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Rahel Sanzara (1894-1936)

Rahel Sanzara (Pseudonym für Johanna Bleschke) wurde am 9. Februar 1894 in Jena geboren. Als das älteste von vier Kindern eines Stadtmusikers besuchte sie eine höhere Töchterschule mit angeschlossenem Handelsschuljahr. Im Jahr 1912 folgte eine Buchbinderlehre in Blankenburg im Harz. Ein Jahr später zog sie nach Berlin und lernte dort den Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß kennen. Mit ihm blieb sie über zwanzig Jahre verbunden. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und entsprechender Tätigkeit 1914/15 machte sie bei Rita Saccheto eine weitere Ausbildung, diesmal zur Tänzerin. Sie hatte einige Auftritte in Tanzpantomimen.
1917 gab sie ihr Debüt in einem Film, danach absolvierte sie ihre Schauspielausbildung bei Otto Falckenberg in München. Sie trat auch in Ernst Weiß‘ Drama Tanja in Prag auf. Ab 1921 war sie am Hessischen Landestheater in Darmstadt engagiert. Ihre Bühnenlaufbahn umfasste große Rollen wie Maria Stuart und Hauptrollen in Stücken von Wedekind, Hamsun oder Sternheim.
Ihre Bühnenkarriere endetemit einem Misserfolg. Vergeblich wurde versucht, den Erfolg von 1919 mit Tanja zu wiederholen. 1924 fielen Stück und Schauspielerin bei Kritik und Publikum gnadenlos durch. Sie zog sich deswegen vom Theater zurück. Man vermutet, dass durch den Schock über das plötzliche Ende ihrer Schauspielkarriere Sanzara mit dem Schreiben begann. 1926 erschien mit großem Erfolg ihr Erstlingsroman Das verlorene Kind als Buch und erregte großes Aufsehen wegen des grausamen Themas eines Sexualmordes an einer Vierjährigen. Die Geschichte, die davon berichtet, wie eine glückliche Familie durch den Tod eines Kindes zerbricht, wurde von prominenten Zeitgenossen wie Carl Zuckmayer oder Gottfried Benn mit großer Begeisterung gelobt. Albert Ehrenstein sagte: „Das verlorene Kind scheint mir das beste Prosawerk zu sein, das von einer deutschen Dichterin während der letzten Jahrhunderte geschrieben wurde (…). Das Buch ist nämlich auf der ethischen Höhe eines Tolstois, eine sprachlich vollkommene Meisterleistung (…).“
Das verlorene Kind erreichte in kurzer Zeit mehrere Auflagen und wurde in elf Sprachen übersetzt. 1926 sollte der Autorin dafür der Kleist-Preis verliehen werden, aber sie lehnte ab. Ihre weiteren literarischen Arbeiten blieben ohne Erfolg. Die beiden anderen Werke Sanzaras gerieten völlig in Vergessenheit. Noch während der Nazi-Diktatur erschien ihr zweites Buch Die glückliche Hand in der Schweiz – ohne großen Erfolg. Die Hochzeit der Armen wurde nach dem Krieg von keinem Verlag veröffentlich und gilt heute als verschollen.
1927 heiratete Sanzara den jüdischen Börsenmakler Walter Davidsohn. Während der Nazi-Herrschaft emigrierte dieser nach Frankreich, sie aber blieb in Berlin. Rahel Sanzara starb am 8. Februar 1936 in Berlin an Krebs.

von Linda Kusuma Dewi

Seminararbeit

Rastig, Babett: Rahel Sanzara – Eine verbrannte Autorin [pdf]