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Lisa Tetzner: Hans Urian (1931)

Das Kinderbuch Hans Urian. Die Geschichte einer Weltreise erschien erstmals 1931 im Gundert Verlag in Stuttgart. Doch schon zwei Jahre zuvor, am 13. November 1929, fand die Uraufführung des Kindertheaterstückes Hans Urian geht nach Brot, welches gemeinsam von Lisa Tetzner und Béla Balész entworfen wurde, statt. Dieses Stück bildete, trotz negativer Rezensionen (z.B. im Berliner Lokal-Anzeiger), die Grundlage für Lisa Tetzners erstes Kinderbuch.

Inhalt des Buches

Wie schon im Untertitel des Buches angekündigt, handelt dieses Buch von einer Weltreise des neunjährigen Hans Urian. Dieser macht sich nach dem Tod seines Vaters und der Erkrankung der Mutter auf den Weg, um Brot für seine kleinen Geschwister zu besorgen.

Mit den Worten „Ich komme nicht ohne Brot zurück. Das verspreche ich dir.“ verabschiedet er sich von der Mutter und beginnt, immer auf dieses Ziel bedacht, seine abenteuerliche Reise.

Der erste Anlaufpunkt für dieses Unternehmen ist der Bäckerladen im Ort. Doch schon hier wird deutlich, dass es für Hans nicht einfach wird, ohne Geld Brot zu bekommen.

Dennoch gibt er nicht auf und ist gewillt, sein Versprechen zu halten. Als er über ein Feld läuft, trifft er den Märchenhasen Trillewipp, welcher sich in der gleichen Situation befindet wie Hans. So beschließen die zwei gemeinsam ihren Weg auf der Suche nach Nahrung für ihre Familien zu gehen. Trillewipp ist jedoch nicht nur größer als ein gewöhnlicher Hase, sondern kann auch mit Hilfe seiner abnehmbaren Ohren, die er wie einen Propeller nutzt, fliegen.

So kommt es, dass die zwei neuen Freunde nach Amerika fliegen. Unterwegs treffen sie den elternlosen Eskimo-Jungen Kagsagsuk, welcher sie fortan auf ihrer Reise begleiten wird. Er erhofft sich einen besseren Ort zum Leben, als das Dorf, wo er im Moment wohnt. Dort muss er hart arbeiten und bekommt kaum zu essen.

In Amerika bekommen die drei einen weiteren, wenn auch unfreiwilligen Weggefährten. Der kleine Junge Bill, welcher der Sohn eines erfolgreichen Waffenherstellers ist, will den dreien zu Brot verhelfen. So zeigt er den dreien die Fabrik seines Vaters. Aus Furcht entdeckt zu werden, verstecken sie sich in Kanonen und werden dann unfreiwillig nach Afrika verschifft. Doch auch hier ist ihre Reise noch nicht zu Ende. So erleben sie noch weitere Stationen in Indien, China und schließlich auch in Russland, bevor ihre Reise ein Ende finden kann.

Lesart

Lisa Tetzner beschreibt in diesem Buch in einer einfachen, Kindern leicht verständlichen Sprache, eine Reise um die Welt von vier Freunden unterschiedlichster sozialer Herkunft.  Die Freunde lernen die Funktionsweise des kapitalistischen Systems kennen und setzen sich zunehmend mit ihm auseinander. Sie erhalten die Möglichkeit, die gesellschaftlichen Systeme in verschiedenen Ländern zu vergleichen und sich selbst dabei einzuordnen.

Der Hase Trillewipp bewertet die Menschenwelt dabei aus der Sicht einer klassenlosen Hasengesellschaft, in der alles untereinander gleich verteilt wird. Vor allem er bewertet die Welt der Menschen, die des Geldes, kritisch.

Gerade kleineren Kindern wird es leicht fallen die Vermenschlichung des Hasen und sein phantastisches Wirken zu akzeptieren und mit dieser märchenhaften Figur zu sympathisieren. Er macht die Geschichte des Hans Urians zu etwas besonderem und sorgt auf Grund seiner märchenhaften Fähigkeiten für die nötige Spannung. Durch ihn wird das Unmögliche möglich gemacht: Ein kleiner Junge fliegt durch die Welt. Auf diese Weise gelingt es der Autorin ihre Leser zu fesseln. Sie verbindet Phantastisches mit der Realität und ermöglicht so dem Leser auch eine Identifikation mit den Hauptdarstellern des Buches. Auch für heutige Kinder wird es möglich sein, sich in dem Buch wiederzuerkennen, wenn auch vielleicht nicht unbedingt als hungerleidender Hans Urian, dann vielleicht als Bill aus Amerika, dem es vergönnt ist, täglich mit allerlei Gerätschaften zu spielen und der nichts von Kinderarbeit und Hunger in anderen Teilen der Welt ahnt. Er ist es auch selbst, der erkennt, dass die Arbeit seines Vaters, das Herstellen von Waffen, dafür verantwortlich ist, dass viele Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen müssen, da diese im Krieg oder an den Folgen von diesem gestorben sind. Hier wird Kritik geübt und aufgefordert etwas gegen den Krieg zu tun, indem Bill äußert, dass er seinen Vater dazu auffordern will keine Kanonen mehr herzustellen, „Denn es ist traurig, Väter totzuschießen. Man soll nur Nützliches machen.“.

