Bücherverbrennungen 1933 in Deutschland – ein Überblick

Insgesamt 102 Mal brannten in über 90 deutschen Städten zwischen März und Oktober 1933 Scheiterhaufen mit Büchern. Das sind nur diejenigen Bücherverbrennungen, zu denen sich bislang Dokumente finden ließen und die so Gegenstand historischer Forschung werden konnten. Solcherart Quellen aufzutreiben kann im Einzelfall mühsame Gänge in Archive notwendig machen. Mitunter finden sich Hinweise in Artikeln damaliger Zeitungen und Zeitschriften, denn die Verbrennungen waren öffentliche und in der Regel in der Presse angekündigte Veranstaltungen. Eingeladen wurden Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Professoren, Bürgermeister und Polizeipräsidenten (fast ausschließlich Männer) und die Rektoren der Universitäten. Wer lud sie ein? Wer organisierte die Verbrennungen? Wer sammelte die Bücher aus Haushalten und Leihbüchereien, aus Buchhandlungen und Schulbibliotheken? Und wer verbrannte sie schließlich auf Schulhöfen und Universitätscampen, auf zentralen Plätzen in Städten, kleinen und großen?

Drei Phasen der Bücherverbrennungen. Akteure und Kontexte

Auf dem Wettiner Platz vor dem Verlagsgebäude der sozialdemokratischen "Dresdner Volkszeitung" wurden am 8. März Bücher auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt.
Auf dem Wettiner Platz vor dem Verlagsgebäude der sozialdemokratischen „Dresdner Volkszeitung“ wurden am 8. März 1933 Bücher auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt.

Der Historiker Werner Treß teilt die über 100 bislang dokumentierten Bücherverbrennungen im Jahr 1933 in drei Phasen ein. Sie fanden, so Treß, in unterschiedlichen Kontexten statt und wurden von unterschiedlichen Akteuren organisiert und durchgeführt. Die ersten Verbrennungen fanden von März bis April 1933 im Rahmen einer Nazi-Terrorwelle gegen linke Parteien, Gewerkschaften und Organisationen statt. SA und SS drangen systematisch im gesamten Reichsgebiet, meist tagsüber, bewaffnet in deren Gebäude ein, zerstörten die Einrichtungen und Arbeitsmittel, folterten, ermordeten und verhafteten Funktionäre und Mitarbeiter, warfen in nicht wenigen Fällen Bücher, Akten, Broschüren, Möbel und Fahnen auf die Straße, übergossen die so entstandenen Haufen mit Benzin und zündeten sie an. Diese Verbrennungen waren öffentlich, aber nicht geplant. Von der Polizei geschützt und unterstützt, hatten sie kaum geladene Gäste, eher ›Schaulustige‹, Passanten auf dem Weg zur Arbeit, Beobachter hinter den Fenstern ihrer Wohnungen.

In der letzten, dritten Phase waren es vor allem die Hitlerjugend, der Kampfbund für deutsche Kultur (1928 gegründet) und eine antisemitische Angestellten-Gewerkschaft, der 1893 gegründete Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband gewesen, die, regional begrenzt, einzelne Kampagnen und Bücherverbrennungen durchführten. Mitunter ordneten Schulbehörden Bücherverbrennungen auf Schulhöfen an, so während der Aktion ›Gegen deutsche Geistigkeit und Kultur‹, die am 19. Mai in der Preußischen Rheinprovinz stattfand. Es ist recht wahrscheinlich, dass zu den bisher erforschten Bücherverbrennungen im Rahmen dieser dritten Phase noch weitere hinzukommen.

Das Plakat "Wider den undeutschen Geist!" der ›Deutschen Studentenschaft‹, verbreitet an vielen deutschen Hochschulorten. Sein Inhalt wurde in mehreren überregionalen Zeitungen veröffentlicht.
Das Plakat „Wider den undeutschen Geist!“ der ›Deutschen Studentenschaft‹, verbreitet an vielen deutschen Hochschulorten. Sein Inhalt wurde in mehreren überregionalen Zeitungen veröffentlicht.

