfeswille am <lb/>
                 Nationalsozialismus irre mache. »Man hat mir berichtet, daß <lb/>
                 Sie den Leuten in den Versammlungen die Enteignung der <lb/>
                 großen Vermögen versprechen. Sagen Sie endlich klipp und <lb/>
                 klar: gehören Sie zum Bürgertum oder zu den Marxisten?« </p>
            <pb facs="#f0456" n="452"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir gehören zum neuen Typ des deutschen Menschen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber damit kann man doch nichts anfangen!« Kropf <lb/>
                 schlug auf den Tisch. »Wenn Sie so weiter reden, hat unsere <lb/>
                 Unterhaltung keinen Zweck.« General von Grußenbaum <lb/>
                 vermittelte: die Agitation im Revier sei natürlich erfolglos, <lb/>
                 wenn sie nicht der Eigenart des Reviers Rechnung trage, <lb/>
                 das sei aber doch keine Schwierigkeit. Man könne einen Satz <lb/>
                 einfügen, daß die schöpferischen Unternehmer von der Ent- <lb/>
                 eignung ausgenommen werden sollten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Oberst und Walkowiak versprachen gehorsam, das <lb/>
                 zu tun. »Im Grunde,« sagte von Leutwitz verbindlich, »ha- <lb/>
                 ben wir überhaupt kein Wirtschaftsprogramm. Das ist unsere <lb/>
                 Stärke. Wir Idealisten geben uns mit so materialistischen <lb/>
                 Dingen eben nicht ab...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es liegt doch an uns, ihre Phrasen zu biegen«, sagte der <lb/>
                 General, als sie gegangen warten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was meinen die Herren dazu?« fragte Krogoll. Schell- <lb/>
                 hase junior erwiderte, es gebe nur eine Meinung: der FRONT- <lb/>
                 GEIST der FRONTGENERATION müsse entschieden ge- <lb/>
                 fördert werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sagen Sie, Herr General, warum berufen sich eigentlich <lb/>
                 die Soldaten immer darauf, daß sie ihr Leben eingesetzt ha- <lb/>
                 ben?« fragte Näßler. »Ist das nicht selbstverständlich? Eben- <lb/>
                 so gut könnten unsere Hochofenarbeiter sich was darauf zu- <lb/>
                 gute tun, daß sie vor dem Feuer stehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und tun sie das etwa nicht?« parierte der General. »Wer- <lb/>
                 den sie nicht mit Arbeitszeit und Löhnen bevorzugt?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber außer Dienst sind sie nicht mehr als jedes andere <lb/>
                 Kontingent der Arbeiterarmee.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Frontgeist,« sagte Mehren, »das ist eine komische Sache. <lb/>
                 Ich kann noch keinen Befähigungsnachweis darin erblicken, <lb/>
                 wenn einer Uniform, Waffen und ein verantwortungsloses <lb/>
                 Leben vom Staat bezieht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior sprang auf und machte Miene, ihn an der <lb/>
                 Kehle zu packen. Faulstich ging zwischen ihnen hindurch <lb/>
                 und blieb stehen wie ein Schild. Kropf drängte: »Wir müs- <lb/>
                 sen zu einem Resultat kommen.« </p>
            <pb facs="#f0457" n="453"/>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr sprach von der Achtung der Gesetze, von <lb/>
                 Grußenbaum antwortete, daß es in jedem Gesetz entspre- <lb/>
                 chende Bestimmungen gebe, die selbst den Behörden die <lb/>
                 Übertretung eben dieses Gesetzes gestatteten. »Und die <lb/>
                 Reichsverfassung?« fragte Mehren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gegen diesen Vorstoß einer bisher sorgfältig umgangenen <lb/>
                 Formel war keiner gewappnet — außer dem General. Wofür <lb/>
                 man denn die Kabinettsorders der preußischen Könige habe? <lb/>
                 Zum Glück habe diese Republik noch keine Luft gehabt, die <lb/>
                 autokratischen Verordnungen des Vormärz außer Kraft zu <lb/>
                 setzen, jetzt könne man damit umgekehrt die Reichsverfas- <lb/>
                 sung außer Kraft setzen. »Also«, resümierte Näßler. »Dieses <lb/>
                 Sammelbecken für germanische Romantik ist ein Irrsinn, <lb/>
                 aber wir brauchen es. Irgend ein Schauspiel, irgend ein Spiel- <lb/>
                 zeug, sei es ein Zeppelin oder ein abgelegter Kronprinz oder <lb/>
                 ein Braunhemd, muß man dem Volk zeigen können, irgend <lb/>
                 eine Attraktion, wo Blumenmädchen und Fahnenjungfern in <lb/>
                 Aktion treten können, so was blendet immer. Die National- <lb/>
                 sozialisten ziehen einher wie die Quacksalber des Mittelalters, <lb/>
                 von Markt zu Markt, darum haben sie den gleichen Zulauf. <lb/>
                 Realitäten dürfen daraus natürlich nicht entstehen, aber als <lb/>
                 unsere Bajazzi werden sie vorzüglich verwendbar sein.« Der <lb/>
                 General sagte, anders habe es doch auch niemand gemeint. <lb/>
                 Er sah fragend zum jungen Schellhase hin, selbst der nickte <lb/>
                 jetzt. »Sammlung«, fuhr der General fort. »Wir können sie <lb/>
                 jederzeit aufputschen und abquetschen wie einen Gummiball. <lb/>
                 Politik der indirekten Einwirkung auf die übrigen Parteien <lb/>
                 und auf das Ausland, meine Herren. Ihren Nerv,« dabei <lb/>
                 tieb er den Daumen und die Spitze des Zeigefingers der rech- <lb/>
                 ten Hand gegeneinander, »ihren Nerv haben wir in der Ge- <lb/>
                 walt. Schlimmstenfalls, wenn sie zu üppig ins Kraut schie- <lb/>
                 ßen und den Spieß gegen uns kehren sollten, werden wir die <lb/>
                 Machtmittel des Staates anrufen. Sie sind vollkommen aus- <lb/>
                 reichend.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Immerhin«, wiederholte Hiebenstein. »Ob sozialistisch, <lb/>
                 kommunistisch oder nationalsozialistisch — regieren tun wir, <lb/>
                 um es mit den Worten unseres großen Ottokar Wirtz zu <lb/>
                 sagen: die Union der festen Hand.« </p>
            <pb facs="#f0458" n="454"/>
            <p>
                <lb/>
                 Hugo Mehren lächelte: »Wie wäre es, Herr General, mit <lb/>
                 einem Antrag: der Reichstag wolle beschließen, daß Deutsch- <lb/>
                 land den Krieg gewonnen hat?« Kleine, krumme Furchen <lb/>
                 krochen von seinen Mundwinkeln zu den rosigen Ohrläpp- <lb/>
                 chen hinüber, der General folgte ihnen mit seinen Augen, <lb/>
                 während er ernst und sachlich antwortete: »Die Finanzwelt, <lb/>
                 Herr Mehren, hat ein vitales Interesse an der Erhaltung des <lb/>
                 Friedens.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior griff das auf und sagte, die Finanzwelt <lb/>
                 sei für die Industrie der böse Geist, die Finanzwelt sei schuld <lb/>
                 daran, daß der Tributplan akzeptiert worden sei, der Kinder <lb/>
                 und Kindeskinder zur Sklavenarbeit verdamme — »und uns <lb/>
                 von den fremden Bajonetten befreit!« rief Mehren dazwi- <lb/>
                 schen—; das eine Mal veranlasse die Finanzwelt die In- <lb/>
                 dustrie, Schulden zu machen, die sie nicht zurückzahlen <lb/>
                 könne, das andere Mal bedrohe sie den Anleihemarkt mit <lb/>
                 Restriktionen; schließlich trage sie auch die Schuld daran, <lb/>
                 daß der Elan des Volkes während des passiven Widerstandes <lb/>
                 nicht produktiv gemacht worden sei. »Die Leute waren so <lb/>
                 begeistert und geduldig wie im Krieg, es war rührend, mit <lb/>
                 welch gesundem Humor sie wieder nach Mehl und Kartof- <lb/>
                 feln anstanden! Da hätte man der schleichenden Krise durch <lb/>
                 die reinigende Krise den Garaus machen sollen!« Der Ban- <lb/>
                 kier lächelte wieder: »Warum haben Sie’s denn nicht getan? <lb/>
                 Ihre Gefühle, Herr Schellhase, in Ehren. Sie denken damit. <lb/>
                 Das ist Ihre Privatsache. Aber Sie widerlegen sie selbst, in- <lb/>
                 dem Sie es bleiben lassen, auf Grund dieser Gefühle zu han- <lb/>
                 deln.« — »Man läßt mich ja immer allein!« — »Jedes kapi- <lb/>
                 talistische Wirtschaftssystem hat turnusmäßig Krisen, die <lb/>
                 eine natürliche Auslese bewirken.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase blieb im Ungewissen, worauf das gemünzt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber sollte man nicht annehmen,« rief lebhaft der Frei- <lb/>
                 herr, »daß die Öffentlichkeit bei dieser Sachlage auf Seiten <lb/>
                 der Unternehmungen stünde? Das Gegenteil ist der Fall, <lb/>
                 man ist den heftigsten Angriffen ausgesetzt.« Faulstich er- <lb/>
                 klärte dazu, man müsse die vulgäre Auffassung des Kapita- <lb/>
                 lismus bekämpfen, wonach nur der Kapitalbesitz des Einzel- <lb/>
                 nen geschützt werden solle, man müsse mehr die Garantie
                <pb facs="#f0459" n="455"/>
                <lb/>
                 für nutzbringende Arbeit hervorheben, die in der Kapital- <lb/>
                 investition und der Übernahme des Risikos durch den Unter- <lb/>
                 nehmet liege. »Das geht also Sie an, Herr Pressechef«, sagte <lb/>
                 von Grußenbaum, doch der Staatssekretär a. D. meinte, man <lb/>
                 dürfe vor allem nicht zu viel von der Krise reden; er sei ja, <lb/>
                 was die Erzeugung von Psychosen betreffe, nicht gerade von <lb/>
                 heute und habe im Orgeln und Auswechseln der suggestiven <lb/>
                 Walzen eine langjährige Erfahrung. »Schreibt eine Zeitung: <lb/>
                 gestern wurden drei Autos gestohlen, so schreibt die Kon- <lb/>
                 kurrenz: dauernd werden Autos gestohlen. Folge: es werden <lb/>
                 wirklich überall Autos gestohlen. So geht es mit Zugun- <lb/>
                 glücken, Selbstmorden, Konkursen. Es ist die Ursache, wes- <lb/>
                 halb alle diese Dinge epidemisch auftreten. Sagt man dau- <lb/>
                 ernd: die Geschäfte gehen schlecht, so gehen sie eben wirk- <lb/>
                 lich schlecht, weil jedermann plötzlich nichts mehr bestellt <lb/>
                 und nichts mehr bezahlt. Er kann es nicht, weil es doch <lb/>
                 heißt, daß die Zeiten so schlecht seien.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diese Ansicht des Staatssekretärs wurde nur von Wenigen <lb/>
                 geteilt und rief eine Auseinandersetzung hervor, in deren Ver- <lb/>
                 lauf sich zeigte, daß die Industriellen hinsichtlich der Beur- <lb/>
                 teilung der Wirtschaftssituation in zwei Lager gespalten wa- <lb/>
                 ren. Pessimisten wie Kropf und Schellhase sagten, daß der <lb/>
                 Eintritt in die Depression erst begonnen habe und das Re- <lb/>
                 parationsstatut unausführbar sei — »kaum angenommen, <lb/>
                 schon zerronnen«, witzelte Schellhase. Die Optimisten fan- <lb/>
                 den, daß die Preise dank den internationalen Kartellen all- <lb/>
                 mählich fester würden und die neue Koksproduktion der bel- <lb/>
                 gischen und französischen Hüttenwerke keine Gefahr sei, <lb/>
                 weil ihnen die geeignete Kohle fehle. Kropf sagte, ein Volk, <lb/>
                 in dessen Land drei Millionen Menschen mit einem Durch- <lb/>
                 schnitts-Jahreslohn von zweitausend Mark bloß für die Sozial- <lb/>
                 politik arbeiteten und vierzig Prozent des Einkommens für <lb/>
                 öffentliche Zwecke konfisziert würden, habe keine Ursache <lb/>
                 zum Großtun; worauf Krogoll entgegnete, ein Volk, das in <lb/>
                 einem Jahr für drei Milliarden Mark Tabak und für drei <lb/>
                 Milliarden und zweihundert Millionen Mark Bier konsu- <lb/>
                 miere, habe auch keine Ursache zur Kleinmütigkeit und Ver- <lb/>
                 zagtheit. Der Freiherr schloß sich ihm an: »Ja, es ist richtig,
                <pb facs="#f0460" n="456"/>
                <lb/>
                 pflegen wir das zarte Pflänzchen jungen Vertrauens, das im <lb/>
                 Ausland zu sprießen beginnt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach,« sagte Mehren, »da fällt mir was ein, was für Sie <lb/>
                 nützlich zu wissen sein wird. Bei den Erörterungen des Re- <lb/>
                 parationsstatuts hat nämlich das Sachverständigenkomitee er- <lb/>
                 wogen, den Metallbestand der neuen deutschen Notenbank <lb/>
                 und die Notendruckstelle nach Holland zu verlegen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie waren bestürzt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja — meine Herren. So mißtrauisch war man. Aber dann <lb/>
                 hat man ein Zeichen des Vertrauens gegeben und einer Fort- <lb/>
                 setzung der alten -Reichsbank zugestimmt. Überlegen Sie <lb/>
                 sich, ob Sie dieses Vertrauen enttäuschen wollen. Übrigens <lb/>
                 glaube ich, daß Frankreich in kurzfristigen Krediten noch <lb/>
                 große Bedeutung für den deutschen Geldmarkt erlangen wird. <lb/>
                 So führt die Reparationsregelung zu einer indirekten Bele- <lb/>
                 bung der deutschen Wirtschaft.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht, solange dieser Friedensvertrag besteht«, wider- <lb/>
                 sprach Schellhase junior. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Unter uns,« warf Faulstich mit einer absichtsvollen Derb- <lb/>
                 heit ein, »ich bin froh, daß dieser Friedensvertrag existiert. Da <lb/>
                 hat man doch etwas, dem man jederzeit an allen bösen Dingen <lb/>
                 die Schuld geben kann. Es ist ja auch reinweg nichts darin <lb/>
                 vergessen, und die ganze Welt leidet darunter, also paßt es <lb/>
                 immer. Das Friedensdiktat übernimmt die Verantwortung <lb/>
                 für alles.« — »Dieses Kapitel ist wohl ernster, als es von Ihnen <lb/>
                 gemeint ist«, versetzte Mehren. »Wo es früher hieß: das <lb/>
                 kommt von der Ideenlosigkeit, das kommt von der Un- <lb/>
                 solidität, da heißt es heute: das kommt vom Friedensdik- <lb/>
                 tat. Nicht nur bei uns, in aller Welt. Vielleicht ist das der <lb/>
                 tiefere Sinn dieses Dokumentes: Schwierigkeiten zu schaffen, <lb/>
                 hinter denen sich die Unfähigkeit des Zeitalters verschanzen <lb/>
                 kann.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine Weile schwiegen sie, jeder spürte die Stille. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jeder suchte darüber hinwegzukommen; der eine, indem <lb/>
                 er sich eine Zigarre anzündete, der andere, indem er ein <lb/>
                 Stäubchen vom Ärmel blies, der Dritte, indem er sich über <lb/>
                 die Haare fuhr, der Vierte, indem er die Stellung seiner Füße <lb/>
                 oder die Haltung seiner Arme änderte. Dann sagte plötzlich
                <pb facs="#f0461" n="457"/>
                <lb/>
                 Kropf: »Der bestehende Zollschutz ist unzureichend für <lb/>
                 große Teile der Industrie.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Krogoll fragte: »Und die Landwirtschaft?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Landwirtschaft ist mit Maschinen gesättigt,« antwor- <lb/>
                 tete Näßler, »sie ist technisch modernisiert und dennoch über- <lb/>
                 schuldet, weil ihre Produktion nicht den Bodenverhältnissen <lb/>
                 und ihr Absatz nicht den herrschenden Wirtschaftsbedingun- <lb/>
                 gen angepaßt ist. Den Leuten ist nicht zu raten und nicht zu <lb/>
                 helfen. Wir haben nur noch indirekt an ihnen Interesse, auf <lb/>
                 dem Umweg über die Düngerindustrie, der wir Kessel und <lb/>
                 Röhren liefern. Jedenfalls dürfen ihnen keine Zölle bewilligt <lb/>
                 werden, die unsere Exportinteressen gefährden könnten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir müssen aber etwas für sie tun«, mahnte der Freiherr, <lb/>
                 für den Erdnähe und Schollengeruch die Nährsäfte der Kul- <lb/>
                 tur blieben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir werden die Propaganda für Roggenbrot mitmachen«, <lb/>
                 erwiderte von Grußenbaum, »und in den Zechen und Fabri- <lb/>
                 ken Milchausschänke errichten. Zwecks Hebung der Volks- <lb/>
                 gesundheit. Bei Milch bedarf das ja keiner Erklärung. Für <lb/>
                 das Roggenbrot haben wir die Wissenschaft. Wissenschaft <lb/>
                 und Wirtschaft gehören nun einmal zusammen. Hier wenig- <lb/>
                 stens ist das Primat der Wirtschaft unbestritten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Krogoll machte ihm das Kompliment, daß er ein vollen- <lb/>
                 deter Demagoge sei. »Welch ein Segen, daß Sie nicht auf Sei- <lb/>
                 ten unserer Feinde stehen.« Kropf ärgerte sich, daß sein Dr. <lb/>
                 Krewett immer mehr verdunkelt wurde; er suchte nach <lb/>
                 einem Anlaß, dem vorzubeugen, und brachte die Rede wie- <lb/>
                 der auf Arbeitsstreitigkeiten. Dr. Krewett, sagte er, werde <lb/>
                 beim nächsten Streik die Gewerkschaften auf Schadenersatz <lb/>
                 verklagen, das werde eine großartige juristische Aktion; der <lb/>
                 General jedoch versetzte kaltblütig, es sei die Aufgabe der <lb/>
                 Union, Streiks unmöglich zu machen, und er hoffe, die Union <lb/>
                 werde unter seiner Geschäftsführung nicht solche Stümper- <lb/>
                 arbeit tun, daß Herr Dr. Krewett in die unliebsame Lage <lb/>
                 käme, die Gruppe Westen mit derartigen Gerichtskosten <lb/>
                 brandschatzen zu müssen. Kropf mußte husten, sein Gesicht <lb/>
                 war gerötet. Es war ein cholerischer Husten, der durchs Zim- <lb/>
                 mer schallte wie ein abziehender Donner durch einen schwü-
                <pb facs="#f0462" n="458"/>
                <lb/>
                 len Abend. Die Stunden verstrichen, Mitternacht war da, <lb/>
                 die Unterhaltung gewann an Reiz und verlor an Kraft. Der <lb/>
                 General sprach vom Befreiungskrieg der Wirtschaft. Mehren <lb/>
                 kam auf das Reparationsstatut zurück und betonte immer wie- <lb/>
                 der, daß der Gegner nur durch wirtschaftliche Argumente zu <lb/>
                 überzeugen sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber gewiß doch«, sagte Faulstich endlich. »Erinnern <lb/>
                 Sie sich noch an das, was Ottokar Wirtz, auf jenem Stuhl <lb/>
                 dort saß er, über die Bedeutung der Geldentwertung als Ka- <lb/>
                 binettsstürzer gesagt hat? Was damals die Inflation war, ist <lb/>
                 heute die Arbeitslosigkeit. Man braucht eine Regierung nur <lb/>
                 zu fragen: wieviel Arbeitslose waren es bei eurem Amtsan- <lb/>
                 tritt, und wieviel sind es jetzt? Es ist ein Erziehungsmittel <lb/>
                 ersten Ranges. Es ist die Zuchtrute, die über den Städten und <lb/>
                 über den Versicherungsämtern geschwungen wird und ihnen <lb/>
                 die Etats, die sie eben erst mühsam ausbalanciert hatten, wie- <lb/>
                 der durcheinanderwirft. Bis es anders wird. Bis es anders <lb/>
                 wird!!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zigarrenrauch umflorte die Lampen, ihr Licht war karg, <lb/>
                 die Gesichter verschwammen. Etwas Nächtiges, Blutdür- <lb/>
                 stiges war in der Atmosphäre, eine verhaltene Spannung, eine <lb/>
                 leidenschaftslose Gewaltsamkeit, eineunmenschliche Schreck- <lb/>
                 losigkeit — der vielgestaltige Wille und die schlafwandleri- <lb/>
                 sche Sicherheit der Unbeirrbaren und Unbelehrbaren, denen <lb/>
                 selbst eine falsche Prognose noch als Unfehlbarkeit ausgelegt <lb/>
                 wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Püschel ist aus der Union ausgeschieden«, sagte Krogoll. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es war eine Episode«, antwortete Kropf, der neue Präsi- <lb/>
                 dent des Reichsverbandes, und zerdrückte seine Zigarre in <lb/>
                 der Aschenschale. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als sie hinaustraten, war die Luft neblig und roch durch- <lb/>
                 dringend nach Kohlenoxyd. Die Chauffeure waren auf ihren <lb/>
                 Sitzen in den Wagen eingeschlafen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Grau und taub war die Wölbung des Himmels über dem <lb/>
                 schnarchenden Schwall der Stadt. </p>
            <pb facs="#f0463" n="459"/>
            <p>
                <lb/>
                 BERICHT DES GENERALANZEIGERS </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die fremden Truppen haben die Stadt verlassen. Das Re- <lb/>
                 vier ist frei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Begeisterung des gestrigen Tages war das Urgewaltige, <lb/>
                 das alle Schranken sprengen ließ, Polizeiketten und politische <lb/>
                 Gleichgültigkeit. Lange vor Mitternacht setzte der Zug durch <lb/>
                 die reich beflaggten Straßen ein. In den Gasthäusern war <lb/>
                 schon alles in Hochstimmung. In den großen Hotels bereitete <lb/>
                 sich die vornehme Welt durch Musik und Tanz auf die vater- <lb/>
                 ländische Stunde vor. Interessanter und echter war es in den <lb/>
                 kleinen Restaurants und Kneipen; überall spielte eine Ka- <lb/>
                 pelle oder ein Grammophon Militärmärsche, einzig begehrte, <lb/>
                 lange entbehrte Musik. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die am Abend angekommenen Hundertschaften der <lb/>
                 Schupo bekamen schweren Dienst am ersten Tag ihrer Tätig- <lb/>
                 keit, und sie versahen ihn mit Geduld und Hingabe, die voll <lb/>
                 Verständnis war für das bevorstehende Erlebnis. Punkt zwölf <lb/>
                 Uhr stieg auf dem Marktplatz die erste Rakete in die Höhe, <lb/>
                 die Weihestunde hatte begonnen. Die illuminierte Stadt war <lb/>
                 ein Glutmeer, und die feurige Lohe aus den Essen der moder- <lb/>
                 nen Nibelungen, der Bezwinger von Stahl und Eisen, schlug <lb/>
                 wie ein Sonnwendfeuer zum Himmel. Zehntausende trugen <lb/>
                 den Taumel der Begeisterung durch die Straßen. Zum Schluß <lb/>
                 sprach der Oberbürgermeister das letzte Wort. Durch Arbeit <lb/>
                 zur Freiheit, sei die Losung gewesen. »Wir wissen uns frei <lb/>
                 von unfreundlichen Gefühlen, wenn wir in dieser festlichen <lb/>
                 Stunde unserer Freude darüber Ausdruck geben, daß der <lb/>
                 Nachbar endlich wieder Nachbar geworden ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von den 30 000 arbeitsuchenden Metallarbeitern des Re- <lb/>
                 viers dürfte ein beträchtlicher Teil wegen endgültiger struk- <lb/>
                 tureller Verschiebungen auch bei gebesserter Konjunktur <lb/>
                 nicht wieder im Beruf unterkommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Organisationen der Angestellten haben den zwischen <lb/>
                 ihnen und dem Arbeitgeberverband bestehenden Rahmen- <lb/>
                 tarifvertrag gekündigt. Über das Ziel der Maßnahme erfah- <lb/>
                 ten wir, daß der Deutschnationale Handlungsgehilfenver- <lb/>
                 band die Schaffung eines tarifvertraglichen Schlichtungsamts
                <pb facs="#f0464" n="460"/>
                <lb/>
                 unter Ausschluß des staatlichen Schlichtungswesens bean- <lb/>
                 tragt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Reichsarbeitsminister hat erklärt, daß wir nicht so viele <lb/>
                 Erwerbslose hätten, wenn sich die offizielle Lohnpolitik in <lb/>
                 den letzten Jahren nicht auf falschem Weg befunden hätte. <lb/>
                 Die Gestehungskosten der deutschen Wirtschaft müßten her- <lb/>
                 abgedrückt werden, denn das deutsche Preisniveau stehe an <lb/>
                 der Spitze von allen Ländern. An Löhnen und Gehältern <lb/>
                 zahle die deutsche Wirtschaft jährlich 45 Milliarden, an Aus- <lb/>
                 gaben in Reich, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherun- <lb/>
                 gen mehr als 27 Milliarden, davon entfielen 25 auf die Indu- <lb/>
                 strie und nur 2 auf die Landwirtschaft, die unrentabel sei, <lb/>
                 nur den vierten Teil der Bevölkerung ausmache und auch nur <lb/>
                 den vierten Teil aller volkswirtschaftlichen Werte erzeuge. </p>
            <pb facs="#f0465" n="461"/>
            <p>
                <lb/>
                 BEFESTIGUNG </p>
            <p>
                <lb/>
                 NEUNZEHNTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nachdem Adam Griguszies einige Zeit in der Gruson- <lb/>
                 straße gelebt hatte, gewöhnte er sich an, diese die »Dopslaf- <lb/>
                 straße« zu nennen, und es hatte damit folgende Bewandtnis. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An die hundert gelernte Arbeiter wohnten hier, Anstrei- <lb/>
                 cher, Klempner, Sattler, Schreiner, die alle bei Risch-Zander <lb/>
                 als ungelernte Tagelöhner beschäftigt waren. Nicht, daß sie <lb/>
                 in ihrem Fach keine Arbeit mehr hätten finden können oder <lb/>
                 Pfuscher gewesen wären. Nein, sie wollten ganz einfach <lb/>
                 nicht. Wiewohl sie sich bei keiner Tätigkeit weh zu tun <lb/>
                 pflegten, waren sie nicht im alltäglichen Sinne faul. Sie mach- <lb/>
                 ten sogar mehr Stunden am Tag, als sie in ihrem Handwerk <lb/>
                 nötig gehabt hätten, denn nachdem ihr Tagewerk in der Fa- <lb/>
                 brik vollbracht war, beschäftigten sie sich daheim noch als <lb/>
                 Unternehmer auf eigene Rechnung. Es war ein Stück Bau- <lb/>
                 ernschlauheit von ihnen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie rechneten so: als Handwerksgesellen sind wir qualifi- <lb/>
                 zierte Arbeiter, aber die Bezahlung ist in Anbetracht der spe- <lb/>
                 zifischen Leistung durchaus unqualifiziert, und selbständig <lb/>
                 können wir uns nicht machen, dazu haben wir weder Lust <lb/>
                 noch Geld. Als Handlanger in der Fabrik sind wir unqualifi- <lb/>
                 zierte Arbeiter, aber die Bezahlung ist in Anbetracht der gene- <lb/>
                 rellen Leistung durchaus qualifiziert, denn ob gelernt oder un- <lb/>
                 gelernt, der Tarif ist gleich. Somit haben wir als gewöhnliche <lb/>
                 Tagelöhner ein viel bequemeres Leben und obendrein eine <lb/>
                 einigermaßen sichere Grundlage— so sicher, wie sie unsereins <lb/>
                 eben haben kann, und nach Feierabend verbleibt uns Zeit <lb/>
                 genug, Facharbeit anzunehmen, die wir alsdann billiger lie- <lb/>
                 fern können als die Zunft, weil wir kein Risiko haben und <lb/>
                 keine Unkosten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es stand nicht so deutlich, nicht so nackt in ihren Köpfen, <lb/>
                 wie es hier niedergeschrieben ist, aber ihre umständlichere <lb/>
                 und verhülltere Berechnung lief doch ebendarauf hinaus. Sie <lb/>
                 bildeten die Hauptmasse des Heeres der »Schwarzarbeiter«,
                <pb facs="#f0466" n="462"/>
                <lb/>
                 gegen welches der gewerbliche Mittelstand einen gewaltigen, <lb/>
                 jedoch aus seinen eigenen Reihen sabotierten Feldzug eröff- <lb/>
                 net hatte. Im Haus- und Grundbesitzerverein kam es darüber <lb/>
                 beinahe zu einer Spaltung, indem nämlich die Hausherren, <lb/>
                 die zugleich Handwerksmeister waren, von den anderen ver- <lb/>
                 langten, daß sie keine Schwarzarbeiter unterstützten, wäh- <lb/>
                 rend die anderen das Gewerbesteuer zahlende Handwerk be- <lb/>
                 schuldigten, daß es die Hausbesitzer durch seine ungerecht- <lb/>
                 fertigten Preise geradezu den Schwarzarbeitern in die Arme <lb/>
                 treibe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adams Hauswirt Aldenhövel hörte sich das alles an und be- <lb/>
                 folgte, Prinzipien hin, Prinzipien her, in aller Ruhe die Tak- <lb/>
                 tik eines eingefleischten Genießers. Alle Reparaturen im <lb/>
                 Haus ließ er von Schwarzarbeitern ausführen, wobei er sich <lb/>
                 bis zu vierzig Prozent billiger stand, und gleichzeitig schickte <lb/>
                 er einem seiner Mieter, der ebenfalls Schwarzarbeiter war, <lb/>
                 einen eingeschriebenen Brief: die von ihm bewohnte und <lb/>
                 teilweise als Sattlerwerkstatt benutzte Mansarde falle nun- <lb/>
                 mehr unter den gesetzlichen Begriff der »zu gewerblichen <lb/>
                 Zwecken vermieteten Räume« und sei daher mit einem ent- <lb/>
                 sprechenden Aufschlag zu bedenken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Verhandlungen, die hierauf folgten, erklärte sich <lb/>
                 jener Mieter bereit, Matratzen, Sofa und alte gepolsterte Ses- <lb/>
                 sel den Aldenhövels unentgeltlich aufzuarbeiten, wogegen <lb/>
                 diese von der angedrohten Maßnahme Abstand nahmen, ja, in <lb/>
                 ihrer Freude über die schönen, wie neu aussehenden Sachen <lb/>
                 sich zu einem Versprechen verstiegen, das sie selbst nie für <lb/>
                 möglich gehalten hätten. Die Zeche war nämlich angemeldet, <lb/>
                 das heißt, der Westdeutsche Bergwerksverein, dessen Stollen <lb/>
                 die Grusonstraße unterminierten, besserte wieder einmal die <lb/>
                 dadurch an den Häusern verursachten Schäden aus. In <lb/>
                 Wänden und Decken wurden die Risse ausgekratzt und ver- <lb/>
                 schmiert, das Weißen und Tapezieren blieb den Inhabern <lb/>
                 überlassen; hierfür wurden pro Zimmer siebenundzwanzig <lb/>
                 Mark vergütet. Bisher hatten Aldenhövels immer das ge- <lb/>
                 samte Geld eingesteckt, das machte bei siebzehn Zimmern <lb/>
                 im Haus 459 Mark, und die Reparatur verschlang beim <lb/>
                 Schwarzarbeiter höchstens zweihundert. Wenn man diesen
                <pb facs="#f0467" n="463"/>
                <lb/>
                 netten Gewinn berücksichtigt, kann man den Wert der Ver- <lb/>
                 günstigung ermessen, die darin bestand, daß der Sattler aus- <lb/>
                 nahmsweise die einundachtzig Mark für seine drei Zimmer be- <lb/>
                 kam und diese selbst tapezieren durfte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der fragliche Mieter hieß Heinrich Dopslaff, war gelernter <lb/>
                 Sattler und Polsterer und als Handlanger in der Ofenmaurerei <lb/>
                 des Stahlwerks Risch-Zander beschäftigt. Er wollte weder <lb/>
                 ein kleiner noch ein großer Mann sein und hätte nur gern im <lb/>
                 Kleinen den Großen gespielt; und wenn ihm dies nicht voll- <lb/>
                 endet glückte, so lag es bloß daran, daß er selbst dazu noch <lb/>
                 zu phlegmatisch war. Vielleicht war es für ihn bezeichnend, <lb/>
                 daß er die Arbeit in der Risch-Zanderschen Sattlerei ver- <lb/>
                 schmäht hatte, weil ihm der Umgang mit Transmissionsrie- <lb/>
                 men zu gefährlich und ruhestörend erschien; jedenfalls sah <lb/>
                 Adam Grieguszies in ihm den Typus jener zahlreichen Arbei- <lb/>
                 ter, die sich weder über die bestehende noch über die künftige <lb/>
                 Wirtschaftsform irgendwelche Gedanken machten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Wahrheit zu sagen, hatten die meisten von wirtschaft- <lb/>
                 lichen Dingen überhaupt nur eine unvollkommene Vorstel- <lb/>
                 lung. Heinrich Dopslaff zum Beispiel hatte die Ofenmaurerei <lb/>
                 und die Grusonstraße. Dahinter hörte alles auf, mindestens <lb/>
                 war ihm dahinter alles gleichgültig. »Mich betrifft das nicht«, <lb/>
                 meinte er. Diese Arbeiter (und sie waren, wenn man’s bei <lb/>
                 Licht besah, die Mehrheit), verharrten auf dem Standpunkt <lb/>
                 der mittelalterlichen Bürger, die sichs, wie ihr Dichter sagte, <lb/>
                 beim Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei behaglich sein <lb/>
                 ließen, wenn in fernen Erdteilen die Völker aufeinander- <lb/>
                 schlugen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ofenmaurerei und Grusonstraße waren Dopslaffs Dorf; <lb/>
                 was er mit den Augen von seinem Mansardenfenster aus se- <lb/>
                 hen konnte (und selbst da sah er selten hinaus), war sein Hori- <lb/>
                 zont. Die Weltwirtschaft war für ihn ein so entfernter und <lb/>
                 sagenhafter Begriff wie das Karibische Meer und das Hoch- <lb/>
                 land von Iran. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Manche Leute, die mit den Verhältnissen weniger vertraut <lb/>
                 waren, wunderten sich, wie dieses im angeblichen Zeitalter <lb/>
                 einer straff organisierten Arbeiterschaft möglich sein könne. <lb/>
                 Nun, Heinrich Dopslaff war seit Kriegsende dreimal in die
                <pb facs="#f0468" n="464"/>
                <lb/>
                 Gewerkschaft ein- und wieder ausgetreten. Solange die In- <lb/>
                 flation dauerte und die sogenannten Lohnerhöhungen durch- <lb/>
                 gesetzt wurden, war Dopslaff organisiert. Als dann nach der <lb/>
                 Markstabilisierung die Löhne mäßig, aber fest wurden, <lb/>
                 schimpfte seine Frau jede Woche über die abgeführten Bei- <lb/>
                 träge. »Wofür denn? Da hätten wir uns allerhand für kaufen <lb/>
                 können. Alles rausgeschmissen Geld, ihr bringt doch nichts <lb/>
                 fertig, bloß Geldmacherei von die Kerle, die euch in die <lb/>
                 Versammlungen Brei ums Maul schmieren. Nachher wirst du <lb/>
                 noch gekündigt, die im Verband sind, kommen doch immer <lb/>
                 zuerst dran.« Um das nicht mehr anhören zu müssen, trat er <lb/>
                 aus. Bald darauf spitzte sich die Lage zu, ein Streik schien zu <lb/>
                 drohen, er bekam Angst. Den Streikbrecher zu machen, <lb/>
                 schämte er sich noch, und außerdem hieß es, daß in Zukunft <lb/>
                 für die Unorganisierten die Tarife keine Gültigkeit mehr ha- <lb/>
                 ben sollten. Zwar war nicht gut anzunehmen, daß sich die <lb/>
                 Unternehmer so ins eigene Fleisch schneiden würden, wie sie <lb/>
                 getan hätten, wären sie auf solche Bedingungen eingegangen. <lb/>
                 Aber Dopslaff spitzte die Ohren und dachte: besser ist besser. <lb/>
                 Er trat wieder bei, bis die Gefahr beseitigt war. »Siehst du«, <lb/>
                 sagte seine Frau, »die haben ja nicht mal die Courage zu strei- <lb/>
                 ken«, und er antwortete: »Ja, ja, ich geh ja schon wieder <lb/>
                 raus.« Doch ließ er sich nochmals beschwätzen, als der Spre- <lb/>
                 cher seines Betriebsrayons ihn bearbeitete, und da er immer <lb/>
                 noch nicht recht zog, sogar den Betriebsrat Fries mitbrachte. <lb/>
                 Da konnte er nun nicht widerstehen, wo sich der Vorsitzende <lb/>
                 des Betriebsrats selbst um ihn bemühte und ihn mit gönner- <lb/>
                 hafter Miene als »Kollegen« ansprach, und diesmal blieb er <lb/>
                 dabei, bis die Arbeitszeit heraufgesetzt wurde. Diesen An- <lb/>
                 schlag auf seine Freiheit aber quittierte er sofort damit, daß er <lb/>
                 denen den Rücken kehrte, die versucht hatten, ihn zu ver- <lb/>
                 eiteln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Allmählich begann es aus einem Schimpf eine Mannhaftig- <lb/>
                 keit zu werden, wenn man ein Unorganisierter war. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Heinrich Dopslaff hatte neun Kinder, acht Mädchen und <lb/>
                 einen Jungen, und bewohnte in Aldenhövels Haus drei <lb/>
                 Mansardenzimmer. Das kleinste diente als Schlafraum; hier
                <pb facs="#f0469" n="465"/>
                <lb/>
                 standen drei Betten für seine Töchter, weiter war auch kein <lb/>
                 Platz da. In der Küche, die so geräumig war, daß in der Mitte <lb/>
                 eine große leere Fläche übrig blieb, wo die Älteste (eben jene <lb/>
                 Schneiderin, zu der die Frau Werkmeister gewollt hatte) <lb/>
                 nähte, Dopslaff polsterte und die jungen Leute bei Familien- <lb/>
                 festen und auf Silvester tanzten, stand ein Ledersofa, auf wel- <lb/>
                 chem der Sohn schlafen mußte. Dann hatten sie noch das <lb/>
                 »Gute Zimmer« mit Kleiderschrank, Vertikow und Sesseln, <lb/>
                 wie ein Heiligtum dunkel gehalten und tagsüber kaum be- <lb/>
                 rührt. Da Vater und Mutter Dopslaff jedoch darin schliefen, <lb/>
                 andererseits die Anwesenheit eines Bettes für unschicklich er- <lb/>
                 achtet wurde, weil die Älteste hier ihre Kundschaft empfan- <lb/>
                 gen und auch ihren Verehrer in die Familie einführen wollte, <lb/>
                 so hatte Dopslaff einen zweischläfrigen, bauschigen Matratzen- <lb/>
                 kasten gearbeitet, dessen aparte Konstruktion es ermöglichte, <lb/>
                 bei Tag als Chaiselongue und bei Nacht als Bett zu dienen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Küche war ein schmuddliges Durcheinander von <lb/>
                 Koch-, Arbeits-, Spiel-, Bade-, Frisier- und Wohnraum. Man <lb/>
                 bedenke, daß elf Menschen ihren Tag darin verbrachten, man <lb/>
                 bedenke den Staub, den das Nähen und Polstern verursachte, <lb/>
                 man bedenke das Getrappel all dieser Kinderfüße und das <lb/>
                 Geflock ausgekämmter Frauenhaare, man bedenke die ranzi- <lb/>
                 gen Rückstände auf dem Spülstein, wo die Essenreste von elf <lb/>
                 Menschen aufgewaschen wurden. Frau Dopslaff war einmal <lb/>
                 eine propere und leidlich fleißige Frau gewesen, aber neun <lb/>
                 Kinder und zwanzig Jahre in der Mansarde der Grusonstraße <lb/>
                 hatten sie in eine gleichgültige verwandelt. Früher hatte sie <lb/>
                 resolut den Kampf gegen Schmutz und zerrissene Kleider <lb/>
                 aufgenommen, hatte gescheuert und geflickt, doch jedesmal, <lb/>
                 wenn sie über den Berg zu sein glaubte, kam sie wieder ins <lb/>
                 Wochenbett und der ganze Kram fing von vorne an. Hatte <lb/>
                 sie morgens den Kindern frisch gestopfte Strümpfe und <lb/>
                 Röcke angezogen, so saßen abends zwei neue Löcher dane- <lb/>
                 ben, und das wiederholte sich so lange, bis sie müde wurde <lb/>
                 und die Lumpen sie nicht mehr genierten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jetzt machte sie es anders. Sie fragte sich, wofür sie sich <lb/>
                 eigentlich abrackern solle, da das Ergebnis doch kein anderes <lb/>
                 war, als wenn sie sich schöne Tage machte. Nichts wurde
                <pb facs="#f0470" n="466"/>
                <lb/>
                 mehr geflickt. Waren die Strümpfe durchlöchert, so schnitt <lb/>
                 sie kurzerhand sie an den Fersen ab und ließ die Kinder mit <lb/>
                 blanken Füßen in die Schuhe treten. Neue Sachen durften sie <lb/>
                 sofort Sonntags und alltags anziehen und schonungslos drauf- <lb/>
                 treiben, bis die Fetzen herunterhingen. Die Kommunionklei- <lb/>
                 der schenkte die Karitas, die Schulbücher das Wohlfahrtsamt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Dopslaff hatte jetzt einen Bubikopf und erlebte eine <lb/>
                 zweite Jugend. Ihr Mann nannte sie immer »die« Frau, <lb/>
                 wenn er von ihr sprach. Ebenso sagte er »die« Kinder und <lb/>
                 nicht »meine« Kinder, »die« Wohnung und nicht »meine« <lb/>
                 Wohnung, »die« Arbeit und nicht »meine« Arbeit. Alles <lb/>
                 war für ihn unpersönlich und beziehungslos, wie er selbst un- <lb/>
                 persönlich und beziehungslos war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Schneiderin arbeitete überhaupt nicht für die Familie, <lb/>
                 weil sie alles abgeben mußte, was sie verdiente. »Dafür könnt <lb/>
                 ihr euch ja gut kaufen«, sagte sie. Frau Dopslaff war es zu- <lb/>
                 frieden. In diesem Stadium der Dinge wäre sie nicht mehr <lb/>
                 davon zu überzeugen gewesen, daß nicht bloß das eingenom- <lb/>
                 mene, sondern auch das nicht ausgegebene Geld einen Ver- <lb/>
                 dienst darstelle; sie wollte einen Lohn in barer Münze sehen, <lb/>
                 Arbeit im eigenen Haushalt veranschlagte sie nicht mehr, das <lb/>
                 mußte nebenbei gemacht werden, wenn es ging, und wenn es <lb/>
                 nicht ging, mußte es eben liegen bleiben. Deshalb hatte sie <lb/>
                 der Zweitältesten zwei Halbtagsstellen besorgt, eine morgens, <lb/>
                 die andere nachmittags; in den Zwischenpausen konnte sie <lb/>
                 daheim das Nötigste tun. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die kleineren Kinder, »Blagen« genannt, lagen bis spät in <lb/>
                 die Dunkelheit hinein und selbst bei Regenwetter auf der Straße. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In Dopslaffs Haushalt war der einzige feststehende Ein- <lb/>
                 nahmeposten der Lohn, den die Zweitälteste draußen emp- <lb/>
                 fing. Was ihren Mann anbetraf, so war Frau Dopslaff in all <lb/>
                 den Jahren noch nicht dahintergekommen, was er eigentlich <lb/>
                 verdiente. Zwar war ihr bekannt, daß sein Stundenlohn <lb/>
                 zweiundsiebzig Pfennig betrug, und sie konnte sich daher <lb/>
                 sehr wohl ausrechnen, was er alle acht Tage hätte nach Hause <lb/>
                 bringen müssen. Aber was sie ausgerechnet hatte, stimmte <lb/>
                 fast nie, obgleich es richtig gerechnet war. </p>
            <pb facs="#f0471" n="467"/>
            <p>
                <lb/>
                 Jeden Donnerstag hatte Heinrich Dopslaff Zahltag. Er <lb/>
                 entnahm seiner Tüte auf der Stelle drei Mark, begab sich in <lb/>
                 die Gaststätte »Zur Hütte« und setzte sie dort, keinen Pfen- <lb/>
                 nig mehr und keinen weniger, in Bier und Schnaps um, wo- <lb/>
                 von er bald, da er alles durcheinander trank, heftig berauscht <lb/>
                 wurde. Jedoch hatte es die lange Gewohnheit mit sich ge- <lb/>
                 bracht, daß er trotzdem für gewisse Momente einen völlig <lb/>
                 nüchternen Sinn bewahrte: so ließ er sich nie verleiten, nach- <lb/>
                 dem die drei Mark vertrunken waren, noch einen Griff in die <lb/>
                 Tüte zu tun; so konnte er, wenn er kurz vor Mitternacht nach <lb/>
                 Hause wankte, mit ziemlich ruhiger Hand die Haustür auf- <lb/>
                 schließen; so besaß er, oben angelangt, die Geistesgegenwart, <lb/>
                 mit einer scheinbar klaren Haltung die Lohntüte auf den Tisch <lb/>
                 zu legen. Sogar in diesem Zustand machte es sich bemerkbar, <lb/>
                 daß er von Natur ein braves Haustier war. Erst nachdem er <lb/>
                 jene drei wichtigen Momente überstanden hatte, erschlaffte <lb/>
                 sein Wille, überließ er sich ohne inneren Widerstand den Wir- <lb/>
                 kungen des Alkohols. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Längst hatte sich die Frau abgewöhnt, ihm Vorwürfe zu <lb/>
                 machen, im Gegenteil, sie verteidigte ihn jetzt bei Bekann- <lb/>
                 ten, indem sie sagte: »Soviel muß an einem Zahltag dran- <lb/>
                 sitzen, daß er sich mal besaufen kann.« Dennoch war das <lb/>
                 erste, was er in die Nacht hinausschrie, eine geharnischte Ant- <lb/>
                 wort auf imaginäre Vorwürfe. »Ich verdiene meinen Suff — <lb/>
                 ja! Geht kein’ Mensch was an, wieviel ich saufe — ja! Ich ver- <lb/>
                 diene meinen Suff— ja!« Dieses trotzig und kurz hervorge- <lb/>
                 stoßene »Ja«, womit er jedem der sich wörtlich wiederholen- <lb/>
                 den Ausrufe Nachdruck verlieh, rollte hinterher wie eine ein- <lb/>
                 gefrorene Fanfare. Dabei ging er rastlos auf und ab, stieß zu- <lb/>
                 weilen an ein Möbelstück an, torkelte und fing seinen Körper <lb/>
                 mit schwerem Gepolter wieder auf. Bis zwei Uhr dauerte das, <lb/>
                 dann plumpste er auf den Fußboden und schlief ein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regelmäßigkeit dieses wöchentlichen Vorgangs war in <lb/>
                 der Tat verblüffend; jedenfalls steht fest, daß die Ungewiß- <lb/>
                 heit, worin Frau Dopslaff sich hinsichtlich der von ihrem <lb/>
                 Mann heimzubringenden Wochensumme befand, nicht etwa <lb/>
                 daher rührte. Vielmehr rührte sie von einer Entlohnungs- <lb/>
                 methode her, die einerseits dem Wunsch der Arbeiter, öfters
                <pb facs="#f0472" n="468"/>
                <lb/>
                 Geld in die Finger zu bekommen, Genüge tat und sie ande- <lb/>
                 rerseits infolge der unberechenbaren Schwankungen in der <lb/>
                 Höhe der Auszahlungen unter beständigem Druck hielt. <lb/>
                 Man kann sagen, daß Heinrich Dopslaff im Monat über <lb/>
                 hundertsechzig Mark netto hätte verfügen müssen. Dieser <lb/>
                 Betrag lag auch im Prinzip fest, nur kam er wegen der dau- <lb/>
                 ernden Verrechnungen, die sich von einem Monat in den an- <lb/>
                 deren hineinzogen, praktisch niemals zustande. Dieser Um- <lb/>
                 stand war es zuletzt, der den sozialen Vorzug der Angestell- <lb/>
                 ten gegenüber den Arbeitern durchdrückte; einen Vorzug, <lb/>
                 der durchschnittlich nicht so sehr in der finanziellen Differenz, <lb/>
                 den längeren Kündigungsfristen und der Bezahlung der Sonn- <lb break="yes"/>
                 und Feiertage begründet war, denn diese Dinge wurden zum <lb/>
                 Teil schon dadurch aufgewogen, daß den Angestellten ge- <lb/>
                 meinhin die Überstunden nicht angeschrieben wurden. Der <lb/>
                 Vorzug, den sie genossen, wurde im Grunde durch die <lb/>
                 Tatsache bestimmt, daß sie in ihrem Haushalt zu einem festen <lb/>
                 Termin mit einem unverschiebbaren Posten rechnen konnten. <lb/>
                 Nehmen wir an, daß Dopslaff am Zwanzigsten Zahltag <lb/>
                 hatte—: das war ein »Abschlag«, ein Vorschuß auf den im <lb/>
                 laufenden Monat zu erwartenden Verdienst. Meistens eine <lb/>
                 glatte Summe: zwanzig Mark. Frau Dopslaff gab sie bis zum <lb/>
                 Siebenundzwanzigsten aus, dazu gehörte nicht viel. Dann <lb/>
                 kam ein zweiter Abschlag, der schon nicht mehr glatt war, <lb/>
                 sondern sich nach der in der ersten Monatshälfte geleisteten <lb/>
                 Stundenzahl richtete. Er bewegte sich zwischen dreißig und <lb/>
                 vierzig Mark, davon ab die Miete mit sechsundzwanzig, blieb <lb/>
                 so gut wie nichts übrig bis zum Vierten. Diesmal war der Ab- <lb/>
                 schlag kein Vorschuß mehr, sondern die Abtragung einer be- <lb/>
                 reits fälligen Schuld, nämlich des vorhergehenden Monats- <lb/>
                 lohns, der indessen erst beim nächsten Mal endgültig festge- <lb/>
                 stellt wurde, weil die Meldezettel aus den Betrieben über Lei- <lb/>
                 stungen und Lieferungen nicht früher gesichtet werden konn- <lb/>
                 ten. Fünfzehn bis zwanzig Mark machte dieser Abschlag in <lb/>
                 der Regel aus. Am Elften endlich folgte die Quittung für den <lb/>
                 vergangenen Monat: Gesamtverdienst abzüglich dreimal <lb/>
                 Abschlag, Versicherungsbeiträge (Steuern brauchte er bei <lb/>
                 seinem Einkommen und mit neun Kindern nicht zu zahlen),
                <pb facs="#f0473" n="469"/>
                <lb/>
                 manchmal auch Rate für Kohlen, Rate für Holz, Rate für <lb/>
                 Kartoffeln— es war schon vorgekommen, daß ihm dabei <lb/>
                 noch sechzig Mark auf einen Schlag zufielen, dann war Kir- <lb/>
                 mes in der Grusonstraße, es war aber auch in der Zeit der <lb/>
                 Feierschichten schon vorgekommen, daß auf der Lohntüte <lb/>
                 stand: »Bleiben zu zahlen o Mark o Pfennig.« Doch schon <lb/>
                 wenn der Restbetrag zwanzig Mark unterschritt, wurde ein <lb/>
                 Sonderabschlag gewährt, der dann gleich an den folgenden <lb/>
                 Zahltagen einbehalten wurde und den Unsicherheitsfaktor <lb/>
                 vermehrte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was sollten die Leute tun? Sich einteilen, natürlich. Aber <lb/>
                 über dem Versuch, die hierfür erforderlichen Logarithmen <lb/>
                 ausfindig zu machen, wären sie voraussichtlich ins Irrenhaus <lb/>
                 gekommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sicherlich war es der Gesundheit weniger abträglich, wenn <lb/>
                 sie jeden Zahltag bis zum nächsten verwirtschafteten. Übri- <lb/>
                 gens verhalfen schon die Hausierer dazu, die in großer Zahl <lb/>
                 an die Tür klopften. Sie hatten nämlich so günstige Zahlungs- <lb/>
                 bedingungen, daß es geradezu leichtsinnig gewesen wäre, <lb/>
                 wenn man diese Angebote nicht wahrgenommen hätte. Auch <lb/>
                 handelte es sich meist um fesch gekleidete Herren, die von <lb/>
                 guter Lebensart waren und überaus verständig zu reden wuß- <lb/>
                 ten. Man konnte sich nicht die Blöße geben, ihren zwingen- <lb/>
                 den Gründen zu widersprechen. Man konnte sich auch nicht <lb/>
                 arm stellen, das wäre unhöflich gewesen. Man konnte diese <lb/>
                 feinen, flotten Herren einfach nicht abweisen, die, kaum daß <lb/>
                 ihnen geöffnet worden war, wie alte Bekannte schnurstracks <lb/>
                 eintraten und erst loslegten, nachdem sie im »Guten Zim- <lb/>
                 mer« Platz genommen hatten. Diese Überlegenheit! Diese <lb/>
                 Beredsamkeit! Dieser Schliff und diese Kenntnisse der Ge- <lb/>
                 pflogenheiten besserer Kreise! Man konnte nicht schäbig da- <lb/>
                 stehen vor ihnen, sie hatten nun auch schon so lange dage- <lb/>
                 sessen, da mußte man ihnen ein Schnäpschen anbieten, und <lb/>
                 es ging ganz und gar nicht, daß sie so viele und schöne Dinge <lb/>
                 etwa umsonst geredet haben sollten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In Mutter Dopslaffs Herz regte sich so etwas wie eine so- <lb/>
                 ziale Verpflichtung: schließlich mußten doch auch diese Leute
                <pb facs="#f0474" n="470"/>
                <lb/>
                 ihr Geld sauer verdienen, und sie hatten schon zuviel von <lb/>
                 ihrer kostbaren Zeit bei ihr zugebracht, als daß ihnen noch <lb/>
                 mit einigem Anstand eine Enttäuschung hätte zugemutet <lb/>
                 werden dürfen. So wurde denn jedesmal der Kaufschein un- <lb/>
                 terschrieben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Allerdings hing unten an der Haustür ein Schildchen: <lb/>
                 »Betteln und Hausieren verboten«; aber das war nur deko- <lb/>
                 rativ gemeint, das gehörte so zum guten Ton eines Hausbe- <lb/>
                 sitzers. Dem Schildchen eine praktische Bedeutung beizu- <lb/>
                 messen, war um so weniger angebracht, als auch Frau Alden- <lb/>
                 hövel, um die vom Besitz hervorgerufene Belastung zu ver- <lb/>
                 mindern, mit Damenbinden hausieren ging. Sie selbst sagte <lb/>
                 freilich diskret, daß sie damit »reise«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Lauf eines Jahres hatte Mutter Dopslaff bei den Hau- <lb/>
                 sierern folgende Verbindlichkeiten: vier Meter dunkelgrü- <lb/>
                 nen Madras zur Fensterdekoration im »Guten Zimmer«, das <lb/>
                 Meter zu fünf Mark, machte zwanzig Mark, zahlbar in wö- <lb/>
                 chentlichen Raten von zwei Mark; ein versilbertes und durch <lb/>
                 eine Glaskuppel gegen Staub geschütztes Kruzifix mit Kon- <lb/>
                 sole zu fünfzehn Mark, zahlbar in monatlichen Raten von <lb/>
                 fünf Mark; ein Öldruck in Goldrahmen, darstellend ein in <lb/>
                 schwellender Landschaft gelagertes und von tanzenden Lie- <lb/>
                 besgöttern anregend umkreistes Paar, zu zwölf Mark, zahl- <lb/>
                 bar in wöchentlichen Raten von fünfzig Pfennig; ein Schrank- <lb/>
                 grammophon ohne Fabrikmarke, mit sechs Platten, zu hun- <lb/>
                 dertfünfzig Mark, Anzahlung zehn Mark, der Rest zahlbar in <lb/>
                 monatlichen Raten von vier Mark; eine Mandoline für den <lb/>
                 Jungen, der im Wanderklub der Lehrlingswerkstatt war, zu <lb/>
                 vierzehn Mark, zahlbar in wöchentlichen Raten zu zwei <lb/>
                 Mark; für die Aussteuer der Ältesten Paradekissen aus Limon <lb/>
                 mit riesigen Klöppelspitzen und passenden Scheinlaken, zu- <lb/>
