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Die Vereine Deutscher Studenten und der Kyffhäuser-Verband

Warum waren es im April und Mai 1933 vor allem Studenten, die eine reichsweite Kampagne mit abschließenden Bücherverbrennungen in 30 deutschen Hochschulorten planten, organisierten, durchführten und so einen auf kultur- und hochschulpolitischem Gebiet entscheidenden Beitrag zur Errichtung der Nazi-Diktatur leisteten? Aufschlussreich für die Beantwortung dieser Frage ist die Geschichte der deutschen Studenten, ihrer sich verändernden Vorstellungen und Verhaltensweisen. Dazu gehört nicht zuletzt der Antisemitismus, der zugleich eine lange Geschichte hat, jedoch zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich begründet und in unterschiedlichen Argumentationszusammenhängen verwendet wurde.

In Berlin formierte sich 1880 ein Bündnis, das in einer „Antisemitenpetition“ für die Zurücknahme der rechtlichen Gleichstellung deutscher Juden eintrat, wie sie im Juli 1869 mit einem „Gesetz, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“ im Rahmen des Staatsbürgerrechts des Norddeutsches Bundes zumindest formal-gesetzlich garantiert und 1871 in der Reichsverfassung aufgenommen wurde. Das Bündnis gründete sich nach dem Berliner Antisemitismusstreit, der durch Heinrich von Treitschkes (1834-1896) Artikel ›Unsere Aussichten‹ in den Preußischen Jahrbüchern 1879 ausgelöst worden war. Treitschke war nach Professuren in Freiburg, Heidelberg und Kiel 1873 als Nachfolger Leopold von Rankes (1795-1886) auf den renommierten Lehrstuhl für Geschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin berufen worden. In seinem Artikel vertrat Treitschke die Auffassung, der Antisemitismus sei Ausdruck einer „wunderbare[n]“ „nationale[n] Erneuerung“, die sich „in den Tiefen unseres Volkslebens“ gegen die „weichliche Philanthropie unseres Zeitalters“ vorbereite. Treitschke sah „in neuester Zeit ein[en] gefährliche[n] Geist der Ueberhebung in jüdischen Kreisen“, denn das „Semitenthum“ habe

„an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Anteil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht; in tausenden deutscher Dörfer sitzt der Jude, der seine Nachbarn wuchernd auskauft.“

Juden dominierten, so Treitschke, in der Wirtschaft oder in der Tagespresse und obwohl er forderte, die Juden sollten „Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen“, behauptete er eine grundsätzliche Unmöglichkeit dieser geforderten Konformität, denn es werde immer „Juden geben, die nichts sind als deutsch redende Orientalen.“ Nicht nur äußerte Treitschke Zweifel an einem Gelingen der von ihm geforderten Assimilation der Juden, sein Artikel war eigentlich die Forderung nach einer Anpassung an einen deutschen Nationalismus.

Unter der von Bernhard Förster (1843-1889) und Max Liebermann von Sonnenberg (1848-1911) ausgearbeiteten Petition standen innerhalb eines knappen Jahres über eine Viertel Million Unterschriften. Die Petition ging über Treitschkes antisemitisch-nationalistische „Aussichten“ hinaus forderte die „Entfernung von Juden aus dem Staatsdienst und dem Heer“, mithin ein „Verbot der Anstellung jüdischer Lehrer an Volksschulen“ und nur „in Ausnahmen ihre Zulassung an höheren Schulen und Hochschulen“. Sie wurde im preußischen Abgeordnetenhaus debattiert, zwar nicht angenommen, fand allerdings große Zustimmung, auch und gerade unter unter den deutschen Studenten. Ein Fünftel der um 1880/1881 etwa 20.000 Studenten im Deutschen Kaiserreich unterzeichnete die Petition, anteilig weit mehr als jede andere Bevölkerungsgruppe.

In Berlin organisierten Studenten der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) im Sommer 1880 ein Bündnis, das die Petition öffentlich unterstützte. Aus ihm ging noch im selben Jahr der erste (Berliner) Verein deutscher Studenten hervor. Es folgten weitere Gründungen des Vereins in Halle, Leipzig, Breslau, Greifswald und Kiel. Die Studenten, die sich in diesen Vereinen organisiert hatten, trafen sich am 6. August 1881 beim Fest auf dem Kyffhäuser, einer Mittelgebirgsformation zwischen Sangerhausen und Sondershausen, und gründeten hier den Kyffhäuser-Verband der Vereine Deutscher Studenten (KVVDSt), in dem sich die Vereine zusammenschlossen. Der Göttinger Student Robert Wagner stellte dort in seiner Rede nicht nur den Antisemitismus als ein wesentliches Fundament der Kyffhäuserbewegung heraus, er brachte ihn zugleich in einen Zusammenhang mit einer „Rettung des Vaterlandes“, denn das „vaterlandslose Judentum“ sei, so Wagner, die „nächste und drohendste Gefahr unseres Volkstums“.

„Wenn von irgendeiner Universität, so darf und muß es gerade von Göttingen gesagt werden, daß der Anfang unserer Bestrebungen die Bewegung war, welche gegen Ende des vorigen Jahres gegen die zum Unheil und Verderben unserer Nation immer mehr wachsende Macht des internationalen Judentums gerichtet war. Der weitaus größte Teil der Studentenschaft hat sich der Erkenntnis angeschlossen, daß eine wirksame Beschränkung und eine mutige, sachliche Bekämpfung der schlechten und schädlichen Seiten des vaterlandslosen Judentums zur Rettung unseres Vaterlandes durchaus erforderlich ist. Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt unserer Bewegung und wird auch so lange einer ihrer Hauptpunkte bleiben, bis diese nächste und drohendste Gefahr unseres Volkstums, wenn auch nicht ganz verschwunden, so doch auf ein minder gefährliches Maß zurückgeführt ist.“

Antisemitismus und Nationalismus standen im Zentrum des Kyffhäuser-Verbands und gehörten zu seinen Gründungsmotiven, auch wenn Juden zunächst von einer Mitgliedschaft nicht ausgeschlossen waren. Es gelte, so Erich von Schramm auf der Gründungsversammlung des Berliner Vereins Deutscher Studenten, „sich frei zu ringen von dem fremden Geiste, der in schlauer Geschäftigkeit den deutschen Charakter des akademischen Gemeinwesens verfälscht“, sich zur Wehr zu setzen gegen „das fremde Geschlecht“, das „unser deutsches Vaterland […] in eine große Börse verwandelt hat.“ Der Verband bot den Studierenden eine sich schnell im gesamten Deutschen Kaiserreich vergrößernde Plattform für ihre politischen Forderungen, unabhängig davon, ob sie in einer der zahlreichen Burschenschaft korporiert waren oder nicht. Bis 1886 gründeten sich 16 weitere Vereine Deutscher Studenten, die dem Kyffhäuserverband beitraten: in Bonn (Gründung Juni 1882), Breslau (Mai 1881), an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg als Deutscher technischer Studentenverein (Mai 1881), Erlangen (Gründung November 1881), Gießen (Januar 1891), Göttingen (1884), Greifswald (Juni 1881), Halle-Wittenberg (Februar 1881), Heidelberg (Dezember 1882), Kiel (Juni 1881), Königsberg (März 1885), Leipzig (Februar 1881), Marburg (Mai 1886), München (Mai 1885), Tübingen (Juli 1883) und Straßburg (Juli 1883).

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