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Franz Jung: Die rote Woche (1921)

Franz Jungs "Die rote Woche", erschienen 1921 im Malik-Verlag mit Illustrationen von George Grosz
Franz Jungs „Die rote Woche“, erschienen 1921 im Malik-Verlag mit Illustrationen von George Grosz

Der Roman Die Rote Woche ist 1921 im Malik-Verlag erschienen. Er gehört zur Verlagsreihe  „Rote Roman-Serie“, die zwischen 1920 und 1924 veröffentlicht wurde und 13 Bände umfasst. Erneut herausgegeben wurde Die Rote Woche 1984 im Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus, im 2. Band einer 12-bändigen Werkausgabe zu Franz Jung.

Hintergründe

Auf inhaltlicher Ebene lassen sich Parallelen zur Roten Woche in Deutschland 1919 bzw. zum Kieler Matrosenaufstand und zur Novemberrevolution erkennen. Allerdings werden diese  Ereignisse im Roman nicht explizit erwähnt, sondern kommen lediglich andeutungsweise zum Ausdruck. Dennoch ließen sich die Darstellungen im Roman nicht mit der späteren Geschichtsfälschung durch nationalsozialistische Kreise vereinbaren, mit der die revolutionären Kräfte als ‚Novemberverbrecher‘ diffamiert wurden. Ferner steht der Roman inhaltlich in einer engen Verbindung mit der Ideologie des Sozialismus bzw. Kommunismus. Indem die widrigen Lebensumstände von Arbeitern verdeutlicht werden und zu einem klassenkämpferischen Handeln aufgerufen wird, kann der Roman der Arbeiterliteratur zugeordnet werden.

Inhalt

Geschildert wird ein Arbeiteraufstand in einem nicht benannten Dorf in Deutschland um 1918/19. Insofern soll die Handlung offenbar als exemplarisch für die Ereignisse an vielen weiteren Orten in Deutschland zu dieser Zeit angesehen werden. Das Dorf ist von der nächstgelegenen Stadt durch zum Teil stillgelegte Industrieanlagen getrennt. Nahezu alle der rund 1.000 Einwohner des Dorfs arbeiten in Fabriken – darunter insbesondere Ziegeleien, Kalkwerke und Maschinenfabriken. Im Wesentlichen wird die Handlung aus der Perspektive der Dorfbewohner geschildert. Diesbezüglich ist anzumerken, dass jene Bewohner kaum als individuelle Charaktere auftreten. Stattdessen fungiert die ‚Masse‘ der Dorfbewohner gewissermaßen als ‚kollektiver Held‘. Dabei wird zugleich ein direkter Zusammenhang zu einem der Hauptmotive des Romans erkennbar, mit dem ein Kollektiv statt Individuen beschrieben wird, womit offenbar an die Organisation und Geschlossenheit der Arbeiter im Kampf für ihre Interessen appelliert werden soll.
