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Maria Leitner (1892-1942)

Maria Leitner wurde am 19. Januar 1892 in Varaždin, damals Österreich-Ungarn, heute Jugoslawien, geboren. Ihre Eltern waren Olga (geb. Kaiser) und Leopold Leitner. Die Familie siedelte nach Budapest über. Dort besuchte Maria Leitner die „Budapester Ung. Königl. Staatliche Höhere Mädchenschule“. Sie begann 1913 ihre journalistische Laufbahn bei dem Boulevardblatt „Az Est“ in Budapest.

Der Einfluss ihrer Brüder

Ihre zwei älteren Brüder sind vermutlich prägend gewesen für die ersten Jahrzehnte ihres Lebens. Leitners Bruder Maximilian (Dezember 1892-1941) war während der ungarischen Räterepublik Mitglied der Kommunistischen Partei und emigrierte zunächst nach Wien, später nach Berlin. Dort arbeitete er von 1927 bis 1930 im „Internationalen Sekretariat der Liga gegen den Imperialismus“. 1933 ging er als Antifaschist nach Moskau und war dort u. a. für die „Rote Gewerkschafts-Internationale“ tätig.
Der zweite Bruder Johann (1895-1925) wurde, unter den Namen John Lasen und János Lékai, ein bekannter Schriftsteller und Politiker. Er war zudem einer der Gründer der ungarischen kommunistischen Jugendbewegung. Im Frühjahr 1922 wurde er im Auftrag der Kommunistischen Partei Ungarns in die USA gesandt, um für die Arbeiterbewegung tätig zu sein. An der Seite ihrer Brüder wurde Maria Leitner eine politisch engagierte Journalistin.

Scheitern der Räterepublik, Flucht und Ullsteinverlag

Während der Räterepublik wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei und engagierte sich für die revolutionäre Jugendbewegung. Die Autorin arbeitete, nach ihrer Flucht nach Wien und vor dem Terror der Konterrevolution, weiterhin für die Jugendbewegung. Im Jahr 1920 war sie Jugenddelegierte auf dem 2. Kongress der „Kommunistischen Internationale“ in Moskau. Bis 1921/22 arbeitete sie unter anderem in Berlin beim Verlag der Jugendinternationale als Übersetzerin in dem englischen Büro.

Ab der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre sind mehrere längere Aufenthalte in Amerika bekannt. Sie arbeitete dort im Auftrag des Ullsteinverlages. Es entstanden einige Reportagen, Romane und Aufsätze, in denen sie nur das aufschrieb, was sie mit eigenen Augen gesehen hat oder selbst erlebt hat. Der Medienkonzern Ullstein war zu dieser Zeit kapitalträchtig genug, um flexible und fähige Berichterstatter in alle Länder zu schicken, um seinem Leserpublikum Neues zu bieten. So konnte Leitner ihren Lebensunterhalt sichern und sich beruflich entwickeln. Der Ullsteinverlag schrieb Folgendes zu Leitner: „Wir haben unsere Mitarbeiterin Fräulein Maria Leitner mit der schwierigen Aufgabe nach Amerika geschickt, die dortigen Erwerbsmöglichkeiten, die sich dem Europamüden in erster Linie bieten, durch das Opfer persönlicher Dienststellungen zu studieren“. Bis 1928 publizierte sie für den Berliner Ullsteinverlag Berichte aus Amerika, Südafrika und Lateinamerika.

Kommunistische Reportagen

Als gegen Ende der zwanziger Jahre die verlegerischen Tätigkeiten der KPD erfolgreicher wurden, verlagerte sich auch das Interesse der Maria Leitner. Ihre Reportagen wurden klassenkämpferischer. Ihre journalistische Tätigkeit war auf „Sehen und Wissen“ ausgerichtet. Somit führte ihr Weg in die Reihen des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands. Vermutlich ging Leitner 1930 nach Deutschland zurück. In Berlin war sie dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ beigetreten.
Ab dem Frühjahr 1931 wurden Reportagen in der kommunistischen Frauenzeitschrift „Der Weg der Frau“ veröffentlicht. Leitner waren diese Veröffentlichungen sehr wichtig: „ich glaube, daß der ’Weg der Frau‘ besonders geeignet ist, auch diese Frauen für die proletarische Sache zu gewinnen und ihnen die Lage klar zu zeigen…“. Leitner beobachtete nicht nur in fremden Ländern die Entwicklungen, sondern auch, mit wachsender Besorgnis, die in Deutschland. Als 1931 ein Teil des „Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller“ den Mut hatte, gegen die Pressenotverordnungen der Regierung und die reaktionären Tendenzen Im Hauptvorstand des „Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller“ zu rebellieren, befand sich auch Maria Leitner darunter. Als Folge dessen gehörte auch sie neben B. Brecht, J. R. Becher, A. Gabor, E. Mühsam, A. Seghers und E. Weinert zu den ausgeschlossenen Mitgliedern. Leitner berichtete in der folgenden Zeit für die „Welt am Abend“ über die soziale und politische Situation in Deutschland.
Aber auch das Thema der Lage der organisierten Arbeiterbewegung in den von ihr besuchten Ländern lässt sie nicht los. „Maria Leitner erwies sich ja gerade darin als proletarische Internationalistin“, so die Herausgeberin ihrer Schriften Helga W. Schwarz, „indem sie während ihrer Reisen und durch ihre Recherche dazu beitrug, daß die internationale kommunistische Bewegung auf Grund genauerer Analysen über die Lage der ausgebeuteten und Unterdrückten ihre Aktionen besser koordinieren konnte.“

