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Franz Jung (1888-1963)

Der Schriftsteller und Publizist Franz Jung galt als Mitinitiator der Dada-Bewegung und veröffentlichte vor allem expressionistische sowie sozialkritische Romane, Erzählungen und Dramen. Neben seinen literarischen bzw. publizistischen Tätigkeiten arbeitete er u.a. auch als Wirtschaftskorrespondent, Handelsjournalist, Wirtschaftsstatistiker, Versicherungsangestellter und Wirtschaftsorganisator. Eine 12 Bände umfassende Werkausgabe erschien im Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus.

Biographie

Franz Josef Johannes Konrad Jung wurde am 26. November 1888 im oberschlesischen Neiße (Nysa) als zweites Kind des Uhrmachermeisters Franz Jung (1853–1926) und seiner Frau Clara (1859–1921) geboren. Ab 1898 besuchte Franz Jung das Städtische Realgymnasium in Neiße, an dem er 1907 das Abitur ablegte. Zwischen 1907 und 1913 war er in verschiedenen Studiengängen und für jeweils relativ kurze Zeiträume an der Universität Leipzig, der Herzoglich-Sächsischen Gesamt-Universität Jena, der Königlich-Preußischen Universität Breslau sowie der Friedrich-Maximilians-Universität München eingeschrieben. In Breslau lernte er die Revuetänzerin Margot Hader kennen, die er im August 1909 heiratete. Am 2. Juni 1911 wurde ihr Sohn Franz geboren, der bei den Großeltern in Neiße aufwuchs.
1912 veröffentlichte Franz Jung erste literarische Texte in den expressionistischen Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion. Darüber hinaus erschien im Verlag Theodor Gerstenberg Jungs erstes Werk Das Trottelbuch. Am 25. Januar 1913 wurde Jung in München exmatrikuliert. Im selben Jahr zog er nach Berlin, fand erneut eine Stelle als Handelsjournalist und schrieb Börsenberichte für lokale Zeitungen. Des Weiteren lernte er Franz Pfemfert sowie weitere Mitarbeiter der Aktion kennen. Aus nicht eindeutig nachweisbaren Gründen meldete sich Jung im August 1914 nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs freiwillig zum Kriegsdienst. Nach Erkrankung und Verhaftungen wurde er Mitte Juni 1915 aus der Armee entlassen.
Er gründete ein eigenes Handelsblatt und arbeitete erneut als Handelsredakteur sowie als Mitarbeiter der Aktion. Mit zahlreichen Artikeln in der anarchistischen und dadaistischen Zeitschrift Die freie Straße kritisierte Jung mit seinen Mitarbeitern den Krieg an sich sowie insbesondere dessen wirtschaftliche Ursachen und Hintergründe. Des Weiteren war Jung Mitarbeiter der dadaistischen Zeitschrift Die neue Jugend, die seit 1916/17 von den Brüdern Wieland Herzfelde und John Heartfield herausgegeben wurde. Eng zusammen arbeitete Jung auch mit Raoul Hausmann und Richard Huelsenbeck. Am 10. Dezember 1916 wurde Jungs Tochter Dagny geboren. 1917 trennte er sich von Margot, nachdem die Beziehungen zu Cläre Oehring, der Ehefrau seines Freundes Richard Oehring, enger wurden. Jung, der als einer der Hauptwortführerer des Berliner Dadaismus bezeichnet werden kann, sah den Dadaismus weniger als künstlerische, sondern vielmehr als politische Bewegung. So hätte nach Jung das Ziel des deutschen Dadaismus darin bestanden, die Autorität der Regierung Kaiser Wilhelms auf allen Sektoren zu untergraben und das Ende des Krieges zu beschleunigen.
Mit dem Beginn der Revolution in Russland 1917 erhöhten sich auch in Deutschland die Hoffnungen auf einen Umsturz und ein baldiges Kriegsende. Nach der Novemberrevolution 1918/19  wandelte sich das Deutsche Reich in eine parlamentarisch-demokratische Republik. Dabei setzte sich Jung aktiv für die Revolution ein, indem er sich an den Aktionen des Spartakusbundes am 9. November 1918 beteiligte. Des Weiteren nahm er am Spartakusaufstand 1919 in Berlin sowie Streiks und Aufständen in Mitteldeutschland teil. Mit einigen weiteren Oppositionellen gründete er  im April 1920 die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD).