                 sammen vierundzwanzig Mark, zahlbar in monatlichen Raten <lb/>
                 von vier Mark; fertige Mäntel für die beiden Jüngsten, das <lb/>
                 Stück zu dreißig Mark, machte sechzig Mark, zahlbar in mo- <lb/>
                 natlichen Raten von sechs Mark; ein kunstseidener Pullover <lb/>
                 für die Zweitälteste, zu fünfundzwanzig Mark, zahlbar in <lb/>
                 wöchentlichen Raten von einer Mark; eine Teepuppe in stil- <lb/>
                 echtem Rokoko, zur Zierde fürs Vertikow, zu acht Mark,
                <pb facs="#f0475" n="471"/>
                <lb/>
                 zahlbar in monatlichen Raten von zwei Mark; ein handgemal- <lb/>
                 tes Sofakissen aus schwarzem Samt mit einem Pfauhahn dar- <lb/>
                 auf, das immer erst weggelegt wurde, wenn sich jemand <lb/>
                 setzen wollte, zu achtzehn Mark, zahlbar in wöchentlichen <lb/>
                 Raten von einer Mark fünfzig; außerdem mehrere Abonne- <lb/>
                 ments auf christliche Sonntagsblätter und Versicherungszeit- <lb/>
                 schriften, im Gesamtbetrag von zwei Mark fünfundzwanzig <lb/>
                 monatlich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war alles dreifach überzahlt — vielleicht merkten es die <lb/>
                 Dopslaffs in der Grusonstraße nicht, sicher machten sie sich <lb/>
                 keine Gedanken darüber. Denn die Hauptsache blieb, daß es <lb/>
                 bequem war. So bequem! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach und nach setzte Frau Dopslaff Fett an, wie fast alle <lb/>
                 Frauen der Grusonstraße, die aus den Wechseljahren heraus <lb/>
                 waren und viele Kinder gehabt hatten. Möglich, daß sie von <lb/>
                 einer Rasse waren, die von Natur zum Dickwerden neigte, <lb/>
                 und daß sich die Natur um so ungestümer durchsetzte, je <lb/>
                 mehr die durch die jährliche Schwangerschaft veranlaßte Hem- <lb/>
                 mung entfiel. Zweifellos wirkte aber auch die Lebensweise <lb/>
                 mit, die geringe Bewegung, die muffige Luft, die ewig <lb/>
                 gleichbleibende Stampfe aus Kartoffeln und Hülsenfrüchten, <lb/>
                 welche die Hauptnahrung darstellte, der heimliche Genuß <lb/>
                 von Süßigkeiten, der sie ergänzte. Alle diese Frauen waren <lb/>
                 naschhaft, und wenn sie dem Mann bei den Mahlzeiten die <lb/>
                 Fleischbissen zukommen ließen, so entschädigten sie sich <lb/>
                 dafür unter der Zeit mit Schokolade, Rahmkaramellen und <lb/>
                 leckerem Gebäck, wovon »Vadder« nichts sah. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einmal wöchentlich, wenn Lohntag war, trafen sich die <lb/>
                 Nachbarinnen im Erfrischungsraum des Konsums. Der be- <lb/>
                 fand sich in der Hauptverkaufsstelle und war eine Schöpfung <lb/>
                 des Chefs aus dem Berliner Warenhaus. Früher hatte es hier <lb/>
                 ausgesehen wie in einem orientalischen Bazar. Jetzt war jede <lb/>
                 Spur des Trödelkrams verwischt, ein modernes Warenhaus <lb/>
                 war erstanden mit Schaufenstern, Lichtreklame, Rolltreppen, <lb/>
                 Weihnachtsausstellungen, Weißen Wochen und Inventur- <lb/>
                 ausverkäufen bei doppelten Rabattmarken und Eilzustellung <lb/>
                 nach allen Stadtteilen. Außer darin, daß der Konsum nicht
                <pb facs="#f0476" n="472"/>
                <lb/>
                 inserierte, unterschied er sich in nichts mehr von den großen <lb/>
                 Geschäftshäusern der Stadt. So hatte er auch seinen Erfri- <lb/>
                 schungsraum, in dessen heller Glanzlacktäfelung man sich <lb/>
                 spiegeln konnte, und wo Mädchen in Schwarz mit weißer <lb/>
                 Stirnkrause bedienten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Warenhausbrodem, Dunst von Stoffen, Leder und <lb/>
                 Menschen mischte sich mit dem Geruch von Fleisch, Kartof- <lb/>
                 felsalat, Torten, Kaffee, Sahne und Bier zu einer beklemmen- <lb/>
                 den, klebrigen Hitze, die eine Trockenheit in den Luftwegen <lb/>
                 und eine Enge auf der Brust verursachte. Kein Platz war <lb/>
                 frei. So dicht saßen die Frauen an den kleinen runden Ti- <lb/>
                 schen, daß sie, indem sie aßen, die Ellbogen vor den Leib <lb/>
                 pressen mußten. Schwedenplatten und Kuchenteller waren <lb/>
                 aufeinandergetürmt. Viele hielten in dieser Raumnot ihr <lb/>
                 Bierglas oder ihre Kaffeetasse mit der linken Hand überm <lb/>
                 Schoß, während sie mit der rechten die Gabel führten. Der <lb/>
                 Schweiß perlte in ihren Kinngruben und brach unter den <lb/>
                 Achseln durch ihre Kleider. Er bildete dort gelbgrüne, nach <lb/>
                 ranzigem Öl riechende Ränder. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Griguszies, der eines Nachmittags auf einem Rund- <lb/>
                 gang des Konsumausschusses hier vorüberkam, sah Frau <lb/>
                 Dopslaffs Schellfischaugen inmitten vieler unbekannten Ge- <lb/>
                 sichter, die sich aber dank ihrer Einbettung in schwammige <lb/>
                 Fettwülste alle glichen. Er sah sie kauen und schwatzen und <lb/>
                 ihm zuwinken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bei diesem ganzen Schauspiel traute er seinen Augen nicht, <lb/>
                 eine Weile blieb er stehen, um sich zu vergewissern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Dopslaff hielt ihm eine Tüte hin, aus der sie zwischen- <lb/>
                 durch naschte: »Auch paar Makrönches haben? Leckere <lb/>
                 Nußmakrönches, Herr Griguszies!«— »Danke«, sagte er. — <lb/>
                 »Nu zieren Se sich mal nich so.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er nahm eine Makrone und zerbiß sie krachend. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So war das also: irgendwo wurde für das ausgebeutete <lb/>
                 Proletariat die Trommel gerührt, und hier—? Hier wurde <lb/>
                 von Angehörigen desselben Proletariats ohne Scham gefres- <lb/>
                 sen. Ohne Scham: nicht weil sie fraßen, o nein, das gönnte <lb/>
                 er ihnen, es waren ja doch nur Henkersmahlzeiten jeweils zwi- <lb/>
                 schen den Hungerperioden von Lohntag zu Lohntag, und
                <pb facs="#f0477" n="473"/>
                <lb/>
                 das Elend wurde darum nicht weniger, daß sie es nicht fühlten <lb/>
                 oder sich selbst für eine kurze Zeitspanne vergaßen; sondern <lb/>
                 ohne Scham: weil es unmittelbar unter den Augen des Aus- <lb/>
                 beuters geschah, in seinem eigenen Hause; weil es ihm Ar- <lb/>
                 gumente lieferte, weil er mit dem Finger darauf zeigen konn- <lb/>
                 te: wie, diesen da soll es schlecht gehn, seht doch an! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und wieder wurde für diese da die Trommel gerührt, er <lb/>
                 selbst war Trommler, und die Menschen hörten es höflich, <lb/>
                 doch mit ungläubigem Lächeln an: wie, diesen da soll es <lb/>
                 schlecht gehn, seht doch an! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und immer wieder wurde die Trommel gerührt, noch im- <lb/>
                 mer war er selber Trommler, die Undankbarkeit und der Un- <lb/>
                 verstand der Massen durfte ihn nicht beirren; aber wenn sie <lb/>
                 schon zu träge, zu gedankenlos, zu genußsüchtig und zu <lb/>
                 feige waren, diese Arbeit einzuschätzen und zu achten — muß- <lb/>
                 ten sie darum gleich sie hintertreiben und verraten? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während ihm der Schädel davon brummte, kaute und <lb/>
                 schwatzte Frau Dopslaff und winkte ihm zu, und es schien <lb/>
                 ihm, als kaue und schwatze die ganze Grusonstraße und win- <lb/>
                 ke ihm zu, als kaue und schwatze die ganze Stadt und winke <lb/>
                 ihm zu. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ist das nun alles so? fragte er sich, oder nehme ich es zu <lb/>
                 schwer? Wie ist es? Wie ist es? — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Heinrich Dopslaff nahm es nicht schwer und fragte sich <lb/>
                 nichts. Er wollte in Ruhe gelassen sein. Er regte sich nicht <lb/>
                 einmal auf, wenn Tabak und Bier besteuert wurden, höch- <lb/>
                 stens daß er gelegentlich auf die Bauern schimpfte, die nach <lb/>
                 seiner Meinung habgierige, geizige und sich arm stellende <lb/>
                 Kanaillen waren, denen das Korn vom Himmel fiel, und die, <lb/>
                 da sie es teuer verkauften, einen Strumpf nach dem anderen, <lb/>
                 mit Geld gefüllt, ins Bett stecken konnten. Er war auf ein <lb/>
                 Lokalblatt abonniert, worin alle sensationellen Vorkommnisse, <lb/>
                 sei es das Verschwinden einer Minderjährigen oder ein Raub- <lb/>
                 mord oder ein Nachtgewitter, mit der gleichen gefühlvollen <lb/>
                 Poesie und fast mit den gleichen sprachlichen Wendungen <lb/>
                 abgehandelt wurden. Die Arbeitslosen verachtete er und hielt <lb/>
                 sie für arbeitsscheu. In die Kirche ging er rein aus Bequem-
                <pb facs="#f0478" n="474"/>
                <lb/>
                 lichkeit nicht mehr, aber er beobachtete die Formalitäten sei- <lb/>
                 ner Konfession, wenigstens so weit sie sich auf das Familien- <lb/>
                 leben erstreckten. Zwei- oder dreimal im Sommer machte er <lb/>
                 mit der Frau einen Sonntagsspaziergang, dann war er gut und <lb/>
                 zurückhaltend angezogen, die Frau dagegen billig und ge- <lb/>
                 schmacklos und mit fürchterlichen Farbenzusammenstellun- <lb/>
                 gen; sonst schlief er bis zehn und nach dem Essen noch ein- <lb/>
                 mal bis vier, und polsterte die übrige Zeit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wenn er die Eisenbahn benutzen mußte, stieg er nur in die <lb/>
                 alten Vierteklassewagen ein, die aus Sparsamkeitsgründen <lb/>
                 noch zwischen den Wagen Dritter in den Zügen liefen, als <lb/>
                 die vierte Klasse offiziell schon aufgehoben war. Anders <lb/>
                 hätte er sich nicht heimisch gefühlt, hätte er sich unbehag- <lb/>
                 lich, bedrückt und an die Existenz eines Weltbildes erinnert <lb/>
                 gefühlt, dem er sich nicht zugehörig und nicht ebenbürtig <lb/>
                 glaubte, und demgegenüber er nach seiner Ansicht zu nichts <lb/>
                 verpflichtet war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine Existenz trugen die Dinge in sich, mit sich —: die <lb/>
                 Ofenmauterei, die Grusonstraße, der Stadtbauplan, die flie- <lb/>
                 genden Händler, die besondere Gattung der Hausbesitzer, die <lb/>
                 Mansarde, die Hausierer, die Frau und die »Blagen«. Er war <lb/>
                 nicht zufällig zwischen diesen Dingen zuhause, er und sie be- <lb/>
                 stimmten einander wechselseitig. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er ging mit einer Aktentasche zur Fabrik, und angetan mit <lb/>
                 einem sehr hohen Stehkragen von der Sorte, die vor zwanzig <lb/>
                 Jahren modern war und damals »Vatermörder« hieß. In die- <lb/>
                 sem Kragen mußte er den Hals so steif halten, als hätte er <lb/>
                 einen Furunkel im Nacken. Sein dreieckiges Gesicht mit dem <lb/>
                 struppigen Schnurrbart und den abstehenden Ohren bekam <lb/>
                 dadurch ein zugleich schneidiges und leidendes Aussehen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Abends machte die Frau die Butterbrote und den Henkel- <lb/>
                 mann zurecht, damit sie am Morgen nicht aufzustehen brauch- <lb/>
                 te. Seine Schicht war von sechs bis dreiviertel vier, eine Vier- <lb/>
                 telstunde Frühstückspause, eine halbe Stunde Mittag. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Handlanger in der Ofenmaurerei — das war mehr als die <lb/>
                 mechanische Tätigkeit, die man unter dieser prosaischen Be- <lb/>
                 zeichnung vermuten wird. Dieses Dasein entbehrte nicht <lb/>
                 einer gewissen Zufuhr an Phantasiestoffen. </p>
            <pb facs="#f0479" n="475"/>
            <p>
                <lb/>
                 Man muß wissen, daß die Ofenmaurerei kein zwischen vier <lb/>
                 Werkstattwänden eingekerkerter Betrieb war. Die Leute ka- <lb/>
                 men viel herum, ins Hochofenwerk, in die Gießereien, <lb/>
                 Walzwerke und Glühhäuser, überallhin, wo Öfen zum <lb/>
                 Schmelzen, Schmieden, Trocknen, Frischen und Härten zu <lb/>
                 mauern und instandzuhalten waren. Da waren zum Beispiel <lb/>
                 die Schachtöfen, plumpe, bauchige Schlünde, worin das Ei- <lb/>
                 sen mitten unter dem Brennstoff lag und vom pfeifenden Ge- <lb/>
                 bläse zur Weißglut entfacht wurde. Da waren die Flamm- <lb/>
                 öfen, breite Platten wie Herde, wo das Eisen gepuddelt und <lb/>
                 geschweißt wurde, nur von der Flamme bestrichen. Da wa- <lb/>
                 ren die Tiegelöfen, quadratische Schränke, in die ein Chamot- <lb/>
                 tetiegel mit dem Gußstahl eingelassen wurde, so daß diesen <lb/>
                 weder das Brennmaterial noch die Feuerungsgase berührten. <lb/>
                 Da waren endlich die feuerfest ausgekleideten elektrischen <lb/>
                 Öfen, die mit Drehstrom beheizt wurden und die flüssigen <lb/>
                 Stahle veredelten. Heinrich Dopslaff machte sich aber nichts <lb/>
                 daraus. Er legte auch keinen Wert darauf, den Abstich des <lb/>
                 Fisens mitanzusehen oder die schnell hinwandelnde Hellig- <lb/>
                 keit der Blöcke, an welcher die verschiedenen Phasen der Er- <lb/>
                 hitzung abzulesen waren: wie sie zuerst in dunkler Röte auf- <lb/>
                 schäumten, dann in ein brennendes Gelb übergingen und zu- <lb/>
                 letzt weiß zerflossen, daß es den Augen weh tat. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwar waren sehr viele, ja die meisten Menschen unfähig, <lb/>
                 an solchen Färbungen die physikalischen Erscheinungen zu <lb/>
                 erkennen (nicht, weil sie es nicht wußten, sondern weil sie <lb/>
                 keine Empfindung dafür hatten), aber dann wurden sie im- <lb/>
                 merhin von dem bunten Spiel der Reflexe angezogen. Nicht <lb/>
                 einmal das war bei Dopslaff der Fall. Er sah es, wo es sich <lb/>
                 aufdrängte und sein Blick nicht ausweichen konnte, doch <lb/>
                 sah er es ohne Verständnis, und die Arbeiter, die dort be- <lb/>
                 schäftigt waren, blieben ihm völlig fremd. Er pochte hart- <lb/>
                 näckig darauf, daß er nur Tagelöhner und gewissermaßen als <lb/>
                 Gast hier sei und mit der eigentlichen industriellen Materie <lb/>
                 nichts zu tun habe. Die Spezialarbeiter wiederum sahen ihn <lb/>
                 von vornherein nicht für voll an und gaben sich auch keine <lb/>
                 Mühe, ihn für ihren Beruf zu interessieren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Daraus darf man freilich nicht schließen, daß er abseits ge-
                <pb facs="#f0480" n="476"/>
                <lb/>
                 standen und keine Gespräche geführt hätte. Im Gegenteil, <lb/>
                 um Gespräche zu führen, war er da, Er war etwas Ähnliches <lb/>
                 wie der wahre Jakob, eine Art Offiziersordonnanz und Kal- <lb/>
                 faktor; er spionierte und drangsalierte überall herum, ließ <lb/>
                 sich für jeden Botendienst verwenden, lief hin und her, hatte <lb/>
                 fast stets eine Kaffeekanne in der Hand (denn er kochte dem <lb/>
                 Meister den Kaffee und war schon darum mehr als die ande- <lb/>
                 ren), trug hier ein paar Worte hin und dorthin ein paar Worte, <lb/>
                 Nun, wenn man als Handlanger in einem Dutzend Betriebe <lb/>
                 herumwandert, dann kommt es schon von selbst und ohne <lb/>
                 besondere Veranlagung, daß man mit der Zeit die Flöhe hu- <lb/>
                 sten hört. Die Ohren summen von all den Geschichten und <lb/>
                 Parolen, die man mit sich herumschleppt, und für die Ge- <lb/>
                 ringschätzung, der man begegnet, entschädigt wohl die <lb/>
                 Macht, die man insgeheim ausübt—: als ein Mensch, der <lb/>
                 nach Gutdünken Geheimnisse hüten oder ausplaudern kann. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Summe solcher Einzelzüge war das, was Griguszies <lb/>
                 unter »Dopslaffstraße« verstand. War nicht das ganze Koh- <lb/>
                 lenrevier eine einzige Dopslaffstraße? War nicht der Grund- <lb/>
                 riß überall derselbe? Zählten die paar Abweichungen in der <lb/>
                 Fassade, die hie und da bemerkbar waren? Konnten die Ver- <lb/>
                 suche der Wenigen, einen wirklichen Charakter zu bilden, <lb/>
                 überhaupt etwas bedeuten, da sie in all den Dopslaffstraßen <lb/>
                 versprengt waren, alle tausend Häuser einer? »Die Bewegung <lb/>
                 marschiert«, sagten in seltener Einmütigkeit Fries und Bilgen- <lb/>
                 stock. Wie aber marschierte sie? Wie ein Mann, der in <lb/>
                 einem Sumpf steckt und zu waten vermeint, während er die <lb/>
                 Beine immer auf dem gleichen Fleck hochzieht und nieder- <lb/>
                 setzt. Oder wie ein Mensch, der Meilen zurückzulegen glaubt, <lb/>
                 wenn er hinter einem Vordermann hertrottet, der nur in sei- <lb/>
                 ner Einbildung existiert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es gab Leute, die das Revier als einen Krisenherd betrach- <lb/>
                 teten. Diese Leute waren wohlmeinend und scharfsinnig, nur <lb/>
                 blieben sie auf halber Strecke stehen. Es war ein Herd — aber <lb/>
                 es war ein Herd, der keinen richtigen Zug hatte, und die Kri- <lb/>
                 sen kamen mehr von oben als von unten, indem nämlich viel <lb/>
                 falsche Luft durch die Schornsteine eingeblasen wurde. Das
                <pb facs="#f0481" n="477"/>
                <lb/>
                 Feuer schwelte; doch nicht wie ein Feuer schwelt, das im Be- <lb/>
                 griff ist aufzulodern, sondern wie ein Feuer, das im Erlöschen <lb/>
                 ist. Hatte es je geflammt, so war es eine Flamme jener Art ge- <lb/>
                 wesen, die sich rasch selbst verzehrt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es wurde gemeldet, daß die Kommunisten bei den letzten <lb/>
                 Betriebsratswahlen eine schwere Niederlage erlitten hätten; in <lb/>
                 dieser Form war das allerdings irreführend; der Stimmver- <lb/>
                 lust war darauf zurückzuführen, daß bei den Entlassungen <lb/>
                 immer zunächst mit den Kommunisten aufgeräumt wurde — <lb/>
                 aber blieb es nicht dennoch eine Niederlage? Von jeher wa- <lb/>
                 ten einzelne Zechen dafür bekannt gewesen, daß Gruppen <lb/>
                 von Anarchisten sich dort zusammenrotteten; sie waren es <lb/>
                 auch heute noch, doch hätte niemand mit Bestimmtheit sagen <lb/>
                 können: dieser Kumpel da ist ein Anarchist. Was bedeuteten <lb/>
                 sie also? Nichts. Für das Schicksal ihrer Kameraden nichts. <lb/>
                 Sie waren ein Komplott, und es liegt in der Natur des Kom- <lb/>
                 plotts, den Kreis der Mitwisser klein zu halten, damit es nicht <lb/>
                 aufgedeckt wird. Sie waren eine Geheimwissenschaft. Sie be- <lb/>
                 friedigten sich selbst mit Attentaten der Phantasie. Aber sogar <lb/>
                 ein wirkliches Attentat, soviel stand jetzt für Griguszies fest, <lb/>
                 sogar ein wirklicher Anschlag auf Leben und Eigentum eines <lb/>
                 Kapitalisten wäre belanglos gewesen, kein Fanal, kein War- <lb/>
                 nungszeichen, nur eine, Bagatelle, nur eine Torheit, nur ein <lb/>
                 Dummejungenstreich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch die Grusonstraße war schließlich nichts anderes als <lb/>
                 die Kolonie »Flammende Scholle«, die er verlassen hatte, <lb/>
                 jede Straße im Industriebezirk, mochte sie erbaut sein, von <lb/>
                 wem sie wollte, mochte darin wohnen, wer wollte, jede <lb/>
                 Straße hatte den dürftigen Charakter und das einfältige Leben <lb/>
                 einer Kolonie. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Almas Sorge war die Ausstattung ihrer Wohnung. Sie <lb/>
                 hatten nur zwei Zimmer, aber dafür sollte es auch vornehmer <lb/>
                 darin aussehen als bei ihrer Schwägerin Paula. Paulas Schlaf- <lb/>
                 zimmer war aus Eiche, Almas Schlafzimmer war aus Birke. <lb/>
                 Paulas Küche war weißlackiert, Almas Küche war aus Pitch- <lb/>
                 pine. Was Paula sich nach und nach anschaffte, wurde von <lb/>
                 Alma sogleich überboten. Sie hatte im Flur eine orangefar-
                <pb facs="#f0482" n="478"/>
                <lb/>
                 bene Dielengarnitur, Garderobehalter, Schirmständer, Spie- <lb/>
                 gel, Konsölchen in Schleiflack, in der Küche einen kombi- <lb/>
                 nierten Tiefbauherd mit einem Aufsatz voll Nickeltöpfen, im <lb/>
                 Schlafzimmer eine Wäschetruhe aus Peddigrohr mit seiden- <lb/>
                 gepolstertem Deckel. Stets widerriet Adam, doch Alma wußte, <lb/>
                 daß er ihr nicht gut etwas abschlagen konnte, wenn sie ihn <lb/>
                 mit feucht schimmernden und wollüstig getrübten Augen an- <lb/>
                 sah, und außerdem wußte sie, daß er heimlich auf seine Frau <lb/>
                 stolz war, die keinen Pfennig für Näschereien ausgab und um <lb/>
                 der Vornehmheit der Kleider und der Einrichtung willen mit <lb/>
                 einem wahren Finanzgenie an allen Ecken und Enden sparte, <lb/>
                 so daß man es zwar gewahr wurde, jedoch nicht einschnei- <lb/>
                 dend fühlte. Die erste Zeit fragte Adam sorgenvoll, wie das <lb/>
                 alles abbezahlt werden solle? Nun, es wurde abbezahlt, er <lb/>
                 gewöhnte sich daran und fragte nichts mehr. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im zweiten Jahr ihrer Ehe gebar Alma ein Mädchen. Sie <lb/>
                 lag zehn Tage im Risch-Zanderschen Entbindungsheim, und <lb/>
                 das Kind wurde dort in der Kapelle getauft. »Sie machen es <lb/>
                 hier alle so«, beharrte Alma, »wir können uns nicht ausschlie- <lb/>
                 ßen, was brauchen wir jedem auf die Nase zu binden, wie wir <lb/>
                 denken? Das ist doch nur eine Zeremonie, das hat doch mit <lb/>
                 Glauben und Unglauben nichts zu tun.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Paula war Patin und hielt das Kind über die Taufe. Es be- <lb/>
                 kam den Namen Melitta. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sauber Schicksken«, sagte Paula anerkennend. Otto Witt- <lb/>
                 kamp war traurig. Der Neid plagte ihn. Vorläufig war Paula <lb/>
                 unfruchtbar. Anfangs, als die Periode bei ihr aussetzte, hat- <lb/>
                 ten sie gedacht, daß sie schwanger sei, aber sie hatte gar keine <lb/>
                 anderen Zeichen an sich verspürt und war schließlich zum <lb/>
                 Kassenarzt gegangen. Der hatte gesagt: »Es kann am Eier- <lb/>
                 stock sein« und Diathermie verordnet. So mußte sie jede <lb/>
                 Woche dreimal zur Behandlung ins Krankenhaus und das <lb/>
                 wurde ihr bald zuviel. Die Frauen in der Beamtensiedlung <lb/>
                 rieten ihr, zu einem Homöopathen zu gehen, und erzählten <lb/>
                 Ungeheures von seinen Kenntnissen und seiner Hilfe. Fast <lb/>
                 alle Frauen waren beim Homöopathen, aber auch viele Män- <lb/>
                 ner. Die Frauen hatten Gebärmutterleiden und die Männer <lb/>
                 Magengeschwüre, deren homöopathische Behandlung darauf
                <pb facs="#f0483" n="479"/>
                <lb/>
                 abzielte, sie »vertrocknen« zu lassen, während die Kassen- <lb/>
                 ärzte gebrannte Magnesia verschrieben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Für Homöopathen jedenfalls war das Industrierevier ein <lb/>
                 Paradies. Paula suchte den berühmten Mann auf, und daß sie <lb/>
                 sich nicht vor ihm auszuziehen brauchte, daß er keinen Mut- <lb/>
                 terspiegel hatte und ihren Leib nicht betastete, war ihr an- <lb/>
                 genehm. Er blickte ihr nur in die Augen, fragte, ob sie schon <lb/>
                 beim Arzt gewesen sei, und sagte dann, nachdem er alles er- <lb/>
                 fahren hatte: »Ihr ganzer Unterleib liegt brach.« So trank sie <lb/>
                 nun seinen Tee, saß allmonatlich einmal in seinem Sprech- <lb/>
                 zimmer und zahlte für die Konsultation zehn Mark. Gehol- <lb/>
                 fen hatte es noch nicht, aber der Homöopath verlangte Ver- <lb/>
                 trauen und Ausdauer, und merkwürdig, hier hatte sie das <lb/>
                 Vertrauen und die Ausdauer, die sie beim Arzt nicht aufbrin- <lb/>
                 gen wollte. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie besprach sich mit Otto wegen des Patengeschenks. »Ein <lb/>
                 Kinderwagen«, schlug er vor. — »Hast du’s so dick sitzen?« <lb/>
                 »Für so’n Kindchen könnt’ ich alles hergeben.« Da schwieg <lb/>
                 sie beunruhigt und ging in ein Kaufhaus, welches das »Haus <lb/>
                 der Beamten« hieß und die Eigentümlichkeit hatte, daß man <lb/>
                 in ein Büro mußte, ehe man an den Ladentisch trat. Dafür <lb/>
                 brauchte man nachher nicht an die Kasse, denn hier wurde <lb/>
                 alles ohne Anzahlung in Raten abgetragen, und die erste Rate <lb/>
                 war erst zwei Monate nach dem Kauftag fällig. Nur mußte <lb/>
                 man sich legitimieren. Paula zeigte am Schalter ihren Aus- <lb/>
                 weis vor, und nachdem der Beamte sich überzeugt hatte, daß <lb/>
                 ihr Mann festangestellt war, empfing sie einen Arm voll For- <lb/>
                 mulare. Sie füllte sie gewissenhaft und geduldig aus, es war <lb/>
                 wie eine amtliche Personenstandsaufnahme. »Das Kredit- <lb/>
                 finanzierungs-Institut verlangt das«, sagte zuvorkommend <lb/>
                 der Beamte, gleichsam als Beteuerung, daß nicht er der klein- <lb/>
                 liche Bürokrat sei, aber doch mit einer gewissen Freude über <lb/>
                 die schönen Formulare. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unzählige Frauen spazierten am Arm ihrer Männer durch <lb/>
                 das Kaufhaus, zeigten auf dies und zeigten auf das. Aus Höf- <lb/>
                 lichkeit teilten die Männer ihre Bewunderung, aber sie woll- <lb/>
                 ten nicht zugeben, daß man von den Herrlichkeiten etwas <lb/>
                 nötig habe. »Sie brauchen doch erst in acht Wochen zu zah-
                <pb facs="#f0484" n="480"/>
                <lb/>
                 len,« sagten die Verkäuferinnen mit berückenden Augen, <lb/>
                 »wit sind hier gar nicht so, mein Herr.« Die Frauen pflanz- <lb/>
                 ten sich vor die Auslagen hin, bohrten und nörgelten, wel- <lb/>
                 chen Vorgang sie »wirtschaftliche Überlegung« nannten. <lb/>
                 Die Männer kratzten sich hinter den Ohren. »Es sind neue <lb/>
                 Schulden«, sagten sie und schauten in die berückenden Augen <lb/>
                 der Verkäuferinnen. »Wir haben eigentlich gar keinen Be- <lb/>
                 darf«—, und dieses »Eigentlich« war schon der Beginn ihrer <lb/>
                 Kapitulation. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Paula kaufte einen Promenadewagen, ein breites, tief ge- <lb/>
                 bautes Modell, das-wie alles wirklich Praktische erst jetzt aus <lb/>
                 Amerika herübergekommen war, während das, was am Ame- <lb/>
                 rikanischen bloße Schwarmgeisterei war, schon langsam ab- <lb/>
                 ebbte. Der Wagen war resedagrün und hatte Glasfenster am <lb/>
                 Verdeck. Otto war ganz verrückt, legte die kleine Melitta in <lb/>
                 die Kissen, gondelte mit ihr durch die Stube, holte plötzlich <lb/>
                 einen Regenschirm, spannte ihn auf, sagte: »Hu, jetzt <lb/>
                 regnet’s auch noch«, schloß die Fenster am Verdeck, sagte: <lb/>
                 »So, nu laß man regnen«, fuhr wieder weiter, hielt den <lb/>
                 Schirm von sich weg, blickte zur Decke, sagte: »Hat schon <lb/>
                 wieder aufgehört, gleich kommt die Sonne«, klappte den <lb/>
                 Schirm zu, öffnete das Verdeck, gondelte abermals durch die <lb/>
                 Stube und rief in einem fort: »Melitta geht teita, geht Me- <lb/>
                 litta teita?« Adam lachte vergnüglich dazwischen und Otto <lb/>
                 improvisierte Wiegenlieder, das war sehr lustig, und derwei- <lb/>
                 len saß Paula bei Alma am Bett und sagte: »Ich krieg’ auch <lb/>
                 noch eins, bestimmt krieg’ ich noch eins.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einige Tage versorgte sie Adams Haushalt, da Alma noch <lb/>
                 sehr hinfällig und schonungsbedürftig war. Sie lag gern im <lb/>
                 Fenster, die Arme verschränkt und aufs Fensterbrett gestützt, <lb/>
                 das Treiben auf der Grusonstraße amüsierte sie. Sogar die <lb/>
                 fliegenden Händler waren jetzt kameralistisch gebildet und <lb/>
                 riefen: »Kauft Obst, Leut, das ist keine unnötige Ausgabe, <lb/>
                 Obstessen ist gesund, die paar Groschen rentieren sich!« Sie <lb/>
                 lachten über sich selbst, die Frauen lachten mit, und dabei <lb/>
                 wurden jene ihre Ware, diese ihr Geld los. Auch Paula kauf- <lb/>
                 te. Wie raffiniert, dachte sie, was für ’ne unwiderstehliche <lb/>
                 Zudringlichkeit, man is ja wie hypnotisiert. Unter den
                <pb facs="#f0485" n="481"/>
                <lb/>
                 Kindern fielen ihr welche mit Mützen aus schwarzem Samt <lb/>
                 auf, ausgezeichnet durch eine in Grün gebettete Goldlitze; <lb/>
                 Adam erklärte ihr, das seien Zöglinge der Rudolf-Steiner- <lb/>
                 Schule. »Mensch, wat is dat denn?« fragte sie. — »Ja, das <lb/>
                 wissen die auch nicht. Sie haben gehört, daß’n Kumpel sein <lb/>
                 Kind da hatte, <sic>getzt</sic> machen sie’s eben nach.«— »Was lernen <lb/>
                 die denn da? Chinesisch?« — »Sowas Ähnliches. Sie tun die <lb/>
                 Buchstaben nicht schreiben, weißt du, sie tun sie tanzen.« — <lb/>
                 »Junge, Junge, wie fein!«— »Ja, das sagst du man gut. Fei- <lb/>
                 ner wie die Volksschule auf alle Fälle. Darum geht’s die ja <lb/>
                 bloß. Und doch nicht so teuer wie’s Gymnasium.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schräg gegenüber, vor dem Haus Nummer 13, steht eines <lb/>
                 Morgens eine Gemüsekarre mit einem kleinen, dürren Gaul <lb/>
                 davor, der schwarze Klappen über den Augen hat und sich <lb/>
                 vergebens abmüht, mit dem kurzgeschorenen Schwanz die <lb/>
                 Fliegen zu verscheuchen. Der Wagen hat altes Möbel gela- <lb/>
                 den, zwei Bettstellen, Matratzen, Schrank, Sofa, Tisch, <lb/>
                 Herd und vier Stühle. Ein Mann und eine Frau sind dabei, <lb/>
                 beide elegant angezogen, der Mann mit gestreifter Hose und <lb/>
                 schwarzer Jacke, die Frau mit Baskenmütze und dunkelblau- <lb/>
                 em Taffetkleid. Sie verhandeln mit zwei Arbeitslosen, die sich <lb/>
                 angeboten haben, die Möbel ins Haus zu schaffen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Zwei Mark pro Mann,« fordern die Arbeitslosen so laut, <lb/>
                 daß man es über die Straße hinweg hören kann, »darunter <lb/>
                 arbeiten wir überhaupt nicht, das ist unter Stempelbrüdern <lb/>
                 Taxe.« Der Mann neigt sich lässig vornüber und wippt ein <lb/>
                 bißchen mit den Fußspitzen: »Drei Mark das Ganze.« Es <lb/>
                 dauert noch lange, bis sie handelseinig werden, alle Frauen <lb/>
                 der benachbarten Häuser liegen in den Fenstern und sehen zu, <lb/>
                 etliche sprechen von Fenster zu Fenster. »So ’n Staat, wie <lb/>
                 die anhaben, und dabei so ’n Klüngelszeug auf’n Wagen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Frau da unten blickt herausfordernd umher, Paula <lb/>
                 kann jetzt in ihr volles Gesicht sehen. Ach nee, denkt sie, ist <lb/>
                 das nicht..., wer ist das bloß? Das muß sie doch wissen, sie <lb/>
                 nimmt die Einkaufstasche und geht hinunter. Sie geht auf die <lb/>
                 andere Straßenseite hinüber und dicht an die Frau heran. <lb/>
                 Dann zögert sie: das Gesicht ist es, aber die Haut ist so le-
                <pb facs="#f0486" n="482"/>
                <lb/>
                 dern und um die Augen sind so tiefe blaue Ringe. Nun sieht <lb/>
                 auch die Frau scharf nach ihr hin, unwillkürlich bleibt sie vor <lb/>
                 ihr stehen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Leni?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Paula?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Frau Wittkamp geborene Griguszies.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Frau Schäfer geborene Milius.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Leni Milius... Also doch! </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Du hast dich nicht viel verändert«, sagt sie. Paulas <lb/>
                 Blick schätzt sie ab, sie bemerkt es und fährt fort: »Aber ich, <lb/>
                 wohl? Ja-—, das kommt vom guten Leben.« Es soll ein un- <lb/>
                 befangenes Lächeln sein, aber halb und halb wird es ein <lb/>
                 Seufzer, und noch in das Lächeln hinein bricht sie voll Bitter- <lb/>
                 keit los: »Hast du ’ne Ahnung, ich hab’ auch immer ge- <lb/>
                 glaubt, ich zöge die Männer aus, zuletzt sind sie es doch, die <lb/>
                 einen drauftreiben. Getzt ist auch noch etwas unterwegs von <lb/>
                 dem ollen Bullen. Da hab’ ich den Schäfer eben geheiratet, <lb/>
                 ernähren muß ich ihn ja sowieso.« Ihre Stimme ist ein hu- <lb/>
                 schendes Geflüster. »Von welchem ollen Bullen?« sagt <lb/>
                 Paula ahnungslos, »und warum mußt du ihn ernähren?« <lb/>
                 Aber da schreit im Hausflur der Mann: »Sind denn die ver- <lb/>
                 dammten Brocken bald dein? Na wat denn, wat denn, wat <lb/>
                 denn! Du bist hier schon wieder am Quatschen, und ich soll <lb/>
                 mich um den Kram kümmern!« Ist das ein Prolet, denkt <lb/>
                 Paula, was für brutale Augen, was für sinnliche Augen, die <lb/>
                 können einen knebeln, so’n rohen Kerl. Ängstlich sieht sie <lb/>
                 nach Leni, die wendet sich ab und fängt an zu husten, <lb/>
                 o welch kurzer trockener Husten, o welch verdächtiger <lb/>
                 Husten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich komme ja schon«, sagt Leni, »ich hab’ hier ’ne <lb/>
                 Freundin getroffen, wir haben uns so lang nicht gesehen, <lb/>
                 nämlich...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ah...« Leise lachend nähert er sich und sagt mit einer <lb/>
                 frechen Galanterie: »Deine Freundin soll auch meine Freun- <lb/>
                 din sein, guten Morgen, gnädiges Fräulein, Schäfer ist mein <lb/>
                 Name,« Paula ist wie gelähmt, weil sie das alles nicht ver- <lb/>
                 steht, das sind ja lauter Rätsel, am Ende träumt sie gar? Leni <lb/>
                 jedoch deutet ihren entgeisterten Blick anders und macht eine
                <pb facs="#f0487" n="483"/>
                <lb/>
                 Bemerkung, so hämisch, wie nur Schwindsüchtige sie ma- <lb/>
                 chen können: »Vielleicht kennt ihr euch schon —? Mein <lb/>
                 Mann war nämlich früher Assistent bei deinem Bilgenstock.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ungeduldig lauert sie auf die Wirkung, aber jetzt ist die <lb/>
                 Reihe, zu erstaunen, an ihr—: wie das von Paula abprallt, <lb/>
                 wie sie ihnen die Hand gibt und hell auflacht: »So? Da kann <lb/>
                 man euch ja füreinander gratulieren«, und wie sie leichtfüßig <lb/>
                 weitergeht wie eine Prinzessin und die beiden in Verblüffung <lb/>
                 vor ihrem Gerümpel stehen läßt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unterwegs noch lacht Paula. So eine sagt »dein Bilgen- <lb/>
                 stock«— so eine. Jetzt, nach zehn Jahren, sagt die das noch, <lb/>
                 ausgerechnet die. Was ist in den zehn Jahren nicht alles ver- <lb/>
                 gessen worden! Mord und Totschlag ist vergessen worden <lb/>
                 von heut auf morgen. Was einer an Schlechtigkeiten in der <lb/>
                 Zeit begangen hat, ist ausgewischt. Mörder und Diebe dieser <lb/>
                 Zeit werden geehrt und viele davon sind in Amt und Wür- <lb/>
                 den. Es war ja gar keine Zeit, heißt es, die Zeit war aus den <lb/>
                 Fugen, da darf man keinem Schuft was nachrechnen, und so <lb/>
                 ein Allerweltsliebchen will mich an Bilgenstock erinnern. <lb/>
                 Weiß wohl jeder, wie das damit gewesen ist. — Jeder? Nein, <lb/>
                 eben nicht jeder. Das ist ja gerade das Amüsante daran. Aber <lb/>
                 vier Menschen wissen es, sie selbst, Bilgenstock, Adam und <lb/>
                 Otto. Das genügt, um frei zu sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und jetzt hört sie auch wieder den Klang von Ottos <lb/>
                 Stimme, den Klang von damals, als er mit ihr gehen wollte <lb/>
                 und sie ihm alles beichtete, von den Nachstellungen Bilgen- <lb/>
                 stocks an bis zur Fehlgeburt, und wie sich die Liebschaft in <lb/>
                 eine politische Sphäre hob. »Daran sehe ich,« sagte Otto <lb/>
                 Wittkamp, »daß man zu dir Vertrauen haben kann. Du hast <lb/>
                 ihm ja gar nicht angehört. Dir hat er gehört. Dich mag an- <lb/>
                 fechten, was will, du wirst dich immer wiederfinden, du bist <lb/>
                 unter all den aufgespießten Schmetterlingen ein richtiger <lb/>
                 Mensch.« Seltsame Reden führen die Männer beim ersten <lb/>
                 Mal. Ja, das tun sie, So einen Satz brächte Otto jetzt nicht <lb/>
                 mehr zusammen, denkt Paula, so gewählt kann er sich gar <lb/>
                 nicht mehr ausdrücken, obgleich er sich in seinem Sinn doch <lb/>
                 gar nicht geändert hat. —- — </p>
            <pb facs="#f0488" n="484"/>
            <p>
                <lb/>
                 Das letzte Jahr, das Leni Milius bei Herrn Edelbert Körsch- <lb/>
                 gen verbracht hatte, war es dort hoch hergegangen. Dem <lb/>
                 Nationalen Arbeiterbund war vom Arbeitsgericht beschei- <lb/>
                 nigt worden, daß er mit den früheren Werkvereinen nichts <lb/>
                 zu tun habe, und Herr Körschgen hatte etwas voreilig daraus <lb/>
                 gefolgert, daß seine Tariffähigkeit als Gewerkschaft nunmehr <lb/>
                 anerkannt sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine neue Formel war: der Bund sei nicht »wirtschafts- <lb/>
                 friedlich«, sondern »wirtschaftsfördernd«. Er berief mehrere <lb/>
                 Versammlungen ein, die jedoch von Walkowiaks und Bilgen- <lb/>
                 stocks Anhängern gesprengt wurden. Er besaß ein Auto und <lb/>
                 war immer »auf Tour«, bald für den Nationalen Arbeiter- <lb/>
                 bund, bald für die Arbeitsgemeinschaft Vaterländischer Ver- <lb/>
                 bände, bald für das Wochenblatt aus dem Hachenpoot-Ring. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Redaktionsarbeit der »Freien Meinung« bestand haupt- <lb/>
                 sächlich darin, daß Leni Milius Briefe an Geschäftsleute, Bau- <lb/>
                 unternehmer und Konfitürenfabrikanten schreiben mußte, <lb/>
                 die alle folgendermaßen begannen: »Es sind uns einige Arti- <lb/>
                 kel nebst den erforderlichen Unterlagen zugegangen, worin <lb/>
                 schwere Vorwürfe gegen Sie erhoben werden. Wir möchten <lb/>
                 diese Artikel jedoch nicht veröffentlichen, ohne in einer vor- <lb/>
                 herigen Rücksprache mit Ihnen die Dinge geklärt zu haben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Manchmal kam überhaupt keine Antwort darauf dann <lb/>
                 erschienen die Artikel nicht. Manchmal wurde erwidert: die <lb/>
                 Veröffentlichung des Ihnen vorliegenden Materials wird er- <lb/>
                 gebenst anheimgestellt -- dann erschienen die Artikel eben- <lb/>
                 falls nicht. Manchmal aber fand sich der Adressat auf der <lb/>
                 Redaktion ein; Leni hatte bald heraus, daß dies entweder die <lb/>
                 Überängstlichen waren oder solche, die wirklich »Dreck am <lb/>
                 Stecken« hatten. Nebenan hätte sie die Unterredungen ab- <lb/>
                 horchen können, darum fuhr Herr Körschgen mit diesen Be- <lb/>
                 suchern immer in seine Wohnung. Sie sah nur, daß auch diese <lb/>
                 Artikel nicht erschienen. Das Aas kriegt Schweigegeld, <lb/>
                 dachte sie zähneknirschend, dafür muß er bei mir bluten, <lb/>
                 dafür soll er mir Haare lassen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Edelbert Körschgen dagegen wurde zerstreut und <lb/>
                 nervös und klagte über Geldmangel. Einmal bekam sie ihr <lb/>
                 Gehalt erst am Zehnten, einmal gar erst am Zwanzigsten. Sie
                <pb facs="#f0489" n="485"/>
                <lb/>
                 glaubte ihm nichts. Eines Tages fuhr er nicht mehr Auto; er <lb/>
                 sagte, es sei gepfändet worden. Auch das glaubte sie nicht. <lb/>
                 »Sie wollen mich verkohlen, Sie? Da müssen Sie sich eine <lb/>
                 Dummere aussuchen.« Doch hielt sie es für geraten, ihm kei- <lb/>
                 nen Vorwand für einen Bruch zu liefern, und war ihm sofort <lb/>
                 zu Willen, als er es verlangte, sie war diesmal sogar besonders <lb/>
                 gefällig und tat einiges, was er gern hatte, ohne Aufforde- <lb/>
                 rung. Es war das letzte Mal, und sie empfing ein Kind von <lb/>
                 ihm. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Denn am nächsten Morgen war er flüchtig. Statt seiner er- <lb/>
                 schien die Kriminalpolizei im Büro. Leni wurde eingehend <lb/>
                 vernommen, dann wurde das Unterste zuoberst gekehrt und <lb/>
                 eine Menge Papiere beschlagnahmt. Gegen Herrn Körschgen <lb/>
                 war ein Haftbefehl wegen Erpressung, Unterschlagung und <lb/>
                 Wechselfälschung erlassen worden, und noch am nämlichen <lb/>
                 Tag wurde er in Bremerhaven verhaftet. So minutiös er seine <lb/>
                 Flucht vorbereitet hatte — um zwölf Stunden hatte er sich ver- <lb/>
                 rechnet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In seinem Besitz fand man noch fünfzigtausend Mark. Der <lb/>
                 Nationale Arbeiterbund war um siebzigtausend geschädigt, <lb/>
                 der Ring nationaler Zeitungen um zwanzigtausend und die <lb/>
                 Kasse der Arbeitsgemeinschaft Vaterländischer Verbände um <lb/>
                 sechstausend. Dazu kamen die Erpressungen und gefälsch- <lb/>
                 ten Wechsel. Alles in allem hatte er weit über hundertfünfzig- <lb/>
                 tausend Mark ergaunert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Eva Körschgen, der die Wohnungseinrichtung ge- <lb/>
                 hörte, erbot sich, alles zu veräußern und mit dem Kind bet- <lb/>
                 teln, ja sogar arbeiten zu gehen. Gutherzig sagte der Unter- <lb/>
                 suchungsrichter: »Gnädige Frau—, wenn ich Ihnen einen <lb/>
                 Rat geben darf, verwenden Sie, was Sie noch haben, für sich. <lb/>
                 Sie würden sich zugrunde richten, ohne Ihres Mannes Lage <lb/>
                 bessern zu können.« Sie hörte auf zu weinen und fing an zu <lb/>
                 schreien, daß sie das Elend ihres Mannes zu teilen wünsche. <lb/>
                 Der Richter machte mit der Hand eine Bewegung der Un- <lb/>
                 wissenheit und Machtlosigkeit, wie um anzudeuten, daß er <lb/>
                 für solche Erörterungen nicht zuständig sei. Darauf flossen <lb/>
                 ihre Tränen wieder, leise tasteten ihre Hände den Raum ab, <lb/>
                 und die Leere wurde fühlbar. Indem Frau Eva von Herrn
                <pb facs="#f0490" n="486"/>
                <lb/>
                 Edelbert Körschgen sprach, war sie anzusehen wie ein Hünd- <lb/>
                 chen, das sich von seinem Herrn treten läßt, wenn es ihm nur <lb/>
                 nachlaufen darf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 General von Grußenbaum sagte zu der Geschichte nur: <lb/>
                 »Das kommt davon, wenn man die Industriellen sich ihre <lb/>
                 Dienstboten aussuchen läßt. Jetzt nehmen wir die Sache in <lb/>
                 die Hand.« Auch Dr. Krewett meldete seinen Anspruch auf <lb/>
                 die Besetzung des Postens an und präsentierte einen Kandi- <lb/>
                 daten. »Kommt nicht in Frage«, erklärte unwirsch der Ge- <lb/>
                 neral. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich erinnere Sie, daß der Nationale Arbeiterbund eine <lb/>
                 Schöpfung von Herrn Kropf ist!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ein Geschöpf, Herr Doktor, ist noch keine Schöpfung. <lb/>
                 Hier kann nicht jeder seinen eigenen Laden aufmachen. Hier <lb/>
                 ist die Union.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hatte sein Auge auf einen jungen Volksparteiler ge- <lb/>
                 worfen, der in einem unabhängigen, der Eisenindustrie nahe- <lb/>
                 stehenden Blatt gemäßigt fortschrittliche Ideen über Werks- <lb/>
                 gemeinschaften vertrat. Den gedachte er unter der Vorspie- <lb/>
                 gelung, daß er seine Ideen verwirklichen könne, zu kaufen. <lb/>
                 »Wer die Jugend hat, hat die Zukunft«, sagte er. »Diese <lb/>
                 Jungliberalen sind nach ihrem geistigen Wesen zur Jugend- <lb/>
                 gruppe der Union prädestiniert.« Der Staatssekretär a. D. <lb/>
                 pflichtete ihm bei: »In dem Blatt ist er uns tatsächlich unbe- <lb/>
                 quem. So kindlich das Ganze ist, so läuft doch gelegentlich <lb/>
                 ein Satz unter, den unsere Gegner ausschlachten können, <lb/>
                 Nichts ist peinlicher, als wenn ein Zitat beginnt: selbst der <lb/>
                 und der, der gewiß ein unverdächtiger Zeuge ist... Ist er <lb/>
                 aber erst mal im Netz, wird er sich abzappeln, bis er mürbe <lb/>
                 ist.« Immer mehr wuchs der Pressechef in sein Amt hinein, <lb/>
                 immer mehr nahm er den Renaissancegeist des Generals in <lb/>
                 sich auf. Schon verstand er sich in seinen Polemiken vor- <lb/>
                 züglich auf die Kunst, einer Darstellung Zwecke zu unter- <lb/>
                 schieben, die sie nicht hatte, und dann nicht gegen die Dar- <lb/>
                 stellung zu polemisieren, sondern gegen die unterschobenen <lb/>
                 Zwecke. Mit seiner Scheinlogik entwischte er allen Angrif- <lb/>
                 fen. Er war so wenig anfechtbar, wie Kautschuk anfechtbar <lb/>
                 ist. Er glitschte aus, wenn man ihn fassen wollte. Er blies
                <pb facs="#f0491" n="487"/>
                <lb/>
                 einen Nebel vor sich her, dem man nicht zuleibe rücken <lb/>
                 konnte. Er war zu klug, um zu berichtigen, was in den Or- <lb/>
                 ganen der öffentlichen Meinung erschienen war, aber ge- <lb/>
                 schickt genug, um es zu beschwichtigen. Er war nicht mehr <lb/>
                 allein Pressechef, er war auch Rundfunkchef, Er hatte ent- <lb/>
                 deckt, daß vor dem Mikrophon zuweilen Wahrheiten über <lb/>
                 wirtschaftliche Dinge gesagt wurden, und deshalb schleu- <lb/>
                 nigst den Privatdozenten (so nannten sie ihn immer noch, ob- <lb/>
                 gleich er die Professur hatte) beordert, um die völlig unver- <lb/>
                 fängliche Einsendung von Vorträgen zu veranlassen, deren <lb/>
                 Inhalt er mit einem gelinden Sarkasmus als neutral bezeich- <lb/>
                 nete. Seine ganze publizistische Organisation war gut abge- <lb/>
                 dunkelt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. Krewett wurde geschlagen. Kropf selbst unterstützte <lb/>
                 ihn nicht, weil er nach dem Fall Körschgen der Meinung <lb/>
                 war, daß jetzt einmal andere sich die Finger verbrennen müß- <lb/>
                 ten. Überdies beschäftigten ihn gerade Schwierigkeiten, die <lb/>
                 er mit den Familiengruppen hatte, welche hinter der Otto- <lb/>
                 Heinrich-Hütte standen. Sie zogen nicht an einem Strang. <lb/>
                 Er mußte sehen, wie er sich selbst hindurchschlängelte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der neue Mann brachte seine Sekretärin mit und Leni <lb/>
                 Milius wurde entlassen. Mit zehn Mark achtzig wöchentlicher <lb/>
                 Erwerbslosenunterstützung, vierzig Prozent von siebenund- <lb/>
                 zwanzig Mark Wochenlohn, lag sie auf der Straße, wo Schä- <lb/>
                 fer schon längst beheimatet war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Grusonstraße handelten sie mit Flaschenbier und <lb/>
                 Zigaretten. Zu jeder Tages- und Nachtzeit verkauften sie. <lb/>
                 Auch waren immer zechende Männer in ihrer Wohnung, die <lb/>
                 indessen (wie die Hausbewohner sich zuraunten) auch noch <lb/>
                 etwas anderes dort machten. »Verdorrte Bäume brennen am <lb/>
                 besten«, sagte Adam Griguszies, wenn von Leni die Rede war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Morgens schliefen Schäfers bis zehn. So ziemlich alles, <lb/>
                 was bei ihnen vorging, war durch das Gesetz verboten; es <lb/>
                 war der allgemeine Gesprächsstoff, aber keiner dachte etwa <lb/>
                 daran, es der Behörde zu melden, gewiß nicht aus Mitge- <lb/>
                 fühl oder Wohlwollen, sondern weil sie mit der Behörde <lb/>
                 nichts zu schaffen haben wollten und weil es angenehm war,
                <pb facs="#f0492" n="488"/>
                <lb/>
                 einen Platz zu wissen, wo sie Bier und Zigaretten haben <lb/>
                 konnten, wann immer sie danach gelüstete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es ging auch das Gerücht, daß Frau Schäfer Haare auf der <lb/>
                 Zunge habe, und wenn man Kinder schicke, immer zu wenig <lb/>
                 Zigaretten oder zu wenig Wechselgeld gebe und nachher be- <lb/>
                 haupte, sie müßten es verloren haben. Leni behauptete aber <lb/>
                 auch (und das wenigstens war die reine Wahrheit), daß man- <lb/>
                 che Kinder sie mit Spielgeld zu betrügen suchten. Ihr lieb- <lb/>
                 stes Schimpfwort war »Pollacken«. Aber die Pollacken blie- <lb/>
                 ben ihr nichts schuldig. Vor ihrem Parterrefenster spielten <lb/>
                 sich fortwährend keifende Auftritte ab. »Du Schwindsuchts- <lb/>
                 kandidat kannst froh sein, daß du d’r ollen Kerl noch ge- <lb/>
                 kriegt hast, keine Flasche Bier, keine Zigarette verkaufst du <lb/>
                 mehr an d’r Sonntag!« So schimpften die »dicken Pollacken«, <lb/>
                 die aussahen wie wandelnde vollgestopfte Marktkörbe, und <lb/>
                 Leni schrie dagegen: »Der Pöbel!«, und wenn sich die Frauen <lb/>
                 ein Stück entfernt hatten, kamen sie wieder zurück, so würgte <lb/>
                 es in ihnen, und dann ging es von neuem los: »Keine Flasche <lb/>
                 Bier verkaufst du mehr an d’r Sonntag, du Schwindsuchts- <lb/>
                 kandidat« und »Der Pöbel, die Pollacken, die Pollacken, der <lb/>
                 Pöbel«, und wer die gehässigen Mienen sah, hätte geschwo- <lb/>
                 ren, daß hier fortan die grimmigste Feindschaft herrschen <lb/>
                 werde. Aber all dies hinderte nicht, daß sie schon nach we- <lb/>
                 nigen Stunden wieder friedlich beisammen standen und <lb/>
                 klatschten, und wie Adam Griguszies sich ausdrückte, »ein <lb/>
                 Kopp und ein Arsch« waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Leni war jetzt bei einem tüchtigen Spezialisten in Behand- <lb/>
                 lung und fühlte sich kräftiger. Dieser Arzt war im Revier <lb/>
                 wegen seiner wirksamen Tuberkulosebekämpfung bekannt, <lb/>
                 aber er beging einen Fehler: er machte keinen Unterschied <lb/>
                 zwischen Privatpraxis und Kassenpraxis. Der Prüfungsaus- <lb/>
                 schuß der Krankenkasse stellte fest, daß seine Medikamente <lb/>
                 zu teuer seien, und verlangte eine Abkürzung der Kuren. <lb/>
                 Der praktische Arzt, der mit in diesem Ausschuß saß, stimm- <lb/>
                 te der Forderung zu. »Wie können Sie darüber entscheiden, <lb/>
                 Herr Kollege,« sagte der Spezialist, »wo meine Erfahrung <lb/>
                 klipp und klar beweist, daß kürzere Kuren absolut nutz- <lb/>
                 los sind?« Der Herr Kollege berief sich auf die Richtlinien.
