» Die Hochschulringbewegung in der Weimarer Republik

Deutscher Hochschulring (DHR) – Sammelbecken der rechten Studenten

Nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch schlossen sich auf dem Göttinger Studententag am 22. Juli 1920 die ›völkisch‹ ausgerichteten Hochschulringe Deutscher Art (HDA) zu einem überregionalen Verband zusammen, dem Deutschen Hochschulring (DHR). Dieser Hochschulring bildete eine „großdeutsche“, rassistisch-antisemitische, nationalistische und militaristische Dachorganisation, die bis etwa 1924 den politischen Kurs in der Deutschen Studentenschaft maßgeblich bestimmen konnte. Mit ihr war eine schnell wachsende Sammlungsorganisation entstanden, in der die reaktionären Anschauungen unter den Studenten fortgebildet und kultiviert wurden. Mit dem Jungdeutschen Bund und dem in wirtschaftlichen Krisenzeiten stärker, in Konjunkturperioden etwas moderater antisemitisch auftretenden Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband (DHV), einer gewerkschaftlichen Vertretung der Angestellten, schloss sich der DHR zum Jungdeutschen Ring zusammen, bewahrte aber zugleich seine organisatorische Eigenständigkeit. Die meisten schlagenden studentischen Verbindungen traten dem DHR bei, noch im November 1920 folgte ihre Dachorganisation, der Allgemeine Deutsche Waffenring (ADW), ein 1919 zustandegekommener Zusammenschluss von Korps, Landsmann- und Turnerschaften, die zusammen mit der Reichswehr gegen Januaraufstand und Räterepubliken militärisch vorgegangen waren.

Wie die Hochschulringe deutscher Art lehnte auch der DHR die Weimarer Republik, die Verfassung und das Parlament ab und wollte die studentische demokratische Organisation, die gewählten Allgemeinen Studentenauschüsse und die studentischen Vertretertage lediglich für seine Ziele ausnutzen. Im Unterschied zum Dachverband der Deutschen Studentenschaft war der DHR von Anfang an nach dem Führerprinzip organisiert. Ein Führeraussschuss wählte einen Vorstand, der zusammen mit dem jährlich (in der Regel kurz nach den Studententagen der DSt) stattfindenden Vertretertag die wichtigsten Organe des Hochschulrings bildeten. Durch das Führerprinzip ergaben sich Konflikte mit den korporierten Studenten in den Burschenschaften. Diese waren auf ihre Eigenständigkeit bedacht, auch wenn nicht wenige unter ihnen mit dem Deutschen Hochschulring politisch weitgehend übereinstimmten. Von Alt-Akademiker-Organisationen und Industriellen mit finanziellen Mitteln versehen, leistete sich der DHR eine umfangreiche politische Bildungsarbeit, die den Boden bereitete, ohne den sich der spätere Aufstieg des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) ab 1926 nicht denken lässt. Regelmäßig organisierte der DHR Demonstrationen, Vorträge, Schulungswochen und „Grenzlandfahrten“, erstellte und verbreitete entsprechende Schulmaterialien. Lokal und überregional war die Arbeit thematisch in Ämter eingeteilt. Der DHR verfügte über ein Amt für Leibesübungen, ein Soziales Amt, ein Amt für die im Falle von Streiks der Gewerkschaften ›einspringende‹ Teno (Technische Nothilfe), ein Arbeitsvermittlungsamt, ein Landarbeitsamt, ein Amt für Kriegsschuldfrage und -propaganda, ein Rheinland-, Pfalz- und Ruhrarbeitsamt, ein Nachrichtenamt und ein „Grenzlandamt“. Drei Jahre nach der Gründung des DHR umfasste er 42 Ortsverbände, 75 bis 90% der Studierenden waren Mitglied in einem der Vereine, deren organisatorisches Dach der DHR bildete. Im von den Alliierten besetzten Rheinland war der DHR verboten.

Bereits der Aufbau des Hochschulrings macht einerseits deutlich, wie die geistige Vorbereitung eines Angriffskriegs (mindestens) zur Rückeroberung der im Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete zu seinen wichtigsten Aufgaben gehörte. Er zeigt andererseits, dass mit dieser ›außenpolitischen‹ Ausrichtung ebenso eine innenpolitische Arbeit des DHR einherging. Neben der offenen Ablehnung von Demokratie, Verfassung und Parlament trat der DHR gegen alle demokratischen Parteien auf, besonders gegen die SPD, vor allem gegen ihren linken Flügel, sowie gegen die USDP, KPD und die Gewerkschaften, denn er lehnte den Kampf der Arbeiterinnen und Arbeiter für bessere Arbeitsbedingungen ab und forderte ihre ›Eingliederung‹ in eine nationale ›Interessengemeinschaft‹ als ›Volksgemeinschaft‹. Die Breite und der Grad der Organisation der studentischen Hochschulringbewegung war für diejenigen Kräfte von Nutzen, die an einer ›Lösung‹ wirtschaftlicher Krisen durch eine Vergrößerung des wirtschaftlichen Markteinflusses, durch Aufrüstung und Krieg ein großes Interesse hatten. Dazu gehörten die Rüstungs- und Schwerindustrie sowie die Reichswehr, deren Offiziere und Unteroffiziere in ihrem allergrößten Teil die im Versailler Vertrag festgelegte Verkleinerung der deutschen Armee nicht akzeptierten. Im Deutschen Hochschulring hatte die Reichswehr einen militaristisch gesonnenen Bündnispartner, der an den Bestimmungen des Versailler Vertrags vorbei eine umfassende „Wehrerziehung“ der Studenten organisieren half: einmal in Form von „Leibesübungen“ als Heeresdienstersatz in Wehrsportanlagen, die von Offizieren der Reichswehr geleitet wurden oder als „Abendausbildung“ direkt in den Kasernen stattfanden. Neben der Erziehung zum erneuten Krieg hatte dieses Programm innerhalb der Weimarer Republik den Effekt, dass die rechten Studenten eine militärische Ausbildung und Waffen erhielten, um sie gegen ihre „inneren Feinde“ in zahlreichen politischen Morden einzusetzen.
Die Mitglieder des DHR lehnten jede Annäherung an eine ökonomische und berufliche Gleichberechtigung der Frauen ab und agitierten scharf gegen Politiker wie Walther Rathenau (1867-1922), der für eine Verständigung mit der Sowjetunion eintrat, oder den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger (1875-1921), der unter anderem für seine Befürwortung des Versailler Vertrags kritisiert wurde.

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