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Rahel Sanzara: Das verlorene Kind (1926)

Das verlorene Kind ist eine Geschichte über ein glückliches Familienleben, das durch den bösen Trieb eines Menschen zerstört wird, einen Trieb, den eigentlich jeder Mensch hat. Diesen Trieb verkörpert in dieser Geschichte Fritz. Er ist der Mörder der kleinen Anna. Er ermordet sie nicht nur brutal, sondern versteckt auch ihre Leiche jahrelang.

Titelseite von Rahel Sanzaras "Das verlorene Kind", 1926 im Ullstein Verlag erschienen
Titelseite von Rahel Sanzaras „Das verlorene Kind“, 1926 im Ullstein Verlag erschienen

Wie kann ein Mensch derart böse sein? Diese Frage stellt man sich, wenn man von Fritz’ Tat liest. Ein wichtiger Grund, der zu nennen wäre, ist, dass Neid seine Handlung verursachte.
Fritz ist das uneheliche Kind der Magd Emma, die auch die beiden Söhne der Pächter zu pflegen hat. Seine Mutter spielt die Rolle der Mutter für die beiden anderen Jungen sehr gut. Fritz fällt seiner Mutter nie zur Last und ist übertrieben bescheiden und tapfer. Er hofft, durch seine guten Eigenschaften die Mutter für sich gewinnen zu können. Aber Emma liebt die beiden Söhne des Pächters anscheinend mehr als ihr eigenes Kind. Fritz ist schon als kleines Kind eifersüchtig, fühlt sich minderwertig und ungeliebt. Er findet aber Kompensationen in seiner Tüchtigkeit. Da er immer fleißig und hilfsbereit ist, wird er von den Erwachsenen immer gelobt.
Der Besuch seines Vaters verschlimmert seine Situation. Fritz wird von ihm verflucht und körperlich verletzt. Diese Art von Erniedrigung durch die Eltern wirkt besonders stark bei Fritz, der ständig nach Liebe und Aufmerksamkeit sucht.
Als die kleine Anna geboren wird, richtet sich die Aufmerksamkeit der Erwachsenen und besonders der Mutter nur auf sie. Diese Situation ist für Fritz bedrohlich. Anna wird für ihn als Gefahr wahrgenommen. Er beginnt, sie unbewusst zu hassen, weil er die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu verlieren droht. Aber als dreizehnjähriges Kind versteht er noch nicht, wie man ein Lebewesen vernichten wollen kann. Er begreift seinen bösen Trieb noch nicht ganz. Was er weiß ist, dass er eine starke Aggression gegenüber der kleinen Anna empfindet. Als er zum ersten Mal seinen Trieb spürt, hat er Angst. Er redet darüber mit niemandem und versucht ihn durch körperliche Arbeit auszulöschen.
Nach dieser Erfahrung wird er vollkommen scheu. Er meidet alle menschlichen Kontakte. Er lässt sich niemals vor Anna blicken. In seinem Alleinsein begreift er, dass er eine gefährliche, mörderische Seite hat. Er tötet aber noch niemanden. Er zeigt sogar noch seine gute Seite, als er einen kleines Vogel findet, der aus seinem Nest gefallen ist. Er pflegt den Kleinen, liebt ihn sogar. Sein Trieb scheint verschwunden zu sein.
Doch dann kommt es zu jener Begegnung mit der kleinen Anna: Er schenkt Anna den Vogel. Er begreift in diesem Moment auch, dass er Anna nichts übel nimmt. Nach dieser Begegnung wagt Fritz wieder, sich Anna zu nähern, schließlich ist sie ein liebenswürdiges Kind. Aber sobald er mit ihr in Berührung kommt, taucht seine böse Kraft aus ihm herauf an die Oberfläche und er begeht seinen ersten Mord. Er tötet zwar nicht Anna, aber den Vogel, der sich in einem Käfig bei Annas Bettchen befindet.
Er fühlt sich sehr erleichtert, weil er in durch die Tat Erlösung von seinem Trieb gefunden hat: Er muss töten, damit er empfinden und Frieden finden kann. Er empfindet keine Traurigkeit, als er den toten Vogel begräbt. Schließlich gehörte der Vogel nicht mehr ihm. Sein Herz ist ruhig.
