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Theodor Heuss: Hitlers Weg (1932)

Das Buchcover von Theodor Heuss' "Hitlers Weg", 1932 bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft erschienen
Das Buchcover von Theodor Heuss‘ „Hitlers Weg“, 1932 bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft erschienen

Der Titel mag eine von Theodor Heuss verfasste Biografie Adolf Hitlers suggerieren, jedoch ist dem nicht so. Hitlers Weg fußt auf einen am 26.2.1931 gehaltenen Vortrag des heute gemeinhin nur noch als erster Bundespräsident des Nachkriegsdeutschlands bekannten Autors in Tübingen. Dass eben jener spätere Bundespräsident bereits vor der  Machtergreifung Hitlers eine wie es im Untertitel heißt „historisch – politische Studie über den Nationalsozialismus“ publizierte und sich nach Kriegsende angesichts der nicht erahnten Entwicklungen  bis zuletzt davon distanzierte und einer Neuauflage seinen Segen versagte, ist weniger bekannt.
Die Betrachtung eines Werks forciert auch immer die Auseinandersetzung mit den zeitgeschichtlichen Gegebenheiten, in der selbiges entstand. Heuss Vortrag ging der Wahlerfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1930 zur zweitstärksten Fraktion sowie vor dem Hintergrund der unabwendbaren und anhaltenden wirtschaftlichen Depression und Massenarbeitslosigkeit voraus. In der Konsequenz des nahenden politischen Umbruchs machte der Liberale und Mitgründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) den Versuch einer vorurteilslosen und nicht- ideologisierten „objektiven Arbeit über den Nationalsozialismus“. Die Tatsache, dass der erweiterte und verschriftlichte Vortrag innerhalb von 3 Monaten 8 Auflagen nach sich zog, beweist zum einen das rege politische Interesse der Zeit und zum anderen die sich bewusst von vorangegangenen indoktrinierten Analysen über den Nationalsozialismus abgrenzende Qualität des Buches.
Heuss widmet sich zu Beginn dem missglückten Hitlerputsch von 1923 und der daraus resultierenden Ironie der Geschichte, die darin besteht, dass, laut Heuss, erst der Fehlschlag und der daraus wachsende Bekanntheitsgrad Hitler zu Ansehen bringen konnte. Im weiteren Verlauf geht er auf das Parteiprogramm, den ›arischen Rassegedanken‹ sowie auf wirtschafts- und außenpolitische Ziele ein und entlarvt und analysiert hierbei auf sachlich offene und ehrliche Art und Weise, wie auch das Stuttgarter Neue Tageblatt vom 4.1. 1932 konzediert: „Einen vornehmeren und schonungsloseren Gegner wird Hitler nicht so leicht finden können. Vornehm, indem Heuss alles das, was groß, großzügig und mitreißend an einer Volksbewegung und ihrem Führer ist, ohne Einschränkung anerkennt. Schonungslos, indem er alle Fehler des Entwurfs, des Durchdenkens und der Durchführung politischer Ideen und Ziele ohne Erbarmen aufdeckt.“ Das Werk hebt sich insbesondere an den Stellen ab, an denen es von der Schwarz – weiß – Technik, dem gewohnten Gut – böse – Schema abweicht und sich feinster Ironie bedient, so geschehen im verknappten Stil von Hitlers Werdegang oder bei Passagen, die Hitler mit von ihm selbst diffamierten Juden oder auch  Sozialisten wie August Bebel und Ferdinand Lassalle in Verbindung bringen.
Trotz der beschriebenen Stärken des Buches fiel es bei der Kritik und beim Verfasser in Ungnade. Die Rezensionen nahmen im Eigentlichen etwas vorweg, wofür Heuss an sich gar nichts konnte. Zur Zeit der Niederschrift taktierte Hitler aus wahlpolitischen Motiven, indem er sich jeglichen Großmachtsphantasien öffentlich versagte. Die Nazis hatten noch nicht einmal die Macht ergriffen und infolgedessen ist es zu einfach, Heuss vorzuwerfen, die Entwicklungen nicht kommen gesehen zu haben. Ebenso zielt die Kritik am Mangel an „Schärfe der politischen Wehrstellung“ und der Vorwurf, „nur Verständnis aufzubringen“ am eigentlichen Kern vorbei, da Heuss ja gerade intentionierte, eine gerechte, nicht agitatorisch Studie zu publizieren.
Die Kritiken gingen jedoch nicht spurlos am Verfasser vorbei. Nach Kriegsende gesteht sich Heuss selbstkritisch ein, seine Fantasie hielte ein derart verbrecherisches Regime nicht für möglich. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, wie denn dieses Buch bei allen scheinbar aufgetretenen Fehlkalkulationen heute zu lesen ist. Mit dem Wissen der weiteren Entwicklungen bis hin zum Massenmord und Weltkrieg konstatiert der Leser unweigerlich,  dass sich die Lesart veränderte, weg von der 1931 beabsichtigten politischen Studie und hin zu einer heute nur noch als zeitgenössische Quelle für den Zustand und Eindruck der politischen Verhältnisse vor der Machtergreifung 1933 zu bezeichnenden Schrift. Alle weiteren Entwicklungen müssen, wie von Heuss unbeabsichtigt vernachlässigt, beim Lesen ausgeblendet werden. Infolgedessen ist seine persönliche Distanzierung nach Kriegsende auch nachvollziehbar. Die latenten Gedanken einer nicht kommen gesehenen Gefahr evozierten womöglich die schärfste aller persönlichen Bestrafungen: die Selbstzensur.
„Historische Entwicklungen vorauszusagen oder auch nur die Gegenwart richtig zu interpretieren, ist offenbar zu allen Zeiten viel schwieriger gewesen, als es die meisten nachlebenden Betrachter später wahrhaben wollen.“ (Eberhard Jäckel in der Einleitung zur 1968 publizierten Ausgabe).

von Stephan Klausch