Arbeit gegen das Naziregime

Ihre Recherchen in Deutschland waren gestützt auf die zentrale Frage, wie Hitler bei der Reichstagswahl im Juli 1932 die Mehrheit der Stimmen in den abgelegenen Dörfern gewinnen konnte. Nachdem Hitler 1933 Reichskanzler wurde und durch Göring das Demonstrationsverbot für die KPD und deren angeschlossene Organisationen erließ, wurden Presseverbote ausgesprochen, die die gesamte kommunistische Ruhrpresse zum Schweigen brachten. Maria Leitner erkannte, dass sie das Kleinbürgertum und die Angestellten mit ihren Artikeln ansprechen musste. Sie sah in der Arbeiterklasse die einzige Chance zur grundlegenden Veränderung der von ihr geschilderten menschenfeindlichen Zustände.
„Man müsste das deutsche Volk mit einer heldenhaften Tat aufrütteln – zum Beispiel Hitler im Reichstag erschießen“, so eine Äußerung von Maria Leitner zu ihrer Nichte 1933.
Nach den Wochen der Verhaftungswelle ging sie ins Ausland; sie musste sich in Sicherheit bringen. Ihre dortige antifaschistische Arbeit zeugt von einer aktiven Widerstandsbewegung. Ihr erster Aufenthaltsort im Ausland war 1934 Prag. Bald darauf ging sie nach Paris, wie viele andere Exilautoren. Im französischen Exil war sie Mitglied des seit Herbst 1933 bestehenden „Schutzverbandes deutscher emigrierter Schriftsteller“. Paris wurde eine der Zentralen des antifaschistischen Widerstandskampfes im Ausland. In Paris veröffentlichte Leitner unter Pseudonymen, um ihre Existenz nicht weiter zu gefährden. „War doch den braunen Machthabern schon ihr Roman „Hotel Amerika“ aufrührerisch genug; sie verboten ihn bereits auf der „Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Reichsschrifttumskammer vom Oktober 1935. Diese Aufstellung basierte auf den „Schwarzen Listen“, die der Bibliothekar Dr. Wolfgang Hermann im Auftrag des „Verbandes Deutscher Bibliothekare“ und des „Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“ schon im März 1933 erstellt hatte.
Durch neuere Forschungen ist bekannt geworden, dass Maria Leitner bereits auf der ersten Liste erfasst wurde. Diese von Dr. Herrmann am 1. Mai 1933 zusammengestellte Liste zu der „Aktion wider den undeutschen Geist“ wurde direkt an die Studentenschaften weitergegeben.

Aufklärung im Ausland

Ihre Publikationen klärten das Ausland über die wesentlichen Tatsachen und Verhältnisse im faschistischen Deutschland auf. Diese Reportagen erschienen in einer Moskauer, einer Prager und  einer Pariser Zeitschrift und beruhten auf sorgfältigen Recherchen. Das lässt darauf schließen, dass sie mehrfach illegal nach Deutschland reiste, um die Realität dokumentieren zu können. Dabei lässt sich nicht genau rekonstruieren, ob sie im Auftrag einer Widerstandsorganisation handelte oder in Verbindung mit einer solchen stand. Ihr 1937 erschienener Roman „Elisabeth, ein Hitlermädchen“ zeigt Leitners persönlichen Einsatz im antifaschistischen Kampf. Sie hoffte, damit eine Gegenbewegung zu den in Deutschland nationalsozialistisch geprägten „Jungmädchenromanen“ etablieren zu können. Die wechselnden Stile ihrer Schriften – Reportage, Flugschrift, Unterhaltungsroman – zeigen, dass sie sorgfältig abwägte, mit welcher Literaturgattung sie wen erreichen konnte. Mit dem Roman zielte sie auf die Jugend in Hitlerdeutschland ab und forderte damit zum Nachdenken und Handeln auf.