                <pb facs="#f0493" n="489"/>
                <lb/>
                 »So!« gab der Spezialist zur Antwort, »diese Richtlinien <lb/>
                 bestimmen also, daß die Krankenkasse Geld zum Fenster <lb/>
                 hinauswirft, ohne den Patienten auch nur ein Jota zu helfen, <lb/>
                 denn darauf läuft das Verfahren doch schließlich hinaus. <lb/>
                 Das kann ich mit meinem Gewissen nicht länger ver- <lb/>
                 einbaren.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Danach lehnte er jede Behandlung für Rechnung der Kran- <lb/>
                 kenkasse ab. Der Herr Kollege referierte in der nächsten Sit- <lb/>
                 zung des Ärztevereins über die Verletzung der Standesehre <lb/>
                 durch ärztliche Reklameschilder, die das zulässige Maß um <lb/>
                 zwei Zentimeter überschritten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie sie einst von Mann zu Mann gewandert war, so wan- <lb/>
                 derte Leni jetzt von Arzt zu Arzt. Die meisten saßen über <lb/>
                 ihren Büchern und trugen Zahlen ein, während sie fragten: <lb/>
                 »Haben Sie Appetit? Können Sie schlafen? Haben Sie viel <lb/>
                 Verkehr? Haben Sie Auswurf? Müssen kräftig essen, ge- <lb/>
                 mischte Kost, viel Butter, frische Luft...« Sie waren nur <lb/>
                 noch die Buchführer der Krankenkassen. Sie beschwerten sich <lb/>
                 über die Bettelpfennige, die die Krankenkassen ihnen zahl- <lb/>
                 ten, und über die Unpünktlichkeit und Nachlässigkeit, wo- <lb/>
                 mit gezahlt wurde; sie traten auch einmal in den Streik, aber <lb/>
                 sie konnten sich trotzdem nicht entschließen, auf diese Gro- <lb/>
                 schen zu verzichten. Die Kassendirektoren wiederum beklag- <lb/>
                 ten sich, daß so viele Leute krank geschrieben und so viele <lb/>
                 Arzneien verordnet würden. So verpflichtete das ganze Sy- <lb/>
                 stem diese Ärzte zur Oberflächlichkeit. Sie wurden lässig und <lb/>
                 übertrugen die Lässigkeit, denn schließlich waren sie genau <lb/>
                 so gut Berufsmenschen wie Kanzlisten, Richter und Ge- <lb/>
                 schäftsreisende, gewohnheitsmäßig auf ihre Privatpraxis, ver- <lb/>
                 loren infolgedessen Kundschaft und mußten nur um so mehr <lb/>
                 an den Kassen kleben. In diesem mysteriösen Kreislauf, der <lb/>
                 unter der Hülle einer für die ganze Welt vorbildlichen Sozial- <lb/>
                 politik vor sich ging und den Unternehmern die breitesten <lb/>
                 Angriffsflächen bot, wurden die Versicherten mitgeschleift, <lb/>
                 wie zur Zeit der Christenverfolgungen die Märtyrer des Glau- <lb/>
                 bens, die mit den Füßen an den Schwanz wilder Pferde ge- <lb/>
                 bunden wurden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Neubau der Krankenkasse war eins der luxuriösesten
                <pb facs="#f0494" n="490"/>
                 Gebäude der Stadt. Bevor den Versicherten ein Kranken- <lb/>
                 schein ausgehändigt wurde, mußten sie fünfzig Pfennig ent- <lb/>
                 richten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vom ersten Tag an zahlten Schäfers keine Miete. »Laß sie <lb/>
                 für uns sorgen«, sagte Leni. Nach einiger Zeit erwirkte der <lb/>
                 Hausbesitzer ein Räumungsurteil, aber jedesmal, wenn es <lb/>
                 vollstreckt werden sollte, lagen Leni oder Schäfer krank zu <lb/>
                 Bett und zeigten ein ärztliches Attest vor. Als dann Leni <lb/>
                 mit einem skrofulösen Knaben niederkam, war überhaupt <lb/>
                 nicht mehr an Räumung oder Mietekassieren zu denken. <lb/>
                 Dafür schaffte sie sich einen ebensolchen Kinderwagen an, <lb/>
                 wie ihn Frau Griguszies hatte, und ihre Kleider waren aus <lb/>
                 feinstem Stoff und von erlesenem Schnitt. Die Leute hielten <lb/>
                 sich darüber auf, daß das alles von Wohlfahrtsgeldern ge- <lb/>
                 macht würde. In der Tat bezog Leni monatlich fünfundzwan- <lb/>
                 zig Mark vom städtischen Wohlfahrtsamt, nachdem sie aus <lb/>
                 der Erwerbslosenfürsorge ausgesteuert worden war. Zudem <lb/>
                 wurde sie von der Karitas betreut, und nur aus diesem Grun- <lb/>
                 de behielt sie die Kahlheit der Zimmer bei und die Dürf- <lb/>
                 tigkeit der Althändlermöbel, aus denen die Not hervorschrie. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Leute im Revier sprachen darüber, daß die evangeli- <lb/>
                 schen Pfarrer es mit den Unternehmern hielten und die Ka- <lb/>
                 pläne mit den Arbeitern. Ein Jesuitenpater hatte sich in Zei- <lb/>
                 tungsartikeln auf die Seite der Unterdrückten gestellt und <lb/>
                 verlangt, daß ihr Kampf gegen die Unterdrücker moralisch <lb/>
                 und materiell unterstützt werde. In den katholischen Arbei- <lb/>
                 tet- und Knappenvereinen wurde jene praktische Kleinarbeit <lb/>
                 geleistet, ohne welche die Verkündung von Ideen ein Ruf <lb/>
                 in den Wind ist. Der Bezirkspräses setzte sich für diejenigen <lb/>
                 ein, denen die Invalidenrente abgeschlagen wurde, weil sie <lb/>
                 noch eine leichte Arbeitsfähigkeit hätten, und die dann doch <lb/>
                 keine leichte Arbeit fanden — denn war dies eine Zeit, wo <lb/>
                 es Arbeit zum Aussuchen gab? Es war wahrhaftig keine <lb/>
                 solche Zeit. So waren die sozialen Gesetze: sie wußten für <lb/>
                 alles ein Mittel, nur war das Mittel nirgends zu haben. Aber <lb/>
                 der Bezirkspräses war klüger als alle Schlangen auf dem Ge- <lb/>
                 werkschaftsfelde. Er hatte den Erfolg, der anderen versagt
                <pb facs="#f0495" n="491"/>
                <lb/>
                 blieb. Er wußte, daß auch beim Arbeiter nicht die Arbeit <lb/>
                 das ganze Leben ausmacht, und wies das Sekretariat an, alle <lb/>
                 privaten Streitsachen, Miet-, Pacht-, Erbrecht- und Zivilpro- <lb/>
                 zeßsachen zu übernehmen. Der Wert der siegreich vertre- <lb/>
                 tenen Streitfälle belief sich auf 75 000 Mark im Jahr. Das <lb/>
                 waren Sachen, das waren Ziffern, das waren reale Werte. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Übrigens wollten die Leute im Hause bemerkt haben, daß <lb/>
                 Lenis Husten sich immer verschlimmerte, wenn eine Schwe- <lb/>
                 ster oder ein Kaplan zu Besuch war. »Wohlfahrtshusten« sag- <lb/>
                 ten sie dazu. Die Kleider, Anzüge und Schuhe, die sie sich <lb/>
                 von der Karitas schenken ließ, wurden nur im Haus getragen, <lb/>
                 weil sie ihnen für die Straße nicht gut genug waren, und dann <lb/>
                 stand Leni treuherzig und verschämt vor der Schwester und <lb/>
                 machte sich so dünn, daß ihr Rücken nur noch ein Strich war, <lb/>
                 und beteuerte mit Augen, in die sie eine Totenstarre hinein- <lb/>
                 zaubern konnte: »Ja, Schwester. Wir müssen Ihre Sachen <lb/>
                 immer anziehen, wir haben sonst nichts... gar nichts...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist so ungerecht wie nur was,« hieß es darüber in <lb/>
                 der Straße, »andere, wo’s brauchen, kriegen nix, und die <lb/>
                 da spielen die Feinen damit« — und in jeder Straße, nicht <lb/>
                 allein in dieser, gab es mehrere Fälle sowohl der einen wie <lb/>
                 der anderen Art. Alma kam eines Sonntags in heller Empö- <lb/>
                 rung vom Milchholen: »Was meinst du, Adam, was ich eben <lb/>
                 gesehen hab! Kommen da zwei Männer in den Laden mit <lb/>
                 Wohlfahrtsmarken, weißt du, wo die Geschäftsleute Ware <lb/>
                 drauf geben und dann beim Wohlfahrtsamt einlösen. Denkst <lb/>
                 du, sie hätten Milch dafür haben wollen? Vielleicht für ihre <lb/>
                 armen Würmer daheim? Keine Spur. Bares Geld wollten <lb/>
                 sie haben. Die Frau sollte ihnen die Wohlfahrtsmarken ab- <lb/>
                 kaufen. Sie hat gesagt, das darf ich nicht, da sind sie ohne <lb/>
                 zu mucksen abgezogen, aber anderswo haben sie womöglich <lb/>
                 Glück und dann versaufen sie es. Nun gibt ihnen das Wohl- <lb/>
                 fahrtsamt schon Marken, weil sie das Geld immer gleich ver- <lb/>
                 soffen haben, und nun wollen sie auf die Art drankommen.« <lb/>
                 So entrüstet war sie, daß sie sich vergaß und »versaufen« <lb/>
                 sagte statt »vertrinken«, wie es sonst ihre Gewohnheit war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und für diese Bande reibst du dich auf«, setzte sie vor- <lb/>
                 wurfsvoll hinzu. </p>
            <pb facs="#f0496" n="492"/>
            <p>
                <lb/>
                 Adam kratzte sich einen kleinen Pickel von der Nase, <lb/>
                 holte Melitta, die eben zu plärren begann, aus dem Wagen <lb/>
                 und schickte sich mit ungelenken Bewegungen an, sie trocken <lb/>
                 zu legen. »Nein, Alma«, sagte er bedächtig. »Die Sorte ist <lb/>
                 es sicher nicht, wo ich für arbeite. Es gibt überall schlechte <lb/>
                 Elemente, und überall haben sie die Nase vorn. Wie willst <lb/>
                 du sie aus der Welt schaffen? Das arbeitsscheue Gelichter <lb/>
                 hat jetzt gute Zeit, wo man’s äußerlich von die ehrlichen <lb/>
                 Arbeitslosen nimmer unterscheiden kann. Die kommt der <lb/>
                 Arbeitsmangel grad’ zupaß. Da haben sie’n Freibrief für <lb/>
                 ihre Sauereien, da machen sie ’ne Gelegenheit zur Anma- <lb/>
                 Bung draus. Ich seh’ das ja in den Versammlungen. Was der <lb/>
                 Bilgenstock quatscht, das geht auf keine Kuhhaut, aber für <lb/>
                 die da ist das grad’ richtig. Die ganzen ernstgemeinten De- <lb/>
                 monstrationen werden von den Lumpen versaut. <sic>Geder</sic> Ge- <lb/>
                 wohnheitsverbrecher entschuldigt sich mit Arbeitslosigkeit, <lb/>
                 die hätt” ihn auf die Rutschbahn gebracht, bis runter im Kel- <lb/>
                 ler. So ist es ja immer, von die Kerle da wird gleich aufs <lb/>
                 Ganze geschlossen, und die Ordentlichen, wo von ihre paar <lb/>
                 Unterstützungsgroschen lieber die Miete bezahlen als daß sie <lb/>
                 sich auch nur ein Glas Bier trinken gehen, die lieber nichts <lb/>
                 fressen, als daß sie ein Stück Brot annehmen, wo nicht be- <lb/>
                 zahlt ist, die sich genieren, weil sie da so untätig rumhocken <lb/>
                 müssen, die sich auf die Ämter rumschubsen lassen, während <lb/>
                 die anderen ’ne freche Schnauze riskieren und damit durch- <lb/>
                 dringen, siehst du, die müssen drunter leiden, die werden <lb/>
                 verunglimpft, die werden dauernd mit das Pack verwechselt. <lb/>
                 Was will man dran machen, Alma?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Na ja, das sagst du so, weil du ein gutes Gemüt hast, <lb/>
                 Adam. Aber ich brauche mir ja nur die Bettler anzusehen, <lb/>
                 die hier alle Tage klingeln, was die für Märchen erzählen, <lb/>
                 da hab’ ich genug. Vorige Woche war einer zweimal hier. <lb/>
                 Einmal war er zehn Monate arbeitslos, mit sechs kleinen Kin- <lb/>
                 dern, und seine Frau gestorben. Das andere Mal hatte er <lb/>
                 einen Unfall bei der Arbeit gehabt und seine Frau in der <lb/>
                 Nacht das achte Kind bekommen. Die Tage hat Vater mir <lb/>
                 erzählt, daß sich auf seinem Schacht einer freiwillig gemeldet <lb/>
                 hat, weil er für einen anderen entlassen werden wollte. Und
                <pb facs="#f0497" n="493"/>
                <lb/>
                 warum? Er hatte seinem Mädchen ein Kind gemacht und <lb/>
                 wollte sich an den Alimenten vorbeidrücken und die Unter- <lb/>
                 haltspflicht dem Wohlfahrtsamt zuschieben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich sage dir ja, Alma..., ja, was soll ich sagen? Die Er- <lb/>
                 werbslosigkeit, die die Unternehmer gemacht haben, setzt <lb/>
                 die Faulwämse instand, daß sie sich mit’n Heiligenschein von <lb/>
                 unverdiente Armut und mißbrauchte Kreaturen rausputzen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alma fügte sich noch nicht darein. »Da drüben wohnt <lb/>
                 einer, da, da kannst du ihnen grad in die Fenster sehn, die <lb/>
                 haben ein Leben wie Gott in Frankreich, und der Mann geht <lb/>
                 schon jahrelang betteln.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja, Alma, ja, ja, ja... Ich geb’ zu, daß das Gesindel <lb/>
                 in der Mehrzahl ist. Selbstverständlich geb’ ich das zu. Du <lb/>
                 mußt aber doch auch bedenken, was das heißt, ein Jahr ohne <lb/>
                 Arbeit sein. Das kann den besten Familienvater zum schof- <lb/>
                 len Ker! machen..« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Von mir kriegt kein Bettler mehr was, basta. Über- <lb/>
                 haupt — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Überhaupt? Raus damit, du hast schon lang was auf’n <lb/>
                 Herzen, das hab’ ich doch gemerkt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich will hier raus, Adam. Ich will in eine andere Gegend. <lb/>
                 Ich will in eine Neubauwohnung.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Alma! Alma! Wie sollen wir denn die hohe Miete auf- <lb/>
                 bringen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es muß gehen, es geht alles, ist nicht alles gegangen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie nahm das Kind auf den Arm und lehnte sich an ihn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Weißt du, Adam. Und den Pollackennamen könnten wir <lb/>
                 auch ändern lassen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam sah in ihre heißhungrigen Augen und erbebte. Er <lb/>
                 fühlte sich schwach, verloren, niedergemäht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während sie dies noch beratschlagten, kam aus England <lb/>
                 die Nachricht, daß die Bergleute dort in den Streik getreten <lb/>
                 seien. Für das Revier bedeutete es einen unerwarteten Kon- <lb/>
                 junkturaufschwung. Zechen und Hütten rüsteten sich. Ra- <lb/>
                 pide ging die Arbeitslosigkeit zurück, ohne freilich ganz auf- <lb/>
                 zuhören. Unternehmer und Arbeiter sympathisierten gleich <lb/>
                 herzlich mit den Streikenden, fürwahr ein seltener Fall. Die
                <pb facs="#f0498" n="494"/>
                <lb/>
                 Redakteure des Hachenpoot-Rings mußten journalistische <lb/>
                 Eiertänze vollführen, damit es nicht gar so sehr nach Streik- <lb/>
                 verherrlichung aussah, und täglich zweimal über ihre Schat- <lb/>
                 ten springen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sechs Wochen währte der englische Streik, sechs Monate <lb/>
                 die Konjunktur des Reviers. In der Union wurde man all- <lb/>
                 mählich wieder skeptisch, der junge Schellhase meinte, es <lb/>
                 sei überhaupt nur eine MENGENKONJUNKTUR gewesen, <lb/>
                 an der man nichts verdient habe, und wenn man die Produk- <lb/>
                 tion zu einer Rekordhöhe gesteigert habe, so sei das bloß <lb/>
                 ein Akt der Selbstlosigkeit gewesen. Nur Kropf rieb sich <lb/>
                 die Hände: »Sagen Sie, was Sie wollen, der englische Wett- <lb/>
                 bewerb kehrt so schlimm nicht wieder wie er war. Die staat- <lb/>
                 liche Subvention von drei Komma fünf Schilling die Tonne <lb/>
                 ist weggefallen, das ist auch durch die Lohnherabsetzung und <lb/>
                 Arbeitszeitverlängerung nicht auszugleichen. Außerdem das <lb/>
                 Psychologische, meine Herren! Glauben Sie denn, daß die <lb/>
                 englischen Bergknappen nach ihrer Niederlage mit dem frü- <lb/>
                 heren ETHOS an die Arbeit gehen werden? Ich nicht, bitte <lb/>
                 unterschätzen Sie das Ethos nicht. Ich halte die deutsch- <lb/>
                 englische Kohlenverständigung für unmittelbar bevorste- <lb/>
                 hend.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Hoffnung, die in dieser Zeit alle Herzen erfüllte, trug <lb/>
                 das ihrige dazu bei, daß Adam seinen Widerstand gegen <lb/>
                 Almas Wünsche aufgab. Durch Vermittlung eines Freundes <lb/>
                 aus der Stadtverordnetenfraktion wurde ihm eine Wohnung <lb/>
                 in einer neuen städtischen Siedlung zugesprochen, die nach <lb/>
                 modernen hygienischen und wohnungswirtschaftlichen Prin- <lb/>
                 zipien — ein Äußerstes an Raum, Luft, Licht, Bequemlich- <lb/>
                 keit — erbaut war und hauptsächlich kinderreiche oder sonst- <lb/>
                 wie bedrängte Familien aufnehmen sollte. Da die Häuser <lb/>
                 gleichförmig strenge und unverzierte Fassaden hatten, sag- <lb/>
                 ten die Arbeiter, es sei eine »Zuchthaussiedlung«, es kämen <lb/>
                 ja auch nur kleine Leute hinein, die achte man natürlich für <lb/>
                 nichts, für die sei das Einfachste gut genug. Daher bemüh- <lb/>
                 ten sie sich, den Raum durch eine Fülle von Möbelstücken, <lb/>
                 Wandschonern, Sprüchen in Holzbrand, Blumenbänken und <lb/>
                 Nippsachen zu verkleinern und die Helligkeit mit dekorati-
                <pb facs="#f0499" n="495"/>
                <lb/>
                 ven Flittern, Immortellensträußen und speckigen Stoffgarni- <lb/>
                 turen hinauszujagen. Sie überklebten die einfarbig getünch- <lb/>
                 ten Wände mit bunten Tapeten und behingen die in die Wand <lb/>
                 eingelassenen Schränke mit Portieren. Die Spülküchen be- <lb/>
                 nutzten sie zum Wäschewaschen und die Balkons zur Müll- <lb/>
                 ablagerung, weil ihnen der Weg in die Waschküche und den <lb/>
                 Hof zu weit war. Viele füllten auch noch die Badewanne mit <lb/>
                 Kohlen, um nicht so oft in den Keller hinunter zu müssen. <lb/>
                So trieben sie Raumökonomie auf <hi rendition="#g">ihre</hi> Art. <lb/>
                 »Na also«, sagte Adam. »Da treffen wir ja die Dopslaffs- <lb/>
                 Gesellschaft wieder an, die wir eben verlassen haben.« <lb/>
                 Die Namensänderung wurde vom Regierungspräsidenten <lb/>
                 genehmigt. Sie hießen jetzt Grieghöfer und wohnten in <lb/>
                 einem Neubau: Alma tat es wohl, ein so neues Reich vor <lb/>
                 sich zu haben, und sie übersah dafür die Umgebung. <lb/>
                 Paula war sprachlos. Sie konnte nur den Bruder anstaunen <lb/>
                 und sagen: »Du bist dich auch noch ’nen Dussel.« Adam <lb/>
                 hob die Arme wagrecht bis zur Höhe der Schulterblätter, <lb/>
                 ließ sie wieder sinken und wußte außer dieser Gebärde der <lb/>
                 durch die Luft fahrenden, Leere greifenden Arme keine <lb/>
                 Entgegnung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als die Nachwehen des englischen Streiks in der ganzen <lb/>
                 Welt abgeklungen waren und sich herausstellte, daß Groß- <lb/>
                 britannien nicht von den Märkten zu verdrängen war, ja <lb/>
                 daß nicht nur die von Kropf prophezeite Kohlenverständi- <lb/>
                 gung in weitere Fernen rückte als je, sondern auch das noch <lb/>
                 riß, was an internationaler Bindung vorhanden war, da be- <lb/>
                 gann im Steinkohlenrevier ein sozialpolitisches Kampfjahr <lb/>
                 erster Ordnung. Es war in der Union von langer Hand vor- <lb/>
                 bereitet worden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Arbeitslosenziffern stiegen erneut. Wer arbeitslos <lb/>
                 wurde, wurde aus den Werkswohnungen exmittiert. Der <lb/>
                 Winter stand vor der Tür und flößte den Menschen Schrek- <lb/>
                 ken ein, weil sie das Leid und den Schmutz, der es begleitet, <lb/>
                 bei Sonnenschein und Vogelsang weniger trüb und stinkend <lb/>
                 und gefahrdrohend fanden als bei Schnee und Kälte. Die <lb/>
                 ungeheure Verbreitung jener Gemütskrankheit, welche die
                <pb facs="#f0500" n="496"/>
                <lb/>
                 »schlechte Zeit« genannt wurde, und die Unzahl der Strolche <lb/>
                 und Gewohnheitssäufer, die vom allgemeinen Mitleid pro- <lb/>
                 fitierten, führte zu einer großen Abstumpfung und gefühls- <lb/>
                 mäßigen Abwehr. Ein hungernder Mensch konnte nicht <lb/>
                 mehr ohne weiteres auf Glauben rechnen, aber einem frie- <lb/>
                 renden Menschen wurde noch jederzeit der Hunger geglaubt; <lb/>
                 denn im Unterbewußtsein auch des primitivsten Gehirns <lb/>
                 schlummerte der Kalorienbegriff, wonach ein Mann, dem es <lb/>
                 warm ist, nicht viel zu essen braucht, und ein Mann, dem <lb/>
                 es kalt ist, essen muß, um warm zu werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Schneegestöber, das in der braunen verstockten No- <lb/>
                 vemberluft hing, erschien jedermann wie ein unsinniger Zünd- <lb/>
                 stoff. Jedermann fürchtete die Lunte, die gewiß irgendwo <lb/>
                 und von irgendwem unter einem schäbigen Mantel versteckt <lb/>
                 gehalten wurde. Jedermanns Gesicht war bedenklich wie <lb/>
                 eine Warnungstafel: Achtung! Feuergefährlich! Diese Welt <lb/>
                 darf nicht mit offenem Licht betreten werden! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Viele Umstände kamen zusammen, Das internationale <lb/>
                 Stahlkartell brach auseinander, weil ein Teil der angeschlos- <lb/>
                 senen Länder dazu neigte, die eigenen Verhältnisse auf die <lb/>
                 ganze Welt zu projizieren, und ein anderer wiederum dazu, <lb/>
                 die fremden Verhältnisse auf sich selbst zu projizieren. Der <lb/>
                 eine Teil ließ sich von einem günstigen Bild blenden, der <lb/>
                 andere täuschte ein günstiges Bild vor. Die Tendenz des Kar- <lb/>
                 tells ging dahin, die Preise gewaltsam in die Höhe zu drücken, <lb/>
                 aus den Konsumenten soviel wie möglich herauszuholen und <lb/>
                 das Risiko angehäufter Lager auf die Produzenten abzuwäl- <lb/>
                 zen. Mit anderen Worten: es schaltete sich nicht als Kon- <lb/>
                 trollstelle zwischen zwei Parteien ein, sondern etablierte sich <lb/>
                 als dritte, regierende Partei. Das Instrument kehrte sich ge- <lb/>
                 gen seine Schöpfer — und zerbrach daran, aber es war nicht <lb/>
                 die Intervention der Schöpfer, die seine Unbotmäßigkeit <lb/>
                 strafte, es war vielmehr das latent wirkende Gesetz der Welt- <lb/>
                 wirtschaft. Obgleich das Kartell die Inlandspreise in den ein- <lb/>
                 zelnen Ländern steigerte, konnte es doch nicht jenem im- <lb/>
                 manenten Gesetz zuwiderhandeln, das auf lange Sicht arbei- <lb/>
                 tete und dem es gerade jetzt gefiel, die Weltmarktpreise der <lb/>
                 Rohstoffe zu senken. Es mochte in der Weltwirtschaft Will-
                <pb facs="#f0501" n="497"/>
                <lb/>
                 kürliches geschehen — durchgesetzt werden konnte es nicht. <lb/>
                 Es war schwerer, einen Platz zu halten, als ihn zu erobern. <lb/>
                 Nach den Wirren des Krieges, worin jeder Maßstab ausge- <lb/>
                 merzt worden war, hatte man das Preisniveau einfach mit <lb/>
                 hundertfünfzig Prozent der Friedenspreise bestimmt: aus je- <lb/>
                 nem Gefühl der Unsicherheit, aus jener Furcht vor einer un- <lb/>
                 gewissen Zukunft, aus jenem Mangel an Halt, wofür man <lb/>
                 zusammenfassend die imaginäre Größe »Weltteuerung« er- <lb/>
                 funden hatte. Langsam trat nun der Regulator in Tätigkeit, <lb/>
                 von niemandem mit Willen in Schwung gebracht, unsichtbar <lb/>
                 und ohne jemandes Zutun getrieben von der Wechselseitig- <lb/>
                 keit der aus Anziehung und Abstoßung resultierenden Kräfte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwar entstand der Weltmarktpreis aus Menschenwerk, <lb/>
                 aber er war kein Menschenwerk. Die nationalen Industrien <lb/>
                 mußten sich zurechtfinden, wenn er stieg und wenn er stütz- <lb/>
                 te. Sie fanden sich jedoch lediglich auf Kosten ihrer Lands- <lb/>
                 leute zurecht, sie waren starre, beschränkte Punkte in der <lb/>
                 grenzenlosen Bewegung. Barst auch das internationale Kar- <lb/>
                 tell, so verblieb mit denselben Ansprüchen und denselben <lb/>
                 Manieren die Vielheit der nationalen Kartelle, die sich um <lb/>
                 so rachsüchtiger auf den Inlandsmärkten austobte, je nach- <lb/>
                 giebiger sie auf dem Weltmarkt sein mußte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was das Kohlenrevier anbelangt, so genoß es im inter- <lb/>
                 nationalen Pakt den Schutz eines Tertitorialabkommens, das <lb/>
                 ihm eine monopolistische Stellung auf dem deutschen Markt <lb/>
                 sicherte. Die Spanne zwischen dem deutschen Eisenpreis und <lb/>
                 dem Weltmarktpreis betrug nicht weniger als neunundfünf- <lb/>
                 zig Mark die Tonne; hundertdreiundvierzig kostete die Tonne <lb/>
                 Eisen aus dem Revier und vierundachtzig war der Welt- <lb/>
                 marktpreis. Von allen Seiten bestürmt, warum das so sei, <lb/>
                 erwiderte die Union, daß sie unter ihren Gestehungskosten <lb/>
                 exportieren und sich für die Verluste im Inland schadlos <lb/>
                 halten müsse, und daß es nur an den hohen Steuern, Löhnen <lb/>
                 und sozialen Lasten liege, wenn sie teurer produziere als die <lb/>
                 übrigen Länder. Andererseits wurde durch die Gebietsschutz- <lb/>
                 abkommen gerade jene Strömung in der Union gestärkt, <lb/>
                 die von Kropf ausging und immer den Konnex mit dem <lb/>
                 Weltmarkt vernachlässigte, solange das Inlandsmonopol exi-
                <pb facs="#f0502" n="498"/>
                <lb/>
                 stierte. Der Widersinn dieser Bestrebung kam daher, daß <lb/>
                 das Zweite eben nicht ohne das Erste möglich war — wor- <lb/>
                 über ihrem Vorkämpfer alsbald die Augen geöffnet wurden, <lb/>
                 Als nämlich das internationale Kartell erledigt war, stand so- <lb/>
                 gleich wieder Belgien vor den Toren, war sogleich wieder <lb/>
                 Schweden auf dem Sprung, sahen sogleich wieder alle Län- <lb/>
                 der in den hohen deutschen Eisenpreisen einen Anreiz, in <lb/>
                 den deutschen Markt einzubrechen, juckte sogleich wieder <lb/>
                 den Eisenverarbeitern im Lande das Fell. Diesmal wollten <lb/>
                 sie klüger sein. Sie traten nur einzeln hervor, nach Branchen, <lb/>
                 und wenn irgendein erfolgversprechender Faktor von außen <lb/>
                 den Anstoß gab oder zu Hilfe kam. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So schlossen sich plötzlich die Rasierklingenfabrikanten <lb/>
                 zusammen, um die Konkurrenz der Amerikaner zu bekämp- <lb/>
                 fen, die Deutschland mit neuen Patenten bedrohten, und ver- <lb/>
                 handelten mit einem schwedischen Edelstahlwerk über den <lb/>
                 Bezug von Rohklingen, die hernach in ihren eigenen Werken <lb/>
                 noch geschliffen und poliert wurden. »Verstehen Sie diese <lb/>
                 Logik?« sagte Kropf zu Näßler, als ihre Absicht im Trust <lb/>
                 bekannt wurde. »Zum Krieg gegen Amerika wollen sie sich <lb/>
                 schwedischer Waffen bedienen! So etwas haben früher nur <lb/>
                 die Militärs gemacht! Sind diese Scherenschleifer denn ganz <lb/>
                 verrückt geworden! Wenn sie uns zum Feind haben wollen—, <lb/>
                 gut, das können sie haben. Aber dann bis aufs Messer! Und <lb/>
                 kein Pardon!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Näßler sah seine sanguinischen Stirnadern aus der Haut <lb/>
                 rutschen und begütigte ihn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nur jetzt nichts auf die Spitze treiben... Immer zwei <lb/>
                 Flaschen Selterswasser trinken, bevor man heut in eine Ver- <lb/>
                 handlung geht. Natürlich ist es Humbug, wenn die Klingen- <lb/>
                 fabrikanten sagen, daß ihr Facharbeiterstamm an die schwe- <lb/>
                 dische Ware gewöhnt sei, weil sie schon gehärtet geliefert <lb/>
                 wird — —« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Als wenn wir das nicht auch könnten!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja doch, natürlich, aber in Wirklichkeit will der Klingen- <lb/>
                 verband ja nur die Lieferanten von vornherein gegeneinander <lb/>
                 ausspielen, um ganz billig bedient zu werden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was heißt das für uns?« </p>
            <pb facs="#f0503" n="499"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Es heißt, daß wir im Augenblick keine Prinzipien reiten <lb/>
                 können und ein bißchen vom Pferd herunter müssen, bis <lb/>
                 wir die Schlucht hindurch sind. Kurz und gut, wir liefern <lb/>
                 die Klingen. Wir liefern zum schwedischen Preis. Wir ver- <lb/>
                 pflichten uns, die Patenterteilung an die Amerikaner zu ver- <lb/>
                 hindern. Das heißt... so wird’s de jure im Vertrag stehen. <lb/>
                 De facto sorgen wir dafür, daß die Sache einfach in der <lb/>
                 Schwebe gehalten wird. Der Klingenverband verpflichtet <lb/>
                 sich uns gegenüber zu einem zehnjährigen Rohstoffbezug. <lb/>
                 Die Preiskonvention unterliegt einer jährlichen Nachprü- <lb/>
                 fung. In diesem Moment werden wir dann jedesmal die ame- <lb/>
                 rikanische Gefahr wieder auftauchen lassen.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nur jetzt nichts auf die Spitze treiben« — warum hatte er <lb/>
                 das gesagt? Der Stahltrust lag im Augenblick beim Rennen <lb/>
                 der großen Konzerne nicht in Front, der Auftragsbestand <lb/>
                 war im Rückgang, die Warenvorräte waren im Fortschreiten <lb/>
                 begriffen. Mithin schien er gerade das nicht zu erreichen, <lb/>
                 wozu er nach Meinung Kropfs, Krogolls und der Öffentlich- <lb/>
                 keit gebildet worden war. Seit langem war der Kurs der <lb/>
                 Trustaktien im Fallen. Eingeführt zu 136, während der er- <lb/>
                 sten Zeit einer selbst von der Börse niemals ganz durchforsch- <lb/>
                 ten Rührigkeit auf 164 heraufgeschnellt, litten die Aktien <lb/>
                 jetzt unter einer chronischen Baisse um 96 herum. Mehrfach <lb/>
                 hatte Kropf eine Stützungsaktion gefordert und zuletzt ge- <lb/>
                 droht, daß er den Kurs noch mehr herunterhauen werde, <lb/>
                 wenn nichts geschehe. Es war eine seiner üblichen Rodo- <lb/>
                 montaden, bei denen er sich selbst nichts dachte; demzufolge <lb/>
                 hatte Näßler geantwortet: »Tun Sie das nur, Herr Kropf.« <lb/>
                 Er kannte von Kropf viele pralle Losbrüche wildwüchsiger <lb/>
                 Kraftmeierei, aber er konnte sich nicht erinnern, daß er je <lb/>
                 etwas getan hatte, was, ob bös oder gut, den Namen einer <lb/>
                 Tat verdiente. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Clemens Faulstich hatte alle Hände voll zu tun, das öffent- <lb/>
                 liche Getuschel in Schach zu halten. Der Trust war das red- <lb/>
                 seligste deutsche Unternehmen — wie Püschels chemische <lb/>
                 Werke das schweigsamste waren. Der Trust redete, damit die <lb/>
                 Börse schwieg, und Püschel schwieg, damit die Börse redete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Selbstverständlich wußte niemand so gut wie der Hillgru-
                <pb facs="#f0504" n="500"/>
                <lb/>
                 bersche Kreis, warum der Trust weniger gesund war als die <lb/>
                 Außenseiter Schellhase und Risch-Zander. Es lag an der Ka- <lb/>
                 pitalverwässerung, es lag daran, daß gewisse Besitztümer, de- <lb/>
                 ren Inhaber nicht weit zu suchen war, mit einer ungebührli- <lb/>
                 chen Überbewertung eingebracht worden waren, es lag an der <lb/>
                 Höhe der Anleihen und Genußschein-Operationen, welche <lb/>
                 die fünfhundertste Million erreichten und zusammen mit dem <lb/>
                 Kapital jährlich vierzig Millionen Zinsen vom Gewinn vor- <lb/>
                 wegfraßen. Hätte der Trust einen volkswirtschaftlichen <lb/>
                 Zweck erfüllen sollen, so hätten alle Beteiligten bei der Grün- <lb/>
                 dung ihre Einzelinteressen hintanstellen müssen. Darüber gab <lb/>
                 sich Näßler keinen Illusionen hin, denn es war wohl klar, daß <lb/>
                 Hillgruber nicht den Trust, sondern sich am Trust gesund <lb/>
                 machen wollte, daß er die stolzen Selbstherrschernaturen der <lb/>
                 Magnaten rösten wollte, daß er die Industriehierarchie nicht <lb/>
                 durchbrechen, nur auspumpen wollte, daß es ihn reizte, ihre <lb/>
                 vielgerühmte Energie mit seiner Ausdauer zu vergleichen. <lb/>
                 Näßler wußte auch genau, daß man Krogoll und Kropf nicht <lb/>
                 hätte fangen können, wenn sie sich damals in der Lage ge- <lb/>
                 sehen hätten, ihre Schulden abzuverdienen, oder wenn sie <lb/>
                 den englischen Streik hätten voraussehen können. Jetzt hatte <lb/>
                 der Trust schon seine Patina angesetzt, jetzt war er, mochte <lb/>
                 da und dort auch eine Kleinigkeit abblättern, aus der Tradi- <lb/>
                 tion des industriellen Westens schon nicht mehr wegzuden- <lb/>
                 ken, jetzt waren sie alle in Hillgrubers Zange, jetzt konnte <lb/>
                 keiner mehr ausbrechen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Direktorenkollektiv war ein kampfunfähiges Konglo- <lb/>
                 merat persönlicher Interessenzonen und versuchte die Frage <lb/>
                 zu lösen, wer schob und wer geschoben wurde. Jede Woche <lb/>
                 einmal traten diese Nager und Bohrer, die innerhalb ihrer <lb/>
                 Sphäre keineswegs der Begabung und Geschicklichkeit er- <lb/>
                 mangelten, bei dem Denker und Planer Näßler an, der dar- <lb/>
                 aufhin feststellte, daß die Zusammenarbeit harmonisch ver- <lb/>
                 laufe. Zwischen den Gründerwerken und den großen Ban- <lb/>
                 ken wurden die Aufsichtsräte ausgetauscht, so ähnlich wie ehe- <lb/>
                 mals die Dynastien miteinander vermischt wurden, um die <lb/>
                 Rivalitäten um so ungestörter unter dem Deckmantel der Ver- <lb/>
                 wandtschaft austragen zu können. </p>
            <pb facs="#f0505" n="501"/>
            <p>
                <lb/>
                 Eine östliche Eisenbahndirektion schrieb einen Wettbe- <lb/>
                 werb für eine neue Strombrücke aus. Sowohl der Trust wie <lb/>
                 Risch-Zander beteiligten sich. Der Entwurf mit dem Kenn- <lb/>
                 wort »Jedem das Seine« wurde mit dem ersten Preis bedacht. <lb/>
                 Es war der Entwurf des Trusts. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sieh da«, sagte Dr. h. c. Hiebenstein. »Jedem das Seine. <lb/>
                 Ausgerechnet der Trust! Immerhin. Er stiehlt jedem das <lb/>
                 Seine.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er fuhr zu dem Präsidenten der Eisenbahndirektion, der <lb/>
                 ein Onkel von Dr. van der Gathen war. Das Projekt des <lb/>
                 Trusts kostete 11,2 Millionen, das von Risch-Zander 14,6. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Eisenbahnpräsident hetzte seine Techniker auf den <lb/>
                 Plan. Sie erkundeten: die Beschaffenheit des Bodens sei der- <lb/>
                 art, daß bei Ausführung des preisgekrönten Entwurfs vier <lb/>
                 Millionen Mehrkosten für Bodenbefestigungen entstehen <lb/>
                 würden, während das Risch-Zandersche Projekt sofort aus- <lb/>
                 führbar sei. Näßler hingegen drückte im Verwaltungsrat auf <lb/>
                 den Generaldirektor der Reichsbahn. Druck und Gegen- <lb/>
                 druck, Gutachten und Gegengutachten schienen sich die <lb/>
                 Wage zu halten. Nicht allein die Kunst, auch die Wissen- <lb/>
                 schaft geht nach Brot. Der Finanzrat kam mit einem Vor- <lb/>
                 schlag: auf Grund der letzten Bodenuntersuchungen sollten <lb/>
                 beide Teile zur Einreichung eines neuen Entwurfs aufgefor- <lb/>
                 dert werden. Nach einigen unfreundlichen Erörterungen <lb/>
                 wurde der Vorschlag angenommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Beide hatten jetzt eine Basis im früheren Kostenanschlag <lb/>
                 des Gegners. Jeder bespitzelte den Gegner, der eine im Ver- <lb/>
                 waltungsrat, der andere beim Präsidenten der Eisenbahn- <lb/>
                 direktion. Der Finanzrat war immer um eine Weglänge vor- <lb/>
                 aus, die genau so weit war wie die Entfernung von der öst- <lb/>
                 lichen Direktion bis zum Verwaltungsrat in Berlin. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Endlich lagen die neuen Entwürfe vor: 9,8 Millionen for- <lb/>
                 derte der Trust, 9,3 Risch-Zander. Wie das zugegangen war, <lb/>
                 konnte sich niemand denken. Die Organe der öffentlichen <lb/>
                 Meinung wunderten sich nur ein wenig über eine Kalkulation, <lb/>
                 die zwischen einem früheren und einem späteren Projekt, das <lb/>
                 nach Lage der Dinge eher hätte verteuert sein müssen, solche <lb/>
                 Preisunterschiede zuließ. </p>
            <pb facs="#f0506" n="502"/>
            <p>
                <lb/>
                 Näßler betonte im Verwaltungsrat die technische Überle- <lb/>
                 genheit des Trustentwurfs. Man gab sie zu, ohne ihr die Be- <lb/>
                 deutung einer halben Million zuzubilligen. Den Auftrag er- <lb/>
                 hielt die Risch-Zander A.-G. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch hier zeigte sich wieder, daß die Meinung des Gene- <lb/>
                 rals: es sei wichtiger, sich eines Kleineren zu versichern als <lb/>
                 eines Größeren, nicht von der Hand zu weisen war. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jahr für Jahr zahlte der Stahltrust sechs Prozent Dividen- <lb/>
                 de. Es war eine Prestigedividende, die der verhältnismäßig ge- <lb/>
                 ringen Liquidität des Unternehmens nicht immer entsprach. <lb/>
                 In betontem Gegensatz stellte Finanzrat Hiebenstein ab und <lb/>
                 zu Verlustabschlüsse her und gab sie, während er das Unter- <lb/>
                 nehmen innerlich festigte, mit deutlichem Seitenblick als <lb/>
                 »Bilanzwahrheit« aus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine Zeitlang wurde die Ausschüttung der Dividende <lb/>
                 durch Anleihemittel erleichtert. Daher erwartete man auch <lb/>
                 jetzt, daß der Trust wieder an den Kreditmarkt herantreten <lb/>
                 werde, aber Näßler überraschte mit der Erklärung, daß in <lb/>
                 absehbarer Zeit keine neuen Gelder aufgenommen würden. <lb/>
                 Zwar sagte der Ironiker Mehren, diese Erklärung habe einige <lb/>
                 Beziehung zur Fabel vom Fuchs und den Trauben, aber das <lb/>
                 sagte er nur, weil er jeden Anlaß benutzte, um eine kleine sa- <lb/>
                 tirische Bemerkung anzubringen; natürlich war ihm bekannt, <lb/>
                 was gespielt werden sollte: daß die Schellhases für siebzig <lb/>
                 Millionen die Kuxe einer Gewerkschaft erwerben sollten, die <lb/>
                 in der Nähe ihres Grundbesitzes lag und dem Trust gehörte. <lb/>
                 So zahlten sozusagen die Schellhases die Dividende des Stahl- <lb/>
                 trusts, so wurden auf diesem Terrain die Feindseligkeiten ein- <lb/>
                 gestellt und Annäherungswege beschritten. So übten Hill- <lb/>
                 grubers Jägeraugen, ungesehen und unbehindert brennend, <lb/>
                 zwei feurige Augen inmitten eines spukhaften Dickichts, <lb/>
                 auch diesmal ihre eigentümliche Gewalt; mit dem eiskalten <lb/>
                 Gleichmut dessen, der abwarten kann, mit der sengenden <lb/>
                 Gier dessen, der einen Widerstrebenden zur Anerkennung <lb/>
                 zwingen will. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Freilich war in dieser Zeitpunkt die Befestigung der wirt- <lb/>
                 schaftlichen Macht von derberen Handgriffen abhängig, und
                <pb facs="#f0507" n="503"/>
                <lb/>
                 Näßler bestand darauf, denn er wollte nicht ein zweites Mal <lb/>
                 erleben, wie jemand Siege errang, ohne imstande zu sein, sie <lb/>
                 auszunutzen. »Nur jetzt nichts auf die Spitze treiben« — die- <lb/>
                 ser Satz betraf die kaufmännische Politik. Er ergänzte ihn <lb/>
                 durch einen anderen, der die Sozialpolitik betraf: »Nur jetzt <lb/>
                 keine falschen Sentimentalitäten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Soweit Siegfried Hillgruber überhaupt noch privatim exi- <lb/>
                 stierte, war er ein wehleidiger Mensch, der keinen Bettler se- <lb/>
                 hen konnte und sich mitunter, wenn er auf seinem Ruhebett <lb/>
                 lag und mit den Händen an den schönen Tänzerinnenbeinen <lb/>
                 seiner Gattin entlangfuhr, Gewissensbisse machte. Er sprang <lb/>
                 dann plötzlich auf und seufzte: »Wie weich liegen wir hier, <lb/>
                 Jeanita, und wieviele arme Menschen haben nicht einmal <lb/>
                 einen Stuhl, um sich darauf zu setzen!« Es war kein Gegen- <lb/>
                 satz hierzu, wenn er sich um Sozialpolitik keinen Deut küm- <lb/>
                 merte, es war vielmehr dieselbe delikate Scham, die ihn ab- <lb/>
                 hielt, in Geschäften altruistisch zu denken; es wäre ihm als <lb/>
                 Entweihung eines sehr feinen Gefühls erschienen, das ihm zu <lb/>
                 hoch stand, um es in irdischen Angelegenheiten von der Ro- <lb/>
                 bustheit der seinigen zu betätigen. Deshalb hatte sein Ge- <lb/>
                 neraldirektor Näßler in sozialer Hinsicht freie Hand, und die <lb/>
                 Entwicklung trieb ihn zwangsläufig in den scharfen, einsei- <lb/>
                 tigen Kurs hinein, der bereits Schellhase, Kropf, von Gru- <lb/>
                 ßenbaum und Dr. Krewett vereinigte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit Absicht übernahm Näßler selbst das Referat in der <lb/>
                 Jahresverssammlung der Union, die vor fünfzehnhundert <lb/>
                 Teilnehmern stattfand und durch die Anwesenheit des Wirt- <lb/>
                 schaftsministers, des Arbeitsministers und des Präsidenten <lb/>
                 der Reichsnotenbank das Gepräge einer großen öffentlichen <lb/>
                 Aktion und eines gesammelten Vorstoßes aller ökonomi- <lb/>
                 schen Kräfte des Westens erhielt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wer sonst hätte in dieser Stunde sprechen sollen? Kropf? <lb/>
                 Er wäre wirkungslos geblieben — »die alten Schlagworte, die <lb/>
                 man von dem Redner seit Jahren gewohnt ist«, hätte es ge- <lb/>
                 heißen. Eine Entlarvung der Vokabulatur eines Wirtschaft- <lb/>
                 lers war ja stets ein Schlag gegen das Wesen der Wirtschaft. <lb/>
                 Schellhase junior? Seine süffisante Miene hätte genügt, die
                <pb facs="#f0508" n="504"/>
                <lb/>
                 Phantasie aller Witzblattzeichner zu beflügeln. Der Freiherr <lb/>
                 und Professor Jodoci waren Schönredner, die man mißver- <lb/>
                 stand. Finanzrat Hiebenstein war nicht bekannt genug, Cle- <lb/>
                 mens Faulstich von Wirtz her zu bekannt als Beller. Ein Fi- <lb/>
                 nanzmann wie Mehren kam nicht in Frage. Krogoll hielt <lb/>
                 grundsätzlich keine Vorträge. Also — wer sonst als Näßler? <lb/>
                 Näßler, der als zurückhaltend und diplomatisch galt, jeden- <lb/>
                 falls nicht als scharfmacherisch. Wenn nun auch er eine <lb/>
                 freie Sprache für notwendig hielt, so mußten die Dinge <lb/>
                 schon weit gediehen sein. Dieser Eindruck mußte haften <lb/>
                 bleiben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So redete er denn. Pointiert, doch unpathetisch. Prägnant, <lb/>
                 mit innerem Impuls, drängend, ohne illustrative Bewegung, <lb/>
                 doch Raum lassend für individuelle Abtönung beim Hörer. <lb/>
                 Kein Satz kam geschauspielert an. Kein Satz ging geschau- <lb/>
                 spielert ab. Kein Akzent kam dem Wort zuvor, keiner hinkte <lb/>
                 ihm nach. Nichts von dem schamlosen Wortschwall, nichts <lb/>
                 von dem zänkischen Lärm, der immer eine Maske für Tem- <lb/>
                 peramentlosigkeit ist. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine Gestalt wurde sichtbar an einer Stelle, wo man bisher <lb/>
                 höchstens Mosaik an Mosaik gereiht sah. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Meine Herren! — Wir konstatieren eine traurige Genug- <lb/>
                 tuung. Die Überzeugung wird Allgemeingut, daß wir heute <lb/>
                 nicht diese Rekordziffern von Feierschichten, Erwerbslosig- <lb/>
                 keit, Kapital- und Zinsverlusten hätten, wenn man unseren <lb/>
                 Vorstellungen gefolgt wäre und uns ermöglicht hätte, zu den <lb/>
                 alten bewährten Methoden zurückzukehren, die mittels Be- <lb/>
                 weglichkeit von Lohn und Arbeitszeit auf die Erhaltung der <lb/>
                 Arbeitsstätten für unsere Arbeiter gerichtet waren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Statistik beweist, daß sich die Zunahme der Arbeits- <lb/>
                 losigkeit, abgesehen von Saisoneinflüssen, parallel mit den <lb/>
                 Lohnerhöhungen entwickelt hat. Der teure Arbeiter und An- <lb/>
                 gestellte wird durch die Maschine ersetzt, weil Verzinsung <lb/>
                 und Amortisation der Anschaffungskosten weniger ausma- <lb/>
                 chen als Lohn und Gehalt. Die Mechanisierung dient nicht <lb/>
                 vergrößerter, sondern nur verbilligter Gütererzeugung. Die <lb/>
                 Konjunktur, die wir vorübergehend hatten, war eine Kon-
                <pb facs="#f0509" n="505"/>
                <lb/>
                 junktur der Nachholung dringender Bedürfnisse, keine Kon- <lb/>
                 junktur eines regelmäßigen Verbrauchs, geschweige denn <lb/>
                 eines angesammelten und gesicherten Wohlstands, wie man <lb/>
                 das von Amerika sagen kann. Wenn zuweilen Neu- und Um- <lb/>
                 bauten der Fabriken, die durch die maschinelle Erneuerung <lb/>
                 bedingt werden, einigen Arbeitslosen wieder Beschäftigung <lb/>
                 geben, so kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß das, <lb/>
                 woran sie arbeiten, nach seiner Fertigstellung nur eine ver- <lb/>
                 mehrte Arbeitslosigkeit herbeiführen wird. Die Arbeiter- <lb/>
                 schaft sägt den Ast ab, auf dem sie sitzt, und glaubt sich ge- <lb/>
                 nug belohnt, wenn sie vorläufig noch für das Sägen bezahlt <lb/>
                 wird. Die Weltteuerung der Rohstoffe ist gewichen, aber <lb/>
                 unsere Löhne, Steuern und Soziallasten, folglich auch unsere <lb/>
                 Preise, stehen noch immer auf dem Niveau der Weltteuerung. <lb/>
                 Wie soll die Wirtschaft ihrer Aufgabe genügen, ihr Haus ge- <lb/>
                 sund zu erhalten, um seine finanzielle und technische Stellung <lb/>
                 in der Welt zu behaupten? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Reden nicht tausend Konkurse im Monat eine deutliche <lb/>
                 Sprache? — Die direkten Steuern müssen abgebaut werden. <lb/>
                 Sie sind eine Ausnahmegesetzgebung gegen denjenigen Volks- <lb/>
                 teil, der die Wirtschaft des Landes unterhält. Die indirekten <lb/>
                 Steuern müssen aufgebaut werden. Sie verteilen sich gleich- <lb/>
                 mäßig auf alle Schichten des Volks und treffen in erster Linie <lb/>
                 diejenigen, die den Konsum von Genußmitteln über eine ge- <lb/>
                 sunde Lebenshaltung hinaus vermehren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Meine Herren! — Sozialpolitik und allgemeine Politik ste- <lb/>
