» D (Das Erbe… – Dritter Hof…)

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen", Titelseite der Erstauflage von 1932, erschienen bei Universitas Deutsche Verlags AG
Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“, Titelseite der Erstauflage von 1932, erschienen bei Universitas Deutsche Verlags AG

Irmgard Keuns Werk Das kunstseidene Mädchen schildert sarkastisch und gesellschaftskritisch in Tagebuchform ein Jahr aus dem Leben der 18-jährigen Doris in der späten Weimarer Republik. Zentrales Thema des Romans ist Doris‘ Bestreben nach Selbständigkeit, das Bedürfnis, für sich selbst zu sorgen, sich nicht klein kriegen zu lassen und sich zu behaupten.
Doris ist Sekretärin in einem Anwaltsbüro in einer Kleinstadt und mit ihrem Leben unzufrieden. Sie will die beengte und klägliche Welt ihres kleinbürgerlichen Milieus verlassen und ein „Glanz“ werden. Sie will freier leben und sie hofft, endlich sie selbst sein zu können. Da ihr jedoch die finanziellen Mittel fehlen, ist Doris von Männern abhängig. Ihr Kapital ist ihr Aussehen, ihr Körper und ihre Jugend. Um ihr Auskommen zu sichern, bewegt sie sich auf dem schmalen Grat zwischen gesellschaftlich anerkanntem Einsatz weiblicher Reize und offener Prostitution. Sie hat zahlreiche Affären, ohne jedoch ihre Träume verwirklichen zu können. Die Romanfigur trägt durchaus autobiographische Züge: Irmgard Keun hat sich dargestellt; sie hat aber auch typisiert und somit die politischen und sozialen Verhältnisse aus der Sicht der Frauen beschrieben.
Das Zweitwerk Keuns wurde von den Kritikern hoch bejubelt, doch bald wurde Irmgard Keun vorgeworfen, Robert Neumanns Roman Karriere plagiiert zu haben. Erst 1966 distanzierte sich Neumann von den Plagiatsvorwürfen.
Irmgard Keun bediente sich in ihrem Roman des Slangs der späten zwanziger Jahre, der sich vorwiegend an der gesprochenen Sprache und dem Film orientiert. Ihre Sprache ist kühl und unsentimental, das macht sie zu einer wichtigen Vertreterin der Neuen Sachlichkeit.
Das kunstseidene Mädchen avancierte bereits kurz nach seinem Erscheinen zum „Sommerbuch des Jahres 1932″. Auch das Ausland wurde schnell auf die junge Autorin, die am 06. Februar 1905 in Berlin geboren wurde, aufmerksam. Schon 1933 war das Buch in fünf Sprachen übersetzt worden, unter anderem ins Englische, Französische, Russische und Ungarische. Noch im selben Jahr wurden in Deutschland der Roman Das kunstseidene Mädchen und sein Vorgänger Gilgi, eine von uns von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und vernichtet. Den Nationalsozialisten galt Das kunstseidene Mädchen als ‚Asphaltliteratur‘ mit ‚antideutscher‘ Tendenz. Die Autorin präsentierte junge Frauen, die das Gegenteil des Hitler-Mädel-Ideals waren. Die Romane Irmgard Keuns waren, nach nationalsozialistischer Ansicht, Angriffe auf die bürgerliche Moral und das Deutschtum. Sie reagierte auf die Beschlagnahmung ihrer Romane mit einer Schadensersatzklage wegen Verdienstausfalls. Dadurch machte sie jedoch die Gestapo auf sich aufmerksam: Sie bekam in Deutschland Berufsverbot erteilt.
1936 ging Keun ins Exil nach Ostende/ Belgien, wo sie sich in ihren nachfolgenden Werken mit dem Alltag in Nazi-Deutschland und dem Leben im Exil auseinandersetzte.
Die Wirklichkeit des Exils, die Isolation und der Verlust von Freunden sowie der Schock des Kriegsausbruchs und bittere Armut lösten bei Keun schwere Depressionen aus, denen sie durch Alkohol zu entfliehen versuchte.
Nach dem Krieg versuchte Irmgard Keun wieder als Schriftstellerin Fuß zu fassen, jedoch konnte sie an ihre früheren schriftstellerischen Erfolge nicht mehr anknüpfen.
Ende der 1970er Jahre wurde Irmgard Keun, von der feministischen Literaturkritik nach endlosen Jahren des Vergessens wieder entdeckt. Ihre Werke wurden neu publiziert und sie erhielt 1981, ein Jahr vor ihrem Tod, den ersten Marieluise-Fleißer-Preis. Auch heute noch ist der Roman Das kunstseidene Mädchen so aktuell wie vor 70 Jahren, denn er zeigt detailgenau die Schere zwischen Arm und Reich auf.