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Helene Stöcker (1869-1943)

1869 in Elberfeld bei Wuppertal geboren, verließ Helene Stöcker ihre Familie als junge Frau und ging nach Berlin. Nachdem sie eine Ausbildung zur Lehrerin absolviert hatte, verschaffte sie sich 1886 Zutritt als Gasthörerin an die Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin und gehörte somit zu den ersten Studentinnen. Sie besuchte Veranstaltungen der Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie. Die ausschließlich männlich dominierte akademische Umgebung, in der sich Helene Stöcker behaupten musste, diente ihr als Antrieb für ihre Engagement in der bürgerlichen Frauenbewegung, etwa im Kampf um die vollständige Legalisierung des Frauenstudiums. Sie engagierte sich in zahlreichen Initiativen, so gründete sie 1886 den Verein Studierender Frauen, in dessen Rahmen sie Vorträge u.a. über Friedrich Nietzsche und sein Frauenbild, sowie  1888 den Verein Frauenbildung – Frauenstudium. 1889/99 veranlasste sie die Liebe zu Alexander Tille ein Semester in Glasgow zu studieren, wo er den neu eingerichteten Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur erhalten hatte. Helene Stöcker bekam durch die dortige Goethe-Gesellschaft noch einmal die Chance, ihren Vortrag „Friedrich Nietzsche und die Frauen“ zu halten. 1899 ließ sie sich in Bern nieder, um 1901 über das Thema „Zur Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts. Von Winckelmann bis Wackenroder“ zu promovieren. Darauf war sie für 5 Jahre an der Lessing-Hochschule in Berlin als Dozentin tätig.
Ihr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit spiegelt sich in den pausenlosen Versuchen wieder, das bis dato tradierte einseitige Frauenbild als Mutter und Ehefrau durch die Gründung zahlreicher Initiativen und Vereine zu reformieren.  1901 begründete sie den „Verband für Frauenstimmrecht“ mit, 1903/04 übernahm sie die Redaktion der Zeitschrift „Frauenrundschau“, 1905 gründete sie den „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“, dessen Ziel die Verbesserung der sozialen und rechtlichen Lage von unehelichen Kindern und ihren Müttern war. Stöckers Idee vom Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, als auch ihre Überzeugung, dass die Liebe die einzig legitime Basis jeder sexuellen Beziehung sein sollte (und nicht die Ehe), propagierte sie als „neue Ethik“ in ihrer Zeitschrift „Mutterschutz“, die 1908 in  „Die neue Generation“ umbenannt wurde. Zudem  beharrte Helene Stöcker auf ein neues Familienrecht, Abtreibungsrecht und Recht für das uneheliche Kind gleich dem ehelichen. In ihrem Roman „Liebe“ schlug sich ihre Auffassung von der „neuen Ethik“ nieder. Nicht nur der unerlässliche Einsatz für eine Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch ihr unerschütterlicher Pazifismus, den sie in ihren Publikationen betonte, machten sie für die Nationalsozialisten zur  Feindin. Stöckers Abneigung dem Regime gegenüber spiegelt sich in folgendem Zitat wieder:

„Die Herrschaft dieser Gesinnung im Staate würde die Auflösung alles dessen bedeuten, was in jahrhundertelanger Arbeit bisher an menschlicher Kultur, an Gerechtigkeit, an Güte, an Achtung auch vor dem politischen Gegner errungen worden ist. Wird diese Menschheit – die deutsche Menschheit zumal – durch dieses Tal des Grauens, des Todes wirklich hindurch müssen? Arme verblendete, verhetzte Menschheit!“ (Die Neue Generation 27, 1931)

Am 28. Februar 1933 emigrierte Helene Stöcker, bedingt durch die sogenannte „Machtergreifung“ der Nazis, in die Schweiz. Ihre Manuskriptkiste wurden vernichtet, ihr gesamtes Geld beschlagnahmt. Ein Jahr später wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Über Schweden und die Sowjetunion wanderte sie 1941 in die USA aus. 1943 starb Helene Stöcker in New York, das Ende des Zweiten Weltkrieges hat sie nicht mehr miterlebt.

AutorIn: unbekannt