» Das Plakat „Wider den undeutschen Geist!“

Der Diskurs vom „lügenden Juden“

Mit der Vorstellung vom ›lügenden Juden‹, dem erklärten ›gefährlichsten Widersacher‹ und – nach den Verfassern des Plakattexts – dem Grund der ›Schmach‹ eines Widerspruchs zwischen Volkstum einerseits und Sprache und Schrifttum als seinem offenbar ›falschen Ausdruck‹ andererseits, bedienten sich die Studenten einer verbreiteten Vorstellung. Die Auffassung vom ›lügenden Juden‹ war etwa, unterschiedlich begründet, immer wieder Thema in der 1902 von Theodor Fritsch gegründeten antisemitischen Zeitschrift „Der Hammer. Blätter für deutschen Sinn“ (ab 1922 bis zur Einstellung 1940 lautete der Untertitel „Zeitschrift für nationales Leben“). Fritsch hielt – wie Richard Wagner – ›den Juden‹ für unschöpferisch, er entwickele dafür aber eine kaum zu überbietende Kreativität in der Lüge und der Täuschung, in der Verfälschung der Wahrheit und Wirklichkeit und mache davon vor allem in der Presse regen Gebrauch. Sein Denken habe keine festen Grundsätze, er schwebe im Abstrakten, weil er als geldgieriger Händler den „Vorteil des Augenblicks“ zu nutzen wisse.

Titelblatt der dritten Auflage (1933) von Hans Blühers antisemitischer Aphorismensammlung "Secessio Judaica", die erstmals 1922 erschien.
Titelblatt der dritten Auflage (1933) von Hans Blühers antisemitischer Aphorismensammlung „Secessio Judaica“, die erstmals 1922 erschien.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der deutschen Niederlage erhielt der Antisemitismus eine größere gesellschaftliche Verbreitung. Der Diskurs vom „lügenden Juden“ und die Formen, in denen die Vorstellung vom „lügenden Juden“ begründet wurde, nahmen an Vielfalt und Demagogie zu. Eine besonders perfide Variante einer solchen Argumentation entwickelte der deutsche Schriftsteller und Philosoph Hans Blüher (1888-1955). In seiner Aphorismensammlung „Secessio judaica“ (1922) – worunter Blüher die „Ablösung der Juden von den Gastvölkern“ verstand, die sich gegenwärtig vollziehe – glaubte Blüher eine „Fälschung“ immer dann zu erkennen, wenn sich Menschen jüdischer Herkunft „bodenständiger Volksgüter“ bedienen. Die „jüdische Demokratie“ – gemeint ist die parlamentarische Demokratie auf der Grundlage einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung – lüge, so Blüher, selbst „bei wörtlichen Zitaten“:

„Eine Rasse, die ihrem geschichtlichen Schicksal nach überwiegend nomadisch lebt und in seinen seßhafter gewordenen Ausläufern doch stets fremd bleibt und niemals eingeboren wird (ganz gleichgültig übrigens, wie lange ein Jude und seine Familie in Deutschland wohnt), eine solche Rasse nimmt die bodenständigen Volksgüter auf und predigt sie in abstracto. Da die Worte dieselben sind, ist die Fälschung kaum zu erkennen und darum desto ungeheurer. […] Die deutsche Demokratie, wie sie von Hoffmann von Fallersleben, Georg Herwegh, Seume verkündet wurde, ist dem Wesen nach verschieden von der jüdischen Demokratie von heute. Diese lügt auch bei wörtlichen Zitaten.“

Nicht zuletzt hatte sich auch Adolf Hitler in seiner 1925/26 veröffentlichten Schrift „Mein Kampf“ auf die verbreiteten rassistisch-antisemitischen Theorien gestützt und auch die Vorstellung vom ›lügenden Juden‹ aufgenommen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sich die Studenten bei ihrem Plakat auf Hitlers Buch bezogen, denn ein „deutscher“ bzw. „undeutscher Geist“ war für Hitler in diesem Zusammenhang weniger zentral. „Der Jude“ sei, so behauptete Hitler, der „große Meister im Lügen“, da er, als „Parasit im Körper anderer Nationen und Staaten“ lebend, seinen Charakter als rassisch verstandenes „fremdes Volk“ verheimlichen müsse. Der Vorwurf der Lüge wurde in dem Argumentationszusammenhang des Plakats eher, wie etwa zuvor bei Adolf Bartels (und drastischer bei Hans Blüher), durch eine kultur-nationalistische Argumentation untermauert: Sie zielte wie bei Bartels im Bereich der Kultur und Literatur auf Fragen der Tradierung, auf eine Nationalisierung des Kanons von Literatur, Philosophie und Kunst, wenn „den Juden“ – wie bei Blüher – das Recht abgesprochen wurde, sich auf eine „nationaldeutsche“ Kultur, die einem rassistisch, habituell oder kulturell begründeten deutschen Wesen entspringe, überhaupt zu beziehen. Ein von Adolf Bartels häufig genanntes Beispiel ist Heinrich Heine (1797-1856). Heine hätte nichtjüdischen ›deutschen‹ Dichtern die „Elemente seiner Poesie bis in die Einzelheiten abgeborgt […], um sie dann jüdisch ›aufzumachen‹ – Aufmachung“, so Bartels in einem vor dem Ersten Weltkrieg mehrfach gehaltenen Vortrag „Der deutsche Verfall“, wäre „das bezeichnende Wort für fast jede Art jüdischer Tätigkeit“.

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