                 hen im heutigen Staatswesen mehr als je in engstem Zusam- <lb/>
                 menhang. Der Staatssozialismus bedeutet nicht mehr wirt- <lb/>
                 schaftliche Tat, sondern wirtschaftliche Ausbeutung und <lb/>
                 Nutznießung. Wir haben einen Interessenstaat. Das eigent- <lb/>
                 liche Staatsinteresse, das sich von je im westlichen Unter- <lb/>
                 nehmertum verkörperte, ist vogelfrei. Parteiinteressen wer- <lb/>
                 den mit Hilfe der Staatsallmacht durchgesetzt. Es ist der <lb/>
                 Berliner Pfründengeist, der den wirtschaftlichen und sozialen <lb/>
                 Aufstieg hemmt, das Volk vergiftet und endlosen Hader um <lb/>
                 die Verteilung der Güter züchtet. Die Arbeiterschaft aber <lb/>
                 sucht heute noch ihren Gegner in der Produktionswirtschaft, <lb/>
                 statt in den Nutznießern der Demokratie, als welche sich die
                <pb facs="#f0510" n="506"/>
                <lb/>
                 Sozialbürokratie, die Parteibürokratie und die von den Par- <lb/>
                 teien beherrschte Staatsbürokratie darstellen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mittlerweile schleicht das Übel der Massenarbeitslosigkeit <lb/>
                 weiter und wird chronisch. Die Arbeitslosenversicherung <lb/>
                 wird früher oder später dem Druck dieser Schraube ohne <lb/>
                 Ende erliegen. Was dann, wenn sie nun aufhört, der Puffer <lb/>
                 zu sein, der für die Arbeiterschaft alle jene schweren Schläge <lb/>
                 auffangen und schmerzlos machen sollte, welche der Wirt- <lb/>
                 schaft von der gewerkschaftlichen und staatlichen Lohnpoli- <lb/>
                 tik versetzt werden? Man muß diesen ganzen Wirrwar ein- <lb/>
                 mal auf eine Formel bringen, aus welcher der dumpfe Ton <lb/>
                 der Verzweiflung deutlich herausschallt. Wie geht die Kette? <lb/>
                 So geht sie: Lohnerhöhung und verkürzte Arbeitszeit; über- <lb/>
                 teuerte Produktion; Rationalisierung und Zinsverpflichtung; <lb/>
                 Arbeitslosigkeit; Konsumverminderung; Einschränkung der <lb/>
                 Produktion; Feierschichten; erhöhte soziale Lasten; Unfähig- <lb/>
                 keit zum Wettbewerb auf dem Weltmarkt; Substanzvernich- <lb/>
                 tung und Ruin. Es geht auf die zehn Finger. Jeder Deutsche <lb/>
                 sollte diese Kette jeden Tag beim Aufstehen und Schlafen- <lb/>
                 gehen abzählen, damit jeder erkennt, wie an einem laufen- <lb/>
                 den Band des Irrtums der Widerspruch und der Widersinn <lb/>
                 einer vorgeblich sozialen Politik eine der unsozialsten Er- <lb/>
                 scheinungen unserer Tage zeitigt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Notstandsarbeiten, Arbeitsdienstpflicht oder Lohnzuschüs- <lb/>
                 se aus Öffentlichen Mitteln sind eine Charlatanerie, nichts <lb/>
                 weiter. Wollte man eine Politik der künstlichen Konjunktur- <lb/>
                 belebung einschlagen, so müßte die Vergebung staatlicher <lb/>
                 Subsidien ein Ausmaß haben, das bis jetzt noch niemals von <lb/>
                 irgendeinem Lande zu irgendeiner Zeit erreicht worden ist. <lb/>
                 Und noch jetzt, wo Deutschland ein zur Hungerausfuhr ver- <lb/>
                 urteiltes Industrieland ist, noch in dieser Lage melden die <lb/>
                 Gewerkschaften, wie jener Mann, der zwischen Leben und <lb/>
                 Tod an der abbröckelnden Felskante überm Abgrund han- <lb/>
                 gend, noch Brombeeren schleckt, ihre Ansprüche an: die <lb/>
                 Rationalisierung müsse auch den Arbeitern zugute kommen! <lb/>
                 Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. <lb/>
                 Als ob wir die Rationalisierung gemacht hätten, damit die <lb/>
                 Arbeiter Früchte pflücken können! Wir haben sie gemacht
                <pb facs="#f0511" n="507"/>
                <lb/>
                 als Notmaßnahme, wir waren gewissermaßen die Flurschüt- <lb/>
                 zen, weil die Arbeiter den Baum leerplünderten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Meine Herren! — Man hat nicht auf uns gehört, als wir <lb/>
                 vor weiteren Lohnerhöhungen warnten. Jetzt kommt die <lb/>
                 Befolgung dieser Warnung schon zu spät. Jetzt ist die Lohn- <lb/>
                 reduktion schon unumgänglich. Ein Ersatz wäre allenfalls <lb/>
                 die Verlängerung der Arbeitszeit, natürlich bei gleichbleiben- <lb/>
                 den Löhnen. Der gängige Einwand, daß nicht einmal das <lb/>
                 vorhandene Arbeitsquantum eine volle Beschäftigung gestatte <lb/>
                 — dieser Einwand, meine Herren, entspringt einem Köhler- <lb/>
                 glauben, jener naiven Denkweise, daß das Arbeitsquantum <lb/>
                 etwas Feststehendes und nicht nach der jeweiligen Höhe der <lb/>
                 Produktionskosten veränderlich sei. Das ist ein ebensolcher <lb/>
                 Unverstand, wie wenn jemand in einem Binnenhafen die Le- <lb/>
                 gion der Schleppkähne sieht, die dort leer liegen und verge- <lb/>
                 bens auf Fracht warten, und dann sagt: O, was sind wir reich, <lb/>
                 was haben wir viele Schiffe! Wenn ein Mann bei einem Tage- <lb/>
                 lohn von acht Mark in acht Stunden vier Stück einer Ware <lb/>
                 fabriziert, so ist der Lohnanteil zwei Mark am Stück. Wenner <lb/>
                 bei demselben Tagelohn zehn Stunden arbeitet, so fabriziert <lb/>
                 er fünf Stück und der Lohnanteil am Stück ist nur noch eine <lb/>
                 Mark und sechzig. Das ist eine Verbilligung von zwanzig Pro- <lb/>
                 zent. Das bedeutet erhöhte Absatzmöglichkeit und in ihrem <lb/>
                 Gefolge langsame Steigerung der Erzeugung, Wiedereinstel- <lb/>
                 lung von Arbeitern. Ein klares Exempel. Was zeigt es? Es <lb/>
                 zeigt, daß die scherzhaften Paradoxe anfangen, rauhe Wirk- <lb/>
                 lichkeit zu werden, daß die Arbeitslosigkeit nämlich daher <lb/>
                 rührt, daß zu wenig gearbeitet wird. Meine Herren! Es ist, <lb/>
                 mit Respekt zu melden, ein verdammter Scheißdreck. Ich <lb/>
                 bitte vielmals um Entschuldigung, aber wenn schon der In- <lb/>
                 halt unserer Darlegungen so unpopulär ist, dann wollen wir <lb/>
                 wenigstens eine volkstümliche Sprache führen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wir müssen wieder frei gehen lernen. Wir müssen heraus <lb/>
                 aus der Bevormundung. Wir müssen los vom staatlichen <lb/>
                 Gängelband. Uns treibt keine Gewinnsucht. Aber die Wirt- <lb/>
                 schaft droht von den sozialen Kräften überrannt zu werden. <lb/>
                 Jedes Prozent Lohnerhöhung macht beim Stahltrust unge- <lb/>
                 fähr ein Prozent Dividende aus. Nicht genug, daß die Werke
                <pb facs="#f0512" n="508"/>
                <lb/>
                 die Obligationen, die sie während der Inflation auf Treu und <lb/>
                 Glauben ausgegeben hatten, wider Treu und Glauben haben <lb/>
                 aufwerten müssen — jetzt verlangen die Obligationäre auch <lb/>
                 noch zusätzliche Sicherungen, weil die Gefahr bestünde, daß <lb/>
                 die eben erst sanierten Werke durch Stillegungen entwertet <lb/>
                 werden könnten! Wir werden der weiteren Verfolgung sol- <lb/>
                 cher Irrwege unweigerlich einen Riegel vorschieben. Wir leh- <lb/>
                 nen uns nicht gegen die Staatsautorität auf. Von vielen Seiten <lb/>
                 ist schon früher verlangt worden, daß wir auftrumpfen soll- <lb/>
                 ten. Nein, meine Herren. Die Wirtschaft erstrebt nur solche <lb/>
                 Maßnahmen, die ihr die notwendige Erleichterung verschaf- <lb/>
                 fen, ohne einem anderen Volksteil zu schaden. Eben darum <lb/>
                 lehnen wir den vielberufenen Geist der Zeit ab. Wir sagen, <lb/>
                 was nicht zeitgemäß ist. Wir sagen: Laßt die Wirtschaft end- <lb/>
                 lich einmal in Ruhe!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Resonanz dieser Rede war ein Tumult im ganzen Lan- <lb/>
                 de. Ein Tumult in Worten, wie das »Rhabarber« auf dem <lb/>
                 Theater, ein leeres Geräusch, das sogar akustisch undeutlich <lb/>
                 blieb. Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband faß- <lb/>
                 te eine Resolution, worin er unerbittlich die Verantwortung <lb/>
                 für alle Folgen einer Gehaltskürzung den Arbeitgebern zu- <lb/>
                 schob. Die christlichen Gewerkschaften forderten einen le- <lb/>
                 bendigen Gemeinschaftswillen, eine öffentliche Belehrung <lb/>
                 der Schuljugend über Berufsaussichten und die Bevorzugung <lb/>
                 deutscher Waren durch die deutschen Käufer. »Deutsche, <lb/>
                 laßt nur auf deutsche Schirme regnen!« wurde ein verbreite- <lb/>
                 ter Reklamespruch, denn die Fabrikanten hofften, durch <lb/>
                 Spekulation auf patriotische Instinkte der Untersuchung ihrer <lb/>
                 kaufmännischen Fehler zu entgehen. Die freien Gewerk- <lb/>
                 schaften behaupteten, die Unternehmer müßten zunächst <lb/>
                 einmal ihre Verdienstspanne kürzen, und entsandten an <lb/>
                 den Arbeitsminister eine Deputation aus dem Revier, die <lb/>
                 von Fries und dem »Brillengucker« geführt wurde. Der Mi- <lb/>
                 nister begrüßte sie mit den Worten: »Nun, Genossen? Wo- <lb/>
                 zu habt ihr euch entschlossen? Ich rate euch zur Arbeits- <lb/>
                 zeitverlängerung, sie erscheint mir tragbarer als die Lohn- <lb/>
                 senkung.« Und als Fries ganz statt fragte: »Ist es wirklich
                <pb facs="#f0513" n="509"/>
                <lb/>
                 an dem, Genosse?« — da fuhr er fort: »Ja, kann man denn <lb/>
                 mehr für euch tun, als zu erwirken, daß man euch die Wahl <lb/>
                 läßt? Das Opfer, das ihr bringt, wird auch von der Industrie <lb/>
                 als solches anerkannt, aber es trägt den höchsten Lohn in <lb/>
                 sich selber.« — »Und die Direktoren mit ihrem Einkommen <lb/>
                 von fünfzig- bis hunderttausend Mark?« fragte der Brillen- <lb/>
                 gucker. — »Sie haben zugesagt, daß sie auf fünf Prozentihrer <lb/>
                 Gehälter verzichten werden.« — »Fünf Prozent! Sie werden <lb/>
                 sich irgendwo neu in den Aufsichtsrat wählen lassen, die <lb/>
                 Tantieme bringt den Ausfall doppelt wieder rein. Was sind <lb/>
                 auch drei- oder fünftausend Mark für sie? Nicht so viel wie <lb/>
                 drei oder fünf Mark für einen kleinen Angestellten!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Minister machte ein Zeichen, daß seine Langmut zu <lb/>
                 Ende sei. »Was ihr nur immer mit den Direktoren habt!— <lb/>
                 Natürlich sitzen sie nicht den ganzen Tag auf dem Dreh- <lb/>
                 schemel und schreiben Kolumnen von Zahlen, aber schließ- <lb/>
                 lich müssen sie doch die Arbeit tun, damit ihr die Kolumnen <lb/>
                 schreiben und auf dem Drehschemel sitzen könnt... Fähige <lb/>
                 Köpfe sind eben nicht billig. Wenn man sie mit finanziellen <lb/>
                 Pedanterien belästigt, ziehen sie sich einfach in den Schmoll- <lb/>
                 winkel zurück — und was dann? Ich meine, die Revolutions- <lb/>
                 praxis sollte uns gerade in dieser Hinsicht eine Lehre gegeben <lb/>
                 haben...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einen schwierigeren Stand hatten die Industriellen beim <lb/>
                 Wirtschaftsminister. Er meinte, daß er nun von ihnen sehr <lb/>
                 viel gehört habe, was nach ihrer Ansicht unmöglich sei; es <lb/>
                 verlange ihn, noch mehr von dem zu hören, was nach ihrer <lb/>
                 Ansicht möglich sei. General von Grußenbaum erwiderte, <lb/>
                 durchgreifende Hilfe könne nur durch eine organische Gesun- <lb/>
                 dung der Wirtschaftsgrundlagen in planmäßigem Zusammen- <lb/>
                 wirken aller die Wirtschafttragenden Kräfte geschafft werden. <lb/>
                 »Ach so,« versetzte der Minister, »ja, ja«, und versuchte <lb/>
                 angestrengt, sich etwas dabei zu denken. »Aber unsereiner <lb/>
                 läßt sich so manches durch den Kopf gehn«, sagte er dann. <lb/>
                 »Herr Näßler erwähnte die Masse der Konkurse, in denen <lb/>
                 es selten eine Masse gibt« — diesen Scherz glaubte er den <lb/>
                 Großindustriellen schuldig zu sein —, »ja, man kann nicht <lb/>
                 bestreiten, daß die meisten Zusammenbrüche auf den Lauf
                <pb facs="#f0514" n="510"/>
                <lb/>
                 der Dinge zurückzuführen sind, die der Herr Generaldirek- <lb/>
                 tor gezeichnet hat. Aber daneben, scheint mir, kann doch <lb/>
                 nicht verkannt werden, daß die Privatwirtschaft sich oft zu <lb/>
                 spät den Wandlungen der Zeit anpaßt und auch zu spät den <lb/>
                 Weg zur Sparsamkeit findet. Der Herr Generaldirektor mag <lb/>
                 mit Fug und Recht den Staatssozialismus gebrandmarkt ha- <lb/>
                 ben, aber haben Sie, meine Herren, sich nicht unterdessen <lb/>
                 in Form der Kartelle Ihren Privatsozialismus zugelegt? Herr <lb/>
                 Näßler hat die Glieder der nicht abreißenden Kette aufge- <lb/>
                 zählt — aber gibt es nicht noch andere, die da heißen: pri- <lb/>
                 vatwirtschaftliche Überproduktion, gleichbleibender volks- <lb/>
                 wirtschaftlicher Bedarf, Verstopfung des Marktes, Feier- <lb/>
                 schichten, Verarmung, Leerlauf der ungebührlich ausge- <lb/>
                 dehnten Fabrikanlagen, neue Feierschichten und so fort —? <lb/>
                 Wobei dann immer ein Zuviel an Produktion einem Zuwenig <lb/>
                 an Nachfrage gegenübersteht —? Viele Schäden, die in der <lb/>
                 Verlustliste der Wirtschaft aufgedeckt werden, sind eigent- <lb/>
                 lich in ihrer psychologischen und moralischen Auswirkung <lb/>
                 bedenklicher als in der materiellen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Darüber brauchen wir nicht zu reden«, meinte Kropf und <lb/>
                 bog der angreifenden Lanze die Spitze um. »Mißverstehen <lb/>
                 Sie uns nicht, Herr Minister. Zwischen gesunden und un- <lb/>
                 gesunden Unternehmungen haben auch wir einen Trennungs- <lb/>
                 strich gezogen. Innerhalb eines einzigen Monats hat das Roh- <lb/>
                 stahlkartell die Erzeugung um 260 000 Tonnen vermindert. <lb/>
                 Wir gesunden Unternehmer des Westens haben den Glauben <lb/>
                 an den Wiederaufstieg keineswegs verloren. Bei uns gibt es <lb/>
                 keine Überdimensionen. Man hat uns nur fünfzehn Prozent <lb/>
                 unserer Elastizität gelassen, und doch haben wir durchgehal- <lb/>
                 ten. Geben Sie uns wenigstens achtzig Prozent zurück — und <lb/>
                 die Welt wird ein Wunder erleben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und worin wird das Wunder bestehen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »In der Stärkung des Tatwillens.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und die Stärkung des Tatwillens?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Darin, daß sich die Menge der uns anvertrauten Arbeiter <lb/>
                 in einer Front mit uns zur Wirtschaftsbefreiung zusammen- <lb/>
                 schließt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Präsident der Reichsnotenbank eilte Kropf zu Hilfe,
                <pb facs="#f0515" n="511"/>
                <lb/>
                 indem er sagte, wenn die Lohnerhöhungen früher den Prei- <lb/>
                 sen nachgefolgt seien, so sei es jetzt nur ein gerechter Aus- <lb/>
                 gleich, daß die Lohnsenkungen den Preisen vorausgingen; <lb/>
                 die Einkommensenkung entthrone das laufende Band der <lb/>
                 Irrtümer, wie es Herr Näßler so treffend genannt habe, und <lb/>
                 gebe speziell den kleinen Sparern und den kulturell wichtigen <lb/>
                 Schichten der geistigen Arbeiter neue Hoffnung. Er wußte, <lb/>
                 daß der Minister für derlei Argumente empfänglich war, wie <lb/>
                 alle gebildeten Deutschen, die den brennenden Wunsch ha- <lb/>
                 ben, daß die Not ihrer Dichter und Denker gelindert werde, <lb/>
                 ohne daß sie sich im einzelnen mit ihnen befassen müßten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dieser Bankpräsident war gegen den Willen der Industriel- <lb/>
                 len in sein Amt gekommen und buhlte desto mehr um ihre <lb/>
                 Gunst. Sie nahmen seine Dienste an, wo es ihnen tunlich er- <lb/>
                 schien, doch wurde er nie rückhaltlos anerkannt. Sie be- <lb/>
                 scheinigten ihm bestenfalls den guten Willen, doch fanden <lb/>
                 sie immer einen Haken dabei. Später, als er über einer vor- <lb/>
                 lauten Glosse zu den außenpolitischen Maßnahmen der Re- <lb/>
                 gierung stürzte, fühlten sie jedenfalls keine Verpflichtung, <lb/>
                 ihn zu schützen oder dem Gestürzten einen Posten anzutra- <lb/>
                 gen. Manchmal berührte sich sein Wirkungskreis mit dem <lb/>
                 ihren, das war sehr erfreulich, doch kein Anlaß zur Solida- <lb/>
                 ritätserklärung. Ein Stück Weg gingen sie mit ihm zusam- <lb/>
                 men, da er den ihrigen kreuzte, und empfahlen sich dann. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Lange Zeit war er bei vielen Industriellen unbeliebt wegen <lb/>
                 der Anleihesperre, die er über Deutschland verhängt hatte, <lb/>
                 und wegen des damit verknüpften Zwangs, in den kritisch- <lb/>
                 sten Jahren alte Schulden zu tilgen. Siegfried Hillgruber <lb/>
                 zum Beispiel war noch immer darüber aufgebracht, obwohl <lb/>
                 Mehren ihm dargetan hatte, daß es ein ehrlicher und gut- <lb/>
                 gemeinter Plan gewesen sei, um die Zinsfüße und den Dis- <lb/>
                 kont herunterdrücken zu können. »Und so etwas begrüßen <lb/>
                 Sie als Bankier?« hatte Hillgrubers Entgegnung gelautet, <lb/>
                 »was ehrlich, was gutgemeint! Geld ist billig, Kapital ist <lb/>
                 teuer in Depressionszeiten. Die sinkenden Zinssätze graulen <lb/>
                 noch die ganzen ausländischen Anleger aus dem Lande hin- <lb/>
                 aus. Anleihedrosselung ist Konjunkturdrosselung. Es ist <lb/>
                 heller Wahnsinn.« </p>
            <pb facs="#f0516" n="512"/>
            <p>
                <lb/>
                 Nur einmal applaudierte die Wirtschaft vorbehaltlos dem <lb/>
                 Präsidenten, als er die Revision des Reparationsstatuts for- <lb/>
                 derte, denn die Union erklärte ebenfalls, daß eine zeitlich <lb/>
                 unbegrenzte Annuität von 2500 Millionen Mark, ohne daß <lb/>
                 man eine Endsumme wisse, nicht länger diskutabel sei, zu- <lb/>
                 mal die Industrie durch die aufoktroyierten Obligationen mit <lb/>
                 dreihundert Millionen im voraus belastet sei und das Damok- <lb/>
                 lesschwert eines Wohlstandsindexes über dem Lande hänge, <lb/>
                 wonach die Annuitäten bei einer Besserung der Wirtschafts- <lb/>
                 lage jederzeit erhöht werden könnten. Die Arbeitnehmer <lb/>
                 wußten zwar wenig davon; »Annuität«, das war für sie nun <lb/>
                 auch so ein neues, unverständliches Wort wie ehedem die <lb/>
                 Valuta, obwohl es viel leichter übersetzbar war und nur die <lb/>
                 jährliche Zahlung meinte; aber auch bei ihnen hatte zumin- <lb/>
                 dest das Wort »Index« keinen guten Klang. Das war noch <lb/>
                 ein Gefühlsrest aus der Inflationszeit. »Index« war der In- <lb/>
                 begriff alles Trügerischen. Der Index war ein Amtsgeheimnis, <lb/>
                 eine Erfindung, die unter dem Vorwand, eine greifbare Be- <lb/>
                 zeichnung der Teuerung zu sein, bloß lehrte, mit wie wenig <lb/>
                 der Mensch auskommen könne. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Bankiers stimmten im Endeffekt mit diesen Urteilen <lb/>
                 überein, aber nicht alle mit der Wahl des Zeitpunktes einer <lb/>
                 Revision. Der Bankier von Risch-Zander sagte zum Bei- <lb/>
                 spiel: »Wohlstandsindex... Nun sehen Sie. Aber wir haben <lb/>
                 das doch in der Hand, wie? Ich und noch ein Dutzend von <lb/>
                 uns, wir machen uns stark dafür, daß es in Deutschland kei- <lb/>
                 nen Wohlstand geben wird, solange das Statut mit dem <lb/>
                 Wohlstandsindex da ist.« Der Freiherr bat ihn jedoch, nicht <lb/>
                 so frivol zu sprechen, und Schellhase junior sagte: »Kein <lb/>
                 Wohlstand? Das wird auch wahr werden, ohne daß Sie da- <lb/>
                 für sorgen. Die Reparationen sind unerträglich. Lieber eine <lb/>
                 Provinz mehr verlieren — Land kann man zurückerobern, <lb/>
                 aber unser gutes Geld ist unwiederbringlich dahin.« Nur <lb/>
                 Hugo Mehren meinte: »Solange wir keine Ordnung im <lb/>
                 Staatshaushalt haben, solange wir in Ländchen von der Ein- <lb/>
                 wohnerzahl einer Mittelstadt eine kostspieligere und arro- <lb/>
                 gantere Verwaltung haben als in Großstädten von einer <lb/>
                 halben Million, solange dort zu Arbeiten, die an Bedeutung
                <pb facs="#f0517" n="513"/>
                <lb/>
                 von dem jüngsten unserer Buchhalter übertroffen werden, <lb/>
                 Großväterstühle für großsprecherische, flunkernde, zwit- <lb/>
                 schernde Pseudominister stehn, solange Stahlhelmparaden <lb/>
                 und Heereserlasse für kriegerischen Geist eintreten — solange <lb/>
                 bin ich sehr, sehr skeptisch, was die Aussichten für eine Re- <lb/>
                 gelung der Reparationen betrifft, die nicht mehr aller Ver- <lb/>
                 nunft Hohn spricht. Es sei denn, daß Frankreich eines Tages <lb/>
                 in dem zufließenden Goldstrom zu ertrinken fürchtet, wie <lb/>
                 es schon einmal an den Materiallieferungen auf Reparations- <lb/>
                 konto zu ersticken drohte. Embarras de richesse, wie man so <lb/>
                 sagt. Aber sonst? Wissen Sie, es hat auf mich einen unaus- <lb/>
                 löschlichen Eindruck gemacht, daß gewissenationale Kreise, die <lb/>
                 immer so tun, als empfänden nur sieallein den Friedensvertrag <lb/>
                 als ein himmelschreiendes Unrecht, damals bei ihrem Putsch <lb/>
                 nichts Eiligeres zu tun hatten, als den Franzosen ihre absolute <lb/>
                 Anerkennung des Vertrags untertänigst zu Füßen zu legen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als er das sagte (natürlich sagte er dergleichen nur in der <lb/>
                 Union, wenn man unter sich war, nicht draußen oder vor <lb/>
                 Zuhörern, wo es vielleicht Folgen gehabt hätte)— da gin- <lb/>
                 gen sie mißtrauisch um ihn herum wie Kinder um ein aus- <lb/>
                 gestopftes Tier, dessen wild zurechtgemachten Augen sie <lb/>
                 die Leblosigkeit nicht glauben wollen. Seine Stimme verlor <lb/>
                 an Gewicht, weil sie ihn bereits einrangiert hatten. Sie nann- <lb/>
                 ten ihn den »roten Mehren«. Es war der kluge Krogoll, <lb/>
                 der einmal sagte, daß man einen klugen Menschen am besten <lb/>
                 dadurch unschädlich mache, daß man ihn für einen Schalk <lb/>
                 ausgebe; die vielen bissigen Satiren, die über gesellschaft- <lb/>
                 liche Zustände seit hundert Jahren geschrieben worden seien, <lb/>
                 hätten diesen längst den Garaus gemacht, wenn die Gesell- <lb/>
                 schaft nicht auf den Ausweg verfallen wäre, sich an diesen <lb/>
                 Satiren legitim zu vergnügen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was er selbst von Fall zu Fall über diese und jene Sache <lb/>
                 dachte, muß freilich dahingestellt bleiben. Sicher war nur, <lb/>
                 daß er neue Streitigkeiten in der Union um jeden Preis ver- <lb/>
                 hindern wollte. Auch hier, nicht nur bei Dopslaffs, wollten <lb/>
                 sie keinen Krach mehr haben, auch hier wollten sie in Frieden <lb/>
                 leben. In jenem bewaffneten Frieden, der vor dem großen <lb/>
                 Krieg gewesen war. — </p>
            <pb facs="#f0518" n="514"/>
            <p>
                <lb/>
                 Auf dem sozialpolitischen Kriegsschauplatz war ihnen der <lb/>
                 Präsident der Reichsnotenbank ein willkommener Bundes- <lb/>
                 genosse, solange sie seinen Reden vom Parkett aus Beifall <lb/>
                 zollen konnten, Er war für sie freiwillig dieselbe Hetzpeit- <lb/>
                 sche, die Oberst von Leutwitz und Walkowiak auf Befehl <lb/>
                 des Generals waren, samt ihrer Partei, die das DRITTE <lb/>
                 REICH zu errichten versprach. Übrigens durfte er nur bei <lb/>
                 Kropf im Reichsverband reden, aus der Union hielt ihn des <lb/>
                 Generals untrügliche Witterung fern: er war ihm nicht genug <lb/>
                 Dunkelmann, er hängte ihm aus Geltungsbedürfnis zuviel <lb/>
                 an die große Glocke. Wie sich am Beispiel des Kaisers ge- <lb/>
                 zeigt hatte, liebte von Grußenbaum zwar die Autokraten, <lb/>
                 aber er liebte sie nur, wenn er selbst mithelfen konnte, sie <lb/>
                 zu machen; unzugängliche Autokraten waren ihm dagegen <lb/>
                 ein Greuel, und ein solcher war der Präsident, den man nicht <lb/>
                 einmal davon abbringen konnte, aller Welt das Sprengpul- <lb/>
                 ver vorzuweisen, das er gegen die Regierung mischte. Dum- <lb/>
                 mes Erfindergespreize, wo eigentlich gar keine Erfindung <lb/>
                 war. Nein; wo einer Dinge öffentlich machte, die unver- <lb/>
                 öffentlicht wirken konnten, da mußte die Union wenigstens <lb/>
                 so weit zurückbleiben, daß sie jederzeit sagen konnte, sie <lb/>
                 sei nicht dabeigewesen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So verstrich der Winter in explosiven Diskussionen. Wohl <lb/>
                 hatten die Arbeiter in Bilgenstock einen Mann von der Art des <lb/>
                 Präsidenten der Reichsnotenbank, doch hatten sie keinen Ge- <lb/>
                 neral von Grußenbaum, der Personen zu benutzen wußte, <lb/>
                 ohne daß er sich mit ihnen kompromittierte. Sie meinten, <lb/>
                 daß sie, wenn sie jemanden einspannten, auch gleich mit ihm <lb/>
                 fahren müßten. Einige von ihnen waren die Gegner der In- <lb/>
                 dustriellen. Aber keiner von ihnen war ihr Partner. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die »Gewerkschaftsdämmerung« (ein Wort, das Dr. Kre- <lb/>
                 wett erfunden hatte), war Tatsache. Wer seiner Stelle verlu- <lb/>
                 stig ging, konnte nicht mehr unterkommen — dagegen half <lb/>
                 keine Gewerkschaft, und das war das stärkste Argument. Die <lb/>
                 Angestellten des Stahltrusts ließen sich nicht nur die Gehäl- <lb/>
                 ter kürzen, sondern auch einen Teil des Urlaubs streichen. <lb/>
                 Der Brillengucker ersuchte Dr. Krewett, den Trust zur Tarif-
                <pb facs="#f0519" n="515"/>
                <lb/>
                 treue anzuhalten. Dr. Krewett legte ihm nahe, das Arbeits- <lb/>
                 gericht anzurufen. Von Grußenbaum pflegte zu sagen, die <lb/>
                 Arbeitsgerichte könnten von Ottokar Wirtz erfunden sein: <lb/>
                 sie verschafften dem Arbeitnehmer Gerechtigkeit in jenen De- <lb/>
                 tails, die sein Bißchen Leben ausmachten, und den Arbeitge- <lb/>
                 bern in jenen großen Maximen, auf denen der ewige Triumph- <lb/>
                 zug privatkapitalistischer Wirtschaft beruhe. Es sei das <lb/>
                 Wirtzsche Prinzip, jemandem einen Ring an den Finger zu <lb/>
                 stecken und ihm unterdessen die Hand abzuhacken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach und nach wurden jene Maßnahmen der Fabrikanten, <lb/>
                 die von den Gewerkschaften als »Übergriffe« gescholten wur- <lb/>
                 den, zum Gewohnheitsrecht. So nahmen auf den Kropfschen <lb/>
                 Zechen auch die Betriebsführer und Inspektoren an der Be- <lb/>
                 triebsratswahl teil, obwohl sie im strengen Sinne des Ge- <lb/>
                 setzes nicht als Arbeitnehmer gelten konnten, und ebenso <lb/>
                 die Wohlfahrtsdamen und Handarbeitslehrerinnen, die nur <lb/>
                 im Nebenamt dort beschäftigt waren. So wurde bei Schell- <lb/>
                 hase den Arbeitern, die zur Entlassung kamen, für die schon <lb/>
                 abgediente Zeit des Jahres kein Anteil an Deputat und Ur- <lb/>
                 laub gewährt. Allein bei Risch-Zander hielt man sich, wenn <lb/>
                 nicht an den Geist, so doch an den Buchstaben des Gesetzes; <lb/>
                 jedes andere Verhalten wäre mit der Vornehmheit des Frei- <lb/>
                 herrn unvereinbar gewesen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. Krewett entfaltete eine auffallende Aktivität. Wäh- <lb/>
                 rend er sonst in allen Lohnverhandlungen gegen das Schema <lb/>
                 der Tarife aufgetreten war, machte er jetzt gerade für den <lb/>
                 Abbau der Leistungslöhne Stimmung. Er hatte auch eine <lb/>
                 Begründung dafür: die Akkordverdienste lägen schon acht- <lb/>
                 zig Prozent über den Tariflöhnen und seien größtenteils <lb/>
                 nicht durch den Fleiß der Arbeiter, sondern durch die tech- <lb/>
                 nischen Verbesserungen bedingt. Man könne nicht warten, <lb/>
                 bis die Tarife selbst gesenkt würden, dieser Fatalismus sei <lb/>
                 unbrauchbar. Die Angestellten ließen sich ja leicht aufs Glatt- <lb/>
                 eis führen, aber die Arbeiter, die für Schleichwege zu wider- <lb/>
                 spenstig seien, müsse man eben in aller Offenheit zähmen. <lb/>
                 Man müsse die Situation endlich einmal rücksichtslos aus- <lb/>
                 nutzen. Die öffentliche Meinung sei gut bearbeitet und auf <lb/>
                 alles vorbereitet. Man könne es sich jetzt sogar leisten, die
                <pb facs="#f0520" n="516"/>
                <lb/>
                 Löhne zu ermäßigen, ohne an den Preisen zu rühren. Es <lb/>
                 werde genügen, eine staatliche Preissenkungsaktion um zwei <lb/>
                 oder drei Pfennig zum Tagesgespräch zu machen und die <lb/>
                 kindlich dräuende Faust eines Reichskommissars aufzurek- <lb/>
                 ken, dann werde dank der glücklichen Veranlagung des <lb/>
                 deutschen Volkes zur Anspruchslosigkeit jedermann befrie- <lb/>
                 digt sein und sich geborgen fühlen. Wenn man aber noch <lb/>
                 obendrein die letzte Preiserhöhung rückgängig mache, wei- <lb/>
                 ter nichts, weiter gar nichts, so werde man als Retter des <lb/>
                 Vaterlandes gefeiert werden. Inzwischen präpariere er den <lb/>
                 nächsten Schritt: ‘den Abbau der Tariflöhne. Sollten die <lb/>
                 staatlichen Schlichtungsstellen nicht willfahren, so werde er <lb/>
                 in der Gruppe Westen die Aussperrung der Arbeiter ver- <lb/>
                 fügen. Der General sagte, er habe nichts dagegen; es frage <lb/>
                 sich nur, ob man dadurch die Arbeiter nicht wieder in die <lb/>
                 Arme der Gewerkschaften treibe; das sei zu überlegen. »Es <lb/>
                 ist überlegt«, antwortete Dr. Krewett. Dieses eine Mal wollte <lb/>
                 er den General ausstechen. Es sollte seine Rache für die Nieder- <lb/>
                 lage beider Postenvergebung im Nationalen Arbeiterbund sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Daher trug er sich kämpferisch. »Der Hauptschlag muß <lb/>
                 gegen die Unabdingbarkeit der Tarife geführt werden«, er- <lb/>
                 klärte er. »Allmählich werden wir wieder zu getrennten Lohn- <lb/>
                 verträgen mit den einzelnen Belegschaften kommen. Divide <lb/>
                 et impera. Es geht natürlich nicht auf einmal, wir müssen <lb/>
                 Zellen bilden — sehen Sie, selbst von den Kommunisten kann <lb/>
                 man was lernen. Um die Arbeiter zu angeln, habe ich einen <lb/>
                 Köder, die ARBEITSGARANTIE. Jeder Belegschaft, die <lb/>
                 in einen zwanzigprozentigen Lohnabbau einwilligt, garan- <lb/>
                 tieren wir für sechs Monate den status quo: keine weiteren <lb/>
                 Entlassungen, keine weiteren Feierschichten. Im siebenten <lb/>
                 Monat haben wir dann wieder Freiheit zum nächsten Angriff.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch er hatte den goldenen Lebensregeln des Generals et- <lb/>
                 was entnommen: daß man in der Öffentlichkeit einen unge- <lb/>
                 rechten Angriff selten von einer gerechten Verteidigung zu <lb/>
                 unterscheiden vermag. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es kommt wieder der erste Mai heran. Die Arbeiter sind <lb/>
                 nicht in Stimmung, Lohnausfall kann man jetzt nicht ge-
                <pb facs="#f0521" n="517"/>
                <lb/>
                 brauchen. Wer weiß, ob nicht auch eine Kündigung nach- <lb/>
                 folgt, wenn man feiert —, und überhaupt, vor dem Krieg <lb/>
                 hatte der Weltfeiertag einen Sinn, da war er polizeilich ver- <lb/>
                 boten und getaucht in die Morgenröte des Frühlings und <lb/>
                 von Kampflust durchschmettert und von Siegesjubel, wenn <lb/>
                 man der Polizei ein Schnippchen geschlagen hatte; aber <lb/>
                 jetzt —? Jetzt hat er keinen Sinn mehr, jetzt ist er staatlich <lb/>
                 erlaubt, jetzt hat der Kampf tatsächlich stattgefunden, wor- <lb/>
                 über soll man sich also noch freuen? Jetzt muß man darauf <lb/>
                 achten, daß einem selbst kein Bein gestellt wird. Außerdem <lb/>
                 regnet es jetzt gewöhnlich an dem Tag, so daß man von der <lb/>
                 Morgenröte nichts sieht, und der Frühling ist jetzt immer so <lb/>
                 merkwürdig kalt, als sei man unversehens in eine andere kli- <lb/>
                 matische Zone geraten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Friedrich Bilgenstock erläßt einen Aufruf, um ihnen Mut <lb/>
                 zu machen. Im Komitee hat er durchgedrückt, daß »gegen <lb/>
                 den Gewaltfrieden« demonstriert wird, »für die nationale <lb/>
                 Befreiung Deutschlands, gegen die Reparationsversklavung, <lb/>
                 für die soziale Befreiung von internationaler Zinsknecht- <lb/>
                 schaft.« Adam Grieghöfer hat protestiert: »Lauter Wörter <lb/>
                 von Walkowiak, na ja, gut, wenn ihr meint, daß die Ar- <lb/>
                 beiter sonst alle zu ihm überlaufen und auf das Gefasel rein- <lb/>
                 fallen, dort und hier, wo sie’s grad’ lesen... Aber weshalb <lb/>
                 setzt ihr kein Wort gegen die Kriegspolitik der Industrie da- <lb/>
                 bei, ist die nicht schuld, daß wir <sic>getzt</sic> die Reparationen be- <lb/>
                 zahlen müssen?« Es hat ihn nichts genützt. »Wir sind keine <lb/>
                 Pazifisten«, sagt Bilgenstock ein wenig rätselhaft. »Wir ha- <lb/>
                 ben dem internationalen Bankkapital den Kampf angesagt, <lb/>
                 das ist deutlich genug.« Sie stimmen ab. Bilgenstock siegt, <lb/>
                 zumal er verspricht, daß das Revolutionäre trotzdem nicht <lb/>
                 zu kurz kommen soll. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was hat er vor? — Eine aufrüttelnde Aktion, wie er das <lb/>
                 nennt. Am ersten Mai soll das Elektrizitätswerk von Risch- <lb/>
                 Zander stillgelegt werden. Adam sträubt sich, eine Rolle <lb/>
                 dabei zu übernehmen; er läßt es geschehen, daß sie ihn einen <lb/>
                 Abtrünnigen heißen, daß sie ihm mit dem Ausschluß aus der <lb/>
                 Partei drohen. Er sagt, für Walkowiaks Programm opfere <lb/>
                 er sich nicht, wolle er auch keinen Arbeiter opfern, das sei
                <pb facs="#f0522" n="518"/>
                <lb/>
                 es wahrhaftig nicht wert. Sie stutzen nun doch ein wenig, <lb/>
                 aber Bilgenstock redet, redet, redet. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn wir an der Macht sind, erklären wir alle Verträge <lb/>
                 für null und nichtig. Dem Treiben der blutsaugerischen Fi- <lb/>
                 nanzbanditen, die heute dem Land ihren Willen aufzwingen, <lb/>
                 werden wir schonungslos Einhalt gebieten. Wir werden die <lb/>
                 proletarische Nationalisierung der Banken durchführen und <lb/>
                 die Verschuldung an die deutschen und ausländischen Kapi- <lb/>
                 talisten annullieren...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Er macht euch besoffen, aber nachher ist er nicht dabei!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Maul halten, abwarten!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstock redet. Seine Sätze kriegen Junge, sobald sie <lb/>
                 ihm aus dem Munde kommen. Die dreiste Selbstverständ- <lb/>
                 lichkeit aller Lebenslagen schaut ihm aus den Augen. Er <lb/>
                 redet von vorn nach hinten und von hinten wieder nach vorn. <lb/>
                 Er setzt plötzlich ab, holt zu Vergleichen aus und ist schon <lb/>
                 beim dritten, vierten Argument, ehe sie das erste begriffen <lb/>
                 haben. Er ist wieder der Bilgenstock von Geschoßdreherei III. <lb/>
                 Zuletzt zeigt er ingrimmig auf Adam und schreit: »Ein Ge- <lb/>
                 nosse, dem sein Name nicht national genug war, wirft uns <lb/>
                 vor, daß wir nationalistisch wären! Kapiert ihr das?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam wird bleich, packt einen Stuhl, man hält ihn fest. <lb/>
                 Er spuckt verächtlich auf den Fußboden. Bilgenstock zeigt <lb/>
                 noch auf ihn. »Laßt mich, Genossen«, sagt Adam matt und <lb/>
                 verbraucht. »Ich — und der da. Wenn ihr kein Einsehen habt. <lb/>
                 Wenn ihr von nichts ein Verstehstemich habt. Was bin ich <lb/>
                 und was ist der da. Ich — und der!« Grell stößt sein Geläch- <lb/>
                 ter gegen Bilgenstocks fleischigen Körper, daß er erschrickt <lb/>
                 und sich starr zusammenkrümmt, die Beine nach hinten und <lb/>
                 den Oberkörper nach vorn, das typische Bild eines Feig- <lb/>
                 lings, der hinter einem Schutzwall mutig ist und gleichzeitig <lb/>
                 von einer jähen Angst überfallen wird, daß der Schutz am <lb/>
                 Ende doch nicht haltbar sein werde. Aber Adam steckt die <lb/>
                 Hände in die Taschen und geht zwischen den Funktionären <lb/>
                 hindurch zur Tür. »Was jetzt?« rufen sie ihm nach. Er ant- <lb/>
                 wortet ruhig: »Ich will mich eurer Meinung nicht wider- <lb/>
                 setzen. Vielleicht kann ich das Ärgste verhüten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das sagt er auch zu Hause noch: »Vielleicht kann ich das
                <pb facs="#f0523" n="519"/>
                <lb/>
                 Ärgste verhüten.« Alma erzittert, als sie dies alles erfährt. <lb/>
                 »Hab’ ich mich erschreckt«, ist zuerst alles, was sie sagen <lb/>
                 kann. Sie fleht ihn an, zu den Sozialdemokraten überzu- <lb/>
                 gehen. »Du bist jetzt so lange Betriebsrat, du hast Erfah- <lb/>
                 rung, die stellen dich sicher bei der nächsten Wahl ebenso- <lb/>
                 gut wieder auf wie die anderen, vielleicht noch eher.« Er <lb/>
                 sieht sie mit so grauenerregenden Augen an, daß sie ver- <lb/>
                 stummt. »Man müßte erst einmal bei sich daheim anfangen <lb/>
                 zu revolutionieren...« Er spricht mit sich selbst, seine Stim- <lb/>
                 me ist gepreßt, er stiert vor sich hin. »Ich weiche nicht vom <lb/>
                 Platz. So ’ne ahnungslose Parteigröße, Ich stehe noch, wo <lb/>
                 ich immer gestanden bin. So ’n Bonze. Ich bleibe da stehn. <lb/>
                 So ’ne ahnungslose Parteigröße. Vielleicht kann ich das Ärg- <lb/>
                 ste verhüten...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alma schielt nach ihm. Wo ist seine Mannhaftigkeit? Sie <lb/>
                 hat stets geglaubt, daß er nicht verwundbar sei. Wo ist seine <lb/>
                 Mannhaftigkeit? Ihr schwant Unheil. Sie versteht das nicht. <lb/>
                 Hat sie nicht einen gangbaren Ausweg gezeigt? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Otto Wittkamp, Paula, der Opa, Mutter Kalinna, Mutter <lb/>
                 Griguszies — alle dringen in ihn. »Was das geben wird, was <lb/>
                 das bloß geben wird. Es ist doch nicht mehr wie früher, wo <lb/>
                 immer Krawall war, da war’s egal, da ging alles in einem hin...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er wehrt sie ab. »Ihr —? Geht ihr nur mal alle im Bett.« <lb/>
                 Seine Bedrängnis begreifen sie ja nicht, auch Paula begreift <lb/>
                 sie nicht mehr, sie ist eine Hausfrau geworden, das ist ein <lb/>
                 neuer Beruf. »Mit dich werden sie auch noch Schlitten fah- <lb/>
                 ren«, sagt sie. »Bist du denn total meschugge? Wie kann <lb/>
                 ein Mensch bloß so überschnappen, wenn er so ’ne schöne <lb/>
                 Häuslichkeit hat.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von den fünfundzwanzigtausend Rischianern fehlen am <lb/>
                 ersten Mai noch keine tausend an ihrem Arbeitsplatz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die freien Gewerkschaften machen keinen Umzug. Sie <lb/>
                 haben nachmittags um fünf ein Fest in einem Vergnügungs- <lb/>
                 park. »Die Blume im Knopfloch wird das einzige Rote sein, <lb/>
                 was da sein wird,« meint Adam, »sie werden Achterbahn <lb/>
                 fahren und den Kellnerinnen im Bayrischen Bräustübl in die <lb/>
                 Arschbacken petzen.« </p>
            <pb facs="#f0524" n="520"/>
            <p>
                <lb/>
                 Morgens um neun ziehen die Kommunisten. Viele von <lb/>
                 ihnen haben rote, grüne und weiße Blusen an und den Sow- <lb/>
                 jetstern darauf. Fast alle sind sehr jugendlich, das wäre kein <lb/>
                 Fehler, sagt sich Adam, wenn sie etwas taugten und nicht <lb/>
                 schon so greisenhaft borniert wären. Eine Kindergruppe de- <lb/>
                 klamiert ab und zu im Chor: »Wir sind der Vortrupp des <lb/>
                 klassenbewußten Proletariats.« Damit, daß man sich als ir- <lb/>
                 gendwas vorstellt, ist es nicht getan, denkt Adam. Einige <lb/>
                 Nachzügler humpeln fähnchenschwenkend daher. Die Be- <lb/>
                 reitschaftswagen der Polizei fahren mittendrin. Es wäre bei <lb/>
                 dieser Ruhe und bei diesen Parolen wahrhaftig nicht notwen- <lb/>
                 dig, es wirkt sogar auf die bürgerlichen Zuschauer provoka- <lb/>
                 torisch, aber das bißchen Gruseln haben sie ja gern. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bilgenstocks nationalbolschewistische Phrasen leuchten <lb/>
                 von den Schildern. Adam schämt sich, drunterher zu lau- <lb/>
                 fen. Er geht als Ordner mit. Als der Zug am Büro des Be- <lb/>
                 triebsrats vorbeikommt, sieht er Fries höhnisch lachen. Nur <lb/>
                 so weiter, nur so fort. Bilgenstock gibt die Partei dem Ge- <lb/>
                 spött ihrer Feinde preis. Bilgenstock macht politischen Kar- <lb/>
                 neval. Mal was Neues. Ich hätte mich auch maskieren sollen. <lb/>
                 Bilgenstock vereinigt das feige Zitternde und das zügellos <lb/>
                 Wütende. Taschenspieler. Halunke. Halunkel — So rollt ein <lb/>
                 dampfender Zorn in Adam herauf, seine Brust meint er aus- <lb/>
                 werfen zu müssen, so peinigt sie ihn. Wenn es nicht bald auf- <lb/>
                 hört, muß er sich an etwas vergreifen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Zug geht weiter, an der Fabrik vorbei, Friedrich Bil- <lb/>
                 genstock frank und frei vorneweg, ein feistes Gesicht auf <lb/>
                 einer plebejischen Fleischmasse. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie ich gesagt habe, dachte Adam, er wird nicht dabei <lb/>
                 sein, das weiß er noch vom Krieg her, daß das unersetzliche <lb/>
                 Leben der hohen Führer nicht in Gefahr kommen darf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er blieb nun zurück, begab sich in die Nähe des Elektrizi- <lb/>
                 tätswerks und wartete. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es mochten zwanzig Minuten vergangen sein, da ratterten <lb/>
                 aus der Richtung der Straße, die dem Stadtinneren entgegen- <lb/>
                 gesetzt war, nacheinander fünf Lastautos heran. Die Insassen, <lb/>
                 ungefähr hundert an der Zahl, waren in Arbeitskleidung und
                <pb facs="#f0525" n="521"/>
                <lb/>
                 ohne jedes Abzeichen, damit sie sich rasch unter den Arbei- <lb/>
                 tern verlieren konnten. Blitzschnell sprangen sie herunter, <lb/>
                 überwältigten den Pförtner, brachen mit dem Ruf »Nieder die: <lb/>
                 nationale und soziale Sklaverei!« in den Betrieb ein und rissen <lb/>
                 die überraschten Arbeiter von den Maschinen weg. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und nun geschah etwas ganz Komisches. Es rief: »Mo- <lb/>
                 tore abstellen!« Wer rief das? Natürlich einer von Bilgen- <lb/>
                 stocks Sturmtrupp, aber sei es, daß seine Stimme eine Ähn- <lb/>
                 lichkeit mit der eines Meisters hatte, sei es, daß die Arbeiter <lb/>
                 sie in der Verwirrung für diese hielten, einige begaben sich <lb/>
                 mit dienstlichen Gehaben an die Maschinen und stoppten sie <lb/>
                 vorschriftsmäßig. Waren sie nicht berechtigt zu glauben, daß <lb/>
                 ein ordentlicher Befehl ergangen sei? War es nicht einleuch- <lb/>
                 tend, daß man die Maschinen lieber selbst abstellte, als daß <lb/>
                 man sie dem unsachgemäßen Zugriff der Eindringlinge aus- <lb/>
                 lieferte? Diese waren denn auch über ihren raschen Erfolg so <lb/>
                 verblüfft, daß sie tatenlos herumstanden und beinahe auf Zu- <lb/>
                 reden Adams nach Hause gegangen wären. Aber in etlichen <lb/>
                 siedete es, weil sie ohne Gewaltanwendung ihre Expedition <lb/>
                 beenden sollten, und für diese kam gerade im rechten Augen- <lb/>
                 blick das Geschrei des Betriebsführers: wer sich unterstanden <lb/>
                 habe, die Maschinen zu stoppen, was das für eine Schweinerei <lb/>
                 sei, die ganze Fabrikation im Stahlwerk zu stören, jede Mi- <lb/>
                 nute sei ein Schaden von Tagen, ob sie noch alle auf die <lb/>
                 Straße fliegen wollten?— Man sieht, daß der Betriebsführer <lb/>
                 des Elektrizitätswerks leider weniger schlau war als Herr Drees <lb/>
                 oder der Diplomingenieur Hollerbach; er war nur streng, <lb/>
                 nicht auch gerecht dabei, und wäre nicht Adam Grieghöfer <lb/>
                 gewesen, so wäre ihm dieser Mangel übel bekommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aus Bilgenstocks Sturmtrupp stürzt sich einer auf ihn, <lb/>
                 zückt ein Dolchmesser und brüllt: »Du? Komm mal hier. <lb/>
                 Komm mal hier, wenn du was willst!« Da schießt nun Adam <lb/>
                 wie ein Wiesel los, beißt sich an dem Angreifer fest, entreißt <lb/>
                 ihm das Messer. Ein Handgemenge entsteht, eine irritierende <lb/>
                 Keilerei, eine Wildnis bluttrunkener Menschenleiber. Adam <lb/>
                 hört eine klirrende Stimme: »Alles hört auf mein Komman- <lb/>
                 do!«— er merkt noch, wie alles aufeinander einhaut, er teilt <lb/>
                 Fausthiebe aus, soviel er austeilen kann, dann sieht er auf ein-
                <pb facs="#f0526" n="522"/>
                <lb/>
                 mal nichts mehr in all dem schweißigen Dunst. Er hat einen <lb/>
                 Schlag auf die Nase bekommen, das ist ein merkwürdiges <lb/>
                 Gefühl, so als schwelle sie augenblicklich zu einem riesigen <lb/>
                 Ball an. Das Blut tropft herunter und verklebt ihm den <lb/>
                 Mund. Der süßliche Geschmack seines Blutes ist das letzte, <lb/>
                 was er spürt, ehe es ganz dunkel um ihn wird. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Inzwischen hat das Überfallkommando den Betrieb um- <lb/>