In der zweiten (mittleren) Phase fasst Treß Bücherverbrennungen zusammen, die um den 10. Mai 1933 stattfanden und den Abschluss einer insgesamt vierwöchigen Aktion „Wider den undeutschen Geist“ bildeten. Die Kampagne beinhaltete den Entwurf und das Aufhängen eines demagogischen Plakats, Büchersammelaktionen, das Aufstellen von Schandpfählen in Dresden, Erlangen, Königsberg, Münster und Rostock, an die Buchdeckel einzelner Werke und Namen von Professoren angeschlagen wurden. Die Frage nach den Tätern ist nicht nur für diese zweite Phase besonders interessant. Denn nicht die NSDAP oder das „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ veranlasste und inszenierte die öffentlichen Verbrennungen und setzte ihre Planung und Durchführung gegenüber Universitäten, Professoren, Bibliothekaren und Buchhändlern ›von oben‹ durch. Mit viel Aufwand organisierten Studenten in insgesamt 30 Universitätsstädten die Bücherverbrennungen im Mai – die zum Teil, wie etwa ihr Hauptorganisator Hanskarl Leistritz, zu diesem Zeitpunkt keine Mitglieder in der NSDAP waren. Die Aktion ging auf den Dachverband der studentischen Selbstverwaltung, die Deutsche Studentenschaft, zurück. Auf Anfragen von Studenten unterstützten Lehrer, Polizisten, Bibliothekare, Professoren und Rektoren die Aktionen, die häufig nicht erst 1933 in ihre Positionen gekommen waren.

Studierende als Wegbereiter der Nazi-Diktatur

Die Burschenschaftlichen Blätter stellten sich auf der Titelseite der Oktober/November-Ausgabe von 1923 hinter Hitlers und Ludendorffs Putschversuch.
Die Burschenschaftlichen Blätter stellten sich auf der Titelseite der Oktober/November-Ausgabe von 1923 hinter Hitlers und Ludendorffs Putschversuch.

Die hohe studentische Beteiligung an den Verbrennungen wirft die Frage auf, warum gerade derjenige Teil der Bevölkerung, der in privilegiertem Maße an Bildung teilhatte für Nazi-Ideologien besonders anfällig war? Denn wie heute blieb in der Weimarer Republik der Anteil von Studierenden aus Haushalten gering, deren Eltern nicht studiert hatten. Die Berechtigung dieser Frage zeigen nicht nur Vergleiche der Wahlergebnisse zum Reichstag der Weimarer Republik mit denjenigen der Wahlen zu den Allgemeinen Studierendenausschüsse in den Jahren 1930 und 1931, sondern auch die Verbreitung, die nationalistische, militaristische, rassistische und antisemitische Denkweisen im deutschen Kaiserreich unter Studierenden seit den 1880er Jahren finden konnten. Sie zeigt sich im von Anbeginn deutlich nach rechts ausschlagenden Kräfteverhältnis innerhalb der Deutschen Studentenschaft, die sich 1919 als Dachverband zum ersten Mal in studentischer Selbstverwaltung in Deutschland gründete. Sie zeigt sich an der studentischen Beteiligung und den öffentlichen Stellungnahmen studentischer Vertreter zum Kapp-Lüttwitz-Putsch (1920) und zum Hitler-Ludendorff-Putsch (1923). Sie zeigt sich am großen Zulauf, die der Deutsche Hochschulring unter den Studierenden in der Weimarer Republik vor allem bis 1924 fand, einer nationalistischen, rassistischen, antisemitischen und militaristischen Vereinigung, welche offen für die Rückeroberung der im Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete eintrat.

Ganz offenbar ist Bildung an Universitäten und Schulen nicht allein weil es ›Bildung‹ ist schon gegenüber reaktionären Weltanschauungen immun. Für das Kaiserreich und die Weimarer Republik kann gesagt werden, dass universitäre und schulische Bildung und die Wissenschaften die SchülerInnen und StudentInnen selten befähigte, sich in ein kritisches Verhältnis zu einer Bewegung zu setzen, die den Krieg suchte, den politischen Mord billigte und emanzipatorischen Haltungen und Denkweisen mit Hass und Aggressivität begegnete. Wenn man sich nicht mit der Auffassung beruhigen möchte, dass die Gegenwart per se als erhaben und hoch über jeder Vergangenheit steht, lässt sich an den Bücherverbrennungen 1933 im Zusammenhang mit ihrer Vorgeschichte untersuchen, wie Wissenschaften, Schul- und Universitätsbildung aktiver Teil im historischen Prozess waren und sind, Teil an jeder fortschrittlichen und rückschrittlichen Entwicklung auch heute. Welche Ansichten und Denkweisen, welche Forschungsrichtungen, Methoden und Lehrinhalte an den Universitäten und Schulen begünstigten die Begeisterungsfähigkeit der Studierenden? Worin besteht der Anteil der Universitäten und Schulen an der Zustimmungsbereitschaft gegenüber einer offen aggressiven Politik der sozialen Ausgrenzung und des Kriegs, der Ideologie eines ›nationalen Zusammenhalts‹ vor 1933? Die Bücherverbrennungen waren kein Beiwerk zu einer Nazi-Diktatur, sondern ein gewichtiger Beitrag zu ihrer Etablierung. Sie waren zugleich kein zufälliges Ereignis, sondern der vorläufige Schluss einer Entwicklung der deutschen Studenten und der soziohistorischen Entwicklung Deutschlands, nicht erst seit 1919.

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