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Maria Leitner: Hotel Amerika (1930)

Buchcover von Maria Leitners "Hotel Amerika", 1930 erschienen im Neuen Deutschen Verlag
Buchcover von Maria Leitners „Hotel Amerika“, 1930 erschienen im Neuen Deutschen Verlag

„Das Hotel steht jetzt vor ihnen wie eine riesenhafte, ungeheuere, hellerleuchtete Schachtel, in die unzählige Menschen, unzählige Schicksale gepfercht sind, Menschen aus allen Klassen und aus allen Teilen der Welt, Reiche und Arme, Glückliche und Elende. Hier ist alles angehäuft, Hölle und Himmel, Trauer und Glück, Krankheit und Übermut.“ (Leitner 1974: 178)
Das ‚Hotel Amerika‘ ist ein sozialkritischer Roman, der die Kluft zwischen den verschiedenen Klassen im Amerika der 20er Jahre zum Ausdruck bringt. Dies gelingt durch das Betrachten vieler Einzelschicksale, die in irgendeiner Weise alle miteinander verbunden sind. In erster Linie geht es darum, die schlechten Verhältnisse der Arbeiterklasse zu betrachten und ihre aussichtslose Lage zu verdeutlichen. Der Wunsch nach einem anderen, einem besseren Leben, das sich besonders die Einwanderer erhoffen, bleibt zumeist unerfüllt.
Gleich zu Beginn wird beispielsweise von der Scheuerfrau Shirley erzählt, die den festen Willen hat, das Hotel Amerika noch am selben Tag zu verlassen und dann als reicher Gast wieder zu kommen. Doch sie ist nur eine von vielen, die tagtäglich davon träumen, ihre eigenen Herren zu sein. Herr Fish, der ebenfalls gern wohlhabend wäre, will diesen Wunsch durch Erpressung realisieren und der „schöne Alex“ lässt sich kaufen, um exakt dieses zu verhindern. Sein Traum ist eine eigene Bar und genau wie er müssen alle hart arbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen.
Während die Arbeiter sich vereinigen und einen Aufstand wagen, wird eine große Hochzeitsfeier vorbereitet. Durch die Revolte gerät alles durcheinander und einige der Angestellten erkennen, dass sie ein wichtiges Glied in dem funktionierenden Apparat darstellen…

Warum wurde das Buch verbrannt?

Maria Leitner war eine marxistisch geprägte Person. Dies ist als Hauptgrund dafür anzusehen, dass das Buch verboten wurde. Marxismus und Materialismus bezeichnete Goebbels in seiner Rede am Abend des 10. Mai 1933 als Hauptgegner des Nationalsozialismus.
Mit der Bücherverbrennung wurde den geistigen Grundlagen und Traditionen der Arbeiterbewegung der Kampf angesagt. „Arbeitslose und Werktätige, die gelernt hatten, sich zusammenzuschließen, ihre demokratischen Rechte gegen Unternehmerwillkür einzufordern und mit konkreten Vorstellungen zur Verbesserung ihrer sozialen Lage auf die Straße zu gehen, sollten abgespeist werden [ … ]“. Dieses Zitat schildert eine Haltung, die im Roman ebenfalls vorkommt. Der deutsche Auswanderer Fritz versucht Shirley immer wieder dazu zu ermuntern, sich mit ihm zusammenzuschließen, denn nur gemeinsam seien sie stark. Bereits am Anfang des Romans wird die Ausgangslage des Deutschen geschildert, der aus den zitierten Gründen seine Arbeit verloren hat.

Wie repräsentativ war der Roman, wie führend, wie singulär oder wie typisch für eine ganze Strömung?

Das Buch wurde vom Presseorgan des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ angekündigt als: „Ein Reportageroman…Maria Leitner…zieht hier das Fazit ihres Aufenthaltes in Amerika. Die Handlung ist ein Kriminalfall in einem amerikanischen Luxushotel, das zum Symbol der kapitalistischen Welt wird.“ (Leitner 1985: 475)
In einer weiteren Rezension von Arthur Goldstein in „Bücherwarte. Zeitschrift für soziale Kritik“ heißt es: „Das Buch ist eine erfreuliche Bereicherung der Amerikaliteratur dieser Zeit.“ (Leitner 1985: 475)
Den Anspruch, ideologisch aufklären zu wollen, stellten sich einige Bücher, die um 1930 in Deutschland herausgegeben wurden. Sie wollten den deutschen Leser über die gesellschaftliche Praxis in Amerika, besonders in den USA, informieren. Ursache war die Weltwirtschaftskrise seit 1929. Die Unterschiede zwischen einem kapitalistischen Land wurden deutlich. „Die in dieser Situation weltweiter Destabilisierung herausgegebenen Bücher und publizistischen Arbeiten über die USA nahmen zahlenmäßig zu. Sie trugen mit dazu bei, die Illusionen, die mit dem sich nach außen vorbildlich gebenden ,Ford-System‘ oder mit dem relativen Wohlstand der amerikanischen Arbeiter […] abzubauen, den für europäische Verhältnisse unvorstellbar hohen Grad der Ausbeutung zu zeigen und somit das inhumane Wesen des nordamerikanischen Imperialismus mit allen negativen Folgen für die Werktätigen bloßzustellen.“ (Leitner 1986: 200)
Beispielgebend für diese Literaturströmung sind die folgenden Autoren: Alfons Goldschmidt, Ernst Toller, Johannes R. Becher, Berta Wiener, Hedda Zinner, Kurt Kläber, Siegfried Nebel, Albert Hotopp, Franz Walter, W. Beez-Weizel, Jack Hardy, B. Traven, Theodor Balk und R. C. Reiner. Diese Autoren befassten sich mit dem Amerika-Thema in unterschiedlichen literarischen Gattungen, unter anderem in Form von Gedichten, Reportagen oder Romanen.
„Die meisten Veröffentlichungen zu diesem Komplex erfolgten im Jahr 1932, dem Jahr des Kulminationspunktes der Weltwirtschaftskrise.“ (Leitner 1986: 200)

Wie wirksam wurde das Buch verfemt und verdrängt?

