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Fritz Bernstein: Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung (1926)

Fritz (Peretz) Bernstein wurde 1890 in Meiningen geboren. Nach der Absolvierung eines Wirtschaftsstudiums verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt nach Rotterdam. Hier trat er 1917 der „Niederländisch-Zionistischen Vereinigung“ bei, wo er von 1924 – 1930 Schriftführer war, von 1930 – 1934 stand er ihr als Präsident vor. Zeitgleich war er als Herausgeber tätig.

Cover der Erstausgabe von Fritz Bernsteins "Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung, erschienen 1926 im Jüdischen Verlag
Cover der Erstausgabe von Fritz Bernsteins „Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung, erschienen 1926 im Jüdischen Verlag

Analytisch und stringent geht Bernstein in seinem Buch der Frage nach den Ursachen des sich als Gruppenfeindschaft äußernden Antisemitismus nach. So wird dem Leser bereits im ersten Kapitel, das zutreffend mit dem Titel „Babel der Terminologie“ überschrieben ist, vor Augen geführt, dass schon die Entstehungsgeschichte des Wortes Antisemitismus einer „wunderlichen Häufung von Unwahrscheinlichkeiten, Unbewiesenheiten und Unbeweisbarkeiten“ unterliegt. Es wird der Tatsache Nachdruck verliehen, dass der Antisemitismus sich primär, ja sogar ausschließlich, auf die „minderwertige Rasse der Juden“ – und nicht auf das gesamte semitische Volk bezieht.
Den Ausgangspunkt findet dieser Gruppenhass bei Bernstein in der Formierung einer Ideologie seitens einer bestimmten Gruppe. Dabei werden zum einen Freundlichkeitssentiments, welche mit einem internen Solidaritätsgefühl und der Potenzierung des individuellen Selbstbewusstseins einhergehen, in Richtung der eigenen Gruppenmitglieder bekundet. Zum anderen werden gegenüber Außenstehenden Unfreundlichkeitssentiments ausgedrückt, was durch ein ausgeprägtes Superioritätsgefühl begleitet wird. Dieser logische Ansatz beinhaltet bereits die zu erwartenden Konsequenzen: Sobald es nämlich zur Bildung einer Majoritätsgruppe – sei sie ethnischer oder politischer Art – komme, wird im nächsten Schritt Abneigung und Verachtung auf die Minoritätsgruppe projiziert. Mittels kollektiver Haftbarmachung wird die Übeltat des Einzelnen zur potenziellen Übeltat aller, werden Beschuldigungen künstlich ersonnen, wird eine Mitschuld an jeglichem Unglück konstatiert, um die vermeintliche Minderwertigkeit der Minoritätsgruppe zu propagieren. Der Wahrheitsgehalt spielt dabei keine Rolle. Möglichkeiten der Gegenwehr sind schier aussichtslos.
Es ist Bernstein wichtig, klar zu machen, dass die von ihm beschriebenen Mechanismen nicht ausschließlich auf „die Juden“ zu beziehen sind, sondern jeder Zusammenschluss von unterdrückten Personen als Minoritätsgruppe verstanden werden muss. Beinahe prophetisch aus heutiger Perspektive erscheint die Feststellung, dass die Minderheitengruppen, welche häufig der Verfolgung ausgesetzt sind, sich „partieller Vernichtung nicht immer durch die Flucht entziehen“ können.
Dem Übel des Antisemitismus beizukommen oder ihn gar beseitigen zu können, ist aus Bernsteins Sicht unwahrscheinlich, da es sich um eine vollständig irrationale Gruppenfeindschaft handele. Er kommt zu dem Schluss, dass das jüdische Volk sich einzig und allein durch die Bildung eines eigenen Staates dem Antisemitismus, wenn auch nicht vollständig entziehen, so sich ihm doch geschlossener gegenüber behaupten kann.

 

AutorIn: unbekannt