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Anna Seghers: Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft (1930)

Ein Fremder kommt in eine fremde Stadt. Er liebt diese Stadt, sie scheint ihm schon immer innerlich gewesen zu sein. Doch obwohl es anfangs scheint, als erfüllte er sich nur den Lebenswunsch, endlich seiner geliebten Stadt einen Besuch abzustatten, hat er einen speziellen Anlass, seinen Traum in die Tat zu verwandeln: „[…] Sacco – Vancetti – Proteste – Klassenjustiz […]“. „Man hat sie ins Totenhaus gebracht.“ Was diese Namen bedeuten, verschweigt der Text. Es muss etwas mit Amerika zu tun haben – soviel eröffnet sich dem Leser – es geht schließlich zur Amerikanischen Botschaft. Der Mann findet sich direkt nach Ankunft in der Stadt in einem Demonstrationszug auf dem Weg zur besagten Botschaft wieder, als Teil einer Viererreihe – scheinbar unfreiwillig trägt sie ihn durch seine Stadt, die er doch eigentlich für sich erkunden will, am liebsten nachts, wenn keine Menschen stören. Die Menschen seiner Reihe sind anfangs Fremde und bleiben es auch bis zum Schluss. Jeder von ihnen hat seine Sorgen und seine Geschichte. Obwohl die leidvollen Erfahrungen und der gemeinsame Protest ihrer aller Lebenswege sie zu verbinden scheinen- ein Austausch über individuelle Probleme findet nicht statt, obgleich sie alle Redebedarf zu haben scheinen.

Mann – Frau – Mann – Mann.

Anna Seghers' Auf dem Weg zur amerikanischen Botschaft, erschienen 1930 im Gustav Kiepenheuer Verlag
Anna Seghers‘ Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft, erschienen 1930 im Gustav Kiepenheuer Verlag

Der Fremde, der sich endlich einmal von seiner Familie befreit und seinen Traum verwirklicht, endlich einmal ausbricht, die Kraft hat, egoistisch zu sein. Marie, die eigentlich bei ihren Kindern sein sollte, und zwischen Arbeit, politischem Aktivismus, körperlichem Verfall, Regenerationsbedürfnis nach langen Arbeitstagen und Mutterrolle ihren Platz im Leben oder ihren Sinn im Leben nicht zu finden scheint. Der Mürrische, den seine Mitstreiter, trotz des gemeinsamen Kampfes, eher stören, als dass das gemeinsame Anliegen ihm seine Viererreihe näher bringt. Der Kleine, der so verbissen um Anerkennung kämpft. Sie alle bleiben sich fremd – kommen einander nicht näher, weil sie um einen Lebenssinn ringen, den eine feindlichen Umwelt ihnen allen verwehrt. Nur dieser Protest ist sinnstiftend. Wie zur Verkörperung dieser feindlichen Umwelt wird ihr Weg zur Amerikanischen Botschaft von Polizeischlägen und Schüssen begleitet, von Müdigkeit, trockenen Kehlen, herunterfliegenden Rollläden, Absperrungen. Es ist ein Weg, auf dem die Demonstranten beständig zurückgedrängt werden. Ein Weg, geprägt von Neuorientierung durch immer wieder andere kleine Gassen, von Erschlaffung und Straffung der mitgeführten Transparente, von aneinander gedrängt werden und auseinander gerissen werden. Und trotzdem diese Fremdheit, die zunächst unverständlich ist. Vielleicht liegt gerade in der Erklärung dieser nicht überwindbaren Fremdheit der Zugang zur Stärke dieser Erzählung, der Zugang zum realistischen und psychologischen Aspekt in der Erzählung Anna Seghers’. Es scheint ihnen an Kraft zu fehlen. Der raue Lebensalltag scheint diesen Luxus nicht mehr zuzulassen. Lediglich der Fremde, Außenstehende unternimmt einen Versuch, scheitert aber an misstrauischen Blicken und abwehrenden Gesichtern. Freude macht dieser Protest keinem von ihnen. Nur Angst und Mühe in ihren an Mühen so vollen Leben.

Am Schluss jedoch ist es „[…] unmöglich, dass es im ganzen Haus auch nur einen Winkel gab, in dem man sie nicht rufen hörte.“ Die Proteste erreichen ihr Ziel. Die Masse der Sinnsuchenden überwältigt die Polizeigewalt. Die Kraft der Schwachen hat gesiegt.

von Christian Flügel