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Walter Fabian: Die Kriegsschuldfrage (1925)

„Aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen“

Kaum eine Kontroverse wurde so emotional geführt wie die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Sie polarisierte, spaltete die Gesellschaft der Weimarer Republik, und trug damit entscheidend zum Aufstieg des Nationalsozialismus bei. Walter Fabian erkannte frühzeitig, dass die Kriegsschuldfrage auch zu einer neuen Vergiftung der Völkerbeziehungen führen konnte und sie somit eine „Waffe in der Hand des internationalen Nationalismus“ war. Daher versuchte er, der von machtpolitischen Absichten geleiteten Diskussion eine sachlich orientierte Darstellung entgegenzusetzen. Das Vorwort des 1925 veröffentlichten Buches Die Kriegsschuldfrage – Grundsätzliches und Tatsächliches zu ihrer Lösung unterschrieb er: „Berlin, am Tage nach der Wahl Hindenburgs zum Präsidenten der Republik“.

Titelblatt von Walter Fabians "Die Kriegsschuldfrage", hier im Reprint von 1985 bei Donat & Temmen
Titelblatt von Walter Fabians „Die Kriegsschuldfrage“, hier im Reprint von 1985 bei Donat & Temmen

Fabians Analyse der historischen Prozesse beginnt mit den Fehlern und Fehlerquellen der deutschen Außenpolitik nach Bismarck. Er geht darin neben der Bündnispolitik (Dreibund und Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages) auch auf den deutschen Militarismus, insbesondere auf den Flottenbau und den damit beginnenden Gegensatz zu Großbritannien, ein. Im Zuge dessen wird ebenso der Einfluss und die Verantwortung des Kaisers Wilhelm II. berücksichtigt.
Im weiteren Verlauf stellt er die Konfliktsituation am Vorabend des Weltkrieges dar und erläutert die Geschehnisse vom 28. Juni bis zum 3. August 1914. Fabian weist entgegen der damals in Deutschland propagierten Unschuldsthese detailliert nach, dass das Deutsche Reich die entscheidende Verantwortung für die Konfrontation in der Julikrise 1914 hatte. Dabei beruft er sich bewusst ausschließlich auf offizielle Dokumente der Mittelmächte, um dem Vorwurf der Parteilichkeit vorzubeugen.
Anhand der Entscheidungen zur so genannten Blankovollmacht für Österreich und zu einem harten Vorgehen gegen Serbien macht Fabian die potentielle Kriegsbereitschaft des Deutschen Reiches deutlich. Die bewusste Formulierung eines für Serbien unannehmbaren Ultimatums und die sich anschließende Ablehnung des verblüffend weitgehenden Entgegenkommens seitens der Balkanrepublik führten in der Folge zur weiteren Eskalation.
In den zwei sich anschließenden Kapiteln führt er wissenschaftliche Auseinandersetzungen zum einen mit den Thesen des Grafen Montgelas, einem renommierten Historiker seiner Zeit, zum anderen mit einer Aktenpublikation der deutschen Regierung zum diplomatischen Schriftwechsel Iswolskis, dem russischen Botschafter in Paris von 1911-1914, durch. Er wendet sich darin vehement gegen die These der Unvermeidbarkeit des Krieges und entkräftet die in der deutschen Aktenpublikation erhobene Anschuldigung, Russland und Frankreich hätten einen Angriffskrieg gegen Deutschland vorbereitet. Die dadurch begründete These eines erzwungen Präventivkrieges ist demnach ebenso wenig haltbar.
Die Darstellungen Walter Fabians aus dem Jahr 1925 entsprechen inhaltlich weitgehend dem aktuellen Forschungsstand. Sie sind fundiert und halten auch formell heutigen Maßstäben stand.
Der Historiker Fritz Fischer meinte im Nachwort zur 1985 erschienen Neuauflage: „Dass ein junger, historisch gebildeter und politisch engagierter Publizist eine so fundierte und kritisch überlegte Darstellung der Kriegsschuldfrage schreiben konnte, verdient auch aus der Sicht der 60 Jahre später Lebenden und Lesenden eine hohe Anerkennung. Was wäre Deutschland erspart geblieben, hätten damals seine Einsichten ein größeres Echo gefunden. Es ist nicht geschehen. Auch nach der zweiten Katastrophe Deutschlands ist diese Arbeit noch zu leisten, hat doch gerade die gedanklich selbstverantwortliche Nichtbewältigung der ersten die zweite möglich gemacht.“

von Stefan Seiffert

Literatur

Fabian, Walter: Die Kriegsschuldfrage – Grundsätzliches und Tatsächliches zu ihrer Lösung. Bremen, Donat 1985.