<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-stylesheet type="text/xsl" href="/assets/oai.xsl"?>
<OAI-PMH xmlns="http://www.openarchives.org/OAI/2.0/" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://www.openarchives.org/OAI/2.0/ http://www.openarchives.org/OAI/2.0/OAI-PMH.xsd">
  <responseDate>2026-05-15T11:23:34Z</responseDate>
  <request verb="GetRecord" metadataPrefix="oai_dc" identifier="oai:source-13.de">https://www.verbrannte-buecher.de/oai</request>
  <GetRecord>
    <record>
      <header>
        <identifier>oai:source-13.de</identifier>
        <datestamp>2024-01-05T00:00:00Z</datestamp>
      </header>
      <metadata>
        <oai_dc:dc xmlns:oai_dc="http://www.openarchives.org/OAI/2.0/oai_dc/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xsi:schemaLocation="http://www.openarchives.org/OAI/2.0/oai_dc/                  http://www.openarchives.org/OAI/2.0/oai_dc.xsd">
                <dc:language>de</dc:language>
                <dc:title>Es sei wie es wolle, Es war doch so schön!</dc:title>
                <dc:identifier>https://www.verbrannte-buecher.de/bibliothek/source-13</dc:identifier>
                <dc:creator>Kerr, Alfred</dc:creator>
                <dc:publisher>Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien</dc:publisher>
                <dc:subject/>
                <dc:type>Online Ressource</dc:type>
                <dc:description>Alfred Kerr war seit jeher ein vehementer Gegner des Krieges und er
machte daraus auch keinen Hehl. Er setzte sich in seinen literarisch
vielfältigen Ausdrucksformen neben den Themen der Theaterkünste auch
mit den zeitgenössischen, literarischen und politischen Belangen
auseinander, auf eine sehr direkte und zuweilen angenehm bissige Art
und Weise. Bereits früh äußerte sich Kerr konsequent warnend in
seinen Texten vor dem aufkommenden Nationalsozialismus, sein Name
stand auf der ersten offiziellen Ausbürgerungs-Liste vom 23. August
1933, neben Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und anderen.

Alfred Kerrs Reisebericht- und Textsammlung „Es sei wie es wolle, es
war doch so schön!“, die 1928 im S. Fischer Verlag erschien,
gliedert sich in drei Teile. Der erste umfasst Reisen, die er in den
1920er Jahren nach Europa, aber auch in Teile Deutschlands unternimmt,
im zweiten und dritten Teil nimmt er seine Leserschaft mit durch das
Berlin der Jahrhundertwende. Die beiden letzten Abschnitte sind sehr
persönlicher, autobiografischer Natur. Im Vorwort macht Kerr
deutlich, worum es ihm bei seinen kurzen Reisebeobachtungen geht:
„Dies Buch enthält Quittungen für Erlebtes. Es ist ein Dank an das
Glück; ein Gruß an den Schmerz. […] Der Kern: Sichtbare
Beschwörung irdischen Bestands. […] Sonst zweierlei: Ein
Sterblicher im Verhältnis zu öffentlichen Dingen seiner Zeit – und
in der eigenen Entwicklung als Junggesell. […] Fast alles entstand
auf der ursprünglichen Grundlage von Tagebüchern.“ (S. 7).

