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Ilja Ilf und Jewgeni Petrow: 12 Stühle (1928)

Die Entdeckung des heiteren Realismus im sowjetischen Schelmenroman

Ilja IlfS und Eugen Petrows "12 Stühle", 1930 auf deutsch im Paul Zsolnay Verlag erschienen
Ilja Ilf und Eugen Petrows „12 Stühle“, 1930 auf deutsch im Paul Zsolnay Verlag erschienen

Die Urszene des kleinbürgerlichen Russland, das übrig geblieben war, nachdem die Oktoberrevolution das aristokratische Russland abgeschafft hatte, ist der Standesbeamte Ippolit Worobjaninow in der beschaulichen Kreisstadt N., der auf seinem täglichen Arbeitsweg über die staubige Hauptstraße zwei Bestattungsinstitute passiert und täglich zwei mal angesprochen wird: „Wie geht es denn Ihrer Frau Schwiegermutter, wenn die Nachfrage erlaubt ist?“ – „Hm, tja.“ – „Nu ja, gebe Gott ihre Gesundheit. Man hat’s sonst schon schwer genug, hol’s der Teufel!“

Diese dem Leben genauestens abgelauschte Urszene eröffnet das Romandebüt „12 Stühle“ (1928) vom Autorenduo Ilf-Petrow. In ihr konzentriert sich bei aller Verschmitztheit auch alle endlich liebevoll gewendete Verachtung des Alt-Überkommenen, die den Übergang der Sowjetliteratur von kampfeifernder Selbstversicherung der Revolution zu einem selbsthistorisierenden und schließlich heiteren Realismus markiert. Die Kleinbürger rebellieren nicht mehr gegen die rote Ordnung? Willkommen dann im Gesellschaftsportrait des neuen Russland der Revolution, „die sich ständig selbst kritisiert“ (Marx). Die Sargbauer der Kreisstadt N. arrivieren neuerdings leidlich und können also von Ilf-Petrow zur neuerlichen Begrüßung in der Literatur mit Kübeln eines Spotts bedacht werden, der nur um so genauer trifft, je weniger er noch ätzen muss.

Die Jagd nach dem diamantenen Glück

12 Stühle – einer birgt den Familienschmuck der ehrwürdigen Aristokratenfamilie Petuchow, die sich nach der Oktoberrevolution von Lebensmittelkarten (und dem Kriegskommunismus vorenthaltenen Speckreserven und Devisen) ernähren muss. „Sie haben uns alles genommen“, klagt 1928 auf dem Sterbebett Klawdija Petuchowa, freilich ohne nachzufragen, wohin das Genommene gegangen sei, denn der Schlund der Kommune ist dem altrussischen Grundrentier finsteres Einerlei. Darum auch hat Schwiegermutter Klawdija vorsorglich und heimlich, allen Umsturz vorauswitternd, in Klunkern angelegt und Familienschmuck zum Schätzwert von 70.000 Rubeln in einen von 12 Nussbaum-Stühlen eingenäht, die das ehemalige Stadthaus des Schwiegersohns in Stargorod vor der Revolution zierten. Klawdija flüstert ihr Geheimnis dem Schwiegersohn und Antihelden Worobjew (in dem Roman gibt es ausschließlich Antihelden, davon aber gleich ein Duzend) vom Sterbebett aus zu. Doch auch dem Dorfpopen, der auch schon bessere, nämlich vorrevolutionäre Zeiten erlebt hat, beichtet sie – schon ergibt sich die Konkurrenz-Konstellation, die den abenteuerlichen Reiseroman über eine rasante Jagd nach diamantenem Glück in jeder folgenden Zeile fest trägt.

Leben ohne zu arbeiten – diesem in den 12 Stühlen vergegenständlichten Traum jagen alsbald nicht mehr nur Schwiegersohn und Pope nach. Auftritt „der große Kombinator“ Ostap Bender, die schillerndste Figur des Romans, unverdrießlich gewitzter Gauner und Gentleman. Von Worobjew für Schmutzarbeiten zur Erlangung der Stühle herangezogen, die von der Kommune beschlagnahmt und in alle Welt zerstreut sind, wird Ostap alsbald dritte Partei im Wettlauf ums individuelle Glück. Seine gaunerhandwerklichen und menschlichen Qualitäten geben viel reflektierendes Räsonnement zur Handlung, die durch die ganze Sowjetunion führt und über deren Ausgang nur so viel verraten sei, dass Ostap Bender im Folgeroman „Das goldene Kalb oder Die Jagd nach der Million“ (1931) die noch ehrgeizigere und noch schalkhaftere Hauptperson stellt – wie überhaupt alle Elemente und Effekte der „12 Stühle“ im „Goldenen Kalb“ noch erheblich gesteigert und zugespitzt sind.

