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Karl Korsch (1886-1961)

Karl Korsch (geb. 1886 in Tostedt/Deutschland; gest. 1961 im Exil in den USA) zählt neben Georg Lukács und Antonio Gramsci zu den wichtigsten Vordenkern des Neomarxismus der Zwanziger Jahre. In München, Genf, Berlin und Jena studierte Korsch Jura und Philosophie. 1911 promovierte er an der Universität Jena bei Professor Heinrich Gerland – dem späteren Mitbegründer der liberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP) – mit einer juristischen Arbeit unter dem Titel „Die Anwendung der Beweislastregeln im Zivilprozeß und das qualifizierte Geständnis“. 1912 wurde er Mitglied der SPD, in der er sich zunächst dem reformorientierten Flügel um Eduard Bernstein verbunden fühlte. Im selben Jahr begab er sich auf eine zweijährige Forschungsreise nach London. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Korsch 1914 als Soldat eingezogen, verweigerte jedoch nach kurzer Zeit an der Front den Kriegsdienst.
Die Einheit von Theorie und Praxis als zentrales Anliegen seiner politischen Philosophie versuchte Korsch auch in seiner persönlichen Entwicklung durchzuhalten, indem er sich mit gleicher Intensität als Politiker und Wissenschaftler betätigte. 1918 gehörte er zu den Initiatoren des Arbeiter- und Soldatenrates in der thüringischen Stadt Meiningen. 1919 wechselte er von der SPD zur USPD und über deren linken Flügel im Jahr darauf in die KPD. Im Herbst 1923 war er für knapp einen Monat Justizminister der Koalitionsregierung aus SPD und KPD in Thüringen. 1924 wurde er für die KPD in den Reichstag gewählt. Wegen seiner Kritik an der zunehmenden Stalinisierung der KPD wurde Korsch 1926 als „Linksabweichler“ aus der Partei ausgeschlossen. Er blieb jedoch bis 1928 Mitglied des Reichstages, wo er sich mit anderen aus der KPD-Fraktion ausgeschlossenen Abgeordneten zur Gruppe der „Linken Kommunisten“ zusammenschloss.
Korschs kompromissloser Sinneswandel vom Sozialdemokraten zum ultralinken Kommunisten stellte seine Hochschullaufbahn vor Schwierigkeiten. Zwar konnte er sich 1919 in Jena habilitieren und wurde dort 1923 zum Professor für Zivil-, Prozess- und Arbeitsrecht ernannt. Faktisch wurde ihm jedoch nach seiner kurzen Amtszeit als Minister von der neuen rechtskonservativen thüringischen Landesregierung die Ausübung seiner universitären Lehrtätigkeit verwehrt. So musste sich Korsch für seine kritische Wissenschaft andere Foren suchen. Er lehrte unter anderem an der „Marxistischen Arbeiterschule“ und beteiligte sich an der Gründung des später vor allem durch die Namen Horkheimer und Adorno bekannten gewordenen „Instituts für Sozialforschung“ in Frankfurt am Main.
Mit „Marxismus und Philosophie“ veröffentlichte Korsch 1923 eine seiner vieldiskutierten Schriften, mit der er das Verhältnis von marxistischer Theorie und revolutionärer Praxis auf unorthodoxe Weise neu bestimmen wollte. Kein Wunder also, das während der Studentenbewegung  der 1960er Jahre die Texte von Korsch eine beachtliche Renaissance erfuhren.

von Werner Treß