1921 reiste Jung in die Sowjetunion, um dort ein neues Leben zu beginnen. Dort war er u.a. am Wiederaufbau einer modernen Zündholzfabrik in Schudowa in der Nähe von Nowgorod beteiligt. Später übernahm er die Leitung der Werkzeugfabrik „Ressora“ in Petrograd.
1923 kehrte Jung nach Deutschland zurück und verarbeitete seine Zeit in der Sowjetunion in Form von Artikeln, Reportagen, Berichten und Büchern. Zudem veröffentlichte er weitere Werke. Allerdings blieb ihm der literarische Erfolg in der Öffentlichkeit weitgehend verwehrt. Darüber hinaus wurden seine Theaterstücke Heimweh und Legende seitens der Kritik nicht besonders positiv aufgenommen. 1931 gründete Jung die politische Zeitschrift Der Gegner, in der Oppositionelle zu Wort kommen, die eine Alternative zwischen Kapitalismus und Kommunismus suchten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Redaktion der Zeitschrift im Januar 1933 von einer SA-Truppe überfallen. Jung zog sich in die Privatheit zurück und kümmerte sich um seinen Sohn Peter, der im Dezember 1932 geboren wurde, nachdem Jung sich von Cläre trennte und seit 1931 mit Harriet Scherret, der Frau des Schriftstellers Felix Scherret, zusammenlebte. Im November 1936 wurde Jung im Zuge der Niederschlagung der Widerstandsgruppe „Rote Kämpfer“ von der Gestapo verhaftet. Bei seiner Vernehmung behauptete Jung, von nichts gewusst zu haben. Nachdem die anderen Angeklagten diese Aussage bestätigten, wurde Jung aus der Haft entlassen.
Im Frühjahr 1937 floh Jung nach Prag und arbeitete dort u.a. an den „Deutschland-Berichten“ der SPD mit, in denen die Ereignisse in Deutschland analysiert wurden. 1938 schrieb Jung in Wien Artikel für die „Wiener Wirtschaftswoche“. Zwischen Mai 1938 und Oktober 1939 arbeitete Jung für eine Schweizer Bank als wirtschaftlicher Berater. Danach war er in Budapest als Vertreter der Basler Transportversicherung tätig und schloss für ausländische Unternehmen Rückversicherungsverträge ab. 1941 trennte sich Jung von Harriet und lernte Anna Radnoti kennen, die er 1944 heiratete. In Budapest hatte Jung u.a. auch Verbindungen zu Flüchtlingen sowie Mitgliedern des deutschen Widerstands um Wilhelm Canaris. Jene Gruppierung war auch in das Attentat auf Hitler im Juli 1944 verwickelt, sodass Jung zunehmend in Bedrängnis geriet. Im selben Jahr wurde Jung zunächst von den Pfeilkreuzlern, der nationalsozialistischen Partei Ungarns, verhaftet und zum Tode verurteilt. Zwar gelang ihm die Flucht, allerdings wurde er danach vom Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS verhaftet und im Durchgangslager Bozen interniert. Dieses wurde Ende April 1945 befreit und Jung floh nach Norditalien. Während dieser Zeit starb Jungs Tochter Dagny, was Jung in der Erzählung Dagny sowie dem Roman Das Jahr ohne Gnade aufgreift.
Nachdem einige Freunde für ihn bürgen, erhielt Jung ein Visum und reiste im Mai 1948 in die USA ein, um für sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. In New York City arbeitete er in einem Büro für Wirtschaftsstatistiken sowie als Wirtschaftskorrespondent für verschiedene europäische Zeitungen. Nach eigenen Aussagen erfüllte ihn diese Anstellung jedoch nicht. 1953 gründete er in San Francisco den „Pacific European Service“, eine Wirtschaftsnachrichten- und Handelsagentur. Diese war allerdings nicht besonders erfolgreich. Für literarische Arbeiten befasste sich Jung mit den Biografien von Jack London, Ernst Fuhrmann und Wilhelm Reich, denen ebenso wie Jung zugeschrieben werden kann, die bestehenden Zustände positiv verändern zu wollen. Im Herbst 1961 erschien im Luchterhand-Verlag Jungs Autobiografie Der Weg nach unten, die zu dieser Zeit seitens der Medien jedoch kaum beachtet wurde. Im November 1962 verschlechterte sich Jungs Gesundheitszustand. Nachdem er am 16. Januar 1963 in das Karl-Olga-Krankenhaus Stuttgart gebracht wurde, starb Franz Jung am 21. Januar 1963 an den Folgen eines Herzinfarkts. Auf dem Neuen Friedhof in Stuttgart/Degerloch befindet sich Jungs letzte Ruhestätte.

