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John Dos Passos: Drei Soldaten (1921)

"Drei Soldaten" von John Dos Passos erschien 1922 beim Malik-Verlag auf deutsch.
„Drei Soldaten“ von John Dos Passos erschien 1922 beim Malik-Verlag auf deutsch.

Nachdem er selbst im Sanitätsdienst am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, veröffentlichte John Dos Passos 1921 den Anti-Kriegs-Roman „Drei Soldaten“ (engl. „Three Soldiers“). Dieser zweite Roman brachte ihm erste Berühmtheit ein und erschien ein Jahr später in deutscher Übersetzung im Malik-Verlag Berlin, bevor dem Schriftsteller einige Jahre später mit „Manhattan Transfer“ der große Durchbruch gelang.
„Drei Soldaten“ gilt als der erste bedeutsame amerikanische Roman über den Ersten Weltkrieg und ist eines der von den Kriegserlebnissen der „lost generation“ (dt. Verlorenen Generation) geprägten Werke (u.a. auch Cummings, Hemingway). Er stellt die Zerstörung dreier junger Menschen verschiedenster Herkunft durch die Armee dar. In dem pessimistisch gehaltenen Werk werden fast alle Protagonisten durch den Krieg und die Armee physisch und / oder psychisch zerstört. Obwohl sein Buch als Anti-Kriegs-Roman gehandelt wird, verurteilt Dos Passos in seinem Werk die Armee als Institution eines gegen das freie Individuum gerichteten Gesellschaftssystems genauso stark wie den Krieg selbst. Die Zustände in der Armee werden dem Leser als grauenerregend und abschreckend geschildert: die Soldaten werden entmenschlicht, von den Vorgesetzten wie ein Möbelstück oder ein Sklave behandelt, sie werden angeschrien, erniedrigt, und sind den höher Gestellten ausgeliefert; sie bekommen keinerlei Informationen über den Stand des Krieges oder geplante Einsätze, sie sollen nur stumpft gehorchen; der Umgang mit den deutschen Gefangenen wird als sehr brutal geschildert und fast alle Soldaten geben im Laufe des Romans Kommentare von sich, dass sie es nicht mehr aushalten würden, sie würden lieber sterben als noch einen Tag länger in der Armee zu sein. Als Konsequenz desertieren viele, oder sie werden verrückt.
Dos Passos unterteilte sein Werk in sechs Kapitel mit richtungsweisenden Überschriften, in denen Krieg und Armee wie eine zerstörerische Maschine erscheinen: Die Form wird gegossen –  Das Metall kühlt aus –  Maschinen –  Rost –  Die Welt draußen –  Unter den Rädern. Geschildert wird das Schicksal von drei amerikanischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Der 19jährige Italo-Amerikaner Dan Fuselli kommt aus San Francisco und war dort ein kleiner Angestellter, bis er sich freiwillig für den Kriegsdienst meldete. Er erträumt sich eine Karriere beim Militär, die ihn wichtig und bedeutend machen soll, und legt alles daran, noch in der amerikanischen Kaserne zum Korporal befördert zu werden. Beim Putzdienst vor der Einschiffung nach Frankreich lernt er den drei Jahre älteren John Andrews und den 20jährigen Chrisfield, genannt Chris, kennen. Ersterer ist ein Harvard-Absolvent aus New York, der sich freiwillig meldete, um das vermeintlich wahre Leben kennenzulernen, und um von seiner Musikbesessenheit loszukommen.
Das war es ja, was er gesucht hatte, als er ins Heer eintrat, sagte er zu sich selbst. Hier wollte er Zuflucht suchen vor dem Leben, an dem er krankte. Empörung, Gedanken, Individualität, die er wie ein Banner über dem Aufruhr hochgehalten hatte, hatten ihn krank gemacht. So war es viel besser, alles mit sich geschehen lassen, den verrückten Wunsch nach Musik in sich austilgen, sich in den Schlamm der allgemeinen Sklaverei hineinducken.
Bis zuletzt erkennt Andrews die ihn in Wahrheit antreibenden gesellschaftlichen Zwänge und Normvorstellungen nicht als Grund für seine Freiwilligenmeldung an.
