» H (Haarmann – Hotel du Nord)

Eugène Dabit: Hotel du Nord (1931)

Der französische Romancier und Maler Eugène Dabit wurde im Jahre 1898 in Paris geboren und ist frühzeitig im Alter von nur 38 Jahren 1936 aufgrund einer fiebrigen Erkrankung verstorben. (Zu diesem Zeitpunkt befand er sich mit seinem Freund André Gide, den er sehr bewunderte, auf einer Reise in der damaligen Sowjetunion.)
Mit seinem im Herbst 1928 fertig gestellten, im darauffolgenden Jahr in Frankreich und 1931 auch in Deutschland als Übersetzung erschienenen realistischen Roman Hôtel du Nord bekam Dabit den Preis des Populismus („prix populiste“) verliehen.
Sein Roman spielt in den Zwanziger Jahren in Paris und handelt von der Familie Lecouvreur, die sich dazu durchringt, ihr Leben zu verändern und ein kleines, einfaches Hotel übernimmt. Ohne vorher jemals eins geführt zu haben, träumt Madame Lecouvreur zunächst noch von einem stets sauberen, von ihr in Ordnung gehaltenen Hotel. Später wird sie aber merken, dass dies bei den sich im Hotel befindenden Gästen gar nicht möglich ist. Trotzdem kämpft sie weiter gegen Staub und Dreck, so gut es ihr eben nur möglich ist…
Dabit schreibt also von den kleinbürgerlichen, einfachen Gästen des schäbigen Hotels und schildert in seinem Werk nüchtern und unbeschönigt banale Situationen und Szenen, die sich in diesem Hotel ereignen. Das Zusammenleben verschiedenster einfacher Leute – so leben hier unter anderem Arbeiter, Näherinnen und Prostituierte auf engem Raum zusammen – wird von ihm auf klare und vor allem sehr nüchterne Art und Weise thematisiert. In kurzen, von einander beinahe komplett unabhängigen Kapiteln, bekommt der Leser einen Eindruck des Lebens in dem Hotel und fühlt sich bald selbst wie jemand, der in dem Hotel wohnt und die Szenerie aus nächster Nähe beobachtet.
Das Besondere an den von Dabit aufgeführten Personen besteht sicher darin, dass sie alle die Armseligkeit des Milieus der Zeit und ihre eigene dürftige Existenz ertragen, ohne an dieser zu verzweifeln.[1]
Dabit wuchs selbst in einem Pariser Proletariat-Viertel auf. Als Arbeitersohn war er zunächst Schlosser, dann Maler. Seine Eltern, die Dabit sehr liebte, besaßen ein kleines Hotel, das stark an das im Roman beschriebene ‚Hotel du Nord‘ erinnert und dem Werk teils autobiografischen Charakter verleiht.
Von 1916 bis 1918 kämpft er im Ersten Weltkrieg als Frontsoldat für Frankreich. Stets auf der Suche nach einfachem Glück und elementarer Menschlichkeit malt er seit 1919 Landschaften und Stillleben – an Abendschulen besucht er Mal- und Zeichenkurse – und beginnt erst später zu schreiben.
Ab 1929 ist Dabit zudem als freier Schriftsteller tätig, so wirkt er als Mitarbeiter am Entstehen verschiedener Zeitschriften mit, wie beispielsweise der ‚Nouvelle Revue Francaise‘.
Dabits späteres Leben ist geprägt von unzähligen Reisen. So zieht es den Schriftsteller unter anderem nach Spanien, Österreich, in die Tschechoslowakei, sowie in die Schweiz. Mit seinem Freund und Ratgeber André Gide, der ihn immer wieder fördert und zum Schreiben ermutigt, fährt er im Jahre 1936 nach Sevastopol, wo er dann auch stirbt.
Dabits Romane und Novellen sind stets von echter Anteilnahme des um seine Existenz ringenden Volkes erfüllt. So stellte er in seinen Romanen mit eindringlicher Authentizität den Alltag französischer Arbeiter in der Zeit um den Ersten Weltkrieg dar.
Seine Werke erheben teils stark autobiographischen Anspruch, so lässt Dabit immer wieder Sequenzen aus seinem eigenen Leben in das fiktive Geschehen einfließen.
Um 1930 schließt sich der Romancier der Bewegung proletarischer Schriftsteller, die die authentische Darstellung proletarischen Lebens und Kämpfens durch aus dem Proletariat selbst stammende Schriftsteller vorsah, an. Später wechselt er zur „Association des Ecrivains et Artistes Révolutionnaires“ über.
In der Zeit vom Jahre 1928 bis zum 12. August 1936 schreibt Dabit Tagebuch, das nach seinem Tode durch seinen Freund André Gide an die Öffentlichkeit gebracht wird. In diesen Aufzeichnungen finden sich viele Gedankengänge zum politischen Zeitgeschehen wieder. So sagt er im Februar 1934, dass ein Krieg seines Erachtens nach unumgänglich sei, und dieser von Jahr zu Jahr bedrohlicher werde. Er sorgt sich um die Zeit, ist in den geschilderten Jahren immer wieder verwirrt und fühlt sich leer und einsam.
Über sein Leben schreibt er am 27. September des Jahres 1934: „En somme, je dois peu aux livres, et tout à la vie, ses hasards; à ma façon de me comporter. A moi de faire, comme je peux, mon miel. N’ai-je pas eu raison de publier en 1929 L’Hôtel du Nord, ce qu’on me déconseillait? et, chaque fois, d’obéir à ma voie secrète? Je ne cesserai de lui obéir, parce qu’elle seule connaît mon destin, elle seule me fait triompher et passer par-dessus combien de doutes et de découragements qui m’assaillaient dans mes pensées et dans mon travail quotidien.“[2]
Zu der Bücherverbrennung in Berlin, bei der unter anderem auch sein Werk  Hotel du Nord verbrannt wurde, äußert sich der Schriftsteller in seinen Tagebuchaufzeichnungen nicht. Wusste er, der das politische Geschehen der Zeit doch teils so präzise beleuchtet, nicht, dass auch er zu den Schriftstellern der schwarzen Listen gehörte? Oder äußerte er sich absichtlich nicht zu diesem tragischen Element seines Lebens?

von Anna Machner


[1] Am 11. Mai 1929 bezieht Dabit in seinem Tagebuch Stellung zu seinem Schreibstil: „On me rapprochera sans cesse ma „monotonie“ parce que je ne veux pas mentir, écrire gratuitement, céder à de faux drames“ und begründet hier seinen von Kritikern oft als monoton bemängelten Schreibstil damit, dass er nicht lügen, er falsche Dramen nicht schaffen möchte.
[2] Im Ganzen gesehen verdanke ich den Büchern wenig, und alles dem Leben, seinen Zufällen, meiner Art mich zu verhalten. Ich allein, wie ich kann. Hatte ich nicht Recht damit, das Buch „Hotel du Nord“ 1929 zu veröffentlichen, wovon mir abgeraten wurde? Und jedes Mal auf meine innere Stimme zu gehorchen? Ich werde nie aufhören, auf sie zu hören, da sie allein mein Schicksal kennt, sie allein lässt mich triumphieren und mich über unzählige Zweifel und Entmutigungen, die mich in meinen Gedanken und meiner täglichen Arbeit bedrängen, hinwegkommen.