Die Arbeiter im Dorf leiden unter extrem schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen, die durch extrem lange Arbeitszeiten und äußerst geringe Löhne gekennzeichnet sind: „Sie hatten gearbeitet Jahr für Jahr. Es gab für sie nicht das, was dem Spießbürger der Genuss ist, den man in sich einzieht, schlürft. Nur die Sehnsucht nach Freiheit, aber die quälte und war manchmal noch bitterer als die Arbeit“ (58). Darüber hinaus besteht die Gefahr der Arbeitslosigkeit, woraus bei den Dorfbewohnern Existenzangst sowie Wut, Ohnmacht und Resignation resultiert. Des Weiteren wird das Dorf von schwer bewaffneten Söldnern belagert, die Hausdurchsuchungen durchführen, nachdem Kinder aus dem Dorf Steine auf eine Militärpatrouille geworfen haben sollen. Allerdings wird deutlich, dass es sich dabei lediglich um einen Scheingrund für die Militärpräsenz im Dorf handelt. Denn mit Hilfe des Militärs soll in erster Linie Macht demonstriert werden, um die Dorfbewohner einzuschüchtern und zu unterdrücken, sodass Aufständen präventiv entgegengewirkt werden kann. Die Dorfbewohner sind zunehmenden Repressalien ausgesetzt, wobei Übergriffe auf sie stattfinden und ihre Scheunen, Ställe und Häuser beschädigt oder gar zerstört werden. Dabei wird ein Junge von den Soldaten getötet und zahlreiche weitere Kinder und Jugendliche werden verletzt.
Im Zuge dieser Ereignisse regt sich der Wille zum Widerstand. Dieser wird jedoch zunächst unterbunden, da unter den Dorfbewohnern eine mangelnde Geschlossenheit vorherrscht und sie von den Arbeiterparteien und deren Ortsverbänden kaum unterstützt werden. Infolgedessen intensiviert sich bei den Dorfbewohnern das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Nachdem Streiks in den Städten stattfinden und es später sogar zu einem Generalstreik kommt, spitzt sich die Lage weiter zu. Weitere Hoffnung für die Dorfbewohner auf die Arbeiterpartei entsteht aufgrund des Rücktritts der Regierung. Schließlich gelingt es den Arbeitern im Dorf, eine Verbindung mit der Partei aufzunehmen, wodurch die Formierung eines organisierten proletarischen Widerstands im Dorf begünstigt wird. Daher herrscht nun  vor allem eine Aufbruchstimmung bei den Arbeitern, die jedoch auch von einem Gefühl der Ungewissheit begleitet wird. Die Arbeiter sammeln Maschinengewehre und Handfeuerwaffen, die zum Teil noch aus dem Krieg stammen. Nach weiteren Übergriffen und Provokationen der Soldaten bauen die Dorfbewohner Verteidigungsanlagen auf. Unterstützt werden sie durch rund 80 weitere Arbeiter und auch Bauern aus den Nachbardörfern. Obwohl eine Kampfstimmung bei den Arbeitern feststellbar ist, besteht deren Ziel nicht in einem Angriff, sondern lediglich in der Verteidigung.
Indem erste Schüsse fallen, kommt der Konflikt offen und weitreichend zum Ausdruck. Das Dorf wird offenbar durch eine Panzerabwehrkanone beschossen und Panzerwagen fahren durch die Ortschaft. Tatsächlich wurde die Regierungskrise bereits beendet. Der Widerstand im Dorf wird nun gewaltsam niedergeschlagen und die vermeintliche ‚Ruhe‘ wiederhergestellt. Es wird deutlich, dass die Arbeiter im Grunde chancenlos waren, ihr Leben und ihre Arbeitsbedingungen positiv zu verändern.