                 zingelt. Die Verletzten werden weggeschafft. Es hat Haut- <lb/>
                 abschürfungen, Armbrüche, Kieferzertrümmerungen und <lb/>
                 Messerstiche abgesetzt. Vom Sturmtrupp werden fünfzehn <lb/>
                 Verwundete an Ort und Stelle verhaftet, die übrigen haben <lb/>
                 noch flüchten oder sich im Fabrikgelände verstecken können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach Schicht hoffen sie unbemerkt unter den Arbeitern <lb/>
                 durch die Tore zu kommen. Doch an jedem Tor stehen zwei <lb/>
                 Schupos, und es wird scharf revidiert. Abermals werden <lb/>
                 einige festgenommen. Manche aber nächtigen in der Fabrik, <lb/>
                 klettern über niedrige Dächer und Lagerplätze weg und ent- <lb/>
                 kommen nach Mitternacht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Friedrich Bilgenstock wird noch am Abend von der Po- <lb/>
                 lizei gesucht. Es heißt, daß die Aussagen der Verhafteten ihn <lb/>
                 nicht nur im Lichte des intellektuellen Urhebers, sondern <lb/>
                 auch des materiellen Anstifters erscheinen lassen. Auch die <lb/>
                 Parteigenossen suchen ihn. Er ist nicht aufzufinden. Er ist <lb/>
                 nicht in seiner Wohnung, nicht im Parteibüro, nicht in der <lb/>
                 Redaktion. Niemand weiß etwas von ihm. Einige wollen ihn <lb/>
                 in der Schankwirtschaft »Zur Hütte« gesehen haben, zu- <lb/>
                 sammen mit Walkowiak, da es aber sehr voll dort war und der <lb/>
                 übliche Streit ausbrach, kann sich niemand genau erinnern. <lb/>
                 Walkowiak bestreitet es übrigens, und der Wirt gibt an, auf <lb/>
                 nichts geachtet zu haben als auf Bier und Schnaps. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit Adam ist es nicht so schlimm, er hat bloß ein zerschun- <lb/>
                 denes Gesicht und eine geschwollene Nase, das Nasenbein ist <lb/>
                 unverletzt. Es war mehr der Aufruhr der Gefühle, der ihn <lb/>
                 ohnmächtig gemacht hat, und der plötzliche Schrecken beim <lb/>
                 Anprall der fremden Faust, der ihm weh getan hat. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vom Hof der Schankwirtschaft »Zur Hütte« konnte man <lb/>
                 auf ein unbebautes Grundstück gelangen, von wo ein schma-
                <pb facs="#f0527" n="523"/>
                <lb/>
                 ler und selten begangener Pfad an der Schmiedepresse und <lb/>
                 einem Martinwerk vorüberwalzte und in öde Gassen mit <lb/>
                 Häusern aus Lehmwänden mündete. Die Straßenmädchen <lb/>
                 führten ihre Kundschaft dorthin. Da gab es Kuppelquartiere, <lb/>
                 geheime Spielhöllen, Schwarzbrennereien, Diebesnester. <lb/>
                 Alle Laster, alle schmierigen Lüste zogen einen Kranz um die <lb/>
                 Fabrik; von den Freuden, deren Menschen teilhaftig werden <lb/>
                 können, lagerte hier der häßliche schale Bodensatz mit der <lb/>
                 Würze des Schmutzes. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diesen Pfad ging Bilgenstock in der Nacht. Aus niederhan- <lb/>
                 genden Wolken regnete es dicke Tropfen, und der kräuterige <lb/>
                 Duft der Maierde entquoll selbst den rußgedüngten zählebi- <lb/>
                 gen Gräsern, die jedes Frühjahr unter den Latten des Fabrik- <lb/>
                 zauns erneute Atmungsversuche machten, mit ihren vergif- <lb/>
                 teten Lungen. In einem schwarzen Sack ruhte der Koloß der <lb/>
                 Zehntausendtonnenpresse. In den Fenstern des Martinwerks <lb/>
                 blakte ein lautloser Feuerschein, konvulsivisch zuckend wie <lb/>
                 von einer Flamme, die unter einem Wasserstrahl verendet. <lb/>
                 Wie merkwürdig vegetationslos eine Fabrik ist, wenn ihr Da- <lb/>
                 sein nicht ins Gehör, nicht in die Nerven dringt, wie traum- <lb/>
                 haft ein Betrieb, wenn er nicht in Betrieb ist. Ach was, mur- <lb/>
                 melte Bilgenstock zwischen den Zähnen, das Parteigetriebe <lb/>
                 macht einen so abscheulich romantisch. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er ging langsam und unschlüssig. Er überlegte, was aus <lb/>
                 den Ereignissen des Tages werden mochte. Walkowiak hatte <lb/>
                 ihm eben in der Kneipe angekündigt, daß sein Kopf noch rol- <lb/>
                 len werde; er hatte ihn daraufhin einen Seelenverkäufer und <lb/>
                 Arbeiterhenker geheißen, und wieder daraufhin hatte ihm <lb/>
                 Walkowiak eine Abrechnung für jene Gemeinheiten in Aus- <lb/>
                 sicht gestellt, die er als »fliegender Betriebsführer« begangen <lb/>
                 hatte. Walkowiak, der Nationalsozialist, trachtete ihm nach <lb/>
                 dem Leben. Und von den Kommunisten wurde er, Friedrich <lb/>
                 Bilgenstock, gehätschelt. Verkehrte Welt, dachte er fröhlich. <lb/>
                 Aber er war doch nur darum froh, weil man aus der »Hütte« <lb/>
                 hinten hinausschleichen und sich in Sicherheit bringen konnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er fuhr zusammen, lauschte und vermeinte, laufende Tritte <lb/>
                 zu hören, von einer Weichheit, als seien die Füße in feuchte <lb/>
                 Tücher gewickelt, stumpfe, aber hurtige Tritte, weit oder
                <pb facs="#f0528" n="524"/>
                <lb/>
                 nah, vor oder hinter ihm — die sickernde Nässe hatte alle <lb/>
                 Schallhöhen eingeebnet, Entfernungen und Richtungen wa- <lb/>
                 ren nicht mehr meßbar. Soll er sich umsehen? Er war ge- <lb/>
                 lähmt. Der Regen klatschte jetzt stärker auf, ein grauer, <lb/>
                 quietschender Ton der Verlassenheit. Fern schwammen rote <lb/>
                 Eisenbahnsignale wie Bojen im Dunst. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Indem er seinen Weg fortsetzte, begann er vor sich hin zu <lb/>
                 pfeifen, um sich selbst zu beweisen, daß er furchtlos sei. Et- <lb/>
                 was in ihm wollte ihn zwingen, sich doch noch umzusehen. <lb/>
                 Er rang mit diesem Etwas: wenn man in solchen Lagen um- <lb/>
                 blickt, entdeckt man immer Gespenster, wenn man also nicht <lb/>
                 umblickt, ist nichts da. Er widerstand und es plagte ihn und <lb/>
                 er widerstand und es plagte ihn. Zuletzt schloß er ein Kom- <lb/>
                 promiß mit sich und drehte den Kopf zur Hälfte herum, da <lb/>
                 hing ein triefendes Gewebe von Schatten und Regen, das sich <lb/>
                 listig heranpirschte; nun ja, wenn man so will, die Natur hat <lb/>
                 viele Gesichter und ist immer ein unmenschliches Rätsel, wie- <lb/>
                 viel mehr mitten in der unterirdischen Nacht des Industrie- <lb/>
                 reviers. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In diesem Augenblick vernahm er auf der anderen Seite des <lb/>
                 Weges das Geräusch eines kräftigen Sprungs und verspürte <lb/>
                 im Rücken einen Anschlag wie von einem wuchtigen Stein- <lb/>
                 wurf, und fast in der gleichen Sekunde verlor er das Bewußt- <lb/>
                 sein dessen, was war und was geschah. Ein irres Gezwitscher <lb/>
                 entfuhr seinem Mund. Seine Augen stießen an Finsternis. <lb/>
                 Seine Brust war eingekesselt von jenem triefenden Gewebe <lb/>
                 aus Schatten und Regen, klaffend von durchbluteten Lö- <lb/>
                 chern, seine Lunge ein Geröll von erstickendem Getöse. Er <lb/>
                 lag mit dem Gesicht im klebrigen Kohlenschlamm. Ein Bach <lb/>
                 Blut floß durch den Rock und den Rücken hinunter und mün- <lb/>
                 dete in das Meer des Regens. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Walkowiak zog das Messer, das er bis ans Heft eingestoßen <lb/>
                 hatte, mit langsamen Umdrehungen wie eine Schraube her- <lb/>
                 aus. So blieb er gedankenvoll stehen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eine ferne Zeit wälzte sich auf ihn zu. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er war wieder der Schlosser Walkowiak von der vierten <lb/>
                 Reparaturwerkstatt, und der Tote war der Meister Kurbjuhn, <lb/>
                 und das Messer in seiner Hand war eine geschwungene Axt. </p>
            <pb facs="#f0529" n="525"/>
            <p>
                <lb/>
                 Dann ging er vorsichtig nach Hause, erwog für alle Fälle <lb/>
                 sein Alibi und tilgte alle Spuren. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Spielende Kinder fanden am nächsten Mittag Bilgenstocks <lb/>
                 Leiche. Sie glaubten erst, es sei ein Betrunkener, der sich zu <lb/>
                 einem Schläfchen hingelegt habe, und wollten ihn aufwecken <lb/>
                 mit Lärm; aber dann sahen sie die Blutkrusten und die glasi- <lb/>
                 gen Augen und wurden entsetzlich still. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Polizei nahm viele Fährten auf. Für einen politischen <lb/>
                 Mord ergaben sich keine Anhaltspunkte. Der Täter blieb un- <lb/>
                 entdeckt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Arbeiter, die die Motoren abgestellt haben, sollen frist- <lb/>
                 los entlassen werden. Die Betriebsleitung schenkt ihren Be- <lb/>
                 teuerungen, daß sie mit den Putschisten nicht im Bunde ge- <lb/>
                 wesen seien, keinen Glauben. Sie lacht über die Erklärung, <lb/>
                 die sie für ihr Verhalten geben, denn diese Erklärung kann <lb/>
                 sich ja nur auf Unerklärliches stützen, auf Mißverständnisse, <lb/>
                 die vielleicht menschlich, doch nicht betrieblich plausibel <lb/>
                 sind. Der Betriebsrat verhandelt mit dem Direktorium. Fries <lb/>
                 verliest eine Resolution der Vertrauensmännersitzung: dem- <lb/>
                 nach werden »die von unverantwortlichen Drahtziehern her- <lb/>
                 aufbeschworenen Ausschreitungen von den besonnenen Ele- <lb/>
                 menten mit aller Entschiedenheit verurteilt«. Adam Grieg- <lb/>
                 höfer weist nach, daß keiner der beschuldigten Arbeiter des <lb/>
                 Elektrizitätswerks der kommunistischen Partei angehört. <lb/>
                 Dr. h. c. Hiebenstein blättert in den Akten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Drei davon waren früher eingeschriebene Mitglieder«, <lb/>
                 stellt er fest. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist doch kein Grund«, erwidert Adam, und Fries er- <lb/>
                 gänzt: »Das spricht doch mehr für sie wie gegen sie, das be- <lb/>
                 weist doch, daß sie Vernunft angenommen haben. Außerdem <lb/>
                 ist auch ein Sozialdemokrat dabei, für den kann ich grade <lb/>
                 stehn.« Seine Stimme ist ungewöhnlich hart und zornig. <lb/>
                 »Wärst du nur immer so gewesen«, sagt Adam, »hättest du <lb/>
                 nicht so viel gekatzbuckelt, dann hätten wir vielleicht die Ge- <lb/>
                 schichte hier nicht am Halse.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Betriebsführer, durchdrungen von der Bedeutsamkeit <lb/>
                 der Affäre, in deren Mittelpunkt er seinen Betrieb sieht und
                <pb facs="#f0530" n="526"/>
                <lb/>
                 sich selbst, entzieht ihnen das Wort: »Mitgefangen, mitge- <lb/>
                 hangen. An der getroffenen Entscheidung ist meines Erach- <lb/>
                 tens nicht zu deuteln.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie!« schreit Adam außer sich, »so kalt bestimmen Sie <lb/>
                 über Arbeiterleben. Und Ihnen hab’ ich Blödmann gestern <lb/>
                 das Leben gerettet, Sie! Ich bin vielleicht ein Blödmann ge- <lb/>
                 wesen, Sie!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Finanzrat ist sehr ernst. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die besänftigende Einwirkung auf Ihre Kollegen und die <lb/>
                 Erhaltung des regelmäßigen Produktionsgangs ist Ihre ge- <lb/>
                 setzliche Pflicht als Betriebsrat. Unsere privatwirtschaftliche <lb/>
                 Pflicht ist es, das Weitere zu veranlassen. Immerhin. Die <lb/>
                 Firma wird Ihnen ihre Anerkennung für Ihre tapfere Tat <lb/>
                 nicht versagen, Herr Grieghöfer.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mit so ’n Schmus wollen Sie mich einreiben? Die Hand <lb/>
                 hier soll mich verdorren, eh’ ich so ’n dreckigen Speckkopp <lb/>
                 nochmal helfe. So’n Kapitalistengesocks! So ’n Dividenden- <lb/>
                 pöbel!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er ist grün angelaufen und sein Leib ist krampfig wie bei <lb/>
                 einem Menschen, der Galle erbricht. Bewußtlos stößt er alles <lb/>
                 aus, was seit Wochen in ihm gärt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es tut mir leid um Sie«, sagt der Finanzrat. Er spricht um <lb/>
                 so leiser, je mehr Adam schreit, er hält das Flüstern für das <lb/>
                 sicherste Mittel, schreiende Menschen zu beruhigen. »Ich <lb/>
                 habe immer geglaubt, besonders nach Ihrer Namensänderung <lb/>
                 habe ich das geglaubt, daß Sie noch ein brauchbares Glied der <lb/>
                 menschlichen Gesellschaft werden könnten, aber wir können <lb/>
                 nun darauf nicht warten.« Etwas Ähnliches hat schon einmal <lb/>
                 Herr Drees zu seinem Assistenten gesagt, als Adam noch <lb/>
                 Kranführer war in der Eisengießerei. »Danke die Herren«, <lb/>
                 schließt der Finanzrat, »wir sind fertig.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So verdattert sind alle, daß sie nicht einmal »Guten Mor- <lb/>
                 gen, Herr Finanzrat« sagen, als sie sich hinausdrücken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Herr Grieghöfer... Noch auf ein Wort, wenn ich bitten <lb/>
                 darf.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Zimmer dreht sich mit Adam. Er sinkt zusammen wie <lb/>
                 ein Haufen Asche. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein drückt auf den Klingelknopf. »Eine Flasche
                <pb facs="#f0531" n="527"/>
                <lb/>
                 Sprudel«, trägt er dem Bürodiener auf. Es wird weiter nichts <lb/>
                 gesprochen. Adam hockt da, fahl und frierend auf einen <lb/>
                 Stuhl geheftet, der Finanzrat steht mit dem Rücken gegen <lb/>
                 das Fenster und forscht in Adams Gesicht. Der Bürodiener <lb/>
                 bringt Glas und Flasche, Hiebenstein gießt ein und reicht es <lb/>
                 Adam. »Danke«, sagt der hastig und trinkt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Herr Grieghöfer. Sie sind erfahren genug, um selbst zu <lb/>
                 wissen, daß die Schwere Ihrer Beleidigungen uns berechtigt, <lb/>
                 Sie fristlos zu entlassen, ohne die Zustimmung des Betriebs- <lb/>
                 rats einzuholen. Setzen Sie nicht Ihrer Unvernunft die Krone <lb/>
                 auf, sondern der Vernunft, die Sie ebenso reichlich haben und <lb/>
                 die nur manchmal verschüttet ist. Immerhin. Wir sind alle <lb/>
                 Menschen und können selten ergründen, was einen Menschen ' <lb/>
                 treibt, da wollen wir uns lieber gar nicht erst auf psychologi- <lb/>
                 sche Untersuchungen einlassen. Trotz allem, was vorgefal- <lb/>
                 len ist, wollen wir Ihnen eine letzte Chance geben. Wir Ka- <lb/>
                 pitalistengesocks, Herr Grieghöfer. Legen Sie Ihr Betriebs- <lb/>
                 ratsmandat nieder und kehren Sie an Ihren früheren Arbeits- <lb/>
                 platz zurück. Wollen Sie?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ja gewiß, was soll ich denn sonst machen. Ich meine <lb/>
                 nicht wegen Sie, ich meine wegen mich. Ich meine wegen <lb/>
                 daß ich nicht weiß, wo mich der Kopf steht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hiebenstein verstand ihn nicht ganz. Er war im Zwei- <lb/>
                 fel, ob es Demut war oder Demütigung, was aus ihm <lb/>
                 sprach. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wenige Tage darauf, kurz nach acht Uhr morgens, der <lb/>
                 Bürodienst hatte gerade begonnen, läuteten drei Beamte der <lb/>
                 Kriminalpolizei am Portal der Union und wünschten den Ge- <lb/>
                 neral zu sprechen. »Der Herr General kommen erst gegen <lb/>
                 neun, antwortete der Hausmeister. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es darf niemand das Haus betreten oder verlassen. Ist ein <lb/>
                 Bürovorsteher da?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Gosef«, sagte der Hausmeister, »führ’ die Herren nach’n <lb/>
                 Herrn Bürovorsteher.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Laufjunge, der »Gosef« gerufen worden war, ging <lb/>
                 voran. »Hier ist der Herr Bürovorsteher.« Die Kriminalisten <lb/>
                 legitimierten sich. »Das gesamte Personal muß sich unten in
                <pb facs="#f0532" n="528"/>
                <lb/>
                 der Halle versammeln. In den Zimmern darf nichts mehr be- <lb/>
                 rührt werden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So warteten sie auf die Ankunft des Generals. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zehn Minuten vor neun kam er. »Was ist denn das?« <lb/>
                 fragte er zurückprallend, während militärische Vorstellungen <lb/>
                 von Meuterei sein Gehirn kreuzten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Herr General... Wir müssen eine Durchsuchung Ihrer <lb/>
                 Räume vornehmen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Haussuchung in der Union? Bitte kommen Sie mit auf <lb/>
                 mein Zimmer. Lassen Sie die Leute an die Arbeit gehen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das können wir nicht erlauben.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht erlauben? Herr, was erlauben Sie sich! Diese Leute <lb/>
                 haben ein Pensum produktiver Arbeit vor sich. Soll die Un- <lb/>
                 produktivität des Staates sie zum Nichtstun verführen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das steht nicht in Ihrer polizeilichen Vorschrift«, sagte <lb/>
                 der Staatssekretär a.D., der darüber hinzukam und vom <lb/>
                 Bürovorsteher schnell informiert wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Unsere Vorschrift besagt, daß wir die Durchsuchung in <lb/>
                 einer Weise vorzunehmen haben, die ihre Zwecke sicher- <lb/>
                 stellt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann verlieren Sie nichts von Ihrer kostbaren Zeit«, ver- <lb/>
                 setzte bissig der General. Oben angelangt, fragte er: »Also <lb/>
                 worum handelt es sich? Womit kann ich Ihnen dienen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der nationalsozialistische Gauführer Walkowiak ist mit <lb/>
                 achtzehntausend Mark Parteigeldern geflüchtet.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was schert uns das?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nichts, Herr General. Nur, daß der Walkowiak, bevor <lb/>
                 er flüchtete, gewisse hochverräterische Pläne seiner Partei <lb/>
                 uns mitgeteilt hat. Eine daraufhin stattgehabte Durchsuchung <lb/>
                 des Parteibüros hat Schriftstücke zutage gefördert, die auf <lb/>
                 eine Verbindung mit Ihnen schließen lassen. Die gegenwärtig <lb/>
                 angeordnete Durchsuchung soll diesen Verdacht klären.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wo haben Sie die richterliche Verfügung?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nach Paragraph hundertfünf der Strafprozeßordnung ist <lb/>
                 die Vornahme der Durchsuchung ohne richterliche Verfü- <lb/>
                 gung zulässig, wenn Gefahr im Verzug ist.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Das ist für diesen Fall eine recht weitherzige Interpreta- <lb/>
                 tion«, bemerkte der Staatssekretär a. D., doch von Grußen-
                <pb facs="#f0533" n="529"/>
                <lb/>
                 baum machte eine lässige Geste: »Wenn der Staat in Gefahr <lb/>
                 ist, bietet die Industrie selbstverständlich alles auf, ihn zu ret- <lb/>
                 ten. Das hat sie tausendfach bewiesen. Es sei ferne von mir, <lb/>
                 die Tradition zu brechen. Aber wenn Sie sich unnütze Mühe <lb/>
                 sparen wollen, fragen Sie getrost alles, was Sie wissen wollen. <lb/>
                 Ich bin bereit, alles zu beantworten. Ich bin bereit, alles zu <lb/>
                 beeiden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dazu haben wir keinen Auftrag...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Beachten Sie«, sagte der Pressechef, »hier steht ein Ge- <lb/>
                 neral und ist bereit, alles zu beeiden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wir müssen eine Durchsuchung vornehmen...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der General kehrte ihnen den Rücken. »Bitte«, sagte er <lb/>
                 kühl. »Wer sucht, wird finden.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Beamten wußten nicht, ob das Höflichkeit war oder <lb/>
                 Ironie. Sein Gesichtsausdruck verzeichnete keine Antwort <lb/>
                 auf diese Frage. Sie machten sich nicht ohne Befangenheit ans <lb/>
                 Werk, aber bald riß sie das Metier hin, und sie wühlten bis <lb/>
                 Mittag. Sie bezweckten nichts anderes als einen Schutthaufen <lb/>
                 durchkramter Papiere und einen untätigen Vormittag gelang- <lb/>
                 weilter Angestellten. Sie lasen viele Papiere, steckten sie ein, <lb/>
                 weil sie den Inhalt nicht verstanden, und entschlossen sich <lb/>
                 endlich, sie wieder herauszugeben, weil kein Zusammen- <lb/>
                 hang mit ihrem Auftrag ersichtlich war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So verlief die ganze Aktion ohne Resultat. »Von A bis Z <lb/>
                 ohne Resultat«, konstatierte von Grußenbaum. »Solange ich <lb/>
                 die Ehre habe, die Union zu vertreten, wird jede Aktion ge- <lb/>
                 gen die Industrie ohne Resultat bleiben. Dreckspritzer be- <lb/>
                 sudeln uns nicht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nein«, prahlte der Pressechef, »unsere Weste ist rein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aber zugeknöpft, wie es der gesellschaftliche Anstand er- <lb/>
                 fordert, und was wir darunter tragen, sieht nur, wer mit uns <lb/>
                 schlafen geht.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dieser Walkowiak... Nein, dieser Walkowiak...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich wußte, daß er ein Lump ist. Ich weiß, daß ein anderer <lb/>
                 Lump an seine Stelle treten wird. Darauf kommt es bei unse- <lb/>
                 ren Absichten nicht an. Vernünftige Dinge werden natürlich <lb/>
                 geschädigt, wenn schlechte Menschen mit ihnen befaßt sind. <lb/>
                 Tollheiten werden dadurch nur gefördert. Der Wasserkopf
                <pb facs="#f0534" n="530"/>
                <lb/>
                 Nationalsozialismus, den wir züchten, verträgt Stöße von <lb/>
                 allen Seiten, nur nicht von uns.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schellhase junior war ganz konsterniert und konnte nichts <lb/>
                 sagen, dem Freiherrn aber, der meinte, man hätte doch lieber <lb/>
                 die Finger davon lassen sollen, erwiderte der General: »Sie <lb/>
                 respektieren die Gesetze, Herr von Zander, und die Verfas- <lb/>
                 sung. Sie sind der beste Bürger des Staates. Hätten wir un- <lb/>
                 sere Volkspartei lieber mit den Kommunisten verkoppeln <lb/>
                 sollen, von denen selbst beim Obersten Gerichtshof des Rei- <lb/>
                 ches als erwiesen gilt, daß sie die Verfassung stürzen wollen? <lb/>
                 Dabei haben Sie doch in allen Prozessen gegen Nationalsozia- <lb/>
                 listen gemerkt, daß dem Obersten Gerichtshof des Reiches <lb/>
                 wahrhaftig so leicht nichts als erwiesen gilt.«— »Na,« sagte <lb/>
                 Hugo Mehren trocken, »wie wär’s denn, wenn unser Geld <lb/>
                 in den Arbeitsstätten investiert würde, statt bei politischen <lb/>
                 Betrügern?«— »Seien Sie nur zufrieden. Sie können rech- <lb/>
                 tens beanspruchen, daß Ihr Geld Zinsen trägt. Wo und wie, <lb/>
                 das kann Ihnen gleich sein. Warten Sie also ruhig ab, Sie <lb/>
                 sollen uns in puncto Zinsen nichts vorzuwerfen haben.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als Walkowiak hinter Schloß und Riegel saß, sagte Cle- <lb/>
                 mens Faulstich zu Krogoll: »Jetzt ist wohl auch Ihre Neu- <lb/>
                 gierde zufriedengestellt, nicht wahr?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wieso?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nun, jetzt müssen Sie doch wissen, was das Dritte Reich <lb/>
                 ist.« “ </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Mitnichten, Herr Faulstich.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Dann will ich Ihnen auf die Sprünge helfen. Das Erste <lb/>
                 Reich war der Arbeiter- und Soldatenrat. Das Zweite Reich <lb/>
                 war der nationalsozialistische Gau Steinkohlenrevier.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ach so, jetzt geht mir ein Licht auf. Sie meinen —: das <lb/>
                 Dritte Reich ist das Kittchen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Bei Vater Philipp, Herr Krogoll, wie wir in unserer guten <lb/>
                 alten Militärzeit bei den Neunundsechzigern zu sagen <lb/>
                 pflegten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. Krewett kündigte den Metallarbeitertarif und forderte <lb/>
                 einen achtprozentigen Lohnabbau. Obgleich die Preise ein- <lb/>
                 zelner Gegenstände des täglichen Bedarfs noch stiegen, wag-
                <pb facs="#f0535" n="531"/>
                <lb/>
                 ten die Gewerkschaften angesichts der Stimmung, die seit <lb/>
                 Näßlers Rede im Lande herrschte, keine Gegenforderung. <lb/>
                 Sie begnügten sich damit, die Beibehaltung der derzeitigen <lb/>
                 Löhne zu verlangen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Schiedsspruch lautete auf eine dreiprozentige Lohn- <lb/>
                 senkung. Um den Arbeitern die Pille zu verzuckern, lautete <lb/>
                 er auch auf Zahlung des Kindergeldes bis zur Beendigung des <lb/>
                 Besuches der höheren Schule. Beide Parteien lehnten ab, der <lb/>
                 Arbeitsminister erklärte den Spruch für verbindlich. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. Krewett dekretierte: »Ausgeschlossen. Das muß nun <lb/>
                 biegen oder brechen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Gruppe Westen schloß die Arbeitsstätten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Aussperrung... </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Risch-Zandersche Konsum veranstaltete gerade eine <lb/>
                 Werbewoche mit festlicher Illumination, als der Krewettsche <lb/>
                 Blitzstrahl niedersauste. Der Freiherr, dem die Aussperrung <lb/>
                 zuwider war, weil sie sich nicht mit der Redlichkeit seines <lb/>
                 Gemüts vertrug, ließ sofort alle Lichter ausdrehen. Die Ver- <lb/>
                 leger der Lokalblätter, die stets die Interessen der Großindu- <lb/>
                 strie im Auge hatten, stundeten den Arbeitern die Abonne- <lb/>
                 mentsgelder. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Gewerkschaften reichten eine Klage beim Arbeitsge- <lb/>
                 richt ein. Dr. Krewett erwiderte in einem längeren Schrift- <lb/>
                 satz, daß von Tarifbruch nicht die Rede sein könne, da ja gar <lb/>
                 nicht gearbeitet werde, also auch keine Löhne gezahlt wür- <lb/>
                 den und folglich keine Gelegenheit zur Tariftreue sei. Die <lb/>
                 Materie war rechtlich schwierig. Unterdessen verrann die <lb/>
                 Zeit. Eine Woche, zwei Wochen, drei, vier. Jeden Morgen <lb/>
                 erschienen die Arbeiter auf Geheiß der Gewerkschaften vor <lb/>
                 den verschlossenen Fabriktoren. Niemand dachte daran, sie <lb/>
                 gewaltsam zu öffnen. Dagegen erboten sich viele, mit acht- <lb/>
                 prozentiger Lohnkürzung wieder anzufangen. Der Freiherr <lb/>
                 wollte diese Arbeiter zulassen. Dr. Krewett blieb fest: »Aus- <lb/>
                 geschlossen. Wir haben es nicht, wie bei einem Streik, mit <lb/>
                 gut- oder böswilligen Menschen zu tun, sondern mit der <lb/>
                 Überwindung eines falschen Staatsprinzips. Der Schieds- <lb/>
                 spruch muß beseitigt werden.« Dr. h. c. Hiebenstein sagte: <lb/>
                 »Wir sind keine Einzelnen, Herr von Zander. Wir gehören
                <pb facs="#f0536" n="532"/>
                <lb/>
                 zur Gruppe Westen. Gewinnt sie, so gewinnen auch wir. <lb/>
                 Verliert sie, so haben wir vor uns und der Welt keine Verant- <lb/>
                 wortung.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 So dachten die Großindustriellen alle; für den Freiherrn <lb/>
                 war es trostreich, und deshalb ließen sie Dr. Krewett schalten <lb/>
                 und walten. Von Grußenbaum wartete ab. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zur allgemeinen Überraschung erklärten sich die National- <lb/>
                 sozialisten für die Ausgesperrten. Darob zur Rede gestellt, <lb/>
                 zuckte Oberst von Leutwitz die Schulter: »Wir können nicht <lb/>
                 anders, sonst laufen uns die Arbeiter in hellen Haufen davon, <lb/>
                 — Aber«, fuhr er dreist zwinkernd fort, »die Herren von der <lb/>
                 Industrie siegen ja doch. Das steht sowieso fest. Da hat un- <lb/>
                 sere Parteinahme für die Arbeiter gar nichts zu bedeuten, wir <lb/>
                 können sie uns mit gutem Gewissen gestatten.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Absatz des Eisens wurde durch die Arbeitsruhe nicht <lb/>
                 gestört. Die Lager waren gefüllt. Seit Dr. Krewett seine <lb/>
                 Pläne offenbart hatte, war mehr als je auf Vorrat gearbeitet <lb/>
                 worden. Alle Kunden waren selbst wieder Unternehmer, die <lb/>
                 für das Vorgehen ihrer Klassengenossen volles Verständnis <lb/>
                 hatten, Sie gebrauchten Rücksicht und schrieben: »Wir ver- <lb/>
                 zichten auf die Innehaltung der vereinbarten Lieferfrist...« <lb/>
                 oder: »Die Lieferfrist läuft vom Tage der Wiedereröffnung <lb/>
                 der Betriebe...«, und niemand deckte sich während dieser <lb/>
                 Zeit anderswo ein. In einem Bezirk, wo die meisten Reisen- <lb/>
                 den dadurch akkreditiert waren, daß sie den gegenwärtigen <lb/>
                 Chef schon gekannt hatten, als er noch Lehrling war, wech- <lb/>
                 selten die Leute ihre Geschäftsbeziehungen nicht, wie man <lb/>
                 ein Hemd wechselt; und die Abnehmer aus der Kleineisen- <lb/>
                 industrie im Bergischen und im Siegerland waren seit mehr <lb/>
                 als einem Jahrhundert mit Kapitänen, Direktoren, Prokuri- <lb/>
                 sten, Ingenieuren verschwägert. Mehr als je aber galt diese <lb/>
                 Tradition, seit die Union der Treuhänder dieser Fabrikanten <lb/>
                 war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Gewerkschaften zahlten den Ihrigen Unterstützungen <lb/>
                 aus; das war für Leute vom Schlage Heinrich Dopslaffs ein <lb/>
                 Grund, sich wieder aufnehmen zu lassen. Frau Dopslaff nör- <lb/>
                 gelte: »Bist du dich ’nen Hampelmann. Dafür benutzen sie <lb/>
                <sic>getzt</sic> die Beiträge, die sie früher von dir eingezogen haben. </p>
            <pb facs="#f0537" n="533"/>
            <p>
                <lb/>
                 Nie hast du was davon gehabt, nich so’n Stücksken, und <lb/>
                 wenn’s mal was gibt, dann bist du nicht dabei.« So meldete <lb/>
                 er sich zum vierten Male an, um es sofort zu bereuen, als er <lb/>
                 hörte, daß die Ausgesperrten sowieso Erwerbslosengeld be- <lb/>
                 kommen sollten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. Krewett zeterte: das sei Mißbrauch der Sozialversiche- <lb/>
                 rung. Der Staatssekretär a. D. aber wollte darin ein Zeichen <lb/>
                 sehen, daß die Stimmung im Lande umschlüge: die Schwen- <lb/>
                 kung einer Regierung der Konzilianz (welchen Typ er übri- <lb/>
                 gens eingeführt habe) sei immer das sicherste Barometer da- <lb/>
                 für, man laufe Gefahr, das Terrain zu verlieren, das Näßler <lb/>
                 durch seine glänzende Rede erobert habe. General von Gru- <lb/>
                 ßenbaums Moment war da, er holte aus gegen den Staatsan- <lb/>
                 walt der Gruppe Westen und gebot einen Waffenstillstand <lb/>
                 binnen vierundzwanzig Stunden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Regierung schlug vor, den Oberbürgermeister der Re- <lb/>
                 vierhauptstadt zum unparteiischen Schlichter zu ernennen, <lb/>
                 falls man sich im voraus seinem Spruch bedingungslos unter- <lb/>
                 werfe. Die Parteien waren einverstanden. Es war ein neues <lb/>
                 Verlegenheitssystem. So souverän dieser Schlichter war, so <lb/>
                 war gerade er an hundert unwägbare Kleinigkeiten gebun- <lb/>
                 den. Er war so weise, wie er unter diesen Umständen nur sein <lb/>
                 konnte. Er setzte den ersten Schiedsspruch mit der Maßgabe <lb/>
                 in Kraft, daß die dreiprozentige Lohnkürzung erst in zwei <lb/>
                 Monaten eintreten und dafür nach vier Monaten durch eine <lb/>
                 achtprozentige ersetzt werden sollte. General von Grußen- <lb/>
                 baum triumphierte. Er prägte die Bezeichnung »Krewett- <lb/>
                 scher Pyrrhussieg«. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zwar hatten die Industriellen ein gut Teil von dem, was <lb/>
                 sie haben wollten, aber sie hatten nicht das, wofür Dr. Kre- <lb/>
                 wett sich stark gemacht hatte. Er war niedergekämpft, er <lb/>
                 blieb nicht länger dem General koordiniert. Die Union be- <lb/>
                 schloß, daß hinfort größere Arbeitskämpfe von prinzipieller <lb/>
                 Bedeutung zum Geschäftsbereich des Generals gehören soll- <lb/>
                 ten. Nicht einmal Kropf stimmte voll dagegen. Er erreichte <lb/>
                 für seinen Schützling gerade noch, daß er dem Favoriten als <lb/>
                 junger Mann beigesellt wurde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Müde und schlaff schlichen die Arbeiter wieder in die Fa-
                <pb facs="#f0538" n="534"/>
                <lb/>
                 briken und hielten sich die Ohren zu, wenn von dem die Rede <lb/>
                 war, wonach sie einstmals gestrebt hatten. Dopslaff nahm die <lb/>
                 allgemeine Resignation zum Vorwand, um zum vierten Male <lb/>
                 aus der Gewerkschaft auszutreten. »Diesmal endgültig«, ver- <lb/>
                 sicherte er. Er hätte sich jetzt auch nicht mehr geschämt, den <lb/>
                 Streikbrecher zu machen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wieviele versicherten das, wieviele hätten sich nicht mehr <lb/>
                 geschämt! </p>
            <p>
                <lb/>
                 ZWANZIGSTES KAPITEL </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach der Aussperrung der Metallarbeiter war die Stadt ruhig. <lb/>
                 Das Industriegebiet, dessen Hauptstadt sie war, hieß jetzt <lb/>
                 »Gigant im Westen«, und ein vierdimensionaler Schornstein, <lb/>
                 den der Kameramann von unten, mit dem Rücken auf der <lb/>
                 Erde liegend, photographiert hatte, war seine Schutzmarke. <lb/>
                 Es war der Inbegriff alles dessen, was eine neue, durch das Er- <lb/>
                 lebnis des Krieges und der Inflation sonderbar geläuterte <lb/>
                 Menschheit als grandios empfand, abgöttisch liebte und unter <lb/>
                 verzückten Schauern anbetete. Es wurde nicht mehr gemie- <lb/>
                 den, jedermann suchte persönlichen Kontakt mit ihm; war es <lb/>
                 möglich, da lag in Deutschland noch ein unbekannter Erd- <lb/>
                 teil? Mit Blitzlicht und Botanisierbüchse zogen die Ent- <lb/>
                 decker aus, die Reisebüros leiteten die Touristenströme hier- <lb/>
                 her, denn die ernährenden Landschaften rangierten jetzt auf <lb/>
                 einer Stufe mit den ergötzlichen Landschaften, und die Au- <lb/>
                 gen der Reisenden, welche die Schönheit der Zechentürme <lb/>
                 und Hochöfen tranken, waren die gleichen, die die Schönheit <lb/>
                 der Almen im Hochgebirge getrunken hatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wieder war es, wie ehedem in der »Waffenschmiede des <lb/>
                 Reiches«, die Fassade, an der die Menschen in den Himmel <lb/>
                 ihrer Träume kletterten, wieder waren es die zackigen Kon- <lb/>
                 turen, mit deren Besichtigung sie sich zufrieden gaben. Was <lb/>
                 ihnen neu und eigenartig vorkam, das hielten sie schon um <lb/>
                 dessentwillen für wichtig. Die Reisegewandtheit, die sie sich <lb/>
                 allmählich erworben hatten, reichte aus, um für den eigenen <lb/>
                 Bedarf ein ungelöstes Geheimnis mit einem zweiten unge- <lb/>
                 lösten Geheimnis zu enthüllen; ihr Erkundungstrieb verlei-
                <pb facs="#f0539" n="535"/>
                <lb/>
                 tete sie dazu, vulgären Gegenständen spezifische Unterschrif- <lb/>
                 ten zu geben; in jeder Straßenbuddelei erblickten sie ein wirt- <lb/>
                 schaftliches Symptom, in jeder ungeschneuzten Kindernase <lb/>
                 eine soziale Affäre; kurz, sie waren der Undurchsichtigkeit <lb/>
                 dieses Landes, das zu belagern und zu umlauern sie keine Ge- <lb/>
                 duld hatten, dermaßen ausgeliefert, daß sie eine Phantastik <lb/>
                 der Fabriklandschaft erfanden, ohne sich bewußt zu werden, <lb/>
                 welche Konsequenzen diese Erscheinungen hätten nach sich <lb/>
                 ziehen müssen, wenn sie wahr und nicht nur erschaut gewe- <lb/>
                 sen wären. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Ohren der einen sangen die Maschinen mystische <lb/>
                 Chöre, in ihren Augen war der Maschinist der Prototyp eines <lb/>
                 modernen Parzival; die anderen setzten phantastische Kli- <lb/>
                 scheevorstellungen von der »Knochenmühle des Proleta- <lb/>
                 riats« und der »Elendskirchweih der Wirtschaft« in Umlauf, <lb/>
                 die bei allen Vorzügen der Eindeutigkeit und der bequemen <lb/>
                 Orientierung den Nachteil besaßen, nicht stichhaltig zu <lb/>
                 sein — weder trafen sie allgemein zu, noch erreichten sie an <lb/>
                 jenen Stellen, aus deren Dunkelheit sie abgeleitet waren, das <lb/>
                 Grauen und Entsetzen des tatsächlichen Bildes. Die einen wall- <lb/>
                 fahrteten zu den Industriekapitänen, liefen mit Superlativen <lb/>
                 der Bewunderung hinter Zahlengrößen her und beugten sich <lb/>
                 vor einem säuberlich auf Flaschen gezogenen Unternehmer- <lb/>
                 geist, ohne je zu bemerken, daß diese Produktivität zu einem <lb/>
                 erheblichen Teil auf einem Geschenk der Natur beruhte und <lb/>
                 zum anderen auf einer Taktik, die immer erst einsetzte, <lb/>
                 nachdem ein Kampf begonnen hatte, somit die Waffen nie <lb/>
                 aus der Hand gab und den Gebrauch aller Dinge gelernt hatte, <lb/>
                 mit denen sie umging. Die anderen wallfahrteten zum Prole- <lb/>
                 tariat, ließen sich von den Gewerkschaftsbeamten einige Ar- <lb/>
                 beiter vorführen, die entweder auf hochgemuten Intellekt <lb/>
                 oder auf stumpfe Verzweiflung dressiert waren, entdeckten <lb/>
                 eine oberflächliche Übereinstimmung mit ihren vorgefaßten <lb/>
                 Meinungen und rechneten mit Idealen und Gefühlen statt mit <lb/>
                 den unverfälschten Tatsachen, die nicht einfarbig und nicht <lb/>
                 zweifarbig waren, sondern gefährlich schillernd. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was die einen niederschmetternd fanden, fanden die ande- <lb/>
                 ren erhebend. Verstiegen sich die einen zur Verkündung
                <pb facs="#f0540" n="536"/>
                <lb/>
                 eines »Siedlungsstaats der Arbeiter und Maschinen«, eines <lb/>
                 schweren, ernsten, düsteren Landes, gewissermaßen eines <lb/>
                 negativen Idylls mit wenig Bäumen, wenig Feldern, wenig <lb/>
                 Wiesen, und von einer dunklen Strenge —: so beschrieben <lb/>
                 die anderen inmitten schwarzer, versumpfender Strecken die <lb/>
                 anheimelnde Flucht grüner Triften und Parks mit jahr- <lb/>
                 hundertealten Eichen, die zu ehemaligen Herrensitzen und <lb/>
                 Fideikommissen gehörten und jetzt Volkserholungsstätten <lb/>
                 waren — denn der westliche Adel war allezeit agrarisch ge- <lb/>
                 blieben und konnte daher jetzt seine Geschäfte mit der Grün- <lb/>
                 flächenpolitik der Industriestädtemachen. Aber alle, sie alle <lb/>
                 wurden von dem Pittoresken angezogen, genau wie die <lb/>
                 Menschen jener Tage, wo die Natur sich in das »Revier« ver- <lb/>
                 wandelt hatte; und so wie damals, als die Maler die ersten <lb/>
                 Walzwerke malten: ungestüm, abenteuerlich, der Rauch <lb/>
                 schießt wild zum Himmel, die Arbeiter sind in ungeheurer <lb/>
                 Aufregung — so war es auch jetzt nichts als der barocke, <lb/>
                 suggestiv wirkende Begriff von Tempo und Betrieb, der sich <lb/>
                 mit den Fortschritten der Technik verband. </p>
            <p>
                <lb/>
                 So trafen sich alle unter dem Zeichen des »Giganten im <lb/>
                 Westen«. Wo drei Leute beisammen standen, da sahen sie <lb/>
                 schon eine Belegschaft; wo ein Teich war, einen Hafen; wo <lb/>
                 ein Bach war, einen Kanal; wo eine Straßenbahnweiche war, <lb/>
                 einen Verkehrsknotenpunkt. Wenn sie eine Brücke in länd- <lb/>
                 licher Flußgegend auffanden, notierten sie: »Wird täglich <lb/>
                 von zwanzigtausend Menschen begangen«; und wenn sie <lb/>
                 halb auf freiem Feld einen gepflasterten Platz mit Rettungs- <lb/>
                 insel und Bogenlampen auffanden, notierten sie: »Hier wird <lb/>
                 eine Stadt gegründet« —, als ob hier mit jedem Tag die Welt <lb/>
                 neu erschaffen worden und Städtegründung eine Art Sport <lb/>
                 gewesen wäre, Nicht nur das wirklich Riesenhafte war riesig, <lb/>
                 nein, viel mehr noch das Winzige, das Gepreßte, das Vor- <lb/>
                 städtische, das Größenwahnsinnige. In einer Gegend, wo <lb/>
                 schon die Wirklichkeit wie durchs Vergrößerungsglas gese- <lb/>
                 hen war, wandten sie noch ein Doppelprismenfernrohr an. <lb/>
                 Alles war Masse, alles war Bataillon, alles war GIGANT IM <lb/>
                 WESTEN. Bitte, bitte, geben Sie mir doch auch ein Bild- <lb/>
                 chen davon, ich rechne es mir zur Ehre an, mit darauf zu sein. </p>
            <pb facs="#f0541" n="537"/>
            <p>
                <lb/>
                 Es war ein Land von gewaltiger Gegensätzlichkeit und <lb/>
                 Weitmaschigkeit, wo seit hundert Jahren alles ein Anfang <lb/>
                 war und in hundert Jahren noch nichts abgeschlossen sein <lb/>
                 konnte; ein Land, nicht schön, nicht häßlich, bloß nützlich, <lb/>
                 ein unfleischliches Land, an dem alle Geld verdienen wollten, <lb/>
                 die einen, um ihr Leben zu fristen, die anderen, um ihr Le- <lb/>
                 ben zu genießen, ein Land, das leicht kümmerlich und leicht <lb/>
                 wertvoll zu machen war. Große, breite, komfortable Verkehrs- <lb/>
                 wege neben engen, krummen Geschäftsstraßen. Moderne <lb/>
                 Landhäuser neben uralten Notbaracken, wo hölzerne Stiegen <lb/>
                 von außen wie Hühnerleitern zum ersten Stock hinaufführ- <lb/>
                 ten. Kinopaläste neben Elendsvierteln. Beflaggte Schwimm- <lb/>
                 bäder und Stadions neben betriebsamen Häfen und Kanälen. <lb/>
                 Blühende Staudengärten neben Aschenbergen. Es war nicht <lb/>
                 leicht, die großgewordenen Städte zu einer Großstadt zu <lb/>
                 machen. Es war auch jetzt noch ein scheinbar planloses, ach- <lb/>
                 senloses, zielloses Durcheinander, eine naive Ansammlung <lb/>
                 barbarischer Gegensätze, ein von hundert widerspruchsvol- <lb/>
                 len Fluchtlinienfestsetzungen ineinandergeschachteltes Stra- <lb/>
                 ßendickicht, ein von hundert widerspruchsvollen Ideologien <lb/>
                 überschwemmtes und von den Heuschreckenschwärmen so- <lb/>
                 genannter Kulturträger heimgesuchtes Menschenmaterial. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nirgends sonst saßen die Menschen so dicht zusammen, <lb/>
                 nirgends sonst lagen so viele Städte von solcher Größe und <lb/>
                 Wichtigkeit und dabei doch so verschiedenen Antlitzes ne- <lb/>
                 beneinander. Aber nirgendwo sonst waren die Menschen so <lb/>
                 isoliert in Gruppen, und nirgendwo sonst die Städte einer <lb/>
                 Provinz so weit entfernt von einer wirtschaftlichen, kultu- <lb/>
                 rellen, verwaltungs- und verkehrstechnischen Einheit. Sah <lb/>
                 man von einer Anhöhe hinab, so schienen nur Ansätze zu <lb/>
                 Städten da zu liegen; es liefen die alten Landstraßen hin- <lb/>
                 durch, sie liefen weiter durch Siedlungen, bei den Zechen <lb/>
                 lag es wie Ameisenhaufen, sie strahlten ein paar Nebenstra- <lb/>
                 ßen aus, die mitten im Feld abzubrechen schienen — und dann <lb/>
                 fing es wieder von vorn an, es war kein Strom, es war eine <lb/>
                 Überflutung. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unmittelbar wuchs die Vergangenheit in die Gegenwart <lb/>
                 und die Gegenwart in die Zukunft. Immer war dieses Land
                <pb facs="#f0542" n="538"/>
                <lb/>
                 in Vermessung begriffen, von Markscheidern und Geome- <lb/>
                 tern geröntgt, in Tabellen aufgeteilt. Nirgends ein Übergang, <lb/>
                 nirgends ein Halt. Neben den alten Kanälen wurden die neuen <lb/>
                 Häfen ausgebaggert, die einem Vielfachen des Umschlags <lb/>
                 gewachsen waren, mit welchem man beim Bau jener Wasser- <lb/>
                 straßen gerechnet hatte; und wenn man genauer hinsah, <lb/>
                 schienen auf dieser Fläche bereits unzählige Linien für ein zu- <lb/>
                 künftiges, schon von der Vorsehung projektiertes Kanalsy- <lb/>
                 stem abgesteckt zu sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unter den östlichen Ausläufern der Flußberge war eine <lb/>
                 solche Höhe, von wo man dies beobachten konnte. Man kam <lb/>
                 sich dort vor wie ein Anatom, der in die Eingeweide eines <lb/>
                 geöffneten Körpers blickt. Ein Aussichtsturm stand da, er <lb/>
                 hieß der »Kaiserturm«; auf dem Vorplatz war eine Haubitze, <lb/>
                 Modell 1870, und acht stämmige Granaten neueren Datums <lb/>
                 bewachten den Eingang. Die enge gewundene Treppenhöhle <lb/>
                 führte an moderigen Sammlungen einer Kriegervereinschro- <lb/>
                 nik vorüber, und bevor man auf die Plattform gelangte, <lb/>
                 mußte man durch eine Gedächtnishalle, wo eine Kaiserbüste <lb/>
                 war und dahinter ein Genius, der eine Krone in der Hand <lb/>
                 trug, die er nicht los werden konnte. Es war gewiß müh- <lb/>
                 selig, den Arm so immer ins Leere ausgestreckt zu halten. <lb/>
                 Jedes Fenster hatte zwei Majestäten in Vierfarbendruck, ein <lb/>
                 Eisengitter war davor, nur bis auf vier Meter durfte man <lb/>
                 heran. Auf großen Tafeln daneben die Urkunde der Annahme <lb/>
                 der deutschen Kaiserwürde, und als Kompensation für diesen <lb/>
                 rauchigen, knochigen, schnaubenden Landstrich der erste <lb/>
                 Erlaß über Arbeiterversicherung aus dem Jahre 1881. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Grieghöfer war oft dort oben. Er meinte, daß er <lb/>