Finanzielle Probleme

Ab 1938 geriet Maria Leitner in materielle Not. Dennoch schlussfolgerte sie in dieser schweren Lage: „Kann die Emigration nicht stolz auf ihre Literatur sein? Können die Vertriebenen, die Ausgeraubten nicht mit Recht fragen: sind nicht doch wir die Reichen geblieben – und sind nicht wir es die Deutschland beschenken?“ Schriftlich baten mehrere Kollegen, unter anderem Anna Seghers und Oskar Maria Graf, die „American Guild for Cultural Freedom“ um ein Arbeitsstipendium. Ihre Lage verschlechterte sich immer mehr, und so bat Maria Leitner den Generalsekretär der „American Guild“ mehrfach um finanzielle Unterstützung. In ihren Briefen hob sie stets das Fortschreiten ihrer Arbeiten hervor und kündigte neue Ideen an. Unter anderem ein Filmmanuskript „Krieg dem Krieg. Der Lebensroman Bertha von Suttners“, von dem sie sich die Veröffentlichung und Umsetzung in Amerika erhoffte. Diese Arbeit konnte leider bis heute nicht entdeckt werden, alles was man fand war die Tatsache, dass es für diese Arbeit ein Copyright gibt.

Versuch der Emigration in die USA

Im Mai 1940 wurde Leitner im Frauenlager „Camp de Gurs“ interniert. Sie konnte in einem unbewachten Moment mit anderen Personen fortgehen und so entkommen. Es begann für sie eine gefährliche Fahrt quer durch Frankreich. Immer wieder bat sie um ein Visum für Amerika, um der heiklen Lage zu entkommen. „Wie sieht es mit der Möglichkeit aus eines amerikanischen journalistischen Auftrages? – Das Beste wäre natürlich, wenn ich sobald wie möglich fort könnte (…). Mein Name kursiert hier auf verschiedenen Listen für Einreiseerlaubnis – außer der Quote nach Amerika (…). Auf dem amerikanischen Konsulat sagte man mir, daß ich, obgleich ich hier als Saarländerin gelte, unter die ungarische Quote fallen würde“. Dieser Brief von 1941 verdeutlicht die schwere und gefährliche Situation der Maria Leitner kurz vor ihrem Tod, der bis heute nicht geklärt werden konnte. Vermutlich wurde sie ein zweites Mal im Frauenlager „Camp de Gurs“ interniert. Sie schrieb an den Generalsekretär der „American Guild“: „Meine Lage ist jetzt wirklich schwierig: Ohne Mittel, abgeschnitten, muß ich befürchten, neu interniert zu werden, was für mich diesmal bedeutend ernsthaftere Folgen haben könnte“.

Würdigung

Sie erlangte zeitlebens weder literarischen Ruhm noch materiellen Wohlstand. „Zu bedenken ist dabei, daß diese Frau seit ihrer Jugend das Leben einer Emigrantin zu führen gelernt hatte und politisches Engagement für sie den Verzicht auf ein geruhsames Leben in Wohlstand einschloß“, so Helga Schwarz. Von Oskar Maria Graf würdigte sie als eine „sehr aktive antifaschistische Schriftstellerin, die nur wenige kennen (…) nicht nur eine gute Schriftstellerin, sondern eine der mutigsten und bescheidensten Frauen“ und auch die bekannte Anna Seghers nannte sie eine „begabte Schriftstellerin“ und eine „gute und tapfere Reporterin“. Zum gesamten Leben der aktiv kämpfenden Reporterin gegen den Faschismus bestehen noch Forschungslücken, die wahrscheinlich schwer zu schließen sind. „Was von ihr bleibt, ist ein schmales, aber interessantes Werk – gleichermaßen Vermächtnis und Mahnung.“
Die Literaturwissenschaftlerin Simone Barck resümierte sah das Hauptaugenmerk von Leitners literarischen Werken „auf den Lebensbedingungen der arbeitenden Frauen und Mädchen in verschiedenen Ländern“. Sie stellte „den Kampf um die Rechte der Frau dar als ein Teil des allgemeinen Kampfes um soziale Gerechtigkeit und ein menschenwürdiges Leben aller Arbeitenden“.

von Anja Hannemann

Literatur


Barck, Simone (Hrsg.): Lexikon sozialistischer Literatur : ihre Geschichte in Deutschland bis 1945. Stuttgart 1994.

Bircken, Margrid; Peitsch, Helmut (Hg.): Brennende Bücher. Erinnerungen an den 10. Mai 1933. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 2003.

Leitner, Maria, Hotel Amerika. Roman, Berlin und Weimar 1974.

Leitner, Maria, Elisabeth, ein Hitlermädchen. Erzählende Prosa, Reportagen und Berichte mit einem Nachwort H. W. Schwarz, Berlin und Weimar 1985.

Leitner, Maria, Eine Frau reist durch die Welt, Berlin 1986.

Schwarz, Helga: Maria Leitner – eine Verschollene des Exils?. In: Exilforschung, Bd. 5; 1987.

Schwarz, Helga W., Internationalistinnen. Sechs Lebensbilder, 1989 Berlin.

Treß, Werner: Wider den undeutschen Geist!. Bücherverbrennung 1933, Berlin 2003.