Glücksritter unterm Sowjetstern

Die äußerste Gesellschaftlichkeit der Ilf-Petrowschen Satire wird durch das groteske Medium einer „negativen Apologie der Sowjetmacht“ garantiert, in der kein einziger Musterprolet auftreten muss, um die Hinfälligkeit und doch auch Berechtigung individualistisch beschränkter Glücksträume „zu entlarven“. In den Romancharakteren von Ilf-Petrow fließt schmierige, krämerhafte Gier so umstandslos mit Menschlichkeit, Lebensweisheit und Spuren von Individualität (im Falle Ostaps sehr ausgeprägten!) zusammen, dass unwillkürlich die Sehnsucht nach Verhältnissen aufgerufen wird, in denen die Schatzjäger ihr Glück nicht länger gegen das Glück der anderen sicherstellen müssen. Die Spannung der „12 Stühle“ beruht auch darauf, dass fraglich scheint, ob es überhaupt eine Jägerpartei gibt, der man die Brillanten mehr gönnt als den staatlichen Altersheimen und Klubhäusern, in denen die Kommune die Stuhlgarnituren der Zarenzeit verfeiert. Weil die Leserinnen und Leser ihre heillosen Antihelden bald lieben lernen, wünschen sie ihnen nicht nur Erfolg bei ihrer Schatzsuche, sondern auch dereinst eine Welt, die es den Antihelden ermöglichte, sich endlich als Helden zu verwirklichen, eine Welt mithin, in der die Liebe zum Reichtum auf die Füße des Gesellschaftlichen statt der vereinzelnden, existenzialen, gar blutrünstigen Leidenschaften der Privateigentümer gestellt wäre.

Mehrerlei Verfilmungen der „12 Stühle“

Das Sujet zu den „12 Stühlen“ stammt Ilf-Petrow zufolge mitsamt seinen gesellschaftskritischen Implikationen von ihrem Kollegen Valentin Katajew. Die durchheiterte, ja spritzige Ausmalung der glasklaren Fabel der „12 Stühle“, mit der sich Ilf-Petrow vom gelegentlichen Zeitschriften-Feuilleton zur (Schelmen-)Romanform herauf-emanzipierten und damit die über Michail Bulgakow hinaus klassische sowjetische Satire zu schmieden vermochten, inspirierte ein gutes Duzend Dramatisierungen und Verfilmungen. Auch die Nazis vergriffen sich an dem Stoff: Der „Vergnügungsfilm“ „13 Stühle“ von 1938 amputiert die gesellschaftskritische Dimension der uneingestandenen Vorlage so radikal, dass ernoch den Standard einer guten Boulevardkomödie deutsch-biederlich unterschreitet. Filmfreunden sei auch daher eher Mel Brooks‘ „12 Stühle“ von 1970 empfohlen, worin nicht vor dem sowjetischen Handlungsort zurückgeschreckt wird.

„12 Stühle“ auf dem Scheiterhaufen der Nazis

Ilja Ilf wurde von den Nazis als Jude betrachtet. Doch nicht jedes deutschsprachig erschienene Werk von sowjetischen Bürgern jüdischer Nationalität wurde 1933 verbrannt. Niemand unterstelle den Nazis kulturpolitische Fahrlässigkeit. „12 Stühle“ ist nicht etwa nur ein heiterer, eiferfreier Lobgesang auf die Sowjetmacht, sondern auch lebendige Schilderung individueller, individualistischer, gar anarchistischer Regungen in ihr. Der seit 1929 in mehreren deutschsprachigen Ausgaben erschienene Roman musste den Nazis daher dreifach „zersetzerisch“ erscheinen: als Vermittlung von 1. Freigeisterei und 2. Kommune durch 3. jüdische Autoren.

Zur Rezeption von Ilf-Petrow nach 1945

Wenn in der Bundesrepublik Deutschland immer noch an der Wiederaneignung der von den Nazis Gebrandmarkten laboriert wird, ist das schade genug und ein weiteres Dokument für die langfristigen Folgen der Naziverbrechen. Die Romane von Ilf-Petrow erschienen, anders als manch andere Werke, nach 1945, vor allem dank schweizerischer und DDR-Initiativen, zahlreich. Aktuell ediert der Eichborn Verlag Ilf-Petrow ausgiebig in seiner großzügig ausgestatteten, allerdings recht exklusiven „anderen Bibliothek“. Dabei spreizen sich die Editoren, als hätten sie den Mond entdeckt und nicht einen längst fälligen Anschluss an internationale Standards vollzogen. : Man will bei Eichborn u.a. entdeckt haben, dass in der DDR mit ihren Duzenden Ausgaben der „12 Stühle“ und des „Goldenden Kalbs“, zahlreichen erstveröffentlichten Kurzgeschichten sowie einem Sammelband „Beziehungen sind alles“ nicht immer der exakte Wortlaut der russischen Ausgaben wiedergegeben sei. Wenn verständliche Marketingnöte („erstmals vollständig erschienen!“ etc.) in die Unterstellung münden, als würden die hie von den Nazis verbrannten und dorten von der DDR gekürzten Werke Ilf-Petrows endlich wiederentdeckt, spricht daraus statt eines konkreten Bedürfnisses nach Wiederaneignung des von den Nazis Verpönten und Verbrannten eher die dunkel motivierte Lust auf Oppositionsstoff aus der Sowjetunion – ein Rezeptionsfokus, der sich dann doch recht eigentümlich von Leben und Werk Ilf-Petrows entfernt hat. Von diesen wenigen garstigen und selbstherrlichen Kommentaren abgesehen, ist die Ilf-Petrow-Lektüre natürlich auch in den besonders schicken Eichborn-Editionen – ein einziges, einzigartiges Vergnügen.

von Hans Hellbach