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Anna Seghers: Der Aufstand der Fischer von St. Barbara (1928)

Als 1928 das Buch Aufstand der Fischer von St. Barbara erschien, war Anna Seghers (1900 – 1983) eine unbekannte, junge und noch nicht politisch motivierte Autorin, die einige Jahre zuvor ihr Studium der Kunstgeschichte, der Geschichte und der Sinologie mit einer Dissertation über Jude und Judentum im Werke Rembrandts abgeschlossen hatte. Abgesehen von einer Sage aus dem Holländischen mit dem Titel Die Toten auf der Insel Djal, die 1924 in der Weihnachtsausgabe der Frankfurter Zeitung erschienen war, hatte man die Autorin eigentlich nur noch durch die Erzählung „Grubetsch“, ebenfalls in der Frankfurter Zeitung erschienen, kennen können. Das änderte sich jedoch im selben Jahr, als die Autorin mit dem Kleist-Preis, der zuvor an Autoren wie Bertold Brecht, Alfted Döblin oder Arnold Zweig verliehen worden war, ausgezeichnet wurde. Ebenfalls 1928 trat Anna Seghers der Kommunistischen Partei bei und engagierte sich bei der Gründung des Bundes für proletarisch-revolutionäre Schriftsteller. Anna Seghers, deren bürgerlicher Name Netty Reiling war, gehörte zu den Autoren, die Deutschland schon im Februar 1933 verlassen mussten: Sie emigrierte mit ihrer Familie über Paris nach Mexiko und kehrte 1947 nach Deutschland zurück.

Cover der Erstausgabe von Anna Seghers "Der Aufstand der Fischer von St. Barbara", 1928 im Gustav Kiepenheuer Verlag erschienen
Cover der Erstausgabe von Anna Seghers „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara“, 1928 im Gustav Kiepenheuer Verlag erschienen

In dem Buch Aufstand der Fischer von St. Barbara, das 1934 von Erwin Piscator und 1087/ 88 von Thomas Langhoff verfilmt wurde, erzählt Anna Seghers die Geschichte einer Gesellschaft von Fischern. St. Barbara ist ein karger und trister Ort an dem die Fischer mit ihren Familien ein trostloses Dasein fristen. Einzig in Desaks’ Schenke, dem am höchsten gelegenen Ort des Dorfes, können die Männer zusammentreffen. Das Mädchen Marie verbreitet dort eine besonders erotische Atmosphäre. Erst einem Fremden, dem der Ruf vorauseilt, in einem Nachbardorf einen Aufstand initiiert zu haben, gelingt es, das triste Leben der Dorfbewohner zu durchbrechen. Hull ist es jedoch schwer ums Herz, er ist von Zweifeln geplagt und fragt sich, warum er überhaupt nach St. Barbara gekommen war. Trotzdem gelingt es ihm, etwas in den Fischern zu bewegen, insbesondere in dem jungen Andreas und seinem alten Onkel Kedennek erwacht Widerstandsgeist. Dass der Aufstand scheitert und in den Augen der Fischer nichts weiter als etwas „Festes, Dunkles“ zurückbleibt, erfährt der Leser zu Beginn: „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara endete mit der verspäteten Ausfahrt zu den Bedingungen der vergangenen vier Jahre. Man kann sagen, dass der Aufstand eigentlich schon zu Ende war, bevor Hull nach Port Sebastian eingeliefert wurde und Andreas auf der Flucht durch die Klippen umkam. […] St. Barbara sah jetzt wirklich aus, wie es jeden Sommer aussah. Aber längst nachdem die Soldaten zurückgezogen, die Fischer auf der See waren, saß der Aufstand noch auf dem leeren, weißen, sommerlich kahlen Marktplatz und dachte ruhig an die Seinigen, die er geboren, aufgezogen, gepflegt und behütet hatte für das, was für sie am besten war.“
In einer zum 10. Jahrestag der Bücherverbrennung gehaltenen Rede hält Anna Seghers fest: „Daß wir den Jahrestag der Bücherverbrennung feiern, das allein zeigt, daß das verbotene Buch in dem Scheiterhaufen des 10. Mai statt zu Asche zu werden, geglüht und gehärtet wurde zu einer handfesten Waffe im Kampf gegen Hitler. Für uns in Mexiko fällt der 10. Jahrestag der Bücherverbrennung zusammen mit dem ersten Jahrestag der Verlagsgründung „Freies Buch“. […] Der Druckort Mexiko, der seinen Büchern vorgedruckt ist, wird auch, wenn die Schriftsteller selbst ihr Asylland verlassen haben, den künftigen Zeiten das Land angeben, in dem sie frei atmen konnten.“ Der Verlag Freies Buch (El libro libre), der anti­faschistischen Schriftstellern deutscher Sprache die Möglichkeit zur Veröffentlichung gab, war ein im mexikanischen Exil gegründeter Verlag. Zu dem Schriftstellerkuratorium gehörten neben Anna Seghers auch Egon Erwin Kisch, Ludwig Renn und Leo Katz.

von Barbara Schulte Wien

Literatur

Anna Seghers, Geglüht und gehärtet. Zum zehnten Jahrestag der Bücherverbrennung, in: Anna Seghers, Über Kunstwerk und Wirklichkeit, Bd. III, Berlin 1971, S.40-41.