Chris hingegen ist ein einfacher Farmersohn aus Indiana mit geringer Bildung, der wahrscheinlich eingezogen wurde. Er entwickelt im Verlauf des Romans aggressive Tendenzen und begehrt gegen jede Reglementierung und Fremdbestimmung auf.
Die Schilderung der Geschehnisse erfolgt abwechselnd aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der drei, bis schließlich nur noch Andrews berichtet.
Anschließend an die als menschenunwürdig empfundenen Überfahrt der Soldaten im Bauch eines Schiffes nach Frankreich leisten sie dort angekommen zunächst nur stumpfen Routinedienst (Überschrift: „Das Metall kühlt aus“). Fuselli wird mit den anderen Soldaten zum Gefreiten befördert und dann zum stellvertretenden Korporal. Doch als er trotz seines Eifers auch nach fünf Monaten nicht weiter befördert wird, fühlt er sich betrogen.
Die ganze Bitterkeit, die sich in seinem Bewußtsein angestaut hatte, strömte an die Oberfläche. Sie hatten ihn nicht richtig behandelt. Er fühlte in sich eine hoffnungslose Wut gegen diese ungeheure Tretmühle, an die er wie mit Seilen gebunden war. Die endlose Folge von Tagen, alle gleich, alle voller Befehle, die endlose Monotonie des Drills und der Paraden erwachten in seinem Bewußtsein. Er fühlte, er könne nicht weiter machen und wußte gleichzeitig doch, daß er weitermachen müsse und werde, daß es kein Halt gebe, daß seine Füße im Gleichschritt, in dem Tritt der anderen Füße sich weiterbewegen würden.
Schließlich lässt er sich in die Stabskompanie versetzen, mit der Hoffnung dort endlich zeigen zu können, was er wert ist.
„Maschinen“ lautet der Titel für den dritten Teil des Romans, in dem es schließlich zum Fronteinsatz für Andrews und Chrisfield kommt. Sie funktionieren als Soldaten, doch als Chrisfield während eines Angriffes seine Kompagnie verliert, stößt er beim Umherirren auf den Sergeanten Andersen, der ihn in der Ausbildung schikanierte, und jagt ihn blind vor Wut mit einer Handgranate in die Luft.
Im nächsten Teil wird Andrews an den Beinen verletzt und verbringt mehrere Monate in einem Lazarett. Den Vorgang seiner Verwundung erfährt der Leser nur sehr subjektiv. Dos Passos wendet hier eines seiner Stilmittel an, sodass der Leser das Geschehen nur aus den Gedanken und dem inneren Monolog des Protagonisten erfährt.
[Andrews beobachtet unterwegs Frösche in einer Pfütze] Dann bemerkte er in dem Wasser sein Spiegelbild. Er sah es neugierig an. Er konnte nur die Umrisse seines Gesichtes erkennen und die Silhouette seines Gewehrlaufes, der ihm von der Schulter herabhing. So, das hatten sie also aus ihm gemacht! Er heftete die Augen wieder auf die Frösche, die mit elastischen, leichten Beinbewegungen in dem teigfarbenen Wasser schwammen.
Ganz abwesend, als ob er überhaupt keine Verbindung mit alledem habe, was um ihn herum vorging, hörte er das Knallen der berstenden Schrapnells unten an der Straße. Er hatte sich müde aufgerichtet und einen Schritt vorwärts getan, da sank er in die Pfütze hinein. Ein Gefühl der Befreiung kam über ihn. Seine Beine versanken im Schlamm. Er lag, ohne sich zu bewegen. Die Frösche waren verschwunden, aber von irgendwo her zog sich langsam ein kleiner, roter Streifen in das teigfarbene Wasser. Er beobachtete die unregelmäßigen Kolonnen der Männer, die in ihren olivfarbenen Uniformen vorbeizogen. Ihre Tritte dröhnten in seinen Ohren. Er fühlte triumphierend, daß er von ihnen getrennt war, es war ihm, als ob er irgendwo an einem Fenster stehe und Soldaten vorbeimarschieren sehen, oder in einem Theater irgendein langweiliges, monotones Stück beobachte. Weiter und weiter entfernte er sich von ihnen, bis sie ganz klein geworden waren, wie Spielsoldaten, die man im Staub einer Dachstube vergessen hat. Das Licht war so schwach, daß er nichts mehr sehen konnte. Er konnte nur noch die Tritte hören, die unaufhörlich durch den Schlamm gingen.