von Robert Brauer

Literatur

Mierau, Fritz: Leben und Schriften des Franz Jung. Eine Chronik. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, 1980.

Schürer, Ernst: „Franz Jungs Leben als permanente Rebellion.“ In: Schürer, Ernst (Hg.): Franz Jung: Leben und Werk eines Rebellen. New York; San Francisco; Bern u.a.: Lang, 1994, S. 5–50.

Schulz, Hans-Joachim: „Utopie des Herzens: Franz Jung zwischen Expressionismus und proletarischer Literatur.“ In: Knapp, Gerhard Peter (Hg.): Autoren damals und heute: literaturgeschichtliche Beispiele veränderter Wirkungshorizonte. Amsterdam; Atlanta/GA: Rodopi, 1991, S. 599–638.

Werke (Auswahl)

Das Trottelbuch.
Leipzig: Theodor Gestenberg, 1912.

Kameraden…! Ein Roman.
Heidelberg: Richard Weissbach, 1913.

Sophie. Der Kreuzweg der Demut. Ein Roman.
Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift Die Aktion, 1915.

Saul. Ein Drama.
Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift Die Aktion, 1916.

Opferung. Ein Roman.
Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift Die Aktion, 1916.

Der Sprung aus der Welt. Ein Roman.
Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift Die Aktion, 1918.

Reise in Russland.
Berlin: Verlag der KAPD, 1920.

Joe Frank illustriert die Welt.
Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift Die Aktion, 1921.

Der Fall Groß. Novelle.
Hamburg: Konrad Hanf, 1921.

Proletarier. Erzählung.
Die Rote Roman-Serie, Bd. 1. Berlin: Der Malik-Verlag, 1921.

Die Kanaker. Wie lange noch? Zwei Schauspiele.
Berlin: Der Malik-Verlag, 1921.

Die Technik des Glücks. Psychologische Anleitung in vier Übungsfolgen.
Berlin: Der Malik-Verlag, 1921.

Die Rote Woche. Roman mit 9 Zeichnungen von George Grosz.
Die Rote Roman-Serie, Bd. 3. Berlin: Der Malik-Verlag, 1921.

Annemarie. Ein Schauspiel in vier Akten mit Vorspiel und Nachspiel.
Berlin: Der Malik-Verlag, 1922.

Arbeitsfriede. Roman mit 6 Zeichnungen von George Grosz.
Berlin: Der Malik-Verlag, 1922.

Hunger an der Wolga.
Berlin: Der Malik-Verlag, 1922.

Die Eroberung der Maschinen. Roman.
Die Rote Roman-Serie, Bd. 9. Berlin: Der Malik-Verlag, 1923.

Mehr Tempo! Mehr Glück! Mehr Macht! Ein Taschenbuch für Jedermann.
Die Technik des Glücks, Teil 2. Berlin: Der Malik-Verlag, 1923.

Die Geschichte einer Fabrik.
Wien: Verlag für Literatur und Politik, 1924.

Der neue Mensch im neuen Russland. Rückblick über die erste Etappe proletarischer Erzählkunst.
Wien: Verlag für Literatur und Politik, 1924.

Geschäfte. Eine Komödie.
Potsdam: Gustav Kiepenheuer, 1927.

