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Béla Balázs (1884-1949)

Heute verbindet sich mit dem Namen Béla Balázs kaum mehr als die Erinnerung an einen Filmtheoretiker, der es jedoch zu Lebzeiten vermochte, durch eine intensive Beschäftigung mit der Entwicklung des Films in das Bewusstsein der deutschen Kulturszene vorzudringen. Das aber ist nur eine Spur, die er neben seinem Dasein als literarischer Autor, Dramatiker, Dichter, Märchenautor und Novellist hinterlassen hat.
1884 wurde Balázs unter dem Namen Herbert Bauer als Sohn eines ungarisch- deutschen jüdischen Lehrerehepaares in Szeged/ Ungarn geboren. Seine Biographie spiegelt die Widersprüche seiner Zeit wider: den Aufbruch der Moderne und die Phantasien einer neuen Romantik, die Bewegung von der Lebensphilosophie zum Marxismus und die riskanten Experimente gelebter Utopien in einer nicht nur exemplarischen, sondern geradezu verdichtenden Weise. Balázs ‚Wanderung’, die er selbst als Existenzform für sich angenommen hatte, führte ihn schon als Studenten und jungen Autor durch das Vorkriegseuropa. Er machte Halt in Paris und Berlin, in der Schweiz und Italien. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als ekstatischen Aufbruch. Begeistert schloss er sich den ungarischen Kommunisten an und erlebte kämpfend die Revolution und die Rätediktatur einige Jahre später, deren katastrophales Scheitern ihn ins Exil trieb. In Wien festigte sich seine neue Weltanschauung. Balázs las marxistische Literatur, hielt Vorträge über Literatur und Kunst und lernte die Praxis der Arbeiterbewegung kennen.
In dieser Zeit entdeckte er den Film als sein Medium. Er versuchte sich als Drehbuchautor und schrieb Filmkritiken für ein Wiener Tageblatt. In seinem ersten Filmbuch „Der sichtbare Mensch“ (1924) wertet er den Film als Kunst, als in der Gesellschaft wirkend und auf Fortschrittlichkeit orientiert und vergleicht die neue Kunstgattung mit den vorherigen. In der Hoffnung, als Drehbuchautor in der Film-Metropole Fuß zu fassen und die Zukunft des Films praktisch mitgestalten zu können, ging Balázs 1926 nach Berlin. In den folgenden sechs Jahren profilierte er sich durch zahlreiche Aktivitäten sowohl politisch als auch als Filmmann. Er intensivierte seine filmtheoretische Arbeit mit Publikationen in Zeitungen und Fachzeitschriften; sie fand ihren Höhepunkt in der Veröffentlichung seines zweiten Filmbuches „Der Geist des Films“, welches die neuen Entwicklungen aufnahm und als eine der ersten großen Studien zum Tonfilm begriffen werden kann.
Balázs zählte zu den Ersten, die den Gedanken einer Identifikation des Zuschauers mit der Kamera expliziert formulierten: „Die Kamera nimmt mein Auge mit“, heißt es im Buch, „[m]itten ins Bild hinein. Ich sehe die Dinge aus dem Raum des Films. Ich bin umzingelt von den Gestalten des Films und verwickelt in seine Handlung, die ich von allen Seiten sehe.“
Nach langer Reise heimgekehrt, starb Béla Balázs am 17. Mai 1949 in Budapest.

 

von Marleen Urban