Andrews wird nun immer mehr zur zentralen Figur des Romans. Aufgrund seiner Bildung, durch die er zu denken sowie sich und andere zu beobachten gelernt hat, leidet er mehr als die beiden anderen Protagonisten unter der Unfreiheit seines Geistes. Im Lazarett kommt er schließlich zu der Erkenntnis, dass er den Mut hätte aufbringen müssen, sich gegen die Erniedrigungen durch die Armee zur Wehr zu setzen. Er beschließt, zu desertieren, um einige Monate in Freiheit zu gewinnen, in denen er hofft, die Erniedrigungen des letzten Jahres vergessen zu können. (Überschrift: „Rost“)
Wie diese Leute sich am Haß erfreuen konnten! Dann war es wirklich besser, an der Front zu sein. Die Menschen waren humaner, wenn sie einander töteten, als wenn sie nur darüber sprachen. So war die Zivilisation nichts anderes, als ein ungeheures Gebäude des Truges, und der Krieg nicht ein Produkt des Zerfalles, sondern ihr stärkster und endgültigster Ausdruck.
Noch im Lazarett erlebt Andrews den Waffenstillstand, dennoch werden die Soldaten nicht aus der Armee entlassen. Er muss zu seiner Einheit zurückkehren, wo ihm jedoch ein Kamerad hilft, in das Universitätscorps versetzt zu werden, um in Paris an der Universität Sorbonne Musik studieren zu können. Nicht zum ersten Mal verarbeitete Dos Passos in einem seiner Romane seine eigenen Erfahrungen, wurde ihm doch nach Kriegsende in Paris ein Anthropologie-Studium an der Sorbonne genehmigt.
Der fünfte Teil des Romans schildert eine fast freie Welt für Andrews. Er genießt sein Studentenleben in Paris, verliebt sich in ein einfaches Mädchen und wird Mitglied im Kreis einer kultivierten französischen Familie. In Paris trifft er auch den inzwischen schwer erkrankten Fuselli wieder, der es nie zum Korporal geschafft hat, sondern in ein Strafbataillon versetzt wurde.
Um seine Freiheit ganz zurück zu gewinnen, versucht Andrews seine Entlassung zu beantragen, allerdings ohne Erfolg. Bei einem Ausflug nach Chatres wird er von Militärgendarmen ohne Urlaubsschein angetroffen, festgenommen und brutal zusammengeschlagen. Dieses Erlebnis prägt ihn tief und lässt ihn, nachdem es ihm gelungen ist, aus dem Arbeitsbataillon zu fliehen, die Entscheidung treffen, künftig als Deserteur zu leben und nicht mehr zu versuchen, seine normale Entlassung zu erwirken. Auch Chrisfield befindet sich mittlerweile als Untergetauchter in Paris. Vor lauter Angst, jemand könne erfahren, dass er den Sergeanten Andersen umgebracht hat, ist er desertiert und nun ständig auf der Flucht.
Von allen Bekannten alleingelassen lässt sich Andrews in einem Dorfgasthof nieder und schreibt endlich seine Erlebnisse als musikalisches Werk über John Brown auf, den Kämpfer gegen die Sklaverei; einen „Verrückten, der das Volk befreien wollte“ nennt Andrews ihn sarkastisch. Neben dieser Versenkung in sich selbst und seine Komposition träumt er aber auch davon, mit Taten seine Sympathie für die revolutionären Bewegungen ausdrücken zu können. Andrews ist mittlerweile Anarchist geworden, während er sich zuvor anderen gegenüber als Sozialist bezeichnete. Nach einigen Wochen wird er von der Militärpolizei entdeckt und verhaftet. Übrig bleiben am Ende nur seine Notenblätter, die der Wind im Zimmer verteilt.