Hausierer. Gesellschaftskritischer Roman.
Berlin: Der Bücherkreis, 1931.

Der Weg nach unten. Aufzeichnungen aus einer großen Zeit.
Neuwied am Rhein/Berlin-Spandau: Luchterhand, 1961.

Werkausgabe

Werke in Einzelausgaben.
12 Bände.
Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, 1981–1990.

Literatur

Bathrick, David: „Die Berliner Avantgarde der 20er Jahre. Das Beispiel Franz Jung.“ In: Wruck, Peter (Hg.): Literarisches Leben in Berlin: 1871–1933. Bd. 2. Berlin: Akademie-Verlag, 1987, S. 45–78.

Bose, Günter; Brinkmann, Erich (Hg.): Grosz, Jung, Grosz. Berlin: Brinkmann und Bose, 1980.

Chołuj, Bożena: Deutsche Schriftsteller im Banne der Novemberrevolution 1918: Bernhard Kellermann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Erich Mühsam, Franz Jung. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, 1991.

Fähnders, Walter; Hansen, Andreas (Hg.): Vom Trottelbuch zum Torpedokäfer: Franz Jung in der Literaturkritik 1912–1963. Bielefeld: Aisthesis-Verlag, 2003.

Greuner, Ruth: Gegenspieler: Profile linksbürgerlicher Publizisten aus Kaiserreich und Weimarer Republik. Berlin: Der Morgen, 1969.

Gröschner, Annett; Jung, Peter: Ein Koffer aus Eselshaut: Berlin – Budapest – New York. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, 2004.

Imhof, Arnold: Franz Jung: Leben, Werk, Wirkung. Bonn: Bouvier, 1974.

Klein, Alfred: Im Auftrag ihrer Klasse: Weg und Leistung der deutschen Arbeiterschriftsteller 1918–1933. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, 1976.

Ludwig, Martin H.: Arbeiterliteratur in Deutschland. Stuttgart: Metzler, 1976.

Maier-Metz, Harald: Expressionismus, Dada, Agitprop: Zur Entwicklung des Malik-Kreises in Berlin 1912–1924. Frankfurt/Main; Bern; New York u.a.: Lang, 1984.

Michaels, Jennifer E.: Franz Jung: Expressionist, Dadaist, Revolutionary and Outsider. New York; Bern; Frankfurt/Main u.a.: Lang, 1989.

Mierau, Fritz: Leben und Schriften des Franz Jung. Eine Chronik. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, 1980.

Mierau, Fritz: Das Verschwinden von Franz Jung: Stationen einer Biographie. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, 1998.

Mierau, Fritz (Hg.): Almanach für Einzelgänger. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, 2001.

Peter, Lothar: Literarische Intelligenz und Klassenkampf: ‚Die Aktion‘ 1911–1932. Köln: Pahl-Rugenstein, 1972.

Raabe, Paul: Ich schneide die Zeit aus: Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts „Aktion“ 1911–1918. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1964.

Rector, Martin: „Franz Jungs literarische Arbeiten der ‚roten Jahre‘.“ In: Fähnders, Walter; Rector, Martin: Linksradikalismus und Literatur. Bd. 1. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 160–220, 1980.

Rieger, Wolfgang: Glückstechnik und Lebensnot: Leben und Werk Franz Jungs. Freiburg im Breisgau: Ça-Ira-Verlag, 1987.

Schmidt, Karl-Wilhelm: Revolte, Geschlechterkampf und Gemeinschaftsutopie: Studien zur expressionistischen Prosa Franz Jungs und Curt Corrinths. Frankfurt/Main; Bern; New York u.a.: Lang, 1988.

Schulenburg, Lutz (Hg.): Der Torpedokäfer: Hommage à Franz Jung. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, 1988.

Schürer, Ernst (Hg.): Franz Jung: Leben und Werk eines Rebellen. New York; San Francisco; Bern u.a.: Lang, 1994.

Stucki-Volz, Germaine: Der Malik-Verlag und der Buchmarkt der Weimarer Republik. Bern; Berlin; Frankfurt/Main u.a.: Lang, 1993.