Was könnte der Grund für die Verbrennung des Buches gewesen sein?

Auch wenn diese ablehnende Haltung zum Krieg sicherlich schon Grund genug gewesen wäre, dieses Kinderbuch 1933 mitzuverbrennen, lassen sich noch genügend andere Punkte feststellen, welche nicht mit der Ideologie der Nationalsozialisten zu damaliger Zeit überein gestimmt haben.

So stört damals sicher besonders die Sympathie zum Sowjetischen System, die sich dadurch zeigt, dass zum einen Kagsagsuk dieses Land für seine neue Heimat wählt, und zum anderen ist es ein russischer Offizier, der Trillewipp als Hasen erkennt und ihn nicht wie von vielen Menschen zuvor, als er die Attraktion eines Wanderzirkus war, für eine seltene unbekannte Spezies hält. Auch ist er derjenige, welcher sofort verlauten lässt, dass ein Hase in Freiheit leben muss und nicht eingesperrt gehört. So äußert sich die eindeutig positiv besetzte Figur Trillewipp folgender Maßen über den russischen Offizier: „Das ist der vernünftigste Mensch, den ich auf der ganzen Reise durch die Welt fand.“

Mögliche Ziele des Textes

Letztendlich ist es Lisa Tetzners Ziel, dem kindlichen Leser die Möglichkeit zu bieten die Welt kritisch zu hinterfragen. Die Leser werden zu Ende des Buches aufgefordert Probleme der Welt nicht zu ignorieren, sondern selbst zu handeln. Wenn Hans Urian vor der Entscheidung steht in die Hasenwelt aufgenommen zu werden oder ein Mensch zu bleiben, antwortet er seinem liebgewonnenem Freund Trillewipp auf dessen Einwand, dass Hans als Mensch immer schwer arbeiten müssen wird und dafür auch noch schlecht entlohnt werden wird: „Ja Trillewipp […] aber gerade darum muss ich ein Mensch bleiben. Denn ich will helfen, daß es besser wird.“

Lisa Tetzner fordert ihre Leser auf, selbst ein moralisches Bewusstsein zu entwickeln und behandelt sie als aktiven Teil dieser Welt, dessen Zukunft es ist, eben diese Welt zu verändern und dabei besser zu machen.

Wirkung des Textes und seine Rezeptionsgeschichte

Thomas Mann beschreibt sehr treffend die Wirkung des Buches zu jener vergangenen Zeit in einem Brief an die Autorin:

„Vielen Dank für den `Hans Urian´. Sie haben mir eine Freude damit gemacht, an der ich auch meine Kleinen werde teilnehmen lassen. Es ist ein Kinderbuch besonderer Art, das die wirkliche soziale Welt auf eine unaufdringliche und heitere Weise in seine Märchen- und Abenteuerwelt einbezieht und gerade dadurch viel frömmlerische Gegnerschaft erregen, aber auch bei Groß und Klein viel Freude gewinnen wird.“

Diese zwiespältige Haltung wird sich auch in der weiteren Rezeptionsgeschichte des weltweit erfolgreichen Buches halten. So wird es Ende der vierziger Jahre in der amerikanischen Besatzungszone von Deutschland verboten und auch in der späteren DDR kommt es immer wieder zu unterschiedlichen Positionen, welche von Ablehnung bis zu höchster Anerkennung reichen.

Möglichkeiten für die Arbeit im Unterricht

Auch für die Arbeit im Unterricht wird dieses Buch vor allem für jüngere Klassenstufen viele Möglichkeiten bieten. Es kann zum Einen die beschriebene Funktionsweise der kapitalistischen Welt betrachtet werden. Hier lässt sich auch gut ein Vergleich zu anderen Kinderbüchern mit ähnlichem Hintergrund ziehen, wie zum Beispiel zu James Krüss Buch „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“. Zum Anderen kann aber auch im Rahmen des Themenkomplexes Märchen, die Gestalt des Trillewipp, welcher vom Erzähler selbst immer als Märchenhase beschrieben wird, als eventuell typische Märchenfigur untersucht werden. Es kann auf das Verhältnis von Phantastik  und Realität in Kinderliteratur eingegangen werden. Auch in höheren Klassen könnte es exemplarisch herangezogen werden, um zum Beispiel zu untersuchen, warum dieses Buch in seiner Rezeptionsgeschichte so umstritten war.

von Cathleen Kolath