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Edlef Köppen: Heeresbericht (1930)

Cover von Edlef Köppens "Heeresbericht", 1930 erschienen im Horen-Verlag
Cover von Edlef Köppens „Heeresbericht“, 1930 erschienen im Horen-Verlag

Köppens umfangreichstes Werk, das einzige, welches nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgelegt wurde, ist der Roman „Heeresbericht“, erschienen 1930 im Horen Verlag.
Das Antikriegsbuch, dessen historischen Rahmen der Erste Weltkrieg bildet, zeichnet die Entwicklung des Kriegsfreiwilligen und kriegsbegeisterten Soldaten Adolf Reisiger zum kriegsverneinenden Offizier nach.
Reisiger beginnt als typischer Kriegsfreiwilliger voller Ideale, er glaubt, das Vaterland retten zu können. Er sehnt sich nach der Teilnahme an der Schlacht und es bedarf Zeit, bis er im gerühmten Tod für das Vaterland nichts anderes mehr sehen kann, als ein sinnloses Sterben, im Krieg selbst nichts als Mord. Es braucht auch seine Zeit, bis er erkannt hat, dass diejenigen, die im Krieg verheizt werden, lediglich von denen benutzt werden, die diesen Krieg von ihren sicheren Positionen aus führen. So steht auf der einen Seite der offizielle Heeresbericht, stehen Verfügungen und Erlasse, steht die Werbung und die Propaganda, während auf der anderen Seite Briefe, Tagebucheinträge und die Geschichte des Kanoniers Adolf Reisigers stehen – zwei Welten, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, die gemeinsam aber das ausmachen, was diesen Krieg bestimmt hat. In den Verlauf der Handlung sind Ausschnitte (von Köppen als „Dokumente“ bezeichnet) aus dem offiziellen „Heeresbericht“, aus der Presse, aus Verlautbarungen der Regierung, der Kirche und der Hochschullehrer, Tagebuchnotizen und Briefe des Protagonisten und Zitate aus der kritischen Nachkriegsliteratur eingeschoben. Einige dieser Dokumente erhielt Köppen von seiner Mutter, die Notizen und Reklamen noch im letzten Kriegsjahr aus Zeitungen ausschnitt und sammelte. Nach Auskunft der Witwe Köppens dauerten die Vorarbeiten zum Roman lange Zeit, die Niederschrift nur wenige Monate. Da das jüngste Dokument, welches im Heeresbericht zitiert wird, aus dem Jahre 1929 stammt, ist anzunehmen, dass Köppen noch bis zum Schluss Ausschnitte für seinen Roman gesammelt hat.
Der Heeresbericht wurde von der zeitgenössischen intellektuellen Kritik zunächst wohlwollend aufgenommen. Schon bei seiner Erstveröffentlichung, der eine Zweitauflage 1932 folgte, fanden sich viele heute bekannte Autoren als Rezensenten. So urteilte Gottfried Benn: „Dieses Buch ist nicht pazifistisch und nicht nationalistisch, es ist groß und wahr.“ Trotz der positiven Resonanz war ihm nur eine geringe Verbreitung beschieden. So betrug die Auflage 1930 nur 10.000 Exemplare. Es erschien 1932 noch eine zweite Auflage und 1931 eine englische Übersetzung unter dem Titel Higher Command in England, den USA und Kanada. Die Werbemittel und -möglichkeiten des kleinen Horen-Verlags waren sicherlich gering, aber vielleicht lag die geringe Verbreitung auch daran, dass 1930 die große Zeit der Antikriegsromane schon vorbei war. Die Wirtschaftskrise mit dem sie begleitenden Massenelend begünstigte den nationalheroischen Blick. Der Heeresbericht mit seiner radikalen Ablehnung des großen Mordens kam – neun Jahre vor Ausbruch des 2. Weltkriegs – offenbar ‚zu spät‘. Ein anderer Grund für die Zurückhaltung der Leser, und damit die heutige Unbekanntheit, mag vielleicht auch in der wirklichkeitsnahen Schilderung der technischen Einzelheiten liegen, die somit jeder persönlichen Wertung überlegen sind. Kurt Tucholsky meinte: „In der Schilderung Köppens steht an dieser Stelle kein Wort gegen den Krieg oder für den Krieg – es ist einfach wiedergegeben, was sich da begeben hat“. Hans J. Schütz betitelte seinen Beitrag zur Neuauflage von Köppens Heeresbericht 1976: „Ein vergessenes Buch gegen das Vergessen“.

von Anne Milachowski

Literatur

Köppen, E.: Heeresbericht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1992.

Vinzent, J.: Edlef Köppen – Schriftsteller zwischen den Fronten. München: ludicum Verlag 1997.