» G (Gedichte – Grenadier Wordelmann)

Emil Ludwig: Genie und Charakter (1924)

Emil Ludwigs "Genie und Charakter", 1924 erschienen im Ernst Rowohlt Verlag
Emil Ludwigs „Genie und Charakter“, 1924 erschienen im Ernst Rowohlt Verlag

Emil Cohn (ab 1883 Ludwig) wurde 1881 in Breslau als Sohn eines jüdischen Augenarztes geboren. 1924 erschienen sein Werk „Genie und Charakter. 20 männliche Bildnisse“, um „dem Leser jeder Sphäre, besonders aber der Jugend darzustellen, wie große Männer keine Götter sind, wie sie von denselben allzu-menschlichen Passionen, Hemmungen und Lastern geschüttelt wurden, die jeden anderen Sterblichen beunruhigen, und wie sie dennoch sich zu ihren Zielen durchkämpfen [ …]“.
Historisches Geschehen erscheint nicht mehr nur als eine Sache für die Überlegenen, sondern als durch „einen von uns“ maßgeblich geprägt. Ohne geschichtliche Vorkenntnisse ist der Einstieg in den ersten Teil des Buches zwar recht schwierig, ist er jedoch gelungen, dann bereichert Ludwigs Darstellung das Geschichtsbild, da er die Persönlichkeiten der Vergangenheit greifbar werden lässt.
So wird beispielsweise Friedrich II. als verweichlicht und genusssüchtig dargestellt, und der Freiherr vom Stein als Idealist, der seine Werte bis hin zu Wutanfällen vertritt. Bei der Beschreibung Bismarcks wird dessen entschlossene Tatkraft seiner Melancholie gegenübergestellt. Der durch die Auffindung des Missionars Livingstone in Afrika und die Entdeckung des Kongo berühmt gewordene amerikanische Reporter Stanley wird durch Zielstrebigkeit und Starrsinn charakterisiert. Peters, der als Begründer eines deutschen Kolonialreiches in Afrika gilt, wird als selbstverliebt und überheblich portraitiert. Rhodes, dem Rhodesia seinen Namen verdankt, hat in dem Bild, das Ludwig von ihm zeichnet, nur Interesse an seinem Werk und dem Imperialismus. Lenin wird als „der kälteste Fanatiker unserer Epoche“ bezeichnet. Der Zugang zum Charakter Wilsons wird durch einen Dialog zwischen Washington und Wilson geschaffen. Der erste Teil des Buches schließt mit einem Lob auf Rathenau, mit dem der Autor befreundet war.
Im zweiten Teil finden außerdem Leonardo, Shakespeare, Rembrandt, Voltaire, Byron, Lassal1e, Goethe, Schiller, Dehmel, Bang und der Offizier Karl Gangolph von Sendler Erwähnung.
Ludwig war nicht an der Schaffung eines traditionellen detailgetreuen historischen Romans gelegen, was ihm mitunter den Vorwurf der Popularisierung und Vereinfachung einbrachte.
Sein Werk wurde in 20 Sprachen übersetzt und erreichte zu seiner Zeit hohe Verkaufszahlen. In den während der Bücherverbrennungen ausgerufenen Feuersprüchen wird er namentlich genannt: „Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.“
Ab 1906 lebte Ludwig in der Schweiz und war als freier Schriftsteller und Zeitungskorrespondent tätig. 1940 emigrierte er in die USA und kehrte schließlich 1945 wieder in die Schweiz zurück. Durch eine in der New York Times abgedruckte Rede, in der er behauptete, die Ursache des Faschismus liege im Charakter der Deutschen und sich für ihre Umerziehung aussprach, löste er eine starke Kontroverse aus, im Zuge derer auch seine Methode der Geschichtsinterpretation diskutiert wurde.

von Jana Bendig

Literatur

Ludwig, Emil: Genie und Charakter. 20 männliche Bildnisse. Berlin,  Rowohlt 1926.
Neue Deutsche Biographie, Bd. 15, Bayerische Akademie der Wissenschaften, 1987, S. 426 ff.
Wiehe, Friedrich Karl: Deutschland und die Judenfrage, Berlin.