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Kurt Tucholsky: Deutschland, Deutschland über alles (1929)

Cover von Kurt Tucholskys "Deutschland, Deutschland über alles", erschienen 1929 beim Neuen Deutschen Verlag
Cover von Kurt Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“, erschienen 1929 beim Neuen Deutschen Verlag

In Deutschland, Deutschland über alles versucht Tucholsky die hehren Parolen der politischen Gegner mit Bildern und Texten zu brechen. Dabei unterlegt er mit Hilfe John Heartfields scheinbar alltägliche Bilder von Menschen aller Schichten mit seinen kritischen Texten. Tucholsky ist sich allerdings der Probleme von Bild- und Textmontage durchaus bewusst. Bilder, so Tucholsky, haben immer mindestens zwei Ebenen, eine öffentliche und eine private.

Auf einem Bild amüsiert sich der bessere Mittelstand – aber es sind gleichzeitig die Herren A, B, C, D. und ihre Damen. … Kritisiert man nun eine der Figuren für eine spezielle Schicht, so trifft dies vielleicht auf diese Schicht zu, aber es muss nicht unbedingt die Person A, B oder C. genau charakterisieren (Deutschland, Deutschland über alles, S. 11).

Es ist also die Frage nach der Angemessenheit und Ähnlichkeit der Bilder ebenso zu klären, wie die Gewichtung der Bild- und Textteile zum Zwecke der Gesellschaftskritik.
Inhaltlich setzt sich Tucholsky mit den finanziellen und psychologischen Auswirkungen auf die Opfer des Ersten Weltkrieges sowie deren Hinterbliebenen auseinander. Gleichzeitig warnt er die Gesellschaft vor den Folgen des immer noch latenten Militarismus, des Revanchismus und der Geschichtsfälschung.
Ein weiteres Ziel der Kritik von Tucholsky ist die Justiz, welche unverhältnismäßig hohe Strafen für linke Gewalttäter aussprach, während rechtsgerichtete Täter oft ungeschoren für Morde an Politikern und linken Aktivisten davonkamen (Deutsche Richter von 1940).
Auch die Stellung der Kirche als Hort konservativem bis revanchistischen Gedankenguts wird in mehreren Beispielen kritisch hinterfragt.
Am Ende seines Werkes plädiert Tucholsky für eine Heimatverbundenheit jenseits von Politik und Staat, jenseits von monströsen Denkmälern und Schlössern, jenseits von nationalistischem Pathos, jenseits von Parolen und Geschichtsfälschung seitens der Schulen. Es solle Deutschland eine Heimat sein, in der sich Pazifisten und Linke ebenso wohlfühlen können wie Konservative.

von Markus Scharrer