Die Sammlung vereint kurze Prosatexte, auch kleine Anekdoten in der
jeweiligen Mundart und auf den Reisen vor Ort gemachte Beobachtungen.
Zu seinen Stationen gehören Orte in Italien, Frankreich, Spanien,
England, der Schweiz und Polen. Kerr wandert durch die Berge,
unterhält sich mit den Ortsansässigen und macht sich seine Notizen
über kleine und große Begebenheiten, währenddessen entstehen auch
Gedichte wie bspw. „Nachdenklichkeit“ von 1926: „[…] II. Ich
lese still, von Luft umschwirrt, Und sinne … was aus Deutschland
wird. Die Welt ist grün, die Welt ist groß; Man grübelt hier am
Rande: Man hofft: jetzt geht die Wendung los [.] Im fernen Vaterlande.
Dann liest man in den Spalten: ’s ist alles noch beim alten.
[…]“ (S. 32 f.). Kerr durchquert die Pyrenäen, liest die letzten
Briefe Oscar Wildes und verfasst für den jüdischen Dramatiker und
Lyriker Richard Beer-Hofmann ein Gedicht zu seinem sechzigsten
Geburtstag. Als er den Wallfahrtsort Lourdes erreicht, notiert er kurz
folgendes: „In einem pyrenäischen Teil, welcher der Steiermark als
Anblick nahe kommt, ruht Lourdes, Wallfahrtsort. Ich habe vergessen,
was Emile Zolas Roman darüber spricht. Sogar den Eindruck fast
vergessen, den ich selber dort gehabt vor dem Krieg. […] Vergessen
… Nur ist mir, als wäre die Zahl der Heilungen geringer jetzt, nach
der großen Menschenschlacht. (Vermutlich, weil zwölf Millionen
Erdbewohner der Heilung nicht mehr bedürfen.)“ (S. 67).

An der italienischen Küste sinnt er über den sich ausbreitenden
Nationalismus und notiert: „Die Sekte wächst zum europäischen
‚…ismus‘ – der in Bulgarien mit Blut schreibt, in Italien als
Gegenmacht Herren Mussolini erfand, in Persien umgeht, in Deutschland
Todesurteile weckt, in Japan Überraschungen zeugt, in Washington
Abwehr gebiert, eine sich schon halb sozialistisch glaubende Welt ins
Schwanken bringt. Wieviel andre Weltbewegungen kreuzen sich, knoten
sich – und im Grunde geht es um … Verteilung. Alles das dauert
noch, unter Brüdern, hundert Jahre. Den Abschluss seh’ ich nicht
– du auch nicht. Keiner, der heut atmet.“ (S. 91). Den Teil seiner
Mittelmeer-Wanderung leitet Kerr mit den folgenden Gedanken ein:
„Das Beste, was uns die Geschichte gibt, ist die Begeisterung –
sagt Goethe? Hm. Die hält sich in gewissen Grenzen.“ (S. 101).

Als ein großer Bewunderer Heinrich Heines wandelt er in Lucca auf
dessen Spuren und vergleicht die Beschreibungen Heines in „Die
Bäder von Lucca“ mit seinen (Gegen)Beobachtungen: „Die Ausgabe
her!! – ‚Es war schon Nacht, als ich die Stadt Lucca erreichte.‘
Die Häuser der Stadt nennt er ‚hoch und trüb‘. Nein: heute
wirken sie vornehm – verschollen … und edel-sauber. Die Ausgabe
her!! ‚Vor einem alten Palazzo lag ein schlafender Bettler mit
ausgestreckter Hand.‘ Der sitzt noch da; seit 1828 … Möcht’ er
den Mussolini bald überleben!“ (S. 124). Im Anschluss kann man die
Rede Kerrs zur Einweihung des Heine-Denkmals in Hamburg 1926 lesen.
Auf San Lazzaro trifft Kerr auf einen armenischen Geistlichen, die
Insel wird seit dem 18. Jahrhundert von armenischen Mönchen bewohnt.
„Es war der Pater Aucher (armenisch Awkjer), der auf diplomatischen
Reisen zu Beginn des Krieges nach Deutschland fuhr – und zu Matthias
Erzberger ging. Mit dem war er befreundet. Der Pater sprach ihm von
dem grausigen Massenmord unter Armeniern. Erzberger wollte sein Bestes
dawider tun – dann jedoch schrieb er, die Nachrichten über das
Gemetzel seien übertrieben … Sie waren aber nicht übertrieben.
[…] Ist es Deutschland gewesen, das die schmierigen Greuel der
Türken geduldet hat? – Nein. Bloß ein Teil des deutschen
Militarismus. Awkjer, so leid es ihm war, verhehlte nicht, daß
deutsche Offiziere keineswegs nur zugeschaut; sondern an den
Schlächtereien mitgetan. Warum? Weil im Kriege sich das Tier
entfesselt […]“ (S. 135 f.).