Mit der Flucht ins Ausland konnten die bedrohten Schriftsteller ihr Leben retten. Doch lebten diese dort in einer veränderten Lage. Die Möglichkeiten des Schreibens und des Publizierens wurde für viele sehr schwierig, ebenfalls das Erreichen der Leser. In einem anderen Land ebenfalls Erfolg zu haben und damit die eigene wirtschaftliche Existenz aufrecht zu erhalten, ist nicht allen gelungen. Dafür ist Maria Leitner ein gutes Beispiel.
Das Buch und die Autorin wurden so wirksam verfemt, dass in den Nachschlagewerken nur kurze Abschnitte zu dieser Autorin vorhanden sind. Das Buch wurde zwar nach 1945 noch vier Mal verlegt, dennoch ist es heutzutage nahezu unbekannt. Helga Schwarz ist die einzige Person, die sich einer intensiven Forschung der Person und deren Schriften gewidmet hat.

Wie groß war die Präsenz im Ausland (ggf. Übersetzungen)?

In der Nationalbibliographie gibt es eine polnische Übersetzung, herausgegeben im Jahr 1952. Laut den Forschungen von Helga Schwarz soll daneben auch eine spanische Übersetzung (1931) existieren, welche sie auch in ihrem veröffentlichten Buch: „Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen. Erzählende Prosa, Reportagen und Berichte.“ mit in die Buchveröffentlichungen aufgenommen hat. Bei der Recherche in der Nationalbibliographie konnte ich keine Angaben über diese Ausgabe ermitteln.

Wann wurde es wiederaufgelegt?

(Recherche in der Nationalbibliographie)
1930, Berlin, Neuer deutscher Verlag
(1931, Traducción de E. R. Sadia – Madrid: Editorial Cenit)
1932, Berlin, Universum- Bücherei für Alle
1950, Dresden, Sachsenverlag
1952, Warszawa, Ksiazka i Wiedza
1960, Berlin, Dietz Verlag
1974, Berlin, Weimar, Aufbau Verlag (1. Auflage)

Wie kann der Roman Hotel Amerika im Unterricht genutzt werden?

Die Nutzung bietet sich im Deutschunterricht an, da es eindeutig ein belletristisches Buch ist. Der Bezug zur Geschichte, hinsichtlich der amerikanischen Lebensverhältnisse, ist zwar nicht außer Acht zu lassen, dennoch ist anzumerken, dass dieses Thema nicht im Geschichtsunterricht behandelt wird.
Den Schülern kann die Aufgabe gestellt werden, Lebensdaten und die Lebensstationen von Maria Leitner zu erarbeiten.
Weiterhin können Schüler sich über folgenden Fragenkatalog Gedanken machen. Als Materialien und Hilfestellung können sie die Seiten im Internet zur Bücherverbrennung nutzen.
1.   Wie haben die Reaktionen der Bevölkerung ausgesehen? Nahm es die Bevölkerung einfach als einen kleinen Aufstand hin, oder war sich das deutsche Volk über das Ausmaß der Aktion bewusst?

2.  Welche Auswirkung hatte die Bücherverbrennung auf die emigrierten Autoren? Für die Studenten und Professoren galt die Bücherverbrennung zum Teil als Startpunkt für ihre Karriere im Nationalsozialismus. Gilt dies auch für die Autoren, die im Ausland neu Fuß fassten, oder war es das Ende ihres künstlerischen Schaffens.

3.   Was wollte die NS-Diktatur mit der Bücherverbrennung erreichen?

4.   Seit wann gibt es Bücherverbrennungen? Zensur gab es schon in der Antike, warum wurden zu allen Zeiten ein paar beschriebene Seiten teilweise als sehr gefährlich angesehen?

5.   Sind Bücher gefährlich? Wenn ja, warum sind sie gefährlich und für wen?

6.   Was bedeuten Bücher für Schriftsteller und Leser?
Ebenfalls denkbar ist ein übergreifendes Projekt zur Bücherbrennung in den Fächern Deutsch und Geschichte.

 

von Anja Hannemann

Literatur

Barck, Simone (Hrsg.), Lexikon sozialistischer Literatur : ihre Geschichte in Deutschland bis 1945, Stuttgart 1994.
Bircken, Margrid; Peitsch, Helmut (Hg.), Brennende Bücher. Erinnerungen an den 10. Mai 1933, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 2003.
Leitner, Maria, Hotel Amerika. Roman, Berlin und Weimar 1974.
Leitner, Maria, Elisabeth, ein Hitlermädchen. Erzählende Prosa, Reportagen und Berichte mit einem   Nachwort H. W. Schwarz, Berlin und Weimar 1985.
Leitner, Maria, Eine Frau reist durch die Welt, Berlin 1986.
Schwarz, Helga, Maria Leitner – eine Verschollene des Exils?, In: Exilforschung, Bd. 5; 1987.
Schwarz, Helga W., Internationalistinnen. Sechs Lebensbilder, 1989 Berlin.
Treß, Werner, Wider den undeutschen Geist!. Bücherverbrennung 1933, Berlin 2003.