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Ludwig Lewisohn: Das Erbe im Blut (1929)

Ludwig Lewisohns "Der Erbe im Blut", Cover der Erstausgabe im Paul List Verlag Leipzig von 1929
Ludwig Lewisohns „Der Erbe im Blut“, Cover der Erstausgabe im Paul List Verlag Leipzig von 1929

„Bis gestern haben wir Amerikaner dahingelebt, als hätten wir keine Vergangenheit. In den Städten des Ostens gab′s wohl alte Familien, die Ahnenkultus trieben und in gelassener Vornehmheit stolz waren auf die Wahlsprüche ihrer Wappenschilder, aber die Kinder der Millionen hielten großen Kehraus und gebärdeten sich, als finge die Weltgeschichte mit den Tagen von Lexington an (dem Ausbruch der englisch-amerikanischen Zwistigkeiten um 1775), den Schießereien bei Bull-Run und Valley-Forge und der Stunde der Unabhängigkeitserklärung. Ich wollte, es wäre bei diesen glücklich-harmlosen Zeiten geblieben!“
So beginnt die deutsche Übersetzung von Ludwig Lewisohns Roman Das Erbe im Blut, dessen Originaltitel The Island Within lautet und in dem Lewisohn eine Geschichte über Liebe, Entfremdung, Enttäuschung und die Suche nach sich selbst erzählt. Der Roman bietet zugleich einen Abriss jüdischer Geschichte von 1840 bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von der Stadt Wilna, dem Inbegriff jüdischen Lebens in Osteuropa, begleitet Das Erbe im Blut vier Generationen von Mendels Familie, um bei dessen Urenkel Arthur Levy zu enden, dessen Schicksal den Hauptteil des Romans einnimmt. Arthurs Vater Jacob kommt als einer von vielen jüdischen Auswanderern nach New York und baut in den ersten Jahren ein Möbelgeschäft auf, das ihn nach anfänglichen Schwierigkeiten zu einem reichen Mann macht. Doch trotz des Wohlstandes ist er nicht glücklich und fühlt sich hin und her gerissen zwischen Tradition und Assimilation, dem großen Dilemma osteuropäischer Juden nicht nur im ‚Gelobten Land’, sondern überall in der Diaspora. Dieser Zwiespalt überträgt sich auf seinen Sohn Arthur, der fast an der Suche nach seinem wahren Ich zerbricht. Arthurs Ehe mit einer Christin geht in die Brüche und am Ende des Romans kehrt er zu seinen Wurzeln zurück und macht sich auf den Weg nach Osteuropa.

von Marlen Böhme