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Joseph Roth (1894-1939)

Joseph Roth (geb. 1894 in Brody/Galizien; gest. 1939 im Exil in Paris) wuchs in jenem nordöstlichen Bereich der österreichisch-ungarischen Monarchie auf, der heute zur Ukraine gehört. In der vorrangig jüdisch geprägten Kleinstadt Brody gehörte Joseph Roth zum vorletzten Jahrgang des „Kronprinz-Rudolf Gymnasiums“, der die Matura noch in der Unterrichtssprache Deutsch ablegte. Lemberg, Wien, Berlin und das Exil in Paris waren die weiteren Stationen im tragischen Leben dieses herausragenden österreichisch-jüdischen Schriftstellers. Roth studierte Germanistik, er stand 1916 als Soldat Spalier beim Begräbnis von Kaiser Franz-Joseph I. An der Front in Galizien erlebte Roth als Soldat im Militär-Pressedienst das Ende des Ersten Weltkrieges.
Der Verlust der vertrauten Heimat, das Leben als Getriebener in der Fremde und die innere Zerrissenheit zwischen jüdischer Identität und so genannter Assimilation: Diese Motive waren auch Gegenstand der journalistischen und literarischen Werke von Joseph Roth, so zum Beispiel seine Romane „Hotel Savoy“ (1924), „Flucht ohne Ende“ (1927) oder der Essay „Juden auf Wanderschaft“ (1927). Die Sehnsucht nach Heimkehr ist ein zentrales Thema des 1930 erschienenen Romans „Hiob“, – einer literarischen Neuinterpretation der gleichnamigen Figur aus dem Alten Testament. Joseph Roth erzählt darin die Geschichte von Mendel Singer, der in Galizien zusammen mit seiner kinderreichen Familie das Dasein eines verarmten, jüdischen Dorfschullehrers fristet. Mit der Geburt seines jüngsten, schwer kranken Sohns Menuchim beginnt die Unglücksgeschichte von Mendel Singer. Die Familie wird auseinander gerissen. Bei der Auswanderung nach Amerika muss Menuchim zurück gelassen werden, was Mendel nie verwindet. Es kommen weitere Schicksalsschläge hinzu. Mendels Sohn Sam fällt im Krieg, seine Frau Deborah stirbt vor Gram, seine Tochter Mirjam verfällt dem Wahnsinn. Im schlimmsten Zustand der Verzweiflung, als Mendel Singer sich aus Verbitterung von Gott abwenden will, bekommt er die Nachricht, dass ein Dirigent Namens Alexej Kossak nach ihm suche. Es ist ein Lied, das die nahende Erlösung Mendels ankündigt: „Menuchims Lied“.

von Werner Treß