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Arthur Schnitzler (1862-1931)

Der erstgeborene Sohn des aus der ungarischen Provinz stammenden Kehlkopfspezialisten, Professor Johann Schnitzler, und seiner aus wohlhabendem Wiener Hause stammenden Ehefrau, Louise Markbreiter, kam am 15. Mai 1862 in Wien zur Welt. Seine geliebte Heimatstadt bot dem promovierten Arzt einen Brunnen, aus dem Schnitzler die Stoffe und Figuren für seine literarischen Arbeiten schöpfte. Sein Oeuvre atmet diese Wiener Lebensluft und lädt seinen Leser zu einem historischen Spaziergang ein, dessen Ziel stets das im impressionistischen Stil gemalte Gesellschaftsportrait aus der Zeit der Jahrhundertwende ist. Mit kritisch-analytischem Blick und psychologischem Feinsinn zeichnete Arthur Schnitzler Themen wie das Wiener Leben auf dem Boden einer ausgeborgten, einstmals großen Vergangenheit, den unaufhaltsamen Untergang der Donau-Monarchie mit ihren nationalen und sozialen Problemen, den Rückzug in die Innerlichkeit und die Konzentration der Menschen auf ihr Dasein zwischen Tod und Lebensgenuss, die nicht zuletzt aus der Endzeitstimmung und der Atmosphäre des fin de siècle hervorgingen.
Schnitzler beherrschte den Kunstgriff, die Psychologie der Menschen einer versunkenen Welt auf eine spezifische Weise aufzudecken und schließlich so zu inszenieren, dass der Leser von heute in den von Schnitzler genial gesetzten Freiräumen seinem Ich einen Platz zuzuordnen vermag. In diesem Sinne, schreibt der Literaturwissenschaftler Egon Schwarz, sei Arthur Schnitzler „ein Schriftsteller, der wie kein zweiter die Wiener Mythologie in sich aufnahm, sie bereicherte und weltläufiger machte, der sie aber auch kritisch durchmusterte und aufklärerisch entlarvte.“ Am 21. Oktober 1931 verstarb der „weltweite Heimatkünstler“ in „seinem“ Wien und entging so der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, die 1933 seine Bücher verbrannten und 1938 in Österreich einmarschierten.
Nachdem Arthur Schnitzler von November 1896 bis Februar 1897 die Dialogreihe „Reigen“ verfasste, notierte er am 19. Mai 1897 in sein Tagebuch: „Geschrieben habe ich den ganzen Winter über nichts als eine Scenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch auch nicht viel heißt, aber nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Theil unserer Cultur eigentümlich beleuchten würde.“ Die Einschätzung des Autors bestätigte sich in der von Skandalen umwitterten Publikations- und Aufführungsgeschichte. 1912 wurde die Uraufführung in Budapest verboten; erst 1921 wurde der „Reigen“ in Berlin am „Kleinen Schauspielhaus“ uraufgeführt. Diese, wie auch die folgenden Aufführungen in Deutschland und Österreich, nutzten national-konservative und völkische Kreise zur antisemitischen Hetze gegen den Autor und auch gegen das an der Inszenierung beteiligte Ensemble. Wegen der Beschimpfungen – „Pornograph“ und „jüdischer Schweineliterat“ – entschloss sich Schnitzler, das Stück für die Bühnen zu sperren.
„Liebesreigen“ – so der ursprüngliche Titel – ist eine zyklisch geformte Dialogreihe, die mit zehn Szenen arrangiert und mit zehn Figuren besetzt ist, von denen jeweils eine in der nächsten ausgetauscht wird, bis sich der Kreis wieder schließt. In den zehn Einaktern, die motivisch vom Davor und Danach geprägt sind, treffen sich die Figuren zur sexuellen Vereinigung, die nicht sprachlich fixiert, sondern mit Hilfe der berühmten Gedankenstriche „vielsagend“ angedeutet wird.
Das Personal bildet einen Querschnitt durch die Gesellschaft der Jahrhundertwende, in der die Moral zur Scheinmoral wird, indem die Sexualität konventionell an die Ehe gebunden ist, aber für die gelangweilten und von Leidenschaft getriebenen Menschen Lust und Liebe als Einheit nicht mehr existieren.
Während „Reigen“ einen der skandalträchtigsten Texte des 20. Jahrhunderts darstellt, gehört die Novelle „Lieutnant Gustl“, die in militärischen Kreisen ebenfalls für einen Skandal sorgte, vornehmlich wegen ihrer literarischen Gestaltung zu den herausragenden Werken Schnitzlers. Die ausschließliche Verwendung des inneren Monologes ging als Premiere in die Literaturgeschichte ein. Eine scheinbar triviale Handlung löst das innere Drama des Leutnants aus, das in der Form eines Assoziationsflusses literarisch gestaltet wird. Der Offizier gerät nach einem geistlichen Konzert in das Gedränge an der Garderobe, stößt mit einem Bäckermeister zusammen und fühlt sich durch dessen Beleidigung „dummer Bub“ derart in seiner Ehre verletzt, dass sie in seinen Augen nur die Selbsttötung wiederherzustellen vermag, da er sich mit einem satisfaktionsunfähigen Gegner nicht duellieren kann. Der Autor entblößt mit dem Erzählprinzip des Bewusstseinsstromes seine hohle und sinnentleerte Hauptfigur, und führt zugleich die längst überholten Wertvorstellungen der staatstragenden Offizierskaste vor.

von Ira Fiona Sebekow