Als Anna vier Jahre alt ist, geschieht etwas Furchtbares in der Familie: Das Geburtstagskind ist an diesem Tag plötzlich verschwunden. Niemand weiß, dass Fritz an diesem Tag Anna brutal ermordet hat. Niemand verdächtigt ihn, nicht der Herr und auch nicht seine Frau. Nur seine Mutter findet es am Ende heraus. Am vierten Geburtstag Annas empfindet Fritz eine unendliche Ruhe: Anna existiert nicht mehr. Wie es schon nach dem Mord an dem Vogel war, so fühlt er auch nach dieser Tat nichts. Sein Trieb ist plötzlich nicht mehr zu spüren. Keine Angst, keine Traurigkeit – nur die Unordnung fällt ihm auf. Er ist voll Blut. Er bringt schnell alles in Ordnung. Er begräbt Anna in der Scheune Nummer Vier. „Es muss Ordnung sein“, – das ist jetzt der seinen Geist beherrschende Trieb, wie vorher die grauenhafte Zerstörung der Trieb seines Körpers war. Alles ist in Ordnung: Anna ist begraben und würde von niemandem gefunden werden.
Dieser Tag verändert das Leben der Eltern im Tiefsten. Der Herr ist nur noch auf der Suche nach dem verlorenen Kind und nimmt sein Alltagsleben nicht mehr wahr. Seine Frau, die ihn so sehr liebt, ist durch dieses schreckliche Ereignis sehr verstört. Die beiden haben keinen Kontakt mehr zueinander. Die eheliche Beziehung geht kaputt, weil sie miteinander zu reden aufhören. Die beiden waren ein perfektes Paar, aber leider nur in glücklichen Tagen. In solcher tiefsten Traurigkeit vergessen sie, dass der andere ebenfalls traurig ist. Sie sind zwar noch ein eheliches Paar, leben aber seit dem traurigen Tag allein.
Die weitere Geschichte handelt von der Suche nach dem verlorenen Kind, das niemals lebendig gefunden wird. Die Frau stirbt nach den Monaten der Einsamkeit. Der Herr ist ständig unterwegs, versucht, dieses Ereignis zu begreifen, findet aber keine Antwort.
Fritz wird einige Jahre später verhaftet, gesteht die Tat aber nicht. Er ist ein brutaler Mörder, kann sich aber an nichts erinnern. Er wird entlassen und geht wieder nach Hause zu seiner Mutter, die ihm noch immer nicht verzeihen kann, und zu seinem Herrn, der für ihn immer wie ein Vater war. Der Herr begreift bis zum Ende seines Lebens nicht das Unglück, das ihm zugestoßen ist, versucht aber zu retten, was noch zu retten ist. Er nimmt Fritz wieder in auf, um ihn vor den anderen zu beschützen. Fritz ist der Mörder seines geliebten Kindes, er ist aber auch sein Sohn. Diese Versöhnung zwischen dem Herrn und Fritz ist sehr christlich geprägt.
Bei den Nazis fiel das Buch vor allem wegen des Namens seiner Verfasserin in Ungnade. Man vermutete, dass Rahel Sanzara eine Jüdin war, was nicht stimmte. Rahel Sanzara war nur der Künstlername der Frau, die in Wahrheit Johanna Bleschke hieß. Meiner Meinung nach ist das Buch wegen seines Inhalts verboten worden: Fritz war ein ordnungsliebender Mensch, hatte Disziplin und war vorbildlich in seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit. Diese Eigenschaften, die man in Fritz finden kann, waren eigentlich das Ideal der Nationalsozialisten. Sie waren überzeugt, dass ein idealer nationalsozialistischer Mensch solche Eigenschaften haben müsse. Bei vielen propagandistischen Reden wurde dieses Musterbild auch expliziert.
Fritz übernimmt aber in diesem Buch die Rolle des Antagonisten und wird so dargestellt, dass man ihn hassen muss. Viele nationalsozialistische Züge in Fritz wurden als das Böse bezeichnet. Dies könnten die Gründe dafür sein, dass das Buch auf der „Schwarzen Liste“ stand.

von Linda Kusuma Dewi