» Die ›Deutsche Studentenschaft‹ Anfang der 1930er Jahre

Die staatliche Wiederanerkennung der Deutschen Studentenschaft 1933

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, der „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar („Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“) und dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 („Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“) war für die Nazi-Führung des Dachverbands der Studierenden, die Deutsche Studentenschaft, eine veränderte politische Situation eingetreten. War der Deutschen Studentenschaft 1927 vom preußischen Kultusministerium und dessen Minister Carl Heinrich Becker die staatliche Anerkennung entzogen worden, weil die Studierenden ihre Haltung auch in einer Urabstimmung mit großer Mehrheit zum Ausdruck gebracht hatten und für die Einführung rassistischer Aufnahmekriterien in die Deutsche Studentenschaft eingetreten waren, so hegte die DSt-Führung nun – als der brutale Terror gegen Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaften ganz offiziell betrieben wurde – Hoffnungen, sich der etablierenden Nazi-Diktatur als wichtigste studentische Organisation zu empfehlen. Mit Verweis auf die Verordnung vom 28. Februar wurden nun in vielen Universitäten die sozialistischen, kommunistischen und pazifistischen Studentengruppen verboten.

Nach der Bildung einer Regierungskoalition aus NSDAP und DNVP im Januar 1933 konnte die DSt-Führung mit einer Unterstützung zugunsten ihrer Positionen gegen die Hopoag durch die NSDAP rechnen, wie überhaupt die Ereignisse im Februar 1933 dem Kurs der ›nationalsozialistischen‹ Fraktion innerhalb der DSt entgegenkamen. Anfang Februar wurde Bernhard Rust (1883-1945; NSDAP) kommissarischer preußischer Kultusminister und unterstützte die NSDStB-Hochschulgruppen bereits kurz nach seinem Antritt während des AStA-Wahlkampfs. Rust würdigte die vom NSDStB geführte Deutschen Studentenschaft, da sie sich bereits 1919 auf dem Würzburger Studententag in ihrer Verfassung gegen die Weimarer Republik und zu einem ›Großdeutschland‹ nach rassistischen Prinzipien bekannt hatte. Es war dieser Punkt, den der NSDStB-Hochschulgruppenführer der Berliner Technischen Hochschule Charlottenburg, Gerhard Stein, in einer Rede gegenüber dem anwesenden Kultusminister mit Blick auf den Verlust der staatlichen Anerkennung der DSt 1927 hervorhob. „Seine Hoffnung“, so schrieb das Nazi-Blatt „Der Angriff“ am 22. Februar 1933, „gehe dahin, für die Großdeutsche Studentenschaft bald die zu einer wirksamen Arbeit notwendige staatliche Anerkennung wiederherzustellen“. Nach Rusts Ernennung zum preußischen Kultusminister war eine Neuregelung des Studentenrechts und die staatliche Wiederanerkennung für die Deutsche Studentenschaft absehbar – umso mehr, als er noch im Februar sein Ministerium in dieser Richtung umbildete. Neuer Ministerialrat und Studienreferent wurde der Philosoph Joachim Haupt (1900-1989), der 1926-1928 Hochschulgruppenführer des NSDStB in Kiel und zeitweise Vorsitzender des DSt-Kreises II (Norddeutschland) gewesen war.

Der DSt-Vorsitzende Gerhard Krüger nahm mit Rust brieflichen Kontakt auf und bot ihm die Eingliederung des studentischen Verbands an. Am 30. März verhandelten Reichsinnenminister Wilhelm Frick (1877-1946), Rust und Krüger über die Neuordnung des preußischen Studentenrechts. Der Inhalt dieses Gesprächs ist nicht überliefert; aus dem Entwurf eines Schreibens des neu gegründeten Hauptamts für Presse und Propaganda der DSt vom 2. April geht allerdings hervor, dass die DSt an diesem Tag bereits von ihrer staatlichen Anerkennung ausging. Darin wird auf eine „Reichsanerkennung“ der DSt in einem „Staatsakt“ am 20. April „in der Aula der Berliner Universität“ verwiesen. Auch der Verlauf der kommenden Wochen und Monate legt nahe, dass die Nazi-Studenten von der staatlichen Anerkennung der Deutschen Studentenschaft ausgehen konnten. Die rassistische und „großdeutsche“ Regelung, die sich die DSt 1919 in ihrer eigenen Verfassung gegeben hatte und die jahrelang als von den Reichsländerregierungen tolerierter Gegenentwurf des höchsten deutschen Studierendenverbands zur Weimarer Verfassung Bestand hatte, wurde nun wieder offiziell bestätigt, ebenso wie das 1931 eingeführte Führerprinzip in der DSt. Mit der preußischen Studentenrechtsverordnung vom 12. April 1933, die von anderen Reichsländern in ähnlicher Form übernommen wurde, hatte die DSt ihre staatliche Anerkennung wieder zurückerhalten. Der 12. April war ebenso der Tag, an dem die Deutsche Studentenschaft eine „Aktion wider den undeutschen Geist“ beginnen lassen wollte. Sie begann schließlich mit einem Tag Verzögerung.

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