                 dort mit seinen Gedanken besser fertig werden könne. Alma <lb/>
                 sagte, es sei eine dumme Marotte von ihm. Einmal begleitete <lb/>
                 sie ihn, blieb aber mit Melitta unten in der Wirtschaft, bis <lb/>
                 er wieder vom Turm herunterkam, und maulte, weil der <lb/>
                 Kaffee wie gemahlener Torf geschmeckt habe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am Fuß des Berges war eine Ehrenhalle für die Gefallenen <lb/>
                 des Krieges. Über dem Portal saß ein großer zahmer Gips- <lb/>
                 vogel. Adam machte sich oft den Spaß, in die Hände zu <lb/>
                 klatschen, aber der Vogel flog nicht fort. Außerdem waren
                <pb facs="#f0543" n="539"/>
                <lb/>
                 da drei Ermahnungs- und Verbotstafeln, ausgewachsene <lb/>
                 Exemplare, zwölf Zeilen zu je dreißig Silben; Adam sagte, <lb/>
                 es müsse eine Lust sein, in Deutschland als Anstreicher zu <lb/>
                 leben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Eisengießerei, seinem einstigen Betrieb, war nichts <lb/>
                 frei gewesen. Er war nun Kranführer im Knüppelwalz- <lb/>
                 werk II, Diplomingenieur Hollerbach. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Durch das Gehölz war ein abkürzender Weg getreten. <lb/>
                 Einmal rief es hinter Adam: »Sie! Da ist kein Weg!« Es wa- <lb/>
                 ren drei Wächter mit Försterbärten, Knotenstöcken und ho- <lb/>
                 hen himmelblauen Schirmmützen. Adam sagte: »Dann scharrt <lb/>
                 den Pfad doch zu oder sperrt ihn ab«, und da wurden sie <lb/>
                 sehr böse: »Das geht Sie nichts an! Haben wir Sie nicht <lb/>
                 vorige Tage schon erwischt? Wenn wir wollten, könnten <lb/>
                 wir Sie aufschreiben, das kostet neun Mark. Gehn Sie jetzt <lb/>
                 weiter!« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam war wie versteinert. Beamte mit Dienstmützen, die <lb/>
                 nicht aufschreiben, obgleich sie es können und obgleich es <lb/>
                 neun Mark macht! — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Oben auf dem Turm war es frei und warm. Langsam ging <lb/>
                 Adam im Kreise herum. Da waren kleine Unternehmungen <lb/>
                 auf Abbruch: die Krane griffen entgeistert in das bißchen <lb/>
                 Schrott. Gleich daneben baute ein moderner Architekt einen <lb/>
                 Großbetrieb, breit wuchtend, ohne an Raum und Material <lb/>
                 zu sparen. Die Spekulanten waren noch immer nicht aus- <lb/>
                 gestorben. Kam wieder gute Zeit, waren sie die Ersten am <lb/>
                 Platz. Ein Hang mit einer Buchenlisiere grenzte moosige <lb/>
                 Äcker ab. Begrünte Inseln, eingefriedet mit ausgedienten <lb/>
                 Grubenseilen. Bauernkotten. »Erst bekommen wir die Söhne <lb/>
                 und dann die Höfe«, hatte einmal ein Zechenherr gesagt. <lb/>
                 Krater. Ein Feldweg rannte in eine Abraumhalde hinein, die <lb/>
                 gefurcht war wie erstarrte Lava. Schmutzige Giebelseiten von <lb/>
                 Mietskasernen schnitten idyllische Kolonien durch, verräu- <lb/>
                 cherte Häuserzeilen zogen gegen traulich begrünte Hühner- <lb/>
                 höfe los, die aus dem Baukasten einer zwischen Zehnstunden- <lb/>
                 tag und Mindestlöhnen lavierenden Wohltätigkeit gekommen
                <pb facs="#f0544" n="540"/>
                <lb/>
                 waren — ja, nur wo das Elend heiter wird, ist es fürchterlich. <lb/>
                 Auf einer anderen Anhöhe, zwischen ausgewaschenen, ver- <lb/>
                 ödeten Häusern, eine Windmühle. Abermals lange, schnur- <lb/>
                 gerade Reihen von Zechenkolonien, die traurigen Höfe voll <lb/>
                 Wäsche. Und Kirchtürme in Nestern von Schornsteinen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Noch etwas weiter hinüber — die Oase der Flußlandschaft. <lb/>
                 Der Fluß selbst war nicht mehr sichtbar, er war ganz fest- <lb/>
                 geklemmt von sanft gleitenden Hügeln, ganz eingeschneit <lb/>
                 von wehendem Gebüsch, aber man konnte ihn ahnen. Eigen- <lb/>
                 artig, daß man Wasser in einer Landschaft immer ahnen <lb/>
                kann. — — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die ehemaligen Ackerdörfer waren äußerlich aufge- <lb/>
                 schwemmt worden, viele hatten sich in einem Jahrhundert <lb/>
                 versiebzigfacht, doch ihren bescheidenen geistigen Zuschnitt <lb/>
                 hatten sie mit unheimlicher Zähigkeit bewahrt, und wenn sie <lb/>
                 sich mit den Errungenschaften der Technik brüsteten, deren <lb/>
                 Ausbeutung ja unter ihnen beheimatet war, so geschah es <lb/>
                 um der propagandistischen Wirkung willen. Gegenüber dem <lb/>
                 Hergebrachten zwei Augen zuzudrücken, war für sie leich- <lb/>
                 ter, als für Ungewohntes eines aufzumachen. So entstanden <lb/>
                 die Schwierigkeiten des Landes viel weniger aus dem natür- <lb/>
                 lichen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit als aus dem <lb/>
                 unnatürlichen Gegensatz zwischen technischer und geistiger <lb/>
                 Haltung, und so war der Gigant im Westen die nämliche <lb/>
                 Unterlage zu Denkschriften und Festreden, welche die Waf- <lb/>
                 fenschmiede des Reiches gewesen war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die neuen Gebäude der Industrie waren nicht mehr im <lb/>
                 Stil von Minaretts und zinnengekrönten Burgen gehalten, <lb/>
                 sie waren hell und sachlich und maskierten ihren Zweck <lb/>
                 nicht mehr, aber um so uneinnehmbarer und überragender <lb/>
                 waren sie. Kropf hatte den größten Gasbehälter Europas, <lb/>
                 vierundzwanzigeckig, achtundsechzig Meter Durchmesser, <lb/>
                 hundertzwanzig Meter hoch, 347000 Kubikmeter fassend. <lb/>
                 Risch-Zander hatte die größte Auto-Waschhalle der Welt, <lb/>
                 wo die Wagen in sechs Arbeitsgängen mit rotierenden <lb/>
                 Schwämmen gesäubert, mit Druckluft getrocknet, maschi- <lb/>
                 nell poliert und im Innern entstaubt wurden: auf der ersten
                <pb facs="#f0545" n="541"/>
                <lb/>
                 Station zischte ein Wasserstrahl mit siebenundzwanzig At- <lb/>
                 mosphären Druck von unten gegen das Fahrgestell, auf der <lb/>
                 zweiten ging ein Sprühregen von dreißig Grad Wärme auf <lb/>
                 die Karosserie nieder, die zugleich von Gummischwämmen <lb/>
                 gebürstet wurde, auf der dritten wurde mit zehn Atmosphä- <lb/>
                 ren Luftdruck getrocknet, auf der vierten der ganze Wagen <lb/>
                 mechanisch abgeledert, auf der fünften das Innere durch Va- <lb/>
                 cuumanlage gereinigt, auf der sechsten das Chassis mit einer <lb/>
                 rostfeindlichen Flüssigkeit lackiert, und das Ganze dauerte <lb/>
                 nur zehn Minuten. In Schellhases Reich wurden die meisten <lb/>
                 Ehen geschlossen und die meisten Kinder geboren, in Kro- <lb/>
                 golls Bezirk starben im Reichsdurchschnitt die wenigsten <lb/>
                 Menschen, und das Revier hatte das schönste BERGMANNS- <lb/>
                 LOS, alle Tage einer erschlagen von niederbrechendem Ge- <lb/>
                 stein oder vorzeitig losgegangenen Sprengschüssen, kleine <lb/>
                 Fälle, vier Petitzeilen nur in der Zeitung, niemand bemerkte <lb/>
                 die Häufung, unter fünfzig Toten auf einmal gab es keinerlei <lb/>
                 Aufsehen mehr. All dies lag im Zug einer Zeit der morali- <lb/>
                 schen Siege mit Superlativen. Deutschland hatte die schnell- <lb/>
                 sten Schiffe, die heldischsten Ozeanflieger, den besten Rog- <lb/>
                 genboden, die höchsten Arbeitslosenziffern, die meisten Plei- <lb/>
                 ten und die größten Skandale, und seine Hühner legten die <lb/>
                 frischsten Eier der Welt. Es war eine sonderbare Sucht, die <lb/>
                 kleinen Dinge ins Unendliche zu vergrößern, das Lächer- <lb/>
                 liche zu überschreien und dafür das wahrhaft Große und <lb/>
                 Würdige der Nation zu zertrampeln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Immer noch, und nun erst recht, war das Steinkohlenre- <lb/>
                 vier von außen ein Gegenstand der Phrase und von innen <lb/>
                 ein Gegenstand der Prahlerei. Immer noch, und nun erst <lb/>
                 recht, flossen die anziehenden und abstoßenden Momente <lb/>
                 ineinander, standen den technischen Sicherheitsfaktoren die <lb/>
                 menschlichen Unsicherheitsfaktoren gegenüber, war der Reiz <lb/>
                 von Beutemachen und Gejagtsein, von Berechnung und Un- <lb/>
                 berechenbarkeit vereinigt. Unruhe und Schwankungen konn- <lb/>
                 ten das Revier in seinen Grundfesten nicht erschüttern, denn <lb/>
                 es lebte davon. Eine neue Erfindung konnte ganze Anlagen <lb/>
                 entwerten, eine neue kaufmännische Idee ganze Organisa- <lb/>
                 tionsformen umstürzen. Daher wurden die Weltanschauungs-
                <pb facs="#f0546" n="542"/>
                <lb/>
                 kurven von der jeweiligen industriellen Konjunktur vorge- <lb/>
                 zeichnet, wechselte je nach Arbeits- und Verdienstlage die <lb/>
                 Gefolgschaft im einen und anderen Lager. Selbst die Bettler <lb/>
                 an den Straßenecken richteten sich danach. Sie waren deutsch- <lb/>
                 national, wenn bessere Herrschaften nahten, und kommu- <lb/>
                 nistisch, wenn sie vorbeigingen, ohne etwas zu geben. Keine <lb/>
                 Heilslehre faßte hier Fuß, weil jedermann täglich kontrollie- <lb/>
                 ren konnte, wie die Wirklichkeit auf die Lehre reagierte, und <lb/>
                 wie die Lehre von der Wirklichkeit belehrt wurde, und weil <lb/>
                 obendrein der Kapitalismus schon selbst die konkreten Be- <lb/>
                 griffe Arbeitsleistung und Kaufkraft mit soviel wohltuender <lb/>
                 Weltanschauung verpackte, daß andere Ideologien nur vor- <lb/>
                 übergehend bemüht zu werden brauchten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im Revier lebten 1 200 000 Arbeiter, 378 000 Angestellte <lb/>
                 und nur 178 000 selbständige Existenzen, wovon achtund- <lb/>
                 siebzig über eine Million Vermögen versteuerten, mithin <lb/>
                 Millionäre waren. Das war nicht viel, wenn man bedenkt, <lb/>
                 daß in Berlin ihrer fünfhundert wohnten. Aber zu dem Reich- <lb/>
                 tum der Einzelpersönlichkeiten kam der Reichtum der Kör- <lb/>
                 perschaften hinzu, der in die Milliarden ging und den Reichs- <lb/>
                 durchschnitt ums Fünffache übertraf. Auf den Kopf der Be- <lb/>
                 völkerung gerechnet, betrug das steuerbare Vermögen der <lb/>
                 natürlichen Personen im Revier nur achthundertzwölf Mark, <lb/>
                 und unter tausend Einwohnern befanden sich durchschnitt- <lb/>
                 lich nur einundzwanzig Steuerpflichtige; aber der Gesamter- <lb/>
                 trag der Vermögenssteuer, worunter auch die Körperschaf- <lb/>
                 ten fielen, machte pro Kopf dreizehn Mark und zwölf Pfen- <lb/>
                 nig aus, das waren drei Mark und vierundsechzig Pfennig <lb/>
                 mehr als der Reichsdurchschnitt. So konnte man also ebenso- <lb/>
                 gut von einer Anhäufung der Armut wie von einer Anhäu- <lb/>
                 fung des Reichtums sprechen, denn das Gewicht der großen <lb/>
                 Privatvermögen wurde durch das Gegengewicht der unver- <lb/>
                 mögenden Massen aufgehoben, und die Aktionäre verbrach- <lb/>
                 ten ihr Leben meistens außerhalb des Reviers. Die Guthaben- <lb/>
                 ziffern bei den Sparkassen bewiesen nichts dagegen, sie wa- <lb/>
                 ren trügerisch, sie entstanden nur dadurch, daß viele Leute <lb/>
                 Geld zurücklegten für einen bestimmten Zweck, Heirat oder
                <pb facs="#f0547" n="543"/>
                <lb/>
                 größere Anschaffungen oder Erziehung der Kinder, und es <lb/>
                 dann wieder abhoben und verausgabten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf einen Quadratkilometer Erde entfielen hier fast neun- <lb/>
                 hundert Einwohner, siebenmal soviel wie im Durchschnitt <lb/>
                 des Reichs, vierzehnmal soviel wie in Ostpreußen, fünfund- <lb/>
                 zwanzigmal soviel wie in Mecklenburg. Auf siebenmal klei- <lb/>
                 nerem Raum wohnten ebensoviele Menschen wie in Würt- <lb/>
                 temberg und Baden zusammen, davon nur drei Prozent in <lb/>
                 Landgemeinden, alles andere in Städten. In der Bevölkerung <lb/>
                 hatten die jugendlichen Altersklassen eine starke Position, <lb/>
                 rund neunzehn Prozent gegen sechzehn im Reichsdurch- <lb/>
                 schnitt waren jünger als dreißig Jahre; und während im <lb/>
                 Reich ausnahmslos ein Frauenüberschuß verzeichnet wurde, <lb/>
                 überwogen im Revier in allen nicht durch den Krieg dezi- <lb/>
                 mierten Jahrgängen die Männer, und selbst dort war der <lb/>
                 Frauenanteil noch weit geringer als im übrigen Deutsch- <lb/>
                 land—: zwei Tatsachen, die sich dadurch erklärten, daß die <lb/>
                 Menschen hier schnell abgenutzt und durch Zuzug junger <lb/>
                 Kräfte ergänzt wurden, die vorherrschende Industrie für <lb/>
                 Frauen wenig Betätigungsmöglichkeiten lieferte und die <lb/>
                 Ehen hier noch weniger als anderwärts im Himmel geschlos- <lb/>
                 sen wurden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf dem Wege solcher Betrachtung wäre man allmählich <lb/>
                 zum wahren Gesicht gelangt — wenn die Menschen sie an- <lb/>
                 gestellt hätten. Am Endpunkt dieser Folge von Beobachtun- <lb/>
                 gen standen die Wohnungen. Die kleinen Wohnungen bis <lb/>
                 zu drei Zimmern nahmen sechzig Prozent aller Bauten vor- <lb/>
                 weg, danach verblieben dreißig Prozent für die Wohnungen <lb/>
                 mit vier und fünf Zimmern und zehn für die größeren. Zwei- <lb/>
                 unddreißig Prozent aller Erkrankungen und Todesfälle ka- <lb/>
                 men durch ansteckende Krankheiten, deren verbreitetste der <lb/>
                 Scharlach war. In kurzem Abstand folgten Diphterie und Tu- <lb/>
                 berkulose, rund zweihundert Fälle pro Stadt und Woche. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Großstädte mit Bergarbeiterbevölkerung waren die <lb/>
                 einzigen in Deutschland, die einen Geburtenüberschuß hat- <lb/>
                 ten und einen solchen Reichtum an Volksschulkindern, daß <lb/>
                 hundertvierzig auf tausend Einwohner kamen; jedes von
                <pb facs="#f0548" n="544"/>
                <lb/>
                 ihnen kostete die Öffentlichkeit fast hundertfünfzig Mark im <lb/>
                 Jahr. Hierzu gehörte auch die Hauptstadt des Steinkohlenre- <lb/>
                 viers, welche sich als die größte Kohlenstadt des Kontinents <lb/>
                 bezeichnete. Sie buchte für sich ein Siebentel der gesamten <lb/>
                 Förderung des Bezirks, was sich durch Pressungen und Wöl- <lb/>
                 bungen des Bodens, sinkenden Grundwasserspiegel, Verbie- <lb/>
                 gung von Straßenbahnschienen, Gas- und Wasserrohrbrüche <lb/>
                 bemerkbar machte, da auch der maschinelle Bergeversatz die <lb/>
                 Senkungen nur reduzieren, nicht aufheben konnte. Zwei <lb/>
                 Millionen Kubikmeter Gas gingen jährlich dabei verloren. <lb/>
                 Manche Gebäude schoben sich in einem halben Jahrhundert <lb/>
                 um dreiviertel Meter zur Seite. Aber selbst diese mißlichen <lb/>
                 Begleiterscheinungen waren schmeichelhaft für eine Stadt, <lb/>
                 die ihre Eigenart gerade aus den Schwierigkeiten ableitete, <lb/>
                 womit sie zu kämpfen hatte. Von ihren erwerbstätigen Ein- <lb/>
                 wohnern waren jetzt noch einundzwanzig Prozent im Berg- <lb/>
                 bau und neunzehn Prozent in der Eisenindustrie beschäftigt. <lb/>
                 Fast fünfzigtausend waren arbeitslos: man empfahl ihnen, <lb/>
                 sich in Seidenraupenzucht, Hühnerfarmen und Gemüse- <lb/>
                 treibhäusern neue Erwerbsquellen zu verschaffen. Viele <lb/>
                 Tausende arbeiteten nur drei Tage in der Woche. Aber <lb/>
                 schon kündigte sich der Ausfall an Arbeitskräften, der beim <lb/>
                 Nachrücken der Jahrgänge aus der geburtenschwachen <lb/>
                 Kriegszeit entstehen mußte, durch eine Verminderung der <lb/>
                 Lehrlinge an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von den Angestellten waren diejenigen am besten gegen <lb/>
                 Abbau gesichert, die nicht an Produktionsstätten, sondern <lb/>
                 in Verbänden und Kartellen Dienst taten, doch traf man auch <lb/>
                 zuweilen drei Betriebsführer und vier Assistenten in Werk- <lb/>
                 stätten an, die nur noch vierzig Mann Belegschaft hatten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Stadt befanden sich 368 Bäckereien und 316 Metz- <lb/>
                 gereien mit einem Jahresumsatz von 16,6 und 29,8 Millionen, <lb/>
                 das waren fünfunddreißig und dreiundsechzig Mark auf den <lb/>
                 Kopf der Bevölkerung. In anderen deutschen Städten von <lb/>
                 derselben Größe waren die Zahlen fast doppelt so hoch, aber <lb/>
                 das heißt noch nicht, daß hier weniger verzehrt wurde; viel- <lb/>
                 mehr beweist es, welch ungeheurer Anteil am Verbrauch auf <lb/>
                 die Konsumanstalten der Hütten und Zechen entfiel, denn
                <pb facs="#f0549" n="545"/>
                <lb/>
                 diese konnten freilich in einer auf der Veranlagung zur Um- <lb/>
                 satzsteuer beruhenden Statistik nicht enthalten sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auffallend groß war die Zahl der Geschäfte mit Stapel- <lb/>
                 ware, der umherziehenden Händler und der Pferdege- <lb/>
                 spanne, die noch mehr als ein Drittel des Verkehrs ausmach- <lb/>
                 ten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sechseinhalbtausend Ausländer lebten in der Stadt, dar- <lb/>
                 unter beinahe fünfzehnhundert Polen und nicht viel weniger <lb/>
                 Österreicher und Niederländer. Sie wohnten fast alle im öst- <lb/>
                 lichen Zechenviertel. Der Freiherr sagte gelegentlich, daß <lb/>
                 dieses Gemisch durch das eiserne Band der Arbeit in einem <lb/>
                 einheitlichen Ring der Unbeugsamkeit vernietet sei. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Einwanderung setzte sich zusammen aus Konjunk- <lb/>
                 tur- und Depressionswanderungen. Nicht nur in aufstreben- <lb/>
                 den Zeiten war das Industriegebiet das Ziel unseßhafter Volks- <lb/>
                 schichten, sondern auch in abfallenden, weil immer wieder <lb/>
                 auswärtige Arbeitslose zuzogen, die hier ihre letzte Hoffnung <lb/>
                 sahen. Sie bildeten sich ein, wo so viele Schornsteine bei- <lb/>
                 einander stünden wie Bäume im Wald, müsse es immer noch <lb/>
                 eher Arbeit geben als sonstwo, und sie dachten nicht dar- <lb/>
                 über nach, daß eine industrielle Depression schließlich gerade <lb/>
                 von dort ausgehen mußte, wo sich die meiste Industrie be- <lb/>
                 fand. Immerhin wanderten auch viele ab, wenn ihnen die <lb/>
                 Erkenntnis dämmerte: fünfzig bis siebzig auf tausend, konnte <lb/>
                 man sagen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf das Herz dieses Landes zu war Siegfried Hillgruber <lb/>
                 im Anmarsch: nunmehr auch in Person. Die Union hatte <lb/>
                 ihm die Ehrenmitgliedschaft angetragen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 An einem der schönsten Aussichtspunkte des Flußtals, den <lb/>
                 er wochenlang, mit den Augen und mit der Kamera ver- <lb/>
                 gleichend, gesucht hatte, in bedrohlicher Nähe von Zanders- <lb/>
                 höhe und den Schellhases, auf sturmüberbrauster Höhe er- <lb/>
                 baute er sein neues Palais, das Palais eines Imperators von <lb/>
                 glanzvoller Lebensstellung und welthistorischem Beruf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Terrain wurde auf alte bergbauliche Hohlräume unter- <lb/>
                 sucht, und die wenigen, die man hier an der Peripherie des <lb/>
                 großen Kessels fand, wurden zugemauert. Vierhundert Erd-
                <pb facs="#f0550" n="546"/>
                <lb/>
                 arbeiter und dreihundert Maurer formten den Berg um, bau- <lb/>
                 ten eine Autostraße hinauf, unterfingen die Last des Gebäu- <lb/>
                 des mit riesigen Pfeilern, Zugstangen und Ankerplatten. Ko- <lb/>
                 lonnen von Transportautomobilen ackerten ohne Unterlaß <lb/>
                 die Erde um, viele tausend Tonnenladungen Material schich- <lb/>
                 teten sich aufeinander; allmählich stiegen die Umrisse eines <lb/>
                 Schlosses empor, auf das man den Begriff eines amerikanisch- <lb/>
                 babylonischen Barock hätte prägen müssen, hätte man seinen <lb/>
                 Charakter treffen wollen. Die riesigen Fenster, die zu einem <lb/>
                 Gewächshaus zu gehören schienen, waren nicht zum Öffnen; <lb/>
                 Hillgruber verlangte, daß in den Zimmern stets eine gleich- <lb/>
                 mäßige Temperatur ohne Zugluft herrsche; er wollte in sei- <lb/>
                 nem neuen Haus die Zoneneinteilung der Erde umstürzen <lb/>
                 und die Luftströmungen aus ihren Bahnen lenken. Durch <lb/>
                 breite Ventilationsschächte, deren Oberbau dem Schloß das <lb/>
                 Aussehen eines tibetanischen Felsenklosters gab, geschah die <lb/>
                 Lüftung vom Dach aus. Kein Stück Holz durfte in diesen <lb/>
                 Bau hinein. Hillgruber litt etwas an Herzneutose, hatte häu- <lb/>
                 fig Angstzustände und befürchtete eine Feuersbrunst. Daher <lb/>
                 wurden auch die Bibliothek und die Gemäldesammlung drei- <lb/>
                 hundert Meter weiter weg in einen Parkpavillon verwiesen. <lb/>
                 Alles war Stahl, Beton und Eisen, auch das Dach war aus <lb/>
                 Stahl, die Türen waren es, die Fensterrahmen, die Möbel. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Groß und hoch warten die Räume und von einer schwer <lb/>
                 zu ertragenden Helligkeit, sie benahm die Sinne, man fühlte <lb/>
                 sich aus dem Irdischen gehoben und in die obersten Regionen <lb/>
                 der Atmosphäre versetzt. In einem Flügel lagen Filmvor- <lb/>
                 führungsräume für seinen Sohn und darüber gymnastische <lb/>
                 Übungssäle für seine Frau; in einem anderen Flügel befand <lb/>
                 sich der Konzertsaal, genau nach dem früheren rekonstru- <lb/>
                 iert, nur die Wandbekleidung und die Stühle aus Stahl. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der rückseitige Bergabhang, bisher eine kahle Wiese, <lb/>
                 wurde mit Bäumen bepflanzt, aber Siegfried Hillgruber <lb/>
                 wollte nicht warten, bis die Setzlinge aus der Baumschule ge- <lb/>
                 wachsen waren, er kaufte ganze fertige Alleen von notleiden- <lb/>
                 den Gemeinden auf, ließ sie mit Frostballen ausstechen, ab- <lb/>
                 transportieren und einpflanzen. Die Landstraßen, die nach <lb/>
                 dem entstehenden Palais führten, waren verstopft von den
                <pb facs="#f0551" n="547"/>
                <lb/>
                 wandernden Baumregimentern, Hillgruber war zerzaust von <lb/>
                 Ungeduld; wo ein Fehler sich einschlich, wo etwas stockte, <lb/>
                 fuhr sein Zorn herab: »Wen trifft die Schuld? Wie der <lb/>
                 Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreie ich: Regle- <lb/>
                 ment! Reglement! Reglement!« Er hatte sich mit zuneh- <lb/>
                 mendem Reichtum militärische Attribute zugelegt, vielleicht <lb/>
                 in Erinnerung an seinen Ursprung als Heereslieferant. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alle Arbeiten mußten gleichzeitig begonnen und durchge- <lb/>
                 führt werden und behinderten sich gegenseitig, so daß die <lb/>
                 ganze Gegend in Aufruhr geriet. Dieses Schloß zu errichten, <lb/>
                 revolutionierte die Tageseinteilung, die Wegstrecken, die <lb/>
                 ganze Lebensweise der an den Anmarschwegen wohnenden <lb/>
                 Bevölkerung. Die Landleute der Umgegend erzählten, daß <lb/>
                 es einen Mann namens Siegfried Hillgruber überhaupt nicht <lb/>
                 gebe, niemand wisse, für wen das Schloß gebaut werde, <lb/>
                 selbst der Architekt kenne nur einen Strohmann, ein furcht- <lb/>
                 bares und vielleicht blutiges Geheimnis müsse dahinter sein; <lb/>
                 aber es werde nun bald herauskommen, denn wozu bisher <lb/>
                 keiner den Mut gehabt, das hätte das Elektrizitätswerk end- <lb/>
                 lich riskiert; es hätte sich strikte geweigert, den Stroman- <lb/>
                 schluß herzustellen, wenn nicht der Name des wahrhaftigen <lb/>
                 Bauherrn bekanntgegeben werde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Siegfried Hillgruber war umrankt von Legenden. Er selbst <lb/>
                 war eine Legende. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Stadt aber kümmerte man sich wenig darum. Die <lb/>
                 Stadt blieb Zandershöhe zugeschworen, dem Hause, der <lb/>
                 Firma und der ganzen Familie, wie es Jakob Kalinna, der <lb/>
                 Opa, gelobt hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Ruhe der Stadt nach der Aussperrung war weder eine <lb/>
                 Ruhe der Erschöpfung, noch eine Ruhe der Verdrossenheit, <lb/>
                 noch eine Ruhe der inneren Befriedigung; es war nur eine <lb/>
                 Ruhe der Verdauung, die Ruhe einer Stadt, die sich wieder <lb/>
                 einmal dick aß, in der man wieder einmal die Schaufenster be- <lb/>
                 trachtete mit dem Gefühl, sich dies und das gönnen zu dür- <lb/>
                 fen, in der man wieder einmal Geld umsetzen konnte. Daß <lb/>
                 man etwas überstanden hatte — dieses ‚Gefühl kam nieman- <lb/>
                 dem. Was hatte man nicht schon alles überstanden, und das
                <pb facs="#f0552" n="548"/>
                <lb/>
                 Leben läpperte sich immer weiter hin, davor war keinem <lb/>
                 bange. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr deutete diesen Zustand dahin, daß hier doch <lb/>
                 noch die Eigenart der eingeborenen Altvorderen durch- <lb/>
                 schlüge, die einen Vers gehabt hätten: »Wo Isen liggt, wo <lb/>
                 Eken waßt, do waßt ok Lü, de dotau paßt...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Auftragsbestand war gut, es wurde mit Hochdruck ge- <lb/>
                 arbeitet, um den Produktionsausfall einzuholen, es wurde so- <lb/>
                 gar Sonntags gearbeitet. Der Konsum war auch während der <lb/>
                 Aussperrung offen gewesen, so war ein Teil der Unter- <lb/>
                 stützungsgelder auf dem Umweg über Erbsen und Malzkaffee <lb/>
                 in die Kassen der Industrie geflossen, wohin nach Meinung der <lb/>
                 Union Unterstützungen ausschließlich gehörten. Sofort nach <lb/>
                 Wiederbeginn der Arbeit waren Vorschüsse gezahlt worden, <lb/>
                 wahlweise in Bar oder in Bons für den Konsum, und da auf <lb/>
                 diese Bons Rabattmarken in vierfacher Höhe, zu vierund- <lb/>
                 zwanzig Prozent, gewährt wurden, hatte kein Rischianer <lb/>
                 Bargeld gewünscht. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Arbeiter erkannten, daß ihr Wohlergehen von der <lb/>
                 Herstellung und Erhaltung des gewerblichen Friedens ab- <lb/>
                 hing. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Union wandte sich nunmehr der seelischen Frage zu. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Clemens Faulstich war es, der zuerst das soziale Problem <lb/>
                 ein Erzeugungsproblem genannt hatte: je mehr produziert <lb/>
                 werde, desto sozialer könne der Betrieb an seinen Arbeitern <lb/>
                 handeln, wobei er unter »sozial« nicht bloß Nahrung, Klei- <lb/>
                 dung und Wohnung verstanden wissen wollte, sondern vor <lb/>
                 allem das Geistige. Die Erreichung des höchsten Wirkungs- <lb/>
                 grades sei ja viel mehr eine menschlich-psychologische Ange- <lb/>
                 legenheit als eine Sache der Technik und Organisation. Er <lb/>
                 meinte damit ungefähr, daß auch der Handlanger Heinrich <lb/>
                 Dopslaff nicht mehr »die« Arbeit, sondern »meine« Arbeit <lb/>
                 sagen solle. »Die innere Beteiligung der Arbeiterschaft an <lb/>
                 den Rationalisierungsmaßnahmen und ihre seelische Auf- <lb/>
                 zucht« — so drückte er es aus. »Die Arbeiter, die an unseren <lb/>
                 Maschinen stehen, müssen ebenso stolz auf ihre Erzeugnisse <lb/>
                 sein, als hätten sie alles mit der Hand gemacht. Wenn sie ein
                <pb facs="#f0553" n="549"/>
                <lb/>
                 Inserat von uns sehen, so müssen sie in der angepriesenen <lb/>
                 Ware den Geist ihrer deutschen Werkmannsarbeit erkennen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Man kam überein, ein Laboratorium für gewinnbringende <lb/>
                 Menschenbehandlung zu schaffen, das den Namen »Ida«, In- <lb/>
                 stitut für deutsche Arbeitsbeseelung, tragen und am fünften <lb/>
                 Jahrestag des Todes von Ottokar Wirtz eröffnet werden sollte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es fragte sich, wer die Eröffnungsrede halten mußte. Der <lb/>
                 junge Schellhase behauptete, ihm gebühre die Priorität <lb/>
                 an dieser Idee, denn er habe es schon zu Lebzeiten von Wirtz <lb/>
                 gewagt, von Seele zu sprechen. Faulstich vertrat dagegen die <lb/>
                 Ansicht, daß Herr Schellhase ihn offenbar mißverstünde; was <lb/>
                 er wolle, sei nur eine zeitgemäße Fortbildung Wirtzscher <lb/>
                 Ideen, und deshalb müßte es von Rechts wegen auch gemein- <lb/>
                 sam mit den Gewerkschaften gemacht werden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Was?« tief Kropf, »jetzt, wo wir sie so ziemlich am Bo- <lb/>
                 den haben, sollen wir ihnen wieder die Hand reichen?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Nicht, daß sie daran aufstehen, sondern daß sie sich in <lb/>
                 dieser Lage wohlfühlen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Ich kenne keine Gewerkschaften mehr«, sagte rauh <lb/>
                 Schellhase junior, »ich kenne nur noch Arbeiter.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Krogoll, der Kluge, mahnte: »Nicht wieder unversöhn- <lb/>
                 lich sein, meine Herren, nicht wieder die öffentliche Meinung <lb/>
                 kopfscheu machen. Wir haben die Gewerkschaften nicht nie- <lb/>
                 dergekämpft. Wir haben ihnen nur gut zugeredet, daß sie <lb/>
                 selbst sich abgekämpft fühlen sollten. Wir wollten sie kraft- <lb/>
                 los machen. Wir wollten sie nicht vernichten, bewahre, wenn <lb/>
                 sie nicht mehr da wären, müßten wir sie sogar wieder er- <lb/>
                 schaffen — ich meine nicht ihre leibliche Existenz, ich meine <lb/>
                 ihr Dogma. Ihr Dogma muß bestehen bleiben. Wir werden <lb/>
                 sie nur deshalb nicht wegen der Ida bitten, weil wir überzeugt <lb/>
                 sind, daß sie später von selbst zu uns kommen werden. Wir <lb/>
                 sind die Union der festen Hand, vergessen Sie das nicht, <lb/>
                 meine Herren, und haben Sie Selbstvertrauen«, schloß er mit <lb/>
                 einem kaustischen Lächeln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dagegen erhob niemand Widerspruch, niemand wollte <lb/>
                 mehr ernsthaft verquer liegen. Abstimmungen gab es in der <lb/>
                 Union sowieso nicht. </p>
            <pb facs="#f0554" n="550"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Es darf bei der Eröffnung der Ida niemand sprechen, der <lb/>
                 schon immer in technischen oder wirtschaftlichen Zusammen- <lb/>
                 hängen gesehen wurde«, sagte Näßler. »Es muß eher jemand <lb/>
                 sein, der als Bewahrer der kulturellen Werte gilt und daher die <lb/>
                 Mechanisierung mit dem Wortschatz der kulturellen Werte <lb/>
                 auch für diejenigen versilbern kann, die vom Wesen der Tech- <lb/>
                 nik, von diesem gewaltigen Geisteswerk, nichts wissen. Es <lb/>
                 muß in allem eine Überraschung sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Professor Jodoci —?« fragte Dr. h. c. Hiebenstein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der sowieso«, versetzte der General, »aber die Einführung <lb/>
                 muß ein Industrieller machen. Das ist eben die Schwierigkeit.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Näßlers Auge fiel auf den Freiherrn. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wenn die Wirtschaft — so begann der Freiherr sich seines <lb/>
                 Auftrags zu entledigen —, jetzt, wo sie an einem bedeutenden <lb/>
                 Abschnitt angelangt sei, den Boden untersuche, auf dem sie <lb/>
                 stehe, so sei das kein Zeichen von Pessimismus, sondern von <lb/>
                 der Inbrunst des gläubigen Herzens. Man lebe nicht in einem <lb/>
                 Maschinenzeitalter; man lebe nicht in einem revolutionären <lb/>
                 Fortschrittswahn; man lebe nicht im mechanischen Betrieb <lb/>
                 der Zweckmäßigkeitsprodukte; man lebe nach wie vor in <lb/>
                 einer geistig-künstlerischen Schöpfung, nämlich in der natio- <lb/>
                 nalen Überlieferung. Diese besage, daß jeder Arbeitsform <lb/>
                 derjenige Wert zu geben sei, den sie haben müsse, damit die <lb/>
                 Arbeit ein Bestandteil der Lebensfreude sei, und daß die fal- <lb/>
                 schen Propheten abgehalftert werden müßten, welche die Ar- <lb/>
                 beit zum Lebensfluch herabwürdigten. Die Technik an sich <lb/>
                 sei weder Segen noch Fluch, weder Fortschritt noch Unter- <lb/>
                 gang. Die Technik an sich sei unproblematisch, sie stelle nur <lb/>
                 die mechanische Kraft in den Dienst des täglichen Lebens der <lb/>
                 Menschheit, mit anderen Worten, sie schaffe unerläßliche <lb/>
                 Voraussetzungen. Das Materielle sei also begrenzt, aber das <lb/>
                 Ideelle sei unbegrenzt, und es sei an den Menschen, die seeli- <lb/>
                 sche Verbundenheit zu schaffen, durch Heimatpflege, durch <lb/>
                 Kunstempfinden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein«, fuhr er fort (und <lb/>
                 man merkte, wie zwischen der Sprache seines Pressechefs sei- <lb/>
                 ne eigene aufblühte), »das Brot, das ich esse, kann ich nur
                <pb facs="#f0555" n="551"/>
                <lb/>
                 allein essen, die Kleidung, die ich trage, kann ich nur allein <lb/>
                 tragen. Eine schöne Dichtung oder eine schöne Musik kann <lb/>
                 Tausende gleichzeitig erfreuen, ohne daß der Genuß des Ein- <lb/>
                 zelnen vermindert wird, nein, die Freude der Anderen reißt <lb/>
                 ihn noch empor und erhöht seinen Genuß. Das alte Schwert <lb/>
                 ist unserem Volke genommen worden, an seiner Stelle besitzt <lb/>
                 es ein neues: die Qualität der deutschen Arbeit. Um sie noch <lb/>
                 mehr zu heben, müssen wir den Arbeiter innerlich und äußer- <lb/>
                 lich frei machen, müssen wir den Pulsschlag eines nationalen <lb/>
                 und religiösen Schwungs durch alle Adern der deutschen <lb/>
                 Wirtschaft treiben und im arbeitenden Volk den Sinn für die <lb/>
                 Poesie und den Adel der Arbeit erwecken. Das Wichtigste <lb/>
                 bleibt das echte Menschentum, das vom Göttlichen stammt. <lb/>
                 Ein Tropfen Menschlichkeit ist mehr als eine Wagenladung <lb/>
                 tarifvertraglicher Bestimmungen. Müßte nicht naturgemäß <lb/>
                 die Seele der Arbeiter denen gehören, die ihnen Arbeit und <lb/>
                 Brot geben? Daher muß der Arbeiter erlöst werden aus der <lb/>
                 Masse, das Menschsein muß gepflegt werden, wie es unter <lb/>
                 meinen Rischianern von jeher geschah. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ordnen wir die Technik ein in das allgemeine Kunstem- <lb/>
                 pfinden, das in einem überwältigenden Eindruck aufs Ge- <lb/>
                 müt besteht, so ist alles gewonnen. In diesen Tagen hat das <lb/>
                 Stahlwerk Risch-Zander eine Abraumförderbrücke an die <lb/>
                 Mitteldeutsche Braunkohle geliefert, ein Bauwerk, worin der <lb/>
                 Ausdruck des Schaffenswillens zur Tatkraft gebunden ist. Es <lb/>
                 ist keine feste Brücke, die auf steinernen Pfeilern oder festen <lb/>
                 Widerlagern starr in der Landschaft steht und den Verkehr <lb/>
                 über sich gelassen erduldet, sondern es ist eine Stahlkonstruk- <lb/>
                 tion, die angriffslustig gegen den Kohlenberg geführt wird, <lb/>
                 den gebaggerten Abraum aufnimmt und in den Hohlräumen, <lb/>
                 wo die Kohle bereits gefördert ist, wieder absetzt. Es ist wie <lb/>
                 ein langhalsiges, gefräßiges Urtier der Tertiärzeit, auferstan- <lb/>
                 den aus dem Boden, der es begrub und den es jetzt, sein <lb/>
                 Schicksal rächend, aufzehrt. Hier spürt man eines Künstlers <lb/>
                 Hand. Wer aber ist der Kommandeur der Brücke? Niemand <lb/>
                 anders als der Arbeiter, der eingebettet in ein Gewirr von <lb/>
                 tausend Stangen sein Fahrzeug kühn gegen den Sand steuert, <lb/>
                 wie ein Kapitän sein Schiff gegen die Wogen. </p>
            <pb facs="#f0556" n="552"/>
            <p>
                <lb/>
                 Der Stahl ist es, der dem verarmten Deutschland zuerst ge- <lb/>
                 stattete, auf wirtschaftliche Weise leichteren Gestäbes Monu- <lb/>
                 mente zu bauen, die dem Wuchtigen die Schwere nehmen. <lb/>
                 Im Stahl verbinden sich Kopf und Herz, Geist und Seele. <lb/>
                 Gebildet ist der Mensch, wenn er den Mut hat zu gestehen, <lb/>
                 daß er vieles nicht weiß. Wissen jedoch hat er, wenn er <lb/>
                 denkt, denn denken heißt arbeiten können, und arbeiten kön- <lb/>
                 nen heißt glücklich sein. Darum ist zweierlei notwendig: die <lb/>
                 Berufsschulung und die Menschenschulung. Die Ida, der wir <lb/>
                 an diesem außerordentlichen Tage das Leben geben, soll <lb/>
                 diesen Gedanken verwirklichen. Sie soll Führer und Ge- <lb/>
                 führte als denkende und fühlende Menschen erfassen. Sie soll <lb/>
                 der Selbsterkenntnis von Fähigkeiten und Schwächen dienen, <lb/>
                 damit die vorhandenen Fähigkeiten am richtigen Platz einge- <lb/>
                 setzt werden können. Sie soll keinem Menschen Schwierig- <lb/>
                 keiten hinwegräumen, sondern ihn schulen, sie selbst hinweg- <lb/>
                 zuräumen. Sie soll an den einzelnen Mann herangehen, ihn <lb/>
                 lehren, sich zu erziehen und mit der Siegesfreude des Sports- <lb/>
                 manns die Demut des Priesters zu empfinden: sie, unsere Ida, <lb/>
                 ein neuer deutscher Dom; denn Arbeit muß getan werden mit <lb/>
                 der Hand, sonst könnten wir nicht leben, und Arbeit muß <lb/>
                 getan werden mit dem Kopf, sonst wäre das Leben nicht lebens- <lb/>
                 wert, und beim einen wie beim anderen muß das Herz betei- <lb/>
                 ligt sein, denn nicht der Tod, sondern das Leben muß seine <lb/>
                 Schrecken für uns verlieren.«— </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am Feuerwerk der Worte hatten sich die Köpfe seiner Zu- <lb/>
                 hörer erhitzt. Sein Vortrag war von einer überflutenden Re- <lb/>
                 gungslosigkeit, seine Stimme von einer aufgewühlten Ver- <lb/>
                 sunkenheit, alle waren ihr hingegeben. Viele hatten verges- <lb/>
                 sen, daß es noch eine Welt, einen Körper, ein Atmen gab, <lb/>
                 und waren in grenzenloser Erregung aufgestanden. Nur Pro- <lb/>
                 fessor Jodoci saß bläßlich da und mit gespielter Natürlichkeit, <lb/>
                 er war neidisch auf die Effekte des Freiherrn, die ihm nun vor- <lb/>
                 weggenommen waren. Wie sollte er das jetzt noch steigern? <lb/>
                 Welches Wesen zur Schau tragen? Würde sein Sprachschatz <lb/>
                 nicht versagen? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Wie er dies noch mißvergnügt erwog, übernahm schon der <lb/>
                 Oberbürgermeister das Protektorat über die Ida, indem er
                <pb facs="#f0557" n="553"/>
                <lb/>
                 versicherte, daß er ihr immerdar helfen werde, denn wie die <lb/>
                 Stadt, so unterhalte er persönlich seit langen Jahren innige <lb/>
                 Beziehungen zur Industrie, darum habe er auch von den <lb/>
                 Stadtverordneten einen jährlichen Zuschuß von fünfzigtau- <lb/>
                 send Mark bewilligen lassen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Und nun war die Reihe an Professor Jodoci. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er, der zum wissenschaftlichen Beirat der Ida ausersehen <lb/>
                 war, stand da mit der kalten Herbheit eines Recken der Tech- <lb/>
                 nik und sprach mit dem ganzen betörenden Zauber einer un- <lb/>
                 ausrottbaren Romantik. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das geistige Ziel der Ida sei, kurz zusammengefaßt, das <lb/>
                 Bekenntnis zum höchsten deutschen Menschen, der das Ei- <lb/>
                 gentum als Leben und seine Arbeit als Gottesdienst empfinde. <lb/>
                 Alle Wirtschaftsform sei Ausdruck einer Seelenform, und die <lb/>
                 makrokosmische Seite bestehe in der gläubigen Kraft. Der <lb/>
                 Weltgeist zweckhafter Arbeit sei mit dem Nationalgeist <lb/>
                 zweckentbundener Schöpfung zu durchdringen, gegen die <lb/>
                 technische Überwelt sei eine bluthafte Volkheit zu setzen. <lb/>
                 »Jeder hat einmal unten angefangen, vor den Gesetzen der <lb/>
                 Wirtschaft sind alle gleich, Arme und Reiche; beide können <lb/>
                 nicht leben, ohne Geld zu verdienen, beide unterliegen dem- <lb/>
                 selben physiologischen Gesetz, daß sie, ohne ihrem Körper <lb/>
                 Schaden zuzufügen, nicht mehr essen können, als bis sie satt <lb/>
                 sind, beide müssen sparen, damit sie etwas aus geben können. <lb/>
                 Wenn aber die Menschen nicht mehr von der Angst vor Ar- <lb/>
                 mut und Hunger getrieben werden, wenn die Peitsche der <lb/>
                 Not und des Zwanges ihnen nicht mehr droht, dann erlischt <lb/>
                 ihre Arbeitskraft. Deshalb werden allein diejenigen eine Zu- <lb/>
                 kunft haben, die ihrem Leben ein sittliches Gewicht zu geben <lb/>
                 vermögen, jenes persönliche Pflichtgefühl, das die heutige <lb/>
                 Form der germanischen Volkstreue darstellt. Der Haß ge- <lb/>
                 gen den seelenlosen Mechanismus, wo wenige Befehls- <lb/>
                 haber einer Masse von Gehorchenden gegenüberstehen, wird <lb/>
                 verschwinden, sobald der Arbeiter zwischen den untersten <lb/>
                 und höchsten Sprossen der Leiter diese selbst schaut und <lb/>
                 erkennt, daß er nur zu steigen braucht, um nach oben zu <lb/>
                 kommen.« </p>
            <pb facs="#f0558" n="554"/>
            <p>
                <lb/>
                 Bankier Mehren sagte schlicht, nach seiner Meinung sei es <lb/>
                 die Aufgabe des Ingenieurs, die Lehrlinge in einem Geist der <lb/>
                 Achtung vor allen geschaffenen Werten zu erziehen, auf daß <lb/>
                 sie ihre Zerstörung verabscheuen lernten. Man sah ihn schief <lb/>
                 an und hörte nicht weiter zu. Schellhase junior erklärte: es <lb/>
                 gelte nicht bloß, ein wirtschaftlich-geistiges Problem zu lö- <lb/>
                 sen, sondern auch die Arbeiter in eine Front gegen den »jun- <lb/>
                 gen« Reparationsplan hineinzudirigieren. Man kam ihm ent- <lb/>
                 gegen und gründete ein »Museum für volkswirtschaftliche <lb/>
                 Kenntnisse«, kurzweg »Muvok« geheißen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was Schellhase den »jungen« Plan genannt hatte, war die <lb/>
                 Revision des alten Reparationsstatuts, welche die Zahlungen <lb/>
                 auf 59 Jahre begrenzt hatte; 79,5 Milliarden Mark in den er- <lb/>
                 sten siebenunddreißig und 25,5 in den folgenden zweiund- <lb/>
                 zwanzig Jahren. Die Union hatte freilich ihre Mitwirkung in <lb/>
                 der internationalen Sachverständigenkommission verärgert <lb/>
                 zurückgezogen, nur der Reichsverband war darin verblieben. <lb/>
                 Hieraus zu schließen, daß Kropf für und Krogoll und Näß- <lb/>
                 ler gegen den jungen Plan waren, wäre grundfalsch. Es war <lb/>
                 nur eine zufällige Arbeitsteilung: man mußte gleichzeitig <lb/>
                 Opposition und Zustimmung betreiben; einerseits durfte man <lb/>
                 die Regelung nicht scheitern lassen, nachdem man nun ein- <lb/>
                 mal die Revision gefordert hatte und weil andernfalls schwere <lb/>
                 Nackenschläge bevorstanden (hatte doch schon die bloße Be- <lb/>
                 sorgnis zu einem lawinenhaften Devisenbegehr geführt, das <lb/>
                 von der Reichsnotenbank aus ihrem Auslandswechselporte- <lb/>
                 feuille befriedigt werden mußte) —, andererseits aber mußte <lb/>
                 man dartun, daß man zu einer solchen Unterdrückung die <lb/>
                 Hand nicht bieten wolle. Hugo Mehren erinnerte daran, daß <lb/>
                 er sie vor einer Revision gewarnt habe, ehe die Welt und <lb/>
                 Deutschland reif dafür seien. »Wenn man einen Unsinn zu <lb/>
                 früh zur Strecke bringen will, dann versteift er sich und sagt: <lb/>
                 Unsinn muß Unsinn bleiben, und gebärdet sich noch unsin- <lb/>
                 niger. Hoffentlich seid ihr jetzt gewitzigt für die nächste Re- <lb/>
                 vision. Arbeitet weniger selbst und laßt mehr die Zeit arbei- <lb/>
                 ten. Kommen wird der Tag, wo der Revisionsantrag von un- <lb/>
                 seren Vertragsgegnern ausgehen wird.« </p>
            <pb facs="#f0559" n="555"/>
            <p>
                <lb/>
                 Immerhin bot der junge Plan auch Vorteile: geringere An- <lb/>
                 nuitäten, Fortfall lästiger Kontrollen, Klarheit hinsichtlich <lb/>
                 der Endsumme. Aber der »Privatdozent«, der zur Leitung des <lb/>
                 Muvok berufen worden war, kalkulierte anders: »Wir müs- <lb/>
                 sen das alte Statut und den jungen Plan so nebeneinander <lb/>
                 stellen, daß der junge schlecht abschneidet. Fälschen wäre al- <lb/>
                 lerdings sinnlos und kindisch. Aber wir berechnen die Lei- <lb/>
                 stungen eben nicht auf Grund des verzinslichen Gegenwarts- <lb/>
                 werts, sondern auf Grund der Addition der einzelnen Jahres- <lb/>
                 zahlungen, und tun so, als ob das alte Statut nur siebenund- <lb/>
                 dreißig Jahre gelaufen wäre und keinen Wohlstandsindex ge- <lb/>
                 habt hätte. Dann haben wir: altes Statut 88, junger Plan 114 <lb/>
                 Milliarden. Auf einer kleinen Tafel vermerken wir unsere <lb/>
                 Berechnungsweise, soweit sie sich wissenschaftlich wieder- <lb/>
                 geben läßt, das große Publikum übersieht sie und wir sind <lb/>
                 objektiv gedeckt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von Grußenbaum zollte Beifall: »Wunderbar.« Aber er <lb/>
                 ging weiter: »Vor allen Dingen muß dem Arbeiter gezeigt <lb/>
                 werden, wieviel die Reparationslast von seinem Lohn herun- <lb/>
                 terdrückt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. van der Gathen wurde zugezogen, um die Statistik in <lb/>
                 Plastiken umzuwandeln. Nichts fehlte an der Veranschauli- <lb/>
