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                <dc:title>Verwirrung der Gefühle</dc:title>
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                <dc:creator>Zweig, Stefan</dc:creator>
                <dc:publisher>Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien</dc:publisher>
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                <dc:type>Online Ressource</dc:type>
                <dc:description>Stefan Zweigs Bücher brannten schon am 28. April 1933 in Breslau. Als
wohlhabender und erfolgreicher jüdischer Autor war er den
Nationalsozialisten früh verhasst, seine Themen wie etwa
unterdrückte Leidenschaften zu gleichgeschlechtlichen PartnerInnen,
seelisch unkonventionelle Zustände und mentale Schwächen, die seine
ProtagonistInnen meist verkörpern, entsprachen nicht den geforderten
nazistischen Leitbildern wie etwa vom „heroischen“ Helden im Krieg
oder auch den eindimensionalen Figuren aus den Bauern- und
Heimatromanen.

Zweigs Novellenband „Verwirrung der Gefühle“, der 1927 im
Leipziger Insel-Verlag erschien, umfasst drei Novellen, die den
letzten von drei Erzählringen, im gesamten „Die Kette“ genannt,
bilden. Diese Ringe zeigen das Leben auf wie ein Kreislauf, von der
Kindheit bis zum Tod. Der vorliegende dritte Kreis enthält als letzte
die Novelle „Verwirrung der Gefühle“, sie wird als ein Klassiker
der Homosexuellen-Literatur angesehen. Zweig widmet die Sammlung
seinem Schriftstellerfreund Felix Braun, der ebenfalls ins Exil gehen
musste.

In der ersten Novelle „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer
Frau“ berichtet eine ältere englische Frau namens Mrs. E. von einem
Ereignis in ihrem Leben, über das sie bisher nie gesprochen hat.
„Denn alles, was ich Ihnen erzählen will, umspannt einen Zeitraum
von bloß vierundzwanzig Stunden innerhalb von vierundsechzig Jahren,
und ich habe mir selbst bis zum Irrsinn oft gesagt, was bedeutets,
wenn man da einmal einen Augenblick unsinnig gehandelt hätte. Aber
man wird das nicht los, was wir mit einem sehr unsicheren Ausdruck
Gewissen nennen […]“ (S. 29). Mrs. E. hat früh ihren Mann
verloren. Sie berichtet von einem Abend im zweiten Trauerjahr, an dem
sie sich in einem Casino befindet. Ihr Blick liegt gebannt auf einen
jungen Mann, der fast manisch am Roulette-Tisch sitzt und spielt:
„Dieses zuckende Auf und Ab von Verlust und Gewinn dauerte pausenlos
ungefähr eine Stunde, und während dieser Stunde wandte ich nicht
einen Atemzug lang meinen faszinierten Blick von diesem fortwährend
verwandelten Gesicht, über das alle Leidenschaften strömten und
ebbten […]“ (S. 42). Er verliert alles an diesem Abend und
verlässt verzweifelt das Casino, sie folgt ihm, da sie in Sorge ist,
dass er sich etwas antut. Er vertraut sich ihr an und es kommt zu
einer gemeinsamen Nacht, in der er ihr auch von seiner unheilvollen
Spielsucht erzählt. Dankbar verspricht er nie wieder ein Casino zu
betreten. Mrs. E. sorgt dafür, dass er in Kürze in den Zug nach
Hause steigen und seine Schulden bezahlen kann. In ihrem tiefsten
Inneren hofft sie auch, dass sie mit ihm gehen kann: „[…] –
hätte dieser Mensch mich damals umfaßt, mich damals gefordert, ich
wäre mit ihm gegangen bis ans Ende der Welt, ich hätte meinen Namen
entehrt und den meiner Kinder … ich wäre, gleichgültig gegen das
Gerede der Leute und die innere Vernunft, mit ihm fortgelaufen, […]
ich hätte nicht gefragt, wohin und wie lange, nicht mich umgewandt
mit einem Blick zurück in mein früheres Leben … ich hätte mein
Geld, meinen Namen, mein Vermögen, meine Ehre diesem Menschen
geopfert […]“ (S. 83f.). Doch es kommt anders, er steigt nicht in
den Zug, sondern geht mit dem geliehenen Geld wieder ins Casino. Mrs.
E. ist sehr erleichtert, dass sie nun endlich über diese prägenden
24 Stunden in ihrem Leben berichten und sich alles von der Seele reden
kann.

