» Das Plakat „Wider den undeutschen Geist!“

Die politischen Forderungen

Der Text des Plakats beinhaltet neben der antisemitischen Vorstellung vom ›Juden, der lügt, wenn er deutsch spricht und schreibt‹ eine bereits im Titel („Wider den undeutschen Geist!“) angekündigte Kehrseite: die Forderung eines ›deutsch‹ denkenden ›Studenten‹, eines ›deutschen Geistes‹. Denn was für den „Juden“ in Anspruch genommen wird – dass er deutsch schreiben und sprechen, aber zugleich ›undeutsch‹ denken könne –, das gelte auch für den „Deutschen“ und den „deutschen Studenten“ (Punkt 5). Wenn deutsches Denken und deutscher Geist aber „reiner“, „unverfälschter“ Ausdruck des Volkstums sein und in ihm wurzeln sollen, so werden daraus auch politische Forderungen abgeleitet, die mit der Vorstellung vom ›lügenden Juden‹ auf dem Plakat dezidiert begründet werden. Sie stehen in der Kontinuität einer von Theodor Fritsch oder Adolf Bartels behaupteten „geistigen Unterjochung“, etwa wenn in den Punkten 8 bis 10 die Studenten zur „Reinhaltung der deutschen Sprache“ aufgefordert werden, zur „Ueberwindung des jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben.“

Die Punkte 6 bis 12 des Plakats "Wider den undeutschen Geist!" der ›Deutschen Studentenschaft‹ enthalten Absichtserklärungen und politische Forderungen der Nazi-Studenten.
Die Punkte 6 bis 12 des Plakats „Wider den undeutschen Geist!“ der ›Deutschen Studentenschaft‹ enthalten Absichtserklärungen und politische Forderungen der Nazi-Studenten.

Der Absichtserklärung, diese ›Lüge auszumerzen‹, den „Verrat“ (des ›undeutsch‹ denkenden Deutschen) zu „brandmarken“ (Punkt 6), folgt die Forderung, die Hochschulpolitik solle dem Rechnung tragen: „Wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit“, d.h. des ›undeutschen Denkens‹, „sondern der Zucht und der politischen Erziehung“. (Punkt 7) Die einzige größere Änderung, die Alfred Baeumler vorgeschlagen hatte, tritt unverhohlen für eine Zensur ein, auch sie begründet mit der antisemitischen Vorstellung vom ›lügenden Juden‹. „Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in Deutsch, sind sie als Uebersetzungen zu kennzeichnen.“ Weitere hochschulpolitische Forderungen gegenüber den Kultusministerien enthalten die letzten beiden Punkte 11 und 12. Ein ›Arierparagraph‹ sollte nun auch für Studenten eingeführt werden, nachdem er für die Mitgliedschaft in der Deutschen Studentenschaft schon gesetzlich verankert war und im Gesetz über die „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April auch für die Professoren eine juristische Grundlage hatte: Gefordert wird die „Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste“ und die inhaltliche Ausrichtung und Umgestaltung der Hochschule „als Hort des deutschen Volkstums und als Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes“. Diese letzte Formulierung machte zugleich deutlich, dass neben allen Menschen jüdischer Herkunft auch andere, etwa politische Gegner und Andersdenkende, von Zensur und Ausschluss oder Berufsverbot betroffen sein konnten, sofern ihnen nur zur Last gelegt werden konnte, nicht „im deutschen Geiste“ zu denken.

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