                 chung der langen Kette der Reparationsirrungen, außer einer <lb/>
                 winzigen Einzelheit: warum es Reparationsforderungen gab. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Clou der Ausstellung war eine Pumpe, woran eine <lb/>
                 Puppe, die den deutschen Michel vorstellte, den Schwengel <lb/>
                 auf- und niederdrückte, und eine andere, die den Onkel Sam <lb/>
                 vorstellte, die Hände im Schoß, der Muße pflegte; während- <lb/>
                 dessen rollte das Gold in der Pumpe oben in Form von An- <lb/>
                 leihen hinein und unten in Form von Reparationen wieder <lb/>
                 heraus. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Als die Gewerkschaftsführer unter kundiger Führung von <lb/>
                 Dr. van der Gathen den Muvok besichtigt hatten, traten sie in <lb/>
                 die von der Union bereitgehaltene Stellung ein und veröffent- <lb/>
                 lichten einen geharnischten Protest gegen die Reparationen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Sie müßten von Dankbarkeit überströmen«, sagte der Ge- <lb/>
                 neral, »denn wir haben ihnen, was wir bei Gott nicht nötig <lb/>
                 hätten, auch noch einen Weg gezeigt, wie sie sich vor ihren
                <pb facs="#f0560" n="554"/>
                <lb/>
                 letzten Anhängern wegen ihrer Niederlage in der Lohnfrage <lb/>
                 herausreden können. Die Arbeiter hatten den Eindruck, von <lb/>
                 ihren Führern verraten zu sein — —, und nun ergibt sich, daß <lb/>
                 die Reparationen ihr Unglück sind.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sinnend entgegnete der Staatssekretär a. D.: »Ja —, die In- <lb/>
                 dustrie muß eben für alle denken.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Betriebswissenschaft war die neue Sensation deutscher <lb/>
                 Gründlichkeit, auf die sich alle stürzten, Könner und Char- <lb/>
                 latane, Überzeugte und Salbader, Aufrichtige und Heuchler, <lb/>
                 Wissende und Dilettanten, Besorgte und Schadenfrohe, Fa- <lb/>
                 natiker und Gecken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der zweiten Gründung der Ida, dem Arbeitsphysiologi- <lb/>
                 schen Institut, stand ein Mann vor, der eine Synthese dieser <lb/>
                 sämtlichen Gegensätze war. Es war der psychotechnische Pro- <lb/>
                 fessor von Risch-Zander, jener, der vor Jahren an Fries und <lb/>
                 Griguszies seine Demonstrationen gemacht hatte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Im »Aphi« (dies war die Abkürzung) wurde das ein- <lb/>
                 fachste Handwerkszeug zum Problem. Die Hämmer, Preß- <lb/>
                 luftinstrumente und Fließbänder wurden geprüft wie Men- <lb/>
                 schen, und die Menschen wurden geprüft wie Werkzeuge. <lb/>
                 Schlagfrequenz, Gewicht, Treffsicherheit, Rückstoß, Lärm, <lb/>
                 Staubentwicklung, Körperbau, Wirkung der Arbeitsweise <lb/>
                 auf den Stoffwechsel, Muskelkraft, Ermüdung, Gehörschä- <lb/>
                 digung, Einwirkung giftiger Stoffe — alles wurde elektro- <lb/>
                 magnetisch oder chemisch beobachtet, am Flimmern von <lb/>
                 Lämpchen, an Sauerstoffballons, an einer umfangreichen und <lb/>
                 vertrackten Apparatur aus Wagen, Röhren, Schläuchen und <lb/>
                 Behältern, photographiert und in Kurven aufgezeichnet, die <lb/>
                 wie die Bahnen der Gestirne aussahen. Alles, um die Men- <lb/>
                 schen zu schonen und die Werkzeuge auszunutzen, aber <lb/>
                 auch, um die Werkzeuge zu schonen und die Menschen aus- <lb/>
                 zunutzen. Somit war allen Teilen geholfen. Kam man zum <lb/>
                 Ergebnis, daß Jugendliche nur proportional ihrer Leistungs- <lb/>
                 fähigkeit beansprucht werden dürften, so war es nicht nur ein <lb/>
                 Akt der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch der wirtschaft- <lb/>
                 lichen Klugheit, damit man von den Leuten noch etwas hatte, <lb/>
                 wenn sie in der Blüte ihrer Jahre standen. Es war die Ratio-
                <pb facs="#f0561" n="557"/>
                <lb/>
                 nalisierung der körperlichen Ausmergelung. Stellte man die <lb/>
                 exakteste Anpassung der Geschwindigkeit des fließenden <lb/>
                 Bandes an die menschliche Arbeitskurve fest, so geschah es <lb/>
                 ebenso sehr, um den Menschen vor Erschöpfung zu schützen, <lb/>
                 wie um höhere Leistungen aus ihm herauszuholen. Bemerkte <lb/>
                 man, daß Höhensonnenbestrahlung einen günstigen Ein- <lb/>
                 fluß auf die Muskelbeschaffenheit hatte, so verwandte man sie <lb/>
                 genau so gut, um verbrauchte Kräfte wiederherzustellen, wie <lb/>
                 um neue anzuspornen. So war gleichzeitig für ein Hinaus- <lb/>
                 schieben der Altersgrenze gesorgt und für einen drängenden <lb/>
                 Nachschub, der auf den Markt der Alten drückte und alle <lb/>
                 Arbeit wohlfeil machte — weil man sie sowohl leicht ausüben <lb/>
                 wie leicht verlieren konnte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Damit auch die letzte Lücke ausgefüllt würde, besaß das <lb/>
                 Aphi eine Abteilung für Tierdressur, wo Hunde für Ermü- <lb/>
                 dungsversuche abgerichtet wurden, Sie mußten auf einer <lb/>
                 elastischen Tretbahn laufen, die sich, umgekehrt wie eine <lb/>
                 Rolltreppe, nach unten bewegte, und ihre Arbeitsleistung in <lb/>
                 den einzelnen Zeitphasen und Höhenstufen wurde an dem <lb/>
                 Druck ihrer Füße gemessen. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Drees war nicht mehr der Herausgeber jener Hütten- <lb/>
                 zeitung, die unter Bilgenstocks Kommando verbrannt wor- <lb/>
                 den war. Es gab auch gar keine selbständige Zeitung der <lb/>
                 Otto-Heinrich-Hütte mehr. Es gab stattdessen den Werks- <lb/>
                 zeitungskonzern der Ida, 52 Kopfblätter in einer Auflage von <lb/>
                 viermalhunderttausend. Die Überwachung lag in Händen des <lb/>
                 politischen Direktors Alfons Hachenpoot. Hauptschriftlei- <lb/>
                 ter war Herr Drees. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Das Rundschreiben der Ida an die Hütten, Maschinen- <lb/>
                 fabriken und Zechen hatte folgenden Wortlaut: </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Die Hauptschriftleitung gestaltet den großen Rahmen der <lb/>
                 Zeitung, während die auf das Werk und seine Angehörigen <lb/>
                 bezüglichen Beiträge von einem Herrn des Werks nebenamt- <lb/>
                 lich bearbeitet werden. Aus fast neunzig Kanälen läuft all- <lb/>
                 wöchentlich der Stoff bei uns ein. Von Wichtigkeit ist für <lb/>
                 jede einzelne Ausgabe die Lieferung des sogenannten Werks- <lb/>
                 allerlei, in dessen Reichhaltigkeit die Einführung der Zeitun-
                <pb facs="#f0562" n="558"/>
                <lb/>
                 gen bei der Arbeiterschaft wesentlich begründet ist. Die <lb/>
                 Werkszeitung setzt das Werk mitten in das Bewußtsein seiner <lb/>
                 Arbeiter. Sie gruppiert um diesen Kern alles, was für den auf <lb/>
                 dem Werk Tätigen zum Verständnis der Vorgänge innerhalb <lb/>
                 und außerhalb seiner Arbeitsstätte erforderlich ist. Unsere <lb/>
                 Zeitung ist bei mannigfaltigem Inhalt einfach zu lesen und be- <lb/>
                 rücksichtigt die Bedürfnisse des Arbeiters, der nach Erfül- <lb/>
                 lung seiner Tagespflicht für den Feierabend nur nach einer <lb/>
                 Lektüre greift, die ihn nach Inhalt und Form zu interessieren <lb/>
                 vermag. Diese Sorge für die Erweiterung seines Blickwinkels <lb/>
                 und seine seelische Annäherung an Werk und Wirtschaft <lb/>
                 hat mittels der Werkszeitung zu dem deutschen Arbeiter si- <lb/>
                 cheren Zutritt. Die kostenlose Abgabe der Zeitung ist nicht <lb/>
                 als ein Geschenk an ihn zu betrachten, sondern bedeutet auf <lb/>
                 lange Sicht ein Mittel zur Erhöhung der Produktion. Als seht <lb/>
                 wirksam erweist sich auch die systematische Bekämpfung der <lb/>
                 Betriebsunfälle durch die Zeitung. Jeder verhütete ernstliche <lb/>
                 Unfall ist nach der Berechnung der Hütten- und Walzwerks- <lb/>
                 berufsgenossenschaft gleich viertausend Mark Gewinn zu <lb/>
                 setzen. Gegen diese Summe ist der Gestehungspreis einer <lb/>
                 Werkszeitung verschwindend gering.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Preis, den die Werke für die Idablätter zu zahlen hat- <lb/>
                 ten, schwankte je nach der Höhe der Bestellung zwischen <lb/>
                 sechs und zehn Pfennig für das Stück. Sie erschienen wö- <lb/>
                 chentlich, waren illustriert und auf gutem Papier gedruckt. <lb/>
                 Hugo Mehren nannte sie das Magazin des Industrieproleten. <lb/>
                 Wie die Vorstadtkinos waren sie ein Abglanz aller Träume <lb/>
                 von Schönheit und Mondänität und glatten, friedfertigen, <lb/>
                 weil glücklichen Gesichtern. Sie hatten auch dieselbe sozial- <lb/>
                 politische Funktion. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hachenpoot sagte: »Im Leben der Männer ist der Beruf <lb/>
                 die überragende Sache. Wenn die Zeitung zu ihnen mit den <lb/>
                 Ausdrücken des Berufes spricht, so sind sie schon gewonnen. <lb/>
                 Der deutsche Arbeiter ist viel mehr auf fachliche Fortbildung <lb/>
                 eingestellt als auf politische. Er ist gefesselt, wenn man seinen <lb/>
                 Beruf hochschätzt. Der Beruf bedeutet für ihn Heim, Fa- <lb/>
                 milie und Kinder. Er wird seine Zeitung lieben, die ihm <lb/>
                 Heim, Familie und Kinder erhalten will.« </p>
            <pb facs="#f0563" n="559"/>
            <p>
                <lb/>
                 In der harten Schule des Generals wurde auch der politi- <lb/>
                 sche Direktor zum biegsamen Rohr — ein Rohr war er ja im- <lb/>
                 mer gewesen, bloß nicht biegsam. Aber Herr Drees wußte <lb/>
                 ohnedies, was er zu tun hatte. Seine Leser lernten, ohne daß <lb/>
                 sie merkten, woher. Sie fingen wirklich an, ihren Betrieb für <lb/>
                 ihr Eigentum zu halten, weil sie ihren Lebensunterhalt dort <lb/>
                 verdienten. Fries erklärte zwar dem Finanzrat, die Unterneh- <lb/>
                 mer sollten sich nur nicht einbilden, daß die Werkszeitungen <lb/>
                 von den Arbeitern gelesen würden; nein, keine Spur, nie- <lb/>
                 mals. Die Arbeiter wüßten Bescheid, sie benutzten sie nur als <lb/>
                 Butterbrotpapier oder auch zu weniger appetitlichen Zwek- <lb/>
                 ken. »Wenn das so ist, warum ereifern Sie sich denn?« fragte <lb/>
                 Dr. h. c. Hiebenstein. — »Weil wir keine Unternehmerpresse <lb/>
                 hier im Werk haben wollen.«— »Aber Sie irren sich, Herr Fries, <lb/>
                 Sie irren sich ganz gewaltig. Es ist eine Arbeiterpresse. Eine <lb/>
                 Unternehmerpresse würde ich selbst nicht bei uns dulden.« <lb/>
                 Später sagte er noch zu Dr. van der Gathen: »Niemand in <lb/>
                 Deutschland kennt die Arbeiter schlechter als ihre Führer.«— <lb/>
                 »Und niemand besser als die Unternehmer«, erwiderte dieser. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sie schienen recht zu haben. Nicht Fries oder irgendeiner <lb/>
                 seiner Kollegen, Herr Drees verstand es, den Scheiterhaufen <lb/>
                 von der Otto-Heinrich-Hütte produktiv zu machen. Er <lb/>
                 wußte, daß es genügte, wenn der Arbeiter die Werkszeitung <lb/>
                 in die Tasche steckte, wo sie nachher von seiner Frau gefun- <lb/>
                 den wurde. Spätestens mit dem Moment, wo das erste Exem- <lb/>
                 plar auf dem Tisch einer Arbeiterwohnung lag, war die Be- <lb/>
                 einflussung perfekt. Denn bevor der Mann seine Stulle darin <lb/>
                 einwickelte, hatte es die Frau, hatten es die Kinder gelesen, <lb/>
                 und Herr Drees fesselte sie mit Romanen, Modeberichten, <lb/>
                 Gedichten, Witzen und Rätseln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aus der Gezähkiste« schrieb er über seine humoristische <lb/>
                 Ecke. »Vadder«, fragten wißbegierig die Kinder, »wat is <lb/>
                 dat, ’ne Gezähkiste?« Und stolz, daß er ihnen sagen konnte, <lb/>
                 in solcher Kiste bewahre er, der Bergmann, sein Handwerks- <lb/>
                 zeug auf, begann er selbst interessiert zu lesen. Sofort war <lb/>
                 er wieder in die Grube versetzt: er saß auf seiner Gezähkiste, <lb/>
                 trank Kaffee aus der Töte und gab den Kumpels die Scherze <lb/>
                 zum besten, die er hier las. </p>
            <pb facs="#f0564" n="560"/>
            <p>
                <lb/>
                 »Vorm Krieg war mal ’n Junge hier auf ’n Pütt an ’ne <lb/>
                 Prahm, mit achtzehn Groschen die Schicht. Schultes oben in <lb/>
                 der Gracht hatten ihn in Kost, und einen Tag sagt er für die <lb/>
                 Ollsche: Mutter, gib mich noch ein Butter. Wat sähste <lb/>
                 Franz? sagt die, von die paar Kröten, die du mich gibst, <lb/>
                 noch ’n Butter? Laß dich mal auf ’n Pütt was zulegen, die <lb/>
                 annern verdienen alle mehr beim Prahmen. Also haut er ab <lb/>
                 nach’n Verwalter. Na, mein Jüngsken? Was verdienst du <lb/>
                 denn? Achtzehn Groschen, sagt Franz. Und wie alt bist du? <lb/>
                 Achtzehn. Is ja großartig, Franz, feine Sache. Achtzehn <lb/>
                 Jahre, achtzehn Groschen. Das paßt zusammen. Soll auch <lb/>
                 weiter passen. Neunzehn Jahre, neunzehn Groschen. Zwan- <lb/>
                 zig Jahre, zwanzig Groschen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er blättert und liest und spricht, oben in seiner Stube sitzt er <lb/>
                 und ist doch unten in der Grube. »Ja, Kinder, so ist das, <lb/>
                 wenn wir da unten Frühstück machen. Das heißt bei uns <lb/>
                 Bergamt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Es ist nicht möglich«, sagte Herr Drees, »daß jemals ein <lb/>
                 Stück bedrucktes Papier, das, wie auch immer, in die Finger <lb/>
                 eines Menschen gerät, ungelesen bleibt. Je primitiver der <lb/>
                 Mensch, desto größer die Ehrfurcht vor der Drucker- <lb/>
                 schwärze.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er unterrichtete die Arbeiter über die Tätigkeit ihrer Ka- <lb/>
                 meraden in anderen Betrieben, er ehrte die Werkssänger, <lb/>
                 Werksmusikanten, Werksschachspieler, Werksturner — ir- <lb/>
                 gendwo war schließlich jeder Vorsitzender, Schriftführer <lb/>
                 oder Kassierer. Er streute Karikaturen von Werkstypen ein — <lb/>
                 überall waren jene Clowns des Lebens, die man »Originale« <lb/>
                 nennt, sei es ein Fuhrmann, der mit seinem Pferd auf der <lb/>
                 Straße laute satirische Zwiegespräche hält, oder ein Magazi- <lb/>
                 nier, der bei der Materialausgabe lustig gereimte Verse im- <lb/>
                 provisiert. Er verwies auf die wunderbare Ordnung des <lb/>
                 Sternenhimmels und zeigte daran, daß die Masse Führer <lb/>
                 brauche, welche die Forderungen des Tages mit den ewigen <lb/>
                 Weltgesetzen in Einklang bringen könnten. Er führte die <lb/>
                 Schützlinge der Wohlfahrtspflege vor, verschüchterte Kin- <lb/>
                 der unterm Werksweihnachtsbaum, die ihr Werkschristkind- <lb/>
                 chen, Trompeten und Hampelmänner, verlegen zwischen den
                <pb facs="#f0565" n="561"/>
                <lb/>
                 Händchen drehten, und dahinter einen Menschen mit über- <lb/>
                 wölbten Augenlidern, der vor Vergnügen, seinen Posten im <lb/>
                 Vereinsgefüge zu haben, mehr strahlte als die Kerzen am <lb/>
                 Baum —: das Wonnegesicht einer Kompagniemutter. Er er- <lb/>
                 munterte mit Honoraren alle Werkspoeten, denn er dachte <lb/>
                 sich, der Mensch sei anhänglich an denjenigen, der seinen <lb/>
                 Namen und die darunter gehenden Schreibübungen druckt. <lb/>
                 Er registrierte alle Personalien, brachte ganze Galerien von <lb/>
                 Jubilaren, Prokuristen, Packern, Oberingenieuren, Trans- <lb/>
                 portarbeitern, Revisoren, Drehern, die Köpfe seitenweise <lb/>
                 und höchst demokratisch zusammengereiht. Faulstich nannte <lb/>
                 dies übrigens, wenn sie unter sich waren, das »Verbrecher- <lb/>
                 album«. Man fand auf diesen Bildern, daß sich zwar in fünf- <lb/>
                 undzwanzig Dienstjahren der soziale Unterschied von Her- <lb/>
                 kunft und Bildungsgang auf den Gesichtern erhalten hatte, <lb/>
                 daß sie sich jedoch im geistigen Ausdruck untereinander voll- <lb/>
                 kommen angeglichen hatten. Überall waren die Stumpfheit <lb/>
                 des Betriebs, der Fachdünkel, das Strebertum abgezeichnet. <lb/>
                 Mehren sagte: »Eine deutsche Kulturgeschichte«, und Herr <lb/>
                 Drees: »Diese Werkszeitungen sind ein Schatzkästlein für <lb/>
                 das Arbeiterhaus, verlassen Sie sich drauf. Die Aussöhnung <lb/>
                 zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern entspricht meiner <lb/>
                 Natur, und ich bin glücklich, an dieser Stelle dafür arbeiten zu <lb/>
                 können. Gewiß habe ich auch als Betriebsführer schon mein <lb/>
                 Möglichstes getan. Aber im Betrieb ist das viel schwerer. Da <lb/>
                 hat man nicht die nötige Distanz.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Da sah man nun Überschriften wie: Divisionstagesbefehl <lb/>
                 aus dem großen Kriege; Unsere Abteilung Weichenbau; Un- <lb/>
                 ter den Fremdenlegionären, Mutterpflicht und Mutterglück; <lb/>
                 Die Grubenfahrt; Die Rache der Verlassenen; Der große <lb/>
                 Held aus der Franzosenzeit; Wie halte ich gute Nachbar- <lb/>
                 schaft? Kochrezepte; Familiennachrichten; Politischer Rund- <lb/>
                 funk; Wie verarbeite ich einen abgelegten Herrenhut zu einem <lb/>
                 hübschen Kinderhäubchen?—und Schlagzeilen wie: Der <lb/>
                 Mensch ist geboren zum Arbeiten wie der Vogel zum Flug; <lb/>
                 Stets mit Wohlbehagen und frei von aller Hast frühstücken, <lb/>
                 häßliche Gedanken verscheuchen und mehr an das Gute und <lb/>
                 Schöne denken, sich so lange und so oft es nur geht, in fri-
                <pb facs="#f0566" n="562"/>
                <lb/>
                 scher Luft aufhalten; — und Betrachtungen wie: »Es ist ein <lb/>
                 Bild voll Zartheit und Kraft, das ich mir jetzt ausmale. Eine <lb/>
                 Familie um den Tisch versammelt und der Hausvater liest aus <lb/>
                 der Bibel den Abendsegen. Mutter hat das Jüngste auf dem <lb/>
                 Schoß und die Größeren machen Handarbeiten. Wollte Gott, <lb/>
                 so wäre es in vielen deutschen Häusern. Deutschland, unser <lb/>
                 herrliches Vaterland, würde es bald spüren. Aber einstweilen <lb/>
                 fehlt die Erziehung zum pflichtbewußten Menschen durch <lb/>
                 das Militär, diese gedeihliche Zucht, deren noch heute viele <lb/>
                 Tausende von schaffensfrohen, an Ordnung und Sitte ge- <lb/>
                 wöhnten Arbeitsleuten der Hand und des Geistes dankbar <lb/>
                 gedenken. In Amerika sah ich einmal, wie eine Maschine er- <lb/>
                 probt wurde. Da standen die Arbeiter dabei und sahen zu, <lb/>
                 und es fiel das Wort: Klappt die Sache, so haben wir zu <lb/>
                 Weihnachten sechshundert Leute weniger im Betrieb. Aber <lb/>
                 sie dachten nicht daran, daß auch sie unter den sechshundert <lb/>
                 sein würden, die Freude an der gut funktionierenden Ma- <lb/>
                 schine war größer als die Sorge um den Arbeitsplatz. Bald <lb/>
                 ist nun auch bei uns Weihnachten. Seien auch wir nicht ver- <lb/>
                 zagt. Mag auch der Gabentisch dürftig besetzt sein oder viel- <lb/>
                 leicht ganz leer bleiben, er hat mit der Weihnachtsfreude, <lb/>
                 dem Weihnachtslicht ja nichts zu tun. Wie oft schon haben <lb/>
                 Weihnachtsgeschenke Ärger, Enttäuschung und Verdruß be- <lb/>
                 reitet! Wir Menschen des Maschinenzeitalters sehen die so- <lb/>
                 genannte gute alte Zeit, wo die Weihnachtstische voll Über- <lb/>
                 raschungen waren, nur zu sehr im goldigen Schimmer der <lb/>
                 Erinnerungen, Es gibt kein Zurück...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dies schrieb Herr Drees und ließ es drucken, und die Ar- <lb/>
                 beiter lasen es gern. Ihre Beschwerden häuften sich, wenn <lb/>
                 die Werkszeitung in unzureichender Anzahl geliefert wurde. <lb/>
                 Es kam zu Reibereien, wenn ein Betrieb früher als der andere <lb/>
                 in ihren Besitz gelangte. Es gab Mißhelligkeiten, wenn Prä- <lb/>
                 mien für die besten Unfallmerksprüche ausgeschrieben waren <lb/>
                 und einer den anderen beargwöhnte: ob der sich auch betei- <lb/>
                 list? Eine Chance weniger für mich; am Ende macht er gar <lb/>
                 einen ähnlichen Spruch wie ich?— Heinrich Dopslaff ging <lb/>
                 sinnierend einher, die dreißig oder zwanzig Mark konnte er
                <pb facs="#f0567" n="563"/>
                <lb/>
                 auch verdienen, so gut wie einer. »Willst du dir die Gesund- <lb/>
                 heit erhalten, dann lasse an den Gittern Vorsicht walten, <lb/>
                 denn im Beruf lauert immer der Tod...« Soweit hatte er es <lb/>
                 beisammen. Was nun weiter? Was reimt sich darauf? Ge- <lb/>
                 bot, ja, das wäre hübsch. Gebot der Stunde. Das würde sich <lb/>
                 gutanhören. Aber »Gebot« muß hinten im Vers stehen. Wie <lb/>
                 deichselt man das? </p>
            <p>
                <lb/>
                 So pendelt er oben auf der Gichtgalerie des Hochofens hin <lb/>
                 und her. Es pendelt auch in seinem Kopf: Tod — Gebot — <lb/>
                 Gebot der Stunde — Stundengebot. Undeutlich hört er einen <lb/>
                 Maurer nach ihm rufen. Die Worte jagen sich in seinem <lb/>
                 Kopf, ringeln sich umeinander. Wie war doch der Anfang? <lb/>
                 An den Gittern Gesundheit erhalten..., dunnerkiel, das hat <lb/>
                 er schon wieder vergessen. Es ist in seinem Kopf, es drückt <lb/>
                 ihn, aber es ist da drin wie vernagelt und kommt nicht her- <lb/>
                 aus. Das geht durcheinander, immer durcheinander. Aber er <lb/>
                 hat es ja aufgeschrieben. Der Zettel ist doch in seiner Tasche. <lb/>
                 Er muß ihn suchen. Er fühlt auch die Tasche, doch er greift <lb/>
                 immer daneben. Während ihm die Augen zufallen, lächelt er. <lb/>
                 Er hat ein Gefühl, als wären seine Beine eingeschlafen. Er <lb/>
                 strampelt. Gebot der Stunde — Tod. Was ist das, sieht er <lb/>
                 nicht mehr gut? Aber er hört noch, o ja, er hört sehr gut. Er <lb/>
                 hört etwas rauschen und brausen. Er hört etwas donnern. <lb/>
                 Er möchte sich an den Kopf fassen, um die Worte darin zu <lb/>
                 grapschen. Ganz schwindlig ist ihm, steht er denn hoch? Ja, <lb/>
                 das muß eine ziemliche Höhe sein. Er wollte ja auch gar nicht <lb/>
                 hinaufgehen. Es ist doch so gefährlich hier oben, wegen der <lb/>
                 Gichtgase. Achwo. Es riecht so süß wie in einem Blumen- <lb/>
                 garten. Daß ihn der Maurer hinaufgelotst hat! Wer war es <lb/>
                 eigentlich? Er kann ihn sich vorstellen, wie er aussieht, es ist <lb/>
                 ihm sogar, als beuge er sich über ihn — ja, liegt er denn am <lb/>
                 Boden? Aber er weiß den Namen des Maurers nicht mehr. <lb/>
                 Wie heißt er? Komisch. Er strengt sich an. Es ist ihm, als sei <lb/>
                 seine Stirn aus federndem Stahl, wölbe sich vor, springe zu- <lb/>
                 rück, so wie es hell wird um ihn und dann wieder dunkel. <lb/>
                 Was für eine Dunkelheit! Hat er je die Nacht so schwarz ge- <lb/>
                 sehen? So ein Schwarz gibt es ja gar nicht. Es muß doch <lb/>
                 Nacht sein. Natürlich ist es Nacht. Er schläft und träumt.
                <pb facs="#f0568" n="564"/>
                <lb/>
                 Da wälzt sich etwas auf seiner Brust herum, er keucht und <lb/>
                 ächzt, er möchte aufschreien, aber da sitzt etwas im Kehl- <lb/>
                 kopf. Die Schwere, die sich über seine Brust wälzt, möchte er <lb/>
                 packen. Er packt sie auch. Er schleudert sie weg. Jetzt ist es <lb/>
                 gut. Jetzt ist es leicht. Jetzt ist es ganz still. Eine betäubende <lb/>
                 Stille. — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Aus«, sagt der Sanitäter, der ihm die Arme weit ausein- <lb/>
                 anderschlägt und wieder zusammen und Sauerstoff ein- <lb/>
                 pumpt. »Nix mehr zu wollen. Wer das Gas da oben schluckt, <lb/>
                 der ist abgemeldet. Was guckt ihn denn da für ’n Zettel aus <lb/>
                 die Tasche? Willst du dir die Gesundheit erhalten, dann <lb/>
                 lasse an den Gittern Vorsicht walten, denn im Beruf lauert <lb/>
                 immer der Tod. Ja so, das soll wohl für das Preisausschrei- <lb/>
                 ben von die Werkszeitung sein. Ganz schön, damit hätt’ er <lb/>
                 sicher ’n Preis gekriegt.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Dopslaff weinte sehr und sagte zu Frau Aldenhövel: <lb/>
                 »Ich hab’ mich immer gewünscht, daß mein Mann, wenn er <lb/>
                 mal sterben müßt’, auf der Fabrik sterben soll, wegen die Un- <lb/>
                 fallrente. Er war doch ’nen guten Kerl, man könnt’ meinen, <lb/>
                 er hätt’ mich’s an die Augen abgelesen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Kranführer Adam Grieghöfer spürt die filzige Le- <lb/>
                 thargie, die über den Arbeitern liegt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Einmal, lang ist es her, ist Walzwerk II marschiert. Es <lb/>
                 marschiert niemand mehr. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sind sie verdrossen? Nein, sie sind gleichmütig. Sind sie <lb/>
                 entrechtet? Nein, sie sind entleibt. Ein Zeitraum ist durch- <lb/>
                 messen, und die Läufer sind zum Anfang zurückgekehrt, <lb/>
                 nein, noch hinter den Anfang sind sie zurückgeworfen. Wer- <lb/>
                 den sie sich noch einmal aufrappeln? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es gibt da Alte, die vor Jugend schäumen: zu ihnen gehört <lb/>
                 sein Schwiegervater Jakob Kalinna. Es gibt da Junge, die <lb/>
                 treiben einen Sport: zu ihnen gehört sein Schwager Otto <lb/>
                 Wittkamp. Und alles ist Vereinszweck. »Sportzentrale«, das <lb/>
                 ist jetzt ein Wirtshausschild geworden. Revolution? Nun, <lb/>
                 und wenn. Spießer, die sich wie geschwollene Revolutionäre <lb/>
                 gebärden, sind ein häßlicher Anblick. Sie leben ja alle von der <lb/>
                 großväterlichen Überlieferung. Sie lesen die Zeitung, die der
                <pb facs="#f0569" n="565"/>
                <lb/>
                 Großvater gelesen hat. Sie gehen in die Kneipe, in die der <lb/>
                 Großvater gegangen ist, und täte sich gleich eine bessere und <lb/>
                 billigere daneben auf. Sie wohnen, sie essen, sie trinken, sie <lb/>
                 schlafen, sie zeugen Kinder, wie der Großvater gewohnt, ge- <lb/>
                 gessen, getrunken, geschlafen, gezeugt hat. Dopslaff ist <lb/>
                 tot — es lebe Dopslaff...! </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Grieghöfer sah sehr mürrisch drein, wenn ihm <lb/>
                 solche Gedanken kamen. Diplomingenieur Hollerbach be- <lb/>
                 merkte es, aber er vermutete natürlich eine andere Ursache. <lb/>
                 Er nahm sich ihn vor: »Sie sollten mal Ihren Groll von der <lb/>
                 Seele runterschreiben. Die Werkszeitung druckt es. Mit <lb/>
                 Ihrem Namen. Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund. <lb/>
                 Schreiben Sie über Unternehmer, Vorgesetzte und Arbeiter.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Sollte er? — »Du mußt es tun«, sagte Alma, »denk’ mal, <lb/>
                 ein Artikel von dir in der Zeitung! Meinst du, mich freut das <lb/>
                 nicht? Hast du mich denn gar nicht mehr lieb?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam schrieb. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Man will sich einander opfern«, schrieb er, »weil alle <lb/>
                 Dinge, die bestehen, die guten und die schlechten, gottge- <lb/>
                 wollte Ordnung wären. Daß diesem aber nicht so ist, sieht <lb/>
                 der Arbeiter, der seine Lohntüte hat und weiter nichts. Wenn <lb/>
                 die Unternehmer Löhne zahlen würden, daß es dem Arbeiter <lb/>
                 möglich wäre, sich selbst gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit <lb/>
                 und auf Altersrente zu versichern, wie es in Amerika der Fall <lb/>
                 ist, dann brauchten die Unternehmer nicht die sozialen Lasten <lb/>
                 zu tragen. Wir wissen es aber wohl am besten, daß uns bei <lb/>
                 Risch-Zander nichts geschenkt wird. Wir müssen hier und <lb/>
                 dort rennen, und wenn wir mal ermüdet sind und Pause ma- <lb/>
                 chen, dann heißt es gleich: die faulen Kerle. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was die Angestellten anbelangt, die Unternehmer haben <lb/>
                 eben ein Interesse daran, daß zwischen den Angestellten und <lb/>
                 uns Arbeitern keine dicke Freundschaft entsteht, weil sie die <lb/>
                 Angestellten brauchen, um durch sie uns Arbeiter zu regie- <lb/>
                 ren. Die Ehre des Arbeiters steht aber im bürgerlichen Leben <lb/>
                 tief im Kurs. Wenn ein Franzose französisch spricht, dann <lb/>
                 versteht der deutsche Bürger das sicher besser, als wenn ein <lb/>
                 deutscher Arbeiter deutsch spricht. Ich denke an die Fran- <lb/>
                 zosenzeit im Revier, da hat man den Streik der Arbeiter be-
                <pb facs="#f0570" n="566"/>
                <lb/>
                 jubelt, da war der Streik eine ehrenvolle Tat. Ist man sich <lb/>
                 denn gar nicht darüber im klaren, was man Familienvätern <lb/>
                 und Kämpfern antut, wenn man sie bestrafen will, weil sie <lb/>
                 Solidarität geübt haben? Ganz anders beurteilt das Bürger- <lb/>
                 tum gleiche solidarische Handlungen, wenn sie in seinem <lb/>
                 Kreise gemacht werden, zum Beispiel den Ärztestreik gegen <lb/>
                 die Krankenkassen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er gedachte, die Arbeiter damit ein bißchen anzufeuern, <lb/>
                 aber er dachte nicht, daß es gedruckt würde. Herr Drees <lb/>
                 druckte es. Er sagte: »Die Hand, die in der Hosentasche ge- <lb/>
                 ballt wird, ist viel gefährlicher als diejenige, welche offen ge- <lb/>
                 zeigt wird. Ventile öffnen! Man muß den Radikalismus er- <lb/>
                 müden, indem man ihn durch Druckspalten sausen läßt. Wir <lb/>
                 behalten unterdessen unseren Atem. Das ist wie beim Wett- <lb/>
                 lauf des Hasen mit dem Swinegel.« — Es war mit ein bißchen <lb/>
                 anderen Worten dasselbe, was General von Grußenbaum im <lb/>
                 Park von Zandershöhe dem Generaldirektor Hachenpoot ge- <lb/>
                 sagt hatte, damals, vor vielen Jahren, als der Kaiser da war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Drees regulierte nur. Er veröffentlichte eine Entgeg- <lb/>
                 nung. Theoretisch gab er alles zu. Praktisch müsse vorerst <lb/>
                 leider alles beim Alten bleiben. »Man muß es wohl ausspre- <lb/>
                 chen, um unserer Arbeiterschaft einen ehrlichen Dienst zu <lb/>
                 erweisen. Die Zeit ist noch nicht gekommen, um Ideen zu <lb/>
                 verwirklichen, die eine disziplinierte, von Verantwortungs- <lb/>
                 bewußtsein durchdrungene, vielseitig unterrichtete Arbeiter- <lb/>
                 schaft voraussetzen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Grieghöfer mußte zugeben, daß diese Zeit noch nicht ge- <lb/>
                 kommen war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Von den Kollegen wurde er beglückwünscht: »Da hast <lb/>
                 du’s ihnen aber gegeben. Das stecken sie sich nicht hintern <lb/>
                 Spiegel.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alina streichelte ihn. Er lächelte. Es war ein säuerliches <lb/>
                 Lächeln. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fries meinte, der Turm der Sozialdemokratie stehe fest, <lb/>
                 und wenn noch so viele, die der Kommunismus enttäuscht <lb/>
                 habe, nationalsozialistisch wählten, da sie nun von dieser <lb/>
                 Seite den großen Krach erwarteten. »Kann sein«, antwortete <lb/>
                 Grieghöfer kurz. Aber die Arbeiter? dachte er. Ihre Führer
                <pb facs="#f0571" n="567"/>
                <lb/>
                 kommen nicht mit. Ich bin auch nicht mitgekommen. Wir <lb/>
                 haben nicht die Fuchsschläue. In unseren Reihen ist entwe- <lb/>
                 der Wahrheit oder Irrtum, Wirklichkeit oder Verlogenheit, <lb/>
                 Ideal oder Geschäft, Feudalismus oder Lumpenproletariat. <lb/>
                 Die Unternehmer haben eine Sache nie ganz, immer halb und <lb/>
                 halb. Die kommen durch. Die haben die Zuständigkeit. Wir <lb/>
                 haben die Unzuständigkeit. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Herr Drees bewahrte jene Nummer seiner Werkszeitung <lb/>
                 wie eine Trophäe auf. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Geschäftsleute fragten nun schon an, ob sie in den <lb/>
                 Idablättern annoncieren dürften. Es mußte ihnen jedoch mit <lb/>
                 Rücksicht auf die Werkskonsums abgeschlagen werden. — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Bald darauf wurde Diplomingenieur Hollerbach versetzt. <lb/>
                 Er trat an die Spitze der Ida-Lehrlingsschule. Das war der <lb/>
                 dritte Mann, und wenn man Hachenpoot hinzurechnet, der <lb/>
                 vierte, der von Risch-Zander zur Ida kam. Finanzrat Hieben- <lb/>
                 stein sagte, es liege ein tiefer Sinn darin. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Lehrlingsschule wurden sowohl Meister wie Lehr- <lb/>
                 linge erzogen: korpsmäßig wie die Kadetten. Die Berufs- <lb/>
                 ausbildung war so umfassend wir nur irgend denkbar; Berg- <lb/>
                 lehrlinge lernten zwei Jahre über Tage, drei unter Tage, vom <lb/>
                 Schlosser kamen sie zum Schmied, vom Schreiner zum Aus- <lb/>
                 leseband der Steine, von der Lampenstube zum Magazin, von <lb/>
                 der Hängebank zum Pumpenhaus, vom Schlepper zum Hauer <lb/>
                 —alles lernten sie nach Wesensart und Erscheinungsform <lb/>
                 kennen, alles, was ihnen je in ihrem Arbeitsfeld begegnen <lb/>
                 konnte, lernten Handfertigkeit, rasches Beobachten und fixes <lb/>
                 Arbeiten. Daneben aber erhielten sie Unterricht in Persön- <lb/>
                 lichkeitswerten, Kameradschaft, gefestigter Lebensanschau- <lb/>
                 ung, gutem Staatsbürgertum, militärischem Anstand, appro- <lb/>
                 bierter Ausnutzung der Erholungszeit, Turnen, Schwimmen <lb/>
                 und Sport aller Art. Sie wanderten gemeinsam und gingen <lb/>
                 gemeinsam zur Kirche. Sie lasen gemeinsam, frühstückten <lb/>
                 gemeinsam, hatten gemeinsame Bastelstunden und betrachte- <lb/>
                 ten nach Feierabend gemeinsam die Welt. Man erzählte ihnen, <lb/>
                 wofür sie arbeiteten, nämlich für sich selbst; man erzählte <lb/>
                 ihnen, wodurch die Unternehmer reich geworden seien, näm-
                <pb facs="#f0572" n="568"/>
                <lb/>
                 lich durch Bescheidenheit; man erzählte ihnen, wie das Ver- <lb/>
                 hältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sei, näm- <lb/>
                 lich zentnerschwer im Gemeinschaftlichen und grammleicht <lb/>
                 im Gegensätzlichen. Eine Mädchenklasse bildete Hausfrauen <lb/>
                 und Mütter aus, deren geistiges Ideal die Petroleumlampe <lb/>
                 und deren wirtschaftliches die elektrische Teemaschine war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 War diese Jugendpflege auch organisierter, zielklarer und <lb/>
                 enger mit den privatwirtschaftlichen Zwecken verbunden als <lb/>
                 je, so hätte sie dennoch den früheren Namen »Jung-Roland« <lb/>
                 verdient, und es war wohl nur eine momentane Gedächtnis- <lb/>
                 schwäche, warum diese Namengebung in einem Lande unter- <lb/>
                 lassen wurde, das sich auch unter den veränderten politischen <lb/>
                 Verhältnissen (um den Euphemismus des Freiherrn zu über- <lb/>
                 nehmen) um so lieber auf die Mythologie seiner Vorfahren be- <lb/>
                 rief, je weniger es über ihre tatsächliche Existenz aufgeklärt war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Große Werke richteten Sonderwerkstätten für Lehrlinge <lb/>
                 nach Ida-Muster ein, kleinere taten sich zu diesem Zweck ge- <lb/>
                 nossenschaftlich zusammen. Nach einem Jahr überspannte <lb/>
                 die Ida alle Wirtschaftszweige, Stahl so gut wie Gummi, <lb/>
                 Steine so gut wie Wolle, von einem Ende Deutschlands zum <lb/>
                 andern. Gewerkschaftler und Wissenschaftler bestaunten das <lb/>
                 Wunder, befehdeten es zuweilen, doch befehdeten es nur, <lb/>
                 weil sie es bestaunten. Alle neugierigen Blicke hielt die Ida <lb/>
                 offenherzig aus, mochten sie nun aus Deutschland, Österreich, <lb/>
                 der Schweiz, der Tschechoslowakei oder Sowjetrußland <lb/>
                 kommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Unter den Gratulanten befand sich auch Geheimrat Püschel. <lb/>
                 In der Union feierte man Versöhnungsfest. Die Chemie <lb/>
                 durfte da sein, die Herren von Kohle und Eisen hatten nichts <lb/>
                 dagegen, aber sie durfte nicht mehr danach trachten, die erste <lb/>
                 Violine zu spielen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der neue Betriebsführer im Walzwerk II war der Meinung, <lb/>
                 daß die Belegschaft zu groß sei. Es war ihm unvorstellbar, <lb/>
                 wie sein Vorgänger so hatte arbeiten können. Und so ein <lb/>
                 Mann leitete die Lehrlingsschule! Na; aber hier mußte nun <lb/>
                 nach dem Rechten gesehen werden. Neue Besen kehren gut. <lb/>
                 Schon dem Sprichwort war er es schuldig. </p>
            <pb facs="#f0573" n="569"/>
            <p>
                <lb/>
                 Er baute ab. Unter den Entlassenen war auch der Kran- <lb/>
                 führer Adam Grieghöfer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war nur nach der Regel. Wer noch nicht lange im Be- <lb/>
                 trieb war, kam immer zuerst an die Reihe. Mochte er dreißig <lb/>
                 Jahre bei Risch-Zander gewesen sein — in dem neuen Betrieb <lb/>
                 war er eben der Anfänger. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam erschrak heftig, obwohl er das alles hatte kommen <lb/>
                 sehen. Er dachte an Alma, die wieder in Umständen war, <lb/>
                 und ging zu Hiebenstein. Er wurde sogar empfangen, doch <lb/>
                 bedauerte der Finanzrat, in Angelegenheiten des Betriebs <lb/>
                 nicht hineinreden zu können. Aber er bewilligte ihm ein Ab- <lb/>
                 kehrgeld von fünfzig Mark. Und Adam? — Adam nahm es an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Fürs erste hatten sie nun etwas. In den letzten Monaten <lb/>
                 war er auch Sparer bei der Werkssparkasse gewesen: zwei <lb/>
                 Mark jeden Lohntag. Es wäre nicht viel gewesen, hätte er <lb/>
                 nicht bei der Prämienverlosung, welche die Sparkasse all- <lb/>
                 jährlich veranstaltete, fünfundsiebzig Mark gewonnen. <lb/>
                 Außerdem gab es dort ein Prozent Zinsen mehr als anderwo. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Opa Kalinna war zittrig geworden. Wie über alle Leute, <lb/>
                 die sich lange frisch halten, kam das Alter mit erschütternder <lb/>
                 Plötzlichkeit über ihn. Trotzdem verlor er nicht seinen Le- <lb/>
                 bensmut, und wie sich bald zeigte, auch nicht die Lebens- <lb/>
                 kraft. Es wurde nur ein zerknittertes, verhutzeltes Leben, <lb/>
                 das eigentlich allein von der Furcht festgehalten wurde, sei- <lb/>
                 nem Posten in der Waschkaue von »Glücklicher Morgen- <lb/>
                 stern«, Schacht III, nicht mehr gewachsen zu sein. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Eines Tages stand in der Werkszeitung ein Gedicht, des- <lb/>
                 sen erste Strophe also lautete: »Sie schimpfen auf die alten <lb/>
                 Zeiten, sie können aber nicht bestreiten, daß alle unter <lb/>
                 Schwarzweißrot viel Plockwurst hatten auf dem Brot...« <lb/>
                 Der Verfasser war Jakob Kalinna. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auf der Zeche neckten sie ihn: »Na Opa, wie is’s? Haste <lb/>
                 deine Plockwurst vom Betriebsführer schon gekriegt?« Ach, <lb/>
                 er hatte es nicht darum geschrieben. Er hatte es nicht einmal <lb/>
                 mehr darum geschrieben, weil es ihm so ums Herz war. Er <lb/>
                 hatte es geschrieben, wie ein Ertrinkender sich an einen trei- <lb/>
                 benden Strohhalm klammert. Er fürchtete seinen Abbau. <lb/>
                 Wann würde es kommen? Heute? Morgen? Übermorgen? </p>
            <pb facs="#f0574" n="570"/>
            <p>
                <lb/>
                 Den Kindern zur Last fallen, die selber zu krabbeln hatten? <lb/>
                 Er wollte sich unentbehrlich machen. Die Mitarbeit an der <lb/>
                 Werkszeitung war seine Hoffnung. So schrieb er, und es floß <lb/>
                 ihm nicht schwer aus der Feder. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Viele Rischianer taten desgleichen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Gewiß hätte er eine kleine Pension bekommen, aber die <lb/>
                 Altersrente der Knappschaft wäre ihm darauf angerechnet <lb/>
                 worden. Täglich hatte man ja das Los der alten Pensionäre <lb/>
                 vor Augen, die einst gezwungen worden waren, Beiträge zur <lb/>
                 Risch-Zanderschen Pensionskasse zu zahlen, wenn sie im <lb/>
                 Stahlwerk oder auf den Zechen arbeiten wollten, Als aber die <lb/>
                 Inflation vorüber war, erklärte Finanzrat Hiebenstein, daß <lb/>
                 zur Zahlung der Pensionen keine Verpflichtung bestünde; <lb/>
                 das mündelsicher angelegte Vermögen der Kasse sei völlig <lb/>
                 vernichtet, Ohne Zweifel stimmte das; und doch stimmte <lb/>
                 etwas auch wieder nicht. Jetzt wurden die alten Leute ein <lb/>
                 Spielball der Radikalen, die sich ihrer zu Agitationszwecken <lb/>
                 bedienten. Manche von ihnen, deren Bedürftigkeit und <lb/>
                 Wohlverhalten zehnmal, und wenn sie Vettern im Amt hat- <lb/>
                 ten, fünfmal gewogen worden war, bezogen freiwillige Un- <lb/>
                 terstützungen aus der Geschäftskasse. Manche aber suchten <lb/>
                 die Mülltonnen nach Papier und altem Blech ab, um beim <lb/>
                 Althändler ein paar Pfennige für Tabak zu bekommen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Schließlich gründeten sie einen Verband und entschlossen <lb/>
                 sich zu einem Demonstrationszug durch die Straßen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es war ein langer, grauer, schlürfender, man möchte fast <lb/>
                 sagen: zeitloser Zug. Sie riefen nichts, sie sangen nichts, sie <lb/>
                 trugen ein paar Schilder, die ihr Leid klagten und ihre be- <lb/>
                 scheidenen Wünsche sagten. Ihre Köpfe hingen zur Erde. <lb/>
                 Doch mehr als die Greise rührten diejenigen die Herzen der <lb/>
                 Zuschauer, die noch wie rüstige Fünfziger fürbaß schritten, <lb/>
                 obwohl sie gewiß siebzig waren, diese grundehrlichen, arbeit- <lb/>
                 samen, biederen Gesichter, denen nichts ferner lag als Auf- <lb/>
                 ruhr und nichts näher als Genügsamkeit. Die Passanten traten <lb/>
                 heran und spendeten Almosen; viele setzten nun ihrerseits <lb/>
                 eine kämpferische Miene auf, da jene es nicht mochten oder es <lb/>
                 nicht mehr konnten, und begleiteten den Zug bis zum Haupt- <lb/>
                 verwaltungsgebäude. Etliche Kaufleute, die hier eine Gele-
                <pb facs="#f0575" n="571"/>
                <lb/>
                 genheit sahen, an der Konkurrenz des Konsums die Rache <lb/>
                 der Moral zu üben, luden in aller Eile ein Auto voll Waren <lb/>
                 auf, fuhren hinterher und verteilten ihre mildtätigen Gaben <lb/>
                 unter den Augen des Direktoriums an die Darbenden. Sie <lb/>
                 hofften im stillen, daß es sich für ihr Geschäft lohnen werde. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr war verreist. Man weiß nicht, wie es ausge- <lb/>
                 gangen wäre, hätte er dies mitangesehen. Aber es schnitt ihm <lb/>
                 ja so vieles ins Herz, was geschah, und er mußte es dennoch <lb/>
                 geschehen lassen, er konnte die Notwendigkeiten nicht prüfen <lb/>
                 und war daher um so eher geneigt, sie für zwingend zu halten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Dr. h. c. Hiebenstein telefonierte an den Arbeitsminister <lb/>
                 und stellte ihm die Misere vor: »Wir waren ein Staatsbetrieb. <lb/>
                 Durch die Notenpresse des Staates sind die Kassen ruiniert <lb/>
                 worden. Man kann es jetzt nicht länger anstehen lassen. Die <lb/>
                 Dinge hier verlangen eine sofortige Entscheidung vom Staat. <lb/>
                 Soll ich vor die Leute treten und sagen: der Staat hat kein <lb/>
                 Herz für euch? Das gibt hunderttausend nationalsozialisti- <lb/>
                 sche Stimmen mehr bei der nächsten Wahl.« Der Minister <lb/>
                 sagte die Hilfe des Staates zu. Der Finanzrat konnte verkün- <lb/>
                 den, daß Pensionäre und Witwen nach Kräften versorgt wer- <lb/>
                 den sollten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er hatte seinen Grund, die Sache schnell aus der Welt zu <lb/>
                 schaffen. Die Stadt bereitete sich auf die Jahrhundertfeier des <lb/>
                 Stahlwerks Risch-Zander vor. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Auch die Reise des Freiherrn hing damit zusammen. Er <lb/>
                 war in München und besprach sich mit einem Bildhauer (nur <lb/>
                 in München lebten nach der Meinung seines Bibliothekars <lb/>
                 noch richtige Bildhauer) über das neue, große Denkmal des <lb/>
                 alten Risch, das seinen Platz am Eingang der Fabrik finden <lb/>
                 sollte. Das Halbrund einer weißen Sandsteinmauer schloß es <lb/>
                 nach der Fabrik hin ab: so war zugleich die Entrücktheit des <lb/>
                 Schöpfers und die Festigkeit der Schöpfung dokumentiert. <lb/>
                 Vor dieser Mauer standen drei lebensgroße Gestalten; in der <lb/>
                 Mitte der alte Risch, der Fabrikherr, als einziger bekleidet, <lb/>
                 in langem, pastoralem Gehrock und in Stulpenstiefeln, mit <lb/>
                 dem erhobenen Haupt und dem durchgemeißelten Profil eines <lb/>
                 römischen Zenturionen; rechts ein nackter Arbeiter, auf
                <pb facs="#f0576" n="572"/>
                <lb/>
                 einen mächtigen Hammer gestützt, links ein gleichfalls nack- <lb/>
                 tes Weib mit einem Kind an der Brust; nur das Emblem der <lb/>
                 Männlichkeit war verhüllt, und der Mann schaute ziemlich <lb/>
                 betrübt zu der Frau hinüber, als wollte er sagen, es wäre bes- <lb/>
                 ser, wenn du das Kind abgetrieben hättest. Der Freiherr <lb/>
                 mochte beim Anblick der Arbeit etwas Ähnliches empfinden, <lb/>