Motive

Der Roman kann im Wesentlichen als Appell an die Etablierung einer geschlossenen und durchsetzungsfähigen Interessenvertretung der Arbeiter gelesen werden: „Die beiden Parteien, die großbürgerlichen und die kleinbürgerlichen hatten um die Macht gerungen, wie schon so oft. Die Arbeiterklasse steht in der Mitte, um zerrieben zu werden. Fast schien es wieder so. Regierungen hatten gewechselt, der Kampf wogte noch, aber nirgends trat die Arbeiterschaft für sich selbst auf, nur im Schlepptau der anderen“ (57). Bei ihrem ersten Treffen diskutieren die Arbeiter über ihre Lebenssituation, wobei Einigkeit darüber besteht, dass etwas geändert werden muss. Allerdings fehlt ihnen offenbar die Kraft und die Entschlossenheit, sich gegen ihre Unterdrücker aufzulehnen, sodass sie zunächst angesichts der Lage kapitulieren. Beim zweiten und dritten Treffen gelingt es jedoch Karl Berndt, der als engagiert, kritisch und willensstark beschrieben wird, die Arbeiter davon zu überzeugen, sich aufzulehnen. Dabei bestehen ihre größeren Ziele darin, den Kapitalismus abzuschaffen und die Unternehmer zu „verjagen“. Das Proletariat sei der Ausdruck der Arbeiterklasse und durch Arbeit und Gemeinschaft solle „Freiheit“ erreicht werden.
Ein weiteres Thema des Romans wird anhand des Motivs der Gewalt und Gegengewalt erkennbar. Dabei wird körperliche Gewalt an den Arbeitern zunächst indirekt verübt, indem sie unter extrem schlechten Bedingungen leben und arbeiten, sodass Alterungserscheinungen früh einsetzen und sie unter arbeitsbedingten Erkrankungen leiden, die nicht selten zur Arbeitsunfähigkeit führen. Im weiteren Verlauf wird an den Arbeitern und weiteren Dorfbewohnern Gewalt auch direkt ausgeübt, wobei ein Kind getötet und einige weitere verletzt werden. Dies führt zu einer Gegengewalt der Arbeiter an den Soldaten, bei der ein Soldat getötet und drei weitere gefangen genommen werden. Darüber hinaus wird ein Offizier von den Dorfbewohnern eingekreist, geschlagen und ermordet, was äußerst martialisch geschildert wird: „Wie aber jetzt alles auf ihn los war, hatte ihn der Matrose schon angefasst und ließ ihn blau anlaufen. Schüttelte ihn noch ein paar mal und ließ ihn fallen. Dann hatten sie ihn. Der Mann wurde buchstäblich in Stücke gerissen. Blieb nichts als ein blutiger Dreckklumpen“ (48). Seitens der neuen Regierung wird wiederum Gegengewalt an den Arbeitern ausgeübt, indem sie den Aufstand gewaltsam niederschlagen lässt. Dabei werden zehn Arbeiter für die Anführer des Aufstands gehalten und getötet, während es nur wenigen Arbeitern gelingt, aus dem Dorf zu entkommen, welches nun von Soldaten bewacht wird.
Anhand der Thematisierung des Gegensatzes zwischen ‚Entmenschlichung‘ und Menschlichkeit wird ein weiterer Aspekt des Romans deutlich. So kann festgestellt werden, dass zum einen die Arbeiter von der Regierung instrumentalisiert und somit lediglich als Mittel angesehen werden: „Rücksichtslos durchgreifen, hieß es im Telegramm der neuen Regierung, die soeben erst die Arbeiter gerettet hatte“ (64). Zum anderen wird deutlich, dass die im Auftrag der Regierung agierenden Soldaten äußerst erbarmungslos gegen die Dorfbewohner vorgehen.  Demgegenüber kann der Roman jedoch auch als Appell an die Menschlichkeit gelesen werden: „Das harte Leben schleift die Menschen zu sehr ab. […] Wann werden wir endlich alle den Mut haben, menschlich zu sein“ (52).

von Robert Brauer

Literatur

Chołuj, Bożena: Deutsche Schriftsteller im Banne der Novemberrevolution 1918: Bernhard Kellermann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Erich Mühsam, Franz Jung. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, 1991.

Jung, Franz: Die Rote Woche. Roman mit 9 Zeichnungen von George Grosz. Die Rote Roman-Serie, Bd. 3. Berlin: Der Malik-Verlag, 1921. Online unter: http://sdrc.lib.uiowa.edu/dada/Die_Rote_Woche/ [verifiziert am 17.11.2010].

Kittstein, Ulrich; Zeller, Regine (Hg.): „Friede, Freiheit, Brot!“ Romane zur deutschen Novemberrevolution. Amsterdam; New York: Rodopi, 2009.

Klein, Alfred: Im Auftrag ihrer Klasse: Weg und Leistung der deutschen Arbeiterschriftsteller 1918–1933. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, 1976.

Ludwig, Martin H.: Arbeiterliteratur in Deutschland. Stuttgart: Metzler, 1976.

Rector, Martin: „Franz Jungs literarische Arbeiten der ‚roten Jahre‘.“ In: Fähnders, Walter; Rector, Martin: Linksradikalismus und Literatur. Bd. 1. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 160–220, 1980.

Schulz, Hans-Joachim: „Utopie des Herzens: Franz Jung zwischen Expressionismus und proletarischer Literatur.“ In: Knapp, Gerhard Peter (Hg.): Autoren damals und heute: literaturgeschichtliche Beispiele veränderter Wirkungshorizonte. Amsterdam; Atlanta/Georgia: Rodopi, 1991, S. 599–638.

Stucki-Volz, Germaine: Der Malik-Verlag und der Buchmarkt der Weimarer Republik. Bern; Berlin; Frankfurt/Main u.a.: Lang, 1993.