In der zweiten Novelle „Untergang eines Herzens“ begegnen die
Lesenden einem wohlhabenden älteren Mann namens Salomonsohn, der
zunehmend keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht und sich
überflüssig fühlt. Während eines Urlaubsaufenthalts mit Frau und
Tochter bemerkt er, dass seine 19-jährige Tochter nachts ein fremdes
Zimmer verlässt. An den darauffolgenden Tagen beachten sie ihn kaum,
er ärgert sich und ist verzweifelt über seine Familie. Hinzu kommt,
dass er sich körperlich immer unwohler fühlt und ihn Herzschmerzen
plagen. Er sinniert niedergeschlagen: „‚Wieder allein‘, dachte
er, ‚immer allein! … Wenn ich morgens ins Büro gehe, schlafen sie
noch behäbig und faul von ihren Tanzereien und Theatern … wenn ich
abends heimkomme, sind sie schon fort auf Vergnügung, in
Gesellschaft: da können sie mich nicht brauchen … oh, das Geld, das
verfluchte Geld hat sie verdorben … das hat sie mir fremd gemacht
… Ich Narr hab es zusammengescharrt und mich dabei selber bestohlen,
mich hab ich arm gemacht damit und sie selber schlecht … fünfzig
sinnlose Jahre habe ich geschuftet, keinen freien Tag mir gegönnt und
jetzt bin ich allein …‘“ (S. 114). Er stellt sein gesamtes Leben
infrage, bittet seine Frau, dass sie nach Hause fahren. Sie lehnt ab
und er verlässt allein den Urlaubsort. Gesundheitlich geht es ihm
immer schlechter, als ihn Krämpfe quälen, denkt er bei sich:
„‚Niemand ist da,‘ dachte er erbittert, ‚wie ein Hund werde
ich einmal krepieren … denn ich weiß ja, was da weh tut, das ist
nicht die Galle … das ist der Tod, der in mir wächst … ich weiß,
ich bin ein geschlagener Mann, und keine Professoren, keine Kuren
können mir mehr helfen … mit fünfundsechzig Jahren wird man nicht
mehr gesund … ich weiß, was da bohrt und wühlt in mir, das ist der
Tod […]‘“ (S. 133f.). In den folgenden Tagen besucht er die
Synagoge und verfügt nach seinem Tod der Gemeinde viel Geld zu
spenden. Er wird operiert, jedoch erfolglos und liegt im Sterben. Auf
dem Sterbebett möchte er seine Familie nicht mal mehr sehen, er
schickt Tochter und Frau weg. Wie eine Erlösung von seinem Kummer und
seinen Schmerzen scheint der Stillstand seines Herzens, denn es war
bereits untergegangen. „Und als der Arzt prüfend das Herz
befühlte, hatte es schon aufgehört, dem alten Manne weh zu tun.“
(S. 151).

In der letzten und titelgebenden Novelle „Verwirrung der Gefühle.
Private Aufzeichnungen des Geheimrates R.v.D.“ erinnert sich ein
angesehener Philologe im Alter rückblickend an die Zeit mit seinem
Mentor, dem er als junger Student begegnet war und der ihn für sein
Leben geprägt hat. Als er nach einem rauschhaften kurzen Abstecher in
Berlin von seinem Vater in eine Kleinstadt zum Studieren geschickt
wird, trifft er auf seinen Professor, der ihn von Anfang an fasziniert
und beeindruckt. Er wohnt im selben Haus wie der Professor und schnell
beginnen sie gemeinsam zu arbeiten. Inspiriert und hoch motiviert
versucht er jeden Moment in seiner Nähe zu verbringen: „[…] denn
eben trat der Erwartete ein und auf mich zu; wieder berührte mich
jener weichumhüllende, jener wie verdecktes Feuer schwelende Blick,
der zum eigenen Staunen das Geheimste in mir auftaute.“ (S. 187).
Sein Elan für die gemeinsame geistige Zusammenarbeit wird schon fast
obsessiv. Die Gefühle, die er für seinen Mentor hegt, kann er sich
nicht erklären, sie verwirren ihn zutiefst. Seine Verunsicherung
steigert sich, als es beispielsweise zu solchen Situationen kommt:
„Und wirklich, mein Lehrer machte es mir nicht leicht: je
leidenschaftlicher ich ihm diente, um so gleichgültiger schien er
meine hilfsbereite Verehrung zu werten. […] Und dieses Heiß und
Kalt, dieses bald Aufwühlend-Nahe, bald Ärgerlich-Rückstoßende
seines Wesens verwirrte vollkommen mein unbändiges Gefühl, das sich
sehnte – […]“ (S. 217). Als er völlig verzweifelt über diese
Situation ist, kommt es zu einer ungewollten Nacht mit der
Professorenfrau, sie wollte ihn trösten. Voller Scham beschließt er,
den Ort zu verlassen, wird aber ein letztes Mal vom Professor zu einem
Gespräch gebeten. Er beichtet ihm, dass er zeitlebens Männer liebt
und mit seiner Leidenschaft niemals an die Öffentlichkeit gehen kann.
Zum Abschied gibt er ihm einen Kuss: „Es war ein Kuß, wie ich ihn
nie von einer Frau empfing, ein Kuß, wild und verzweifelt wie ein
Todesschrei.“ (S. 273) und schickt ihn im nächsten Moment brüsk
weg. Sie haben sich nie wieder gesehen, doch das tiefe und
leidenschaftliche Gefühl des Studenten für seinen Professor bleibt
bis an sein Lebensende. Er wird ihn nie vergessen.

Text: Katrin Huhn

Achtung! rassistischer Begriff auf S. 31</dc:description>
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