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Erich Kästner: Herz auf Taille/ Lärm im Spiegel (1928/29)

Warnung vor Selbstschüssen

Diesen Rat will ich Dir geben:
Wenn Du zur Pistole greifst
und den Kopf hinhältst und kneifst!
kannst Du was von mir erleben

Weißt wohl wieder mal geläufig,
was die Professoren lehren?
Daß die Guten selten wären
und die Schweinehunde häufig?

Ist die Walze wieder dran,
dass es Arme gibt und Reiche?
Mensch, ich böte Deiner Leiche
noch im Sarge Prügel an!

Laß doch Deine Neuigkeiten!
Laß doch diesen alten Mist!
Daß die Welt zum Schießen ist,
wird kein Konfirmand bestreiten.

Man ist da. Und man bleibt hier!
Möchtest wohl mit Püppchen spielen?
Hast Du wirklich Lust zum Zielen?
ziele bitte nicht nach Dir.

War Dein Plan nicht: irgendwie
alle Menschen gut zu machen?
Morgen wirst Du drüber lachen.
Aber, bessern kann man sie.

Ja, die Bösen und Beschränkten
sind die Meisten und die Stärkern.
Aber spiel nicht den Gekränkten.
Bleib am Leben, sie zu ärgern!

 

Die in den Lyrikbänden  Herz auf Taille (erschienen 1928) und  Lärm im Spiegel (erschienen 1929) enthaltenen Gedichte, bieten eine Zusammenstellung der bis 1928 ausschließlich in Tageszeitungen veröffentlichten lyrischen Erstwerke des heute hauptsächlich für seine Kinder- und Jugendliteratur bekannten Autors Erich Kästner.
Dieser stellt darin die Probleme der Zeit und der Gesellschaft im Deutschland der Zwanziger Jahre auf verschiedenen Ebenen und aus unterschiedlichsten Blickwinkeln dar.
Kästner dokumentiert als Satiriker und Moralist ausführlich und mit entwaffnendem Witz die Feigheit, Falschheit und Unvernunft der Menschen seiner Zeit. Dabei werden die Probleme einer lebensunerfahrenen Fabrikarbeiterin mit derselben distanzierten Rationalität beschrieben, wie Kritik an der Umsetzung des gängigen Staatssystems und den Moralvorstellungen in der Gesellschaft geübt wird.
Trotz Kästners satirisch-ironischer Herangehensweise regen die Gedichte den Leser aber auch zum Nachdenken an, manche Strophen hinterlassen ein Lächeln, andere wiederum lassen ihn mit einer Fassungslosigkeit zurück, auf die er kaum vorbereitet war. Eine Fassungslosigkeit darüber, wie viel Wahrheit und scharfe Beobachtungsgabe aus sprachlich so einfach gestalteten Versen sprechen kann.
Diese einfache Verständlichkeit der Sprache wurde Kästner oft genug vorgeworfen, seine Texte als bloße „Gebrauchslyrik“ abgetan. Dagegen setzte sich Kästner selbst am besten zur Wehr:
„Man hat für diese Art von Gedichten die Bezeichnung ‚Gebrauchslyrik‘ erfunden, und die Erfindung beweist, wie selten in der jüngsten Vergangenheit wirkliche Lyrik war. Denn sonst wäre es jetzt überflüssig, auf ihre Gebrauchsfähigkeit wörtlich hinzudeuten. Verse, die von den Zeitgenossen nicht in irgendeiner Weise zu brauchen sind, sind Reimspielereien, nichts weiter.“
So wird zum Beispiel in einem der wohl bekanntesten Gedichte Kästners, Sachliche Romanze, auf unspektakuläre, jedoch bedrückende Weise die lähmende Leere und Sprachlosigkeit am Ende einer Liebe beschrieben. Genau mit dieser lähmenden Leere wird man als Leser dann auch zurückgelassen, um auf der nächsten Seite wiederum schmunzeln zu müssen.
Am 10. Mai 1933 wurden Erich Kästners Werke zusammen mit denen zahlreicher anderer Schriftsteller auf Scheiterhaufen in ganz Deutschland verbrannt. Auf dem Opernplatz in Berlin musste Kästner selbst mit ansehen, wie seine Bücher dem Feuer übergeben wurden.
Warum die Nationalsozialisten Kästner und seine Schriften für so verwerflich und gefährlich hielten, ist leicht erkannt: Auf satirische Weise, dabei jedoch unverkennbar deutlich, stellt sich Kästner mit seiner Lyrik gegen selbstverschuldete Unmündigkeit, Spießbürgertum, blinden Gehorsam und Militarismus.
Auch die von Kästner immer wieder provokant dargestellte „typische“ sexuelle Freizügigkeit der zwanziger Jahre muss den Nazis ein Dorn im Auge gewesen sein – standen diese „unzüchtigen“ und den „moralischen Verfall“ (siehe Feuersprüche) fördernden Texte doch im Gegensatz zu dem von ihnen propagierten Idealbild von Sitte und Familie.
Vor allem aber regen Kästners Verse zu eigenständigem Denken an, sie öffnen die Augen für die Probleme der Zeit und versuchen den Leser laut Kästner immer wieder zu einem mündigen Menschen zu erziehen – ein Vorsatz, der in einem auf Totalitarismus und Gleichschaltung ausgelegten System auf Ablehnung treffen muss.
Heutzutage ist Kästner in erster Linie für seine Kinderliteratur bekannt. Neben dem Roman Fabian und Kinderbüchern wie Emil und die Detektive und Pünktchen und Anton, sind aus Kästners literarischen Anfangsjahren, also der Zeit bis 1933, nur noch einzelne Gedichte wirklich geläufig und bekannt. Daher ist es wichtig und sinnvoll, diese Gedichtbände vollständig und zusammenhängend wiederzubeleben, da sie auch noch aus heutiger Sicht einen differenzierten Eindruck ihrer Entstehungszeit liefern und einen Einblick in die Höhen und Tiefen des Lebens im Allgemeinen geben können und mit ihm, dem Leben, umzugehen helfen.
Denn trotz aller Satire, Ironie und einer gewissen Bissigkeit, die aus nahezu jedem seiner Gedichte spricht, blitzt hier und da das viel zitierte und stets mit einem Augenzwinkern versehene kästnersche Lebensmotto durch:
„Satiriker können nicht schweigen, weil sie Schulmeister sind. Und Schulmeister müssen schulmeistern. Ja, und im versteckten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, dass die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten.“.
Oder kurz: „Na, günstigen Falles wird doch noch alles gut.“

von Tanja Linke