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Franz Kafka: Beim Bau der chinesischen Mauer (1931)

Titelseite von Franz Kafkas "Beim Bau der chinesischen Mauer", erschienen 1931 im Gustav Kiepenheuer Verlag
Titelseite von Franz Kafkas „Beim Bau der chinesischen Mauer“, erschienen 1931 im Gustav Kiepenheuer Verlag

Indem ich im Laufe der Jahre viele tausend Seiten zur vermeintlichen Aufklärung dessen, was Kafka mit seinen Texten gemeint haben könnte, gelesen habe, wurde ich mit we­nigs­tens zwan­­zig unter­schiedlichen Interpretationsansätzen konfrontiert, bin jetzt zwar „nicht so klug als wie zuvor“, sondern klüger; das Geheimnis Kafka jedoch hat sich mir nicht gelüf­tet. Natürlich musste eine der Methoden die psycho-ana­lytische Literaturinterpretationsmethode sein, eine andere anagogisch in der Art des Vierfachen Schriftsinns der alten Scholastiker, eine weitere religionsphilosophisch (bei all den Advokaten, Schlössern und Mägden in seinen Texten!) Wegen der marxistisch-leninistischen Interpretationsmethode hatte es vor Jahren – aber immerhin nach Kafka! – einen heute vergessenen Streit gegeben. Man ging dann kabbalistisch vor, neuer­dings auch dekonstruktivistisch; warum eigentlich nicht auch lands­mannschaftlich? Und ein Ansatz ist gewiss  feministisch (um nur die ersten zehn zu nennen, die mir gerade einfallen). Die werkimmanen­te Methode versteht sich von selbst (heute flott zu „close reading“ umgewidmet), Positivismus ist immer angesagt.

Nach einem Gang also durch all dieses Bemühen überrascht mich demgegenüber noch im­mer die Wucht von zwei, drei oder vier Zeilen  originaler  Kafka : ein einziger Satz von ihm lässt all das interpretatorische Unterfangen, das sich bisher leider (für mich) als recht un­nütz her­aus­gestellt hat, weit hinter sich.

Ein kluger Mensch, Peter von Becker, sagt es unübertrefflich – braucht dafür aber parado­xer­weise wieder einmal immerhin fünf recht lange Zei­tungs­­spalten (in: Der Tages­spie­gel vom 2. Juli 2008): „Das Rätsel ist die Lösung“.

Der Erzähler scheint nicht bescheid zu wissen, warum sollte der Leser hinsichtlich der be­rich­teten  Pro­bleme klüger sein? Damit hat man sich Bitteschön! nun endlich abzufinden!

Das Faszinosum steckt in der real vorgefundenen Welt: Ein Riesenmaulwurf! und die Frau und die sechs Kinderchen des Lehrers, der ihn publik zu machen versucht, sind mit dem Vater zusammen bitter enttäuscht darüber, dass man sich für das Monstrum nicht interessiert, alle „Hoffnungen“ sind zerstört. (Welche eigentlich?) (Der Dorfschullehrer oder Der Riesenmaulwurf )

Oder folgender Beginn: „Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke […]“ (Das versteht man doch! Oder?) Aber „ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.“ Wobei das nicht eine Brücke sagt, was dann zu einem allegorischen Über­setzungs­vorgang führen würde, sondern ein Mensch mit Fußspitzen, Händen, buschigem Haupthaar, der als Brücke „arbeitet“. (Die Brücke)

Vielleicht notiere ich nur noch einige der Sätze aus den einzelnen Erzählungen und Fabeln, in denen das Ungeheuerliche in die Welt, die Kafka beschreibt, einbricht. Das Ungeheuerliche, Unerhörte, Unfassbare, Unbeschreib­li­che, sogar Haarsträubende, Unbegreifliche, Undurch­schau­bare, Unergründliche, Geheimnis­volle, Mysteriöse, Inkommensurable, schlicht Unvor­stellbare, eben Kafkaeske (zusammen­gesucht aus einem Synonymwörterbuch).

Da kommt nachts eine Taube ans Fenster geflogen, „aber groß wie ein Hahn“. Sie fliegt zum Ohr des Bürgermeisters von Riva am Gardasee (was es alles auf der Landkarte gibt) und sagt: „Morgen kommt der tote Jäger Gracchus, empfange ihn im Namen der Stadt“. Und die­ser tote Jäger beginnt dann, erst einmal auf einer Bahre ins Rathaus gebracht, auch sofort zu erzäh­len  … (Der Jäger Gracchus)

Oder (es berichtet ein Waldtier, das mit seinem Bau, so wunderbar der auch ausgedacht und hergerichtet ist, trotzdem Probleme hat): Es schläft,  und „erst aus dem letzten von selbst sich auflösen­den Schlaf werde ich geweckt, der Schlaf muß nun schon sehr leicht sein, denn ein an sich kaum hörbares Zischen weckt mich.“ (Der Bau) Und das Zischen wird das Leben des Tieres verändern!

Aber was ist nun nicht alles über das morgendliche Aufwachen und die sich daraus für die Protagonisten erge­ben­den gänzlich umgeworfenen Lebensplanungen geschrieben worden! So zum Prozess, so zur Verwandlung!

„Ich weiß nicht, schlug sie aus Mutwillen ans Tor oder aus Zerstreutheit oder drohte sie nur mit der Faust und schlug gar nicht.“ Der Ich-Erzähler, nicht etwa seine schlagende, nicht schlagende, nur drohende Schwester, sieht sich wegen dieser Untat (die vielleicht aber auch eben gar nicht getan ist) vor Gericht gezerrt und hat Schlimmstes zu gewärtigen. (Der Schlag ans Hoftor)

Auch Mythen lässt Kafka nicht unangetastet: „Nun haben aber die Sirenen eine noch schreck­lichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht ge-schehen, aber viel­leicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schwei­gen gewiß nicht.“ (Das Schweigen der Sirenen)

Im Zusammenhang mit dem babylonischen Turmbau: „Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem pro-phezeiten Tag, an wel­chem die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinander-folgenden Schlägen zer­schmet­tert wird.“ Die Babylonier aus dem Alten Testament schienen andere Probleme zu haben, wird dort erzählt. (Das Stadtwappen)

Die kurze Einführung in meine Lesart soll Kafka selbst beenden:

Kleine Fabel: „Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich end-lich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

von Frank-Volker Merkel