Auf seinen Reisen setzt Alfred Kerr den von ihm verehrten Autoren wie
Heine, Frank Wedekind und Gerhart Hauptmann Denkmäler. In Breslau
schreibt er 1922: „Eine Stadt ist auf den Beinen … für die Kunst.
Für einen Landsmann, der nicht nur Bewohnern dieser
väterisch-herrlichen Ecke Deutschlands etwas geworden ist – sondern
ferne Träumer andrer Kontinente durch sein gestaltendes Wort erbeben
ließ; ihre Herzen, trotz dem fremden Sprachklang, aufrührt; und
Menschen besser macht. Das ist es: einer, der mit seinem Werk die
Menge nicht nur sättigt, sondern sittigt. Ein Schlesier.“ (S. 168).
Im folgenden Berlin-Teil versammelt Kerr sämtliche Beobachtungen und
Kuriositäten, die sich im Berlin der Jahrhundertwende zugetragen
haben. Die kleinen Prosastücke und Gedichte quillen über vor
Lokalkolorit, Dialekten, Skurrilitäten und lassen ein lebendiges,
buntes und lautes Stadtbild entstehen, sozusagen eine Momentaufnahme,
die sich äußerst spannend liest. Kerr beschreibt die Menschen, das
Geschehen auf den Theaterbühnen, in den Feuilletons, auf den
Straßen, am Tag und in der Nacht.

Keinen Hehl macht er daraus, dass er von Otto von Bismarck, Friedrich
Nietzsche und Richard Wagner nicht viel hält, indem er wissen lässt:
„Ja, die Deutschen haben der Welt die neue Musik gegeben, die neue
Politik, die neue Philosophie. Und wenn man die drei Vertreter
betrachtet, Wagner, Bismarck, Nietzsche, hier nach dem Gemeinsamen
forscht – so läßt sich leider nicht verhehlen, daß ein Zug ihnen
gemeinsam ist: dem Wagner, dem Bismarck, dem Nietzsche. Ein Zug, der
sie nicht bloß etwa von der stillen Größe einer goethischen
Tassowelt (oh nein, das ist schöne Treibhausluft): sondern von
umfassend-moderner Menschenkultur überhaupt trennt. […] Vor solchem
Finale, dessen Melodie in der Ferne stärker schon erbraust,
verstummen schließlich drei Idealgötzen dieses seltsam großen,
seltsam wilden, seltsam irrenden Jahrhunderts: der choralschwache
Übermensch; der musizierende Nationalspekulant; der Blut- und
Eisenherr […]“ (S. 291 f.).

Als es am Abend mal ein schweres Gewitter gibt, sinniert Alfred Kerr
über sein Ende und befindet: „In dieser Spanne, mittendrin: vor dem
Einfrieren des Erdsterns, aber nach dem zehntausendjährigen
Hitzgewitter, - zwischendurch bin und denk’ ich hier; ein Fristchen
lang … und schreibe. Soll etwan auch mein Geschreib’ jemals
untergehn? … Eli, - das, das, das kannst du nicht wollen. Versprich
…! Gut. Erlauchter Familienchef vom Sinai! Bei allen meinen Vettern,
den Erzengeln: ich traue dir. Immerhin zur Sicherheit: ich habe gelebt
und –.“ (S. 417).

Text: Katrin Huhn</dc:description>
                <dc:date>2024-01-05</dc:date>
            </oai_dc:dc>
      </metadata>
    </record>
  </GetRecord>
</OAI-PMH>