                 denn er redete beständig auf den Künstler ein, die Gruppe <lb/>
                 fröhlicher zu bilden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine zweite Sorge war ein würdiger Prolog. Er sollte vom <lb/>
                 RHYTHMUS DER ARBEIT und auch vom RHYTHMUS <lb/>
                 DER SEELE handeln. Der Auftrag ging daher an den Arbei- <lb/>
                 terdichter Helmut Fries, der einen Friedensschluß zwischen <lb/>
                 Industrie und Natur besang. Er mußte das Gedicht auf dem <lb/>
                 Instanzenweg einreichen, jede Instanz hatte etwas anderes <lb/>
                 daran auszusetzen, immer wieder mußte er einen Ausdruck <lb/>
                 ändern, einen gewagten Vergleich ausmerzen, ein neues Bild <lb/>
                 erfinden. Der Finanzrat beanstandete zuletzt nur noch ein <lb/>
                 Komma und verlangte stattdessen ein Semikolon. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In dieser Fassung sah es der Freiherr. Helmut Fries wurde <lb/>
                 gerufen. An einer Stelle hatte er »Wiese« und »Verließe« ge- <lb/>
                 reimt: der Freiherr fand den Gegensatz zwischen heller Na- <lb/>
                 tur und dunklen Fabriken gut ausgedrückt, aber das Wort <lb/>
                 »Wiese« zu wenig poetisch. »Anger« müsse da stehen. Hel- <lb/>
                 mut Fries zerbrach sich den Kopf; außer »Pranger«, »lan- <lb/>
                 ger«, »banger« und »schwanger« fiel ihm kein Reim ein, und <lb/>
                 das paßte alles nicht. Er machte neue Verse, wo das Wort <lb/>
                 »Anger« in der Mitte stand, aber der Freiherr erklärte, es <lb/>
                 müsse am Ende stehen, sonst sei es nicht genug gehoben. <lb/>
                 Während Helmut Fries noch auf die dichterische Inspiration <lb/>
                 wartete, erinnerte sich sein Vater der afrikanischen Stadt <lb/>
                 Tanger, wo der Kaiser einmal kriegerisch gelandet war, und <lb/>
                 worüber es beinahe einen Krieg gegeben hätte, den es nach- <lb/>
                 her trotzdem gab. Unter den Anstrengungen des Arbeiter- <lb/>
                 dichters, dessen Tätigkeit darin bestand, neuen Erscheinun- <lb/>
                 gen eine alte Perücke aufzusetzen, machte diese geographisch- <lb/>
                 politische Realität eine verklärende Metamorphose durch. <lb/>
                 Der poetische Verfeinerungsprozeß endigte mit einer verwe- <lb/>
                 genen Paraphrase der Wüste von Tanger, obwohl es dort gar
                <pb facs="#f0577" n="573"/>
                <lb/>
                 keine Wüste gab, aber der Freiherr gestand ihm diese dichte- <lb/>
                 rische Freiheit zu. Er hatte seinen Anger, und an Fanger war <lb/>
                 ihm nichts gelegen. Es widersprach nicht seinem Gefühl, <lb/>
                 wenn die Fabrikwelt mit einer Wüste verglichen wurde, so- <lb/>
                 fern nur gleichzeitig in der Wüste Schönheiten gesucht und <lb/>
                 entdeckt wurden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Seine dritte Sorge war ein Festspiel in Form eines mittelal- <lb/>
                 terlichen Reiter- und Lanzenturniers, das auf einer Parkwiese <lb/>
                 von Zandershöhe in Szene gehen sollte. Zweihundert Ober- <lb/>
                 beamte mit ihren Damen wirkten mit. Der Personalchef <lb/>
                 Wackerlein spielte die Rolle des Wappenkönigs. Das war <lb/>
                 eine kleine Bosheit des Herrn von Scheeven, der ihm gesagt <lb/>
                 hatte, da habe er am wenigsten zu tun. Es ergab sich aber, <lb/>
                 daß er hin und her sprengen mußte wie ein Jagdhund; sah er, <lb/>
                 klein und beleibt, schon an sich auf dem Pferd nicht zum be- <lb/>
                 sten aus, so wurde er, in Ritterrüstung galoppierend, vollends <lb/>
                 zum Harlekin. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Viele Wochen dauerten die Proben. Die Inszenierung be- <lb/>
                 sorgte der Intendant des Theaters der Stadt. Er war ein Be- <lb/>
                 wegungsfanatiker und gönnte niemandem, sich auszuruhen. <lb/>
                 War ein Spieler für einen Augenblick unbeteiligt, so mußte <lb/>
                 er immerzu von rechts nach links und von links nach rechts <lb/>
                 laufen, als wolle er sich die Füße wärmen. Der Regisseur war <lb/>
                 unerbittlich. Er verfuhr mit den Beamten und ihren Damen, <lb/>
                 auch mit den höchsten, wie mit Schauspielern und Schau- <lb/>
                 spielerinnen, er kanzelte sie ab: Zahlen addieren, das könn- <lb/>
                 ten sie wohl, aber gut aussehen und richtig gehen, vom Rei- <lb/>
                 ten ganz zu schweigen, das könnten sie nicht; er trieb sie ge- <lb/>
                 geneinander: »Die Damen sind viel zu spröde, mehr Brust <lb/>
                 heraus!« und: »Mehr Furor der Herr dort mit der Kassan- <lb/>
                 dranase!«— und der Herr mit der Kassandranase war der <lb/>
                 technische Direktor Neufeind, und auch Fräulein Erika Neu- <lb/>
                 feind, die den Prolog zu sprechen hatte, mußte viel ausste- <lb/>
                 hen. Einmal wurde sie sogar ohnmächtig, doch der Regis- <lb/>
                 seur behauptete, das sei gar nichts, er wisse ja, was man bei <lb/>
                 Schauspielerinnen von Ohnmachten zu halten habe. Kurzum, <lb/>
                 er betrug sich mit der lügnerischen Überheblichkeit eines <lb/>
                 Künstlers, der sich einbildet, die angeblich geschändete Muse
                <pb facs="#f0578" n="574"/>
                <lb/>
                 an den Vertretern des kommerziellen Zeitalters rächen zu <lb/>
                 müssen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr, Idealist und in einer Theaterwelt lebend wie <lb/>
                 jener, hatte seinen Spaß daran, und niemandem war es gestat- <lb/>
                 tet, bei diesem heiteren Spiel ein Wort auf die Wagschale zu <lb/>
                 legen. Dies mußte vielmehr dem Ernst des Lebens vorbehal- <lb/>
                 ten bleiben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die vierte Sorge endlich war der Empfang des Königs aus <lb/>
                 dem Morgenland, der mit einem Gefolge von Kammerherren <lb/>
                 und Journalisten der Weltpresse angemeldet war. Die Fliesen <lb/>
                 des Bahnhofs Zandershöhe wurden grün überpinselt, die <lb/>
                 Dachränder des Schlosses mit Schnüren von Glühbirnen ein- <lb/>
                 gefaßt. Am Abend benutzte der Freiherr zum ersten Mal in <lb/>
                 seinem Leben den fahrplanmäßigen Zug von der Stadt nach <lb/>
                 Zandershöhe, um sich von der Wirkung der Illumination zu <lb/>
                 überzeugen. Der Geplagteste aber war Herr von Scheeven, <lb/>
                 der überall herumreisen mußte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 In der Stadt erzählte man sich Wunderdinge von den Vor- <lb/>
                 bereitungen auf Zandershöhe. Man benutzte die Gelegenheit, <lb/>
                 um sich wieder einmal in die Intimität der Schloßbewohner <lb/>
                 einzuschleichen. Man berichtete, daß der Freiherr zu Frau <lb/>
                 Ella nicht Du sagen dürfe, sondern sie mit »Hochwürden« <lb/>
                 und »Euer Gnaden« anreden müsse; und kein anderer Fall <lb/>
                 zeigt wohl besser den Reichtum der im Volke schlummernden <lb/>
                 Phantasie, denn Frau Ella hätte gewiß jedem, der so zu spre- <lb/>
                 chen sich unterfangen hätte, sein »Euer Gnaden« dreimal um <lb/>
                 die Ohren geschlagen. Man berichtete ferner, daß kein Haus- <lb/>
                 mädchen auf Zandershöhe Seidensträmpfe und Bubikopf <lb/>
                 haben dürfe, und daß die Dienstboten vom Schloß auf alle <lb/>
                 Kollegen herabsähen, die nur in gewöhnlichen Bürgerhäu- <lb/>
                 sern Teppiche klopften und Staub fegten. Jedermann <lb/>
                 wünschte, in der Haut eines Lakaien von Zandershöhe zu <lb/>
                 stecken — mehr, als in der Haut des Freiherrn selbst zu <lb/>
                 stecken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Chef der Bürobedienung ließ die Laufjungen zu Appel- <lb/>
                 len mit Mützen, Schuhen und blanken Rockknöpfen antre- <lb/>
                 ten, der Branddirektor übte Parademärsche mit der Feuer-
                <pb facs="#f0579" n="575"/>
                <lb/>
                 wehr. Es war eine Zeit gewesen, da hatte die Bürobedienung <lb/>
                 der billigeren Entlohnung wegen Laufmädchen engagieren <lb/>
                 müssen. Aber der Chef hatte sich zu sehr gegrämt, daß er mit <lb/>
                 ihnen keine Uniform-Appelle abhalten konnte, und die un- <lb/>
                 sittliche Annäherung eines Bürovorstehers an einige dieser <lb/>
                 Mädchen zur Wiederherstellung des vorigen Zustandes be- <lb/>
                 nutzt. Er war ein altgedienter Feldwebel und hatte auch in <lb/>
                 Zivil seine Ideale so gut wie sein martialisches Aussehen. <lb/>
                 Der Branddirektor dagegen, ein ehemaliger Pionierhaupt- <lb/>
                 mann, existierte nur in Uniform. Mit ihr war er ein gewalti- <lb/>
                 ger Kommandeur, ein muskulöser Draufgänger, eine gebie- <lb/>
                 tende Respektsperson. Ohne sie war seine Stimme dünn und <lb/>
                 gebrechlich, sein Rückgrat ausgebrochen, sein Brustkasten <lb/>
                 geborsten. Kein Schneider konnte ihm je einen gutsitzenden <lb/>
                 Zivilanzug machen, er hing darin, als gehöre er nicht dazu. <lb/>
                 Aber selbst in einer völlig unwattierten Uniform hatte er eine <lb/>
                 gewölbte Brust und hohe Schulterblätter, war er ein Guß und <lb/>
                 ein Schliff. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Er glaubte beobachtet zu haben, daß die Risch-Zanderschen <lb/>
                 Feuerwehrleute nicht stramm genug grüßten. Er ließ sie da- <lb/>
                 her einzeln aus dem Glied heraustreten und mit der Hand an <lb/>
                 der Mütze an ihm vorbeigehen. Auch Johann Bermel mußte <lb/>
                 an ihm vorbei, obwohl er nur Krümperdienste verrichtete. <lb/>
                 »Bauch einziehen!« schrie der Branddirektor. Bermel blieb <lb/>
                 stehen und sagte: »Herr Direkter, ich mit meinen alten Kno- <lb/>
                 chen...?« Der Branddirektor befahl einem Oberfeuerweht- <lb/>
                 mann, den Bermel »mal wach zu machen«; der, im Voll- <lb/>
                 gefühl seiner Charge, ließ sich das nicht zweimal sagen. Ber- <lb/>
                 mel jedoch rührte sich nicht vom Fleck. Er dachte, jeder <lb/>
                 Mensch mit gesundem Verstand werde ihm beipflichten, daß <lb/>
                 so etwas für einen Feuerwehrmann nicht vonnöten sei. Er <lb/>
                 irrte sich, denn als nach seiner fristlosen Entlassung Be- <lb/>
                 triebsrat Fries sich für ihn verwandte, antwortete die Firma <lb/>
                 mit folgendem Schreiben: </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Disziplin und Ordnung einer Berufsfeuerwehr erfordern <lb/>
                 eine Ausbildung der Angehörigen im Fußdienst. Hierzu ge- <lb/>
                 hört auch die Beherrschung der Grußformen (Grüßen und <lb/>
                 Melden). Daß solche Übungen mit den heutigen Anschau-
                <pb facs="#f0580" n="576"/>
                <lb/>
                 ungen nicht mehr vereinbar seien, ist ein trauriges Schlag- <lb/>
                 wort bedauernswerter Menschen. Es schickt sich am wenig- <lb/>
                 sten im Munde eines Mannes, der nie Soldat gewesen und <lb/>
                 deshalb nicht befähigt ist, über den Wert der Disziplin zu <lb/>
                 urteilen.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mit derselben Begründung wurde Bermels Klage vom Ar- <lb/>
                 beitsgericht abgewiesen. Seine Akte war geschlossen. Am <lb/>
                 Morgen jenes Tages, an welchem das Denkmal des alten <lb/>
                 Risch enthüllt wurde, erhängte er sich am Fensterkreuz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Nach dem Willen des Freiherrn wurde das Denkmal im <lb/>
                 Beisein eines kleinen Kreises von Direktoren, Oberbeamten <lb/>
                 und Arbeiterdeputierten enthüllt. Es waren jene Arbeiter, <lb/>
                 die mit dem alten Risch einmal in nähere Berührung gekom- <lb/>
                 men waren: auch Jakob Kalinna war also dabei. Eine halbe <lb/>
                 Stunde vor der festgesetzten Zeit wurde Betriebsrat Fries be- <lb/>
                 nachrichtigt und gebeten, teilzunehmen. Er beschwerte sich <lb/>
                 bei Hiebenstein: das hätte man ihm doch früher sagen sollen, <lb/>
                 wo solle er denn jetzt schnell einen dunklen Anzug herneh- <lb/>
                 men? Der Finanzrat erwiderte: »Sie haben ganz recht, Herr <lb/>
                 Fries. Ich würde mir das an Ihrer Stelle auch nicht gefallen las- <lb/>
                 sen. Machen Sie doch mal die Stelle ausfindig, die das verbum- <lb/>
                 melt hat. Sie soll sich bei Ihnen entschuldigen, Herr Fries.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Hochbefriedigt verließ ihn dieser. Der Finanzrat tauschte <lb/>
                 mit Dr. van der Gathen einen spitzbübischen Blick. Sie ver- <lb/>
                 zogen den Mund, wie um ein Lächeln zu verbeißen. Dann <lb/>
                 waren sie plötzlich wieder von einem feierlichen Ernst. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Vierzehn Tage lang versuchte Fries, der schuldigen Stelle <lb/>
                 habhaft zu werden, dann gab er es auf. Wären alle Kapitali- <lb/>
                 sten so rechtliche Menschen wie der Finanzrat, dachte er —— <lb/>
                 und brach den Gedankengang ab. Es fiel ihm ein, daß er <lb/>
                 dann vielleicht nicht einmal seinen Betriebsratsposten <lb/>
                 hätte... </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der König aus dem Morgenland, der mit seiner rundlichen <lb/>
                 Figur, dem braunen, auf Taille gearbeiteten Sakko und dem <lb/>
                 roten Fez wie der beliebte Komiker eines Provinzkabaretts <lb/>
                aussah, wurde in das Thomaswerk geführt. »Qu’est-ce-
                <pb facs="#f0581" n="577"/>
                <lb/>
                 qu’il-y-a?« fragte er, als er die Halle betrat, wo der Boden zu <lb/>
                 hüpfen und die Wände zu glühen schienen. Neufeind ließ <lb/>
                 ihm verdolmetschen: »Hier wird siliziumarmes Roheisen <lb/>
                 durch Kalk und gebrannten Dolomit in kohlenstoffarmes, <lb/>
                 schmiedbares, aber nicht härtbares Flußeisen umgewandelt, <lb/>
                 die verschiedene chemische Zusammensetzung der Roheisen- <lb/>
                 arten resultiert natürlich aus der verschiedenen Beschaffenheit <lb/>
                 der Erze, aus denen sie gewonnen werden...« Der König <lb/>
                 stand vor dem Ofen, der langbauchig war wie eine Birne und <lb/>
                 voll zäher unbeweglicher Glut kippte und kreiste. Jedesmal, <lb/>
                 wenn dieser Konverter sich neigte, um einen Bach rieselnden <lb/>
                 Feuers in die Pfanne zu ergießen, glaubte er, das sei eine Hul- <lb/>
                 digung vor ihm, und erwiderte mit einer kleinen, herablas- <lb/>
                 senden Verbeugung seinerseits. Neufeind erklärte und der <lb/>
                 Freiherr übersetzte es ins Französische, aber sie mußten <lb/>
                 schreien, um das Sausen und Klirren zu übertönen, und der <lb/>
                 König verstand dennoch nichts. Er hörte das Fauchen des <lb/>
                 Windes im Gebläse und sah ab und zu einen Regen metalli- <lb/>
                 scher Funken und ein spitzes Flämmchen, das war alles. Hin- <lb/>
                 ter ihm stand sein Leibarzt mit einem Kasten voll Taschen- <lb/>
                 tüchern und wischte fortwährend den Schweiß vom bronze- <lb/>
                 glänzenden Gesicht des Königs. Merkwürdig, wie dieser <lb/>
                 Sohn der Sonne hier schwitzte. Merkwürdig, wie kühl dage- <lb/>
                 gen die Europäer blieben. Er vertrug offenbar nur die natür- <lb/>
                 liche Wärme, während diese fast nur die künstlich erzeugte <lb/>
                 kannten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Während der König sich mutig dem kreischenden und un- <lb/>
                 verständlichen Getümmel aussetzte, machte sich der kleine <lb/>
                 Reporter eines Lokalblatts an einen baumlangen englischen <lb/>
                 Journalisten heran. »Was sagt denn Downing-Street zu die- <lb/>
                 sem Besuch?« fragte er tölpisch und kam sich vor, als habe <lb/>
                 er dem britischen Weltreich einen Stoß gegeben. »Wie mei- <lb/>
                 nen Sie das?« sagte der Engländer aus Höflichkeit und ohne <lb/>
                 Neugierde. — »O, ich meine nur.« Das sollte pfiffig klingen. <lb/>
                 Der Engländer zog aus Gewohnheit den rechten Mundwin- <lb/>
                 kel tief, als hinge seine Pfeife darin, und entgegnete kalt: <lb/>
                 »Es freut mich, daß es Ihnen erlaubt ist, auch einmal etwas <lb/>
                 zu meinen...« </p>
            <pb facs="#f0582" n="578"/>
            <p>
                <lb/>
                 Frauen war es verboten, die Werkstätten zu betreten, <lb/>
                 außer wenn sie dort arbeiteten. Das Verbot stammte noch <lb/>
                 vom alten Risch, der im Grunde ein Weiberfeind war, und <lb/>
                 der Freiherr beließ es dabei. Er meinte, daß Frauen, die sich <lb/>
                 nicht in Arbeitskleidung befänden, sozial aufreizender seien <lb/>
                 als Männer. Nicht einmal Frau Alice hatte je eine Werkstatt <lb/>
                 gesehen. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Darum besichtigten die Damen unterdessen unter Führung <lb/>
                 von Wackerleins Schwägerin die Beamtensiedlung, in welcher <lb/>
                 Otto Wittkamp wohnte, und schnüffelten den Leuten, die <lb/>
                 bisher geglaubt haben mochten, daß sie eine eigene Wohnung <lb/>
                 hätten, in den Zimmern herum. So wenigstens sah Paula die <lb/>
                 Sache an; aber sie hatten den richtigen Instinkt für diejenigen, <lb/>
                 die darüber vor Glückseligkeit fast zerflossen, und verschon- <lb/>
                 ten jene, welche wie Frau Wittkamp dachten. Einer Englän- <lb/>
                 derin passierte dabei das Mißgeschick, Wackerleins Schwä- <lb/>
                 gerin für eine Art Schloßkastellanin zu halten und ihr fünf- <lb/>
                 zig Pfennig Trinkgeld anzubieten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um zwölf Uhr erschien der Oberbürgermeister auf Zan- <lb/>
                 dershöhe und überreichte Frau Ella den Ehrenbürgerbrief der <lb/>
                 Stadt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Straßen waren bunt von Fahnen, schwarzweißtoten, <lb/>
                 das waren die Farben des Kaisers, grünweißen, das waren <lb/>
                 die Farben der Provinz, und weißblauen, das waren die Far- <lb/>
                 ben der Stadt. Nur die Farben des Staates fehlten, es fehlten <lb/>
                 die Farben der Nation. Seit jenem Schwächeanfall, der auch <lb/>
                 Revolution genannt wurde, hatte die Heimatliebe einen un- <lb/>
                 erhörten Aufschwung genommen. Alle staatstreuen Bürger <lb/>
                 kannten jetzt die Stadtfarben, die früher nur Kommunalbe- <lb/>
                 amte und Lehrer gekannt hatten, und sie hingen Fahnen in <lb/>
                 diesen Farben heraus, um ihre politische Neutralität zu be- <lb/>
                 weisen. Auf den Zinnen des Hauptverwaltungsgebäudes von <lb/>
                 Risch-Zander aber wehte die schwarzweißrote Handelsflagge <lb/>
                 mit der schwarztotgoldenen Gösch. Man weiß, daß der Frei- <lb/>
                 herr ein Mann des Ausgleichs war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Junisonne schien prall über der Stadt, die neuen Mo- <lb/>
                 torsprengwagen des Stahlwerks kühlten mit breitem Strahl
                <pb facs="#f0583" n="579"/>
                <lb/>
                 die Straßen. Aller Dunst war in munter springende Farb- <lb/>
                 tupfen aufgelöst, es war, als fiele der blühende Atem der <lb/>
                 westlichen Wälder über die Stadt her. Selbst die fahle Dürre <lb/>
                 über den Kokereien schillerte meergrün, und alles war wie <lb/>
                 ein aufgeregter, schäumender Strom. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der große Saal der Stadthalle war mit jungen Birken ge- <lb/>
                 schmückt, und als Dr. van der Gathen das Podium betrat, <lb/>
                 mußte er das leise säuselnde, aromatisch riechende Laub zu- <lb/>
                 rückbiegen; das Licht übergoß ihn, der Statistiker prangte <lb/>
                 darin wie ein Frühlingsgott. Der Freiherr hatte es unschick- <lb/>
                 lich gefunden, an diesem Tage, der seines Schwiegervaters <lb/>
                 Ehrentag war, selbst zu sprechen. Er begrüßte nur die Gäste, <lb/>
                 den morgenländischen König, den Reichspräsidenten, den <lb/>
                 Reichskanzler, die Minister, die Großindustriellen und die <lb/>
                 nachgeordneten Größen. Dr. van der Gathen sprach sanft <lb/>
                 und lispelnd: dieses Fest der Arbeit sei den ehemaligen Fe- <lb/>
                 sten der Zünfte vergleichbar; kühnes Planen, ernstes Wollen, <lb/>
                 wägendes Prüfen und emsiges Schaffen habe das Werk voll- <lb/>
                 bracht. »Es entspräche nicht den Prinzipien des Schöpfers, <lb/>
                 die Jahrhundertfeier zum Anlaß selbstzufriedener Rückschau <lb/>
                 zu nehmen; ebenso wenig entspräche es ihnen, an der Ge- <lb/>
                 genwart zu mäkeln. Wenn Dichten heißt: Gerichtstag halten <lb/>
                 über sich selbst, so heißt Wirtschaftführen: Begnadigung <lb/>
                 üben an sich selbst. Die deutsche Wirtschaftspolitik war in <lb/>
                 den letzten Jahren auf die Befestigung der Zukunft gerich- <lb/>
                 tet. Eine große Zahl von Unternehmungen mit altem Ruf <lb/>
                 und treuer Belegschaft ist im Kampf um die Rentabilität auf <lb/>
                 der Strecke geblieben und ein Heer von vier Millionen Ar- <lb/>
                 beitslosen war vorübergehend das Schreckgespenst jedes den- <lb/>
                 kenden Menschen. Aber heute darf man sagen, daß die <lb/>
                 Wirtschaft ihrer Aufgabe, die Verheerungen des Krieges und <lb/>
                 der Inflation zu überwinden, einen bedeutsamen Schritt nä- <lb/>
                 her gekommen ist. Die deutsche Ausfuhr hat in den letzten <lb/>
                 fünf Jahren einen Aufschwung genommen, wie in keinem <lb/>
                 anderen Lande der Welt, und liegt jetzt weit über dem Stand <lb/>
                 des größeren und reicheren kaiserlichen Deutschlands. Pro <lb/>
                 Kopf der Bevölkerung betrug sie 135 Mark vor dem Kriege, <lb/>
                 208 heute. Achtzehn Prozent des Ausfuhrwertes gehen heute
                <pb facs="#f0584" n="580"/>
                <lb/>
                 auf die Reparationen, die wir aus Exportüberschüssen zahlen <lb/>
                 müssen; darum ist es notwendig, daß die Ausfuhr der In- <lb/>
                 dustrieprodukte nicht durch landwirtschaftliche Zölle ge- <lb/>
                 stört wird, welche die betroffenen Länder zu Repressalien <lb/>
                 veranlassen. Die Preise der eingeführten Rohstoffe, das ist <lb/>
                 ein zweiter günstiger Faktor, sind um fünfundzwanzig Pro- <lb/>
                 zent gesunken, so daß der Überschuß des Exports über den <lb/>
                 Import beträchtlich ist. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Doch ist all dies noch wenig gegen den dritten Faktor, <lb/>
                 der unsere Hoffnung belebt. Es ist uns gelungen, diejenigen <lb/>
                 auf unsere Seite zu bringen, deren Schicksal mit dem Ge- <lb/>
                 deihen der Wirtschaft unzertrennlich verbunden ist. Immer, <lb/>
                 wenn es galt, die Wettbewerbskraft des Stahlwerks zu stei- <lb/>
                 gern, hat die Familie Risch-Zander die Dividende geopfert, <lb/>
                 damit die Erträgnisspeicherung den Rischianern zugute kä- <lb/>
                 me —: jetzt endlich haben auch diese sich wieder auf ihre alte <lb/>
                 Tradition besonnen, und nichts gleicht der Genugtuung, die <lb/>
                 wir gerade heute darüber empfinden dürfen. Noch kürzlich <lb/>
                 wurde unser Lokomotivbau durch einen fünfzehnprozentigen <lb/>
                 freiwilligen Lohnverzicht der Belegschaft gerettet. Konnten <lb/>
                 wir auch nicht alle Rischianer dort weiterbeschäftigen, weil <lb/>
                 viele Kunden auf die bereits erfolgte Stillegungsanzeige hin <lb/>
                 ihre Aufträge annulliert hatten, so ändert das doch nichts <lb/>
                 daran, daß der Gemeinsinn endlich wieder Tat geworden ist. <lb/>
                 Wenn wir so fortfahren und zeigen, daß wir Kapitalwert und <lb/>
                 Kapitalbildung achten, dann werden wir erwarten dürfen, <lb/>
                 daß auch die übrigen Kulturnationen einsehen, wieviel mehr <lb/>
                 ihnen ein geordnetes und aufbauendes Deutschland bedeutet <lb/>
                 als ein ausgepreßtes Tributland, dessen Begriffe und Hand- <lb/>
                 lungen sich je länger je mehr von den Ordnungselementen <lb/>
                 der bisherigen Kultur entfernen müssen. Denn auch bei <lb/>
                 einem derartigen Vertragswerk muß das letzte Ziel nicht die <lb/>
                 materielle Forderung, sondern die Welt- und Menschheits- <lb/>
                 entwicklung sein.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 In den Applaus hinein quoll ein bleiches, überarbeitetes <lb/>
                 Gesicht, es war das Gesicht eines Prälaten, und es war wie <lb/>
                 eine Wolke in all dem Licht. Es war das Gesicht des vor- <lb/>
                 maligen Wirtschaftsministers und jetzigen Reichskanzlers,
                <pb facs="#f0585" n="581"/>
                <lb/>
                 dem es oblag, die Ordnungselemente der bisherigen Kultur, <lb/>
                 von denen Dr. van der Gathen hochgemut fabulieren durfte, <lb/>
                 in den Zwinger der Vernunft zu treiben. Er war von Haus <lb/>
                 aus eine polemische Natur, aber er machte die Polemik um <lb/>
                 seines Vergnügens willen und hielt nie bis zum Ende durch. <lb/>
                 Wenn er seine Pfeile abgeschossen hatte, stellte er den Köcher <lb/>
                 in die Ecke und schloß jeden gewünschten Frieden. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Industriellen hatten sich angewöhnt, seinen Worten <lb/>
                 mit dem Einwand zu begegnen, es seien »ad hoc konstru- <lb/>
                 ierte Fälle«. Erwiderte er dann, Deutschland habe in der Ver- <lb/>
                 gangenheit gerade darum soviel leiden müssen, weil es zu <lb/>
                 wenig gedanklich konstruiert und infolgedessen auch immer <lb/>
                 falsch kombiniert habe — so beklagten sie sich als Männer des <lb/>
                 Westens über die Berliner Intoleranz. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Diesmal hatte er ein fertiges Konzept vor sich und wich <lb/>
                 keinen Fingerbreit davon ab. Er fügte sich in die Birken- <lb/>
                 landschaft ein, die ihn umgab. »Die Kräfte der Ordnung«, <lb/>
                 sagte er, »werden immer das letzte Wort über die Kräfte der <lb/>
                 Unordnung haben. Das deutsche Volk kann sein Schicksal <lb/>
                 nicht meistern, wenn die in ihm ruhenden Reichtümer an <lb/>
                 schöpferischen und konstruktiven Ideen von einem lähmen- <lb/>
                 den Pessimismus, einer hoffnungslosen Resignation zerstört <lb/>
                 werden. Wir sehen immer noch viele Dinge als Krisener- <lb/>
                 scheinungen an, die in Wahrheit schon dauernde und durch- <lb/>
                 aus normale Erscheinungen einer verwandelten Wirtschafts- <lb/>
                 struktur sind. Wir müssen endlich erkennen, daß vieles, wor- <lb/>
                 an wir jetzt herumkurieren, gar keine Krankheit, sondern <lb/>
                 eine organische Veränderung ist. Das deutsche Volk hat sein <lb/>
                 Teil dazu beigetragen, die Welt reif für die Demokratie zu <lb/>
                 machen. Es ist heute ein wahrhaft demokratisches Volk, und <lb/>
                 sein Staat ist nicht mehr da, um einen kleinen Personenkreis <lb/>
                 mit unbeschränkter Machtfülle auszustatten, sondern um von <lb/>
                 diesem Kreis die Gesamtinteressen wahrnehmen zu lassen... <lb/>
                 Der Staat kann nicht Steuern eintreiben, wenn sie nicht zuvor <lb/>
                 in der Wirtschaft verdient werden, und die Wirtschaft kann <lb/>
                 nicht ohne ein Staatswesen existieren, das die Zügel nicht <lb/>
                 schleifen läßt. Wenn wir das immer berücksichtigen, so wird <lb/>
                 sich der politische und wirtschaftliche Kampf nach den fairen
                <pb facs="#f0586" n="582"/>
                <lb/>
                 Regeln des Sports ausfechten lassen.« Krogoll, der die <lb/>
                 Glückwünsche der Union zu überbringen hatte, begann dar- <lb/>
                 auf mit den Worten: er wolle an diesem Tage nicht mit dem <lb/>
                 Kanzler in die Arena steigen... Er wartete, bis die Heiterkeit <lb/>
                 in die hintersten Saalreihen vorgedrungen war, dann fuhr er <lb/>
                 fort: »Es erscheint mir gut, und es wird der Verbesserung der <lb/>
                 öffentlichen Sitten nicht im Wege stehen, wenn wir den Män- <lb/>
                 nern, die unter Hintansetzung des persönlichen Interesses die <lb/>
                 Geschäfte unseres Vaterlandes führen, bei einer Gelegenheit <lb/>
                 wie der heutigen öffentlich danken...« </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Und unser Vaterland ist das Revier, nicht wahr?« sagte <lb/>
                 Mehren zu Näßler, der entspannt und gelöst neben ihm saß. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Um vier Uhr nachmittags begann das Turnier mit dem <lb/>
                 feierlichen Einzug in den Kampfplatz, der durch vier weih- <lb/>
                 rauchdampfende Schalen auf antiken Säulen abgesteckt war. <lb/>
                 Es war das Prunkstück des Regisseurs. Mädchen mit Palm- <lb/>
                 wedeln eröffneten die Prozession, hinter ihnen schritten an- <lb/>
                 dere, die mit Rosenketten von einem schelmischen Amor ge- <lb/>
                 fesselt waren. Dann folgten die berittenen Herolde; ihre <lb/>
                 Pferde entstammten den edelsten Marställen und waren durch <lb/>
                 gleißenden Behang in Rosse verwandelt. Nun kamen die <lb/>
                 Musikanten mit lockendem Flötenspiel: »Ihren Schäfer zu <lb/>
                 erwarten, türülütürallerallera, schlich sich Phyllis in den Gar- <lb/>
                 ten, türülütürallerallera...«; dann ein Wagen, der die Schmie- <lb/>
                 de Vulkans darstellte (sie führte die Risch-Zandersche Fa- <lb/>
                 brikmarke); dann die Galawagen mit den Ehrendamen, an- <lb/>
                 zuschauen wie davonrollende Himmelbetten; dann die Rit- <lb/>
                 ter; darin die Pagen und Knappen. Während dieses Aufzugs, <lb/>
                 der von funkelnden Kostümen, Baretts und Rüstungen blink- <lb/>
                 te, machten fünfzig Fahnenträger einen Dauerlauf über den <lb/>
                 Kampfplatz, um sich alsdann fahnenschwenkend im Hinter- <lb/>
                 grund zu postieren. Der Regisseur nannte diesen Fahnen- <lb/>
                 wald die »weltgeschichtliche Perspektive«. Fräulein Erika <lb/>
                 Neufeind, weiß und blond geschminkt wie Lohengrins Elsa, <lb/>
                 trat in die Mitte und sprach den Prolog. Der Regisseur hatte <lb/>
                 ein Melodram daraus gemacht, mit tänzerischen Ausdeutun- <lb/>
                 gen: auf der einen Seite ein Flirt zwischen Faunen, Satyrn und
                <pb facs="#f0587" n="583"/>
                <lb/>
                 Nymphen, auf der anderen ein Kriegsrat zwischen Mats, Vul- <lb/>
                 kan und Minerva, jener die Lieblichkeit der Natur, dieser die <lb/>
                 Hartherzigkeit der Technik bedeutend; zuletzt gerieten die <lb/>
                 Naturmenschen in die Gefangenschaft der Techniker, aber <lb/>
                 da eilte der bockfüßige Pan herbei und wies, auf der Hirten- <lb/>
                 flöte Versöhnung blasend, jedem einen friedlichen und nütz- <lb/>
                 lichen Platz in seinem Reiche an. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Weithin über die Höhen schrillte eine Fanfare, als die <lb/>
                 Ritter abstiegen, die Damen aus den Karossen hoben und zu <lb/>
                 ihren Sitzen geleiteten, wobei sie, damit die Bewegung nicht <lb/>
                 abriß, die Kissen der Stühle vertauschten. Zehn gefiederte <lb/>
                 Pagen schleppten die schwere, mit Löwenköpfen verzierte <lb/>
                 Turnierordnung heran, dann galoppierte wie im Zirkus ein <lb/>
                 Herold in die Manege und verkündete den Beginn der Waf- <lb/>
                 fengänge. Die Ritter schwenkten ein, entboten den Damen <lb/>
                 ihren Gruß, die Speerträger hinter ihnen; der Wappenkönig <lb/>
                 Wackerlein hüpfte wie ein Betrunkener auf seinem Gaul, um <lb/>
                 die Turnierfähigkeit zu prüfen, die Harnische blitzten, die <lb/>
                 samtenen Schabracken der Pferde waren voll märchenhafter <lb/>
                 Zartheit, die Mädchen mit den Girlanden trippelten an ihnen <lb/>
                 vorüber, die Vögel zwitscherten, die Linden dufteten, der <lb/>
                 Himmel war blau, mit tödlichem Ernst saßen die Stahlmag- <lb/>
                 naten auf der Tribüne, ihre Haut war pelzig, sie machten <lb/>
                 Stahl, aber sie waren nicht stählern, sondern romantisch — <lb/>
                 hartherzig im Beruf, aber weich, sobald sie davon träumen <lb/>
                 konnten, und leicht gerührt von einer Natur, die für sie erst <lb/>
                 einen Sinn erhalten hatte, nachdem sie durch überschwäng- <lb/>
                 liche Metaphern in Unnatur verwandelt worden war. In gött- <lb/>
                 lichen Fernen kochte das Eisen in den Öfen, donnerten die <lb/>
                 Schmiedehämmer, und der morgenländische König murmel- <lb/>
                 te: »Très magnifique, très magnifique.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Abends war Galatafel im Lichthof. Die Gäste waren aus <lb/>
                 den Listen der Regierung, der Stadtverwaltung und der Union <lb/>
                 ausgesucht und gehalten, um zwanzig Uhr fünfunddreißig <lb/>
                 Minuten auf Zandershöhe einzutreffen. Alle Räume im Schloß <lb/>
                 waren erleuchtet, die Vorhänge zugezogen, um das Tages- <lb/>
                 licht zu bannen, das noch nicht verglüht war. Der Schmelz <lb/>
                 amethystfarbener Astilben, cattleyenrosa gelappter Iris und
                <pb facs="#f0588" n="584"/>
                <lb/>
                 zartlila überhauchter Päonien erstarb in der massigen Packung <lb/>
                 monumental geschweifter Porzellanvasen, die den hellen, <lb/>
                 leichten Bau dieser Blüten auftrieben, wie eine Krinoline den <lb/>
                 Leib einer zierlichen Frau. Es war ein guter Zusammenklang <lb/>
                 zwischen Architektur und Gesellschaft. Die Frauen der Indu- <lb/>
                 striellen, ruhig und sicher, ohne auffällige Merkmale, meistens <lb/>
                 in schleppenden Kleidern aus raschelnder Seide, verschwanden <lb/>
                 unter der Masse und der glitzernden Wucht von Silberbro- <lb/>
                 kat, perlengesticktem Taffetfaille, madonnenblauem Velout- <lb/>
                 Transparent, Crepe-Bilitis mit Chinchillabesatz und Rücken- <lb/>
                 décolletés, die vornehmlich von den Frauen und Töchtern <lb/>
                 der staatlichen und städtischen Beamten getragen wurden. <lb/>
                 Die Frauen der Werksdirektoren bildeten eine Zwischenstufe <lb/>
                 aus Tüllkleidern mit Blumen oder Goldspitzen. Sie hatten <lb/>
                 einen verhüllenden, schreitenden Gang, der mit jedem Schritt <lb/>
                 die Linien ihrer Körper veränderte. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es wurde notiert, kritisiert, bewundert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Zum ersten Mal war Siegfried Hillgruber auf dem Fest <lb/>
                 eines Industriellen des Reviers. Er kam spät und blieb fast <lb/>
                 unerkannt. Zum Freiherrn sagte er mit bösartig verschleier- <lb/>
                 ten Augen: »Wir werden jetzt bald gute Nachbarschaft im <lb/>
                 Flußtal halten, nicht wahr?« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Juanita Hillgruber war angetan mit einem violett- <lb/>
                 farbenen Empirekleid, das nicht geschneidert, sondern ge- <lb/>
                 staltet war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Es wurde notiert, kritisiert, bewundert. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Ein unsichtbares Orchester spielte die Romanze in F-Dur <lb/>
                 von Beethoven. Frau Alice von Zander übersah keinen ihrer <lb/>
                 Gäste, je nach Rang wechselte sie mit ihnen fünf, zehn oder <lb/>
                 zwanzig Worte. Es war genau eingeteilt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Glaskuppel des Lichthofs war durch eine rote, gold- <lb/>
                 durchwirkte Tuchdecke mit gemalten Bordüren abgeschnit- <lb/>
                 ten. Der Haushofmeister bewegte sich auf einer verdeckten <lb/>
                 Galerie und regelte die Einsätze und Reservestellungen der <lb/>
                 Dienerschaft mittels eines Kästchens, das er an einem langen <lb/>
                 isolierten Draht auf die Brust geschnallt hatte, damit er an <lb/>
                 seiner Freizügigkeit nicht behindert war. Dieses Kästchen <lb/>
                 beherrschte nämlich vierzehn Klingelleitungen. </p>
            <pb facs="#f0589" n="585"/>
            <p>
                <lb/>
                 Auf der Tafel standen nur deutsche Weine. Der Freiherr <lb/>
                 nahm darauf in seinem Trinkspruch Beziehung. »Verkün- <lb/>
                 digen wir überall,« sagte er tönend, »daß der deutsche Wein <lb/>
                 die Sonne des Herzens, der größte Wohltäter der Mensch- <lb/>
                 heit, der Erzeuger einer fröhlichen Glücklichkeit und eines <lb/>
                 bürgerlichen Friedens ist — gleichwie der Dichter sagt: Brü- <lb/>
                 der, das ist deutscher Wein, darum ist er klar und stille, <lb/>
                 darum hat er Kraft und Fülle!« Und das Orchester intonierte <lb/>
                 das Rheinweinlied von Mendelssohn. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Mitdem rollte sich die Decke unter der Glaskuppel auf, <lb/>
                 diese leuchtete im blauen Licht der Scheinwerfer, und eine <lb/>
                 Anzahl kleiner Ballons mit Körbchen voll Blumen und Früch- <lb/>
                 ten schwebten auf die Tischgesellschaft herab, Rosen, Erd- <lb/>
                 beeren und Nelken. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Meine Damen und Herren!« sagte der Freiherr in das <lb/>
                 Schweigen der Ergriffenheit hinein, »ich bitte Sie alle, einen <lb/>
                 Augenblick zu lauschen. Unsere Werkssänger singen jetzt <lb/>
                 dem König ein Lied.« </p>
            <p>
                <lb/>
                 Geschmeidig öffneten sich die Türen zur Terrasse. Der <lb/>
                 Männergesangverein »Polyhymnia« stand im Dämmerschein <lb/>
                 des Parks und begann die Serenade mit der Nationalhymne <lb/>
                 der Rischianer. »Risch-Zander-Stahl und deutscher Sang, <lb/>
                 die beiden haben guten Klang.« Betroffen unterbrachen die <lb/>
                 Amseln ihr Abendlied. Das entweichende Licht zeichnete ge- <lb/>
                 spenstische Schattenrisse auf den Rasen, das Dunkel kroch aus <lb/>
                 der Erde herauf, es schien, als sei der Tag hochgezogen an das <lb/>
                 milchige Rund des Himmels. Der Wind trug die Töne fort, <lb/>
                 von allen Seiten drängte der Wald heran. Im Anfang war der <lb/>
                 Wald, und der Wald wurde Kohle, und die Kohle schmolz <lb/>
                 Erz zu Eisen und Stahl, und der Wohnsitz der Herren von <lb/>
                 Eisen und Stahl war wieder tief im Wald, der am Anfang war. </p>
            <p>
                <lb/>
                 »Wenn zu meinem Schätzel kommst«, sang nun der Män- <lb/>
                 nergesangverein »Polyhymnia« mit einem Schmelz, der der <lb/>
                 Welt zu entsagen schien. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der König aus dem Morgenland murmelte: »Superb! Très <lb/>
                 magnifique.« Er ließ sich den Dirigenten vorstellen und er- <lb/>
                 wog bei sich, ob er auch im Orient Männergesangvereine ins <lb/>
                 Leben rufen könne. Der Freiherr füllte einen Becher aus
                <pb facs="#f0590" n="586"/>
                <lb/>
                 nichtrostendem Stahl mit Wein, bot ihn dem Dirigenten dar <lb/>
                 und bat ihn, diesen Becher zum Andenken an diesen Tag <lb/>
                 zu behalten. »Vor zwanzig Jahren«, erklärte der Dirigent, <lb/>
                 »habe ich mit einem Gesangverein den Staat Wisconsin in <lb/>
                 U. S. A. bereist. Wir gerieten mit den Amerikanern in Streit, <lb/>
                 welches der bessere Stahl sei, der deutsche oder der ameri- <lb/>
                 kanische. Wir standen am Bahnhof. Da fiel mein Blick auf <lb/>
                 die Eisenbahnschienen, wortlos zeigte ich mit dem Finger <lb/>
                 darauf. In erhabenen Buchstaben war in die Rillen der Name <lb/>
                 Risch-Zander gegossen.« — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Freiherr forderte die Gäste auf, ihm in den Park zu <lb/>
                 folgen. Sie gingen ein Stück den Hügel hinab; über eine <lb/>
                 Wiese hinweg erblickten sie das leuchtende Schloß, von den <lb/>
                 Perlenschnüren der Glühbirnen eingefaßt — wie an den Him- <lb/>
                 mel geheftet sah es aus. Musik kam aus der Stadt herauf, <lb/>
                 näher und näher — der Fackelzug aller Vereine der Rischianer, <lb/>
                 die weißen Trikots der Turner voran, stramm und strahlend. <lb/>
                 In vier langen Reihen nahmen sie Aufstellung auf der Wiese, die <lb/>
                 Scheinwerfer suchten und fanden sie; es war, als flammten ihre <lb/>
                 Körper von innen her auf, indem sie sich rhythmisch be- <lb/>
                 wegten, sich ineinander verfingen und sich wieder freigaben. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Am folgenden Tag wurden aus jedem Betrieb und Büro <lb/>
                 drei Rischianer ausgewählt, die mit Frauen und Kindern un- <lb/>
                 ter den Linden von Zandershöhe mit Kaffee und Kuchen <lb/>
                 bewirtet wurden. Auch Otto Wittkamp und Paula waren dar- <lb/>
                 unter, und ihr widerfuhr die hohe Ehre, daß der Freiherr ihr <lb/>
                 seinen Arm bot, um ihr den Stuhl neben dem seinen anzu- <lb/>
                 weisen. Frau Alice von Zander führte den Betriebsratsvor- <lb/>
                 sitzenden Fries zu Tisch, und die Kinder der freiherrlichen <lb/>
                 Familie spielten mit den Kindern der Rischianer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Der Erbe Arnulf, der von Jahr zu Jahr dem alten Risch <lb/>
                 ähnlicher wurde, arrangierte am Abend einen Tanz ums <lb/>
                 Sonnwendfeuer und ein Feuerwerk mit pyrotechnischen Sen- <lb/>
                 sationen eigener Erfindung, während sich seine Zwillings- <lb/>
                 schwester Irmintraut in der freiherrlichen Orangerie, wo die <lb/>
                 tropisch duftende Erde mit den moosigen Farnbüscheln licht <lb/>
                 beschuppter Selaginellen ausgeschlagen war, mit dem Arbeiter-
                <pb facs="#f0591" n="587"/>
                <lb/>
                 dichter Helmut Fries über das Zwielicht des industriellen <lb/>
                 Seelenlebens unterhielt. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Jeder Rischianer erhielt zur Jahrhundertfeier ein Geschenk <lb/>
                 von zehn Mark, der Arbeiterdichter jedoch einen jährlichen <lb/>
                 Ehrensold von fünfzehnhundert Mark, damit er sich ganz <lb/>
                 der hehren Poesie widmen konnte. Er wurde in der Folgezeit <lb/>
                 ziemlich dick und bekam einen aufgeschwemmten Kopf, der <lb/>
                 wie verbrüht aussah. — — — </p>
            <p>
                <lb/>
                 Langsam verklang die Musik, und an ihre Stelle trat wieder <lb/>
                 der Gesang der Arbeitslosen auf den Höfen der Mietskaser- <lb/>
                 nen. »Hab’ keine Heimat, keine Mutter mehr...« Adam <lb/>
                 Grieghöfer saß auf den Bänken der Anlagen, wenn er mor- <lb/>
                 gens gestempelt hatte, und köpfte die Gräser mit den Füßen. <lb/>
                 Er sprach nicht mit denen, die neben ihm saßen, er hörte <lb/>
                 ihnen zu und hörte immerfort Heinrich Dopslaff sprechen. <lb/>
                 Er besah sie sich von der Seite und dachte: nichts wird sich <lb/>
                 ändern, wenn die Führer nicht, statt von Masse zu reden, <lb/>
                 an den einzelnen Mann herangehen... Die Arbeiter müßten <lb/>
                 eine Ida aufmachen, wie die Industriellen... </p>
            <p>
                <lb/>
                 Alma hatte geboten, es war wieder ein Mädchen. Felicitas <lb/>
                 hieß es und wurde »Fee« gerufen. Mutter Griguszies hatte <lb/>
                 irgendwo gehört, daß Felicitas soviel wie Glück bedeute. <lb/>
                 »Vielleicht bringt sie euch Glück«, hatte sie gesagt. Abends <lb/>
                 lag sie in ihrer Kammer, das Talglicht rauchte und zog <lb/>
                 schwarze Striche an der Decke, und ihre Gebete wanderten <lb/>
                 ruhelos durch die schmale Stube. Ihre Hände waren auf der <lb/>
                 Bettdecke gefaltet, sie waren knotig und rissig, sie waren <lb/>
                 blau und leer. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Achtzig Jahre wollte Mutter Griguszies alt werden und <lb/>
                 von der Stadt einen Blumenstrauß bekommen und ein Glück- <lb/>
                 wunschschreiben, das ihr zwar nicht so nützlich, aber ebenso <lb/>
                 wertvoll sein würde wie ein Fünfzigmarkschein. Auch noch <lb/>
                 hundert Jahre wollte sie alt werden, um aus einer Tasse der <lb/>
                 staatlichen Porzellanmanufaktur Kaffee trinken zu können. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Frau Ella lebte, der alte Schellhase lebte, Christian Fel- <lb/>
                 genhauer lebte, und Jakob Kalinna lebte. Sie lebten dahin, <lb/>
                 fern vom Tage und Schatten ihrer selbst, als die unsterb- <lb/>
                 lichen Elemente des Kohlenreviers. Niemand hätte ihrer To-
                <pb facs="#f0592" n="588"/>
                <lb/>
                 desanzeige glauben, niemand ihrem Begräbnis trauen kön- <lb/>
                 nen. Man hätte sagen müssen, daß sie sich in einem Zauber- <lb/>
                 schloß verborgen hielten und statt ihrer eine Puppe im Sarg <lb/>
                 gelegen habe. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Adam Grieghöfer verrichtete Notstandsarbeiten auf den <lb/>
                 städtischen Friedhöfen, die zu Volkserholungsstätten ausge- <lb/>
                 baut wurden. Nach drei Monaten würde er wieder in die <lb/>
                 Arbeitslosenfürsorge aufgenommen werden, nach abermals <lb/>
                 sechs wieder ausgesteuert sein, abermals Notstandsarbeiten <lb/>
                 verrichten und abermals stempeln gehen. Er hatte, wie die <lb/>
                 meisten, seinen besten Anzug bei der Arbeit an, weil alles <lb/>
                 andere schon aufgetragen war. Er war ein fleißiger Arbeiter. Er <lb/>
                 ließ die Dopslaffs ihr Schwätzchen halten und arbeitete weiter. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Die Erwerbslosen bevölkerten noch immer die Straßen- <lb/>
                 ecken und die Zuhörerräume der Gerichtssäle oder auch die <lb/>
                 Anklagebank und saßen zusammen mit den Invaliden auf den <lb/>
                 Bänken der Anlagen und warteten auf die Zeit, wo infolge <lb/>
                 der schwachen Kriegsjahrgänge Arbeitermangel eintreten <lb/>
                 sollte. Derweilen vertrieben sie sich die gegenwärtige Zeit <lb/>
                 mit »Schabbeln«. So nannten sie ein Spiel, wo Geldstücke <lb/>
                 in die Luft geworfen wurden, und wer Kopf traf, den gan- <lb/>
                 zen Einsatz gewann. Es war polizeilich verboten. </p>
            <p>
                <lb/>
                 Was bedeuteten sie? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Veteranen der Arbeit? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Opfer des Kapitals? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Erwachendes Deutschland? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Soldaten der Roten Armee? </p>
            <p>
                <lb/>
                 Du lieber Gott. Du lieber Gott. — — — </p>
            <pb facs="#f0593"/>
            <pb facs="#f0594"/>
            <pb facs="#f0595" n="[Buchdeckel hinten innen]"/>
            <pb facs="#f0596" n="[Buchdeckel hinten außen]"/>
            <pb facs="#f0597"/>
        </body>
    </text>
</TEI>
