» J (Jahrgang 1902 – Jugend-Liederbuch)

Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Der 1925 erschienene Roman Jud Süß von Lion Feuchtwanger erzählt die Geschichte des Finanzrates Josef Süß Oppenheimer (dessen Existenz historisch belegt ist), der im 18. Jahrhundert am Hof des württembergischen Herzogs Karl Alexander (1733-1737) weitreichenden Einfluss gewinnt und quasi mit ihm zusammen das Reich regiert. Es kommt zum Bruch zwischen Süß und dem Herzog, als Karl Alexander der Tochter Süß‘, Naemi, nachstellt und diese sich daraufhin das Leben nimmt. An dem darauf folgenden Verrat eines vom Herzog geplanten Staatsstreiches an das Parlament durch Süß wird die starke Abhängigkeit der beiden voneinander deutlich. Während der Regent einen Schlaganfall erleidet und stirbt, wird Süß verhaftet und aufgrund scheinheiliger Anschuldigungen zum Tode verurteilt.
Mit der Geschichte um den Finanzier wirft Lion Feuchtwanger u. a. die Frage nach der jüdischen Assimilation auf. Süß tritt als Jude, der seine Religion hinter sich gelassen hat, in die christliche Welt ein, bleibt aber trotz seines Einflusses immer ein Außenseiter. Im Gegensatz zu anderen einflussreichen jüdischen Geldgebern macht er seinen Status durch Zurschaustellung von Prunk, Reichtum und zahlreichen Frauengeschichten kenntlich, statt sich, wie seine jüdischen Lebensbegleiter, aus ‚Sicherheitsgründen‘ in Bescheidenheit zu üben. Als er sich nach seiner Verhaftung auf seinen Glauben zurückbesinnt, kann er der Hinrichtung nicht mehr entgehen. Die einzige Überlebenschance, eine Konversion zum Christentum, kommt für ihn nicht in Frage.
Der Autor schafft hier einen philosophischen Rahmen, in dem er die Entwicklung seines Protagonisten aufzeigt, der anfangs durch stete Geschäftigkeit charakterisiert wird, aber einen Wandel nach dem Tod seiner Tochter erfährt und sich auf seine Religion besinnt.
Das Herzogtum Württemberg im 18. Jahrhundert beschreibt Feuchtwanger so detailliert, als gäbe es zu selbst nur einmalig auftretenden, fiktiven Charakteren einen tatsächlichen historischen Bezug. So gestaltet der Autor einen authentischen Ort für seine Haupthandlung.
Lion Feuchtwanger, der am 7. Juli 1884 in München geboren wurde, blieb Zeit seines Lebens Deutscher: „Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayerischen Dialekt.“ In den 20er Jahren politisch engagiert, setzte er sich für ein liberaldemokratisches Deutschland ein und forderte 1925 die Freilassung politischer Gefangener. Den Nationalsozialisten war er ein Dorn im Auge – so schrieben sie 1931 in Der Angriff: „Heil und Sieg, Herr Feuchtwanger, und gute Reise. Sie sind ein blendender Prophet.“ Im März 1933 drang die SA in sein Haus in Berlin ein, während der Autor für Vortragsreisen im Ausland weilte – an eine Rückkehr war nicht mehr zu denken. Als Exil wählte er Frankreich, wo er aber 1940 nach dem Einmarsch der Deutschen interniert wurde und nur knapp entkommen konnte. Er floh über Portugal in die USA nach Kalifornien; dort starb er am 21. Dezember 1958.
Der Roman Jud Süß legte den Grundstein für Lion Feuchtwangers Weltruhm. In 20 Sprachen übersetzt und mit mehr als drei Millionen verkauften Exemplaren gehört dieses Werk zu den ‚Bestsellern‘ der Welt.

 

AutorIn: unbekannt