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Klaus Mann: Der fromme Tanz (1925)

Damals wie heute war das Frühwerk des berühmten Schriftstellersohnes dem allgemeinen Vorwurf ausgesetzt, Klaus Mann habe sich als egozentrischer „Möchtegern-Literat“ stets weniger um die tagespolitischen Probleme der an Wirrnissen reichen Weimarer-Epoche als ausschweifend um die Darstellung seiner individuellen Sehnsüchte sowie die damit einhergehende Erfüllung der eigenen Ruhmsucht bemüht. Rückblickend konstatierte Mann, es sei naiv und ungehörig gewesen davon auszugehen, die in seinen stark autobiographischen Erstlingswerken dargestellte Lebenswelt wäre mit der einer ganzen Generation gleichzusetzen gewesen. Kaum verwunderlich, denn 1906 wurde Klaus Mann in die großbürgerliche Sicherheit einer unter zeitgenössischen Intellektuellen bereits wohlbekannten Familie hineingeboren. 
Durch die anregend-kosmopolitische Atmosphäre seines Elternhauses wurde Klaus Manns Lust an der Literatur früh geweckt und gefördert. Auch das liberale Umfeld der aufkommenden Reformschulen, an denen er einen Teil seiner Ausbildung genoss, scheint hieran Anteil gehabt zu haben. Die unmittelbaren Ängste der überwiegenden Zahl seiner Altersgenossen vor wirtschaftlicher und sozialer Not waren ihm damals fremd.  
Insofern sind Klaus Manns frühe Werke in erster Linie gekennzeichnet vom schwermütigen Typus des in der perspektivlosen Zwischenkriegsepoche heranwachsenden Jugendlichen, der in der scheinbaren Unüberwindbarkeit innerer Bewusstseinskrisen Zuflucht in einem exzessiv-lasziven Lebenswandel sucht:  
So ist es in Der fromme Tanz (1925) der Romanheld und Künstler Andreas Magnus, der an dem Versuch, die allgegenwärtige Verwirrung seiner Generation als einer „verlorenen Generation“ in einem Gemälde darzustellen, beinahe zerbricht. Kurz entschlossen tauscht er die Vertrautheit des väterlichen Elternhauses gegen die ungewisse Gefahrenwelt des Großstadtlebens ein. Hier trifft er bald auf andere Leidesgenossen, mit denen er gemeinsam in die Unterwelten der Bohème abtaucht: Armut, Prostitution und Drogen sind Erfahrungen, die es für Andreas zu erleben und zu erleiden gilt. Als Andreas schließlich den leichtlebigen Niels kennen lernt und seine Liebe zu ihm entdeckt, scheint er das „Eigentliche“, das seinem Leben bisher gefehlt zu haben schien, gefunden zu haben. Der heterosexuelle Nils kann Andreas’ Liebe jedoch nicht erwidern. Doch anstelle von Selbstmord, den der Roman an anderer Stelle als ebenso gute Lösungsstrategie für die Qualen einer unerfüllte Liebe anbietet, will Andreas die grausame Schönheit des Leben kennen lernen: Der junge Mann vertieft sich in die Welt der Literatur, nimmt seine künstlerische Tätigkeit wieder auf und setzt sich zum Ziel, die weite Welt zu erkunden. 
Klaus Mann inszenierte in seinem ersten Romanwerk sein „Coming out“: Der offene Umgang mit dem Motiv der gleichgeschlechtlichen Liebe, die damals laut Paragraph 175 noch unter Gefängnisstrafe stand, erregte vor allem das Aufsehen der prüden nationalsozialistischen Sittenmoralisten, die in diesem Zusammenhang später an dem Naziführer Ernst Röhm und der gesamten SA- Führung ein innerparteiliches Exempel statuieren sollten. Darüber hinaus stand die von Mann geschilderte Orientierungslosigkeit einer vom Krieg der Vätergeneration desillusionierten Jugend ganz und gar in krassem Widerspruch zur militärpolitischen Linie der NSDAP. 
Die Folgejahre lassen bei Mann einen Reifungsprozess erkennen, der zunehmend von politischer Stellungnahme gekennzeichnet war. Als einer der ersten Dichter verließ Klaus Mann am 13. März 1933 Deutschland und begann aus dem Exil heraus seinen Kampf gegen die neuen Machthaber Deutschlands; in der steten Bemühung um eine Einigung aller antifaschistischen Kräfte aus Kunst und Politik entstanden seine berühmtesten Exilwerke „Mephisto“ (1936) und „Der Vulkan“ (1939), die ihm schließlich die lang ersehnte Anerkennung als Schriftsteller einbrachten. Verstärkte Depressionen und eine Drogenabhängigkeit zeugen jedoch von der Ansicht Manns, seine schriftstellerische Tätigkeit sei nutzlos und ohne Folgen für das weltpolitische Geschehen seiner Zeit. Am 20. Mai 1949 setzte Klaus Mann seinem Leben ein Ende. Er sei „von dieser Epoche getötet“ worden, sollte später sein Onkel Heinrich Mann über ihn sagen (Vgl. Heinrich Mann, Briefe an Karl Lemke und Klaus Pikus, Hamburg o. J., S. 107).

von Nicole Nethel