Dos Passos verwendet in seinem Roman „Drei Soldaten“ bereits einige der Stilmittel, die er in „Manhattan Transfer“ weiter ausbaute, was als eines der bahnbrechendsten Erzählexperimente des 20. Jahrhunderts gilt. Neben Szenen mit teilweise derber Sprache – Beim Verlassen des Raumes hörte Andrews, in einen festgeschlossenen Strom von Soldaten eingeklemmt, einen Mann sagen: „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Frau vergewaltigt. Aber bei Gott, ich werde es tun. Ich würde die Welt darum geben, ein paar von diesen verdammten deutschen Weibern zu vergewaltigen.“ „Auch ich hasse sie,“ ertönte eine andere Stimme. „Männer, Frauen, Kinder und Ungeborene.“ – erscheinen philosophische Gedankengänge von Andrews. Als experimentelle Ansätze finden sich plötzlich eingestreute Zitate von populären Liedern und Schlagern, innere Monologe sowie teilweise nur subjektive Erfahrungen und keine Beschreibungen. Neben kurzen Sätzen oder ganzen Dialogen in französischer Sprache erscheinen immer wieder sich wiederholende Phrasen: gefangen in der Tretmühle, Krieg ist kein Picknick, der Welt die Demokratie erkämpfen, wie ein Sklave behandelt werden. Besonders sticht die Schilderung von Grausamkeit und Entmenschlichung in der Armee hervor.
„Sie sollten aufstehen und stramme Haltung einnehmen, wenn ein Offizier mit Ihnen spricht.“ „Ich kann nicht aufstehen“, kam die schwache Stimme. Das rote Gesicht des Offiziers verfärbte sich. „Sergeant, was ist mit dem Mann?“ fragte er wütend. “Ich kann nichts mit ihm anfangen, Herr Leutnant; ich denke, er ist verrückt geworden.“ „Dummes Zeug… pure Dienstverweigerung… Sie sind verhaftet, verstehen Sie?“ rief er zum Bett zu. Es kam keine Antwort. Der Regen schlug hart auf das Dach. “Lassen Sie ihn auf die Wache bringen, mit Gewalt, falls nötig“, schnauzte der Leutnant. Er ging zur Tür. „Und, Sergeant, setzen Sie sofort die Papiere auf für das Kriegsgericht.“ Die Tür fiel krachend hinter ihm zu.
„Jetzt macht ihm einmal Beine“, sagte der Sergeant zu den beiden Wachen. Fuselli eilte, dass er fortkam. „Manche Leute sind verrückte Hunde“, sagte er zu einem Mann an dem anderen Ende der Baracke. Er sah aus dem Fenster hinaus auf die hellen Bündel Regen, die unablässig vom Himmel herabströmten.
„Schmeißt ihn aus dem Bett raus!“ schrie der Sergeant. Der Junge lag mit geschlossenen Augen, das kreidebleiche Gesicht halb von der Decke verborgen; er war sehr still. „Nun, willst du wohl aufstehen und zur Wache gehen oder müssen wir dich dahin schleppen?“ rief der Sergeant. Die Wachen fassten ihn ziemlich behutsam und zogen ihn herauf, bis sein Körper ungefähr in eine sitzende Stellung kam.
„So, nun schmeißt ihn aus dem Bett raus.“ Die schwache Gestalt im Khakihemd und weißlichen Hosen wurde für einen Augenblick zwischen den beiden Männern hochgehalten. Dann fiel sie wie ein welker Haufen Blätter auf den Boden.
„Er hat das Bewusstsein verloren!“ „Zum Donnerwetter noch einmal… Morison, geh mal zum Lazarett und hole jemand von dort.“ „Es ist keine Ohnmacht… der Junge ist tot“, sagte der andere Mann. Der Sergeant half den Körper wieder auf das Bett legen. „Der Teufel soll diese verfluchte Geschichte holen“, brummte er. Die Augen hatten sich geöffnet. Sie legten eine Decke über seinen Kopf.

von Sara Euteneuer

John Dos Passos: Drei Soldaten. Nachdr. 11. – 17. Tsd., 1929. Neuer Malik-Verlag Kiel 1987