» D (Das Erbe… – Dritter Hof…)

Wera Inber: Der Platz an der Sonne (1929)

„Ach, warum und wozu“

Es ist Spätsommer, als die Oktoberrevolution eine namenlose Küstenstadt in Südrussland erreicht. Viele Menschen fliehen, doch Wera Inbers Alterego, ihre kleine Tochter Kiska und das lettische Kindermädchen Julia Martynowna bleiben – bereit alle Widrigkeiten der neuen Zeit über sich ergehen zu lassen.

Buchcover von Wera Inbers "Der Platz an der Sonne", erschienen 1929 im Berliner Malik-Verlag
Buchcover von Wera Inbers „Der Platz an der Sonne“, erschienen 1929 im Berliner Malik-Verlag

Das jedoch gestaltet sich schwieriger, als erwartet. Inbers Erzählerin ist eine Künstlerin, ein Schöngeist, und zunächst scheint es so, als besitze sie nichts, das der Revolution, und nicht zuletzt ihr selbst, nützt. Niemand möchte ihren „schiefen“ Schmuck kaufen, und als der russische Winter mit aller Macht herein bricht, wird ihr sogar vorgeschrieben, welche Bücher sie verbrennen darf, und welche unbedingt im Bücherregal verbleiben müssen. So wird Shakespeare den Flammen übergeben, Puschkin und Gogol dagegen sind per Befehl geschützt.
Es ist ein harter Winter, der erst nach etlichen Widrigkeiten in den ersten Frühling eines neuen Zeitalters übergeht. Inbers Erzählerin nimmt Arbeit an, verliert sie bald darauf wieder, und widmet sich dann allerlei kleinen Nebentätigkeiten, die ihr Überleben, fernab eines Platzes an der Sonne, sichern soll. Sie stickt, sie hilft selbsternannten Fischern, sie züchtet Kaninchen und backt Pasteten, ohne jedoch damit zufrieden zu sein. Viele Dinge geistern ihr stattdessen im Kopf herum. Eines davon – „Was summt denn dadrin?“ – verfolgt sie lange. Sie versucht ihren Platz zu finden, ihre Talente dem neuen Russland zur Verfügung zu stellen, doch weder Vorlesungen über die Geschichte der Mode, noch ein mit Freunden gegründetes Theater scheinen das Richtige für sie zu sein.
Schließlich entscheidet sie sich, mit ihrer Tochter nach Moskau zu ziehen. Die Stadt, die ganz Russland in ihren Bann schlägt, inspiriert sie, und bald darauf beginnt sie, Kurzgeschichten zu schreiben. Noch existieren ihre Schöpfungen jeder für sich. Ihre Charaktere sind einsam, der Grundton melancholisch. Sie versteht nicht, warum keine der vielen Zeitungen ihre Werke abdrucken möchte – bis sie ein neues Lebensgefühl ergreift, und sie erkennt, dass der Platz an der Sonne in greifbare Nähe gerückt ist. Das „Wir“ ersetzt das „Ich“ und die Gemeinschaft hangelt sich einmütig zum Glück empor. Endlich scheint die ständige Rastlosigkeit des Romans ein Ende genommen zu haben, und auch Inbers Erzählerin hat ihren Platz an der Sonne gefunden.

„Der Platz an der Sonne“ ist ein ausdrucksstarkes Werk, dessen lyrische Bildhaftigkeit es vermag, jeder noch so kleinen Anekdote Leben einzuhauchen. Inber, die eine glühende Verehrerin Lenins war, besticht dennoch durch schonungslosen Realismus und beschreibt nicht nur die Neuerungen, sondern auch die Widrigkeiten einer Zeit der Umorientierung und des Umsturzes. Dabei wertet sie nicht, sondern überlässt es dem Leser, sich eine eigene Meinung über die Irrungen und Wirrungen der Revolution zu bilden.
Inber zeichnet genaue Portraits der Menschen ihrer Zeit und gibt ihre guten und schlechten Seiten detailgetreu wieder. Nicht jeder, nicht einmal die Erzählerin selbst, ist vollkommen. Selbst die glühendsten Anhänger der Revolution scheinen Fehler zu haben. So wirkt das Buch selbst niemals tadelnd oder belehrend, sondern erläutert – fast unbemerkt – den emotionalen Kern des kommunistischen Umschwungs.

AutorIn: unbekannt