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Hellmut von Gerlach: Die große Zeit der Lüge (1926)

Cover von Hellmut von Gerlachs "Die große Zeit der Lüge, 1926 im Verlag der Weltbühne erschienen
Cover von Hellmut von Gerlachs „Die große Zeit der Lüge, 1926 im Verlag der Weltbühne erschienen

Hellmut von Gerlach (1866-1935), Chefredakteur und Leitartikler der linksdemokratischen Wochenzeitung Welt am Montag, war ein engagierter Kämpfer gegen Krieg und Gewalt in seiner Zeit. Er wandelte sich vom Antisemiten und Nationalkonservativen zu einem überzeugten Demokraten und Pazifisten. Neben seinen diversen journalistischen Tätigkeiten betätigte er sich in der Politik und galt auch international als bedeutender Pazifist seiner Zeit.
In der Öffentlichkeit trat er für eine Aussöhnung der Deutschen mit Frankreich und Polen ein und stritt für den Erhalt der Republik. Frühzeitig bezog er in seinen Artikeln Stellung gegen den Nationalsozialismus und titulierte die Braunhemden als politische Schädlinge.
Mit der ›Machtübernahme‹ der NSDAP sah sich Gerlach gezwungen, alles zurückzulassen und ins Exil nach Österreich zu fliehen. Nach einer Einladung der französischen Liga für Menschenrechte siedelte er nach Paris über und setzte sein journalistisches und pazifistisches Engagement fort. Bis zu seinem Tod im Jahr 1935 warnte Gerlach auf Vortragsreisen eindringlich vor dem nationalsozialistischen Regime und versuchte, Widerstand gegen die Hitlerdiktatur zu organisieren
Sein Buch Die große Zeit der Lüge, das in Kapiteln auch in der Welt am Montag erschienen ist, ist ein lebendiger Erlebnisbericht, der die Atmosphäre und Mentalität während des ersten Weltkrieges in Deutschland beschreibt. Gerlach schildert, wie mittels gezielter Nichtunterrichtung und Fehlinformation durch amtliche Stellen die Bevölkerung in eine Kriegspsychose verfiel und das Land sich in ein „Tollhaus“ verwandelte. Die Kriegsbegeisterung, die Gräuelpropaganda, der Englandhass und die Kriegspropaganda der Theologen, Dichter und Politiker werden ebenso thematisiert wie die Verfolgung von Pazifisten und die Not der Bevölkerung.
Aufschlussreich sind die Einblicke Gerlachs in die vorherrschenden Umstände besonders da, wo er von ihnen unmittelbar betroffen war: so sah er sich als Journalist persönlich mit dem Zensursystem konfrontiert. Er berichtet über seine Tätigkeit und erläutert, wie man trotz erdrückender Zensur seine Leser dazu erziehen könne, zwischen den Zeilen zu lesen und das Krieggeschehen kritisch zu bewerten. Es handelt sich daher um eine sehr persönliche Bilanz des ersten Weltkrieges, die dem Leser einen Einblick in die Alltagswelt dieser Zeit gewährt und es ermöglicht, sich dem Pazifisten Hellmut von Gerlach zu nähern.

AutorIn: unbekannt

Literatur

Fabian, Walter: Die Kriegsschuldfrage. Grundsätzliches und Tatsächliches zu ihrer Lösung, Leipzig: Oldenburg 1925.
von Gerlach, Hellmut: Von rechts nach links – Eine Autobiographie, Paris 1937.

Hellmut von Gerlach (1866-1935), Chefredakteur und Leitartikler der linksdemokratischen Wochenzeitung